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Thema 1. Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Literatur der inneren Emigration.

Exilliteratur. Anna Seghers, Theodor Plivier, Carl Zuckmayer, Elisabeth Langgässer.


I. Historischer Hintergrund:
1. 1930-1945: Nach Hitlers Machtergreifung 1933 begann die brutale systematische Verfolgung jüdischer,
marxistischer, pazifistischer und anderer oppositioneller oder politisch unliebsamer Personen. Mehr als
25.000 Kommunisten, Sozialdemokraten und bürgerliche Liberale, Politiker und Schriftsteller wurden
inhaftiert, in Konzentrationslagern ermordet, viele andere konnten sich der Gestapo nur durch Flucht aus
Deutschland entziehen.
 Nationalistische Literatur: der Nationalismus missbraucht viele klassische Werke, wobei
Gründungsmythen für die Entstehung der deutschen Nation in seine Ideologie aufgenommen werden. Mit
ihrer Förderung und Propagandierung völkisch-konservativer Literatur und den Verbots- und
Unterdrückungsmaßnahmen demokratisch-humanistischer und sozialistisch-antifaschistischer Literatur
gaben die Nationalsozialisten den Rahmen vor, innerhalb dessen sich auch die nicht-systemkonforme
Literatur zu bewegen hatte. 
 Am 10. Mai 1933 fanden in fast allen deutschen Universitätsstädten von der Deutschen Studentenschaft
organisierte Bücherverbrennungen unliebsamer Autoren statt, u.a. Sigmund Freud, Erich Kästner,
Karl Marx, Heinrich Mann, Erich Maria Remarque und Kurt Tucholsky. Schreibverbote.
 Innere Emigration: von Frank Thiess geprägt, Autoren innerhalb der deutschen Literatur, die 1933 zwar
in politischer Opposition zum Nationalsozialismus standen, jedoch nicht ins Exil gingen, sondern mit
literarischen Mitteln Widerstand leisteten. Die Autoren entwickelten, waren sie nicht mit einem
Schreibverbot belegt, eigene Formen des „Zwischen-den-Zeilen“-Schreibens („Sklavensprache“, „verdeckte
Schreibweise“). Sie beriefen sich auf die an der Klassik und der Antike geschulten humanistischen
Grundwerte bzw. auf den abendländisch-christlichen Glaubenskanon und die moralischen Konsequenzen
dessen. Einige von ihnen arbeiteten (zuweilen oder kontinuierlich) in Widerstandszirkeln mit und wirkten
durch Verbreitung ihrer Werke im Untergrund der NS-Propaganda entgegen. Zu den in Deutschland
gebliebenen namhaften Autoren, die zwischen 1933 und 1945 von Ausschluss oder Schreibverbot betroffen
waren, gehörten Gottfried Benn, Elisabeth Langgässer, Erich Kästner, Wolfgang Koeppen, etc.
 Exilautoren: Die Literatur der Vertriebenen bildet keinen einheitlichen Bestand, wenngleich es natürlich
weltanschauliche und literarische Gemeinsamkeiten gibt, allen voran die Gegnerschaft zum
Nationalsozialismus. Dennoch war es nicht leicht, eine produktive Zusammenarbeit unter den
antifaschistischen Exilautoren herzustellen. Die Trennung von ihrem deutschsprachigen Publikum und die
ganz geringen Veröffentlichungsmöglichkeiten schränkten die Arbeits- und Wirkungsmöglichkeiten der
Schriftstellerinnen und Schriftsteller drastisch ein. Die in der Exilliteratur dominierende Gattung war
eindeutig die Erzählprosa, und zwar vor allem in zwei Varianten: als Zeitroman und als historischer Roman.
Während in der ersten Phase des Exils die Aufklärungsabsicht über den Faschismus sich in der Wahl von
Dokumentation, Reportage und Erlebnisbericht als bevorzugte Formen im Bereich des Deutschlandromans
niederschlug, war für die zweite Phase das Nebeneinander von zeitgeschichtlichen und historischen Stoffen
charakteristisch. Gegenüber der Exilprosa nimmt sich die in der Emigration entstandene und
veröffentlichte Lyrik umfangmäßig bescheiden aus. Publikationsmöglichkeiten gab es fast nur in der
Exilpresse, gelegentlich in Anthologien.
 Anna Seghers war eine von den exilierten Autoren und in ihr Schaffen während des Kriegs und kurz danach
thematisiert sie die Gräueltaten der NS-Diktatur (Das siebte Kreuz). Anna Seghers arbeitete im Exil an
Zeitschriften deutscher Emigranten mit - schrieb viel über Exil und Freiheitsbegriff. Gemeinsam mit
Ludwig Renn rief sie die Bewegung Freies Deutschland ins Leben und gab deren gleichnamige Zeitschrift
heraus. In der Exilliteratur spielte sie nicht nur als Organisatorin eine wichtige Rolle, sondern schrieb mit
Transit und Das siebte Kreuz auch zwei der literarisch bedeutendsten Romane dieser Zeit. Sie kehrte aus
dem Exil in die DDR zurück, wo sie ihre literarische Tätigkeit fortsetzte, ihre Werke wurden aber teilweise
politisiert. Ihre späteren Werke sind hingegen literarisch bedeutend und hochstilisiert.
 Nach der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 musste sich Deutschland der Schuld für den
verlustreichsten Krieg der Weltgeschichte stellen. Neben den über 60 Millionen zu beklagenden Toten fügte
insbesondere der Holocaust dem Selbstverständnis als Kulturnation schweren Schaden zu. Die im August
1945 von den Siegermächten vollzogene Aufteilung in vier Besatzungszonen leitete die fast fünf Jahrzehnte
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währende Teilung des Landes ein; auch die Literatur in Ost und West folgte schon vor der Gründung der
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Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik im Jahr 1949 jeweils
eigenständigen Wegen. Es entstanden zwei deutsche Literaturen.
II. Die Nachkriegsliteratur bezeichnet die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Literatur
in Deutschland (bis in den 60er Jahren). Sie war auf vielfache Weise gespalten:
 Während ein Teil der Autoren die Diktatur des Nationalsozialismus in ihren Werken aufarbeiten will,
neigen andere Schriftsteller dazu, die Schrecken dieser Zeit und die eigene Verantwortung möglichst zu
verdrängen.
 Kontroverse zwischen den Autoren der „Innere Emigration“ und der Exilliteratur. In den Osten
Deutschlands kehrten unmittelbar nach dem Krieg vor allem im sowjetischen Exil gewesene und der
sozialistischen Idee und der Kommunistischen Partei nahestehende Autoren zurück. Sie fühlten sich einem
moralischen Erziehungskonzept verpflichtet. Im Westen Deutschlands lebten nach dem Krieg vor allem
Schriftsteller, die das Land nicht verlassen hatten. Westemigranten ließen sich mit der Rückkehr nach
Deutschland Zeit. Zum Teil trug die Debatte um innere und äußere Emigration um FRANK THIESS und
THOMAS MANN dazu bei, die Rückkehr hinauszuzögern. Andere Autoren kehrten nie nach Deutschland
zurück. Bei ihnen war es vor allem die Enttäuschung über das NS-Konforme Verhalten der meisten
Deutschen während des Zweiten Weltkrieges, die ihnen eine Rückkehr unmöglich machte.
 DDR- vs. BRD-Literatur;
 Wichtige Autoren der Nachkriegsliteratur: Bertolt Brecht, Heinrich Böll, Paul Celan, Wolfgang Borchert,
Ingeborg Bachmann, Günter Grass;
1. DDR-Literatur:
 1940er Jahre: In der Sowjetischen Besatzungszone fand die Verarbeitung der Vergangenheit von
vielen zurückgekehrten Exilautoren eine breite Öffentlichkeit. Zu ihnen gehörten u. a. Bertolt Brecht,
Anna Seghers, Johannes Becher, Arnold Zweig, Stephan Hermlin und Stefan Heym.
 1950er Jahre: Im Gegensatz zur BRD bildete sich in der DDR eine relativ homogene, vom Staat
gesteuerte und reglementierte Literatur heraus. Zwei Hauptthemen sind in dieser Phase zu erkennen:
 Romane aus den 40er Jahren fortgeführt, die sich mit Faschismus, Abrechnung mit dem
Nationalsozialismus und Widerstand beschäftigten.
 „Sozialistischer Realismus“: ideologische Literaturtheorie, die auf folgenden primären Grundsätzen
beruht: ideologisch determinierter Ideengehalt, marxistisch-leninistische Parteilichkeit, Vorbildlichkeit,
Optimismus, Volkstümlichkeit, Verständlichkeit und positiver Held. Durch das genaue Beachten dieser
Prinzipien soll gewährleistet werden, dass die Literatur ihrer Funktion und Aufgabe gerecht wird, nämlich
den Aufbau und Verwirklichung der großen gesellschaftlichen Veränderung im Sinne des Sozialismus-
Kommunismus. Durch ein solches Literaturdiktat wurden die DDR-Autoren in ihrer schöpferischen
Freiheit begrenzt und häufig als Propagandawerkzeug instrumentalisiert.
 Aufbauliteratur: Literatur in der DDR als Planfaktor beim Aufbau des Sozialismus), Züge des
bürgerlichen Bildungs- und Entwicklungsromans, sozialistisch gewendet. Die Aufbauliteratur befasste
sich thematisch mit dem Aufbau großer Industrieanlagen, mit der „neuen Produktion“. In den
Erzählungen sind die Arbeiter die Helden und der Held der spezifischen Erzählung ist ein besonders
qualifizierter und erfahrener Arbeiter, der unter Schwierigkeiten hilft, das Werk aufzubauen, sich also
durch eine besondere Leistung in der Arbeit auszeichnet. Indem der Aufbau der Industrieanlage zuletzt
erfolgreich ist und der Sozialismus „seinen Lauf“ nimmt, propagiert die Aufbauliteratur eine optimistische
Perspektive. Daraus entstanden langweilige Traktorenlyrik und Bejahungsstücke. Brecht beschrieb diesen
Prozess besonders kritisch und lapidar: „Die Kunst ist nicht dazu befähigt, die Kunstvorstellungen von
Büros in Kunstwerke umzusetzen. Nur Stiefel kann man nach Maß anfertigen.“ Gegen die Moderne und
für den sozialistischen Realismus.
 1960er Jahre: Ankunftsliteratur (nach dem Roman von Brigitte Reimann „Ankunft im Alltag“): Erst
allmählich wandte sich die Literatur auch zeitaktuellen Themen zu. Nachdem 1959 auf der „Bitterfelder
Konferenz“ eine stärkere Verbindung, ein Schulterschluss, zwischen Schriftstellern und Arbeitern gefordert
worden war, um die bürgerliche Literatur zu überwinden, wurden Anfang der 60er Jahre verstärkt auch
politische, durchaus auch sozialkritische Fragestellungen thematisiert. Den wohl bekanntesten Roman –
auch über die Grenzen der DDR hinaus – legte Christa Wolf mit Der geteilte Himmel (1963) vor. Darin
thematisiert sie die Kluft zwischen beiden deutschen Staaten, die durch den Bau der Berliner Mauer zwei
Jahre zuvor zementiert wurde.
 Anna Seghers` Das Siebte Kreuz. Erfolgreichster DDR-Roman Die Aula von Hermann Kant. Bereits vor
1965 nahmen die Restriktionen in der Kulturpolitik wieder zu.
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 Der Beruf des Schriftstellers - stark mit der Gesellschaft und mit dem Staat vernetzt, große Rolle spielt
dabei der DDR-Schriftstellerverband; Privilegien und deren Verlust- vom Engagement des Schriftstellers
abhängig.
 Zensur und Selbstzensur: Aus politischen Vorgaben und der Situation des Papiermangels entstand die
Praxis von Druckgenehmigungsverfahren. Die Verlage bearbeiteten die Manuskripte der Autoren, die HV
erließ zahlreiche Änderungsauflagen, die die Lektoren dann den Autoren nahezubringen hatten.
 1970er Jahre: Liberalisierungsprogramm für die gesamte Kunst und Literatur. Den DDR-Schriftstellern
wurde mehr Freiheit zugesprochen, solange die Basis des Sozialismus gewährleistet und in den Werken
vorhanden war. In Christa Wolfs Konzept der „subjektiven Authentizität“ steht nicht mehr so sehr der
Sozialismus im Vordergrund, sondern vielmehr die Probleme des Individuums in der sozialistischen
Gesellschaft.
 1980er Jahre: Einige DDR-Schriftsteller schrieben so weiter wie bisher. Andererseits gab es jedoch auch
eine subversive Tendenz, die sich als „Untergrundliteratur“ oder Bohème bezeichnen lässt, eine Szene
von jungen Literaten heraus, die auf die traditionelle Methode der Publikation durch Verlage verzichtete.
Sie publizierten in kleinen Auflagen und gaben viele Lesungen, um ihre Werke verbreiten zu können. Sie
orientierten sich an poststrukturalistischen Tendenzen aus Frankreich und wollten eine Literatur schaffen,
„die die Stasi nicht versteht“. Diese DDR-Autoren bedienten sich also einer bewusst irrationalen
Schreibweise, um gegen die staatlichen Restriktionen zu protestieren.
2. BRD-Literatur:
 Westliche Besatzungszonen: Exilautoren, die wie Alfred Döblin zurückgekehrt waren, mussten bald
feststellen, dass ihr Engagement zur Aufarbeitung der Vergangenheit nicht sehr erwünscht war. Stattdessen
setzten sich allmählich konservative Autoren durch, die jüngste Vergangenheit verdrängte man. Viele der
nach Westdeutschland zurückgekehrten Exilautoren gingen daraufhin erneut ins Exil oder siedelten in die
Osthälfte Deutschlands über. Im westlichen Nachkriegsdeutschland wurde die Literatur von jungen
Schriftstellern wie Wolfgang Borchert, Heinrich Böll oder Günter Eich geprägt. Daneben meldeten sich
Autoren zu Wort, die zur NS-Zeit in Deutschland geblieben und in der sogenannten Inneren Emigration
gelebt hatten, unter ihnen Erich Kästner und Hans Fallada. Ihnen war an einer Rückschau und
Verarbeitung des Erlebten gelegen; insbesondere der Dichter und Essayist Gottfried Benn wurde zu einem
literarischen Idol der Nachkriegszeit.
 1950er Jahre: Zeitkritische Literatur: Kritik an der Wohlstandsgesellschaft, an der NS-Vergangenheit, an
dem Militarismus. Der Aufbau der BRD steht auf der Tagesordnung und die Zeit des Wirtschaftswunders
beginnt. Viele Schriftsteller sind kritisch gegenüber der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung
eingestellt. Die sich entwickelnde Wohlstandsgesellschaft wird in satirischer Weise veranschaulicht.
Kurzgeschichten und Lyrik sind in diesem produktiven Zeitraum als Textformen sehr beliebt.
 1960er Jahre: Politisierung der Literatur: Gesellschaftliches und politisches Engagement; Diese
Phase ist vor allem durch den Kalten Krieg, die wirtschaftliche Stagnation und die Studentenrevolte von
1968 geprägt. Die Frage nach Schuld und Unschuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten beschäftigt
die junge Generation immer noch und die Verleugnung und Verneinung der unbewältigten Vergangenheit
werden öffentlich angeprangert. Die Schriftsteller engagieren sich zunehmend politisch in ihren Werken
und suchen eine Identität. Die eigenen Erfahrungen werden geschildert und die Erzählungen sind teilweise
autobiografischer oder dokumentarischer Natur. Die Autoren kritisieren die konventionellen Denkweisen.
Der Roman erlebt in dieser Phase einen großen Aufschwung.
 1970er & 1980er Jahre: Neue Subjektivität; Diese Periode ist durch Terrorismus, Aktivismus,
wirtschaftliche Probleme und politische Unruhen gekennzeichnet. Die Literatur macht eine Tendenzwende
durch. Die Schriftsteller distanzieren sich vom politischen Leben und kehren in ihren Werken thematisch
zur eigenen Identität und Individualität zurück. Diese Zuwendung zum eigenen Ich und den inneren
Befindlichkeiten wurde als die "Neue Innerlichkeit" und "Neue Subjektivität" bezeichnet. In den 1980er
Jahren siedeln zahlreiche ostdeutsche Schriftsteller in die BRD über. Daraus resultieren
Ausgleichstendenzen und es kommt zu einer Überwindung der Trennung zwischen der west- und der
ostdeutschen Literatur. Die Strömung der Postmoderne beginnt, sich in dieser Periode zu etablieren. Die
Autoren verzichten auf lineare und chronologische Erzählungen und treten hinter ihre Texte zurück.
Hinweise auf reale historische Ereignisse, auf Montagetechnik und Intertextualität sind häufig in den
individuellen und durchorganisierten postmodernen Texten zu finden (siehe Postmoderne). Insgesamt
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entwickelt sich in der BRD vor dem Fall der Mauer eine vielgestaltige Literatur, die vielfältige Stilverfahren
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miteinander kombiniert.
Thema 2. Die Gruppe 47. Die Zeitschrift Der Ruf. Alfred Andersch, Hans Werner Richter.
Die Literatur des „Kahlschlags“
I. „Der Ruf“:
 in der amerikanischen Kriegsgefangenschaft gegründet;
 stark antinationalistisch gestimmt; politische Orientierung - „sozialistischen Humanismus“;
 Gründer: Alfred Andersch und Hans Werner Richter, die sich beide in amerikanischer
Kriegsgefangenschaft befanden.
 Inhalt: politische Themen, kulturelle und literarische Artikel, Buchbesprechungen und Inserate.
 2 zentrale rote Fäden: die Idee, das künftige Deutschland müsse eine Brücke zwischen Ost und West bilden,
und der Sozialismus.
 Die Auflage des Rufs steigerte sich, nicht zuletzt wegen der kritischen Haltung gegenüber der
amerikanischen Besatzungsmacht, ehe sie von der amerikanischen Besatzungszone beschnitten wurde.
 Andersch widmete sich nach seinem Ausscheiden literarischen Projekten,
 Richter plante eine neue Zeitschrift, Der Skorpion, die zwar nie über ihre Nullnummer herauskam, doch
aus deren erstem Mitarbeitertreffen die Gruppe 47 entstand.
II. Die „Gruppe 47“ war ein westdeutsches Netzwerk von Autoren und Verlegern, die sich zu jährlichen
Versammlungen trafen, um dort ihre neuen, unveröffentlichten Texte vorzustellen und gegenseitig zu
kritisieren.
 Gründer: nach Verbot der Zeitung „Der Ruf“ von Hans Werner Richter und Wolfdietrich
Schnurre;
 die einflussreichste literarische Gruppe in Westdeutschland und der BRD bis in die Sechzigerjahre.
 Seit 1950 der Preis der Gruppe 47 verliehen, einer der renommiertesten Literaturpreise der BRD;
 1968 findet die letzte Tagung der Gruppe statt, die sich anschließend auflöst und gleichzeitig das Ende der
Epoche „Nachkriegsliteratur“ ankündigt; Ende der 50er Jahre warf man der Gruppe 47nun vor, die
aktuellen politischen und sozialen Verhältnisse zugunsten ästhetischer und poetologischer Kriterien nicht
adäquat abzubilden und nicht tief genug zu reflektieren.
 kein strenges literarisches Programm, bot aber einen Raum, um über die Rolle von Literatur zu diskutieren
und galt als tonangebend in Bezug auf die Nachkriegsliteratur, wobei sie viele Autoren und Dichter der Zeit
vereinte.
 Zahlreiche Autoren, die die westdeutsche Nachkriegsliteratur bestimmten, gehörten, zumindest eine Zeit
lang, der Gruppe 47 an: Günter Eich, Heinrich Böll, Siegfried Lenz, Ingeborg Bachmann, Paul Celan,
Günter Grass, Wolfgang Hildesheimer, Uwe Johnson, Wolfdietrich Schnurre oder Martin Walser.
 Ziele: der Literatur auch sprachlich eine neue Richtung geben; Werte, wie Kritik und Toleranz,
wiederzubeleben sowie neue Themen und Werte zu entwickeln.
 Zentrale Figur: Heinrich Böll, der ihr als Gründungsmitglied bis zu ihrer Auflösung 1967 angehörte und
bereits 1951 für seine Satire Die schwarzen Schafe den Preis der Gruppe erhielt.
III. Trümmerliteratur (Heimkehrerliteratur, Kahlschlagliteratur, Literatur der Stunde Null) :
 Deutsche literarische Epoche, die sich über eine relativ kurze Zeitspanne (1945 bis zum Beginn der 1950er
Jahre) erstreckte und die nicht mit dem Begriff "Nachkriegsliteratur" gleichzusetzen ist (bis Mitte 1960er).
 Programmatische Erklärung des Begriffs: Heinrich Böll in "Bekenntnis zur Trümmerliteratur". Böll
stellt den Begriff synonym neben Kriegs- und Heimkehrerliteratur und wehrt Einwände gegen Trümmer als
literarisches Motiv ab. Er argumentiert gegen einen eskapistischen Literaturgeschmack.
 Die Autoren der "Trümmerliteratur" waren oft selbst aus dem Krieg heimgekehrt oder aber Beobachter
dieses Prozesses. Der Begriff spiegelt dabei wider, was sie bei ihrer Rückkehr in die Heimat vorfanden,
nämlich Trümmer - sowohl äußerlich (Ruinen) als auch innerlich (seelische Verfassung, zerstörte Ideale
und Werte).
 Kritiker dieser literarischen Schöpfung verwendeten den Begriff "Trümmerliteratur" in abwertendem
Sinne.
 Ziele: ein möglichst realistisches Bild der Nachkriegs-Welt zu zeichnen und Kriegserlebnisse zu schildern.
Darum lagen die Anfänge der Epoche auch in den Zeitschriften der Kriegsgefangenenlager (z.B. Der Ruf).
 Die meisten Autoren dieser jungen Generation standen am Anfang ihres literarischen Schaffens und setzten
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nicht die Tradition der Nationalsozialistischen Literatur, der Literatur der Inneren Emigration oder der
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Exilliteratur fort. Suche nach neuer Sprache, Stil und Formen.


