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Epochenprofile deutscher

Literatur

Ein Skript für Schülerinnen und Schüler

der Oberstufe

am bayrischen Gymnasium

Oktober 2016

Martin Staiger
Inhaltsverzeichnis

I. Der Vergleichsmaßstab für die Q 11 3


II. Bild vor den Bildern (Sturm und Drang) 5
III. Erstes Bild (Klassik) 9
IV. Zweites Bild (Romantik) 13
V. Drittes Bild (Goethes Faust - Dichtung) 18
VI. Viertes Bild (Zwischen Klassik und Romantik) 22
VII. Zwischenbilanz 24
VIII. Fünftes Bild (Realistische Schreibströmungen) 25
IX. Der Vergleichsmaßstab für die Q 12 28
X. Sechstes Bild (Moderne) 32
XI. Siebtes Bild (Expressionismus) 37
XII. Achtes Bild (Weimarer Republik) 41
XIII. Neuntes Bild (Kafka) 44
XIV. Zehntes Bild (NS –Zeit) 46
XV. Elftes Bild (Trümmerliteratur) 49
XVI. Zwölftes Bild (Alte BRD) 51
XVII. Dreizehntes Bild (DDR) 55
XVIII. Vierzehntes Bild (Gegenwart) 57

Überblicksschemata zu den einzelnen Epochen 59

Tabellarischer Überblick 72

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I. Der Vergleichsmaßstab für die Q 11: Max Webers vier
Achsen und die Modernisierungstheorie.
Rahmenbedingungen einer Literaturgeschichte

Wer Geschichte betreiben will, braucht eine Theorie, vor deren Hintergrund man
Zusammenhänge herstellen und die Fakten deuten kann. Für das Skelett dessen,
was man die neue Meistererzählung der deutschen Geschichte seit 1800 nennen
könnte, hat der Historiker Hans – Ulrich Wehler gesorgt, und zwar in seiner
„Deutschen Gesellschaftsgeschichte“. Wehler bezieht sich dabei auf den
deutschen Soziologen Max Weber, der bereits um 1900 feststellte: Eine
Gesellschaft entwickelt sich auf vier Sektoren. Diese sind: Politik,
Sozialstruktur, Wirtschaft und Kultur.
Wer also z. B. Literaturgeschichte betreiben will, sollte immer im Kopf haben,
was die anderen drei Sektoren während des zu betrachtenden Zeitraums an
langfristigen Entwicklungen und kurzfristig eintretenden Ereignissen zu bieten
haben.
Weber entwickelt aus der Betrachtung dieser vier Sektoren das, was wir heute
die Modernisierungstheorie nennen. Danach durchläuft jede Gesellschaft, grob
gesprochen, drei Phasen: Eine vorindustriell – agrarische (Frühe Neuzeit,
Ständegesellschaft), eine industrielle (19. Jahrhundert, Klassengesellschaft) und
eine postindustrielle (Gegenwart).
Welche Rahmenbedingungen haben also, wenn man die vier Sektoren beachtet,
die Ereignisse unserer Literaturgeschichte bis 1900? Dies sei hier ganz kurz
skizziert. Die entsprechenden Entwicklungen sind Thema in den Fächern
Geschichte und Sozialkunde in Q 11/1 !

1. Auf dem Feld der politischen Herrschaft löst ein Epochenereignis auch
Reflexionsbedarf in den poetischen Texten Goethes und Schillers aus: Die
Französische Revolution erschüttert ganz Europa. Ausgelöst als Akt der
Rebellion gegen den Versuch, neue Steuern durchzusetzen, wird in ihr die
alte ständische Gesellschaft abgeschafft, und es beginnt ein Jahrzehnt
politisch – sozialer Experimente. Das ganze intellektuelle Europa verfolgt
gespannt, was in Frankreich nun Politik wird. Die deutschen
Geistesgrößen begrüßen die Revolution erst jubelnd, um sich von ihr
während der Schrecken der Jakobinerherrschaft abzuwenden. Schiller
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zieht daraus die Konsequenz, dass unter der „Freiheit“ des Individuums
nicht unbedingt politische Freiheit gemeint sein muss. Der Einfluss der
Französischen Revolution gerade auf die Literatur der Weimarer Klassik
ist grundlegend, und auch alle weiteren bürgerlichen Revolutionen über
die Pariser Julirevolution von 1831 bis zur deutschen Revolution von
1848 bestimmen die literarischen Texte mit. Insgesamt scheinen gerade
die Ereignisse bis nach dem Wiener Kongress den Wunsch nach einer
Utopie sinnerfüllten menschlichen Lebens wachsen zu lassen, der sich in
den Texten der idealistischen Phase deutscher Literaturgeschichte
niederschlägt.

2. Was sich auf dem Feld der Gesellschaft tut, ist gerade in den literarischen
Texten ab der Aufklärung gut zu sehen. Die ständische Gesellschaft, die
von der Idee lebt, dass Menschen in einen Stand hineingeboren werden
und ihren Wert darin sehen, dass sie dessen Lebensregeln befolgen,
verliert ihre Bindungskraft, weil das Bürgertum mit seinem Lebensstil und
seinen Werten der Leistungsorientierung und der Individualität sie in
Frage stellt. Das Bürgertum, und das zeigen gerade die literarischen
Texte, definiert das Individuum gerade dadurch, dass es sich von
Bindungen an die Gemeinschaft lossagt – so, wie Prometheus mit Zeus
abrechnet. Die alte ständische Gesellschaft löst sich also auf, und sie wird
ganz allmählich ersetzt durch eine Klassengesellschaft. Was aber Klassen
sind, kann man nur verstehen, wenn man bedenkt, was auf der Achse der
Wirtschaft passiert.

3. Grundstürzende Dinge passieren auch auf dem Feld der Wirtschaft.


Begünstigt durch ein starkes Bevölkerungswachstum in Deutschland seit
um 1700, herausgefordert durch viele technische Neuerungen und
inspiriert durch das Vorbild Großbritannien bricht sich auch in
Deutschland allmählich, aber voll seit den vierziger Jahren des 19.
Jahrhunderts die Industrialisierung Bahn. Damit dringt das Prinzip des
Marktes, auf dem man verkauft und kauft, in alle Bereiche menschlichen
Lebens vor und ersetzt alte ständische Lebensgewissheiten. Über die neue
Einstufung innerhalb der Gesellschaft entscheidet also, wie man sich auf
dem Arbeitsmarkt verkaufen kann. Die Klassengesellschaft löst
allmählich die ständische Gesellschaft ab und durchdringt die deutsche
Bevölkerung. – Gerade dieser Prozess ist Grundlage für die realistischen
Schreibströmungen in der deutschen Literatur.

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4. Unsere Literaturgeschichte als Beispiel für den Sektor der Kultur, die wir
in der Q11 und in der Q 12 erzählen sollen, setzt genau am Schnittpunkt
zwischen vorindustriell – agrarischer Gesellschaft (für Deutschland: der
Ständegesellschaft des Alten Reiches der Frühen Neuzeit) und der
industriellen Gesellschaft (für Deutschland: der Klassengesellschaft als
Ergebnis der industriellen Revolution ab den 40er Jahren des 19.
Jahrhunderts) an. Modernisierung bedeutet hier: Unsere literarischen
Texte erzählen die Geschichte davon, wie unsere bürgerliche Vorstellung
vom Individuum entstanden ist und wie sie uns in der Gesellschaft
verortet hat. Die Texte diskutieren beispielsweise, was für dieses neue
Individuum Liebe ist und wie sie ausgestaltet ist. Kulturell bedeutsam ist
für diese Texte das Aufblühen der idealistischen Philosophie. Immanuel
Kant formuliert u. a. eine neue Erkenntnistheorie. Für ihn bestimmt sich
der Mensch aus sich selbst heraus mithilfe seines Verstandes. Ziel
menschlicher Entwicklung ist innere Unabhängigkeit (Autonomie) und
Verwirklichung von Idealen.

Alles, was in Deutschland an literarischen Texten mindestens bis 1900


geschrieben wurde, kann man so verstehen. Danach setzt die Frage der
Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ein: Wenn man so will, eine
Bewegung, die sich aktiv gegen die Modernisierung stellt. Und nach 1945
erzählt die Literatur die Geschichte des Individuums in der postmodernen
Gesellschaft, also in einer Zeit der Pluralisierung und Individualisierung von
Lebensstilen und Wertvorstellungen. Subjektivität radikalisiert sich weiter.
Gerne wird in der politischen Geschichte nach 1990 eine Zäsur gesehen, und
nach dem 11. September 2001 erst recht. Bedeutet das auch eine Zäsur für die
Literaturgeschichte? Ist diese Frage jetzt schon abschließend zu beantworten?
Auch Geschichte kann offen sein.

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Überblicksschema: Rahmenbedingungen deutscher Literaturgeschichte 1800
– 1850

Politik Wirtschaft
Französische Revolution, Industrialisierung Deutschlands
Napoleonische Veränderungen, (v. a. seit den vierziger Jahren
Auflösung des Alten Reichs, des 19. Jh.s)
Wiener Kongress, Vormärz

„Literatur“ (Teil der Kultur)

Idealistische Periode: Klassik,


Romantik – freies Menschenbild

Durchbruch der
Klassengesellschaft im
Rahmen der industriellen
Revolution und des
Vormärz

Realistische Periode: Junges


Deutschland, Biedermeier, Poetischer
Realismus, Naturalismus –
materialistisches und determiniertes
Menschenbild

Gesellschaft Kultur

Umbruch: Auflösung der Stände-, Philosophie des deutschen


Entstehung der Klassengesellschaft Idealismus: Autonomie des
Individuums, Vernunft als
Auflösung ständischer Bindungen,
konstituierende Kraft, Erkenntnis
Entstehung des bürgerlichen
als subjektiver Prozess
Individuums
Philosophische Entwicklungen:
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Determinismus (Feuerbach), Leben
als Leiden (Schopenhauer)
II. Bild vor den Bildern: Das Straßburger Münster - Ein kurzer Blick auf
den Sturm und Drang und die Aufklärung

