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Molière – Der Menschenfeind

Der Menschenfeind

Das Drama spielt in einer Gesellschaft, in der sehr viel Wert auf den guten Ton
gelegt wird – was mit Ethik aber nicht viel zu tun hat. Auf die höfische Etikette wird
mehr Wert gelegt als auf die Wahrheit.

Der vermeintliche Misanthrop Alceste hasst die Menschen für ihre Heuchelei und das
bedeutungslose Lob, das sie bei jeder Gelegenheit aussprechen. Er ist stolz auf
seine Ehrlichkeit und seine Unabhängigkeit vom Königshof. Sein Freund Philinte,
dem er wirklich am Herzen liegt, fordert ihn stets vergebens dazu auf, sich in seiner
Kritik an der Gesellschaft zu mäßigen und sich anzupassen.

Eine weitere Figur im Drama ist Célimène. Obwohl deren Koketterie Alceste zuwider
ist, liebt er sie innig. Ganz nach dem Motto „Die wahre Liebe zeigt sich
unnachsichtig“ macht er Célimène auf ihre Fehler aufmerksam, worauf diese aber
nicht besonders begeistert reagiert.

Alcestes größter Wiedersacher ist Oronte, den er gegen sich aufbrachte, als er ihm
seine ehrliche Meinung zu einem selbstverfassten Sonett mitteilte. Wegen dieser
Kränkung schleift Oronte ihn sogar vor Gericht. Eigentlich hofft Alceste sogar, den
Prozess zu verlieren, um dadurch sein negatives Menschenbild zu belegen und
rechtfertigen zu können.

An dieser Stelle konnte ich mich als Leserin sehr gut in Alcestes Lage
hineinversetzen und seinen drastischen Standpunkt verstehen. Jeder will ihn davon
überzeugen, nachzugeben, doch er ist zu Recht der Meinung, dass ihn niemand
zwingen kann, Orontes Sonett zu mögen, und dass ein erzwungen positives Urteil
über das Sonett ohnehin nichts wert wäre.

Nachdem Alceste den Prozess tatsächlich verliert, bittet er Célimène, sich mit ihm
gemeinsam aufs Land zurückzuziehen. Als sie ablehnt, beschließt Alceste, allein der
Gesellschaft den Rücken zu kehren.

Sehr interessant finde ich, dass Alceste zwar einzig und allein Sympathien für
Célimène empfindet, ihm selbst aber sehr wohl Liebe entgegengebracht wird – trotz
seiner schwierigen Art. Philinte bemüht sich ehrlich um die Freundschaft, und darum,
dass Alceste sich in die Gesellschaft besser einfügen kann und sich wohl fühlt.
Arsinoé, Célimènes Freundin, und Éliante, ihre Cousine, zeigen offen ihr Interesse
an Alceste. Dieser scheint davon jedoch nichts zu merken.
Molière – Der Menschenfeind

Ich entschied mich für dieses Werk, da es sehr geistreich geschrieben ist und sich
mit einem ethischen Problem beschäftigt, für welches man heute noch keine Lösung
hat. Der Kernaussage des Werkes, dass man seine Mitmenschen mit konstruktiver
Kritik in ihrer Entwicklung fördern sollte, stimme ich voll und ganz zu.

Ich bin aber der Meinung, dass der Protagonist des Stückes diese Meinung viel auch
freundlicher kundtun könnte. Die harten Worte, die der Autor Alceste in den Mund
legte, dienen sicherlich zur Dramatisierung der Situation, in der er sich befindet.
Alcestes Ton trägt jedenfalls entscheidend dazu bei, ihn noch mehr von seinen
Mitmenschen zu separieren.

Vielleicht entstand das Werk ja auch aus einer Laune Molières heraus, der seinem
Ärger Luft machen wollte.

Wer die Gedanken noch ein bisschen weiter spinnt, dem fällt vielleicht die
Verbindung zum christlichen Gebot „Liebe deinen Nächsten“ auf, für das es keine
weitere Einschränkung gibt. Man wird dazu aufgefordert, den Verbrecher genauso zu
lieben wie den „guten Bürger“. Diese Einstellung halte ich für falsch – letztlich zählen
nur die Taten eines Menschen, jeder ist selbst dafür verantwortlich, welche Richtung
er einschlägt.

Zitate

Alceste: „Die Menschen sind mir so verhasst, dass ich mich ärgern würde, fänden sie
mich weise.“
(S. 8)

Oreste: „Mein kleiner Herr, tun Sie mal nicht so groß.“


Alceste: „Mein großer Herr, ich tu so wie ich muss.“
(S. 18)

Alceste: „Die Menschen sind so töricht, dass dieser Groll nur zu berechtigt ist, weil
sie in allen Dingen dreiste Schmeichler oder bedenkenlose Richter sind.“
(S. 28)

Alceste: „… die wahre Liebe zeigt sich unnachsichtig.“


(S. 28)
Molière – Der Menschenfeind

Molière

…wurde 1622 als Jean-Baptiste Poquelin in Paris geboren. Er war Schauspieler,


Theaterdirektor und Dramatiker. Seine Werke zählen zur Französischen Klassik.

Sein Vater war ein wohlhabender Textilhändler, der später zu einer Art „königlichem
Raumausstatter“ aufstieg. Sowohl Molières Mutter, die er im Alter von zehn Jahren
verlor, als auch seine Stiefmutter starben im Kindbett.

Molière absolvierte ein Jesuitenkolleg und legte mit etwa 16 den Amtseid als
künftiger Nachfolger seines Vaters ab. Wenige Jahre später übertrug er das Amt auf
seinen Bruder. Er studierte Juristerei in Orleáns und erhielt die Zulassung als Anwalt.
Es ist jedoch nicht bekannt, ob er als solcher auch praktizierte.

Zusammen mit einer Schauspielerin gründete Molière das „L’Illustre Théâtre“, das
aber schon zwei Jahre später in die Pleite ging. Danach schloss er sich einer
wandernden Schauspielergruppe an, deren Direkter er bald wurde. Seit spätestens
1655 waren auch Molières eigene Stücke im Programm der Gruppe.

Nach 13 Wanderjahren kehrte Molière nach Paris zurück. Für den jungen Louis XIV.,
der seine Werke sehr mochte, schrieb er zahlreiche Bühnenstücke.

1662 heiratete Molière die 19-jährige Armande. Der König wurde Taufpate ihres
ersten Kindes, das jedoch bald darauf starb. Ihre Tochter Esprit-Madeleine überlebte
als einziges der Kinder.

Der „Menschenfeind“ erschien 1667 unter dem Titel „Le Misanthrope ou l’Atrabilaire
amoureux“ – „Der Menschenfeind oder der griesgrämige Verliebte“. Das Stück wurde
im Pariser Palais Royal uraufgeführt – die Rolle des Protagonisten Alceste übernahm
Molière persönlich.

1673 erlitt er nach einer Vorstellung von „Der eingebildete Kranke“ einen
Schwächeanfall und starb. Seine Frau Armande erreichte – dank ihrer guten
Beziehung zum König – die Genehmigung des Erzbischofs für eine kirchliche
Bestattung, gegen den Willen des Gemeindepfarrers.