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Kerstin Schneider

Joachim Weimann

Den
Diebstahl
des Wohlstands
verhindern

Ökonomische Politikberatung
in Deutschland –
ein Portrait
Den Diebstahl des Wohlstands verhindern
Kerstin Schneider • Joachim Weimann

Den Diebstahl des Wohlstands verhindern


Ökonomische Politikberatung in Deutschland – ein Portrait
Kerstin Schneider Joachim Weimann
Bergische Universität Wuppertal, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg,
Schumpeter School of Business and Economy, Fakultät für Wirtschaftswissenschaft,
Wuppertal, Deutschland Magdeburg, Deutschland

ISBN 978-3-658-09494-2 ISBN 978-3-658-09495-9 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-658-09495-9

'LH'HXWVFKH1DWLRQDOELEOLRWKHNYHU]HLFKQHWGLHVH3XEOLNDWLRQLQGHU'HXWVFKHQ1DWLRQDOELEOLRJUDÀHGHWDLOOLHUWHELEOLRJUDÀVFKH'DWHQVLQGLP,QWHUQHWEHU
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Gewidmet unserem akademischen Lehrer
PROF. DR. DR. H.C. WOLFRAM RICHTER

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INHALT

9 EIN EXPERIMENT 100 Hat sich die Bedeutung der DIE PORTRAITS
ökonomischen Politikberatung
DIE FRAGEN über die Zeit verändert? Hat sich 20 THIESS BÜTTNER
13 Welchen Stellenwert der Einfluss der Wissenschaft auf 26 RONNIE SCHÖB
hat die Politikberatung die Politik verändert? 30 AXEL BÖRSCH-SUPAN
in der Zunft der Ökonomen? 40 FRIEDRICH BREYER
112 Die Politik entwickelt zunehmend 44 LARS P. FELD
22 Ist die gegenwärtige paternalistische Züge. Wie steht 56 ALFONS WEICHENRIEDER
wirtschaftswissenschaftliche die Wirtschaftswissenschaft dazu? 58 KARL-HEINZ PAQUÉ
Forschung eigentlich als 66 WOLFGANG WIEGARD
Grundlage von Politikberatung 126 Wie könnte man die 70 WOLFGANG BUCHHOLZ
geeignet? Politikberatung besser machen? 82 KAI KONRAD
94 STEFAN HOMBURG
32 Ist die Politik aufnahmebereit 148 Was muss ein guter und erfolg- 98 JUSTUS HAUCAP
für die Vorschläge, die die reicher Politikberater mitbringen? 104 FRIEDRICH SCHNEIDER
Wissenschaft macht? 108 CLEMENS FUEST
160 Wie stark sollte der Einfluss der 118 MARTIN F. HELLWIG
48 Missbraucht die Politik Wirtschaftswissenschaft auf die 122 CHRISTOPH SCHMIDT
die Wissenschaft zu Wirtschaftspolitik in 140 HANS-WERNER SINN
Marketingzwecken? Deutschland sein? 144 MICHAEL C. BURDA
154 WOLFRAM F. RICHTER
62 Ist es richtig, dass sich DER WORKSHOP 158 CARL CHRISTIAN VON WEIZSÄCKER
Wissenschaftler dem Ziel des 173 Ökonomen in der Politikberatung: 164 WOLFGANG FRANZ
Politikers, wiedergewählt zu Vom Grundlagenforscher 168 CLAUDIA BUCH
werden, unterordnen? zum Überzeugungstäter

72 Beachten Wissenschaftler 195 MARTIN F. HELLWIG


die Zwänge der Politiker nicht Neoliberale Sekte oder
ausreichend? Klappt deshalb Wissenschaft?
die Kommunikation nicht?
206 (Er)kennen Ökono-
86 Wie gehen Sie mit Kritik men den Elefanten?
ökonomischer Laien um?
215 Die Sache mit der
Fußballmannschaft:
Sind Ökonomen teamfähig?

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8
Ein Experiment

Dieses Buch ist ein Experiment, besser gesagt, war unsere Entscheidungen ein und verändert unser Ver-
ein Experiment. Niemand konnte voraussagen, wie es halten. Dies ist beispielsweise bei Fragen der Zinspoli-
ausgeht. Die Idee war, dem Leser einen Blick hinter tik oder der Besteuerung offensichtlich, trifft aber auch
die Kulissen der ökonomischen Politikberatung zu auf die Bereiche Sozialpolitik und Bildungspolitik zu,
gewähren. Nicht indem man Geheimnisse lüftet oder man denke nur an die Hartz-Reformen. Ökonomen be-
Indiskretionen verbreitet, sondern dadurch, dass man fassen sich wissenschaftlich mit diesen sehr komplexen
die Menschen portraitiert und miteinander diskutieren Fragen, sie vermitteln den Studierenden an den Hoch-
lässt, die in Deutschland ökonomische Politikberatung schulen ein Verständnis für die Zusammenhänge, sie
betreiben. Wir stellen sie als Persönlichkeiten vor, die gehen mit ihren Fragen und Erkenntnissen aber auch
hinter gedruckten Beiträgen, Artikeln und Abhandlun- in die Öffentlichkeit. Sie beraten die Politik und sind als
gen, aber auch hinter Interviews in den Medien und Experten gefragte Gesprächspartner für die Medien.
Auftritten in Talkshows immer versteckt und unsicht- Unser Ziel ist es, diese Seite des alltäglichen politischen
bar bleiben. Das Buch besteht fast ausschließlich aus und ökonomischen Geschehens an der Schnittstelle
Gesprächen und Diskussionen, die von uns aufgezeich- zwischen Politik und Wissenschaft sichtbar zu machen.
net und zu Papier gebracht wurden. Die vielen Fotos in Konkret geht es um die ökonomische Wissenschaft
diesem Buch zeigen die Ökonomen, um die es hier geht. und ihr Verhältnis zur Politik. Es geht um das Verhält-
Manche der Fotos sind Portraits, viele sind Aufnahmen nis von Beratern und Beratenen und es geht darum,
von Menschen in Aktion, die ihr Engagement und deutlich zu machen, dass dabei vieles mehr eine Rolle
ihre Begeisterung zeigen. Alles, was gesellschaftlich spielt, als das bloße Austauschen von Texten und
und politisch relevant ist, alles, was in unserem Land Argumenten. Ob das Experiment insgesamt gelungen
geschieht und auch das, was nicht geschieht, hängt mit ist, kann letztlich nur der Leser entscheiden. Gelungen
Menschen zusammen, mit konkreten Personen und ist aber auf jeden Fall etwas, von dem wir zu Beginn
damit mit Persönlichkeiten, Temperamenten und jeder des Projekts ganz und gar nicht sicher waren, ob es
Menge Individualität. Viele der zu treffenden politi- gelingen kann. Die von uns angesprochenen Kollegin-
schen Entscheidungen haben mit Ökonomie zu tun nen und Kollegen waren fast alle bereit mitzumachen.
– entweder ganz direkt oder indirekt. Und nicht nur Sie sind unserer Einladung nach Magdeburg gefolgt.
Banken, Unternehmen und die Konsumenten bestim- Sie haben sich einem langen Interview unterzogen
men die ökonomische Entwicklung. Der Staat greift in und zwei Tage mit uns und untereinander intensiv

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diskutiert und sie haben sich dabei für unser Projekt ihre Forschung Wissen, das bei Entscheidungen helfen
ehrlich begeistert. Dafür wollen wir uns an dieser Stelle kann. Andere sind pessimistischer und sehen die Infor-
ausdrücklich bedanken. Wir danken den Teilnehmern mation der Öffentlichkeit als die dringlichste Aufgabe,
für ihre Scharfsinnigkeit, ihre Ernsthaftigkeit und um die Politik durch informierte Wählerinnen und
nicht zuletzt für ihren Humor, der vieles getragen hat. Wähler zu besseren Entscheidungen zu bewegen. Einer
Das alles hat dazu beigetragen, dass ein sehr buntes, der Portraitierten, Hans-Werner Sinn, antwortete auf
fakten- und facettenreiches Bild entstanden ist, von die Frage nach seiner wichtigsten Position in der Poli-
den Begegnungen zwischen Politik und Wissenschaft. tikberatung: „Bin für den Wohlstand und forsche, wie
Man kann aus den Gesprächen, die in diesem Buch man den Diebstahl desselben unterbinden kann.“ Diese
wiedergegeben sind, vieles lernen. Über die Art und provokante Aussage greifen wir im Titel des Buches
Weise wie Politik gemacht wird. Darüber, wie Wis- auf und verstehen sie als Aufforderung zur Diskussion.
senschaftler mit Erfahrungen umgehen, die oft genug Was kann und was soll ökonomische Politikberatung
zeigen, dass Politik nicht das tut, was vernünftig wäre. leisten? Wie sieht die spannungsreiche Beziehung
Manchmal weiß die Politik sogar, was vernünftig wäre zwischen Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspoli-
– und entscheidet sich dennoch dagegen. Man lernt tik aus? Und warum verlassen Ökonomen den Elfen-
die Ohnmacht der Wissenschaftler kennen, aber auch beinturm und engagieren sich in der Politikberatung?
ihre kleinen und manchmal auch ihre großen Erfolge.
Natürlich zeichnet dieses Buch ein subjektives Bild. Das
Politik beugt sich nicht selten populistischen Zwän- war so beabsichtigt. Es geht nicht um eine objektive
gen und auch dem Druck von Interessensverbänden. oder wissenschaftliche Beschreibung der ökonomi-
Manchmal werden Regulierungen beschlossen, die vor schen Politikberatung. Es geht um die Menschen,
allem den Interessen einzelner Gruppen entsprechen, die diese Beratung betreiben. Wir wollten verstehen,
aber nicht der Wohlfahrt des Landes dienen. Und warum Ökonomen den Weg in die Politikberatung
manchmal unterbleiben Regulierungen, um Interes- gehen, warum sie den Elfenbeinturm der Wissenschaft
sengruppen zu schützen, obwohl sie notwendig wären, verlassen und sich auf das nicht immer einfache Spiel
um den Wohlstand zu sichern. Wenn Politik in erster mit Politikern und Medien einlassen. Uns interessierte,
Linie gemacht wird, um Wahlen zu gewinnen, kann warum sie die unbequeme Rolle des kühlen und wenig
das unserem Wohlstand schaden. Die ökonomische emotionalen Wissenschaftlers annehmen, der häufig
Politikberatung sieht ihre Aufgabe darin, die Politik Entscheidungen fordert, die unserem Bedürfnis nach
und die Öffentlichkeit über Wohlfahrtsverluste und Harmonie und sozialer Gerechtigkeit nicht entspre-
Wohlfahrtsgewinne wirtschafts- und sozialpolitischer chen. Wir wollten auch wissen, was die Kolleginnen
Entscheidungen zu informieren. Dieser Aufgabe stellen und Kollegen antreibt und die persönlichen Erfahrun-
sich alle der hier Portraitierten in sehr unterschiedli- gen, den Umgang mit Erfolg und Misserfolg, kennen-
cher Weise. Manche sehen die Verantwortung bei der lernen. Subjektiv ist natürlich auch die Auswahl derer,
Politik und glauben an funktionierende demokratische die an unserem Experiment teilnahmen. Es fehlen
Mechanismen. Die Politikberatung hat dann eher eine einige prominente Namen. Manche, weil Terminnot sie
begleitende Funktion. Ökonomen generieren durch daran gehindert hat, mitzumachen. Andere fehlen, weil

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wir einfach eine Auswahl treffen mussten. Wir haben
auch nicht nur auf große Namen geachtet, sondern
wollten einen Querschnitt der Gruppe der Ökonomen
in der Politikberatung portraitieren. Manche sind einer
breiten Öffentlichkeit aus den Medien bekannt, andere
arbeiten eher im Hintergrund. Schließlich war uns bei
der Auswahl wichtig, dass es einen Bezug zu der Per-
son gibt, der wir dieses Buch widmen. So erklärt sich
auch die große Anzahl der teilnehmenden Finanzwis-
senschaftler und akademischen Weggefährten Wolfram
Richters. Wolfram Richter hat sein wissenschaftliches
Leben in enger Verbindung zur Politikberatung ver-
bracht. Er hat viele Themen der Finanzwissenschaft,
also der Rolle des Staates in der Volkswirtschaft, immer
wieder in die wirtschaftspolitische Diskussion einge-
bracht und er war darin für eine ganze Generation von
Nachwuchswissenschaftlern vorbildlich. Ihm – anläss-
lich seines 65. Geburtstages – dieses Buch zu widmen,
ist deshalb folgerichtig. Experimente sind arbeitsinten-
sive Angelegenheiten. Wir hätten die Arbeiten an die-
sem Buch nicht ohne die Hilfe vieler erledigen können.
Wir danken stellvertretend Helmut Fricke von der FAZ
für die wunderbaren Fotos, die er für dieses Buch ge-
schossen hat, Markus Sass und Anneke Richter für das
Layout und Stefanie Brich vom Springer Verlag für ihre
uneingeschränkte Unterstützung. Falls auch die Leser
– wie wir – zu dem Schluss kommen, dass das Expe-
riment gelungen ist, dann ist es auch ihr Verdienst.

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Fragen zur
Politikberatung
Wir, die Autoren, haben mit den
Kollegen und den Kolleginnen ein
langes Interview geführt, in dem wir
allen die gleichen Fragen gestellt
haben. Einige dieser Fragen haben wir
ausgewählt und aus den Antworten
ein fiktives Gespräch komponiert.

Zwischen die einzelnen Fragen


haben wir die Portraits der Ak-
teure dieses Buches eingestreut.

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Welchen Stellenwert
hat die Politikberatung
in der Zunft der Ökonomen?

JUSTUS HAUCAP SCHNEIDER/WEIMANN


Aus meiner Sicht ist er zu gering. Interessieren sich die Kollegen also beispielsweise nicht für die
Gutachten des Sachverständigenrates?
Ich habe den Eindruck, dass es oft nicht wirklich wert-
geschätzt wird, wenn sich Leute in die Politikberatung WOLFGANG FRANZ
einbringen. Es gibt natürlich herausgehobene Positi- Ach, das ist wirklich sehr unterschiedlich. Die wenigs-
onen, in denen man schon wertgeschätzt wird, zum ten Kollegen haben die Gutachten des Sachverstän-
Beispiel als Mitglied des Sachverständigenrates oder digenrates oder Teile daraus gelesen. Wobei ich nicht
als Mitglied der Monopolkommission. Aber es gibt der Ansicht bin, dass die Leute das Gutachten von A
Ebenen der Politikberatung, da wird das gelegentlich bis Z lesen sollten, aber – ich sag mal – das Kapitel
belächelt. Aber was wäre denn die Alternative? Sollen Finanzpolitik oder Arbeitsmarkt oder Geldpolitik,
wir die Politikberatung lieber anderen überlassen? was sie gerade interessiert, das könnten sie sich schon
mal ansehen. Auf der anderen Seite habe ich immer
SCHNEIDER/WEIMANN den Eindruck gehabt, dass sich eine Fakultät geehrt
War das schon immer so? fühlte, wenn aus ihren Reihen einer der fünf Weisen
berufen wurde. Früher, als ich noch nicht dabei war,
LARS FELD hab ich über die Bezeichnung „Weise“ immer ge-
Nein, ich würde sagen, der Stellenwert innerhalb lacht. Später habe ich das natürlich anders gesehen.
der Profession ist deutlich gesunken. Politikbera- Spaß beiseite. Vielleicht spielt auch manchmal Neid
tung spielt nicht mehr die Rolle, die sie früher einmal eine gewisse Rolle. Aber insgesamt ist akzeptiert,
spielte. Wenn ich mir die Kollegen der älteren Ge- dass beispielsweise im Sachverständigenrat und
neration ansehe (ich spreche von der Generation die in den Beiräten wissenschaftlich fundierte Arbeit
bis in die 80er Jahre aktiv war), da gab es in Beru- geleistet wird. Bei Berufungen zählt das allerdings
fungsverfahren bei sichtbarer Politikberatung einen nicht. Heute sind bei Berufungen nur Publikationen
Bonus. Politikberatung erhöhte die Reputation. in international hoch gerankten Journalen relevant.

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Und dazu zählt ein Jahresgutachten des Sachver- und Wissenschaftlerinnen, die schon mit 30 poli-
ständigenrates nicht. Das muss man akzeptieren. tisch unterwegs sind, weiß man nicht, ob da über-
haupt jemals ein theoretisches Fundament und ein
LARS FELD methodisches Fundament gebildet wird. Und das
Ja, es geht soweit, dass manche Fakultäten einfach ist einfach unerlässlich für einen Wissenschaftler.
Handelsblatt-Punkte in Berufungsverfahren auszäh-
len!1 Dabei zählt dann eben die Politikberatung nicht. SCHNEIDER/WEIMANN
Natürlich schaut man bei Spitzenpositionen in Wirt- Finden wegen der Rankings dann auch manchmal wirt-
schaftsforschungsinstituten schon auch darauf, ob schaftspolitisch relevante Fragen zu wenig Beachtung in der
jemand für die Politikberatung geeignet ist. Schließlich Forschung?
gehört das zu den Aufgaben der Institute. Aber das gilt
wirklich nur für die besonders sichtbaren Positionen. HANS-WERNER SINN
Es wundert mich in der Tat immer wieder, wie vie-
STEFAN HOMBURG len Kollegen die wirtschaftspolitische Relevanz
Also hinsichtlich der Einordnung, ob man als guter nicht wichtig ist. Die befassen sich mit irgendwel-
Wissenschaftler gilt oder nicht, spielt es tatsächlich chen Themen, die nur für das Innenleben unserer
keine Rolle, ob man in der Politikberatung aktiv ist. Disziplin, also für selbstreferentielle Forschung,
Früher spielten, wie von den Kollegen schon gesagt, eine Bedeutung haben, wie es in einer Geisteswis-
bei Berufungen auch Dinge wie Prominenz eine senschaft der Fall ist. Sieht man die Volkswirtschaft
Rolle. Und die hängt natürlich mit der Politikbera- aber mehr im Sinne einer Naturwissenschaft, die sich
tung zusammen. Denn nur wenn man bei Journa- mit der Natur des Menschen und seinen wirklichen
listen als jemand bekannt ist, der Politikberatung Problemen auseinandersetzt, dann kommt die Poli-
macht, bekommt man Anrufe und wird gefragt. tikberatung stärker in den Vordergrund. Ich finde,
Sonst ist man einfach nicht interessant für Journa- dass wir zu sehr esoterisch geisteswissenschaftlich
listen und wird auch nicht in der Presse zitiert. unterwegs sind und unsere Bringschuld gegenüber
der Gesellschaft insgesamt zu wenig wahrnehmen.
Nehmen Sie als Beispiel die Universität Köln.
Dort war es lange Zeit bei Berufungen sehr wich- SCHNEIDER/WEIMANN
tig, dass man als „politiknah“ eingestuft wurde, Also ändern sich, wie Hans-Werner Sinn gerade sagte, die
also nicht einfach Glasperlenspiele machte. Köln Anforderungen an Ökonomen über den wissenschaftlichen
hat seine Berufungspolitik aber komplett geän- Lebenszyklus?
dert und heute spielt Politikberatung keine Rolle
mehr. Es zählen nur noch Handelsblatt-Punkte. CLAUDIA BUCH
1
Das Handelsblatt führt eine Ja, das ist so. Zu Beginn einer wissenschaftlichen Karri-
Liste, in der alle Publikationen von HANS-WERNER SINN ere geht es sicherlich in erster Linie darum, Papiere zu
Volks- und Betriebswirten notiert Es darf aber in dieser Diskussion nicht vergessen schreiben. In dieser Phase könnte der Eindruck entste-
werden, wobei jede Veröffent-
lichung mit einer Gewichtung werden, dass es bei Berufungsverfahren eher um hen, dass eine zu starke Beschäftigung mit politischen
versehen ist, die die Reputation junge Wissenschaftler geht und die müssen erst Themen von der wissenschaftlichen Arbeit abhält.
des jeweiligen Journals wiedergibt.
Daraus ergeben sich die oben einmal Theorie machen und publizieren. Die Kür Das ist aber nicht der Fall. Eine gute Forschungs-
genannten „Handelsblatt-Punkte“. kommt dann später. Beruft man Wissenschaftler idee muss in meinen Augen auch gesellschaftlich

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relevant sein. Sicherlich ändern sich häufig im Laufe den, geändert. In meiner Generation war die Moti-
der Zeit die Schwerpunkte der Arbeit, und die Arbeit vation sehr stark politikgetrieben. In der jüngeren
zu wirtschaftspolitischen Themen nimmt häufig zu. Generation ist das Interesse an der Ökonomie auch
Letztlich ist dies aber eine individuelle Entscheidung. relativ stark dadurch begründet, dass man hofft, mit
seinen mathematischen Fähigkeiten reüssieren zu
SCHNEIDER/WEIMANN können. Politische Interessen sind weniger relevant.
Also ist Politikberatung der Karriere junger Wissenschaftler
nicht zuträglich, der Reputation aber schon? Das hat für mich übrigens Licht- und Schattenseiten.
Die Lichtseite ist die, dass die Wissenschaft dadurch
WOLFGANG WIEGARD – sagen wir mal – weniger stark durch irgendwelche
Ja, das trifft zu: Politikberatung ist für die Karrier- Vorurteile inhaltlicher Art beeinflusst ist. Sie ist so
echancen eines jungen Ökonomen nicht so wichtig. vielleicht objektiver geworden. Die Schattenseite ist,
Mit sehr politiknahen Themen publiziert man nicht dass man sich zum Teil sehr stark entfernt hat von
in guten internationalen Journals, jedenfalls nicht Methoden, die unmittelbar politikrelevant sind. Das
als unbekannter Ökonom. Für die Reputation eines hat den Impact auf die Politik nicht gerade erhöht.
Ökonomen, das war der zweite Punkt, kann Poli-
tikberatung schon zuträglich sein. Nach der ersten MARTIN HELLWIG
Phase, in der Karrieren aufgebaut werden, wenden Ich würde anders argumentieren, denn wir haben in der
sich in der zweiten Phase immer mehr Leute eben Wissenschaft eine klare Zweiteilung. Wir haben Leute,
auch sehr politiknahen Themen und der Politikbe- die machen Grundlagenforschung und wir haben Leute,
ratung zu. Wobei die Frage bleibt, was eigentlich die konzentrieren sich auf politische Themen und sind
genau Politikberatung ist. Wenn jemand einen Brief in der Politikberatung aktiv. Jemand wie ich, der im
an die Bundeskanzlerin schreibt: „Liebe Frau Bun- Hauptberuf Grundlagenforschung macht und neben-
deskanzlerin, lassen Sie bitte die Hände weg vom her auch Politikberatung, ist eine ziemliche Ausnahme.
Mindestlohn“, ist das dann Politikberatung? Zumal
dieser Brief vermutlich direkt im Papierkorb landet, Ich finde diese Trennung schade. Nehmen Sie das
die Nachfrage nach dieser Beratung also Null ist. Beispiel der Wettbewerbspolitik. Ich glaube, es würde
der wirtschaftspolitischen Diskussion gut tun, wenn
SCHNEIDER/WEIMANN sich dort mehr Grundlagenforscher engagierten. Mein
Heißt das dann, dass die Jungen Modelle rechnen und die eigener komparativer Vorteil in diesen Diskussionen
Alten Politikberatung machen? war regelmäßig, dass ich aufgrund meiner Kenntnis
der Theorie, des gesamten Zoos von einschlägigen
CARL CHRISTIAN VON WEIZSÄCKER theoretischen Modellen, in der Lage war, Argumen-
Nein, es ist nicht nur eine Frage des wissenschaftlichen te besser einzuordnen und hin und wieder auch zu
Lebenszyklus. Ich würde sagen, Politikberatung hat sagen: „Lieber Freund, das Argument setzt die und
bei den Älteren, sprich bei meiner Generation, einen die Annahmen voraus und die sind in dem Fall ab-
großen Stellenwert, bei den Jüngeren einen gerin- solut absurd.“ Es wäre gut, wenn wir mehr Leute
geren. Das ist zum Teil sicher auch eine Altersfrage, hätten, die diese Art von Kompetenz einbringen.
aber daneben hat sich sowohl die Art und Weise also
auch die Motivation, in der Ökonomie tätig zu wer-

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WENN JEMAND EINEN BRIEF
AN DIE BUNDESKANZLERIN
SCHREIBT: „LIEBE FRAU
BUNDESKANZLERIN, LASSEN
SIE BITTE DIE HÄNDE WEG VOM
MINDESTLOHN“, IST DAS DANN
POLITIKBERATUNG? ZUMAL
DIESER BRIEF VERMUTLICH
DIREKT IM PAPIERKORB LANDET,
DIE NACHFRAGE NACH DIESER
BERATUNG ALSO NULL IST.

WOLFGANG WIEGARD

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SCHNEIDER/WEIMANN mik gewonnen haben. Ich nehme das zur Kenntnis,
Also Grundlagenforschung und/oder Politikberatung? aber das leitet meine eigene Forschung nicht.

CLEMENS FUEST SCHNEIDER/WEIMANN


Naja, die Fokussierung ist schon eine andere. Es ist Sind gute Ökonomen doch esoterisch?
eben etwas anderes, ob Sie Politikberatung machen
oder sich auf wissenschaftliche Publikationen in WOLFGANG BUCHHOLZ
Top-Journals, vielleicht auch auf wissenschaftliche Nein, es gibt mittlerweile schon ziemlich viele Öko-
Durchbrüche, konzentrieren. Das Ganze ist ja auch nomen, die theoretisch exzellent ausgewiesen sind
ein bisschen feldabhängig. Es gibt eben Gebiete, wenn und sich in der Politikberatung betätigen. Die In-
man jetzt mal wirklich an die absolute Grundlagenfor- tensität, mit der Politikberatung stattfindet, hat
schung denkt, da stellt sich die Frage nach Politikbe- enorm zugenommen. Man liest fast jeden Tag in
ratung gar nicht. Daher kann sie dort auch nicht hoch den Medien Stellungnahmen eines Kollegen. Und
oder niedrig angesehen werden. Und ganz klar, im das bereichert die Diskussion. Andererseits hat es
Wissenschaftsbetrieb selbst zählen letztlich natürlich natürlich auch gewisse negative Nebeneffekte, näm-
vor allem wissenschaftliche Publikationen. Also, hat lich dass sich manche Kollegen auf Wunsch der
man was Neues gemacht, konnte man in einem sehr Medien auf ein zu niedriges Niveau begeben.
guten Journal publizieren oder hat man einen wis-
senschaftlichen Durchbruch erzielt? Das ist eben der SCHNEIDER/WEIMANN
wissenschaftliche Bereich. Dennoch gibt es unter den Also können Ökonomen doch beides, Spitzenforschung und
Kolleginnen und Kollegen schon sehr viele, auch sehr Politikberatung?
gute Leute, denen es wichtig ist, die Ergebnisse in die
Politik zu tragen. Das wird nicht negativ bewertet. WOLFRAM RICHTER
Tja, das ist schwer zu sagen. Wer von den deutschen
THIESS BÜTTNER Volkswirten berät die Politik? Wer engagiert sich da
Ich weiß gar nicht, ob diese strikte Trennung zwi- und wer nicht? Die Botschaft einer empirischen Aus-
schen Wissenschaft und Politikberatung funktionie- wertung dieser Frage durch Justus Haucap ist: Es sind
ren kann. Ich glaube, die meisten unserer Kollegen nicht unbedingt immer die besten Ökonomen im Sinne
arbeiten an Themen, insbesondere natürlich in der des wissenschaftlichen Rankings, die sich engagieren.
Finanzwissenschaft, die für Politik und Wirtschafts- Es gibt viele Ökonomen, die sehr stark beraten, aber
politik von Bedeutung sind, auch wenn die Politik- über ihre wissenschaftlichen Arbeiten international
relevanz für viele Forscher eher zweitrangig ist. nicht sichtbar sind. Das wurde nahezu als eine Art
Skandal dargestellt. So, als würden Wissenschaft und
Für mich persönlich ist das anders. Schon im Stu- Politik in Deutschland aneinander vorbei operieren. Ich
dium hatte ich Professoren, die Mitglieder im Sach- selbst sehe das mit größerer Gelassenheit. Ich meine,
verständigenrat oder im wissenschaftlichen Beirat erst mal muss man akzeptieren, dass die Welt arbeits-
waren. Ich habe diese Verbindung zwischen Wis- teilig organisiert ist. Wer wüsste das nicht besser
senschaft und Politikberatung nie in Frage gestellt. als wir Ökonomen? Auch der Wissenschaftsprozess
2
Die Econometrica ist eine der
Aber ich sehe schon, dass ganz andere, wesentlich geht von der Publikation in der Econometrica2 bis weltweit führenden volkswirt-
grundlagenorientiertere Strömungen, an Dyna- hin zur Politikberatung. Das ist ein weites Spektrum schaftlichen Fachzeitschriften.

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ABER AUF JEDEN FALL STELLE ICH FEST, DASS IM
DEUTSCHEN FERNSEHEN ÖKONOMIEPROFESSOREN IN
TALKSHOWS EINGELADEN WERDEN. DAS SCHEINT MIR IM
BERLUSCONI-FERNSEHEN NICHT DER FALL ZU SEIN. ICH SEHE
DAS SCHON ALS EINEN VORZUG DER DEUTSCHEN DEBATTE.

ALFONS WEICHENRIEDER
*

von Aufgaben und der Vermittlung von Gedanken. SCHNEIDER/WEIMANN:


Ganz ehrlich, ich finde es gar nicht erstrebenswert, In der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise wurde ja
dass die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnis- viel über Ökonomen und ihren Einfluss gesprochen. Hat das
se direkt in die Politik hineingetragen werden. Die Auswirkungen auf die Politikberatung?
Dinge sollten erst mal breit diskutiert werden. Da
gibt es ein weites Feld für Arbeitsteilung. Natürlich CHRISTOPH SCHMIDT
wünscht man sich, dass wissenschaftlich anerkannte Also, ich glaube schon, dass sich in den letzten Jah-
Ökonomen Beratungsleistung übernehmen. Und das ren etwas verändert hat, was mit der aktuellen, noch
sehe ich heute gerade in Deutschland verwirklicht. nicht ganz überwundenen, Krise zu tun hat. Aber diese
Einschätzung ist natürlich auch geprägt davon, wie
SCHNEIDER/WEIMANN sich mein eigenes Institut weiterentwickelt hat. Das
Gehört die Politikberatung schlicht zu unseren Aufgaben? RWI3 ist 2015 nicht mehr das gleiche, was es 2002
war. Kurzfristige Konjunkturprognosen sind nicht
ALFONS WEICHENRIEDER alles. Wir haben viel mehr zu bieten. Und das steht
Ja, und ein Großteil der Kollegen und Kolleginnen im Einklang mit einer veränderten Sicht auf unsere
sieht es auch als Teilaufgabe der Professorentätig- Profession. Wir haben ja sehr viel Kritik erfahren.
keit an, den Transfer des ökonomischen Wissens in Angeblich haben wir als Volkswirte ja einen großen
die Öffentlichkeit und die Politik hinein zu leisten. Anteil an der Krise, weil wir irgendwelche struktu-
Ich denke auch, dass wir uns in Deutschland im rierten Produkte erfunden und verkauft haben. Das
Großen und Ganzen auch nicht beschweren können. stimmt natürlich nicht. Gleichzeitig mit dieser Kritik
Aber auf jeden Fall stelle ich fest, dass im deutschen ist aber das Interesse an unseren Analysen, an unse-
Fernsehen Ökonomieprofessoren in Talkshows ren Einschätzungen, an unseren Argumenten stark
eingeladen werden. Das scheint mir im Berlusco- gewachsen. Und durch diesen Wandel wird auch der
3
Rheinisch-Westfälisches Institut ni-Fernsehen nicht der Fall zu sein. Ich sehe das Transfer unserer Erkenntnisse in die Öffentlichkeit in
für Wirtschaftsforschung e.V. schon als einen Vorzug der deutschen Debatte. der Profession durchaus mehr wertgeschätzt. Wenn

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man es schafft, Forschungsergebnisse nicht nur zu FRIEDRICH SCHNEIDER
publizieren, sondern in die Gesellschaft zu transpor- Nein, meine Erfahrung ist eine andere. Die allermeis-
tieren und in einer für die wirtschaftspolitische De- ten wollen damit nichts zu tun haben. Wenn man
batte verdaulichen Form darzulegen, dann findet das ganz ehrlich ist, häufig aus eigenem Unvermögen
mehr und mehr die Anerkennung in der Profession. oder aus Feigheit. Sie trauen sich nicht in die Öffent-
lichkeit, denn dann müssten sie dazu stehen, dass sie
SCHNEIDER/WEIMANN sich intensiv mit der zweit- oder drittbesten Lösung
Es ist also interessanter geworden für die Öffentlichkeit? auseinandersetzen. Eine praktikable wirtschaftspoli-
tische Lösung, ob es nun um Windräder oder anderes
MICHAEL BURDA geht, erreicht ganz selten einen Optimalzustand. Also
Nicht nur interessanter, es ist eben auch unglaublich müssen Kompromisse gefunden werden, was viele
relevant, was wir untersuchen. Man darf sich da- nicht wollen. Für viele ist es die reine Wissenschaft,
mit nicht verstecken. Und Anfragen aus der Politik die wissenschaftliche Auseinandersetzung, die sie an-
sind hilfreich, denn sie bewirken, dass wir zur Rede streben. Das ist durchaus legitim, aber ich würde mir
gestellt werden. Das ist gar nicht so schlecht, weil wünschen, dass mehr meiner Kollegen den Mund auf-
wir dafür bekannt sind, dass wir uns nicht gerne machen, sowohl in Deutschland als auch in Österreich.
festlegen. Aber wenn es um positive Urteile geht,
muss man sich schon zu einer Theorie bekennen. Ganz ehrlich, die Kolleginnen und Kollegen, die
Viele Leute wollen das nicht. Man muss Farbe be- entsprechende Themen haben, sollen ruhig in die
kennen….und das ist für viele Kollegen unangenehm. Öffentlichkeit gehen. Das geschieht mir sowohl in
Die wollen sich nicht auf eine Position festlegen, die Deutschland als auch in Österreich viel zu wenig.
sich später vielleicht als nicht ganz richtig erweist. In Linz bin ich der einzige, der sich in den Medien
äußert. Und wenn dann irgendwas mit dem Euro
SCHNEIDER/WEIMANN ist, dann habe ich drei Fernsehteams hier stehen
Gilt das auch, wenn man ein populärwissenschaftliches Buch und darf dreimal das Gleiche erzählen. Viele Kol-
schreibt? legen halten sich zurück, weil sie fürchten, falsch
zitiert zu werden. Mich stört das nicht so.
KAI KONRAD
Also ja, natürlich, dann gehen einem schon solche
Gedanken durch den Kopf, denn man vereinfacht
radikal, spitzt Dinge zu und fragt sich dann, was die
Kollegen darüber denken werden. Naja, jeder schreibt
gerne Bestseller, auch wenn er es nicht zugibt.

SCHNEIDER/WEIMANN
Sie glauben also, dass eigentlich jeder Ökonom gerne, for-
mulieren wir es mal etwas offener, die Öffentlichkeit beraten
möchte?

19
PORTRAIT

Prof. Dr. Thiess Büttner

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich wirte in der Pflicht, Dinge zu erforschen,
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- die von Relevanz für die konkreten gesell-
schaftlichen Arbeit? schaftlichen Auseinandersetzungen sind.
Einen hohen Stellenwert. Wenn
ich es quantifizieren soll, ist bald Wann war für Sie der Punkt gekommen, an
die Hälfte meiner Arbeit mit poli- dem Sie gesagt haben: „Okay, jetzt bin ich aus
tikrelevanten Fragen befasst. dem Elfenbeinturm raus und im Leben ange-
kommen?“
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz eines Sehr früh. Nach dem Studium habe ich
Problems bedeutsam auch bei der Auswahl Ihrer ein Praktikum beim DIW4 gemacht. Und
Forschungsgegenstände? schon da wurde mir klar, dass ich diese
Nicht immer, aber vielfach. Wenn man Verbindung zur Politik suche und auch
eine konkrete Frage hat, die sich in der die empirische Ausrichtung, die ich dann
Politikberatung ergibt, ist es bis zur gewählt habe, hängt damit zusammen.
Antwort manchmal ein weiter Weg.
Man muss vielleicht weit in theoretische Würden Sie Ihre Beratertätigkeit als
Gefilde absteigen und mitunter steigt man parteiübergreifend bezeichnen?
in Dinge ein, die von der konkreten Frage Auf jeden Fall. Ich habe mich bis heute
ziemlich weit entfernt sind. Man tut das keiner politischen Richtung verschrieben.
aber mit dem Ziel, am Ende eine ver-
nünftige Antwort auf die konkrete Frage Sie haben viel mit Politik zu tun. Welches Ver-
zu finden. Meistens ergibt sich aus der hältnis hat sich für Sie persönlich dadurch zur
Auseinandersetzung mit der Wirtschafts- Politik ergeben und können Sie sich vielleicht
politik ein Gespür für relevante Themen. auch vorstellen, die Seite zu wechseln und in die
Politik zu gehen?
Sind Sie in die Politikberatung gegangen, Nein, das wäre keine Option. Das würde
weil Ihnen die Wissenschaft zu wenig war? mir den Freiraum nehmen, mich weiter
Ich sehe es so: Volkswirtschaftslehre ist zu entwickeln und auch einfach neue
für mich ein Fach, das dazu dienen soll, Dinge zu erkennen und zu lernen. Und
unsere Gesellschaften zu stützen, zu leiten ich denke, das ist das Privileg des Wis-
und gesellschaftliche Entscheidungen zu senschaftlers, dass man sich weiterentwi-
objektivieren. Deshalb sehe ich die Volks- ckeln kann. Das würde verloren gehen.

20
„Volkswirtschaftslehre ist PROF. DR. THIESS BÜTTNER

für mich ein Fach, das dazu Geburt


1966 Kiel
dienen soll, unsere Gesellschaften
Ausbildung
zu stützen, zu leiten und Studium der Rechtswissenschaften, Marburg1985
Studium der Volkswirtschaftslehre und Internationale Wirtschaftsbeziehungen,
gesellschaftliche Entscheidungen Göttingen und Konstanz1986 - 1993
Diplom Volkswirt 1992
zu objektivieren.“ Lic.Oec.Int. 1993
Promotion, Konstanz 1997
Habilitation, Mannheim 2003

Wichtige berufliche Stationen


Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, Mannheim 1997 - 2004
Universität München und ifo Institut für Wirtschaftsforschung 2004 - 2010
Universität Erlangen-Nürnberg seit 2010

Ich würde mich in der Politik fehl am Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit
Platz fühlen. Ich habe gelernt, vor großen Wettbewerb von Gebietskörperschaften,
Studentenzahlen vorzutragen. Aber das ist Regionalökonomie, Fiskalföderalismus,
etwas ganz anderes, als Wähler anzuspre- Besteuerung von multinationalen Unternehmen,
chen und für Politik zu werben. Dafür Empirische Steuerlehre
sehe ich mich überhaupt nicht vorbereitet
und ich hätte daran auch kein Interesse. Wichtigste Positionen in der Politikberatung
Forschungsbereichsleiter am ZEW, Mannheim 2003/04
Gibt es besonders angenehme oder unangenehme Bereichsleiter am ifo Institut, 2004 - 2010
Dinge, an die Sie sich erinnern? Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesministerium der Finanzen seit 2007
Ich finde die Arbeit im wissenschaftli-
chen Beirat sehr angenehm. Durch den Wo er am liebsten in der Nationalelf spielen würde
Umgang mit den Kollegen lerne ich Verteidiger rechts, weil ich mit rechts besser schießen kann.
viel. Unangenehm, ja, ich wüsste auch
unangenehme Dinge. Ich frage mich Der Lieblingsgegenspieler aus der Politik
aber, wie ich die beschreiben soll, ohne Ich habe noch nie gegen Politiker gespielt.
irgendjemandem zu nahe zu treten.
Da tue ich mich ein bisschen schwer. •

4
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

21
Ist die gegenwärtige
wirtschaftswissenschaftliche
Forschung eigentlich als Grundlage
von Politikberatung geeignet?

AXEL BÖRSCH-SUPAN Ich kann allerdings auch ein Beispiel aus dem ge-
Ja, natürlich ist sie relevant und geeignet, jeden- sundheitsökonomischen Bereich nennen, wo über
falls wenn wir die richtige Forschung machen. Das ein wirtschaftspolitisch aktuelles Thema hochrangig
Verständnis von Anreiz-Effekten, was ja in vielerlei publiziert wurde. Und zwar ging es dabei um die
Hinsicht der Kern der ökonomischen Analyse ist, ist Knappheit von Organspenden. Ökonomen vertreten
natürlich relevant für Politik. Und da gibt es tausen- hier die Meinung, dass das Knappheitsproblem durch
de von Beispielen, gute wie schlechte Beispiele. Das eine Reziprozitätslösung gemildert werden kann.
EEG ist ein ganz hervorragendes Beispiel dafür, dass Also, die Idee ist, dass Spenderausweisbesitzer bei
Anreize von Ökonomen verstanden und auch in der der Organvergabe bevorzugt werden und darüber die
Forschung thematisiert werden. Allerdings schreibt die Spendenbereitschaft steigt. Zu diesem Thema gab es
Politik dann ein Gesetz, das nicht viel mit Ökonomie eine Publikation in der American Economic Review5,
zu tun hat, und man sieht ja, was dabei herauskommt. die diese Hypothese experimentell bestätigte. Ob
dieses Ergebnis jetzt wirtschaftspolitisch relevant ist,
FRIEDRICH BREYER weiß ich nicht, aber die Knappheit an Spenderorganen
Ja, sie ist schon relevant. Es ist nicht immer die und die stark gesunkene Spendenbereitschaft sind
Forschung am aktuellen Rand und es ist nicht immer sehr prominente Themen in der politischen Debatte.
die Grundlagenforschung. Oft sind es ökonomische
Erkenntnisse, die eigentlich ziemlich alt sind, oder es WOLFRAM RICHTER
sind Grundprinzipien oder auch mehr angewandte In Einzelfällen mag das zutreffen. Aber selbst die
Untersuchungen, die für die Politikberatung rele- American Economic Review, die ja den Anspruch
vant sind. Es sind eher weniger Ergebnisse aus der hat, Dinge zu publizieren, die jeder Volkswirt in der
Grundlagenforschung, die total neu und innova- Welt interessant finden sollte, wird sicherlich nicht
tiv sind. Ganz oft sind es wirklich first principles, von Politikern gelesen. Das hat auch wieder etwas
die von Politikern vernachlässigt werden und auf mit Arbeitsteilung zu tun. Es ist gut, dass wir in
die Wissenschaftler immer wieder hinweisen. Deutschland Zeitschriften wie den Wirtschaftsdienst,

K. Schneider, J. Weimann, Den Diebstahl des Wohlstands verhindern,


22 DOI 10.1007/978-3-658-09495-9_3, © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2016
DAS EEG IST EIN GANZ HERVORRAGENDES BEISPIEL DAFÜR, DASS ANREIZE VON
ÖKONOMEN VERSTANDEN UND AUCH IN DER FORSCHUNG THEMATISIERT WERDEN.
ALLERDINGS SCHREIBT DIE POLITIK DANN EIN GESETZ, DAS NICHT VIEL MIT ÖKO-
NOMIE ZU TUN HAT, UND MAN SIEHT JA, WAS DABEI HERAUSKOMMT.

AXEL BÖRSCH-SUPAN
*

ifo-Schnelldienst etc. haben, die die Wissenschaft auf WOLFGANG WIEGARD


ein Niveau herunterbrechen, das Eingang in politi- Es stimmt, Wirtschaftswissenschaftler beschäftigen
sche Diskussionen finden kann. Das ist wichtig und sich in ihrer Forschung auch mit Themen, die ak-
ich beobachte, dass diese Zeitschriften über die Jahre tuell in der Wirtschaftspolitik weitgehend uninter-
immer besser geworden sind. Gut, nicht alles was essant sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein
publiziert wird müsste auch wirklich publiziert werden. Politiker wirtschaftswissenschaftliche Aufsätze in
Fachzeitschriften liest. Der wird eventuell den Wirt-
SCHNEIDER/WEIMANN schaftsdienst lesen, vielleicht noch die Perspektiven
Gibt es denn eine Arbeitsteilung zwischen Ökonomen? der Wirtschaftspolitik, aber alles was darüber hinaus-
geht, auch internationale Top-Journals, wird von der
KAI KONRAD Politik überhaupt nicht zur Kenntnis genommen.
Ja, ich meine wir beschäftigen uns ja mit vielen The-
men. Und da wachsen viele Blumen auf der Wiese, vie- SCHNEIDER/WEIMANN
le unterschiedliche. Und einige dieser Blumen sind für Dann haben hochrangige wissenschaftliche Veröffentlichun-
die wirtschaftspolitische Beratung wichtig und andere gen keine Wirkung auf die Politik?
weniger, aber deshalb nicht weniger schön. Ich sehe die
Wirtschaftswissenschaft eigentlich nicht in erster Linie CARL CHRISTIAN VON WEIZSÄCKER
als eine Hilfswissenschaft für die Wirtschaftspolitik, Nun, ich denke, die Wirkung ist eher indirekt. Wenn
sondern als eine Disziplin, die grundlegende Fragen komplizierte Modelle in den Fachzeitschriften ab-
bezogen auf die Wirtschaft bearbeitet. Wir beschäfti- gehandelt werden, dann liest das kein Politiker. Hier
gen uns mit Entscheidungen angesichts von Beschrän- müssen wissenschaftliche Transfers von der Theorie
kungen und knappen Mitteln sowie Opportunitätskos- in die Politik stattfinden. Aber, es darf nicht unter-
ten und wir betrachten interaktive Entscheidungen. Ich schätzt werden, dass die Wissenschaft Begriffsbildung
glaube, es gibt einen relativ breiten Konsens darüber, betreibt. Nehmen Sie die Frage nach der Messung 5
Die American Economic
was wirtschaftswissenschaftliche Themenstellungen von Ungleichheit. Die Frage, wie das Thema der Review ist wie die Econometrica
eine der weltweit führenden
sind. Nicht alle sind unmittelbar für die Wirtschaftspo- Ungleichheit oder der Umverteilung in der Politik volkswirtschaftlichen
litik relevant. Deswegen sind sie aber nicht unwichtig. behandelt wird, ist stark davon geprägt, dass man Fachzeitschriften.

23
WIE IN ANDEREN SOZIALWISSENSCHAFTEN AUCH, GIBT
ES ALLERDINGS AUCH IN DER ÖKONOMIE VIELE PUNKTE,
BEI DENEN NEBEN EINEM SEHR GROSSEN KONSENS DER
DISSENS IM DETAIL LIEGT. DIE POLITIK HAT NATÜRLICH
IMMER DAS AUGENMERK AUF DEM DISSENS, UM SICH
DANN NUR DIE HÄPPCHEN HERAUSZUHOLEN, DIE FÜR
DIE EIGENE IDEOLOGISCH GEPRÄGTE
ARGUMENTATIONSWEISE NÜTZLICH SIND.

RONNIE SCHÖB
*

dafür Begriffe und Maße entwickelt, mit denen man aus der Wissenschaft, und die konkrete Ausgestal-
arbeiten kann. Und genau das haben Ökonomen getan. tung der Politik im Bereich der Institutionen und
Hier wirkt sich wissenschaftliche Vorarbeit aus. geldpolitischen Ziele wurde stark beeinflusst.

Oder, was bedeutet Wettbewerb? Wenn wir sagen, SCHNEIDER/WEIMANN


wir brauchen eine Wirtschaft, die durch Wettbewerb Würden Sie sagen, diese direkte Übertragbarkeit hängt auch
geprägt ist, dann müssen wir wissen, welche Formen vom Fach ab?
des Wettbewerbs es gibt und wie sie zu erkennen
sind. Das wird in der Wissenschaft geklärt und prägt JUSTUS HAUCAP
damit sehr stark das, was in der Praxis gemacht wird. Nicht nur vom Fach. Wenn ich mir die Forschung an
den Wirtschaftsforschungsinstituten ansehe oder auch
CLAUDIA BUCH die Arbeiten aus dem steuerlichen Bereich, dann scheint
Ich sehe noch einen weiteren Bereich, in dem Wis- mir das höchst relevant zu sein. Vielleicht hängt es so-
senschaft und Politik eng verbunden sind – über eine gar von Personen und nicht einmal vom Fachgebiet ab.
evidenzbasierte Politikberatung. In einigen Politik- Nicht jeder Ökonom muss die direkte Übertragbarkeit
bereichen wie der Entwicklungspolitik greift die seiner Arbeiten im Blick haben. Es muss auch Kolle-
Politik bereits auf Erkenntnisse aus der Wissenschaft gen geben, die Grundlagenforschung machen. Aber
zurück. Auch auf dem Gebiet der Geldpolitik flossen insgesamt haben schon viele Ökonomen etwas zu sagen
wissenschaftliche Erkenntnisse ein – denken Sie an und wir sind die richtigen Ansprechpartner, wenn es
die Entscheidungen zur institutionellen Aufstellung um ökonomische Zusammenhänge geht. Natürlich
der Geldpolitik, die in den vergangenen Jahrzenten gibt es häufig auch andere Aspekte, beispielsweise
getroffen wurden. Hier kamen die Ideen sehr stark außenpolitische Themen oder Verteilungsfragen, die

24
gegebenenfalls in der politischen Entscheidung stärker SCHNEIDER/WEIMANN
gewichtet werden als die ökonomischen Argumente. Was müsste man machen, damit das Ansehen steigt und,
wichtiger noch, ökonomische Sachverhalte in den Medien
SCHNEIDER/WEIMANN angemessener dargestellt werden?
Aber auch wenn Entscheidungen anders ausfallen als es
Ökonomen empfohlen hätten, bleiben die Ergebnisse aus der HANS-WERNER SINN
Forschung relevant? Die Journalisten auch ökonomisch ausbilden, damit sie
verstehen, wie wir reden und denken. Sehen Sie, die
RONNIE SCHÖB Journalisten kommen aus den Journalistenschulen und
Ich hoffe. Wenn die Forschung nicht relevant wäre, bekommen entweder keine oder nur am Rande eine
wäre das eine große Enttäuschung für mich als vordergründige Ausbildung in Volkswirtschaftslehre.
Wirtschaftswissenschaftler. Nein, ich gehe davon Sie schreiben dann aber meistens munter drauf los,
aus, dass die Forschung, die wir machen, relevant was die ökonomischen Themen betrifft. Da liegt das
ist. Wie in anderen Sozialwissenschaften auch, gibt wirkliche Problem. Viele der angeblich in der Wirt-
es allerdings auch in der Ökonomie viele Punkte, bei schaftswissenschaft beschlagenen Journalisten wenden
denen neben einem sehr großen Konsens der Dissens sich gegen die Neoklassik. Folgerichtig finden sie das
im Detail liegt. Die Politik hat natürlich immer das toll, wenn jetzt Experimente ein neues Menschenbild
Augenmerk auf dem Dissens, um sich dann nur die erzeugen. Warum? Weil sie das halbwegs nachvollzie-
Häppchen herauszuholen, die für die eigene ideolo- hen können, während ihnen die komplexe mathemati-
gisch geprägte Argumentationsweise nützlich sind. sche, neoklassische Theorie ja niemals vermittelt wurde
und ihnen wie ein Buch mit sieben Siegeln vorkommt.
SCHNEIDER/WEIMANN Das ist schade. Um das zu ändern, müssen wir aber
Und was ist zum Vorwurf zu sagen, Ökonomen argumen- eben auch unser Studium problemorientierter gestalten
tierten häufig realitätsfern und abgehoben? und weniger technisch, aber das ist ein anderes Thema.

WOLFGANG BUCHHOLZ SCHNEIDER/WEIMANN


Also, wenn man hergeht und einige Wirtschaftswis- Über das wir noch reden werden.
senschaftler anhand dessen beurteilt, was sie publiziert
haben, ja, dann könnte man tatsächlich meinen, die
seien ein bisschen abgehoben. Aber, wenn man mit
den Leuten redet, zeigt sich eine wissenschaftliche
Kompetenz in Bezug auf aktuelle wirtschaftspolitische
Probleme, die wirklich ernst zu nehmen ist. Und wie
die Kollegen argumentieren, das ist durchaus auch ver-
ständlich für jeden Politiker und für jeden Laien. Mei-
nes Erachtens ist der Vorwurf, die Ökonomen seien nur
abgehoben, völlig falsch. Er wird nur gebraucht, um
Wissenschaft generell zu diskreditieren, weil man sich
auf die Komplexität der Argumente nicht einlassen
will. Und das geht zum Teil auch von den Medien aus.

25
PORTRAIT

Prof. Dr. Ronnie Schöb

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich ist das ein originäres politisches Inte- Viele Politiker sind meiner Meinung nach
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- resse, das mich als Forscher leitet. extrem kompetent, durchschauen sehr
schaftlichen Arbeit? intelligent Dinge und sind auch in der
Politikberatung hat für mich höchsten Wann war für Sie der Punkt gekommen, an Lage, die Konsequenzen zu überdenken.
Stellenwert. Ich verstehe die Volks- dem Sie gesagt haben: „Okay, jetzt bin ich aus Und gleichzeitig verstehen sie es, sich
wirtschaftslehre als Sozialwissenschaft dem Elfenbeinturm raus und drin im Leben?“ im politischen Raum, also im politischen
und als Sozialwissenschaftler fühle ich Es gibt keinen eindeutigen Punkt, aber es Techtelmechtel, zu behaupten. Aber auf
mich in der Verantwortung, mit meinen gab eine sehr starke Entwicklung. Durch der anderen Seite habe ich in der Politik
Forschungsergebnissen in die Politik meine Dissertation über das Thema „Öko- auch viele Schaumschläger kennengelernt,
zu gehen, um wissenschaftlich fun- steuern“ war ich schon sehr frühzeitig in die gern das große Wort führen, aber
dierte Politikberatung zu machen. die damals aufkommende Debatte um die wo im Grunde nicht viel dahinter ist.
Einführung von Ökosteuern in Deutsch-
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz eines land involviert und habe auch schon vor Man soll zwar nie „nie“ sagen, aber
Problems bedeutsam auch bei der Auswahl dem Abschluss meiner Dissertation auf eigentlich kann ich es mir nicht vorstel-
Ihrer Forschungsgegenstände? Podiumsdiskussionen mit Politikern dis- len, selbst in die Politik zu gehen. Ich
Das ist eine schwierige Frage. Auf der kutiert, habe auch außerhalb der Univer- schätze die sachliche Auseinanderset-
einen Seite treibt mich natürlich einfach sität über Ökosteuern referiert. Das war zung und bin zu wenig gewappnet, mich
die Neugier an, gewisse Dinge zu erfor- der erste Schritt in die Politikberatung. auf einer nicht sachlichen und oft auch
schen, aber auf der anderen Seite ist diese sehr persönlichen Ebene mit dem poli-
Neugier natürlich sehr stark korreliert mit Würden Sie Ihre Beratertätigkeit als tischen Gegner auseinanderzusetzen.
wirtschaftspolitisch relevanten Fragestel- parteiübergreifend beschreiben?
lungen, also insbesondere mit Fragestel- Ja. Uneingeschränkt. Also ich füh- Gibt es besonders angenehme oder unangenehme
lungen, die den Arbeitsmarkt betreffen. le mich keiner Partei verpflichtet. Dinge, an die Sie sich erinnern?
Ich fühle mich gewissen politischen Was mich überrascht ist, dass mir spontan
Sind Sie in die Politikberatung gegangen, Grundsätzen und Normen verpflich- ein unangenehmes Erlebnis einfällt, beim
weil Ihnen die Wissenschaft zu wenig war? tet, die ich aber in keiner Partei, so angenehmen muss ich vielleicht ein biss-
Ich würde mich selber als jemanden wie ich es mir vorstelle, wiederfinde. chen länger nachdenken. Während einer
bezeichnen, der politisch sehr interes- Podiumsdiskussion mit Politikern stand
siert ist, und in dem Maße, wie ich mir Sie haben viel mit Politik zu tun. jemand, der sehr starke Politikinteressen
die Volkswirtschaftslehre angeeignet Welches Verhältnis hat sich für Sie persön- vertreten hat, auf und sagte: „Ja, Herr
habe, ist mir auch klar geworden, dass lich dadurch zur Politik ergeben und kön- Schöb, Sie kommen mir vor wie ein Staub-
man mit wissenschaftlich fundierter nen Sie sich vielleicht vorstellen, die Seite saugervertreter, der nach wie vor das
Expertise auch einen sehr sachlichen zu wechseln und in die Politik zu gehen? Produkt verkauft, das Stiftung Warentest
Beitrag zur Politik liefern kann. Daher Ich habe Politiker unterschiedlich erlebt. längst schon mit dem Prädikat „Man-

26
„Viele Politiker sind meiner Meinung
nach extrem kompetent, durchschauen
sehr intelligent Dinge und sind in der
Lage, die Konsequenzen zu überdenken.
Aber auf der anderen Seite habe ich
in der Politik auch viele Schaumschläger
kennengelernt, die gern das große
Wort führen, ohne dass viel dahinter ist.“

gelhaft“ versehen hat.“ Das war einfach


unverschämt und ich habe mich ziemlich
lang darüber aufgeregt, dass man auf
ein so niedriges Niveau der Diskussion
kommen kann. Als positives Gegenbeispiel
fällt mir ein hemdsärmeliger CDU-Po-
litiker aus Vorpommern ein, mit dem
wir über die „Magdeburger Alternative“
gesprochen haben, der einfach sagte: „Ich
glaube, Ihre Idee ist gut, und wenn wir da-
mit Hundert Arbeitsplätze schaffen, dann
haben wir doch schon mal was erreicht.“
Diese Art, einfach offen für Vorschläge zu
sein und gleichzeitig diese pragmatische
Bescheidenheit zu haben, zu sagen „egal,
was uns hilft, ist gut“, hat mich damals
beeindruckt. Und er hat es immerhin
geschafft, eine supergroße Koalition in
Vorpommern zu schmieden, in der Linke,
SPD und CDU an einem Strang zogen.

27
28
PROF. DR. RONNIE SCHÖB

Geburt
1962 in Oberstdorf

Ausbildung
Abschluss als Diplom-Volkswirt, Universität München 1987
Dr. oec. publ., Universität München 1994
Habilitation, Universität München 2000

Wichtige berufliche Stationen


Geschäftsführer des Vereins für Socialpolitik 1997 - 2000
Visiting Associate Professor, University of Western Ontario, Canada 2000/01
Lehrstuhlinhaber des Lehrstuhls für Finanzwissenschaft
an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg 2002 - 2007
Lehrstuhlinhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre,
insbesondere Finanzwissenschaft mit dem Schwerpunkt Internationale Finanzpolitik
an der Freien Universität Berlin seit 2007
Forschungsprofessor am Ifo-Institut Dresden seit 2008

Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Zufriedenheitsforschung, Arbeitsmarktpolitik, Reform des Sozialstaates,
Finanzwissenschaft mit den Schwerpunkten Steuertheorie und Steuerpolitik,
Umwelt- und Ressourcenökonomik

Wichtigste Positionen in der Politikberatung


Magdeburger Alternative mit ausgearbeiteten Modellkonzepten
für Schleswig-Holstein und den Landkreis Nordvorpommern (nicht umgesetzt)
Die Bedeutung der Lebenszufriedenheitsforschung für die Politikberatung
(im Hinblick auf die Finanzpolitik in einem Gutachten für das BMF bearbeitet)

Wo er am liebsten in der Nationalelf spielen würde


Außenstürmer: Als Wissenschaftler sollte man die Flankenbälle schlagen;
als Vollstrecker taugt man eher weniger.

Der Lieblingsgegenspieler aus der Politik


Andrea Nahles – weil man den Arbeitsmarktreformplänen nicht das Spielfeld überlassen darf.

29
PORTRAIT

Prof. Axel Börsch-Supan, Ph. D.


„Als Ökonom fühlt man sich natürlich immer
dem Gedanken der Freiheit sehr nah.“

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich Zunächst einmal bin ich in der Volkswirt- Spaß gemacht, zusammen mit der rot-grü-
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- schaftslehre gelandet und bin nicht bei der nen Koalition über die Gestaltung eines
schaftlichen Arbeit? Mathematik geblieben, die ich ja schließlich nachhaltigen Rentensystems nachzuden-
Das ist ein großer Teil der Arbeit und studiert habe. Ich habe mich damals in den ken und dies dann auch umzusetzen. Als
definiert, warum wir uns überhaupt mit späten 70er Jahren als politischer Mensch Ökonom fühlt man sich natürlich immer
Volkswirtschaftslehre befassen. Zum einen verstanden und hatte damals großes Inter- dem Gedanken der Freiheit sehr nah.
brauchen wir ein wirklich fundamentales esse an Sozialwissenschaften im weitesten Man will nicht alles vorschreiben und die
Verständnis davon, wie Menschen sich ver- Sinne und weniger an der Mathematik. Menschen drangsalieren. Das hat meine
halten. Und zum anderen müssen wir diese Politikberatung immer sehr, sehr geprägt.
Erkenntnisse dann auch in der Politikbe- Wann war für Sie der Punkt gekommen,
ratung einsetzen. Die Umsetzung erfolgt an dem Sie gesagt haben: „Okay, jetzt bin Sie haben viel mit Politik zu tun. Welches Ver-
natürlich gemeinsam mit der Politik. ich aus dem Elfenbeinturm raus und im hältnis hat sich für Sie persönlich dadurch zur
Leben angekommen?“ Politik ergeben und können Sie sich vielleicht
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz Ich denke, das war nicht die Entscheidung auch vorstellen, die Seite zu wechseln und in die
eines Problems auch bei der Auswahl Ihrer in eine politikberatende Richtung zu gehen, Politik zu gehen?
Forschungsgegenstände bedeutsam? sondern die Entscheidung, nach dem drit- Nein, eigentlich nicht. Ich bin wirk-
Nicht nur. Natürlich muss das Thema ten, vierten Semester tatsächlich Volkswirt- lich Wissenschaftler aus Überzeugung
relevant sein, aber es muss auch interes- schaftslehre zu studieren und zwar immer und das möchte ich auch bleiben.
sant sein und Spaß machen. Zum Beispiel: mit der Absicht, mich gesellschaftspolitisch
Dass die Riester-Rente nicht so einge- zu engagieren. Mein erster Job war Profes- Wie hat sich Ihr persönliches Verhältnis zur
schlagen ist, wie viele gedacht haben, ist sor of Public Policy, nicht etwa Professor Politik über die Zeit entwickelt?
erstens ein wirtschaftspolitisch relevanter of Economics. Ich finde Politik super spannend. Ich bin
Tatbestand und zweitens ist es einfach als ein politischer Mensch aufgewach-
interessant zu verstehen, warum die Würden Sie Ihre Beratertätigkeit als sen und das bin ich auch geblieben.
Leute sich so dagegen sperren, sich wie parteiübergreifend beschreiben?
„Homines oeconomici“ zu verhalten. Kurze Antwort. Ja! Gibt es besonders angenehme oder unange-
nehme Dinge, an die Sie sich erinnern?
Sind Sie in die Politikberatung gegangen, Also lassen Sie mich das dann doch ein Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil das
weil Ihnen die Wissenschaft zu wenig war? bisschen konkretisieren. Es hat mir großen natürlich mit Personen verbunden ist.

30
PROF. AXEL BÖRSCH-SUPAN, PH. D.

Geburt
1954 in Darmstadt

Ausbildung
Studium der Mathematik und Volkswirtschaftslehre, München und Bonn
Promotion am Massachusetts Institute of Technology (M.I.T.), Cambridge/USA 1984

Wichtige berufliche Stationen


Assistant Professor an der J. F. Kennedy School of Government
der Harvard University, Cambridge/USA 1984 - 1987
Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Dortmund 1987 - 1989
FOTO: PRIVAT Professor für Makroökonomie und Wirtschaftspolitik
an der Universität Mannheim 1989 - 2011
Direktor des Munich Center for the Economics of Aging
des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik (MEA) seit 2011

Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Implikationen des demographischen Wandels,
Sozialpolitik, insbesondere Renten- und Arbeitsmarktpolitik,
Spar- und Vorsorgeverhalten, Ökonometrie

Wichtigste Positionen in der Politikberatung


Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium
für Wirtschaft und Technologie 2004 - 2008,
Leitung der Rentenreformgruppe der Nachhaltigkeits-(‚Rürup‘)-Kommission 2002/03,
Mitglied der Expertengruppe ‚Demographie‘ der Bundesregierung seit 2010

Wo er am liebsten in der Nationalelf spielen würde


Rechnungsprüfer, weil ich nicht Fußball spielen kann und
insbesondere in München offenbar ein Bedarf besteht

Der Lieblingsgegenspieler aus der Politik


Die Bundeskanzlerin – weil sie die Richtlinienkompetenz hat

31
Ist die Politik aufnahmebereit
für die Vorschläge, die die
Wissenschaft macht?

AXEL BÖRSCH-SUPAN WOLFGANG FRANZ


Ja! Allerdings passiert mehr hinter verschlossenen Gut, aber insgesamt muss ich sagen, mit ganz, ganz
Türen als in öffentlichen Diskussionen. Das hört sich wenigen Ausnahmen, waren die Politiker – auch
jetzt erst einmal wie ein Widerspruch an, ist aber Bundesminister, Bundeskanzler, Bundeskanzle-
keiner. Da es oft einen Widerspruch zwischen poli- rin – immer sehr interessiert daran, mit uns ins
tischer und wissenschaftlicher Logik gibt, ist man Gespräch zu kommen. Im Moment fällt mir nur
am effektivsten, wenn man sehr offen ist. Und das ein Bundesminister ein, der völlig beratungsresis-
kann man halt nur hinter verschlossenen Türen. tent war. Da haben wir es dann auch aufgegeben.