1. Vorbilder:
 die amerikanischen Short Stories und deren knapper, einfacher und unreflektierter Stil. Besonders die
Werke Ernest Hemingways, John Steinbecks, O. Henrys und William Faulkners sind hier zu nennen.
 Deutsche Kurzgeschichte:
 Besonderheiten: personaler Erzähler, alltagsnahe Sprache, offene Struktur; Knapp; nur ein
Handlungsstrang (meistens einepisodisch, autonome und abgeschlossene Erzählhandlung); wenige
Figuren, Protagonist oft typisiert; sprachlich ökonomisch, konzeptionell fragmentarisch,
einperspektivisch, aktuelle Alltagssituation darstellend, Uneigentlichkeit (Bildlichkeit: Sinn nicht direkt
moralisierend, sondern verallgemeinerbar mehrdeutig), Anfang und Ende willkürlich und abrupt, Ende
oft demonstrativ offen, Leser muss über Sinn und Auflösung des Geschehens mutmaßen. Zeitdeckende
oder zeitraffende Darstellung.
 Entwicklung von rückblickender Auseinandersetzung mit der Weltkriegsproblematik und der NS-
Herrschaft bis hin zu einer komplexeren psychologischen und artistischen Erzählweise. Während die
Kurzgeschichten der ersten Jahre überwiegend mit Bölls Etikett der "Trümmerliteratur" zu umschreiben
sind, treten in den Jahren nach 1950 neben die Kriegsthematik auch neue Leitthemen, etwa moralistische
Dilemmata allgemeiner Art. Die Kurzgeschichte bleibt dabei gegenwartsbezogen und sozial engagiert. Zu
ihren erweiterten Themen gehören nun Arbeit, Politik, Umwelt und zwischenmenschliche Beziehungen.
Die Gattung verliert damit teilweise ihren engen Bezug zur Zeitgeschichte und so auch die fast schon
dokumentarische Eigenart. Die psychologische Dimension der Figurendarstellung rückt mehr und mehr
in den Vordergrund. Noch stärker schwindet der Zeitbezug in den 60er Jahren. Die Erinnerung an den
Zweiten Weltkrieg verbalsst in dieser Entwicklungsphase der Gattung zunehmend.
 Wolfgang Borchert: Die Hundeblume, Das Brot, Nachts schlafen die Ratten doch;
 Heinrich Böll: Wanderer, kommst du nach Spa..., Abschied, Die Botschaft, Geschäft ist Geschäft, Mein
teures Bein; Einer der größten Prosaiker dieser Zeit und der nachfolgenden Jahre!
 Wolfdietrich Schnurre: Das Begräbnis, Auf der Flucht, Die Rohrdommel ruft jeden Tag;
 Marie Luise Kaschnitz: Das dicke Kind;
 Existentialismus (Französen Jean-Paul Sartre, Albert Camus).
 Begriff: die menschliche Existenz steht im Mittelpunkt dieser Philosophie. Die Denkströmung befasst sich
mit dem Lebensentwurf des einzelnen Menschen und seiner persönlichen Verantwortung.
 Themen: gehören unmittelbar zur menschlichen Erfahrung: Angst, Tod, Fremdheit, Freiheit und
Handeln.
 Sartre: der Mensch hat eine Sonderrolle, weil er sich als einziges Lebewesen über seine Existenz bewusst
ist. Freiheit des Menschen, selbst über sein Leben und sein Handeln bestimmen zu können - "zur Freiheit
verdammt". Denn zu leben bedeute zunächst, in eine Welt ohne Sinn "geworfen" zu werden, in der wir uns
fremd fühlen - Gefühl der Entfremdung.
 Camus: spricht von dem "Absurden" und meint damit, dass jeder Mensch weiß, dass er sterben wird und
trotzdem einen Lebenswillen besitzt - in einer eigentlich "gleichgültigen" Welt seiner Existenz einen Sinn
verleihen.
 Vor allem in der Nachkriegszeit gewannen einflussreich. Nach der Unterdrückung und Fremdbestimmung
zur Zeit der tyrannischen und kriegerischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts wurde ihr Aufruf zur
Selbstbestimmung als befreiend empfunden. Auch von religiösen Weltanschauungen wie dem
Christentum hatte sich die jüngere Generation zum großen Teil abgewendet. Das Denken der
Existenzialisten wurde als "neuer Glaube" an die Freiheit des Menschen in einer Welt ohne Gott
angesehen.
2. Autoren: Berühmte Autoren der Trümmerliteratur sind unter anderem Heinrich Böll, Wolfgang
Borchert, Wolfgang Weyrauch, Wolfgang Koeppen, Max Frisch, Hans Werner Richter und
Günther Eich. Viele von ihnen sind Mitgründer der 1947 entstandenen „Gruppe 47“.
3. Stil: Die Trümmerliteraten klagten eine radikal neue Literatur ein. Sie versuchten ausdrücklich, sich
inhaltlich und formal von den vorhergehenden Strömungen abzuheben.
 Verpönt und als literarische Feindbilder angesehen waren Agitationsliteratur sowie Propaganda,
Literaturklassiker, das Stilmittel des Rückgriffs auf die Antike, literarische Kalligrafie, pathetische,
überschwängliche Literatur, stilistischer Eskapismus sowie der ältere Rationalismus des 19. Jahrhunderts
und dessen rein rationale Beschreibung.
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 Sprache:
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 „Reinigung der Sprache“ („Kahlschlag“) von der nationalsozialistischen Ideologie. Suche nach neuer
Gattung, Absage an die pathetische Sprache der neuromantischen, expressionistischen, NS Dichtung.
 Es geht nicht darum, das Dargestellte poetisch zu verschleiern, sondern ein lebensnahes Bild zu
entwerfen, deshalb knappe, aber treffende, trockene und schmucklose, lakonische Ausdrucksweise
charakteristisch, die aber in der Regel das Gezeigte nicht bewertet. gewollt karge und direkte
Beobachtungen, konsequent realistische, an der Alltagssprache orientierte und sozial engagierte
Schreibpraxis.
 Die neue Literatur sollte realistisch, unpsychologisch und wahrhaftig sein, sie erhob also ein
Wahrheitspostulat, eine Schreibweise des bloßen Benennens. Sie sollte das Geschehene und das
Existierende genau erfassen.
 Magischer Realismus gefordert: Vermischung von fantastischen mit realistischen Elementen. Hiermit
soll nicht eine Infragestellung der Wahrheit generell erzielt werden. Durch die Verfremdung bislang
vertrauter und selbstverständlicher "Wirklichkeiten" soll vielmehr eine andere Sicht der Dinge und damit
eine neue Interpretation der Wirklichkeit ermöglicht werden soll. Diese Form der Literatur ist nur
scheinbar unpolitisch, sie verfügt durch ihre reiche Sinnbildlichkeit über ein ausgeprägtes zeit- und
gesellschaftskritisches Potential. Damit war auch eine Forderung an die Autoren ausgesprochen: Ein Autor,
der in diesem neuen Sinne schreiben will, muss sich in der Literatur und in der Realität engagieren und den
Elfenbeinturm verlassen. Trotzdem wurde vielfach auf Formen älterer Epochen wie der Romantik, des
Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit zurückgegriffen. Traditionelle lyrische Formen wie das Sonett
wurden ebenso durchaus noch benutzt.
 Lyrik: im Gegensatz zur Prosa nicht durch die Propaganda der Nationalsozialisten geprägt und machte es
möglich, einen knappen, unreflektierten Einblick zu gewähren. Man versuchte hierbei nicht, das Gezeigte
durch eine stark lyrische Sprache zu verschleiern, sondern direkt zu benennen. Folglich galt das Lyrische
als ideale Form. Obwohl "das 'nackte Sprechen' sich durchaus als Antithese zur Lyrik" versteht, gilt ein viel
zitiertes Gedicht, das in seiner Lakonik, seiner einfachen Wortwahl und den Wortwiederholungen als der
kanonische Text der Trümmerliteratur: Günter Eichs "Inventur" (aus der Ich-Perspektive die
Lebenssituation eines Kriegsgefangenen, listet die Dinge auf, die noch übriggeblieben sind. Alles, was noch
verwertbar ist, wird wie ein Schatz gehütet. eine bittere, heute fast unvorstellbare Bilanz der niedersten
Stufe menschlicher Existenz). In der Lyrik verzichtete man zumeist auf ein Reimschema oder verwarf
bekannte Mittel des Schriebens, um den Bruch mit früheren Generationen zu markieren. Anthologie von
Hans Werner Richter „Deine Söhne, Europa. Gedichte deutscher Kriegsgefangener“.
 Epik: bot sich vor allem aufgrund einer Textsorte an: nämlich der Kurzgeschichte. Man grenzte sich mit
dieser Kurzform, die sprachlich einfach und sachlich war, ganz bewusst von den umfangreichen, in
übertriebener Weise feierlichen und darüber hinaus ideologisch aufgeladenen Werken der NS Literatur ab.
 Drama: spielte in der Trümmerliteratur keine Hauptrolle. Zu nennen sind allerdings Wolfgang
Borcherts Draußen vor der Tür (1947) sowie Carl Zuckmayers Des Teufels General (1946).
Auch hier stehen das unmittelbare Erleben des Krieges, das ungeschönte Zeigen der Nachkriegszeit und die
Auswirkungen dessen auf die Protagonisten im Vordergrund der Betrachtung.
4. Thematik:
 notvolles Leben in den Ruinenstädten, in Flüchtlingslagern.
 das unmittelbare Erleben des Krieges und Nachkrieges aus der Sicht der „kleinen Leute“.
 Verlust individueller wie auch kollektiver Identität;
 Heimkehrer-Thematik, Geschichten der aus dem Krieg oder den Gefangenenlagern Heimkehrenden, die
sich plötzlich in einer Welt wiederfanden, die keinen Platz mehr für sie hatte.
 das Schicksal isolierter und herumirrender Menschen, die vor den Trümmern ihrer Heimat und ihres
Besitzes, und auch vor den Trümmern ihrer Wertevorstellungen standen und damit umgehen mussten.
 die Frage nach der Schuld und Kollektivschuld an Krieg und Holocaust im Vordergrund.
 Kritik an der politischen und gesellschaftlichen Restauration Deutschlands.
 moralische Anklage gegen den Krieg im Allgemeinen und gegen jede Form von Unmenschlichkeit.
 Vergangenheitsbewältigung, die Suche nach den Ursachen und die Konfrontation mit dem
Unaussprechlichen blieben Fixpunkte der Literatur, gingen aber vor allem im Verlauf der 1950er Jahre in
komplexere, anspruchsvolle neue Formen über.
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5. Epochenende: Die Trümmerliteratur endete, als Deutschland zunehmend wohlhabender wurde, die
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Städte aufgebaut wurden und die Schrecken des Krieges in den Hintergrund rückten. Weitere Gründe für
das letztendliche Scheitern der Trümmerliteratur waren der Druck restaurativer literarischer Normen, die
zu zaghafte und mühsame Entwicklung der Gattung, die formale Unsicherheit und Selbstüberschätzung
vieler Autoren und die spätere Distanzierung einiger Schriftsteller von ihren Trümmerwerken als
literarische Jugendsünden. Einige der Autoren prägten jedoch auch die weitere deutsche
Nachkriegsliteratur, zum Beispiel in der Gruppe 47 oder der DDR-Literatur. Aufgrund der schon 1952 mit
Beginn des Wirtschaftswunders wiederentstehenden Bauten verlieren die Trümmer nur scheinbar an
Bedeutung; in den Neubauten erkennt Böll vor allem Verwaltungen, die kaum der Not der Menschen
abhelfen. Die "Zerstörungen in unserer Welt [sind] nicht nur äußerer Art und nicht so geringfügiger Natur,
dass man sich anmaßen kann, sie in wenigen Jahren zu heilen." Dazu noch einmal Hans Werner Richter:
"Der moralische, geistige und sittliche Trümmerhaufen, den ihr [der neuen Generation] eine wahrhaft
<verlorene> Generation zurückgelassen hat, wächst ins Unermessliche und erscheint größer als jener real
sichtbare." Das heißt, die Trümmerliteratur strahlte weit in die 1950er Jahre hinein, wenn auch nicht mehr
in geübter Strenge;
IV. Die Prosa der 1950er Jahre. Wiederaufbau und Restauration (1949-1963): Zeitkritische Literatur:
Kritik an der Wohlstandsgesellschaft, an der NS-Vergangenheit, an dem Militarismus. Der Aufbau der BRD
steht auf der Tagesordnung und die Zeit des Wirtschaftswunders beginnt. Viele Schriftsteller sind kritisch
gegenüber der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung eingestellt. Die sich entwickelnde
Wohlstandsgesellschaft wird in satirischer Weise veranschaulicht. Kurzgeschichten und Lyrik sind in
diesem produktiven Zeitraum als Textformen sehr beliebt. Die Prosa der 1950er Jahre erliegt dem starken
Einfluss des Existentialismus, das gilt vor allem für Hans Erich Nossack, Alfred Andersch und Max Frisch.
Geschichtspessimismus, aber gleichzeitig Glaube an die aktive Rolle des Schriftstellers im öffentlichen und
politischen Geschehen;
1. Hans Erich Nossack: Der Sinn des Lebens und des Sterbens - konstantes Thema im Werk von Nossack,
das immer wieder in fiktiven Berichten, Verhören und Interviews auftaucht.
 Sammelband Interview mit dem Tode - unter dem Einfluss des Existentialisten Alber Camus beurteilt
Nossack die Welt immer aus der Perspektive einer Grenzsituation. Dabei legt er den Fokus auf den Moment
des Aufbruchs, auf das Überschreiten von Grenzen, nicht aber auf dem, was denn jenseits dieser Grenzen zu
finden sei. Dies liegt auch darin begründet, dass Nossack selbst der Ansicht war, dass das Wesentliche
sprachlich nicht vermittelt werden könne. Mehr noch als alles augenfällige Grauen des Krieges, so
schrecklich es sein mag, beunruhigt diesen Autor die fortschreitende Verwüstung und Verödung des
Inneren. Hamburg, Hiroshima sind nur Symptome - die eigentliche Bedrohung erwächst uns aus uns
selbst. 
 Der Roman Spätestens im November (1955): Bemühung um Selbstverwirklichung unter Zurückweisen
eines gewöhnlichen Daseins. Die Liebe kontrastiert hier nicht nur mit der Vernunft, sondern vor allem mit
der gefühllosen Welt von erfolgreichen Industriellen zur Zeit des Wirtschaftswunders in der
Bundesrepublik Deutschland Anfang der Fünfzigerjahre.
 Aufsatz Jahrgang 1901: Abrechnung mit der Vergangenheit und mit der Schuld. Bedürfnis nach
Rechtfertigung und Erfahrung des Anders-Seins; Selbstisolierung und Selbsttarnung des Wissenden.
2. Alfred Andersch: Thema der Freiheit! zeitkritischer Autor der Nachkriegsliteratur, der sich mit
zahlreichen Essays an politischen Diskussionen beteiligte. Andersch war Herausgeber literarischer
Zeitschriften, Rundfunkredakteur und Gründungsmitglied der Gruppe 47. In seinen Werken porträtiert er
vor allem Außenseiter. Zentrales Thema ist die Willensfreiheit des Einzelnen, im Widerspruch und im
Nonkonformismus die eigene Identität zu finden. Bei Andersch verwirklichen sich die Helden durch Flucht
aus allen Ideologien; In seinem Schaffen verzichtete Andersch oft auf die traditionelle Erzählweise und
wendete häufig die Montagetechnik an, indem er dokumentarische Materialien, Zitaten oder erzählerische
Versatzstücken im Text verwob.
 Die Kirschen der Freiheit 1952: autobiografisch gefärbter Bericht, beginnt mit der Schilderung einer
Kindheit in kleinbürgerlichen Verhältnissen und endet mit einer Fahnenflucht im Zweiten Weltkrieg.
Dazwischen durchläuft der junge Andersch verschiedene Entwicklungsstadien politischer Reife: Zeit der
politischen Tätigkeiten in Form von Demonstrationen, Debatten und politischen Schriften, die mit Hitlers
Machtergreifung im Jahr 1933 gestoppt wurde. Als Mitglied des Kommunistischen Jugendverbands wird er
verhaftet und nach Dachau deportiert. Nach der Freilassung und einer zweiten Verhaftung wendet er sich
traumatisiert von der Politik ab und begibt sich in die so genannte innere Immigration. Enttäuscht von der
„deterministischen“ Ideologie des Marxismus (klassenlose Gesellschaft), welche „die Freiheit des Willens
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leugnet“ und von der Widerstandslosigkeit der KPD. 1940 wird er zum Militär eingezogen, und vier Jahre
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später beschließt er zu desertieren – das zentrale Ereignis, auf das die Handlung zustrebt. Der Wille zur
Freiheit verwirklicht sich auf der Flucht.
 Der Roman Sansibar oder der letzte Grund 1957 schildert die Geschichte einer Flucht aus dem dritten
Reich; Hintergrund - die Philosophie Sartres: Mensch hat eine Sonderrolle, weil er sich als einziges
Lebewesen über seine Existenz bewusst ist. Freiheit des Menschen, selbst über sein Leben und sein
Handeln bestimmen zu können - "zur Freiheit verdammt". Denn zu leben bedeute zunächst, in eine Welt
ohne Sinn "geworfen" zu werden, in der wir uns fremd fühlen - Gefühl der Entfremdung.
 Der Roman Winterspelt 1974. Thema: Die Erzählung handelt von fiktiven Ereignissen kurz vor der
Ardennen-Offensive im Winter 1944–1945 in der Umgebung des Eifeldorfes Winterspelt. Ein deutscher
Kommandeur, der Major Dinklage, plant angesichts der Sinnlosigkeit weiterer Kämpfe die Übergabe seines
Truppenteils an den amerikanischen Gegner. Grundthema: die Freiheit, und die Freiheit und Macht des
unabhängigen Gedankens. Dieses Thema materialisiert sich in Winterspelt im Konflikt zwischen den
Anforderungen einer beruflichen oder sozialen Rolle, insbesondere der Rolle als Soldat in der Wehrmacht,
und den entgegenstehenden Loyalitätspflichten, beispielsweise die Verantwortung des Kommandeurs für
das Leben der ihm anvertrauten Soldaten.
 Enttäuschung von der Gruppe 47, die sich seiner Meinung nach zu einem Marktinstrument entwickelt.1962
zieht er sich davon zurück.

Thema 3. Wolfgang Borchert. Antimilitarismus und Heimkehrproblematik in Borcherts


Erzählungen und im Drama Draußen vor der Tür. Die Kurzgeschichten von W. Borchert.

I. Biografie:
 Aus Hamburg; 1921-1947;
 Im Alter von 15 Jahren begann Borchert Gedichte zu schreiben. Seine literarische Produktivität war
beträchtlich, er verfasste oft fünf bis zehn Gedichte am Tag. Prozess:„ein kurzer Rausch“.
 strebte lange den Beruf eines Schauspielers an. Schauspielausbildung, Tourneetheater;
 1941 zum Kriegsdienst in die Wehrmacht eingezogen und musste am Angriff auf die Sowjetunion
teilnehmen. Aus seinem „Lebenstraum gerissen.“ Viele spätere Kurzgeschichten thematisierten Borcherts
Fronterfahrung. Vorwurf der Selbstverstümmelung;
 August 1943, Hamburg-Besuch: Durch Bombenangriffe waren weite Teile Hamburgs zerstört.
 Mehrfach wurde er wegen Kritik am Regime des Nationalsozialismus und am Krieg verurteilt und
inhaftiert. Mit regimekritischen Künstlerkreisen pflegte er jedoch weiterhin unerschrocken Umgang.
 1945: Flucht von Amerikanern in Frankfurt. Er schlug sich 600 Kilometer zu Fuß nach Norden durch und
erreichte, schwer krank und völlig erschöpft, Hamburg.
 Wolfgang Borcherts schmales Werk von Kurzgeschichten, Gedichten und einem Theaterstück machte ihn
nach dem WWII zu einem der bekanntesten Autoren der Trümmerliteratur.
II. Schaffen:
1. Literarische Position & Einflüsse :
 Jugendwerke: geprägt von starkem Pathos sowie wechselnden literarischen Vorbildern wie Rilke,
Hölderlin, Benn, Trakl. „Allesversucher und Nichtskönner“.
 einer der bekanntesten Vertreter der so genannten Kahlschlags- oder Trümmerliteratur:
Zusammenbruch der alten Strukturen, Auseinandersetzung mit den traumatischen Erfahrungen des
Krieges mit der Forderung nach einer Tabula rasa in der Literatur. Ungeschönte und wahrhaftige
Darstellung der Realität.
 Sowohl stilistisch als auch thematisch stark vom Expressionismus beeinflusst, der im ersten
Vierteljahrhundert des 20. Jahrhunderts für die deutsche Literatur prägend gewesen war, während
expressionistische Strömungen in der Literatur in der Zeit des Nationalsozialismus unterdrückt und ihre
Künstler verfolgt worden waren. Oft wurde Borchert als später Nachfahre oder als Epigone des
Expressionismus gewertet: moralisch motivierter und gefühlsbetonter Protest, repetitive und expressive
Sprache.
 1947: andere literarische Tradition, amerikanische Short Stories. Einen deutlichen Stilwechsel von den
frühen Lyrismen und Sentimentalitäten zu den späteren Texten, die von Aussparungen, sorgfältiger
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Komposition, Lakonie und Understatement bestimmt waren. Übernahme einzelner Charakteristika des
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Stils wie auch der Erzählform. Die Priorität der Nachkriegsliteratur habe aber auf ihrem inhaltlichen
Engagement gelegen, weswegen es zu keiner künstlerischen Auseinandersetzung und der Suche eines
eigenen Stils gekommen sei.
2. Stil:
 Stakkato-Stil: kurze, abgehackte Sätze, durch Ellipsen, Parataxen, eigenwillige Interpunktion und die
Verwendung von Konjunktionen und Adjektiven als Satzbeginn. Die schnelle Abfolge der Sätze soll oft die
Erregung der Figuren zum Ausdruck bringen oder Spannung erzeugen.
 Wiederholung von Satzgliedern unterstreicht die Dringlichkeit des Gesprochenen.
 keine Anführungsstriche - Gedankenfluss;
 Wortwahl: Komposita, Neologismen und virtuos verwendete Attribute.
 Ironie, Sarkasmus und Satire.
 Alltagssprache verleiht den Personen Authentizität und soll sie als Durchschnittsmenschen kennzeichnen.
 Symbole: Farbsymbolik, unterstreicht Gegensätze und Emotionen. Grün - Leben und Hoffnung; Gelb –
lebensbejahend; Rot – Krieg; Blau – Kälte, Nacht. Die nichtbunten Farben sind überwiegend negativ
besetzt: Grau – Unbestimmtes, Pessimismus; Weiß – Krankheit, Kälte; Schwarz - Omen von Düsternis und
Bedrohung.
 Figuren:
 Anfangszustand: Schein-Geborgenheit;
 Übergangszustand: Zwiespalt „in dem disharmonischen Stadium zeitlich-historischen Ausgestoßenseins.
 Endzustand: Schein-Geborgenheit, Rückkehr des Protagonisten in dieses Stadium oft unmöglich.
 Auflehnung gegen Autoritätspersonen.
 Die Figuren sind entpersonifiziert, sie stehen für eine Mehrheit, oder sind Symbole;
 Prototypen von Menschen in innerer Not gezeichnet, wobei ihre persönliche Lebenskrise weniger eine
Kriegsfolge sei als das Ergebnis von Einsamkeit, Lebensangst und dem Mangel an Liebe und
Geborgenheit. Dabei seien sie nicht auf der Suche nach einem Ausweg aus ihrer Not, sondern verharrten
in Pessimismus und Verzweiflung. Borcherts Protagonisten leiden oft an Unruhe- oder Angstzuständen
und fühlen sich von ihrer Umwelt bedroht. Ihre Reaktion weise Kennzeichen von Regression auf, dem
Rückzug in die Kindheit. Dennoch zeichne Borchert nur selten das Bild eines endgültigen Scheiterns,
sondern biete seinen Helden am Ende einen Ausweg aus ihrer Krisensituation.
3. Werk:
 1947: Kurzgeschichtensammlungen Die Hundeblume, An diesem Dienstag.
 Kurzgeschichten: Das Brot, An diesem Dienstag oder Nachts schlafen die Ratten musterhafte
Beispiele ihrer Gattung, die sich den kleinen Verlierern des Krieges, den unschuldig Leidenden widmeten
und anhand dieser Individuen die große Sinnlosigkeit und das Elend aufwiesen.
 Das Brot: Vor dem Hintergrund der herrschenden Nahrungsmittelknappheit stellt der durch eine Lüge
getarnte heimliche Verzehr einer Scheibe Brot das gegenseitige Vertrauen eines Paares in Frage.
Protagonisten nicht mit Namen vorgestellt. Stakkato-Stil: in der eigentlich alltäglichen Ausgangssituation
eine Spannung aufzubauen. Die Küche steht für einen gemeinsamen Lebensraum und die damit
verbundene Geborgenheit. Dieses wird im übertragenen Sinne durch das Messer bedroht, das der Mann
benutzt, um sich unrechtmäßig ein Stück Brot abzuschneiden, wodurch er die Bindung zu seiner Partnerin
gefährdet.
 Die Hundeblume: handelt von einem jungen Gefangenen, der beim täglichen Hofgang eine
Hundeblume auf dem Gefängnishof entdeckt. In seinem tristen Alltag wird die Blume zum Objekt seiner
Sehnsucht und Begierde.
 Nachts schlafen die Ratten doch: Die Kurzgeschichte spielt in einer Stadt, die während des Krieges
durch einen Bombenangriff zerstört worden ist. Ein neunjähriger Junge bewacht die Stelle, an der sein
toter Bruder unter den Trümmern liegt, um ihn vor Ratten zu beschützen. Einem zufällig
vorbeikommenden Mann gelingt es, das Vertrauen des Jungen zu gewinnen. Mit der Behauptung, Ratten
schliefen nachts, bringt er den übermüdeten Jungen von seiner Wache ab und gibt ihm ein Stück
verlorener Hoffnung zurück. durch den Krieg vorzeitiges Erwachsenwerden; Aufbewahren der
Menschlichkeit;
 An diesem Dienstag: auf zwei Ebenen gleichzeitig: Zu Hause, wo das Leben ziemlich normal
weitergeht, und an der Front, wo die eigenen Soldaten leiden und sterben.
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 Heimkehrerdrama Draußen vor der Tür 1946, Entwurzelung des aus dem Krieg Zurückgekehrten;
Im Zentrum der Handlung steht der deutsche Kriegsheimkehrer Beckmann, dem es nach dreijähriger
Kriegsgefangenschaft in Sibirien nicht gelingt, sich wieder ins Zivilleben einzugliedern. Aufgewachsen im
nationalsozialistischen Deutschland und nach Jahren an der Front hat der fünfundzwanzigjährige
Protagonist nichts, an das er nach dem Krieg anknüpfen könnte. Während er noch durch die Erfahrungen
des Zweiten Weltkriegs geprägt ist, haben seine Mitmenschen die Vergangenheit längst verdrängt. Auf den
Stationen seiner Suche nach einem Platz in der Nachkriegsgesellschaft richtet Beckmann Forderungen nach
Moral und Verantwortung an verschiedene Personentypen, Gott und den Tod. Am Ende bleibt er von der
Gesellschaft ausgeschlossen und erhält auf seine Fragen keine Antwort. i
 namenlose, typisierte Figuren, beständiger Wechsel von Realität und Irrealität, konzentrierte, repetitive
und expressive Sprache. eine Mixtur aus Wirklichkeit, Allegorie und Traum.
 Leitmotive: Traum & Realität. Eine ins Schloss fallende Tür beendet jeweils die Stationen von Beckmanns
Suche, nach denen er sich „draußen vor der Tür“ wiederfindet. Beckmanns Gasmaskenbrille provoziert
wiederholt ablehnende Reaktionen und ist ein Symbol dafür, dass Beckmanns Blick auf die Welt noch
immer von seinen Kriegserfahrungen bestimmt ist.
 in vielen Rezensionen als „Schrei“ oder „Aufschrei“ des Autors und seiner ganzen Generation
wahrgenommen. Der Mensch stehe zwischen Himmel und Totenreich, zur Hölle sei hingegen das Leben
selbst geworden.
 Die anderen Figuren dienen ihm nur als Spiegel seiner Seele, es komme zu keinem wirklichen Dialog mit
seinem Mitmenschen. Nicht der reinigende Tod, die Katharsis einer klassischen Tragödie beschließe das
Stück. Beckmann stehe am Ende genau dort, wo er bereits am Anfang gestanden habe, nur noch
verzweifelter. Der Schluss bleibe offen.
 Beckmann als deutscher Jedermann: Antiheld; gesellschaftliche Außenseiter, Täter, Opfer; Kriegsschuld;
 Im Unterschied zu Sartres existenzialistischem Humanismus, der atheistisch geformt sei, suche
Beckmanns Existenzialismus bis zum abschließenden Monolog nach Antworten und nach Gott.
 Das Stück versucht, dem zum Objekt degradierten Menschen wieder zum Subjekt zu verhelfen. Es bedient
sich eines Realismus, der die offenen Fragen in Visionen zu beantworten sucht, aber keine Antworten
findet und deshalb außerhalb der bürgerlichen Ordnung landet.
 Programmatische Verkündigungen oder Manifeste:
 Er machte sich zum Sprachrohr einer jungen Generation, die nach der Niederlage des WWII mit der
Vergangenheit abrechnet und vor dem Nichts stehend ihre Zukunft plant. Seine Forderung nach einer
Erneuerung suchte auch nach einer neuen Ästhetik durch den unmittelbaren Ausdruck, einer Wahrheit,
die nicht gemildert oder beschönigt werden dürfe. Zugleich setzte er dem Nihilismus der Stunde Null den
Auftrag eines neuen utopischen Denkens entgegen, aus dem eine zukünftige Gesellschaft entstehen könne.
 Eine grundsätzliche Skepsis gegenüber den Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache. In einer Zeit, für deren
existenzielles Erleben die Sprache fehle, wurde für Borchert das Schweigen zur heroischen Tat. Doch auch
hier verharrte Borchert nicht in Resignation, sondern suchte die Möglichkeiten eines literarischen
Neubeginns, der sich in sprachlicher Reduktion und Einfachheit ausdrückte. Der Schriftsteller wurde zum
Chronisten, der die Wirklichkeit durch seine Beschreibung festhielt.
4. Bedeutung: Die fehlende literarische Verarbeitung der Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs hatte Hans
Werner Richter im September 1946 in der Zeitschrift Der Ruf in der Frage zusammengefasst: „Warum
schweigt die Jugend?“ Borchert gab dieser Jugend ihre Stimme zurück, er fand sich mit ihr im
gemeinsamen Schicksal und half ihr, diesem Schicksal zu begegnen. Im Unterschied zu vielen anderen
Werken der so genannten Trümmerliteratur, die keine Bedeutung über ihren zeitgeschichtlichen Kontext
hinaus erlangten, wurde Borcherts Werk auch über seine Entstehungszeit hinaus gelesen, gespielt und
besprochen. Borcherts Einfluss auf andere Schriftsteller begann mit seiner Bedeutung für die Gruppe 47.
Noch im November 1947 hatte Hans Werner Richter, ohne Kenntnis der schweren Krankheit Borcherts, ihn
zur zweiten Tagung der jungen Autorengruppe eingeladen.
Thema 4. Das lyrische Jahrzehnt in den 1950er Jahren in der Bundesrepublik. Erneuerung
und Tradition. Die naturmagischen Gedichte von Oskar Loerke und Wilhelm Lehmann. Die
Naturlyrik: G. Eich, K. Krolow, H. Piontek. Der Weg „nach innen“ von G. Benn.
Es gibt unterschiedliche Tendenzen:
1. Trümmerlyrik, Poesie des Kahlschlags;
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2. Rückzug in die Artistik: Gottfried Benn.


