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KARL BROSE, FRANKFURT/M.

NIETZSCHES VERHÄLTNIS ZU JOHN STUART MILL

Eine geisteswissenschaftliche Studie

Nietzsche polemisiert durch sein ganzes Werk hindurch gegen den


Sozialismus und die soziale Bewegung, ohne deren entscheidende Quellen zu
kennen, nämlich die Texte von Lassalle, Marx oder Engels. Nietzsche in-
formiert sich aus Sekundärliteratur über den Sozialismus1 oder schöpft aus
Quellen, die für die soziale Bewegung des 19. Jahrhunderts nicht charakte-
ristisch sind. Solche sekundären Quellen der sozialen Bewegung sind die
Schriften John Stuart Mills. Nietzsche besitzt Mills G e s a m m e l t e
W e r k e in seiner eigenen Bibliothek2. Er studiert den Band über F r a u -
e n e m a n z i p a t i o n , A r b e i t e r f r a g e und S o z i a l i s m u s 3 so
genau, daß wörtliche Stellen in seinem Werk wiederkehren. Bevor wir uns
der Analyse der Arbeiten Mills zuwenden, soll dessen Stellung im Werk
Nietzsches untersucht werden.

1. John Stuart Mill im Werk Nietzsches

Eine Untersuchung über die Stellung Mills im Werk Nietzsches ist mit
der Frage verbunden, ob Nietzsche gerecht oder nur polemisch gegen Mill
verfährt, ob er die „ S o c i a l i s t i c a "4 bei ihm wirklich findet. Vorweg
ist festzuhalten, daß Nietzsche alle Autoren und deren Schriften, die nur
von fern eine Verbindung zur sozialen Frage vermuten lassen, zunehmend

1
Zum Beispiel aus E. Dühring, Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des
Sozialismus, Berlin 21875 (Leipzig 41900).
2
E. Förster-Nietzsche, Friedrich Nietzsches Bibliothek, in: Bücher und Wege zu Büchern,
hrsg. A. Berthold, Stuttgart 1900, S. 436.
3
J. St. Mill, Gesammelte Werke Bd. 12, übers. S. Freud, Leipzig 1880 (Neudruck der
gleichen Ausgabe: Aalen 1968).
4
WM 826 (XVI, S. 250). — Hinter Siglen und Aphorismen-Nummern der zitierten
Nietzsche-Texte ist in Klammer Band- und Seitenzahl der „Großoktav-Ausgabe", GA,
angegeben.
Nietzsches Verhältnis zu John Stuart Mill 153

in sein Antichristentum einspannt, freilich nicht in dem Maße, wie Lukacs


unterstellt5. Mit gewaltigem Pathos gegen den liberalistischen Optimismus
seines Zeitalters bekämpft Nietzsche den Satz Mills, daß „wir nachsichtig
gegen die großen Einäugigen" sein sollen. Nietzsche will nicht Nachsicht
gegen letztere, „wo man gewöhnt ist, ihnen Glauben und beinahe Anbetung
zu zollen" statt Kritik; vielmehr soll man „nachsichtig gegen die Zwei-
äugigen, große und kleine" vom Typ Mills sein: denn „höher als bis zur
Nachsicht werden wir, so wie wir s i n d , es doch nicht bringen!"6 In
der „Anbetung" wittert Nietzsche jene Christlichkeit, die er auch dem
Sozialismus, ja der Soziologie, unterstellt. Liegt hier wohl ein allzu glattes
Vorurteil Nietzsches vor, so ist doch die Kritik am ökonomischen Denken
der Gründerjahre nicht zu überhören. Das Denken dieser Epoche, von wirt-
schaftsimperialistischen Tendenzen bestimmt, sieht Nietzsche in den Lehren
Mills theoretisch antizipiert. In England hat „John Stuart Mill der Lehre
von den sympathischen Affektionen und vom Mitleiden oder vom Nutzen
anderer als dem Prinzip des Handelns die meiste Berühmtheit gegeben";
Mills Lehren — wie auch die Schopenhauers und Comtes — sind nur ein
„Echo", sie sind „mit einer gewaltigen Triebkraft überall und in den
gröbsten und feinsten Gestalten zugleich aufgeschossen, ungefähr von der
Zeit der französischen Revolution an, und alle sozialistischen Systeme haben
sich wie unwillkürlich auf den gemeinsamen Boden dieser Lehren gestellt"7.
Ohne diese Argumentation Nietzsches vorerst weiter zu verfolgen,
wenden wir uns dem Verhältnis von einzelnem und Masse zu, das — nach
der Ansicht Nietzsches — der sozialen Bewegung zugrunde liegt. Die Ge-
sellschaft nach der Französischen Revolution hält es für moralisch, so argu-
mentiert Nietzsche, den einzelnen den Bedürfnissen der Allgemeinheit
unterzuordnen und sein Glück in der Nützlichkeit und Werkzeughaftigkeit
für alle und das Ganze zu sehen. Dieses Ganze weiß die nadirevolutionäre
Gesellschaft nicht zu formulieren: „Nation", „Völkerverbrüderung" oder
„wirtschaftliche Gemeinschaft" bleiben schwammige Begriffe. Einig jedoch
ist sie sich über die Verleugnung des Individuums, die Vergesellschaftung
und Verproduktivierung seines Inneren und seiner Fähigkeiten. Diese Aus-
beutung des Individuums als positive soziale Empfindung deklariert, dringt,
so meint Nietzsche, in das aristokratische, den Griechen verpflichtete
Denken des einzelnen ein. Mill ist der „Vermittler" zwischen diesem nivel-

5
G. Lukacs bezeichnet den Sozialismus als den „Hauptfeind" Nietzsches, ohne dessen
Antichristentum als vermittelndes tertium comparationis zu sehen. Nietzsche als Be-
gründer des Irrationalismus der imperialistischen Periode, in: Die Zerstörung der Ver-
nunft, Werke Bd. 9, Neuwied und Berlin 1962, S. 274.
6
M 51 (IV, S. 54).
• M 132 (IV, S. 134).
154 KarlBrose

Herren Status des 19. Jahrhunderts und dem aristokratischen Ideal der
Antike. Mills Schriften zeigen „Wahrheiten, die am besten von mittel-
mäßigen Köpfen erkannt werden", dem Geist „achtbarer, aber mittel-
mäßiger Engländer — ich nenne Darwin, John Stuart Mill und Herbert
Spencer —", der „in der mittleren Region des europäischen Geschmacks zum
Übergewicht zu gelangen anhebt."8 Dieser mittelmäßige englisdie Geist, der
sich als etwas Moralisches nimmt, ist in Wahrheit etwas Enges, Dürres und
Krämerhaftes, wie Nietzsche hier mit fast marxischen Worten sagt. Für den
englischen Geist, wie ihn Mill repräsentiert, sind kleine gemeinsame Tat-
sachen interessant, soziale Phänomene der bestehenden Gesellschaft. Der
moralische Anspruch hinter diesem Geist der Engländer verursacht nach der
Ansicht Nietzsches eine Gesamtdepression des europäischen Denkens des
17. und 18. Jahrhunderts. Besonders bringen die demokratischen Ideen
Englands die vorrevolutionären Ideale Europas, die Aufklärung Voltaires,
auf Massenbasis herunter — ein Prozeß, gegen den Nietzsche auch in seiner
Polemik gegen die von Locke beeinflußten Schriften Rousseaus Stellung
nimmt. England hat die „europäische Gemeinheit", den „Plebejismus der
modernen Ideen"9 heraufgeführt, die „ J o h n S t u a r t M i l l : oder die
beleidigende Klarheit"10 allen Sozialisten Europas sichtbar macht. Er be-
treibt den Kampf gegen das aristokratische Frankreich, nur daß er den
Sozialrevolutionären Parolen noch die englischen Moralkategorien der „Ge-
wohnheit" und des „Nutzens" hinzufügt11. Er erweist sich als Vertreter der
gegen Frankreich gewandten Mittelmäßigkeit, wenn er in Larochefoucauld
„nur den scharfsinnigsten Beobachter alles dessen in der menschlichen Brust,
was auf gewohnheitsmäßige Selbstsucht" zurückgeht"12 sieht.
Mills Urteile über den Menschen sind nach der Ansicht Nietzsches nicht
die eines freien und aristokratischen Geistes. Mill — wie auch Comte —
postuliert gemäß dem „Kultus der christlichen Moral unter einem
neuen Namen" einen „ w e i c h l i c h e n u n d f e i g e n B e g r i f f
, M e n s c h f"13, wie Nietzsche, jedes humanitäre und anthropologische

8
JGB 253 (VII, S. 223).
9
JGB 253 (VII, S. 224).
10
GD, Streifzüge eines Unzeitgemäßen l, (VIII, S. 117).
11
Nietzsches Polemik gegen diese beiden Kategorien englischen Denkens setzt den Kampf
Hegels gegen Hume und die englisdie Erfahrungsphilosophie fort. Vgl. G. W. F. Hegel,
Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie III, Werke Bd. 20, Frankfurt/M. 1971,
S. 277 ff. — Tatsächlich tauchen diese Kategorien nicht nur bei H. Spencer auf, sondern
auch bei einem zeitgenössischen Historiker wie A. J. Toynbee, A Study of History, dt.
Der Gang der Weltgeschichte, München 1970, Bd. II/2, S. 492 und 493.
12
WM 772 (XVI, S. 205).
18
WM 340 (XV, S. 388).
Nietzsches Verhältnis zu John Stuart Mill 155