STEFAN HOMBURG Zum Teil waren vertrauliche Gespräche des Sach-


Das unterstütze ich. Man muss an dieser Stelle deutlich verständigenrates mit Mitgliedern der Bundes-
zwischen institutioneller Politikberatung und indivi- regierung, in denen sehr freimütig und sehr offen
dueller Politikberatung unterscheiden. Individuelle diskutiert wurde. Da die Politiker nicht befürchten
Politikberatung kann bedeuten, dass ein Politiker müssen, dass sie direkt in der Presse zitiert werden,
anruft und um ein Vier-Augen-Gespräch bittet, weil brauchen sie auch nicht jedes Wort auf die Gold-
er wirklich etwas wissen will. Darüber wird natürlich waage zu legen. Genau diese Gespräche, diese ver-
nicht berichtet. Klar, man ist ja da auch selber diskret. traulichen Gespräche auf der Regierungsebene, sind
Diese Art der Politikberatung ist sehr wirkungsvoll. sehr wichtig. Ich halte sie für fast so relevant wie
ein Jahresgutachten des Sachverständigenrates.
RONNIE SCHÖB
Allerdings muss man auch damit rechnen, SCHNEIDER/WEIMANN
dass Politiker diesen wissenschaftlichen Argu- Warum ist es denn trotzdem so schwierig, mit guten
menten zwar im Vier-Augen-Gespräch offen Argumenten Politik zu machen?
gegenüber stehen, dies aber in einem öffentli-
chen Diskurs nie aufrecht erhalten würden.

K. Schneider, J. Weimann, Den Diebstahl des Wohlstands verhindern,


32 DOI 10.1007/978-3-658-09495-9_4, © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2016
INDIVIDUELLE POLITIKBERATUNG KANN BEDEUTEN, DASS EIN POLITIKER ANRUFT UND UM
EIN VIER-AUGEN-GESPRÄCH BITTET, WEIL ER WIRKLICH ETWAS WISSEN WILL. DARÜBER WIRD NATÜRLICH
NICHT BERICHTET. KLAR, MAN IST JA DA AUCH SELBER DISKRET.
DIESE ART DER POLITIKBERATUNG IST SEHR WIRKUNGSVOLL.

STEFAN HOMBURG
*

33
ICH WÜRDE SAGEN, BEI DEN GROSSEN
VERTEILUNGSPOLITISCH UMSTRITTENEN FRAGEN
IST ES SEHR SCHWER FÜR DIE POLITIKBERATUNG.
UND ZWAR ZU RECHT. WIR TRAGEN KEINE
VERANTWORTUNG FÜR DAS, WAS WIR EMPFEHLEN.

LARS FELD
*

JUSTUS HAUCAP wettbewerb, im Wettbewerb der öffentlichen Aufmerk-


Na ja, man muss schon auch verstehen, dass Politiker samkeit. Solange man Politiker mit besonderer Ex-
gewissen Sachzwängen unterliegen, und dass sie nach pertise unterstützen kann und diese in ihre Konzepte
der nächsten Wahl nicht gerne aus dem Bundestag aus- passt, findet man natürlich auch positive Resonanz.
scheiden möchten. Daher muss man schon Vorschläge Liegt man allerdings quer, hat man keine Chance.
unterbreiten, die keinen Gesichtsverlust bedeuten und
durchsetzbar sind. Also, auch wenn es ein Interesse für SCHNEIDER/WEIMANN
ökonomische Ideen gibt, erhofft man sich manchmal Also wird man instrumentalisiert und der Politiker lässt sich
zu viel, wenn man hofft, dass eine gute Idee von der seine Entscheidungen abnicken?
Politik sofort aufgenommen und umgesetzt wird.
KARL-HEINZ PAQUÉ
CLEMENS FUEST Ach, es ist schon beides: Beratung und Beglaubigung.
Hinzu kommt, dass viele Politiker durchaus aufnahme-
bereit sind, aber es gibt natürlich auch Interessen und SCHNEIDER/WEIMANN
ideologische Grundsätze. Und da Politik schließlich auch Gibt es vielleicht wirtschaftspolitische Fragen, bei denen
dafür da ist, Interessen durchzusetzen, kommt es zu In- der Konflikt zwischen Politik und Wissenschaft besonders
teressenkonflikten. Aber so ist das eben und diesem poli- deutlich wird?
tischen Wettbewerb – der auch in den Medien ausgetra-
gen wird – kann man sich als Politiker nicht entziehen. LARS FELD
Ich würde sagen, bei den großen verteilungspolitisch
WOLFRAM RICHTER umstrittenen Fragen ist es sehr schwer für die Poli-
Ja, die Vorschläge müssen schon passen und sich tikberatung. Und zwar zu Recht. Wir tragen keine
instrumentalisieren lassen. Ich erwarte aber auch Verantwortung für das, was wir empfehlen. Diejenigen,
gar nicht, oder ich sollte nicht von einem Politiker die nachher den Kopf dafür hinhalten müssen, sind die
erwarten, dass er nur ein schwer zu definierendes Politiker. Daher ist es ein Privileg, Effizienzgesichts-
Gemeinwohl fördert. Er steht schließlich im Parteien- punkte und ordnungspolitische Positionen aus Sicht der

34
EIN WOHLMEINENDER POLITIKER, DER SICH GERNE AUF EVIDENZBASIERTE POLITIK EINLASSEN WÜRDE,
MUSS SICH JA AUCH IN SEINEM ANGEBOT GEGENÜBER DEN WÄHLERN DURCHSETZEN. ER MUSS SICH
GEGEN DIE DURCHSETZEN, DIE IHRE SICHT VERKÜRZT UND MIT VIEL SCHAUM VOR DEM MUND VORTRAGEN.

CHRISTOPH SCHMIDT
*

35
DIE POLITIK DENKT IN
SEILSCHAFTEN UND
WENN SIE SO WOLLEN
IN MANNSCHAFTEN;
SIE DENKT NICHT IN
MÄRKTEN.

MARTIN HELLWIG

36
Politikberatung in den Prozess einzufüttern und einen dem Schlachtfeld der wirtschaftspolitischen Beratung
Ratschlag zu geben – manchmal auch ungefragt. Aber treffen wir auf viele Berater, die auf Außenstehende
natürlich können die Politiker dem nicht einfach folgen zunächst einmal wie Wissenschaftler wirken. Schaut
und damit quasi Mehrheitsbeschaffer für eine ökonomi- man aber genauer hin, so erkennt man schnell, dass
sche Position sein. In diesem demokratischen Prozess viele vermeintlich wissenschaftliche Analysen aus der
ist der Einfluss der Ökonomen auf verteilungspolitisch Feder von Interessenvertretern stammen, die Ver-
heikle Fragen gering. Das gilt für Steuerreformen bands- oder Einzelinteressen vertreten. Da wird auch
und insbesondere für sozialpolitische Reformen. schon mal aus ideologischen Gründen die Evidenz in
einer ganz bestimmten Art und Weise interpretiert
KARL-HEINZ PAQUÉ oder fehlinterpretiert. Sich in dieser Gemengelage zu
Also, die Klage der Ökonomen, dass sie nicht gehört tummeln und trotzdem seine Grundsätze beizubehal-
werden, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Seit den ten, das ist schon eine Herausforderung. Gelegentlich
80er Jahren waren sich die Mainstream-Ökonomen – ist man als wirtschaftspolitischer Berater solchen
aber es gibt ja immer abweichende Meinungen – einig, Leuten in der medialen Diskussion unterlegen. Einem
welche heiklen sozialpolitischen Reformen in Deutsch- populistischen Argument in einer Talkshow zu wider-
land nötig waren. Und wenn Sie sich dann ansehen, sprechen, ist für einen Wissenschaftler immer schwer.
was bis zum Abschluss der Hartz IV-Reformen Die Kunst besteht darin, das Argument so zu verdich-
tatsächlich umgesetzt wurde, war es genau das. Die ten und zu vereinfachen, dass es nach wie vor richtig
Arbeitsmarktökonomik, in Deutschland vorangetrieben ist, aber eben verdaulicher. Das gleiche ist aus meiner
durch Wolfgang Franz, zeigte, dass die unbefristete Sicht auch für die Politik relevant. Ein wohlmeinender
Zahlung von Arbeitslosenhilfe die Suchintensität deut- Politiker, der sich gerne auf evidenzbasierte Politik
lich reduziert. Und als in Deutschland das Problem der einlassen würde, muss sich ja auch in seinem Angebot
Langzeitarbeitslosigkeit wirklich sehr drückend wurde, gegenüber den Wählern durchsetzen. Er muss sich
da kam Hartz IV, zwanzig Jahre nach Beginn der Dis- gegen die durchsetzen, die ihre Sicht verkürzt und
kussion. Jetzt könnte man sagen: Das war viel zu spät. mit viel Schaum vor dem Mund vortragen. Es ist also
Aber ich denke, die Gesellschaft braucht auch Zeit, um nicht notwendigerweise mangelndes Interesse an
schmerzliche Erkenntnisse zu verarbeiten. Kurzum: Die guten Argumenten, wenn Politik uns nicht total folgt.
Ökonomen hatten Einfluss. Deshalb reagiert die andere
Seite ja auch so allergisch und sagt: „Das war ein neo- SCHNEIDER/WEIMANN
liberales Zeitalter mit einer totalen Ökonomisierung.“ Gibt es Themen, bei denen Ökonomen auf verlorenem Posten
Wenn man so will, ist das ist eine Reaktion auf den stehen?
Erfolg der Arbeit unserer Profession.
MARTIN HELLWIG
SCHNEIDER/WEIMANN Eine Schwierigkeit besteht darin, dass Politiker vieles
Aber es gibt doch auch ausgeprägte Meinungsunterschiede im Sinne der eigenen Karriere entscheiden und tun. Im
zwischen Ökonomen, oder? Interesse an der eigenen Karriere ist es dann auch hin
und wieder, den starken Mann bzw. die starke Frau zu
CHRISTOPH SCHMIDT markieren. Manches hat auch mit Denkmustern der
Das sind wir als Wissenschaftler gewohnt und diese Politik zu tun: Die Politik denkt in Seilschaften und
Form des Wettbewerbs ist auch wichtig. Aber auf wenn Sie so wollen in Mannschaften; sie denkt nicht

37
GANZ UNABHÄNGIG DAVON HABEN ÖKONOMEN IMMER FÜR
WENIGER AUSNAHMEN BEI DER MEHRWERTSTEUER PLÄDIERT.
DIE IDEE, NOCH MEHR AUSNAHMEN ZUZULASSEN, WAR NICHT KLUG.
DIESEN TIPP HÄTTEN SIE VON UNS HABEN KÖNNEN, ABER SIE SIND
STATTDESSEN IN DIE FALLE GETAPPT.

FRIEDRICH BREYER
*

in Märkten. Denken Sie an die Politik zur Begünsti- Die Fehleinschätzung bestand darin, dass die Presse
gung von nationalen Champions in der Industriepo- diesen Schritt nur als Geschenk an die Hoteleigner
litik. Die Franzosen, beispielsweise, sind dabei sehr angesehen und die Möglichkeit sinkender Preise gar
konsequent. Aber schauen Sie sich die Geschichte der nicht in Erwägung gezogen hat. Diese Fehleinschät-
französischen Industriepolitik an! Das ist ein Desaster zung hat die FDP ihre Existenz als Bundespartei
und sehr teuer. Dennoch scheinen die Politiker und gekostet. Politiker haben eben nicht immer ein besseres
die Vorstandsvorsitzenden der großen Unterneh- Gespür dafür, was geht und was nicht akzeptiert wird.
men gut miteinander zu können, da beide Seiten, die Ganz unabhängig davon haben Ökonomen immer für
Politiker und die Manager, viele Gemeinsamkeiten weniger Ausnahmen bei der Mehrwertsteuer plä-
haben. Und schließlich finden alle, dass unsere Cham- diert. Die Idee, noch mehr Ausnahmen zuzulassen,
pions in der Olympiade gewinnen sollen. Dass das war nicht klug. Diesen Tipp hätten sie von uns haben
Welthandelssystem keine Olympiade sondern ein können, aber sie sind stattdessen in die Falle getappt.
Tauschsystem ist, wird leider nur wenig verstanden.
SCHNEIDER/WEIMANN
FRIEDRICH BREYER Ist die Wissenschaft also ohne Einfluss, wenn eine Idee erst
Aber das ist genau das Problem! Politiker behaupten einmal politisch formuliert wurde?
häufig, dass die Ideen der Wissenschaftler zwar gut,
aber politisch nicht durchsetzbar sind. Das heißt, Po- WOLFGANG FRANZ
litiker reklamieren für sich eine bessere Einschätzung Ja, das Timing ist wichtig. Wenn erst einmal ein
dafür, was vom Wähler akzeptiert wird. Allerdings gibt Gesetzesentwurf auf dem Tisch liegt, dann wird
es da gravierende Fehleinschätzungen mit erheblichen die Regierung daran festhalten, auch wenn in einer
politischen Konsequenzen! Das beste Beispiel dafür ist Anhörung alle Sachverständigen gute Argumente
die sogenannte Mövenpick-Steuer, also die Senkung dagegen vorbringen. Aber wenn sich ein Politiker
des Mehrwertsteuersatzes für Hotelübernachtungen tatsächlich nicht sicher ist, welche Position er ver-
von 19% auf 7% durch die schwarz-gelbe Regierung. treten soll und dann die Wissenschaft einlädt, um

38
unter vier Augen, also ohne Presse, nach Informati- schaftler als nicht loyal, zu unabhängig und unbere-
onen zu suchen, dann hat man tatsächlich Einfluss. chenbar angesehen werden, verspricht man sich von
den Mitarbeitern natürlich mehr Loyalität und vertraut
SCHNEIDER/WEIMANN ihnen daher stärker. Indem man nun die Referenten mit
Wer ist denn nun der Adressat für Politikberatung? guten Argumenten überzeugt, hat man indirekt auch
Der Politiker? Einfluss auf die Politik.

HANS-WERNER SINN
Eigentlich brauchen wir eine Beratung der Öffentlich-
keit. Ich bin davon überzeugt, dass das besser wirkt,
weil die Politiker sich Sachzwängen unterwerfen. Es
ist wichtig, die Öffentlichkeit selber anzusprechen.
Nur so können die Wähler diese langfristigen Prob-
leme verinnerlichen und dann ihren Politikern Beine
machen. Nur so funktioniert in einer offenen, demo-
kratischen Gesellschaft wirksame Politikberatung.

SCHNEIDER/WEIMANN
Sie würden also sagen, wirksame Politikberatung geht
gar nicht direkt an den Politiker, sondern wirkt über die
öffentliche Meinung, die dann wiederum auf den Politiker
zurückstrahlt?

HANS-WERNER SINN
Ja, so ist es. Wenn der Politiker über Gutachten beraten
wird, bewirkt das nicht viel. Diese Gutachten landen
meistens in der Schublade. Die Bundesregierung hat
in der Vergangenheit die Sachverständigengutachten
häufig sogar direkt nach der Vorstellung abgekanzelt
und von Schubladen gesprochen. Das war wirklich
bisweilen ungeheuerlich, wie man das mit Missachtung
bestraft hat.

WOLFGANG FRANZ
Ich möchte noch einen anderen wichtigen Adressaten
ansprechen. In unseren Ministerien sitzen als Referen-
ten sehr viele gute Leute, die Argumente der Wissen-
schaft sehr wohl nachvollziehen können und sich zu
eignen machen. Politiker hören stärker auf den Apparat
als auf die Wissenschaftler. Während die Wissen-

39
PORTRAIT

Prof. Dr. Friedrich Breyer


„Ich bin kein Elfenbeinturmwissenschaftler.“

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich Situation, in der Ökonomen sich nicht mit Unabhängigkeit bewahren. Ich möchte
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- wirtschaftspolitischen Fragen beschäf- nicht abgestempelt werden als der FDP-
schaftlichen Arbeit? tigen. Das klingt sehr hochgestochen, Breyer oder was auch immer. Ich möchte
Einen sehr hohen Stellenwert. Die aber das ist letztlich die Motivation. auch das Ohr von Politikern haben, die
Themen, mit denen ich mich beschäftige, andere politische Einstellungen haben,
sind wirtschaftspolitisch hoch relevant. Wann war für Sie der Punkt gekommen, an als ich sie für mich privat vertrete.
Seit langem beschäftige ich mich mit der dem Sie in die Politikberatung eingestiegen
Gesundheitsökonomie und da sind die sind? Sie haben viel mit Politik zu tun. Welches Ver-
wichtigen Fragen durch aktuelle Proble- Das ist schwer zu sagen. Ich kann mich hältnis hat sich für Sie persönlich dadurch zur
me vorgegeben. Denken Sie nur an Fragen erinnern, dass ich an unserem Fachbereich Politik ergeben und können Sie sich vielleicht
der Finanzierung oder an die Frage nach mit der hiesigen Zeitung eine Initiative auch vorstellen, die Seite zu wechseln und in die
der Effizienz des Gesundheitswesens. Ich gestartet habe, eine regelmäßige Ko- Politik zu gehen?
bin kein Elfenbeinturmwissenschaftler, lumne einzurichten. Am Ende war es so, Naja, abgesehen davon, dass ich
der sich mit irgendwelchen rein theoreti- dass ich als Einziger für diese Kolumne schon zu alt bin dafür und nicht
schen Fragen beschäftigt, die nur in der Beiträge geschrieben habe. Das ist jetzt mehr gewählt würde…
scientific community diskutiert werden. etwa 15 Jahre her und war natürlich nicht
Meine Arbeit ist immer durch aktuelle meine erste Berührung mit Politikbera- Das Beispiel Adenauer zeigt, dass Sie noch
wirtschaftspolitische Probleme motiviert. tung. Aber es war der erste systematische lange nicht zu alt sind.
Versuch, in die Öffentlichkeit hineinzu- Schon klar. Aber einfach nur in eine
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz eines wirken. Mein Zugang zur Politikberatung Partei zu gehen und dann Politik zu
Problems bedeutsam bei der Auswahl Ihrer ist nicht der, Politiker zu beraten, son- machen, das wäre für mich nicht at-
Forschungsgegenstände? dern die Bevölkerung über wirtschaftli- traktiv gewesen. Im Gegenteil, man
Ja, natürlich. che Zusammenhänge zu informieren. verliert seine Unabhängigkeit.

Sind Sie in die Politikberatung gegangen, Würden Sie Ihre Beratertätigkeit als par- Gibt es besonders angenehme oder unangenehme
weil Ihnen die Wissenschaft zu wenig war? teiübergreifend beschreiben oder fällt es manch- Dinge, an die Sie sich erinnern?
Ich will es einmal so formulieren: Ich mal schwer, sich einer Partei zu entziehen? Besonders unangenehm war ein Bericht
möchte einen Beitrag dazu leisten, dass Aber selbstverständlich. Das ist auch von „Report Mainz“. Ich habe mich in dem
es der deutschen Bevölkerung ein biss- einer der Gründe, warum ich nie in eine Interview als Politikberater begriffen, als
chen besser geht, im Vergleich zu einer Partei eingetreten bin. Ich will meine ich zur Rationierung von Gesundheits-

40
leistungen gefragt wurde und habe die
Idee der Rationierung nach dem Alter
verteidigt. Was ich nicht wissen konnte,
war, dass nur Auszüge gesendet wurden.
Es wurden nur die O-Töne gesendet, in
denen ich gesagt habe, bei welchem Alter
eine Grenze liegen sollte. Das wurde dann
kritisch kommentiert und meine Begrün-
dung wurde komplett weggelassen. Für
diese gesendeten Aussagen wurde ich
regelrecht an den Pranger gestellt. Also
wenn das kein unangenehmes Erlebnis
war, dann möchte ich wissen, was eins ist.

Angenehmstes?
Da könnte ich fast sagen,
da warte ich noch drauf.

41
42
PROF. DR. FRIEDRICH BREYER

Geburt
1950 in Berlin

Ausbildung
Studium der Volkswirtschaftslehre, Berlin, Heidelberg und
London School of Economics
Diplom 1974
Promotion in Heidelberg 1978
Habilitation in Heidelberg 1983

Wichtige berufliche Stationen


Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Heidelberg 1975 - 1985
Professor für Wirtschafts- und Sozialpolitik
an der Fernuniversität Hagen 1986 - 1992
Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Konstanz seit 1992

Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Social Choice, Gesundheitsökonomik, Alterssicherung

Wichtigste Positionen in der Politikberatung


Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim
Bundesministerium für Wirtschaft und Energie seit 2000
Stellvertretender Vorsitzender 2008 - 2010

Wo er am liebsten in der Nationalelf spielen würde


Mittelfeld, weil ich eine gute Kondition habe.

Der Lieblingsgegenspieler aus der Politik


Sigmar Gabriel – weil er zwar politisch wendig ist, aber körperlich
eher unbeweglich, sodass ich ihm wenigstens eines voraus hätte.

43
PORTRAIT

Prof. Dr. Lars P. Feld

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich würde ich wirklich nur in extremen parent zu machen. Man ist nicht in dem
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- Ausnahmefällen gehen. Dennoch gibt es Sinne wertfrei, wie das bei Max Weber
schaftlichen Arbeit? so etwas wie eine innere Verpflichtung. so schön postuliert wird. Der einzelne
Diese Frage ist für mich schwierig zu Ich habe in Saarbrücken studiert und bin Wissenschaftler ist niemals wertfrei. Die
beantworten. Wenn ich jetzt einfach nur geprägt vom Denken der Giersch-Schule. Wissenschaft wird vielleicht wertfrei,
zeitliche Anteile verteilen würde oder Und Giersch hat das mal so formuliert: wenn es Wettbewerb zwischen Wissen-
Anteile an meiner derzeitigen Arbeitszeit, „Ökonomen haben eine Bringschuld schaftlern gibt. Gleichwohl bin ich nicht
dann würde ich sagen, das macht 40% gegenüber der Gesellschaft.“ Sie haben parteipolitisch gebunden, egal welches
aus. Aber das ist natürlich nicht ganz die Verpflichtung, in wirtschaftspoliti- Label mir angeheftet wird. Ich entscheide,
korrekt, denn ich habe ein VWL-Stu- schen Fragen ihre Position zu verdeutli- wenn ich zu Anhörungen oder für Gut-
dium begonnen, weil mich das wegen chen, für bestimmte wirtschaftspolitische achten angefragt werde, ob ich das Thema
der wirtschaftspolitischen Fragen sehr Vorschläge zu argumentieren und über interessant finde, ob ich das gern machen
interessierte. Daher war es für mich wirtschaftliche Zusammenhänge zu möchte, ob ich Zeit dafür habe und mich
selbstverständlich, als ich gefragt wur- informieren. Das, was wir in Deutschland in den Fragen engagieren will. Und das ist
de, ob ich in den Beirat kommen möchte, als Politikberatungsmodell haben, ist unabhängig von der anfragenden Partei.
sofort und ohne Bedenkzeit ja zu sagen. weltweit einzigartig. Nirgendwo sonst Das gilt auch für Vorträge. Die reichen
gibt es diese Unabhängigkeit und zu- bei mir von der Linken über die Grünen
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz eines gleich Janusköpfigkeit, die darin besteht, und die SPD bis zu CDU/CSU und FDP.
Problems bedeutsam auch bei der Auswahl Ihrer dass wir einerseits die Politik beraten, Bei der AfD wäre ich vorsichtig, aber
Forschungsgegenstände? aber andererseits in die Öffentlichkeit ansonsten habe ich bei allen demokrati-
Ja, das ist so. Ich habe fast immer auf die hineinwirken. Die Vor- und Nachteile schen Parteien schon einmal vorgetragen.
wirtschaftspolitische Relevanz geach- habe ich von Anfang an so gesehen.
tet. Es gibt ein paar Papiere, bei denen Gibt es besonders angenehme oder unangenehme
das nicht der Fall ist, aber das Gros der Und zum zweiten Teil Ihrer Frage: Dinge, an die Sie sich erinnern?
Themen waren solche, für die ich wirt- Nein, ich könnte mir nicht vorstellen, Ja, mein angenehmstes Erlebnis war, als
schaftspolitische Relevanz gesehen habe. in die Politik zu gehen. Die Mechanis- im Jahr 2009 die Schuldenbremse durch
men, die dort wirken, würden meine Bundestag und Bundesrat verabschiedet
Sie haben viel mit Politik zu tun. Welches Lebensqualität zu sehr beeinträchtigen. wurde. Das unangenehmste Erlebnis in
Verhältnis hat sich für Sie persönlich dadurch der Politikberatung, das ist schwerer zu
zur Politik ergeben und können Sie sich viel- Würden Sie Ihre Beratertätigkeit als sagen. Wahrscheinlich war es die unsach-
leicht auch vorstellen, die Seite zu wechseln und parteiübergreifend beschreiben? gemäße Reaktion aus der Politik auf das
in die Politik zu gehen? Da muss man vorsichtig sein. Ich habe Jahresgutachten des Sachverständigenra-
Ich bin nicht in die Politik gegangen, zwar diesen Anspruch, aber ich habe auch tes 2014/15. Das war nicht fair. Mit der
nur in die Politikberatung. Das ist ein meine eigenen Positionen. Und meine Presse allerdings hatte ich unangenehme-
wichtiger Unterschied. In die Politik eigenen Positionen versuche ich trans- re Episoden. Da war das unangenehmste

44
„Das, was wir in Deutschland als
Politikberatungsmodell haben, ist
weltweit einzigartig. Nirgendwo sonst
gibt es diese Unabhängigkeit und
zugleich Janusköpfigkeit, die darin
besteht, dass wir einerseits
die Politik beraten, aber andererseits
auch in die Öffentlichkeit hineinwirken.“

Erlebnis, dass ich bei einem Interview


mit Spiegel-Online zur Euro-Krise in der
Schlagzeile mit der Bemerkung zitiert
worden bin: „Wirtschaftsweiser erwar-
tet Spekulationen gegen Deutschland“.
In dem Interview habe ich am Ende nur
ganz, ganz vage die Möglichkeit formu-
liert, dass das eintreten könnte, wenn die
deutsche Staatsverschuldung langfristig
nicht tragbar ist. Und daraus hat man eine
riesen Schlagzeile gemacht. Das ist schon
unangenehm, kann aber immer passie-
ren. So ticken die Medien, insbesondere
im Online-Zeitalter. Es müssen knackige
Überschriften her, egal was nachher im
Text steht. Ob der Text wirklich die
Überschrift rechtfertigt, ist sekundär.

45
46
PROF. DR. LARS P. FELD

Geburt
1966 in Saarbrücken

Ausbildung
Studium der Volkswirtschaftslehre, Saarbrücken 1987 - 1993
Promotion an der Universität St. Gallen 1999
Habilitation an der Universität St. Gallen 2002

Wichtige berufliche Stationen


Nachwuchsdozent (Assistant Professor) an der Universität St. Gallen 1999 - 2002
Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere
Finanzwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg 2002 - 2006
Federführender Herausgeber der Perspektiven der Wirtschaftspolitik 2005 - 2012
Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere
Finanzwissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg 2006 - 2010
Präsident der European Public Choice Society 2007 - 2009
Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere
Wirtschaftspolitik und Ordnungsökonomik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg seit 2010
Leiter des Walter Eucken Instituts, Freiburg seit 2010

Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Wirtschaftspolitik, Finanzwissenschaft,
Neue Politische Ökonomie und ökonomische Analyse des Rechts

Wichtigste Positionen in der Politikberatung


Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung seit 2011
Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen seit 2003
Mitglied des Kronberger Kreises seit 2008
Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina
(Nationale Akademie der Wissenschaften) seit 2008

Wo er am liebsten in der Nationalelf spielen würde


Defensives Mittelfeld (der Sechser),
weil er ausschlaggebend für den Erfolg in der Spieleröffnung ist und
dafür sorgt, dass Abwehr und Torwart nicht zu viel zu tun bekommen.
Meisterschaften gewinnt man in der Defensive!

Der Lieblingsgegenspieler aus der Politik


Sigmar Gabriel – Um seine Beweglichkeit zu testen. :-)

47
Missbraucht die Politik die
Wissenschaft zu Marketingzwecken?

CLAUDIA BUCH WOLFGANG FRANZ


In der Politik hat man ein bestimmtes Ziel vor Augen, Die Politik macht das natürlich sehr gerne. Übrigens
das im Widerstreit mit dem politischen Gegner erreicht macht das nicht nur die Politik, auch Verbände tun das.
werden soll. Die Politik sucht nach Argumenten, die Ich kann mich an Zeiten erinnern, da wurde jedes Jah-
die eigene Position stützen. Für Wissenschaftler ist resgutachten durchgeforstet, ob nicht doch ein Sätzchen
dies eine Chance. Es gibt auch Situationen, in denen zu finden wäre, was ihrer Position entspricht; gegebe-
die Politiker noch nicht klar festgelegt sind und mög- nenfalls unter Auslassung bestimmter anderer Sätze.
liche Argumente und Effekte diskutieren möchten.
Ich habe häufig von Bundesministern und Kanz-
WOLFGANG BUCHHOLZ lern gehört: „Ja, also Ihre Meinung und Ihr Rat-
Ich sehe das ähnlich. Die Gefahr ist sicher da, dass schlag hat schon was für sich, aber dafür kriege ich
Wissenschaft missbraucht wird. Aber ich glaube, es keine Mehrheit, schon gar nicht in meiner eigenen
liegt in unserer eigenen Verantwortung, dem etwas Partei, geschweige denn bei der Opposition.“ Ich
entgegenzuhalten. glaube, es war Helmut Schmidt, der das mal sehr
schön gesagt hat: „Jeder politischen Gestaltung
SCHNEIDER/WEIMANN geht der Prozess der Mehrheitsbeschaffung vor-
Gelingt das? aus“. Wir können also eine bestimmte Maßnahme
vorschlagen und dann sagt aber die Politik: „Dafür
CLEMENS FUEST krieg ich keine Mehrheit, weder im Bundestag, ge-
Man wird als Berater immer wieder für bestimmte schweige denn im Bundesrat oder umgekehrt.“
Zwecke eingesetzt und man soll bestimmte Dinge
sagen. Aber der Wettbewerb führt dazu, dass Dis- Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit. Zum Bei-
kussionen entstehen. Am Ende wird entschieden und spiel kann man ein schrittweises Vorgehen vorschlagen,
eine Meinung setzt sich durch. Die politische Bera- auch wenn das Ziel damit nicht direkt erreicht werden
tung sollte dabei Argumente in die Politik tragen kann. Denken Sie an die Ladenöffnungszeiten. Wir
und in die Diskussion einbringen. Wenn das gelingt, haben vorgeschlagen, die Liberalisierung zunächst
dann hat man im Grunde seine Aufgabe erfüllt. auf fünf Jahre zu beschränken. Hätte sich heraus-
gestellt, dass eine Mehrheit für den Ladenschluss
SCHNEIDER/WEIMANN um 18:30 Uhr gewesen wäre, hätte man diese leicht
Also ist es am Ende ganz in Ordnung, wenn Wissenschaft wieder einführen können. Es war natürlich absehbar,
von der Politik zu Marketingzwecken benutzt wird? dass das nicht passieren würde. Es gibt ein starkes

K. Schneider, J. Weimann, Den Diebstahl des Wohlstands verhindern,


48 DOI 10.1007/978-3-658-09495-9_5, © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2016
Beharrungsvermögen in der Politik. „Das haben wir beiden Parteien, also der Regierungspartei und dem
immer schon so gemacht.“ „Das ist was Neues“ und Oppositionslager, liegt daran, die richtige Überschrift
so weiter. Aber man muss eben auch Verständnis für zu bekommen. Die lautet dann: „Experten begrüßen
den Politiker haben, der Mehrheiten beschaffen muss. Steuerpläne“ oder „Experten verreißen Steuerpläne“.
Das bedeutet aber natürlich nicht: „Alles verstehen Insofern ist da eine Instrumentalisierung gegeben und
heißt alles verzeihen“. Man muss das Ziel schon deshalb werden auch die Fragen, die weitaus meisten
deutlich aufzeigen und dann die schrittweise Errei- Fragen, eben nicht zufällig gestellt, sondern gezielt.
chung des Ziels als Option in die Diskussion bringen. Man will Bestätigung für seine Position. Hinzu kommt,
dass bei einer Anhörung eine Handvoll Professoren un-
FRIEDRICH SCHNEIDER ter insgesamt 100 sogenannten Sachverständigen sitzt,
Also ich sehe die Instrumentalisierung durch den Po- von denen alle Nicht-Professoren Lobbyisten sind. Und
litiker als legitim an. Das ist ein politischer Unterneh- dann fragt beispielsweise die X-Partei den Kinder-
mer, der Stimmen maximiert und der völlig zu Recht schutzbund, was er von einer Kindergelderhöhung
danach bewertet und beurteilt wird. Ich selbst muss hält. Ja und dann sagen die, finden sie gut. Und die
natürlich Wissenschaftler bleiben und das tue ich, wenn Denkmalschützer werden gefragt, was sie zur Denk-
ich dem Politiker offen sage: „Wenn du das machst, hast malschutzsteuervergünstigung denken: Finden sie gut.
du diese und jene zusätzlichen Kosten und Einbußen.
Du magst die Wahl gewinnen, aber du musst dann LARS FELD
mit den Problemen, die du verursachst, leben“. Also Ja gut, aber es gibt unterschiedliche Aspekte der
ich ordne mich dem Politiker in einem gewissen Sinne Politikberatung. Oft genug haben wir die Situation, in
unter, aber ich sage ihm auch klipp und klar, welche der die Politik nicht so richtig weiß, was sie machen
Konsequenzen es hat, wenn er sein stimmenmaximie- soll. An der Stelle ist dann die unabhängige Politikbe-
rendes Ziel verfolgt. Aber eines ist auch klar: wenn du ratung gefragt und die Politiker kommen auf uns zu
dich dem nicht unterordnest, wenn du den Politiker mit und bitten uns um eine unabhängige Stellungnahme.
dem Ziel der Wiederwahl nicht ernst nimmst, dann Dann ist es nochmal eine andere Form von Legiti-
bist du draußen und dann hast du gar keinen Einfluss mation. Beispielsweise hat der Sachverständigenrat
mehr. Also, ich bin pragmatisch und auch mit einer Expertisen erstellt, die speziell von der Bundesre-
second-best Lösung kann ich durchaus umgehen. gierung angefordert wurden. Zur Schuldenbremse,
zu Kombilöhnen, zur dualen Einkommenssteuer und
SCHNEIDER/WEIMANN so weiter, auch zu Themen, die dann nachher in die
Um die Instrumentalisierung führt kein Weg herum? Enquetekommission Wachstum, Wohlstand, Lebens-
qualität eingingen. Alle diese Expertisen wurden vor
STEFAN HOMBURG dem Hintergrund der Unabhängigkeit des Sachver-
Ganz deutlich wird die Instrumentalisierung bei ständigenrats angefordert. Man wollte zu einem für
Anhörungen im Bundestag. Wenn ein großes Steu- die Wirtschaftspolitik wichtigen Thema eine klare
erpaket kommt, dann gibt es eine öffentliche Anhö- Stellungnahme dieser unabhängigen Institution.
rung und zwar immer auf Antrag der Opposition im
Bundestagsfinanzausschuss. Und zu dieser Anhörung RONNIE SCHÖB
wird am nächsten Tag in der FAZ ein Kasten unge- Natürlich, kurzfristig hat die Politik schon ein Interes-
fähr in der Größe einer Viertelseite erscheinen. Und se, Ökonomen zu Marketingzwecken zu missbrauchen.

49
BERATUNG KANN VERSCHIEDENE FUNKTIONEN HABEN. ES GIBT DIE ALIBI-FUNKTION DER BERATUNG.
ES GIBT DIE VERZÖGERUNGSTAKTIK, INDEM MAN ERST EINMAL GUTACHTEN MACHEN LÄSST.
GUT – ES GIBT AUCH EINEN ECHTEN AUFKLÄRUNGSBEDARF.

HANS-WERNER SINN
*

50
Das ist völlig klar, wenn irgendetwas ansteht im po- Beratung mit echten Argumenten daher kommt und
litischen Raum, d.h. Steuererhöhung oder Steuersen- diese Argumente öffentlich auch gebraucht werden, ist
kung, eine Reform der Krankenversicherung oder der es auch okay. Ein Problem wäre es, wenn die Wissen-
Rentenversicherung oder die Einführung von Min- schaftler sich unter dem kommerziellen Einfluss verbie-
destlöhnen, dann ist die Politik natürlich sehr schnell gen und etwas anderes in ihre Gutachten schreiben als
dabei, Wissenschaftler zu finden, die ihre Position das, was sie wirklich meinen.
unterstützen. Aber auf der anderen Seite glaube ich
auch, dass wissenschaftliche Politikberatung nach dem SCHNEIDER/WEIMANN
Prinzip „steter Tropfen höhlt den Stein“ funktioniert. Sehen Sie diese Gefahr?
Wenn ich zum Beispiel die Ökosteuer nehme, dann hat
Pigou6 die Idee in den 30er Jahren so weit fortentwi- HANS-WERNER SINN
ckelt, dass sie eigentlich für die Politik greifbar war. Ja, die Gefahr besteht wirklich. Die Wirtschaftsfor-
Aber es hat noch weitere 60 Jahre gedauert, bis diese schungsinstitute haben auf meinen Vorschlag hin
Idee dann wirklich im politischen Raum angekommen vor ungefähr zehn Jahren vereinbart, dass wir keine
ist, dann aber auch erstaunlich schnell Fuß gefasst hat. Aufträge annehmen ohne eine Klausel, die besagt,
dass das Gutachten auch veröffentlicht wird – nach
HANS-WERNER SINN einer gewissen Anstandsfrist. Das ist ein Schutz vor
Jede Partei sucht sich die Wissenschaftler, die das möglicher Erpressung, denn diese Erpressung ist
sagen, was ihr gefällt und versucht vielleicht auch, auf möglich, indem der Auftraggeber sagt: „Die Qualität
Wissenschaftler Einfluss zu nehmen, was aber schwieri- des Gutachtens stimmt nicht.“ Und dann muss dies
ger ist. Die meisten Ökonomen finden mit ihren Argu- und das noch gemacht werden und zum Schluss wird
menten mehr Anklang bei den rechten Parteien als bei das Gutachten doch nicht veröffentlicht, weil der
den linken Parteien, ganz einfach deshalb, weil wir in Inhalt nicht gefällt. Und dieses Druckmittel beein-
unserem Fach doch von einer grundsätzlich positiven flusst natürlich die Wissenschaftler, die lange daran
Wirkung der Marktwirtschaft ausgehen. Diese Sicht- gearbeitet haben und die natürlich nicht wollen, dass
weise, dass die Märkte etwas Gutes sein können und das Gutachten im Papierkorb landet. Vielleicht ist
nicht nur schreckliche Anarchie, wird ja nicht von allen man dann geneigt, sich zu verbiegen. Und damit das
politischen Parteien in gleicher Art und Weise geteilt. eben nicht passieren kann, haben die Institute diesen
strikten Veröffentlichungszwang durchgesetzt.
Beratung kann verschiedene Funktionen haben. Es gibt
die Alibi-Funktion der Beratung. Es gibt die Verzöge- MARTIN HELLWIG
rungstaktik, indem man erst einmal Gutachten machen Wobei es auch eine Rolle spielt, dass die Institute
lässt. Gut – es gibt auch einen echten Aufklärungsbe- sich durch Drittmittel finanzieren, durch Gutachten
darf. finanzieren und dann manchmal darauf angewiesen
sind, dass sie die Gutachtenaufträge bekommen. Na-
Aber dennoch: Nicht nur die Politik, sondern alle Auf- türlich ist es auch so, dass die verschiedenen Institute
traggeber suchen Unterstützung für eine bestimmte einschlägige Vorlieben haben und das wissen alle.
Position und fragen bei den Instituten an, von denen
sie erwarten, dass diese Unterstützung kommt. Und Aber ich sollte eins hinzufügen. Schauen Sie sich den 6
Arthur Cecil Pigou (1877 - 1959)
mitunter ist das schon ein Problem. Aber wenn die Sachverständigenrat an. Die rot-grüne Regierung war ein englischer Ökonom.

51
DIE WELT IST BUNT, GLAUBE ICH. ES GIBT BEIDES. ES GIBT AUCH
POLITIKER, DIE SAGEN, WENN ICH EINEN WISSENSCHAFTLICHEN
RAT HABEN WILL, GEHE ICH ZU EINER UNTERNEHMENSBERATUNG
UND KAUFE MIR DEN. DANN KOMMT DAS RAUS, WAS ICH WILL.

ALFONS WEICHENRIEDER
*

hat seiner Zeit eine Reihe von Wissenschaftlern mit SCHNEIDER/WEIMANN


SPD-Parteibuch in den Sachverständigenrat gebracht. Bricht denn niemand für die Politik eine Lanze?
Das hatte keinen für mich wahrnehmbaren Einfluss auf
die Inhalte der Gutachten. Das heißt, die professionelle CARL CHRISTIAN VON WEIZSÄCKER
Qualität der Arbeit oder überhaupt die professionelle Naja gut, natürlich ist es so, natürlich benutzt man
Ausrichtung der Arbeit, gerade beim Sachverständi- die Wissenschaft zu Marketingzwecken und es mag
genrat, wird nicht durch parteipolitische Vorstellungen durchaus häufig sein, dass die Entscheidenden in der
geprägt, auch wenn es parteipolitische Vorlieben gibt. Politik eine vorgefasste Meinung davon haben, was sie
Dass Herr Franz einmal von den Gewerkschaften und machen wollen und sich diejenigen Wissenschaftler
später von den Arbeitgebern für den Sachverständi- aussuchen, die diese Meinung unterstützen. Aber das
genrat vorgeschlagen wurde, ist in dem Zusammen- ist ein kurzfristiger Effekt. Die entscheidende Frage ist
hang auch bemerkenswert. Der einzige Punkt, wo man doch, wo denn die Meinungen her kommen, die der Po-
vielleicht eine gewisse ideologische Färbung bemerkt, litiker hat! Und die sind letztlich längerfristig doch sehr
ist in dem Verhältnis von Mehrheitsvotum und Minder- stark durch die Wissenschaft geprägt. Da muss man
heitsvotum in den Sachverständigenratsgutachten. kurzfristige und langfristige Effekte unterscheiden.

SCHNEIDER/WEIMANN WOLFGANG WIEGARD


Also gelingt es am Ende doch, sich von den Instrumentalisie- Also, ich glaube gar nicht, dass die Politik die Wissen-
rungsversuchen zu befreien? schaft zu Marketingzwecken missbraucht. Nein, das
würde ich der Politik überhaupt nicht unterstellen. Es
ALFONS WEICHENRIEDER ist aber so, dass viele Ergebnisse, die Wissenschaftler
Die Welt ist bunt, glaube ich. Es gibt beides. Es gibt diskutieren, für Leute, die in der praktischen Wirt-
auch Politiker, die sagen, wenn ich einen wissenschaftli- schaftspolitik tätig sind, schlicht und einfach nicht
chen Rat haben will, gehe ich zu einer Unternehmens- verwertbar sind. Die sehen nicht, und das ist ja oft
beratung und kaufe mir den. Dann kommt das raus, was auch schwierig, was für konkrete Gesetzesvorhaben
ich will. daraus gezogen werden können. Was nicht heißt, dass

52
DIE ÖFFENTLICHKEIT ZU
INFORMIEREN BEDEUTET, DASS
MAN ÜBER DINGE SPRICHT UND
FÜR DINGE WIRBT, DIE MOMENTAN
GAR NICHT AUF DEM SCHIRM DER
POLITIK SIND, DIE AUCH
MÖGLICHERWEISE GANZ
GEGEN GESELLSCHAFTLICHE
STRÖMUNGEN GEHEN.

CHRISTOPH SCHMIDT
*

53
SIE HABEN ENTSCHIEDEN
UND DANN LASSEN SIE SICH
DAS NOCH BEGLAUBIGEN.
DAS IST GANZ NORMALE POLITIK.

KARL-HEINZ PAQUÉ
*

54
Mitarbeiter in den Ministerien nicht durchaus auch Die Öffentlichkeit zu informieren bedeutet, dass man
wissenschaftliche Aufsätze zur Kenntnis nehmen. über Dinge spricht und für Dinge wirbt, die momentan
gar nicht auf dem Schirm der Politik sind, die auch
WOLFRAM RICHTER möglicherweise ganz gegen gesellschaftliche Strömun-
Welcher Politiker wollte sich denn mit Aussagen von gen gehen.
Professoren schmücken? Wir erinnern uns doch noch
alle an das Statement von Bundeskanzler Schröder: SCHNEIDER/WEIMANN
„Dieser Professor aus Heidelberg“, und ganz Deutsch- Wie sieht das der Wissenschaftler, der auch einmal Politi-
land lächelte verständnisvoll. Also, wir sollten unse- ker war? Ist die Politik an echter Beratung interessiert oder
re Bedeutung nicht überschätzen und vor allem im benutzt sie die Wissenschaft nur zu Legitimationszwecken?
Marketingbereich nicht. Gut, es hat immer Kollegen
gegeben, die in der Öffentlichkeit stärker durchge- KARL-HEINZ PAQUÉ
drungen sind. Beispielsweise Bernd Rürup oder auch Beides. Also, das letzte ist der ganz normale Mecha-
Hans-Werner Sinn. Aber Hans-Werner Sinn zeigt nismus. Sie haben entschieden und dann lassen sie sich
auch die Grenzen: Weil er bei der Euro-Frage eine sehr das noch beglaubigen. Das ist ganz normale Politik,
dezidierte Sicht hat, die die Politik einfach nicht hören und die ist völlig verständlich. Man lässt sich ein wenig
will, ist sein Einfluss im Augenblick sehr begrenzt. Verantwortung abnehmen. Als ich 2002 Finanzminister
wurde, schaute ich mir die Zahlen an. Da war uns allen
Und was heißt im Übrigen Missbrauch? Also, wir sind klar, dass wir im Öffentlichen Dienst mehr als 10.000
doch alle erwachsene Menschen und jeder kennt die Be- Beschäftigte zu viel haben, gemessen am Durchschnitt
dingungen, unter denen er arbeitet. Wir werden gerne der anderen Länder. Ich habe ein Gutachten in Auftrag
instrumentalisiert, aber wir sollten nicht darüber jam- gegeben und das bestätigte im Wesentlichen die vermu-
mern, sondern sollten versuchen, das zu antizipieren. tete Größenordnung. Folglich haben wir unsere ganze
Politik an dieser Größenordnung orientiert, und das
CHRISTOPH SCHMIDT war sehr klug, denn jede Benchmark ist hilfreich, um
Wir reden natürlich mit der Politik. Das ist auch die Ministerkolleginnen und -kollegen, die nicht sparen
unser Auftrag. Aber gleichermaßen denke ich, dass wollen, ins Unrecht zu setzen. Es ist wie der Erlass
unsere Zielgruppe ohnehin die breite Öffentlichkeit einer Richtlinie, die sich an wissenschaftlichen Erkennt-
ist. Publizieren heißt ja, die eigenen Gedanken in die nissen (und nicht am reinen Bauchgefühl) orientiert.
Öffentlichkeit zu tragen, wobei aber hier Öffentlich-
keit nicht nur die Fachöffentlichkeit ist. Würden wir
uns auf Fachpublikationen beschränken, hätten wir,
glaube ich, einen ganz kleinen Einfluss. Wenn wir es
schaffen, der Öffentlichkeit ein breites Spektrum an
Zugangsmöglichkeiten zu geben, dann fahren wir
wirklich zweigleisig und verstehen unsere Aufgabe
nicht allein in der Beratung der wirtschaftspolitisch
Handelnden, sondern auch im Sinne der Beratung der
Gesellschaft insgesamt. Und das, glaube ich, müssen
wir auf jeden Fall anstreben.

55
PROF. DR. ALFONS WEICHENRIEDER

Geburt
1964 in München

Ausbildung
Diplomstudiengang Volkswirtschaftslehre,
München 1983/84, 1986 - 1990
Promotionsstudium, München 1991-1995

Wichtige berufliche Stationen


Wissenschaftlicher Mitarbeiter
an der Universität München 1990 - 1995
Wissenschaftlicher Assistent
an der Universität München 1995/96, 1997 - 2001
Visiting Lecturer, Princeton University 1996/97
Gastprofessor an der Universität Wien 2001/02
Professor für Finanzwissenschaft
an der Universität Frankfurt seit 2002
Gastprofessor an der
Wirtschaftsuniversität Wien seit 2010

Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Internationale Besteuerung, Steuerpolitik,
Steuertheorie, öffentliche Ausgaben, Staatsverschuldung

Wichtigste Positionen in der Politikberatung


Beirat beim Bundesfinanzministerium
Berater für verschiedene Ministerien und Organisationen

Wo er am liebsten in der Nationalelf spielen würde


Nummer 6, am liebsten habe ich das Spiel und den
Ball vor mir und freue mich auf den spieleröffnenden Pass.

Der Lieblingsgegenspieler aus der Politik


Bundesentwicklungsminister Gerd Müller: Er schießt bestimmt
deutlich weniger Tore als sein allseits bekannter Namensvetter.

56
PORTRAIT

Prof. Dr. Alfons Weichenrieder


„Man sollte die Volkwirtschaftslehre
nicht als Glasperlenspiel betreiben, als Selbstzweck,
so wie andere Leute Schachendspiele lösen.“

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich Das ist sicherlich etwas, das die Politik
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- über das Ausmaß von Steuervermei-
schaftlichen Arbeit? dungsaktivitäten ins Bild setzen und
Man sollte die Volkswirtschaftslehre das Politik informierter machen kann.
nicht als Glasperlenspiel betreiben, als
Selbstzweck, so wie andere Leute Scha- Sie haben viel mit Politik zu tun. Welches Ver-
chendspiele lösen. Ich empfinde Befrie- hältnis hat sich für Sie persönlich dadurch zur
digung dadurch, dass das, was ich mir Politik ergeben und können Sie sich vielleicht
ausdenke und aufschreibe, potenziell auch vorstellen, die Seite zu wechseln und in die
Lösungsvorschläge aufzeigen kann. Politik zu gehen?
Nein, ich fürchte, ich wäre nicht charisma-
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz eines tisch genug. Ich glaube meine komparati-
Problems bedeutsam auch bei der Auswahl ven Vorteile und Talente liegen woanders.
Ihrer Forschungsgegenstände?
Ja, ich lasse mich auf jeden Fall von Gibt es besonders angenehme oder unangenehme
wirtschaftspolitischen Diskussionen Dinge, an die Sie sich erinnern?
inspirieren. Insbesondere aber auch von An besonders unangenehme Dinge
real existierenden institutionellen Gege- kann ich mich aus meiner persönli-
benheiten, von denen man ja erst einmal chen Erfahrung heraus nicht erinnern,
ausgehen muss. Sie sind auch der Start- aber ich denke, dass die enormen wirt-
punkt für die Frage „Wie wirken sie und schaftspolitischen Probleme in Europa
wie kann man sie verbessern?“ Das Gebiet zu einem gereizteren Klima und einer
meiner Forschung ist die Steuerwirkungs- härteren Debatte geführt haben.
analyse, insbesondere im Hinblick auf
international arbeitende Unternehmen.

57
PORTRAIT

Prof. Dr. Dr. h.c. Karl-Heinz Paqué


„Ich habe überhaupt nichts gegen Standpunkte.
Aber ich habe nicht das geringste Verständnis für Dogmatismus.“

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich sich entscheiden, ob man bereit ist, dies welcher Fußnote wollen Sie in die Ge-
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- in Kauf zu nehmen. Ich war stets dazu schichte eingehen?“ Bei mir als ehemaliger
schaftlichen Arbeit? bereit. Im Übrigen bin ich der festen Landesfinanzminister ist die politische
Für mich persönlich hat sie einen au- Überzeugung, dass es auch als Mitglied Fußnote u. a. ein sanierter Landeshaushalt
ßerordentlich hohen Stellenwert. Ich einer Partei mühelos möglich ist, eine und eine Reform der Bankenstruktur.
bin aber sicherlich nicht repräsentativ, Beratung in der Sache zu machen. Das
denn ich habe etwas gemacht, was relativ Bekenntnis zu einer Weltanschauung und Gibt es besonders angenehme oder unangenehme
ungewöhnlich ist: Ich bin parteipolitisch einer Partei – bei mir zum Liberalismus Dinge, an die Sie sich erinnern?
tätig geworden. Bert Rürup hat einmal und zur FDP – zerstört ja keineswegs die Was ich als unangenehm empfunden
sinngemäß gesagt. Wenn man Reformen geistige Unabhängigkeit. Meine persön- habe, waren Erfahrungen in der Wachs-
will, dann muss man diesen Weg gehen. liche Meinung ist, dass es dagegen sehr tums-Enquete des Bundestages, wenn
Die reine Beratung reicht da nicht. Man schwierig ist, im Politischen wirklich Ein- dort nur noch absolute Wahrheiten
muss sich gewissermaßen mit dem Appa- fluss zu haben, ohne Mitglied einer Partei postuliert wurden. Unsere ökologische
rat identifizieren, der sich die Reformen zu sein. Ab einem bestimmten Punkt Diskussion in Deutschland neigt dazu,
zum Ziel setzt und sie durchzusetzen hilft es Ihnen nicht mehr allein, wenn Sie ideologisch zu werden. Im Feuilleton der
versucht. In Deutschland geschieht das, gut argumentieren. Sie brauchen einen FAZ wurde ich im Nachgang zur En-
anders als in Amerika, leider nur selten. Hebel zur Umsetzung Ihrer Argumente. quete-Kommission ganzseitig von einem
Und dann beginnt die eigentliche harte ehemaligen grünen Senator als tumber
Nun sind Sie ja ganz bewusst über eine Partei Arbeit. Das ist auch der Punkt, an dem Tor dargestellt, der die Zeichen der Zeit
in die Politik gegangen. Würden Sie jetzt, noch sehr viele Ökonomen aussteigen, weil nicht erkannt hat. Das macht mich trau-
parteiübergreifende Beratung machen? Oder sie sich das nun wirklich nicht „antun“ rig, zumal ich so gerne streitbar disku-
sind Sie durch ihr politisches Engagement wollen. Es genügt ihnen, etwas ironisch tiere. Ich habe überhaupt nichts gegen
„verbrannt“? formuliert, mit ihren Ideen in der Zeitung Standpunkte. Aber ich habe nicht das
Wenn man wie ich in eine Partei geht zu stehen – und nicht im Gesetzbuch. Ich geringste Verständnis für Dogmatismus.
und durchaus an verantwortungsvoller wollte gewissermaßen „im Gesetzbuch
Stelle Parteipolitik betreibt, ist man in stehen“, jedenfalls in bescheidenem Maße. Erfreulich war für mich die Zeit als
gewisser Weise tatsächlich „verbrannt“, Mein verehrter akademischer Lehrer Finanzminister und vor allem der Erfolg
jedenfalls in Deutschland. Da muss man Herbert Giersch hat immer gesagt: „Mit bei der Haushaltssanierung. Man hat

58
ein klares Konzept im Kopf und arbeitet dann in die FDP eingetreten – ich war Würden Sie nochmal zurückgehen in die
jahrelang unter harten politischen Bedin- immer liberal, seit meiner Schulzeit, und Politik?
gungen daran, und dann funktioniert es eine andere Partei wäre gar nicht in Frage Ich war gerne Finanzminister. Ich war
tatsächlich. Das hat mich schon außeror- gekommen. Ich habe mir gesagt: „Da nicht gerne Oppositionsführer. Ich
dentlich gefreut – und selbstironisch füge gehst du jetzt rein, da mischst du jetzt mit gestalte gern und ich saniere gern. Die
ich hinzu: Ich bin prompt dafür abgewählt und wir sorgen für eine neue Regierung.“ Aufgabe hat mir große Freude gemacht.
worden, das Schicksal eines Sanierers! Und das haben wir dann ja auch gemacht Sie war extrem schwierig, aber wenn
Aber das muss man sportlich tragen. Und – mit einem tollen hochmotivierten Team. sich die Gelegenheit ergeben würde, eine
wenn ich heute in die volkswirtschaftliche ähnliche Aufgabe wieder zu übernehmen,
Gesamtrechnung, auf die Finanzstatisti- Hat es Ihnen geholfen, Wirtschaftswissenschaft- dann würde ich wohl nicht nein sagen.
ken meines Bundeslandes Sachsen-Anhalt ler zu sein? War das für Sie wichtig in der Die Frage stellt sich aber derzeit nicht,
schaue, sehe ich deutlich, dass die Fuß- Politik? denn nach der Katastrophe der FDP
note in der Geschichte überleben wird. In meinem Ressort sicherlich. Es gibt Res- sind wir dabei, den organisierten Libera-
sorts, in denen die fachliche Kenntnis be- lismus in Deutschland wieder kraftvoll
Warum sind Sie von der Wissenschaft in die sonders hilfreich ist. Wenn Sie Finanzmi- aufzubauen. Ich bin im Bundesvorstand
Politik gegangen? nister sind, beschäftigen Sie sich mit dem und diese Aufgabe nehme ich sehr ernst.
Weil ich mich maßlos über die hiesige Re- Haushalt – das ist eher rustikal, aber auch Man mag ja über die FDP sagen, was
gierung 1998 geärgert habe. Ich bin 1996 mit Banken und Steuern, und da ist ein man will, aber wenn der Liberalismus aus
von Kiel nach Magdeburg gekommen. Volkswirt nicht schlecht aufgehoben. Man der Gesellschaft verschwindet, wäre das
Die Fakultät hier war sehr international lernt zwar ständig dazu, kann aber natür- eine Katastrophe. Ich bin jetzt allerdings
orientiert, Globalisierung – das war es, lich mit einem Steuerjuristen anders über mehr im „intellectual back-office“ der
was wir wollten, wissenschaftlich und po- Steuern reden, auch wenn man die Details Partei tätig. Bei der Friedrich Naumann
litisch. Aber die damalige Regierung – Sie nicht kennt, als, sagen wir, ein Germanist. Stiftung für die Freiheit bin ich stellver-
erinnern sich vielleicht noch vage – das Der Germanist kann wahrscheinlich die tretender Vorstandsvorsitzender. Das
war das sogenannte Magdeburger-Modell. Fragen gar nicht richtig stellen, so wie mache ich alles sehr gerne. Ich bin und
Dr. Reinhard Höppner, SPD-Minister- ich als Volkswirt im Kulturbereich die bleibe ein Intellektueller, der es liebt, die
präsident PDS toleriert, zog in exakt die Fragen falsch formulieren würde. Also: Dinge zu analysieren. Aber in den vier
Gegenrichtung. Das war aus meiner Sicht Sie müssen den Apparat nutzen und rustikalen Jahren als Finanzminister
die völlig falsche Richtung, auch wenn das kann man einfach besser, wenn man habe ich nicht gelitten, überhaupt nicht.
ich Höppner, der viel zu früh verstarb, entsprechende Fachkenntnisse hat. Dann
persönlich sehr geschätzt habe. Ich bin ist man übrigens auch schnell respektiert.

59
60
PROF. DR. DR. H.C. KARL-HEINZ PAQUÉ

Geburt
1956 in Saarbrücken

Ausbildung
Studium der Volkswirtschaftslehre 1975 - 1980
Promotion an der Universität Kiel 1986
Habilitation 1995

Wichtige berufliche Stationen


Wissenschaftlicher Direktor und Abteilungsleiter am Institut für Weltwirtschaft, Kiel 1991-1996
Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Internationale Wirtschaft,
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg seit 1996
Staatsminister der Finanzen in Sachsen-Anhalt 2002 - 2006

Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Globalisierung und Wachstum, internationaler Handel und weltweite
Finanzmärkte, Europäische Integration, Deutsche Einheit und Aufbau Ost

Wichtigste Positionen in der Politikberatung


Mitglied im Bundesvorstand der FDP
Stellv. Vorsitzender des Bundesfachausschusses Wirtschaft der FDP
Stellv. Vorstandsvorsitzender der Friedrich Naumann Stiftung
Mitglied zweier Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages:
zur Globalisierung (2000 - 2002), zu Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität (2011 - 2013)
Mitglied im Deutsch-Koreanischen Konsultationsgremium zur Wiedervereinigung

Wo er am liebsten in der Nationalelf spielen würde


Mittelfeldspieler – Strategische Position des Spielaufbaus mit Allround-Charakter.

Der Lieblingsgegenspieler aus der Politik


Gregor Gysi: schlagfertiger, humorvoller, scharfzüngiger Mann,
der in seinen Positionen grundfalsch liegt, aber mit dem es Spaß macht zu diskutieren.

61
Ist es richtig, dass sich Wissenschaftler
dem Ziel des Politikers, wiedergewählt
zu werden, unterordnen?

CARL CHRISTIAN VON WEIZSÄCKER achten. Was das Motiv des Politikers ist, ein solches
Nein, unterordnen sollten sich die Wissenschaftler Gutachten zu vergeben, steht auf einem anderen Blatt.
nicht. Die Wissenschaft hat die Funktion, das zu sagen, Für den Wissenschaftler ist die Frage vermutlich: Bin
was ihrer Meinung nach die richtige Politik ist, unab- ich da kompetent genug und ist das interessant für
hängig davon, wie der Wähler das sieht. Aber natür- mich? Und natürlich auch, wie hoch ist das Honorar?
lich ist sich der Wissenschaftler häufig bewusst, dass
er erst mal vergebens Ratschläge gibt. Aber gewisse WOLFGANG BUCHHOLZ
Dinge sind dann später ja vielleicht doch durchsetzbar. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass ein Wissen-
schaftler einen Politiker in der Verfolgung seiner Ziele
WOLFGANG WIEGARD unterstützt. Das ist legitim, nur ist das nicht die Form
Ich verstehe die Frage nicht. Wieso sollten sich Wis- der wissenschaftlichen Beratung, die im Vordergrund
senschaftler dem Ziel der Wiederwahl unterordnen? stehen sollte. Im Vordergrund sollte wirklich stehen,
die Vielschichtigkeit der Thematiken zu beleuchten
Der Politiker will natürlich wiedergewählt werden. Auf und auf die empirischen, ökonometrischen oder auch
der anderen Seite ist die Agenda 2010 von Schröder theoretischen Erkenntnisse zu verweisen. Aber wie
und der rot-grünen Bundesregierung sicherlich nicht gesagt, im individuellen Fall, ja, warum soll nicht mal
gemacht worden, um wiedergewählt zu werden – und ein Wissenschaftler einem ihm bekannten Politiker bei
man ist ja auch nicht wiedergewählt worden. Aber es der Formulierung von Konzepten zur Seite stehen?
ist natürlich auch richtig, dass es viele andere Beispie- Also, das könnte ich mir durchaus gut vorstellen.
le gibt. Deswegen ist völlig klar, dass Politiker auch
das Ziel haben, wiedergewählt zu werden, aber nicht CLAUDIA BUCH
nur das Ziel, wiedergewählt zu werden. Ich glaube Die Ziele von Wissenschaft und Politik sollte
nicht, dass man das darauf verkürzen kann. Und ich man klar trennen. Letztlich muss jeder einzel-
glaube, dass das für einen Wissenschaftler eigentlich ne Wissenschaftler entscheiden, wie stark er sich
sowieso kein Kriterium ist. Denn der Wissenschaftler politisch engagieren möchte. Eine solche Unter-
bekommt von der Politik einen Auftrag für ein Gut- stützung bestimmter politischer Ziele sollte man

K. Schneider, J. Weimann, Den Diebstahl des Wohlstands verhindern,


62 DOI 10.1007/978-3-658-09495-9_6, © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2016
DAS IST KEINE UNTERORDNUNG. DAS IST EINE DEN POLITISCHEN
SACHZWÄNGEN GESCHULDETE VERSCHIEBUNG DER PERSPEKTIVE.

RONNIE SCHÖB
*

dann aber von einer wissenschaftlichen, auf Evi- schaftspolitik ist. Wir sind ja dazu da, Vorschläge zu
denz basierenden Beratungsleistung trennen. machen, die zunächst keine Rücksicht auf die Um-
setzbarkeit nehmen. Jedenfalls nicht in erster Linie.
SCHNEIDER/WEIMANN
Ist Neutralität die Voraussetzung für wirtschaftspolitische RONNIE SCHÖB
Beratung? Es geht aber in der Politikberatung nicht nur um
Vorschläge. Man kann Beratung auf verschiedensten
CLAUDIA BUCH Ebenen machen. Man kann als Wissenschaftler zum
Ja. Politiker sprechen ja nicht nur mit Wissenschaftlern, Beispiel politische Vorschläge evaluieren und bewerten.
sondern auch mit den Verbänden und anderen Lobby- Wenn die Politik sich aber für eine Lösung entschie-
gruppen. Je besser Wissenschaftler es schaffen, neutral den hat, dann wäre es eine Aufgabe der Wissenschaft,
zu argumentieren, umso eher werden sie gehört. auch zu untersuchen, inwiefern sich eine solche
Lösung kostenminimal umsetzen lässt. Das ist keine
SCHNEIDER/WEIMANN Unterordnung. Das ist eine den politischen Sach-
Wie sieht es denn mit der Umsetzbarkeit der Vorschläge aus? zwängen geschuldete Verschiebung der Perspektive.
Politiker können ja nur erfolgreich sein, wenn ihre Vorschläge
auch umgesetzt werden. SCHNEIDER/WEIMANN
Wie kann denn dann unabhängige Politikberatung aussehen,
LARS FELD die die Ziele von Wissenschaft und Politik berücksichtigt?
Man muss die Zwänge der Politiker schon auch
verstehen. Das erfordert nicht, dass man sich von WOLFRAM RICHTER
Vornherein in seiner Beratungstätigkeit beschnei- Ich erinnere an die Hartz-Reformen. Damals haben
det und sagt: Das ist jetzt der politische Möglich- die Volkswirte beklagt, dass in der Kommission kein
keitsraum und jetzt schlage ich nur noch das vor, Volkswirt saß. Die Vorschläge wurden auf den Tisch
was im Möglichkeitsraum ist. Das muss man nicht. gelegt und wir haben alle gejammert, das würde doch
Man muss aber erkennen, was vernünftige Wirt- keine Wirkung haben. Wir haben stärkere, durchgrei-

63
POLITIKER SPRECHEN JA NICHT NUR MIT WISSENSCHAFTLERN, SONDERN AUCH MIT
DEN VERBÄNDEN UND ANDEREN LOBBYGRUPPEN. JE BESSER WISSENSCHAFTLER ES
SCHAFFEN, NEUTRAL ZU ARGUMENTIEREN, UMSO EHER WERDEN SIE GEHÖRT.

