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Prof. Dr.

Nikolina Burneva: Geschichte und Kultur Deutschlands SS 2015

Schwellenzeit zur „Moderne“


Zeitspannen 
Aspekte 
Aufklärung (1670 - 1800)
1. Demografie Verringerung der Sterblichkeit im 18. Jh.: seit etwa 1750 keine so großen Seuchen (letzte Pest 1709), die
Pocken forderten zwar zahlreiche Opfer, doch geringere Letalität als die der Pest. 1796 – erfolgreiche
Impfung. Disziplin und Technologien in der Kriegsführung. Neue Nutzpflanzen (Kartoffel, Mais), erweiterte
Viehhaltung.
Medizin: Krankheit ist nicht von Gott gesandte Strafe, Hygiene und Terapie ist Menschenwerk.
2. Territoriale
Gliederung
Weiterhin: das Heilige Römische Reich Deutscher Nation (bis 1806) – eine anachrosnistische staatliche
Verfassung im lockeren lehnsrechtlichen Verband von absoluten Monarchien und Duodezfürstentümer.
3. Staats- In der politischen Elite der deutschen Staaten gibt es kaum Motivation für die Herausbildung eines National-
verfassung
staats, in dem die Kleifürsten ihre Macht verlieren würden. (Weit hinter England zurück)
ABER: AUSLÄNDISCHE EINFLÜSSE
Epoche der
Staatsumstürze 1) AMERIKA: die nordamerikanische Unabhängigkeits- und Verfassungsrevolution (1775-1783/87)
2) FRANKREICH: die Große französische bürgerliche Revolution (1789-1994)
4. Gesellschafts- Absolute Monarchien und Duodezfürstentümer.
ordnung
Jedoch: RELIGIÖSE TOLERANZ (Hugenotten, Katholiken, Juden)
Friedrich II. der Große (1712-1786) – König von Preußen seit 1740: „Jeder soll nach seiner Façon selig
werden.“ = „aufgeklärter Monarch“, „der Philosoph auf dem Thron“, König = oberster Diener des Staates
Vgl. Referat zu Friedrich II. dem Großen
5. Wirtschaft Mehr als zwei Drittel der Erwerbsbevölkerung ganz oder überwiegend landwirtschaftlich tätig; feudale
Agrarstrukturen; handwerkliches Zunftwesen und die anachronistische staatliche Verfassung.
6. Lebensqualität Protestantische Ethik: Arbeit, Frömmigkeit, Moral = „tugendhaft“, „bieder“

RATIO (VERNUNFT) – NUTZEN – ZWECKMÄßIGKEIT – BÜRGERLICH


7. Weltanschau-
ung(-en)

Lessing – Bürgerlichkeit und religiöse Toleranz: „Nathan der Weise“ (dort: „Ringparabel“)
Kant – Vernunft: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
Herder – Volkstümlichkeit: „Stimmen der Völker in Liedern“ (Sammlung von Volksliedern)
8. Kunst

Rokoko -
Spätform des Barock: hell, verspielt (= игрив), aristokratisch.
(vgl. Referat und Präsentation zum Thema „Barock“)

Parallel dazu entwickeln sich der SENTIMENTALISMUS als Weltempfinden und


die EMPFINDSAMKEIT als ihm entsprechender Kunststil:
Empfindsamkeit

bürgerlich (= бюргерски),
gefühlvoll (= с чувство),
volksverbunden (= народностен)
naturverbunden (= природосъобразен)

BÜRGERLICHES THEATER: Lessing – bürgerliches Trauerspiel und Lustspiel


bürgerliche Tugenden gegen fürstliche Willkür;
Toleranz und Brüderlichkeit unter allen Menschen, abgesehen von der Konfession;
stehendes städtisches Theater mit festem Ensemble und Spielplan, z.B. in Hamburg
Lessing ist der erste freischaffende Schriftsteller in deutscher Sprache (für wenige Jahre)
Literatur:
Didaktisch –
Sittsamkeit:
Christian Fürchtegott Gellert (1715 - 1769)
will
Der wahre Freund
bürgerliche Moral
erziehen
Der ist mein Freund, der mir stets des Spiegel zeigt,
den kleinsten Flecken nicht verschweigt,
mich freundlich warnt, mich ernstlich schilt,
wenn ich nicht meine Pflicht erfüllt'.
Das ist mein Freund – so wenig wie er's scheint!
Doch der, der mich stets schmeichelnd preist,
mir alles lobt, nie was verweist,
zu Fehlern mir die Hände beut,
und mir vergibt, eh' ich bereut
– das ist mein Feind –
so freundlich er auch scheint!
Aufrichtigkeit:
Gotthold Ephraim LESSING (1729-1781)
Der Rabe und der Fuchs
Ein Rabe trug ein Stück vergiftetes Fleisch, das der erzürnte Gärtner für die Katzen seines Nachbars hingeworfen hatte, in
seinen Klauen fort.
Und eben wollte er es auf einer alten Eiche verzehren, als sich ein Fuchs herbei schlich, und ihm zurief: „Sei mir gesegnet,
Vogel des Jupiters!" – „Für wen siehst du mich an?", fragte der Rabe – „Für wen ich dich ansehe?", erwiderte der Fuchs. „Bist
du nicht der rüstige Adler, der täglich von der Rechte des Zeus auf diese Eiche herab kommt, mich Armen zu speisen? Warum
verstellst du dich? Sehe ich denn nicht in der siegreichen Klaue die erflehte Gabe, die mir dein Gott durch dich zu schicken
noch fortfährt?"
Der Rabe erstaunte, und freute sich innig, für einen Adler gehalten zu werden. „Ich muss", dachte er, „den Fuchs aus diesem
Irrtume nicht bringen." – Großmütig dumm ließ er ihm also seinen Raub herabfallen, und flog stolz davon. Der Fuchs fing das
Fleisch lachend auf, und fraß es mit boshafter Freude. Doch bald verkehrte sich die Freude in ein schmerzhaftes Gefühl; das
Gift fing an zu wirken, und er verreckte.
Möchtet ihr euch nie etwas anders als Gift erloben, verdammte Schmeichler!