Argument vom Tisch fegend, konstatiert. Mill erstrebt „eine Art von
i r d i s c h e r L ö s u n g , aber im gleichen Sinn, in dem des s c h l i e ß -
l i c h e n T r i u m p h s von Wahrheit, Liebe, Gerechtigkeit (der Sozialis-
mus: , Gleichheit der Person')"; er glaubt „nach wie vor an Gut und Böse",
so daß er „den Sieg des Guten und die Vernichtung des Bösen als A u f -
g a b e empfindet (— das ist englisch: typischer Fall der Flachkopf John
Stuart Mill)" 1 4 . Nietzsche nimmt die Kritik Hegels an dem mecha-
nistischen Denken der englischen Erfahrungs- und Moralphilosophie auf in
seinem großen Aphorismus „ G e g e n J o h n S t u a r t M i l l " : „Ich
perhorresziere seine Gemeinheit, welche sagt ,was dem einen recht ist, ist
dem ändern billig"; ,was du nicht willst usw., das füg' auch keinem ändern
zu'; welche den ganzen menschlichen Verkehr auf G e g e n s e i t i g k e i t
der L e i s t u n g begründen will, so daß jede Handlung als eine Art Ab-
zahlung erscheint für etwas, das uns erwiesen ist. Hier ist die Voraussetzung
u n v o r n e h m im untersten Sinne: hier wird die Ä q u i v a l e n z der
W e r t e von H a n d l u n g e n vorausgesetzt bei mir und dir; hier ist
der persönlichste Wert einer Handlung einfach annulliert (Das, was durch
nichts ausgeglichen und bezahlt werden kann —)."15 Mills Negation der
Einmaligkeit der Handlung, die aus der Einmaligkeit des Individuums re-
sultiert und dessen aristokratischer Absonderung von der an Gleichheit der
Menschen und Ausgleichbarkeit und Gegenseitigkeit der Handlungen glau-
benden Menge — eine These Nietzsches, die er durch sein Postulat der Vor-
nehmheit und persönlichen Werte zu decken versucht —, ist für Nietzsche
eine „niaiserie anglaise": „,Was du nicht willst, daß dir die Leute tun, das
tue ihnen auch niditc. Das gilt als Weisheit; das gilt als Klugheit; das gilt als
Grund der Moral, — als ,güldener Spruch*. John Stuart Mill (und wer nicht
unter Engländern?) glaubt daran!"16 Ein Tun, das ein gleiches Verhalten des
anderen einkalkuliert, mißt jede Handlung und deren Ursache nach schäd-
lichen und nützlichen Folgen, das heißt nach dem Beweggrund, ob eine
Handlung vergolten wird oder nicht. Marxisdi verschärft läßt sich hier von
Mehrwert und Profit als Quelle menschlicher Handlungen sprechen: in der
Gegenseitigkeit der Handlungen ist das Tauschverhältnis von Geld und
Ware dargestellt, das Äquivalenzprinzip der liberalen Bourgeoisie. Nietz-
sche nun will — rigoros und „immoralistisch" genug — gerade verbotene
Handlungen tun, um anderen Menschen und ihren Handlungen zuvorzu-
kommen. Das Vermeiden einer Handlung um schädlicher Folgen willen ist
für Nietzsche ein Verbot für anständige Handlungen überhaupt. Den An-

14
WM 30 (XV, S. 161).
15
WM 926 (XVI, S. 321).
1
WM 925 (XVI, S. 320).
156 KarlBrose

satzpunkt Mills, Äquivalenz von Handlungen als moralisch anzusehen,


lehnt Nietzsche ab gemäß der Maxime Goethes, daß der Handelnde immer
gewissenlos sei. Mill frönt, so meint Nietzsche, dem Typus des nivellierten
Menschen der Massendemokratie, der sich allem und alles sich gleich macht.
Mill postuliert eine Äquivalenz der Handlungen, die in der Realität nicht
vorhanden ist. Denn nach der Auffassung Nietzsches ähnelt kein Indi-
viduum dem anderen, gibt es zwischen wirklichen Individuen keine gleichen
Handlungen und folglich auch keine Millsche Vergeltung.
Nietzsches Urteil über das Denken John Stuart Mills soll anhand
einiger wichtiger Schriften des letzteren zur sozialen Frage geprüft werden.
Aus den bisherigen Ausführungen mag schon hervorgegangen sein, daß
Nietzsche oft mit bloßer Polemik gegen Mill verfährt, die unter poetisch-
satirischer Rhetorik explodiert und am Kern des sozialen Problems vorbei-
zielt. Leicht kann Nietzsches Interpretation des sozialen Denkens Mills der
mangelnden Auseinandersetzung mit den Quellen des wissenschaftlichen
Sozialismus überführt werden. Aber durch diesen Mangel bekommt
Nietzsche etwas in den Griff, was dem theoretischen Sozialismus leicht ent-
geht: das sich Kümmern um die Strukturen des einzelnen Individuums, für
das Aspekte der Gesellschaft und des Klassenkampfes sekundär erst folgen
aus der Frage nach Kultur, Höhe und Stärke des einzelnen Individuums.
Dies ist für Nietzsche das eigentlich philosophische Problem hinter seiner
Kritik und Polemik gegen John Stuart Mill. Hinzu kommt, daß durch den
moralischen Anspruch, den Mills theoretische Schriften erheben, für
Nietzsche eine sein eigentliches philosophisches Problem des einzelnen mäch-
tigen Individuums verschleiernde christlich-theologische Position ins Spiel
kommt. Moral ist für Nietzsche in die Philosophie verschleppte Christlich-
keit, ein Rückfall in Vorphilosophisches. Diese Gefahr der Nivellierung der
Philosophie durch bloße Moralität — und ihr rechnet Nietzsche auch den
Sozialismus und die soziale Frage zu — sieht Nietzsche durch Mill herauf-
kommen. Ohne das Problem der Moral in den Werken Nietzsches und Mills
weiter zu verfolgen, das nicht Thema dieser Studie ist, halten wir nur den
sozialen Aspekt der Schriften Mills fest und den gegen diesen gerichteten
Affekt des Werkes Nietzsches. Die Aufsätze Mills sind eine der wenigen
Quellen über die soziale Frage, die Nietzsche wirklich gekannt hat.

2. Nietzsches und Mills Haltung zur Frauenemanzipation

In seinem Aufsatz Ü b e r F r a u e n e m a n z i p a t i o n postuliert


Mill die gesetzliche und tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern
Nietzsches Verhältnis zu John Stuart Mill 157

„in allen politischen, bürgerlichen und sozialen Rechten"17. Mit dieser For-
derung widerspricht er der Ansicht Nietzsches, daß die Frau nicht von
„ihrem ersten und letzten Berufe, kräftige Kinder zu gebären"18 abzulenken
sei. Gleichstellung im Sinne Mills bedeutet für Nietzsche den Vorrang der
sozialen Rechte vor denen des Individuums, das heißt „das Reich der tief-
sten Vermittelmäßigung und Chineserei"19. Befürwortet Mill den Anspruch
der Frau auf Stimmrecht und Wählbarkeit zu Ämtern und bezeichnet die
Gleichheit vor dem Gesetz ohne Unterschied des Geschlechts als Fortschritt,
so ist für Nietzsche dieser „Fortschritt" nur eine „moderne Idee, das heißt
eine falsche Idee"20. Sie bringt nicht die Stärkung des individuellen „Typus
Mensch", des Mannes schlechthin. Gleichheit vor dem Gesetz ohne Unter-
schied des Geschlechts führt nach dem Urteil Nietzsches letztlich zur Auf-
hebung der Rechte des Mannes, die in der Herrschaft über das Weib be-
stehen. Mill aber fordert — radikal genug —, daß „das Wort , ' aus
allen Verfassungsurkunden zu tilgen ist"21, daß — ein weiterer Punkt —
die Frauen den vollen Nutzen aus der Erweiterung ihres Unterrichts ziehen
sollen. Diesen Nutzen postuliert er, so meinen wir, um die Frauen um so
ertragbringender in die liberalistische Wirtschaftsordnung einzuplanen. Das
meint auch Nietzsches Standpunkt, der kritischer und letztlich „humaner"
ist als der Mills. Nietzsche lehnt Berufszwang und Geldverdienen überhaupt
ab, weil sie die künstlerische und reflektierende Lebensgestaltung des ein-
zelnen Individuums verhindern. Beruflich emanzipierte Frauen werden
durch einen Theoretiker wie Mill dem „ N u t z e n der H e r d e " 2 2
eingefügt, ein Aspekt, den Nietzsche auf dem Grund der gesamten Moral
des 19. Jahrhunderts erblickt: „Der Nutzen und das Vergnügen sind
S k l a v e n - T h e o r i e n vom Leben: der ,Segen der Arbeit" ist eine Ver-
herrlichung ihrer selber. — Unfähigkeit zum otium."23
Letztlich nimmt Nietzsche in der Frage der Frauenemanzipation eine
ähnliche Haltung wie Strindberg im V a t e r ein oder wie der Hauptheld
in den G o t i s c h e n Z i m m e r n . Dagegen findet der Frauenfürspre-
cher Ibsen kein Gehör bei Nietzsche. Er wird mit einer „typischen alten