CLAUDIA BUCH
*

64
fendere Maßnahmen verlangt. Ich erinnere auch an CLAUDIA BUCH
die Reform, die dann zu dem Gesundheitsfonds führte. Die Interessen von Politikern und Wissenschaftlern
Als ich damals diesen Vorschlag unterbreitete, habe ich sind nicht unbedingt verschieden. Beide Gruppen
bei den Kollegen keine Resonanz gefunden und als die haben ein Interesse daran, gesellschaftliche und
Politik den Vorschlag aufgriff, hat die Wissenschaft ge- wirtschaftliche Bedingungen zu verbessern. Aber die
jammert und beklagt, dass die Umsetzung in die falsche Wissenschaft kann – und sollte – sich von politischen
Richtung gehe und nichts bewirken werde. Ein anderes Zielen lösen, indem sie klarstellt: wir beraten ger-
Beispiel sind Studiengebühren. Uns war klar, wir brau- ne, aber für die politische Umsetzung ist die Politik
chen Studiengebühren. In all diesen Feldern hat es Re- zuständig. Die Beratungsleistung kann darin bestehen,
formen gegeben. Heute müssen wir feststellen, dass die den Erfolg von Maßnahmen zu untersuchen. Politiker
Reformen teilweise wieder zurückgenommen werden. können einem unabhängigen System zur Evaluati-
Ich glaube, wir sind als Wissenschaftler zu ungeduldig. on von Maßnahmen durchaus aufgeschlossen sein.
Wir wissen, in welche Richtung es gehen muss, aber Nehmen Sie das Beispiel USA. Dort gibt es Bereiche, in
vergessen dabei zu sehr, die Bevölkerung mitzunehmen. denen eine evidenzbasierte Wirtschaftspolitik betrie-
Rückblickend mag man sich sogar fragen, ob die eine ben wird. Dies kann dazu führen, dass erfolgreiche
oder andere Reform nicht eher zu ambitioniert angelegt Programme bestehen bleiben und nicht direkt von
wurde. Wenn wir Vorschläge machen, sollten wir nicht der neuen Regierung wieder abgeschafft werden.
nur über den großen Wurf nachdenken, sondern über
kleine Schritte, die in die richtige Richtung gehen. Man
sollte einen Pfad vorschlagen, der schrittweise zu einem
Ziel führt. Wir sollten sehr viel stärker darüber nach-
denken, wie man verhindern kann, dass es zu Rück-
schlägen kommt. Das kann man jetzt so interpretieren,
dass ich an die Wiederwahl des Politikers denke und
das in meiner Beratungstätigkeit berücksichtige. Aber
mir geht es nicht darum, dem Politiker bei der Wieder-
wahl zu helfen. Mir geht es darum, Deutschland in eine
vernünftige Richtung zu entwickeln, oder in die, die
ich als vernünftig erachte. Wir haben alle nichts davon,
wenn es zu Rückschlägen kommt. Wie zum Beispiel die
Rente mit 63, die Abschaffung von Studiengebühren
oder die Denaturierung des Gesundheitsfonds, die jetzt
geplant ist. Rückblickend hätte man noch mehr Trip-
pelschritte vorsehen müssen, hätte vorsichtiger voran
marschieren sollen, um Rückschläge zu vermeiden.

SCHNEIDER/WEIMANN
Bedeutet das, dass Politiker und Wissenschaftler in der Regel
unterschiedliche Ziele verfolgen?

65
PORTRAIT

Prof. Dr. Wolfgang Wiegard

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich ist sozusagen von außen gekommen. Ich wirklich unabhängiges Gremium. Auch
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- hätte mir auch sehr gut vorstellen können, der Wissenschaftliche Beirat beim Bun-
schaftlichen Arbeit? mich bis ans Lebensende mit der Frage zu desfinanzministerium ist unabhängig. Das
Die Arbeit im Sachverständigenrat, hat beschäftigen, unter welchen Bedingungen Bundesfinanzministerium nimmt keinerlei
meine Arbeit ganz wesentlich beeinflusst. die Slutsky Matrix negativ semidefinit ist. Einfluss auf die Arbeit und auf die Ergeb-
In den letzten 15 Jahren hat die Arbeit Schöne, reine Mathematik, und das hat nisse der Gutachten des Beirats. Insofern
im Sachverständigenrat meine gesamte mir auch außerordentlich großen Spaß ist das eine völlig unabhängige Tätigkeit.
Tätigkeit mitbestimmt und das hat auch gemacht. Das hat bloß überhaupt nichts
ganz wesentlichen Einfluss zum Beispiel mit empirischer Relevanz zu tun. Naja, es Sie haben viel mit Politik zu tun. Welches Ver-
auf die Lehre gehabt. Ich habe alte Skripte hat auch mit empirischer Relevanz zu tun, hältnis hat sich für Sie persönlich dadurch zur
zur Besteuerung in den Papierkorb ge- aber nicht im Sinne von Politikberatung. Politik ergeben und können Sie sich vielleicht
schmissen und völlig neu bearbeitet, auch Insofern, hätte ich das auch ohne weiteres auch vorstellen, die Seite zu wechseln und in die
durch die Erfahrung, oder gerade durch und mit großem Vergnügen bis an mein Politik zu gehen?
die Erfahrung im Sachverständigenrat. Lebensende gemacht, aber es hat sich Nein, nie. Überhaupt nicht. Definitiv
so nicht ergeben. Es hat sich nicht erge- nicht. Dafür ist das Leben eines Hoch-
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz eines ben, weil ich gefragt worden bin, ob ich schullehrers einfach zu angenehm. Die
Problems bedeutsam auch bei der Auswahl Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Zwänge, denen man in der Politik unter-
Ihrer Forschungsgegenstände? werden wolle. Das habe ich natürlich ge- worfen ist, möchte ich mir nicht antun.
Auch das hat sich durch die Arbeit im macht, weil das erstens interessant zu sein
Beirat und im Sachverständigenrat versprach und zweitens auch eine große Gibt es besonders angenehme oder unangenehme
fundamental geändert. Ich habe meine Ehre ist. Und dann bin ich schließlich Dinge, an die Sie sich erinnern?
wissenschaftliche Karriere begonnen mit gefragt worden, ob ich Mitglied des Sach- Sagen wir mal so, als Politikberater hat
Aufsätzen und Arbeiten zur Optimalsteu- verständigenrats werden wollte. Naja, und man ja mit Politikern zu tun. Und man-
ertheorie. Die ist, nachträglich betrachtet, das ist natürlich noch interessanter und che Politiker sind angenehmer, manche
sehr weit weg von der Realität. Durch die eine noch größere Ehre. Dadurch hat sich sind unangenehmer. Der unangenehmste
Arbeiten in diversen Gremien hat sich mein nicht nur mein Blickwinkel auf bestimmte Politiker, mit dem ich zu tun hatte, war
Zugang komplett geändert. Dadurch hat Probleme, sondern auch die Beschäftigung Steinbrück. Ich habe von Steinbrück den
sich der Schwerpunkt der wissenschaftli- mit wissenschaftlichen Fragen verschoben. Eindruck gehabt, dass er ziemlich eitel
chen Beschäftigung zum Beispiel mit dem und arrogant ist, dass er fachlich über-
Thema Steuern ganz wesentlich verändert. Würden Sie Ihre Beratertätigkeit als par- schätzt wurde und nicht wirklich an einer
teiübergreifend verstehen? intellektuellen Auseinandersetzung, zum
Sind Sie in die Politikberatung gegangen, Der Sachverständigenrat ist völlig par- Beispiel mit dem Sachverständigenrat
weil Ihnen die Wissenschaft zu wenig war? teiunabhängig, völlig regierungsunab- oder als Finanzminister mit dem Wissen-
Nein, das war nie meine Motivation, das hängig. Er ist ein Musterbeispiel für ein schaftlichen Beirat, interessiert war. Seine

66
„Ich habe alte Skripte
zur Besteuerung in den
Papierkorb geschmissen
und völlig neu bearbeitet,
auch durch die Erfahrung, oder
gerade durch die Erfahrung
im Sachverständigenrat.“

Strategie bestand eigentlich immer erst


darin, diese Gremien vor den Kopf zu
stoßen und ihnen zu vermitteln, dass sie
eigentlich sowieso keine Ahnung haben.

Sehr angenehm, wenn ich das auch


personalisieren sollte, war die Kommu-
nikation mit Eichel, der großes Interes-
se an Beratung hatte. Das gilt auch für
die rot-grüne Bundesregierung und die
Grünen. Die interessantesten Diskussio-
nen hatte ich mit den Grünen, die wirklich
an der Schuldenbremse oder auch an der
dualen Einkommensteuer interessiert
waren. Zum Teil wurden Ideen übernom-
men, zum Teil nicht. Aber auch einzelne
Minister waren nach meiner Wahrneh-
mung sehr interessiert. Ich habe das in
außerordentlich positiver Erinnerung.

67
68
PROF. DR. WOLFGANG WIEGARD

Geburt
1946 in Berlin

Ausbildung
Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Heidelberg 1968 - 1972
Promotion an der Universität Heidelberg 1977
Habilitation an der Universität Heidelberg 1981

Wichtige berufliche Stationen


University of Western Ontario, Kanada 1984
Universität Regensburg 1985 - 1994 und 1999 - 2011
Universität Tübingen 1994 - 1999

Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Finanzwissenschaft, Politikanalysen in numerischen Gleichgewichtsmodellen

Wichtigste Positionen in der Politikberatung


Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim
Bundesministerium der Finanzen seit 1990
Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung
der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung 2001 - 2011
Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften seit 2003

Wo er am liebsten in der Nationalelf spielen würde


Kann ich leider nicht beantworten; übersteigt meine Vorstellungskraft.

69
PORTRAIT

Prof. Dr. Wolfgang Buchholz


„Wenn man publizieren will, kann man sich, nicht alleine an dem
orientieren, was man für empirisch und wirtschaftspolitisch wichtig hält.“

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich dem orientieren, was man für empirisch aus dem Elfenbeinturm raus und im Leben
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- und wirtschaftspolitisch wichtig hält. angekommen?“
schaftlichen Arbeit? Ich habe immer versucht, zweigleisig zu Einen genauen Grund, oder einen genau-
Also ich würde Politikberatung ein biss- fahren und ich muss sagen, was die wirt- en Punkt dafür kann ich nicht nennen. Das
chen weiter fassen. Nicht nur konkrete schaftspolitische Resonanz angeht, mit hat sich auch durch meine Tätigkeit im
Auftragsberatung, sondern schlicht- nicht allzu großem Erfolg. Vielleicht gab Ifo-Institut, ich bin dort Forschungspro-
weg die Aufklärung der Öffentlichkeit es einen indirekten Erfolg, aber jeden- fessor, fast automatisch ergeben. Da wird
und auch der Politiker gehören für falls wurde der nicht mir zugerechnet. man mit Fragen konfrontiert, die eine
mich dazu. Dabei geht es um Themen, detaillierte wissenschaftliche Behandlung
die einerseits empirisch relevant sind, Befassen Sie sich mit Politikberatung, weil empirisch relevanter Probleme erfordern.
zu deren Beurteilung allerdings auch Ihnen die Wissenschaft zu wenig ist? Dennoch ist das eine gute Frage. Ich bin
ein allgemeines theoretisches Konzept Moralische Verpflichtung ist in diesem an einem sehr theoretischen Lehrstuhl
gehört. Für mich ist Politikberatung ein Zusammenhang ein gutes Stichwort. groß geworden, aber ich hatte eigentlich
bisschen zu eng gefasst, es geht eigent- Ich halte viele öffentliche Vorträge, in immer schon Interesse an wirtschafts-
lich darum, die Diskussion über wirt- denen es um wirtschaftspolitische Fragen politischen Fragestellungen. Es ist also
schaftspolitische und finanzpolitische geht. Aktuell vor allem im Zusammen- ein intrinsisches Motiv, das mich zu der
Fragen mit Sachverstand anzureichern. hang mit der Energiewende. Wenn man Zweigleisigkeit gebracht hat: Abstrakte
in einer wissenschaftlichen Community Theorie und angewandte Fragestellungen.
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz eines Pro- ist und wenn einem auch Theorie Spaß
blems auch bei der Auswahl Ihrer Forschungs- macht, dann veröffentlicht man eben Sie haben viel mit Politik zu tun. Welches
gegenstände bedeutsam? auch Dinge, die wirklich nur für die Verhältnis hat sich für Sie persönlich dadurch
Teils, teils. Es sind mir in meiner Laufbahn Community interessant sind. Aber ich zur Politik ergeben und können Sie sich
vielfach Fragen untergekommen, die auch beschränke die Forschungstätigkeit nicht vielleicht auch vorstellen, die Seite zu wechseln
in der Öffentlichkeit diskutiert wurden. Ein alleine auf diese Veröffentlichungen. und in die Politik zu gehen?
Beispiel ist die Gesundheitspolitik. Dabei Erstens aus Interesse und weil ich nicht Also früher konnte ich mir das gut vor-
habe ich immer darüber nachgedacht, immer nur mit Formeln rumwirbeln will, stellen. Das wäre sicher eine interessante
was theoretisch dahintersteckt. Andere und zweitens aus einer gewissen Ver- Lebenserfahrung gewesen. Allerdings
Schwerpunkte ergeben sich auch durch pflichtung gegenüber der Gesellschaft. glaube ich, dass heute Sachpolitik und
den Zwang zu publizieren. Wenn man Sachorientierung der Politiker einen
publizieren will, kann man sich, das ist jetzt Wann war für Sie der Punkt gekommen, an wesentlich geringeren Stellenwert ha-
eine relativ harte Aussage, nicht alleine an dem Sie gesagt haben: „Okay, jetzt bin ich ben, als das früher der Fall war. Heute

70
PROF. DR. WOLFGANG BUCHHOLZ

Geburt
1952 in Südbaden

Ausbildung
FOTO: PRIVAT Studium der Volkswirtschaftslehre,
Mathematik und Politikwissenschaft an der
Universität Freiburg, Abschluss als Diplom Mathematiker
geht es in der Politik darum, Punkte zu Dr. rer. pol. an der Universität Tübingen 1982
sammeln, egal wie. Die meisten Politiker Habilitation an der Universität Tübingen 1987
sind echte Berufspolitiker. Berufspo-
litiker sind natürlich viel, viel stärker Wichtige berufliche Stationen
von dem Wiederwahlmotiv geprägt, Professor für Volkswirtschaftslehre
als es früher Sachpolitiker waren. an der Universität Regensburg 1988 - 1992
Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaf-
Wie hat sich Ihr persönliches Verhältnis ten der Europa Universität Viadrina,
zur Politik über die Zeit entwickelt? Frankfurt (Oder) 1992 - 1994 (1992 - 1996)
Ich war früher parteipolitisch eindeu- Professor für Finanzwissenschaft
tiger festgelegt, als ich es heute bin. an der Universität Regenburg seit 1996
Forschungsprofessor am ifo-Institut, München
Gibt es besonders angenehme oder unange-
nehme Dinge, an die Sie sich erinnern? Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit
Positiv ist auf jeden Fall, dass manche Umwelt-, Verteilungs-, Sozial- und Steuerpolitik
meiner Gedanken doch eine gewisse
Resonanz gefunden haben. Auch wenn, •
und das ist vielleicht das leicht Nega-
tive, mir das eigentlich nie zugerech-
net wurde. In drei Fällen habe ich das
Gefühl, dass meine Ideen aufgegriffen
wurden. Nur ist kein Mensch auf die
Idee gekommen, damit meinen Namen
zu verbinden. Aber vielleicht ist es auch
nur eine Illusion zu glauben, dass meine
Äußerungen ausschlaggebend waren.

71
Beachten Wissenschaftler die Zwänge
der Politiker nicht ausreichend?
Klappt deshalb die Kommunikation nicht?

AXEL BÖRSCH-SUPAN sor, so klar haben Sie überhaupt noch nie geredet.“
Die Kommunikation kann gut funktionieren, sie Mir ist wirklich ein Kronleuchter aufgegangen und
kann fürchterlich danebengehen. Alles ist möglich! das kann man sich leicht merken. Wenn man erst mit
„wenn dann und überhaupt, und dann vielleicht“ in
SCHNEIDER/WEIMANN die Diskussion einsteigt, schaltet jeder Politiker ab.
Ist die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Politik
nicht auch deshalb schwierig, weil beide Seiten unterschiedli- Unsere Sprache ist zu kompliziert, zu umständlich
che Sprachen sprechen? und wir müssen den Mut haben zu sagen: „So, nach
meinen Analysen wird das mit hoher Wahrscheinlich-
FRIEDRICH SCHNEIDER keit passieren.“ Das machen wir aber nicht. Wir setzen
Das würde ich voll und ganz bejahen. Es ist sehr, sehr häufig voraus, dass der Politiker mit Wahrscheinlich-
schwer, mit einem Politiker empirische Ergebnisse keiten umgehen kann, aber das will er gar nicht.
zu diskutieren; es ist fast unmöglich, Ereignisse mit
Wahrscheinlichkeiten zu gewichten. Aber, wir sind SCHNEIDER/WEIMANN
nicht in der Physik, ein Stein fällt ganz sicher immer Was ist noch für eine gelungene Kommunikation entschei-
nach unten, aber was ökonomisch passiert, ist nicht dend – außer den Hauptsätzen und dem Mut, eine eindeutige
sicher. Dazu kommt, dass wir leider nicht immer Empfehlung zu geben?
ganz so schöne eindeutige Ergebnisse haben. Und
zu allem Überfluss kommt dann noch die komplexe STEFAN HOMBURG
Sprache der Wissenschaft. Das ist ein entscheiden- Ein wichtiger Punkt ist die Frage der Loyalität.
des Hindernis für eine gute Politikberatung. Mir hat Politiker stehen ständig unter Stress, haben Angst.
hier in Linz ein guter Kommunikator, der viele Ma- Weil sie ja oft als Nicht-Fachleute an die Spitze
nager berät, einmal gesagt: „Fritz, präge dir eisern eines Ministeriums gekommen sind, haben sie
ein und halt’ s durch: nur Hauptsätze. Probiere es Angst, etwas Falsches zu machen. Am ehesten
mal, nur Hauptsätze. Du wirst auf einmal merken, vertrauen sie ihrem Apparat, denn von dem wissen
dass die Leute hinterher zu dir sagen: Herr Profes- sie, dass der loyal ist. Gegenüber Wissenschaftlern

K. Schneider, J. Weimann, Den Diebstahl des Wohlstands verhindern,


72 DOI 10.1007/978-3-658-09495-9_7, © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2016
ES IST SEHR, SEHR SCHWER, MIT EINEM
POLITIKER EMPIRISCHE ERGEBNISSE ZU
DISKUTIEREN; ES IST FAST UNMÖGLICH,
EREIGNISSE MIT WAHRSCHEINLICHKEITEN
ZU GEWICHTEN. ABER, WIR SIND NICHT IN
DER PHYSIK, EIN STEIN FÄLLT GANZ SICHER
IMMER NACH UNTEN, ABER WAS ÖKONOMISCH
PASSIERT, IST NICHT SICHER.

FRIEDRICH SCHNEIDER
*

haben Politiker dagegen ein großes Misstrauen. schließlich hatte ich mich schriftlich entsprechend
Die sehen uns teilweise als Diven an – was ja auch geäußert – und habe in meiner Antwort das ganze
berechtigt ist. Unser Berufsstand ist ja nun mal Vorhaben niedergemacht. Dann kam sofort das
hoch problematisch, muss man sagen. Und die ZDF heute journal, hat noch ein Statement gefilmt
Loyalitätsfrage ist ungeklärt. Politiker lieben es, die und das abends in den Nachrichten gesendet. Und
Leute in ein klares Freund-Feind-Schema einbetten dann nahm das so seinen Gang. Das heißt, ich habe
zu können. Aus Sicht eines SPD-Wirtschaftsministers etwas getan, was ich als Wissenschaftler total gut
sind die SPD-Parteigenossen die Guten und die vertreten kann. Bei Union und FDP, die dachten, sie
Schwarzen sind die Bösen. Das ist ein klares können mit ihrem Wachstumsbeschleunigungsgesetz
Schema. Und jetzt parteilose Wissenschaftler! Da punkten, wenn sie mich einladen, kam das natürlich
ist man eher vorsichtig – und das auch zu Recht. nicht gut an. Das sind Erfahrungen, die Politiker mit
den Wissenschaftlern machen. Die Wissenschaftler
Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Meine letzte passen nicht klar in dieses Freund-Feind-Schema;
Einladung durch CDU und FDP zum deutschen die sind unberechenbar, die sind divenhaft und
Bundestag war die Anhörung zum sogenannten deshalb wird man auch als Minister auf einen Beirat
Wachstumsbeschleunigungsgesetz. In meiner oder Sachverständigenrat nicht groß was geben.
schriftlichen Stellungnahme habe ich mich deutlich
gegen die Kürzung der Umsatzsteuer für Hoteliers Aber ich bin darüber überhaupt nicht enttäuscht!
von 19% auf 7% ausgesprochen. Das war zu einem Nein, nein, also absolut nicht. Ich verstehe das alles;
Zeitpunkt, als die Journalisten total unentschieden das ist die Logik des politischen Handelns. Das ist
waren, wie das zu bewerten ist. Ich habe dann auch völlig in Ordnung. Ich würde den Leuten auch
von dem SPD-Obmann gezielt eine Frage gestellt nicht im Entferntesten einen Vorwurf machen.
bekommen – das war natürlich kein Zufall, denn Sie müssen so handeln, um im Amt zu bleiben.

73
... DANN, WENN DER
EINE DENKT, ER IST IN
DER BERATERROLLE, DER
ANDERE MÖCHTE ABER NUR
EINE LEGITIMATION FÜR
SEINE BEREITS VORGEFASSTEN
ÜBERZEUGUNGEN HABEN,
DANN GIBT ES PROBLEME.
DAS IST EIGENTLICH ÜBERALL
IM LEBEN SO. WENN LEUTE
MITEINANDER REDEN UND
SIE REDEN MIT ROLLEN-
VERSTÄNDNISSEN, DIE NICHT
ZUEINANDER PASSEN, DANN
GEHT ES EBEN SCHIEF.

KAI KONRAD

74
KAI KONRAD HANS-WERNER SINN
Kommunikation funktioniert dann, wenn Sender und Ja, das Grundproblem bei der direkten Kommunika-
Empfänger Rollenverständnisse voneinander haben, tion oder Beratung durch Wissenschaftler ist, dass
die zueinander passen. Wenn sie Rollenverständnis- Politiker andere Beschränkungen haben als die, die
se haben, die nicht zueinander passen, dann geht das wir als Ökonomen legitimerweise berücksichtigen.
typischerweise schief. Wenn der eine der erfahrene Wir würden natürliche Ressourcenbeschränkungen
Berater ist und der andere ist der willige Schüler, berücksichtigen. Wir würden natürlich auch das
funktioniert es. Aber dann, wenn der eine denkt, er ist Grundgesetz als Beschränkung berücksichtigen.
in der Beraterrolle, der andere möchte aber nur eine Wir würden Außenhandelsfakten vom Rest der Welt
Legitimation für seine bereits vorgefassten Überzeu- berücksichtigen. Aber wir würden nicht die nationalen
gungen haben, dann gibt es Probleme. Das ist eigent- Gesetze berücksichtigen. Und darüber hinaus berück-
lich überall im Leben so. Wenn Leute miteinander sichtigen wir auch nicht die politischen Handlungs-
reden und sie reden mit Rollenverständnissen, die zwänge, die Politiker haben. Wenn also Helmut Kohl
nicht zueinander passen, dann geht es eben schief. gesagt hat, „wir brauchen die eins zu eins Umstellung“,
um wiedergewählt zu werden, dann ist der Wunsch
Ich glaube, dass die Politik typischerweise aus Leuten wiedergewählt zu werden für einen Ökonomen nicht
besteht, die ihre eigenen Überzeugungen mitbrin- relevant. Das darf er doch gar nicht berücksichti-
gen und die gestalten wollen. Die wirtschaftspoliti- gen, sondern der Ökonom muss grundsätzlichere,
sche Beratung findet in genau diesem Kontext statt gesellschaftlich relevante Zielvorstellungen und
und in dieser Beratungssituation sind wir nicht in Beschränkungen berücksichtigen, aber doch nicht all
einem Lehrer-Schüler-Verhältnis, wie wir es aus die Beschränkungen, denen ein Politiker unterworfen
der Vorlesung kennen. Und wenn wir glauben, dass ist. Denn würde er all diese Beschränkungen berück-
aber das eigentlich das angemessene Rollenver- sichtigen, dann käme er ja zu dem gleichen Urteil wie
ständnis wäre, funktioniert Kommunikation nicht. der Politiker und würde, auch in der Öffentlichkeit, die
Politiker nur als Person kritisieren können. Aber das
Aber einen Kommunikationskanal zu bauen, ist tun wir nicht. Wir kritisieren die Politiker immer als
eigentlich nicht mein Kerngeschäft. Mein Kernge- Funktionsträger. Wir kritisieren das politische System
schäft ist es, Dinge herauszufinden, aufzuschreiben mit seinen Entscheidungen, weil wir sagen, dass das
und zu sehen, wie sie wirken und dann unterschied- Ergebnis nicht den langfristigen, wirklichen Präfe-
liche Kanäle zu nutzen, um sie wirken zu lassen. renzen des Volkes und den wirklichen Möglichkeiten
Die Kommunikation mit der Politik ist ein sehr entspricht. Aber hier zeigen sich sehr unterschiedliche
schwieriger Kanal. Ich glaube, der wichtige Kanal Sichtweisen. Mein Kollege Rürup vertritt den Stand-
für uns Hochschullehrer sind unsere Studenten. punkt, der Ökonom müsse all die politischen Beschrän-
kungen des Politikers auch mit berücksichtigen und
SCHNEIDER/WEIMANN ihm dann einen Rat geben, mit dem er glücklich wird.
Die eigenen Studenten, die Referenten – wer sollte denn nun Ich sehe das anders. Wir haben nicht die Aufgabe,
der Adressat für Beratung sein? Und wie erreicht man ihn? einzelne Politiker zu beraten, so dass sie glücklich
werden, sondern wir müssen das Volk beraten.

75
DIE WISSENSCHAFTLER PASSEN NICHT
KLAR IN DIESES FREUND-FEIND-SCHEMA;
DIE SIND UNBERECHENBAR, DIE SIND
DIVENHAFT UND DESHALB WIRD MAN AUCH
ALS MINISTER AUF EINEN BEIRAT ODER
SACHVERSTÄNDIGENRAT NICHT
GROSS WAS GEBEN.

STEFAN HOMBURG
*

SCHNEIDER/WEIMANN unterschiedlich. Deshalb gibt es da Kommunikati-


Müssen Wissenschaftler also Verständnis für die Zwänge onsprobleme. Aber es ist ja nicht so, dass die Politik
haben, denen die Politiker unterliegen? die Wissenschaft völlig ignorieren würde. Die Politik
beauftragt die Wirtschaftsforschungsinstitute mit
CARL CHRISTIAN VON WEIZSÄCKER konkreten Gutachten, sie beauftragt auch einzelne
Es ist klar, dass viele Wissenschaftler, zumal wenn Universitätsforscher mit Gutachten, und diese Gut-
sie noch jünger sind, sich der Zwänge, unter denen achten werden gelesen. Ich habe selbst eine Reihe von
die Politik steht, nicht in dem Ausmaß bewusst sind, Gutachten außerhalb des Sachverständigenrats und des
wie sie vorhanden sind. Wenn man dann in ein etwas Beirats geschrieben, direkt im Auftrag von Ministerien.
reiferes Alter kommt, dann weiß man das aufgrund von Dabei gab es viele Gespräche mit den Mitarbeitern aus
Erfahrungen. Das bedeutet aber nicht, dass man nun den Ministerien. Es ist also nicht so, dass es überhaupt
den Politikern nach dem Munde reden sollte, sondern keine Kommunikation gäbe zwischen Wissenschaftlern
man sollte durchaus auch Dinge propagieren, die und Politik. Aber das ist vor allem dann der Fall, wenn
gegenwärtig nicht umsetzbar sind, weil irgendwelche eine konkrete Nachfrage aus den Ministerien da ist.
Zwänge das verhindern. Also, auch im Bewusstsein
dessen, dass es diese Zwänge gibt, kann man Ratschlä- WOLFGANG BUCHHOLZ
ge unter Vernachlässigung dieser Zwänge geben. Also, ich verstehe die Zwänge sehr gut, aber wenn
sie mit dem Wissenschaftler reden, müssen sie sich
WOLFGANG WIEGARD nolens volens auf komplexe Argumente einlassen.
Das ist sicherlich ein Punkt. Ich meine, die Neben- Sonst ist eine wissenschaftliche Beratung wirklich
bedingungen oder die Rahmenbedingungen, unter eine höchst problematische Angelegenheit. Dann
denen Politik und Wissenschaft tätig sind, sind völlig wird die Wissenschaft nicht als das genutzt, was sie

76
ist. Das Alleinstellungsmerkmal der Wissenschaft hat im Wahlkampf darauf hingewiesen, dass man ein
ist nun mal, dass sie ein Problem aus verschiedenen solches Versprechen nicht nur für die nächsten fünf
Perspektiven mit dem Wunsch nach Objektivität Jahre abgibt, in denen man noch Rücklagen der Renten-
untersucht. Dass ein Politiker das nicht so macht, ist versicherung hat. Diese Renten müssen natürlich 40, 50
klar. Das heißt ja nicht, dass ein Politiker die Argu- Jahre lang bezahlt werden. Warum erkennt man diese
mentationsweise vom Wissenschaftler übernehmen Zusammenhänge erst, nachdem der Koalitionsvertrag
muss, aber er sollte sie sich zumindest mal anhören. geschrieben ist? Da kommen auf einmal Journalisten
So bekäme er vielleicht ein bisschen Verständnis für aus der Deckung und sagen: „Das geht ja gar nicht, das
andere Positionen oder auch für die Komplexität eines wird ja langfristig viel zu teuer.“ Aber vorher hat nie-
Themas. Es ist eine allgemeine Lebensweisheit, dass mand etwas gesagt. Wissenschaftler und Journalisten
man seinem Standpunkt folgen sollte. Aber ich denke, haben die Aufgabe, rechtzeitig auf solche Dinge hinzu-
für die politische Auseinandersetzung wäre es hilf- weisen, damit die Bürger gar nicht erst glauben, dass
reich, wenn man den eigenen Standpunkt nicht total das eine tolle Sache ist, die man ihnen da verkauft. Es
eng definiert. Man sollte Verständnis dafür haben, ist ein sehr schmerzhafter Prozess, wenn man Verspre-
dass Menschen auf der Grundlage wissenschaftlicher chungen an die Bevölkerung wieder einkassieren muss.
Erkenntnisse andere Standpunkte einnehmen und Es hat Gerhard Schröder seinen Job gekostet, Verspre-
die eben auch wissenschaftlich fundieren können. chungen, die frühere Politiker gegeben haben, einzu-
kassieren, weil sie einfach nicht mehr haltbar waren.
FRIEDRICH BREYER
Sind die Zwänge eigentlich wirklich Zwänge? Mein THIESS BÜTTNER
Beispiel mit der Steuerbegünstigung für Hoteliers hat Ich habe durchaus Verständnis für die Probleme, die
schon gezeigt, dass das nicht immer so ist, sondern der Politik entstehen. Ich bewundere eine Politik,
vielleicht auch manchmal vorgeschoben wird. Ich die es schafft, für gute und vernünftige Entschei-
glaube, dass wir einen Beitrag dazu leisten müssen, dungen Mehrheiten zu organisieren. Das ist eine
das Publikum über wirtschaftliche Zusammenhänge echte Leistung eines Politikers. Genauso, wie ich die
aufzuklären. Wir müssen das tun, damit die Zwänge Leistung eines Unternehmers oder einer Unterneh-
für die Politiker, das Richtige zu tun, größer werden. merin manchmal bewundere und davon beeindruckt
Die Zwänge denen Politik unterliegt, dürfen eben bin, mit welchem Gespür Entscheidungen erfolgreich
nicht dazu führen, dass Politiker das Richtige nicht umgesetzt werden. Das sind typische Fähigkeiten
mehr tun können. Wenn die Bevölkerung aufgeklärt der Praktiker und die finde ich bewundernswert.
ist, dann sind mehr Dinge möglich, die richtig sind, Unsere Aufgabe ist dagegen ganz anders gelagert.
als wenn die Bevölkerung Irrglauben anhängt. Es Und ich würde auch von einem Politiker deshalb
ist die große Aufgabe von Wissenschaftlern und nicht erwarten, dass er meine Vorschläge eins zu eins
Journalisten Erkenntnisse zu verbreiten, die die umsetzt. Deshalb brauchen wir eine vertrauensvolle
Zwänge verringern, die falschen Dinge zu machen. Diskussion. Die Politiker müssen wissen, was Wis-
senschaftler tun und leisten können und umgekehrt
Ich nenne mal ein konkretes Beispiel: Frau Merkel hat müssen wir uns natürlich darüber im Klaren sein, was
die Bundestagswahl unter anderem mit dem Verspre- Politiker eigentlich können und was sie nicht können.
chen gewonnen, die Mütterrenten für die vor 1992
geborenen Kinder teilweise anzugleichen. Niemand

77
ABER ES IST WICHTIG,
DIE VERSCHIEDENEN
HANDLUNGSOPTIONEN
KLAR HERAUSZUARBEITEN.
ES IST UNSERE AUFGABE, DIE
WIDERSPRÜCHE AUFZUZEIGEN,
KOSTEN UND NUTZEN DEUTLICH
ZU MACHEN. DANN MUSS
DIE POLITIK ENTSCHEIDEN. DIE
ENTSCHEIDUNG KÖNNEN WIR DER
POLITIK NICHT ABNEHMEN. DAS
SOLLTEN WIR AUCH GAR NICHT
ERST VERSUCHEN.

WOLFRAM RICHTER

78
SCHNEIDER/WEIMANN RONNIE SCHÖB
Gibt es noch andere Unterschiede zwischen Politikern und Ja, ich glaube, ein Problem ist, dass die Erwartungen
Wissenschaftlern? an die andere Seite von beiden Seiten zu hoch sind.
Wir erwarten als Ökonomen oft, dass ein Politiker die
CLEMENS FUEST reine Lehre umsetzt, die wir ihm predigen oder die wir
Klar! Man muss ja als Wissenschaftler nicht gewählt ihm überzeugend darlegen. Wir neigen wirklich dazu,
werden. Aber als Politiker muss man auch nicht gewählt sehr schnell die Sachzwänge des Politikers beiseite-
werden. Wenn man einen anderen Beruf hat, macht zuschieben. Der Politiker muss Mehrheiten für seine
man eben hinterher was anderes. Idealerweise sollte ein Meinung finden, weil er sich in Wahlen behaupten
Politiker deshalb nicht völlig abhängig von der Politik muss, innerparteilich, überparteilich. Das sind alles
sein. Aber es ist klar: Die Wissenschaftler sind unab- Punkte, die wir gern außen vor lassen. Ich glaube, wir
hängig und ein Politiker, der muss sich beispielsweise in sollten stärker den Referenten zuarbeiten, um Einfluss
seine Fraktionsdisziplin fügen. Ich sehe das jetzt aber auf die Ausarbeitung von Referentenvorschlägen zu
nicht als Problem. Dafür haben die Politiker schließlich nehmen. Stattdessen passiert die Wissenschaftsbera-
die Macht und können Dinge umsetzen. Die Wissen- tung aber in der Öffentlichkeit, über Zeitungskom-
schaftler haben keine Macht. Dafür sind sie unabhängig. mentare, Teilnahme an Fernsehdiskussionen usw.
Und sobald wir uns in die Öffentlichkeit begeben,
SCHNEIDER/WEIMANN sind wir nicht mehr nur Wissenschaftler, sondern
Macht dann Beratung überhaupt noch Sinn? auch Akteure im politischen Raum. Deshalb dürfen
wir uns auch nicht wundern, wenn die Politiker dann
STEFAN HOMBURG versuchen, unsere Aussagen für ihre Zwecke auszu-
Natürlich muss jeder wissen, wie er es hält. Wenn mich nutzen. Dessen sollten wir uns mehr bewusst sein.
ein junger Kollege anruft und sagt, er sei zum ersten
Mal zu einer Anhörung eingeladen worden, ob er dahin WOLFRAM RICHTER
gehen soll, empfehle ich ihm natürlich hinzugehen. Da Ich sehe es nicht als Ideal an, dass Politik und Wis-
macht man unschätzbare Erfahrung. Man lernt Politi- senschaft mit einer Zunge sprechen, dass sie da den
ker aus der Nähe kennen; man lernt diese unglaubliche Schulterschluss suchen. Ich sehe meine Aufgabe mehr
Lobbyisten-Maschine kennen. Man sieht auch, wie viel darin, eine kritische Öffentlichkeit zu organisieren
Sitzfleisch Politiker aufwenden müssen – also Sachen, und Politik unter Begründungszwang zu setzen. Das
die nie ins Fernsehen kommen. Man sieht, wie Politiker ist mein Ziel. Und dann muss Politik sich was her-
eine 12-Stunden-Anhörung runter reißen. Man sieht ausgreifen, umsetzen und dafür geradestehen. Häufig
auch, dass man froh sein kann, seinen Beruf in Hörsä- wissen wir ja auch wirklich selbst nicht, wie man in
len zu verbringen und nicht in Parlamentsgebäuden. der Situation des Politikers entscheiden würde. Aber
Diese Erfahrungen muss man einfach mal gemacht es ist wichtig, die verschiedenen Handlungsoptionen
haben. Aber wenn man die fast 20 Jahre gemacht hat, klar herauszuarbeiten. Es ist unsere Aufgabe, die Wi-
dann kann man das Ganze auch irgendwie abhaken. dersprüche aufzuzeigen, Kosten und Nutzen deutlich
zu machen. Dann muss die Politik entscheiden. Die
SCHNEIDER/WEIMANN Entscheidung können wir der Politik nicht abneh-
Sind die Erwartungen an die andere Seite vielleicht zu hoch? men. Das sollten wir auch gar nicht erst versuchen.

79
ES WÄRE EIN GROSSER FORTSCHRITT, WENN DIE INTERESSIERTE ÖFFENTLICHKEIT
EIN GRÖSSERES VERSTÄNDNIS DAFÜR ENTWICKELN WÜRDE, DASS WIRTSCHAFTSPOLITISCHES
HANDELN EINE ENTDECKUNGSREISE IST, DIE MAN BESSER ODER SCHLECHTER GESTALTEN KANN.

CHRISTOPH SCHMIDT
*

80
CHRISTOPH SCHMIDT des Mindestlohns passieren wird. Wir haben entweder
In den Jahren, in denen ich diese Aufgabe wahrnehme große Befürchtungen oder große Hoffnungen. Wobei
und in den Ämtern bin, die mich in den wirtschafts- mir nicht klar ist, auf welcher Evidenz die Hoffnungen
politischen Beratungsbereich geführt haben, habe beruhen sollen. Wir wissen aber auch nicht genau,
ich verschiedenste Gesprächspartner erlebt. Da gibt wie groß der Schaden sein wird. Gibt man das aber in
es solche, die sich gar nichts sagen lassen wollen. der Öffentlichkeit zu und sagt nicht, es kostet 353.471
Natürlich ist das so. In einer Polit-Talkshow ging Arbeitsplätze, dann ist man schon in der Defensive. Das
es beispielsweise um den Mindestlohn. Neben mir ist ein Symptom dieses grundsätzlichen Problems, dass
saß eine Gewerkschaftlerin, die gleichzeitig hohe keiner so gerne mit Unsicherheit umgehen möchte.
SPD-Funktionärin in Baden-Württemberg ist. Also, Man möchte sich gerne anlehnen an eine Politik, die
mit ihr könnte man nie und nimmer vernünftig über weiß, wo es langgeht. Wissenschaft, die das in Frage
die Argumente reden, weil sie sofort alles als gest- stellt, die verstehen viele nicht. Ich glaube, es wäre ein
rigen Neo-Liberalismus abtut. Mit solchen Leuten großer Fortschritt, wenn die interessierte Öffentlichkeit
kann man nicht vernünftig reden. Aber das ist ja in ein größeres Verständnis dafür entwickeln würde, dass
jedem Lebensbereich so. Man trifft auf ignorante wirtschaftspolitisches Handeln eine Entdeckungsreise
oder weniger ignorante Leute. Aber ich glaube, es ist ist, die man besser oder schlechter gestalten kann.
richtig, immer wieder neu zu prüfen: Wer ist denn
etwas offener? Wem kann man denn auch mal was
erklären, was ihm aus seinem Erfahrungsschatz oder
seiner Vorgeschichte heraus nicht so zugänglich ist?

Ich glaube aber, der wichtigste Teil, den wir oft gar
nicht diskutieren, wenn wir über das Verhältnis von
Politik und Wissenschaft und über wirtschaftspolitische
Beratung reden, ist die Kompetenz der Öffentlichkeit.
Die Welt ist unsicher und wir sollten die Weichen so
stellen, dass wir mit größtmöglicher Wahrschein-
lichkeit die bestmögliche Entscheidung treffen. Im
medizinischen Bereich würde das jeder sofort akzep-
tieren. Es gibt Medikamente, die tragen das Verspre-
chen in sich, dass sie etwas verändern, aber sie haben
eben auch Nebenwirkungen und weder das eine noch
das andere tritt mit Sicherheit ein. Und so ist das mit
dem politischen Handeln auch. Und das ist etwas, was
in der Öffentlichkeit weitgehend unverstanden ist.

Nehmen wir den Mindestlohn. Das ist ein super Bei-


spiel dafür, wie schlecht Politik und Öffentlichkeit mit
der allgegenwärtigen Unsicherheit umgehen können.
Wir alle wissen nicht genau, was durch die Einführung

81
PORTRAIT

Prof. Dr. Kai Konrad

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich raschendes und keinen Realitätsbezug hat. Politik ergeben und könnten Sie sich vielleicht
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- Also diese beiden Elemente sind kom- auch vorstellen, die Seite zu wechseln und in die
schaftlichen Arbeit? plementär und ergeben zusammen eine Politik zu gehen?
Sie ist nicht so zentral, also Politikberatung interessante wirtschaftliche Fragestellung. Vorstellen, ja, aber wollen, nein. Man
ist nicht mein Kerngeschäft. Eigentlich kann sich in bestimmte Dinge nur hin-
interessiert mich eher Ökonomie und Sind Sie in die Politikberatung gegangen, eindenken, wenn man sie aktiv erlebt hat.
wie die funktioniert. Natürlich beobachte weil Ihnen die Wissenschaft zu wenig war? Ich habe ja keine Kinder, aber man sagt,
ich auch das Zeitgeschehen und wende Tja, eine gute Frage, also da spielt sicher dass sich das Leben und die Einstellungen
meine theoretischen Überlegungen auf die Pfadabhängigkeit eine gewisse Rolle. schlagartig verändern, wenn man Vater
das Zeitgeschehen an oder greife meine Zunächst einmal gibt einem die Politik- geworden ist. Das ist wie ein Schalter, der
Forschungsfragen aus dem, was ich sehe. beratung oder die Auseinandersetzung da umfällt. Und das kann man nur erleben,
So kommt aus der wissenschaftlichen mit Wirtschaftspolitik auch etwas für die indem man einmal Elternteil war. Insofern
Arbeit dann auch etwas zurück in den Grundlagenforschung. Da werden die ist es wahrscheinlich eine bereichernde
Objektbereich. Also, wenn man sieht, dass Probleme sichtbar, die man dann mögli- Erfahrung, für eine gewisse Zeit in der
etwas falsch läuft, dann möchte man das cherweise auf einer abstrakteren Ebene Politikerrolle zu sein. Ein politisches Amt
natürlich auch sagen. Aber ich sehe es in der Grundlagenforschung analysieren ausgeübt zu haben ist sicher schön, aber
eigentlich nicht als mein Kerngeschäft. kann. Insofern hat die Auseinandersetzung das Amt auszuüben per se finde ich weni-
mit der wirtschaftspolitischen Praxis, und ger attraktiv, als das, was ich als Professor
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz eines dazu gehören auch Gespräche mit Politi- machen darf. Das gilt für viele Dinge. Ich
Problems bedeutsam auch bei der Auswahl kern oder anderen Entscheidungsträgern, wäre gerne mal Fallschirm gesprungen,
Ihrer Forschungsgegenstände? eine wichtige Rolle als Ausgangspunkt für aber die Vorstellung, da wirklich ins Leere
Also ich finde, eine wissenschaftliche die Identifikation von Fragestellungen, zu treten, ist ein bisschen beängstigend.
Fragestellung ist dann interessant, wenn die von Bedeutung für die Grundlagen- Aber es gemacht zu haben, ist so eine
sie erstens wichtig ist, und dabei spielt die forschung sind. Ja und umgekehrt, wenn Sache, auf die ich gerne zurückblicken
wirtschaftspolitische oder die praktische man etwas herausgefunden hat, von dem würde. Ich glaube, aktiv in der Rolle des
oder die Alltagsbedeutung der Fragestel- man persönlich überzeugt ist und man Politikers gewesen zu sein würde mein
lung schon eine große Rolle. Und zwei- sieht, dass die Dinge in eine ganz ande- Verständnis von dem, was in der Welt pas-
tens muss sie ein Überraschungselement re Richtung gehen, dann möchte man siert, verbessern. Insofern würde es mich
enthalten. Diese beiden Dinge sollten das schon gerne in die richtige Richtung auch als Grundlagenforscher bereichern.
idealerweise zusammenkommen. Eine drehen. Aber nicht im Sinne einer mo-
sehr, sehr große, wichtige Frage finde ralischen Verantwortung, das würde Gibt es besonders angenehme oder unange-
ich nicht so interessant, wenn man dazu ich jetzt nicht in Anspruch nehmen. nehme Dinge, an die Sie sich erinnern?
nichts Originelles oder Überraschendes Ja doch, die angenehmste, also da fällt mir
forschen kann. Umgekehrt ist es auch Sie haben viel mit Politik zu tun. Welches Ver- etwas dazu ein und dabei spielt ein Kol-
nicht interessant, wenn etwas nur Über- hältnis hat sich für Sie persönlich dadurch zur lege eine ganz entscheidende Rolle. Ein

82
„Ein politisches Amt ausgeübt zu haben
ist sicher schön, aber das Amt ausüben
per se finde ich weniger attraktiv,
als das, was ich als Professor machen darf.
Das gilt für viele Dinge. Ich wäre gerne
mal Fallschirm gesprungen, aber die
Vorstellung, da wirklich ins Leere zu
treten, ist ein bisschen beängstigend.“

Think Tank in Berlin lud mich zu seiner


Jubiläumsfeier ein, um mich wegen eines
Beiratsgutachtens zu schlachten. Nachdem
mir klar wurde, was da eigentlich passiert,
hatte ich schon ein mulmiges Gefühl. Als
man mir dann noch eröffnete, dass ich
zehn Minuten für ein Einführungsstate-
ment hatte und die beiden, die man sich
ausgeguckt hatte, um mich zu zerlegen,
jeweils die doppelte Zeit bekamen, da war
mir sonnenklar, dass das nicht mein Tag
sein würde. Und diesen Tag hat dann
der Kollege gerettet, weil er eben nicht
in die Rolle eingestiegen ist, die für ihn
vorgesehen war. Trotz aller Bedenken,
die er gegenüber dem Gutachten hatte,
ließ er sich auf die Aussagen ein und hat
die Empirie ins Spiel gebracht. Und dann
sah alles gar nicht so entsetzlich schreck-
lich aus. Das war eine enorme Erleichte-
rung und ein wirklich guter Moment.

83
PROF. DR. KAI KONRAD

Geburt
1961 in Heidelberg

Ausbildung
Studium der Physik, Universität Heidelberg 1980 - 82
Studium der Volkswirtschaftslehre, Universität Heidelberg 1982 - 86
Studium der Volkswirtschaftslehre, Ludwig-Maximilians-Universität München
Promotion, LMU München 1990
Habilitation, LMU München 1993

Wichtige berufliche Stationen


Direktor der Abteilung Marktprozesse und Steuerung am
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung 2001 - 2009
Professor für Volkswirtschaftslehre, Freie Universität Berlin 1994 - 2009
derzeit Direktor am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen
derzeit Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft

Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Volkswirtschaftliche und finanzwissenschaftlichen Grundlagenforschung zum Ursprung,
zur Funktion und zur Finanzierung von Staat und anderen Gemeinwesen

Wichtigste Positionen in der Politikberatung


Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesministerium der Finanzen seit 1999
Stellvertretender Vorsitzender 2007 - 2010
Vorsitzender seit 2011

Wo er am liebsten in der Nationalelf spielen würde


Ich würde gerne ablehnen. Ich habe wirklich gar keine Affinität zu Fußball.

Der Lieblingsgegenspieler aus der Politik


Gregor Gysi – Ich hoffe, er mag auch keinen Fußball,
und er ist mit Sicherheit ein spannender Gesprächspartner.

84
85
Wie gehen Sie mit Kritik
ökonomischer Laien um?

CHRISTOPH SCHMIDT ignorieren. Ansonsten versuche ich auch in solchen


Was die Kritiker angeht, da gibt es ein riesiges Spek- Fällen, sachlich zu bleiben und mit Sachargumen-
trum. Im schlimmsten Falle sind es solche, die von ten gegen ideologisch geprägte Kritik anzugehen.
Sachargumenten frei sind und rein emotionale Mails
schicken, wenn man zum Beispiel etwas gegen den CLAUDIA BUCH
allgemeinen flächendeckenden Mindestlohn sagt. Dann Wir sollten uns der Diskussion mit der Öffentlich-
liest man halt auch irgendwelche rüden Schimpfworte keit stellen, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt.
in einer Mail. Das geht bis hin zu Morddrohungen Wissenschaftler sollten in der Lage sein, mit mög-
oder Todeswünschen. Ich versuche, mich nicht da- lichst einfachen Worten zu erklären, wie sie zu einer
von beeindrucken zu lassen. Man sollte auch nicht bestimmten Schlussfolgerung gekommen sind.
in die Kommentarseiten der Internetforen schauen,
nachdem man einen Meinungsartikel in einer Zei- CARL CHRISTIAN VON WEIZSÄCKER
tung veröffentlicht hat. Man kann es manchmal nicht Das sehe ich heutzutage mit einer gewissen Gelas-
verhindern, dass man doch neugierig reinschaut und senheit. Früher war ich darüber auch traurig, aber
dann entsetzt ist über die Qualität der Argumente. man muss natürlich verstehen, dass die Erwartun-
gen, die an wissenschaftliche Beratungstätigkeit
RONNIE SCHÖB geknüpft werden, bei den Laien zu groß sind. Man
Ich denke es gibt sehr unterschiedliche Formen der denkt, man bekommt einfache Kochrezepte dafür,
Kritik von Laien. Es gibt die Kritik, die aus fehlen- wie man am besten Wirtschaftspolitik macht und
dem Sachverstand resultiert und da ist es Aufgabe die können wir nicht liefern. Die Entscheidungen,
des Wissenschaftlers, sich wirklich Zeit zu nehmen, die zu fällen sind, sind situationsabhängig. Und
um mit wissenschaftlichen Argumenten zu überzeu- da sich die Situation ständig ändert, bedeutet das
gen. Das Zweite ist eine Kritik, die ideologiegetrie- auch, dass man seine Ratschläge verändern muss
ben ist. Die geht sehr häufig unter die Gürtellinie. und das wird dann missverstanden, als hätte man
Und ich muss sagen, das ist Kritik, über die ich mich früher falsch beraten oder es wird dem misstraut,
manchmal sehr aufrege, die ich ehrabschneidend und was heute an Rat gegeben wird. Nehmen wir als
verletzend finde. Es ist schwer, da richtig zu reagie- Beispiel den Euro. Die Dinge haben sich nach der
ren. Ich denke, es ist sinnvoll, solche Kritik einfach zu Einführung des Euro vollkommen anders entwi-

K. Schneider, J. Weimann, Den Diebstahl des Wohlstands verhindern,


86 DOI 10.1007/978-3-658-09495-9_8, © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2016
VIELLEICHT IST DAS DANN DER GRUND,
WARUM DIE FAZ DEN BÖRSENTEIL UND
DEN SPORTTEIL IM SELBEN BUCH HAT. DIE
FRAGE: ‚WANN KNACKT DER DAX DIE 10.000?‘
WIRD IN DEMSELBEN STIL DISKUTIERT WIE DIE
FRAGE: ‚GEWINNT BAYERN MÜNCHEN
WIEDER DIE CHAMPIONS LEAGUE?‘.

MARTIN HELLWIG
*

ckelt, als man das vorausgesehen hat. Und deshalb


muss man heute Ratschläge geben, die möglicher-
weise ganz andere sind als diejenigen, die diesel-
ben Personen gegeben haben, als man eine ganz
andere Zukunft mit dem Euro vorhergesehen hat.

SCHNEIDER/WEIMANN
Stichwort Zukunft. Ökonomen machen Prognosen, die
sich bisweilen als falsch herausstellen und besonders dafür
fangen sie sich dann von den Laien erhebliche Kritik ein.

MARTIN HELLWIG
Prognosen sind unsicher, vor allem wenn sie die
Zukunft betreffen. Und das Thema der Fehlprognose
wäre erheblich entschärft, wenn man Konfidenzin-
tervalle angeben würde, zumindest für quantitative
Prognosen. Aber Konfidenzintervalle lassen sich
nicht kommunizieren und da unsere Medien Teil
einer Unterhaltungsindustrie sind, werden nur
Punktprognosen kommuniziert und mit denen geht
man ähnlich um wie mit Sportergebnissen. Viel-

87
leicht ist das dann der Grund, warum die FAZ den die Unsicherheit reden, die mit Prognosen übli-
Börsenteil und den Sportteil im selben Buch hat. Die cherweise einhergehen. Was sind die Risiken? Wie
Frage: ‚Wann knackt der DAX die 10.000?‘ wird in könnte es aussehen, wenn diese Risiken eintreten?
demselben Stil diskutiert wie die Frage: ‚Gewinnt
Bayern München wieder die Champions League?‘. Teilweise muss man natürlich auch sagen, dass das
Ganze im Zusammenhang mit der aktuellen Krise
THIESS BÜTTNER eine Sündenbockdiskussion war. Die Politik hat viel
Ich stimme dem zu. Man sollte viel stärker auf Mist gebaut und unter anderem sind die Volkswir-
Konfidenzintervalle und ähnliches hinweisen. Aber te dann als Sündenbock herangezogen worden. Es
ich glaube auch, dass Volkswirte gar nicht so gut in hat aber auch der eine oder andere Volkswirt zu
der Prognose sind. Es gibt viele Beispiele, mit de- viele Vorhersagen gemacht und so getan, als wä-
nen man zeigen kann, dass man mit einer einfachen ren die Ergebnisse solide. Daher finde ich es gut,
statistischen Zeitreihenanalyse viel sauberer und viel dass auch die Volkswirte hinterfragt werden.
besser schätzen kann, was passieren wird, als mit
einer fundierten Analyse, die die komplexen Ent- LARS FELD
scheidungsmöglichkeiten der Akteure berücksichtigt. Mit der Kritik an Prognosen gehe ich offensiv um,
Deshalb muss man sich dem entziehen und deutlich ganz offensiv. Also mittlerweile mache ich bei den
sagen: Das können wir nicht. Und Fakt ist natür- meisten Vorträgen, in denen ich die aktuelle Prognose
lich, dass man dann weniger interessant ist. Diesen vorstelle, einen Witz darüber. Mit Prognosen liegt
Publicity-Einbruch muss man halt verkraften. man eigentlich immer daneben, egal welche Prog-
nose. Nicht nur Ökonomen, sondern alle. Die Frage
MICHAEL BURDA ist, wie weit liegt man daneben und hat man sich im
Ökonomen müssen lernen, besser zu erklären und die Zeitverlauf verschlechtert oder verbessert? Wie steht
Medien müssen uns auch mal helfen, statt immer nur man im Vergleich zu anderen Prognoseinstituten?
auf uns einzuhacken. Niemand, auch wir nicht, kann Das sind die Benchmarks. Um die Prognose herum
die Zukunft richtig prognostizieren. Es gibt Einflüsse, haben wir eine Fehlermarge, ein Konfidenzintervall.
wichtige Ereignisse, die man nicht voraussehen kann. Wir können noch einigermaßen exakt für ein halbes
Ob der Krieg in Syrien nächstes Jahr oder in diesem Jahr etwas voraussagen. Aber für das zweite halbe
Jahr vorbei ist oder ob die Ölpreise jetzt stark fallen, Jahr ist es schon deutlich schwieriger. Da sind wir
das sind Dinge, für die man, gegeben die verfügbaren schon bei Fehlermargen plus/minus 20% und das ist
Informationen, keine gute Prognose machen kann. natürlich schon enorm. Das Problem ist, dass man
Wenn man es trotzdem tut, kann das auch schiefgehen. diese Kommunikation nicht schafft. Wenn wir die
Konfidenzintervalle präsentieren, dann will die Presse
CLEMENS FUEST trotzdem diesen einen Wert. Wenn man den nicht
Wir sind keine Propheten und das versuche ich genau trifft, hat man versagt. Das ist der Kurzschluss.
auch der Öffentlichkeit zu vermitteln. Das heißt,
man sollte nicht so tun, als wüsste man, was nächs- HANS-WERNER SINN
tes Jahr passiert. Man sollte immer klar machen, Also, diese Kritik stecke ich weg. Prognosen machen
dass das Szenarien sind, von denen man nicht mit wir alle nicht gerne. In einem Wirtschaftsforschungs-
Sicherheit weiß, ob sie eintreten. Man muss über institut wird man aber dafür bezahlt, dass man mit

88
WÜRDEN DIE WETTERPROGNOSTIKER ÄNDERUNGSRATEN
DER TEMPERATUR PROGNOSTIZIEREN UND KEINE
ABSOLUTWERTE, DANN WÜRDE MAN AUCH LANGE
GESICHTER MACHEN BEZÜGLICH DER HOHEN FEHLER,
DIE DANN OFFENBAR WÜRDEN.

HANS-WERNER SINN
*

irgendwelchen Zahlen rüber kommt. Das ist ja im steigt die Unsicherheit. Wenn ich bei Vorträgen auf
Grunde keine Volkswirtschaftslehre, sondern das ist unsere Prognosen angesprochen werde, dann verweise
das Beherrschen von Spreadsheeds, das Niederlegen ich darauf, dass ich die Zahl der Arbeitslosen oder der
von in sich konsistenten Szenarien über die kurze Erwerbstätigen für die nächsten beiden Tage relativ
Frist. Modelle, die prognostisch taugen, gibt es leider präzise voraussagen kann. Aber eine Prognose für ein
nicht. Obwohl man nun schon Jahrzehnte versucht oder zwei Jahre ist natürlich wesentlich schwieriger.
hat, welche zu bauen, bleibt immer noch sehr viel
Einschätzung, Intuition dabei. Naturgemäß wirken SCHNEIDER/WEIMANN
Prognosen, jedenfalls wenn sie sich auf die Änderung Wie schneiden wir denn nun im Vergleich zu den schon
von Variablen beziehen, wenig präzise. In Wahrheit mehrfach erwähnten Prognosen der Meteorologen ab?
sind sie natürlich schon präzise. Wenn wir sagen, „das
Wachstum ist anderthalb Prozent“ und in Wahrheit WOLFGANG WIEGARD
kommt null Wachstum raus, haben wir das Sozialpro- Wenn man einen Meteorologen nach einer Wetterpro-
dukt um anderthalb Prozent verschätzt. Das ist ja nicht gnose für ein Jahr fragen würde, würde der einen ge-
viel, nicht? Aber man denkt, das ist ein riesiger Fehler. radezu auslachen. Insofern sind unsere Prognosen mit
Würden die Wetterprognostiker Änderungsraten der Fehlern behaftet, aber eigentlich gar nicht so schlecht.
Temperatur prognostizieren und keine Absolutwer-
te, dann würde man auch lange Gesichter machen LARS FELD
bezüglich der hohen Fehler, die dann offenbar würden. Die Meteorologen haben genau die gleichen Schwierig-
keiten wie wir: Wenn Turbulenzen auftreten, liegen sie
WOLFGANG WIEGARD manchmal völlig daneben. Plötzlich kommt ein schwe-
Naja, klar, diese Kritik kommt immer wieder. Ich rer Sturm und der Deutsche Wetterdienst hat es nicht
denke, es ist naiv zu glauben, dass man Punktprogno- erkannt. Dann wird er auch mal dafür geprügelt. Aber
sen genau machen kann. Jede Wissenschaft muss mit deren Prognosen beziehen sich nur auf die nächsten
Konfidenzintervallen arbeiten und ein gutes Beispiel 3 oder 4 Tage. Wir müssen über ein Jahr im Voraus
sind in der Tat die Wetterprognosen, die man jeden etwas vorhersagen und werden viel heftiger geschlagen
Tag im Fernsehen sieht über zwei, drei Tage. Schon da als die anderen. Das hat auch damit zu tun, dass es poli-

89
90
WENN MAN EINEN METEOROLOGEN NACH EINER WETTERPROGNOSE
FÜR EIN JAHR FRAGEN WÜRDE, WÜRDE DER EINEN GERADEZU AUSLACHEN.
INSOFERN SIND UNSERE PROGNOSEN MIT FEHLERN BEHAFTET,
ABER EIGENTLICH GAR NICHT SO SCHLECHT.

WOLFGANG WIEGARD
*

tische Interessen gibt, die die Fehlprognosen benutzen, AXEL BÖRSCH-SUPAN


um zu belegen, dass die Ökonomen nichts wissen und Das ist ein ganz großer Fehler unserer Profession,
keine Ahnung haben. Erst wenn die Diskussion ernster dass sie sich überhaupt auf diese Prognosen einlässt.
wird, kann man anbringen, dass wir wesentlich besser Einige versuchen ja, damit Geld zu machen und das
Wenn-Dann-Aussagen treffen können, als Punkt-Pro- ist sicher ein ganz großer Fehler. Ich denke ganz ge-
gnosen abzugeben. Wir können ziemlich genau sagen, nerell, dass das, was Ökonomen wirklich können, un-
was passiert, wenn der Politiker eine bestimmte ser Bild in der Öffentlichkeit nicht bestimmt. Letztlich
Politik umsetzt. Für solche bedingten Aussagen sind sind wir Verhaltensforscher. Meine Frau ist Biologin.
die Bandbreiten der Vorhersagen deutlich geringer. Oft sagt sie mir ganz großzügig, dass wir ja eigentlich
ein kleiner Ast der Biologie sind. Und dieses Ver-
ALFONS WEICHENRIEDER ständnis ist mir nicht fremd und beschreibt, worin wir
Wir könnten uns aber durchaus etwas abschauen wissenschaftlich am besten sind. Bestimmte Dimensi-
von den Meteorologen. Der Wetterbericht ist auch onen menschlichen Verhaltens, nämlich die ökonomi-
nicht immer richtig und da kann man doch sehen, schen Dimensionen, können wir wirklich gut erklären.
dass es möglich ist, auch einem breiten Publikum Wir können sehr gut erklären, wie Menschen auf
die Unsicherheit in der Prognose zu verdeutlichen. Anreize reagieren. Wir vermitteln den Menschen aber
Man bekommt heute im Wetterbericht im Fernsehen nicht, was wir tun. Das tun dann die Wirtschafts-
eben nicht nur die wahrscheinlichste Temperatur forschungsinstitute, die die Gemeinschaftsdiagnose
oder den Erwartungswert der morgigen Tagestem- abliefern, was, wie viele der Wirtschaftsforschungs-
peratur präsentiert, sondern man kriegt inzwischen institute selber zugeben, eigentlich nicht ihr Ge-
auch Konfidenzintervalle genannt. Das ist in der schäft ist. Dadurch denken sie berühmt zu werden,
Ökonomie nicht der Fall und man könnte darüber aber tatsächlich werden wir dadurch berüchtigt.
diskutieren, ob das der Fall sein sollte. Ich denke, man
macht einen Fehler, wenn man auf diese Unsicher- WOLFGANG FRANZ
heiten der eigenen Prognosen zu wenig hinweist. Das ZEW7 hat, als ich Präsident war, keine Kon-
junkturprognosen mehr gemacht, weil ich gesagt
SCHNEIDER/WEIMANN habe, da gibt es so viele Institutionen, die Prog-
Muss man eigentlich unbedingt Prognosen machen? nosen in Deutschland machen, da muss das ZEW 7
Zentrum für Europäische
Geht es nicht ohne? jetzt nicht auch noch eine Prognose machen. Und Wirtschaftsforschung

91
EINERSEITS WOLLEN DIE MEDIEN EINDEUTIGE AUSSAGEN, WOLLEN NICHT DEN
„TWO-HANDED ECONOMIST“, DER IMMER SAGT: „AUF DER EINEN SEITE IST ES SO,
AUF DER ANDEREN SEITE IST ES ANDERS.“ SIE WOLLEN KLARE AUSSAGEN. ABER
WENN ES DANN HINTERHER DOCH ANDERS KOMMT, DANN PRÜGELN SIE AUF DIE
GESAMTE PROFESSION EIN. DANN WERDEN ALLE MIT IN HAFTUNG GENOMMEN.