Es ist das Jahr 1770. Ein junger Student der Rechtswissenschaften kommt in die
freie Reichsstadt Straßburg. Eine juristische Ausbildung in seiner Heimatstadt
Frankfurt am Main und ein Praktikum am Reichskammergericht hat er bereits
hinter sich. Jura – das soll er in Straßburg weiter studieren, wenn es nach seinem
Vater geht, aber Jura – das ist das, worauf er eigentlich keine richtige Lust hat.
Und dann kommt er an, in dieser altehrwürdigen Stadt, und sein erster Gang
führt ihn dorthin, wo es ihn jetzt hinzieht, jetzt und sofort, mit aller Macht, er
will und kann nicht mehr warten, er will es endlich sehen: Das Straßburger
Münster.
Und es ist genau das Erlebnis, das er sich erhofft – der junge Johann Wolfgang
Goethe, das Erlebnis, das Prof. Jürgen Scharfschwerdt in unserem Hauptseminar
akademisch – trocken, aber exakt ein „existenzielles ethisch – ästhetisches
Grunderlebnis“ nannte. Im Angesicht des Straßburger Münsters bricht bei ihm
die Ästhetik des Sturm und Drang durch: Ein Meister hat aus sich heraus eine
Welt aus Stein geschaffen, in abertausenden Verästelungen und Erscheinungen,
aber gestaltet aus einer einzigen Empfindung heraus.
Das ist der Beginn seiner Individualität, und er entdeckt mit dieser Ästhetik
auch etwas Neues: Das moderne Menschenbild bürgerlicher Individualität. Man
ist wer und etwas Einzigartiges, unendlich wertvoll, wenn man sich eben gerade
abgrenzt von allen anderen, und nicht, wie früher, wenn man sich als Teil eines
Kollektivs, der Familie oder des Standes, betrachtet. Das Genie – also das
Individuum – schafft eine Welt aus sich heraus, und er ist der Gott dieser Welt.
Das ist der überzogene, defizitäre Teil des Menschenbildes des Sturm und
Drang. Deshalb muss Werther auch am Ende sterben, und deshalb lässt Goethe
das Konzept des Sturm und Drang hinter sich, das er in vielen Konstellationen
innerhalb seiner Texte durchgespielt hat.
Und dann fährt er nach Weimar. Es ist das Jahr 1775.
Das wäre die Geschichte, wenn wir sie nur allein auf Goethe konzentrieren
würden. Aber Goethe fällt nicht als solitärer Meteorit vom Himmel der
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deutschen Geistesgeschichte. Jemand, der hier genauso zu nennen ist, ist gar
kein wilder Lebemann wie Goethe. Es ist jemand, der aus seinem Königsberg
sein Leben lang nicht wirklich herauskommen wird. Aber seine Gedanken
kommen in die Welt. Immanuel Kant stellt fest: Was den Menschen ausmacht,
ist sein Verstand. „Natur“, „Realität“ ist nichts anderes als eine Konstruktion des
Menschen in seinem Kopf. Maßstab für diese Konstruktion ist lediglich die
zwingende Logik der Rationalität, „des Menschen allerhöchste Kraft“ – wie
später Goethe ausgerechnet seinen Mephisto sagen lassen wird. Und natürlich
passt das eigentlich auch ganz gut zum Sturm und Drang. Wie soll denn die
Schöpfung der eigenen Welt anders erfolgen als eben rational, mithilfe des
Verstandes, also dessen, was den Menschen ausmacht? Qua Verstand setzt und
definiert er sich in der Welt.
Was bei Goethe aber immer zur Rationalität hinzukommt, ist eine betont
sinnliche Seite. Beides muss befriedigt sein, der Verstand und die Sinne. Erst
wenn etwas beide Seiten in ihm erfüllt und belebt, widmet er dieser Idee sein
Leben. Das ist zuerst beim Straßburger Münster der Fall – und es wird wieder
soweit sein, wenn er in Italien ist und antike Kunstwerke studiert.
Was aber bleibt, ist der Anspruch, Texte zu schreiben, in denen der Status des
neuen, modernen, bürgerlichen Individuums gleichsam mitprotokolliert wird.
Das verbindet den Sturm und Drang mit der Weimarer Klassik.

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III. Erstes Bild: Die Laokoon – Gruppe – oder: „Froh empfind ich mich
nun auf klassischem Boden begeistert. . .“

Das sollten wir Lehrerinnen und Lehrer uns mal trauen! Bei Nacht und Nebel
abhauen, unserem Dienstherrn nichts, aber auch gar nichts sagen und uns ein
Jahr danach schriftlich rühren und um Entschuldigung bitten. Gefeuert wären
wir! Aber wenn man Goethe heißt, dann geht sowas. Es ist das Jahr 1786. Zur
Kur weilt er in Karlsbad. Aufgerieben hat er sich die letzten elf Jahre, und
einsehen musste er, dass ein naiv auftretendes Post – Genie es nicht mit den
langsam und zäh mahlenden Mühlen einer staatlichen Verwaltung aufnehmen
kann. Zerschlissen hat er sich bei der alltäglichen Regierungsarbeit, und nichts,
aber auch gar nichts ist geblieben von den Idealen, mit denen er angetreten ist,
von der Idee an Menschlichkeit, die er in die Regierung einbringen wollte. Und
was noch schlimmer ist: Er hat nicht mehr an seinen Texten gearbeitet, in vielen
Jahren nicht ein Wort. Er fühlt sich tot. Er muss weg. Und das tut er jetzt. Ohne
ein Wort zu verlieren, setzt er sich nach Italien ab, um neue Lebensinhalte zu
finden – und ein neues Kunstkonzept.
Im Kopf hat er vielleicht schon die Ausführungen eines Kunstgeschichte –
Experten seiner Zeit. Winckelmann hat einen folgenschweren Aufsatz über die
Laokoon – Gruppe geschrieben, jenem Kunstwerk des Hellenismus, das in
Norditalien bei Ausgrabungen in einer Villa gefunden worden war und das er,
Winckelmann, nur aus Betrachtungen von Kupferstichen kannte. Seine Deutung
wird folgenreich sein für die deutsche Geistesgeschichte. Er identifiziert diese
Kunst als Kunst, die ein Ideal verkörpert, und: Er macht im Gesicht Laokoons
nicht die Spur eines Leidens aus und erklärt dies zum neuen menschlichen Ideal:
Eine Seele, die ruhig bleibt, auch wenn der Mensch selbst noch so großem Leid
ausgesetzt ist. Mit der Formel „edle Einfalt, stille Größe“ wird Winckelmann
diese Kunst charakterisieren – und das ästhetische Ideal der Weimarer Klassik
mitbegründen.
Wie es nun Goethe mit dieser Kunst in Italien geht, kann man am besten in der
fünften? Sechsten? Siebten? Römischen Elegie nachlesen, in der für das lyrische
Ich Kunst- und Liebeserlebnis verschmelzen. Und wieder ist es so weit. Wieder
könnte man vom existenziellen ethisch – ästhetischen Grunderlebnis sprechen.
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Wieder verschafft Goethe ein Kunstwerk ein ganzheitliches Erlebnis aus
Intellekt und Sinnlichkeit.
In dem Gedicht schildert das lyrische Ich zunächst, dass es am Tag mit der Hand
die Werke der Alten – also die antiken Werke – durchblättre, also studiere. Aber
in der Nacht/ hält Amor mich anders beschäftigt: Er denkt an die antiken
Statuen, während er den Körper seiner Geliebten betrachtet und berührt, die
Hand leite die Hüften hinab. Und dann der Kernvers:

„Fühle mit sehendem Aug, sehe mit fühlender Hand.“

Auge und Hand, Verstand und Sinnlichkeit, sie überschneiden sich bei der
Beschäftigung mit der antiken Kunst (und der Geliebten). Ein neues,
ganzheitliches Erlebnis hat ihn erfasst – und siehe da: Er kann wieder schreiben.
Er hat ein neues Konzept.

Und außerdem findet er jetzt, nach seiner Rückkehr aus Italien, 1788, einen
Mitstreiter, der ihm die optimale Ergänzung für seine Ideen liefern wird. Als
„Hälften“ werden sie sich beide einmal bezeichnen, und das ist wahr: Die
Weimarer Klassik besteht im Prinzip aus zweien, aus Goethe – und aus Schiller.
Dieser Friedrich Schiller ist zehn Jahre jünger als er, geboren und aufgewachsen
im Herzogtum Württemberg. Ausgebildet wurde er an der Karlsschule, also an
der von Herzog Karl Eugen, einem berüchtigten Menschenschinder,
gegründeten schwäbischen Eliteschule. Mediziner soll er werden. Er ist ein
erbärmlicher Arzt. An sich selbst versucht er seine Rosskuren – und richtet sich
damit schon in frühem Alter zugrunde. Aber das weiß er noch nicht.
Sein Weg führt ihn über Mannheim, wohin er flieht und wo er als Autor der
Räuber gerne aufgenommen wird, und über Jena, wo er Professor für
Geschichte wird, nach Weimar. In Jena bricht er am Katheder zusammen. Er ist
unheilbar krank, und er weiß es. In einem berühmten Brief an Goethe schreibt
er, sein Körper gleiche einem brennenden Hochhaus, und es sei seine Aufgabe,
die wichtigsten Schätze daraus herauszuschaffen, bevor es einstürzt. Wenn man
das weiß, dann lesen sich alle Bemerkungen zu seiner Ästhetik, seinem
Menschenbild und seiner Dramaturgie etwas anders, etwa, wenn es in der
Vorrede zur „Braut von Messina“ heißt, die Natur sei selbst nur ein Werk des
Geistes, oder wenn Wallenstein sagt, es sei der Geist, der sich den Körper formt.
Er selbst scheint damit auch begrenzt Erfolg gehabt zu haben. Im
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Obduktionsbericht steht im Mai 1805 über seinen Körper, sämtliche inneren
Organe glichen mehr oder weniger einem Brei, und es sei ein Wunder, wie er
hätte so noch so lange leben können.
Was er unter anderem zur Weimarer Klassik beiträgt, ist ein genau nach Kant
aufgebautes Welt- und Menschenbild, einen gewichtigen Beitrag zur
Dramaturgie der Klassik, und natürlich: einen ständigen Dialog mit Goethe, in
dem die beiden miteinander die gedankliche Grundlage für alle ihrer wichtigen
Werke dieser Jahre legen: des klassischen Jahrzehnts von 1794 bis 1805.
Drei Kennzeichen sind es, die ihre Texte verdeutlichen:
1. Alles Leben vollzieht sich nach ewig geltenden Gesetzen, sie zu
veranschaulichen, verbindet den Menschen mit der göttlichen Sphäre.
Dem Menschen genau dies durch die Einbildungskraft der Kunst vor
Augen zu führen, mache ihn frei, so Schiller, denn diese Einsicht erlöse
den Menschen aus seinen engen, fesselnden, erdrückenden Bindungen an
das, was er gemeinhin so „die Realität“, „die sinnliche Welt“, oder, um es
modern zu sagen, „die Sachzwänge“ zu nennen pflegt.

