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Noch ist Polen nicht verloren...!

Autor(en): Gosztony, Peter

Objekttyp: Article

Zeitschrift: Schweizer Soldat + FHD : unabhängige Monatszeitschrift für


Armee und Kader

Band (Jahr): 60 (1985)

Heft 1

PDF erstellt am: 28.07.2019

Persistenter Link: http://doi.org/10.5169/seals-713476

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Noch ist Polen nicht verloren...!
Dr Peter Gosztony, Bern

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Polen als Staat auf keiner Landkarte zu finden. Das einst mächtige Königreich in Osteuropa das in -
seiner bewegten Geschichte gegen Tataren, Russen, Schweden, Türken und Deutsche gekämpft hatte war 1795 zwischen Preussen, -
Russland und Österreich aufgeteilt worden. Von diesem Zeitpunkt an bewahrten nur die gemeinsame Sprache und die katholische Kirche
die Polen vor dem endgültigen Zerfall als Nation.

Im Ersten Weltkrieg kämpften die Polen auf gen Pilsudskis Truppen in Shitomir ein, und am
verschiedenen Schlachtfeldern teils unter frem- 6. Mai fiel bereits die ukrainische Hauptstadt
den Fahnen, teils in eigenen Formationen. Das Kiew. Obwohl die Ukrainer in den Polen keines-
grösste Kontingent polnischer Soldaten stellte wegs Freunde sahen, hofften doch viele Geg-
vorerst Joseph Pilsudski, ein sozialistischer Re- ner der Bolschewiken, mit Pilsudskis Unterstüt-
volutionär nationaler Prägung und kühner Vor- zung einen ukrainischen Staat gründen zu
kämpfer eines selbständigen polnischen Staa- können.
tes, mit Hilfe der Österreicher auf. Seine «Polni- Der Verlust von Kiew und die Nachricht, dass
sehe Legion» überschritt von Krakau kommend polnische Truppen den Dnjepr überschritten
gemeinsam mit der kuk Armee am 6. August hatten, versetzte indessen ganz Sowjet-Russ-
1914 die österreichisch-russische Grenze nach land in Aufregung. Lenin schob die Schuld am
Osten. Die Legion kämpfte in der Folge gegen neuen Krieg dem «Weltimperialismus» zu und
die Zaren-Armee, und Pilsudski rang im No- behauptete, hinter dem «bürgerlich-gutsherr-
vember 1916 den Mittelmächten das Verspre- schaftlichen Polen» stünden in Wirklichkeit die
chen ab, «bald nach dem Krieg» ein selbständi- Entente-Mächte, die Sowjet-Russland zur Kapi-
ges Polen zu errichten. Die Rechnung ging tulation zwingen wollten. Die Massen wurden
jedoch nicht auf: Einerseits verfolgten Wien und zu einem «Verteidigungskrieg» aufgerufen und
Berlin hinsichtlich Polen andere Ziele, andern- frische Truppen aus dem Kaukasus und Süd-
teils verloren die Mittelmächte 1918 alle Chan- russiand gegen Pilsudskis Divisionen in Marsch
cen, den Krieg zu gewinnen. SS Deutsche Weißrussen gesetzt. Diesmal ging es in Russland nicht um
innere Streitigkeiten, um den Bürgerkrieg, son-
Litauer J 1111| Ukrainer dem um eine nationale Angelegenheit; deshalb
stellten sich auch solche russische Offiziere
Polen nach dem Ersten Weltkrieg ist ein Vielvölker- und Generäle der alten Armee den Bolschewi-
Die polnische Frage wurde unterdessen auch Staat. Über ein Drittel der Bevölkerung sind fremdspra- sten zur Verfügung, die sich bisher der Zwangs-
international immer wichtiger. Anfang 1917 chige Minderheiten. Die Curzon-Linie bezeichnet die berufung in die Rote Armee entzogen hatten.
von den Alliierten ursprünglich vorgesehene polnische Der bekannteste unter ihnen war der hervorra-
sprach sich US-Präsident W Wilson für das
Ostgrenze.
Recht der polnischen Nation auf einen eigenen gende Kavallerie-General AA Brussilow, der