WOLFGANG BUCHHOLZ
*

dann muss man ja auch höllisch aufpassen – jetzt war auch so eine einmalige historische Situation – einen
scherzhaft gesagt –, dass man da 0,1% niedri- solchen Konjunktureinbruch wie 2009 hat es in der
ger oder höher ist als die anderen; sonst kriegt Geschichte der Bundesrepublik noch nie gegeben.
man die Schlagzeile im Handelsblatt nicht.
STEFAN HOMBURG
JUSTUS HAUCAP Als Volkswirt kann man guten Gewissens über die
Ich weiß nicht. Das DIW hat vor einiger Zeit ge- nächsten drei/vier Monate irgendwas sagen. Da nimmt
sagt: „Wir hören jetzt auf mit den Prognosen.“ man einfach die vorlaufenden Indikatoren wie den
Darüber hat man sich dann auch lustig gemacht. ifo-Index. Wenn man aber sagt, im nächsten Jahr wird
das Wachstum so und so hoch sein, ist das eigentlich
WOLFGANG FRANZ keine wissenschaftliche Tätigkeit mehr. Ich habe das
Naja, so einfach ist es auch nicht. Zunächst mal steht immer explizit abgelehnt, war dafür auch bekannt.
das im gesetzlichen Auftrag des Sachverständigenra- Ich habe nie eine Prognose gemacht und habe mir
tes. Also, ich hätte kein Problem damit gehabt, wenn deswegen auch nie die Finger schmutzig gemacht.
die Bundesregierung zum Sachverständigenrat gesagt
hätte, dass er jetzt keine Prognosen mehr zu machen SCHNEIDER/WEIMANN
braucht. Wenn die Leute mich darauf ansprechen, sag Was ist, wenn die Kritik von den Medien kommt?
ich immer: „Jeder von Ihnen weiß, dass eigentlich die
Zukunft prinzipiell nicht vorhersagbar ist.“ Trotzdem WOLFGANG BUCHHOLZ
schauen die Leute jeden Abend im Fernsehen den Wet- Einerseits wollen die Medien eindeutige Aussagen,
terbericht, sie gehen zum Arzt, lassen sich da eine Pro- wollen nicht den „two-handed economist“, der immer
gnose über den Verlauf einer Krankheit erstellen. Und sagt: „Auf der einen Seite ist es so, auf der ande-
ich versuche zu erklären, dass man Prognosen halt nur ren Seite ist es anders.“ Sie wollen klare Aussagen.
auf der Grundlage der Informationen machen kann, die Aber wenn es dann hinterher doch anders kommt,
man hat. Jeder von uns macht jeden Tag mehrere Pro- dann prügeln sie auf die gesamte Profession ein.
gnosen und manchmal gehen die dann auch daneben. Dann werden alle mit in Haftung genommen und
Natürlich haben wir uns im Jahr 2008 in der Prognose das finde ich ehrlich gesagt nicht wirklich fair.
für 2009 nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Aber das

92
CHRISTOPH SCHMIDT durch. In der Regel hat der Politiker eine Agenda
Da gibt es Redakteure und Journalisten, die die öko- mit bestimmten Meinungen und Überzeugungen.
nomischen Argumente sehr wohl verstehen. Dann Und dann kommt ein Experte, der aufgrund seines
gibt es aber auch solche, mit denen unterhält man Sachverstandes diese Meinung oder diese Überzeu-
sich eine Stunde und die entscheidende Frage wurde, gung nicht bestätigen kann. Und was macht der Po-
wie das Produkt zeigt, grundsätzlich missverstan- litiker jetzt? Also, er ist ja nicht da, um Expertenwis-
den. Man muss sich aber immer auch selbst fragen, sen umzusetzen, deshalb ist er ja nicht in die Politik
ob man selber klar genug kommuniziert, und nicht gegangen. Er will ja keine Umsetzungsmaschine
daran verzweifeln, wenn es nicht geklappt hat. für das Wissens und die Einsichten der Experten
sein. Also hält er dagegen. Und das ist ja legitim.
SCHNEIDER/WEIMANN
Würden Sie denn die Kritik an den Ökonomen als meistens SCHNEIDER/WEIMANN
unberechtigt beschreiben? Besonders hart war die Kritik daran, dass die Ökonomen
die Finanzkrise nicht vorausgesehen haben. War das eine
THIESS BÜTTNER berechtigte Kritik?
Nein. Ich denke, dass ein Teil der Kritik insofern
gerechtfertigt ist, als man sich mit der Ökonomie oft CLEMENS FUEST
zu weit herausgewagt hat. Aussagen gemacht hat, die Ich glaube, die Volkswirte haben in der Tat auch
letztendlich nicht hinreichend fundiert waren. Mir Fehler gemacht. Wir haben bestimmte Entwick-
fällt dazu das Wort Hybris ein. Man hat zumindest lungen vielleicht zu wenig besprochen, wie zum
in der längeren Vergangenheit versucht, sehr genaue Beispiel den starken Einfluss des Finanzsektors
Aussagen zu treffen und den Anschein zu erwecken, als auf die Konjunktur. Das muss man positiv auf-
könnte man eine Wirtschaft präzise steuern. Gerade nehmen, damit habe ich eigentlich kein Problem.
im makroökonomischen Bereich, denke ich, ist in den Also ich finde die Debatte eher erfrischend.
60er, 70er Jahren dadurch sehr viel kaputtgegangen.
WOLFGANG BUCHHOLZ
SCHNEIDER/WEIMANN Also das, was nach der Finanzkrise gegen Ökono-
Was ist, wenn der Laie, der kritisiert, ein Politiker ist? men vorgebracht wurde, war maßlos übertrieben
und verfehlt. Es wurden schlicht und einfach fal-
KAI KONRAD sche und unrealistische Maßstäbe angewendet.
Tja, Meinungsbildung ist halt eine Auseinanderset-
zung. Ich gehe davon aus, dass Leute, die sich in den KARL-HEINZ PAQUÉ
politischen Prozess einmischen, als Politiker oder Ich stimme zu, das war natürlich vollkommen
als Journalisten oder in anderer Funktion, intrin- überzogen. Aber eins muss man doch feststel-
sisch motiviert in die Politik gegangen sind. Weil sie len: Wir haben diese Schieflage der letzten
gestalten wollten und nicht nur wegen der hohen Dekade, die schließlich eine globale Finanzkri-
Gehälter, die da bezahlt werden. Ich vermute, dass se ausgelöst hat, in ihrer Dramatik nicht er-
es tatsächlich ein wichtiges Selektionskriterium ist, kannt. Da müssen wir doch ganz ehrlich sein.
Spaß daran zu haben, etwas zu bewirken – nur dann
setzt man sich im Wettbewerb um Posten und Ämter

93
PORTRAIT

Prof. Dr. Stefan Homburg

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich nicht falsch, aber es ist sehr hilfreich für sie mit ihrer Zielrichtung kompatibel
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- wissenschaftliche Tätigkeit mal hinter sind. So würde also die FDP nicht Herrn
schaftlichen Arbeit? die Kulissen geschaut zu haben. Das Horn einladen, weil der schlicht inkom-
Keinen. Null. heißt, die Adressaten meiner Beratung patibel ist, und die Linkspartei würde
waren, ohne dass ihnen das so klar war, mich nicht nominieren oder einladen.
Sie hatte früher einen sehr hohen Stellen- auch immer meine Forschungsobjekte.
wert, so ab Mitte der 90er Jahre, das kulmi- Sie haben viel mit Politik zu tun gehabt.
nierte dann Anfang des 21. Jahrhunderts, Würden Sie Ihre Beratertätigkeit als Welches Verhältnis hat sich für Sie persönlich
bröckelte dann ab und inzwischen gehört parteiübergreifend beschreiben? dadurch zur Politik ergeben und könnten Sie
das nicht mehr zu meinen Tätigkeiten. Schwierig, also ich war immer stolz, wenn sich vielleicht auch vorstellen, die Seite zu
ich zum Beispiel bei Anhörungen von allen wechseln und doch in die Politik zu gehen?
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz eines Parteien Fragen bekommen habe. Also Nein, also eine wesentliche Lebenserfah-
Problems bedeutsam auch bei der Auswahl auch Linkspartei und Grüne haben mir rung, die ich aber im Grunde schon als
Ihrer Forschungsgegenstände? Fragen gestellt, die SPD sowieso. Die meis- Schüler gemacht habe, ist die, dass ich
Nein, also mein Beruf ist ja wissenschaft- ten Fragen habe ich von Union und FDP vollkommen Politik-inkompatibel bin.
liche Arbeit über finanzwissenschaftliche, bekommen und diese beiden Parteien waren Erst mal bin ich aufgrund meiner inne-
steuerliche Fragen. Das hab ich so gewählt. es regelmäßig auch, die mich nominierten. ren Unabhängigkeit schlecht wählbar.
Es hat sich dann mehr oder weniger zufäl- Die wollen nicht einen guten Menschen,
lig ergeben, dass Politiker auch an solchen Man wird nicht einfach so eingeladen, sondern die wollen jemanden, der ihre
Themen interessiert waren. Ich habe sie be- weil die Politik meint, sie hätte ein Wis- Interessen vertritt, komme was da wolle.
raten, aber heute mache ich das nicht mehr. sensdefizit – das ist eher eine Illusion, der Zweitens – das ist der wichtigere Punkt
manche Wissenschaftler erliegen – sondern – muss man eben auch der richtige Typ
Sind Sie in die Politikberatung gegangen, die Politik erhofft sich Unterstützung. sein. Man muss zum Beispiel gerne mit
weil Ihnen die Wissenschaft zu wenig war? Sei es, weil man in öffentlichen Anhörun- anderen Leuten zusammen sein und zwar
Nein, das Hauptmotiv war, sich das Objekt gen sagt „das ist ein guter Gesetzesvor- praktisch den ganzen Tag lang. Das ist
meiner Forschung im Original anzuse- schlag“, unterstützende Zeitungsartikel für mich die wesentliche Hemmschwelle,
hen. Das hat auch sehr viel an Einsichten schreibt oder in Hintergrundgesprächen für mich völlig unvorstellbar. Ein gelun-
gebracht. Politik funktioniert anders als mit Journalisten sagt: „Das ist eigentlich gener Tag sieht für mich so aus, dass ich
man denkt, wenn man nur Zeitung liest. ein guter Weg“. Und deshalb suchen die irgendwas Interessantes lese und abends
Das was in der Zeitung steht, ist zwar nach Parteien gezielt solche, in Gänsefüßchen, klüger bin als morgens und nicht, dass ich
meinem Eindruck und meiner Erfahrung „Experten“, von denen sie meinen, dass zwölf Stunden mit irgendwelchen Leu-

94
„Man wird nicht einfach so eingeladen, weil die Politik
meint, sie hätte ein Wissensdefizit – das ist eher eine
Illusion, der manche Wissenschaftler erliegen – sondern
die Politik erhofft sich Unterstützung.“

ten quatsche, ständig mit dem Auto übers man, anders als bei den Anhörungen, Falls sich die Leser dieses Interviews daran
Land fahre und immer denselben Vortrag nicht einen Tag dabei und verschwand nicht erinnern: Ein halbes Jahr später kam
halte. Ich bin vor über zehn Jahren gefragt dann wieder, sondern man war in die Große Koalition Nummer 1. Die hat alle
worden, ob ich Minister werden wollte. einem einjährigen Prozess mittendrin Ergebnisse der Föderalismuskommission
Damals war ich noch nicht so entschieden, dabei. Dabei ging es um große Fragen, aus der Schublade geholt, einschließlich
habe mich mit meiner Frau beraten, die um Änderungen des Grundgesetzes. Länderautonomie bei der Beamtenbesol-
mir abgeraten hat. Heute wäre das anders. Allerdings ist das komplett gescheitert – dung, Aufhebung des Ladenschlussgesetzes
Wenn ich heute einen Anruf bekäme, ob und damit hätte ich auch ein Beispiel für und so weiter und hat das alles umgesetzt.
ich Minister werden will, egal welches die größte Enttäuschung. Auf der letzten Das war dann wieder schön, ja.
Ministerium es ist, würde ich ohne irgend- Sitzung der Föderalismuskommission I,
eine Nachdenkzeit sagen: „Mach ich nicht!“ stellte der Politiker, der die Vorschläge Warum haben Sie sich dann entschieden
am stärksten hintertrieb, intern und bei auszusteigen?
Gibt es besonders angenehme oder geschlossener Tür fest, dass das Ganze Man kann nicht sagen, dass ich ausgestie-
unangenehme Dinge, an die Sie sich erinnern? gescheitert sei. Es sei gescheitert, weil gen bin, sondern alle handelnden Perso-
Also kann ich ganz klar sagen: Das man die 2/3 Mehrheiten in Bundestag nen, die für mich irgendwie interessant
Angenehmste… oder da habe ich und Bundesrat nicht mobilisieren waren, sind nicht mehr politisch tätig; sie
sogar mehrere. Der Höhepunkt bei könne. Und dann, als die Tür aufging, sind alle Frau Merkel und dem Stillstand
der Tätigkeit in der Politikberatung stellte er sich mit Krokodilstränen vor zum Opfer gefallen, wenn man so will.
war die Mitgliedschaft in der die Kamera und gab bekannt, dass es
Föderalismuskommission I. Dort war leider, leider nichts geworden sei.

95
96
PROF. DR. STEFAN HOMBURG

Geburt
1961 in Hellersen

Ausbildung
Studium zum Dipl.-Volkswirt, Universität zu Köln

Wichtige berufliche Stationen


Wissenschaftlicher Mitarbeiter bzw. Assistent, Universität zu Köln 1985 - 1989
Akademischer Rat, Universität Dortmund 1989 - 1990
Professor, Universität Bonn 1990 - 1992
Professor, Universität Magdeburg 1992 - 1997
Professor, Universität Hannover seit 1997

Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Öffentliche Finanzen, insbesondere Steuern,
Finanzausgleich, soziale Sicherung, Makroökonomik

Wichtigste Positionen in der Politikberatung


Wissenschaftlicher Beirat beim BMF 1996 - 2003
Föderalismuskommission von Bundestag und Bundesrat 2003/04
Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) der Bundesregierung 2004 - 2007

Wo er am liebsten in der Nationalelf spielen würde


Torwart – weil jemand aufpassen muss, dass nichts anbrennt.

Der Lieblingsgegenspieler aus der Politik


Gerhard Schröder: ist intelligent und lernfähig.

97
PORTRAIT

Prof. Dr. Justus Haucap


Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich Deutschland zurückkam, hatte ich durch das leider abgenommen. Vielleicht gibt
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- die Arbeit im Ministerium gewissermaßen es beim Wirtschaftsrat der CDU und bei
schaftlichen Arbeit? eine andere Brille auf. Ich war viel stärker der FDP ein paar mehr Leute, die sich
Für mich hat die Politikberatung einen auf die Relevanz der Frage fokussiert. für wettbewerbspolitische Themen inte-
sehr hohen Stellenwert. Ich sehe das ein In meinen Arbeiten gibt es immer einen ressieren als bei anderen Parteien. Man
bisschen wie Herbert Giersch: Wir sind sehr starken Deutschlandbezug. Daher kann aber wirklich nicht sagen, dass das
vom Steuerzahler bezahlt. Dafür bilden wir wurde ich auch für die Monopolkom- an einer Partei hängt. Mein Ziel war es
natürlich zum einen Studenten aus, aber mission interessant. Denn dafür kann immer, Inhalte durchzubringen und nicht
zum anderen haben wir eine Bringschuld, man sich nicht bewerben, sondern man Parteien im Wahlkampf zu unterstützen.
die darüber hinausgeht. Die erschöpft wird vom Ministerium angesprochen.
sich nicht darin, Forschung um der For- Sie haben viel mit Politik zu tun. Welches Ver-
schung wegen zu machen, sondern unsere Wann war für Sie der Punkt gekommen, an hältnis hat sich für Sie persönlich dadurch zur
Arbeit muss auch über die wissenschaft- dem Sie gesagt haben: „Okay, jetzt bin ich aus Politik ergeben und könnten Sie sich vielleicht
liche Community hinaus wirksam sein. dem Elfenbeinturm raus und drin im Leben?“ auch vorstellen, die Seite zu wechseln und in die
Gut, mit der Monopolkommission, das Politik zu gehen?
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz eines war ein Glücksfall. Als mir das ange- In der Politik hängt es natürlich sehr an den
Problems bedeutsam auch bei der Auswahl tragen wurde, habe ich nicht eine Se- Personen. Aber es kommt drauf an, was für
Ihrer Forschungsgegenstände? kunde darüber nachgedacht. Das war ein Job das wäre. Was ich mir ganz schwer
Ja, meine Arbeit ist sehr stark dadurch 2006. Aber die Verbindung zur Politik vorstellen könnte, wäre ein Abgeordneter
geleitet. Und das war auch schon immer hat mich immer sehr interessiert. zu sein, der am Wochenende Tennisplätze
so. Ich habe Volkswirtschaftslehre stu- einweiht. Natürlich gibt es sehr unter-
diert, weil ich mich für Politik interessiert Würden Sie Ihre Beratertätigkeit als par- schiedliche Rollen. Wenn man sieht, was
habe. Daneben hat man natürlich so seine teiübergreifend beschreiben? Lars-Hendrik Röller8 macht, dann ist der als
Hobbies. Ich beschäftige mich gern auch Na ja, man entwickelt gewisse Vorstellun- Wissenschaftler jetzt natürlich in der Politik.
mit Fragen, die vielleicht nicht so ultimativ gen und es gibt bestimmte Parteien, die Er muss aber keinen Wahlkampf veranstal-
relevant für die Wirtschaftspolitik sind. diese Vorstellungen stärker unterstützen. ten. Wahlkampf zu betreiben, wäre nicht
Mein Thema ist Wettbewerb. Da gibt es meine persönliche Neigung. Wenn man sich
Sind Sie in die Politikberatung gegangen, keine Partei, die dieses Thema natürlicher- aber anschaut, was ein typischer Staatssekre-
weil Ihnen die Wissenschaft zu wenig war? weise vertritt, sondern es gibt in fast allen tär macht, ist das wiederum etwas anderes.
Nach meiner Promotion habe ich zunächst Parteien Leute, die sich für diese Themen Das könnte ich mir durchaus vorstellen.
zwei Jahre in Neuseeland in der dortigen interessieren und auch ähnliche Sichtweisen
Treasury, dem Finanzministerium, ge- haben wie ich – mit Ausnahme der Linken. Gibt es besonders angenehme oder unangenehme
arbeitet. Ich war also mittendrin, war im Auch bei den Grünen gibt es nicht wenige, Dinge, an die Sie sich erinnern?
politischen Prozess und merkte, dass mir das die sich für wettbewerbspolitische Themen Da gibt es wohl niemanden in der Politik-
viel Spaß macht. Aber auch schon während interessieren und auch verstehen, dass beratung, der nicht manchmal enttäuscht
meines Studiums war ich immer ein sehr Wettbewerb ein Entmachtungsinstrument ist. Aber das hängt auch davon ab, wel-
politisch interessierter Student. Als ich nach ist. In der SPD, das ist mein Eindruck, hat che Erwartungen man darüber hat, wie

98
PROF. DR. JUSTUS HAUCAP

Geburt
FOTO: PRIVAT
1969 in Quakenbrück

Ausbildung
Abschluss als Dipl.-Volkswirt, Universität des Saarlandes 1993
Dr. rer. pol., Universität des Saarlandes 1997
Habilitation, Universität der Bundeswehr Hamburg 2003
„Am frustrierendsten ist es, wenn die
Wichtige berufliche Stationen
Leute einfach nicht verstehen, was Analyst in der New Zealand Treasury, Wellington 1997 - 1999
man meint. Wenn sie einen entweder Professor für Wirtschaftspolitik, Ruhr-Uni Bochum 2003 - 2007
Professor für Wirtschaftspolitik, Uni Erlangen-Nürnberg 2007 - 2009
nicht verstehen wollen oder manchmal Direktor des DICE, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf seit 2009

auch offensichtlich nicht können.“ Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Wettbewerbstheorie und -politik, Regulierungsökonomik
(insbesondere Energie und Telekommunikation),
Ökonomie und Soziologie der Ökonomen in Deutschland
schnell auf Vorschläge reagiert wird. Wenn
man auch mit kleinen Erfolgen zufrieden Wichtigste Positionen in der Politikberatung
ist, dann kann man sich daran durchaus Mitglied der Monopolkommission 2006 - 2014
erfreuen. Was haben wir in der Monopol- Mitglied des Kronberger Kreises seit 2012
kommission erreicht? Ich würde sagen: Mitglied der Enquete-Kommission „Neue Energie für Berlin“
„Endlich, nachdem wir das Lied lange rauf des Berliner Abgeordnetenhauses 2014/15
und runter gesungen haben, haben wir jetzt Mitglied des Wissenschaftlichen Arbeitskreises für
einen liberalisierten Busverkehr in Deutsch- Regulierungsfragen (WAR) der Bundesnetzagentur (seit 2015)
land.“ Darüber freue ich mich wirklich.
Am frustrierendsten ist es, wenn die Leute Wo er am liebsten in der Nationalelf spielen würde
einfach nicht verstehen, was man meint. Mittelstürmer: weil ich gerne Tore schieße.
Wenn sie entweder nicht verstehen wollen
oder manchmal auch offensichtlich nicht Der Lieblingsgegenspieler aus der Politik
können. Man versucht, Zusammenhänge zu Gregor Gysi – weil er schlagfertig und intelligent ist,
erklären und dringt manchmal einfach nicht aber in vermutlich in allen Punkten völlig anderer Auffassung ist als ich.
durch und weiß nicht mehr, wie man es noch
erklären soll. Bestimmte Politiker verste- •
hen nicht ansatzweise, wovon man redet.
8
Prof. Lars-Hendrik Röller ist
ökonomischer Berater im Bundeskanzleramt.

99
Hat sich die Bedeutung der
ökonomischen Politikberatung
über die Zeit verändert? Hat sich
der inyuss der Wissenschaft auf
die Politik verändert?

RONNIE SCHÖB weil die Politiker, insbesondere wenn sie jünger sind,
Ich glaube, das ist eine Frage, die man nicht beant- ein ideologisches Sendungsbewusstsein haben. Das
worten kann. Wissenschaft und Politik leben in einem verfolgen sie dann – und dann kommt lange nichts. Die
permanenten Spannungsverhältnis. In diesem Span- Überlegung ist also, ob der Vorschlag eher schadet oder
nungsverhältnis gibt es Phasen, in denen es eine engere nützt. Wenn zu befürchten ist, dass der Vorschlag eher
Kooperation gibt und Phasen, in denen die Politik schadet, dann kann der Vorschlag noch so gut sein, er
die Wissenschaft ignoriert oder die Wissenschaft wird nicht umgesetzt. Ich habe in Österreich vehement
sich auch umgekehrt manchmal ignorant gegenüber versucht, die Abwrackprämie, diesen herrlichen
politischen Zwängen zeigt. Das ist ein Auf und Ab, Unsinn aus Deutschland, zu bekämpfen – und war
ich würde da keinen klaren Trend ausmachen. dabei sogar ein bisschen erfolgreich. Erst wollte man
genau das gleiche deutsche Modell übernehmen, dann
FRIEDRICH BREYER wurde es mit einer geringeren Zahlung und einer
Es ist aber sicher nicht besser geworden. wesentlich kürzeren Zeitdauer umgesetzt. Natürlich
war den Politikern klar – und das haben sie mir
WOLFGANG WIEGARD auch so gesagt –, dass meine Bedenken begründet
Ehrlich gesagt, war der Einfluss von externen Gremi- waren. Aber, so ein Politiker: “Wenn ich mich jetzt
en, dazu rechne ich den Sachverständigenrat und auch dagegen ausspreche, habe ich sofort den ÖAMTC (der
die Wirtschaftsforschungsinstitute, auf die praktische Österreichische Automobil Club) gegen mich und mit
Politik in Deutschland doch noch nie so wirklich hoch. denen lege ich mich nicht an. Wenn die alle geschlossen
Und das hat sich eigentlich auch in den letzten Jahren, gegen mich schießen, das überlebe ich nicht.“
nach meiner Wahrnehmung, nicht wirklich verändert.
AXEL BÖRSCH-SUPAN
FRIEDRICH SCHNEIDER Ganz generell hat die Politik natürlich ihre eigene
Dem würde ich zustimmen. Unser Einfluss auf die Logik, die völlig wissenschaftsfremd ist und deswegen
Politik war und ist einfach nicht sonderlich groß, gab es genauso in den 50er, 60er Jahren große Enttäu-

K. Schneider, J. Weimann, Den Diebstahl des Wohlstands verhindern,


100 DOI 10.1007/978-3-658-09495-9_9, © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2016
schungen wie heute. Die Politik folgt halt nicht immer politischen Interessen zu Pass kommt. Wenn nicht,
dem Ratschlag aus der Wissenschaft. Das hat sich nicht dann besteht gerade bei Politikern die Neigung oder
grundsätzlich geändert. Ich glaube, der Einfluss wird die Fähigkeit, gewisse Sachen schlicht und einfach nicht
im Augenblick, und auch früher, wechselweise über- hören zu wollen. Man tut heute so, als hätte die Wis-
und unterschätzt. Allerdings ist die Beratungsszene senschaft größeren Einfluss auf die Politik. Ich glaube,
sehr viel effizienter geworden. Die Wissenschaftler ha- die interessengeleitete Nutzung wissenschaftlicher Er-
ben echte Konkurrenz durch kommerzielle Beratungs- kenntnisse ist nach wie vor hoch, vielleicht heute sogar
institute und das auch zum großen Teil – da setze ich noch höher als früher. Früher gab es parteinahe Institu-
mich aber gleich in die Nesseln bei meinen Kollegen – tionen, gewerkschaftsnahe Institutionen, arbeitgeber-
völlig zu Recht. Die Kommerziellen gehen anders vor. nahe Institutionen. Da hatte ich immer das Gefühl, die
Sie arbeiten schneller, aber dafür natürlich oberflächli- verkünden ihren Standardsermon und das Ganze lief
cher. Aber vieles muss in der Politik schnell gehen und eigentlich friedlich ab. Dass da von der Wissenschaft
da können viele der Beiräte nicht schnell genug liefern. grundsätzlich neue Dinge ins Spiel gebracht worden
sind, das war kaum der Fall. Gut, das hat sich in den
SCHNEIDER/WEIMANN letzten Jahren schon ein bisschen geändert. Und wenn
Aber gerade wenn große Entscheidungen anstehen, dann ich gerade an den Gesundheitsfonds von Wolfram
kann Zeit doch nicht das Argument gegen gute Beratung Richter denke, so war das einfach eine gut nutzbare
sein, oder? Idee, bei der man auch eigene Interessen unterbringen
konnte. Vor allen Dingen aber konnte man sugge-
LARS FELD rieren, dass man etwas Neues macht. Damit konnte
Nein, immer wenn große Weichenstellungen anstan- man einen gewissen Überraschungseffekt erzielen.
den, hat man auf Konzepte des Rates und der Beiräte
zurückgegriffen. Wobei sich der Einfluss gerade der WOLFRAM RICHTER
Beiräte mit der Bedeutung der jeweiligen Ministerien Also, ob das jetzt besser geworden ist, das ist schwer
ändert. Auch wenn einige das nicht so gerne hören, der zu sagen. Die Gebiete, die mir in der Vergangenheit
Finanzbeirat hat über die Zeit deutlich an Einfluss ge- persönlich am Herzen gelegen haben, ich will nur
wonnen und der Wirtschaftsbeirat an Einfluss verloren. Stichworte nennen, Gesundheitsfonds, Studiengebüh-
Das korrespondiert aber mit der Bedeutung der jewei- ren, Kilometerpauschale oder Gemeinnützigkeit, also
ligen Ministerien. Und da hat sich ja einiges geändert. da könnte man schon ein bisschen depressiv werden.
Denken Sie nur an die geld- und währungspolitischen Es gab eine Zeit, da hatte ich den Eindruck, Vorschläge
Funktionen, die ja schon unter Schmidt in den 70ern der Wissenschaft finden Resonanz und es gab Berei-
vom Wirtschafts- ins Finanzministerium wechselten. che, wo sich Dinge in eine von mir begrüßte Richtung
entwickelten. Im Augenblick habe ich leider eher den
SCHNEIDER/WEIMANN Eindruck, es wird zurückgerudert. Wo man hinschaut,
Das wäre ja aber ein nachvollziehbares Auf und Ab, oder? es geht zurück. Aber aus dieser einen Welle, der
Konjunkturwelle der Beratung, auf einen langfristigen
WOLFGANG BUCHHOLZ Trend zu schließen, ist sehr schwierig. Im Augenblick
Ich habe da nicht so eine positive Einstellung. Der fallen wir jedoch hinter frühere Positionen zurück.
Einfluss ist doch immer dann erstaunlich hoch, wenn
das, was die Wissenschaftler empfehlen, bestimmten

101
SCHNEIDER/WEIMANN das Handeln verändert. Es ist aber eher unwahrschein-
Sind die Fragen, mit denen wir uns befassen müssen, viel- lich. Wahrscheinlicher ist, dass man über Publikationen
leicht schwieriger geworden? in verschiedenster Form, in Form von Gutachten oder
Artikeln in Fachzeitschriften, aber auch in Form von
THIESS BÜTTNER Meinungsbeiträgen in Zeitungen, auf sehr indirektem,
Ja, die Fragen sind heute schwieriger geworden. Neue schwer messbarem Wege Einfluss nehmen kann.
Fragen sind aufgetaucht und für viele neue Fragen
muss man erst prüfen, ob man überhaupt vernünftige CARL CHRISTIAN VON WEIZSÄCKER
Antworten liefern kann. In den traditionellen Gebie- Ja, der Einfluss ist heute stärker durch die öffentliche
ten der Steuerpolitik kann die Politikberatung immer Diskussion geprägt als durch die unmittelbare Bera-
noch sehr viel leisten und sie tut das auch. Aber auch tungstätigkeit im Rahmen von Gremien oder Gutach-
dort sind neue Fragen aufgetaucht, die viel schwie- tenaufträgen für die Exekutive. Aber wenn es dann
riger zu beantworten sind. Ein Thema ist sicherlich mehr auf Details ankommt, ist die Öffentlichkeit nicht
die internationale Integration. Die für Deutschland so sehr interessiert und dann sind die beratenden Gre-
relevante Politik wird nicht nur in Berlin und Brüssel mien natürlich doch von Bedeutung. Aber was so das
gemacht, sondern an ganz verschiedenen Orten. Das Große und Ganze betrifft, also wie stellt man sich zur
hat sicherlich auch die Politikberatung stark verändert. Europolitik, das ist eine öffentliche Diskussion. Ökono-
men spielen in dieser Diskussion eine große Rolle, aber
SCHNEIDER/WEIMANN insbesondere durch Äußerungen in der Öffentlichkeit.
Vielleicht sind es auch gar nicht die Fragen, die schwieri-
ger geworden sind, vielleicht sind es auch die Antworten? SCHNEIDER/WEIMANN
Hat sich die Qualität der Beratung verändert?
CLAUDIA BUCH
Forschung und Beratung sind heute sicherlich sehr CLEMENS FUEST
viel stärker empirisch orientiert. Es ist in meinen Ja, sie ist gestiegen und das hat auch mit der Evalu-
Augen wichtig, Methoden und Herangehensweise ierung der Wirtschaftsforschungsinstitute zu tun.
der evidenzbasierten Wissenschaft gut zu erläu- Ob das dann zu mehr Einfluss führt, ist eine andere
tern. Denn oft ist die Evidenz nicht eindeutig. Die Frage. Ich denke aber schon, dass der Einfluss der
Antwort lautet dann nicht einfach „richtig“ oder wirtschaftspolitischen Beratung erheblich ist. Aber
„falsch“, auch wenn in der öffentlichen Diskussi- wirtschaftspolitische Beratung wirkt immer mit
on oft nach einfachen Antworten gesucht wird. Verzögerung. Wenn wirtschaftspolitische Themen
von Ökonomen immer wieder diskutiert werden,
CHRISTOPH SCHMIDT immer wieder vorgetragen und mit Zahlen be-
Also, wir versuchen, Argumente vorzubringen, Ana- legt werden, hat das schließlich einen Einfluss. Die
lysen bereitzustellen und zu transportieren. Und man Politik kann sich dem auf Dauer nicht entziehen.
stellt sich dabei vor, einem Mitglied der Administrati-
on, dem Ministerialrat oder dem Staatssekretär, direkt SCHNEIDER/WEIMANN
ein Argument vorzutragen in der Erwartung, dass Warum ist die Qualität der Beratung heute besser?
dieses Argument verstanden und akzeptiert wird und

102
KLAR, ES GIBT AUCH FÄLLE, IN DENEN GUTE UND
SAUBERE, EMPIRISCH GUT BELEGTE POLITIKBERATUNG
NICHT SO GUT ANKOMMT. NÄMLICH DANN, WENN
DAS ERGEBNIS DER POLITIK GEGEN DEN STRICH GEHT.

CLEMANS FUEST
*

CLEMANS FUEST der Globalisierung auch in unserer Disziplin. Neh-


Die Beratung ist vor allem dann besser, wenn es um men Sie das Beispiel der Energieeinsparverordnung
empirische Fragen geht. Denn dann kann man genau – damit setzt sich kein Ökonom an den Universitäten
darlegen, wie analysiert wurde, welche Daten man ver- in Deutschland auseinander, denn das ist definitiv
wendet und deutlich machen, dass man der Politik nicht nicht international publizierbar. Gerade in der Mo-
irgendwelche Meinungen oder Ideologien verkauft. In nopolkommission haben wir oft Ökonomen gesucht,
der Regel wird das sehr positiv aufgenommen. Klar, es die sich auch im Detail mit bestimmten Märkten,
gibt auch Fälle, in denen gute und saubere, empirisch auch in Deutschland, auskennen. Die zu finden, war
gut belegte Politikberatung nicht so gut ankommt. oftmals sehr, sehr schwierig oder auch unmöglich.
Nämlich dann, wenn das Ergebnis der Politik gegen
den Strich geht. Aber wissen Sie, selbst dann greift SCHNEIDER/WEIMANN
der Wettbewerb in der Politik und die Argumente Machen die komplexeren Methoden die Kommunikation
werden von der Opposition aufgegriffen. So erhöht wirklich schwierig?
die Transparenz in den Methoden am Ende auch die
Glaubwürdigkeit und damit die Durchsetzungskraft. FRIEDRICH SCHNEIDER
Das sind nicht nur die Methoden. Ich glaube, Poli-
JUSTUS HAUCAP tiker haben manchmal das Gefühl, dass die Profes-
Ich sehe dabei aber auch Probleme. Die Methoden der soren sie immer wie dumme Jungen behandeln, die
Analyse sind komplexer geworden und früher war die keine Ahnung haben, wie die Welt geht. Das ist auch
Argumentation leichter nachzuvollziehen. Vielleicht bei etlichen unserer deutschen Kollegen der Fall.
hatte man auch mehr Anreize, sich wissenschaftlich Durch arrogantes Auftreten gegenüber Politikern,
mit politisch relevanten Themen zu beschäftigen, als auch in Talkshows, kann man sich viel verscherzen.
das heute der Fall ist. Ich habe den Eindruck, dass die Das merken sich Politiker sehr gut und haben da
Ökonomik an Relevanz verloren hat, nicht erst seit der ein sehr langes Gedächtnis. Sie sind an dem Punkt
Wirtschaftskrise. Das hat auch mit der Art und Weise sehr empfindlich und wollen natürlich auf gar kei-
zu tun, in der sich die Arbeitsweise in der Ökonomik nen Fall in der Öffentlichkeit vorgeführt werden.
entwickelt hat. Vielleicht ist das ein Kollateralschaden

103
PORTRAIT

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Friedrich Schneider

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich wie wir Ökonomen sagen, wohlfahrts- Das ist ein Bereich, in dem wir Ökono-
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- steigernd wirken kann. Dabei scheitere men sehr viel zu sagen haben, aber sehr
schaftlichen Arbeit? ich häufig, aber nichtsdestotrotz mache häufig an der Realität scheitern. Aber
Also die Politikberatung ist bei mir ein- ich es. Ich habe schon ein gewisses Sen- gerade da finde ich es ganz besonders
deutig auf Platz zwei nach meinen For- dungsbewusstsein. Wenn ich interessante, wichtig, dass wir unsere Stimme erheben.
schungsaktivitäten, die allerdings meistens neue Ergebnisse gefunden habe, dann will Die Umweltpolitik ist übrigens einer der
auch im eher angewandten Bereich sind. ich das der Politik näherbringen. Und es wenigen Bereiche, in denen es in Deutsch-
wäre schön, wenn das den Anstoß geben land schlimmer ist als in Österreich. Da
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz eines würde, das ein oder andere zu ändern. wird entsetzlich viel Unsinn gemacht.
Problems bedeutsam auch bei der Auswahl Österreich wartet immer fünf Jahre und
Ihrer Forschungsgegenstände? Wann war für Sie der Punkt gekommen, an schaut auf die Erfahrungen in Deutsch-
Nein, das würde ich nicht sagen. Bei dem Sie gesagt haben: „Okay, jetzt bin ich aus land. Deshalb haben die Österreicher auch
vielen meiner Themen ist es so, beispiels- dem Elfenbeinturm raus und drin im Leben?“ manchen deutschen Fehler nicht gemacht.
weise bei den Fragen zur Schwarzarbeit Als ich von Dänemark nach Österreich
oder zur Steuerhinterziehung, aber der ging und den Lehrstuhl in Linz ange- Sie haben viel mit Politik zu tun. Welches Ver-
erste Leitgedanke ist es nicht. Der ers- nommen habe, habe ich sehr rasch ge- hältnis hat sich für Sie persönlich dadurch zur
te Leitgedanke für die Forschung ist die merkt, dass gute, empirische Forschung Politik ergeben und können Sie sich vielleicht
wissenschaftliche Neugier, das Bestreben auch für die Politik und für die Politik- auch vorstellen, die Seite zu wechseln und in die
etwas Neues zu erforschen, über etwas beratung interessant ist. Ich wurde in Politik zu gehen?
nachzudenken. Häufig wird es dann in Österreich in gewisse Diskussionen und Ja, also reizen würde es mich schon. Aber
der Politikberatung aufgegriffen, aber ich Prozesse eingebunden und das hat mir inzwischen kenne ich hier einige Bun-
wähle die Projekte eigentlich nicht so aus. großen Spaß gemacht. Da habe ich dann despolitiker ganz gut und beobachte, was
mit der Politikberatung begonnen. es heißt, Politiker zu sein. Was mich am
Sind Sie in die Politikberatung gegangen, allermeisten stört ist, dass man keine
weil Ihnen die Wissenschaft zu wenig war? Würden Sie Ihre Beratertätigkeit als Privatsphäre mehr hat. Wenn man sich mit
Ich verspüre schon eine Art Verpflich- parteiübergreifend beschreiben? jemandem trifft, weiß man nie, ob daneben
tung. Ich finde, wir werden vom Staat Sie ist parteiübergreifend. Für die FPÖ, nicht ein Journalist steht und man es am
nicht so schlecht bezahlt, und deshalb die rechtskonservative Partei, habe ich nächsten Tag in der Zeitung lesen kann.
sollte es ein Teil unserer Aufgabe sein, allerdings nie etwas gemacht. Aber Das schreckt mich schon sehr stark ab.
unser Wissen weiterzugeben und auch ansonsten habe ich für alle politischen Und ich bin auch nicht diplomatisch genug.
in die Politik zu tragen. Nicht zuletzt, Parteien oder für Minister aus diesen Als Wissenschaftler kann ich es mir leisten,
um damit Diskussionen auszulösen. Die Parteien gearbeitet. Es geht um Themen, sehr direkt zu sein. Diese blumigen, nichts-
Hoffnung ist, dass die Politik dadurch nicht um Parteien. Ich bin beispielsweise sagenden Formulierungen der Politiker
ein Stück sachgerechter wird und auch, sehr stark in der Umweltpolitik engagiert. liegen mir nicht. Ich glaube, ich möchte

104
„Als Wissenschaftler
kann ich es mir leisten,
sehr direkt zu sein.
Diese blumigen,
nichtssagenden
Formulierungen der
Politiker liegen
mir nicht.“

meinen Job als Wissenschaftler nie aufge-


ben. Man wird fürs Nachdenken bezahlt.
Die Zwänge, die ich in der Politik erlebe –
das wäre nichts für mich. Man gibt zu viel
Freiheit und Unabhängigkeit auf. Freiheit
hat man als Politiker nur, wenn man der
Chef ist. Aber selbst dann, man schaue
sich Frau Merkel an, hat man ganz andere
Abhängigkeiten. Das möchte ich nicht.

105
PROF. DR. DR. H.C. MULT. FRIEDRICH SCHNEIDER

Geburt
1949 in Konstanz

Ausbildung
Studium der Volkswirtschaftslehre, Konstanz 1971 - 1973
Promotion an der Universität Konstanz 1977
Habilitation an der Universität Zürich 1983

Wichtige berufliche Stationen


Wissenschaftlicher Assistent und Lehrbeauftragter, Universität Zürich 1976 - 1984
Visiting Associate Professor an der Carnegie Mellon Universität, Pittsburgh/USA 1984/85
Associate Professor an der Universität Aarhus 1985/86
Professor an der Universität Linz seit 1986

Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Finanzpolitik, Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung, Organisierte Kriminalität,
Umweltpolitik, Wettbewerbspolitik

Wichtigste Positionen in der Politikberatung


Seit 20 Jahren in der Politikberatung der oberösterreichischen Landesregierung:
Standort-Industrie-Politik, Forschung und Entwicklung, Innovationspolitik, Umweltpolitik
Seit 8-10 Jahren laufende Politikberatung der Bundesregierung:
Wettbewerbspolitik, Bekämpfung der Schwarzarbeit und der Steuerhinterziehung, Umweltpolitik

Wo er am liebsten in der Nationalelf spielen würde


Ich würde gerne die Position Tormann „spielen“,
weil ich ein gutes Reaktionsvermögen habe und ein schlechter Läufer bin.

Der Lieblingsgegenspieler aus der Politik


Jeder Bundespolitiker und Landespolitiker aus Oberösterreich

106
107
PORTRAIT

Prof. Dr. Clemens Fuest

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich passiert dann damit? Das ist spannend sehr wohl. Wenn man sich entscheidet, in
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- und deshalb habe ich mich für die Finanz- der Wissenschaft zu bleiben, dann auch,
schaftlichen Arbeit? wissenschaft entschieden und deshalb weil man die Unabhängigkeit schätzt
Für mich hat das einen großen Stellen- beschäftige ich mich mit Politikberatung. und sagen kann, was man für richtig
wert. Das hat natürlich auch damit zu Das ist ja kein einseitiger Prozess und hält. Und das kann man auch nicht so
tun, dass die Themen der Finanzwis- man lernt selber eine ganze Menge dabei. schnell ablegen. Deshalb sind ja auch
senschaft politiknah sind. Dazu kommt, viele Wissenschaftler in der Politik nicht
dass der Job beim ZEW die Politikre- Würden Sie Ihre Beratertätigkeit als par- so wahnsinnig erfolgreich. Einige sind
levanz schon sehr in den Mittelpunkt teiübergreifend beschreiben? durchaus erfolgreich, aber mein Ding
stellt. Und schließlich macht es mir auch Auf jeden Fall. Ich finde es schwierig, wäre es nicht. Außerdem können Einzelne
Spaß. Ich mache gerne Politikberatung. das mit einer Partei zu verbinden. Es in einer Demokratie Gott sei Dank nicht
gibt keine sozialdemokratische oder so viel entscheiden. Politiker müssen
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz eines christdemokratische Finanzwissenschaft. immer Mehrheiten beschaffen. Das finde
Problems bedeutsam auch bei der Auswahl Ihrer Insofern habe ich keine Parteibindung. ich auch gut so. Ich hätte nur nicht so
Forschungsgegenstände? wahnsinnig viel Lust, das zu machen.
Also, die Themen müssen mich anspre- Sie haben viel mit Politik zu tun. Welches Ver-
chen. Sie müssen interessant und span- hältnis hat sich für Sie persönlich dadurch zur Gibt es besonders angenehme oder unangenehme
nend sein. Dann darf eine Fragestellung Politik ergeben und könnten Sie sich vielleicht Dinge, an die Sie sich erinnern?
auch mal wirtschaftspolitisch irrelevant auch vorstellen, die Seite zu wechseln und in die Ja, angenehm war die Entwicklung der
sein. Aber im Zweifel versuche ich na- Politik zu gehen? Föderalismuskommission, die dann zur
türlich schon, über wirtschaftspolitisch Man soll ja niemals nie sagen, aber ich Schuldenschranke geführt hat. Inhaltlich
relevante Fragen nachzudenken. Am glaube, für mich wäre das nichts. Wenn war das sehr erfreulich, weil die Politik da
Ende sind das die spannenden Themen, man aus dem Wissenschaftsbereich wirklich etwas übernommen hat, wofür
die auch auf mehr Interesse stoßen. kommt, ist man auf eine gewisse Weise Ökonomen sich eingesetzt haben. Auch im
ausgebildet und sozialisiert. Zu die- wissenschaftlichen Beirat beim Finanz-
Sind Sie in die Politikberatung gegangen, sem Beruf gehört es, wissenschaftliche ministerium zu sein ist angenehm, weil
weil Ihnen die Wissenschaft zu wenig war? Ergebnisse zu kommunizieren und damit gemeinsam mit Kollegen gearbeitet wird.
Als Volkswirt und dann noch auf dem eine ganz bestimmte Rolle auszufüllen. Das ist wie ein regelmäßiges Seminar
Gebiet der Finanzwissenschaft signa- In der Politik muss man Unterstützung und diese Teamarbeit, die ist sehr schön.
lisiert man ein deutliches Interesse an gewinnen. Es geht um Macht und die
der Politik. Wie finden sich ökonomi- Leute müssen einen mögen. Das wär nicht Was sind unangenehme Erfahrungen? Da
sche Ideen in der Politik wieder und was meins. Ich fühle mich in meiner Rolle muss ich ein bisschen vorsichtig sein, denn

108
„Wenn man sich
entscheidet, in der
Wissenschaft zu bleiben,
dann macht man
das auch, weil man die
Unabhängigkeit schätzt.“

ich habe es fast immer mit Personen zu


tun. Manchmal kommt es zu Situationen,
in denen klar wird, dass die Ergebnisse
der Beratung der Politik machtpolitisch
überhaupt nicht in den Kram passen.
Dann wird durchaus schon mal Druck
entfaltet, um solche Ergebnisse wegzu-
schieben. Solche Situationen empfinde
ich als sehr unangenehm, aber auch nicht
als wirklich schrecklich. Deshalb ist die
Unabhängigkeit der Wissenschaftler ja
so wichtig. Das muss einen nicht wirklich
jucken – aber angenehm ist was anderes.

109
PROF. DR. CLEMENS FUEST

Geburt
1968 in Münster

Ausbildung
Studium der Volkswirtschaftslehre, Universitäten Bochum und Mannheim

Wichtige berufliche Stationen


Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität zu Köln 1991 - 1995
Wissenschaftlicher Assistent, Ludwig-Maximilians-Universität München 1995 - 2001
Professor, Universität zu Köln 2001 - 2008
Professor, Universität Oxford 2008 - 2013
Professor, Universität Mannheim
Präsident des Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung seit 2013

Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Finanzwissenschaft, Internationale Besteuerung, Europäische Integration

Wichtigste Positionen in der Politikberatung


Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates beim
Bundesministerium der Finanzen, Vorsitzender 2007 - 2010
Mitglied des Nachhaltigkeitsrates Baden-Württemberg seit 2013
Mitglied Beirat des Stabilitätsrates seit 2014
EU High Level Group on Revenue seit 2014

Wo er am liebsten in der Nationalelf spielen würde


Defensives Mittelfeld – auf jeder anderen Position wäre ich noch schlechter;
hier hilft der Innenverteidiger aus, wenn ich Fehler mache.

Der Lieblingsgegenspieler aus der Politik


Boris Johnson – der spielt wahrscheinlich auch nicht besser, ist aber sehr unterhaltsam.

110
111
Die Politik entwickelt zunehmend
paternalistische Züge. Wie steht
die Wirtschaftswissenschaft dazu?

LARS FELD nicht gemerkt haben und deswegen bei ihren Ent-
Das Einzige, was wir tun können, ist, auf den Wett- scheidungen bleiben. Das ist extrem paternalistisch.
bewerb unterschiedlicher Positionen hinzuweisen.
Wir sollten dies möglichst transparent machen, um STEFAN HOMBURG
den paternalistischen Ansprüchen zu entgegnen. Ich würde sogar bestreiten, dass die Politiker pa-
ternalistischer sind als die Wissenschaftler. Es
SCHNEIDER/WEIMANN ist eher umgekehrt. Also, aus meiner Sicht ist die
Lassen Sie uns die Frage anders stellen: Sind Ökonomen als Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft für so etwas
Korrektiv für den Paternalismus in der Politik geeignet? anfälliger und damit letztlich sogar gefährlicher als
die Politik. Viele Kollegen denken wirklich pater-
AXEL BÖRSCH-SUPAN nalistisch und deshalb ist meine Distanz zu meiner
… jetzt wäre ich aber fast mit Lachen los geplatzt. eigenen Wissenschaft immer größer geworden.

Ja, also den Paternalismus haben doch manche Ökono- SCHNEIDER/WEIMANN


men wirklich mit dicken Löffeln gegessen und wissen Können Sie das etwas näher erläutern?
alles besser. Das gilt übrigens für sämtliche politische
Richtungen, sowohl auf der linken als auch auf der STEFAN HOMBURG
vermeintlich liberaleren Seite. Da sollten wir vielleicht Denken Sie an den weltweit führenden Blog zu volks-
etwas selbstkritischer sein. Sehr viele Ökonomen wirtschaftlichen Fragen von Paul Krugman. Wenn ich
sind ganz schrecklich normativ und präskriptiv. den Ökonomie-Nobelpreisträger Krugman mit unserer
Physikerin an der Regierungsspitze vergleiche, dann ist
Ich habe mich regelmäßig mit extrem paternalisti- die klar besser und weniger paternalistisch. Natürlich
schen Kollegen in den Haaren. Stichwort: Nudging. ist die Wissenschaft nicht durchweg paternalistisch.
Man versucht, die Leute sanft zu einer Verhaltens- Insgesamt hat sich die Stimmung aber schon geändert.
veränderung zu bewegen. Oder denken Sie an Opt- Das gilt allerdings für die Wissenschaft und für die
Out-Regeln, bei denen man den Leuten erst etwas Politik. Mitte der 90er Jahre gab es eher eine freiheitli-
unterschiebt und sich dann wundert, dass sie es gar che Aufbruchstimmung. Personen, die damals wichtig

K. Schneider, J. Weimann, Den Diebstahl des Wohlstands verhindern,


112 DOI 10.1007/978-3-658-09495-9_10, © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2016
ICH HABE MICH REGELMÄSSIG MIT EXTREM PATERNALISTISCHEN
KOLLEGEN IN DEN HAAREN. STICHWORT: NUDGING. MAN VERSUCHT, DIE LEUTE
SANFT ZU EINER VERHALTENSVERÄNDERUNG ZU BEWEGEN. ODER DENKEN SIE AN
OPT-OUT-REGELN, BEI DENEN MAN DEN LEUTEN ERST ETWAS UNTERSCHIEBT UND SICH
DANN WUNDERT, DASS SIE ES GAR NICHT GEMERKT HABEN UND DESWEGEN BEI IHREN
ENTSCHEIDUNGEN BLEIBEN. DAS IST EXTREM PATERNALISTISCH.

AXEL BÖRSCH-SUPAN
*

waren, denken Sie an Friedrich Merz, die waren nicht WOLFGANG BUCHHOLZ
die Spur paternalistisch. Bei Frau Merkel oder auch bei Die Regelungen sollen sich in erster Linie aus exter-
Frau von der Leyen ist das heute schon ausgeprägter. nen Effekten begründen lassen. Es gilt also Felder
zu identifizieren, auf denen mein Verhalten andere
SCHNEIDER/WEIMANN negativ oder positiv beeinflusst. Diese Effekte müssen
Warum hat sich das geändert? durch staatliche Maßnahmen korrigiert werden. Das
ist aber etwas anderes als zu sagen: „Ich finde dies und
WOLFGANG BUCHHOLZ das ist richtig, dies und das entspricht der Würde des
Politiker müssen sich in Zeiten knapper Finanzen ja Menschen und muss für alle gelten.“ Politiker tendieren
irgendwie profilieren und das können sie, indem sie dazu, den Unterschied zwischen durch externe Effekte
sich für scheinbar humane Werte und übergreifen- begründete Maßnahmen und paternalistischen Maß-
de Zielsetzungen stark machen. Sie entwickeln eine nahmen nicht mehr wahrzunehmen. Das alte Thema
Vorstellung von gutem Leben. Als Privatmensch regt der Finanzwissenschaft, wann sind Staatseingriffe ge-
mich das furchtbar auf, denn es läuft letztlich doch rechtfertigt, bleibt zentral. Wir sollten als Ökonomen
darauf hinaus, dass irgendwelche Leute ihre subjekti- nicht müde werden, immer wieder darauf hinzuweisen.
ven Wertvorstellungen allgemein verbindlich machen
möchten. Des grundsätzlichen Problems, anderen die FRIEDRICH BREYER
eigenen Wertvorstellungen aufzuoktroyieren, dieses Ich lehne Paternalismus ab. Selbstverständlich
Problems sind sie sich überhaupt nicht bewusst. muss man die Wünsche und die Präferenzen der
Bevölkerung akzeptieren. Wo ich den Politikern
SCHNEIDER/WEIMANN vielleicht ein bisschen entgegenkommen würde ist,
Was bedeutet das für die Politikempfehlungen durch dass die Bevölkerung natürlich über Zusammenhänge,
Ökonomen? beispielsweise naturwissenschaftliche oder ökonomische

113
Zusammenhänge, ausreichend informiert sein muss. Die Umweltpolitik und ihre Rahmensetzungen
Die Leute haben ja zunächst einmal das Ziel, dass waren ja Reflektion eines Willens der Bürger und
es ihnen möglichst gut gehen soll. Sie haben aber die Politik war nicht exogener Anstoß. Dieses
auch Präferenzen darüber, wie zum Beispiel Energie Missverständnis sollte ausgeräumt werden. Da
erzeugt werden soll. Und wenn da Fehlinformationen haben wir aber ein dickes Brett zu bohren, denn es
verbreitet sind, dann hat es nichts mit Paternalismus ist so leicht und so verführerisch, Korrelation und
zu tun, die Bevölkerung aufzuklären. Ich gebe Ihnen Kausalität zu verwechseln, wenn es ins Weltbild passt.
ein Beispiel. Hans-Werner Sinn hat auf die mangelnde
Speicherfähigkeit von Strom hingewiesen und FRIEDRICH SCHNEIDER
argumentiert, dass die Energiewende nicht gelingen Die Umweltpolitik ist aber auch ein gutes Beispiel für
kann, wenn man gleichzeitig aus Atom und aus Fossil Paternalismus von Ökonomen. Wie erziehe ich die Leu-
aussteigen will. Man scheitert nämlich einfach am te zum Mülltrennen? Und jetzt kommen Sie vermutlich
Speicherproblem. Das ist ein naturwissenschaftlicher mit dem Anreizmotiv oder der extrinsischen Motivati-
Zusammenhang. Dieser Zusammenhang bzw. das on: wenn man überall Pfand erhebt, dann trennen die
Verstehen des Zusammenhangs, bringt Leute, den Müll. Zum Teil ja, zum Teil auch nicht. Eigentlich
die den Klimawandel verhindern wollen, zu einer müsste man jetzt sagen: „In einer Demokratie müsst ihr
konkreten Änderung ihrer Einstellung zur Atomkraft, damit leben, dass es Leute gibt, die leider die Batterie
die angesichts mangelnder Speicherfähigkeit und noch in den Mistkübel hauen, wo sie nicht hingehört.“
Klimaerwärmung durch das Verbrennen fossiler Wollte man dies ändern, wäre es die effizienteste
Brennstoffe alternativlos ist. Solche Umdenkprozesse Strategie, die Kinder in der Schule vom Mülltrennen zu
können durch bessere Informationen ausgelöst werden. überzeugen. Ja? Ich glaube, hier müssen wir vorsich-
Das hat aber nichts mit Paternalismus zu tun. tig sein, denn die Gefahr benevolente Diktatoren zu
werden, ist sehr groß. Und das sollten wir tunlichst
CHRISTOPH SCHMIDT vermeiden. Wir sollten gute Überzeugungsarbeit
Ich möchte beim Thema Umweltpolitik noch einen leisten. Wenn wir hinter dem individualistischen
anderen Aspekt aufwerfen. Was hat Umweltpolitik Prinzip stehen, und zwar auch in einer Demokratie,
eigentlich historisch bewirkt und wie sollte man dann dürfen wir nicht weiter gehen. Aber die Gefahr
Umweltpolitik oder Energiepolitik gestalten, um ist natürlich sehr groß. Tolles Beispiel ist der Veggie
in der Zukunft die Tragfähigkeit des Planeten Day der Grünen, der die Grünen in Deutschland zwei
zu erhalten? Da fällt der historische Gleichlauf bis drei Prozentpunkte an Wählerstimmen gekostet
zwischen stärkeren Bemühungen, umweltpolitische hat. Ich mag es gar nicht, wenn mir jemand vorschreibt,
Steuerung einzuführen, Standards zu setzen, und was ich darf und was nicht. Da reagiere ich allergisch.
den Verbesserungen der Umweltqualität auf. Dieser Ich bin Argumenten zugänglich und wenn man mir
Gleichlauf wird sehr schnell interpretiert: Aha, das hat gute Argumente bringt, warum ich mehr Gemüse essen
also die Politik bewegt und die Politik hat eine vorher soll, dann durchaus. Aber den Leuten einen fleischfreien
nicht sensibilisierte Bevölkerung und die Unternehmen Donnerstag vorzuschreiben, das ist Paternalismus.
dazu bekommen, das Richtige zu tun. Das wird für
gut befunden und es wird geschlussfolgert, dass die WOLFGANG WIEGARD
Umweltpolitik uns auch in Zukunft richtig lenken wird. Ja, aber gerade die Prominenz, die dieser Veggie
Aber Korrelation und Kausalität sind nicht dasselbe. Day bekommen hat, zeigt doch, dass das eigentlich

114
eher die Ausnahme ist. Also, dass die Politik die Modell des souveränen Konsumenten voll gültig
Menschen erziehen will und aus ihnen bessere Men- ist. Dabei möglicherweise auch Schranken für das
schen machen will, das ist nicht der typische Fall. Verhalten der Unternehmen zu setzen, halte ich
nicht für notwendigerweise verkehrt. Natürlich
WOLFRAM RICHTER darf das nicht in Überregulierung enden. Dennoch,
Das sollte die Politik auch nicht wollen. Ich halte von wenn etwas schief geht, Leute vergiftet werden
paternalistischem Anspruch als orthodoxer Ökonom oder durch den Konsum von Waren Nachteile
gar nichts. Die Politik sollte nicht Einfluss nehmen erleiden, wird sofort nach dem Staat gerufen und
auf irgendwelche Präferenzen oder Verhaltensmuster die Selbstheilungskräfte des Marktes können gar
erwachsener Menschen, sondern sollte den Handlungs- nicht zum Zuge kommen. Wenn jemand gepanschten
rahmen setzen. Wir sind es gewohnt, erzieherische Wein verkauft, wird sofort eine Verstärkung der
Politik mit Paternalismus zu bezeichnen. Vielleicht Strafbestimmungen für Weinpanscherei beschlossen.
wäre es hübscher, sie mit „Maternalismus“ zu bezeich- Alternativ hätte man ja auch abwarten können und
nen und zwar aus folgendem Grund. Mein Eindruck den Mechanismus der Reputation für gute Qualität
ist, dass Frauen sehr viel eher bereit sind, das Verhalten spielen lassen können. Ich sehe eine starke Tendenz,
von Menschen zu bewerten und lenkend einzugreifen. getragen durch die öffentliche Meinung, solche
Vielleicht hat das mit der Evolution zu tun. Frauen Selbstheilungseffekte im Markt gar nicht abzuwarten,
haben mehr mit Erziehung von Kindern zu tun und sondern gleich durch die Politik einzugreifen. Damit
sie sind stärker bereit, lenkend auf Verhalten und auf kommt es zu einer gewissen Überregulierung.
Präferenzen einzuwirken. Mir ist das eher fern und
die Politik sollte sicherlich nicht in diese Richtung SCHNEIDER/WEIMANN
gehen. Aber die Gesellschaft scheint in diese Richtung Naja, der Paternalismus geht ja noch weiter. Wenn man an
zu marschieren. Sie meint, alles Mögliche bewerten solche Dinge denkt, wie die Frauenquote oder die Art und
zu müssen und das ist keine gute Entwicklung. Weise, wie wir mit Kinderbetreuung umgehen, da versucht
die Politik sehr massiv, in individuelle Entscheidungen
RONNIE SCHÖB einzugreifen.
Ja, man muss deutlich machen, wo die Politik vom
Prinzip des methodologischen Individualismus, also CARL CHRISTIAN VON WEIZSÄCKER
dem Gegenmodell zum Paternalismus, abweicht Ja, das ist richtig und dabei geht es um Umverteilung.
und welche Konsequenzen das letztendlich hat. Ich Wenn man mit der Politik nicht nur über das
denke, da ist die Ökonomik gefordert und sie muss Steuersystem Umverteilung betreiben will, sondern
versuchen, das auf möglichst sachliche Art und durch direkte Eingriffe in Marktprozesse, dann muss
Weise, aber auch mit sehr viel Geduld, immer wie- man die Benachteiligten stärker fördern oder schützen.
der in die politische Diskussion einzubringen. Das führt aber zu einer massiven Bürokratisierung
unseres ganzen Lebens. Die Politik greift überall
CARL CHRISTIAN VON WEIZSÄCKER ein und führt enorm viele Kontrollmechanismen
Ist das so eindeutig? Wir dürfen die Augen ein, um die Umsetzung zu überprüfen. Sie haben
nicht davor verschließen, was es an bewussten die Frauenquote erwähnt: Die Frauenquote ist
Manipulationsversuchen im kommerziellen Bereich gut für den Gerechtigkeitsaspekt und nimmt die
gibt. Das lässt mich schon auch zweifeln, ob das Überbürokratisierung unserer Welt in Kauf. Dieser

115
DAS SOLLTE SIE AUCH NICHT WOLLEN. ICH HALTE VON PATERNALISTISCHEM ANSPRUCH ALS ORTHODOXER
ÖKONOM GAR NICHTS. DIE POLITIK SOLLTE NICHT EINFLUSS NEHMEN AUF IRGENDWELCHE PRÄFERENZEN
ODER VERHALTENSMUSTER ERWACHSENER MENSCHEN, SONDERN SOLLTE DEN HANDLUNGSRAHMEN SETZEN.

WOLFRAM RICHTER
*

116
Zusammenhang wird in der Öffentlichkeit bisher Sinne gleicher oder ungleicher. Politik muss sich für
noch nicht gut genug verstanden. Ein starker eine Variante entscheiden, die bestimmte Verteilungs-
Impetus, alles gerecht zu machen, führt zu einer konsequenzen hat. Damit hat sie eine deutliche Prä-
massiven Bürokratisierung unseres Lebens. ferenz gezeigt. Ist das jetzt schon paternalistisch?

JUSTUS HAUCAP SCHNEIDER/WEIMANN


Ökonomen fokussieren sich sehr auf den Effizienzas- Kitaausbau und Frauenquote, das würden Sie als nicht
pekt. Etwas überspitzt ausgedrückt habe ich manchmal paternalistisch bezeichnen?
den Eindruck, Ökonomen bringen gelegentlich zu
wenig Verständnis für die Demokratie auf. Wenn sich WOLFGANG WIEGARD
der demokratisch legitimierte Gesetzgeber bestimmte Ja, die Frauenquote. Na gut, die ist fürchterlich pater-
Ziele setzt, dann ist es schwierig als Ökonom zu sagen, nalistisch.
dass dieses Ziel nicht verfolgt werden sollte, sondern
ein Effizienzziel. Das ist auch Paternalismus durch
uns Ökonomen und dazu sind wir nicht legitimiert.

Also Effizienz oder Gerechtigkeit? Im Bereich der


Wettbewerbspolitik ist das eine ewige Debatte. Die
Juristen vertreten die Meinung, das Kartellrecht diene
nicht nur der Effizienz, sondern habe durch die Begren-
zung der Monopolrenten auch Umverteilungsziele. Es
geht nicht darum, den allokativen Wohlfahrtsverlust
zu begrenzen, sondern auch um die Begrenzung der
Renten. Ökonomen ist eigentlich egal, wem die Renten
zufallen, solange sie nicht verschwinden. Die Juristen
sehen das anders und verweisen auf das Ziel eines
demokratisch entstandenen Gesetzes, das eben nicht
egal ist. Hier haben die Juristen einen Punkt. Wenn der
Gesetzgeber die Ziele setzt, dann kann man sich nicht
einfach darüber hinweg setzen. Der wohlmeinende Dik-
tator ist zwar eine interessante Fiktion, aber den gibt es
ja nun mal nicht.

WOLFGANG WIEGARD
Ja, die Politik muss Verteilungsurteile fällen. Als Öko-
nom, als Wissenschaftler hält man sich in der Regel aus
Verteilungsurteilen raus. Wir zeigen die Verteilungs-
wirkung auf, aber wir sagen nicht, welche Situation
unter Verteilungsgesichtspunkten besser ist als eine
andere. Wir sagen höchstens, die ist im statistischen

117
„Ich habe nie die Illusion
gehabt, dass jemand, der
die Legitimation durch den
Wähler hat und immer
wieder neu bekommen muss,
auf mich hört, bloß weil ich
eine bestimmte wissenschaftliche
Kompetenz habe.“
118
PORTRAIT

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Martin F. Hellwig

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich Sind Sie in die Politikberatung gegangen, Gibt es besonders angenehme oder unangenehme
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- weil Ihnen die Wissenschaft zu wenig war? Dinge, an die Sie sich erinnern?
schaftlichen Arbeit? Also zum einen gibt es eine gewisse Also angenehm oder unangenehm –
Ich habe ein paar wissenschaftliche Verpflichtung als Wissenschaftler, seinen dazu ist die Arbeit viel zu nüchtern.
Aufsätze aus der Politikberatung heraus Sachverstand in die öffentliche Diskus- Aber ich habe vorher schon etwas über
geschrieben. Das ist aber nur ein kleiner sion einzubringen. Zum anderen ist es den Unterhaltungswert gesagt.
Teil von dem, was ich wissenschaftlich interessant und schult auch die Fähig-
gemacht habe. Mein Hauptschwerpunkt keit, sich mit Problemen zu befassen, bei Ich habe nie die Illusion gehabt, dass
in der Wissenschaft ist formale Theorie. denen nicht im Vorhinein klar ist, wie jemand, der die Legitimation durch
Das sorgt zwar für geistige Disziplin, hat sie theoretisch einzuordnen sind. Zu- den Wähler hat und immer wieder neu
aber mit Politikberatung wenig zu tun. dem hat es auch einen gewissen Unter- bekommen muss, auf mich hört, bloß
haltungswert. Wenn man zum Beispiel weil ich eine bestimmte wissenschaftli-
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz eines bei der Monopolkommission sieht, wie che Kompetenz habe. Daher habe ich die
Problems bedeutsam auch bei der Auswahl Ihrer die Beteiligten in Anhörungen agieren, Einflussmöglichkeiten immer nur als sehr
Forschungsgegenstände? kann man viel über Menschen lernen. begrenzt eingeschätzt und mich dement-
Nein. Im Augenblick gibt es eine Ausnah- sprechend auch nicht sehr emotional für
me im Bereich Bankenaufsicht. Meistens Würden Sie Ihre Beratertätigkeit als dieses oder jenes engagiert. Ich engagiere
gibt es bei politischen Problemen eine parteiübergreifend beschreiben? mich derzeit aber durchaus emotional
Gemengelage von Teilaspekten, was sich Ich bin nicht parteilich gebunden. sowohl im Zusammenhang mit der Ban-
dann nicht gut für neue Forschung eignet, kenunion (beziehungsweise der europäi-
zumindest nicht für neue theoretische Sie haben viel mit Politik zu tun. Welches Ver- schen Entwicklung überhaupt) als auch
Forschung. Theoretische Forschung hältnis hat sich für Sie persönlich dadurch zur im Zusammenhang mit der Bankenregu-
fokussiert sich auf einen bestimmten Zu- Politik ergeben und könnten Sie sich vielleicht lierung (Stichwort Eigenkapitalanforde-
sammenhang und versucht den wirklich auch vorstellen, die Seite zu wechseln und in die rungen). Aber das hat damit zu tun, dass
zu verstehen. Aber wenn ich ein prakti- Politik zu gehen? die Krise, die immer noch nicht vorbei ist,
sches Problem habe, habe ich es mit 25 Nein. Aus einem ganz einfachen Grund: nicht zum Normalgeschäft gehört und für
verschiedenen Zusammenhängen zu tun Ich verstehe nichts davon. uns alle von existenzieller Bedeutung ist.
und das ist weit weg von der Theorie.