2. Des Menschen Aufgabe ist es, sich harmonisch mit seiner Umwelt zu
entwickeln und nach Vervollkommnung zu streben.
Goethe veranschaulicht diese Idee geradezu plastisch im Prolog im
Himmel seiner Faust – Dichtung, also in jener Szene, die er auf der
Italienreise seinem alten Sturm – und – Drang – Drama vorschaltete und
es so zu einem klassischen Drama machte. Gott der Herr sieht sich hier als
der Gärtner, der den Baum Faust zu Blüten und Früchten bringen möchte.
Denn: Es irrt der Mensch, solang er strebt – oder, anders gesagt: Irrtümer
sind nicht schlimm, solange der Wille zur aktiven Weiterentwicklung
nicht versagt. Die Rolle des Bösen ist es dabei, dass der Mensch nicht
bequem wird und immer weiter strebt – das Böse soll ihn zur
Verbesserung anstacheln.
In Schillers Dramaturgie ist es das Leiden, durch das er seine Figuren
schickt, das sie zur Weiterentwicklung reizt. Bei Schiller ist der Mensch
ein Doppelwesen aus Neigung und Pflicht, und seine Aufgabe ist es, diese
beiden Kräfte zu vereinen, dergestalt, dass dem Menschen die Pflicht zur
Neigung wird. Dieser Endzustand heißt dann Schöne Seele. Dumm nur,
dass sie keine lange Halbwertszeit besitzen. Maria Stuart verliert ihren
Kopf sehr schnell, nachdem sie schöne Seele geworden ist . . .

3. Woher nimmt man aber das Vorbild für diese idealen Menschen, die die
höchsten Gesetze rein leben? Natürlich aus der römischen und
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griechischen Antike! Deshalb finden sich immer wieder antike Stoffe bei
beiden Schriftstellern, und deshalb steuert Wilhelm von Humboldt auch
die Idee bei, diesem Leitbild der Erziehung eine eigene Schulform zu
widmen: das Gymnasium . . .

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IV. Zweites Bild: Konzentrische Kreise: Das Romantische und seine
Wandlungen

Es gibt ein furchtbar kitschiges evangelisches Kirchenlied, eine deutsche


Übertragung von „You better pass it on“: „Ins Wasser fällt ein Stein“. Darin
wird in der ersten Strophe eine Situation beschrieben, die jede/r von uns kennt:
Ein Stein fällt ins Wasser und erzeugt Wellen in konzentrischen Kreisen vom
Eintrittspunkt des Steines aus. Genau so kann man sich die Entstehung und
Entwicklung der deutschen literarischen Romantik vorstellen.
Bevor wir diesem Bild aber weiter folgen, erfolgt zunächst eine kurze
Ausführung zu diesem Begriff. Mit „romantisch“ assoziieren wir beispielsweise
einen Sonnenuntergang oder ein schönes Abendessen zu zweit bei
Kerzenschein. Diese Assoziationen sollten wir zunächst einmal möglichst
vergessen. Sie zeigen nur, wie sich die Umgangssprache den vielschichten
philosophischen Begriff des romantischen zurechtreduziert hat. Wenn wir
verstehen wollen, warum die Romantik entstanden ist und wovon sie sich genau
von der Weimarer Klassik unterscheidet, sind alle diese Vorstellungen nur
irreführend.
Es ist eine spannende Frage, warum überhaupt eine Unterscheidung nötig ist. Im
anglizistischen Sprachraum gibt es für Klassik und Romantik nämlich nur eine
Bezeichnung, „romantic period“. Außerdem haben die beiden nahezu
gleichzeitig, nämlich in den 1790er Jahren, entstehenden literarischen Epochen
durchaus etwas gemeinsam, nämlich ein idealistisches Welt- und Menschenbild.
Beide stellen sich die Welt und den Menschen so vor, wie er sein sollte – nicht
so, wie er ist. Dies bleibt dann den realistischen literarischen Strömungen nach
1830 vorbehalten.
Der Unterschied – und damit sind wir beim Stein, der ins Wasser fällt – besteht
darin, wer welchem idealistischen Philosophen zugehört hat. Waren für Goethe
und Schiller Kant die maßgebliche Instanz für alle Fragen von Erkenntnis, Welt
und Mensch, ist es für die Gruppe der Frühromantiker um Novalis und die
Schlegel – Brüder ein Mann, der sich auch gegenüber Kant bereits profiliert hat:
Fichte.
Dieser Fichte ist in einem Punkt in seinem Welt- und Menschenbild noch
radikaler als Kant. Für ihn gibt es das „Ich“, das sich die Welt setzt, und zwar
absolut. Was es für das „Ich“ gibt, gibt es wirklich – und wenn es in einem
Marmorbild ein antikes Gespenst sieht, gibt es das antike Gespenst wirklich!
Diese Radikalisierung in der Idee der Konstruktion der Welt im eigenen Kopf
führt für eine Gruppe von Schriftstellern, die bei Fichte in Jena studieren, zu
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einem neuen Schreibkonzept. Im Gegensatz zu spießbürgerlichen Philistern, die
die Welt nur in ihrer spießbürgerlichen Oberfläche wahrnehmen, gibt es eben
auch eine Gruppe von Menschen, die die Realität in all ihrem phantastischen
Potenzial – und damit erweitert oder eben wirklich wahrnehmen.
Das Kernmerkmal romantischer Texte ist also eine Art „erweiterte
Realität“, deren Wahrnehmung Welt und Mensch besser macht und zu
einer neuen Stufe von Existenz bringen kann, wenn man nur will.
Knapp zusammengefasst hat dieses Schreibkonzept praktisch in der
Retrospektive Joseph von Eichendorff in seinem Gedicht „Wünschelrute“:

Schläft ein Lied in allen Dingen,


die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

Schon eine oberflächliche Analyse der Wortfelder ergibt: In diesem Gedicht gibt
es zwei Sphären - die „Dinge“, die „träumen“, also in einem Zustand von neu zu
erweckender Wirklichkeit sind und zu denen auch die „Welt“ gehört, und die
Musik, die wahre Poesie und Schönheit allen Lebens, verbildlicht im „Lied“ und
im „singen“. Die neue Wirklichkeit aus gleichsam vor Freude am neuen Leben
singender Welt wird bei einer Bedingung wahr – wenn ein du sie erweckt. Die
neue Realität wird Wirklichkeit im Ich selbst – im sich und seine Wirklichkeit
radikal als wahr setzenden Fichte – Ich.
Es ist dieses Kernmerkmal, das man nun in vielen romantischen Texten
verwirklicht findet – in einer Reihe von Bildern und Motiven. Da wären unter
anderem:
- die Nacht als Ort der erweiterten Realität im Gegensatz zum Tag als
Sphäre der bürgerlichen Spießer,
- das Mondlicht im Gegensatz zum oberflächlichen Sonnenlicht,
- die Natur als Ort der Vereinigung von Mensch und Welt fern bürgerlicher
Mentalität, die ein Dasein mit Geschäften verwechselt,
- die Liebe als Ort des Zugangs zu einer neuen Form von Realität und
Lebenssinn, gleichsam zu einer neuen Stufe der Lebensentwicklung,
- die Sehnsucht als Gefühl der Notwendigkeit, sich abzuwenden vom
spießbürgerlichen Leben,
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- das Wandern als eine neue Lebensform der Erschließung der erweiterten
Realität,
- der Traum und das Schlafwandeln als Verbindung in die erweiterte
Realität.
Alle diese Motive könnte man nun quasi auf einem ersten Kreis um den Stein
der Fichte – Philosophie herumgruppieren, der bei der Gruppe der
Frühromantiker „eingeschlagen“ hat – man verzeihe mir das schiefe Bild!
Diese Idee des Romantischen macht nun aber, um mit Gerhard Schulz zu
sprechen, Wandlungen durch, die man nun auf einem zweiten und dritten Kreis
um den Fichte- Stein der erweiterten Realität herum ansiedeln könnte.
Auf dem zweiten Kreis könnte ein Text von Heinrich von Kleist kommen,
einem Dichter, der, wie Hölderlin und Jean Paul, zwischen Klassik und
Romantik steht. Es ist sein faszinierender Essay „Über das Marionettentheater“.
Darin unterhalten sich zwei Männer in einer Gastwirtschaft zunächst harmlos
über eine Tänzerin und über den Ausdruck ihres Tanzes. Einer der Männer
versetzt, am schönsten, weil dem Ursprung aller menschlichen Existenz (und
damit der erweiterten Realität!) am nächsten sei der Tanz einer Marionette, weil
sie ihre Glieder nicht bewusst, also mithilfe des Verstandes, führe. Was im
weiteren Verlauf des wirklich lesenswerten Essays entwickelt wird, ist nichts
anderes als ein romantisches Geschichtsverständnis, das drei Stadien der
Entwicklung der Menschheit umfasst:
- ein erstes, paradiesisches Stadium, in dem der Mensch im intuitiven
Einklang mit der Natur lebt und seinen Verstand nicht gebraucht und das
bei Kleist mit der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies nach
dem Sündenfall endet,
- ein zweites, reales Stadium bürgerlicher Existenz, in dem zwischen Welt
und Mensch ein sinnentstellender Riss läuft, weil sich der Mensch zu sehr
seines Verstandes bedient,
- ein drittes, utopisches Stadium, in dem der Mensch wieder
traumwandlerisch mit der Welt und sich versöhnt lebt – und bewusst –
unbewusst immer die richtige Entscheidung trifft.
Und natürlich: Die Kraft, die den Menschen von der zweiten in die dritte Phase
hieven kann, ist: die romantische Dichtung!