17
Mill, Gesammelte Werke Bd. 12, S. 1. Der Aufsatz erschien Juli 1851 in der West-
minster Review. Mill hebt beim Wiederabdruck der Schrift den Anteil seiner Gattin
besonders hervor. W. Dilthey hat das Verhältnis Mills zu dessen Gattin charakterisiert:
John Stuart Mill, in: Portraits und biographische Skizzen, Gesammelte Schriften Bd. 15,
Göttingen 1970, S. 245—250.
18
JGB 239 (VII, S. 199).
19
FW 377 (V, S. 335).
20
AC 4 (VIII, S. 219).
21
Mill, a. a. O., S. 2 f.
22
WM 276 (XV, S. 347).
23
WM 758 (XVI, S. 196).
158 KarlBrose

Jungfrau"24 verglichen. Aufgrund dieser Haltung kann Nietzsche nicht


Mills Vorschlag des ehelichen Güterrechts akzeptieren, die Rechtsgleichheit
zwischen den Gatten und das gleiche Verfügungsrecht der Frau über ge-
meinsam erworbenes Eigentum. Im Sinne des „Willens zur Macht" nimmt
Nietzsche — den ökonomische Fragen fast überhaupt nicht interessiert
haben — zur Frage des Eigentums Stellung: „Dem Sieger gehört der
Besiegte, mit Weib und Kind, Gut und Blut. Die Gewalt gibt das erste
R e c h t , und es gibt kein Recht, das nicht in seinem Fundamente An-
maßung, Usurpation, Gewalttat ist."25 Hat hier Nietzsche die usurpa-
torische Besitzergreifung der Tyrannis im alten Griechenland vor Augen, so
geht er zu sokratischer Armut und bukolischer Idylle über, wenn er dem
Menschen der Gegenwart „freiwillige idyllische Armut"26 und „alle Arbeits-
wege zum k l e i n e n Vermögen"27 wünscht. Nietzsche verwirft konzen-
trierten Reichtum in den Händen liberalistisdier Privatgesellschaften, Ban-
ken und Fabrikbesitzer — hierin der Konzeption von Marx verwandt.
Nietzsches Haltung zum Eigentum ist nicht antisozial oder antisozialistisch.
Jedoch lehnt er die Rechtsgleichheit zwischen Frau und Mann hinsichtlich
des Eigentums ab, weil er die menschliche Gleichheit zwischen beiden Part-
nern nicht anerkennt.
Die den Frauen das Stimmrecht absprechenden Chartisten setzt Mill
„Nivellierern"28 gleich. Nietzsche rechnet aber gerade Theoretiker wie Mill
unter die „ N i v e l l i e r e r , diese fälschlich genannten ,freien Geister'"29.
Die Unterscheidung zwischen einer durch Geburt zur Herrschaft bestimmten
Kaste und einer ihr untergebenen ist für Mill eine Quelle der sittlichen Ent-
artung, Hindernis jeder sozialen Verbesserung. Nietzsche, der gerade aus
dem Geburtsadel des Mannes die Überlegenheit des Herrschens ableitet,
lehnt sowohl die „Sittlichkeit der Sitte" Mills ab, sowie die Verbesserung
von sozialen Zuständen, die ihre Maximen aus Moral und abstrakten Be-
griffen des Guten zieht. Nietzsche will sogar die rechtliche Inferiorität der
physisch Schwächeren noch gesteigert wissen und setzt nicht zufällig neben
den Begriff der Frau den des „Sklaven" und „Schlechtweggekommenen".
Die Herrschaft der physisch überlegenen Kraft über die schwächere ist für
Nietzsche ein Zeichen höherer Tugend und des Eroberns aus innerer Fülle.
Stärkere Körperkraft als Ausdruck innerer Fähigkeiten beruht auf einer
biologistisdien Argumentation Nietzsches, die ihn zu seiner Lehre des Uber-

24
WM 5 (XV, S. 59).
25
Nachlaß (IX, S. 154).
26
M 206 (IV, S. 204).
27
WS 285 (III, S. 348).
28
Mill, a. a. O., S. 5.
29
JGB 44 (VII, S. 64).
Nietzsches Verhältnis zu John Stuart Mill 159

menschen führt. Nietzsche empfindet die Welt des 19. Jahrhunderts — für
Mill nodi „jung", weil eben vom Faustrecht despotischer Alleinherrscher
befreit — als dekadent und beklagt den Mangel an Übermenschen, die be-
seelt sind vom Willen zur Macht. Er greift auf die als ewig jung empfun-
denen Griechen des vorsokratisdien Zeitalters zurück, so daß die jugendliche
Welt Mills demgegenüber als „Amerikaner-Glaube von heute"30 erscheinen
muß, voller Hast und Oberflächlichkeit. Nietzsche fühlt sich hier als
„ V e r z ö g e r e r par excellence"31, dem die „langsame Gebärde, auch der
langsame Blick"32 des Vornehmen eignet. Er hemmt den Fortschrittsglauben
Mills, der meint, die Menschheit sei dem Zustand der Herrschaft der
Stärksten entwachsen und alles ziele darauf hin, „an die Stelle der Herr-
schaft des Stärksten eine gerechte Gleichheit als das allgemeine Prinzip der
menschlichen Beziehungen zu setzen."33
Mill zitiert als These der Gegner der Frauenemanzipation, „daß die
Beschäftigungen, von denen die Frauen ausgeschlossen werden, u n -
w e i b l i c h e sind, und daß der a n g e m e s s e n e W i r k u n g s k r e i s
der Frauen nicht Politik oder die Öffentlichkeit, sondern das häusliche und
Privatleben ist."34 Diese These der Emanzipationsgegner berührt sich fast
mit Nietzsches Ansicht von der weiblichen Aufgabe des Kindergebärens.
Führt Mill als Gegenargument die Fähigkeit der Frau zur königlichen Herr-
schaft an — Beispiele sind Elisabeth L von England, Maria Theresia und
Katharina von Rußland —, so steht ihm hier Andlers Verteidigung der von
Nietzsche verurteilten Frauen George Sand und Madame de Stael zur
Seite35. Nietzsche rühmt, mit einem ganz anderen Ansatz als Mill, nur die-
jenigen Frauen, die dem Willen zur Macht den Vorrang vor den femininen
Eigenschaften einräumen. Seine Achtung vor der Mutter Napoleons ist
offensichtlich durch den Rang des Sohnes vermittelt, wenn er sagt, „daß die
mächtigsten und einflußreichsten Frauen der Welt (zuletzt noch die Mutter
Napoleons) gerade ihrer Willenskraft — und nicht den Schulmeistern! —
ihre Macht und ihr Übergewicht über die Männer verdankten."36 Das
„Schlimmste"37 ist für Mill die Argumentation der Emanzipationsgegner,
Mann und Frau erwürben bei Berufseintritt der Gattin zusammen nicht
mehr als der Mann allein. Das Schlimmste heißt für die Emanzipations-

80
FW 356 (V, S. 297).
81
WM 101 (XV, S. 217).
82
WM 943 (XVI, S. 330).
88
Mill, S. 8.
84
Mill, S. 9.
85
Ch. Andler, Nietzsche, sä vie et sä pens£e, Paris 101958, t. III, p. 137—138.
8
« JGB 239 (VII, S. 199).
87
Mill, S. 13.
160 Karl Brose

