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G. GIANSANTI /SYGMA

J. JONES /SYGMA

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DEBATTE
DEBATTE

Kirche

Moralismus und Zensur

Eugen Drewermann über den neuen katholischen Erwachsenen-Katechismus

„die Absicht zur Tötung eines ungebo- renen Kindes“ unterstellt (Seite 289). Da sind Vergewaltigung, schwere Erbschäden eines Embryos, ja selbst die drohende Gefahr für das Leben der Mutter im Falle einer weiteren Geburt keine Grü nde, einen Schwangerschafts- abbruch zu legitimieren (Seiten 290 bis 291); da ist Masturbation, ganz klar, ein „sittliches Fehlverhalten“ für „ Jugendli- che“ (Seite 379) und der voreheliche Verkehr schlichtweg verboten; „auch Praktiken, bei denen im gegenseitigen Einvernehmen der Orgasmus gesucht, aber nur der letzte leibliche Kontakt nicht vollzogen wird, gehören nicht in den vorehelichen Raum“ ( Seite 381). Oh: „Deine Sprache verrät dich!“ (Matthäus 26, 73). Da wird die Euthanasie als aktive Sterbehilfe, wenn ein Patient aus ein- sichtigen Grü nden „darum bittet“, unter allen Umständen verboten ( Seite 311), während die Todesstrafe aufgrund der

Hungernde (in Somalia)

„Leid gehört zum Leben“

Papst Johannes Paul II.: Eine halbe Sünde, eine halbe Erlösung

ie Größe des Mannes aus Nazaret

Dzuwandte, die in ihrer Not nicht

war es, daß er sich den Menschen

ein noch aus wußten. Der neue Erwach- senen-Katechismus, den die deutschen katholischen Bischöfe jetzt vorgelegt ha- ben, weiß, daß es so ist (Seite 39), doch nur, um in allen Punkten das genaue Gegenteil zu lehren*:

Da sind natürlich wiederverheiratete Geschiedene „eingeladen“ „zu Gottes- dienst“ und „ Buße“, „in der Mitarbeit in der Gemeinde“, aber sie sind, selbstre- dend, nach wie vor „nicht zu den Sakra- menten zugelassen“ (Seite 351); da be- raubt k ünstliche Empfä ngnisverhü tung „den ehelichen Akt seiner Öffnung auf die Fortpflanzung hin“ (Seite 369); da wird den Ä rzten eine operative Sterilisa- tion untersagt, selbst wenn es darum geht, vorhersehbares psychisches und

* Deutsche Bischofskonferenz (Hrsg.): „Leben aus dem Glauben – Katholischer Erwachsenen- Katechismus, Bd. 2“. U. a. Verlag Herder, Frei- burg; 512 Seiten; 29,80 Mark.

Hilfe für Gläubige

soll der neue Moralkatechismus bieten, den die deutschen Bischöfe Ende Juni vorgelegt haben. Der Ka- talog versteht sich als Leitfaden für die Katholiken in ethischen und ge- sellschaftlichen Fragen. Der katho- lische Theologe und Psychothera- peut Eugen Drewermann, 55, ge- hört seit Jahren zu den schärfsten Kritikern seiner Kirche.

physisches Leiden im Fall einer Schwan- gerschaft zu vermeiden (Seite 373). Da haben Homosexuelle bestenfalls die Chance, „die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Veranlagung erwachsen kön- nen, mit dem Kreuzesopfer des Herrn

zu vereinen“ (Seite 387); da wird einem Frauenarzt, der zur relativ sicheren Empfä ngnisverhü tung einer Frau eine Spirale einsetzt, „in sittlicher Hinsicht“

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„christlichen Tradition“ (!), mit Wenn und Aber zwar, dann aber doch als „Recht des Staates“ „nicht ausgeschlos- sen“ wird (Seite 285). Da wird das „ Problem der Überbevöl- kerung“ zwar gesehen, aber „erlaubt“ ist im Kampf gegen Hunger und Not nur die Formel: „Weniger Menschen durch we- niger Armut, nicht: Weniger Armut durch weniger Menschen“ (Seite 425). 500 Jahre nach Luthers Rechtferti- gungslehre wird hier die Hilflosigkeit und Tragik des Menschen im Feld der Angst in keinem Punkte weder verstanden noch durchgearbeitet, sondern man bleibt un- gerührt bei dem alten tridentinischen Mischmasch: ein bißchen „ Gnade“, ein bißchen Trübung der Freiheit, aber dann:

das Gesetz!Eine halbe „Sünde“, eine hal- be „Erlösung“ – die ganze römische Kir- che. Klar, daß unter solchen Voraussetzun- gen der gemeinsame Empfang des Abendmahls von Katholiken und Prote- stanten selbst in Mischehen nach wie vor ausdrü cklich verboten bleibt (Seite 226). Tats ächlich, dieser Katechismus ist wirk- lich ein Beitrag zur Ökumene in „ vertrau- endem Glauben“, allerdings nicht zu dem Gott, den Jesus uns bringen wollte, wohl aber zur rö mischen Zentrale; die will es anders. Doch das, natü rlich, darf man nicht zu- geben. „Du sollst nicht lügen!“ Das steht auch in diesem Katechismus. Aber be- reits die Vorstellung diesesBuches am 21. Juni in Mainz durch Bischof Karl Leh- mann lief auf eine Lüge hinaus. Der Vati- kan habe bei der Abfassung dieser neuer- lichen Selbstdarstellung des deutschen Katholizismus keinen Einfluß ausgeübt, erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Tatsache ist: Der Text war bereits „approbiert“, als er auf römische Weisung hin noch einmal über- arbeitet werden mußte. Das Resultat läßt sich Stelle um Stelle mit Hä nden greifen. Jahraus, jahrein zum Beispiel hat man die deutschen Katholiken in der Frage der künstlichen Empfä ngnisverhü tung vertröstet mit der sogenannten Kö nig- steiner Erklä rung von 1968 – da werde ja, hieß es, das Recht auf die pers önliche Ge- wissensentscheidung betont. Doch so viel Gottvertrauen in den Menschen kann unter Johannes Paul II. natürlich nicht gepflegt werden. Der Papst mahnt, was der neue Katechismus jetzt pflichtschuldigst zur endg ültigen Klarstellung zu zitieren hat, nä mlich, „daß die Eheleute vor allem die Lehre der Enzyklika ,Humanae vitae‘ als normativ für die Ausübung der Geschlechtlich- keit“ klar anerkennen. Also! Moralismus und Kirchenzensur statt Erlö sungslehre und Menschlichkeit, das ist die Bilanz jahrhundertealter dogmatischer Verhär- tung. Am schlimmsten von allem aber: Aus den Worten Jesu wird unter diesen Um-

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ständen nichts als ein moralisches Sur- plus, dessen Inhalt ernstlich einzuhalten diese Kirche durchaus nicht nötig hat. Jesus zum Beispiel verbietet den Eid

(Matthäus 5, 36 f); er ist für den Mann

aus Nazaret nichts als die Best ätigung

der allgemeinen Verlogenheit, der man nicht entrinnt, indem man eine rechtli- che Ausnahme strafweiser Wahrheits-

Mythische Formeln am Rand fundamentalistischen Aberglaubens

verpflichtung schafft und dazu Gott sel- ber, den Ursprung des Vertrauens, in ei- nen obersten Büttel der Erziehung des Bürgers verwandelt. Wie ist es mö glich, einen Menschen innerlich mit sich iden- tisch werden zu lassen, so daß er zur Wahrhaftigkeit imstande ist? Das war die Frage Jesu, und das müßte die Frage eines Erwachsenen-Katechismus im Jahre 1995 sein. Aber wie auch? Jesus hat sich, erklärt unverfroren dieser Katechismus, gar „nicht gegen das Schwören als solches, sondern (nur) gegen die Unsitte des un- nötigen, leichtfertigen Schwö rens“ aus- gesprochen (Seite 198). „Erl ösung“ des Menschen, Erneuerung der Kirche – hier werden sie zur Farce. Sowenig dieser Katechismus es nötig hat, die Anregungen von Reformation und Humanismus aufzugreifen und wei- terzufü hren, so sehr zeigt er sich auch außerstande, die Erkenntnisse moder- ner Anthropologie, Psychoanalyse und Verhaltensforschung zu würdigen. Das Menschenbild dieser Kirche re- duziert den Menschen immer noch auf Verstand, Willen und Affekt – Platons Lehre von der Einteilung der Gesell- schaft in „ Lehrstand, Wehrstand und Nährstand“ bildet da das Modell (Seite 69), nicht etwa Sigmund Freuds Topolo- gie der Psyche aus Ü ber-Ich, Ich und Es; und das aus gutem Grunde:

Würde der Katechismus die sechs Siebtel der menschlichen Psyche, die im Unbewußten liegen, anerkennen, so wä-

re es ihm definitiv unmöglich, auf so leichtfertige Weise vom Scheitern der Ehe zu reden ( Seite 350) oder die dring- lichen Fragen von Suizid ( Seite 283) und

Euthanasie ( Seite

308) mit Trivialitäten

abzutun wie: „ Krankheit, Leid und Hin- fälligkeit gehören zu unserem Leben“ (Seite 311). Die gesamte Psychodyna- mik im Antriebserleben und Motivati- onsgeschehen menschlichen Verhaltens ist diesem Katechismus unbekannt.