Staat aus. Nach dem Sturz des Zaren in Russ- haltigen Erfolg erzielen. Zwischen 1919 und sofort mit anderen Ex-Generälen beim Ober-
land versprach im Frühjahr 1917 in Petrograd 1921 entbrannten wegen der Grenzfrage meh- kommando der Roten Armee eine «Sonderbe-
auch die neugebildete bürgerlich-demokrati- rere Aufstände und Kleinkriege im Norden, We- ratungsgruppe» bildete, die von nun an die
sehe Regierung des Fürsten Lwows Polen die sten und Süden Polens. Am schwierigsten war Operationen gegen Pilsudski leitete.
Unabhängigkeit. In Paris formierte sich ein Pol- jedoch das Verhältnis zu Lenins neuem Russ-
nisches Nationalkomitee, das von den Mitglie- land. Wegen Ost-Galizien entbrannten bereits
dem der Entente-Mächte bald als «offizielle 1919 heftige Kämpfe zwischen Polen und
polnische Organisation» anerkannt wurde. Die- Ukrainern. Pilsudski, der in der Polnischen Re-
se stellte den Franzosen eine aus sieben Divi- publik Oberbefehlshaber der vornehmlich von Der rote Angriff Mitte Mai 1920 überraschte die
sionen bestehende polnische Armee (unter der Frankreich ausgestatteten polnischen National- Polen. Heftige Kämpfe entbrannten in der
Führung von General Jozef Haller) zur Verfü- Armee wurde, hatte bezüglich der Ostgrenze Ukraine, die schliesslich mit dem Rückzug der
gung, die opferbereit und tapfer an der West- weitgehende Pläne. Die Ukraine und Weiss- Polen endete. Lenin begnügte sich jedoch nicht
front kämpfte. russiand sollten von Sowjet-Russland abge-
trennt und durch eine Föderation mit Polen
verbunden werden. Die ukrainischen Separati- 1 General Pilsudski und der ukrainische Ataman
sten, in erster Linie der sozialdemokratische Semjon Petljura in der ukrainischen Stadt Stanislaw-
Ataman Semion Petljura, unterstützten diese Sommer 1920.
Unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Bestrebung, da sie unter allen Umständen die
Mittelmächte proklamierten Sozialisten, Mitglie- 400jährige Herrschaft der Russen über die 2 Marschall Pilsudski mit seinen Töchtern in Gdy-
der der polnischen Bauernpartei und Anhänger Ukraine beenden wollten. nien, 1927.
Pilsudskis in der Nacht vom 6. auf den 7. No-
3 Kapitulation der Verteidiger der Garnison Heia am
vember 1918 in Lublin die Republik Polen. Die-
I.Oktober 1939. Der polnische General verweigert
se besetzte militärisch innert kürzester Zeit das den Deutschen die Hand.
Kerngebiet des 1795 untergegangenen Polni-
sehen Königreichs. Die Entente-Mächte unter- Im Frühjahr 1920 wurde die polnische National- 4 Die Rote Armee zieht in Wilna ein. September
stützten mit Kräften die Errichtung eines neuen Armee durch eine Mobilmachung wesentlich 1939.
polnischen Staates - als Barriere zwischen verstärkt. Am 25. April liess Pilsudski das Gros
5 Das Ende der Polnischen Republik 1939. Polni-
dem besiegten Deutschland und dem bolsche- seiner Streitmacht -fünf Armeen mit etwa
sehe Offiziere werden in deutsche Gefangenschaft
wistischen Russland. Die Friedenskonferenz
von Paris 1919 sollte sich der Festlegung der
150000 Mann -gegen Trotzkis junge Rote
Armee zur Offensive übergehen. Da der Geg-
geführt.
Grenzen des neuen polnischen Staates anneh- ner nur wenige Truppen zum Schutze der 6 Deutsche und sowjetische Militärparade in Brest-
men, konnte jedoch wegen ständiger Streitig- Ukraine zur Verfügung hatte, brachte der polni- Litowsk, September 1939. Sie feiern gemeinsam den
keiten zwischen den Verbündeten keinen nach- sehe Vormarsch rasche Erfolge: Ende April zo- Sieg über die Polnische Republik.