gegner also halber Erwerb und für Mill Verlust gesteigerten, ja doppelten
Gewinns. Das gibt der Polemik Nietzsches Nahrung, daß Mill und alle Für-
sprecher oder Gegner der Frauenemanzipation die Hebung des Ansehens der
Frau auf ihre Eigenschaft zu erwerben zurückführen. Diese Auffassung hat
ihren Stellenwert in der Erörterung von Angebot und Nachfrage. Damit er-
weisen sich Parolen der Würde der Frau und die Steigerung ihres geistigen
Niveaus als spätidealistische, unwahre Residuen, die Marx ohne Beschöni-
gung auf ökonomische Mängel zurückführt. Hinter Mills Formulierungen
verbirgt sich — idealistisch genug — ein Optimum des Guten, Moralischen
und der Verbesserung, das ihn, nach dem Verdikt Nietzsches, unter die
Priestertypen fallen läßt, „die typischen , Verbesserer'"38.
Der Ausschluß der Frau von der Gesellschaft bedeutet eine Selbstauf-
hebung der letzteren, da die Frau sie zur Hälfte konstituiert. Mill bezeich-
net die Frau im 19. Jahrhundert nur als Mittel und Anhängsel des Mannes.
Dagegen stellt Nietzsche gerade eine Feminisierung des Mannes im 19. Jahr-
hundert fest durch zu starkes Eingehen auf das Weibliche, auf die Emanzi-
pation. Nietzsche sieht in der Aufrechterhaltung des Unterschiedes von
Mann und Frau eine Notwendigkeit, während Mill für Weib und Mann
denselben Moralkomplex erstrebt und es für Gewaltsamkeit erklärt, Eigen-
willen und Selbstbehauptung zu männlichen Tugenden zu stempeln und
Entsagung und Unterwerfung zu weiblichen. So liegt eine Verurteilung der
Nietzscheschen Kategorien von Herren- und Sklavenmoral in dem Satz
Mills, daß nur im „Anbeginn und bei Stämmen, die sich noch auf einer
primitiven Kulturstufe befinden... Frauen die Sklavinnen der Männer zu
Zwecken der Arbeit"39 waren. Die folgenden Jahrhunderte dann haben die
Frau als „ein Stück der Ausstattung des Hauses"40 betrachtet. Diese Ein-
stufung der Frau noch in der Gegenwart kritisiert Nietzsche mit radikaleren
Worten als Mill, wenn er dem liberalen Bürgertum zuruft: „das Unechte
und Schauspielerische eurer Lebensfreuden, welche mehr im Gefühl des
Gegensatzes (daß andere sie nicht haben und euch beneiden) als im Gefühle
der Kraft-Erfüllung und Kraft-Erhöhung liegen — eure Wohnungen,
Kleider, Wagen, Schauläden, Gaumen- und Tafel-Erfordernisse, eure lär-
mende Opern- und Musikbegeisterung, endlich eure Frauen, geformt und
gebildet, aber aus unedlem Metall, vergoldet, aber ohne Goldklang, als
Schaustücke von euch gewählt, als Schaustücke sich selber gebend: — das
sind die giftträgerischen Verbreiter jener Volkskrankheit, welche als sozia-

88
GD, Die „Verbesserer« der Menschheit 2 (VIII, S. 103).
89
Mill, S. 17.
40
a. a. O.
Nietzsdies Verhältnis zu John Stuart Mill 161

listische Herzenskrätze sich jetzt immer schneller der Masse mitteilt, aber
i n e u c h ihren ersten Sitz und Brüteherd hat. Und wer hielte diese Pest
jetzt noch auf? —"41 Mill bezeichnet die Frau bei Griechen und Römern als
ein Stück Ruhe, zu dem sich der Mann nach dem Kampf zurückzieht, um
innerhalb der Wände Alleinherrscher und launenhafter Tyrann zu sein.
Indem Mill einen moralischen Schaden aus dieser Alleinherrschaft des
Mannes ableitet, widerspricht er der Ansicht Nietzsches, der gerade in der
patriarchalischen Leitung der antiken Familie und Gesellschaft ein Posi-
tivum sieht.
Was Mill eine fortschreitende Veredelung der Mächtigen und die „Ge-
wissenhaftigkeit" der Machthaber des Hauses in den „Pflichten gegen ihre
Frauen"42 nennt, ist für Nietzsche, besonders in öffentlichen Proklama-
tionen und Statuten der Fürsprecher der Frauenemanzipation, ein Rüdkfall
in christliches Räsonnement und Ressentiment. Gerade in der Gewissen-
haftigkeit wuchert für Nietzsche das „schlechte Gewissen" der Christen fort,
das aus Schuldbewußtsein und Sünde stammt. Auch lehnt Nietzsche —
Hintergrund ist seine Polemik gegen Kant — den Begriff der Pflicht ab,
weil ein „Zusammenhang der Begriffe Schuld', ,Pflichtc mit religiösen Vor-
aussetzungen" besteht, eine „Moralisierung dieser Begriffe (die Zurück-
schiebung derselben ins Gewissen, noch bestimmter, die Verwicklung des
s c h l e c h t e n Gewissens mit dem Gottesbegriffe)"43. Nietzsche erkennt,
daß im Pflichtbegriff das von christlichen Priestern verhängte moralische
„du sollst" über das selbstgewählte „ich will" und „ich bin" siegt: „ D u
s o l l s t " bedeutet „unbedingter Gehorsam ... in den Orden des Christen-
tums ... in der Philosophie Kants"; höher als das Sollen steht das heroische
„ I c h w i l l " . Am höchsten steht das für die Götter der Griechen geltende
„ I c h b i n "44.
Ist für Mill die Pflicht des Mannes gegen die Frau „beim gegenwärtigen
Zustand der Zivilisation" nicht mehr Schutz, sondern „Sorge für ihr
Glück"45, so will Nietzsche gerade „die garstige Pretension auf Glück"46
durch den Standpunkt der Macht verdrängt wissen. Denn der „Mensch
strebt n i c h t nach Glück; nur der Engländer tut das."47 Auch vermutet
Nietzsche hinter Mills Lob der gegenwärtigen Zivilisation jenen „sokra-
tischen Optimismus", der sich zum Gegenprinzip des „dionysischen Lebens-

41
VM 304 (III, S. 150).
42
Mill, S. 18.
45
GM II, 21 (VII, S. 389).
44
WM 940 (XVI, S. 328).
45
Mill, S. 18.
48
Nadilaß (X, S. 220).
47
GD, Sprüdie und Pfeile, 12 (VIII, S. 62).
162 KarlBrose

gefühls" aufwirft, wie es Nietzsche als höchstes Ziel individueller Vollkom-


menheit vorschwebt. Bei den Christen bekämpft Nietzsche das Glück als das
theologische Ziel des „Einen, das nottut", des „Heils der Seele", das sich
gegenüber einer aktiven Haltung zum Leben als das statische Prinzip der
„heilen Welt" und passiven Kontemplation äußert. In den liberalen An-
strengungen seiner Zeit entlarvt Nietzsche Glück als das „allgemeine grüne
Weide-Glück der Herde, mit Sicherheit, Ungefährlichkeit, Behagen, Er-
leichterung des Lebens für jedermann"48. Stellt Mill einen „Fortschritt in
den moralischen Gefühlen der Menschheit" fest „durch die Wandlung in den
Sitten"49, so heißt das für Nietzsche, daß der Mensch „mit Hilfe der Sitt-
lichkeit der Sitte und der sozialen Zwangsjacke wirklich berechenbar g e -
m a c h t "50 wurde. Humanistische und idealistische Kategorien, wie sie zur
Zeit Herders und Kants Geltung haben mochten, sind durch das Moralitäts-
empfinden Mills in die Philosophie der Gegenwart verschleppt, die damit
den wirklichen sozialen Problemen der Zeit ausweicht.
Ungleichheit zwischen den Partnern führt nach der Ansicht Mills
immer zur Verschlechterung der Stellung des Mannes, während für
Nietzsche der Mann gerade feminisiert wird durch seine Anpassung an Zu-
stände der ihm Unterlegenen, durch die Hervorkehrung des Weiblichen in
ihm, das heißt der Liebe, Nächstenliebe und des Mitleids. Sie sind etwas
Christliches, Soziales, ja Sozialistisches. Die höchsten Exemplare des „Typus
Mensch" entarten, wenn sie sozial werden. Der hohe Mensch, so sagt
Nietzsche, kann sich nur erhalten im Verkehr mit seinesgleichen oder Rang-
höheren. Die „Vornehmen" zeigen „Wohlgefallen an den F r a u e n , als
an einer vielleicht kleineren, aber feineren und leichteren Art von Wesen.
Welches Glück, Wesen zu begegnen, die immer Tanz und Torheit und Putz
im Kopfe haben! Sie sind das Entzücken aller sehr gespannten und tiefen
Mannsseelen gewesen, deren Leben mit großer Verantwortlichkeit beschwert
ist."51 Durch die Macht zu sich selbst bringt der Mann auch die Frau zu
ihren höchsten Tugenden, nicht aber dadurch, daß das Weib männliche
Tugenden annimmt. Der Verzicht des Mannes auf Besser- und Sozialer-
Werden, die Verwirklichung des „Werdet hart" — Zarathustra sagt: „Ge-
lobt sei, was hart macht!"52 — gibt der Frau die weiblichste ihrer Aussagen
ein: „Das Glück des Mannes heißt: ich will. Das Glück des Weibes heißt:

48
JGß 44 (VII, S. 64).
« Mill, S. 18.
60
GM II, 2 (VII, S. 345).
61
WM 943 (XVI, S. 331).
52
Za III, Der Wanderer (VI, S. 224).
Nietzsches Verhältnis zu John Stuart Mill 163

er will."53 Der geistige Einfluß des Mannes kollabiert, so stellt Nietzsche


fest, wenn Mill der Frau zuerkennt, daß „ihr moralischer Einfluß auf die
Männer nahezu immer ein heilsamer ist"54. Da Nietzsche gerade Egoismus
als Ausdruck männlicher Macht postuliert, kann er den Satz Mills nicht an-
erkennen, daß Frauen in ihrem gegenwärtigen „moralischen Zustand von
stärkeren Impulsen beherrscht"55 seien als die Männer. Allerdings stimmt
Nietzsche mit der Haltung Mills überein, wenn dieser bei den moralischen
Frauen eine höhere Art dauerhaften Eheglücks feststellt, weil das Gefühl
beider Geschlechter „echte Freundschaft"56 sei. Denn Nietzsche definiert die
Freundschaft als etwas über der Liebe Stehendes und handelt im eigenen
Leben immer nach dieser Maxime: „Es gibt wohl hier und da auf Erden eine
Art Fortsetzung der Liebe, bei der jenes habsüchtige Verlangen zweier Per-
sonen nacheinander einer neuen Begierde und Habsucht, einem g e m e i n -
s a m e n höheren Durste nach einem über ihnen stehenden Ideale, gewidien
ist: aber wer kennt diese Liebe? wer hat sie erlebt? Ihr rechter Name ist
F r e u n d s c h a f t . " 5 7 Oder in den „Reden Zarathustras", „ V o m
F r e u n d e " , heißt es: „Allzulange war im Weibe ein Sklave und ein
Tyrann versteckt. Deshalb ist das Weib noch nicht der Freundschaft
fähig. Aber sagt mir, ihr Männer, wer von euch ist denn fähig der
Freundschaft?"58
Sinn für das Gemeinwohl, Verständnis für die Pflichten gegen das all-
gemeine Beste, diese Nietzsche widersprechenden Tugenden kann Mill nicht
bei der gegenwärtigen Erziehung der Frau finden. In katholischen Ländern
ist „der Einfluß der Frau nur ein anderer Name für den Einfluß des
Priesters, der ihr in den Hoffnungen und Gefühlen, welche sich an ein Leben
im Jenseits knüpfen, einen Trost für die Leiden und Enttäuschungen dar-
reicht, die gewöhnlich in diesem Leben ihr Los sind."59 Hier berührt sich
Mill im Ansatz mit der Haltung Nietzsches. Jedoch sieht Nietzsche in Trost,
Liebe und Altruismus der Unterdrückten einen versteckten Willen zur
Macht über die ihnen Überlegenen, die Vernichtung ihrer Herren aus dem
Ressentiment der sozial Unterlegenen, dem „Sklavenressentiment". Dieses
konzentriert sich in der Person des christlichen Priesters. Gerade wenn der
Priester „mit Leidenden der niederen Stände, mit Arbeitssklaven oder Ge-

53
Za I, Von alten und jungen Weiblein (VI, S. 97).
54
Mill, S. 21 f.
55
Mill, S. 23.
56
a. a. O.
57
FW 14 (V, S. 54).
58
Za I, Vom Freunde (VI, S. 82).
59
Mill, S. 24.
164 Karl Brose

fangenen zu tun hatte (oder mit Frauen: die ja meistens beides zugleich sind,
Arbeitssklaven und Gefangene), so bedurfte es wenig mehr als einer kleinen
Kunst des Namenwechseins und der Umtaufung, um sie in verhaßten
Dingen fürderhin eine Wohltat, ein relatives Glück sehn zu machen"60. Die
„Unzufriedenheit des Sklaven mit seinem Los" wird zum treibenden Motiv
seines Willens zur Macht. Durch die christliche Verordnung der Nächsten-
liebe, die „eine Erregung des stärksten, lebensbejahendsten Triebes, wenn
auch in der vorsichtigsten Dosierung — des W i l l e n s zur M a c h t " 6 1
bedeutet, gefährdet der Priester das Männliche und Mächtige der wirklich
Herrschenden und zur Herrschaft Berufenen durch das Schwache und Weib-
liche, das die unteren Schichten an die Macht bringen soll. Mill unterstützt
durch seine moralischen Thesen der Frauenemanzipation die Feminisierung
des Mannes, den „europäischen F e m i n i s m u s " 6 2 , der, wie Nietzsche
sagt, in allem Sozialen voll zur Entfaltung kommt. Die augenblickliche Lage
der Frau gleicht nach der Ansicht Mills „jener von Pächtern oder Arbeitern,
welche gegen ihre eigenen Interessen stimmen, ihrem Gutsherrn oder Arbeit-
geber zu Gefallen"63. So ist es natürlich, daß sich die Sozialisten der Eman-
zipation der Frau annehmen, ein Grund für Nietzsche, Frauen und Sozia-
listen in einem Atem zu nennen und zu verurteilen.
Parallelität besteht zwischen Nietzsche und Mill in der Verurteilung
der schriftstellernden Frau. Letztere ist nach der Auffassung Nietzsches von
männlichen Aspirationen beherrscht, Zeichen der Verdrängung und Kom-
pensation weiblicher Ohnmacht und verfehlter fraulicher Instinkte: „Es
verrät Korruption der Instinkte — noch abgesehn davon, daß es schlechten
Geschmack verrät —, wenn ein Weib sich gerade auf Madame Roland oder
Madame de Stael oder Monsieur George Sand beruft, wie als ob damit
etwas z u g u n s t e n des ,Weibs an sich' bewiesen wäre. Unter Männern
sind die Genannten die drei k o m i s c h e n Weiber an sich — nichts mehr!
— und gerade die besten unfreiwilligen G e g e n - A r g u m e n t e gegen
Emanzipation und weibliche Selbstherrlichkeit."64 In diesem Sinn bezeichnet
Nietzsche George Sand als „ l a c t e a u b e r t a s , auf deutsch: die Milch-
kuh mit ,schönem Stil'"65 voller „Weibskoketterie mit Männlichkeiten, mit
Manieren ungezogner Jungen"66. Ebenso ist für Nietzsche Madame de

60
GM III, 18 (VII, S. 449).
61
a.a.O. (VII, S. 450).
62
M 4 (IV, S. 9).
63
Mill, S. 27.
64
JGB 233 (VII, S. 193).
65
GD, Streifzüge, l (VIII, S. 117).
68
a. a. O. 6 (VIII, S. 121).
Nietzsches Verhältnis zu John Stuart Mill 165

Stael „ein vermännlidites Weib" von „zügelloser Anmaßung"67, das sein


Urteil über die gesamte Frauenemanzipation bestimmt: „Wir Männer wün-
schen, daß das Weib nicht fortfahre, sich durch Aufklärung zu kompro-
mittieren: wie es Manns-Fürsorge und Schonung des Weibes war, als die
Kirche dekretierte: m u l i e r t a c e a t in e c c l e s i a ! Es geschah zum
Nutzen des Weibes, als Napoleon der allzu beredten Madame de Stael zu
verstehen gab: m u l i e r t a c e a t in p o l i t i c i s ! — und ich denke,
daß es ein rechter Weiberfreund ist, der den Frauen heute zuruft:
m u l i e r t a c e a t de m u l i e r e ! "68 Für England faßt Mill die Be-
deutung der Schriftstellerinnen von Beruf und Vertreterinnen der Frauen-
emanzipation dahingehend zusammen, daß sie jeden Wunsch nach Gleich-
stellung oder Bürgerrechten verleugnen und ihre Zufriedenheit mit der
ihnen von der Gesellschaft zugewiesenen Stellung verkünden. Kaum ziehen
erfolgreiche Schriftstellerinnen die Sache der Frauen ihrem eigenen Ansehen
in der Gesellschaft vor: „sie wollen Alltagsmännern keine Gelegenheit geben
zu sagen (was Alltagsmänner unter allen Umständen sagen werden), daß
Gelehrsamkeit unweiblich macht, und daß schriftstellernde Damen wahr-
scheinlich schlechte Hausfrauen sein werden."69
Fassen wir Nietzsches und Mills Haltung zur Frauenemanzipation zu-
sammen, so zeigt ihre Gegenüberstellung Stärke und Schwäche der Argu-
mentation. Mills Standpunkt erscheint, von Nietzsche aus gesehen, weniger
radikal. Vor allem erwartet er eine Änderung der bestehenden Stellung der
Frau „von oben" her, das heißt von einer moralischen oder ideellen Instanz
aus. Seine Vorschläge zur „Verbesserung" verhüllen gerade die Auseinander-
setzung mit der wirklichen Situation der Frau, die Analyse ihrer gesell-
schaftlichen und wirtschaftlichen Stellung. Er schildert das Elend „roman-
haft", wobei er hinter einem Dichter wie Carlyle zurückbleibt, der treffende
Worte über das Elend der Arbeiterschaft in England findet70. Mills Dar-
stellung der Frauenemanzipation, die dem Übel nicht auf den Grund geht,
spiegelt das Bestehende wider: Reform durch Gesetze der englischen Re-
gierung, Reduzierung der Nacht- und Sonntagsarbeit der Frauen und
Kinder, Kürzung der täglichen Arbeitszeit von zwölf auf zehn Stunden.
Mill ist seiner Zeit nicht voraus in einem radikalen Sinn. Vielmehr versieht
er ihre Mißstände mit philosophischem Ornament, das seine verspätete Her-
kunft aus Puritanismus und englischer Moralphilosophie nicht verleugnen
kann. Anders Nietzsche. Seine Stellungnahme zur Frauenemanzipation ist
67
JGB 209 (VII, S. 158).
68
JGB 232 (VII, S. 193).
69
Mill, S. 28.
70
Vgl. dazu: F. Engels, Die Lage Englands. „Past and Present" by Thomas Carlyle,
London 1843. Marx/Engels Werke Bd. l, Berlin 1970, S. 525—549.
166 Karl Brose

radikal, ja revolutionär. Es wäre ein Irrtum, beim Buchstaben seiner Äuße-


rungen über die Frauenemanzipation stehenzubleiben. Das revolutionäre
Pathos hinter seinen Äußerungen ist übersteigert, um die konservativen
Verhältnisse wenigstens in ihrer Hülle zu treffen. Wenn er das Sklaventum
der Frau hervorhebt, so zeigt er, wie weit es die Zeit gebracht hat. Hier gibt
Nietzsche großartige soziologische Deskription und Analyse der bestehen-
den Verhältnisse, die er kritisiert und umwertet, aber nicht wie Mill zu
transzendieren und damit wegzuleugnen versucht. Nietzsches Darstellung
der Frau führt in die Problematik des Übermenschen. Nietzsche weiß, daß
nur durch solche radikale Übersteigerung die Zeit ein Stück vorwärts
kommt, der allgemeine Geist, wie Hegel sagt, „einen Ruck tut"71.