Und ebenso die Soziologie. Von der „Polygamie“ weiß man da gerade noch, daß sie in Israel „am Anfang durchaus“ praktiziert wurde ( Seite 348). Dann aber: basta! Eine Relativierung des (patriarchal geformten) monogamen

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Modells der Ehe wäre nach Meinung dieses Erwachsenen-Katechismus für ei- nen kirchentreuen deutschen Katholi- ken offensichtlich
Modells der Ehe wäre nach Meinung
dieses Erwachsenen-Katechismus für ei-
nen kirchentreuen deutschen Katholi-
ken offensichtlich zu verwirrend. Eine
solche Diskussion, immerhin, könnte
Gründe für die Schwierigkeiten der Lie-
be unter dem Ideal der Monogamie im
Abendland erkennbar machen. Unbe-
kannt ist dem Katechismus auch die
Verhaltensforschung. Es ist für diese
Art von Theologie immer noch nicht
möglich, evolutiv zu denken, Charles
Darwin in ihre Vorstellung von der
„Mitgeschöpflichkeit“ der Tiere ( Seite
302) zu integrieren und die moralischen
Konsequenzen daraus zu ziehen.
Eine Ethik, die den Tieren zugesteht,
daß sie Gefühle haben analog zu den
Gefühlen des Menschen, müßte verlan-
gen, daß man mit den Tieren analog wie
Versuchstier Affe
Irrsinnige Quälereien nicht einmal erwähnt
mit Menschen umgeht. Statt dessen er-
klärt der Katechismus: „ Gott hat die
Welt durch seinen Sohn neugeschaffen“
(Seite 333), und mit einer solchen my-
thischen Formel am Rande eines funda-
mentalistischen Aberglaubens, der Bil-
der für das Selbstverständnis des Men-
schen mit Aussagen über die Wirklich-
keit der Natur verwechselt, soll da eine
verantwortbare Umweltethik begrü ndet
werden.
Es ist, gemessen an der bisherigen un-
eingeschrä nkten Anthropozentrik, ein
gewisser Fortschritt, wenn hier, immer-
hin, von einem „Eigenwert auch der
nichtmenschlichen Schöpfung“ gespro-
chen wird; dann aber werden doch wie-
der Tierversuche gerechtfertigt (Seite

335), dann werden die irrsinnigen Quä- lereien von Milliarden Tieren in den Massenzuchtanstalten der Agrarindu- strie mit keinem Wort erwä hnt, dann kommt das Projekt eines religiös be- gründeten Vegetarismus gar nicht erst in Frage. Nein, dieser Katechismus ist ein Do- kument der Unaufrichtigkeit. Er ist es selbst dort, wo er ü berfä llige Korrektu- ren im Detail, endlich, nach Jahrhun- derten der Abwehr, zugesteht. Auch die Kirche heute zum Beispiel ist für Gewissensfreiheit und Pressefrei- heit (Seite 463), heißt es. Was aber ist mit der Meinungspluralität in der Kirche selber? Was mit der Vernichtung des freien Journalismus und eines freien Verlagswesens in der Kirche? Ehrlich- keit, weiß Gott, ist nicht die Stärke der

Gedankenkolonie des rö mischen

Katholizismus in Deutschland. Ein letztes Beispiel: Wehrdienst- verweigerung. Im Jahre 1995, end- lich, stellt auch der Erwachsenen- Katechismus fest, daß man denen, die das befohlene Töten von Men- schen im Kriege prinzipiell ableh- nen, nicht von vornherein ein „ irri- ges Gewissen“ unterstellen darf. Wie aber war es 1956, als vom Bun- destag das Recht auf Wehrdienst- verweigerung aus Gewissensgrün- den in einer heftigen Debatte gegen den ausdr ücklichen Willen von Pius XII. und den katholischen Bischö- fen anerkannt wurde? Die Adenauer-Politik zu unter- stützen und, wie in den Predigten zwischen 1941 und 1945, gegen den atheistischen Bolschewismus bis hin zur Rechtfertigung des Atom- kriegs mobil zu machen, nicht aber die Gewissensfreiheit anzuerken- nen war seinerzeit das Ziel der ka- tholischen „Moraltheologie“ – und jetzt? Sehr zu Recht betont der Kate-

chismus den Gewaltverzicht der

Bergpredigt (Seite 326) und tritt für eine Kriegsächtung ein; dann aber formuliert er doch wieder die Prin- zipien zum „ gerechten Krieg“ und zum „Verteidigungsrecht“ (Seiten 322 bis 323) – ein Widerspruch, der logisch nicht zu lösen ist. Wie aber wäre es, die Kirche würde an dieser Stelle ( ebenso wie an vielen ande- ren) ihre Hilflosigkeit eingestehen und daraus sogar ein Prinzip der Erkenntnis entwickeln, nämlich, daß die Wirklich- keit zu komplex ist, um einfachen L ösun- gen in der Schwarzweißmalerei von „Sünde“ und „Tugend“, von „Gut“ und „Böse“ zugänglich zu sein? Es wäre das Ende des Versuchs, das vierte Gebot: „Du sollst Vater und Mut- ter ehren“, allen Ernstes auf die Aner- kennung der Autorität in Kirche und Staat (Seiten 229 ff) anzuwenden.