119
120
PROF. DR. DR. H. C. MULT. MARTIN F. HELLWIG

Geburt
1949 in Düsseldorf

Ausbildung
Abschluss als Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg 1970
Promotion in Economics, Massachusetts Institute of Technology 1973

Wichtige berufliche Stationen


Research Associate, Stanford University 1973/74
Assistant Professor, Princeton University 1974 -1977
Wiss. Rat u. Professor, Universität Bonn 1977-1979
Professor, Universität Bonn 1979 - 1987; Professor, Universität Basel 1987 - 1996
Taussig Research Professor, Harvard University 1995/96
Professor, Universität Mannheim 1996 - 2004
Wiss. Mitglied und Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern Bonn
Mitglied der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bonn seit 2004

Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Wirtschaftstheorie und mathematische Ökonomie;
Informationsökonomik und Anreiztheorie; Finanzmärkte,
Finanzinstitutionen und Finanzmarktregulierung; Steuern und öffentliche Güter;
Wettbewerbstheorie und Wettbewerbspolitik; Grundlagen der Geldtheorie und der Makroökonomik

Wichtigste Positionen in der Politikberatung


Mitglied des Wiss. Beirats beim Bundesministerium für Wirtschaft seit 1995
Mitglied der Monopolkommission 1998 - 2006, Vorsitzender 2000 - 2004
Mitglied der Economic Advisory Group on Competition Policy, GD Wettbewerb der EU Kommission 2004 - 2013
Sprecher des Lenkungsrats Unternehmensfinanzierung im Wirtschaftsfonds Deutschland 2009 - 2011
Mitglied des Beratenden Wissenschaftlichen Ausschusses des Europäischen Systemrisikoausschusses 2011 - 2015,
Vorsitzender 2011/12, Stellvertretender Vorsitzender 2012 - 2015

Wo er am liebsten in der Nationalelf spielen würde


Libero, denn da kann man immer wieder etwas anderes machen und eigentlich gibt es die Position nicht mehr.

Der Lieblingsgegenspieler aus der Politik


Peer Steinbrück – 2001 verantwortlich für den Pakt mit der EU-Kommission, der den
Landesbanken die Möglichkeit gab, bis 2005 staatlich garantierte Schuldtitel auszugeben,
bis 2005 verantwortlich für die West LB, die die Steuerzahler viele Milliarden kostete,
verantwortlich für die Banken-Bailouts ohne Durchgreifen durch den Bund 2008,
aber bei allem ein scharfer Kritiker der Banken!?!

121
PORTRAIT

Prof. Dr. Christoph Schmidt

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich hinein, da ich ja nun schon viele Jahre ter großer Unsicherheit. Dass ich dort
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- RWI-Chef bin und mittlerweile ja auch ein in die Arbeitsmarktökonomik ging, war
schaftlichen Arbeit? paar Jahre im Sachverständigenrat hinter ja auch nicht vorgezeichnet, sondern
Ich verfolge nur solche Forschungspro- mir habe, würde ich sagen, dass ich kaum hat sich einfach so ergeben. Das alles ist
jekte, die einen Anwendungsbezug haben. schönere Aufgaben für mein Interessens- letztlich für mich glücklich gelaufen.
Das ist, spätestens seitdem ich im RWI an- gebiet bekommen könnte. Aber wenn Sie
gefangen habe, für mich absolut dominant. mich vor den Berufungen gefragt hätten, Wann war für Sie der Punkt gekommen, an
Ich habe das eigentlich vorher auch schon ob ich das anstrebe, hätte ich sicher gesagt: dem Sie gesagt haben: „Okay, jetzt bin ich aus
gemacht, ohne dass dem eine strategische „Daran hab ich gar nicht gedacht.“ Also dem Elfenbeinturm raus und im Leben ange-
Entscheidung vorausgegangen wäre. Ich vor dem RWI hatte ich einen Lehrstuhl für kommen?“
habe mich vor allem mit angewandter Ökonometrie in Heidelberg. Dort konnte Ich denke, dass die Übernahme des
Arbeitsmarktforschung beschäftigt. Mein ich mich mit angewandten und wirtschafts- Präsidentenamts am RWI eine Zäsur
Spektrum hat sich zwar mit der Aufgabe im politisch relevanten Themen befassen, war. Ich habe mir damals schon klar
RWI und natürlich auch durch den Sach- weil mich das einfach interessiert hat. gemacht, dass vieles von dem, was ich
verständigenrat erweitert, aber grundsätz- Ich wollte gerne verstehen, wie auf dem in den kommenden Jahren machen wür-
lich ist es dabei geblieben, dass es vor allem Arbeitsmarkt Entscheidungen zustande de, organisatorischer Natur sein muss,
angewandte Wirtschaftsforschung ist, die kommen, warum sich bestimmte Ergeb- gestaltender Natur. Ich habe ja mehr oder
ich betreibe. Es geht fast immer um Fragen nisse einstellen und welche Weichenstel- weniger die Rolle eines kleinen Unterneh-
mit wirtschaftspolitischem Bezug. Und lungen tatsächlich etwas bewegen und in mers eingenommen, der in dieses Institut
häufig führt das zu Kritik an der Wirt- welche Richtung. Das wurde dann immer gestaltend eingreifen muss. Das war mir
schaftspolitik oder zu Empfehlungen. Ab mehr zu einer Beratungsrolle, in der der schon klar, und auch, dass sich die Auf-
und an mache ich aber auch mal etwas, was Transport der Botschaften wichtig wird gabe der Wirtschaftsforschungsinstitute
mir einfach als Thema Spaß macht. Bei- und nicht nur das Erarbeiten der empiri- nicht in Forschung erschöpft. Aber ohne
spielsweise habe ich gerade die Frage un- schen Ergebnisse. Das ist so mehr oder eine gute und solide Forschung funkti-
tersucht, ob tatsächlich bei Vollmond mehr weniger über mich gekommen. Aber in der oniert es eben auch nicht. Diese Kombi-
Kinder geboren werden. Das hat zwar kei- Rückschau sieht es so aus, als hätte ich das nation finde ich besonders faszinierend.
nen starken wirtschaftspolitischen Bezug, schon immer so gewollt oder angestrebt.
ist aber trotzdem eine spannende Frage. Würden Sie Ihre Beratertätigkeit als
Außerdem habe ich sicherlich an der einen parteiübergreifend beschreiben?
Sind Sie in die Politikberatung gegangen, oder anderen Stelle im Laufe der Zeit Ich glaube, dass die Unabhängigkeit und
weil Ihnen die Wissenschaft zu wenig war? auch das Glück gehabt, an der richtigen die Wahrung der Unabhängigkeit das
Ich glaube, das Wort „reingeschliddert“ Stelle zum richtigen Zeitpunkt zu sein. wichtigste Element für uns ist. Unab-
beschreibt ganz gut, wie ich zur Politik- Zum Beispiel die Entscheidung, den hängig in dem Sinne, dass niemand die
beratung gekommen bin. Jetzt im Nach- Ph.D. in Princeton zu machen, fiel un- Ergebnisse vorschreibt, und dass die

122
„Ich glaube, dass die
Unabhängigkeit und
die Wahrung der
Unabhängigkeit das
wichtigste Element für
uns ist. Unabhängig
in dem Sinne, dass
niemand die Ergebnisse
vorschreibt, und dass die
Ergebnisse auch nicht
in der Schublade
verschwinden.“

123
Ergebnisse auch nicht in der Schublade Ich denke, dass wir die Unabhängigkeit, die kann das natürlich ausgehalten. Schlimmer
verschwinden. Es gab in den Jahren, in wir haben, auch gut verteidigen können. ist es, wenn man das Gefühl hat, da ist
denen ich diese Aufgabe verfolge, auch möglicherweise ein Haken in der eigenen
nur wenige sehr plumpe Versuche, dem Sie haben viel mit Politik zu tun. Welches Ver- Argumentation. Möglicherweise muss man
Einhalt zu gebieten. Also, dass zum hältnis hat sich für Sie persönlich dadurch zur das noch mal überdenken. Wenn man das
Beispiel der Ministerpräsident oder die Politik ergeben und können Sie sich vielleicht erst mitten in der Diskussion merkt, ich
Ministerpräsidentin eines Landes anruft vorstellen, die Seite zu wechseln und in die glaube, das wäre wirklich unangenehm.
und sagt: „Also das war ja ein unverschäm- Politik zu gehen?
tes Interview, unsere Haushaltspolitik ist Nein, ich habe da ein sehr distanziertes Ich finde es sehr spannend, bedeutende
viel besser, als Sie sie darstellen.“, kam Verhältnis. Es ist interessant, die politi- Persönlichkeiten der Zeitgeschichte
nur ganz selten vor. In der Regel sind die schen Akteure in ihrer Rolle zu beobachten im persönlichen Gespräch zu erleben.
Ansprechpartner im wirtschaftspolitischen und in unserer Rolle als wirtschaftspoli- Da versuche ich auch, für mich etwas
Spektrum, also gerade im Finanz- oder tische Berater mit ihnen zu interagieren mitzunehmen. Vielleicht ist das die
Wirtschaftsministerium Profis, die genau und sich auszutauschen. Das ist spannend. einzige Gelegenheit beispielsweise mit
diese Unabhängigkeit zu schätzen wissen. Man gewinnt viele Einsichten. Aber das dem europäischen Ratspräsidenten
politische Handeln ist im Endeffekt sehr oder dem Bundespräsidenten ein
Aber natürlich fällt es manchmal schwerer stark vom Pakete schnüren, von Kompro- kurzes Gespräch zu führen. Diese
und manchmal leichter, diese Unabhängig- missbildung geleitet. Politik kann ja nur Persönlichkeiten so nah zu erleben, das
keit zu wahren. Ich habe den Eindruck, un- dann Vorstellungen durchsetzen, wenn ist schon etwas, was ich sehr genieße.
sere Profession gerät gerade in den Zeiten sie die dazu notwendigen Mehrheiten
besonders in Bedrängnis, in denen das Mei- hat. Und auf dem Weg zu einer Mehrheit Auf der anderen Seite gibt es schon
nungsspektrum im politischen Bereich eher muss man viele Kompromisse eingehen. einige, die zeigen möchten, dass sie
einseitig ausfällt. In Zeiten, in denen die Kompromisse muss der wirtschaftspoliti- mindestens genauso gut sind wie man
Mehrheit im Bundestag so deutlich ist wie sche Berater sicher auch in gewisser Weise selber. Und kein anderer im Raum so
bei einer großen Koalition, und in denen machen, und zwar zwischen fundamentalen groß ist wie sie. Das ist natürlich immer
der emotionale Gehalt der Diskussion doch Einsichten und der Machbarkeit. Aber es unangenehm, aber beeindruckt auch
häufig überwiegt. Dann wird es schwe- bleibt weit weg vom Politischen, das fast nicht wirklich nachhaltig. Zum Thema
rer, eine Gegenposition einzunehmen. Es nur vom Machbaren getrieben ist. Für „angenehme Erlebnisse“ fällt mir noch
braucht aber auch keinen großen Mut, um mich persönlich wäre das gar nichts. etwas ganz anderes ein. Manchmal kommt
eigenständig und unabhängig zu bleiben. nach einem Vortrag jemand auf mich
Zwar wird bei uns freie Meinungsäuße- Gibt es besonders angenehme oder unange- zu, der eigentlich nicht aus unserer Welt
rung nicht unbedingt wertgeschätzt. Sie nehme Dinge, an die Sie sich erinnern? stammt, sondern einfach nur interessiert
führt zu viel Unmut oder zu vielen Briefen Also, unangenehm waren die wenigen ist, und sagt, dass er jetzt etwas ganz
von Bürgern, die mich beschimpfen, aber Erlebnisse, bei denen man persönlich Interessantes mitgenommen hätte und
es besteht ja keine Gefahr für Leib und angegriffen wurde. Nicht auf der Basis etwas verstanden habe. Das macht einen
Leben. Deshalb: Wer hier nicht seine von Argumenten, sondern nur weil die dann richtig glücklich. Das ist vielleicht
Unabhängigkeit wahrt, der würde sie in vorgebrachte Position nicht ins Bild noch viel wichtiger als irgendwelche
keinem anderen Umfeld wahren können. passte. Das ist unangenehm, aber man Aha-Erlebnisse in der Politik.

124
PROF. DR. CHRISTOPH SCHMIDT
Geburt
1962 in Canberra

Ausbildung
Abschluss als Diplom-Volkswirt, Universität Mannheim 1987
M.A. in Economics, Princeton University 1989
Ph.D. in Economics, Princeton University 1991
Habilitation, Ludwig-Maximilians-Universität München 1995

Wichtige berufliche Stationen


Wissenschaftlicher Mitarbeiter, SELAPO,
Ludwig-Maximilians-Universität München 1991 - 1995
Professor für Ökonometrie (seit 1996 Ordinarius & Co-Direktor des AWI),
Universität Heidelberg 1995 - 2002
Programmdirektor „Evaluation of Labor Market Policies and Projects”,
Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), Bonn 1999 - 2002
Professor für Wirtschaftspolitik und angewandte Ökonometrie, Ruhr-Universität Bochum seit 2002
Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Essen seit 2002

Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Angewandte Ökonometrie und Wirtschaftspolitik;
insbesondere in den Bereichen Arbeits- und Bevölkerungsökonomik, Industrieökonomik und Makroökonomik

Wichtigste Positionen in der Politikberatung


Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung
Mitglied der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität”
Mitglied des Präsidium von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften seit 2014

Wo er am liebsten in der Nationalelf spielen würde


Klassischer „Spielmacher“: die 10 oder die 6 – je nach Spielsystem.

Der Lieblingsgegenspieler aus der Politik


Wer Meister werden will, muss alle schlagen; ich denke immer nur von Spiel zu Spiel.

125
Wie könnte man die
Politikberatung besser machen?

FRIEDRICH SCHNEIDER zu sein, also Leute, die irgendetwas berechnen. Wir


Also den ersten Tipp, den ich den allermeisten mei- können am Ende eigentlich ziemlich wenig berech-
ner Kollegen für die Politikberatung geben würde, ist nen. Wir sind keine Ingenieure. Das Verhalten ändert
zuhören lernen. Lernen, die Probleme der Politik auf- sich immer wieder und ist vom historischen Kontext
zugreifen und diese auch, nicht nur, aber auch aus der abhängig. Das sollte man akzeptieren. Wir dürfen uns
Sicht des betroffenen Politikers zu verstehen. Mal eine vor allen Dingen nicht in die Rolle drängen lassen,
halbe Stunde still zu sein und nicht gleich zu sagen: etwas auszurechnen, das dann von anderen bewertet
„Aber, das geht doch nicht, weil...“. Das verschreckt und interpretiert wird. Es ist die große Stärke der
Politiker: „Ja, wenn ich mit Professoren diskutiere, ich Ökonomen, mit sehr guten Methoden zu arbeiten
kann kaum seinen Satz sagen, da fallen sie mir schon und die Ergebnisse kritisch und offen zu diskutie-
ins Wort und sagen, warum das alles ein Blödsinn ren. Das bedeutet auch die Begrenztheit dessen,
ist.“ Und dann hört weder der Wissenschaftler noch was wir an Ergebnissen haben, offen darzulegen.
der Politiker zu. Dann können die eine Stunde reden
und haben nicht wirklich miteinander gesprochen. Wir müssen dafür sorgen, dass empirische Ergeb-
nisse sauber interpretiert und nicht überinterpretiert
Und der zweite Tipp, den ich geben würde, ist auch werden. Ein theoretisches Modell ist am Ende nicht
mal in die Niederungen des dritt-, viert-, fünftbesten mehr als ein Argument und ein anderes Modell ist ein
einzusteigen und einzusehen, dass die meisten Lö- anderes Argument. Somit kann sich wirtschaftspo-
sungsvorschläge, die man unterbreitet, aus verschie- litische Beratung nur aus einer breiten Kenntnis der
densten Gründen nicht realisierbar sind. Dann würde Literatur ergeben. Wissenschaft wird dann nützlich für
die Politikberatung effektiver werden, weil ein Dialog die Politikberatung, wenn sie eine breite Perspektive
entstünde. einnimmt und sich nicht in Einzeluntersuchungen zer-
bröselt. Leider haben wir im Wissenschaftsbetrieb nur
CLEMENS FUEST schwache Anreize, Replikationsstudien, Meta-
Ich glaube, es muss verhindert werden, dass sich die studien und Surveys durchzuführen. Dabei ist gerade
Ökonomen darauf zurückziehen, reine Technokraten das für die Politikberatung wichtig. Denn wir müssen

K. Schneider, J. Weimann, Den Diebstahl des Wohlstands verhindern,


126 DOI 10.1007/978-3-658-09495-9_11, © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2016
ICH BIN EINMAL AUF DEM
GEWERKSCHAFTSTICKET
UND EINMAL AUF DEM
ARBEITGEBERTICKET IN
DEN SACHVERSTÄNDIGENRAT
EINGEZOGEN. DAZU GIBT ES
NUN ZWEI INTERPRETATIONEN:
DIE EINE IST: DER FRANZ
IST EIN HOFFNUNGSLOSER
OPPORTUNIST. DAS ZWEITE IST:
ER IST ALS ÖKONOM VÖLLIG
UNABHÄNGIG. ICH GLAUBE,
SIE VERSTEHEN, DASS
ICH DIE ZWEITE INTER-
PRETATION BEVORZUGE.

WOLFGANG FRANZ

127
WIR SIND FÜR DIE NÜCHTERNEN
FRAGEN DA. WENN WIR EMOTIONAL
WERDEN, DANN WERDEN WIR UNINTERESSANT.
SOBALD WIR EMOTIONAL WERDEN, WERDEN
WIR NICHT MEHR GEFRAGT. DAS IST EIN
GROSSER NACHTEIL. ES SPRICHT DIE
BREITERE ÖFFENTLICHKEIT VIEL STÄRKER
AN, WENN MAN EMOTIONAL WERDEN DARF.
EIN POLITIKBERATER, DER IN EINER TALKSHOW
EMOTIONAL WIRD UND SICH FÜRCHTERLICH
AUFREGT, DER WIRD WEDER BEIM PUBLIKUM
NOCH BEI DER MODERATION
VERSTÄNDNIS FINDEN.

LARS FELD
*

128
die Ergebnisse immer wieder hinterfragen und ein zwei Interpretationen: Die eine ist: Der Franz ist ein
empirisches Gesamtbild, eine Synthese zeichnen. hoffnungsloser Opportunist. Das zweite ist: Er ist als
Ökonom völlig unabhängig. Ich glaube, Sie verstehen,
WOLFRAM RICHTER dass ich die zweite Interpretation bevorzuge. Also, ich
Also, eigentlich kann man nur Foren bieten, in denen würde diese Unterscheidung einfach lassen; sie kann
die Diskussion wirtschaftspolitischer Themen läuft. Ich professionellen Ökonomen nicht gerecht werden.
war daher im Plenum der Ökonomen engagiert. Das
war ein Versuch, politische Probleme im Kollegenkreis SCHNEIDER/WEIMANN
zu diskutieren und von allen Seiten zu beleuchten. … und der Adressat für Politikberatung? Kann sich auch da
Es gibt natürlich auch andere Foren in Deutschland etwas verbessern?
wie die Ökonomenstimme und den Wirtschaftsdienst,
in denen anerkannte Kollegen gebeten werden, sich JUSTUS HAUCAP
zu wirtschaftspolitischen Fragen zu äußern. In die- Es gibt sicherlich Verbesserungsmöglichkeiten auf
se Richtung sollte man weitergehen. Man muss eine der Angebots- und der Nachfrageseite. Wir können
Plattform haben, auf der sich die Beiträge der Kol- allein auf der Angebotsseite Dinge verändern. Wir
legen zurechnen lassen. Wir sind ja alle eitel und können uns immer über eine falsche Nachfrage
wollen wahrgenommen werden, auch in der Öffent- beschweren, aber die Nachfrage nach Politikberatung
lichkeit. In diese Richtung würde ich nachdenken. können wir natürlich schlecht verändern. Was
wir verändern können, ist das Angebot.
RONNIE SCHÖB
Solche Ansätze, wie das Plenum der Ökonomen, Und da sind wir bei den Institutionen der wirtschafts-
können tatsächlich einen wichtigen Beitrag leisten, politischen Beratung. Hier ist das Angebot durch die
indem wir jenseits der Politik politikrelevante Fragen Wirtschaftsforschungsinstitute nicht zuletzt durch
wissenschaftlich diskutieren und diese Diskussionen die Evaluation besser geworden. Wir leisten jetzt
transparent machen. Damit können wir gleichzeitig der wissenschaftsnähere Beratung. Wir sollten uns aber
Politik demonstrieren, wo unter Ökonomen Konsens stärker über den Adressaten der Politik Gedanken
besteht, aber eben auch, wo noch Dissens ist. Wenn machen. Unser Adressat ist nicht nur die Politik.
wir es schaffen, als Profession geschlossener aufzu- Man sollte vielleicht noch ein bisschen offensiver
treten, dann wird das die Position der Wissenschafts- in die allgemeine Öffentlichkeit hineinwirken. Mei-
beratung gegenüber der Politik sicherlich stärken. ne Erfahrung ist, die Politik greift Sachen besser
auf, wenn sie nicht nur von Ökonomen vorgebracht
WOLFGANG FRANZ werden, sondern auch noch von den Journalisten.
Konsens ist ein gutes Stichwort. Denken Sie an die Denken Sie an den großen Erfolg von „Freakono-
Unterscheidung zwischen dem sogenannten Arbeitge- mics“, das ja bekanntermaßen von einem Ökonomen
ber- und Gewerkschaftsticket im Sachverständigenrat. und einem Journalisten gemeinsam verfasst wurde.
Die Bundesregierung beruft jemanden und nimmt dann
Rücksprache, einmal mit den Gewerkschaften, einmal Viel geht auch über die allgemeine ökonomische
mit den Arbeitgebern. Ich bin einmal auf dem Gewerk- Bildung. Da – so ist mein Eindruck – mangelt es am
schaftsticket und einmal auf dem Arbeitgeberticket in ärgsten. Wenn mehr Verständnis für Ökonomie da
den Sachverständigenrat eingezogen. Dazu gibt es nun wäre, dann wäre schon einiges gewonnen. Warum

129
bilden wir nicht z.B. auch Richter besser in ökonomi- Es ist entscheidend, dass unsere Ansprechpartner gut
schen Fragen aus? Das wäre wichtig, denn schließlich ausgebildet sind und aufgrund ihrer Ausbildung das
setzen Richter das Recht durch. Oder die Journalisten? Gespräch mit der Wissenschaft suchen. Um nur ein
Journalisten sollten mehr über Ökonomie lernen. Beispiel zu nennen: Die Tatsache, dass Asmussen als
Volkswirt Staatssekretär war, hat dazu beigetragen,
LARS FELD dass kein Politiker das Amt des Bundesbankpräsidenten
Sie sprechen da ein wichtiges Thema an. Wir ge- bekommen hat, sondern ein Makroökonom. Das sind
hen als Ökonomen ziemlich unprofessionell an die sehr wichtige Zusammenhänge, die es in der Zukunft
Politikberatung heran. Das muss man klar sehen. zu stärken gilt. Wir müssen hier im Wettbewerb mit
Die meisten von uns haben kein Medientraining. den Juristen dafür sorgen, dass gut ausgebildete Öko-
Wir setzen uns in Talkshows und meinen, wir kä- nomen in den Ministerien arbeiten und ihnen ein gutes
men schon zurecht. Die Politiker hingegen haben ein Gemisch an empirischen und theoretischen Fähigkei-
Medientraining absolviert, haben Rhetorikschulen, ten und auch institutionellen Kenntnissen mitgeben.
Rhetorikkurse besucht und sind auf die Talkshow-
situation vorbereitet. Daher haben die Politiker in Personen an den Schaltstellen in den Ministerien
diesen Situationen einen klaren Vorteil und wir sind oft promovierte Ökonomen. Und wenn ich mir
haben als Wissenschaftler einen klaren Nachteil. die Alternative ansehe, dass nämlich Absolventen
von Grand Ecoles die Schlüsselstellen besetzen,
Deshalb werden diejenigen von uns, die eloquent sind dann scheint mir der deutsche Weg, den wissen-
und die in der Vergangenheit in den Talkshows als schaftlichen Meinungen in Ministerien ein höhe-
Politikberater gesessen haben, auch immer wieder res Gewicht zu geben, nicht schlecht zu sein.
gerufen. Aber ein Nachteil bleibt immer. Wir sind für
die nüchternen Fragen da. Wenn wir emotional werden, SCHNEIDER/WEIMANN
dann werden wir uninteressant. Sobald wir emotional Es wurde schon häufig die Ausbildung in der Volkswirt-
werden, werden wir nicht mehr gefragt. Das ist ein schaftslehre angesprochen. Müsste auch an der Ausbildung
großer Nachteil. Es spricht die breitere Öffentlichkeit unsere Studierenden etwas verändert werden?
viel stärker an, wenn man emotional werden darf. Ein
Politikberater, der in einer Talkshow emotional wird RONNIE SCHÖB
und sich fürchterlich aufregt, der wird weder beim Das ist eine gute Frage. Unsere Ausbildung ist momen-
Publikum noch bei der Moderation Verständnis finden. tan sehr stark methodenorientiert. Wir bringen unse-
ren Studenten bei, die Methoden anzuwenden und ver-
ALFONS WEICHENRIEDER gessen dabei vielleicht, ihnen erst einmal ein Gefühl für
Das Wichtigste, was die Ökonomen leisten, ist, die sozialpolitisch relevanten Fragestellungen zu geben.
gut informierte wirtschaftspolitische Entschei- Wir sollten daher eine stärker problemorientierte Aus-
dungsträger auszubilden. Dabei haben wir Fort- bildung anstreben. Wir müssen die Studierenden erst
schritte gemacht. Inzwischen ist es so, dass ei- einmal an die eigentlichen Probleme heranführen, diese
nige hochrangige Ministerielle auch Lehrstühle dann mit ihnen diskutieren und mögliche Lösungsstra-
für Volkswirtschaftslehre bekleiden könnten. tegien entwickeln. Das würde uns sicherlich helfen.

130
WIR MÜSSEN UNSER STUDIUM PROBLEMORIENTIERTER GESTALTEN. DAS STUDIUM
IN DEN ERSTEN SEMESTERN IST VIEL ZU TECHNISCH. WIR ERSCHLAGEN DIE LEUTE
MIT MATHEMATIK UND VERTREIBEN ALLE DIEJENIGEN, DIE AN DER WIRKLICHKEIT
INTERESSIERT SIND. ETWAS ÜBERSPITZT FORMULIERT, LASSEN WIR STUDIERENDE
ÜBRIG, DENEN ES EGAL IST, WAS SIE INHALTLICH LERNEN, DIE ABER EIN FAIBLE
FÜR MATHEMATISCHE ZUSAMMENHÄNGE HABEN.

HANS-WERNER SINN
*

WOLFRAM RICHTER HANS-WERNER SINN


Also, an der Debatte, ob jetzt zu viel Mathematik oder Ich möchte aber noch einmal auf den Punkt von Ron-
zu wenig Mathematik in der Volkswirtschaftslehre nie Schöb zurückkommen. Wir müssen unser Studium
gelehrt wird, möchte ich mich nicht beteiligen. Das problemorientierter gestalten. Das Studium in den
ist eher eine Ablenkung von den wahren Problemen. ersten Semestern ist viel zu technisch. Wir erschla-
Ich erwarte von jungen Menschen, dass sie, bevor sie gen die Leute mit Mathematik und vertreiben alle
sich politisch äußern, erst mal ihr Handwerkszeug diejenigen, die an der Wirklichkeit interessiert sind.
erlernen und dazu gehört auch, dass man in der Lage Etwas überspitzt formuliert, lassen wir Studierende
ist, theoretische Modelle zu durchdringen und dass übrig, denen es egal ist, was sie inhaltlich lernen, die
man seriös in Empirie ausgebildet ist. Also, ich sehe aber ein Faible für mathematische Zusammenhänge
überhaupt kein Ziel darin, dass ein Absolvent nach haben. Das ist im amerikanischen Ausbildungssys-
dem Masterabschluss schon politische Statements tem grundsätzlich anders. Da wird das Studium ganz
von sich gibt. Es müssen zunächst solide Grundla- anders aufgezogen: Im ersten Jahr darf überhaupt
gen gelegt werden. Aber wir müssen achtgeben, dass keine Formel verwendet werden, nur einzelne Grafi-
wir bei Berufungen nicht zu einseitig Publikationen ken. Im zweiten Jahr macht man alles nochmal, aber
etwa nach Handelsblatt-Ranking bewerten. Das ist mit ganz primitiven und einfachen Formeln und dann
leider bei uns zunehmend der Fall. Vielleicht ist das erst im dritten Jahr kommen komplexere formale
nur eine typische Pendelbewegung, ein Überschie- Modelle. Und wir machen es genau umgekehrt: Wir
ßen in eine Richtung, nachdem in der Vergangenheit fangen mit der mathematischen Komplexität an und
vielleicht entsprechende Publikationen zu wenig lassen die ganze Problemorientierung zunächst weg.
gewürdigt wurden. Die richtigen Berufungen sind
entscheidend: Wenn ich die richtigen Hochschul- Also, wer anfängt, Ökonomie zu studieren, der muss
lehrer berufe, wird auch die Lehre richtig sein. sich eigentlich erst einmal frustriert abwenden und nur

131
IN DIE SCHULEN ZU GEHEN, DAS IST AUF MEINER LISTE PUNKT EINS. EIN RICHTIG
GUTES WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTLICHES SCHULFACH, IN DEM AUCH DIE
INSTITUTIONEN ERKLÄRT WERDEN, IST SINNVOLL.

KAI KONRAD
*

sinn und am stärksten fällt es denen auf, die früher


die, die dann durchhalten, werden im späteren Verlauf mal Physik studiert haben und in einen Masterkurs
des Studiums belohnt, wenn überhaupt. Vielleicht reinrutschen. Alles ist uneinheitlich definiert. Ich
werden sie sogar erst nach dem Studium belohnt, wenn habe mir die aktuellen Auflagen der sechs führenden
sie sich mit echten Problemen beschäftigen können. Makro-Bücher der Welt angesehen und mir dabei die
Definition von Ersparnis angeschaut. Jeder hat eine
SCHNEIDER/WEIMANN andere Definition, alle sind inkompatibel und keine
Haben wir denn gute Lehrbücher, um eine solche Lehre zu Definition entspricht der Definition aus der volkswirt-
unterstützen? schaftlichen Gesamtrechnung. Das Ganze ist getragen
von der Vorstellung, dass Ersparnis volkswirtschaft-
HANS-WERNER SINN lich schlimm ist. Das wird zwar nirgends gezeigt,
Ja, die Lehrbücher sind in der Regel schon gut ge- aber letztlich schimmert es immer in so katastropha-
schrieben. Natürlich kommt dabei das Institutionenwis- len Modellen wie IS-LM durch. Niemand wagt es
sen zu kurz, denn internationale Lehrbücher müssen aber, ein Makro-Buch ohne IS-LM zu schreiben.
für verschiedene Länder passen. Man muss Studierende
auch darüber informieren, wie zum Beispiel die EU Mit der Mikro bin ich insgesamt eher zufrieden. Bei
und das deutsche Staatswesen funktionieren. Denn der Finanzwissenschaft hat es leider in den letzten
schließlich haben die Institutionen unmittelbar wich- Jahren einen erheblichen Rückbau gegeben. Das ist
tige Rückwirkungen auf das Wirtschaftsgeschehen. schade, denn Finanzwissenschaft sollte Pflichtfach
für Ökonomen, in der BWL und in der Volkswirt-
STEFAN HOMBURG schaftslehre, sein. Man kann schließlich keinen Tag das
Ich sehe die Thematik der Lehrbücher differenzierter. Handelsblatt aufschlagen, ohne dass es um finanzwis-
Das, was die Studierenden in den ersten Semestern senschaftliche Fragestellungen geht. Zum Teil ist der
in der Mikroökonomik lernen, ist alles im Grunde Abbau der Finanzwissenschaft oder auch allgemeiner
nützlich. Schlimmer ist die Makroökonomik. Die der Volkswirtschaftslehre natürlich eine notwendi-
Lehrbuchmakro ist ein einziges Desaster, das leider ge Folge des Systemzusammenbruchs im Osten. Bis
die Struktur eines Gefangenendilemmas hat. Alle 1989 war es noch spannend: Kann Marktwirtschaft
wissen das, aber keiner weiß, wie man es ändern kann. überhaupt noch überleben? Taugt der Kapitalismus
Nehmen Sie das IS-LM-Modell. Das ist alles Un- etwas? Tja, und dann haben die Volkswirte ihre These

132
belegt: Man braucht keine zentrale Planung. Aber FRIEDRICH BREYER
damit braucht man eben auch weniger Volkswirte. Man Die Sache hört beim Master-Abschluss nicht auf. Ich
braucht im Grunde nur ein paar Volkswirte, die dieses würde in Promotionsprogrammen darauf achten,
Wissen um dezentrale Steuerung aufrecht erhalten. dass unsere Wissenschaft relevant ist. Nicht dadurch,
Zu meiner Zeit als Student waren noch ungefähr 25% dass wir nur angewandte Forschung machen, sondern
der Studierenden Volkswirtschaftslehre-orientiert. Ich dass auch unsere Grundlagenforschung durch reale
denke, das ist inzwischen so bei 10% angekommen. Probleme und durch wirtschaftspolitische Probleme
Aber man kann den BWLern doch nicht nur Unterneh- motiviert ist. Dann ergeben sich die Konsequenzen,
mensführung, Marketing usw. beibringen. Spätestens also die Implikationen für die Politikberatung, von
wenn die mal in einer Führungsposition sind, müssen selbst. Also wir sollten nicht zu sehr in die esoterischen
sie sich auch mit den finanzwissenschaftlichen Fra- und nur wissenschaftlichen immanenten Fragen gehen
gen beschäftigen, über die sie im Handelsblatt lesen. und diese in der Ausbildung unterrichten. Trotzdem
geht es in der Grundausbildung nicht ohne theoreti-
JUSTUS HAUCAP sche Grundlagen. In der Ausbildung im Bachelorstu-
Handelsblatt ist ein gutes Stichwort. Wir bieten unse- dium klagen die Studenten oft. Dann muss man sie
ren Studierenden einen Kurs von einem Handelsblatt- natürlich mit wirtschaftspolitischen Anwendungen
redakteur in „Schreiben lernen“ an. Denn Schreiben motivieren und zum Durchhalten anhalten. Aber
ist wirklich ein großes Defizit der Studierenden. Die gerade in der Doktorandenausbildung ist es wichtig,
können zwar ein Modell aufschreiben, sie können es dass die Motivation durch reale Probleme entsteht.
aber nicht interpretieren. Sie können es auch nicht so
aufschreiben, dass ein Nicht-Ökonom versteht, was CARL CHRISTIAN VON WEIZSÄCKER
sie sagen wollen. Ich sage immer: „Versuchen Sie, es Ich glaube, man sollte im Studium die Darstellung der
Ihrer Großmutter zu erklären.“ Das fällt den Studie- wirtschaftspolitischen Probleme verstärken, vor denen
renden total schwer, ist aber wahnsinnig wichtig. sich die Politik oder die Profession sieht. Auch mir ist
die Bachelorausbildung zu methodenlastig. Zu wenige
FRIEDRICH SCHNEIDER der brennenden Fragen der Wirtschaftspolitik prägen
In der studentischen Ausbildung trainieren wir weder, das Studium. Da sollte man ansetzen und darüber auch
ein Problembewusstsein zu entwickeln, noch Lösungen die Attraktivität des Faches erhöhen. Außerdem sollte
verständlich zu vermitteln. An der Carnegie-Mellon man die Bachelorausbildung nicht so anlegen, dass man
University habe ich den Studierenden das berühm- denkt, man habe hier lauter künftige Professoren vor
te One Page Memo beibringen dürfen. Die Aufgabe sich sitzen. Die große Mehrheit unserer Studierenden
besteht darin, einen guten Artikel aus dem American geht in die Praxis und muss dann nach ein paar Jahren
Economic Review, der zwischen zwanzig und drei- Bachelorausbildung einen gewissen Fundus an wirt-
ßig Seiten hat, auf einer Seite darzustellen und zwar schaftspolitischem Verständnis mitbekommen haben.
so darzustellen, dass es der Politiker oder Manager Das müsste man stärker betonen. Leider bekomme
versteht. Viele unserer Studierenden können sich ich meine jüngeren Fachkollegen nicht immer dazu,
nicht auf das Wesentliche konzentrieren. Die Semi- das zu machen. Denn natürlich sind die daran inter-
nararbeiten, die Vorträge sind immer zu lang. Das essiert, in der Lehre Dinge zu unterrichten, die nahe
ist im Übrigen auch ein Problem vieler Kollegen. an ihrer eigenen Forschung liegen. In der Doktoran-

133
WIRTSCHAFT IST FÜR ALLE WICHTIG UND ALLE SOLLTEN VERSTEHEN, WIE BANKEN
FUNKTIONIEREN. ABER WAS MACHT MAN IN DEUTSCHLAND? WIRTSCHAFT WIRD
ALS ETWAS MINDERWERTIGES ANGESEHEN. ES HAT WEDER DAS NIVEAU
VON GOETHE NOCH VON QUANTENPHYSIK.

MICHAEL BURDA
*

134
denausbildung ist das in Ordnung, wenn man stärker Zweitens gibt es Nebenbedingungen, Knappheiten.
wissenschaftsorientiert arbeitet. Aber die unmittelbare Man hat ein Budget und jeden Euro, über den man
Praxisrelevanz des Faches sollte in den unteren Se- verfügt, kann man nur einmal ausgeben. Drittens ist
mestern stärker betont werden. Vielleicht würden sich das, was wir in der Realität vorfinden, kein Zufallspro-
dann auch die jüngeren Wissenschaftler stärker mit dukt, bei dem die Leute zu dumm waren, eine bessere
praktischen wirtschaftspolitischen Themen befassen. Entscheidung zu treffen. Aber warum stellt das, was
wir beobachten, eigentlich ein Gleichgewicht zwischen
SCHNEIDER/WEIMANN einander widersprechenden Interessen dar? Und kann
Findet die Ausbildung nur an Universitäten statt? Sollte ich an diesem Gleichgewicht wirtschaftspolitisch etwas
nicht schon viel früher, an den allgemeinbildenden Schulen, ändern? Also diese drei Einsichten alleine tragen
ein ökonomisches Grundverständnis vermittelt werden? schon sehr, sehr weit. Natürlich braucht man dann in
der direkten Anwendung vielfach auch rein instituti-
KAI KONRAD onelles Wissen, aber das ist jetzt vielleicht gar nicht
Auf jeden Fall. In die Schulen zu gehen, das ist auf mal so etwas wahnsinnig spezifisch ökonomisches.
meiner Liste Punkt eins. Ein richtig gutes wirt- Aber die drei Grundeinsichten, Anreize, Nebenbe-
schaftswissenschaftliches Schulfach, in dem auch dingungen, Gleichgewichte, die bringen uns schon
die Institutionen erklärt werden, ist sinnvoll. In der wahnsinnig weit. Es ist immer wieder verblüffend,
Schule war, und das ist jetzt meine Erfahrung, das wie wenig Fachfremde diese Grundeinsichten ken-
Fach Wirtschaft völlig uninteressant und wurde nen oder akzeptieren und wie wichtig es ist, diese als
oft auch falsch unterrichtet. Dabei gibt es in unse- Vertreter seines Fachs immer wieder zu verteidigen.
rer Profession so wirklich tolle und überraschende
Erkenntnisse. Man könnte daraus ein spannendes SCHNEIDER/WEIMANN
Schulfach machen. Das wäre unglaublich hilfreich. Sie haben eben das Institutionenwissen angesprochen.
Die Bevölkerung springt auf Thesen wie Markt Wie wichtig ist denn neben Theorie und Empirie auch
versus Staat an, weil die Bedeutung von Markt nicht das Institutionenwissen?
richtig verstanden wird. Dabei sind die wichtigen
Botschaften größtenteils sehr einfach und lassen sich HANS-WERNER SINN
einem Zehntklässler gut und auch sehr anschaulich Ich glaube, wir sind zu weit weg gegangen von der
vermitteln. Eine breite Verankerung dieses Wissens traditionellen Wirtschaftspolitik. Ich war immer
wäre unglaublich hilfreich für die wirtschaftspoliti- Vertreter der Meinung, dass man ein eigenständiges
sche Beratung, denn viele Plattitüden aus der Politik Fach Wirtschaftspolitik gar nicht braucht, weil man
könnten nicht mehr verbreitet werden oder wären das alles in den Theorievorlesungen mit erschlagen
nicht mehr fruchtbar. Das wäre für die wirtschafts- kann und es eine Symbiose von Theorie und Politik
politische Beratung der wichtigste Ansatzpunkt. geben muss. Ich erkenne aber an, dass wir Schwächen
bei der Vermittlung institutionellen Wissens haben.
CHRISTOPH SCHMIDT Das ist einfach über Bord gefallen. Warum ist das so?
Es stimmt, vieles im wirtschaftspolitischen Bera- Es liegt einmal daran, dass die Institutionen von Land
tungshandeln lässt sich im Endeffekt auf einfache zu Land unterschiedlich sind und man sich an der
ökonomische Grundsätze reduzieren. Da ist erstens internationalen Forschung orientiert. Institutionen
der Umstand, dass Anreize das Verhalten verändern. in Amerika sind aber anders und haben eine andere

135
WIR HABEN IN DEUTSCHLAND
DURCH DIESE HYSTERIE BEIM
THEMA DATENSCHUTZ EINE SITU-
ATION GESCHAFFEN, IN DER WIR
IM INTERNATIONALEN VERGLEICH
SEHR SCHLECHTEN ZUGANG ZU
EMPIRISCHEN DATEN HABEN. UND
DAS BEHINDERT DIE FORSCHUNG IN
DIESEM LAND UND DAS BEHINDERT
AUCH DIE POLITIKBERATUNG.

THIESS BÜTTNER
136
NUR DANN DEN MUND AUFMACHEN, WENN MAN EINE KLARE BOTSCHAFT HAT.
ANSONSTEN IST POLITIKBERATUNG HINTER VERSCHLOSSENEN TÜREN
BESSER AUFGEHOBEN.

AXEL BÖRSCH-SUPAN
*

Bedeutung als in Deutschland. Ein Problem ist auch, wir in unserem deutschen Arbeitsmarkt einen Bestand
dass Institutionen nicht stromlinienförmig gestal- an Arbeitslosen von etwas unter 3 Millionen haben.
tet sind, sondern fürchterlich komplex sein können. Dabei haben wir jährlich 1,5 Millionen Neuzugänge
Das lässt sich nur schwer auf einen Nenner bringen, und 1,5 Millionen Abgänge. Das sind Fakten. Das heißt
sodass man auch gar nicht richtig weiß, wie man das aber, dass es nicht nur Langzeitarbeitslose gibt, son-
zusammenfassend richtig darlegen soll. Diese extre- dern auch sehr viele Kurzeitarbeitslose. Arbeitsmärkte
me Komplexität überfordert den jungen Volkswirt sind sehr heterogen. Es gibt tatsächlich Langzeitar-
und da ist dann die Theorie die einfachere Lösung. beitslose und die sind zu bemitleiden und denen ist
Da bewegt man sich in Gedankengebäuden, die man zu helfen. Aber es gibt auch Menschen, die häufig in
ganz einfach konstruiert hat, die auf einfachen An- die Arbeitslosigkeit hinein und wieder heraus gehen.
nahmen basieren. In diesen Gedankengebäuden kann Auch hier müssen wir uns kümmern und versuchen zu
man sich durch Nachdenken zurechtfinden und kennt verstehen, was diese Zahl treibt. Arbeitsmärkte sind
jeden Winkel dieses Gebäudes. Aber die Realität ist sehr aktive Märkte und keine Ansammlung von Leuten,
halt nicht so logisch konstruiert und jeden Winkel zu die sich nicht vom Platz bewegen. Es gibt natürlich
kennen, ist ein ganz, ganz anderes Unterfangen. Das solche, die im Pool der Arbeitslosen bleiben, aber es
kann man man als junger Volkswirt, der vorne auf der gibt eben auch andere und man muss sich fragen,
Lehrkanzel steht, noch gar nicht so richtig leisten. was läuft da anders? Werden die eingestellt, machen
die sich selbständig, gehen die in Minijobs oder was
MICHAEL BURDA sonst? Da muss man sich schon mit Details befassen.
Das stimmt, aber man könnte zunächst mit Fakten Deshalb sollten wir zunächst auf die Fakten schauen.
beginnen. Fakten sind wirklich über alle ideologischen
Zweifel erhaben und die könnte man einfach mal an den Aber das sollte tatsächlich bereits an den Schulen
Mann oder an die Frau bringen. Wenn Leute zunächst geleistet werden. Wirtschaft ist für alle wichtig und
einmal Einigkeit über Fakten haben, schließt das schon alle sollten verstehen, wie Banken funktionieren. Aber
einiges an Fehlschlüssen aus. Nehmen wir den Arbeits- was macht man in Deutschland? Wirtschaft wird als
markt als Beispiel. Für mich ist es faszinierend, dass etwas Minderwertiges angesehen. Es hat weder das

137
Niveau von Goethe noch von Quantenphysik. Mein THIESS BÜTTNER
Sohn hat Quantenphysik in der Schule gehabt. Das Ja, das könnte man hoffen. Aber ich bin, gerade was
ist absolut lächerlich. Er versteht es sowieso nicht. Er das Gebiet Steuerstatistik angeht, völlig desillu-
lernt ein paar Formeln auswendig und nur, wenn er sioniert. Wir haben eine föderale Ordnung, in der
Physiker wird, dann wird er es vielleicht verstehen. wichtige Kompetenzen bei den Ländern liegen, und
Relativität kann man nicht verstehen, indem man sich zumindest in der Politik kaum jemand ernst-
Formeln einer Lorenztransformation lernt. Das ist haft Gedanken darüber macht, geschweige denn
Blödsinn und deshalb sollte man in den Schulen nicht es vorantreibt, eine Datenbasis für wichtige Berei-
Theorie vermitteln, sondern zunächst einfach Fakten. che zur Verfügung zu stellen. Natürlich hat es eine
gewisse Entwicklung im Bereich der vom Bund
THIESS BÜTTNER verantworteten Sozial- und Rentenversicherungs-
Das klingt erst einmal gut. Aber, was in Deutschland daten gegeben, aber das ist noch viel zu eng.
ein ernsthaftes und drängendes Problem ist, ist die
Knappheit an Daten. Das geht natürlich über die von SCHNEIDER/WEIMANN
Michael Burda angesprochene Notwendigkeit, Fakten Ok, die Liste der Vorschläge ist lang und die Umset-
zu verstehen, hinaus. Wir haben in Deutschland durch zung wird uns gut beschäftigen. Fehlt noch etwas?
diese Hysterie beim Thema Datenschutz eine Situati-
on geschaffen, in der wir im internationalen Vergleich WOLFGANG BUCHHOLZ
sehr schlechten Zugang zu empirischen Daten haben. Also ich würde der eigenen Profession dringend
Und das behindert die Forschung in diesem Land und anraten, a) methodisch fundierte Urteile abzugeben
das behindert auch die Politikberatung. Das halte ich und b) verschiedene Seiten einer Frage in den Blick
für einen eklatanten Missstand, der deutschlandspe- zu nehmen. Dafür sind wir da, dafür werden wir auch
zifisch ist. Andere Länder tun sich wesentlich leichter bezahlt. Wir sind nicht die Büttel der politischen
und die Bedingungen sind dort wesentlich besser. Interessen. Also, ich vermisse es schon ein bisschen,
Daran muss sich in Deutschland etwas ändern. Etwas dass dieser Standpunkt offensiv vertreten wird.
anderes, an dem wir in Deutschland arbeiten müs-
sen, ist die Verbindung der Politikberatung mit der MARTIN HELLWIG
Forschung. Wir müssen es schaffen, dass man auch Was ich vermisst habe, ist die Einsicht, dass wir immer
dann eine akademische Karriere machen kann, wenn wieder über neue Inhalte nachdenken müssen, weil
man sich in der Forschung mit dem für uns relevan- jedes Problem, mit dem wir in der Realität konfrontiert
ten Umfeld beschäftigt, mit unseren Institutionen, werden, in gewissem Sinn neu ist. Deshalb brauchen
mit unseren Märkten und mit unseren Problemen. wir eine Methode in der Politikberatung, die uns zeigt,
Es wäre fatal, wenn man nur noch Karriere macht, wie wir mit der Neuheit der Probleme jeweils umge-
indem man über Dinge im Ausland promoviert. hen. Wenn die Frage ist: „Sind die Denkmuster, die
Analysemuster, die wir bisher haben, ausreichend, oder
SCHNEIDER/WEIMANN brauchen wir wesentlich Neues?“, würde ich ziemlich
Hat sich bei der Datenverfügbarkeit in den letzten Jahren zuversichtlich sein, dass das, was wir haben, eigentlich
nicht einiges verändert? Die Forschungsdatenzentren wären schon sehr brauchbar ist. Vorausgesetzt wird aller-
hier ein Stichwort. dings, dass man es nicht mechanisch anwendet, sondern
die Umsetzungsprobleme ernst nimmt. Dazu gehört,

138
dass man sich jeweils die Details der betroffenen
Märkte und Institutionen genau ansieht. Beim Thema
Institutionen geht es nicht um eine einmal zu vermit-
telnde Kenntnis, dazu ist die Vielfalt zu groß, sondern
darum, dass man sich bei jedem Problem neu darauf
einlässt, die Institution kennen zu lernen, ehe man an-
fängt, mit dem wissenschaftlichen Apparat zu arbeiten.
Für die Wirtschaftspolitik in Deutschland wäre viel
gewonnen, wenn diese Verbindung von Detailkenntnis
der Institutionen und Anwendung des wissenschaft-
lichen Instrumentariums mehr gepflegt würde.

139
PORTRAIT

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hans-Werner Sinn


„Ich habe nicht Volkswirtschaft studiert, um reich zu werden,
sondern weil ich die Welt verbessern wollte. Und das geht
natürlich nur, wenn man anderen seine Meinung mitteilt.“

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich und gewollt. Nur dann war ich enttäuscht, sehr im Technischen bewegt. Das ist aber
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- weil sich dieses Fach doch ziemlich weit vielleicht auch für junge Wissenschaftler
schaftlichen Arbeit? in den Elfenbeinturm zurückzieht, ob- in Ordnung. Ältere sollten es dann eher
Das war der Grund, weshalb ich Volks- wohl es doch dafür prädestiniert ist, sich wagen, sich am Diskurs zu beteiligen.
wirtschaftslehre studiert habe. Ich habe am öffentlichen Diskurs zu beteiligen.
das nicht studiert, um reich zu werden, Gut, man kann sich auch im Elfenbein- Würden Sie Ihre Beratertätigkeit als
sondern weil ich die Welt verbessern turm gut miteinander beschäftigen, aber parteiübergreifend beschreiben oder fällt das
wollte. Und das geht natürlich nur, wenn die wirkliche Daseinsberechtigung der manchmal schwer?
man anderen seine Meinung mitteilt. Volkswirte resultiert aus der Rückkopplung Ich habe als junger Mensch der SPD an-
unserer Erkenntnisse in den öffentlichen gehört, von 19 bis 20. Aber das hielt nicht
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz eines Diskurs und in die Wirtschaftspolitik. lange an. Seitdem habe ich keinerlei Partei-
Problems bedeutsam auch bei der Auswahl bindung mehr und lehne das auch inhaltlich
Ihrer Forschungsgegenstände? Wann war für Sie der Punkt gekommen, an ab, weil es das Denken zu stark einengt.
Ja, das ist sehr bedeutsam und wird zuneh- dem Sie gesagt haben: „Okay, jetzt bin ich aus
mend wichtiger. Wenn man jung ist, ist dem Elfenbeinturm raus und im Leben ange- Sie haben viel mit Politik zu tun. Welches Ver-
das noch ein bisschen anders: Dann lässt kommen?“ hältnis hat sich für Sie persönlich dadurch zur
man sich eher von der Dogmengeschichte Das war der Eintritt in den wissenschaft- Politik ergeben und können Sie sich vielleicht
treiben, betreibt das Fach als Geisteswis- lichen Beirat beim Wirtschaftsministe- auch vorstellen, die Seite zu wechseln und in die
senschaft und reflektiert das, was andere rium 1989. Dort habe ich mich sehr mit Politik zu gehen?
schon gedacht haben. Aber wenn man sich den Vereinigungsthemen und mit vielen Nein, das kann ich nicht. In der Poli-
dann freischwimmt, traut man sich auch anderen Themen wie Rente und Arbeits- tik kommt es ja nicht auf das rationale
zunehmend an eigenständige Themen, die markt beschäftigt. Aber, das Interesse an Argument an, sondern der Politiker muss
einem von der Wirklichkeit angetragen den gesellschaftlich relevanten Themen wie ein Geigenvirtuose durch eine ge-
werden. Das finde ich äußerst faszinierend. war eigentlich auch vorher schon immer schickte Wortwahl Emotionen anklingen
da. Deshalb hab ich mich sehr intensiv mit lassen, die ein bestimmtes Stimmungsbild
Sind Sie in die Politikberatung gegangen, Wachstumsfragen, mit Ressourcenfragen, erzeugen. Diese Art von Argumentation
weil Ihnen die Wissenschaft zu wenig war? mit Steuerfragen beschäftigt. Aber im ist einem Wissenschaftler fremd. Inso-
Nein, ich hab immer – schon als ich stu- Grunde blieb man doch noch weit weg fern ist ein Wissenschaftler völlig un-
dierte – diese Politikberatung gewünscht von der wirklichen Relevanz und hat sich geeignet für den Posten des Politikers.

140
Wie hat sich Ihr persönliches Verhältnis zur
Politik über die Zeit entwickelt?
Es wurde immer distanzierter. Ich habe nie
zu einem Politiker ein enges Verhältnis ent-
wickelt, sondern war immer auf Distanz.

Gibt es besonders angenehme oder unangenehme


Dinge, an die Sie sich erinnern?
Angenehm ist es ja nie, denn man kommt
mit einer Meinung daher, die irgendwo
aneckt. Wenn sie nicht anecken würde,
müsste man sie ja gar nicht vorbringen.
Politikberatung ist immer der Versuch,
andere davon zu überzeugen, dass sie
falsch liegen und dass die Wahrheit anders
ist, als sie gedacht haben. Das bedeutet ja
immer auch Widerstand zu erzeugen. Es
geht ja gar nicht anders. Gut, jetzt kann
man sagen: „Das ist mir unangenehm, weil
dann alle gegen mich sind.“ Man kann aber
auch sagen: „Dieser Disput macht Spaß.
Jetzt schauen wir mal, wer zum Schluss
Recht hat.“ Das ist ein gewisser Kampf-
geist, der einen beseelt – ähnlich wie
beim Fußball, wenn man gewinnen will.

141
142
PROF. DR. DR. H.C. MULT. HANS-WERNER SINN

Geburt
1948 in Brake, Westfalen

Ausbildung
Helmholz Gymnasium Bielfeld
Studium Volkswirtschaftslehre und Publizistik in Münster

Wichtige berufliche Stationen


Assistent für Finanzwissenschaft Münster und Mannheim
Visiting Assistant Professor/Full Professor University of Western Ontario 1978/79, 1984/85
Professur für Nationalökonomie und Versicherungswissenschaft, LMU, 1984 - 1994
Professur für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft, LMU seit 1994
Präsident des ifo Instituts (seit 1999)

Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Steuern, Umwelt, Wachstum und erschöpfbare Ressourcen,
Risikotheorie, Klima und Energie, Banken,
Demographie und Sozialversicherung, Makro, Systemwettbewerb

Wichtigste Positionen in der Politikberatung


Bin für den Wohlstand und forsche, wie man den Diebstahl desselben unterbinden kann.

Wo er am liebsten in der Nationalelf spielen würde


Links außen. Wegen des Überraschungseffektes.

Der Lieblingsgegenspieler aus der Politik


Gregor Gysi, weil er auch links außen spielt und ich
insofern nicht mit ihm zusammenrasseln kann.

143
PORTRAIT

Prof. Dr. h.c. Michael C. Burda, Ph. D.

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich lich für unsere Ergebnisse interessieren insbesondere zur SPD. Das war zur Zeit
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- oder einfach keine Lust haben, sich damit der Hartz-Reformen und ist schon eine
schaftlichen Arbeit? auseinanderzusetzen. Das frustriert Weile her. Ich bin zwar immer noch auf
Also ich halte sehr viel davon, die Volks- mich. Daher bin ich nicht so aktiv in der ihrer Verteilerliste, aber die interessieren
wirtschaftslehre anwendbar und nützlich Politikberatung. Wenn man auf mich sich nicht mehr für mich, was völlig okay
zu machen. Ich leide ein bisschen darunter, zukommt, dann mache ich das gerne. Ich ist. Man kann auch indirekt versuchen,
dass wir immer als irrelevant abgetan wer- halte Vorträge vor kleinen Gruppen oder Einfluss zu nehmen. Man gibt Inter-
den. Schön ist es, wenn die Studenten nach ich setze mich gerne mit Wirtschaftspo- views und sagt etwas Kontroverses oder
Vorlesungen auf mich zukommen und litikern zusammen und diskutiere Dinge man lanciert ein paar neue Ideen. Oder
sagen: „Das war tatsächlich etwas, was aus. Aber ich bin vielleicht auch nicht so man schreibt einen Blogbeitrag. Damit
mir beim Zeitung lesen hilft.“ Das hängt hoch relevant wie andere meiner Kolle- kann man häufig sehr viel bewirken.
wohl auch damit zusammen, dass ich Ma- gen. Das habe ich selbst gewählt und ich
kro- und Arbeitsmarktökonomik mache. habe Angebote zum Teil ausgeschlagen. Sie haben viel mit Politik zu tun. Welches
Vielleicht ist das für Wirtschaftstheore- Verhältnis hat sich für Sie persönlich da-
tiker oder theoretische Ökonometriker Wie wichtig ist Ihnen die Relevanz ihrer durch zur Politik ergeben und können Sie
anders. Aber für mich ist die Nützlichkeit Forschung? sich vielleicht auch vorstellen, die Seite zu
der Volkswirtschaftslehre schon wichtig. Ich finde, es wäre ein Armutszeugnis, wenn wechseln und in die Politik zu gehen?
man tatsächlich nichts Relevantes sagen Mir macht mein Leben, so wie es jetzt ist,
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz könnte. Die gesellschaftliche Relevanz hat eigentlich viel zu viel Spaß. Ich bin kein
eines Problems auch bei der Auswahl meine Entscheidung für die Volkswirt- deutscher Staatsbürger. Mich interessiert
Ihrer Forschungsgegenstände bedeutsam? schaftslehre als Fach motiviert. Ich sollte die Anwendungsfähigkeit unseres Faches
Ja, ich würde sagen schon. Viele Fragen Medizin studieren oder Chemie. Und ei- und ich freue mich, wenn es klappt und
werden durch Ereignisse aufgeworfen, die gentlich hat Chemie mich sehr interessiert, finde es schade, wenn vielleicht die eine
sich nicht so einfach einfügen lassen in aber im Hintergrund war immer diese Re- oder andere Meinung nicht ernst genom-
das Raster von Ideen, die wir verfolgen. levanz der ökonomischen Zusammenhänge. men wurde. Zum Beispiel beim Euro. Aus
Wenn es aber gelingt, etwas zu entwickeln, Deshalb bin ich diesen Weg gegangen. politischen Gründen bin ich für den Euro.
das für die Wissenschaft und die Poli- Aber ich war auch schon in den 90ziger
tik relevant ist, ist das ein tolles Gefühl. Würden Sie Ihre Beratertätigkeit als par- Jahren sehr skeptisch, ob es funktioniert.
Aber gleichzeitig hat man manchmal den teiübergreifend beschreiben? Man hätte wirklich versuchen müssen,
Eindruck, dass die Leute, die tatsächlich Also früher war ich viel aktiver. Ich hatte mit einem kleineren Teilnehmerkreis zu
an den Hebeln sitzen, sich nicht wirk- ständig Kontakt zu fast allen Parteien, beginnen und den dann ganz langsam

144
„Man hat manchmal den Eindruck, dass die Leute, die
tatsächlich an den Hebeln sitzen, sich nicht wirklich
für unsere Ergebnisse interessieren oder einfach keine
Lust haben, sich damit auseinanderzusetzen.“

auszuweiten. Wenn man sich die Diskus- hört! Schröder hat sich zehn Jahre später
sion von damals ansieht, dann war das so daran erinnert. Ich bin kein großer Fan
eine Art Hybris: „Also wir machen das von Schröder, aber für die Agenda 2010
einfach. Wir machen Nägel mit Köpfen.“ hat er allen Respekt verdient. Ich weiß
Kohl und danach auch Schröder haben immer noch nicht, warum er das gemacht
so Politik gemacht. Und was soll‘s, wenn hat. Er hat damit im Prinzip die SPD
Deutschland und Frankreich die Defizit- kaputt gemacht. Aber es war wichtig und
regeln verletzen, dann schadet das nicht. richtig für das Wohlergehen des Landes
An der Stelle waren sich die Ökonomen und nur er hätte es tun können. Und ich
völlig einig. Sie haben gesehen, dass die hatte in diesem Prozess eine kleine Rolle.
Verletzung der Defizitregeln ein Signal Ich war niemals ganz vorne. Eine ähnliche
war, das Konsequenzen haben würde. angenehme Erfahrung habe ich mit Frau
Und tatsächlich war es in den folgenden Merkel gemacht, bevor sie Bundeskanz-
Jahren nicht einfach, die südeuropäi- lerin wurde. Wir haben bei einem Glas
schen Staaten zur Disziplin zu rufen. Rotwein zusammen gesessen und über
die Wirtschaft geredet. Ich glaube, die
Gibt es besonders angenehme oder unange- Frau ist außerordentlich intelligent, denkt
nehme Dinge, an die Sie sich erinnern? tiefgründig nach und hat enorm viel ver-
Das angenehmste Erlebnis war, dass ich standen. Das sind die angenehmen Dinge.
einmal vor einer sehr kleinen SPD-Grup-
pe zu den Hartz-Reformen vortragen
durfte. Ich glaube, die haben damals zuge-

145
146
PROF. DR. H.C. MICHAEL C. BURDA, PH. D.

Geburt
1959 in New Orleans/USA

Ausbildung
Ph.D. an der Harvard University, Cambridge/USA 1987

Wichtige berufliche Stationen


Associate Professor of Economics, INSEAD,
Fontainebleau, Frankreich 1991 - 1993
Visiting Professor of Economics an der Haas School of Business,
University of California at Berkeley, USA 1996/97
Professor für Volkswirtschaftslehre,
Humboldt-Universität zu Berlin seit 1993
Gastprofessor für Volkswirtschaftslehre, European School of
Management and Technology (ESMT), Berlin seit 2007

Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Makro- und Arbeitsmarktökonomie, Europäische Integration

Wichtigste Positionen in der Politikberatung


Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des DIW 1999 - 2007
Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat
des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung seit 2007
Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des
Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung seit 2008
Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik (2010 - 2014)

Wo er am liebsten in der Nationalelf spielen würde


Außenstürmer

Der Lieblingsgegenspieler aus der Politik


Wolfgang Clement – bauernschlau, realitätsbezogen,
gut informiert, mit den Füßen auf dem Boden, hört zu.

147
Was muss ein guter und erfolgreicher
Politikberater mitbringen?

CLEMENS FUEST mal den Mund aufmachen und auch mal bei Politi-
Ich glaube, eine wichtige Kompetenz ist die, sich kern anecken. Aber berufen werden eben Leute, die
einfach ausdrücken zu können. Das hört sich blöd an, den Eindruck erwecken, dass sie Politikern nicht die
aber die Übersetzung von der Wissenschaftssprache in Butter vom Brot nehmen. Möglicherweise ist das
die normale Sprache ist ganz wichtig. In der Politikbe- ein Grund dafür, warum Hans-Werner Sinn nie in
ratung bewegt man sich unter Nicht-Spezialisten und den Sachverständigenrat gekommen ist, weil er von
deshalb muss man sich auf Leute einstellen können, Politikern als zu unbequem eingeschätzt wird. Der
die aus einer ganz anderen Perspektive kommen. sagt schon, was er davon hält, was Politiker machen.