3. Arbeiterfrage und Sozialismus bei Nietzsche und Mill

Mills Aufsatz über Die A r b e i t e r f r a g e ist eigentlich nur die


Rezension einer Schrift W. Th. Thorntons72. Dennoch entwickelt er eigene
Gesichtspunkte, die eine fruchtbare Gegenüberstellung mit dem Standpunkt
Nietzsches zur Arbeiterfrage ermöglichen. Mills Satz, „daß das Verhältnis
zwischen Nachfrage und Angebot, wenn sich der Preis angepaßt hat, immer
das der Gleichheit ist"73, stößt auf eine folgenreiche Parallele bei Nietzsche,
der für das 20. Jahrhundert eine Kultur der Handeltreibenden prophezeit.
Der Handeltreibende — „Sand! Kleiner, weicher, runder, unendlicher
Sand!"74 — taxiert alles nach dem Bedürfnis der Konsumenten und nicht
nach seinen persönlichen Ansprüchen: „er fragt bei allem, was geschaffen
wird, nach Angebot und Nachfrage, um für s i c h den W e r t e i n e r
Sache festzusetzen."75
Mill kommt auf die Sozialisten und ihre Stellung zum Eigentum zu
sprechen. Die Sozialisten geben zu, daß das Grundeigentum eine notwendige
Einrichtung in alten Zeiten war, als die Menschen zu einer gemeinschaft-
lichen Besorgung ihrer Geschäfte noch nicht fähig waren: „Aber wenn diese

71
Hegel, Gesch. d. Phil. I, a. a. O., Werke Bd. 18, S. 136. Nietzsche greift diesen Satz und
ähnliche Formulierungen Hegels auf, wenn er schreibt: „Hegel hat uns einmal gelehrt,
,wenn der Geist einen Ruck macht, da sind wir Philosophen auch dabei'." HL 9 (I,
S. 360).
72
J.St. Mill, Gesammelte Werke Bd. 12, a.a.O., S. 111—159. Der Aufsatz erschien in
der Fortnightly Review, Mai 1869. Das Buch Thorntons lautet mit vollem Titel: Die
Arbeit, ihre unberechtigten Ansprüche und berechtigten Forderungen, ihre wirkliche
Gegenwart und ihre mögliche Zukunft, London 1869; dt. H. Schramm, Leipzig 1870.
73
Mill, a.a.O., S. 115.
74
M 174 (IV, S. 171).
75
M 175 (a. a. O.).
Nietzsches Verhältnis zu John Stuart Mill 167

Zeit gekommen ist — und sie ist jetzt, wie sie meinen, gekommen — dann
hat das Privateigentum an Grund und Boden, so behaupten sie, seine Be-
rechtigung verloren, und die Menschheit im Ganzen sollte nun wieder ihr
Erbe antreten... Die Gesellschaft hat das Zugeständnis gemacht, und die
Gesellschaft kann dasselbe in jedem Augenblick wieder zurücknehmen."76
Nietzsche zeigt eine den Worten nach fast gleichlautende, aber aggressivere
und intensivere Polemik gegen die Sozialisten und ihre Haltung zum Eigen-
tum: „Wird die Ungerechtigkeit des Besitzes stark empfunden — der Zeiger
der großen Uhr ist einmal wieder an dieser Stelle —, so nennt man zwei
Mittel, derselben abzuhelfen: einmal eine gleiche Verteilung und sodann die
Aufhebung des Eigentums und den Zurückfall des Besitzes an die Gemein-
schaft. Letzteres Mittel ist namentlich nach dem Herzen unserer Sozialisten,
welche jenem altertümlichen Juden darüber gram sind, daß er sagte: du
sollst nicht stehlen. Nach ihnen soll das siebente Gebot vielmehr lauten: du
sollst nicht besitzen."77 Nietzsche schlägt, wie im vorigen Teil der Studie
erwähnt, den Erwerb eines kleinen Vermögens vor, um den Besitz ver-
trauenssicherer zu machen. Zu verhindern sei die plötzliche Bereicherung
und mühelose Anhäufung von Kapital in wenigen Händen. Denn sowohl
der Zuviel- wie der Nicht-Besitzende ist für Nietzsche ein gemeingefähr-
liches Wesen. Nehmen hier Nietzsche wie Mill, gemessen an der Radikalität
der Enteignungstheorie von Marx, ein Mittelmaß der Besitzregelung an, so
findet Mill schärfere Worte als Nietzsche, wenn er von den bisherigen
Sozialisten als den „Metaphysikern der Arbeiterfrage"78 spricht. Mill unter-
stützt nicht den Anspruch der radikalen Sozialisten, das Vermögen eines
Landes als Erzeugnis ihrer Arbeit und als ihnen allein gehörig zu betrachten.
Denn das Vermögen ist für Mill nicht nur das Erzeugnis der gegenwärtigen
Arbeit, sondern auch „der Arbeit früherer Jahre und früherer Genera-
tionen", die es „der gegenwärtig vorhandenen Arbeitskraft als Lebens- und
Produktionsmittel zur Verfügung"79 stellen. Hier berührt sich Mills Auf-
fassung mit derjenigen Nietzsches, daß die Vorfahren der Sozialisten ein-
mal Besitzende gewesen seien — eine These, die Nietzsche nicht weiter be-
legt — und durch eine neue Verteilung des Besitzes nur der „gewalttätige
Instinkt"80 perpetuiert werde. Nietzsche schlägt in die Kerbe Mills, wenn er
die Ursache aller Dummheit darin sieht, daß es eine Arbeiterfrage gibt:
„Ich sehe durchaus nicht ab, was man mit dem europäischen Arbeiter

7e
Mill, S. 137.
77
WS 285 (III, S. 346 f.).
78
Mill, S. 142.
79
a. a. O.
80
MA I, 452 (II, S. 335).
168 KarlBrose

machen will, nachdem man erst eine Frage aus ihm gemacht h a t . . . man hat
die Instinkte, vermöge deren ein Arbeiter als Stand möglich, s i c h
s e l b e r möglich wird, durch die unverantwortlichste Gedankenlosigkeit
in Grund und Boden zerstört. Man hat den Arbeiter militärtüchtig gemacht,
man hat ihm das Koalitions-Recht, das politische Stimmrecht gegeben: was
Wunder, wenn der Arbeiter seine Existenz heute bereits als Notstand (mo-
ralisch ausgedrückt als U n r e c h t —) empfindet? Aber was w i l l man?
nochmals gefragt. Will man einen Zweck, muß man auch die Mittel
wollen: will man Sklaven, so ist man ein Narr, wenn man sie zu Herrn
erzieht. — "81
Zu dieser Feststellung Nietzsches bemerkt Lukacs: „daß diese Frage
objektiv ökonomische Grundlagen hat, nimmt Nietzsche überhaupt nicht
zur Kenntnis"82. Dem ist zuzustimmen. Nicht aber trifft die Bemerkung
Lukacs' über Nietzsches „gesellschaftliches Ideal" und dessen Haß gegen
die Sozialisten zu: „Es ist klar ersichtlich, daß sowohl das ,Züchtenc eines
den modernen Verhältnissen entsprechenden Sklaventypus sein ständiges ge-
sellschaftliches Ideal gewesen ist, wie auch, daß sein Haß sich gegen jene —
die Sozialisten — richtet, die diese Entwicklung verhindern."83 Nietzsche ist
es ausschließlich um die Erzeugung eines „höheren Typus Mensch" zu tun,
das heißt eines Menschen, der angesichts der Forderungen der Gesellschaft,
des „sozialen Zwanges", noch die Kraft einer individuellen und selbständi-
gen Lebensgestaltung aufbringt. Einen Sklaventypus z ü c h t e t Nietzsche
nicht, wie Lukacs will, sondern er ist bereits vorhanden und wird durch die
Konzeption der Lehre Nietzsches nur sichtbar in seiner weltweiten Ver-
breitung. Diesen Sklaventypus — der eigentlich den liberalen Bourgeois der
Gründerjahre, den Europäer des kolonialen Imperialismus bezeichnen
müßte — mit den Sozialisten und Arbeitern zu identifizieren, ist allerdings
Nietzsches Irrtum. Die Kritik von Lukacs krankt an dem Fehlurteil, daß
der Sozialismus der ausschließliche „Hauptfeind" Nietzsches sei. Der Sozia-
lismus ist in Nietzsches Philosophie aber nur ein peripheres Moment und
hält kaum einer ökonomischen Prüfung stand. Der wirkliche Hauptfeind
Nietzsches ist das Christentum. In den Kampf gegen dasselbe spannt er den
Sozialismus ein. Nur auf dem Hintergrund dieses Kampfes gegen das
Christentum kann Nietzsches Polemik gegen den Sozialismus gesehen
werden.