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reits die Tore der polnischen Metropole erreicht Deutschen und Ukrainer bzw Weissrussen jen-
- auch die Sache Europas. Nicht vergessen seits der Grenzen «Beschützer» hatten -
seien hier aber auch die vielen Freiwilligen aus Deutschland und Sowjetrussland, die jedoch in
allen Bevölkerungsschichten des Landes, ein- dieser Zeit noch viel zu schwach waren, um in
sches schliesslich Arbeiter und Bauern, die alle von Territorialfragen zu intervenieren. Aber heute
I
einer nationalen Gesinnung durchdrungen in ist bekannt, was Generaloberst Hans von
den Krieg zogen, um die Heimat vor den frem- Seeckt, Chef der deutschen Heeresleitung,
den Eroberern zu schützen. 1922 im vertrauten Kreis über Polen sagte:
«Polens Existenz ist unvereinbar mit den Le-
bensbedingungen Deutschlands. Es muss ver-
schwinden und wird verschwinden durch eige-
ne Schwäche und durch Russland, mit deut-
Polen So geschah Ende August 1920 das «Wunder scher Hilfe!»
-
an der We/cbse/» die Rote Armee wurde vor
Warschau abgefangen und in den folgenden
+
Tagen und Wochen östlich von Brest-Litowsk
am westlichen Bug zurückgeworfen. Eine rei-
che Waffenbeute und etwa 65 000 Rotarmisten Die Zwischenkriegszeit in Polen wurde geprägt
fielen den polnischen Truppen in die Hände. von verschiedenen tiefgreifenden innenpoliti-
Das «Wunder an der Weichsel» vermochte die sehen Ereignissen. Den Anfang machte eine
polnische Führung auch am Verhandlungstisch parlamentarische Republik, die von 1921 bis
mit den Russen zu ihren Gunsten auszunützen. 1926 existierte und politisch stark von Frank-
Am 18. März 1921 kam in Riga ein polnisch- reich unterstützt wurde. Dann folgte Pilsudskis
sowjetischer Friedensvertrag zustande, der die Staatsstreich, der sich einerseits gegen die Ra-
Ostgrenze der Polnischen Republik weit nach dikalisierung der Minderheiten durch die staatli-
Osten festlegte. Sie entsprach damit nicht mehr che Nationalitätenpolitik und andererseits durch
jener Grenzlinie von 1919, die Polen von den die aussenpolitische Isolierung des Staates
Entente-Mächte als «Curzon-Linie» vorge- wandte. Die Ära Pilsudski dauerte fast ein Jahr-
schlagen und praktisch auch garantiert worden zehnt, nämlich bis zum Tode des zum Mar-
war. Dies wurde Polen 1939 zum Verhängnis. schall von Polen aufgerückten «alten Herrn» im
Juli 1935. Seine Regierung stützte sich auf die
Armee und die polnische Herrenschicht. Poli-
tisch war sie eher farblos und bestand haupt-
Die Polnische Republik umfasste 1921 ein Ge- sächlich aus Fachministern. Eine Annäherung
biet von 388 600 krn^ und hatte 27,7 Millionen an Deutschland in den dreissiger Jahren war -
Einwohner. Etwa zwei Drittel aller Staatsbürger in der gegebenen Situation -
ein guter politi-
waren Polen. An zweiter Stelle kamen die scher Schachzug von Pilsudski, die aber nur
Ukrainer, die rund 15% der Bevölkerung stell- vorübergehend einen Erfolg brachte.
ten. Ihnen folgten Juden und Weissrussen aus Pilsudski fühlte sich auch als Diktator verant-
So sah etwa das Kräfteverhältnis der deutschen Wehr- den Ostgebieten der Republik, die laut dem wortlich für die Armee, die in jeder Hinsicht eine
macht zu den polnischen Streitkräften bei Beginn des Vertrag von Riga in den polnischen Staat ein- Sonderstellung in seiner Ära innehatte. Diese
Septemberfeldzuges 1939 aus. verleibt worden waren. Im Westen Polens lebte Armee wurde in der Zwischenkriegszeit öfters
zudem eine starke deutsche Minderheit. reorganisiert. Ihre oberste Führung besass
mehr mit der Rückgewinnung der Ukraine. Die
Diese Nationalitätenfrage sollte später für Po- -
zwar Weltkriegserfahrung aber aus verschie-
len eine fatale Rolle spielen. Damals, in den denen Armeen Europas. Sie eignete sich nun-
Rote Armee sollte Ost-Galizien und ganz Polen mehr französische militärische Ausbildung an
zwanziger Jahren, nahm die Regierung in War-
«befreien», das heisst zusammen mit der polni- schau gelassen zur Kenntnis, dass «ihre» und beschäftigte in den zwanziger Jahren ger-
sehen Bevölkerung der proletarischen Révolu-
tion zum Sieg verhelfen! Im August 1920 sam-
melten sich die Truppen unter dem ehemaligen
Gardeoffizier des Zaren M Tuchatschewski. Am
13. August 1920 war es dann soweit. Tucha- TUE SEPTEMBER CAMPAIGN
tschewski gab den Befehl zum Marsch auf War-
schau. Anfänglich ging alles gut: Zwei russi- Disposition of flic
sehe Angriffskeile bewegten sich rasch in Rieh- Polish Army
tung Westen; die Polen mussten weichen, und I September 1959
die Rote Armee stiess bis zur Grenze der Polni-
sehen Republik vor. In Bialystok, der ersten von
den Russen eroberten Stadt Polens, liess Lenin
ein «Polnisches Revolutionskomitee» konstitu-
ieren, das sich als Herz des neuen, sozialisti-
sehen Polen betrachtete. Seine Aufrufe und
Proklamationen stiessen jedoch bei den Polen
auf keine Echo. Im Gegenteil!
Kaum betraten nämlich die Russen polnisches
Gebiet, kam es im ganzen Land zu einer natio-
nalistischen Bewegung, wie sie Lenin nicht ein-
mal geahnt hatte. Alle, die dazu noch fähig
waren, eilten zu den Fahnen, um die junge
Republik vor der bolschewistischen Eroberung
zu schützen. In kürzester Zeit hatte Pilsudski
380 000 Mann unter den Waffen -
unter Waf-
fen, die er sehr schnell als Hilfsleistung aus
tschechoslowakischen, ja teilweise aus ungari-
sehen Beständen erhielt. Die Entente-Mächte,
insbesondere Frankreich, kannten den Stellen-
wert Polens als Barrikade gegen die Rote Ar-
mee im Osten Europas genau. So wurde die
Verteidigung Warschaus -
denn Tucha-
tschewskis Truppen hatten am 25. August be- September-Feldzug 1939. Die Disposition der Polnischen Armee am 1. September 1939