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 Unbeirrt von anderen künstlerischen Strömungen seiner Zeit, verfolgte er sein Ideal von autonomer und
monologischer Kunst und bemühte sich um das „absolute Gedicht“: „Das Gedicht ohne Glauben, das
Gedicht ohne Hoffnung, das Gedicht an niemanden gerichtet“.
 Vortrag „Probleme der Lyrik“ (1951): Anfang einer neuen Phase in der Westdeutschen Lyrik. Benn setzt
sich in seinem Vortrag mit der Frage auseinander, worin das Wesen moderner Lyrik besteht. Nach Benn ist
das Gedicht das Ergebnis von langem Überlegen und Durchdenken, Lyrik entsteht nicht spontan, ein
Gedicht wird in Benns Verständnis „gemacht.“ Stufen: von naiv zu raffiniert und skeptisch; von subjektiv zu
objektiv. Lyrik wird nur, wenn es in eine Form gerät, die diesen Inhalt autochthon macht. In diesem Sinne
ist wohl auch der Satz von Staiger aufzufassen: Form ist der höchste Inhalt. Das Verständnis von Lyrik als
etwas Erfundenes oder spontan Erlebtes sei veraltet, das Gedicht ist das Erlebnis eines dichterischen
Kalküls. Beispiel für dieses Kunst- und Literaturverständnis: Statische Gedichte. Formvollendete zunächst
expressionistische, später nihilistische Lyrik;
 Ungewöhnliche Wortkombinationen; Freie Syntax; Kühne metrische Neuerungen; Distanz und
Sachlichkeit;
 Kunst-Wirklichkeit-Beziehung; Selbstreflexion des Schriftstellers; Der Mensch zwischen Welt und Leere;
Seine späte Lyrik ist von der Erkenntnis des verlorenen Ichs geprägt. Der Verlust wird im empfindsamen
Selbstgespräch mitgeteilt und durch die ironische Verwendung der Alltagssprache zynisch kommentiert.
Identitätsbewusstsein das Menschen nichtig, scheinhaft entlarvt.
3. Naturlyrik:
 Traditionalismus und Eskapismus: Die Wurzeln dieser Strömung sind bereits in den dreißiger Jahren
zu finden, als die Naturlyrik eine Renaissance erlebte. Daher finden sich in dieser Tradition auch nach 1945
viele Schriftsteller, die bereits in der Vorkriegszeit Naturgedichte schrieben und mit ihrer Lyrik versuchten,
das Fremdartige, Dunkle und Magische der Dingwelt wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken. In einer
inneren Emigration hatten die meisten dieser Autoren die Zeit des Dritten Reiches überdauert, indem sie
für sich einen konsequenten Rückzug aus der Gesellschaft praktizierten. Dass gerade die Naturlyrik in den
frühen Nachkriegsjahren bei den Bürgern so regen Zuspruch fand, ist leicht zu erklären. Die stilisierte
Naturlandschaft bedeutete für die Menschen im Nachkriegsdeutschland eine Möglichkeit des Fortträumens
aus den tristen realen Verhältnissen. Als solche wurde sie von den Bürgern des in Trümmern liegenden
Landes gern angenommen. Dieser Eskapismus ging Hand in Hand mit der Verweigerung jeglichen
politischen und gesellschaftlichen Engagements. Zu sehr war man noch von den bösen Erfahrungen aus der
NS - Zeit gezeichnet, zu kurz lagen erst die Entnazifizierungen zurück. Das Weltbild war im Zweiten
Weltkrieg aus den Fugen geraten und mündete in eine Lyrik, die sich als allerletzte Konsequenz dem
Rückzug aus der Politik verschrieb. Oskar Loerke, Wilhelm Lehmann, Elisabeth Langgässer, Günter Eich
und Peter Huchel griffen die romantische Idee von der wechselseitigen Affinität von Poesie und Natur auf.
Die Natur bleibt von der menschlichen Vernichtungswut in ihren Wurzeln unberührt, sie ist im Gegensatz
zum Menschen und seinen fragilen Gebilden zeitlos. Dem gegenwärtigen Menschen verschwindet hinter
der Zivilisation die Welt, das Gedicht aber rettet die verlorene Wirklichkeit.
 Ziel: Das Leben in seiner Ganzheit poetisch zu fassen und gerade in seinen Eigenschaften des Fließens,
Vergehens, Blühens und Welkens erfahrbar zu machen. Universum, von der Größe und Allmacht der Natur
ist dabei kaum die Rede. Vielmehr zeigt sich eine Vorliebe für das Kleine, Weiche, Sanfte und
Unscheinbare. Nicht Unordnung und Gewalt sollen hier negiert werden, sondern Erstarrung, Fühllosigkeit
und Mechanisierung. Dabei mischt sich in das idyllische Bild oft ein unheimlicher Zug, Bedrohliches und
Dämonisches. Das Sterben gehört zum Zyklus der Natur.
 In der Naturerfahrung wird nach Lehmann die Subjekt-Objekt-Spannung von Ich und Welt überwunden.
Über die Gedichte von Lehmann zieht die Naturlyrik aus der Zeit vor 1933 der inneren Emigration bis 1945
in die Nachkriegsliteratur ein. Lehmann deutet die Erfahrung des Geschichtsverlustes in einen scheinbaren
Gewinn um.
 Vermenschlichung der Natur, Verzauberung, Mythisierung;
 1950er Jahre: die Naturlyrik findet zu einer Selbstkritik. Im Westen haben v.a. Günter Eich, im Osten
v.a. Peter Huchel, in Österreich Ingeborg Bachmann zu einer grundlegenden Neuausrichtung der
Naturlyrik beigetragen. Diese öffnet sich auf das Geschichtliche, das Politische und Moralische. Sie nimmt
die Spuren des Krieges und die Verbrechen des Holocaust sowie die damit verbundene Frage der Schuld in
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sich auf. Die moderne Naturlyrik stellt eine rätselhafte Natur dar, die das menschliche Sein bedroht und
zugleich erfüllt. Der Bogen moderner Naturlyrik spannt sich also von einem gewollten Rückzug in eine
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schönere Welt im Gefolge des Traditionalismus über die Verunsicherung eines heilen Weltbildes bis hin zur
Darstellung einer „schuldig gewordenen“ Landschaft.
 In dieser Befindlichkeit kam es einer Metaphernsprache, in der die Symbole zurücktreten und Chiffren
zunehmen. Das Gedicht wird dunkel und zeigt eine hermetische Tendenz. Kälte und Düsternis herrschen.
Der Mensch sieht die Natur in dem Schatten, den er selber wirft.
 Eichs Latrine: Erinnerung an die Kriegsgefangenschaft, Ein Augenblick geschildert, in dem der Mensch
Bestandteil der Natur ist. Die „schneeeigene Reinheit der Wolken“ als zentrales Motiv der Naturlyrik, in
dem sich die Sehnsucht nach Auflösung in der Natur verkörpert, wird hier umgekehrt. Der Mensch kann
die Grenzen seines Wesens nicht überschreiten (die Reinheit wird nur über die Spiegelung im Urin
erblickt). Lyrik scheint nur möglich, wenn sie die psychische Existenz der Menschen erblickt und
beschreibt.
 In der Lyrik der DDR war bis zum Ende dieses Staates eine deutlich wahrnehmbare Strömung, die als
Fortsetzung des naturmagischen Programms verstanden werden kann, während in Westdeutschland diese
Tradition mit dem Ende der fünfziger Jahre weitgehend erlosch.
 Vertreter nach 1945: Günter Eich (Botschaften des Regens), Sarah Kirsch, Karl Krolow (Die Zeichen der
Welt) und Peter Huchel (Gezählte Tage), H. Piontek;
4. Hermetische Lyrik: Hermetische Lyrik werden Gedichte genannt, deren semantische Ebene sich einem
unmittelbaren Verständnis entzieht. Diese Form der Lyrik entstand in der Zeit nach 1945 und hat ihren
Ursprung in der Nachfolge des französischen Symbolismus und der allgemeinen Sprachskepsis der
Moderne sowie der Erfahrung des Nationalsozialismus. Die herkömmlichen Gedichtformen (als „schöne“
Gedichte) erschienen den Autoren als unmöglich (vgl. Theodor W. Adornos Verdikt: „Nach Auschwitz ein
Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“), da sie die Erfahrung des Nationalsozialismus und insbesondere des
Holocaust nicht angemessen verarbeiten konnten. Am konsequentesten von allen Autoren vertritt der
bereits zur Zeit des Expressionismus bekannt gewordene Arzt und Schriftsteller (und zwischen 1933 und
1935 bekennende Nationalsozialist) Gottfried Benn die Tendenz zur hermetischen, reinen Lyrik. Nur mit
Hilfe der Chiffre könne der Dichter, zumindest für einen Moment, einer gänzlich sinnentleerten Welt noch
Sinn geben. Theodor W. Adorno schreibt in einem Essay über die eingeschränkten Möglichkeiten moderner
Autoren, nach den Gräueln der Nationalsozialisten überhaupt noch Lyrik zu schreiben: Adorno erteilt seine
Absage nicht der gesamten Lyrik an sich, sondern dem „schönen“ Gedicht, das sich den Themen
Faschismus und Massenvernichtung entzieht, sich also davonstiehlt. Die lyrische Sprache der Moderne ist
daher oft verschlossen (hermetisch) und dunkel. Die Dichter misstrauen einer zutiefst fragwürdig
gewordenen Sprache, die den NS - Führern als Mittel zur Transportation ihrer Lügen diente, und sie
beginnen daher, die Sprache zu verschlüsseln (zu chiffrieren). Die Chiffre, das Schlüsselwort, also die
absolute Metapher, wird zum zentralen Begriff der neuen Lyrik. Die hermetischen Dichter kritisierten mit
ihrem bewusst distanzierten Gebrauch der Sprache auch die Sprache des Nationalsozialismus und deren
Kontinuität in der Nachkriegszeit. Im hermetischen Gedicht löst sich der Autor von herkömmlichen
Sprachstrukturen. Er chiffriert die Sprache und formt sie zugleich nach Prinzipien der Lyrik. Der zentrale
Begriff der hermetischen Lyrik ist deshalb die Chiffre, die zusätzliche Bedeutungsebenen einführt. Deren
„neue“, meist undurchsichtige Semantik, die durch Modifizierungen, Verschiebungen oder neue Fügungen
des Autors vom Alltagsgebrauch der Wörter abweicht, ist für den Leser nicht auf den ersten Blick ersichtlich
und bleibt manchmal sogar ganz verschlossen, weshalb die hermetische Lyrik auch oft der selbstreflexiven
Lyrik zugerechnet wird. Auf jeden Fall fordert die Lektüre hermetischer Lyrik nicht nur hinsichtlich der
formalen Eigenschaften des Textes, sondern eben bereits auf der semantischen Ebene eine besondere
Anstrengung des Lesers, eine bewusste „Dechiffrierungsleistung“ steht vor dem Verstehen des Gedichtes.
Ein berühmtes Beispiel für hermetische Lyrik ist Paul Celans Todesfuge. Wirkt oft rätselhaft, dunkel und ist
oftmals beim ersten Lesen nicht zu verstehen, was bei den verschlossenen Versen und merkwürdigen
Wortaneinanderreihungen auch nur verständlich ist. Alles wirkt böse, finster und grausam. Wichtige
Lyriker: Gottfried Benn, Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Nelly Sachs.
5. Politische Lyrik: In den 60er Jahren wenden sich viele Autoren gegen jede Art von Literatur, welche die
Wirklichkeit nicht aufzeigt, sondern statt dessen verschleiert. Das kann nun nach Auffassung dieser
Schriftsteller sowohl die eskapistische Form der Naturlyrik als auch die hermetische Lyrik in der Tradition
Gottfried Benns sein. Ein Gedicht schreiben muss nun bedeuten, sich im Gedicht der Realität zu stellen.
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Charakteristisch für diese Texte ist eine Wendung hin zur „Realität“ in der Lyrik. In dieser Umbruchsphase
der Lyrik, in welcher sich der seit den Dreißigern anhaltende Traditionalismus in der Lyrik mitsamt seinen
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Konventionen und poetischen Klischees endgültig abgenutzt hatte (vgl. die Naturlyrik!), irritierten nun
gänzlich neue Texte die Leser. Das waren nun nämlich Gedichte, die sich weder auf die bewährte und
bekannte Naturmagie und Naturidylle festlegen ließen, noch auf die Tradition der hermetischen Lyrik in
der Benn – Nachfolge zurückgriffen. Bei der Beurteilung der politischen Lyrik der Sechziger sind zwei
Richtungen zu erkennen: einerseits die direkt eingreifende, engagierte und unmittelbar politische Lyrik;
andererseits diejenigen Autoren, welche die Literatur selbst als die Wirklichkeit sehen.
Thema 5. Paul Celan. Leben und Werk. Das Gedicht Die Todesfuge. Die Gedichtzyklen Der
Sand aus den Urnen und Mohn und Gedächtnis
I. Biografie:
 in Czernowitz, damals Nordrumänien, in einer deutschsprachigen jüdischen Familie geboren.
 nimmt schon während der Schulzeit an Lesezirkeln teil. Rainer Maria Rilke wird zum Lieblingsdichter.
 zeigt politisches und soziales Engagement und arbeitet in einer kommunistischen Jugendorganisation mit.
 Pauls frühe Gedichte zeigen mit ihrem Harmoniestreben, ihrer Naturschwärmerei und ihrem Verharren in
alten Formen typische Merkmale der Bukowiner Lyrik, aber auch hier deutet sich bereits die Tendenz zur
Verfremdung von überkommenen Stereotypen an.
 Medizinstudium im französischen Tours, abgebrochen wegen des beginnenden Krieges. Romanistik.
 Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 verbündet sich Rumänien mit Deutschland. Die
deutsch-rumänische Schreckensherrschaft bringt Terror, Vertreibung und Mord in die Bukowina und führt
zur Liquidierung der jüdischen Bevölkerung. Paul wird zur Zwangsarbeit verpflichtet und muss die
Deportation seiner Eltern in ein Lager miterleben. In seinen Gedichten sind zahlreiche Verweise auf dieses
Trauma der Überlebensschuld zu finden.
 Gehören seine frühen Gedichte eher zum Bereich Liebeslyrik, tritt nun durch die Erlebnisse das
Todesmotiv in den Vordergrund.
 nahm sein Studium danach wieder auf. Später arbeitete er in Bukarest als Übersetzer und Lektor.
 1947: die ersten Gedichte, darunter auch die "Todesfuge" in einer rumänischen Übersetzung.
 flüchtet nach Wien, wo er bald Anschluss an die Wiener Szene surrealistischer Maler und Literaten findet.
 trifft Ingeborg Bachmann. kurze, innige Liebesbeziehung, die in eine lange, aber schwierige Freundschaft
übergeht. Gedicht Corona und weitere aus dem Gedichtband Mohn und Gedächtnis an Bachmann
gerichtet.
 Der Sand aus den Urnen sein erster Gedichtband, dessen gesamte Auflage er jedoch wegen zahlreicher
Satzfehler einstampfen ließ.
 heiratete Künstlerin Gisèle Lestrange.
 Celan und die Gruppe 47: 1952 präsentiert der Dichter auf der Tagung der Gruppe 47 seine "Todesfuge".
Die Lesung wurde zu einem Misserfolg, denn ablehnende Haltung des Gründers der Gruppe und
überzeugten Realisten Richter erkennen. Trotz der kränkenden und von Unverständnis begleiteten
Reaktionen der anderen Tagungsmitglieder bringt dieser Auftritt den literarischen Durchbruch.
 1952 erschien sein Gedichtband Mohn und Gedächtnis: vereint seine Werke aus den Jahren 1944/45 bis
1952. Bezogen auf Celans Biografie markieren die Gedichte also den Übergang Czernowitz/Bukarest und
seine Anfangszeit in Paris. Kritiker wie Leser erkennen schnell die besondere Qualität der Gedichte, die
bezogen auf ihren Ton und ihre Bilder etwas völlig Neuartiges bieten. Allerdings gelten sie bereits zu dieser
Zeit als schwierige und verschlüsselte Kunstwerke. Die im Band gesammelten Gedichte zeigen literarische
Einflüsse von Lyrikern wie Friedrich Hölderlin, Rainer Maria Rilke und Georg Trakl sowie Beziehungen
zur Lyrik des Symbolismus und des Surrealismus. Zu den frühen der insgesamt 56 Gedichten von "Mohn
und Gedächtnis" gehört auch stellvertretend für das dichterische Programm der Sammlung die
"Todesfuge", Paul Celans berühmtestes Werk. Sie steht stellvertretend für das dichterische Programm der
Sammlung: Bei nahezu allen Gedichten tritt das trauernde Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus
in den Vordergrund. Werke wie "Der Reisekamerad" und "Sie kämmt ihr Haar" nehmen direkt Bezug auf
die im Todeslager ums Leben gekommene Mutter. Sie wird zur Wortführerin, zur poetischen Gefährtin des
Sohnes und steht somit zwischen Tod und Leben, zwischen Vergessen und Gedächtnis – eine Polarität, die
sich auch im Titel der Gedichtsammlung "Mohn und Gedächtnis" wiederfindet.
 1962/63 muss sich Celan erstmals in eine psychiatrische Klinik begeben. Dem kurzen Aufenthalt folgen
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viele weitere nach. Um den 20. April 1970 begeht Paul Celan Selbstmord.
 Doch trotz dieses umfänglichen Materials und der Vielzahl an interpretierenden Studien bleiben der Lyriker
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und seine Gedichte auch heute noch schwer zugänglich. Seine Gedichte werden oft als "kryptisch" oder
"hermetisch" bezeichnet und folgen damit einer in den 1950er Jahren vorherrschenden Tendenz zum
"verschlossenen Gedicht", das sich einer einfachen Botschaft, einem vordergründigen Sinn und damit auch
der schnellen Konsumierung verweigert.
II. Todesfuge, das "Jahrhundertgedicht", ist kein Gedicht über Auschwitz, sondern ein Gedicht, das mit
lyrischen Mitteln die nationalsozialistische Judenvernichtung thematisiert. Es entstand zwischen 1944 und
Anfang 1945 und wurde 1948 in Celans erster Gedichtsammlung Der Sand aus den Urnen veröffentlicht,
erreichte aber erst nach der Aufnahme in den Folgeband Mohn und Gedächtnis 1952 eine größere
öffentliche Wahrnehmung. Die Todesfuge kann als Verarbeitung des eigenen Schicksals Celans angesehen
werden. Als Pole jüdischer Abstammung wurde er 1942 von Deutschen Truppen in ein Arbeitslager
deportiert, aus dem er 1944 freikam. Dabei musste er nicht nur die Strapazen und Grausamkeiten des
Lageralltags, sondern auch den Tod seiner Eltern ertragen. Nach dem Krieg floh er nach Rumänien, wo er
auch dieses Gedicht verfasste. Celan hatte Zeit seines Lebens schwer mit diesen Ereignissen zu kämpfen,
zwar verfasste er zahlreiche Werke, in denen er seine Vergangenheit dokumentierte und aufarbeitete, doch
gelang es ihm letztendlich nicht seinen Schmerz zu überwinden, weshalb er wohl 1970 Selbstmord beging.
1. Titel – Doppeldeutigkeit der Fuge:
 „Fuge“ bedeutet soviel wie „Flucht“ und „Weglaufen“. So kann der Titel „als Flucht in den Tod“ aber auch
als „Flucht vor dem Tod“ verstanden werden.
 Von der Gestaltung her bedient sich Celan dabei der Form der Fuge, einem aus der Musik bekannten
Kompositionsprinzip, das kontrapunktisch aus Thema und Gegenthema, aus verschiedenen Durch- und
Weiterführungen besteht. Celan überführt dieses Schema in Wort-Klang-Bildfolgen: Die in der ersten
Strophe gegenübergestellten Bilder (Opfer und Täter) werden in den folgenden Strophen variiert, um dann
am Ende wieder zusammengefügt zu werden.
2. Form:
 moderne Textgestaltung der Lyrik:
 6 unregelmäßige Strophen, kein Reimschema und Metrum.
 Wiederholungen zeigen einen modernen Formelcharakter.
 Es wird dem Leser, ähnlich dem Expressionismus, eine Abfolge von Bildern präsentiert, die er
zusammenfügen muss.
 Thematisch lässt sich das Gedicht in 4 Blöcke einteilen, jeder dieser Blöcke beginnt mit dem „Refrain“
„Schwarze Milch der Frühe...“. Zahlreiche Verse, Satzstrukturen und Metaphern des Gedichts werden,
nachdem sie in einem Block das erste Mal auftreten, in anderen Blöcken wiederholt, variiert und zitiert.
 besonderes Kennzeichen: Die keinem bestimmten Rhythmus folgenden Langzeilen verzichten auf sämtliche
Satzzeichen.
 barockes Kompositionsprinzip der Fuge: Hauptthema in unterschiedlichen Variationen aufgegriffen,
wiederholt und mit Nebenthemen (Gegensätzen) verwoben. Der immer wieder beinahe unverändert
wiederkehrende Refrain, der in der Wir-Form verfasst ist, kann als Hauptthema bezeichnet werden, die im
jeweiligen Block nachfolgenden in Er-Form geschriebenen Zeilen bilden den Kontrapunkt. Sie wandeln sich
von Block zu Block beträchtlich und sorgen für Entwicklung und Erzählung.
 Die expressionistische Sprache mit ihrer eigenen Welt von Bildern, Farben, Motiven und Symbolen
(beeinflusst von Symbolismus und Surrealismus) ist nicht leicht zu verstehen, die Gedichte sind logisch oft
nur schwer erfassbar.
 Gegenüberstellung: Diskrepanz von Form und Inhalt:
 poetische und rhythmisch fließende Sprache vs. die grausamen Geschehnisse – magische Wirkung.
 den Text durchziehende kryptische Chiffren, der "schwarzen Milch", dem "Grab in den Lüften", dem
"Mann, der mit den Schlangen spielt" und dem "Tod als Meister aus Deutschland".
 Wir vs. Er: Opfer vs. Täter - dramatische Spannung des Gedichts.
 vermeidet die direkte Nachbildung der Vernichtung und versucht stattdessen ein Bewusstsein zu schaffen
für das unvorstellbare Geschehen, indem es auf den Zusammenhang von hochentwickelter Zivilisation und
barbarischer Bestialität sowie immer wieder auf die unermesslichen Leiden der Opfer hinweist.
Der einzig vorhandene Reim "sein Auge ist blau/er trifft dich genau" gleicht in seiner Wirkung einem
präzisen Todesschuss.
 „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ dieses zur Redewendung gewordene Zitat aus Paul Celans
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Gedicht fasst in wenigen Worten jenen unbegreiflichen Horror der Konzentrationslager zusammen,
welchem der Dichter, selbst ein Überlebender des Holocausts, in seiner „Todesfuge“ Ausdruck verschaffte.
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 Inhaltliche Entwicklung:
 I. Block: ein deutscher Wächter eines Konzentrationslagers vorgestellt, welcher zunächst einen Brief an
seine Geliebte in Deutschland schreibt, anschließend begibt er sich ins Freie, wo er seinen jüdischen
Häftlingen Befehle gibt. Einige müssten ihre eigenen Gräber schaufeln, andere sollten zum Tanz
aufspielen.
 II. Block: widerholt die Tätigkeiten des Ersten, zusätzlich peitsch der Wärter einige Gefangene. Zum
ersten Mal taucht eine Reaktion der Gefangenen auf: Sie formulieren in zynischer Verzweiflung: „... wir
schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng“.
 III. Block: taucht zum ersten Mal die Phrase „der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ auf. Zusätzlich
wiederholt er – diesmal in bösartigem Ton – den zynischen Kommentar der Gefangenen.
 IV. Block: der Satz „der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ dreimal wiederholt, dies bildet das
dramatische Finale: Die Häftlinge erkennen Chancenlosigkeit und ergeben sich der Mordlust des
Wächters.
 Tiefgreifende Symbolik:
 „die Schwarze Milch der Frühe“: Oxymoron. Milch: Kindheit, Leben, Reinheit. Schwarz: Farbe des
Todes, hat die Milch ergriffen. Sie spendet kein Leben, sondern ist ein todbringendes Gift. Damit steht sie
Sinnbildlich für die Tötungsmaschinerie des NS-Staates. Mit der „Frühe“ sowie den anderen Essenszeiten
„mittags und „abends“ soll ausgedrückt werden, dass es aus dem Leiden kein Entkommen gibt, genauso
wie man dem Hungergefühl, dem Mahl nicht entkommen kann, so ist auch das Entfliehen vor dem
sicheren, bevorstehenden Tod unmöglich. Beachtet man die jüdischen Wurzeln, kommt unter anderem
die Interpretationsmöglichkeit in Frage, die sich auf ein jüdisches Sprichwort stützt, welches besagt: selbst
wenn alle Menschen in Unglück leben – badet Mordechai Meisel noch in der weißen Milch der Frühe.
Mordechai Meisel steht hier für den vollkommenen Glückspilz. Dieses würde erklären, dass „schwarze
Milch der Frühe“ eine vollkommene Hoffnungslosigkeit bedeuten würde.
 „Grab in den Lüften“: Dem realen Grab in der Erde, welches die Gefangen mit eigenen Händen
errichten müssen, steht das transzendentale Grab in den Lüften gegenüber. Der negative Begriff des
Grabes mit dem positiven Aspekt des Himmels ergänzt. Der Euphemismus des Grabes in den Lüften hilft
den Gefangenen bei der Realitätsbewältigung, sie versuchen sich vom nahenden Tod durch eine positive
Darstellung desselben abzulenken. Dies wird eher als distanzierte Feststellung erwähnt, als als Klageruf.
Erschreckend ist die darauffolgende Kommentierung: „Da liegt man nicht eng“. Man kann assoziieren,
dass man nicht so eng liegt wie in den Schlafschabracken oder eng wie in der Erde, aber in jedem Fall wird
der Tod als Erlösung angesehen, der eigenem „geschenkt“ wird.
 „dein goldenes Haar Margarete, dein aschenes Haar Sulamith“ bilden ein Gegensatzpaar.
Margarete, der Name stammt wohl vom „Gretchen“ aus dem Faust, steht dabei allegorisch für eine
deutsche, Sulamith, eine biblische Figur, für eine jüdische Frau. Der Name Margarete steht für das reine
tugendhafte Mädchen. Sulamith ein weibliches Hauptwort, welches wie Salomo auf Shalom
zurückzuführen ist und „Frieden" bedeutet. Hat Margarete noch „goldenes Haar“ so wird Sulamiths Haar
als „aschen“ beschrieben, ein weiteres Symbol für den Schrecken und das Leiden im Holocaust. Der
Gegensatz der beiden Frauen ist ein durchgehendes Motiv des Gedichts, mit den Frauen gehen auch die
Gegensätze zwischen dem Wächter und den Gefangenen einher.
 Als einzige explizit genannte Figur der Todesfuge wird „ein Mann, der wohnt im Haus“
charakterisiert. In jeglicher Hinsicht erweist er sich als Kontrapunkt zu den Gefangenen: Während diese
wohl in Baracken wohnen, wird ihm ein Haus zugewiesen, seine Handlungen sind stets befehlend,
während die Häftlinge diese Befehle nur empfangen und ausführen. Die „Rüden“ stehen sowohl für die
Kampfhunde, welche in Konzentrationslagern eingesetzt wurden, als auch enthalten sie das Wort „rüde“,
welches eine weitere Beschreibung der Wärter bildet. Obwohl der Mann durchwegs negativ dargestellt ist,
handelt er im Schreiben des Briefes an seine Geliebte durchaus in positiver, lieblicher oder gar
romantischer Weise. Damit wird dem Leser klar, dass es dich beim Wächter nicht nur um eine kaltblütige
Tötungsmaschine, sondern um eine Person handelt, welche kultiviert und wohl auch zum Lieben fähig ist.
Dies verstärkt den Eindruck des Unverständnisses, welches viele Menschen bei diesem Thema begleitet.
Überdeutlich wird die Grausamkeit des Wärters in seinem Befehl zum Tanz auszuspielen. Es scheint
grotesk, dass an einem so grausamen, todesschwangeren Ort wie einem Konzentrationslager getanzt
wurde, doch historisch gesehen gab es tatsächlich zahlreiche Häftlingskapellen, welche zur Unterhaltung
der Belegschaft dienen sollten.
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3. Bedeutung: Die Vernichtung des europäischen Judentums durch die Deutschen markiert für Celan einen
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geschichtlichen Bruch, der kulturelle, literarische und sprachliche Kontinuität grundsätzlich negiert.
Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, anders, auf neue Weise zu sprechen, eine Notwendigkeit, die von
Celan spätestens ab Mitte der 1950er Jahre sowohl dichterisch als auch poetologisch immer stärker
akzentuiert wird. Konzept einer "graueren" Sprache. Im Zentrum dieser Konzeption steht die Frage nach
den Möglichkeiten der dichterischen Sprache, die historische Last der Shoa sprachlich angemessen
erinnernd zu artikulieren. Dazu gehört eine dreifache Bilanzierung. Diese bezieht sich erstens auf die
Belastungen, welche die deutsche Sprache während der NS-Herrschaft, als sie sich zur "willigen
Vollstreckerin" einer verbrecherischen Ideologie machen ließ. Sie bezieht sich zweitens - und zwar kritisch -
auf die bisherigen Versuche - auch die eigenen -, das eigentlich nicht Sagbare doch zur Sprache zu bringen,
ihm eine Struktur, eine sinnlich wahrnehmbare Gestalt zu verleihen; und sie bezieht sich drittens auf die
zum Verstummen gebrachten "Stimmen" der ermordeten Brüder und Schwestern. Davon ausgehend
konzipiert Celan in Sprachgitter die Dichtung als eine "Erscheinungsform der Sprache"", die das
Verstummen überwindet, die das Schweigen hörbar macht. Der Übergang von einer notwendig zum
Verstummen gebrachten Sprache zu einem wieder Hörbaren, einem spezifischen individuellen Lautlichen,
zur Stimme, ist die zentrale Form des Totengedenkens in Sprachgitter. Die Sprache der Lyrik ist
nüchterner, faktischer geworden, sie misstraut dem „Schönen“, sie versucht, wahr zu sein. Eine besondere
Modifikation erfährt diese Textmetaphorik durch Begriffe, die eine Affinität von Sehen und Sprechen, Text
und Bild anzeigen. Häufig wird die Todesfuge exemplarisch als Kontraargument zu Adornos Aussage „nach
Auschwitz Gedichte schreiben ist barbarisch“ benutzt. Während Adorno meinte, dass keine Dichtersprache
mehr fähig wäre das Leiden und den Schrecken des Holocausts so darzustellen, dass sie denselben auch
gerecht würde, vermerkten seine Kritiker, oft eben in Verweis auf die Todesfuge, dass Werke von so hoher
Ausdruckskraft und metaphorischer Dichte auch die Möglichkeit, oder das Recht hätten, zumindest einen
Teil dieser Grausamkeit zu verarbeiten.
Thema 7. Die strukturelle Erneuerung des Antikriegsromans: Die Romantrilogie von
Wolfgang Koeppen Tauben im Gras (1951), Das Treibhaus (1953), Der Tod in Rom (1954);
Arno Schmidt.