FRIEDRICH BREYER JUSTUS HAUCAP


Man muss auf der einen Seite natürlich kommunika- Man muss lernen, komplexe Dinge nicht falsch, aber
tiv begabt sein. Man muss eine Sprache sprechen, die doch einfach auszudrücken. Und dann ist es hilfreich,
Politiker und Öffentlichkeit verstehen können. Das wenn man nicht jeden Sonderfall durchdekliniert
ist sicherlich wichtig. Eine weitere Fähigkeit ist es, und sagt: unter sehr speziellen Spezialumständen
Politikern den Eindruck zu vermitteln, dass man sie kann ein Spezialfall auftreten. Das verwässert
ernst nimmt. Außerdem braucht man die Fähigkeit, die Nachricht. Manchmal muss man den Mut
die ich nicht habe, nicht anzuecken. Ich bin jemand, haben, selbst zu entscheiden, ob etwas relevant
der gerne aneckt. Ich weiß auch nicht, woran das liegt. ist oder nicht. Wenn man etwas nicht für relevant
Man kann es auch anders formulieren: Politiker haben hält, sondern für einen theoretischen Spezialfall,
großen Einfluss darauf, welche Wissenschaftler, die dann muss man auch nicht darüber reden.
sich gerne in der Politikberatung engagieren würden,
in die Positionen kommen, wo sie größeres Gehör SCHNEIDER/WEIMANN
finden. Um da rein zu kommen, muss man ein gewisses Sind Wissenschaftler ohne Medientraining nicht immer
Entgegenkommen zeigen. Man braucht persönliche unterlegen?
Eigenschaften, die dem Politiker die Angst vor einem
nehmen. Vielleicht ist das eine Art Kompetenz, aber ich LARS FELD
habe noch nicht herausgefunden, wie man das macht. Medientraining braucht man für die elektronischen
Medien, nicht unbedingt für die Printmedien. Also
Man muss schon weichgespült sein, um in die wich- wenn ich für Print interviewt werde, habe ich eigent-
tigen Positionen zu kommen. Dann, wenn man in lich kein Problem. Das ist nicht schwierig. Da muss
solchen Positionen ist, dann kann man vielleicht auch man sich einfach nur überlegen, wie schreibe ich es

K. Schneider, J. Weimann, Den Diebstahl des Wohlstands verhindern,


148 DOI 10.1007/978-3-658-09495-9_12, © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2016
MAN MUSS SCHON WEICHGESPÜLT SEIN,
UM IN DIE WICHTIGEN POSITIONEN ZU
KOMMEN. DANN, WENN MAN IN SOLCHEN
POSITIONEN IST, DANN KANN MAN
VIELLEICHT AUCH MAL DEN MUND AUFMACHEN
UND AUCH MAL BEI POLITIKERN ANECKEN.
ABER BERUFEN WERDEN EBEN LEUTE, DIE
DEN EINDRUCK ERWECKEN, DASS SIE
POLITIKERN NICHT DIE BUTTER
VOM BROT NEHMEN.

FRIEDRICH BREYER
*

so, dass es gut verständlich ist. Bei den elektroni-


schen Medien ist das etwas anderes. Wie muss man
vor der Kamera auftreten? Die „Ähs“ zum Beispiel
müssen alle weg bleiben. Es müssen kurze, klare,
glatte Sätze sein, die man spricht. Man soll nicht
zu schnell sprechen und so weiter. Es müssen kurze
Statements sein. All diese Dinge sind sehr wichtig
und man darf sich von manchen Dingen, die dort
passieren, nicht irritieren lassen. Ich bin sicherlich
nicht so ein Medienprofi wie andere, die vor der Ka-
mera wesentlich versierter sind, weil sie das eintrai-
niert haben. Allerdings befürchte ich oder vermute
ich, dass die das auch on-the-Job gelernt haben.

149
WENN MAN EINEN SACHVERHALT WIRKLICH
VERSTANDEN HAT, KANN MAN IHN AUCH KOMMUNIZIEREN.
UND LEUTE, DIE IHN NICHT KOMMUNIZIEREN KÖNNEN,
HABEN IHN AUCH NICHT VERSTANDEN.

HANS-WERNER SINN
*

HANS-WERNER SINN sere Stärke ist. Außerdem sollte man nicht nur
Naja, Kommunikationsfähigkeiten braucht man reden, das macht man als Berater tendenziell oh-
natürlich, aber die ergeben sich irgendwie doch nehin zu viel, sondern vor allem auch zuhören.
letztlich von alleine. Wenn man einen Sachverhalt
wirklich verstanden hat, kann man ihn auch kom- FRIEDRICH SCHNEIDER
munizieren. Und Leute, die ihn nicht kommunizie- Völlig einverstanden. Man muss wissenschaftlich
ren können, haben ihn auch nicht verstanden. anerkannt sein, nur dann ist man auch im anderen Be-
reich erfolgreich. Allerdings nur, wenn man sich dafür
SCHNEIDER/WEIMANN die Zeit nimmt, wenn man zuhören kann und wenn
Sind denn nur die kommunikativen Kompetenzen so wich- man die Sorgen und Nöte der Politiker ernst nimmt.
tig? Wie sieht es mit den fachlichen Kompetenzen aus?
Es ist für mich wichtig, mein Wissen in die Politik zu
HANS-WERNER SINN tragen. Und weil das so ist, nehme ich mir auch die Zeit
Natürlich ist es wichtig, dass man eine wissenschaftliche und schreibe alle vierzehn Tage einen Kommentar für
Karriere gemacht hat, bevor man in die Politikberatung die regionale Tageszeitung. Das ist mir einfach wichtig.
einsteigt. Man muss methodenstark sein, ob das nun Aber ich habe für mich persönlich auch den Anspruch,
im Bereich der Theorie ist oder der Ökonometrie, und wissenschaftlich international sichtbar zu sein. Das ist
man muss sich als Staatsbürger in die wirtschaftspo- wichtig, denn die Verlockung, nur populärwissenschaft-
litischen Probleme der Gegenwart eingebracht haben liche Vorträge zu halten oder in Podiumsdiskussionen
und darüber auch geforscht haben. Dann entwickelt und in Talkshows im Fernsehen aufzutreten, ist sehr
man so allmählich den Fundus an Wissen und Kennt- groß. Danach kommen die Leute und sagen: „Das war
nissen, die eine solide Politikberatung ermöglichen. aber toll, was Sie da gesagt haben.“ Wenn man dann zu
sich selbst ehrlich ist, hat man common sense gut ver-
AXEL BÖRSCH-SUPAN packt erzählt. Das ist keine Wissenschaft. Deshalb sind
Ich sehe das auch so. Man muss primär erst mal für mich auch die internationalen wissenschaftlichen
ein guter Ökonom sein, weil die Sachlogik un- Tagungen eine Messlatte für die Wissenschaft: Werden

150
EIN WISSENSCHAFTLER, DER ETWAS IN SEINEM KÄMMERLEIN AUSGEBRÜTET HAT, TRITT
AN DIE ÖFFENTLICHKEIT UND WILL IHR SEINE IDEEN VERMITTELN. ER IST PERMANENT AUF
SENDUNG. DER POLITIKER ABER IST EIN EMPFÄNGER. DER GEHT IN EINEN RAUM, ERFASST
DAS KLIMA, DIE STIMMUNG UND SAGT DEN MENSCHEN DANN, WAS SIE HÖREN WOLLEN.
DAS IST NICHT DIE SACHE DES WISSENSCHAFTLERS.

WOLFRAM RICHTER
*

da deine Arbeiten auch angenommen? Ich möchte nicht CLAUDIA BUCH


aus der Wissenschaft raus. Wenn ich das Gefühl hätte, Nein, natürlich kann man nicht auf allen Gebieten
ich fliege da raus, weil ich nur noch Politikberatung Experte sein. Es ist sicherlich wichtig, Schwerpunk-
mache, dann würde ich die Politikberatung dramatisch te zu setzen. Gleichzeitig sollte man die Argumente
einschränken. Die Mischung ist das Entscheidende. unterschiedlicher Seiten aufnehmen, darunter die
von Praktikern, die nur ein geringes Interesse an der
SCHNEIDER/WEIMANN Wissenschaft haben, sowie die von Wissenschaftlern,
Die Ökonomik ist doch aber eine sehr breite Wissenschaft mit die wenig daran interessiert sind, was gerade politisch
vielen Themen. Kann man auf allen Gebieten Experte sein? diskutiert wird. Gute Politikberatung erfordert nicht
zuletzt eine Portion gesunden Menschenverstand.
THIESS BÜTTNER
Man muss ein Gebiet haben, wo man wirklich beur- SCHNEIDER/WEIMANN
teilen kann, was in der Wissenschaft läuft. Das haben Ein guter Politikberater ist also Wissenschaftler und Kom-
die meisten. Wenn man versucht, in internationalen munikator. Dazu gibt es wenig Widerspruch. Braucht man
Zeitschriften zu veröffentlichen, dann muss man sich noch mehr Fähigkeiten?
in diesem Gebiet umfassend auskennen, also von der
Theorie bis hin zu den konkreten Anwendungen. WOLFGANG FRANZ
Das ist die eine wichtige Voraussetzung. Gleichzei- Ja, man braucht vieles. Klar, wichtig ist, es muss eine
tig braucht man eine gewisse Breite. Das heißt, man gute Wissenschaftlerin, ein guter Wissenschaftler
braucht einen Überblick über möglichst viele Sub- sein. Ohne das geht es überhaupt nicht. Das zweite
disziplinen im Fach. Man muss Verständnis dafür ist, er oder sie muss teamfähig sein und muss Leute
haben, wie breit die Volkswirtschaftslehre Stellung motivieren können. Dann braucht man Manage-
nehmen kann. Das eine ist die Fundierung in einem ment-Qualität, um zum Beispiel ein Wirtschaftsfor-
Spezialgebiet und das andere ist die Breite. Das sind schungsinstitut wie das ZEW leiten zu können. Ein
Grundvoraussetzungen und Grundkompetenzen. guter Politikberater muss auch jemand sein, der ein
Interview geben kann, der mal in eine Fernsehdiskus-

151
AUF JEDEN FALL SIND FACHIDIOTEN (IM SCHLECHTEN SINNE) FEHL AM PLATZ.
ES MUSS SCHON EIN BREITES SPEKTRUM AN INTERESSEN DA SEIN.
MIT DER GEFAHR, DASS MAN IM ENDEFFEKT DANN WIEDER NICHTS RICHTIG
MACHT, SONDERN VON ALLEM EIN BISSCHEN.

CHRISTOPH SCHMIDT
*

sion geht, der sich in der Öffentlichkeit präsentieren was Sie hören wollen. Das ist nicht die Sache des
kann und dem das nicht alles von vornherein lästig Wissenschaftlers. Also, hier kommen Dinge zusam-
ist. Hier sind schon verschiedene Qualitäten gefragt. men, die in der Regel schwer zu vereinbaren sind.

WOLFRAM RICHTER Und schließlich ist auch noch wichtig, dass man sich
Man muss tatsächlich Fähigkeiten in sich vereinen, zurücknehmen kann. Man darf nicht zu eitel sein,
die sehr rar sind. Man muss einerseits sehr analytisch man darf nicht darauf insistieren, dass der Ratschlag,
denken können. Das sind Fähigkeiten, die wir eher den man dem Politiker gibt, auch umgesetzt wird.
mit mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern Man muss damit leben können, dass der Vorschlag im
in Verbindung bringen. Man muss aber auch sensibel Papierkorb landet, oder, wenn er übernommen wird,
sein für die Bedürfnisse des Gegenübers. Man muss die dass man nicht namentlich genannt wird. Also, sich
Dinge gut vermitteln können. Das sind Fähigkeiten, zurücknehmen können, zuarbeiten können ist wich-
die man vielleicht eher mit den Sozialwissenschaf- tig. Und das lernen wir nicht in der Wissenschaft,
ten verbindet. Wenn jemand Wissenschaft betreiben denn dort werden wir darauf getrimmt, immer vorne
will und gleichzeitig in der Politik Gehör finden weg zu marschieren. Wir wollen unseren Namen
möchte, muss er Fähigkeiten in sich vereinen, die gedruckt sehen, sonst finden wir nicht die Reputa-
normalerweise nicht in einer Person vereinigt sind. tion, die Anerkennung, nach der wir streben. Wenn
man Politikberatung macht, ist das ganz anders.
Ich habe dazu folgendes Bild: Ein Wissenschaftler, der
etwas in seinem Kämmerlein ausgebrütet hat, tritt an CHRISTOPH SCHMIDT
die Öffentlichkeit und will ihr seine Ideen vermitteln. Alles richtig und wichtig. Allerdings lässt sich das noch
Er ist permanent auf Sendung. Der Politiker aber ist ergänzen. Ein guter Ökonom in der Politikberatung,
ein Empfänger. Der geht in einen Raum, erfasst das der muss sehr viel mehr sein, als nur ein guter Öko-
Klima, die Stimmung und sagt den Menschen dann, nometriker oder Statistiker, der muss zum Beispiel ein

152
guter Buchhalter sein, also ganz einfach akribisch mit dingungen und Arbeitsbedingungen in den Ministerien
Fakten umgehen. Er muss ein guter Historiker sein, er einlässt und dann auch Verständnis dafür hat. Dann
muss wissen, wo die Gesellschaft herkommt und was kann Wissenschaft und Politikberatung funktionieren.
ihre Hintergründe sind. Also ich glaube, eine runde
Persönlichkeit gibt im Endeffekt auch einen guten SCHNEIDER/WEIMANN
wirtschaftspolitischen Berater. Auf jeden Fall sind Und, funktioniert sie?
Fachidioten (im schlechten Sinne) fehl am Platz. Es
muss schon ein breites Spektrum an Interessen da sein. WOLFGANG WIEGARD
Mit der Gefahr, dass man im Endeffekt dann wieder Dazu muss man natürlich wissen, was unter funktio-
nichts richtig macht, sondern von allem ein bisschen. nieren genau zu verstehen ist. Nehmen wir mal ein Bei-
spiel: Ich habe damals mit Kollegen ein Gutachten über
ALFONS WEICHENRIEDER die duale Einkommensteuer gemacht. Im Hinblick auf
Man muss idealerweise schnell getaktet sein. Man darf die Umsetzung war das ein völlig erfolgloses Gutach-
eben nicht ein Jahr brauchen für eine Stellungnah- ten. Es ist nichts davon umgesetzt worden. Für mich
me. Ich denke da beispielsweise an Wolfram Richter, aber war es das schönste Gutachten, das ich in meinem
der mit einer Frage konfrontiert wird und dann sehr ganzen Leben gemacht habe. Die Zusammenarbeit mit
schnell eine theoretisch fundierte Meinung entwi- diesen Kollegen hat ein Jahr lang unheimlich Spaß ge-
ckelt. Wenn man dafür ein halbes Jahr braucht, dann macht. Dieses Ding zu schreiben und zu sehen, dass das
ist die politische Karawane schon längst weiter. in sich konsistent ist, das war wunderschön. Daher ge-
hört für mich zu einer erfolgreichen wissenschaftlichen
SCHNEIDER/WEIMANN Arbeit und auch Politikberatung dazu, dass das wirklich
Können die Kollegen und Kolleginnen diesen Anforderungen Spaß macht – auch wenn es nicht umgesetzt wird.
gerecht werden?
Und es war für mich immer ein starkes Motiv das zu
CARL CHRISTIAN VON WEIZSÄCKER machen, was mir Spaß macht. Und zwar unabhängig
Naja, also erstmal braucht man einen gesunden davon, ob ich irgendwelche Matrizen invertiere oder an
Menschenverstand und ich glaube, es ist sehr wich- einem konkreten wirtschaftspolitischen Problem arbeite.
tig, dass man den öffentlichen Diskurs verfolgt. Ich
würde diesbezüglich gegenüber unseren eigenen
Fachkollegen Kritik üben. Durch die Konzentration
auf Spezialthemen bleibt zu wenig Zeit, die allgemei-
ne Diskussion zu verfolgen. Aber wenn man das tut,
dann hat man natürlich ein sehr viel leichteres Entré
in die Politikberatung. Dann hat man auch ein besseres
Verständnis dafür, was in der Politik eigentlich läuft.

WOLFGANG WIEGARD
Außerdem muss man in der Lage sein, mit Politikern
und mit Leuten aus den Ministerien zu kommunizieren.
Das bedeutet auch, dass man sich auf die Rahmenbe-

153
PORTRAIT

Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfram F. Richter

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich tische Beratung ist für mich inzwischen mals habe ich mich relativ deutlich und
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- eine bedeutende Motivationsquelle. auch politisch positioniert. Das Ganze
schaftlichen Arbeit? habe ich in einem Aufsatz festgehalten
Ich muss gestehen, dass es über die Jahre Wann war für Sie der Punkt gekommen, an und auch nach über 20 Jahren muss ich
eine bemerkenswerte Veränderung in dem Sie gesagt haben: „Okay, jetzt bin ich raus von diesem Aufsatz nichts zurückneh-
meiner Einstellung gegeben hat. In den aus dem Elfenbeinturm und drin im Leben?“ men. Das war die Zeit, in der ich mein
80er Jahren habe ich Politikberatung Es war eher ein schleichender Prozess. Er politisches Engagement entdeckt habe.
noch weit von mir gewiesen. Ich habe ist sicherlich befördert worden durch mei-
damals die Meinung vertreten, Wissen- ne Aufnahme in den Wissenschaftlichen Würden Sie Ihre Beratertätigkeit als
schaft und Politik sind getrennte Dinge, Beirat beim Bundesministerium der Finan- parteiübergreifend beschreiben?
und ich sah meinen Beitrag nicht. Heute zen im Jahr 1994. Ein weiteres Ereignis, so Also ich denke, das werden meine Studie-
denke ich anders. Wenn die Wissenschaft um 1990, also um die Wiedervereinigung renden bestätigen können. Ich wettere
sich völlig zurückhält, wie das mancher herum, war für mich ebenfalls wichtig. genauso über schlimme Vorschläge der
Kollege fordert, dann werden die Ergeb- Damals war ich eingeladen, um bei einer FDP wie über Vorschläge von SPD oder
nisse sicherlich nicht besser. Wir sollten Institution der katholischen Kirche über CDU. Ich war lange Mitglied der FDP, bin
uns einbringen, weil wir über die Dinge das Thema Staatsverschuldung zu referie- aber dann, als Genscher aus der sozialli-
in der Regel tiefer und länger nachge- ren. Anwesend war, neben dem heutigen beralen Koalition ausscherte, aus der FDP
dacht haben, aber wir sollten das auch mit Kardinal Marx, H. K. Schneider, damals ausgetreten. Ich begreife mich trotz einer
der nötigen Demut tun und wissen, dass Mitglied des Sachverständigenrats. Also gewissen inhaltlich begründeten Affinität
unseren Aussagen Grenzen gesetzt sind. durchaus ein paar prominente Namen und zu liberalem Gedankengut als parteilich
es war die Zeit nach der deutschen Einheit, unabhängig und habe immer versucht, die
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz eines als die Politik den Eindruck erweckte, wir Sache in den Vordergrund zu stellen.
Problems bedeutsam auch bei der Auswahl können blühende Landschaften aufbauen
Ihrer Forschungsgegenstände? und finanzieren das aus der Portokasse. Sie haben viel mit Politik zu tun. Welches Ver-
Ja, auch da stelle ich bei mir eine Verände- Es gab damals viele Ökonomen, die sehr hältnis hat sich für Sie persönlich dadurch zur
rung fest. Als ich als junger Mathematiker offen für einen schuldenfinanzierten Auf- Politik ergeben und könnten Sie sich vielleicht
in das Fach kam, habe ich natürlich erst bau der neuen Bundesländer waren. Ich auch vorstellen, die Seite zu wechseln und in die
mal festen Boden gesucht und fand den in sprach damals über Staatsverschuldung Politik zu gehen?
mathematischen Strukturen. Heute können und habe vor dieser Entwicklung gewarnt. Also, dafür bin ich nun wirklich der
mich mathematische Modelle weniger Mein Punkt war: Wenn wir Solidarität Falsche. Nein, ich bin politisch interes-
locken. Ich habe vielmehr das Bedürfnis, üben wollen mit unseren Mitbürgern in siert, aber ich bin mir meiner persönli-
in Politikbereichen, in denen ich meine, den neuen Bundesländern, dann sollten chen Fähigkeiten und Unfähigkeiten sehr
dass Ökonomen etwas sagen können, wir das selbst auf uns nehmen und nicht bewusst. Ich bin keiner, der die Massen
einen Beitrag zu leisten. Die finanzpoli- zu Lasten späterer Generationen. Da- mitzureißen versteht. Ein eindeutiges Nein!

154
„Wir sollten uns einbringen, weil wir über die Dinge
in der Regel tiefer und länger nachgedacht haben, aber
wir sollten das mit der nötigen Demut tun und wissen,
dass unseren Aussagen Grenzen gesetzt sind.“

Gibt es besonders angenehme oder unangenehme entgegengenommen. Nur kurze Zeit später, Haushaltskonsolidierung auf die Fahnen
Dinge, an die Sie sich erinnern? damals war noch Peer Steinbrück Finanz- geschrieben hatte. Also, da hat man als Wis-
Also, über richtig unangenehme Dinge minister, gab es das Programm „Hilfen für senschaftler schon den Eindruck, von der
kann ich nicht berichten, vielleicht aber Helfer“, das 400 Millionen Euro kosten Politik nicht ernst genommen zu werden.
etwas Erhellendes zum Stichwort „Ge- sollte. Man könnte sagen, das ist eine läppi-
meinnützigkeit“ beisteuern: Der Wissen- sche Größe, aber das Programm war genau Und wenn ich jetzt noch eine positive Er-
schaftliche Beirat beim Bundesministerium das Gegenteil von dem, was wir in unserem fahrung ergänzen darf: Im Bundestagswahl-
der Finanzen legte 2006 ein Gutachten zur Gutachten forderten. Man beachte: Ein kampf 2005 war die zukünftige Finanzie-
Gemeinnützigkeit vor, und er hatte den paar Monate nachdem wir das Gutachten rung der Krankenversicherung ein zentrales
Eindruck, dass alles, was es in Deutschland übergeben hatten, wurde von der Politik das Thema. Die großen Parteien hatten sich
zum Thema gab, letztlich wenig überzeu- genaue Gegenteil gemacht. Das war schon mit unvereinbaren Modellen positioniert.
gend war. Wir haben uns das Thema also sehr frustrierend. Was war passiert? Nun, Das Wahlergebnis ließ aber nur eine große
erarbeitet. Auch ich selbst, der ich stark am zwischen den beiden Ereignissen hatte der Koalition zu. In dieser scheinbar ausweg-
Gutachten mitgewirkt habe, musste mir damalige NRW-Ministerpräsident Rütt- losen Lage lancierte ich auf verschiedenen
das Thema erst erarbeiten. Wir dachten gers die SPD geärgert, indem er darüber Wegen die Idee des Gesundheitsfonds. Die
damals, die Politik müsste von unseren nachdachte, Hartz IV Reformen im Bereich Politik griff sie dankbar auf. Natürlich freut
Erkenntnissen angetan sein. Im Gutachten der Langzeitarbeitslosen ab einem gewissen man sich, wenn man mit einem Vorschlag
schlugen wir nämlich vor, mit dem Privileg Alter zurückzudrehen. Damit hat er die auch mal durchdringt. Trotz vieler Kritik
der Gemeinnützigkeit sparsamer umzu- SPD genervt, er wilderte sozusagen in der stehe ich übrigens noch heute zu der Idee
gehen, und wir sahen auch bescheidene Klientel der SPD, und ich glaube, Stein- des Gesundheitsfonds. Ich halte den Ansatz
Möglichkeiten, Steuerprivilegien abzubau- brück hat dann einfach nur nach dem Motto für den richtigen, um den Wettbewerb der
en. Das Gutachten wurde von der dama- gehandelt: „Wie du mir, so ich dir“. Denn Krankenkassen in Deutschland zu stärken.
ligen Staatssekretärin Barbara Hendricks eigentlich war es eine Zeit, in der man sich

155
156
PROF. DR. DR. H.C. WOLFRAM F. RICHTER

Geburt
1948 in Mülheim/Mosel

Ausbildung
Abschluss als Diplom-Mathematiker, Universität Karlsruhe 1972
Studienaufenthalt an der London School of Economics 1972/73
Dr. rer. pol., Universität Karlsruhe 1975
Dr. rer. pol. habil. Universität Karlsruhe 1979

Wichtige berufliche Stationen


Wissenschaftlicher Mitarbeiter bzw. später Dozent
an den Universitäten Karlsruhe bzw. Bielefeld 1974 - 1981
Professor für Volkswirtschaftslehre (Öffentliche Finanzen) an der TU Dortmund seit 1981
Fellow of the European Economic Association

Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Öffentliche Finanzen, insbesondere Steuern und soziale Sicherung,
Bildungs-, Regional- und Umweltökonomie

Wichtigste Positionen in der Politikberatung


Mitglied im wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium der Finanzen;
die Entwicklung der Idee des Gesundheitsfonds

Wo er am liebsten in der Nationalelf spielen würde


Libero – eine Verteidigung ohne direkten Gegenspieler finde ich nicht nur an
sich reizvoll, reizvoll sind auch die strategischen Möglichkeiten, die die Rolle eröffnet.

Der Lieblingsgegenspieler aus der Politik


Der Verzicht auf einen Gegenspieler wäre mir am liebsten, s.o.
Wenn es aber einer sein muss, würde ich gerne mit einem Politiker
diskutieren, der etwa wie Daniel Bahr oder Karl Lauterbach
volkswirtschaftlich geschult ist, aber für Politiken
eintritt bzw. eingetreten ist, die ich für fragwürdig halte.

157
PORTRAIT

Prof. Dr. Carl Christian von Weizsäcker


„Als ich ein junger Mann war, habe ich sehr stark mit
der Idee geliebäugelt, in die Politik zu gehen und habe die
Ökonomie eigentlich unter diesem Aspekt als Fach gewählt.“

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich cher Beweggrund. Die Politik hat mich Ein Höhepunkt meiner Tätigkeit in der
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- immer interessiert. Letztlich habe ich Monopolkommission war der Ministerer-
schaftlichen Arbeit? das Fach Volkswirtschaftslehre aufgrund laubnisfall Daimler MBB, wo Daimler die
Einen relativ hohen Wert. Ich war ja in meines Politikinteresses gewählt. Und Rüstungsfirma MBB aufkaufen wollte und
Gremien, die eigens für die Politikbera- deshalb habe ich meine wissenschaft- das Bundeskartellamt das untersagt hatte.
tung geschaffen worden sind und dann liche Arbeit auf die Politik bezogen. Die beiden Unternehmen haben dann
war ich ja auch insbesondere in meinen eine Ministererlaubnis beantragt und die
mehr angewandten Forschungspro- Hätten Sie sich irgendwann zu irgendeinem Monopolkommission musste dazu Stel-
jekten sehr stark durch den jeweiligen Zeitpunkt oder vielleicht jetzt auch noch lung nehmen. Es stellte sich heraus, im
Beratungsbedarf in der Politik beein- vorstellen können, die Seite zu wech- Gegensatz zu dem, was unser damaliger
flusst, z.B. als Leiter des Energiewirt- seln und in die Politik zu gehen? Vorsitzender gedacht hatte, dass wir uns
schaftlichen Instituts (EWI) oder der Als ich ein junger Mann war, habe ich in dieser Sache nicht einig waren. Auch
Monopolkommission. Im EWI haben sehr stark mit der Idee geliebäugelt, in der Stab der Monopolkommission war da-
wir viele Arbeiten im Auftrag des Bun- die Politik zu gehen und habe die Öko- rüber erstaunt, dass wir nicht einfach der
deswirtschaftsministeriums, des Lan- nomie eigentlich unter diesem Aspekt Linie des Kartellamts folgen wollten. Wir
deswirtschaftsministeriums in Nord- als Fach gewählt. Nun war es so, dass haben gemerkt, dass wir über die Sache
rhein-Westfahlen, der Europäischen mir der Erfolg in der Wissenschaft intensiver nachdenken müssen. Und ich
Kommission und so weiter durchgeführt. zugefallen ist. Ich hatte relativ rasch selber bin zusammen mit den drei Prakti-
Ergebnisse in der Wirtschaftstheorie kern, die Monopolkommission besteht ja
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz und so bin ich dann auf das Gleis der aus zwei Professoren und drei Praktikern,
eines Problems bedeutsam auch bei der Wissenschaft geraten. Ich vermute mal, zu der Meinung gekommen, dass diese
Auswahl Ihrer Forschungsgegenstände? wenn ich hätte antizipieren müssen, Fusion gut ist. Ich will jetzt nicht in die
Ja, ganz stark. Auch jenseits der Be- dass ich zwanzig Jahre brauche, ehe ich Details gehen, aber einer der Konkurren-
ratung in meiner, sagen wir einmal, eine Professur erklimme, dann wäre ich ten von Daimler war in Wirklichkeit sehr
Grundlagenforschung, war der Aspekt, vielleicht sogar in der Politik gelandet. dafür, dass Daimler dieses enorme Risiko
dass das, was ich da mache, vielleicht tragen würde; und mir wurde klar, dass
eines Tages nützlich für die Wirt- Gibt es besonders angenehme oder unangenehme dem Steuerzahler eine Last genommen
schaftspolitik ist, immer ein wesentli- Dinge, an die Sie sich erinnern? würde, wenn Daimler diese Firma über-

158
PROF. DR. CARL CHRISTIAN VON WEIZÄCKER

Geburt
1938 in Berlin

Ausbildung
Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Basel
1961 Promotion an der Universität Basel
1962 bis 1963 Massachusetts Institute of Technology (MIT)
1963 bis 1964 University of Cambridge (UK)
1964 bis 1965 MPI für Bildungsforschung Berlin
1965 Habilitation Universität Basel
FOTO: PRIVAT

Wichtige berufliche Stationen


Professor an der Universität Heidelberg 1965 - 1972
Professor am MIT 1968 bis 1970
Professor an der Universität Bielefeld 1972 - 1974
Professor an der Universität Bonn 1974 - 1982
Professor an der Universität Bern 1982 - 1986
Professor an der Universität zu Köln 1986 - 2003
nimmt. Und so hatte ich kein schlechtes
Gewissen, auch wenn das Kartellamt der Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit
Meinung war, die Fusion sei schädlich Kapitaltheorie, Mikroökonomie bei variablen Präferenzen
für den Wettbewerb. Man konnte damals
unmittelbar Einfluss auf den Gang der Wichtigste Positionen in der Politikberatung
Dinge nehmen, das war positiv. Negativ Direktor des Energiewirtschaftlichen Institutes an der Universität zu Köln (EWI)
war, dass man unterschiedlicher Mei- Mitglied im Kronberger Kreis
nung war und der Stab der Monopol- Vorsitzender der Monopolkommission 1989 bis 1998
kommission zutiefst enttäuscht über die Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums
Entscheidung ihrer Vorgesetzten war. Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech)

Darüber hinaus würde ich sagen, dass •


ich bei den Gutachten, an denen ich im
Wissenschaftlichen Beirat des Bundes-
wirtschaftsministeriums mitgearbeitet
habe, manchmal doch über die man-
gelnde Resonanz enttäuscht war.

159
Wie stark sollte der inyuss
der Wirtschaftswissenschaft auf die
Wirtschaftspolitik in Deutschland sein?
CLAUDIA BUCH meiner Sicht viel zu wenig ernst genommen. Das
Ich würde eher von stärkerer Einbindung der Wis- liegt auch an uns, weil wir nicht zuhören und nicht
senschaft sprechen als von Einflussnahme. Die Wis- genug auf die Sorgen und Nöte eingehen und
senschaft sollte stärker eingebunden werden. Aber dann kommen die Soziologen oder die anderen
gleichzeitig würde ich mir wünschen, dass die Arbeits- mit den noch schlimmeren Lösungen. Wir sollten
weise der Wissenschaftler – und damit ihre Möglich- uns stärker engagieren. Nur wenn wir uns stärker
keiten und Grenzen – besser kommuniziert werden. engagieren, werden wir auch ernster genommen.

SCHNEIDER/WEIMANN SCHNEIDER/WEIMANN
Sehen das alle so? Gibt es da eine mögliche Kompromissformel?

FRIEDRICH BREYER THIESS BÜTTNER


Also ich wünsche mir, dass der Einfluss stärker wird. Der Einfluss sollte so sein, dass bei allen relevanten
Ich glaube schon grosso modo ist das, was Ökono- Gesetzgebungsverfahren ernsthaft wirtschaftswis-
men zu wirtschaftspolitischen Problemen sagen, senschaftlicher Sachverstand berücksichtigt wird.
besser als das, was aktuell von der Politik gemacht
wird. Deshalb sollte der Einfluss stärker werden. AXEL BÖRSCH-SUPAN
Er sollte so stark sein, dass kein sachlogischer Un-
JUSTUS HAUCAP sinn gemacht wird. Er sollte aber auch nicht so
Ja, der Einfluss sollte stärker sein als bisher. Da gibt es stark sein, dass er auf Verteilungsfragen ungebühr-
Nachholbedarf. Ich bin optimistisch, dass es viele Mög- lich Einfluss nimmt, denn das sind hochpolitische
lichkeiten gibt, das Leben der Menschen zu verbessern Entscheidungen und keine wissenschaftlichen.
und ich glaube – das ist meine Idee von der Volkswirt-
schaftslehre – dass wir immer darüber nachdenken SCHNEIDER/WEIMANN
müssen, was man besser machen kann auf der Welt. Also definiert die Verteilungsfrage die Demarkationslinie,
bis zu der sich Ökonomen vorwagen können?
FRIEDRICH SCHNEIDER
Ich finde auch, er sollte stärker sein. Wir sollten CLEMENS FUEST
viel mehr Reibebaum sein für die wichtigen wirt- Die Wirtschaftswissenschaftler sind nicht gewählt.
schaftspolitischen Themen. Wir werden hier aus Insofern finde ich, der Einfluss sollte darin bestehen,

K. Schneider, J. Weimann, Den Diebstahl des Wohlstands verhindern,


160 DOI 10.1007/978-3-658-09495-9_13, © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2016
WIR HABEN KEINE LEGITIMATION UND
INSOFERN IST ES RICHTIG, DASS UNSER
EINFLUSS LETZTLICH BEGRENZT IST.

CLEMENS FUEST
*

unsere Argumente ins Gespräch bringen zu können.


Dabei ist funktionierende Kommunikation und Of-
fenheit entscheidend. Das wird ja an der deutschen
Politikberatung oft kritisiert, dass das alles im Ge-
schlossenen bleibt. Entscheidungen fällen müssen
letztlich Leute, die vielleicht keine Ahnung haben von
Spezialgebieten, aber dafür legitimiert sind. Das ist
wichtig. Wir haben keine Legitimation und insofern ist
es richtig, dass unser Einfluss letztlich begrenzt ist.

CARL CHRISTIAN VON WEIZSÄCKER


Ich würde sagen, er sollte größer sein, aber ob es dazu
kommt, liegt nicht nur an der Politik, sondern auch
an uns selbst. Wir sind gegenwärtig nicht so aufge-
stellt, dass wir die Rolle, die wir spielen könnten, auch
tatsächlich spielen. Das größte Defizit sehe ich dabei in
der Ausbildung. Wir führen einen zu wenig politikna-
hen Diskurs mit unseren Studenten und wir betonen
unseren Studenten gegenüber zu wenig diese Seiten,
die mit der Politikberatung zusammenhängen. Dadurch
berücksichtigen wir selbst in unserem Karrierestreben
zu wenig den Aspekt der Politikberatung. Und deshalb
ist der Einfluss auch begrenzter, als er sein könnte.

SCHNEIDER/WEIMANN
Also liegt es teilweise auch an den Ökonomen selbst, dass ihr
Einfluss so gering ist?

161
WOLFGANG WIEGARD HANS-WERNER SINN
Die Wirtschaftswissenschaft spricht ja nicht mit Das sehe ich anders. Der Einfluss sollte größer sein als
einer Stimme. Wir hatten ja gerade in letzter Zeit er ist. Wir haben in der Regierung keine Volkswirte.
eine ganze Masse von Ökonomenaufrufen, die völlig Es werden aber Entscheidungen getroffen beispiels-
konträr waren. Was ist jetzt der Einfluss der Wirt- weise im Hinblick auf Europa, die von fundamentaler
schaftswissenschaft? Ich denke, wir bieten Lösungen ökonomischer Bedeutung sind für das Wohlergehen
an, die ja auch völlig unterschiedlich ausfallen kön- unseres Volkes. Das finde ich fast unerträglich. Vie-
nen. Die Politik sucht sich aus, was ihr am besten ins le dieser Entscheidungen sind eben falsch, führen
Konzept passt – aus welchen Gründen auch immer. in eine falsche Richtung, sind kurzfristig von Vor-
Aber von einem Einfluss der Wirtschaftswissenschaft teil für irgendwen, aber behindern das Volk oder
als solchem kann man überhaupt nicht sprechen, weil die Entwicklung der Volkswirtschaft langfristig.
die Wirtschaftswissenschaft viel zu inhomogen ist.
Das wäre anders, wenn mehr Volkswirte in der Politik
SCHNEIDER/WEIMANN wären. Dann könnte man sie wenigstens überzeugen,
Ist diese Inhomogenität wirklich ein Problem? weil sie die Argumente verstehen. Aber wenn man nur
eine Politikerkaste hat, die über gar kein ökonomisches
STEFAN HOMBURG Wissen verfügt, die die Bedeutsamkeit der Argumente
Die meisten meiner lieben Kollegen in der Volks- gar nicht erkennt und sie bestenfalls vordergründig
wirtschaftslehre machen eine solide Arbeit. Aber die versteht, sie aber gar nicht in ihrer wirklichen Be-
schlimmsten Spinner sind auch eben nicht in der Poli- deutung für die langfristige Wirtschaftsentwicklung
tik, sondern in der Wissenschaft. Und deshalb: Ein zu beurteilen kann, dann muss man eben Dampf ma-
großer Einfluss der Wissenschaft ist auch gefährlich. chen über das Volk. Das geht nur über die Medien.

WOLFGANG FRANZ SCHNEIDER/WEIMANN


Natürlich würde man sich wünschen, dass der Einfluss Also der Gang durch die Medien oder auch durch die Institu-
der Politikberatung größer ist – wenn es vernünftige tionen?
Vorschläge aus der Wissenschaft gibt. Nicht jeder
Vorschlag des Sachverständigenrates, muss man KAI KONRAD
im Nachhinein sagen, war besonders zielführend. Wenn wirtschaftliche Gesetze im Sinne von Wirkungs-
Von anderen Institutionen mal ganz abgesehen. zusammenhängen in der Politik akzeptiert würden,
dann würde vieles besser werden. Ich glaube aber,
SCHNEIDER/WEIMANN dass es hoffnungslos wäre zu versuchen, die Politi-
Also haben wir Anlass zur Selbstkritik? kergeneration mit diesem Wissen zu versorgen. Aber
der Weg durch die Schulen wäre möglich. Da könnte
LARS FELD man die Grundlage für so ein Verständnis legen und
Es ist ein Privileg, überhaupt so viel machen wenn das gelänge, dann hätte Wirtschaftswissen-
zu dürfen, wie wir dürfen. Und ich finde, Po- schaft eben eine ganz andere Bedeutung für Politik
litik muss im Parlament gemacht werden. und diese Bedeutung würde ich mir wünschen.

162
DIE MEISTEN MEINER LIEBEN KOLLEGEN IN DER
VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE MACHEN EINE SOLIDE ARBEIT.
ABER DIE SCHLIMMSTEN SPINNER SIND AUCH EBEN NICHT
IN DER POLITIK, SONDERN IN DER WISSENSCHAFT. UND
DESHALB: EIN ZU GROSSER EINFLUSS DER
WISSENSCHAFT IST AUCH GEFÄHRLICH.

STEFAN HOMBURG
*

SCHNEIDER/WEIMANN Aber es gibt vorgelagert ein anderes Problem, näm-


Worauf sollten Ökonomen noch achten, wenn sie sich in die lich das Problem des agenda settings. Welche Themen
Beratung der Politik begeben? werden überhaupt behandelt? Wozu vergibt man
überhaupt Aufträge? Und da sollte die Wissenschaft
RONNIE SCHÖB vielleicht ein bisschen offensiver und auch kritischer
Wir sind als Ökonomen ein Teil der Sozialwissen- gegenüber der Politik sein und sagen: Das ist ein
schaften und genau als dieser Teil sollten wir uns Thema und hier kommt ein Thema zu kurz. Mir fällt
auch verstärkt einbringen. In dem Maße, in dem dazu ein Beispiel ein. Bei der Jahrestagung des Ver-
man es schafft, im politischen Raum sachlich zu eins für Sozialpolitik in Bonn im Jahr 2005 ging es
diskutieren, sollte man sich auch mit anderen Sozi- um die Finanzierung von Infrastruktur. Das wurde
alwissenschaften sachlich auseinandersetzen. Also hoch gehängt, aber es hat weder in den Medien noch
kein Alleinvertretungsanspruch, aber doch deut- in der Politik Resonanz gefunden. Heute ist das ein
lich mehr Gewicht, als wir es momentan haben. Riesen-Thema: Infrastruktur unterfinanziert. Was
willst du dazu als Wissenschaftler noch sagen?
WOLFGANG BUCHHOLZ
Ich wünsche mir eine tiefergehende politische Dis- Was mich also am meisten im Zusammenhang mit die-
kussion, eine Diskussion in der Öffentlichkeit, eine sem Thema stört, ist, dass man immer bei den Wissen-
offenere Diskussion, ohne dass von vornherein schon schaftlern eine Bringschuld verortet. Ich würde sagen,
feste Positionen eingenommen werden. Dazu sollte die Politiker haben eine Holschuld. Wir sind nicht nur
die Wissenschaft ihren Beitrag leisten. Ich würde mir die passiven Akteure, die Follower in dem Spiel, son-
wünschen, dass die Wissenschaft mehr Gehör findet. dern wir sind die Leader.

163
PORTRAIT

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Wolfgang Franz

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich suchte einen Arbeitsmarktexperten. Auf gar nicht gelesen hat. In gewisser Weise
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- der anderen Seite hat mich die wirt- hätte mich das nicht ausgefüllt, nur Paper
schaftlichen Arbeit? schaftspolitische Beratung natürlich dazu zu schreiben und in guten Journalen zu
Da sind mehrere Dinge zu nennen. Zum geführt, dass ich mich mit vielen Themen publizieren. Ich will das gar nicht ab-
einen meine Tätigkeit im Sachverstän- in der Wirtschaftspolitik beschäftigt habe, werten. Aber die Politikberatung hat mir
digenrat zur Begutachtung der gesamt- die ich sonst früher, als ich nur an der Uni- ein zusätzliches Standbein gegeben und
wirtschaftlichen Entwicklung. Da war ich versität war, eher am Rande verfolgt habe. deshalb habe ich dann meine Tätigkeit im
insgesamt 15 Jahre Mitglied und hatte ZEW aufgenommen. Das war mir schon
in den letzten Jahren den Vorsitz inne. Warum haben Sie das gemacht? Warum sind klar, dass es eine erhebliche Einschränkung
Zweitens natürlich meine Tätigkeit als Sie aus der Wissenschaft in die Politikberatung meiner wissenschaftlichen Tätigkeit be-
Präsident des Zentrums für Europäische gegangen? War Ihnen die Wissenschaft dann zu deutet, so ein großes Institut zu leiten. Das
Wirtschaftsforschung in Mannheim. wenig? Oder manche Kollegen sagen an dieser ZEW hatte zum Ende meiner Amtszeit
Außerdem bin ich Mitglied im wissen- Stelle auch: Als Volkswirt muss man das tun. immerhin gut 180 Mitarbeiterinnen und
schaftlichen Beirat des Bundeswirtschafts- Ach Gott, ich bin da mehr oder weniger Mitarbeiter. Das bedeutet intensives Wis-
ministeriums und habe noch verschiedene reingeschlittert. Ich bin berufen wor- senschaftsmanagement. Und mir war klar,
kleinere Projekte in der Politikberatung in den. Das erste war, die Mitgliedschaft im dass ich nicht mehr so intensiv forschen
Baden-Württemberg gemacht. Die wirt- wissenschaftlichen Beirat des Bundesmi- konnte wie seinerzeit an Universitäten.
schaftspolitische Beratung hat für mich niterium für Wirtschaft. Das hat mich
also einen ziemlich hohen Stellenwert. natürlich gefreut, denn da wird nicht jeder Würden Sie sagen, dass Ihre Beratertätigkeit
berufen, sondern es ist eine gewisse Ehre. immer parteiübergreifend ist?
Ist die wirtschaftspolitische Relevanz eines Und ich habe es auch als Ehre empfunden, Ja, das kann man schon sagen. Gerade im
Problems bedeutsam auch bei der Auswahl Ihrer in den Sachverständigenrat gewählt zu Sachverständigenrat haben wir unter-
Forschungsgegenstände? werden. Die Beschäftigung mit praktischen schiedliche Bundesregierungen „beraten“.
Na, das weniger. Die wirtschaftspolitische Fragen der Wirtschaftspolitik hat mich Wobei man bei der Beratung immer ein
Beratung folgt eher aus der Forschung. immer schon interessiert. Ich wollte nie bisschen aufpassen muss. Im traditionel-
Ich habe mich seit Beginn meiner wis- jemand sein, der in der Universität seine len Sinne ist ja ein Berater jemand, dem
senschaftlichen Laufbahn mit Arbeits- Paper schreibt und dem ab und zu mal von das Wohlergehen des zu Beratenden am
marktforschung beschäftigt und daraus einem Kollegen auf die Schulter geklopft Herzen liegen muss. Dem Sachverstän-
ist beispielsweise die Erstberufung in den wird: „Da haben Sie ein schönes Papier digenrat und dem wissenschaftlichen
Sachverständigenrat entstanden. Man geschrieben“, obwohl er es im Zweifelsfall Beirat, dem liegt nicht das Wohlerge-

164
„Dem Sachverständigenrat und dem wissenschaftlichen
Beirat, dem liegt ja nicht das Wohlergehen der jeweiligen
Bundesregierung am Herzen, sondern das Wohlergehen
des Landes, was ja nicht notwendigerweise in jedem
Einzelfall identisch sein muss.“

hen der jeweiligen Bundesregierung am siert worden. Sie wissen, warum die in Grund und Boden zerrissen. Da geht
Herzen, sondern das Wohlergehen des Agenda 2010 Agenda 2010 heißt? einem natürlich das Messer in der Tasche
Landes, was ja nicht notwendigerweise auf. Da ging es manchmal sehr dynamisch
in jedem Einzelfall identisch sein muss. Nein. zu, wurde aber natürlich nie persönlich.
Der Sachverständigenrat hatte davor ein Abends haben wir beim Bier zusammen
Gibt es besonders angenehme oder unange- Jahresgutachten geschrieben mit dem gesessen und dann war der Ärger schon
nehme Dinge, an die Sie sich erinnern? Titel „20 Punkte für mehr Beschäftigung“ wieder verflogen. Der Zeitaufwand im
Ein Beispiel für ein angenehmes Erlebnis und daraus hat der Schröder 10 genom- Sachverständigenrat ist aber schon sehr
ist, wenn ein Vorschlag des Sachverständi- men. Ist natürlich ein Kalauer. Also wie beträchtlich. Die Kollegen fahren ins
genrates intensiv in der Bundesregierung gesagt, das ist ein Erfolgserlebnis und Grüne und unsereins sitzt auch am Wo-
diskutiert und in Teilen auch umgesetzt darüber freut man sich. Das sind Erfolgs- chenende zu Hause und liest oder schreibt
wurde. Bei Teilen der Agenda 2010 zum erlebnisse – wie soll ich mich ausdrü- Texte. Das sind die Schattenseiten.
Beispiel, kann man sagen: „Naja, also eini- cken? – da zehrt man ein bisschen davon.
ges haben sie ja wenigstens übernommen.“
Und nicht so schön?
Da würden Sie schon sagen, das ist auch Puh! Im Sachverständigenrat ging es
das Ergebnis intensiver Beratung gewesen? manchmal heiß her. Man legte einen Text
Ja, ja sicher. Das ist ja in den Jah- vor und war der Ansicht, das ist ein super
resgutachten auch immer themati- Text – und die Kollegen haben das dann

165
166
PROF. DR. DR. H.C. MULT. WOLFGANG FRANZ

Geburt
1944 in Nassau

Ausbildung
Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim
Promotion 1974 in Mannheim
1978 - 1979 Harvard University und National Bureau of Economic Research
Habilitation 1981

Wichtige berufliche Stationen


Professor an der Universität Mainz 1981
Professor an der Universität Stuttgart 1984
Professor an der Universität Konstanz 1989
Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW)
und Professor an der Universität Mannheim 1997 - 2013

Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Makroökonomie, Arbeitsmarktökonomie, empirische Wirtschaftsforschung

Wichtigste Positionen in der Politikberatung


1994 bis 1999 Mitglied des Sachverständigenrates im Benehmen mit den Gewerkschaften
2003 bis 2013 Mitglied des Sachverständigenrates im Benehmen mit den Arbeitgebern
Von 2009 bis 2013 Vorsitzender des Sachverständigenrates
Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Ministeriums für Wirtschaft und Arbeit

167
PORTRAIT

Prof. Dr. Claudia Buch

Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich Ist ihr Engagement in der Politikberatung auch Ist die wirtschaftspolitische Relevanz
die Politikberatung im Rahmen Ihrer wissen- darauf zurückzuführen, dass Sie als Ökonomin eines Problems auch bei der Auswahl
schaftlichen Arbeit? eine gewisse Verpflichtung fühlen, Ihr Wissen Ihrer Forschungsgegenstände bedeutsam?
Wissenschaftliche Arbeit ist sicherlich und Ihre Expertise in die Politik einzubringen? Es gibt viele Themen, die nicht unmit-
in erster Linie davon getrieben, neue Es gibt viele Bereiche in der Wissenschaft, telbar wirtschaftspolitisch relevant,
Erkenntnisse zu erlangen. Bei der konkre- die keine ganz unmittelbaren Implikati- aber trotzdem wichtig sind. Ob diese
ten Fragestellung ist es aber wichtig, die onen für konkrete wirtschaftspolitische Grundlagenforschung dann tatsächlich
gesellschaftliche und politische Relevanz Maßnahmen haben. Das ist sinnvoll, Erkenntnisse liefert, die unmittelbare
im Blick zu haben. Ergebnisse lassen denn Grundlagenforschung spielt in der wirtschaftspolitische Implikationen haben,
sich dann über die Politikberatung in Wissenschaft eine zentrale Rolle. Aber es ist dabei eher sekundär. Aber es stimmt
den politischen Prozess einbringen. Eine gibt auch gleichzeitig wichtige Bereiche schon: Mich hat immer interessiert, was
solche Beratung kann unterschiedliche der angewandten Forschung, die bislang gerade in der Politik passiert. Daraus
Formen annehmen. Ich halte eine gute zu wenig in der konkreten Ausgestal- sind einige Forschungsideen entstanden.
empirische Basis für wirtschaftspolitische tung von Politikmaßnahmen zum Einsatz Beispielsweise haben wir ein Forschungs-
Entscheidungen für bedeutsam. Gerade kommen. Ich sehe es als meine Aufgabe netzwerk zur internationalen Tätigkeit
weil Entscheidungen in der Wirtschaft an, diese beiden Bereiche enger zusam- von Banken etabliert, das wichtige Er-
nicht immer nur rein rational getrof- men zu führen. Beispielsweise haben wir kenntnisse sowohl für die Forschung als
fen werden, ist es umso wichtiger, dass heute, was die Datenverfügbarket und die auch für die Anwendung liefert. Gerade in
wirtschaftspolitische Entscheidungen so wissenschaftlichen Methoden angeht, sehr der empirischen Forschung erfordert die
gut wie möglich durch Fakten gestützt viel bessere Möglichenkeiten als früher, Identifikation von kausalen Effekten eine
werden. Gute Empirie kann dabei helfen, um echte Wirkungsanalysen von Politik- sehr gute Kenntnis von institutionellen
die wahrscheinlichen Effekte einer Maß- maßnahmen durchzuführen. Diese Mög- Gegebenheiten. Das führt Forschung und
nahmen im vorhinein besser abzuschät- lichkeiten sollten besser genutzt werden. den politischen Kontext enger zusammen.
zen. Empirie kann aber auch wesentlich
dabei helfen, die tatsächlichen Effekte
von Politikmaßnahmen zu untersuchen.

168
„Wissenschaftliche Arbeit ist
davon getrieben, neue
Erkenntnisse zu erlangen.
Bei der konkreten Fragestellung
ist es aber wichtig, die
gesellschaftliche und politische
Relevanz im Blick zu haben.“

169
170
PROF. DR. CLAUDIA BUCH

Geburt
1966 in Paderborn

Ausbildung
1985 - 1991 Studium der Volkswirtschaftslehre (Diplom), Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
1988 - 1989 Master of Business Administration (MBA), University of Wisconsin in Eau Claire
1991 - 1992 Advanced Studies-Programm in „International Economic Policy Research“,
Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel

Wichtige berufliche Stationen


1996 Promotion an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
1996 - 1997 Leitung der Forschungsgruppe „Economic Reforms in
Central and Eastern Europe“, Kiel Institute for World Economics (IfW)
1998 - 2001 Leitung der Forschungsgruppe „Financial Markets“, IfW
2001 - 2003 Leitung des Forschungsbereichs „Financial Markets“, IfW
2002 Habilitation an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
2004 - 2013 Inhaberin des Lehrstuhls für Wirtschaftstheorie
„International Finance and Macroeconomics“, Eberhard Karls Universität Tübingen
2005 - 2013 Wissenschaftliche Direktorin, Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) Tübingen
2013 - 2014 Inhaberin eines Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre,
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
2013 - 2014 Präsidentin des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)
seit Mai 2014 Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank,
zuständig für die Bereiche Finanzstabilität, Revision und Statistik

Thematische Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit


Finanzmärkte und makroökonomische Volatilität, International Financial Markets,
Europäische Finanzintegration, Konjunkturschwankungen und
Beschäftigungsvolatilität, Internationale Tätigkeiten von Banken, Determinanten
ausländischer Direktinvestitionen, Fusionen und Übernahmen, Economics of Transition

Wichtigste Positionen in der Politikberatung


Seit 2004 Wissenschaftlicher Beirat beim
Bundeswirtschaftsministerium (seit 2014 ruhende Mitgliedschaft), 2008-2012 Vorsitzende
2012 - 2014 Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung

171
Der Workshop
Der Workshop fand im Mai 2014 im
Herrenkrug Hotel Magdeburg statt.
Leider konnten aus terminlichen
Gründen nicht alle Interviewten teil-
nehmen. Es fehlen Axel Börsch-Supan,
Wolfgang Buchholz, Justus Haucap
und Carl Christian von Weizsäcker.

172
Ökonomen in der Politikberatung:
Vom Grundlagenforscher zum
Überzeugungstäter

KERSTIN SCHNEIDER Kai Konrad hat als bekennender Theoretiker gesagt:


Die Diskussion hat deutliche Unterschiede in den grund- „Vielleicht wäre das ganz interessant. Vielleicht verste-
sätzlichen Einstellungen der Ökonomen zur Politikberatung he ich dann besser, wie die Welt, wie die Politik wirklich
aufgezeigt. Es lassen sich vier Typen der ökonomischen funktioniert.“ Forschen wir zu sehr im Elfenbeinturm
Politikberater identifizieren, die wir diskutieren möchten. und müssten wir stärker in die Welt schauen, um un-
Wir möchten die Diskussion mit Vertretern dieser vier sere Forschungsgegenstände besser zu verstehen?
Richtungen in der ökonomischen Politikberatung eröffnen.
KAI KONRAD
Zum ersten Typus, dem Grundlagenforscher, gehört Kai Ich habe zwar gesagt, dass ich das interessant fände,
Konrad. Er ist Vorsitzender des wissenschaftlichen Bei- aber nicht, dass ich es machen würde. Das ist schon ein
rats beim Bundesministerium für Finanzen. Auf die Unterschied. Ja, ich habe oft beobachtet, wie Menschen
Frage, welches sein Forschungsschwerpunkt ist, nennt er ihre Einstellung und ihr Handeln verändern, wenn
die Grundlagenforschung in der Finanzwissenschaft. sie in einer anderen Situation oder in einer anderen
Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo-Institutes, ist der Position sind. Ein gutes Beispiel ist das Eltern werden.
zweite auf dem Podium. Er lässt sich als Überzeugungs- Wenn Menschen Vater oder Mutter werden, dann
täter charakterisieren. Seine Aufgabe in der Politikbe- verändert sich ihr Koordinatensystem sehr schnell. Da
ratung beschreibt er mit folgenden Worten: „Bin für den wird ein Schalter umgelegt und sie sind so geworden,
Wohlstand und forsche, wie man den Diebstahl dessel- wie sie sich vorher nicht vorstellen konnten, dass sie
ben unterbinden kann.“ Die Rolle des Skeptikers über- sein könnten. Und so wäre es vielleicht ein interes-
nimmt Stefan Homburg. Herr Homburg war Mitglied santes Experiment, ein paar Monate Minister oder
im wissenschaftlichen Beirat und Mitglied der Födera- Kanzler zu sein, um einfach in diesen Koordinaten-
lismuskommission. Als Forschungsschwerpunkte gibt er systemen zu agieren. Man kann natürlich versuchen,
Finanzwissenschaft und Makroökonomik an. Und schließ- sich in die Situation von Politikern hineinzuversetzen,
lich vertritt Christoph Schmidt die institutionelle Politik- aber das wird nicht gelingen, es sei denn, man kann
beratung. Er ist Vorsitzender des Sachverständigenrates es ausprobieren. Aber wie gesagt, die Opportuni-
und Präsident des RWI. Seine Forschungsschwerpunkte tätskosten dieses Versuchs wären mir zu hoch.
sind angewandte Ökonometrie und Wirtschaftspolitik.
Fast alle Kollegen haben auf die Frage, ob sie sich vor- KERSTIN SCHNEIDER
stellen könnten, in die Politik zu wechseln gesagt: „Nein.“ Kostspieliger Versuch? Stefan Homburg, Sie sind skep-

K. Schneider, J. Weimann, Den Diebstahl des Wohlstands verhindern,


DOI 10.1007/978-3-658-09495-9_14, © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2016 173
tisch, dass Ökonomen in der Politikberatung erfolgreich sagen, wenn man gefragt wird. Dann muss man aber
sein können. Ich zitiere: „Man wird nicht eingeladen, weil nicht nur auf die Frage antworten, sondern kann auf
die Politik meint, sie hätte ein Wissensdefizit, sondern die irgendwas antworten. Es ist also sehr wichtig, dass
Politik erhofft sich Unterstützung. Wissenschaftler passen man gefragt wird und gefragt wird man nur, wenn
nicht in ein Freund-Feind-Schema. Sie sind unberechenbar. der Fragesteller sich davon einen Vorteil erhofft.
Sie sind divenhaft und deshalb wird man als Minister auf
Beiräte oder den Sachverständigenrat nicht viel geben.“ KERSTIN SCHNEIDER
Wissenschaftliche Beratung ist das aber nicht wirklich.
STEFAN HOMBURG
Diese Aussagen beruhen auf langjähriger Erfahrung. STEFAN HOMBURG
Zum Beispiel bei Anhörungen im Bundestag. Ich wurde Nein, ist es nicht. Nehmen Sie als Beispiel die Steuer-
über fünfzehn Jahre immer wieder eingeladen und gesetzgebung. Öffentliche Anhörungen finden immer
dachte am Anfang, die wollen tatsächlich etwas wissen, nur auf Antrag der Opposition, niemals auf Antrag
bis ich das Spiel besser verstand. Wichtig ist, was man der Regierung statt. Die wesentlichen Abstimmungen
schriftlich sagt, denn davon hängen die Fragen ab. In sind aber vor der Anhörung gefallen. Die Bundesre-
den Ausschüssen darf man sich nicht zu Wort melden gierung lädt die Verbände ein, bevor sie überhaupt
und sich spontan einbringen. Man darf nur etwas einen Kabinettsentwurf verabschiedet. Das ist dann
schon relativ fest geklopft. Jeder weiß, am Tag nach
der Anhörung zum neuen Steuergesetz erscheint ein
Artikel in der FAZ und die Schlagzeile lautet zum
Beispiel „Experten zerreißen Regierungsvorschläge“
oder „Experten unterstützen Regierungsvorschläge“.
Die ganze Anhörung hat nur zum Ziel, die richtige
Schlagzeile zu produzieren. Es geht also nicht – das
musste ich nach einiger Zeit feststellen – um einen
Erkenntnisgewinn für die Abgeordneten, sondern es ist
ein strategisches Spiel. Die Journalisten durchschauen
dieses Spiel übrigens. Ich habe oft Artikel von Journa-
listen gelesen, die morgens die schriftlichen Stellung-
nahmen einsammelten und dann gingen. Sie haben
also an der Anhörung überhaupt nicht teilgenommen.

Ein zweiter Punkt betrifft die Funktion der Beiräte.


Wer Mitglied im BMF-Beirat war, der weiß, jeder
neue Finanzminister kommt genau einmal, und zwar
drei, vier Monate nach Dienstantritt in seinen Beirat.
Vielleicht hat ihm sein Apparat gesagt, er müsse da mal
hingehen. Sein Apparat hat ihm aber auch gesagt: „Da
sitzen Herrschaften, die sind von ihren Vorgängern
berufen. Die sitzen da auf Lebenszeit und fühlen sich

174
völlig unabhängig“. Der Beirat ist also für das Ministeri-
um eigentlich politisch nicht interessant und auch keine
Unterstützung. Jeder Beirat bringt sogar seine Distanz
zum Ausdruck, indem er sich nicht „Beirat des Minis-
teriums“, sondern „Beirat beim Ministerium“ nennt.
Insofern beruht meine skeptische Grundhaltung auf
Erfahrungen. Trotzdem halte ich Politikberatung für
sinnvoll. Ohne Politikberatung wäre die Welt wesentlich
schlechter! Die Politik geht einen Mittelweg zwischen
dem, was richtig ist und dem, was opportun ist. Wenn
niemand mehr aufzeigt, was eigentlich richtig ist und
nur noch Mindestlöhne zur Abstimmung gestellt wer-
den, ohne dass sich Wissenschaftler dazu äußern, dann
glaube ich, wäre die Welt schlechter als sie jetzt ist.

KERSTIN SCHNEIDER
Herr Schmidt, einer Ihrer Kollegen sagte: „Die Gutachten
des Sachverständigenrates werden jedes Jahr etwas länger.
Sie werden aber deshalb nicht häufiger gelesen.“ Ist das ein
Problem? Schließlich werden viele Ressourcen auch in die in-
stitutionelle Politikberatung investiert. Sind diese Ressourcen
gut investiert oder müssen die Ergebnisse dieser Gutachten
besser kommuniziert werden?

CHRISTOPH SCHMIDT
Natürlich ist es so, dass dieser dicke Schinken von
kaum jemandem in Gänze gelesen wird. Letztes Jahr
lagen wir bei 500 Seiten. Es wäre ja eine Illusion zu
denken, dass die in den Ministerien alle samt gelesen entwickelt, um unsere Kommunikation zu verbessern
werden. Wir müssen hier schon einen Spagat meistern. und verschiedene Adressatenkreise anzusprechen.
Auf der einen Seite haben wir den Anspruch, so eine Und das wird immer schwerer, weil die Aufmerksam-
Art Kompendium zu liefern, in dem man auch gezielt keitsspanne der Öffentlichkeit sehr kurz ist. Denn
nach bestimmten Themen suchen kann. Wenn man schließlich ist ja die Öffentlichkeit das Korrektiv. Die
z.B. zur Mindestlohndebatte später noch einmal etwas Öffentlichkeit könnte die Politik zwingen, darüber
nachlesen möchte, ist das Gutachten ein Anlaufpunkt. nachzudenken, ob es wirklich so lohnend ist, Mindest-
Gleichzeitig soll man auch Leser erreichen, die nur löhne einfach immer nur zu erhöhen. Stefan Homburg
wenig Zeit haben. Daher muss wirtschaftspolitische hat ja schon auf diesen Punkt verwiesen. Es stimmt
Beratung verschiedene Kanäle bespielen. Wir brau- natürlich, die eingesetzten Ressourcen, also unsere
chen z. B. eine gute Executive Summary und auch Zeit und unser Einsatz, sind enorm. Aber es ist auch
Meinungsbeiträge in Zeitungen. Wir haben Strategien schon manchmal ein bisschen witzig, wenn geschrie-

175
ben wird: „Dieses Institut kostet uns eine Million oder
zehn Millionen und hat uns nicht konkret gesagt,
was zu tun ist.“ Dabei kosten wir nicht viel Geld. Die
Kosten sind verschwindend gering im Verhältnis zu
dem, was durch schlechte Politik verschwendet wird.

KERSTIN SCHNEIDER
Das passt auch gut zu meiner nächsten Frage. Herr Sinn,
Sie sagen, wir müssen eigentlich keine Politikerberatung
machen, sondern wir müssen die Öffentlichkeit beraten.
Das heißt, stärker direkt in die Öffentlichkeit gehen und
dort dafür sorgen, dass die Wahrnehmung der Ökonomen
besser wird. Ein Instrument, das man in den vergangenen
Jahren häufig gesehen hat, sind die so genannten Öko-
nomen-Aufrufe, die von der Öffentlichkeit – ich sag mal
vorsichtig – sehr ambivalent aufgenommen wurden. Und
ich zitiere jetzt aus einem Leserbrief: „Also, wenn hundert
Ökonomen den Mindestlohn kritisieren, dann kann man mit
hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass er richtig
ist. Skepsis wäre nur angebracht, wenn sich einige dafür
aussprechen.“ Also, was kann man konkret tun, damit die
Meinung der Ökonomen höher wertgeschätzt wird?