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ne französische Instruktoren. Bevorzugte Waf-
tengattung war die Kavallerie, wo nur die «Aller-
-
besten» dienten sowohl im Offizierskorps als
auch bei der Mannschaft. Die Infanterie wurde
mit französischen Waffen ausgerüstet; den Ma-
schinengewehren wurde die Vorrangstellung
eingeräumt. Dagegen ging die Motorisierung
bzw die Mechanisierung der Armee nur lang-
sam voran: Der polnischen militärischen Füh-
mng fehlte einerseits die Einsicht, dass Mobiii-
tet der Heeresverbände in einem zukünftigen
Krieg äusserst wichtig sei, andererseits waren
auch keine Mittel vorhanden, die Armee mit
Panzern und Flugzeugen in genügender Zahl
auszustatten. Obwohl nach Pilsudskis Tod un-
ter der Staatsführung von Oberst Josef Beck
(1936-1939) mehr Geld als früher für das Mili-
tär ausgegeben wurde, war die Polnische Ar-
mee am Vorabend des Zweiten Weltkriegs
was Stärke, Ausrüstung und Zusammenset-
-
-
zung betraf kaum besser dran als eine Armee
am Ende des Ersten Weltkriegs.

Im Sommer 1939 verfügte die Republik Polen


über 30 Infanterie-Divisionen und 11 Kavallerie-
Brigaden. Die Motorisierung war so schlecht,
üass die Artillerie nur mit Hilfe von Pferden
Vorankam; und das Nachrichtenwesen (Über-
mittlung) war, milde gesagt, primitiv. Lediglich
eine einzige mechanisierte Brigade mit franzö-
tischen Renault-Panzern demonstrierte die
"moderne Zeit» in der Armee. An Flugzeugen
verfügten die Polen über 350 Maschinen von
ünterschiedlicher Bauart und mit verschiede-
aen Aufgabenbereichen.
Zum Feldzug vom September 1939, bei dem
die deutsche Wehrmacht und die Rote Armee Die Lage am Abend des 18.9.1939: Während die deutschen Verbände den letzten Widerstand der eingekreisten
Semeinsam die Polnische Armee in ihrer Hei- polnischen Truppen in Mittel- und Südpolen brechen, stösst die Rote Armee vor und macht die Pläne einer
mat zerschlugen, verweisen wir auf ein Stan- Verteidigung Ostpolens vor den Deutschen zunichte.
dardwerk neuern Datums: Janusz Piekalkie-
wicz, Polenfeldzug 1939, Gustav Lübbe Verlag,
1982. Hier wird in Bild und Text die dramatische
nien absetzten. Von dort aus gelang Zehntau- der sogenannten Luftschlacht um England teil
Geschichte dieses Krieges zwischen dem
' September und dem 2. Oktober nachge- senden von ihnen die Flucht nach Frankreich, und erzielten dabei gute Erfolge. Von den zwi-
wo eine polnische Exilregierung unter Waffen- sehen dem I.Juli und dem 31. Oktober 1940
Zeichnet, der Auftakt zum Zweiten Weltkrieg
wurde. general Wladyslaw Sikorski gebildet wurde. insgesamt über England abgeschossenen
Mit der Diese stellte mit Unterstützung der französi- 1733 deutschen Maschinen ging 249 auf das
Kapitulation des letzten polnischen Wi- Konto der Polen. Auch die neu erstandene pol-
üerstandsnestes auf der Halbinsel Heia, am chen Regierung eine neue polnische Armee
Oktober 1939 ging der Kampf der Polen kei- auf, bestehend vorerst aus vier Divisionen und nische Kriegsmarine blieb nicht untätig. Unter
heswegs zu Ende. einigen Fliegerstaffeln. In Syrien wurde eine polnischer Flagge war sie während des Krieges