 Koeppen lebte von 1935 an in Den Haag, kehrte jedoch 1938 nach Deutschland zurück, da er in den
Niederlanden keine feste Existenzgrundlage fand. Auf Vermittlung Alfred Anderschs bereiste Koeppen in
den folgenden Jahren für den Süddeutschen Rundfunk Spanien, Rom, die Sowjetunion, Warschau, Den
Haag und London, die USA und Frankreich. Er verfasste für den Rundfunk Reisebeschreibungen, die auch
gedruckt erschienen.
 Werk leistete einen entscheidenden Beitrag zur Modernisierung der westdeutschen Literatur– beschrieb
auch Wolfgang Koeppen die Nachkriegsgesellschaft vor dem Hintergrund der jüngsten Vergangenheit. Auf
hohem ästhetischen Niveau.
 Trilogie des Scheiterns: Wolfgang Koeppen – der erste Kritiker der Restauration - wurde vor allem
durch seine Romantrilogie des Scheiterns bekannt, durch die er sich den Ruf eines bedeutenden Autors der
Nachkriegsliteratur erwarb. Die Romantrilogie ist ein frühes Zeugnis bundesdeutscher Restauration, eine
erste kritische Bestandsaufnahme der sich gerade formierenden Bundesrepublik. Das „Scheitern“ bezieht
sich auf die gescheiterten Hoffnungen, dass nach 1945 ein Neuanfang möglich gewesen wäre. Hauptthema:
die Deutschen nach dem Zusammenbruch des ‚Dritten Reichs‘.“ in allen drei Romanen wird die
Nachkriegszeit in Deutschland anhand exemplarischer Figuren, Schauplätze und Geschehnisse
durchgespielt. Sie bilden damit eine thematische Einheit und zählen zu den wichtigsten Werken der
deutschen Nachkriegsliteratur.
 Die zeitgenössische Reaktion auf Koeppens Romane Tauben im Gras, Das Treibhaus und Der Tod in Rom
blieb in den frühen 1950er Jahren verhalten. Aus heutiger Sicht zählen sie allerdings „zu den wichtigsten
der gesamten deutschen Nachkriegsliteratur“. Einer der wenigen deutschsprachigen Autoren seiner Zeit,
die sich nicht der zeittypischen Kahlschlagliteratur verschrieben hatten oder vom lakonischen Stil Ernest
Hemingways beeinflusst waren. Stattdessen habe er versucht, an die literarische Moderne von James Joyce,
William Faulkner, Marcel Proust oder Alfred Döblin anzuknüpfen. In allen Werken Koeppens machte er
immer wiederkehrende Motive aus: „Vergeblichkeit des Reisens, Flucht und Heimkehr,
Fremdheit und Selbstentfremdung, Selbsttäuschung und Resignation“. Bereits in seinen frühen
Romanen habe er jenen Stil gezeigt, der für ihn charakteristisch blieb: ein oft an den Filmschnitt
erinnernder rascher Sprung zwischen Schauplatz, Zeit und Figur, die Technik der Montage, der stilistische
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Wechsel zwischen Parataxe und langen, assoziativen Satzgefügen, die Aufhebung der Grenze zwischen
Erzähler und Figur wie zwischen Erzählung und Reflexion, Realität und Traum.
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I. Tauben im Gras schildert – gleichsam ungefiltert – einzelne, miteinander zunächst scheinbar nicht
verwobene, auf 105 Erzählsequenzen aufgeteilte Episoden in einer deutschen Großstadt in Bayern in der
Nachkriegszeit. Im Verlauf des Romans wird jedoch deutlich, auf welche Weise die verschiedenen
Erzählsequenzen und Handlungsstränge miteinander verknüpft sind. Auch die Handlung selbst stellt keine
abgeschlossene Geschichte dar, bei der die Ereignisse von Beginn an bis zum klar definierten Ende erzählt
werden. Schilderung unterschiedlicher Menschen an einem Tag des Jahres 1948 oder 1949 in dem von den
Amerikanern besetzten München. Unterschiedliche Splitterelemente setzen das Mosaik einer elegischen
Zeitdiagnose zusammen. Die Menschen sind heimgesucht und verunsichert durch den Zusammenbruch des
Dritten Reiches und durch die Angst vor einem dritten Weltkrieg. Ein auffallendes Merkmal dieses Romans
ist, dass es keinen dominierenden Protagonisten gibt. Stattdessen treten mehr als dreißig Figuren in der
Geschichte auf. Nur wenige von ihnen sind aber tief entwickelte Charaktere.
1. Figuren: Die folgenden Figuren spielen für die Handlung wichtige Rollen:
 Philipp, der frustrierte Schriftsteller, der sich nicht mehr ausdrücken kann. Er ist isoliert, wird als
Außenseiter der Gesellschaft dargestellt und findet am Leben keine Freude mehr. Philipp kann sich nur
schwer zum Handeln aufraffen, da er, ein moderner Hamlet, durch seinen Hang zur Grübelei daran
gehindert wird. Philipp wird von vielen Kritikern als ein Selbstbildnis Koeppens betrachtet.
 Emilia, Philipps Ehefrau, war vor dem Krieg eine reiche Erbin. Heute besitzt sie einige Häuser, die
niemand erwerben will und nur Kosten und Ärger verursachen. Daneben gehören ihr einige Antiquitäten,
die sie nach und nach verkauft. Den größten Teil ihres mobilen Vermögens hat Emilia im Krieg und durch
die Währungsreform verloren. Sie trinkt viel und gerät im Zustand der Alkoholisierung außer Kontrolle.
 Odysseus Cotton ist ein dunkelhäutiger Amerikaner, wohl ein Soldat, der als Tourist die Stadt
besichtigen will. Er ist das Gegenbild zu Philipp: Er handelt, er bewegt sich und ist aktiv, und die
wichtigsten Ereignisse im Roman haben mit ihm zu tun. Odysseus verbringt die meiste Zeit mit
 Josef, dem Gepäckträger vom Bahnhof. Josef ist der einzige stabile Charakter im Buch: Er macht sich zwar
noch Gedanken über seine Vergangenheit als Mitläufer während der NS-Zeit, aber das scheint ihn, den eher
schlichten Dienstmann, in seinem praktischen Leben nur wenig zu beeinträchtigen. Im Verlauf der
Romanhandlung wird er erschlagen. Ob Odysseus als Täter entlarvt wird, lässt der Erzähler offen.
 Washington Price ist wie Odysseus dunkelhäutig, ein amerikanischer Soldat, der in der Stadt stationiert
ist. Washington ist die Figur mit dem stärksten positiven Idealismus in der Erzählung: Er glaubt fest an die
Verwirklichbarkeit seiner Träume von einer Welt ohne Rassendiskriminierung, in der „niemand
unerwünscht“ ist.
 Carla, Washingtons deutsche Geliebte und Tochter von Frau Behrend, wird, wie die meisten weiblichen
Figuren in dem Roman, eher negativ beschrieben. Sie ist eine schwache Frau, die sich von Washington
abhängig macht. Als sie Washingtons Kind abtreiben will, gelingt es Washington noch, die Abtreibung zu
verhindern. Durch die bedingungslose Liebe von Seiten Washingtons kann Carla zunächst ihr Leben wieder
in Ordnung bringen, bevor sie am Schluss zusammen mit Washington zum Opfer rassistischer
Ausschreitungen wird. Zwölf Jahre zuvor hat sie mit 18 Jahren geheiratet; aus dieser Ehe ist der inzwischen
elf Jahre alte Sohn Heinz hervorgegangen. Ihren bei der Schlacht von Stalingrad verschollenen Ehemann
hat Carla für tot erklären lassen.
 Kay, 21 Jahre alt, ist die jüngste der Lehrerinnen aus Massachusetts, die die Stadt bereisen. Sie wirkt „so
unbefangen, so frisch, sie [ist] von einer Jugend, wie man sie hier kaum noch sieht“. In ihrer unbefangenen,
spontanen Art schließt sie sich sowohl Philipp als auch Emilia an.
 Mr. Edwin ist ein philosophisch veranlagter Dichter, der in die Stadt reist, um eine Rede zu halten. Mit
seiner Rede möchte Edwin den europäischen Geist auf die Höhe der Zeit bringen; für sein Publikum ist sein
Vortrag aber nur ein gesellschaftliches Ereignis. Edwin erkennt im Verlauf seiner Rede verbittert, dass sein
Einfluss auf das Publikum eher gering ist.
2. Interpretation: Der Titel des Romans verweist zugleich auf dessen zentrale Aussage: Alles, was geschieht,
geschieht zufällig, und die einzelnen Menschen bewegen sich durchs Leben wie „Tauben im Gras“, mit
Bewegungsmustern, die für Außenstehende keinen tieferen Sinn erkennen lassen. Schnakenbach, der
chronisch Schlafsüchtige, bringt den von Edwin kritisierten Gedanken auf den Punkt: „Entweder gab es
Gott gar nicht oder Gott war tot, wie Nietzsche behauptet hatte, oder, auch das war möglich und war so alt
wie neu, Gott war überall […]. Gott war eine Formel, ein Abstraktum. […]. Wo Schnakenbach auch war, er
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war die Mitte und der Kreis, er war der Anfang und das Ende, aber er war nichts Besonderes, jeder war
Mitte und Kreis, Anfang und Ende, jeder Punkt war es […].“ Der Erzähler kommentiert diese Haltung mit
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den Worten: „Schnakenbachs Weltbild war unmenschlich. Es war völlig abstrakt.“ Gleichwohl hat es den
Anschein, dass Koeppens Umgang mit seinen Figuren genau diesem Weltbild folgt. All diese Figuren sind
mit Tauben im Gras vergleichbar: „Die Vögel sind zufällig hier, wir sind zufällig hier, und vielleicht waren
auch die Nazis nur zufällig hier [...] vielleicht ist die Welt ein grausamer und dummer Zufall Gottes, keiner
weiß warum wir hier sind.“ Mit »Tauben im Gras« zeichnet der Autor Wolfgang Koeppen einen Querschnitt
der gesellschaftlichen, moralischen, politischen und sogar rassistischen Verhältnisse im
Nachkriegsdeutschland, was auch das beinahe völlige Fehlen positiver Schwerpunkte erklärt. Koeppen
seziert die kleinbürgerlichen Verhältnisse ebenso wie Aussichtslosigkeit jener Jahre. Mit besonderen
sprachlichen Mitteln wie beispielsweise inneren Monologen oder plastischen Vergleichen werden mögliche
Gefahren benannt, verdeutlicht und bis zur Resignation verfolgt. Zusammen mit der Ausweglosigkeit der
Handlungsstränge wirkt der gesamte Roman auf den Leser daher eher düster und beklemmend. Als
Alternative und Zeichen der Hoffnung – die Liebe. Liebesbeziehungen, die Konventionen und
Rassenvorurteile überwinden. Die Deutsche Carla verliebt sich in einen schwarzen US- Soldaten. Ihr Leben
zu zweit in Deutschland erscheint als unmöglich, Traum von einem gemeinsamen Leben in Paris. Sie wollen
dort ein Cafe aufmachen, auf dessen Schild stehen wird: „Niemand ist unerwünscht“
3. Stil: Das Buch ist in einem gehetzten, zufällige Gedankenfetzen aneinanderreihenden Stil geschrieben. Die
Darstellung erscheint nicht anders als ein Erbrechen, als ein stoßweises Vonsichgeben des Bodensatzes nie
ganz zu verarbeitender Erlebnisse. Unverkennbar ist hier der Einfluss von James Joyce’ Ulysses. Die zwei
anderen Romane der Trilogie folgen einer ähnlichen Erzähltechnik, setzen aber deutlichere politische
Akzente.
II.Das Treibhaus:
1. Titel: meint metaphorisch das Klima in der Nachkriegszeit, in dem die Restauration wuchert und die
Wiederaufrüstung vorangetrieben wird. Der Roman spielt in der Zeit des Kalten Krieges und der
Wiederbewaffnung der Bundesrepublik weitgehend in der Bundeshauptstadt Bonn. "Das Treibhaus" ist
keine ausgewogene Beschreibung des Politikbetriebes in Bonn, sondern eine scharfe Kritik daran und an
der Restaurationspolitik Konrad Adenauers im Besonderen. Im Mittelpunkt des Romans steht der aus dem
Exil heimgekehrte Idealist und oppositionelle Abgeordnete Keetenheuve. behandelt erstmals kritisch den
Politikbetrieb der jungen Bundesrepublik: Erzählt wird vom Schicksal des Bundestagsabgeordneten
Keetenheuve, der aus der Emigration nach Deutschland zurückgekehrt ist und als Intellektueller im
„Treibhaus“ Bonn mit dessen politischen Intrigen und Machtspielen keine Heimat findet; aus Verzweiflung
über die herrschenden Verhältnisse wählt er schließlich den Freitod. Der sensible, melancholische
Oppositionspolitiker Keetenheuve ist nicht bereit, Abstriche zu machen; er misstraut der Macht, lehnt sie
ab und weiß doch, dass er ohne Macht und Einfluss nichts verändern kann. Er scheitert mit seiner
Friedenspolitik am Pragmatismus seiner Kollegen, verzweifelt am Vergessen der Vergangenheit und bringt
sich am Ende um. Da geht es nicht um das Wohl der Gemeinschaft, sondern um das Machbare, um
Kompromisse und letztlich um Vorteile, Geld, Ansehen, Karriere und Macht. In der entscheidenden
Abstimmung im Bundestag siegt die Regierungspartei. Keetenheuve hat nichts erreicht und umsonst "das
einzige Wesen, das ihm anvertraut, das seine Aufgabe war, in Verzweiflung verfallen" lassen. Der
sozialistische Abgeordnete Keetenheuve weiß keinen Ausweg aus der als korrupt empfundenen,
restaurativen Nachkriegspolitik, sieht nur das kommende Unheil und predigt in einem Treibhaus der
Korruption und Intrigen tauben Ohren. Der einsame Mahner, den niemand ernst nimmt, zerbricht an dem
unlösbaren Widerspruch von Idealismus und Realität und nimmt sich schließlich das Leben. Koeppen
selbst bezeichnet sein Buch als einen »Roman des Scheiterns«.
2. Form: Gebrauch von filmischen Techniken, Montagetechnik, offene Erzählstruktur. Koeppen komprimiert
die zeitgeschichtliche Gegenwart zu einem einzigen Tag. Vielzahl der Personen unterschiedlicher sozialer
Herkunft, die in keiner direkten Beziehung zueinander stehen. Vielperspektivische, personale Erzählweise.
III. Der Tod in Rom: Der Roman setzt sich mit den Karrieren ehemaliger Nationalsozialisten nach dem
Zweiten Weltkrieg auseinander. Vor der Kulisse Roms treffen in der Nachkriegszeit Opfer und Täter der
Zeit des Nationalsozialismus aufeinander. In einer Art literarischen Choreografie stellt der Autor in
mehreren parallel laufenden Handlungssträngen immer neue Figurengruppen aus den Mitgliedern zweier
Familien und deren näherem Umfeld zusammen. In kunstvollem Geflecht von Dialogen und inneren
Monologen wird die Gegenwart problematisiert und die Vergangenheit aufgedeckt; die Charaktere zeigen
den Opportunismus und die Anpassungsfähigkeit der Mitläufer wie die ungebrochene Gewaltbereitschaft
der Täter wie die Zerrissenheit und den Eskapismus der nachfolgenden Generation. Hintergrund ist das
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noch ungelöste Problem der Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit in der Zeit des
Page

Wirtschaftswunders. Den Titel seines letzten Romans hat Wolfgang Koeppen treffend gewählt, enthält er
doch die beiden großen Motive des Werks: Rom bildet die Bühne der Handlung, einer kunstvoll
verschachtelten Story um die Familien Judejahn und Pfaffrath. Zugleich ist es der Sehnsuchtsort der
Nachkriegsdeutschen, die mit dem Baedeker in der Hand vor der eigenen, nationalsozialistisch belasteten
Vergangenheit in die Bilderbuchvergangenheit der Ewigen Stadt entfliehen. Rom ist ein historischer
Kreuzungspunkt der großen abendländischen Strömungen und schließlich eine gigantische Metapher für
die Geburt des Neuen aus den Ruinen des Alten, für die Anwesenheit des Todes im Leben. Der Tod indes
lugt hinter jeder Marmorsäule hervor, aus den großen Werken der Kunst ragt seine knöcherne Hand, halb
verhungerte Straßenkatzen kämpfen um Fischreste. Und dann ist da natürlich Gottlieb Judejahn, Hitlers
Henker, eine der eindrucksvollsten Fleischwerdungen des Todes in der deutschsprachigen Literatur. Der
Tod in Rom ist keine leichte Kost und in seiner scheinbar maßlosen Morbidität schwer zu verdauen. Doch
das Gesunde, Leichte war in Deutschland im Jahr 1954 eben nur zu haben, wenn man die Augen vor der
Wirklichkeit verschloss, in deren Abgründe man nur kurz zuvor geblickt hatte.
Arno Schmidt: Arno Schmidt zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern des deutschen Sprachraums
nach dem Zweiten Weltkrieg. Bereits in seiner 1946 entstandenen Erzählung Leviathan zeigte er sich als ein
radikal experimentierender Avantgardist von hoher sprachlicher Artistik, der bei der phonetisch genauen
Abbildung der Alltagssprache auf Orthographie und Syntax keine Rücksicht nimmt. Diese Haltung verband
er aber immer wieder mit traditionellem Erzählen, was seine besondere Stellung in der deutschsprachigen
Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begründet. Seine Werke der 1950er Jahre sind sprachlich
von einer ungewöhnlichen, sich oft am Expressionismus orientierenden Wortwahl geprägt. Formal
kennzeichnet sie das Bemühen um neue Prosaformen, inhaltlich sind sie von einer kulturpessimistischen
Weltsicht und einer angriffslustigen Gegnerschaft gegen das Westdeutschland der Adenauer-Ära geprägt.
Seine theoretischen Überlegungen zu Prosa und Sprache entwickelte Schmidt in den 1960er Jahren in
Auseinandersetzung vor allem mit James Joyce und Sigmund Freud weiter und suchte seine Ergebnisse in
den in dieser Zeit entstandenen Werken umzusetzen. Als Summe dieser Entwicklung erschien 1970 das
monumentale Hauptwerk Zettel’s Traum. Außer den für den Autor wichtigen Prosaarbeiten entstanden
zahlreiche Übersetzungen aus dem Englischen, Kurzgeschichten, literaturgeschichtliche und -theoretische
(Radio-)Essays, eine detaillierte Biografie Friedrich de la Motte Fouqués sowie eine durch die
Psychoanalyse angeregte Studie über Karl May (Sitara).

 Ich-Erzähler: Im Mittelpunkt seines erzählenden Werks steht immer ein dominierender Ich-Erzähler, der
seinem Autor in vielerlei Hinsicht ähnelt. Allen Protagonisten gemeinsam sind schließlich die Meinungen
und Vorlieben Schmidts: Sie sind Büchermenschen, die allein in der Literatur leben, sie verachten die
Restauration der Adenauer-Jahre und sind entschiedene Atheisten.
 Prosaformen: Schmidt entwickelte für seine erzählenden Texte neue Prosaformen, mit denen er
Bewusstseinsvorgänge realistischer nachbilden wollte, als das die überlieferten Formen Roman, Novelle
oder Dialog vermöchten. Die Handlung und die Monologe des Ich-Erzählers werden nicht in einem
Kontinuum, sondern in kurzen Prosasplittern präsentiert, die im Layout durch Absätze mit hängendem
Einzug und mit kursiv gedrucktem Anfang gekennzeichnet sind. Das, was zwischen diesen Fragmenten
passiert oder gedacht wird, muss der Leser sich bei dieser stark elliptischen Erzählweise selbst
zurechtkonstruieren. Mit dieser Form wollte Schmidt seiner These Anschaulichkeit verleihen, dass die
menschliche Wahrnehmung und Erinnerung selbst ebenfalls stark fragmentiert ablaufe. Eine andere
Erzählform: Das „Fotoalbum. Eine dritte Prosaform ist das „längere Gedankenspiel“. Schmidt ging dabei
von der Beobachtung aus, dass „bei jedem Menschen die objektive Realität ständig von Gedankenspielen
überlagert ist“. Man sei mit seinen Gedanken eigentlich ständig irgendwo anders. Bei Menschen in
schwierigen Lebenssituationen – Schmidt sprach vom Typus des „Gefesselten“ – steigerten sich diese
Tagträumereien zum Eskapismus eines längeren Gedankenspiels: Statt in ihrer schmerzlichen Realität
lebten sie in Phantasien, in denen sie sich als erfolgreich, heldenhaft, sexuell erfüllt usw. imaginierten.
 Etym-Theorie: Seit etwa 1960 beschäftigte er sich intensiv mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds, die er
auf die Literatur anwandte. Danach drückt sich das Unbewusste nicht nur in Bildsymbolik aus, sondern
auch sprachlich in einem „eigenen Schalks⸗Esperanto“ aus Amphibolien, Wortspielen, Assonanzen usw.,
um neben der manifesten Bedeutungsebene zugleich – meist sexuelle – Nebenbedeutungen auszudrücken.
 Schmidts Werke sind gesättigt von Alltagsdingen eines zeitgenössischen Durchschnittsbürgers der
Bundesrepublik Deutschland. Seine Sprache orientiert sich dabei oft an Dialekten. Das Schriftbild wirkt auf
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den ersten Blick ungewöhnlich, da sich Schmidt vor allem in den späteren Werken nicht unbedingt an die
Rechtschreibung des Duden hält, sondern eigene, an die Aussprache angelehnte Schreibweisen verwendet.
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 Schmidt war Kenner der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, speziell des deutschsprachigen Raums.
Entsprechend gibt es sehr viele Bezüge insbesondere zur deutschen und englischen Literatur. Sein
besonderes Interesse galt Autoren, die in ihrer literarischen Qualität verkannt und/oder vergessen waren.
Seine vom Süddeutschen Rundfunk produzierten Radio-Essays waren in Dialogform gebrachte Plädoyers
für die Neuedition zahlreicher „unerledigter Fälle“ in der Literaturgeschichte.
 Mit dem "Leviathan" (1950) führt Schmidt die Gliederung der Handlung in Momentaufnahmen als
Erzählkonzept ein. Diese als Fotoalbum bezeichnete Technik reiht Augenblicke aneinander und zerreißt das
Zeitkontinuum der Erzählung. Damit reproduziert sie die Funktionsweise des menschlichen Gedächtnisses,
das nicht einen stetigen Zeitfluß, sondern nur einzelne Ereignisse memoriert, und eignet sich hervorragend
für die Darstellung von Erlebnisberichten. Die einzelnen in der Erinnerung aufflackernden snapshots
werden auch im äußeren Erscheinungsbild der Texte hervorgehoben, beispielsweise durch einen
vergrößerten Einzug im Textkörper oder - so im Leviathan - durch kursiv gesetzte Anfangsworte. Die so
erfolgte Gliederung von Text und Handlung ist der menschlichen Psyche angepaßt, zieht den Leser dadurch
gleichsam in das Geschehen hinein und erzeugt ein Gefühl von Nähe und Authentizität, das mit
herkömmlichen Prosaformen nur schwer zu erreichen ist (meint A.S.). Schmidt beschreibt darin das
Schicksal von Flüchtlingen, die im Februar 1945 bei bitterer Kälte einen stillgelegten Zug wieder in Betrieb
nehmen und sich auf den Weg nach Westen machen. Eindringlich wird die Orientierungslosigkeit der durch
den Krieg Entwurzelten geschildert, die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens angesichts des
Kriegswahnsinns, der Verlust der Selbstgewißheit angesichts einer in Trümmer gehenden Welt. Einige der
Flüchtlinge suchen ihren Trost im Glauben, während der Ich-Erzähler sich fatalistisch dem von ihm als
"Weltmonster" (Leviathan) wahrgenommenen Universum ergibt. Schilderungen von Kälte, Hunger, Elend
und Tod wechseln sich ab mit Gesprächen der Reisenden über das Wesen der Welt und die Existenz Gottes.
Zwischen allem der Krieg, ideologisch verblendete Hitlerjungen und eine chancenlose Romanze. Die im
"Leviathan" eingeführte Gliederung der Handlung in unverbundene, bruchstückhafte Einzelszenen bewirkt
zusammen mit Schmidts unverwechselbarer Sprache eine enorme erzählerische Dichte. Bedrückend,
faszinierend, wütend.
 Schmidts Texte gelten als schwierig, er selbst wird teilweise als der "deutsche James Joyce" bezeichnet.
Schmidts eigenartige Orthographie und Interpunktion, seine wortschöpferische Begriffsbildung und
schließlich sein an tatsächlichen oder vermeintlichen psychologischen Erkenntnissen orientierter Stil
(Gedankenfetzen und Momentaufnahmen) schrecken viele Leser ab.
Thema 8. Die Prosa von Heinrich Böll in den 1950er Jahren: Die Kurzgeschichten. Die
Romane Wo warst du, Adam?, Haus ohne Hüter und Billard um halbzehn. Die Erzählung
Das Brot der frühen Jahre.
I. Leben: Heinrich Theodor Böll gilt als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit.
Im Jahr 1972 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, mit welchem seine literarische Arbeit gewürdigt
wurde. In seinen Romanen, Kurzgeschichten, Hörspielen und zahlreichen politischen Essays setzte er sich
kritisch mit der jungen Bundesrepublik auseinander. Darüber hinaus arbeitete er als Übersetzer
englischsprachiger Werke ins Deutsche und als Herausgeber. In der kleinbürgerlichen Familie Böll waren
der katholische Glaube und die Ablehnung des Nationalsozialismus selbstverständlich. Mit dem
Sommersemester 1939 nahm er an der Universität zu Köln ein Studium der Germanistik und der
Klassischen Philologie auf, doch schon im Spätsommer wurde er in die Wehrmacht einberufen. Vom ersten
bis zum letzten Tag des Zweiten Weltkriegs ist er Soldat, wird an verschiedenen Fronten eingesetzt und
mehrere Male verwundet. Im Krieg hatte Böll hauptsächlich Briefe geschrieben. Als er im September 1945
aus amerikanischer Gefangenschaft zurückkehrt, bestimmen Wohnungsnot, Hunger und der tägliche
Kampf ums Dasein den Alltag. Böll schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten und Schwarzmarktverkäufen
durch. Er veröffentlicht kurze Texte in Zeitungen, bevor 1949 seine erste längere Erzählung unter dem Titel
"Der Zug war pünktlich" erscheint. Das Buch wird von Publikum und Kritik kaum beachtet, denn es
behandelt den Krieg – und davon will man in dieser schweren Zeit nicht allzu viel wissen. Eine große Zahl
von Motiven und anderen Einzelheiten seiner Dichtungen entstammt seinem Leben und Erleben innerhalb
und außerhalb seiner Familie, seiner Dienstzeit als Soldat und seinen Erfahrungen nach dem Krieg. In der
Adenauer-Ära nahm Böll eine Gegenposition zum restaurativen Zeitgeist ein und galt auch in der Folgezeit
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als Protagonist der deutschen Linksintellektuellen. Ab den 1950er-Jahren beschäftigte sich Heinrich Böll
zunehmend mit den politischen Problemen seiner Heimat und anderer Länder wie Polen oder der
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Sowjetunion und setzte sich sehr kritisch mit ihnen auseinander.