HANS-WERNER SINN
Das geht nur über die Öffentlichkeit. In der Demokra-
tie können die Politiker ja nicht auf Fachleute hören,
sondern müssen den Wählermeinungen folgen, und
heutzutage im täglichen Plebiszit der sozialen Medien
ist das ja noch stärker der Fall. Wir können nur dann mehr Leute nervös werden, zwingt es die Regierung,
Einfluss auf die Politik nehmen, wenn wir die öffentli- ein bisschen nachzugeben und bei politischen Ent-
che Meinung verändern. Herr Homburg, ich bin auch scheidungen vorsichtig zu sein. Typisch ist für mich
anfangs ein, zwei Mal in solche Ausschüsse gegangen ein Politiker, der wie eine Feder im Wind schwebt
und dann habe ich mir gesagt: „Nie wieder!“ und habe und dem Druck nachgibt. Wenn von links gedrän-
alle Einladungen abgelehnt. Ich kann Ihre Erfahrung gelt wird, dann gibt er dem nach. „Ach, ihr wollt die
nur bestätigen. Das ist eine lächerliche Veranstaltung. Atomkraftwerke nicht, dann schalten wir sie halt
ab. Schließlich haben wir bald Wahlen.“ Oder „Ihr
Aber in der Öffentlichkeit kann man durchaus außer- wollt Klima, dann machen wir Klima.“ Das kann
parlamentarische Opposition mit wissenschaftlichen auch immer wieder wechseln. Wenn man weiß, wie
Argumenten und objektiver Information üben und die Politik funktioniert, dann muss man halt in der
bestimmte Themen zur Diskussion stellen. Wenn Öffentlichkeit mit Argumenten Druck erzeugen,

176
und dann bewegt sich die Feder. So einfach ist das.
der Wissenschaft, was genehm ist. Das Filterprinzip
Nun zu unserem Bild als Ökonomen. Wir kämpfen ist das Prinzip Diapositiv: Ich schicke weißes Licht,
einen hoffnungslosen Kampf gegen die Journalis- ein Rauschen mit allen Spektralfarben rein, dann wird
ten. Nachgewiesenermaßen wählen 70% der Jour- viel weggelassen und es entsteht ein schönes Bild auf
nalisten Grün oder Rot. Gegen diesen Filter der der Leinwand. So kann ich jedes beliebige Bild durch
Medien sind wir ziemlich machtlos. Es gibt zwei Ausfiltern von Informationen erzeugen. Natürlich,
Wahrheiten: Es gibt einmal unsere Wahrheit. Das wenn ich nur Rot habe, ist es schwer, daraus Grün
ist das, was die Wissenschaften, auch die Naturwis- zu machen, und vielleicht hat man doch noch etwas
senschaften, für wahr halten. Und dann gibt es die Einfluss. Was die Presse betrifft, bin ich allerdings
öffentliche Meinung. Das ist die politische Wahrheit, ziemlich illusionslos geworden. Trotzdem es ist so ein
und die politische Wahrheit dominiert natürlich die bisschen wie Luther sagt: „Wenn ich wüsste, dass die
Entscheidungen. Zwischen der wissenschaftlichen Welt morgen untergeht, würde ich heute noch einen
Wahrheit und der politischen Wahrheit sitzen die Apfelbaum pflanzen.“ Also ich weiß, dass wir keine
Medien. Und da sitzen Menschen, die manchmal ein Wirkung haben, aber trotzdem machen wir weiter.
ganz anderes ökonomisches Verständnis haben. In der
Regel haben sie ein solides ökonomisches Halbwis- CHRISTOPH SCHMIDT
sen. Gegen die kommen wir nicht so ohne weiteres Darf ich dazu kurz eine andere Meinung äußern?
an. Es gibt natürlich auch Journalisten, die wirk- Ich glaube nicht, dass wir keinen Einfluss haben. Es
lich achtenswert sind und fundiertes ökonomisches wird oft gesagt, wir haben keinen Einfluss, weil unsere
Wissen haben. Aber davon gibt es nicht allzu viele. Vorschläge nicht umgesetzt werden. Das kann ja
schon sein und diese Anhörungen sind in der Tat eine
Häufig schreiben sogar Leute, die gar keine Journa- Farce. Aber, wenn wir nur ein bisschen verändern und
listen sind. Ich werde nie einen Artikel von 2008 in eine falsche Weichenstellung verhindern, haben wir
der ZEIT vergessen, mit einem Bild von Friedrich ja schon was bewegt. Als Ökonomen damals gegen
Merz, Arnulf Baring, Horst Köhler und mir. Über die Kohlesubventionen argumentiert haben, war das
dem Bild stand „Die Täter“, weil wir uns angeblich wirklich kein schönes Leben. Man hat uns das Le-
für eine Bankenderegulierung eingesetzt hatten. ben schwer gemacht und manchmal haben wir uns
Als Ökonomen waren wir definitionsgemäß für die gefragt, wie wir dem Druck standhalten können. Ich
Liberalisierung und damit die Täter. Dass ich im Jahr habe dann immer gesagt: „Wenn wir nur ein halbes
2003 in der von Wolfram Richter herausgegebenen Jahr früher mit diesem Mist aufhören und damit
Fachzeitschrift FinanzArchiv einen Kampf gegen vielleicht eine Milliarde gespart wird, dann haben
die Deregulierung der Banken geführt hatte, wobei wir so viel mehr bewegt als nur akademisch tätige
ich darauf hinwies, dass sie wegen des begrenzten Wirtschaftswissenschaftler es jemals im Leben kön-
Eigenkapitals zu stark ins Risiko gehen, ein Thema, nen. Das lohnt sich. Selbst eine kleine Änderung kann
das mich seit meiner Dissertation begleitet hat, war schon Großes bewirken.“ Wir können Dinge bewegen.
natürlich nicht bekannt, und es hätte das Bild auch Sonst müssten wir mit unserer Arbeit aufhören.
nur gestört. Die Autorin des Artikels war eine Kin-
derpsychologin, die für die ZEIT zu ökonomischen HANS-WERNER SINN
Fragen schrieb. Diese Leute haben alle feste Meinun- Ich habe doch ein bisschen kokettiert.
gen, aber kein fundiertes Wissen. Sie filtern das aus

177
CHRISTOPH SCHMIDT teln. Politiker sollen lernen, in Tradeoffs zu denken.
Ja, ist ja klar. Das Spiel mit den Journalisten sehe ich übrigens auch
nicht so pessimistisch. Es gibt durchaus Journalis-
KERSTIN SCHNEIDER ten, die die Meinung von Ökonomen transportieren.
Danke für diese Statements, die sicherlich eine gute Grundla- Aber natürlich muss das auch für die Journalisten von
ge für die Diskussion sind. Vorteil sein. Ein Vorteil ist es dann, wenn der Arti-
kel durch die ganze österreichische Presse geht oder,
FRIEDRICH SCHNEIDER wenn Sie ein Exklusiv-Interview geben. Aber noch
Ich bin etwas erstaunt über die Beiträge. Schließlich einmal, wir müssen uns mehr in der Politikberatung
gibt es interessante Instrumente. Zum Beispiel die anstrengen. Nicht in den Gremien, sondern im per-
persönliche Politikberatung. Ich versuche, Politiker zu sönlichen Kontakt. Das ist ein politisches Spiel, das ist
treffen und mit ihnen zu sprechen. Über Gespräche ein politisches Rendite-Kalkül. Da müssen wir auch
kann man durchaus etwas erreichen. Man muss aber auftreten, Flagge zeigen und viel aktiver werden.
auch das Spiel kennen. Welche Ziele verfolgt der Poli-
tiker? Wollen alle in die Geschichtsbücher und in der HANS-WERNER SINN
Sonne glänzen? Also, Ökonomen müssen den persön- Ja, wie kommt man an die ran? Das ist doch das eigent-
lichen Kontakt, das persönliche Gespräch finden und liche Problem. Politiker finden Ökonomen unwichtig.
versuchen, Politikern ökonomisches Wissen zu vermit-
FRIEDRICH SCHNEIDER
Das muss man aufbauen. Ich komme auch nicht au-
tomatisch an den Bundeskanzler oder andere heran.
Wir haben nicht so viele Kollegen wie Karl-Heinz
Paqué, der schon beide Rollen hatte. Das muss man
aufbauen und zwar durch gute Medien- und Pressear-
beit. Man muss als jemand wahrgenommen werden,
der eine interessante, unabhängige Meinung hat.

HANS-WERNER SINN
Mit Frau Merkel habe ich schon gesprochen und
war in ihren Kommissionen, bevor sie gewählt
wurde. Nachher sagte sie: Der Fehler passiert ihr
nicht noch einmal, dass sie neoliberale Program-
me verkündet. Es geht eben nicht um den Inhalt.
Ökonomen werden gebraucht, um Unterstützung
für eine Stimmung, die sie im Volk spürt, zu geben
und sich an diese Stimmung zu hängen. Ändert sich
die Stimmung, ändert sich die politische Linie.

KARL-HEINZ PAQUÉ
Wenn ich mich hier einschalten darf. Ich habe zwei

178
Punkte, bei denen ich eine andere Meinung vertrete. betont – , dass der Einfluss der Ökonomen nicht im
Erstens glaube ich überhaupt nicht, dass der Ein- letzten Augenblick einer Regierungsplanung in der
fluss von Ökonomen schwach ist. Im Gegenteil, er entsprechenden Ausschusssitzung geltend gemacht
ist stark. Aber er wirkt sehr langfristig. Schauen wir werden kann. Das muss viel, viel früher beginnen und
uns die Hartz IV Reformen an. In den 80er Jahren genau da liegt der Engpass. Wir brauchen mehr unab-
hat die Arbeitsmarktökonomik, und Wolfgang Franz hängige Ökonomen, die tatsächlich in diesen Prozess
war einer der wichtigsten Akteure, die Wirkung von hineinwirken. Das ist der Weg, den Fritz Schneider
Langzeitarbeitslosigkeit und langer Alimentierung auf beschrieben hat, der Weg des persönlichen Kontakts.
den Arbeitsmarkt erforscht. Die weitreichende politi- Das kann in Parteien sein, in denen man sich selbst
sche Konsequenz dieser Forschung war die Einsicht, weltanschaulich verortet. Ich bin selber stellvertreten-
dass man eine Reform der Arbeitslosenunterstützung der Vorsitzender des Bundesfachausschusses Wirt-
in Deutschland bräuchte. Das hat unglaublich lange schaft der FDP. Ich wünschte mir dringend, Kollegen
gedauert und war zunächst nicht erfolgreich. Aber in diesem Gremium zu haben, die den entsprechenden
schließlich, als die Probleme größer wurden, hat es Sachverstand unabhängiger Ökonomen einbringen. Die
Reformen gegeben. Ohne die intellektuelle Vorarbeit werden aber nicht Parteimitglied – aus guten Gründen!
in den 80er Jahren hätten wir Hartz IV nie bekommen. Damit würden sie sich nämlich mit einem Label verse-
Da stellt sich natürlich die Frage, warum das so lange hen, das ihnen dann den Weg in unabhängige Gremien
dauert. Manchmal ist es der Zeitgeist. Aber ein ganz versperrt. Aber da liegt ein Problem, denn so können
wesentlicher Grund ist – und das hat Fritz Schneider wir unseren Einfluss nicht wirklich geltend machen.

179
MICHAEL BURDA eigentlich gelöst. Dann haben wir den Politikern er-
Also ich glaube, ich kann sehr viel aus dieser Diskus- klärt und der Öffentlichkeit vermittelt, dass Kohlesub-
sion lernen. Jede Minute höre ich hier Dinge, die sich ventionen unglaublich teuer sind. Solche Dinge sind
mit meinen Wünschen und Vorstellungen decken. eigentlich unbestritten und das muss man ganz klar
Wir sind Wissenschaftler und es geht darum, Politi- aussprechen. Wenn es natürlich um unsere Meinung
ker und die Politik zu überzeugen. Unsere Wissen- geht, da müssen wir uns ein bisschen zurücknehmen
schaft ist sehr kompliziert. Ich glaube, wir haben drei und wie Hans-Werner Sinn sagt: „Die Politik muss
wichtige Kompetenzen einzubringen. Zunächst geht das letztendlich entscheiden.“ Was mich aber wirklich
es um die Bestandsaufnahme, also um Fakten. Dann aufregt, sind manche Kollegen, die die Fakten nicht
kommt die Diagnose, also die positive Wirtschafts- kennen. Da müssen wir über dem Niveau des politi-
theorie. Da gibt es schon Dissens, der aber nicht nach schen Geschäfts stehen. Erst dann können wir anfan-
außen getragen wird. Ökonomen sind grundsätzlich gen, mit unseren Theorien zu überzeugen. Deshalb
liberal, aber wir wissen natürlich, dass die Märkte sollten wir in Deutschland eine Art parlamentarische
unvollkommen sind. Und dann gibt es die dritte Di- Debattenkultur einführen, wie es sie in Amerika gibt.
mension und das sind die Empfehlungen. Der Wis- In einer Senatsanhörung oder im Kongressabgeord-
senschaft ist es bislang nicht gelungen, Politikern zu netenhaus geht es wirklich zur Sache. Ein deutsches
Amerikanischer Ökonom
10 erklären, dass wir diese drei Dimensionen bedienen. parlamentarisches Anhörungsverfahren ist dagegen
und Nobelpreisträger. Eigentlich, und darauf hat Paul Krugman10 immer lächerlich! Ich kam mir wirklich wie ein Idiot vor. Ich
11
Gemeint ist das wieder hingewiesen, sollten wir Fakten, Theorien bin vorzeitig gegangen, was natürlich recht unhöflich
amerikanische Gegenstück
zum Sachverständigenrat und Definitionen vermitteln. Wenn wir das schaffen, ist, und ich wurde nachher nie wieder eingeladen. Na-
in Deutschland. dann haben wir das Problem von Christoph Schmidt türlich wird in Amerika auch eine sehr öffentlichkeits-
wirksame Show abgezogen. Allerdings hatte ich den
Eindruck, dass die US-Abgeordneten wirklich etwas
Neues in Erfahrung bringen wollen. Deshalb schwit-
zen die Leute in den Ausschüssen! Es werden harte
Fragen gestellt und das dient der Wahrheitsfindung.

KERSTIN SCHNEIDER
Können Ökonomen denn immer die gewünschten klaren
Empfehlungen geben?

MARTIN HELLWIG
Na ja, ein zentrales Problem ist natürlich, dass wir
immer wieder sagen, was alles nicht geht. Politiker
wollen etwas tun und Ökonomen weisen auf die
Nebenwirkungen hin. Über den Council11 ist in den
Jubiläumsberichten von den verschiedenen Beteilig-
ten geschrieben worden: „Seine Hauptfunktion liegt
darin, intern Unsinn zu stoppen.“ Das geht natürlich
nur intern. Wenn ein unabhängiges Gremium, ein

180
außenstehender Wissenschaftler dem Politiker in der diskutiert, das damals abgeschafft werden sollte. Er
Öffentlichkeit sagt „Das und das ist Unsinn“, kommt wusste nicht, was davon zu halten ist und ich habe ihm
das nicht besonders gut an. Das ist nicht nur ein meine Meinung dargelegt. Später wurde er in der Pres-
Kommunikationsproblem, es ist einfach schwer einem se als jemand karikiert, der für irgendeine Systemfrage
Menschen etwas zu erklären, wenn seine politische eintritt, wo es doch eigentlich um Steuersätze geht.
Profilierung davon abhängt, dass er das nicht versteht.
Die individuelle Politikberatung wird übrigens eher
Für Deutschland ist folgende Entwicklung bedeut- von Oppositionspolitikern als von Regierungspoliti-
sam: Früher waren wir Ökonomen zwar frustriert kern gewünscht, weil die Regierungspolitiker ihren
darüber, dass nicht mehr von den Empfehlungen des Apparat haben. Der Apparat ist loyal und daher
Sachverständigenrates realisiert wurde, aber schon der trauen sie dem Apparat mehr als uns. Das heißt, ein
pointierte öffentliche Diskurs, beispielsweise mit den Finanzminister wird zunächst seine Grundsatzabtei-
Gewerkschaften über Lohnpolitik von den 1970er Jah- lung fragen; der Oppositionspolitiker hingegen fragt
ren bis vor etwa zehn Jahren, war ungeheuer wichtig. individuelle Politikberatung nach. Deshalb war Frau
Er hat in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für die Merkel unseren Ideen stärker aufgeschlossen, als sie
Bedeutung dieser Thematik geschaffen. Heute findet noch in der Opposition war. Die von mir individuell
der öffentliche Diskurs in vielen Punkten gar nicht Beratenen, sind jetzt leider alle außer Amtes, was
mehr statt, Beispiel parlamentarische Anhörungen. Das übrigens mehr mit Frau Merkel als mit mir zu tun hat.
Parlament hat ja gar keine Funktion mehr. Die Koaliti-
onsausschüsse bestimmen und die Dinge werden durch LARS FELD
das Parlament gepeitscht. Die Anhörungsverfahren Ich würde gerne drei Punkte machen und vielleicht die
sind völlig ritualisiert. Der demokratische Diskurs ist Perspektive etwas ändern. Ich denke, es ist ein Missver-
in den letzten zehn Jahren eigentlich völlig erodiert. ständnis zu glauben, dass Vorschläge von Ökonomen
gefälligst durch die Politik umzusetzen sind. Politik hat
STEFAN HOMBURG nichts mit Effizienz zu tun. Es geht um Verteilungs-
Ich möchte mich auf Fritz Schneider beziehen, damit fragen. Ob es um spezifische Interessen oder um reich
nicht das Gefühl aufkommt, hier bestünde ein Dissens. gegen arm geht, es sind immer Verteilungsfragen.
Ich unterscheide zwischen institutioneller und indivi- Wenn man in der Politik nach Effizienz ruft, dann ist
dueller Politikberatung. Das ist eine Terminologie, die das so, wie wenn man beim Skat spielen ‚Schach‘ ruft.
ich für mich geschaffen habe. Meine Skepsis bezieht Man ist im falschen Spiel und jeder erkennt das sofort.
sich auf die institutionelle Politikberatung. Nur hierzu Bezogen auf die institutionelle Politikberatung sind
habe ich etwas gesagt, weil die Frage so lautete. Ich wir in Deutschland sogar privilegiert, weil wir unab-
möchte hier nochmal betonen, dass die individuelle hängig sind. Wir haben die Möglichkeit zu sagen, was
Politikberatung wirklich was bringt. Sie ist nur in der wir wollen und das in den politischen Prozess einzu-
Öffentlichkeit nicht bekannt und ich habe das auch speisen – mit Nachhall in der Öffentlichkeit. In anderen
nie bekannt gemacht. Ich möchte dazu ein Beispiel Ländern ist das nur intern möglich oder ist – wie in
geben, das jetzt 15 Jahre alt und damit gewissermaßen den USA über den Council of Economic Advisors –
verjährt ist. 1999 hat Friedrich Merz, damals stellver- nicht vorgesehen. Wenn man sich dieses Privilegs
tretender Fraktionsvorsitzender, einen ganzen Tag mit bewusst ist, dann sind natürlich die Ansprüche an die
mir das körperschaftsteuerliche Anrechnungsverfahren Umsetzung bestimmter Vorschläge wesentlich be-

181
darüber mehr Einfluss nehmen als über den Politiker.
Es sind die führenden Beamten in den Ministerien,
die auch langfristig im System sind, die eine wichtige
Rolle spielen. Hier ist ein wichtiges Rechtsprinzip in
der deutschen Verfassungstradition zu beachten. Für
wichtige Entscheidungen darf es keine ministerialf-
reien Räume geben. Sobald also wichtige Entschei-
dungen anstehen, ist der unabhängige Politikberater
raus, weil er ja nicht Weisungsempfänger ist. Aber
der Ministerialbeamte hat sehr, sehr viel Einfluss.

Und der dritte Punkt: Ob man Einfluss hat oder


nicht, ist immer schwer zu sagen. Vor einiger
Zeit hat Gerhard Schröder in einem Interview
im ZDF klar gesagt: Seine Agenda 2010 ist auf
ein Jahresgutachten des Sachverständigenrates
zurückgegangen, in dem die 20 Punkte für Be-
schäftigung und Wachstum entwickelt wurden.

JOACHIM WEIMANN
Ich möchte gerne zwei Punkte anmerken. Zunächst
möchte ich Stellung zur Aussage von Karl-Heinz Paqué
nehmen. Ich glaube, wir überschätzen die langfristi-
scheidener. Vielleicht sollten wir froh sein, wenn man gen Effekte der Ökonomen. Der Arbeitsmarkt ist ein
ein bisschen erreicht und das Schlimmste verhindert. wunderbares Beispiel dafür, dass die Politik reagiert,
wenn die normative Kraft des Faktischen die Politik
Ich möchte aber noch einen zweiten Punkt machen: zwingt. Es ging einfach nicht mehr anders. Politisches
Wir dürfen gerade als Ökonomen die Anreize, denen Handeln war einfach notwendig – Punkt. Ökonomi-
die Akteure im politischen System unterliegen, nicht sche Beratung hat da kaum etwas beigetragen. Ich
vernachlässigen. Die Politiker müssen am Ende den bin mir auch sicher, dass die Energiewende in der
Kopf hinhalten und treffen die Entscheidungen bei jetzigen Form irgendwann grundlegend verändert
weitem nicht alleine. Und natürlich müssen sie auf und reformiert wird – aber nicht, weil die Politik
die Wählerinteressen und auf Stimmungsschwankun- dann auf die Ökonomen hört, sondern weil klar
gen der Politik schauen. Die Medien müssen sehen, wird, dass es so nicht geht. Die normative Kraft des
dass die Schlagzeilen stimmen. Wir dürfen uns nicht Faktischen, die Budgetbeschränkungen schlagen zu.
beklagen, dass die ihren Anreizen folgen. Am wich- Natürlich können wir dann sagen: „Naja, langfristig
tigsten für die ökonomische Politikberatung ist meines haben die ja doch auf die Ökonomen gehört.“ Nein!
Erachtens die Verwaltung, also der Apparat, der bereits Das ist nicht der Fall. Maximal können wir die Hoff-
angesprochen worden ist. Sowohl die institutionel- nung haben, dass wenn Not am Mann ist, vorliegende
le als auch die individuelle Politikberatung können Konzepte der Ökonomen helfen, die Dinge zu retten.

182
Wenn ich die Diskussion zusammenfassen sollte, CLAUDIA BUCH
so sind wir uns doch einig, dass wir auf Politik nur Ich möchte noch einmal das Thema „persönliche
einen äußerst begrenzten Einfluss haben. Denn das Politikberatung“ aufgreifen. Eine effektive Beratung
politische Spiel kann diesen Einfluss gar nicht zu- setzt Vertrauen voraus. Vertrauen wird sicherlich nicht
lassen. Müssen wir uns damit abfinden und uns mit in stark ritualisierten Prozessen aufgebaut, sondern
der Rolle zufrieden geben, die wir in diesem Spiel durch persönliche Treffen und Gespräche. Für sol-
haben können? Oder erweitern wir das Spielfeld? Die che Begegnungen gibt es eine Reihe von Formaten,
Erweiterungen wurden angesprochen und es wur- die auch eine ausreichende Transparenz gewähr-
den drei Ansatzpunkte genannt: Zunächst sind hier leisten. Ein Beispiel: Die amerikanische Notenbank
die Journalisten. Man wird wenig direkten Einfluss organisiert regelmäßige „Round Table“-Gespräche
auf Journalisten nehmen können, aber wir könnten zu bestimmten Themen, zu denen Akademiker und
versuchen, Einfluss auf die Journalistenausbildung zu Markteilnehmer eingeladen werden. Im Internet wird
bekommen. Wenn wir es schaffen, eine gute, struk- veröffentlicht, welche Themen besprochen werden, wer
turierte Ausbildung von Wirtschaftsjournalisten teilnimmt, und schließlich werden auch die Proto-
anzubieten, dann wäre das ein wichtiger Schritt. kolle veröffentlicht. Ich halte die damit verbundene
Transparenz für eine große Stärke solcher Formate.
Der zweite Ansatzpunkt sind für mich die Schulen, die
öffentliche Meinung, das Bewusstsein für ökonomische Es ist in der Tat wichtig, mit möglichst vielen Ebe-
Notwendigkeiten in der breiten Bevölkerung: economic nen der Ministerialbürokratie zu sprechen. Denn
literacy. Es gab eine Initiative, Wirtschaft als Schul- hier werden wichtige Entscheidungsprozesse vorbe-
fach einzuführen und einen übergreifenden Konsens reitet. In diesem Zusammenhang wird oft die Länge
bei den Parteien und auch den Gewerkschaften. Bis von Texten diskutiert. Dürfen es nur 3-4 Seiten als
dann irgendjemandem einfiel, dass so neoliberales Zusammenfassung für die Entscheider sein? Oder
Gedankengut in die Schulen käme. Da war es vorbei sind ausführlichere Texte hilfreicher? Ich persön-
mit dem Konsens. Inzwischen spricht sich der Deut- lich glaube, wir brauchen beides: „Policy Briefs“ für
sche Gewerkschaftsbund strikt gegen die Einführung die „Entscheider“, aber auch umfangreiche Texte, in
von Ökonomie als Schulfach aus. Aber da könnten wir denen die Argumente ausführlicher dargestellt wer-
wiederum ansetzen. Das wäre aus meiner Sicht eine den. Denn diese Langfassungen mit Literaturquellen
wichtige Voraussetzung dafür, dass ökonomisches helfen dabei, sich ein umfassendes Bild zu machen.
Denken stärkeres Gewicht in der Politik finden kann.
CLEMENS FUEST
Der dritte Ansatzpunkt für mich ist, wie auch Lars Feld Also zunächst mal, wenn wir uns international ver-
betont, die Ministerialbürokratie. Das ist völlig richtig. gleichen, können wir uns wirklich nicht beschwe-
Die haben einen enormen Einfluss und auch hier spielt ren. Im Vergleich zu England hat die akademische
die Ausbildung eine wichtige Rolle. Vielleicht machen Politikberatung in Deutschland einen ungeheuren
wir nicht hinreichend genau klar, worin die Relevanz Einfluss. In England werden Akademiker nicht so
unserer Wissenschaft besteht. Wenn uns das besser ge- ernst genommen. Einfluss haben dort eher Bank-
lingen würde und damit besser qualifizierte Mitarbeiter volkswirte oder Leute aus der Industrie. Diese Leute
mit dem entsprechenden ökonomischen Hintergrund in werden durchaus ernst genommen. Ich will das gar
die Ministerialbürokratie eintreten, wäre das hilfreich. nicht bewerten. Natürlich bin ich froh, dass wir in

183
Deutschland ernst genommen werden und daher ausgeladen. Das muss man einfach wissen. Man kann
sollten wir uns vielleicht nicht so sehr beschweren. also diese Rolle spielen oder auch nicht. Man muss bereit
sein, radikal zu sein. Dann dringt man auch durch.
Zum Thema Medien: Ich stimme Hans-Werner Sinn zu
und möchte das noch ergänzen. In die Medien dringt Außerdem sollten wir unser Politikberatungsmodell
insbesondere Radikalität durch. Viele von uns haben noch einmal überdenken. Der erste Einwand: Wir
das schon mal erlebt. Man wird von einer Talkshow diskutieren gerade, als wären wir so eine Gruppe von
angerufen und in dieser Talkshow spielt man seine Rolle Superhelden, die die Welt retten will und die böse
wie in einem Theaterstück. Da gibt es den Linken und Politik möchte das nur nicht zulassen. Und der zweite
dann gibt es den Neoliberalen und man muss bereit Einwand lautet, dass wir die Wahrheit auch nicht ken-
sein, eine klare Rolle einzunehmen. Als Ökonom fällt nen. In vielen Fragen kennen wir die Wahrheit schlicht
einem dann häufig die Rolle des Neoliberalen zu. Die nicht. Ist Ökonomie Wissenschaft? Es gibt vielleicht
muss man dann aber bitte auch radikal vertreten. Sobald einen kleinen Kreis von Fragen, für die wir halbwegs
man differenziert argumentiert – und das ist mir schon vernünftig kausale Effekte identifizieren können. Das
häufiger passiert – wird man auch wieder mit dem sind aber leider die uninteressanteren Fragen, zum
Argument, man sei nicht hinreichend marktradikal, Beispiel: Was passiert, wenn man die Klassengröße

184
verkleinert? Wie wirkt sich das auf die Effektivität von
Unterricht aus? Da haben wir also nach jahrzehntelan-
ger Forschung mit großer Mühe etwas herausgefun-
den, was sowieso jeder erwartet hätte: kleine Klassen
können zu höherem Bildungserfolg führen. Es ist zwar
schön zu wissen, aber die Politik interessiert ganz an-
dere Fragen. Die Politik will wissen, ob der Staat jetzt
mehr Geld ausgeben soll? Ist Austerität also schlecht?
Ist es richtig, in Europa einem Land wie Portugal mehr
Kredite zu geben oder sollen wir das Land restrukturie-
ren? Wir sollen nicht so tun, als wüssten wir, was der
richtige Weg ist! Man kann als Ökonom analysieren,
was die Folgen bestimmter Entscheidungen sind. Und
selbst das wird nicht richtig verstanden. Aber davon
auszugehen, dass wir die Wahrheit wissenschaftlich
ermittelt haben und dann als Superhelden durch die
Welt rennen und uns leider nicht durchsetzen können,
diese Vorstellung trifft wohl nicht zu. Wir müssen
unsere Rolle in der Politikberatung stärker unter dem
Aspekt der Frage diskutieren, wie wir mit Situationen
umgehen, in denen wir die Wahrheit eben nicht kennen
und andere dann Verantwortung für Entscheidungen
übernehmen müssen. Und wir sollten auch unsere
Motivation hinterfragen. Also, sind wir wirklich alle
Superhelden oder haben wir nicht auch eigene Inter-
essen? Wir machen auch so eine Art Lobbyarbeit und
welche Auswirkungen hat das auf die Politikberatung? JOACHIM WEIMANN
Nehmen Sie ein Beispiel: Ich bin gerne im wissen- Jetzt kommen wir erst mal zu Hans-Werner Sinn und dann
schaftlichen Beirat beim Bundesfinanzministerium, kann Stefan Homburg erklären, was es mit den Handwer-
weil das für mich so eine Art Seminar ist. Da sind tolle kern auf sich hat.
Kollegen, von denen lerne ich viel und deshalb gehe
ich dahin. Ob das dem Ministerium was nutzt, was HANS-WERNER SINN
ich mir natürlich wünsche, ist für mich nicht klar. Ich Es ist ja viel Kluges gesagt worden. Ich stimme auch
weiß daher nicht, ob wir unsere Rolle richtig verstehen, dem meisten zu. Nur in einem Punkt stimme ich nicht
wenn wir mit diesem Superheldenmodell arbeiten. zu, der Relevanz der direkten Politikberatung. Ich
glaube, das funktioniert eben nicht. Im Gegenteil, es
STEFAN HOMBURG besteht sogar eine große Gefahr, dass wir uns da ver-
Deswegen bin ich ja für die Handwerker. einnahmen lassen. Natürlich fühlt man sich gebauch-
pinselt, wenn ein wichtiger Politiker zum Mittagessen
einlädt und man einige Informationen bekommt, die

185
man vorher nicht hatte. Aber man wird instrumenta-
lisiert. Das Gute in Deutschland ist, dass wir unab-
hängige Wissenschaft haben. Diese Unabhängigkeit
ist im Grundgesetz garantiert. Daher müssen wir uns
am öffentlichen Diskurs beteiligen. Auch wenn die
Journalisten uns nicht immer behilflich sind, sehe ich
darin die einzige Möglichkeit. Ich habe mich mit Bert
Rürup, der eine völlig andere Vorstellung davon hat,
häufig darüber unterhalten. Ich sehe die Gefahr, die
Unabhängigkeit zu verlieren und zum Sprachrohr der
Politiker zu werden. Da ist die Hoffnung dann schon,
dass wir in diesem Land ein paar vernünftige Men-
schen haben, die bereit sind, am öffentlichen Diskurs
teilzunehmen. Und die müssen wir finden, was nicht
einfach ist. Wir müssen uns damit abfinden, die Mehr-
heit nie zu erreichen, denn der öffentliche Diskurs
in den Medien ist eben kein rationaler Diskurs. Das
sieht man an dem von Joachim Weimann angespro-
chenen Umweltthema mit aller, aller Deutlichkeit.
Die Ökonomen argumentieren rational und das passt
schon mal nicht zu den Bedürfnissen der Politik. Das,
was die Politiker machen, das ist etwas ganz anderes.
Das liegt eher im Bereich der Musik. Die gebrauchen
Wörter, die einen schönen emotionalen Anklang ha-
ben und reihen diese Wörter aneinander. So entsteht
in einer Rede ein Konzert, das gute Stimmungen in
den Köpfen der Menschen erzeugt. Wenn jetzt aber
ein Wissenschaftler herkommt und versucht zu ar-
gumentieren, wird das nur als Missklang empfunden.
Und genau deshalb ist so jemand wie Paul Kirchhoff,
der damals versuchte, öffentlich am Diskurs teilzu-
nehmen, hoffnungslos unterlegen. Man mag nicht
Emotionen bedienen wollen, man umkleidet seine
Argumente nicht mit wohlklingenden Vokabeln, dass
sie nicht anecken. Man hat sich als Wissenschaftler
anders orientiert und versucht, Prinzipien einzuhal-
ten. Da kann man sich nicht einfach für den öffent-
lichen Diskurs verbiegen und diesen Käse erzählen.
Und dann fällt man eben hoffnungslos durch.

186
Allerdings müssen uns in unserem Fach stärker den mehr Ungleichheit im kapitalistischen System zu
zeit- und raumgebundenen Themen zuwenden. Wir kompensieren. Das hätte Piketty mal lesen sollen. Dann
machen zu viel Grundlagenforschung – so wichtig hätte er nicht so viel Unsinn schreiben müssen. Statt
das ist. Das Fach „Ökonomie“ ist über 200 Jahre alt. sich also auf den Kapitalkoeffizienten, diese makroöko-
Irgendwie sind die tiefhängenden Früchte weitgehend nomische Kennzahl, zu beziehen, hätte er die Vertei-
gepflückt. Man wird keine großen Erkenntnisse mehr lung über die unterschiedlichen Sparquoten studieren
bekommen, wenn wir nach zeit- und raumlos richti- sollen. Das hätte dem Buch mehr Substanz gegeben.
gen Wahrheiten suchen. Das ist alles schon gedacht Aber das war nur eine kleine Nebenbemerkung.
worden. Es gab Heerscharen von klugen Leuten, die
schon darüber nachgedacht haben. Und das frustrie- WOLFRAM RICHTER
rende ist, man findet immer dasselbe und sieht, das Danke an Hans-Werner Sinn, für die Erinnerung an
ist vor 50 oder 30 Jahren schon geschrieben worden. diesen alten Aufsatz. Aber das ist jetzt nicht mein
Ich kann nur raten, sich stärker den zeitgebundenen Beitrag. Wir beklagen den geringen Einfluss von
Themen zuzuwenden. Zwischendurch hatte man in Ökonomen auf die Politik. Ich würde diese Aussage
der Finanz- und Wirtschaftskrise das Gefühl, die Welt noch ein bisschen zuspitzen: Der Einfluss der Ökono-
geht unter. Dann kamen die Krim-Krise, die Ukraine men ist umgekehrt proportional zur Bedeutung des
und all diese Dinge. Bei manchen Ökonomen hat man Themas. Wenn erst einmal ein Thema politisch besetzt
das Gefühl, draußen kann die Welt zusammenbrechen, ist, endet unser Einfluss, es sei denn wir sind affirma-
und doch forschen sie weiter an ihren zeit- und raumlos tiv. Aber ich möchte gerne das Thema ökonomisch
richtigen Wahrheiten herum, als sei nichts gesche- ausrichten, das heißt ich formuliere: Der Einfluss der
hen. Das ist nicht gut. Denn wenn die Gesellschaft Ökonomen ist umgekehrt proportional zur ökonomi-
das nicht so akzeptiert und von uns nichts Richtiges schen Bedeutung. Und für mich sind die schlagenden
hört, haben wir selber ein Problem. Piketty ist doch Beispiele die Energiewende, der Euro, vielleicht auch
ein schönes Beispiel dafür, wie man sich mit wirklichen Hartz IV, denn in der Kommission saß kein Ökonom.
Problemen auseinandersetzen kann. Ich finde Pikettys
Analyse zwar falsch, aber man muss einfach zugeste-
hen, dass er ein Bedürfnis der Gesellschaft bei dieser
Verteilungsfrage aufgegriffen hat. Dieses Thema haben
wir lange Zeit vernachlässigt und es wäre sicher gut,
wir würden uns stärker damit auseinandersetzen.
Wir haben allerdings auch ein Kommunikationspro-
blem. Wolfram Richter schrieb in den 80er Jahren
ein Paper, in dem Verteilungsprobleme angesprochen
werden. In diesem Paper gibt es einen Zins, unter-
schiedliche Sparquoten, die Reichen sparen mehr als
die nicht so Reichen und folglich wird die Einkom-
mensverteilung immer ungleicher. Daher gibt es ein
progressives Steuersystem, das die Ungleichheit wieder
einfängt. Die Frage war, wie progressiv muss das
Steuersystem sein, um die inhärente Tendenz zu immer

187
Aber meine Gedanken möchte ich am Beispiel der erhöhen. Wir schauen darauf und überlegen, wie wir
Energiewende verdeutlichen. Lars Feld hat gesagt, die die Instrumente ideal einsetzen. Die Politik ist anders
Politik interessiere sich nicht für Effizienz, sondern für und wird von den Wählern getrieben. Für den Wähler
Verteilungsfragen. In der Regel würde ich dem sofort ist so ein Thema furchtbar komplex, er will Vertrauen
zustimmen. Nimmt man aber die Energiewende als delegieren. Er will, dass jemand dieses Problem an-
Beispiel, so bewegt die Wenigsten – wenn man mal von packt. Das ist eine deontologische Herangehensweise.
den Grün-Wählern absieht, die das instinktiv erfasst Der Wähler schaut auf Politiker, die bei ihm durch ihr
haben – dabei Verteilung. Das ist ein komplexes Thema Tun Vertrauen auslösen, vielleicht einfach Gutmen-
und ich möchte an diesem Beispiel ein Problem heraus- schen sind. Das, was wir gelegentlich abtun, das ist
arbeiten, an dem wir als Ökonomen doch stärker über genau das, was der Wähler sucht. Er sucht jemanden,
Lösungszugänge nachdenken sollten. Bei der Ener- dem er dieses schwierige Problem anvertrauen will
giewende denken Ökonomen sofort die Effizienzfrage. und das tut er, wenn er jemanden durch seine Taten
Die Öffentlichkeit hat dafür kein Verständnis und wird und seine Reden als vertrauenswürdig erkannt hat.
auf die Wichtigkeit des Themas verweisen. Je wichti- Das steht völlig quer zu unserer Art des Denkens. Wir
ger ein Thema ist, desto begrenzter ist unser Einfluss, machen uns zu wenige Gedanken darüber, wie wir diese
desto weniger wird akzeptiert, dass dieses Thema in riesige Kluft überbrücken können. Wahrscheinlich ist
seiner ökonomischen Bedeutung ausreichend ernst der Hochschullehrer damit völlig überfordert. Wir sind
genommen wird. Und da entsteht jetzt ein ungeheures ja auch alle eitel. Wir wollen mit einer großen Lösung
Vermittlungsproblem. Wir als Ökonomen sind ge- in der Öffentlichkeit auftreten. Vielleicht sollten wir
schult, teleologisch zu schauen. Wenn ich Instrumente da demütiger sein und mehr darüber nachdenken,
einsetze, verfolge ich damit ein Ziel. Was ist das Ziel? möglichst frühzeitig in Trippelschritten zu agieren.
Und ich will Wirkungen erzielen, die Zielerreichung Aber, das ist nicht Aufgabe der Universität. Dafür sind

188
wir nicht ausgestattet. Dafür werden wir auch nicht nicht verstanden wird und unsere Denkmodelle nicht
honoriert. Das wäre wahrscheinlich die Aufgabe der nachvollzogen werden. Und, wenn ich jetzt die Fuß-
Forschungsinstitute, sich Gedanken darüber zu machen ballanalogie ein bisschen strapazieren darf, ich würde
und eben bereit zu sein, hinter den Politiker zu treten, meinem Team gern sagen: „Jetzt gucken wir doch
ihn nach vorne zu schieben und mit Argumenten zu mal ein bisschen auf uns selbst.“ Wir haben auf die
unterstützen und somit ein langfristiges Ziel verfolgen. Journalisten verwiesen? Ist die Politik aufnahmefähig?
Wie müssen wir mit dem Gegner umgehen oder mit
JOACHIM WEIMANN dem Spielpartner? Wir sollten, glaube ich, auch auf
Aber sollten die Forschungsinstitute nicht stärker an der uns selbst gucken. Bei Toleranz und Vielfalt – ja was
Wissenschaft orientiert sein? Wird das nicht gefordert und wie erwarten wir denn? Dass die Leute das nachvollziehen
passt das zu den geforderten Trippelschritten? oder uns gegenüber tolerant sind, wenn wir es unter-
einander doch gar nicht so sehr sind? Jeder von uns
WOLFRAM RICHTER hat doch schon einmal die Erfahrung gemacht, dass
Das ist eine berechtigte Frage. Ich bin immer jemand in Auswahlgremien mit interdisziplinären Anträgen
gewesen, der das Gefühl hatte, wir müssen Acht die schärfsten Kritiker die Ökonomen selbst sind. Es
geben, dass bei der Evaluierung der Forschungsins- musste gar nicht ein anderer die ökonomischen Anträ-
titute das Pendel nicht ins andere Extrem ausschlägt. ge fertig machen. Das haben wir schon selbst erledigt!
Nachdem früher das Ganze zu wissenschaftsfern war, Müssen wir eigentlich immer so apodiktisch tun – ich
müssen wir jetzt Acht geben, dass wir nicht zu sehr sag das mal ein bisschen zugespitzt – als wenn nur
auf Rankings schauen, zu akademisch evaluieren. unser Standpunkt der richtige ist und der vom Kolle-
gen schon dämlich? Also, wir haben schon eine sehr
CHRISTOP SCHMIDT harte Umgangsweise mit uns selbst und schwächen
Das möchte ich noch kurz kommentieren. Das ist uns damit im Wettbewerb mit anderen Disziplinen.
wirklich ein schwieriger Balanceakt. Sobald wir in Wir könnten teamfähiger sein. Das wäre mein Appell.
den Instituten zu wenig Forschung machen und sehr
stark auf die angewandte Schiene kommen, haben wir Zweitens zu den relevanten Themen. Ich sehe weniger
doch sofort die ganze Profession am Hals. Wie soll ich einen Kontrast zwischen Grundlagen- und angewand-
denn junge Leute ans RWI holen, wenn ich ihnen nicht ter Forschung, aber wir legen ja doch als Profession
garantieren kann, dass sie bei uns genauso gut forschen insgesamt sehr viel Wert auf Eleganz. Ich habe mich
können, wie an einem Lehrstuhl? Da muss die Balance oft in meiner Zeit als Promotionsbetreuer gefragt, ob
sehr stark auch immer in Richtung Forschung gehen. es richtig ist, den einfachen Zugang zu wählen, wenn
er die Sachfrage löst. Ich bin davon überzeugt, aber
Ich möchte folgende drei Punkte noch einmal aufgrei- ob ich meinen Doktoranden karrieretechnisch im-
fen. Wir beklagen häufig mangelnde Toleranz für die mer einen Gefallen getan habe, weiß ich nicht. Auch
Vielfältigkeit unserer Aussagen, für Ambivalenzen, für da könnte man sicher mal fragen, ob ein Bekennt-
ungeklärte Konflikte. Was wir beklagen ist zweitens, nis dazu, dass auch die Klempner – jetzt kommt die
dass man uns oft vorwirft, wir würden nicht hinrei- Handwerksanalogie – die Klempner der Profession,
chend relevante Themen verfolgen. Und das Dritte: die ihre Hände tief in den Morast tauchen, ob die
Wir beklagen, dass wir keine Nachfragekompetenz nicht mehr Wertschätzung innerhalb der Profession
auf der anderen Seite haben, dass unsere Sprache haben könnten und nicht nur die Hirnchirurgen.

189
Zur Nachfragekompetenz: Da würde ich das schöne FRIEDRICH SCHNEIDER
Gegenpressing, das ja mittlerweile in der Fußballter- Ich würde das noch ergänzen. Ökonomen könnten
minologie auch ein Begriff geworden ist, einbringen. viel Einfluss haben. Voraussetzung dafür ist, dass
Einige von uns engagieren sich ja sehr stark in Pa- wir von unserer etwas arroganten Haltung abrücken,
neldiskussionen oder Talkshows. Aber grundsätzlich der Haltung des benevolenten Diktators „wir wissen,
nehmen wir doch den Kampf viel zu wenig an. Wir wie es geht und so müsst ihr es machen“. Wenn wir
könnten doch auch auf den Nahostkonflikt zeigen ökonomische Inhalte vermitteln wollen, dann müssen
und uns fragen, warum die Politologen das noch nicht wir uns stärker und ganz bewusst auf das Spiel in
gelöst haben? Es gibt noch Malaria und AIDS und die der Politik einlassen. Wir müssen das ein Stück weit
Mediziner werden deswegen auch nicht gescholten. mitspielen, ohne unsere Identität zu verlieren. Das ist
Wir könnten viel mehr in die Offensive gehen. Aber für mich ganz entscheidend. Und die Energiepolitik ist
dazu müssten wir in die Diskussion gehen mit Leuten, da ein wunderschönes Beispiel. Nun ist Österreich ein
die nicht unsere Sprache sprechen und die uns nicht bisschen im Vorteil und in kleinen Ländern ist die Fra-
wohlgesinnt sind. Ich glaube, da können wir auch mal ge der Politikberatung eine ganz andere als in einem
an uns arbeiten. Das sind drei Punkte, die ich meinem großen Land wie Deutschland. Österreich ist Bayern.
Team sagen würde, wenn ich der Teamkapitän wäre. Da sind die Strukturen anders. Wenn man möchte,

190
kennt man sich sehr rasch aus und die Wertschätzung HANS-WERNER SINN
hängt nicht davon ab, ob man nun einer Richtung Ja, aber das habe ich ja nicht gemeint. Das ist doch klar.
zugeschrieben wird, sondern wie und was man sagt. Natürlich muss ich einfach und verständlich sprechen.
Aber wir müssen uns auf dieses Spiel einlassen, müssen
verstehen, dass die Energiewende ein ganz tiefes Be- WOLFGANG FRANZ
dürfnis der Mehrheit der Wähler nach Änderungen ist. Lass mich doch bitte ausnahmsweise ausreden.
Die wollen alle kleine Gutmenschen sein. Die wollen
die Solarkollektoren auf dem Dach haben und sind HANS-WERNER SINN
herzlich wenig daran interessiert, wie viel das kostet. Das fällt mir schwer. Aber Spaß beiseite, natürlich,
Sie wollen dem Nachbarn zeigen: „Schau, ich bin der fahre fort!
gute Ökologe.“ Der Politiker wäre ja grenzenlos dumm,
wenn er nicht auf diesen Zug aufspringt. Jetzt ist es WOLFGANG FRANZ
unsere Aufgabe zu zeigen, dass das sehr teuer werden Aus meiner Erfahrung haben die Interviews für die
kann und dann andere Ziele, die auch wünschenswert Bildzeitung immer am meisten Zeit gekostet. Der
sind, nicht erreicht werden können. Dann beginnt die eigentliche Sachverhalt war in fünf Minuten abge-
Diskussion. Gleichzeitig beginnt aber ein irrsinniger handelt. Dann hat der Redakteur gesagt: „So, jetzt
Kampf gegen hervorragend organisierte grüne Lob- müssen wir das so formulieren, dass unsere Leser
bys. Die investieren massiv in das Lobbying. Dagegen das verstehen.“ Ich habe da Blut und Wasser ge-
sind wir alle Dilettanten. Darüber könnte man ein schwitzt in der Befürchtung, dass vielleicht auch ein
Lehrbuch schreiben: „Wie mache ich gutes Lobbying?“. Kollege die Bildzeitung liest. Meine Hoffnung war
Für die grünen Lobbys geht es um viel und man ist allerdings, dass das nie jemand zugeben würde. Die
schon weit gekommen, wenn man das Kostenargu- Quintessenz ist aber, dass man sich für Talkshows
ment durchbringt. Und genau das ist unsere Aufgabe. extrem gut vorbereiten muss. Denn man will ja den
Punkt rüberbringen. Wenn man sich diese Mühe
WOLFGANG FRANZ nicht macht, dann wird man da auch nie eingeladen.
Ich möchte noch einmal das Vermittlungsproblem Das ist für mich ein wesentlicher Teil des Vermitt-
ansprechen und eine Gegenposition zu Hans-Werner lungsproblems. Wir sind zu kompliziert. Wer ver-
Sinn aufstellen. Hans-Werner Sinn hat eben gesagt, wir steht denn schon „optimale Verwendung der Res-
wollen uns nicht verbiegen. Aber ich glaube, wir müs- sourcen“? Versteht doch außer uns kein Mensch.
sen uns verbiegen. Und das fängt damit an, dass, wenn
wir unsere Positionen in die Öffentlichkeit vermitteln JOACHIM WEIMANN
wollen, wir diese besser kommunizieren müssen. Wenn So, jetzt soll Stefan Homburg sein Handwerkerkabinett
in einer Fernsehdiskussion über Verteilungsfragen rechtfertigen und danach Kai Konrad seine Grundlagenfor-
vom Gini-Koeffizienten die Rede ist, versteht das schung.
doch kein Mensch und man wird als verschrobener
Wissenschaftler belächelt. Das heißt also, wenn man STEFAN HOMBURG
etwas vermitteln möchte, dann muss man sich insoweit Vielleicht könnte man fürs Protokoll noch festhalten,
verbiegen, dass man in einfachen Bildern spricht. dass Clemens Fuest neben Modellen der individu-
ellen und institutionellen Politikberatung noch eine
dritte Variante gesetzt hat, die man hedonistische

191
Politikberatung nennen könnte. Also, man setzt sich KARL-HEINZ PAQUÉ
in den Beirat und genießt das, egal was es bringt. Nicht der einzige Grund.

Jetzt zu den Handwerkern. Das war vielleicht ohne nä- KAI KONRAD
here Erklärung missverständlich. Was ich da formuliert Das muss eine Nebenbedingung sein, sonst wird Po-
hatte, war so ein „Schleier des Unwissens Argument“, litik sinnlos. Leute gehen in die Politik, weil sie etwas
d.h. ich bin davon ausgegangen, dass ich die Wahl zwi- erreichen wollen. Die haben ein Ziel, die haben Mei-
schen Handwerkern und Ökonomen habe, ohne zu wis- nungen. Es ist ein Fehler zu denken, der Politiker sei
sen, welche Ökonomen und welche Handwerker. Wenn eine Maschine, die dazu da ist, Richtiges umzusetzen.
ich unter dieser Bedingung die Wahl hätte zwischen Der Politiker ist jemand, der das umsetzen möchte,
einer Regierung, die aus drei Handwerkern besteht, und von dem er überzeugt ist, was er für richtig hält oder
einer Regierung, die aus drei Kollegen besteht, würde ich wofür er eintritt. Und dabei sind wir eben entweder
auf jeden Fall die drei Handwerker nehmen. Ich würde störend oder helfend. Aber wir haben tendenziell eher
mir sagen: „Das sind Leute mit praktischem, aber auch die Rolle des Zeugen als die Rolle desjenigen, der
mit kaufmännischem Verständnis. Die haben im Zwei- diese Maschine beeinflusst. Das ist meine Sichtwei-
fel kommunikative, empathische Fähigkeiten. Die will se. Daher habe ich am Anfang dieser Veranstaltung
ich.“ Bei den drei Kollegen dagegen wüsste ich ja nicht, gesagt, ich wäre gerne mal in den Schuhen eines
was ich bekomme und das könnte dann ja auch eine Politikers, damit ich besser verstehe, wie die denken.
Regierung aus Flassbeck, Krugman und Piketty sein, Und ganz ehrlich, all das ist doch unsere Nebenrol-
die ich so gar nicht gern hätte. Wir dürfen auch nicht le. Wir werden doch für was ganz anderes bezahlt.
so tun, als säßen wir jetzt als Ökonomen zusammen, als Darüber sollten wir uns auch gelegentlich Gedanken
würden wir alle dasselbe denken, seien im Grunde die machen. Wir werden nicht dafür bezahlt, Zeugen zu
besseren Menschen und die schlaueren und müssten spielen für die Politiker und die Journalisten oder die-
den anderen unseren Willen aufzwingen. So kann man se Maschine am Laufen zu halten, sondern wir werden
das natürlich nicht sehen. Auch bei uns gibt es viele dafür bezahlt, in Forschung und Lehre tätig zu sein.
Unterschiede in den Auffassungen und die sind – so war Für das andere werden wir nicht bezahlt. Das ist
das im Kern gemeint – nicht alle für politische Entschei- Nebenjob. Das können wir machen, weil es uns Spaß
dungsrollen geeignet. Das ist meine Überzeugung. macht. Also, wenn wir Forschung und Lehre nicht
mehr als unseren Hauptjob begreifen, dann liegen
KAI KONRAD wir falsch. Im Übrigen, die Leute, die in der Wis-
Mein Punkt knüpft sehr an das eben Gesagte an. senschaftsgeschichte irgendwann gesagt haben, dass
Also, wir haben heute viel darüber spekuliert, was eigentlich alles erforscht ist, die haben in der Regel
in den Köpfen der Politiker vor sich geht und dass falsch gelegen. Die Physiker, die vor der quantenme-
der Wunsch, wiedergewählt zu werden, natürlich chanischen Revolution gesagt haben, dass alles bereits
eine Rolle spielt. Aber warum sollte ein Politiker erfunden sei, das waren die, die abgehängt waren.
wiedergewählt werden wollen? Warum macht er Aber ich bin der festen Überzeugung, und ich müsste
nicht irgendwas, womit er richtig Geld verdienen meinen Job aufgeben, wenn ich diese Überzeugung
kann? Also, Herr Paqué, ich bin sicher, Sie sind nicht hätte und jeder hier im Raum müsste seinen
nicht in die Politik gegangen, Sie sind nicht Minis- Job aufgeben, wenn er diese Überzeugung nicht
ter geworden, nur um wiedergewählt zu werden. hätte, dass es in unserer Wissenschaft entscheidende

192
Fortschritte gibt, die uns bevorstehen und an denen
wir gefälligst mitwirken sollen. Und wenn wir das
nicht tun, also wenn wir sozusagen nur zu Politiker-
und Spaßberatern werden, dann verdienen wir unser
Geld nicht mehr, das wir aber monatlich bekommen.

HANS-WERNER SINN
Darauf muss ich antworten. Das wäre jetzt ein
fundamentales Missverständnis. Natürlich sollen wir
die Forschung nicht aufgeben – ganz im Gegenteil:
Lehre und Forschung bleiben unsere Aufgaben. Nur
die Frage ist, was man erforscht. Wo liegen noch
neue Erkenntnisse? Ich bin im Laufe meines eigenen
Forscherlebens stärker zu dem Schluss gekommen,
dass die deutsche historische Schule doch irgendwie
auch was ganz Vernünftiges ist, weil sie sich mit den
historischen Prozessen beschäftigt hat, die wirklich
abliefen und das war kompliziert genug. Das ist was
anderes als die selbstreferenzielle Forschung. Eine
geisteswissenschaftliche Forschung, in der wir uns
mit den Dingen auseinandersetzen, die andere Öko-
nomen gedacht haben, das kann man natürlich auch
intensiv machen bis zum Gehtnicht-mehr. Aber ich
sehe es mehr als eine Schwäche unserer Disziplin, zu
viel selbstreferenzielle Forschung zu betreiben. Es
wird Bezug auf die Forschung von Kollegen genom-
men und dann wird das variiert. Meistens wird das
so variiert, dass der Erstling gut dabei wegkommt,
weil der ja auch Gutachter ist. Und so ist die Vari-
ation in der Regel gar nicht so fundamental anders.
Seit ich im ifo-Institut bin, habe ich aber gemerkt,
dass es andere Dimensionen gibt. Man stochert da
permanent im Nebel herum. Da passieren Dinge,
die nicht direkt eindeutig einzuordnen sind. Es gibt
keine Datensätze. Man weiß überhaupt nicht, was
da passiert und wie sich die Dinge entwickeln wer- bestreiten, dass dann nochmal irgendwo der große
den. Und dann sucht man herum, findet etwas oder Durchbruch kommt. Die Behavior-Leute sagen, wir
auch nicht. Das ist auch Forschung! Nicht nur die hätten jetzt so etwas wie die Quantenphysik. Ich bin
akademisch selbstreferenzielle Forschung ist For- noch nicht ganz überzeugt, dass es das wirklich ist.
schung. Darum ging es mir. Und ich will ja nicht Aber ich bin ja offen. Soll man das doch machen.

193
KERSTIN SCHNEIDER
Nachdem wir die Fragen der ökonomischen Politikberatung
bislang eher allgemein und ohne Bezug auf ein konkretes
Beispiel diskutiert haben, möchten wir nun die vielkriti-
sierte Rolle der Ökonomen in der noch nicht überwundenen
Finanzkrise in den Blick nehmen. Martin Hellwig ist Autor
eines international viel beachteten Buches zum Thema12. Was
ist denn nun die Rolle der Ökonomen in der Finanzkrise?
Sind die Ökonomen genrell schlechte Berater? Und wie pas-
sen Grundlagenforschung und Politikberatung zusammen?

12
Admati, A. und M. Hellwig (2014), The Bankers New Clothes. What’s
Wrong with Banking and What to Do about it. Princeton University Press.

194
Neoliberale Sekte oder Wissenschaft?
Zum Verhältnis von Grundlagenforschung
und Politikanwendung in der Ökonomik1
VON MARTIN HELLWIG

Sind Ökonomen zu wenig „relevant“? Probleme und Moral Hazard verursachen. Als
Wir Ökonomen haben eine schlechte Presse. Dabei Beispiel wurde die deutsche Bankenkrise von 1931
kritisieren uns ausgerechnet die Medien besonders genannt, die teilweise durch genau solche Prob-
heftig, die sich ihrer Wirtschaftskompetenz rüh- leme verursacht bzw. verschärft worden war.
men, Blätter wie FAZ und Handelsblatt. Da heißt
es, wir müssten den Homo Oeconomicus aufgeben Die Bundesregierung muss dem Bundestag gegenüber
und mehr Verhaltensökonomik betreiben. Und wir zu den Hauptgutachten der Monopolkommission Stel-
sollten den Ordoliberalismus stärker pflegen. Die lung nehmen. In der Stellungnahme zu diesem Punkt
verschiedenen Vorschläge sind nicht immer kom- hieß es, eine global arbeitende deutsche Wirtschaft
patibel, aber das ist den Kritikern egal. Im Übrigen brauche global führende deutsche Banken. Too-big-to-
heißt es, wir sollten doch gefälligst relevanter sein. fail-Probleme und Moral Hazard könnte es zwar geben,
aber jeglicher Vergleich mit 1931 sei absurd, schließ-
Spätestens hier stimmen dann auch die Politik und lich gebe es „das aufsichtsrechtliche Regelungswerk
die Wirtschaft in den Chor der Kritiker ein. Aber einschließlich der Umsetzung der EU-Finanzkong-
was ist eigentlich „relevant“? Das, was nicht allzu lomerate-Richtlinie“. Zu den „deutlich veränderten
unpopulär ist? Das, was der Minister meint, durch- ordnungspolitischen Rahmenbedingungen [...] zählen
setzen zu können? Das, was der Minister gerade insbesondere die gesetzlich geregelten Einlagensiche-
hören will? Manche Kritik liest sich genau so, aber rungssysteme und die laufende Aufsicht der Bundes-
es kann doch nicht unsere Aufgabe sein, immer nur anstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in
das vorzubringen, was die Adressaten hören wollen. Zusammenarbeit mit der Deutschen Bundesbank nach
den Spezialgesetzen wie dem Kreditwesengesetz.“
Dazu ein Beispiel: Das 2004 verfasste XV. Haupt-
gutachten der Monopolkommission enthielt ein Nach den Erfahrungen von 2008 erscheint nicht
Kapitel über die Industriepolitik der damaligen die seinerzeitige Warnung der Monopolkommis-
Bundesregierung.2 Darin hieß es, die von Bundes- sion als absurd, sondern die Reaktion, mit der die
kanzler Schröder geforderte Schaffung nationaler Bundesregierung belegen wollte, wie irrelevant der
Champions im Bankwesen werde Too-big-to-fail- wissenschaftlich begründete Rat der Monopolkom-

K. Schneider, J. Weimann, Den Diebstahl des Wohlstands verhindern,


DOI 10.1007/978-3-658-09495-9_15, © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2016 195
mission war. Hätten wir damals die Warnung unter- Vorgänge im Labor, aber auch da werden einzelne Ef-
lassen sollen? Hätten wir die Förderung nationaler fekte isoliert betrachtet, so dass man nur wenig näher
Champions im Bankwesen und anderswo verlangen an dem ist, was in Märkten oder gar ganzen Volkswirt-
sollen, um als „relevant“ angesehen zu werden? Die schaften passiert, als bei den theoretischen Modellen.
Frage stellen heißt, sie zu verneinen, auch wenn es
frustrierend ist, dass die Warnungen ungehört ver- Beide, experimentelle Verhaltensökonomik und
hallen und man das eigentlich schon im Vorhinein neoklassische Modelltheorie müssen sich der Frage
weiß. Wir mussten damals auf die Risiken hinweisen stellen, wie ihre Erkenntnisse im Umgang mit prak-
und ich bin stolz darauf, dass wir das getan haben. tischen, politischen Problemen einzusetzen sind. Und
da hapert es. Wir machen uns zu wenig Gedanken
Übrigens geht es hier nicht nur um das Verhältnis der über die Validierung unserer Erkenntnisse jenseits der
Wirtschaftswissenschaft zur Politik, sondern auch um Kunstwelten der Modelle und der Experimentallabors.
das Verhältnis zur Justiz. Kürzlich urteilte der Bundes- Und wir arbeiten zu viel mit Pauschalurteilen auf der
gerichtshof, es sei nicht zulässig, dass Banken zusätzlich Grundlage von allgemeinen Prinzipien, ohne uns um
zu den Kreditzinsen auch Kreditbearbeitungsgebühren die Details der Anwendung im Einzelfall zu kümmern.
verlangen. Aus ökonomischer Sicht ist das problema-
tisch. Die Kosten der Kreditbearbeitung sind zumindest Der Mangel an etablierten Techniken, Standards und
teilweise fixe Kosten, die nicht von der Kredithöhe Kriterien für die externe Validierung von Aussagen
abhängen. Als Ökonomen wissen wir, dass Two-part der Grundlagenforschung lässt Raum für Ideologie.
Tariffs, eine Kombination aus fixen und mengenabhän- Der amerikanische Ökonom Paul Pfleiderer spricht in
gigen Preisbestandteilen, bei derartigen Kostenkon- diesem Zusammenhang von dem Problem, dass solche
stellationen die Marktergebnisse verbessern können Aussagen als Chamäleons erscheinen: In Politikdiskus-
und zwar gerade auch für die Kunden. Von dieser sionen werden sie als allgemeingültige Grundlage für
Erkenntnis hatten die Richter wohl nichts gehört oder weitreichende Handlungsempfehlungen präsentiert.
nichts hören wollen. Auch hier, bei der in Rechtsfällen Wird aber darauf verwiesen, dass die Annahmen hinter
maßgeblichen ökonomischen Analyse, sind die Öko- den Modellaussagen so speziell und unrealistisch sind,
nomen gefordert und sollten sich nicht scheuen, von dass die Aussagen keinen allgemeinen Geltungsan-
den Adressaten als „irrelevant“ betrachtet zu werden.3 spruch erheben können, so heißt es, es gehe ja nur um
eine abstrakte Modellanalyse, und auf der Ebene der
Die Distanz zwischen Grundlagenforschung und abstrakten Modellanalyse sei alles erlaubt, da komme es
Anwendung als Einfallstor für Ideologie nur auf mathematische Konsistenz an.4 Man erhebt den
Aber greifen wir noch einmal die schlechte Presse auf. für Politikempfehlungen erforderlichen Geltungsan-
Die Diskussion über Verhaltensökonomik und den spruch, macht aber gleichzeitig die mathematische Kon-
Homo Oeconomicus spiegelt die Diskussion in unserem sistenz zum maßgeblichen Kriterium für die Beurtei-
Fach. Aber was hat das mit Politik und Politikberatung lung von Modellen. Die hinter den Analysen stehende
zu tun? Sowohl die experimentell arbeitende Verhal- Ideologie wird auf diese Weise der Kritik entzogen.
tensökonomik als auch die formal arbeitende Wirt-
schaftstheorie gehören in den Bereich der Grundlagen- Vor zwanzig Jahren hatte ich einmal ein Gespräch mit
forschung. In den Experimenten habe ich zwar reale Robert Lucas über den Artikel „Expectations and the

196
Neutrality of Money“ aus dem Jahre 1972, für den er
später den Nobelpreis bekam. 5 Ich fragte ihn, warum
die Intervention der Zentralbank – abgesehen von
einer festen Geldmengenwachstumsrate – in seinem
Modell nur als Rauschen erscheine bzw., warum er
es per Annahme ausschließe, dass die Zentralbank
ebenso wie die Privaten ihre Intervention von den
Marktpreisen abhängen lasse. Seine Aussagen über
die Unwirksamkeit der Geldpolitik und die Effizienz
der Marktergebnisse hingen ganz wesentlich von
dieser Annahme ab.6 Seine Antwort: Die Zentralbank
ist Teil des Staats, und: „The government can only
produce chaos“ – der Staat produziert nur Chaos. Das
ist, mit Verlaub, Ideologie und nicht Wissenschaft.

Vor über zehn Jahren schrieben Joachim Weimann


und Ronnie Schöb über unsere Rolle in der öffentli-
chen Diskussion: „Die Ökonomen werden als eine Art
neoliberale Sekte betrachtet.“ Ich teile diese Einschät-
zung. In der öffentlichen Wahrnehmung kommen wir
gleich nach Scientology. Aber dazu tragen wir selbst
bei, wenn wir das ideologische Element in der Schöp-
fung der Kunstwelten unserer Wissenschaft und in der
Übertragung von Erkenntnissen aus den Kunstwelten
auf die Realität zu wenig hinterfragen und kritisieren.