polnische Gebirgsbrigade ins Leben gerufen. In an insgesamt 11 162 Einsätzen beteiligt, wobei
Grossbritannien reorganisierte man die polni- sie sowohl Angriffshandlungen ausführte als
+ sehe Kriegsmarine. Vielen polnischen Schiffen auch Schiffe eskortierte.
gelang es, teilweise kämpfend, die Ostsee zu Polnische Truppen kämpften auch in Afrika.
verlassen und sich nach Westen abzusetzen. Gemeinsam mit britischen Verbänden focht hier
£m 3. September 1939 erklärten London und 1940 befanden sich über 80000 polnische Sol- die aus Syrien abgezogene «Selbständige Bri-
shs gemäss ihren aussenpolitischen Ver-
Pachtungen gegenüber Polen dem deutschen
daten unter dem Oberbefehl von General Si- -
gade der Karpaten-Schützen» mit etwa 5000
korski im Westen. Mann -, die auch bei der Verteidigung Tobruks
Aggressor den Krieg. Briten und Franzosen Schon in der ersten Periode des Zweiten Welt- dabei war.
teten eigentlich aus /dee//en Gründen in diesen kriegs nahmen die polnischen Truppen an den
-
Krieg ein nachdem ihre Regierungen während Kämpfen gegen Deutschland teil. Im Norwe-
Regerer Zeit versucht hatten, sich mit Hitler genfeldzug 1940 fochten sie gemeinsam mit +
.tedlich zu verständigen, war dies die einzig britischen Truppen, und bei der Verteidigung
richtige Antwort, um den Eroberungsgelüsten Frankreichs im Sommer 1940 wurden alle vier Eine gänzlich neue militärpolitische Lage ent-
®r deutschen
Nationalsozialisten Einhalt zu polnischen Divisionen eingesetzt. Nach dem stand im Sommer 1941, als Hitler seinen bishe-
9®bieten. Die Demokratien waren ohnehin Zusammenbruch Frankreichs konnten nur etwa rigen Vertragspartner, die Sowjetunion, über-
ge-
chockt von der Tatsache, dass Stalin im Au- 23000 Polen auf die Britischen Inseln evakuiert fiel. Nun wurde Stalin von einer Stunde zur
9^st 1939 mit Hitler einen Pakt werden. Mit ihnen bildete die nun in London anderen Kriegspartner der westlichen Demo-
geschlossen
atte, wonach im Zuge der Vernichtung der etablierte polnische Exilregierung das polni- kratie. Die Rote Armee kämpfte gegen die deut-
oinischen Republik eine eigentliche Waffen- sehe I. Armeekorps. Dieses war in Schottland sehe Wehrmacht um ihr Überleben. Sie vertei-
ruderschaft zwischen der Wehrmacht und der stationiert, wurde auf britische Waffen trainiert digte sich und die Heimat und reihte sich in die
°ten Armee aufgebaut werden sollte. und mit Verteidigungsaufgaben betraut, die es antinazistische Front der Westmächte ein.
I

Pan letzten Wochen des im Falle einer deutschen Invasion in England Durch britische Vermittlung kam es im August
Krieges versuchten
®te
polnische Einheiten in geschlossenen erfüllen sollte. 1941 zur Aufnahme von Gesprächen zwischen
arbänden der Kapitulation dadurch zu entge- In derselben Zeit begann der Aufbau einer neu- Polen und Sowjets. General Sikorski war der
Pass sie sich ins benachbarte und ihnen en polnischen Luftwaffe. Die als erste aufge- historischen Stunde gewachsen und konnte mit
t
endlich gesinnte Ungarn und nach Rumä- stellten Jagdstaffeln nahmen bereits 1940 an der Sowjetunion ein Militärabkommen im De-