II.Schaffen:
 Böll findet nicht nur ein zerstörtes Land vor, sondern auch eine von Nazidiktatur und Krieg vergiftete
Sprache. Dagegen setzt Heinrich Böll eine klare und realitäts- und alltagsnahe Sprache; mikroskopische
Beobachtungen des alltäglichen Elends. Seine in dieser Zeit publizierten Texte erzählen in realistischer,
bewusst nicht poetisierender oder artifizieller Weise von „einfachen Leuten“, deren Schicksal durch die
Kriegs- und Nachkriegszeit bestimmt und erschwert wird. Heinrich Böll geht es darum,
Sprachempfindlichkeit wiederzuerwecken und für die Erbschaft des menschenverachtenden Vokabulars der
NS-Zeit zu sensibilisieren.
 Wie kein anderer Schriftsteller verkörperte Böll in den 50er Jahren das Gewissen der Republik und schuf
mit seinem Werk eine Art Gegengewicht zur restaurativen Atmosphäre der Adenauer-Zeit. Er kritisierte die
kollektive Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit und die wachsende Selbstzufriedenheit
angesichts des Wirtschaftswunders im Westteil Deutschlands.
 Bölls Gesellschaftskritik ist immer auch Sprachkritik. Gedankenloser Gebrauch der Sprache ist für ihn der
sicherste Hinweis auf eine Gesellschaft, die gefühllos und intolerant vor allem mit ihren schwächeren
Mitgliedern umgeht.
 Frühe Konsumkritik: Die frühen Erzählungen und Romane Heinrich Bölls beschreiben den Menschen
als ein Wesen, das mit Konsum und Kommerz allein nicht zufriedenzustellen ist. Es geht ihm darum, immer
wieder an den Traum eines gelingenden Lebens zu erinnern. Den Zukurz- oder Zuspätgekommenen, den
verkrüppelten Kriegsheimkehrern, den verwitweten Soldatenfrauen, die mit ihren bloßen Händen ein Land
wiederaufbauen, von dem andere schließlich den Rahm abschöpfen, gilt seine Anteilnahme.
 Im ersten Jahrzehnt seines literarischen Schaffens hat Heinrich Böll noch nicht viel von dem extrem
streitbaren Intellektuellen, dessen hohes politisches Engagement ihm in den 1960er und 70er Jahren den
Ehrentitel "Gewissen der Nation" einbringt. 1972 erhält er den Nobelpreis für Literatur.
1. Kurzgeschichten:
 Nachkriegsliteratur bzw. als Kriegs-, Trümmer- und Heimkehrerliteratur. In seinem
›Bekenntnis zur Trümmerliteratur‹ sagt Heinrich Böll, es sei Aufgabe des Schriftstellers, daran zu erinnern,
»daß die Zerstörungen in unserer Welt nicht nur äußerer Art sind und nicht so geringfügiger Natur, dass
man sich anmaßen kann, sie in wenigen Jahren zu heilen«. Für ihn war es eine Frage der Moral, Krieg und
Nachkriegszeit so zu beschreiben, wie sie wirklich waren. Böll verliert sich nicht in vordergründigem
Realismus. Sein Blick dringt in die Tiefen und erfasst in wenigen, scheinbar nebensächlichen Details den
Hintergrund jener Jahre, die heute mehr verdrängt als bewältigt sind. Er schrieb im Namen einer
verführten und geschundenen Generation, im Namen der Humanität. So fand das Schicksal jener Jugend,
die von der Schulbank in das Grauen des Krieges gestoßen wurde, in der unbestechlichen, prägnanten
Darstellung der Titelgeschichte seinen gültigen Ausdruck.
 Zentrale Themen sind die Erfahrung des Krieges und gesellschaftliche Fehlentwicklungen der
Nachkriegszeit in Deutschland. Kurzgeschichten oft um Frontheimkehrer, die mit Nachkriegsgesellschaft
konfrontiert sind, in der scheinbare Normalität herrscht, die Gesellschaft will nichts von den
Kriegserlebnissen wissen. Figuren sind Außenseiter;
 abrupte und willkürliche Anfang und Ende;
 Meister des kurzen Details;
 Nebeneinanderreihung von Hochsprache und Umgangssprache;
 Diskrepanz zwischen Sprache im Dialog und in den Beschreibungen - macht die Geschichte lebensnäher,
Belangloses besprochen, das Wichtige steckt in den Beschreibungen;
 zeitliche Oppositionen – damals/ früher vs. heute;
 realistische, nicht poetisierende Erzählweise;
 Naturbeschreibung- wirkt bedrückend, hoffnungslos, gespenstisch, kein Leben in der Natur selbst;
 Kontrast - Bahn (Reise) vs. Bahnhof (Anonymität, Pause im Leben);
 der Krieg entnimmt einem den Sinn und den Willen zu leben, Leben nach Kriegsende unmöglich, jedoch
wehrt sich Böll gegen die Sinnlosigkeit des Lebens;
 Farbensymbolik - trübe, abgetragene Farben - grau, schwarz, braun, dagegen weiß und rot.
 "Man ließ sich ein bisschen entnazifizieren" (Geschäft ist Geschäft): verfehlte Auseinandersetzung mit der
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Vergangenheit;
 Einige der besten Kurzgeschichten erschienen 1950 in dem Sammelband Wanderer, kommst du nach
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Spa… (Geschäft ist Geschäft, Der Mann mit dem Messer, Abschied, An der Brücke, die Botschaft), der
Bölls Ruhm als Kurzgeschichtenautor begründete. Mit der Titelgeschichte erzählt Böll die Geschichte eines
schwerverwundeten Soldaten am Ende des Zweiten Weltkriegs, der in ein Lazarett gebracht wurde. Als er
sich im Lazarett umsieht und den Zustand des Zeichensaales beobachtet und die heroischen und
militaristischen Bilder an der Wand sieht, erkennt er plötzlich, dass er in die gleiche Schule zurückgebracht
worden ist, von wo er vor einigen Wochen zuvor verlassen hatte.
 Zu einem ersten großen Erfolg für Heinrich Böll wurde sein Debüt bei der Gruppe 47 im Mai 1951. Zwar
hatte Böll zu diesem Zeitpunkt bereits einige Werke veröffentlicht, diese waren allerdings noch nicht auf
große Resonanz gestoßen. Die Einladung zur siebten Tagung der Gruppe 47 in Bad Dürkheim kam auf
Vorschlag Alfred Anderschs zustande. Böll las die Satire Die schwarzen Schafe und gewann bei seinem
ersten Auftritt den Preis der Gruppe 47.
 Die anschließenden Jahre bildeten die schöpferischste Phase im Leben Heinrich Bölls. Dies beweisen die
vielen Werke, die er hervorbrachte, unter anderem Wo warst du, Adam? (1951), Haus ohne Hüter (1954),
Irisches Tagebuch (1957), Billard um halbzehn (1959), Ansichten eines Clowns (1963).
2. Wo warst du, Adam? 1951.
 Kein traditioneller Roman, In verschiedenen episodenhaften Ausschnitten fügt Böll eine Collage aus
Eindrücken zusammen, die in ihrer Gesamtheit ein erschütterndes Bild der Zerstörung durch die
Kriegsmaschinerie bilden. keine Hauptfigur oder Held. Handelt episodenhaft von der Heimkehr eines
Soldaten von der russischen Front. Ort des Geschehens: Östliche Front in den letzten Jahren des zweiten
Weltkrieges. Es werden die Geschichten der Personen erzählt, die direkt oder auch nur indirekt den Weg
von Feinhals auf dem bildhaften Rückzug kreuzen. Vorgesetzte, andere Soldaten, eine alte slowakische
Wirtin, die seit Jahren die Deutschen vorrücken und wieder zurückziehen sieht, und eine katholische Jüdin,
deren Schicksal in das Konzentrationslager (und ihre Erschießung) dann verfolgt wird: sie alle zusammen
sind in diesem Roman Leidtragende eines nicht enden wollenden Prozesses, der sich Weltkrieg nennt.
 Titel: „Wo warst du Adam?“ fragt nach der Verantwortung des Menschen. Es ist eine unerbittliche Frage.
Der Roman beginnt mit zwei Zitaten, das erste von dem deutschen philosophischen Schriftsteller Theodor
Haecker steht in Verbindung mit dem Titel. „Eine Weltkatastrophe kann zu manchem dienen. Auch dazu,
ein Alibi zu finden vor Gott. Wo warst du, Adam? „Ich war im Weltkrieg.“ Mit dem zweiten Zitat von Saint-
Exupéry macht Böll niemanden für den Krieg verantwortlich: "Der Krieg ist eine Krankheit. Wie der
Typhus." Diese beiden Zitate setzen den pessimistischen Grundton des Romans und geben uns eine
Vorstellung davon, was vor uns liegt. Name Adam - symbolhaft für menschliche Schöpfung: zerstört sich im
Krieg!
 Thema: Absurdität und Sinnlosigkeit des Kriegs, Hoffnungslosigkeit menschlichen Lebens im Krieg durch
die fürchterlichen Schicksale des Soldaten, der Offiziere und Zivilbevölkerung und der Insassen der
Konzentrationslager. Pointiert erscheint es in mehreren Kapiteln als sinnloser, absurder, ja grotesker Tod
der jeweiligen Zentralfigur. Was diese Todesfälle absurd und auch unwürdig macht, ist die Tatsache, dass
alle diese Todesfälle vermieden werden konnten. In dem Roman wird ganz oft geschildert, dass die
Soldaten in dem Krieg nichts zu tun hatten. Sie haben viel Zeit und sie füllen diese, indem sie Alkohol
trinken und Zigaretten rauchen, weil das der einzige Weg ist, um die Sinnlosigkeit des Krieges zu tolerieren.
 Bezeichnet als „ein Grunddokument des deutschen Nachkriegsexistentialismus“;
 Sprache: lakonische Erzählsprache (wortkarg, einsilbig; kurz und treffend); exemplarisch für die
Trümmerliteratur; einfach, nüchtern, realistisch, wenige Symbole (präzise und hart).
 Erzählweise pessimistisch und dunkel, die durch Repetitionen von Wörtern und Dialogen und innere
Monologen hervorgehoben wird. Natur und Menschen sind müde, farblos und kaputt nach den Jahren der
Zerstörung. Im Roman werden kaum die Geschehnisse reflektiert, sondern das Leben als ein auf seine
Grundbedürfnisse reduziertes Dasein gezeigt. Essen und Trinken werden in den Schilderungen zu ebenso
wichtigen Informationen wie die Schilderung der Natur, in deren Leere (an der Ostfront) sich die innere
Leere des Geistes spiegelt.
 Anscheinend den Ereignissen des Krieges zum Trotz und wider besseres Wissen suchen die Charaktere
auch hier nach Leben und Liebe. Doch Böll enttäuscht jede Hoffnung und zeigt die Absurdität
menschlichen Lebens im Krieg: Feinhals' Vorgesetzter wird bei der Kapitulation vor den Russen durch
einen Blindgänger getötet, die Jüdin wird im KZ brutal ermordet, und Feinhals selbst stirbt am Ende auf
der Schwelle seines Elternhauses durch eine deutsche Granate (die weiße Kapitulationsfahne wird sein
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Leichentuch).
3. Haus ohne Hüter (1954) beschreibt die Situation zweier Nachkriegsfamilien, die auf unterschiedliche
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Weisen versuchen, mit dem Verlust der im Krieg gefallenen Väter umzugehen.
 Inhalt: Das Schicksal zweier zwölfjähriger Jungen und deren verwitweter Mütter in der Nachkriegszeit.
Die beiden zwölfjährigen Schulfreunde Heinrich und Martin haben ihre Väter, die im Krieg gefallen sind,
nie gekannt. Heinrich wächst in bedrückend ärmlichen Verhältnissen auf. Viel zu früh wird er in die Welt
der Erwachsenen gestellt und muss Verantwortung übernehmen. Seine Mutter, die anders als Nella weder
auf ein ererbtes Vermögen zurückgreifen kann noch einen Beruf erlernt hat, muss sich alleine
durchschlagen und hat schon mit zahlreichen unterschiedlichen Lebenspartnern gelebt. Sein Freund
Martin kennt keine finanzielle Not, ahnt jedoch, dass seiner Mutter bei allem Wohlstand etwas fehlt. Auch
nach über zehn Jahren kann sie den Tod ihres Mannes nicht akzeptieren; sie weigert sich, Briefe zu lesen
oder Onkel Albert, der für Martin die Stellung eines Ersatzvaters einnimmt, zu heiraten, und verliert sich in
Tagträumen, wie das Leben mit Raimund, Martin und weiteren Kindern hätte werden können. Der Roman
spielt zu Anfang der 1950er Jahre in einer Stadt am Rhein. Die Handlung wird aus der Sicht der fünf
Hauptfiguren erzählt – die Mütter, die Söhne, ferner der mit Familie Bach befreundete Albert Muchow.
„Onkel Albert“, wie er sowohl von Martin als auch von dessen Freund Heinrich Brielach genannt wird,
verkörpert für die Kinder eine Art moralische Instanz. Speziell für die beiden pubertären Jungen spielt die
Frage nach der Moral eine wichtige Rolle. Von der Gesellschaft werden die Gräueltaten des
Nationalsozialismus oft heruntergespielt; die verwitweten Frauen erfahren nur wenig Rückhalt.
 Ein immer wiederkehrendes Thema in den Werken Heinrich Bölls ist die Wiederherstellung der
Normalität, die bürgerliche Restauration der alten Bundesrepublik im Geist des rheinischen Katholizismus
kleinbürgerlicher Prägung. Die Personen werden scharf, zum Teil klischeehaft, unterschieden: Jene, die die
verbrecherische nationalsozialistische Vergangenheit ohne weiteres verdrängen und sich skrupellos ihrer
wirtschaftlichen Karriere widmen (Wirtschaftswunder), stehen im Gegensatz zu den anderen, die sich nicht
mit dem nahtlosen Übergang in die neue Ordnung abfinden können.
 Die Jungen Heinrich und Martin mit ihren durch den Krieg verwitweten Müttern stehen stellvertretend für
die Nachkriegsgeneration, deren Leben gekennzeichnet ist durch das Fehlen der Ehemänner und Väter und
durch die Auflösung tradierter Normen. Den Wiederaufbau nach dem verheerenden Krieg erlebt die
"vaterlose Gesellschaft" (Mitscherlich) ohne den Rückhalt einer Familie, ohne Einbindung in ein
Wertesystem. Die Menschen erleben auch, wie ehemalige Parteigänger der Nationalsozialisten durch
skrupellosen Opportunismus wenige Jahre nach Kriegsende erneut Karriere machen. Die Erfahrung der
Ohnmacht des Einzelnen angesichts dieser gesellschaftlichen Umstände prägt Bölls Gesamtwerk und auch
dieses Buch tief.
 polyperspektivische Erzähltechnik;
 schildert äußerst detailreich und authentisch die Lebenswirklichkeit jener Jahre.
 Sprache: nüchtern, oft sogar lakonisch.
4. Billard um halb zehn: ein Roman, der die rheinische Architektenfamilie Fähmel über mehrere
Generationen vom Beginn des 20. Jahrhunderts über Nazizeit und Zweiten Weltkrieg bis in die
Nachkriegszeit betrachtet.
 Inhalt: spielt sich an einem Tag ab – am 6. September 1958. Ausgangspunkt ist der bevorstehende 80.
Geburtstag von Heinrich Fähmel. Im Laufe der Vorbereitungen zum Fest drängen die Schatten der
Vergangenheit unaufhaltsam an die Oberfläche der scheinbaren Familienharmonie. Die politischen und
persönlichen Verstrickungen einzelner Familienmitglieder werden peu à peu aufgedeckt und gipfeln
schließlich in einem Anschlag: Mutter Fähmel schießt auf einen früheren Nazi, der es auch in der jungen
Bundesrepublik zu Ansehen und politischem Einfluss gebracht hat. Eine Leidenschaft des Robert Fähmel
ist hierbei das Billard spielen zwischen halb zehn und elf mit einem Angestellten des „Hotel Heinrich“.
Während des Spielens tauschen sich die beiden Männer immer wieder über Geschehnisse aus ihrer
Vergangenheit aus. Entscheidend bei all den Erinnerungen ist hierbei die einst unter Heinrich Fähmel
erbaute Abtei St. Anton. Diese Abtei war der erste große Auftrag, den der junge Architekt damals unter
seinem Namen ausführen durfte. in den letzten Stunden des Zweiten Weltkrieges sollte jene Abtei noch
gesprengt werden. Ausgerechnet Robert Fähmel, Heinrichs Sohn, musste diese Sprengung vornehmen. Der
Vater hat niemals etwas davon erfahren. Doch Roberts Sohn, Joseph Fähmel, wird ebenfalls Architekt. Er
kümmert sich um den Wiederaufbau der Abtei St. Anton. Plötzlich entdeckt er Hinweise, die darauf deuten,
dass einst sein Vater diese Sprengung veranlasst hat. Joseph gerät in einen inneren Konflikt, an dessen
Ende er sich entscheiden muss: Führt er seine Arbeit an der Abtei fort und stellt sich damit auf die Seite
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seines Großvaters? Oder beendet er sein Leben als Architekt und lässt die Abtei zerstört, womit er sich auf
die Seite seines Vaters stellen würde?
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 Spiegel dieser Epoche: allerdings ein zersplitterter, denn Bölls Erzählweise ist alles andere als
kontinuierlich. Darin zeigt sich der Einfluss des Amerikaners William Faulkner, des Pioniers der
literarischen Moderne.
 Die Figuren sind teils Nazis, teils Mitläufer und Karrieristen und teils Nazigegner.
 Stil: Das Werk ist stark symbolisch aufgeladen, fast überfrachtet; von sehr viel Tragik und Ehrlichkeit
geprägt. Rückblenden; viele Metaphern und Symbole Spiegel, welche sich durch das Buch hindurch ziehen.
 für Böll typische Subthemen wie Gesellschafts- und Politikkritik, hier vor allem im Hinblick auf die
restaurativen Tendenzen der Adenauer-Zeit.
 der Trümmerliteratur zuzurechnen; es gilt als Klassiker dieses Genres. Er wandte sich der Nachkriegszeit
zu: der Trümmerwirklichkeit und dem Nachkriegselend, den restaurativen Tendenzen in der jungen
Bundesrepublik Deutschland und der problematischen Beteiligung der katholischen Kirche an den
entstehenden politischen und ökonomischen Machtkartellen, den Hoffnungen und Widersprüchen der
›Wirtschaftswunder‹
 Der Roman ist Bölls wohl symbolträchtigster: Nicht nur steht die Abtei für Destruktion und
»Restauration«. Böll stellt in Billard um halb zehn zwei Gruppen gegenüber, die gewalttätigen »Büffel« und
die friedfertigen und wehrlosen »Lämmer«. Die einen, die Machtmenschen, während des Dritten Reiches
NS-Anhänger, besetzen bald wieder hohe Regierungsämter, während die anderen durch Folter, Flucht und
andere Leiden »gebrochene« Menschen geworden sind.
5. „Das Brot der frühen Jahre“ 1955 – das geteilte oder verweigerte Brot wird zum Zeichen der bedrohten
oder wieder gewonnenen Mitmenschlichkeit. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der jetzt 24 ist, am
Kriegsende 13 oder 14 war, in die Stadt kommt, zunächst hungert, dann aber ‚mitmischt‘, auf Karriere setzt,
diese sogar macht – und dann durch die Liebe zu einem jungen Mädchen in eine andere Richtung gezogen
wird. Walter Fendrich, Hauptfigur dieser Liebesgeschichte in den Wirtschaftswunderjahren, hat eine
wechselvolle Geschichte hinter sich. Der Protagonist Walter Fendrich berichtet in der Retrospektive von
seinem bisherigen Leben und dem Tag, an dem dieses eine entscheidende Wende nahm. Er wuchs auf in
ärmlichen Verhältnissen und war von einem gierigen, geradezu zwanghaften Verlangen nach Brot besessen.
Die Hartherzigkeit seiner Umgebung trieb ihn in den Diebstahl, und schließlich ging es Walter nur noch um
Geld. Es wurde zum einzigen Lebenszweck, und erst die Macht, mit der ihn die Liebe zu Hedwig erfasst,
führt ihn zu lange vergessenen Wertmaßstäben zurück. Nach dem Krieg begann er ziellos mehrere
Berufsausbildungen, versuchte sich erfolglos als Banklehrling, Tischler und Verkäufer, und auch seine
Elektrikerlehre schloss er ohne Begeisterung ab. Schließlich findet er ein einträgliches Auskommen als
Waschmaschinen-Mechaniker, ohne jedoch mit seinem Leben zufrieden zu sein. Böll zeichnet in dieser
Erzählung das Bild eines durch die Nöte des Krieges und die Armut der Nachkriegsjahre abgestumpften
Mannes, der das Animalische in seinen Leidensgenossen erkennt, ohne es zu verurteilen; er selbst hat im
Krieg dieses Animalische in sich gespürt. Der Hunger hat ihn zum Wolf gemacht, zu einem Wesen, dessen
einziger Lebensdrang die Überwindung der stumpfen Leere seines knurrenden Magens war. Das Brot der
frühen Jahre Deutschlands nach dem Krieg wird zur Maßeinheit im Leben eines jungen Mannes, der sich
inmitten einer feindseligen und emotional kalten Atmosphäre mit allerlei nach kurzer Zeit stets verhassten
Tätigkeiten durchschlägt, bis er schließlich mit der Reparatur von Waschmaschinen zu einer gefragten
Person wird. Nichts ist wichtiger als genug Brot zu haben, am besten mehr als er selbst essen kann. Auch
später noch, als es der Protagonist zu etwas Wohlstand gebracht hat und er sich längst teureres Essen
leisten kann, lässt er es sich nicht nehmen, etwa im Café einfache Brötchen zu bestellen und aufzubrechen.
Das ändert sich, als sein Vater ihn in einem Brief bittet, die Tochter eines Kollegen vom Bahnhof abzuholen,
die zum Studium in die Stadt zieht. Die Begegnung mit der zwanzigjährigen Hedwig, einer flüchtigen
Bekannten aus Kindertagen, wird für Walter zum Wendepunkt. Er setzt alles daran, die junge Frau zu
gewinnen, und legt dabei eine Entschlossenheit an den Tag, die ihn an seine Kindheit erinnert. Walter, der
den Hunger und die Ausbeutung der Nachkriegsjahre miterlebt hat und nunmehr die Menschen nur noch
nach ihrer Großzügigkeit einordnet, findet in Hedwig zum ersten Mal einen Menschen, den er
bedingungslos lieben kann. Es passiert wenig in dieser Erzählung, die dabei jedoch einen Eindruck von der
Stimmung im Deutschland der Nachkriegszeit vermittelt. Vielmehr bietet das Erscheinen der jungen Frau
den Anlass, all die Dinge zu erkennen, denen er seit Jahren einsam gegenübersteht, die ihn trotz
finanzieller Sicherung einsam gemacht haben. Dies möchte er nun ändern ... (hier endet die Erzählung).
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Thema 9. Die Prosa von G. Grass in den 1950er und 1960er Jahren. Die Poetik der
Entfremdung. Die Abrechnung mit Krieg und Faschismus in der Danziger Trilogie: Die
Blechtrommel, Katz und Maus und Hundejahre.

I. Allgemeines:
 deutscher Schriftsteller, Bildhauer, Maler und Grafiker.
 1927 in Danzig geboren, seit 1919 war Danzig der selbstständige Freistaat »Freie Stadt Danzig«. Am 1.
September 1939 ging dieses Staatsgebilde durch den deutschen Überfall auf Polen zu Ende. Grass verlor
seine Heimat: 1945 mussten die Familienangehörigen Danzig verlassen.
 gehörte seit 1957 zur Gruppe 47 und wurde mit Die Blechtrommel 1959 zu einem international geachteten
Autor der deutschen Nachkriegsliteratur.
 Der Zweite Weltkrieg brach mit aller Gewalt in das Leben des Jugendlichen ein und erwies sich als
Erfahrung, die größte Teile von Grass' späterem Schaffen bestimmen sollte. Mit nur 15 Jahren floh er aus
der familiären Enge als Freiwilliger zu einer U-Boot-Truppe der Kriegsmarine und wurde dann Mitglied der
Waffen-SS. Er wurde in der Lausitz verwundet und geriet schließlich in amerikanische
Kriegsgefangenschaft.
 Gemeinsam mit Heinrich Böll, Carola Stern und anderen gab er die viermal jährlich erscheinende
Zeitschrift L'80 (Demokratie und Sozialismus. Politische und literarische Beiträge) heraus.
 Seine zentrale Motivation war der Verlust seiner Heimat Danzig und die Auseinandersetzung mit der
nationalsozialistischen Vergangenheit. Seine Popularität als Schriftsteller nutzte er häufig, um das
politische und gesellschaftliche Tagesgeschehen öffentlich zu kommentieren. Er war langjährig in
Wahlkämpfen für die SPD und die Grünen aktiv und präsent.
 1999 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, er wurde mit einer Vielzahl weiterer Auszeichnungen geehrt.
 „Schreiben gegen das Vergessen“: Seine Werke thematisieren den Nationalsozialismus und Folgen für
die BRD. Schuld.
 durchgehende Tendenz, autobiographische Aspekte bewusst einzubauen wie auch zu verschleiern.
 Vertreter des "magischen Realismus": Die Texte des magischen Realismus zeichnen sich durch eine
Vermischung von fantastischen mit realistischen Elementen aus. Hiermit soll nicht eine Infragestellung der
Wahrheit generell erzielt werden. Durch die Verfremdung bislang vertrauter und selbstverständlicher
"Wirklichkeiten" soll vielmehr eine andere Sicht der Dinge und damit eine neue Interpretation der
Wirklichkeit ermöglicht werden.
II. Danziger Trilogie: Endgültiger Heimatverlust ist für die »Danziger Trilogie« das zentrale Thema.
1. Die Blechtrommel (1959): 1958 den Preis der Gruppe 47:
 Geschichte der kaschubischen Familie Matzerath von 1899 bis 1954 aus Sicht ihres kleinwüchsigen Sohnes,
Oskar. Die Familiengeschichte der Matzeraths als deutsche Nationalgeschichte. Die Danziger Jugend
Oskars (und Günter Grass’) fällt zusammen mit Aufstieg und Untergang des deutschen
Nationalsozialismus. Oskar wird mit seiner individuellen »großen Schuld« zur Personifizierung der
nationalen Schuld der Deutschen.
 die eigene Geschichte nicht zu verdrängen oder leichtfertig zu vergessen.
 Viele Tabuverletzungen in Oskars Kindheitserinnerungen, Bildungs-, Front- und Liebesabenteuern.
 Der Roman macht den Kausalzusammenhang von kleinbürgerlicher Alltäglichkeit und Geschichte
erkennbar. Es sind nicht die anderen, die Geschichte machen, sondern es ist die Masse der Mitläufer, das
heißt jeder Einzelne, der dem Nationalsozialismus keinen Widerstand entgegensetzt, sondern sich freiwillig
mit der neuen Ordnung arrangiert und ohne Bedenken mitmacht.
 Sprache: bildlich; Sprichwörter und stehende Wendungen, die soziale Hintergründe erhellen. sinnliche,
lustvolle Sprache des Romans hat ein Vorbild in der Barockliteratur. distanziert und mitunter deftig.
 Stil: „Prototyp des neuen Romans“; lebensnahe Schilderung der Lebenswirklichkeit des Kleinbürgertums
während des Zweiten Weltkrieges; Erzählen in Gegensätzen als Erzählmethode; Oskar Ich-Erzähler mit
auktorialen (allwissenden) Zügen, der sich auch häufig in der dritten Person als „Oskar“ anspricht.
 Oskar hat alle Hauptmerkmale des pikarischen Protagonisten. Der Held des ironisch-parodistischen Romans
ist ein Gnom und Tabubrecher, der die Gesellschaft mit dem Blick von unten entlarvt, ist keine psychologische Figur,
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sondern eine Kunstfigur, eine Groteske. Aufgrund seiner äußeren Unterentwicklung bleibt er isoliert von der
Welt und ist schon früher auf die Gräueltaten des Lebens gestoßen. Oskar bricht mit seiner Familie und
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beginnt um die Welt zu wandern, um seine Lebenserfahrungen kontinuierlich zu bereichern. Er lernt


schnell den Unterschied zwischen den moralischen Anforderungen und der praktischen Lebensmoral,
verliert seine ursprüngliche Illusionen und erlernt die Kunst des Überlebens, welche seine Tage in einer
Reihe von gegenstandslosen Episoden verwandelt. Schließlich wird er zu einem typischen Vertreter der
sozialen Ordnung, die er in seiner Jugend bestritten hat.
 Oscar Matzerath beschreibt seine Erfahrungen, ohne sich von ihnen zu distanzieren, ohne sie zu beurteilen,
indem er sie der Gewalt der Umstände unterwirft. In seiner Odyssee beobachtet er verschiedene Formen
der Kommunikation, verschiedene soziale Klassen, Berufe, Menschentypen, Städte und Nationen.
Letztendlich führen alle seine Abenteuer zu seiner einzigen bedeutenden Erfahrung - der Erkenntnis der
Sinnlosigkeit und Absurdität der Existenz. Oscar begreift die Welt als unübersehbar und chaotisch, sein
ultimatives Wissen.
 Aufbau: Der Roman ist aus 3 Büchern aufgebaut. Das 1. Buch beschreibt die Zeit vor dem zweiten
Weltkrieg, das 2. Buch die Zeit während des zweiten Weltkrieges und das 3. Buch die Zeit in
Westdeutschland nach dem 2. Weltkrieg. Es gibt zwei Ebenen, einmal die Erzählzeit, welche die beiden
Jahre des Schreibens umfasst und die Zeit der Jahre 1889 bis 1954, von der erzählt wird.
 Schauplätze: Danzig (polnische Minderheit; Oskar aus kaschubischer Familie: weder polnisch, noch
deutsch, Oskar Polnisch – Trommel rot-weiß); Düsseldorf (autobiografisch geprägt von etlichen realen
Düsseldorfer Erlebnissen); Paris;
 Hauptpersonen: Das umfangreiche Personenensemble wird auf Personengruppen konzentriert: die
Familie Matzerath, kaschubisch-deutsch-polnische Kleinbürger; die Einwohner des Labesweges, ebenfalls
Kleinbürger und Handwerker; die Freunde Oskars sind künstlerisch veranlagte Menschen ohne auffallende
soziale Kontur; Nebengestalten, zu denen auch Krankenschwestern und der Pfleger Bruno gehören;
fantastische und mythische Figuren (z. B. die Schwarze Köchin, Jesus und Satan).
 Oskar als Opfer (von anderen Kindern gequält), Beobachter (des Krieges), Mittäter (Mitglied des
Fronttheaters, also für das Propagandaministerium arbeitet), Widerstandskämpfer (dabei bei der
Verteidigung der Polnischen Post, lehnt sich als Führer der Stäuberbande auch gegen die Hitlerjugend auf).
 Inhaltii:
 Rahmen: Oskar Matzerath befindet sich in den Jahren 1952 bis 1954 in einer Heil- und Pflegeanstalt, in
der er seine Lebensgeschichte zu Papier bringt und dabei auch von aktuellen Geschehnissen berichtet, so
beschreibt er die Gespräche mit seinem Pfleger Bruno sowie dessen in seinem Zimmer befindliche
„Kunstwerke“ aus verknoteten Bindfäden sowie die Besuchstage, an denen ihn Freunde und Verwandte
besuchen. Oskar erzählt von seinen Abenteuern mit den Irrungen und Wirrungen der deutschen und
polnischen Danziger vor und während des Zweiten Weltkriegs. Aber auch die Verwicklungen in seiner
Familie, seinen Amouren und seinem Protest gegen die Nazis werden zum Thema.
 Die eigentliche Handlung besteht aus oft nur locker zusammengefügten Episoden. handelt von dem
infantilen Sonderling Oskar Matzerath, der von seiner „Kinderperspektive“ aus die Erwachsenenwelt
beschreibt und dank seiner Blechtrommel auch über Ereignisse berichten kann, an denen er nicht
unmittelbar beteiligt war, wie zum Beispiel die Geburt seiner Mutter. Schon im Alter von drei Jahren hatte
Oscar beschlossen, sich der Welt zu verweigern, einfach nicht mehr weiter zu wachsen, und hatte sich
anschließend mit einem gewagten Sturz selbst in die gezielte Kleinwüchsigkeit befördert. Bedingt durch
diese Tat bleibt er gerade 94 cm groß. Nur diese Maske des Kindes und seine Trommel ermöglichen es
ihm während der Vorkriegs- und Kriegszeit zu überleben. Gleichwohl fühlt er sich, da „innerlich und
äußerlich vollkommen fertig“, den Erwachsenen weit überlegen. Seine Mutter schenkt ihm eine
Blechtrommel, die für ihn zum Kommentar-, Appell-, Hilferuf- und Alarminstrument wird. Außerdem
kann er bei Bedrohungen oder Kränkungen so schreien, dass es Fenster-, Brillen- und sonstige Gläser
zersplittern lässt. Der Wahrheitsgehalt von Oskars Geschichten erscheint oft zweifelhaft.
 Am Ende des zweiten Buchs beschließt Oskar, wieder zu wachsen. Zu Kriegsende begräbt Oscar seine
Trommel. Auch sein Schweigegelübde löst er auf. So bricht er symbolisch und abrupt mit seiner
Künstlerlaufbahn, mit dem Ziel, nunmehr einundzwanzig und vernünftig geworden, auch gesellschaftliche
Verantwortung zu übernehmen. Zumindest gedenkt er dies am Grab von Matzerath zu tun. Und doch lässt
ihn die Kunst nicht los, er kehrt wieder zu ihr zurück, erst als Steinmetz, später als Modell und
Schlagzeuger, um letztlich wieder zu seinem altbewährten Instrument zurückzukehren: Der
Blechtrommel.
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 Im dritten Buch, das ganz anders ist als die ersten beiden, hat Grass viel Autobiografisches in seinem
Helden Oskar verarbeitet - etwa seine Zeit als Kunststudent in Düsseldorf oder den Parisaufenthalt.
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 Reihung und Ineinanderverschachtelung von Episoden.