Auf einem dritten Kreis um den Stein der Fichte – Philosophie lässt sich dann
der romantische Nationalismus unterbringen. Hier geht es um die Suche nach
den ursprünglichen, in der Urzeit verborgenen Kräften und Wurzeln kultureller
15
Identität. Und hier beginnt auch die Existenz der deutschen Sprach- und
Literaturwissenschaft, denn diese Wurzeln meinen die Romantiker in den alten
Kulturdenkmälern deutschsprachiger Texte und Dichtungen zu finden. Wer hier
in bewundernswertem Fleiß fundamentale Pionierarbeit leistet, sind die Brüder
Grimm, die außer ihrer übrigens sehr bürgerlich gestalteten Märchensammlung
noch viele Texte der mittelalterlichen deutschen, spanischen, italienischen
Literatur edieren und veröffentlichen sowie das „Deutsche Wörterbuch“
beginnen – ein Jahrhundertunternehmen, das in der ersten Auflage erst in den
sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu Ende geführt werden kann. Dieser
romantische Nationalismus führt zu einer Verklärung des gerade erst, 1806,
untergegangenen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, und zu neuen
Symbolen für einen bürgerlichen Nationalismus, der sich im ganzen 19.
Jahrhundert Bahn bricht. Dazu gehören beispielsweise die erst jetzt im alten,
gotischen Sinn fertiggestellten gotischen Kathedralen in Köln und in Ulm.

Dass ein solches Subjektbild von der Absolutsetzung individueller Ideen auch
Defizite hat, liegt auf der Hand. Wer dies in seiner literarischen Produktion unter
anderen thematisiert, ist der Bamberger Ernst Theodor (Amadeus) Hoffmann.
Wer sich selbst und seine Weltsicht absolut setzt, der kann auch in die Irre
gehen und wahnsinnig werden, weil das Korrektiv eines nüchtern abwägenden
Verstandes fehlt. Diesen Weg der „schwarzen Romantik“ führt Hoffmann
beispielsweise in seiner gern in der Schule gelesenen Erzählung „Der
Sandmann“ aus – und kritisiert hier das Subjektbild der Romantik fundamental.
Er stellt hier uns einen jungen Mann vor, an dessen Lebensanfang eine
existenziell bedrohende Traumatisierung steht. Ihm wird bei der Strafe, wenn er
nicht einschlafe, werde der Sandmann kommen und seine Augen auskratzen,
verboten, sein Zimmer zu verlassen. Er tut es doch – und stellt fest, dass sein
Vater mit einem ihm Fremden eine menschliche Puppe, einen Automaten, baut,
was schief geht. Es gibt eine Explosion, der Mann flieht. – Jahre später, beim
Studium, verliebt sich dieser junge Mann in ein für ihn wunderbares Mädchen,
das er als den Zugang zu einer neuen Lebenssphäre (erweiterte Realität!) sieht
und das immer nur „Ach!“ sagt – kein Wunder: Es ist nämlich eine Puppe, die
sein Professor gebaut hat. Und er muss wieder erleben, wie diese Puppe vor
seinen Augen zerrissen wird. Der junge Mann endet durch Selbstmord, weil er
auf einem Turm durch ein Fernglas blickt und meint, unten stehe der alte
Bekannte seines Vaters, den Hoffmann im Lauf der Erzählung immer wieder mit
einem Händler für optische Geräte doppelt.
Interessant an dieser auch für die Psychoanalyse Sigmund Freuds grundlegenden
Erzählung ist unter anderem das Spiel mit der Leitmetaphorik des Sehens, das
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hier für die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt oder für die Wahr-
nehmung der Realität steht. Die Kritik am Menschenbild der Romantik ist
offensichtlich: Wer zu sehr seine Sicht der Welt absolut setzt, der wird sich in
seinen Hirngespinsten verlieren und in den Wahnsinn abgleiten.
Wer einen Ausweg aus dieser Gefahr bietet, ist wiederum Joseph von
Eichendorff in seiner Erzählung „Das Marmorbild“. Hier wird ein junger Mann
aus einer ganz ähnlichen Situation gerettet. Für den Wahnsinn steht hier eine
junge, schöne Frau, die in Wahrheit nichts anderes ist als ein antikes Venus –
Gespenst. Und die Kraft, die den jungen Mann vor dem Tod durch diese Venus
bewahrt, ist – eine Frau im Ornat der christlichen Mutter Gottes! Und
tatsächlich: Einige Romantiker wie z. B. Clemens von Brentano konvertieren
zum Katholizismus. Anscheinend finden sie in der katholischen Kirche eine
Institution, die sich als Expertin für die Unendlichkeit und damit auch für die
Strukturierung der erweiterten Realität erweist.

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V. Drittes Bild: Auf dem Theater, jenseits aller Zeit – Goethes „Faust“ –
Dichtung
„Müssen wir das denn lesen?“ – „Das ist so schwierig!“ – „Das ist in altem
Deutsch geschrieben!“ – „Das ist in unverständlichem Deutsch geschrieben!“ –
Und irgendwann wird einmal eine Schülerin oder ein Schüler sagen, „das“ sei
gar nicht in Deutsch geschrieben. . .
Die Antwort auf die erste Frage lautet trotzdem einfach nur: Ja! „Das“ muss
man gelesen haben! Wenn es schon jemand einmal in deutscher Sprache schafft,
mit Shakespeares zeitlosen Theaterleistungen mitzuhalten – man sehe sich
„Richard III.“ an, und man hat, unter anderem, Hitler -, dann muss „das“ einfach
sein!
Vorweg: Jeder Vorsatz, eine kurze Einführung in den Faust zu schreiben,
scheitert, das hat schon Thomas Mann einmal bemerkt. Die folgenden
Bemerkungen sollen also nur einen Einstieg in und einen Überblick über die
Struktur des ersten Teils des Dramas geben – mehr kann nicht beabsichtigt sein!
Also: Um was geht es? Eigentlich zunächst einmal um eine Person, die an der
Wende vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit, als unser Menschenbild geboren
wurde, gelebt hat. Von ihm, jenem „Faust“, ist im 16. Jahrhundert ein
sogenanntes „Volksbuch“ mit allerhand Geschichten erschienen, das dann später
unter anderem auch Thomas Mann gelesen hat. Danach sei dieser Faust ein
Wissenschaftler gewesen, der, um an weitere Erkenntnisse zu gelangen, seine
Seele dem Teufel verschrieb. Dafür hatte er dann insgesamt ein tolles Leben,
lernte mit Helena die zeitlos schönste Frau der Welt kennen, aber am Ende ist er
traurig, dass er jetzt in die Hölle muss, stirbt und – muss dann wirklich in die
Hölle. Also: Überleg dir immer gut, was du unterschreibst! Manche nehmen es
ernst!
Über mehrere Stationen gelangt dieser Stoff dann im 17. Jahrhundert nach
England, wo ein gewisser Marlowe daraus ein recht erfolgreiches Theaterstück
macht, und dieses ist beliebt bei einigen Schauspieltruppen, die durch
Deutschland touren und es – als Puppenspiel aufführen. Eine solche Truppe ist
auch in Frankfurt am Main in den fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts
nachweisbar. Und kann man es sich nicht vorstellen: Ein kleiner Junge,
vielleicht acht oder neun Jahre alt, steht vor dem Puppenspiel und kann sich
nicht mehr losreißen vor Begeisterung?
Der kleine Junge ist Johann Wolfgang Goethe, und dass er dieses Puppenspiel
gesehen hat, ist belegt. Als Kind lernt er den Stoff kennen – und wenige Wochen
vor seinem Tod nimmt er die letzten Änderungen am zweiten Teil der Dichtung
vor, seiner Faust – Dichtung. Ein ganzes Leben und ein Universum an
18
Gedanken, Figuren und Erfahrungen floss in dieses Stück ein – das Leben eines
Jahrhundertgenies. Goethe selbst sagte, er habe einige blanke Goldmünzen an
Lebenseinsichten, die er im Leben gleichsam eingetauscht habe, in dem Stück
versteckt.
Worum geht es jetzt also in Goethes „Faust“? – Da müsste man eigentlich
nachfragen: In welchem von ihnen? Da ist am Anfang ein Trauerspiel, das der
junge Goethe während seiner Sturm – und – Drang – Phase schreibt. Eine
Abschrift einer Variante dieses Stück hat das Weimarer Hoffräulein Luise von
Göchhausen angefertigt, diese wurde auf dem sprichwörtlichen Dachboden viel
später wiederentdeckt. Dieser Faust zeigt tatsächlich das Sturm – und – Drang –
Genie, wie es an seine Grenzen gelangt und deshalb den Pakt mit dem Teufel
eingeht.
Wir finden die Hauptfigur zu Beginn dieses Teils des Faust in der Nacht in
einem engen, hochgewölbten gotischen Zimmer – die äußere Situation zeigt
bereits die innere von Faust an. Faust steckt, wie er selbst in Knittelversen
erläutert, in einer doppelten Krise: einer Krise des Lebens – „Auch hab ich
weder Gut noch Geld/ noch Ehr und Herrlichkeit der Welt:/ Es möchte kein
Hund so länger leben!“ – und einer Krise der Wissenschaft: „ . . . und seh, dass
wir nichts wissen können! / Das will mir schier das Herz verbrennen.“ Mithilfe
von Magie will der Wissenschaftler seine Erkenntnis erweitern, um zu seinem
Ziel, der Weltformel, zu gelangen: „. . . dass ich erkenne, was die Welt/ im
Innersten zusammenhält,/ schau alle Wirkungskraft und Samen/ und tu nicht
mehr in Worten kramen.“ Was er allerdings mithilfe der Magie zustande bringt,
ist die Beschwörung eines Erdgeistes, der ihm seine Unzulänglichkeit klarmacht
und seine Krise zur Existenzkrise verschärft. Der anschließende
Selbstmordversuch wird nur durch das Eingreifen himmlischer Mächte – es ist
die Osternacht, und Faust hört die Kirchenglocken – verhindert.
Wer ihm nun aus dieser Situation heraushilft, ist niemand anderes als der Teufel,
Mephisto, der sich selbst in der Studierzimmerszene vorstellt als „der Geist, der
stets verneint“ oder auch „die Kraft, die stets das Böse will/ und stets das Gute
schhafft.“ Mit ihm schließt Faust einen Pakt und eine Wette ab. Mephisto steht
Faust im irdischen Leben bei und zeigt ihm die Schönheiten dieses Lebens,
Faust soll dasselbe im ewigen Leben für Mephisto leisten. Dazu kommt die
Wette: Faust will nur Mephisto angehören, wenn dieser es schafft, Fausts
unstillbaren Drang nach immer neuen Reizen zu besänftigen.
Dieser erste Teil des Stückes, die die innere Krise Fausts, des Gelehrten, zum
Thema hat, endet nahezu satirisch in der Szene „Auerbachs Keller“, in der der
Wissenschaftler Faust, zur Untätigkeit verdammt und fast stumm wie ein Fisch,