schweizer soldat i/ss 15


zember 1941 schliessen. Dieses sah die For- Komitees wurde die Polin Wanda Wassilewska, sich die Historiker, ob Warschau von Stalins
mierung eines polnischen Armeekorps auf so- die mit dem ukrainischen Kommunisten, Truppen in Stich gelassen wurde oder ob tat-
wjetischem Boden vor unter dem Befehl von Schriftsteller und KP-Funktionär Kornejtschuk sächlich «Nachschubschwierigkeiten» die Rus-
General Anders, der aus dem sowjetischen Ge- verheiratet war. Das Nationalkomitee stellte im sen daran hinderten, die polnische Hauptstadt
fängnis entlassen worden war. Diesem Armee- Sommer 1943 mit Unterstützung der Sowjetre- rechtzeitig zu entsetzen. Eines ist sicher: Die
korps sollten jene Polen angehören, die im gierung in der Nähe von Smolensk eine rot- Hilfe der Roten Armee an die Aufständischen
September 1939 als Soldaten oder als Zivilisten polnische Division auf, die ihre Feuertaufe am erfolgte nur sporadisch und auch erst ab Mitte
von den sowjetischen Behörden gefangenge- 12. Oktober 1943 bei Lenino bestand. Rasch September auf Druck der Weltöffentlichkeit. An-
nommen bzw deportiert worden waren. 1941 wuchs diese Truppe zu einer neuen Armee an. dererseits muss man fairerweise auch zuge-
erliess die Sowjetregierung für diese Polen eine Im Sommer 1944, als die Rote Armee in ihrer ben, dass es nicht im Interesse Stalins lag,
Generalamnestie und ermöglichte ihnen so den Offensive polnisches Territorium betrat, war Warschau den Einheiten der «Londoner Polen»
Eintritt in das polnische Armeekorps. In kürze- schon die 1. Polnische Armee (etwa 100000 zu überlassen.
ster Zeit konnte Anders fünf Infanterie-Divisio- Mann) unter dem Befehl des einstigen Ober-
nen aufstellen, die aus britischen Beständen sten der «Anders-Armee», General Zygmunt
+
bewaffnet und ausgerüstet wurden. Berling, an den Kämpfen beteiligt.
Probleme gab es lediglich auf zwei Gebieten: Im Winter 1944/45 überrollte die Front Polen
Zum einen herrschte grosser Mangel an Offizie- von Osten nach Westen. Die Rote Armee ver-
ren, zum anderen war die Lebensmittelversor-
+
drängte die deutschen Besetzer aus dem Land.
gung der Truppe durch die Sowjets unzurei- In Lublin wurde indessen unter sowjetischer
chend. (Dabei besassen die Polen Listen mit Diese polnische Armee besass sowjetische
Regie eine polnische Regierung gebildet, die
den Namen von rund 15000 Offizieren, die im Ausrüstung und Waffen, und in ihren Stäben
September 1939 von den Sowjets gefangenge- arbeiteten zahlreiche russische und ukrainische
sich aus Sozialisten, Kommunisten und als -
nommen worden waren und deren Freilassung Offiziere, weil auch hier grosser Mangel an
Aushängeschild -auch einigen Bürgerlichen
und Bauernpolitikern zusammensetzte. Mit
sie nun forderten. Die Sowjets dagegen be- eigenen Offizieren herrschte. Aber die Fahne,
grösster Eile ging man daran, eine (rote) polni-
haupteten, sie wüssten nichts vom Verbleib die Kommandosprache und die Dienstordnung
sehe Streitmacht auszubauen. Die Rote Armee
dieser Offiziere. Stalin sagte im Dezember blieben weiterhin polnisch; um die Westmächte
rüstete diese Truppen mit ihrem besten Mate-
1941 zu Sikorski, vielleicht seien diese Offiziere nicht vor den Kopf zu stossen, durften die polni-
rial aus. So entstanden nacheinander polnische
in die Mandschurei geflüchtet...) sehen Truppen unter dem Oberbefehl der Ro-
Fliegerkräfte, eine (bescheidene) Kriegsmarine
Im Sommer 1942 wollten die Sowjets einzelne ten Armee sogar Feldprediger einsetzen. Das und zwei Polnische Armeen mit über 180000
polnische Divisionen zur Verteidigung von Sta- religiöse Leben innerhalb der Truppe wurde Mann. Diese wurden in bereits befreiten polni-
lingrad einsetzen. Anders wehrte sich dagegen -
weitgehend gefördert wohl zur Tarnung der
wahren Absichten und nicht zuletzt als «Be-
sehen Gebieten durch eine rigorose Mobilma-
und berief sich auf das Militärabkommen von
chung unter die Fahnen geholt.
1941, wonach sein Armeekorps lediglich ge- weis» dafür, dass es sich hier nicht um eine
schlössen an der Front verwendet werden kommunistische Armee handelte. Da aber we-
der die bürgerlich-demokratische noch die rote
+
konnte. Dazu war jedoch seine Truppe noch
nicht reif: es fehlten Bewaffnung und Beklei- polnische politische Führung eine Verbindung
dung. Daraufhin willigten sie Sowjets ein, dass zwischen Moskau und London (Sitz der Exilre-
Anders mit seinem Armeekorps (das inzwi- gierung) anstrebte bzw unterhielt, waren die der Im Mai 1945, als der europäische Krieg durch
sehen beinahe 70000 Männer und Frauen um- Roten Armee zugeteilten polnischen Formatio- die Kapitulation von Hitler-Deutschland zu En-