2. Katz und Mausiii, 1961, ist eher eine Novelle. Erzählt wird die Geschichte des Außenseiters Mahlke aus
der Sicht seines Schulkameraden Pilenz während des Zweiten Weltkriegs in Danzig. Was Joachim Mahlke
auszeichnet, ist ein Defekt. Sein übermäßig entwickelter Adamsapfel macht ihn zum Gespött der
Schulkameraden. Mahlke, der Verlierer, der vergeblich um Liebe und Anerkennung buhlt und sich dabei
immer weiter von den Menschen entfernt, ist sein kurzes Leben lang mit nichts anderem beschäftigt als
damit, diesen Auswuchs zu verdecken, Fertigkeiten zu entwickeln, die ihn zum Sieger machen. Seine
Individualität bezahlt er mit Einsamkeit und Isolation, weil es für Nonkonformisten wie ihn in der
Gesellschaft der 40er Jahre keinen Platz gibt. Er beweist sich als Sportskanone, wird Soldat und will
schließlich desertieren angeekelt vom Krieg. Als Panzerkommandant erringt er das Ritterkreuz, das, um
den Hals getragen, sehr gut zum Ablenken geeignet sein müsste. Aber selbst dieser Orden verwandelt die
Maus nicht in eine Katze. Sein Schulfreund Pilenz wird zum Verräter an Mahlke. Die Geschichte beginnt auf
einem Schlagballfeld, als Pilenz sich eine Katze schnappt und diese an den Kropf des schlafenden Joachims
setzt; dieser stellt also die Maus dar. Joachim Mahlke, der sich mit seinem übergroßen Adamsapfel
herumplagt, gilt durch sein merkwürdiges Verhalten als Sonderling und Außenseiter. Seine
Schulkameraden begegnen ihm mit einer Mischung aus Abneigung und Bewunderung. Bewunderung für
seinen Mut und herausragende Leistungen, Abneigung für seine Verschlossenheit und seine vermeintliche
Überlegenheit. Mahlke setzt Trends und isoliert sich, er stiehlt das Ritterkreuz und erlangt es schließlich auf
legalem Wege, er triumphiert und verliert zugleich. Es stellt sich die Frage: Wofür das alles? Der Drang,
seinen Makel zu verbergen treibt Mahlke zu vielen Taten, wobei das Ritterkreuz eine immer
wiederkehrende Rolle einnimmt. Es lässt sich sagen, dass der Orden die Verbindung zwischen Mahlkes
Zielen darstellt und somit Dreh- und Angelpunkt des gesamten Buches ist. Zum einen lässt sich durch das
Stück Metall hervorragend der Adamsapfel verbergen, zum anderen räumt die hohe Auszeichnung Joachim
Mahlke Anerkennung und Aufmerksamkeit ein. Doch diesen Ehrgeiz entwickelt der junge Mann erst im
Laufe der Geschehnisse.
 Wie die beiden anderen Teile von Grass’ Danziger Trilogie, Die Blechtrommel und Hundejahre, behandelt
auch dieser die Frage der individuellen Schuld während der Nazidiktatur: Den Ich-Erzähler Pilenz quälen
Gewissensbisse, weil er dem schlafenden Mahlke vor Jahren eine Katze auf den vergrößerten Adamsapfel
gesetzt hat; Mahlke war von nun an das Gespött der Leute. War sein späteres Unglück also die Folge eines
Jungenstreichs? Die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen bleibt offen.
 Katzen sind Raubtiere und reichlich gnadenlos, wenn sie in Aktion sind. Die Katze ist die Gesellschaft, die
„Normalen“, die Mahlke bedrohen, den Andersartigen, der er sich daher verzweifelt ziemlich vergeblich
anpassen will. Mahlke ist der Außenseiter, der Gejagte und ein Opfer des Nationalsozialismus.
3. Hundejahre, 1963, beschäftigt sich mit Nazizeit, Weltkrieg und dem Ungenügen der sogenannten
Vergangenheitsbewältigung. Der Roman ist wieder in drei Bücher eingeteilt.
 Stil: längeren philosophischen Gedankenspielen, die auf den späteren Grass hinweisen.
 Titel: Der Titel bezieht sich übrigens auf Hitlers Hund, an dessen Stammbaum Grass den Irrsinn der NS-
Rassenideologie böse persifliert. Grass kommt ausführlich auf Hundestammbäume zu sprechen und
persifliert dadurch die nationalsozialistische Ideologie, wonach Persönlichkeitseigenschaften auf das „Blut“,
mithin die Herkunft zurückzuführen seien. Daher der Titel „Hundejahre“, der natürlich zugleich deutlich
macht, was im Nachhinein jeder weiß: Es waren schlechte Jahre für das Land. Eine nicht unwesentliche
Rolle kommt also dem deutschen Schäferhund Pluto zu: Sein erster Herr hieß Hitler, sein zweiter Walter
Matern.
 Inhalt: Anhand der Hauptfiguren Eduard Amsel und Walter Matern und deren Lebensläufen rollt Grass
das Panorama der deutschen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die Zeit des
Wirtschaftswunders hinein auf. Erzählt wird aus drei verschiedenen Perspektiven, die auch ineinander
verschränkt werden. Matern ist zunächst Kommunist, später SA-Mitglied. Weitere zentrale Rollen nehmen
Pluto, der einst der Hund Adolf Hiltlers war, und Amsels Freundin, die Balletttänzerin Jenny, ein.
 Schauplatz ist wie auch schon in den anderen Werken der Danziger Trilogie Danzig, zur Zeit vor, während
und nach dem Nationalsozialismus.
Thema 12. Die Politisierung der Literatur in den 1960er Jahren und das Drama in der
Bundesrepublik. Da s dokumentarische Theater: Rolf Hochhuth, H. Kipphardt, Peter Weiss.
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I. Die Politisierung der Literatur: Lassen sich die 50er Jahre als Epoche politischer und ökonomischer
Restauration bezeichnen, so die 60er als Jahrzehnt der Veränderungsbewegungen, geprägt von
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Aufbruchsstimmung und zunehmenden Unruhen.


1. Protestbewegungen 1963-1974:
 zunehmende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit; Man hatte sich von dem unmittelbaren Schock
der Geschehnisse erholt und sich mit den unbegreiflichen Tatsachen vertraut gemacht;
 Auschwitzprozesse 1963-1965;
 Fragen von Schuld und Unschuld: Neue Enthüllungen bezüglich der Verbrechen des Nationalsozialismus,
Folge: die verdrängte Schuld wird allgemein bewusst und empört die Generation der Kinder gegen die
Eltern;
 Die Bequemlichkeit derer, die der Vergangenheit den Rücken gekehrt und sich in Verleugnung und
Verneinung eingerichtet hatten, wurde öffentlich angeprangert, die Jugend begehrte auf gegen die
Unfähigkeit der Geschichtsbewältigung.
 Kästner: „motorisierter Biedermeier“: Auf die restaurativen Entwicklungen der Ära Aderrauer mit
Wirtschaftsaufschwung, gesellschaftlichen Verkrustungen und Konformismus, mit einer Kulturszene, die
sich ins soziale Abseits gedrängt oder auf prinzipielle Oppositionshaltungen festgelegt sah, folgen
Bewegungen eines politisch-kulturellen Selbstbewusstseins, das auf einen grundsätzlichen Wandel drängt.
 Bau der Berliner Mauer 13.08. 1961;
 Empörung verursacht auch der Krieg in Vietnam;
 Einschränkung der Demokratie durch die Bildung der Großen Koalition CDU und SPD 1966, sowie die
Notstandgesetze, die den Bundesbürger in Krisenfällen elementarer Grundrechte beraubt.
 Anklagende Stimmen, schwelende Aggression, die erst nur unterdrückt existierte: Studentenrevolten und
Protesten 1967-1968 gegen das Regime. Die 68er-Zeit war indessen von der Vorstellung erfüllt, dass die
politische und gesellschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik auf eine katastrophale Weise verfehlt sei
und auf eingreifende Weise korrigiert werden müsse. 
 1970 kam es zu den ersten Terroranschlägen der RAF;
 Die Existenzphilosophie von Jaspers und Heidegger durch die Kritische Theorie der Frankfurter Schule
abgelöst: Theodor Adorno, Max Horkheimer, der es auf die gesellschaftliche Veränderung mit dem Ziel
zunehmender Selbstbestimmung der Menschen ankommt. Die drei Hauptbeobachtungsfelder der
Kritischen Theorie sind die Ökonomie, die Entwicklung des Individuums und die Kultur. In einer
Kombination marxistischer und psychoanalytischer Perspektiven wird insbesondere die „Gesellschaft“
kritisch betrachtet. Sie wird nicht nur als eine Gesamtheit von Menschen in einer bestimmten Zeit
aufgefasst, vielmehr werden gesellschaftliche Verhältnisse analysiert, die dem Einzelnen übermächtig
gegenüberstehen und den Charakter und die Handlungsmöglichkeiten der Menschen einschränken.
2. Einfluss auf die Literatur:
 zunehmende Unterwanderung der Kunst und der Literatur. Literatur konnte nicht mehr getrennt von
Politik existieren, sie nahm sich der Fragen der Zeit an und versuchte, diese poetisch aufzuarbeiten.
 Identitätsunsicherheit: Die eigenen Erfahrungen werden geschildert und die Erzählungen sind teilweise
autobiografischer oder dokumentarischer Natur. Deutsche Teilung; Heimat als Verlust;
 Kritik an konventionellen Denkweisen => sollten durch das Spiel mit sprachlichen Strukturen verändert
werden;
 Kritischer bzw. satirischer Blick auf die Wirklichkeit
 Persönliche Schuld des Einzelnen
 Groteske (eine übertriebene und dadurch witzige Erzählung oder Drama)
 Im Zuge der großen Prozesse, vor allem des ersten Auschwitz-Prozesses, der in den Jahren 1963-1965 in
Frankfurt stattfand, wandelte die Literatur ihre Vorzeichen und Vermittlungsformen. Die Kurzgeschichten
und die Lyrik, die vor allem in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts innerhalb der Literatur dominiert
hatten, wurden abgelöst von der Stilform des Dokumentarismus.
 Dokumentarliteratur: Anfang der 1960er Jahre entstand die Dokumentarliteratur in Opposition zu den
fiktiven Schreibweisen des absurden Theaters, der Parabel, des Zeitstücks oder -romans, denen Autoren wie
Rolf Hochhuth, Peter Weiss, Hans Magnus Enzensberger oder Heinar Kipphardt politische
Wirkungslosigkeit vorwerfen. Die Dokumentarliteratur greift dagegen mit gesellschaftskritischer Intention
auf Dokumente und Fakten zurück, die sie arrangiert, um die fiktive Fabel durch einen historischen
vorgegebenen Geschehensablauf zu ersetzen. Damit wird die Frage nach dem Verhältnis zwischen Literatur
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und Realität neu gestellt. Die Auswahl, Anordnung und Aufbereitung des dokumentarischen Materials soll
Widersprüche und Alternativen erkennbar machen und zugleich die Manipulierbarkeit von Fakten
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thematisieren. Bevorzugte Formen sind daher Reportage, Bericht, das Drama als Verhör oder Verhandlung,
häufige Techniken sind Montage, Sampling und Collage.
 Die Politisierung der Literatur wurde nicht in jeder Hinsicht positiv aufgenommen, gegen Ende des
Jahrzehnts wurde immer häufiger die Frage in den Raum gestellt, worin der Sinn der Literatur bestehe, sie
hatte sich zunehmend dem Bewusstsein einer notwendig werdenden Neuakzentuierung auszusetzen.
II. Das dokumentarische Theater:
 Das dokumentarische Theater behandelt historische oder aktuelle politische oder soziale Ereignisse.
 Erwin Piscator: umfunktionierte das Theater unter Ausweitung der bühnentechnischen Möglichkeiten
zum ‚politischen Tribunal‘ in den 20er Jahren. In den 1950er und 1960er Jahren traf er erneut den Nerv der
Zeit mit Inszenierungen von Gegenwartsstücken zur NS-Vergangenheit. Damit leitete er eine Phase des
Gedächtnis- und Dokumentartheaters ein, die auf breiter Ebene zu gesellschaftlichen Debatten um Fragen
der Geschichtspolitik führte.
 Drama als Verhör oder Verhandlung;
 Es stellte literarische Ansprüche zugunsten zeitgeschichtlicher und politischer Ansprüche bewusst zurück .
 Quellen: juristische oder historische Reportagen, Berichte, Dokumente und Interviews;
 authentisches Material übernommen und i.d.R. unverändert wiedergegeben, jedoch fiktionale Kunstform.
 Komposition des Roh-Stoffes und Konzentration aufs Wesentliche. Unwichtiges wird weggelassen, um
Aufklärung, Konfrontation und Agitation zu erreichen. Angestrebt wird Realismus, nicht Naturalismus.
 einschüchternde Authentizität wie zum Beispiel genaue Nachbildung von Gerichtssälen etc., verzichtet um
den Zuschauer nicht unnötig von den Fakten abzulenken.
 Instrument politischer Meinungsbildung, bleibt jedoch Kunstprodukt.
1. Peter Weiss:
 „Die Stärke des dokumentarischen Theaters liegt darin, dass es aus den Fragmenten der Wirklichkeit ein
verwendbares Muster, ein Modell der aktuellen Vorgänge, zusammenzustellen vermag, ein
dokumentarisches Theater, das in erster Hand politisches Forum sein will, und auf künstlerische Leistung
verzichtet, stellt sich selbst in Frage.“
 „Die Ermittlung. Oratorium in elf Gesängen“: thematisiert den ersten Frankfurter Auschwitzprozess
(gegen die Wachmannschaft des Konzentrationslagers Auschwitz) von 1963 bis 1965 mit den Mitteln
des dokumentarischen Theaters. Das Drama enthält Fakten, wie sie bei der Gerichtsverhandlung zur
Sprache kamen, allerdings in rhythmisierter Sprache. In elf Gesängen lässt der Autor die faktenreichen
Aussagen der anonymen Zeugen gegen die der namentlich genannten Angeklagten und ehemaligen SS-KZ-
Aufseher stehen. Die Aufführungen waren mehr Lesungen als szenisches Spiel. Das Geschehene wird
sachlich, nüchtern und ohne Emotion rekapituliert. Durch den Verfremdungseffekt wird eine intensivere
dramaturgische Wirkung auf den Zuschauer erzielt. Demselben Zweck dient die Rhythmisierung der
Sprache in den Aussagen der Figuren. Angesichts einer Universalisierungsstrategie vermeidet der Autor im
gesamten Stück eine Erwähnung des Worts „Jude“. Stilistisch setzt sich das Stück aus Dokumenten
zusammen, die in Montagetechnik verbunden wurden mit der poetischen Sprache, faktisch Gegebenes und
Dichtung verschränkten sich ineinander und suchten so, eine Ausdrucksform für das zu finden, was kaum
auszudrücken zu sein schien.
2. Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“ 1963: maßgeblicher Anreger des Dokumentartheaters. Als
rigoroser „Moralist und Mahner“ setzte sich Hochhuth wiederholt mit der NS-Vergangenheit und aktuellen
politischen und sozialen Fragestellungen auseinander.
 Befasst sich mit der Frage der moralischen Schuld der katholischen Kirche während des Zweiten
Weltkriegs. Es schildert die Versuche des fiktiven Jesuitenpaters Riccardo Fontana, das Oberhaupt
der römisch-katholischen Kirche, Papst Pius XII., von der Deportation und massenhaften Vernichtung von
Juden in Konzentrationslagern durch NS-Deutschland in Kenntnis zu setzen. Frage: Warum schwieg „der
Stellvertreter“ Gottes auf Erden, Papst Pius II., zu den Judenmorden?
 „christliches Trauerspiel“;
 Denkwürdiger Fall der deutschen Theatergeschichte: zuerst ein Politikum, dann ein literarisches Werk. In
der Adenauer Zeit war man darauf bedacht, die Kirche als die Hüterin moralischer Werte darzustellen.
Hochhuths Stück bricht diese Tabus in der öffentlichen Darstellung, verschafft der erstickenden
Demokratie frische Luft, kommt aber den alten Nazis sehr gelegen, weil es ihnen einen willkommenen
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Sündenbock liefert und die öffentliche Meinung von der Vergangenheitsbewältigung ablenkt.
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 Historisch-literarischer Kontext: Verfremdung von historischen Themen und eine Fülle von allegorischen
und absurden Stücken. In diesem Sinne ist Hochhuths Zugriff unter Verwendung authentischer Dokumente
überraschend. Rückgriff auf den eigenverantwortlichen Menschen.
 Rolf Hochhuth geht in "Der Stellvertreter" davon aus, dass sich der einzelne Mensch frei entscheiden kann
und muss, auch wenn er Repräsentant ("Stellvertreter") einer Organisation ist. Ob der Papst angesichts des
Völkermords neutral bleiben durfte, und dabei steht das Kirchenoberhaupt stellvertretend für alle
Menschen: "Der Stellvertreter" ist ein zeitloses Plädoyer gegen Indifferenz.
3. Heinar Kipphardts szenischer Bericht „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ : In der Spielzeit
1964/1965 das meistgespielte Stück in Deutschland.
 Thema: die Gewissensbisse des amerikanischen Atomphysikers Oppenheimer nach dem Abwurf des von
ihm konstruierten Atombombe auf Hiroshima. Oppenheimer verkörpert in diesem Stück den typischen
Physiker zur Zeit der Handlung, im Konflikt zwischen Loyalität gegenüber dem Staat und gegenüber der
Menschheit.
 Im urdramatischen Schema des Prozesses wird dem Zuschauer viel mehr als eine amerikanische Episode,
wird ihm die gegenwärtige Verschränkung von Wissenschaft und Politik überhaupt bewusst und ein
frappierender, oft entsetzlicher Durchblick ermöglicht in Mächte, Kräfte und Personenkreise, von denen
unser aller Schicksal, das Leben auf der Erde, abhängt. Folge: die Verzögerung der Forschungsarbeiten an
der Wasserstoffbombe.
 Konsequenz: Oppenheimer wird von dem Amerikanischen Sicherheitsausschuss als Risikofaktor und als
Saboteur angesehen. Dieses literarische Stück entspricht nicht dem tatsächlichen Verhalten und Auftreten
des Wissenschaftlers Oppenheimer und wirft noch einmal die Frage auf nach dem Verhältnis von Literatur
und Authentizität.
III.Das deutschsprachige Drama nach 1968:
 Seit den 1970er Jahren ist das deutsche Drama kaum noch als Lesedrama, sondern nur noch als
Bühnenaufführung zu sehen, d.h. erst durch das Mitgestalten der Schauspieler und Regisseure und durch
die Mitwirkung von Bühnenbild und Bühnentechnik wird der Text zu einem Theaterereignis. Das Muster
der geschlossenen Theaterhandlung wird endlich aufgegeben. Es geht nicht mehr um ein Abbild oder
Spiegelbild des Lebens in der Bundesrepublik, sondern mehr um Befindlichkeiten, Andeutungen, Parabeln
und Anspielungen.
1. Tankred Dorst:
 Toller (1968): politisches Zeitstück, Hauptfigur - der politisch engagierte expressionistische Dramatiker
Ernst Toller, der sich an den Aktivitäten für die Gründung der Münchner Räterepublik beteiligte. Es stellt
sich heraus, Toller – „Vorsitzender des Zentralrats der Sowjetrepublik Bayern“ – hat nichts zu Ende
gebracht; weder die „Bourgeoisie entwaffnet“ noch die „Großgrundbesitzer enteignet“, die Presse
verstaatlicht, das Bankgeheimnis gelüftet noch die Löhne der Arbeiter erhöht. Das Drama ist eine Folge von
Einzelszenen, die das Geschehen in den Revolutionswochen nachgestalten. „offene Form“ mit
„fragmentarisierter Szenenvielfalt“: Momentaufnahmen aus den Straßenkämpfen wechseln mit Rede und
Gespräch. Dorst verwendet in diesem Drama filmische Techniken.
 Eiszeit (1973): ein konventionell ausgearbeitetes Stück, das sich mit dem Leben des norwegischen
Schriftstellers und Nobelpreisträgers Knut Hamsun beschäftigt. Thema des Stücks – die Sympathie und die
Kollaboration von Hamsun mit den Nazis während der Besetzung Norwegens. T. Dorst dreht bekannte
Klischees um: Mit dem Alten (Hamsun) wird ein Verhör angestellt, an dem sich ein Pfarrer, ein Journalist
und ein Sparkassendirektor beteiligen. Die drei haben eine vorgeprägte Meinung und haben sich von ihren
Affekten nicht befreit, Hamsun reagiert ruhig und zeigt sich den Verhörenden gewachsen. Dorst
zertrümmert Klischees um die „politische Korrektheit“, indem er Hamsun in gewisser Weise als Opfer
darstellt und ehemalige politische Feinde einander näher rücken lässt. „Eiszeit“ bedeutet für Dorst den
endgültigen Übergang zum Charakterdrama.
 Ende der 1970er Jahre wendet sich der Autor den keltischen Mythen zu und schreibt das mehrstündige
Drama „Merlin oder Das wüste Land“ in dem die Artussage im Zentrum steht.
2. Botho Strauß:
 Groß und klein (1978): Ein Theaterstück aus kurzen Zeiträumen: Strauß stellt insgesamt zehn
Ausschnitte aus einem Tag im Leben ganz verschiedener Menschen an verschiedenen Orten zusammen.
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Eine Beobachterfigur namens Lotte wird Zeugin dieser Szenen. Sie hört, sieht und spricht auch mit den
Menschen, die ihr meistens fremd sind. Stationendrama: Die Stationen, die Lotte durchläuft, führen sie von
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einer Niederlage in die nächste. Es ist ein Stück über die Entfremdung des Menschen in der heutigen Zeit.
Man hat füreinander keine Zeit, keine Kraft und kein Interesse. Diese Lotte beklagt ständig ihre
Einsamkeit, die sie auf der Suche nach einem lohnenden Leben begleitet. Auseinander - das ist ein
Schlüsselwort für das Verständnis des Stücks und für sein Bau- und Strukturprinzip. Auseinander sind
Lotte und ihr Ehemann Paul, der sie verlassen hat. Auseinander ist auch die Ehe zweier Menschen, die
Lotte vor einem Fenster eines Wohnhauses miteinander sprechen hört. Dargestellt sind auch Menschen, die
verschiedene Berufe ausüben und auch weit auseinander sind, wenn sie über ihren Job und ihre Hobbys
sprechen. Die Einsamkeit manifestiert sich auch in der vertrauten Verwandtschaft von Lotte, als die Frau
die Familie ihres Bruders auf der Ferieninsel Sylt aufsucht. Man belauert und misstraut einander, jeder
macht den anderen Vorwürfe und versucht, sich auf Kosten der anderen in Szene zu setzen.
Thema 13. Die Literatur der Arbeitswelt (Max von der Grün und Günter Wallraff). Der
dokumentarische Roman (A. Kluge, H.M. Enzensberger).

I. Literatur der Arbeitswelt: die Literatur der 1960er und 70er Jahre der BRD, in der Arbeits- und
Sozialprobleme des kapitalistischen Systems stärker in das öffentliche Bewusstsein gerückt werden sollten.
Der Grund des Booms der Dokumentarliteratur Ende der fünfziger bis Mitte der sechziger war die
Rezession im Bergbau und Schwerindustrie. Zu dieser Zeit wurde vermehrt die Sprache und Denkweise der
Menschen des jeweiligen Umfeldes in den Romanen ein zu eins übernommen. Viele Schriftsteller benutzen
für ihre Romane die Ich-Erzählform. Die Themen dieser Werke sind im Endeffekt alle sehr ähnlich: Arbeit
ohne individuelle Verwirklichung des einzelnen. Der Mensch als Arbeitsmaschine, als solche behandelt und
ohne persönliche Entfaltungsmöglichkeiten. Die Literatur wurde dadurch ein Mittel zur Darstellung und
Enthüllung. Die Romane von Max von der Grün und Bruno Gluchowski trugen dazu bei, die
Widersprüchlichkeit des kapitalistischen Systems zu offenbaren und mit dem Bild einer
klassenindifferenten Wohlstandsgesellschaft zu brechen. Mitte der 60er Jahre bemühten sich Autoren
wie Christian Geissler um eine detail- und wahrheitsgetreue Darstellung der hochindustrialisierten
Arbeitswelt. Als Folge daraus entwickelte sich der von Günter Wallraff geprägte Ansatz, direkte soziale
Erfahrung als Grundlage für Reportagen und andere dokumentarische Formen zu verwenden.
1. Gruppe 61:
 Gründer: Dortmunder Bibliotheksdirektor Fritz Hüser, Schriftsteller Max von der Grün, Gewerkschafter
Walter Köpping und weitere Schriftsteller.
 Ziel: schriftstellerisch tätige Arbeiter auf der einen und Lektoren, Kritiker und Journalisten auf der
anderen Seite zusammenzubringen und dem Fehlen der schriftstellerischen und künstlerischen
Auseinandersetzung mit der Arbeit und ihren sozialen Problemen entgegenzuwirken.
 Im Gegensatz zum einsetzenden Trend der „Neuen Innerlichkeit“ sollte die Literatur der Gruppe von
sozialkritischer Wirklichkeitsnähe und Allgemeinverständlichkeit geprägt sein.
 Max von der Grün: Irrlicht und Feuer: In seinen Büchern beschäftigte sich Max von der Grün mit der
Arbeitswelt und aktuellen politischen, privaten sowie auch sozialen Problemen. Er gilt deshalb als einer der
wichtigsten deutschen Vertreter der Literatur der Arbeitswelt in der Nachkriegszeit. Irrlicht und Feuer, in
dem er die schlechten Arbeitsbedingungen der Kumpel in den Zechen beschrieb, und die Auswüchse des
Leistungsdenkens und der Konsumgesellschaft anprangerte. "Wohin gehst du, Arbeiter?", fragt sich Jürgen
Fohrmann, ein Bergmann im Ruhrgebiet der frühen sechziger Jahre. Er hasst seine Arbeit, die
anspruchsloses Funktionieren voraussetzt. Von Vorgesetzen und Betriebsräten fühlt sich Fohrmann
verraten, sieht sie hemmungslos Geld scheffeln auf Kosten seines Lebensglücks. Der Arbeiter aber macht
weiter, um die Arbeit nicht zu verlieren.
 Eine grundsätzliche Kritik an der Dortmunder Gruppe 61 führte zur Bildung des Werkkreises Literatur der
Arbeitswelt. Die Gruppe 61 sah eher eine gesellschaftliche Grundübereinstimmung in der BRD und wollte
diese weiterentwickeln. Eine Opposition innerhalb des Literatenzirkels wollte Texte schaffen, in denen für
die Arbeiterklasse Partei ergriffen wurde und in denen der gesellschaftspolitische Standpunkt der Autoren
sichtbar werden sollte. Da sie keine Mehrheit in der Organisation fanden, gingen sie eigene Wege und
gründeten 1970 den „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“. 
2. "Werkkreise Literatur der Arbeitswelt": Erasmus Schöfer, entstanden ab den 1960er Jahren in
mehreren Städten der Bundesrepublik, die sich ausdrücklich nicht nur an professionelle Autoren wendet,
sondern an Menschen, die in Lyrik, Prosa, Hörspiel oder anderen literarischen Formen über die
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gesellschaftliche Gegenwart, vor allem aber über die Arbeitswelt ihrer jeweils erlernten oder ausgeübten
Berufe schreiben.
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 Günter Wallraff: Zwischen 1963 und 1965 war Wallraff als Arbeiter in diversen Großbetrieben tätig.
Sammelband Wir brauchen dich – Als Arbeiter in deutschen Industriebetrieben: Die Reportagen lieferten
authentische Einblicke in die industrielle Arbeitswelt.  Er nahm stets eine andere Identität an. So
erschienen 1969 13 unerwünschte Reportagen, für die er beispielsweise in die Rolle eines Alkoholikers in
einer psychiatrischen Klinik, eines Obdachlosen, eines Studenten auf Zimmersuche sowie eines
potenziellen Napalmlieferanten für die Streitkräfte der Vereinigten Staaten schlüpfte. 1986 Roman Ganz
unten: stellt Menschenrechtsverletzungen und Ausländerfeindlichkeit in der BRD in den frühen 1980er
dar.
 Ziel: Etablierung von Arbeitern als Berufsschriftsteller zu fördern und die Schulung und Förderung
angehender Arbeiterschriftsteller aktiv zu unterstützen.
II. Der dokumentarische Roman: Ein Dokumentarroman (auch Doku-Roman) ist ein
gesellschaftskritisches und politisches Werk, das auf historische Dokumente und wissenschaftliche Fakten
zurückgreift. Diese werden verarbeitet, beziehungsweise zitiert oder dem faktischen Geschehen
nahegebracht. Daher finden sich in Dokumentarromanen häufig Techniken der Montage und Collage.
Gemeinsam sind den Dokumentarwerken nicht irgendwelche formalen Kriterien, gemeinsam ist ihnen
vielmehr eine Tendenz: Sie wollen Nachrichten von unbekannten, verdrängten oder verleugneten sozialen,
auch von relevanten historischen Wirklichkeiten vermitteln, zum Beispiel, indem sie die Benachteiligten
selber sprechen lassen, und damit das politische Bewusstsein schärfen. 
1. Alexander Kluge: Für ihn gibt es keine abgeschlossenen Werke. Kluge versteht seine Bücher als „Werk
im Progress“, als „Baustellen“ und als Produkte einer Sammlertätigkeit, die nicht beendet werden kann. Das
grundlegende Thema des Textes Schlachtbeschreibung ist die Darstellung der Kriegserfahrung in seiner
Beschreibung der Schlacht von Stalingrad. Angesichts der Überfülle des dokumentarischen Materials, das
hier quasi als Hauptfigur des Textes fungiert, müssen folgende Fragen gestellt werden – kann der
dokumentarische Roman die Authentizität im Sinne der Reproduktion historischer Wahrheit erreichen und
ist ein historisches Geschehen wie Stalingrad-schlacht überhaupt literarisch darstellbar? Der Autor erzählt
diese Geschichte mit der Absicht, die unfassbare Realität von Stalingrad dem Rezipienten fassbar zu
machen, indem Geschichte und ihre sinnliche Aufarbeitung miteinander konfrontiert werden. Die
Konsequenz sind Mischformen aus Dokumentarischem und Fiktivem, aus Gefundenem und Erfundenem –
Vielstimmigkeit und Polyperspektivität. Da Realismus im Sinne Kluges immer zweistimmig ist, also nicht
nur aus einer objektiven, realgeschichtlichen Seite besteht, sondern auch aus einer subjektiven,
antirealistischen Seite, kommt es auf die Dialektik dieser beiden Bereiche an. Eine realistische Darstellung
müsse sowohl das Objektive berücksichtigen (Dokumentarismus, Nachrichten, Naturalismus) als auch das
Subjektive, also antirealistische Gefühle wie Wünsche, Hoffnungen, Ironie, Protest und Skeptizismus.
Thema 16&17. Die „Tendenzwende“ in den Jahren 1969-1977. Der Radikalenerlass und die
„Entpolitisierung der Literatur“. Die Entdeckung des Ich und das Interesse an der
Autobiographie. Aus dem Tagebuch einer Schnecke von G. Grass und Der kurze Brief zum
langen Abschied von Peter Handke. Die neue Subjektivität. Die Romane Der Butt und die
Rättin von G. Grass. Frauenliteratur. Der Roman Seelenarbeit von M. Walser.
I. Tendenzwende:
1. Historischer Hintegrund:
 70er Jahre: Diese Periode ist durch Terrorismus, Aktivismus, wirtschaftliche Probleme und politische
Unruhen gekennzeichnet. 
 Die Revolutionsstimmung in der Gesellschaft nach 1968 ist verflogen. Die politische und gesellschaftliche
Entwicklung ab Mitte der 70er Jahre führte zu einer Normalisierung, die ehemaligen „Revolutionäre“
passten sich an die gesellschaftlichen Institutionen und Normen an und eine Desillusionierung über
Realität griff um sich, die nicht unwesentlich durch die zunehmende politische Radikalisierung und die
verschärften gesetzlichen Maßnahmen dagegen verschuldet war.
 Der Staat reagiert autoritär auf die Politisierung der 60er Jahre: er leitet den sog. „Radikalenerlass“ ein –
eine politische Kontrolle über die Bundesbürger im öffentlichen Dienst, strengere Zensur. Reaktion:
Proteste des PEN-Klubs und des Schriftstellerverbands
 Am Ende der Politisierung tritt eine „Entpolitisierung“ ein, die aber nicht unpolitisch ist und sich in der
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Abkehr von den Institutionen und im Misstrauen gegenüber Parteien und gesellschaftlichen Hierarchien
und Ordnungen äußert. Das führt auch zum veränderten Zugang zum Lesen und Schreiben.
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2. Tendenzwende in der Literatur:


 Diese zunehmende Verschärfung und Zuspitzung der politischen Lage führte dazu, dass die politisierende
Tendenz, die vor allem von der Literatur der 60er Jahre Besitz ergriffen hatte, in den 70er Jahren wieder
aufgeben wurde. Der Wandel der anfangs friedlichen Proteste, der Umschlag des geistigen Aufbegehrens in
tätige Gewaltbereitschaft bot keinen Raum mehr für eine literarische Überformung der Gegebenheiten. Die
Schriftsteller wandten sich gegen die politische Tendenz und suchten wieder in sich selbst nach der Mitte
ihres literarischen Schaffens. Die Zuwendung zum eigenen Ich, zu Individualität und inneren
Befindlichkeiten ging in die Geschichte der deutschen Literatur ein unter den Begriffen "Neue
Innerlichkeit" und "Neue Subjektivität".
 Die Politisierung der Literatur wurde indessen dadurch konterkariert, dass jüngere Autoren wie Peter
Handke, Hubert Fichte und Rolf Dieter Brinkmann auf der Autonomie der Literatur beharrten.
 1970, Reinhard Baumgart – Literatur soll ihre erhabene Entbehrlichkeit für die Erreichung konkreter
politischer Ziele einsehen und wieder schöne Literatur werden;
 da die kurzfristige politische Revolution nicht zu erreichen war, sattelt der revolutionäre Wille, die Welt zu
verändern, auf eine langfristige Strategie um (Evolution): Erforschung und Veränderung des deformierten
Individuums, Abwendung von politischen und zeitgeschichtlichen Themen, Betonung individueller
Interessen und Motivationen, Interesse für die eigene Sinnlichkeit. Konsequenzen für die Literatur:
Tendenz = Übergang von der direkten zur indirekten Kritik, von der Revolution zur Evolution;
 Textarten:
 Rückkehr zu traditionellen Formen des Erzählens;
 Autobiografische Texte: traditionelle literarische Formen: Memoiren, Tagebuch, Autobiographie,
autobiographischer Roman; neue literarische Formen: Bewusstseinsprotokoll, Notatsammlung,
Romanessay, autobiographischer Bericht, essayistische Autobiographie; Der Roman von Karin Struck
Klassenliebe (1973). Verarbeitung der eigenen Erfahrungen der Autorin als Arbeiterin, die nach der
Euphorie der Politisierung ihre eigene Subjektivität wiederfindet. Thomas Bernhard, Peter Handke, Elias
Canetti, Max Frisch, Günter Grass;
 Boom der Frauenliteratur: Eingang in die Literatur des Feminismus; Verena Stefan, Karin Struck:
Auseinandersetzung mit spezifisch weiblichen Wahrnehmungsweisen und Lebensläufen;
 Verständigungstext (Selbsterfahrungstext): unmittelbare Wiedergabe des persönlich Erlebten,
Sensation des Authentischen ohne literarische Ansprüche, d. h. Maßstab der Qualität ist nicht die
Literarizität, sondern die Kommunizierbarkeit des Erfahrungsmaterials (Gefahr für die Literatur);
 Lyrik, in der das Private und Politische eine Einheit bilden.
 Rückkehr zu einer neuen Subjektivität und Sensibilität: auch das Gesellschaftliche wird aus einer privat-
subjektiven Perspektive bewertet;
 Diese Literatur der Erfahrung legte großen Wert auf Authentizität.
 Hierin zeigte sich auch das veränderte Bewusstsein der in der Zeit nach dem Krieg und des während der
Wirtschaftsaufschwung aufgewachsenen Schriftsteller und Intellektuellen, die sich und die öffentlichen
Diskurse als gesellschaftlich und medial hergestellt und manipuliert empfanden.
 In theoretischer Hinsicht trugen hier auch die Ideen der sog. Kritischen Theorie der Frankfurter Schule bei,
als deren führende Denker die Philosophen Theodor W. Adorno, Max Horkheimer sowie Jürgen Habermas
zu nennen sind. Theodor Adorno, Max Horkheimer, der es auf die gesellschaftliche Veränderung mit dem
Ziel zunehmender Selbstbestimmung der Menschen ankommt. Die drei Hauptbeobachtungsfelder der
Kritischen Theorie sind die Ökonomie, die Entwicklung des Individuums und die Kultur. In einer
Kombination marxistischer und psychoanalytischer Perspektiven wird insbesondere die „Gesellschaft“
kritisch betrachtet. Sie wird nicht nur als eine Gesamtheit von Menschen in einer bestimmten Zeit
aufgefasst, vielmehr werden gesellschaftliche Verhältnisse analysiert, die dem Einzelnen übermächtig
gegenüberstehen und den Charakter und die Handlungsmöglichkeiten der Menschen einschränken.
 die ersten Zeugnisse der Tendenzwende entstehen bereits auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung
(Bernward Vespers Die Reise) oder Anfang der 70er Jahre (Handkes Der kurze Brief zum langen Abschied, ,
Karin Strucks Klassenliebe, Peter Schneiders Lenz);
 Ein prominentes Beispiel dieser neuen Literatur, der entpolitisierten Hinwendung zur Identität und zur
Innerlichkeit, ist Martin Walsers 1977 erschienene Novelle "Ein fliehendes Pferd". Gerade die mit dieser
Erzählung vollzogene Abwendung von früherem politischem und sozialistisch geprägtem Schreiben hin zu
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dem Bestreben, die Welt nicht mehr verändern, sondern lediglich ein Stück davon aufzeigen zu wollen,
beeindruckte die Kritiker.
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II. Neue Subjektivität:


 Begriff: Neue Subjektivität ist ein von Marcel Reich-Ranicki geprägter Begriff für eine neue Richtung der
deutschen Literatur in den 1970er Jahren, die als Gegenbewegung zur politisch engagierten Literatur
Themen wie persönliche Träume und Probleme des Privatlebens in den Mittelpunkt stellte. Sie bildete sich
als Gegenbewegung zu einer politisch engagierten Literatur mit ihren systemkritischen und
gesellschaftstheoretischen Implikationen, wie sie im Umfeld der 68er-Bewegung entstanden war; auch im
Gegensatz zu literarischen Experimenten, die an die Literatur der klassischen Moderne anknüpfen wollten.
Ziel war ein auf Innerlichkeit, Introspektion und Selbsterfahrung ausgerichteter Schreibprozess.
 synonyme Konkurrenzbegriffe: Neue Sensibilität, Neue Innerlichkeit, Neue Empfindsamkeit;
 typisch für alle vier Literaturen in deutscher Sprache, für alle vier Hauptgattungen (in erster Linie
Erzählprosa), für alle Autorengenerationen;
 Stil:
 keine einheitliche Schreibweise;
 keine traditionellen Stilmittel;
 Betonung des Emotionalen, des Subjektiven; Authentizität und Unmittelbarkeit;
 Oft autobiografische Texte, die teils bekenntnishaft, teils tagebuchartig sind.
 Ton resignativ: oft werden unausweichliche Schicksale, unlösbare familiäre Verstrickungen oder auch
unheilbare Krankheiten behandelt.
 starke Anlehnung an die Alltagssprache. In manchen Fällen führt dies dazu, dass Gedichte der „Neuen
Subjektivität“ vor allem durch ungewöhnlich platzierte Zeilenumbrüche von Prosatexten zu
unterscheiden.
 typische Erscheinungen: Ich-Form, chronologische Zeitkonzeption, Montage;
 Lyrik: kein festes Metrum und Reimschema;
 Mystifizierung, Rätselei, Chiffrierung, Poetisierung und Künstelei wurden verpönt;
 Themen:
 alltägliche Erfahrung im Zusammenhang mit Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung des Menschen.
 „ewige“ Themen, psychologische Funktion der Literatur: menschliche Existenz, das Intime, Private, das
Familiäre, Suche nach eigenen Wurzeln, Krankheit, persönliches Leiden, Selbstzerstörung;
 Flucht vor der umliegenden Realität in das eigene Ich;
 Trotz der Wendung zum Inneren hin griff die Literatur der Neuen Subjektivität auch aktuelle Ereignisse
auf und wandte sich gesellschaftskritischen Fragen wie der Auseinandersetzung mit dem
Nationalsozialismus, der aufkeimenden Emanzipation und der Umwelt zu.
 Innerhalb der neuen Subjektivität nimmt die Frauenliteratur einen besonderen Platz ein. Unter
Frauenliteratur ist aber eine Fülle von ganz unterschiedlichen Texten zu verstehen: Prosatexte von Frauen
über Frauen, Frauenzeitschriften (Emma), Frauenverlage, Frauenmusikgruppen. Versuch, sich einer
männlich dominierten Kultur und einem männlich bestimmten Kulturbetrieb zu entziehen.
 Reflexion über die gescheiterte Politisierung: Die Romane von Gerd Fuchs, Uwe Timm und Roland Lang:
die Erzählführung ist eher konventionell, Psychologisierung der literarischen Helden, Einführung der
erlebten Rede als Stilmittel, Verschmelzung der Perspektive des Erzählers und des literarischen Helden.
 Die Gebrochenheit des Ich tritt in den Vordergrund, exemplarisches Beispiels: Peter Schneiders Erzählung
Lenz (1973). Thema - die Verunsicherung eines jungen Intellektuellen. Literarische Mittel: Collagen,
Montagen, innere Monologe, Erinnerungen, Verfremdungen – keine fixierte, sondern eine elastische
Wirklichkeit. Inhalt: das Zerbrechen der Liebesbeziehung zwischen einem Intellektuellen und einem
Mädchen aus dem Proletariat, der misslungene Versuch eines Brückenschlags zwischen Arbeitern und
Studenten.
 Werke, die sich der neu entstandenen Literaturrichtung zuordnen lassen, finden sich im gesamten
deutschsprachigen Raum. Auch in der DDR-Literatur führte das Ende der Hoffnung auf Reformen verstärkt
zum Rückzug ins Private und entsprechend innerlichen literarischen Entwürfen. Einflussreich waren für
die DDR Christa Wolf und Monika Maron (deren Werke aber gerade auch im Westen starken Anklang
fanden), in der BRD Peter Schneider, Christoph Meckel, Botho Strauß und auch Martin Walser. In
Österreich fanden sich entsprechende Tendenzen in Werken von Peter Handke, in der Schweiz bei Fritz
Zorn.
 Autoren: Ulla Hahn, Reiner Kunze, Sarah Kirsch, Ulrich Plenzdorf, Rolf Dieter Brinkmann, Thomas
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Bernhard und Peter Handke;


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 Rolf Dieter Brinkmanns: Keiner weiß mehr (1968); Martin Walsers: Ein fliehendes Pferd (1978);
"Ansichten eines Clowns" von Heinrich Böll (1976); „Lenz“ von Peter Schneider; „Klassenliebe“ von Karin
Struck;
1. Aus dem Tagebuch einer Schnecke, Günter Grass: Grass beschreibt darin sein Engagement im
Wahlkampf für die SPD in den Jahren 1969 bis 1972, insbesondere für Willy Brandt und seine Mitarbeit in
der Gruppe 47. Diese politische Stellungnahme war zu dieser Zeit sehr ungewöhnlich. Das Tagebuch ist
tatsächlich fiktiv, zeichnet jedoch tatsächliche Ereignisse nach. Das Buch beginnt mit der Wahl Gustav
Heinemanns zum Bundespräsidenten im Jahr 1969. Grass zieht unter anderem Vergleiche zum politischen
Geschehen seiner Zeit in Danzig 1930. Zu der Zeit waren die Deutschnationalen auf Stimmen der NSDAP
angewiesen. Dies wird der Wahl Heinemanns im dritten Wahlgang zum Bundespräsidenten
gegenübergestellt, in der die Unionsparteien zusammen mit der rechtsextremen NPD gegen Heinemann
stimmten. Aus dem Tagebuch einer Schnecke schließt mit der Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler.
2. Der kurze Brief zum langen Abschied von Peter Handke: Ein junger Mann aus Österreich befindet
sich in New York und erhält dort einen Brief von Judith, seiner Frau: „Ich bin in New York. Bitte such mich
nicht, es wäre nicht schön, mich zu finden.“ Judith hat sich von ihm getrennt und teilt ihm gleich ihren
neuen Aufenthaltsort mit. Daraus entspinnt sich ein Katz und Maus Spiel. Der Ich-Erzähler reist quer durch
die USA, halb um Judith zu finden, halb um sie zu vergessen. Judith reist ihm voraus und zugleich verfolgt
sie ihn. Sie macht sich noch an verschiedenen Orten seiner Reise bemerkbar, einmal sogar mit einem
Drohbrief. Dabei gibt ihm das Kennenlernen der ihm fremden Lebensweise die Möglichkeit, sich selbst neu
zu betrachten, seine Kindheit und die Beziehung mit Judith zu überdenken. Ihre Begegnung am Ende
ermöglicht beiden, sich endgültig voneinander zu verabschieden.  Seine Melancholie und
Hoffnungslosigkeit geraten in Kontrast zu dem anderen Zeitgefühl und zu der anderen Lebensweise des
fremden Landes. Handke lässt seinen Ich-Erzähler zum einen recht nüchtern beschreiben, wo er hingeht,
wie die Unterkünfte aussehen, was er isst. Zum anderen verzahnt er aber innere Betrachtungen, Träume
und Erinnerungen an Judith und Kindheit des Protagonisten. 
3. „Der Butt“ von Günter Grass (1977): autobiografische Bezüge und Gegenwartsfragen. Ein breites
historisches Panorama der europäischen Geschichte von der Ursteinzeit bis zum Ende der 1970er Jahre.
 Durch die Perspektive der neuen Subjektivität geschrieben, Eingang finden auch Probleme der
Frauenbewegung, Beziehungskrisen, Geschlechterrollen, die Reisen des Autors nach Danzig. Die
Widersprüchlichkeit der historischen Prozesse allegorisiert in der Fischgestalt des Butts, mit dem der
fiktive Erzähler ein langes Gespräch führt; die Erzählung integriert in ein märchenhaftes episches Gemälde.
Viel Humor und Lust am Prozess des Erzählens selbst.
 Der Roman umfasst neun Bücher, in denen Begebenheiten aus neun historischen Epochen erzählt werden,
von der Steinzeit bis in die Gegenwart. Die menschliche Geschichte, der gesamte, sich über Jahrtausende
hinweg vollziehende Zivilisationsprozess der Menschheit wird in romanhafter Gestalt noch einmal
aufgerollt, um der Frage nachzugehen, warum dieser Prozess immer tiefer und unausweichlicher in globale
Katastrophen gemündet ist.
 Entstehungshintergrund: plattdeutsches Märchen "Von dem Fischer un syner Fru", das die Brüder
Grimm in ihre berühmte Märchensammlung aufgenommen haben.  Ein armer Fischer fängt im Meer einen
sprechenden Butt, bei dem es sich um einen verwunschenen Prinzen handelt. Als Ilsebill, die Frau des
Fischers, erfährt, dass er den Butt ins Wasser zurückwarf, ohne dafür eine Gegenleistung verlangt zu haben,
fordert sie ihn zornig auf, den Butt zu rufen. Wunschgemäß verwandelt der Butt die Kate des Paares in ein
Haus. Ilsebill gibt sich damit nicht zufrieden: Immer wieder aufs Neue schickt sie ihren Mann aus, um vom
Butt weitere Wünsche erfüllt zu bekommen. Unwillig fügt sich der Fischer, begehrt aber auch nicht auf. Als
Ilsebill schließlich wie Gott werden möchte, versetzt der Butt sie aus dem Palast, in dem sie inzwischen
residiert, zurück in die armselige Fischerkate. Ihre Maßlosigkeit führt dazu, dass sie alles verliert. Dieses
Märchen bildet das Erzählmodell, nur ist es diesmal nicht die Frau unersättlich, sondern Grass führt uns
durch eine von Männern bestimmte Welt, und sein sprechender Fisch steht im Dienst der männlichen
Sache, als Ratgeber auf einem Weg, der durch die ganze überschaubare Geschichte in Krieg, Zerstörung und
Selbstzerstörung führt. Wer oder was ist der Butt? Am Schluss des Buches wird der Butt vor ein
feministisches Tribunal gebracht und schuldig gesprochen, wenn auch mit einer milden Strafe: Er wird im
Meer ausgesetzt.
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 Ich-Erzähler: zeitlich entgrenzt, männlich („Ich, das bin ich jederzeit“). Auch Ilsebill, die Frau als solche,
lässt Grass „von Anfang an da“ sein.
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 Der Butt: Neben dem Ich-Erzähler eine weitere Erzählinstanz. Er steht „in einem Vater-Sohn-Verhältnis“
zum Ich-Erzähler. Über den Butt wird ein feministisches Tribunal eröffnet, welches „gegen [ihn] als den
Inspirator der patriarchalen Ordnung“ zu Gericht sitzt. Das Tribunal dient dem Butt als Forum für seine
Erzählungen. Butt und Ich-Erzähler ergänzen sich oder wiederholen Teile der Geschichtserzählung.
 Man vs. Frau: Ilsebill symbolisiert zwar das Ewig-Weibliche, aber die Frauen in "Der Butt" wechseln.
Zwei männliche Figuren sind dagegen zeitlich omnipräsent: Der Butt und der Autor. Die Frauen halten den
immerwährenden Kreislauf von Geburt und Tod aufrecht; die Männer versuchen sich durch historische
Errungenschaften – Ersatz für die ihnen versagte Schwangerschaft – zu verewigen.
 Inhalt: Günter Grass entwickelt den Roman "Der Butt" auf drei Ebenen:
1. Verhältnis zwischen dem gegenwärtigen Erzähl-Ich und dem aktuellen femininen Gegenpol Ilsebill: 1973
zeugt der Autor mit seiner Frau Ilsebill ein Kind, und die neun Kapitel des Buches entsprechen den neun
Monaten der Schwangerschaft. Die vergangenen Zeiten sind vorbei, und die Zukunft steht ins Haus. Das
Neugeborene gilt dabei als Hoffnungsträger und Chance, das vergangene Fehlen und Verfehlen nicht
fortzuführen oder zu wiederholen: ein „verzweifelt utopische[s] Ende”. Am Ende bringt Ilsebill eine
Tochter zur Welt, und ihr Mann fliegt von Ostberlin nach Gdansk, wo er eine Verwandte trifft, die in der
Lenin-Werft als Köchin arbeitet und ihren Freund beim Arbeiteraufstand 1970 verloren hat. Motiv der
Ernährung: für das Erzähl-Ich relevante Frau tritt in den verschiedenen Epochen als Köchin auf;
2. Parallel dazu findet gegen einen Butt, der gewissermaßen den Weltgeist darstellt, ein feministisches
Tribunal in Berlin statt, das ebenfalls neun Monate dauert.
3. die auf eine Region fokussierte Menschheitsgeschichte im Vordergrund: Der Autor erzählt Ilsebill, was er
in verschiedenen Inkarnationen seit dem Neolithikum erlebt hat. Der Butt, der ihn von der Jungsteinzeit
bis zur Ölkrise 1973 beriet, sagt vor dem Tribunal aus, berichtet über das Verhältnis des Autors zu den
neun Frauen, die ihn vor Ilsebill verköstigten und reflektiert vor dem Hintergrund geschichtlicher
Ereignisse in Danzig (von der Entdeckung des Feuers bis zum Streik auf der Lenin-Werft im Dezember
1970) über die Ablösung des Matriarchats durch das Patriarchat, die Rolle der Frau und die des Mannes.
Es wird klar, dass die Geschichte bisher eine der Männer war und sie verantwortlich für Krieg und
Gewalt sind. Die Männer haben die Menschheit an den Abgrund geführt. Ob der Butt am Ende davon
überzeugt ist, dass die Geschicke der Menschheit besser von den Frauen in die Hand genommen werden,
bleibt offen. Dass Günter Grass Lesbierinnen auftreten lässt, die männliche Verhaltensweisen
nachahmen, deutet eher auf Skepsis hin.
 Form: Der Roman gliedert sich entsprechend Ilsebills Schwangerschaft in neun den Monaten
entsprechenden Teile. Die Teile gliedern sich wiederum in Kapitel, die entweder aus einem erzählerischen
Text oder einem Gedicht bestehen. Bei den Gedichten ist deren Titel zugleich die Kapitelüberschrift. Eine
Ausnahme dieser Regel stellt der achte Monat mit dem Titel Vatertag dar. Dieses Kapitel, in dem Grass auf
satirische Weise auf die Frauenbewegung eingeht, wurde nicht in Unterkapitel unterteilt. Auch die
Erzählperspektive ändert sich: Der zuvor immer auch aktiv beteiligte Erzähler ist im achten Monat lediglich
ein am Geschehen nicht teilhabender Beobachter.
 Interpretation: Grass bietet in Der Butt eine Neuauflage der Frage, welches Geschlecht an dem, primär
als negativ empfundenen, Verlauf der Geschichte Schuld trägt. Er kehrt dabei die Rollenverhältnisse des
Märchens um und stellt den Mann als unersättliches Wesen dar, das immer gierig auf geschichtsstiftende
Ereignisse – wie Völkerwanderung, technischen Fortschritt oder Krieg – war. Die Frauen hingegen sorgen
für den ständigen Erhalt der Menschheit durch forcierten Zeugungsakt, Schwangerschaft, Geburt und
Ernährung. Somit stellen sie die wahren „Helden“ der Geschichte, während der männliche Drang nach
Fortschritt die Menschheit an den Abgrund führt. Der Butt dient dabei als Auslöser und Katalysator
maskuliner Historizitätsfixierung.
 Mit der „dritten Brust“ der Mütter zu Beginn der Geschichtsschreibung wirft Grass abermals die Frage nach
einem Dritten Weg auf. Diese gesuchte Alternative könnte, dem Inhalt und der Thematik des Romans
zufolge, ein Mittelweg zwischen den zwei Extremen Matriarchat und Patriarchat sein. Mit dem Wegfall
dieser Brust scheint dieses Gegenangebot allerdings vom Autor verworfen zu werden. Auch die Umstände,
unter denen die „dritte Brust“ wegfällt, lassen darauf schließen, dass der Dritte Weg immer nur Illusion, nie
aber eine realisierbare Option war;
 Leidenserfahrungen und Lebensgenuss, Zivilisationskritik und Spurenelemente utopischer Hoffnung
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werden im episch-ironischen, historisierend sprachspielerischen, von kommentierenden Gedichten


durchsetzten Erzählfluss eng verwoben. Das vieldeutige, ja widersprüchliche Ganze stimuliert Fantasie und
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historisch-politische Reflexion gleichermaßen.