19
von Mephisto vorgeführt bekommt, wie unzulänglich seine Fähigkeiten im
Umgang mit Menschen sind.
Um dies zu ändern, schickt Mephisto Faust in die Hexenküche – eine
Gelenkstelle des Dramas. Faust wird durch einen Trank verjüngt, der auch als
Aphrodisiakum wirkt: „Du siehst, mit diesem Trank im Leibe,/ bald Helenen in
jedem Weibe.“ Genau das geschieht: Faust verliebt sich in das erstbeste junge
Mädchen, das ihm nach seiner Verjüngung um dreißig Jahre – magische
Wirkung des Trankes der Hexe – über den Weg läuft. Es ist Gretchen, gerade
einmal 14 Jahre alt – ein Kriterium, das Faust genügt, um sie zu verführen, wie
er später Mephisto gegenüber barsch angibt.
Hier sind wir nun in einem typischen bürgerlichen Trauerspiel der Aufklärung
bzw. des Sturm und Drang angekommen. Mit Mephistos Hilfe verführt Faust
Gretchen, die, um die ungestörte Liebesnacht zu ermöglichen, die Mutter mit
einer Überdosis Schlafmittel tötet – und anschließend auch das in der Nacht
entstehende Kind ertränkt, nachdem sie es geboren hat. Dieses für die Zeit des
18. Jahrhunderts typische, auch sozial spannende Thema des Kindsmords hat
Goethe in Frankfurt als junger Rechtsreferendar kennengelernt, am Fall der
Susanna Margaretha Brandt. Und sein Sturm – und – Drang – Kollege Heinrich
Leopold Wagner, der selbst eine Tragödie mit dem Titel „Die Kindermörderin“
geschrieben hat, wird sich zeitlebens darüber beklagen, Goethe habe ihm den
Stoff gestohlen. . .
Faust, der inzwischen mit Mephisto die Walpurgisnacht besucht hat, will
Gretchen aus dem Kerker befreien, in der Nacht vor ihrer Hinrichtung. Sie aber
übergibt sich dem Gericht Gottes, gerade auch, weil sie sich nicht von Mephisto
abhängig machen will. Faust und Mephisto fliehen.
Auf diesem Bearbeitungsstand nimmt Goethe das Stück auf die italienische
Reise mit – und verändert es durch einen genialen Wurf: Er setzt eine Szene
davor, die aus dem Sturm – und – Drang – Stück ein Stück der Weimarer
Klassik macht: Den Prolog im Himmel. Dort unterhalten sich, ganz im Stile des
barocken Welttheaters, Gott der Herr und Mephisto über den Menschen. Der
Herr setzt dabei dem nihilistischen Weltbild Mephistos das Welt- und
Menschenbild der Klassik entgegen: Der Mensch ist von Grund auf gut und
entwickelt sich in Harmonie mit seiner Umwelt. Wichtig ist sein aktives Streben
nach Vervollkommnung: „Es irrt der Mensch, solang er strebt.“ Das Böse ist
dabei nur ein Teil von Gottes Plan, um den Menschen, der bequem ist,
anzustacheln, damit er sich weiter anstrengt. Die Szene endet mit einer Wette
des Herrn mit Mephisto um die Seele Fausts, die letzterer nicht gewinnen kann,
da er ja ebenfalls Teil des göttlichen Plans ist.

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Mit dieser Szene im Kopf sieht man das gesamte Sturm- und – Drang – Drama
des jungen Goethe nun anders: Faust, das ist nicht mehr das scheiternde Genie,
das in einem bürgerlichen Trauerspiel auch noch ein unschuldiges Mädchen in
Schuld verstrickt – Faust ist jetzt der sich entwickelnde Mensch zwischen den
Einflüssen Gottes und des Teufels, des Guten und des Bösen. Faust – das ist der
Mensch schlechthin, der mit seinen neuen Möglichkeiten der Individualität
umgehen lernt und sich eben auch irrt (wobei dies, in Bezug auf das Schicksal
Gretchens, etwas zynisch anmutet). Am Ende des zweiten Teils der Dichtung ist
er ebenso nur ein Beispiel für die ewig geltenden Lebensgesetze: „Alles
Vergängliche/ ist nur ein Gleichnis.“
Diese Bemerkungen sind viel zu kurz, um auch nur andeuten zu können, was
alles in dieser Dichtung steckt. Deshalb auch noch einmal: Ja, das muss man
gelesen haben!

21
VI. Viertes Bild: Ein Schlafwandler mit Lorbeerkranz – Heinrich von
Kleist, der zwischen Klassik und Romantik schreibt

Was ist das nur für ein seltsamer Dramenbeginn? Da sitzt ein preußischer
Offizier, ein Reitergeneral, in der Nacht vor einer wichtigen Schlacht in einem
Garten, schlafwandelnd, nicht ahnend, dass er das tut, und flicht sich einen
Siegeskranz. Zwei andere Offiziere sehen ihm dabei zu und amüsieren sich. Der
Prinz von Homburg nimmt traumwandlerisch vorweg, dass er durch seinen
Geniestreich einer nicht befohlenen Kavallerieattacke bei Fehrbellin den Sieg
seiner Armee bringen wird gegen die Schweden.
Vielleicht ist das auch ein Bild, in dem der Autor sich gerne selbst gesehen
hätte: Traumwandelnd, zwischen Rationalität und Unbewusstem, aber seiner
Sache absolut sicher, und sich den Lorbeerkranz windend – den Lorbeerkranz
eines Dichterfürsten, der Klassik und Romantik miteinander vereint hat, der
sogar besser als Goethe ist, den er verehrt und der ihn abgelehnt hat.
Dieser Heinrich von Kleist soll hier beispielhaft erwähnt werden für ein paar
Autoren, die zwischen Klassik und Romantik stehen, aber mit diesen beiden
Epochen das idealistische Menschenbild als Basis ihrer Schriften teilen. Neben
Kleist sind dies vor allem Friedrich Hölderlin, dessen große Lyrik die
literarische Moderne in Deutschland mitbegründet, weil er radikal subjektiv zu
schreiben versteht, und der Bayreuther Jean Paul mit seinem Romanlabyrinth.
Bei Kleist ist die Versuchung groß, seine Geschichte vom Ende her zu erzählen
und auch nur vom Ende her zu denken. Im Jahr 1811 erschießt er sich
zusammen mit Henriette Vogel am kleinen Wannsee in Berlin. Hier wird die
Literaturgeschichte oft zur Erklärungsgeschichte des Selbstmordes. Aber wird
man dieser Ausnahmegestalt damit wirklich gerecht? Ist es denn wirklich so
wichtig, alle Stationen dieser verzwickten Biographie immer wieder
aufzuzählen, um zu zeigen, „dass mir auf Erden nicht zu helfen war“, wie Kleist
in einem seiner letzten Briefe schreibt?
Sein Werk ist, wie das von Goethe, Schiller und den Romantikern auch, von der
Lektüre Kants bestimmt. Kleist sucht, und das ist ein Lebensthema bei ihm wie
bei seiner Zeit, nach einer Instanz, die seinem Leben, seinem Handeln, seinen
Entscheidungen absolute Sicherheit verleiht. Vor der Kant – Lektüre meint
Kleist diese Instanz mit dem Verstand gefunden zu haben. Aber dann liest Kleist
Kants „Kritik der reinen Vernunft“ – und stellt fest, in seinen Worten: Wenn wir
Menschen alle mit grünen Gläsern auf den Augen geboren würden, würden wir
unweigerlich zu dem Schluss kommen, die Welt sei grün. Er ist fundamental in
seinem Welt- und Menschenbild erschüttert. Aber genau aus dieser
22
Erschütterung heraus gestaltet er seine ganz besonderen Werke. Diese zeigen
den Menschen gerade auch in den Abgründen ihrer Psyche.
Kleist spielt in seinen Werken (im Wesentlichen sind das Dramen und
Erzählungen) immer wieder durch, auf welche Größen sich der Mensch in seiner
Existenz ganz sicher verlassen kann, um Entscheidungen zu treffen. Dabei
nimmt er auch Kontakt zu einer Gruppe von romantisch geprägten Literaten und
Wissenschaftlern um Adam Müller in Dresden auf, die ihm den Traum und das
Schlafwandeln als Sphären der Verbindung zu einer höheren, wahren Welt
aufzeigen (vgl. Kapitel Romantik, Stichwort „erweiterte Realität“). Viele seiner
Figuren träumen oder wandeln im Schlaf, etwa das Käthchen von Heilbronn
oder der Prinz von Homburg.
Eine andere Größe zur sicheren Weltwahrnehmung könnte die Liebe sein – und
sie "testet“ Kleist in seinem Stück „Amphitryon“. In diesem Stück, das seinen
Stoff aus der griechischen Antike nimmt, begibt sich Zeus in Gestalt des
Thebanerfürsten Amphitryon zu dessen Gattin, um ungestraft und unerkannt
eine Liebesnacht mit der schönen jungen Frau zu verbringen. Allerdings fliegt
dieser Schwindel auf – und Alkmene, die treue Ehebrechern, scheitert mit ihrem
Anspruch, dass einzig und allein ihr Gefühl, ihre Liebe den wahren Gatten
herausfinden wird. Sie kann es nicht mit Göttern aufnehmen und beendet diese
Einsicht in die, um es wieder mit Kleist zu sagen, „gebrechliche Einrichtung der
Welt“ nur noch mit einem: „Ach-!“
Auch in einem anderen, sehr bekannten Stück von ihm ist die Welt aus den
Fugen geraten, und die alten Instanzen zur Konfliktlösung versagen, weil sie
selbst korrumpiert sind. In der Komödie „Der zerbrochne Krug“ steht ein junger
Mann vor Gericht, weil er einen Krug zerschlagen habe, als er das Gemach
seiner Braut verließ. Deren Ehre ist in Gefahr und damit ihre bürgerliche
Existenz. Nur: Wer sie tatsächlich betrügerisch bedroht hat, war – der Richter,
der diesen Fall verhandelt. – Worauf kann man sich in einer solchen Welt noch
eigentlich verlassen?
Was ist an Kleist klassisch, was romantisch? Romantisch ist sicherlich Kleists
Utopie einer Welt, in der der Mensch ganz ursprünglich mit dem richtigen
Leben eins ist. Klassisch ist sein an der Antike geschulter Wille zur Form und
seine Ästhetik autonomer, freier Kunstwerke. Einflüsse Schillers und Goethes
sind bei ihm immer wieder nachweisbar.
Beides zusammengebracht hat dieser Traumwandler allerdings nicht. Das
gelingt ihm auch nicht bei seinem „Prinzen von Homburg“. Eine Figur sagt da
am Schluss: „Ein Traum. Was sonst?“