fasste) Russland verlassen und via Iran in Palä- nen ohne staatliche Legitimität. de ging, hatte Polen sowohl im Westen als auch
stina zu den Briten stossen konnte. im Osten eine grössere Anzahl Soldaten unter
Dort entstand 1943 das II. Armeekorps. Dieses den Waffen. Die Polnische Volksarmee um-
+
nahm 1944 an den Kämpfen der Westalliierten fasste in dieser Zeit beinahe 400000 Mann und
an der italienischen Front teil und zeichnete war in drei Feldarmeen gegliedert. Im Westen
sich insbesondere bei der Erstürmung des Am 4. Juli 1943 kam General Sikorski durch befanden sich etwa 200 000 Polen, von denen
Monte Cassino und der Eroberung von Ancona einen noch heute nicht schlüssig geklärten sich die meisten weigerten, in die von den
und Bologna aus. Flugzeugabsturz bei Gibraltar ums Leben. Der Kommunisten beherrschte Heimat zurückzu-
neue Ministerpräsident der Londoner Exilregie- kehren. In Jalta und in Potsdam (1945) wurde
rung hiess Stanislaw Mikolajczyk und war Politi- Polens weiteres Schicksal von den Grossmäch-
+ ker der Bauernpartei. Oberbefehlshaber der ten bestimmt: Stalin erhielt alle jene polnischen
polnischen Streitkräfte wurde General Kazi- Ostgebiete, die ihm Hitler bereits im August
mierz Sosnkowski. Ihm unterstand das II. Ar- 1943 zugesagt hatte. Die neu entstandene Pol-
Am 13. April 1943 entdeckten deutsche Dienst- meekorps in Italien und die sogenannte Fleimat- nische Republik (Volksrepublik erst ab 1949)
stellen bei Katyn, in der Nähe von Smolensk, armee in Polen - eine gut organisierte Unter- wurde dafür mit deutschen Gebieten im Westen
Massengräber mit den Leichen von über 4100 grundarmee unter der Führung von General und im Norden entschädigt. Sie umfasste nun-
polnischen Offizieren. Eine grossangelegte Bor-Komorowski. In England formierten sich im mehr ein Gebiet von 312 700 km* (vor dem
Nachforschungsaktion, die Dr Goebbels poli- Winter 1943/44 neue polnische Truppen zum I. Krieg: 388600 km*).
tisch geschickt auszunützen vermochte, brach- Armeekorps, das aus Fallschirmjägern und me- Eine kurze Bilanz der polnischen Kriegsan-
te den Beweis, dass diese Offiziere im Frühjahr
1940 von den Sowjets ermordet worden waren.
chanisierten Verbänden bestand
modern war.
- also hoch- strengungen im Zweiten Weltkrieg in Zahlen
ausgedrückt sieht folgendermassen aus: Am
Wenn auch keine weiteren Massengräber mehr Im Juni 1944 erfolgte die Landung der West-
Verteidigungskrieg 1939 nahmen 950000 Sol-
gefunden werden konnten, war für die polni- mächte in der Normandie. An den Kämpfen zur daten teil; von 1939 bis 1945 kämpften etwa
sehe Exilregierung in London klar, dass damit Befreiung Frankreichs nahmen auch polnische 500000 Soldaten der verschiedenen militari-
das Rätsel der seit 1941 in der Sowjetunion Truppen teil. In Holland war ihre 1. mechani-
verschollenen 15000 Offiziere gelöst war. Sie sierte Division im Einsatz. Bei der (unglückli-
wurden alle in der sowjetischen Kriegsgefan- chen) «Operation Market-Garden» im Septem-
genschaft ermordet! ber wurde bei Arnheim die polnische Fall- 7 Exekution polnischer Soldaten durch die Deut-
Es kam zu einem heftigen Notenwechsel zwi- sehen, 1939/40.
schirmjäger-Division zusammen mit britischen
sehen London und Moskau mit dem Ergebnis, Truppen aufgetrieben. 8 Waffengeneral Sikorski in Frankreich, 1940.
dass die diplomatischen Beziehungen zwi- Im August 1944 brach der Aufstand in War-
sehen der Sowjetunion und der polnischen Exil- schau aus. Polnische Patrioten, Mitglieder der 9 Stalin mit Molotow, Malenkow und General Sikor-
regierung in London am 26. April 1943 abge- Heimatarmee, versuchten, die strategische La- ski (Polen) bei der Unterzeichnung des sowjetisch-
brachen wurden. ge ausnützend (die Rote Armee stand damals polnischen Kriegsvertrages. Dezember 1941.
Nun schritt Stalin zu einem neuen Schlag ge- unmittelbar vor der Stadt) Warschau von innen
10 Aus sowjetischen Lagern entlassene polnische
gen die freien Polen! Im Mai 1943 entstand in her zu befreien. Die Deutschen schlugen je-
Moskau auf Initiative Stalins eine Art polnische Soldaten treffen beim Armeekorps General Anders' in
doch zurück. Der Kampf von General Bor-Ko-
Russland ein. Frühling 1942.
Gegenregierung, ein der Volksfront ähnliches morowskis Männer und Frauen, ursprünglich
Polnisches Nationalkomitee, in dem von der für höchstens zehn Tage geplant, dauerte 63 11 Feierliche Eidesleistung der 1. Polnischen Infan-
ersten Stunde an die polnischen Kommunisten Tage und endete am 2. Oktober 1944 mit einer terie Division «Tadeusz Kosziuszko» in Selzy an der
Ton und Politik bestimmten. Vorsitzende dieses «ehrenvollen Kapitulation». Noch heute streiten Oka am 15. Juli 1943.