81
GD, Streifzüge 40 (VIII, S. 153).
82
Lukacs, a. a. O., S. 295.
83
a. a. O., S. 296.
Nietzsdies Verhältnis zu John Stuart Mill 169

Mills Schrift Der S o z i a l i s m u s erscheint 187984, also um die


Zeit der Veröffentlichung von Nietzsches M e n s c h l i c h e s , A l l z u -
m e n s c h l i c h e s . Es ist die Zeit des Sozialistengesetzes in Deutschland,
das Bismarck als „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der
Sozialdemokratie" erläßt. Die Parteiorganisation wird aufgelöst, ihre Ver-
sammlungen und die meisten ihrer Zeitungen werden verboten. Zuwider-
handlung wird durch polizeiliche Verweisung aus dem Wohnort geahndet.
Obgleich die sozialdemokratischen Abgeordneten weiterhin in den Reichs-
tag gewählt werden können, fliehen viele Sozialistenführer ins Ausland,
meistens nach England. Hier leben bereits seit der gescheiterten Revolution
von 1848 Marx und Engels. Dieser Situation sehen sich Mill und Nietzsche
gegenüber. Beide nehmen zu ihr Stellung: Nietzsche im Rahmen seines
Kampfes gegen das Christentum, Mill im obengenannten Aufsatz.
Mill bezeichnet alle die Menschen als Sozialisten, „welche eine Reform
der Gesellschaft zugunsten der arbeitenden Klassen anstreben"85. Dem-
gegenüber stellt Nietzsche bei den unteren Schichten — eingerechnet das
liberale Kleinbürgertum — Gier nach Geld und Besitz fest und „Egoismus",
„ S e l b s t s u c h t " und „Flachsinn der Erwerbenden"86, nicht als Folge
materieller Not und ökonomischer Bedürfnisse, sondern als Voraussetzung
des pausenlosen Erwerbstriebs und der Versklavung in den Fabriken. Die
Not des Arbeiters folgt für Nietzsche — und das umgekehrte Verhältnis ist
ihm nicht einsichtig — aus dem Mangel an Wissen, geistiger Klarheit und
inneren Werten. Christentum und Sozialismus verstärken noch diesen
Mangel. Das Christentum und — in dessen Konsequenz — die Lehre des
Sozialismus üben eine berauschende Wirkung auf die unteren Schichten aus:
die „Arbeiter-,Notc" besteht im „Bedürfnis nach A l c o h o l i c a "87. Auf
Nietzsche vermag die erschütternde Schilderung Mills keine Wirkung aus-
zuüben, daß „selbst in England und Frankreich der Zustand großer Massen
von Menschen ein elenderer ist als bei den meisten uns bekannt gewordenen
Stämmen von Wilden."88 Im Gegenteil gelangt Nietzsche zur Apotheose des
Starken, Glücklichen und immoralistisdien Mächtigen, wie sie im Satz Zara-
thustras ausgedrückt ist: „was fällt, das soll man auch noch stoßen!"89

84
J. St. Mill, Gesammelte Werke Bd. 12, a.a.O., S. 160—226. Es sind dies Bruchstücke
eines im Jahr 1869 begonnenen, nicht über den ersten Entwurf hinaus gediehenen
Werkes. Veröffentlicht 1879 in der Fortnightly Review.
85
Mill, a. a. O., S. 164.
86
SE 4 und 6 (I, S. 423, 446, 465).
87
WM 59 (XV, S. 189).
88
Mill, S. 171.
89
Za III, Von alten und neuen Tafeln 20 (VI, S. 305).
170 KarlBrose

Für den sozialen Mill hat die Schwäche des ausgebeuteten Arbeiters
einen besonderen Anspruch auf Schutz. Dies ist für Nietzsche ein Zeichen
christlicher Befangenheit, der Nächstenliebe aus Ohnmacht. Nietzsche sieht
— rein psychologisch — nicht, daß die Ärmsten und am schwersten Arbei-
tenden mehr Anstrengung zur Selbstbeherrschung aufbringen müssen als die
begüterte Klasse. Er legt das Hauptgewicht auf die Privilegien von Her-
kunft, Geburt und Erblichkeit, die die Frühsozialisten schon lange durch
das Prinzip der Leistung und Fähigkeit ersetzten. Gerade der Masse der
Arbeiter fällt ihr Los durch geringe Herkunft zu, wie Mill feststellt, so daß
Verdienst durch Fähigkeit und Leistung ihre einzige Möglichkeit bleibt, ihr
ökonomisches Schicksal — und damit auch ihr gesellschaftliches — zu
ändern. Indem Nietzsche auf Herkunft und Geburt als Privilegien der
Menschen insistiert, läßt er Zufall und Gelegenheit über den Erfolg im
Leben entscheiden. Dieses Zufällige wollen die Sozialisten durch Umsturz
der bestehenden und Aufrichtung einer neuen Gesellschaft korrigieren. Für
diese Umformung der Gesellschaft sind Tatkraft und Talent nach der An-
sicht Mills wichtiger als der Besitz von Tugend. Berührt sich diese Argu-
mentation Mills mit Nietzsches Polemik gegen die Herdentugenden, so
steht Mill wiederum den Sozialisten näher, wenn er die Mißerfolge der
bestehenden Gesellschaft und ihrer sozialen Einrichtungen aus dem „Müßig-
gang und Mangel an Beschäftigung bei den wenigen, deren Lebensumstände
sie nicht zur Arbeit nötigen"90 ableitet. Diese Mißerfolge resultieren nach
Mill aus jenem otium, das Nietzsche gerade als Vorrecht der aristokratischen
Herren feiert.
Trotz dieser radikalen Unterschiede zwischen Nietzsche und Mill be-
steht ein Zusammenhang zwischen dem Moralisten Mill und dem gegen die
Moral seiner Zeit kämpfenden Nietzsche. Mill schreibt, es „machen die viel
größeren Reichtümer, welche heutzutage einige Händler erwerben, die Hab-
sucht aller rege, und die Gier nach raschem Gewinn verdrängt bei ihnen den
bescheidenen Wunsch, sich von ihrem Geschäfte zu ernähren"91; die „Gier
nach persönlicher Bereicherung" ist „durch ihre eigenen Ausschreitungen,
durch die unbesonnenen und oft unredlichen Wagnisse"92 charakterisiert. Im
Sinne dieses Affronts gegen die Unmoral der Zeit hält Nietzsche 1872 in
Basel seinen Vortragszyklus Ü b e r die Z u k u n f t u n s e r e r B i l -
d u n g s a n s t a l t e n 9 3 . In der 1874 veröffentlichten dritten U n z e i t -
g e m ä ß e n B e t r a c h t u n g nimmt Nietzsche wörtlich die Polemik

90
Mill, S. 173.
91
Mill, S. 194.
92
Mill, S. 207.
93
Nachlaß (IX, S. 322 ff.).
Nietzsches Verhältnis zu John Stuart Mill 171

seines ersten Basler Vertrags gegen die „ S e l b s t s u c h t der Er-


w e r b e n d e n " auf: „Freilich, nach der hier geltenden Sittlichkeit steht
gerade das Umgekehrte im Preise, nämlich eine rasche Bildung, um bald ein
geldverdienendes Wesen zu werden, und doch eine so gründliche Bildung,
um ein sehr viel Geld verdienendes Wesen werden zu können. Dem
Menschen wird nur so viel Kultur gestattet als im Interesse des allgemeinen
Erwerbs und des Weltverkehrs ist, aber so viel wird auch von ihm ge-
fordert. Kurz: ,der Mensch hat einen notwendigen Anspruch auf Erden-
glück, darum ist die Bildung notwendig, aber auch nur darum!'"94.
Mill lehnt, wie Nietzsche, einen Umsturz der gegenwärtigen Gesell-
schaft durch Revolution ab. Verhältnismäßig tolerant steht er den Systemen
der „besonneneren und mehr philosophisch gearteten Sozialisten"95 gegen-
über, die von einer kleinen wirtschaftlichen Einheit auf ein ganzes Land
übergehen, sich durch Versuche schrittweise an einem auserlesenen Kreis ver-
wirklichen und sich gemäß der Erziehungs- und Bildungsstufe des Menschen
ausdehnen. Ablehnend verhält sich Mill zu der revolutionären Schule der
Sozialisten, die die Beseitigung des Privateigentums und der individuellen
Konkurrenz und die Verwaltung der Produktionsquellen durch eine Zen-
tralregierung der Arbeiterschaft fordert. Die revolutionären Sozialisten
wollen die alte Ordnung mit einem Schlag ersetzen, indem sie das Positive
des gegenwärtigen Systems opfern, den Kreislauf des sozialen Lebens unter-
brechen und den Besitz ihrer Mitmenschen enteignen unter grausamerem
Blutvergießen als unter Robespierre und St. Just. Hier stimmt Nietzsche
mit Mill völlig überein. Nietzsche greift immer wieder den mangelnden
Sinn für Tradition und Herkunft bei den Sozialisten an. Bei einem Revolu-
tionär wie Robespierre ist dieser mangelnde Sinn für Herkunft und Tradi-
tion in „moralischen Fanatismus" umgeschlagen, wenn er 1794 fordert: „de
fonder sur la terre l'empire de la sagesse, de la justice et de la vertu"96. Mit
dieser Aspiration auf Tugend und Gerechtigkeit zählt Robespierre, nach
dem Urteil Nietzsches, unter die „ k r a n k e n Geister"97.
Einen Keim der Zwietracht sieht Mill in jenem Prinzip des Sozialismus
und Kommunismus, die Kindererziehung durch die Allgemeinheit zu ent-
scheiden. Mill steht im Einklang mit Nietzsche, wenn für ihn weniger die zu
erwartenden Zwistigkeiten gefahrdrohend sind als „jene trügerische Ein-
mütigkeit, welche dadurch entstünde, daß alle individuellen Meinungen und
Wünsche durch das Machtgebot der Mehrheit in den Staub getreten wür-