 "Ilsebill salzte nach." - 2007 zum schönsten Romananfang in der deutschsprachigen Literatur. Mit dem
ersten Satz wird der Stein ins Rollen gebracht. Der erste Satz ist Versprechen, Duftmarke, Rätsel,
Schlaglicht – kurz: der Brühwürfel, mit dem die ganze folgende Suppe gekocht wird.
 obszöne Formulierungen: Derbe Passagen kontrastieren mit wohlklingenden Formulierungen.
4. Die Rättin von G. Grass:
 Die Handlung ist aus vielen Erzählsträngen zusammengesetzt und changiert zwischen den Genres
Märchen, Reisebericht und surrealer Roman. Er enthält auch filmische Perspektiven und einige Gedichte.
Als roter Faden ziehen sich die Dialoge zwischen dem namenlosen Ich-Erzähler und einer weiblichen Ratte,
von ihm als Rättin bezeichnet, durch das Werk. Grass führt in Die Rättin einige Erzählstränge seiner
Erfolgsromane Die Blechtrommel wie auch Der Butt, Im Krebsgang weiter.
 Grass hat den Roman als Gegenbild zu Gotthold Ephraim Lessings Bild von der Erziehung des
Menschengeschlechts konzipiert: Die Menschheit (Grass benutzt absichtlich das altmodische Wort
„Menschengeschlecht“) habe zwar gelernt, „die Tugend mit Löffeln zu essen, fleißig den Konjunktiv und die
Toleranz zu üben“, alle Aufklärung habe aber nicht bewirkt, dass sie ihre Neigung zur Gewalttätigkeit in den
Griff bekommen habe.
 Inhalt: Der Erzähler wünscht sich zu Weihnachten eine Ratte. Mit ihr zusammen hört er gern das dritte
Radioprogramm an. Er träumt von einem Dialog mit einer Rättin, die ihrerseits penetrant behauptet, er
existiere nur in ihrem Traum. Allein in einem Raumschiff angeschnallt umkreist der Erzähler die
verwüstete Erde. Die Rättin zwingt ihm die Vision vom Untergang der Menschheit und Nachfolge deren
dominierender Stellung durch Ratten auf. Er ist der einzige Überlebende. Die Ratten bauen demnach in
einer durch Waldsterben, Umweltverschmutzung und nukleare Kriegführung zerstörten Welt eine auf
Solidarität gegründete neue Zivilisation auf.
 Diese Horrorvision verwendet Günter Grass als Grundlage seiner Fabel über die bornierte Ignoranz der
Menschen.
 Erzählstränge: Schon die Frage, welche und wie viele Erzählstränge in der Rättin tatsächlich auftauchen,
ist nicht ganz einfach zu klären. Weitgehend eindeutig als eigenständige Stränge erkennbar sind aber die
folgenden:
 Die Rättin, dieser Strang beinhaltet den Dialog zwischen dem Ich-Erzähler und der Rättin, die nur bedingt
mit seiner Ratte, die er zu Weihnachten bekommen hat, gleichzusetzen ist.
 Oskar, die Geschichte um Oskar Matzerath, gleichsam als Fortsetzung der Blechtrommel.
 die Geschichte der Frauen auf dem Forschungsschiff Die neue Ilsebill.
 Märchenwald, der Erzählstrang um die im Buch auftauchenden Märchenfiguren und ihrem Kampf gegen
die Politik.
 Malskat, die Geschichte um die gleichnamige Person, einen Fälscher gotischer Wandmalereien.
5. Seelenarbeit von Martin Walser:  Xaver Zürn, ist der Chauffeur des Fabrikanten Dr. Gleitze. Während
der stundenlangen Fahrten würde er zu gern einmal ein privates Gespräch mit seinem Chef führen. Aber
dazu kommt es nie. Dr. Gleitze redet entweder selbst, oder er hört über Kopfhörer Mozartkonzerte, da er
gedenkt über diese ein größes »Standardwerk« zu schreiben. Xaver Zürn leidet schließlich schwer an
enttäuschter Erwartung, körperlich wie seelisch, verhält sich auffällig und wird in die Werkstatt verbannt.
Das Buch, dessen Hauptmotiv Abhängigkeit, Eltern-Kind-Beziehungen, Ehe und Heimat sind, hat trotzdem
einen versöhnlichen Schluss. Man begegnet hier Erfahrungsberichten, Krisen- und Seelenmomenten, die
von zugleich niederschmetternd genauer und hinreißend kollektiv-autobiographischer Wahrhaftigkeit sind.
Der Roman schildert zwar überwiegend das Innenleben eines mit einem Minderwertigkeitskomplex
behafteten Menschen, seine stille Wut und wie tölpelhaft sie sich äußert, aber so lächerlich das wirkt, es
macht einen auch wütend und traurig. Xavers Komplex wird geprägt und vertieft von konkreten
Machtverhältnissen der Gesellschaft, nicht von unbewussten Verdrängungen irgendwelcher
Kindheitsphantasien. Die Psychologie hilft da wenig. Allenfalls ist es die Ohnmacht der Eltern, das
Kleineleutegefühl, das schon in der Kindheit erzeugt wurde. Es ist eher der Verlust seiner Brüder im Krieg
und der Verlust des Großvaters, der sich wegen der schlechten Obstpreise aufgehängt hat. Der Frust hat
politische Ursachen. Deswegen ist die vom Staat betriebene Enteignung der Grundstücke für den Ausbau
des Straßennetzes am Ende des Romans durchaus nicht nur als Pointe zu verstehen in dem Sinn: Dr.
Gleitzes neuem Chauffeur wird quasi der Weg bereitet und ausgerechnet das Grundstück des alten
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Chauffeurs wird dafür am meisten dezimiert, - dieser Vorgang zeigt eben auch, dass die kleinen Leute nicht
gefragt werden und wo Ohnmachtsgefühl und Minderwertigkeitskomplex seinen Ursprung haben kann.
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6. Ein fliehendes Pferd von Martin Walser: Die Novelle schildert das Aufeinandertreffen zweier Paare
mittleren Alters im Urlaub am Bodensee. Die beiden Männer, ehemalige Schulfreunde, haben einen ganz
unterschiedlichen Lebensweg hinter sich. Während der Gymnasiallehrer Helmut Halm sich mit seiner
Ehefrau Sabine von der Welt zurückzieht und sein Glück darin findet, von der Welt verkannt zu werden,
jagt der Journalist Klaus Buch dem Erfolg und der gesellschaftlichen Anerkennung hinterher und sucht die
Selbstbestätigung auch bei seiner deutlich jüngeren Frau Helene. Im Lauf der Novelle werden beide
Lebenseinstellungen in Frage gestellt. Sogleich wärmt Klaus Erinnerungen an die gemeinsame
Vergangenheit mit Helmut auf, was dieser, in seinem Bestreben von der Welt verkannt zu werden, nur mit
Unbehagen über sich ergehen lässt. Gegen seinen Willen treffen sich die Paare zu weiteren
Freizeitaktivitäten. Dabei polemisiert Klaus Buch aus der scheinbar überlegenen Warte des geistig und
sexuell befreiten Erfolgsmenschen gegen das verklemmte und spießige Kleinbürgertum, während sich
Helmut mit der Verteidigung seiner Lebensweise in die Defensive gedrängt sieht. Sabine zeigt sich von der
Lebenslust, die Klaus Buch versprüht, angezogen. Helmut hingegen fühlt sich von der ungezwungen zur
Schau gestellten Erotik Helenes gleichzeitig erregt wie geniert. Bei einer Wanderung kommt es zu einem
symbolischen Moment, als ein ausgerissenes Pferd auf die Gruppe zugaloppiert. Klaus gelingt es, das Pferd
einzufangen, woraufhin er erklärt: „Einem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen. Es
muss das Gefühl haben, sein Weg bleibt frei. Und: ein fliehendes Pferd lässt nicht mit sich reden“. An einem
der folgenden Tage unternehmen die beiden Männer alleine einen Segeltörn, bei dem Klaus seinen Freund
zu einer gemeinsamen Zukunft auf den Bahamas zu überreden versucht. Die ohnehin gespannte Situation
eskaliert, als das Boot in einen Sturm gerät. Klaus begreift den Kampf mit den Elementen als
Herausforderung und steuert hart am Wind. Helmut befürchtet in Todesangst, der Freund werde das Schiff
kentern lassen. Er stößt Klaus die Pinne aus der Hand, worauf dieser über Bord geht und abgetrieben wird.
Nach Abflauen des Sturms kehrt Helmut alleine zu den beiden Frauen zurück. Im Glauben, Klaus sei
gestorben, enthüllt Helene die Verlogenheit ihres Lebens an dessen Seite: Klaus war von Selbstzweifeln
zerfressen, glaubte nicht an seine Fähigkeiten als Journalist, sah sich als Versager und „Verbrecher“, der
der Welt nur etwas vormache. In der Begegnung mit Helmut lag für ihn die Rettung aus seiner
Hoffnungslosigkeit, an der Vernunft und Ausgeglichenheit des alten Jugendfreunds hoffte er zu genesen.
Inmitten Helenes Klavierspiels tritt Klaus Buch in die Ferienwohnung. Wider Erwarten hat er den Sturm
überlebt, und Helene tritt sogleich an seine Seite. Die Paare trennen sich, ohne dass es zu einem
Blickwechsel zwischen Helmut und Klaus kommt. Halms reisen vorzeitig ab. Auf der Zugfahrt nach
Montpellier erzählt Helmut Sabine die Geschichte des Urlaubs, sein letzter Satz ist der Beginn der Novelle.
 Gesellschaftsanalyse und Psychogramm zugleich: Identitätskrisen und Lebenslügen, die vom
Leistungsdruck der Gesellschaft verursacht werden. Während sich Helmut Halm dem Leistungsdruck in
seinem Privatleben seit der Midlife Crisis entzieht und sich in seiner Lethargie bequem eingerichtet hat,
mimt Klaus Buch den sportlichen, sexuell aktiven und erfolgreichen Macher. Helmut erlebt Klaus als
Bedrohung, weil dieser das Leitbild der Gesellschaft verkörpert, ihn entlarven könnte und seine Frau
Sabine sich von dem Blender angezogen fühlt. Martin Walser erzählt konsequent aus Helmuts Perspektive.
Während wir auch seine verborgenen Gedanken mit verfolgen, erleben wir die anderen drei Figuren nur
"von außen".
 beginnt und endet mit demselben Satz. Dadurch entsteht ein Rahmen, und wir können uns vorstellen, dass
der Text aus dem Bericht besteht, den Helmut seiner Frau während der Zugfahrt gibt.
Thema 19. Die Literatur der 1980er Jahre in der Bundesrepublik
1. Annäherung der beiden deutschen Literaturen: Ebenso zweigeteilt wie das Land war auch seine
Literatur; Menschen, die in der gleichen Sprache schrieben, schrieben in verschiedenen Welten, in
verschiedenen Systemen und unter verschiedenen Voraussetzungen. Annäherungen zwischen der Literatur
der BRD und der DDR fanden erst im Laufe der 80er Jahre statt. Nachdem der Liedermacher Wolf
Biermann aus der DDR ausgebürgert worden war, folgten andere Schriftsteller ihm nach und siedelten
ebenfalls in die Bundesrepublik über. Dadurch vollzog sich nicht nur eine reale Wanderung, auch eine
Wanderung innerhalb der Literatur fand statt, die Literaturen der beiden Teile Deutschlands erhielten so
die Möglichkeit, sich zu berühren und zu durchdringen und zu Ausgleichstendenzen zu finden. Unter den
Autoren, die aus Protest gegen die Ausbürgerung Biermanns in die BRD übersiedelten, befanden sich
beispielsweise die Lyrikerin Sarah Kirsch und der Dichter Reiner Kunze.
2. Versuch einer Neubestimmung des Verhältnisses von Literatur und Wirklichkeit ganz im Geiste der 1980er
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Jahre – mehr Ästhetik, Fiktion und Rückeroberung der Literatur. „Ästhetik des Widerstandes“ von
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Peter Weiss und die „Jahrestage“ von Uwe Johnson – die gewichtigsten deutschsprachigen Werke der
1970er und 1980er Jahre. Die politischen Hoffnungen der 1960er Jahre treten in den Hintergrund, auf die
Ich-zentrierte Perspektive der 1970er Jahre wird verzichtet. In den Blick der Literatur der 1980er Jahre
geraten ökologische, atomare und soziale Fragen und Katasrophen. In der Realität – Schritten an die
Öffentlichkeit während der Schriftstellertreffen, in der literarischen Ästhetik – Phantasiepotentiale und
produktive Handlungen, die auf Veränderung des sozialen status quo abzielen, Rückgewinnung
geschichtlichen Denkens und Handelns.
3. Postmoderne: Neben den spezifisch deutsch-deutschen Tendenzen griffen in den 1980er Jahren jedoch
auch andere Einflüsse auf die Literatur über. Der Begriff der Postmoderne begann sich zu etablieren und
auf das literarische Schaffen einzuwirken. Der Begriff "Postmoderne" ist in Bezug auf seine zeitliche
Ansetzung und seine Inhalte umstritten, denn eine tatsächliche postmoderne Theorie existiert nicht. Die
Autoren sind nicht miteinander durch Gruppierung oder Programm verbunden. Doch gerade diese
Uneinheitlichkeit ist kennzeichnend, Brüchigkeit und Vielfältigkeit wohnen dem Postmodernen inne, das
Subjekt des postmodernen Romans wird in eine problematisch gewordene Welt gestellt, mit seiner
Individualität konfrontiert und innerhalb einer brüchigen Wirklichkeit zur Schicksalsfindung
herausgefordert.
 Thematik: Sinnverlust, Selbstverwirklichung des Menschen: Die postmodernen Autoren verarbeiten die
Erfahrung, dass der Mensch keinen Platz mehr in der modernen Welt findet, sondern, nach Rollen und
Lebensmodellen suchend, durch die Welt irrlichtert. Die Welt ist zu vielschichtig und zu schwer zu
durchschauen, weswegen es dem Menschen nicht mehr möglich ist, die Realität zu erfassen und sich auf die
eine Wahrheit festzulegen.
 Merkmale: gegen Festschreibungen ideologischer und kultureller Art; Hang zum Irrationalismus
(menschliche Vernunft kann keine hinreichende Erkenntnis der Welt erwerben); strikte Abwendung von
Empirie bzw. Allgemeingültigkeitsstreben der Wissenschaft; Konservatismus (Rückschrittlichkeit);Fragen
nach der Grenze zwischen Sprache und Bild/Inhalt auf und inwieweit Realität in Schrift ausgedrückt.
 Figuren: Bei den Figuren im postmodernen Roman bleibt von der sympathischen Heldenfigur des
Protagonisten früherer Literaturepochen nicht mehr übrig. Der Protagonist bietet nur noch ein geringes
Identifikationspotenzial und es handelt sich bei ihm oft um einen gesellschaftlichen Außenseiter. Die
Möglichkeit der positiven Entwicklung des Charakters wird im postmodernen Erzählen geleugnet. Die
Hauptfigur bleibt in ihrem Verhalten statisch und manchmal degeneriert der Protagonist. Die Erzählerfigur
im postmodernen Roman steuert und strukturiert den Roman in bewusster Weise.
 Struktur: verweigert sich linearem und chronologischem Erzählen, statt Einheitlichkeit herrschen
fragmentarische Tendenzen vor, statt Sinnstiftung erfolgt Sinnverweigerung. Eine Ähnlichkeit zu
filmischen Techniken und Montagetechniken lässt sich immer wieder feststellen. Zeitraffungen und
Zeitdehnungen, Zeitsprünge und das Abbilden verschiedener Perspektiven sind dafür charakteristisch.
 Sprache: Sprache ist fließend und rhythmisch, sehr deskriptiv und offenbart zeitweise einen ironischen
Unterton. Die Autoren spielen mit rhetorischen Mitteln und sprachlichen Formulierungen. Die Sprache ist
oft mit Ästhetik, Rhythmik und Schönheit in den Formulierungen verbunden.
 Vertreter: Patrick Süskind, Umberto Eco, Bernhard Schlink, Friedrich Dürrenmatt, Peter Stamm,
Robert Scheider, Max Frisch und Christian Kracht.
4. Das Parfüm von Patrick Süskind: erzählt vom Leben Jean-Baptiste Grenouilles, der zum Mörder
junger Frauen wird, um sein Ziel, größter Parfumeur aller Zeiten zu werden und die Menschen zu
beherrschen, zu erreichen. Grenouille besitzt die überragende Fähigkeit, Gerüche zu erfassen, zu
analysieren, zu speichern und sie zu neuen Duftkompositionen zu verarbeiten; allerdings fehlt ihm der
menschliche Eigengeruch. Der Roman präsentiert Grenouilles Werdegang und die Stationen seiner.
Grenouille ist eine monomanische Figur. Die ihn beherrschende Manie ist bedingt durch sein Genie; sein
Genie wiederum ist seinem Wesen nach manisch. Streben nach sozialer Isolation, außergewöhnliche
Schmerzunempfindlichkeit, Wahrnehmen der Umwelt als Ding-Welt, Menschen als „Duftträger.“
Verstoßener, Ungeliebter und Isolierter. konservative Erzähltechnik; „Lust zu fabulieren“ im Sinne
„fantasievollen Erzählens“; auktorialrer Erzähler: Süskinds Erzähler moderiert nicht nur, er kommentiert,
wertet und ironisiert.
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Draußen vor der Tür Inhaltsangabe: Ein Beerdigungsunternehmer und ein alter Mann beobachten die Silhouette
eines Mannes, der am Rand eines Pontons an der Elbe steht und schließlich ins Wasser springt. Ob es sich dabei um
Beckmann handelt, wird nicht explizit ausgesagt. Der Beerdigungsunternehmer offenbart sich als der Tod. Er ist gut
genährt, rülpst ununterbrochen und zeigt sich in bester Laune. Sein Geschäft floriert, die Menschen sterben in großer
Zahl. Der alte Mann gibt sich als Gott zu erkennen und bejammert das Schicksal seiner Kinder, das zu ändern er nicht
in der Lage sei. Während die Menschen an ihn nicht mehr glauben, sei der Tod ihr neuer Gott geworden. Gott geht ab.
Der Tod ruft ihm nach, er solle den ins Wasser Gegangenen nicht beweinen. Dieser sei nur einer von vielen und sein
Tod mache keinen Unterschied. Beckmann schwimmt in der Elbe. Er ist in den Fluss gesprungen, um sein Leben zu
beenden. Die Elbe erscheint ihm in Gestalt einer alten, resoluten Frau. Beckmann begründet den Entschluss seines
Suizidversuchs: Er hungere, humpele und das Bett seiner Frau sei von einem anderen besetzt. Doch die Elbe weist
Beckmann zurück. Sein junges Leben sei ihr zu armselig. Er solle erst einmal richtig leben, getreten werden und
zurücktreten. Erst wenn er tatsächlich am Ende sei, dürfe er wiederkehren. Stromabwärts wirft sie ihn ans Ufer.
Beckmann liegt am Strand. Zu ihm tritt ein Fremder, der sich der „Andere“ nennt. Er sei derjenige, der stets an
Beckmanns Seite stehe, dem dieser niemals entkommen könne. Er sei der Jasager, der Optimist, der immer an das
Gute glaube und Beckmann antreibe, wenn dieser nicht mehr weiter wolle. Beckmann weist die Lebensbejahung des
Anderen zurück. „Draußen vor der Tür“ spielt an einem einzigen Abend nach dem zweiten Weltkrieg, als der
Protagonist Beckmann, ein Kriegsveteran, wieder zurück in seine Heimatstadt Hamburg kommt. Er ist lädiert, hat nur
noch eine Kniescheibe, humpelt und ist auch psychisch angeschlagen. Daher versucht er sich mit einem Sprung in die
Elbe das Leben zu nehmen, doch diese spuckt ihn wieder aus und so beginnt für Beckmann ein Abend des Leidens. Als
erstes „traf“ Beckmann den Anderen, ein Fremder, der ihm erklärt, dass er immer an seiner Seite sein werde und ihn
in schwierigen Situationen unterstütze – ein Ja-Sager, ein Optimist. Beckmann will davon jedoch nichts wissen, flieht
und läuft in die Arme einer jungen Frau. Diese hat Mitleid mit Beckmann, der noch immer mit der Gasmaskenbrille aus
dem Krieg umherirrt. Sie nimmt ihn mit zu sich nach Hause und gibt ihm die Jacke ihres Mannes, der seit drei Jahren in
Stalingrad vermisst wurde. Beckmann sieht den Mann dieser jungen Frau vor sich und verlässt die Wohnung
fluchtartig. Er hat ein schlechtes Gewissen, er glaubt daran Schuld zu sein, dass dieser Mann nicht nach Hause
gekommen ist und macht sich auch für den Tod von elf weiteren Männern verantwortlich, die unter seiner Leitung in
Russland gestorben sind. Erneut will sich Beckmann auf den Weg zur Elbe machen, um einen zweiten Suizidversuch zu
unternehmen. Der Andere kann ihn jedoch davon abhalten und schlägt ihm vor, den Oberst zu besuchen, unter
dessen Leitung er im Krieg gestanden hat. Beckmann erhofft sich von seinem Besuch beim Oberst, dass er diesem die
Verantwortung für die 20 Mann zurückgeben und sich so von seiner Schuld und den damit verbundenen Albträumen
befreien kann. Doch der Oberst und seine Familie, die gerade dabei sind, ein gediegenes Nachtessen zu verspeisen,
machen sich über Beckmann lustig und haben kein Verständnis für sein Problem. Sie bezeichnen ihn als Kabarettisten
und werfen ihn raus. Nach dem Gespräch mit dem Oberst und dessen Idee, Beckmann als Kabarettisten zu
bezeichnen, macht sich dieser auf den Weg zu einem Zirkusdirektor, um ihm seine schauspielerischen Leistungen zu
präsentieren. Doch dieser ist alles andere als begeistert und erklärt Beckmann, dass dessen Nummer zu bitter und hart
sei und auch wenn sie die Wahrheit darstellen würde, niemanden interessiere. Beckmann ist wütend und will wieder
zur Elbe, doch der Andere kann ihn abermals davon abhalten und bringt ihn dazu, seine Eltern aufzusuchen. Doch
auch dieses Treffen endet für Beckmann in einem Fiasko, denn er erfährt von der Nachmieterin, dass seine Eltern, die
sich den Nazis angeschlossen haben, sich das Leben genommen haben. Die einzige Sorge der Mieterin ist, dass man
mit dem Gas, mit welchem sich Beckmanns Eltern umbrachten, besser hätte einsetzen können. Völlig verzweifelt
bricht Beckmann auf der Straße zusammen und schläft ein. In seinem Traum begegnet er nochmals allen Personen, die
er nach seiner Rückkehr aufgesucht hat, doch alle gehen sie an ihm vorbei, ohne ihm zu helfen oder ihn zu beachten.
Als Beckmann aus seinem Traum erwacht, ruft er klagend nach Gott und fragt nach einer Antwort, doch nicht mal Gott
antwortet ihm.
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Erstes Buch: Im ersten Buch beginnt die erzählte Zeit mit dem Jahr 1899, in dem Oskar Mazeraths Mutter Agnes von
dem vor der Polizei fliehenden Joseph Koljaicek und der ihm unter ihren Röcken Zuflucht gewährenden Anna Bronski
auf einem kaschubischen Kartoffelacker gezeugt wird. Die beiden heiraten noch im selben Jahr; 1900 wird Oskars
Mutter geboren. Joseph muss 1913 erneut fliehen und es bleibt ungeklärt, ob er auf der Flucht ertrinkt oder lebend
entkommt. Tochter Agnes vermählt sich 1923 mit Alfred Matzerath, obwohl sie zu dieser Zeit schon ein Verhältnis mit
dem Neffen ihrer Mutter, Jan Bronski, hat. 1924 wird Oskar geboren; unklar ist, ob von Alfred oder von Jan gezeugt.
Der Ich-Erzähler Oskar Matzerath beschreibt sich als Person, die schon bei ihrer Geburt vollständig entwickelt war.
Außerdem war er von Beginn an fasziniert vom Trommeln. Zum dritten Geburtstag erhält er eine Blechtrommel, in
diesem Alter beschließt er zudem, nicht mehr zu wachsen. Er setzt diesen Entschluss um, indem er einen Sturz
provoziert. Statt zu sprechen, trommelt er, statt zu protestieren, nutzt er seine besondere »Begabung«, Glas zu
zersingen. 1931 verweigert er den Schulbesuch, stattdessen bildet er sich mithilfe der Bäckersfrau Gretchen Scheffer
selbst im Lesen und Schreiben aus. Er freundet sich mit dem kleinwüchsigen Musikclown Bebra an, in einer Zeit, da
sich die Bedrohung durch den Nationalsozialismus bereits andeutet. Auch Herbert Truczinski und Sigmund Markus
zählen zu seinen Freunden. Am Karfreitag 1937 stirbt seine Mutter an einer Fischvergiftung, mit der sich eine der
vielen grotesken wie gewollt abstoßenden Nebenhandlungen verbindet. Herbert stirbt auf mysteriöse Weise; Sigmund
Markus, der Spielwarenhändler jüdischen Glaubens, nimmt sich in der Pogromnacht 1938 das Leben. Zweites Buch:
Das zweite Buch schildert Oskar Mazeraths Jugendjahre in Danzig von 1939 bis zu seiner Übersiedlung nach Düsseldorf
1945. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs verteidigt Oskar gemeinsam mit Jan Bronski die heimische Post gegen SS-
Leute. Als es diesen gelingt, die Post zu stürmen, verrät er Bronski, der daraufhin erschossen wird. Von seinem Vater
wird er häufig der Obhut Maria Truczinskis überlassen, der Schwester seines verstorbenen Freundes Herbert. Mit ihr
macht er erste sexuelle Erfahrungen, gleichzeitig entwickelt sich eine Beziehung zwischen ihr und seinem Vater. Alfred
Mazerath heiratet die schwangere Maria, das Kind wurde vermutlich von Oskar gezeugt. Im Juni 1941 wird Kurt
offiziell als Sohn von Alfred und Maria geboren. Oskar wird Mitglied in Bebras Fronttheater-Ensemble und nimmt eine
Liebesbeziehung zu der kleinwüchsigen Roswitha auf, die bei Kämpfen am Atlantik getötet wird. Oskar geht 1944 nach
Danzig zurück, wo er Kurt zum dritten Geburtstag eine Blechtrommel überreichen will. Statt Dank erntet er Prügel von
dem Dreijährigen. In einer katholischen Kirche hängt Oskar seine Blechtrommel einer Jesusfigur um, die zu trommeln
beginnt. Oskar schließt sich einer Diebesbande an, sieht sich selbst in der Nachfolge Jesu. Die Bande wird verhaftet,
Oskar freigesprochen. Im März 1945 wird er mitschuldig am Tod seines Vaters Alfred. Oskar begräbt mit dem Vater
auch seine Blechtrommel und beschließt wieder zu wachsen. Gemeinsam mit Maria und Kurt zieht er nach Düsseldorf.
Drittes Buch: erzählt die Geschehnisse von Oskars Entlassung aus einem Düsseldorfer Krankenhaus 1946 bis zu seinem
dreißigsten Geburtstag 1954. In Düsseldorf beginnt Oskar 1947 eine Ausbildung zum Steinmetz, die er aber nicht
beendet. Stattdessen wird er Modell in der Kunstakademie und bezieht ein Zimmer neben der von ihm
umschwärmten Krankenschwester Dorothea Köngetter. Er lernt den Jazzmusiker Klepp kennen, gemeinsam mit einem
Gitarristen gründen sie die Kombo »The Rhine River Three«, mit der sie im »Zwiebelkeller« auftreten. Eine nächtliche
Begegnung mit Dorothea endet nicht wie erwünscht. Als der Besitzer des Zwiebelkellers stirbt, erhält Oskar einen
Vertrag von einer Agentur, dort trifft er Bebra wieder. Oskar gelangt als eine Art musikalischer Messias zu Reichtum
und beerbt zusätzlich Bebra nach dessen Tod 1951. Am 7. Juli desselben Jahres findet ein Hund den Ringfinger
Dorotheas; Oskar konserviert diesen und zeigt ihn seinem Freund Gottfried von Vittlar. Mit diesem schmiedet er den
Plan, dass Vittlar ihn bei der Polizei des Mordes an Dorothea bezichtigen soll. In derselben Nacht flieht Oskar nach
Paris, wo er sich schließlich als »Jesus« verhaften lässt. Im Anschluss an die Prozesse wird er 1952 in eine Heilanstalt in
Düsseldorf eingewiesen. An seinem dreißigsten Geburtstag im Jahr 1954 erfährt er, dass seine Unschuld an Dorotheas
Tod erwiesen wurde und er die Heilanstalt verlassen muss, was ihn vor die schwierige Frage stellt, wie er sein Leben in
Zukunft gestalten soll.
iii
Katz und Maus: Zu Beginn möchte der schwächliche Mahlke von den anderen Jungs (namentlich: Schilling, Esch,
Winter, Hotten Sonntag, Jürgen Kupka und Pilenz) mitgenommen werden, wenn diese zu einem polnischen
Minensuchboot, was vor der Küste auf Grund lief, schwammen. Deshalb lernte er so schnell wie möglich Tauchen und
Schwimmen. Schon nach kurzer Zeit war Mahlke - übrigens ein frommer Katholik, der häufig betete - der Schnellste
von allen. Während die anderen auf dem Deck faulenzten, tauchte er oft in den Rumpf des Wracks und brachte
Werkzeuge oder Plaketten nach oben, womit er sich erstes Ansehen verdiente. Als die schmächtige Tulla Pokriefke
einmal mitgenommen wird, stellt man nach einer ausgiebigen Onanie-Szene fest, daß Mahlke (Zitat) "mindestens
einen 30 cm langen" hat. Das bringt ihm wieder etwas Beachtung ein. Dann kommt Joachim mir den "Puscheln" zur
Schule; das sind kleine Stoffkugeln, die man sich vor den Hals hängen kann. Obwohl er dieses nur tat um seinen Kropf
zu verbergen (wie er es vorher mit einem Schraubenzieher machte, den er sich umhängte), werden die Puschel zur
Mode, weshalb Mahlke von den anderen bewundert wurde. Im Winter bekommt Pilenz Besuch von seinen Cousinen
Besuch. Mit Schilling besuchen die drei das zugefrorene Wrack. Dort ist Mahlke gerade damit beschäftigt, die
Eisschicht zu entfernen, da er darunter eine Luke vermutet. Nachdem die Mädchen Mahlke dabei helfen durften das
Eis zu schmelzen (mit Urin) sind auch diese begeistert von ihm. Pilenz erwähnt, daß er stolz auf Joachim ist. Als im
Conradi-Gymnasium ein Kapitänleutnant von der Front berichtet, wird Mahlke aufgeregt: Wenn er ein Eisernes Kreuz
(ein militärischer Orden der Nazis), wie es der Soldat trägt, hätte, könnte das gut von seiner Schilddrüse ablenken. Im
nächsten Sommer möchte Joachim Mahlke, dessen Vater früh gestorben ist, nicht zum Wrack schwimmen. Schließlich
läßt er sich doch dazu überreden. Am Anfang des Buches wollten die anderen Jungs ihn noch nicht mitnehmen, nun
bittet man ihn schon darum. Als er dort im Schiffsrumpf einen Jungen retten muß, findet er den Eingang zu einem
Raum des Bootes, der sonst nicht zugänglich ist. Schließlich unternimmt er den Versuch den Raum einzurichten. Er
wickelt Bücher, Schulkram und ein Grammophon in Tücher und bringt sie dort hin. Seitdem verbringt er viel Zeit im
Schiff und spielt Platten so laut ab, daß man sie auf Deck hört. Bald hält ein weiterer Soldat, der mit dem Eisernen
Kreuz ausgezeichnet wurde eine propagandistisch euphorische Rede in der Schule. Während der Soldat als Erinnerung
am Sportunterricht teilnimmt, stiehlt Mahlke dessen Orden. Als der Verlust auffällt, wird die Sporthalle durchsucht,
aber Mahlke fliegt nicht auf. Nach der Schule versucht Pilenz während einer Bahnfahrt Joachim zu überreden, das
Eiserne Kreuz zurückzugeben, was er jedoch nicht tut. Mahlkes Verbrechen fliegt trotzdem auf und er wird auf die
Horst-Wessel-Oberschule versetzt. Nach den Sommerferien ist Mahlke nicht mehr da und bei Pilenz breitet sich
Langeweile aus. Joachim ist in einem Wehrertüchtigungslager und macht eine Funkerausbildung. Während dieser Zeit
schwamm die Gruppe kaum noch zum Wrack, da dieses von einer Jugendbande und deren Anführer, genannt
Störtebeker, besetzt wird. Beiläufig berichtet Pilenz noch, daß sein Bruder gefallen ist. Dann meldet sich Pilenz
freiwillig als Meßdiener bei der Kirche, in der Hoffnung dort den gläubigen Mahlke zu treffen. Später trifft Pilenz ihn
dort denn auch. Während des Gottesdienst beobachtet Pilenz Mahlkes Kropf so wie er es immer tat. Als die beiden
miteinander sprechen, zeigt sich Joachim sehr erwachsen, wahrscheinlich weil er mittlerweile bei der Armee ist. Er
witzelt sogar über erlebte "Kindergeschichten", darunter auch über seinen übergroßen Adamsapfel. Am dritten
Advent sehen sich die zwei zu Hause bei Mahlke zum vorerst zum letzten Mal. Pilenz besucht den verwundeten
Freund Esch. Bald wird er selber eingezogen. Während des Fronturlaubes wird er neidisch auf den Altar den seine
Mutter seinem toten Bruder aufgebaut hatte. Als Pilenz wider Arbeitsdienst in der Tuchler Heide hat, hört er viele
Geschichten über einen Mahlke, der angeblich heldenhaften Einsatz zeigte, um sich das Eiserne Kreuz zu verdienen.
Pilenz kommt während des nächsten Fronturlaubes wieder nach Hause und trifft endlich wieder auf Joachim. Dieser
will in seiner alten Schule einen Vortrag über die Front halten, darf aber aufgrund des lange zurückliegenden
Diebstahls nicht. Da Mahlke nicht wieder in den Krieg zurück will, muß er nun ein Versteck finden, da er sonst gesucht
und geholt wird. Natürlich bietet sich Mahlkes Raum im Innern des Wracks an. Da er sich den Magen mit unreifen
Stachelbeeren verdorben hat und so nicht schwimmen kann, wollen sich die beiden ein Ruderboot mieten. Auf dem
Weg zum Strand holt Pilenz Nahrungsmittel für einen längeren Aufenthalt von Mahlkes Mutter, die von alledem nichts
weiß. Von Mahlke wollen viele Kinder ein Autogramm haben und stellen ihm begeistert Fragen zum Krieg. Auf dem
Weg zum Wrack erzählt Mahlke Pilenz vom geplanten Vortrag. Nachdem Mahlke nach unten tauchte, schwimmt
Pilenz wieder weg. Da sich die beiden an dem Abend nochmals verabredet hatten, Mahlke aber nicht erschien, kann
man vermuten, daß er auf dem Weg zu seinem Versteck tödlich verunglückt ist.