23
VII. Zwischenbilanz: Texte mit einer Utopie vom Ideal des Menschen

Ob Goethe oder Schiller, Eichendorff oder Novalis, Kleist oder Hölderlin: Alle
literarisch relevanten Texte der geistesgeschichtlich so fruchtbaren Jahre
zwischen 1790 und 1830, die in Deutschland erschienen sind, formulieren
eigentlich eine Utopie. Sie sagen, wie der Mensch sein soll – eine Annäherung
an die ewig gültigen Gesetze der Natur bis zu ihrer idealen Verkörperung, ein
Einssein mit der Natur aus Intuition heraus usw. Woher kommt dieses
Phänomen?
Die Zeit, in der diese Texte entstehen, ist eine Zeit des Umbruchs. Auf der
Ebene politischer Herrschaft ist es das Zeitalter der Französischen Revolution,
der Wirren der napoleonischen Kriege und der Auflösung des Alten Reichs, der
Neuordnung Deutschlands und Europas auf dem Wiener Kongress und des
Gegensatzes konservativ – monarchischer und liberaler, nationaler,
demokratischer Kräfte. Auf der Ebene der Wirtschaft ist es die Zeit der
allmählichen Vorbereitung einer neuen Wirtschaftsordnung, der der Industrie.
Auf der Ebene der Gesellschaft ist es der Übergang von der Stände- zur
Klassengesellschaft und damit zum Individuum jenseits aller ständischen
Bindungen, der stattfindet.
Die Kultur reflektiert und diskutiert alle diese Veränderungen. Sie setzt dem
Übermaß an Ereignissen ein Menschenbild entgegen, das sich gerade nicht an
den Entwicklungen orienterien, sondern ihnen etwas entgegensetzen soll – eine
Orientierung nur an der Vernunft. Ergebnis ist, wie gesagt, ein Bild vom
Menschen, wie er sein soll.
Die Realisten, bereits geprägt vom Übergang zur Klassengesellschaft, von
Industrialisierung und Revolution, werden diese Einstellung kritisieren. Für sie
ist der Mensch geprägt von seinen materiellen Voraussetzungen. Sie wollen den
Menschen nicht mehr beschreiben, wie er sein soll – sie wollen ihn zeigen, wie
er ist.

24
VIII. Fünftes Bild: Menschen, die noch im Himmel donnern helfen müssen
– literarische Strömungen der realistischen Periode

Als Goethe 1832 stirbt, ist die idealistische Periode deutscher


Literaturgeschichte zwar noch nicht zu Ende, aber etwas Neues ist längst im
Entstehen. Einer seiner letzten brieflichen Äußerungen im Kontext der Arbeit
am zweiten Teil der Faust – Dichtung war: „Verwirrender Wandel waltet über
der Welt.“ Was kann damit gemeint gewesen sein?
Was sich im dritten und vierten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts in Deutschland
immer mehr bemerkbar macht, ist ein fundamentaler Wandel der deutschen
Gesellschaft. Mit der industriellen Revolution gehen die alten Stände immer
mehr unter. Immer mehr Menschen suchen Arbeit und bieten ihre Arbeitskraft
an – auf einem Markt, denn alles wird immer mehr zu einem Geschäft. Arbeit
finden sie in den immer häufiger in den urbanen Ballungszentren entstehenden
Fabriken, oftmals auch zu an und für sich unmenschlichen Bedingungen.
Dazu kommt noch die ansteigende Unzufriedenheit mit den politischen
Verhältnissen in Deutschland. Nach Napoleon herrschte im deutschen
Bürgertum Hoffnung auf einen demokratischen, liberalen, nationalen
Völkerfrühling. Aber er kam nicht. Der Wiener Kongress brachte in der Summe
die Wiederherstellung des monarchischen Europa unter konservativen
Vorzeichen und in Abwehr dessen, was sich viele Bürger gewünscht hätten.
Das alles passiert nur ganz allmählich, gerade in Deutschland. Aber es ist
spürbar. Und das hat in der Literatur zur Konsequenz, dass das Menschenbild
der Idealisten immer mehr in die Kritik gerät. Wie soll man sich auch in
Harmonie mit seiner Umwelt entwickeln, wenn man von Anfang an dazu nicht
die Chancen und die materiellen Voraussetzungen erhält?
Ab jetzt gibt es, das ist die Folge, eine Umstellung im Menschenbild der
poetischen Texte. Nicht mehr, wie der Mensch sein sollte, steht im Vordergrund,
sondern, wie der Mensch ist im Rahmen seiner materiellen Voraussetzungen.
Dies wird greifbar in vier unterschiedlichen Schreibströmungen, die die
literarische Szene in Deutschland bis um 1900 bestimmen.
1. Das Junge Deutschland schreibt die Texte für eine grundlegende,
revolutionäre Veränderung politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse.
Wer sich hier hervortut, ist das viel zu früh gestorbene, vergessene und
erst spät wiederentdeckte Jahrhundertgenie Georg Büchner. Sein Woyzeck
ist nicht nur, nebenbei bemerkt, die Grundlage aller modernen Dramatik
bis in unsere Gegenwart hinein, er zeigt hier auch ein radikal neues
25
Menschenbild. Für ihn ist der Mensch eben nichts Besonderes und
Einzigartiges, sondern lediglich eine Weiterentwicklung von Tieren (eine
Ansicht, die bei einem promovierten Mediziner auch nicht verwundert).
Der Mensch ist für ihn determiniert von den materiellen Umständen, aus
denen er stammt: „Wir arme Leut!“ Und wenn man die Macht dazu hat,
kann man mit ihm machen, was man will, sogar naturwissenschaftliche
Experimente, in dem man ihm nur Erbsen zum Essen gibt. Die
Konsequenz wäre eine Revolution – die 1848 versucht wurde, aber dann
scheiterte.
Ähnliche Positionen vertraten u. a. der Lyriker Heinrich Heine und die
Philosophen Ludwig Feuerbach und, natürlich, Karl Marx – alles
Menschen, die ins Exil gehen mussten.
2. Nahezu gleichzeitig existiert eine gebrochene, teilweise auch in sich
widersprüchliche Schreibströmung, die den Wandel beklagt, aber
resigniert feststellt, dass sie ihn auch nicht aufhalten kann, die aber das
Schöne aus der alten Zeit bewahren will: der Biedermeier. Dieses Motiv
der bedrohten Idylle formuliert beispielsweise der Württemberger Eduard
Mörike in seinem berühmten Gedicht „Auf eine Lampe“. Das Schöne,
eine Lampe im klassizistischen Stil, hängt hier in einem „halb vergessnen
Lustgemach“ und wird kaum mehr beachtet. Das Gedicht schließt mit den
berühmten, weil doppeldeutigen Versen, die Gegenstand eines
Briefwechsels von Adorno und Gadamer waren: „Was aber schön ist,
selig scheint es in ihm selbst.“ – Wer entdeckt die Doppeldeutigkeit? – Im
Drama ist es u. a. der Österreicher Franz Grillparzer, der den Rückzug in
die bürgerliche Privatheit als Möglichkeit der Bewahrung des Schönen
sieht, etwa in seinem spannenden Drama „Sappho“. An der Gelenkstelle
zur literarischen Moderne steht ein anderer Österreicher mit seinem Werk,
Adalbert Stifter, dessen Erzählungen mit in Stimmung versetzten
Landschaften einen ganz eigenen Charme entfalten.
3. Eine weitere Idee der Abbildung der Wirklichkeit liefern die großen
Romane des poetischen Realismus. Es sei nicht Ziel, die Realität auch in
ihrer Hässlichkeit genau abzubilden, befindet Theodor Fontane, man
müsse diese Realität eben filtern, um das Überzeitliche und Gültige
herauszuarbeiten. Das gilt für die großen europäischen Leistungen des
Realismus, deren großes Thema das Individuum in der bürgerlichen
Gesellschaft ist, z. B. für Gustave Flauberts Madame Bovary oder Leo
Tolstois Anna Karenina. In Deutschland ist es vor allem Theodor
Fontane, der mit seinen Romanen dem poetischen Realismus in
Deutschland eine Stimme verleiht. Aber auch beispielsweise bei Conrad
Ferdinand Meyer findet sich dieses Konzept.

26
4. Der Naturalismus schließlich bringt den Aufstieg der modernen
Naturwissenschaften in der Literatur zur Geltung. Die Literatur, so die
Forderung, solle nicht mehr sein als eine Versuchsanordnung, wie
Menschen in der Gesellschaft leben und reagieren. Die Maßgabe dazu ist,
typisch naturwissenschaftlich, eine Gleichung: „Kunst=Natur-x“, wobei
das x möglichst gegen Null gehen solle. Aus dieser Idee entstehen
beispielsweise die frühen Dramen Gerhart Hauptmanns. Der Mensch
erscheint hier wiederum als stark determiniert, u. a. auch durch seine
Erbanlagen. Das Drama Vor Sonnenaufgang behandelt so das Thema des
erblich weitergegebenen Alkoholismus, eine These, die in den
Wissenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vertreten
wurde.

Was, bei allen Unterschieden, diesen Strömungen gemeinsam ist, ist das
Bestreben, ein Menschenbild zu zeichnen, das den Menschen in seinem
gesellschaftlichen Umfeld verortet. Und in Abgrenzung zu dieser Idee wird die
Entwicklung von Literatur und Geistesgeschichte dann um 1900 weitergehen.
Dann sind wir schon in der klassischen Moderne angelangt.

27
IX. Methodischer Neuansatz am Beginn von Q 12: Max Webers
„vier Achsen“ für die Zeit von 1900 bis 2016 - ein Versuch

Am Anfang unserer Literaturgeschichte, für die Zeit um 1800, ging es


um den Übergang von der vorindustriellen zur industriellen
Gesellschaft. Auch in unserem Zeitraum haben wir einen Übergang:
den von der industriellen zur postindustriellen Gesellschaft. Merkt
man das auch den literarischen Texten an?