16 SCHWEIZER SOLDAT 1/85


12 Feierliche Fahnenübergabe bei der 1. Polnischen
sen sein. Die offizielle polnische Statistik bezif- 1956, 1970, 1976 und 1980/81 hingewiesen,
Armee, Februar 1945.
fert die Gesamtverluste der polnischen Bevöl- die alle die gesellschaftlichen Spannungen und
13 Das Frauen-Bataillon «Eimila Plater» im Rahmen kerung im Zweiten Weltkrieg mit sechs Millio- Erschütterungen des polnischen Volkes doku-
des polnischen Armeekorps in der Sowjetunion 1943. nen Toten, inbegriffen sind auch die Opfer der mentieren.
von der deutschen SS und Gestapo ermorde-
14 1944 wurde in der sogenannten Berling-Armee ten Juden (bzw die Liquidierung der Ghettos).
der Feldgottesdienst noch gestattet. Angehörige eines
Frauen-Bataillons bei der Heiligen Messe irgendwo in Miliz bedeutet Wehrhaftigkeit
Russland, im Feld. + ohne Vorbehalt, das heisst
15 Die erste Nachkriegsuniform der Polnischen
So können wir zum Schluss festhalten, dass
ohne andern Vorbehalt als
Armee.
-
Polen im Zweiten Weltkrieg in bezug auf die den durch Vernunft und
Verluste an Menschen und Sachwerten hinter- durch die Grenzen des
der UdSSR an zweiter Stelle steht. Und in der
sehen Untergrundformationen (Bürgerliche, Gesamtbilanz des Krieges gehört Polen zur
sachlich Möglichen allen
Bauern, Sozialisten und Kommunisten) im Lan- Spitzengruppe in der antifaschistischen Allianz menschlichen Dingen
de gegen die deutschen Okkupanten. Allein
beim Warschauer Aufstand 1944 fielen im
- nach Grossbritannien, der UdSSR, USA, Chi- gegebenen. Das
na und Frankreich -, wobei die polnischen be-
Kampf etwa 20000 Männer und Frauen. Die waffneten Kräfte im Osten und im Westen zah-
Bedeutende wird hier sein:
Zahl der Toten der regulären Armee-Einheiten lenmässig an vierter Stelle standen. die Unabhängigkeit von
in Ost und West belief sich auf rund 123000 Das Leid und die Entbehrungen, die Polen wäh- Konstellationen, vom
Mann. Wie viele polnische Soldaten in deut- rend des Zweiten Weltkrieges erdulden musste,
schem und in sowjetischem Gewahrsam (Ka- wurden nach 1945 nicht mit einer friedlichen
Wunsch und der Furcht.
tyn) ermordet wurden, kann man nur schätzen: und glücklichen Zukunft und mit Wohlstand be- Schumacher
es dürften möglichenweise 20000 Mann gewe- lohnt. Es sei hier nur auf die Ereignisse von

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