94
SE 6 (I, S. 447).
95
Mill, S. 202.
96
M 3 (IV, S. 6). Bei Nietzsdie kursiv.
97
AC 54 (VIII, S. 295).
172 KarlBrose

den."98 Nietzsche bezeichnet diese Einmütigkeit der Sozialisten und Kom-


munisten als den „Herdeninstinkt", der gleiche Rechte fordert, wo das In-
dividuum und dessen individuelle, „aristokratische" Werte sich erst konsti-
tuieren müssen. Nietzsche würde den Satz Mills unterstützen, es sei in einem
kommunistischen Gemeinwesen „das Privatleben in einem geradezu bei-
spiellosen Maße der Herrschaft der öffentlichen Gewalten unterworfen, und
der individuellen Geistes- und Charakterentwicklung wären engere Grenzen
gesteckt, als dies bisher unter den Vollbürgern irgendeines Staates der Fall
war, der zu den fortschrittlichen Zweigen der menschlichen Gattung gezählt
hat."99 Das Vernichtungswerk vieler revolutionärer Sozialisten geschehe, so
sagt Mill, aus dem Ressentiment, jenem „Sklavenressentiment", das
Nietzsche bei Juden, Christen und allen sozial Unterlegenen feststellt. Die
Triebfeder der radikalen Sozialisten sei, so konstatiert Mill, „nichts anderes
als der Haß", der sich in der „gewaltsamen Zerstörung des sozialen Ge-
bäudes um jeden Preis und selbst zum Schaden der jetzt leidenden Klassen
Luft machen möchte — von der Hoffnung getrieben, es werde aus dem
Chaos eine neue, bessere Welt erstehen und an jeder Möglichkeit einer ande-
ren, mehr schrittweisen Verbesserung verzweifelnd."100 Diese Ungeduldigen
bereiten die neue Ordnung durch das Chaos vor und führen Jahrhunderte
des Kampfes, der Gewalttätigkeit und Tyrannei herauf. Diese Gedanken
Mills decken sich mit der Haltung Nietzsches in J e n s e i t s von Gut
u n d B ö s e . Nietzsche stellt hier fest, daß das Tempo der demokratischen
„Herdenbewegung", der Erbin der christlichen, „für die Kranken und
Süchtigen des genannten Instinktes", des „Herdeninstinktes" der Sozialisten
und Kommunisten, noch viel zu langsam sei. Dafür spricht „das immer
rasender werdende Geheul, das immer unverhülltere Zähnefletschen der
Anarchisten-Hunde, welche jetzt durch die Gassen der europäischen Kultur
schweifen: anscheinend im Gegensatz zu den friedlich-arbeitsamen Demo-
kraten und Revolutions-ideologen, noch mehr zu den tölpelhaften Philo-
sophastern und Bruderschafts-Schwärmern, welche sich Sozialisten nennen
und die ,freie Gesellschaft' wollen, in Wahrheit aber eins mit ihnen allen in
der gründlichen und instinktiven Feindseligkeit gegen jede andre Gesell-
schaftsform als die der a u t o n o m e n Herde (bis hinauf zur Ablehnung
selbst der Begriffe ,Herrc und ,Knechtc — ni d i e u ni m a i t r e heißt
eine sozialistische Formel —)"101.

98
Mill, S. 214.
99
Mill, S. 215.
100
Mill, S. 219 f.
101
JGB 202 (VII, S. 136).
Nietzsches Verhältnis zu John Stuart Mill 173

Schluß

Trennendes und Gemeinsames im Werk Nietzsches und Mills wurden


in dieser Studie gegenübergestellt, um die soziale Frage im 19. Jahrhundert
von zwei verschiedenen philosophischen Positionen aus zu beleuchten. Vor
allem aber sollte eine Lücke in der Nietzsche-Forschung aufgezeigt werden
mit dem Versuch, sie zu schließen: das Verhältnis Nietzsches zu englischem
Denken und englischer Philosophie. Außer historisch-referierenden Partien
in den Nietzsche-Werken Andlers und Bernoullis liegt kaum etwas Nen-
nenswertes auf diesem Gebiet vor. Nietzsches Verhältnis zu John Stuart
Mill ist lebendig und aktuell. Es repräsentiert letztlich die grundsätzliche
Auseinandersetzung zwischen englischem Empirismus und deutschem Idea-
lismus, ja Irrationalismus, zwischen zeitgemäßer Soziologie und unzeit-
gemäßer Philosophie. Der adäquate Gegner Mills scheint Nietzsche nur auf
dem Gebiet der Moralkritik zu sein. Sosehr Nietzsche den moralischen An-
spruch hinter Mills Schriften perhorresziert, zeigt er hier gerade mit ihm
viel Gemeinsames. Nietzsches Äußerungen über das soziale Denken John
Stuart Mills treffen dieses nicht im Kern. Die Problematik der sozialen
Frage bei Mill wird weniger von Nietzsche als von Marx gesehen. Marx
sagt über Mill — nach intensiver Auseinandersetzung mit dessen ökono-
mischer Theorie: „In der platten Ebene erscheinen auch Erdhaufen als
Hügel; man messe die Plattheit unsrer heutigen Bourgeoisie am Kaliber
ihrer ,großen Geister'."102 Dieser Satz deckt sich unmittelbar mit Nietzsches
Diktum vom „Flachkopf John Stuart Mill". Am sozialen Problem seiner
Zeit zielt Nietzsche, wie gesagt, vorbei. Sein Verhältnis zur sozialen Frage
und zum Sozialismus ist ein empfindlicher, ja schwacher Punkt seiner Philo-
sophie. Wie eingangs erwähnt, kennt Nietzsche nicht die entscheidenden
Werke des Sozialismus. Eine seiner Hauptquellen, Dührings K r i t i s c h e
Geschichte der Nationalökonomie und des Sozialis-
m u s , ist selbst schon antisozial und antisozialistisch präformiert und wird
zudem durch die R a n d n o t e n von Marx und den A n t i - D ü h r i n g
von Engels vernichtend getroffen. Aus dem Mangel einer dezidierten Aus-
einandersetzung mit der primären Literatur des Sozialismus mag auch
Nietzsches Kurzschluß resultieren, die soziale Bewegung dem Christentum
zu subsumieren. Die Ablehnung der Kirche durch die radikalen Sozialisten
und der Atheismus des historischen Materialismus wären dem Antichristen-
tum Nietzsches unmittelbar entgegengekommen. Freilich unternimmt es
Lukacs, gerade Nietzsches Desinteresse an der sozialen Bewegung festzu-

102
K. Marx, Das Kapital Bd. l, Marx/Engels Werke Bd. 23, Berlin 1962, S. 541.
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halten und auf dessen gesamtes Werk auszudehnen, obgleich es bei Nietzsche
nur einen untergeordneten Rang einnimmt. Das Abwegige der Argumenta-
tion von Lukacs zeigt sich an dessen Interpretation des griechischen „agon"
als „Mythisierung der kapitalistischen Konkurrenz"103. Der ökonomische
Aspekt Lukacs' trifft nicht den Wettkampf der Griechen, den Nietzsche
durch Beispiele aus der Dichtung und Philosophie der Antike belegt. Die
Argumentation von Lukacs zeigt die Tendenz unserer Gegenwart, das
einzelne Individuum durch die Gesellschaft zu tilgen. Im Kampf zwischen
dem Denken des einzelnen und dem Glauben und Fühlen einer politisierten
Gesellschaft soll das Individuum Verzicht tun auf seine „ungesellige Gesel-
ligkeit", wie Kant sagt, und „Partei" ergreifen. Nietzsche aber lehrt —
überzeugender und radikaler als Mill —, daß die Bedürfnisse des einzelnen
den Belangen der Gesellschaft vorhergehen. Gegen das umgekehrte Ver-
hältnis, eine falsch verstandene Sozialität, rettet Nietzsche das sich selbst
wollende, freie und verantwortliche Individuum.

103
Lukacs, a. a. O., S. 287.