Gewiss ist nicht jede Ideologiekritik ernst zu neh-


men. Kürzlich las ich in der Wirtschaftswoche ei-
nen Artikel zum Thema „Wie unabhängig sind die
Top-Ökonomen?“ Der betreffende Journalist machte
die Antwort auf diese Frage davon abhängig, ob die
betreffende Person dasselbe Glaubensbekenntnis hatte
wie er bei der Beurteilung von Regulierung und der
Beurteilung der EZB. Die Möglichkeit, dass man
sich ganz ohne Glaubensbekenntnis die Dinge ein-
fach im Detail anschaut, vielleicht im einen Kontext
Gründe für Regulierung sieht, im anderen Kontext
Gründe dagegen und in einem dritten wiederum
Gründe für eine andere Regulierung, diese Möglich-

197
keit hatte er nicht auf dem Radarschirm. Aber es „Relevanz“. Wir möchten, dass unsere Forschung als
gibt auch genügend Beispiele für ideologisch ge- relevant wahrgenommen wird. Und finden es daher
prägte Pauschal(vor)urteile in unserer Wissenschaft schön, wenn wir in Medien, Politik und Wirtschaft
und in der Politikberatung durch Wissenschaftler. gelobt werden. Dass das Lob den Politikempfehlun-
gen gilt und die Praktiker die Modellanalysen nicht
Der Effizienzbias der Wirtschaftstheorie als Grundlage verstehen, sie vielleicht auch gar nicht teilen würden,
intellektueller Korruption wenn sie sie denn verständen, geht dabei unter.
Als Wissenschaft haben wir noch ein tiefer liegendes
Problem. Seit Mitte der 1970er Jahre verfolgen wir das Ein Beispiel
Forschungsprogramm, die Dinge, die wir in der Reali- Dazu ein Beispiel: Der so genannte Squam Lake
tät beobachten, als effiziente Lösungen von irgendwel- Report, ein Gemeinschaftswerk von 15 der renom-
chen Informations- und Anreizproblemen zu „erklären“. miertesten Finanzmarktökonomen der USA, über die
Institutionenökonomik, Vertragstheorie, Entwick- Reform der Banken- und Finanzmarktregulierung
lungsökonomik, Finanzmarktökonomik, teilweise auch nach der Krise enthält die Empfehlung, man dürfe
die Wettbewerbs- und Industrieökonomik arbeiten mit die Eigenkapitalanforderungen für Banken nicht sehr
diesem Paradigma. Daraus ergibt sich ein Effizienz- erhöhen. Andernfalls würden die Effizienzvorteile
bias: Wenn wir das, was wir sehen, als Ergebnis eines der Disziplinierung des Bankmanagements durch
effizienten Umgangs mit Informations- und Anreizpro- kurzfristige Verbindlichkeiten zerstört, vor allem
blemen „erklären“, kommen wir zu dem Ergebnis, dass also durch Einlagen.7 Die Tatsache, dass die hohe
das, was wir sehen, effizient ist und daher eine Regu- Verschuldung der Banken, vor allem die hohe kurz-
lierung nur schaden kann. Dieser Schluss ist allerdings fristige Verschuldung und der Zusammenbruch der
nicht ein Ergebnis unserer Forschung, sondern ein Er- Refinanzierung der kurzfristigen Schulden, maßgeblich
gebnis unserer Annahmen, und er ist auch nicht richtig, zur Krise beigetragen haben, wird dabei verdrängt.
nicht einmal in dem selbst gesteckten Analyserahmen.
Der kurz nach der Finanzkrise entstandene Film Die Empfehlung gründet sich vor allem auf theore-
„Inside Job“ wirft den Ökonomen vor, sie seien kor- tische Arbeiten von Douglas Diamond und Raghu
rupt und hätten erheblich mit zur Krise beigetragen. Rajan, zwei Mitverfassern des Squam Lake Report.8
Sind wir wirklich korrupt? Im Film geht es um Geld, Das Ganze nennt sich „A theory of Banking“ – eine
Honorare für Gutachten und ähnliches. Ich glaube Theorie des Bankwesens. Man „erklärt“ die Finanzie-
nicht, dass das das Problem trifft. Unsere Korruptheit rung der Banken durch Kundeneinlagen als optimale
liegt auf einer anderen Ebene. Da spielt der genannte Lösung eines Moral-Hazard-Problems. Im weiteren
Effizienzbias eine Rolle, zusammen mit der Verliebtheit Verlauf ist diese „Erklärung“ die Grundlage für die
in die eigenen Arbeiten. Wenn wir ein Modell entwi- Politikempfehlung, man solle ja nicht die Effizienz der
ckelt und analysiert haben, dann neigen wir dazu, die Laissez-Faire-Lösung durch Regulierung zerstören.
Welt aus der Perspektive dieses Modells zu analysieren,
so wie der Biologiestudent, der sich auf Schlangen Aber was ist das für eine „Erklärung“? Es fehlt jegliche
spezialisiert hat, auf eine Prüfungsfrage zu Elefanten, Kritik der speziellen Annahmen, auf denen die Analyse
antwortet, indem er über den Rüssel spricht und alles beruht (wie alle Modellanalysen). Es fehlt auch jegliche
erzählt, was er als Schlangenspezialist dazu sagen kann. Auseinandersetzung mit dem Tatbestand, dass derselbe
Der Effekt wird verstärkt durch den Wunsch nach empirische Befund, die Finanzierung der Banken durch

198
kurzfristige Schuldtitel, auch durch andere Modelle „er- Spielt das eine Rolle? Wenn die Anleger keine perfekte
klärt“ werden kann. Schließlich fehlt die Auseinander- Information haben oder sich nicht perfekt koordinieren
setzung mit der Empirie selbst. Gibt es handfeste Bele- können, kann es zu fehlerhaften Runs kommen, durch
ge dafür, dass der Disziplinierungseffekt in der Realität die reale Werte vernichtet werden. Wenn Informa-
zu beobachten ist und dass dieser Effekt hinter dem tion etwas kostet, gibt es Trittbrettfahrerprobleme.
empirischen Phänomen der überwiegenden Finanzie- Warum soll ich Information kaufen und die Manager
rung von Banken durch kurzfristige Schuldtitel steht? disziplinieren, wenn es doch billiger ist, ich lasse die
anderen das machen? Die Trittbrettfahrerprobleme
Als spezielle Annahmen der Analyse sind zu nennen: können verschwinden, wenn die Anleger einen Run
Die Anleger haben perfekte Information, und diese befürchten und in Information investieren, um ggfs.
Information kostet sie nichts. Die Anleger können in der Warteschlange vor dem Schalter ganz vorne
ihr Verhalten perfekt koordinieren, so dass sie ei- zu sein, aber dann haben wir wieder das Problem der
nen Run machen, wenn die Manager sich schlecht Fragilität und der Wertvernichtung durch Runs.
benehmen, und keinen Run machen, wenn die Ma-
nager sich gut benehmen. Schließlich gibt es keine Bei einer börsennotierten Bank stellt sich das Tritt-
außenstehenden Aktionäre und keine Aktienbörse. brettfahrerproblem noch auf andere Weise. Die

199
Gläubiger können die Aktionäre Information kaufen typisch. In der Theorie haben wir ein Sammelsurium
lassen und lesen die Information vom Börsenkurs ab. von Modellen, mathematischen Konstrukten, deren
Aktionäre haben immer ein Interesse an Information, Realitätsbezug erst durch zusätzliche Transferleis-
denn der Börsenkurs kann sich jeden Tag verändern. tungen hergestellt werden muss. Das aber geschieht
Gläubiger dagegen interessieren sich vor allem für allzu selten. Da steht zwar im Titel eines Papiers „A
Information, wenn das Unternehmen zu scheitern Theory of...“, und in der Einleitung kommt ein Ab-
droht. Solange der Börsenkurs aber steigt, scheint schnitt über ein Phänomen in der Realität, aber der
diese Gefahr weit weg zu sein. Geht der Börsenkurs Rest des Papiers hat kaum etwas mit der Realität
einmal in den Keller, so ist für den kurzfristigen zu tun. Der Anspruch etwas „erklärt“ zu haben, ist
Gläubiger immer noch Zeit, seine Mittel abzuziehen. übertrieben, denn man hat weder eine Robustheits-
analyse durchgeführt noch den eigenen Ansatz mit
So geschehen bei Lehman Brothers, wo die kurz- konkurrierenden Erklärungsansätzen verglichen. Aber
fristigen Geldgeber zwischen 2004 und 2007 ge- das hindert nicht, dass die gewonnenen „Erkenntnisse“
schlafen haben und erst aufgewacht sind, als 2008 aus gegebenem Anlass unkritisch in Politikempfeh-
ein Hedgefondsmanager, der sich Lehman Brothers lungen münden. Und diese wiederum werden durch
genau angesehen hatte, à la baisse spekulierte, Leer- den oben angesprochenen Effizienzbias geprägt.
verkäufe in Aktien tätigte und öffentlich verkün-
dete, bei richtiger Bewertung der unverkäuflichen Meine Kritik ist nicht so zu verstehen, dass man
Schrotthypotheken sei Lehman eigentlich insolvent. aufhören sollte, theoretische Modelle zu formulieren
Mit anderen Worten, die Empirie spricht gegen und zu analysieren. Theoretische Modelle, mathe-
die Annahmen und gegen die empirische Relevanz matische Konstrukte, sind unerlässlich, wenn wir
des theoretischen Modells. Aber weder die theore- die Art und die Struktur der Interdependenzen im
tischen Papiere von Diamond und Rajan noch der Zusammenspiel der am Wirtschaftsleben Beteiligten
Squam Lake Report befassen sich mit der Frage nach verstehen wollen. Wir müssen uns aber bewusst sein,
der Geltung der Modellaussagen in der Realität. dass das nur ein Teil der wissenschaftlichen Arbeit
ist und dass die Verwendung der aus theoretischen
Im politischen Diskurs spielt die Theorie von Diamond Modellen gewonnenen Erkenntnisse bei der Analyse
und Rajan übrigens so gut wie keine Rolle. Banker wirtschaftspolitischer Probleme nicht auf der Hand
und ihre Interessenvertreter gebrauchen diese Argu- liegt, sondern einer eigenen, zusätzlichen Transfer-
mente nicht. Als Anat Admati und ich „Des Bankers leistung bedarf. Beides spielt in unserer Praxis und
neue Kleider“ als Kritik der vielen fehlerhaften Ar- auch schon in der Ausbildung eine zu geringe Rolle.
gumente in der Diskussion um Bankenregulierung
schrieben, wurde uns geraten, diesen Theorieansatz Im Einzelnen wäre folgendes zu wünschen: Erstens
auszulassen, er habe weder mit der Realität noch sollte es schon auf der Ebene der Grundlagenfor-
mit der Politikdiskussion zu tun. Ein Banker frag- schung zum Standard gehören, dass man die Rolle
te uns erstaunt: „Is this an academic thing?“9 der Annahmen ernsthaft diskutiert. Jedes theore-
tische Modell beruht auf speziellen Annahmen,
Annahmenkritik nicht nur Annahmen über das Verhalten, Homo
Leider ist das, was ich hier skizziert habe, für viele wis- Oeconomicus, soziale Präferenzen oder „beschränkte
senschaftliche Arbeiten und viele Politikempfehlungen Rationalität“, sondern auch Annahmen zur Infor-

200
mation, die den Beteiligten jeweils zur Verfügung Konkurrenz der Theorieansätze
steht, zu den Handlungsalternativen, die sie haben, Auch der Vergleich mit konkurrierenden Theorie-
zu Kontrahierungs- und Bindungsmöglichkeiten usw. ansätzen sollte zum wissenschaftlichen Standard
Jede Angabe eines Spielbaums für eine Modellana- gehören. Für das konkrete Beispiel der kurzfristigen
lyse enthält eine Vielfalt von solchen Annahmen. Schuldenfinanzierung von Banken sind gleich zwei
solche Ansätze zu nennen: Theorien der Liquidi-
Bei der Annahmenkritik geht es zunächst nicht darum, tätsversorgung durch Banken betonen die Tatsache,
wie speziell oder wie „realistisch“ sie sind. Die An- dass die Kunden die jederzeitige Verfügbarkeit ihrer
nahmen, die einer Modellanalyse zugrunde liegen, Mittel schätzen und bereit sind, dafür Zinseinbußen
sind immer speziell und immer unrealistisch. Jedoch in Kauf zu nehmen. Theorien der Zeitinkonsistenz
kommt die formale Analyse nicht ohne Annahmen aus. der Finanzierungsstrategien betonen die Anreize, die
Wir entwickeln theoretische Modelle, um „Insights“, Schuldner haben, bei späteren Finanzierungsentschei-
Einsichten über die Funktionsweise ökonomischer dungen die Interessen der Altgläubiger zu schädigen,
Mechanismen, über das Zusammenspiel der in einem indem sie neue kurzfristige Schulden aufnehmen.
bestimmten Zusammenhang wirkenden Kräfte zu
gewinnen. Wir schätzen diese Einsichten, weil wir Eine Auseinandersetzung mit diesen alternativen
vermuten, dass sie auch außerhalb der spezifischen Erklärungsansätzen hätte die Annahmenkritik erzwun-
mathematischen Modellierung von Bedeutung sind. gen. Theorien der Finanzierung von Banken durch
Einlagen und andere kurzfristige Schuldtitel betonen
Die Einsichten betreffen nicht einfach die Schluss- die „Informationsinsensitivität“ von Schuldtiteln,
folgerungen der jeweils formulierten Theoreme. Sie speziell kurzfristigen Schuldtiteln. Die Forderungen
betreffen vielmehr das Zusammenspiel von Modell- der Gläubiger hängen – außerhalb des Konkurses –
konstruktion, Annahmen und Schlussfolgerungen. Im nicht davon ab, wie es dem Schuldner wirtschaftlich
Zentrum der Annahmenkritik muss die Frage stehen, geht. Gläubiger betrachten die kurzfristigen For-
welche Rolle die Annahmen für die Schlussfolgerun- derungen als liquide, denn sie können sie jederzeit
gen spielen bzw. inwiefern die Schlussfolgerungen abrufen. Und handelbare langfristige Forderungen
gegenüber Verallgemeinerungen robust sein könnten. können sie ggfs. zu einem angemessenen Preis auf
dem offenen Markt verkaufen, denn, wenn es nicht auf
Die obige Kritik des Diamond-Rajan-Modells der Information ankommt, müssen die potentiellen Käufer
Bankeinlagen als Disziplinierungsmittel liefert dafür auch nicht befürchten, die Verkäufer hätten bessere
ein Beispiel. Man muss nicht lange nachdenken, um zu Information und versuchten, sie zu übervorteilen und
sehen, dass die aufgeführten Annahmen, vor allem die verlangen deshalb auch keinen großen Abschlag.11
Annahme, dass die Anleger ohne Aufwand von Kosten
perfekte Information haben und die Annahme, dass Während die Theorie der Bankeinlage als Disziplinie-
es keine außenstehenden Aktionäre und keinen Bör- rungsmittel sich den Gläubiger der Bank als Wach-
senhandel gibt, für die aus der Analyse gewonnenen hund vorstellt, der dauernd auf der Lauer liegt, um
„Einsichten“ kritisch sind. Wenn man diese Annahmen schnellstmöglich zu erfahren, wenn die Manager vom
ablehnt, muss man die ganze Theorie infrage stellen.10 Pfad der Tugend abweichen, geht die Theorie der Li-
quiditätsversorgung durch Bankeinlagen (und anderen
kurzfristigen Schuldtiteln von Banken) von einem ganz

201
anderen Bild der Gläubiger aus: Hier ist der Gläubi-
ger jemand, der sich freut, einen Titel in Händen zu
halten, bei dem er sich – normalerweise – um nichts
kümmern muss, denn der Wert des Titels hängt nicht
davon ab, was im Einzelnen bei der Bank geschieht.
Die beiden Bilder der Gläubiger von Banken sind nicht
miteinander vereinbar.12 Der Konflikt wird allerdings
nicht ausgetragen, und in der Politikdiskussion heißt
es nur, beide kämen zu dem Ergebnis, eine hohe
kurzfristige Verschuldung von Banken sei effizient.

Mit dieser Schlussfolgerung stehen diese beiden An-


sätze allerdings im Widerspruch zum dritten Theorie-
ansatz, der auf Moral Hazard bei späteren Refinanzie-
rungsentscheidungen abstellt. Dieser Ansatz beruht
auf der Beobachtung, dass ein Schuldner erhebliche
Anreize haben kann, sich weiter zu verschulden, auch
wenn dies nicht effizient ist, denn die Kosten werden
teilweise von den Altgläubigern getragen, die mit
einem höheren Konkursrisiko rechnen müssen. Und
wenn die Gläubiger versuchen, solchem Moral Hazard
durch Covenants, Vertragsklauseln, vorzubeugen, die
die Aufnahme weiterer Schulden mit derselben Se-
niorität verbieten, so kann der Schuldner das Verbot
umgehen, indem er neue Schuldtitel ausgibt, die zwar
nachrangig sind, die aber kürzere Laufzeiten haben und
insofern früher zurückgezahlt werden als die früher
ausgegebenen Schuldtitel. Die Kurzfristigkeit der
Bankschulden erscheint hier als Ergebnis eines Maturi-
ty Rat Race, bei der Gläubiger sich vor der Übervortei-
lung dadurch schützen, dass sie letztlich nur kurzfristi-
ge Kredite ausgeben und das noch gegen Sicherheiten,
entsprechend den Repo-Krediten, die wir beobachten.13

In diesem dritten Theorieansatz erscheint eine hohe


kurzfristige Verschuldung als Konsequenz einer
mangelnden Fähigkeit der Schuldner, sich glaub-
haft zu verpflichten, in zukünftigen Entscheidun-
gen die Verschuldung nicht weiter zu erhöhen. Das
Marktergebnis ist in gewissem Sinn immer noch

202
„effizient“, aber dies nur in Relation zu der vorgege- lernt, dass die meisten Märkte nicht so organisiert sind,
benen Zeitstruktur der Entscheidungen im Modell. wie das Modell der Mikroökonomik im Grundstudium
Dabei liegt auf der Hand, dass diese „Effizienz“ kein es vorgibt, dass die Abweichungen nicht unbedingt als
Argument gegen staatliche Eigenkapitalanforde- Belege für Wettbewerbsversagen zu interpretieren sind
rungen liefert, die als Substitut für die mangelnde und dass die wettbewerbspolitische Analyse beginnen
Bindungsfähigkeit der Schuldner fungieren würden. muss mit einer Bestandsaufnahme der Eigenheiten
der betreffenden Märkte und Institutionen. Und dann
Wir haben also drei Theorieansätze zur Erklärung stellt sich die Frage, welches oder welche der verschie-
desselben empirischen Phänomens. Die drei Ansätze denen Modelle in unserem theoretischen Sammelsu-
basieren auf unterschiedlichen, teilweise sogar wi- rium sich für die Analyse dieses Materials eignen.
dersprüchlichen Vorstellungen über die Beziehungen
zwischen den Banken und ihren Geldgebern, und sie Uns fehlt weitgehend das Bewusstsein dafür, dass die-
kommen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen ser Schritt, die Auswahl der theoretischen Konstrukte,
bezüglich der Sinnhaftigkeit einer staatlichen Regulie- die sich für die Analyse eines Sachverhalts eignen, eine
rung. Zur Funktionsfähigkeit der Wissenschaft würde zusätzliche Leistung ist, die wir als Wissenschaftler
es gehören, dass dieser Konflikt ausgetragen wird. Das erbringen müssen. Und es fehlt ein professionelles
ist aber nicht der Fall. In den Journalen haben wir ein Ritual dafür, wie man das „richtig“ macht. Wir sind
Papier neben dem anderen, ohne dass die inhaltlichen geprägt vom naturwissenschaftlichen Verständnis von
Konflikte thematisiert würden. Und in der Politikdis- Theorie als etwas Allgemeingültigem und machen
kussion wird nur über die Schlussfolgerungen für die uns zu wenig klar, dass Modelle nicht Theorien sind,
Regulierung geredet, siehe den Squam Lake Report. sondern Sprachspiele zum logischen Verständnis von
Zusammenhängen. Das Sammelsurium von Modellen
Realitätsbezug und praktische Anwendung dient uns als Vorrat, aus dem wir in einem konkreten
Letztlich hängt der Geltungsanspruch eines Modells Fall schöpfen können, aber dazu müssen wir jeweils
davon ab, dass wir die Mechanismen, die wir damit entscheiden, welches Modell oder welche Modelle –
untersuchen, auch so in der Realität wiederfinden. im Zweifel nicht nur eins, sondern mehrere in einer
Und damit meine ich nicht nur die Pauschalaussage, Kombination, die wir ad hoc durchdenken müssen –
dass das, was die theoretischen Modelle „erklären“, geeignet sind, um den amorphen Stoff, den uns „die
in der Realität vorkommt, in meinem Beispiel also Realität“ liefert, verstehen zu können. Wie erkennen
die hohe kurzfristige Verschuldung der Banken. Ich wir einen Elefanten, den wir nicht sehen, sondern nur
meine vielmehr die Frage, ob die Mechanismen, die betasten? Wie erkennen wir, dass das nicht nur eine
wir für die jeweilige „Erklärung“ eines Phänomens Kombination von vier Türmen und einer Schlange ist?
heranziehen, auch in der Realität am Werk sind.
In meiner eigenen Erfahrung, in der Monopolkom-
Dabei haben wir die Schwierigkeit, dass es „die Reali- mission, im Lenkungsrat Unternehmensfinanzierung
tät“ gar nicht gibt. Es gibt viele verschiedene Institu- 2009 und im Europäischen Systemrisikoausschuss, liegt
tionen und Märkte und viele verschiedene Muster der hier die zentrale Herausforderung für die Anwendung
Interaktionen zwischen den Beteiligten. Die können unserer Wissenschaft. Dabei muss man zunächst die
wir nicht alle über einen Kamm scheren. In der Indus- Informationen, die einem vorgelegt werden, Revue
trieökonomik beispielsweise haben wir seit langem ge- passieren lassen und versuchen, sich einen Reim darauf

203
zu machen. Letzteres geschieht oft eher impressio- Natürlich arbeiten wir mit einem allgemeinen Theorie-
nistisch, da fehlt es an Professionalität. Aber dann ansatz, aber im Rahmen dieses allgemeinen Ansatzes
sollten die Theorieansätze und Modelle selbst, die verwenden wir spezielle Modelle oder Kombinationen
einem einfallen, Anlass zu weiteren Fragen geben, von Modellen, um den jeweiligen Besonderheiten
zum Einholen weiterer Information, zur Validierung der Situation Rechnung zu tragen. Dieser Aspekt der
der Vermutungen und zur Unterscheidung zwischen Kontingenz des jeweils einzusetzenden Apparats muss
konkurrierenden Hypothesen. In den meisten Fällen auch in der Ausbildung stärker vermittelt werden.
reichen die Daten, die man bekommen kann, nicht für
statistische Analysen aus. Aber das darf uns nicht hin- Natürlich ist Ökonomik relevant!
dern, das, was man an Daten und Faktenmaterial hat, Nach all den kritischen Bemerkungen zu Theorie-
zu einer Prüfung der theoretischen Vorstellungen zu entwicklung und Politikberatung in der Ökonomik
verwenden. In meiner Zeit in der Monopolkommission möchte ich allerdings betonen, was Wirtschaftstheorie
habe ich manchmal die Beteiligten angerufen und um leisten kann und wie relevant Wirtschaftstheorie für
weitere Erklärungen gebeten, z.B. im Hinblick auf tat- den Umgang mit der Realität ist. Oft sind es gar nicht
sächliche oder vermutete Widersprüche zwischen dem, die komplizierten Informations- und Anreizprobleme,
was sie vorgetragen hatten, und verschiedenen anderen die uns beschäftigen, sondern wir können uns auf
Informationen. Den Gesprächspartnern war meist die Feld-, Wald- und Wiesenmikroökonomik bezie-
nicht klar, dass meine Fragen theoriegeleitet waren, hen, wie wir sie schon im Grundstudium unterrich-
aber das machte die Antworten umso aufschlussreicher. ten. Es kommt aber darauf an, dass man die Details
des Sachverhalts sehr genau kennt und versteht.
Ob ich das jeweils „richtig“ gemacht habe, weiß ich
nicht. Aber das ist genau mein Punkt: Wir haben Erst die Kenntnis der Details bietet die Möglichkeit,
kein Rezept und kein professionelles Ritual dafür, das Instrumentarium der Theorie richtig einzusetzen
wie man so etwas „richtig“ macht. Wir haben oft und die Gleichgewichtserwägungen, die sich der naiven
noch nicht einmal das Bewusstsein, dass es da ein Plausibilitätsbetrachtung entziehen, richtig zu erfassen.14
Problem gibt. Wir brauchen dieses Bewusstsein.
Die Komplexität der Zusammenhänge schafft na-
Wir brauchen auch eine Ausbildung, die dieses Be- türlich ein Kommunikationsproblem. Dieses Kom-
wusstsein fördert. Die wirtschaftswissenschaftliche munikationsproblem ist umso schwieriger, als die
Ausbildung konzentriert sich auf das Vermitteln von Beteiligten ohnehin wissen, was sie wollen und den
Kenntnissen über Modelle und Methoden und lässt Rat der Wissenschaft eher als störend empfinden. Und
zu wenig Raum für die Praxis der wirtschaftswis- auch wenn es nicht immer um ideologisch belaste-
senschaftlichen Analyse in Kontexten, in denen wir te Themen wie die Lohnpolitik oder die Geldpolitik
nicht von vornherein wissen, welche Modelle und geht, so stehen doch oft massive Interessen auf dem
Methoden angemessen sind. Die Ausbildung sollte Spiel, nicht nur auf Seiten der beteiligten Unter-
für mehr Professionalität in der Beratungstätigkeit nehmen, sondern auch auf Seiten der Politiker, die
sorgen, für ein Bewusstsein dafür, dass wir viel weni- sich eine bestimmte Industriepolitik auf die Fahnen
ger Pauschalurteile, viel weniger Streben nach All- schreiben. Umso wichtiger ist es allerdings, dass
gemeingültigkeit und viel mehr Verständnis für die man die Sprechblasen mit harter Analyse anpiekst.
Besonderheiten jeder einzelnen Situation brauchen.

204
Endnotes
1
Dies ist eine leicht gekürzte Version von M. 7
French, Kenneth, Martin N. Baily, John Y. 11
So insbesondere G. Gorton, Slapped by the
F. Hellwig, Neoliberales Sektierertum oder Campbell, John H. Cochrane, Douglas W. Invisible Hand: The Panic of 2007, Oxford
Wissenschaft? Zum Verhältnis von Grundla- Diamond, Darrell Duffie, Anil K. Kashyap, University Press, Oxford, England, 2010.
genforschung und Politikanwendung in der Frederic S. Mishkin, Raghuram G. Rajan,
Ökonomie, Max Planck Institute for Research on David S. Scharfstein, Robert J. Shiller, Hyun 12
Man könnte versuchen, den Konflikt zu entschär-
Collective Goods, Preprint 2015/17, Bonn 2015. Song Shin, Matthew J. Slaughter, Jeremy C. fen, indem man Heterogenität der Gläubiger
Stein, and René M. Stulz (2010), The Squam unterstellt. Dann muss man sich aber auch mit
2
Monopolkommission, Wettbewerbs- Lake Report: Fixing the Financial System. den Interessenkonflikten zwischen den ver-
politik im Schatten „nationaler Cham- Princeton, NJ: Princeton University Press. schiedenen Gruppen von Gläubigern befassen.
pions“, XV. Hauptgutachten 2002-2003,
Nomos-Verlag Baden-Baden 2004. 8
Insbesondere D.W. Diamond und R.G. Rajan, Li- 13
Siehe M. Brunnermeier und M. Oehmke,
quidity risk, liquidity creation, and financial fra- The Maturity Rat Race, Journal of Finan-
3
Juristen rechtfertigen solche Urteile gewöhnlich gility: A theory of banking, Journal of Political ce 68 (2013), 483-521, sowie A.R. Admati
mit der normativen Funktion des Rechts und Economy 10 (2001), 287-327. Für eine systemati- et al., „The Leverage Ratchet Effect”, Max
der Rechtswissenschaft. Jedoch versäumen sie es sche Kritik siehe A.R. Admati et al., Fallacies, ir- Planck Institute for Research on Collective
regelmäßig, zwischen Sachverhaltsanalyse und relevant facts and myths in the discussion of ca- Goods, Preprint 2013/13, Bonn 2013.
normativer Beurteilung zu unterscheiden; für pital regulation: Why bank equity is not socially
eine allgemeine Diskussion siehe M.F. Hellwig, expensive, Max Planck Institute for Research on 14
Was das genau bedeutet, wird in der in Fußnote
Wirtschaftspolitik als Rechtsanwendung: Zum Collective Goods, Preprint 2013/13, Bonn 2013. 1 erwähnten längeren Fassung dieses Textes
Verhältnis von Jurisprudenz und Ökonomie in anhand von zwei Beispielen erläutert. Im einen
der Wettbewerbspolitik, Walter-Adolf-Jöhr-Vor- 9
A.R. Admati und M.F. Hellwig (20w3), “Does Beispiel geht es um HSH Nordbank und die
lesung 2007, Universität St. Gallen, Volks- debt discipline bankers? An academic myth about seit 2008 virulente Schiffahrtskrise, im anderen
wirtschaftliche Beiträge Nr. 6, Oktober 2007. bank indebtedness”, Rock Center for Corporate um das Ministererlaubnisverfahren zum
Governance at Stanford University, Working Zusammenschluss der Unternehmen E.ON
4
Siehe P. Pfleiderer: Chameleons: The misuse Paper No. 132, Stanford 2013, ist das auf diesen und Ruhrgas 2002. In beiden Fällen werden
of theoretical models in finance and eco- Rat hin ausgelassene Kapitel des Buchs. die im politischen Diskurs vorherrschenden
nomics, mimeo, Graduate School of Busi- Plausibilitätsaussagen durch eine detaillierte
ness, Stanford University, 2014, https:// 10
Zur Rolle der außenstehenden Aktionäre und mikroökonomische Analyse widerlegt, der
www.gsb.stanford.edu/faculty-research/ der Börsen könnten die Autoren antworten, dass die nachfolgende Entwicklung entspricht.
working-papers/chameleons-misuse-the- Aktienfinanzierung in ihrem Modell grundsätz-
oretical-models-finance-economics lich zugelassen ist, dass sie aber nicht gewählt
wird, da sie nicht effizient ist. Da etliche Banken
5
R.E. Lucas, Expectations and the neu- als Aktiengesellschaften mit weit gestreutem
trality of money, Journal of Econo- Aktionariat organisiert sind, stellt sich dann
mic Theory 4 (1972), 103-124. allerdings die Frage, was der Geltungsan-
spruch einer Modellanalyse sein kann, die
6
Dazu vgl. T. Muench, Optimality, the interaction für diese Beobachtung keinen Raum lässt.
of spot and futures markets, and the nonneu-
trality of money in the Lucas model, Journal
of Economic Theory 15 (1977), 325-344.

205
(Er)kennen Ökonomen den Elefanten?

KERSTIN SCHNEIDER MARTIN HELLWIG


Danke, Herr Hellwig. Es wurde viele Themen angespro- Das ist ein Missverständnis. Ich bestreite nicht, dass
chen. Sei haben die Relevanz der Ökonomie betont. Sie angewandte Probleme mit verhaltensökonomischen
haben aber auch ganz grundsätzliche Probleme für die Methoden genauso gut analysiert werden können
Anwendbarkeit von Grundlagenforschung für die Po- wie mit theoretischen Modellen, die ich einsetze.
litikberatung thematisiert und die Grenzen aufgezeigt. Das Problem ist, dass viele Verhaltensökonomen
Vielleicht bleiben wir zunächst bei der Rolle, die die Ver- genauso wie viele Theoretiker sich gar nicht für
haltensökonomik im Zusammenspiel der Methoden spielt. die angewandten Fragen interessieren, sondern für
Wenn wir mehr Verhaltensökonomik betreiben und den Grundlagenfragen. Das ist genauso weit weg von
Homo Oekonomicus aufgeben sollen, sollten wir dann auch der Auseinandersetzung mit wirtschaftspolitisch
die mathematische Modellierung zurückfahren? Gibt es relevanten Fragen wie theoretische Modellierung.
ein Konkurrenzverhältnis zwischen den Methoden?
HANS-WERNER SINN
JOACHIM WEIMANN Zur Verhaltensökonomik: Ich finde das ja prima.
Dieses Konkurrenzverhältnis sehe ich nicht. Nein, gute Wenn es um Prognostik geht, kann man viel lernen,
Verhaltensökonomik befindet sich nicht in einer Konkur- aber ich habe ein fundamentales Problem damit, dass
renzsituation zur neoklassischen Theoriebildung. Gute die Wohlfahrtstheorie verloren geht. Wie soll ich das
Verhaltensökonomik steht in einer komplementären Allokationsergebnis bewerten, wenn nicht mehr der
Beziehung zur Modelltheorie. Sie versucht, näher an die Homo Oeconomicus dahinter steht, dessen Präferen-
Realität heranzukommen, indem sie Modellannahmen zen ich als Maßstab für die Beurteilung der Allokation
ins Labor überträgt, dann aber den Homo Oeconomicus, nehmen kann? Unsere Modelle unterstellen doch
der im Modell als mathematischer Artefakt existiert, Akteure mit einer Nutzenfunktion als Darstellung
durch real existierende Menschen ersetzt. Wir neh- der Präferenzen. In dieser Welt passiert etwas, und
men den Modellrahmen, füllen das Modell mit realen vielleicht kommt es aufgrund von Marktfehlern von
Menschen und erfahren dadurch sehr viel, auch über die Wohlfahrtsverlusten. Diese Wohlfahrtsverluste messen
Robustheit des Modells. Es ist keine Konkurrenz, son- wir anhand derselben Präferenzen, die wir den öko-
dern ganz eindeutig eine komplementäre Beziehung. nomischen Akteuren in unserem Modell des Homo

K. Schneider, J. Weimann, Den Diebstahl des Wohlstands verhindern,


206 DOI 10.1007/978-3-658-09495-9_16, © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2016
Oeconomicus gegeben haben. Das ist die Stärke des Lassen Sie mich das an einem Beispiel erläutern. Wir
ökonomischen Ansatzes. Wenn ich den Homo Oecono- haben ein theoretisches Verhandlungsmodell experi-
micus nicht mehr habe und Denkfehler zulasse, dann mentell umgesetzt. In dem Modell wird unterstellt,
kann ich die Marktfehler nicht mehr sauber isolieren dass alle in den Verhandlungen strikt rational agieren.
und verwische die Grenzen zum Paternalismus. Wir beobachten aber, dass es zu eingeschränkt ratio-
nalem Verhalten kommt. Die Akteure machen syste-
JOACHIM WEIMANN matisch Fehler. Aber es stellte sich heraus, dass dies
Das ist eine ganz grundsätzliche Frage. Sollen wir das Modellergebnis überhaupt nicht tangiert. Trotz
die Annahme rationalen Verhaltens aufgeben oder eingeschränkter Rationalität zeigt sich, dass das Modell
behalten wir die Grundannahme rationalen Verhal- genau die richtige Intuition vermittelt. Das ist eine
tens bei, schauen aber genauer auf die Argumente Stärkung der Theorie, eine Stärkung des Modells.
in der Nutzenfunktion? Das ist eine Grundsatzfrage,
zu der es unterschiedliche Positionen gibt. Die einen FRIEDRICH BREYER
sagen, weiterhin Rationalverhalten zu unterstellen, Hans-Werner Sinn sagte gerade, wir könnten ohne
das ist nur neoclassical repair shop. Reinhard Selten13 Homo Oeconomicus keine Wohlfahrtstheorie betreiben.
geht hier viel weiter und bezweifelt, dass wir opti- Aber das ist natürlich nicht unproblematisch. Denn die
mieren. Er ist überzeugt, dass wir nur Heuristiken Wohlfahrtstheorie ist normativ. Bei der normativen 13
Reinhard Selten (*1930) ist ein
einsetzen und daher müssten wir besser verstehen, Theorie ist es wichtig, dass die Annahmen stimmen. deutscher Ökonom und Wirt-
welche Heuristiken zustande kommen und warum. Bei der positiven Theorie können wir prüfen, ob das schaftsnobelpreisträger.

207
Daher halte ich diese aktuelle besondere Wertschät-
zung von verhaltensökonomischen Experimenten
für völlig übertrieben und auch nicht für dauerhaft.

JOACHIM WEIMANN
Dem muss ich widersprechen. Ich glaube, es ist grund-
falsch zu behaupten, nur die Aggregate interessieren
und Verhaltensökonomen schauen auf die Individuen,
was uns nicht wirklich weiterbringt. Wo liegen denn
die tatsächlichen Probleme, die uns wirklich interes-
sieren? Die liegen doch genau dort, wo wir über die
Aggregate wenig wissen. Klar, solange wir annehmen
können, dass die Nachfrage fällt, die Angebotskurve
steigt, diese Aggregate also funktionieren, sind wir auf
sicherem Boden. Wir wissen ja auch aus der Verhalten-
sökonomik, dass unser Modell auf Märkten wun-
derbar funktioniert. Dazu müssen wir keine weiteren
Erkenntnisse sammeln. Wir müssen besser verstehen,
wie Individuen sich verhalten, wenn die Märkte nicht
funktionieren, zum Beispiel bei Externalitäten oder
wenn es nicht um Aggregate geht. Bei Verhandlun-
gen beispielsweise geht es nicht um Aggregate oder
wenn wir über öffentliche Güter sprechen, da wissen
wir, dass unsere Theorie eine Idee vom Aggregat
hat, die falsch ist. Wir wissen, dass Menschen nicht
strikte Freifahrer sind. Aber was sind sie dann? Daher
Modell die Realität erklären kann oder nicht. Da kön- brauchen wir ein besseres Verständnis für das, was
nen auch Annahmen getroffen werden, die die Realität sie sind und was sie tun. Und das ist das, was uns an
sehr stark beschränken. Aber in der normativen Theo- der Verhaltensökonomik interessieren sollte. Wir
rie gibt es diesen Realitätstest nicht. Da müssen die An- wollen die Standardmikroökonomik nicht abschaffen
nahmen stimmen. Daher sind verhaltensökonomische oder ersetzen. Wir müssen die Verhaltensökonomik
Studien zu Präferenzen so wichtig. Allerdings versucht als etwas Komplementäres begreifen. Erst das Zu-
die Verhaltensökonomik individuelles Verhalten zu er- sammenspiel von Theorie und Experiment erlaubt
klären. Das sehe ich kritischer und das interessiert uns uns, die Zusammenhänge wirklich zu verstehen.
Ökonomen doch gar nicht. Uns interessiert doch nur
das Aggregat. Studien mit Studierenden – mit fragli- KERSTIN SCHNEIDER
cher externer Validität – die prüfen, wie Individuen auf Ich würde gerne einen anderen Punkt aufgreifen, den Martin
bestimmte Anreize reagieren, sind doch völlig uner- Hellwig angesprochen hat. Haben Ökonomen einen Effi-
heblich, wenn wir wissen, wie das Aggregat reagiert. zienzbias und prüfen die Robustheit ihrer Modelle nicht
Und das wissen wir aus realen Daten oder Felddaten. hinreichend?

208
KARL-HEINZ PAQUÉ weit über die Frage der Finanzmarktkrise hinaus. Aber
Martin Hellwig hat am Beispiel der Theorie des Ban- vielleicht können wir aus der Finanzmarktkrise auch
kenverhaltens gezeigt, wie der Effizienzbias und eine lernen. Wir haben in unseren Modellen ganz wesentliche
mangelnde Prüfung der Robustheit der Annahmen zu Aspekte falsch interpretiert. Wir haben den Elefanten
weitreichenden Schlussfolgerungen führten, die fatale nicht richtig identifiziert und deswegen haben wir in
Konsequenzen hatten. Welche Schlüsse ziehen wir dar- der Tat schwerwiegende Fehler gemacht, die uns jetzt
aus für die Art und Weise, wie wir Ergebnisse kommuni- vor Augen geführt werden. Das heißt nicht, dass wir
zieren und wirtschaftspolitische und regulative Emp- jetzt in Sack und Asche gehen müssen – das wäre völlig
fehlungen ableiten? Vielleicht müssen wir mit unserem falsch, weil ja auch vieles richtig war. Aber man braucht
Anspruch bescheidener sein, denn wie Clemens Fuest an dieser Stelle eine ehrliche Diskussion, sonst wird
sagte: „Wir haben die Wahrheit nicht gepachtet.“ Ist da die nächste Krise der Ökonomik nicht lange auf sich
nicht tatsächlich auch gesündigt worden, was dann auch warten lassen. Dann taucht sie an einer anderen Stelle
diesen Vorurteilen Vorschub geleistet hat? Mit diesen auf, weil wir wieder den Elefanten nicht erkannt haben.
Vorurteilen werden wir heute – auch unfairerweise und
übertrieber Maßen – in der Öffentlichkeit konfrontiert. ALFONS WEICHENRIEDER
Das ist für mich eine allgemeine Frage, und die geht Vielleicht denken wir zu eindimensional. Davon war
die Rede in diesem schönen Bild vom Elefanten. Zu
viele Finanzökonomen haben den Elefanten immer
nur von der einen Seite angeguckt und sich gefragt:
Mit wie wenig Eigenkapital geht es denn eigentlich
noch? Einige von uns haben sich mitunter eingemischt,
mussten sich dann doch immer wieder sagen lassen:
„Ihr versteht davon nichts.“ Es ist möglicherweise
ein Vorteil, wenn Beratungsgremien heterogen und
interdisziplinär besetzt sind. In diesem speziellen
Fall mit Nicht-Finanzökonomen, aber allgemeiner
auch mit Nicht-Ökonomen. Nicht-Ökonomen muss
man dann erklären, warum man diese Annahmen
trifft und man muss sich mit Gegenargumenten
auseinandersetzen. Wir sollten mehr Heterogenität
zulassen und auch Nicht-Ökonomen überzeugen.

HANS-WERNER SINN
Also ich weiß nicht, ob die Fehler in der Finanzmarkt-
theorie grundsätzlicher Art waren. Die Probleme durch
zu geringes Eigenkapital waren doch bekannt und
können ganz wunderbar im Lichte der traditionellen
volkswirtschaftlichen Theorie mit dem Homo Oecono-
micus analysiert werden. Was ich in dieser Diskussion
so schrecklich finde ist, dass uns entgegengehalten

209
wird, dass unsere Modelle auf dem Modell des rationa- als es sonst je möglich war. Und selbst wenn weitere
len Homo Oeconomicus basieren, aber die Krise habe ja Elemente zur Erklärung beitragen, müssen wir uns
gezeigt, dass die Märkte eben nicht rational sind, wie davor hüten, eine Theorie der Diktatur zu entwickeln.
die Ökonomen behaupten. Das ist deshalb so fürch- Das wäre paternalistisches Verhalten des Staates im
terlich, weil der Kern unseres Faches ja gerade darin Sinne von Musgraves Merit Goods. Musgrave ist
besteht zu zeigen, dass individuelle Rationalität eben dafür kritisiert worden – zu Recht. Es ist gefährlich
keine kollektive Rationalität impliziert. Gründe dafür zu argumentieren, die Menschen seien zu dumm und
können alle möglichen Externalitäten sein. Das ist ja die Politik wisse besser, was gut für sie ist. So darf
geradezu unsere Daseinsberechtigung als Volkswirt. man nicht argumentieren. Wir müssen Erklärungen in
Im Übrigen sehe ich auch nicht, was die Finanzkrise Marktfehlern suchen. Ich weiß nicht, wo wir hinkom-
mit individueller Irrationalität zu tun hat. Die Finanz- men, wenn wir das aufgeben. Für Nicht-Finanzwissen-
manager waren eine mustergültige Auswahl von beson- schaftler oder nicht-allokativ arbeitende Ökonomen ist
ders rationalen und besonders egoistischen Menschen, das vielleicht kein Thema. Für jemanden, der von der
die dem Homo Oeconomicus mehr entsprochen haben, Wohlfahrtstheorie kommt, ist es aber ein Problem.

FRIEDRICH BREYER
Ich möchte noch einen anderen Begriff aufgreifen,
den Herr Hellwig benutzt hat und zwar den Begriff
der Korruptheit. Das beschreibt uns nämlich nicht.
Wir sind vielleicht voreingenommen, weil wir Modelle
entwickeln und diese dann auf die Realität übertragen.
Aber unter Korruptheit versteht man natürlich etwas
anderes. Denn wir sind nicht von der Großindustrie
oder anderen Interessensverbänden finanziert. Wir
sind unabhängig und nicht käuflich. Aber natürlich sind
wir voreingenommen. Diese Kritik ist völlig berechtigt.

KERSTIN SCHNEIDER
Warum sind wir voreingenommen? Interpretieren wir
die Ergebnisse nicht unvoreingenommen oder sind es die
Annahmen, die auf Werturteile geprüft werden müssen?

MICHAEL BURDA
Ich bin mit der Botschaft von Milton Friedman groß
geworden, dass positive Volkswirtschaftslehre durch
die Gültigkeit der Ergebnisse, der Vorhersagen, die die
Theorie macht, bestätigt wird. Jetzt hören wir, dass
die Annahmen relevant sind und ich frage mich, wie
wir damit umgehen sollen. Nehmen Sie an, wir haben
zwei Theorien, die gleiche Prognosen liefern. Welche

210
sollen wir präferieren? Wollen wir die maximalen RONNIE SCHÖB
Schäden minimieren, die wir durch unsere Theori- Wenn ich mir die Diskussion so anschaue und vielleicht
en anrichten? Oder wollen wir möglichst realistisch ein bisschen karikiere, dann haben wir zum einen das
sein? Die Realitätsnähe der Annahmen sollte eigent- Problem mit den Gutmenschen, die nichts von Effizienz
lich vernachlässigt werden oder sollten wir alles, was wissen wollen, und zum anderen mit den Lobbyisten,
nicht realistisch ist, gar nicht erst anfassen? Denken denen wir nicht mit Regulierung kommen können. In
Sie an das Beispiel vom Schießen. Natürlich kann man diesem Spannungsverhältnis werden wir aufgerieben.
schießen, ohne Ahnung von Physik zu haben. Das ist Wenn es um Sozialpolitik und Arbeitsmarktpolitik
aber ein Grundproblem unserer Wissenschaft. Wir geht, wo wir für mehr Vertrauen in Märkte plädie-
müssen uns selber disziplinieren und unsere Ergeb- ren würden, werden wir in die Ecke der neoliberalen
nisse direkter und besser produzieren. Wir müssen Sektierer gestellt. Und wenn wir die Modelle auf die
die Ergebnisse aber auch besser vermitteln können. Finanzmärkte anwenden, um über Regulierung nach-
zudenken, geht das in die andere Richtung. Wir werden
KERSTIN SCHNEIDER von Lobby-Gruppen ausgespielt, weil wir für beide
Vielleicht kommen wir zum Ende der Diskussion noch Seiten gute Argumente haben. Wir sagen: „Die Märkte
einmal auf die Politikberatung zurück. Was bedeutet die als Referenzrahmen funktionieren sehr gut, aber eben
Diskussion für die Rolle der Ökonomen in der Politik? nur unter ganz bestimmten Annahmen.“ Es ist unsere

211
auf die verschiedenen Moral-Hazard-Probleme, die
durch Schuldenfinanzierung oder Anteilsfinanzierung
geschaffen werden. Wir erklären das Auftreten von
Banken als optimale Reaktion auf bestimmte Formen
von Informationsasymmetrien bezüglich der Beobacht-
barkeit von Ergebnissen bei den Investoren. In dem
gesamten Forschungsprogramm der letzten 30 Jahren
versucht man alle möglichen Dinge als Ergebnisse
effizienter Entscheidungen oder Vertragsgestaltung zu
erklären. Und das müssen wir stärker hinterfragen.
Natürlich hängt das, was die Modellanalyse uns zeigt,
von den Details der Modellierung ab. Ein großes Prob-
lem im Umgang mit dem Verhältnis von normativer und
positiver Analyse, auch im Sprung von der Theorie zur
Politikempfehlung, liegt in der Pauschalierung. Vieles
von dem, was wir an Politikempfehlungen in den Medien
beobachten, sowohl von Kollegen als auch von Journa-
listen – Regulierung ist schlecht, Regulierung ist gut –
resultiert aus bestimmten Pauschalurteilen und meistens
fehlt die Detailanalyse, die Darstellung des Kontextes.
Um welche Art von Regulierung geht es genau? Wenn
Hans-Werner Sinn oder ich über Eigenkapital reden,
werden wir zu einer Regulierungsmafia gezählt, obwohl
Aufgabe, diese Annahmen sehr genau auf den Prüf- unser Argument ist „Wir brauchen Haftung, und wenn
stand zu stellen, genau zu zeigen wo und warum sie wir Haftung haben, brauchen wir vieles andere nicht
verletzt sind. Da wo wir sehen, dass Märkte nicht gut zu regulieren.“ Das Absehen und Abstrahieren von den
funktionieren, müssen wir Regulierung, also Eingriffe vielen Bedingungen, die bei komplexeren Interaktionen
in das Marktgeschehen, auch nachdrücklich einfordern. eine Rolle spielen, und die daraus resultierenden Pau-
schalurteile sind ein Problem. Ja, wir haben die Wahrheit
KERSTIN SCHNEIDER nicht gepachtet. Das ist genau richtig. Deshalb müssen
Martin Hellwig, möchten Sie das noch einmal abschließend wir mehr auf die Robustheit unserer Modelle achten.
kommentieren? Wir brauchen viel mehr Verständnis dafür, dass wir uns
mit der Konkurrenz verschiedener Erklärungsansätze
MARTIN HELLWIG auseinandersetzen müssen. So sagt die eine Theorie,
Friedrich Breyer sagte eben, Wohlfahrtstheorie sei die Anleger sind permanent mit der Beobachtung der
normativ. Schön wär’s! Im Prinzip ist sie normativ, aber Unternehmen beschäftigt, um ja rechtzeitig weglaufen
oft ist die Hypothese „Was wir sehen, ist effizient“ zu zu können, sollte etwas passieren. Und die andere sagt,
einem Axiom der positiven Analyse geworden. Zum Anleger finden Einlagen und andere Schulden schön,
Beispiel erklären wir die Wahl des Finanzierungsmi- weil es da nicht auf die Gewinnentwicklung ankommt;
xes durch ein Unternehmen als optimale Reaktion die Titel sind liquide, und man kann gut schlafen.

212
Völlig konträre Vorstellungen. Interessanterweise uns im konkreten Beratungsgeschäft vorgelegt wird?
wirken beide in der wirtschaftspolitischen Diskussion Dabei spreche ich den Punkt von Michael Burda an,
parallel, denn beide sagen: „Was wir beobachten ist es geht um Annahmen, unrealistische Annahmen. Na-
effizient und deshalb sollte man nicht regulieren.“ türlich haben alle Modelle unrealistische Annahmen,
aber man muss schon überlegen, inwiefern ist das, was
Aber in dieser Auseinandersetzung mit verschiedenen angenommen wird a) völlig aus dieser Welt und b)
Erklärungsansätzen müssen wir uns immer wieder wichtig für das, was ich als Ergebnis meiner Analyse
fragen „Wie entscheiden wir eigentlich, was angemes- gefunden habe. Wenn beides zutrifft, dann sollte man
sen ist?“ Also: Was ist überhaupt der Elefant? Gibt das Papier vielleicht gar nicht erst veröffentlichen.
es einen Elefanten und wie kommen wir an den ran?
Dann sind wir auch wieder beim Problem der Kom- Zum Thema Sektierer: Ich glaube, wir werden
munikation mit dem Politiker. Mir ist völlig klar – und umso weniger als Sektierer wahrgenommen, je
dabei stimme ich Christoph Schmidt zu – in der Kom- weniger wir uns auf Pauschalaussagen berufen
munikation mit der Öffentlichkeit muss man gelegent- und je mehr wir einfach unsere Theorie als Infra-
lich mehr Gewissheit vermitteln, als man wirklich hat. struktur für die Analyse anwenden und das auch
Aber ich halte es für notwendig, dass man die Dinge kommunizieren. Hans-Werner Sinns Misstrauen
offen legt, dass man die Dinge offen anspricht und gegenüber Paternalismus stimme ich völlig zu.
versucht, das so zu kommunizieren. Dazu brauchen Allerdings kann man durchaus politische Wer-
wir eine professionelle Praxis und darin sehe ich tungen treffen. Man muss die Wertungen aber
die Herausforderung an uns. Denn wie kommen wir offenlegen. Wir müssen viel deutlicher machen,
von den Analysen, die wir in den wissenschaftlichen wovon die Ergebnisse unserer Analysen und unsere
Zeitschriften publizieren, zu einer Analyse dessen, was wirtschaftspolitischen Empfehlungen abhängen.

213
Das Ökonomenteam
214
Die Sache mit der Fußballmannschaft:
Sind Ökonomen teamfähig?
KERSTIN SCHNEIDER, JOACHIM WEIMANN

Die Diskussion hat Unterschiede zwischen den politik- werden konnten, aber das ließ sich nicht durchhal-
beratenden Ökonomen gezeigt. Es gibt unterschied- ten. Wir hätten viel zu viele Mittelfeldspieler ge-
liche Schwerpunkte thematischer, aber auch methodi- habt! Die meisten Ökonomen wollen Spielmacher
scher Art. Sind die Unterschiede so ausgeprägt, dass sein. Das kann natürlich nicht funktionieren. Also
ein gemeinsames Ziel nicht erreicht werden kann, oder mussten wir ein wenig gestalten und die Aufstellung
gibt es auch in der Politikberatung Raum für Arbeits- entspricht deshalb nicht ganz den Präferenzen.
teilung? Und können wir aus den Typen der Politik-
beratung ein Team zusammenstellen, das die Politik Wir fangen im Tor an. Dort haben wir Friedrich
effektiv berät und auch in der politischen Meinungs- Schneider, der gerne den Tormann spielen möchte,
bildung als Korrektiv wirken kann? Wir haben die hier weil er ein gutes Reaktionsvermögen hat, aber ein
portraitierten Ökonomen im Jahr der aus deutscher schlechter Läufer ist. Seine Gegner sind eigentlich alle
Sicht so erfolgreichen Fußball-Weltmeisterschaft Politiker aus Oberösterreich. Stefan Homburg ist der
2014 gefragt, wo sie gerne in der Fußball-National- zweite Torwart. Er möchte Torwart sein, weil jemand
mannschaft spielen würden und wer ihr Lieblingsge- aufpassen muss, damit nichts anbrennt. Seine Skepsis
genspieler aus der Politik wäre. Was dabei herausge- gegenüber der institutionellen Politikberatung und
kommen ist, möchten wir Ihnen nicht vorenthalten. seine und Fritz Schneiders Präferenz für persönliche
Gespräche mit Politikern lassen die Position als Tor-
Die Frage war eigentlich nicht ganz ernst gemeint, wart ideal erscheinen. Sein Wunschgegner ist Gerhard
wurde dann doch von vielen ziemlich ernst genom- Schröder, denn der ist intelligent und lernfähig.
men, denn schließlich ist Fußball eine ernste Sache.
Also nehmen wir es auch ernst und fragen: Sind Weiter geht es in der Verteidigung. Das war ein biss-
Ökonomen eigentlich teamfähig? Und ist es mög- chen schwierig, denn keiner sieht sich als reiner Vertei-
lich, eine Mannschaft aus Ökonomen zusammenzu- diger. Nun, im modernen Fußball schießen auch Vertei-
stellen? Wir haben versucht, die Positionen so zu diger Tore und nutzen Gelegenheiten konsequent, sich
besetzen, dass Wünsche der Spieler berücksichtigt in Position zu bringen. Wolfram Richter möchte Libero

K. Schneider, J. Weimann, Den Diebstahl des Wohlstands verhindern,


DOI 10.1007/978-3-658-09495-9_17, © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2016 215
spielen – eine Position, die es nicht mehr gibt. Aber cherlich gerne unterstützt wird. Clemens Fuest würde
interessant ist die Begründung für den Libero dennoch: gerne gegen Boris Johnson (Londoner Bürgermeister)
Er möchte nämlich lieber ohne direkten Gegenspieler spielen, von dem er glaubt, dass er auch nicht besser
agieren und gestalten. Wenn es sich aber nicht ver- spielen kann als er selbst, aber sehr unterhaltsam ist.
meiden lässt, möchte er gegen die Gesundheitspoli-
tiker Daniel Bahr oder Karl Lauterbach spielen, weil Machen wir weiter im Mittelfeld. Dort sind die
die zwar volkswirtschaftlich geschult sind, aber für begehrten Positionen. Deshalb sind wir dort breit
Politik eintreten, die er für fragwürdig hält. Wolfram aufgestellt und deshalb gibt es auch eine Art Job
Richter wird in der Innenverteidigung spielen. Sharing, d.h. manche Positionen sind doppelt besetzt
(bei Freundschaftsspielen darf man ja beliebig oft
Neben Wolfram Richter haben wir Wolfgang Buchholz wechseln). Lars Feld darf den Sechser spielen, was
platziert, der in der Verteidigung spielen möchte, weil fast jeder wollte. Überzeugt hat seine Begründung.
er dann als Theoretiker nicht nach vorne laufen muss. Lars Feld möchte auf dieser Position spielen, weil sie
Seine Wunschgegner sind Gregor Gysi und Wolfgang ausschlaggebend für den Erfolg in der Spieleröffnung
Schäuble, mit denen es sich zu diskutieren lohnt. ist und dafür sorgt, dass Abwehr und Torwart nicht
zu viel zu tun bekommen. Meisterschaften gewinnt
Wolfgang Wiegard kann sich gar nicht vorstellen man in der Defensive. Er möchte gegen Sigmar
mitzuspielen. Er möchte auch keinen Gegenspieler Gabriel spielen, um dessen Beweglichkeit zu testen.
haben und deshalb stellen wir ihm Wolfram Richter an
die Seite. So können die beiden sich auch während des Martin Hellwig, der Libero spielen wollte, kommt
Spiels noch austauschen, wie sie dies auch in ihrer wis- auf die gleiche Position. Martin Hellwig weiß zwar,
senschaftlichen Arbeit getan haben. Also Herr Wiegard dass es diese Position nicht mehr gibt, aber meint,
wird der dritte Innenverteidiger neben Wolfram Rich- das seien doch die besten Positionen und da könnte
ter. Selbstverständlich ist uns klar, dass man in einer man doch noch was draus machen, gerade wenn es
Viererkette nur mit zwei Innenverteidigern spielt, aber sie nicht mehr gibt. Martin Hellwig ist Theoreti-
wir versuchen es mit einer Fünferkette. Schließlich hat ker. Er möchte gegen Peer Steinbrück spielen, weil
der Bundestrainer bei der WM mit einer experimentel- Herr Steinbrück sich als einer der scharfen Kritiker
len Abwehr (vier Innenverteidiger!) auch Erfolg gehabt. der Banken darstellt, aber für die WestLB verant-
wortlich war, für die Banken Bailouts und für das
In der Außenverteidigung geht es weiter mit Thiess Bad-Bank-Gesetz. Das erzeugt einen gewissen Wi-
Büttner, Verteidiger rechts, weil er dort besser schießen derspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
kann. Als Empiriker ist ihm dieses Gedankenspiel wohl
zu weit weg von der Realität, den Daten. Er hat noch Christoph Schmidt, der Vorsitzende des Sachverstän-
nicht gegen Politiker gespielt – also gibt es auch keinen digenrates, bezeichnet sich selbst als den klassischen
Lieblingsgegner. Spielmacher, zehn oder die sechs, je nach Spielsystem
und gegen wen er spielt, ist ihm eigentlich egal, weil er
Clemens Fuest: Eigentlich im defensiven Mittelfeld, sagt: „Wer Meister werden will, der muss gegen jeden
weil er hier vielleicht vom Innenverteidiger Unterstüt- gewinnen.“ Als Vorsitzender des Sachverständigenra-
zung kriegen könnte. Wir setzen ihn in der Außenver- tes ist er darüber hinaus für die Rolle des Spielführers
teidigung links ein, wo er von Wolfgang Buchholz si- prädestiniert. Deshalb wird er die Wimpel überrei-

216
chen und die Platzwahl für unser Team durchführen. te gegen Wolfgang Clement spielen, den er für
bauernschlau, realitätsbezogen und gut informiert
Dann haben wir im Mittelfeld noch Alfons Weichenrie- hält und der außerdem auch noch gut zuhört.
der. Er hat am liebsten das Spiel und den Ball vor sich
und freut sich auf den spieleröffnenden Pass. Spielen Schließlich haben wir Justus Haucap. Der einzige,
möchte er – die Antwort war auch bemerkenswert der gerne Mittelstürmer spielen will, weil er ger-
– gegen Gerhard Müller, also dem Bundesminister, ne Tore schießt. Auch er möchte gegen Gregor
weil der weniger Tore schießt als sein Namensvetter. Gysi spielen, weil der schlagfertig und intelligent,
aber völlig anderer Auffassungen ist als er selbst.
Karl-Heinz Paqué ist der einzige Spieler, der auch
schon in der Politik unter Vertrag war. Er ist Mit- Dann gibt es noch einige Fußball-Verweigerer, die
telfeldspieler, zuständig für strategische Position aber trotzdem eine Aufgabe bekommen. Das ist zum
des Spielaufbaus mit Allround-Charakter. Spie- einen Kai Konrad, der überhaupt keine Affinität
len möchte er gegen Gregor Gysi, weil er den für zu Fußball hat, daher als Überzeugungstheoreti-
schlagfertig, humorvoll und scharfzüngig hält, ker ins Trainerteam kommt. Gegen Gregor Gysi
der in seinen Positionen jedoch grundfalsch liegt würde er aber gerne spielen, denn er hofft, dass
und es Spaß macht, mit ihm zu diskutieren. auch der keinen Fußball mag, aber mit Sicherheit
ein spannender Gesprächspartner wäre. Das heißt,
Ebenfalls im Mittelfeld wird Friedrich Breyer ein- Gregor Gysi muss auch noch ins Trainerteam.
gesetzt, weil er eine gute Kondition hat und von
seinem Sohn (Jochen Breyer, unter anderem Mo- Kommen wir zu Axel Börsch-Supan, der nach eigener
derator des ZDF-Sportstudios) ganz sicher wert- Aussage auch nicht Fußball spielen kann, aber gerne als
volle Tipps bekommen hat, wie man heutzutage Rechnungsprüfer zur Verfügung steht, wo es vielleicht
das Spiel eröffnet. Als Gegenspieler wünscht er noch einen größeren Bedarf gibt. Wir haben ihn zum
sich Sigmar Gabriel, weil der vermutlich etwas Co-Trainer gemacht, denn als Empiriker, denken wir,
weniger beweglich und konditionsschwächer ist. könnte er mit Kai Konrad ein ideales Trainerteam bil-
den. Er möchte gegen die Bundeskanzlerin spielen, weil
Und dann kommen wir schließlich zum Sturm. Im die Richtlinienkompetenz hat. Es fehlen noch Claudia
Sturm haben wir Hans-Werner Sinn auf links außen Buch, Carl Christian von Weizsäcker und Wolfgang
wegen des Überraschungseffekts und auch er möch- Franz, von denen wir keine Stellungnahme zum Thema
te gegen Gregor Gysi spielen, da dieser auch links Nationalelf bekommen haben. Dennoch haben wir Ver-
außen spielt und ihm somit nicht in die Quere kommt. wendung für sie. Frau Buch wird als Fachfrau für Re-
gelkunde benötigt, schließlich ist sie in der Deutschen
Ronnie Schöb spielt Rechtsaußen, denn als Wis- Bundesbank für die Regulierung der Banken zuständig,
senschaftler sollte man Flankenbälle schlagen. Als kennt sich also mit komplizierten Regelwerken aus.
Vollstrecker sieht er sich eher weniger. Und er möchte Herr von Weizsäcker wird aufgrund seiner sehr großen
gegen Andrea Nahles spielen, weil man den Arbeits- Erfahrung zum Team-Manager ernannt und Wolfgang
marktreformern nicht das Spielfeld überlassen darf. Franz übernimmt den ganzen Bereich der Öffentlich-
keitsarbeit und der Vermarktung. Wir trauen ihm
Michael Burda kommt auch über außen und möch- zu, dass er lukrative Sponsorenverträge aushandelt.

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Das ist also unsere Ökonomen-Aufstellung. Damit
kommen wir zur Wunsch-Politiker-Mannschaft. Die
Wunschgegner sind etwas einseitig aufgestellt. Das
Problem ist natürlich: Zu viele Gysis, die müssten
geklont werden, und zwar mehrfach. Er ist sowohl
Trainer als auch mehrfach als Spieler nominiert. Es
war uns nicht ganz klar, ob er die Vierer-Gysi-Kette
ist oder ob er auch vorne mitspielen darf. Wir haben
beschlossen, ihn als Vertreter der Opposition und
entschiedenen Markt-Skeptiker vorne spielen zu lassen.
Frau Nahles wird von vielen Ökonomen als die einzige
Sturmspitze der Regierung gesehen und ihre Politik
gilt als Gefahr für die nachhaltige Entwicklung der
Marktwirtschaft. Alle anderen Spieler unserer erwei-
terten Regierungsmannschaft sind in der Defensive.
Neue Ideen im Angriff der Regierungsmannschaft sind
nicht in Sicht. Und Frau Merkel, die ursprünglich im
Sturm vorgesehen war, ist die Torfrau, denn sie wird
von den Ökonomen nicht als Offensivkraft gesehen,
sondern als Bollwerk im Tor wahrgenommen. So viel
zur Mannschaftsaufstellung. Es wäre sicher interessant,
Herrn Gysi zu fragen, was er dazu sagt, dass er der
erklärte Lieblingsgegner der meisten Ökonomen ist.
Wahrscheinlich wäre er begeistert.

Wir wünschen uns viel Erfolg im Spiel gegen diesen


starken Gegner in der Hoffnung „den Diebstahl des
Wohlstands zu verhindern“.

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