Gehen wir die Rahmenbedingungen kurz durch:

1. Auf dem Feld der politischen Herrschaft passiert in dieser Zeit


ungeheuer viel. Historikerinnen und Historiker müssen für diese
Zeit erklären,
- warum das 1871 gegründete deutsche Kaiserreich in den
ersten Weltkrieg steuerte, an dessen Ende eine Revolution
den alten Eliten des Adels ein Ende bereitete;
- wie es dazu kam, dass das Experiment einer ersten
parlamentarischen Republik scheiterte;
- wie es zum Zivilisationsbruch von NS – Regime, 2. Weltkrieg
und Holocaust kam und warum dieser Bruch ausgerechnet
vom Land Kants, Goethes und Schillers ausging;
- wie sich nach dem zweiten Weltkrieg im Kalten Krieg die
BRD, im Gegensatz zur DDR, stabilisieren und ein Erfolg
werden konnte;
- wie es schließlich zur deutschen Einheit kam.
28
2. Auf dem Feld der Gesellschaft bleibt zu beachten, dass die
deutsche Sozialstruktur von Klassen und Schichten beherrscht
bleibt – bis es nach 1945 im Zeichen eines unglaublichen
wirtschaftlichen Aufschwungs zu einer Wohlstandssteigerung
kommt, die die alten Unterschiede verwischen lässt. Es wird
immer mehr von „Individualisierung“ und „Pluralisierung“
gesprochen. Die Gesellschaft scheint sich in ihrer Mitte weiter
auszudifferenzieren. Erst seit 2008, seit der Subprime – Krise,
wird wieder offener von Klassen und Schichten gesprochen.
3. Was die Wirtschaft betrifft, so ist für unseren Zeitraum vor allem
wichtig, zwei Wendepunkte im Blick zu behalten: Die ist
einerseits die Weltwirtschaftskrise von 1929, die gerade die
deutsche Gesellschaft erheblich unter Druck setzt, und
andererseits die Zeit der „trente glorieuses“ – jene großartige
Zeit von 1945 bis 1973, die unter dem Stern einer beispiellosen
wirtschaftlichen Prosperität stand und erst mit dem ersten
Ölschock endete.
4. Kulturell gibt es viele weitere Entwicklungen. In unseren
Zeitraum fällt beispielsweise zuerst die wirkmächtige
Philosophie Friedrich Nietzsches, dann, nach dem zweiten
Weltkrieg, die des Existenzialismus.

29
Aus all dem lassen sich vielleicht zwei große Thesen zur Entwicklung
der poetischen Texte ableiten:

1. In den Texten von 1900 bis 1945 zeigt sich eine Gesellschaft, die
sich mit der gesellschaftlich – westlichen Modernisierung, der
Individualisierung und der Pluralisierung von Lebensstilen,
auseinandersetzt. Das NS – Regime kann so auch als Bewegung
verstanden werden, die sich gegen diese Modernisierung wehrt.
2. Ab 1945 spiegelt die Literatur in Deutschland, dass die
gesellschaftliche Modernisierung im Zeichen einer westlichen
Kultur und Lebensweise in Deutschland angekommen ist.
Individualisierung und Pluralisierung von Lebensstilen haben
sich als Erfolgsmodell durchgesetzt. So wird auch die
literarische Textproduktion immer subjektiver und
vielgestaltiger. Die Literatur spiegelt den Übergang der
deutschen Gesellschaft zur postindustriellen Phase.

30
Überblicksschema: Rahmenbedingungen 1900 - 2016

Politik
Wirtschaft
Kaiserreich
Weltwirtschaftskrise als
Weltkrieg und Revolution Folge des Ersten Weltkriegs

Weimarer Republik Neustrukturierung der


Weltwirtschaft
NS – Regime, Weltkrieg,
Holocaust „Trentes Glorieuses“

Deutsche Teilung Globalisierungsschub ab den


80er Jahren
Deutsche Einheit

Literatur: Spiegelung des


Übergangs zur
postindustriellen
Gesellschaft

- Modernekrise und
Gegenstrategien
- Expressionismus
- Weimarer Republik:
Neue Sachlichkeit
- Exilliteratur
- Literatur der
BRD/DDR
- Postmoderne
Gesellschaft Kultur
Klassen u. Schichten Philosophie Nietzsches
BRD: Schichten, Auseinandersetzung mit
Milieus totalitären Bewegungen
Individualisierung, Existenzialismus
Pluralisierung
Frankfurter Schule

Postmoderne

31
X. Sechstes Bild: Die große Zäsur: Ein stummes Couchpotato

Ein stummes Couchpotato - was soll man sich nun darunter bitte
vorstellen? Es geht um einen Text des österreichischen Schriftstellers
Hugo von Hofmannsthal, ganz simpel betitelt „Ein Brief“.
Hofmannsthal versetzt damit seine Leser in das England des 17.
Jahrhunderts. Ein Lord Chandos schreibt einem Freund.
Dementsprechend hat der Text als Chandos – Brief Eingang in die
deutsche Literaturgeschichte gefunden. Er beschreibt ein
fundamentales Problem. Die Kernstelle lautet:

„Die Wahrheit ist, dass mir völlig die Fähigkeit abhandengekommen


ist, über irgendetwas zusammenhängend zu denken oder zu reden.“

Um die Tragweite des Problems zu erfassen, ist ein kurzer Ausflug in


die Sprachwissenschaft nötig. Nach Ferdinand de Saussure besteht
eine sprachliche Äußerung aus dem Schriftzeichen selbst, dem
Zeichenkörper (Signifikant) und dem bezeichneten Inhalt, für den das
Schriftzeichen steht (Signifikat). (Diese Theorie lässt sich auch auf
andere Zeichensysteme anwenden, zum Beispiel auf Ampeln: Der
Kasten mit dem roten Licht ist der Signifikant, der Zeichenkörper, das
Signifikat ist die Bedeutung „Anhalten und Stehenbleiben“.) Was
Chandos nun beschreibt, ist, dass für ihn in seiner Sprache beides
auseinanderfällt und damit Schlüsselbegriffe wie „Geist“ oder „Sinn“
oder auch „Ich“ ihren Aussagewert verlieren. Am Ende traue er sich
nicht einmal mehr, sich zu bewegen (Couchpotato!), weil er nicht
mehr wisse, welchen Sinn das Ganze eigentlich habe.

32
Am Beginn der Moderne steht in Deutschland – eine Krise: Eine
Sprach-, Sinn- und Identitätskrise.

Jemand, der dies in seinen Schriften genau so ausführt, ist der


Philosoph Friedrich Nietzsche, mit dem sich praktisch alle
Schriftsteller poetischer Texte bis 1919 intensiv auseinandersetzen. In
seiner Zeitdiagnose (Bezug genommen wird hier auf die dritte der
unzeitgemäßen Betrachtungen, „Vom Nutzen und Nachteil der
Historie für das Leben“) spielt sowohl die Sprachkrise eine Rolle – er
spricht von „Begriffsdrachen“ - wie die Beobachtung, dass es ein
Übermaß an geschichtliches Wissen gäbe, das aber nicht mehr
fruchtbar sei, sondern nur noch lähmend. Der Mensch, der aufgrund
seiner Herkunft und seiner Instinkte eigentlich ein animal sein
müsste, sei lediglich nur noch ein cogital – ein Wortspiel, das er von
Descartes berühmten Satz „Cogito, ergo sum“ (Ich denke, also bin
ich) ableitet. Für Nietzsche müsste es eigentlich heißen: „Vivo, ergo
cogito“ (Ich lebe, also denke ich). Nietzsche möchte im Menschen
wieder zurückführen in ein Dasein, in dem er wieder seinen
natürlichen Instinkten trauen kann. Er soll sich abwenden von einer
Gesellschaft, die ihn nur von sich selbst entfremdet hat.

Wie reagieren nun die Schriftsteller ihrer Zeit, im Übrigen auch in


Abkehr vom Naturalismus, der als zur realitätsverliebt und unpoetisch
kritisiert wird, auf diese philosophische Krisendiagnose? Es gibt im
Großen und Ganzen vier Wege, die sich erkennen lassen:

1. Wie in der bildenden Kunst gibt es einige Schriftsteller, die sich


darauf zurückziehen, in ihren Texten sinnliche Eindrücke zu
schildern. Nach einer neuen, modernen Richtung in der
französischen Malerei wird diese in der deutschen Literatur
33
nicht sonderlich einflussreiche Richtung Impressionismus
genannt.
2. Einen anderen Weg beschreitet der Dichter Rainer Maria Rilke.
Er ist während der Zeit der Jahrhundertwende Sekretär des
bekannten französischen Bildhauers Auguste Rodin. Seine
Überlegung ist folgende: Wenn man sich zunächst auf ein
abgrenzbares Ding beschränkt, dies beschreibt und an ihm
einen Begriff neu definiert, dann wäre es doch auch möglich, die
Kluft von sprachlichem Zeichen und Bedeutung wieder zu
schließen. Ergebnis sind die Dinggedichte Rilkes aus dieser Zeit
wie beispielsweise „Archaischer Torso Apollos“, in dem er sich
dem Begriff des Göttlichen neu nähert. Diese Stilrichtung nennt
man Symbolismus.
3. Gerade der Kunst trauen manche zu, der Gesellschaft aus dieser
Kulturkrise einen neuen Weg herauszuweisen. Ein Schriftsteller
wird für sie zu einer Art Prophet auf dem neuen Weg des
Menschen. Beispielhaft für diese Idee steht in der deutschen
Literatur Stefan George, der, sich wie ein Geistesfürst
zelebrierend, in München um sich einen Kreis von Anhängern
schart, den so genannten George – Kreis, zu dem auch der
spätere Hitler – Attentäter Graf von Stauffenberg gehört, mit
gerade einmal 15 Jahren. Für George muss Kunst elitär sein und
hebt sich von primitiven Formen sprachlichen Ausdrucks wie
dem Roman vor allem durch Formstrenge ab. Deshalb legt er bei
der Drucklegung seiner Gedichte auch großen Wert auf deren
edle Darbietung. Ein programmatisch beginnendes Gedicht aus
einem seiner Zyklen lautet: „Des Sehers Wort ist wenigen
gemein. . .“ – Hier sprechen wir vom Ästhetizismus. Neben
34
Stefan George tun sich hier auch noch Rainer Maria Rilke und
Hugo von Hofmannsthal hervor, die dann aber, im Gegensatz zu
George, ihre künstlerischen Entwicklungen unterschiedlich
fortsetzen.
4. Wer die philosophische Krisendiagnose der Moderne eher
aufnimmt und in der bürgerlichen Gesellschaft, in der er
aufgewachsen ist, mit seinen Texten verfolgt, als dass er eine
Gegenstrategie entwickelt, ist der Lübecker Kaufmannssohn
Thomas Mann. Was bei ihm hinzukommt, ist eine sehr
persönliche Neigung, die kein Mensch offiziell wissen darf, weil
sie laut Strafgesetzbuch zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe
führen kann: Thomas Mann ist homosexuell. Seine
Beschäftigung mit der Krisendiagnose der bürgerlichen
Gesellschaft und seine Beschäftigung mit seiner Homosexualität
fließen ineinander, etwa, wenn es deutlich am Beginn der
Novelle „Tonio Kröger“ heißt, dass Tonio Kröger Hans Hansen
liebte (So steht das da! Wörtlich!) und schon vieles um ihn
gelitten habe. In seinen Romanen und Erzählung bis zu „Tod in
Venedig“, groß gefasst auch im Buddenbrooks – Roman, für den
er den Nobelpreis erhält, zeigt Thomas Mann diese Krise des
Bürgertums ganz konket und setzt sich auch dabei mit der Idee
einer Schönheit am Rande des Todes auseinander, die er in
dieser Krisendiagnose verwirklicht sieht. Und bereits bei ihm
kommen als Gegenentwurf vor: Figuren in der vitalen Kraft ihrer
sinnlichen Existenz, die einzig und allein dem Drang zu leben
gehorchen, sinnlich und rücksichtslos. So etwa Herr Klöterjahn
(Was für ein Name!) in der Novelle „Tristan“, der zunächst
einmal gut frühstücken will und dann das Zimmermädchen
35
verführt. . . – Etwas Neues beginnt für Thomas Mann in der
Verarbeitung des Untergangs seiner bürgerlichen Welt im Ersten
Weltkrieg. Im Zauberberg löst er seine Idee der ästhetizistischen
Todesschönheit auf in der Erkenntnis: Man soll um der Liebe
und Güte willen dem Tod keine Macht einräumen über sein
Leben.

Ein Panorama der literarischen Produktion um 1900 ist also äußerst


vielgestaltig. Die unterschiedlichsten Stile und Ideen stehen
nebeneinander. Was sie eint, ist der philosophische Diskurs um die
diagnostizierte Krise des Bürgertums. Es ist diese Zeit, die wir als
klassische Moderne bezeichnen.

36
XI. Siebtes Bild: München, Lenbachhaus, irgendein Gemälde

Ein wunderbares Museum ist es, das die Stadt München wirklich
ziert, diese Sammlung von Bildern der Münchener Künstlerver-
einigung „Blauer Reiter“, aus der Zeit vor 1914, damals, als München
eine der kulturellen Metropolen Deutschlands, wenn nicht Europas
war und „leuchtete“, um ein viel zitiertes Wort von Thomas Mann
aufzugreifen, der ja auch Teil dieses Münchens war, bevor die Nazis
ihn vertrieben.

Aber es soll hier nicht um Thomas Mann gehen und auch nur indirekt
um den „Blauen Reiter“. Die Gemälde, die diese Künstlergruppe
produziert, zeigen zwei Gestaltungsprinzipien: 1. Die Farbe der Dinge
löst sich von den Gegenständen selbst, so entstehen beispielsweise
die blauen Pferde Franz Marcs. 2. Schrittweise werden die Dinge
abstrahiert, d. h. auf das Wesentliche reduziert. So mahlt Gabriele
Münter immer wieder dieselbe Landschaft bei Kochel, bis diese nur
noch aus ein paar geometrischen Formen besteht. Eine neue
Epochenrichtung ist so geboren: der Expressionismus, die
Ausdruckskunst. In der es darauf ankommt, das Innere des Menschen
radikal und auf den Punkt gebracht zu gestalten.

Auch bei den poetischen Texten kommt diese Kunstrichtung an, sie
ist die letzte fassbare Epochenströmung in der Literaturgeschichte.
Danach folgt ihre Gliederung der Phasen der politischen Geschichte.

Welche Kennzeichen hat sie?

1. Als Menschenbild wird der „neue Mensch“ ausgegeben. Was an


ihm genau „neu“ ist und worauf Wert gelegt werden soll, ist, und

37
gerade das ist das Problem, offen. Der „neue Mensch“ wird so
zu einer Art unbeschriebenem Blatt, das verschiedene Kräfte
verschieden füllen können. Deshalb finden sich
expressionistische Dichter später sowohl auf Seiten des NS –
Regimes als auch, später, in den Diensten der sozialistischen
Republiken. – Das Motiv kommt gerne vor in der
expressionistischen Dramatik, wo mithilfe der bereits
ausgeführten Philosophie Nietzsches Figuren auftauchen, die
der oberflächlichen bürgerlichen Gesellschaft widersprechen
und aus ihr ausbrechen wollen – sei es als Kriminelle (Kaiser,
Von morgens bis mitternachts) oder als schöne Frauen mithilfe
von Erotik (Carl Sternheim, „Die Hose“). Was immer dargestellt
wird, ist der Aufbruch zu einer neuen, unmittelbar gelebten Form
von Zivilisation.
2. Das Abstraktionsprinzip findet sich wieder in der formalen und
sprachlichen Gestaltung expressionistischer Gedichte. Ihre Zahl
ist Legion. Abstraktion kann vorliegen in der Beschreibung von
Dingen, Landschaften, Menschen oder auch in der formalen
Gestaltung der Verse (z. B. als prosanaher Langvers bei Ernst
Stadler) oder in der Verknappung des Satzbaus bis zu lediglich
elementaren sprachlichen Äußerungen (August Stramm).
3. Was sich immer wieder im Rahmen des Abstraktionsprinzips
vorfindet, ist eine Radikalisierung des Ausdrucks von Dingen bis
hin zur Groteske, einer maßlosen Übertreibung – so werden zum
Beispiel in Jakob von Hoddis‘ Gedicht „Weltende“ Menschen
verdinglicht, indem sie mit Dachziegeln verglichen werden – und
zur „Ästhetik des Hässlichen“, bei der scheußliche Dinge als
schön dargestellt werden.
38
4. Wichtiger poetisch beschriebener Raum des Expressionismus ist
die Stadt. Sie ist die Sphäre eines neuen Lebens, geprägt
einerseits durch Anonymität, andererseits durch Vermassung,
Beschleunigung und technischen Fortschritt. In Anlehnung an
ähnliche Gedichte der französischen Literatur, etwa von
Baudelaire, entstehen auch in Deutschland viele
expressionistische Gedichte um den neuen Lebensraum „Stadt“
herum.
5. Ebenfalls ein Thema ist die Diskussion um moderne Technik
und Rationalität. Als Beispiel dafür kann Ernst Stadlers
bekanntes Gedicht „Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei
Nacht“ dienen. Hier mischen sich anlässlich einer Beschreibung
einer Zugfahrt in das Lichtermeer der Stadt hinein und
anschließend wieder heraus, um wieder in der Dunkelheit zu
landen, Begeisterung gegenüber modernen technischen
Errungenschaften und Beklommenheit angesichts der Frage, ob
damit die Dämonen menschlicher Triebhaftigkeit wirklich
gebannt sind. Eine ähnliche Stimmung findet sich auch in der
Verarbeitung des Erlebnisses moderner Kriegsführung in Georg
Trakls letztem Gedicht „Grodek“: „Alle Straßen enden in
schwarzer Verwesung.“

Gesammelt wird die vor allem lyrische Produktion des


Expressionismus in so genannten Anthologien, also thematisch
gegliederten Sammlungen. Die wichtigsten Gedichte des
Expressionismus hat so Kurt Pinthus in seinem Buch
„Menschheitsdämmerung“ zusammengestellt. Viele der Autorinnen

39
und Autoren, die dort mit ihren Werken stehen, sterben in den
Schützengräben des Ersten Weltkriegs, oder, wie Jakob van Hoddis, in
den Konzentrationslagern der Nazis. Franz Marc, Mitglied des „Blauen
Reiters“, fällt vor Verdun.

40
XII. Achtes Bild: Georges Grosz, „Die Stützen der Gesellschaft“ -
Eine Zeit der Extreme: Die Literatur der Weimarer Republik

Ab 1918, es wurde schon gesagt, folgt die Epochenbezeichnung der


Literaturgeschichte der politischen Geschichte. Der Grund dafür ist
einfach. Es gibt keine vorherrschende, kunsttheoretisch begründete
Strömung mehr, die das Zeug zu einer ganzen „Epoche“ gehabt hätte.
Auch in Weimar herrscht Stilpluralismus. So wird beispielsweise der
sich allmählich entwickelnde Film vom Expressionismus beherrscht,
der auch in der poetischen Textproduktion noch nachwirkt. Aber es
gibt auch neue Töne und neue Tendenzen:

1. Gleich zunächst ist hier die „Neue Sachlichkeit“ zu nennen.


Nach einem übermäßigen Pathos, den der Expressionismus
verbreitet hatte, scheint jetzt wieder Nüchternheit im Ton
angesagt zu sein. Beispielhaft sehen kann man dies an Erich
Kästner. In seiner fast schon programmatischen „Sachlichen
Romanze“ heißt es: „Als sie einander acht Jahre kannten,/ und
man kann sagen: Sie kannten sich gut,/ kam ihre Liebe plötzlich
abhanden/ wie anderen Leuten ein Stock oder Hut.“ Der Verlust
der einst als sinnstiftend gefeierten romantischen Bindung wird
kühl bedauert, aber Pathos? Fehlanzeige. In einer „Prosaischen
Zwischenbemerkung“ in einem seiner Gedichtbände begründet
Kästner dies folgendermaßen: Die Zeiten, in denen Dichter
praktisch die Stifter einer weltlichen Ersatzreligion waren, die
Lebenssinn vermittelte, seien vorbei. Gedichte würden jetzt
seriell hergestellt wie andere Gebrauchsgegenstände auch, und
sie würden auf ganz konkrete Bedürfnisse eingehen. Ein Dichter
41
sei nämlich insofern nützlich, als dass er es schaffe, Dinge in
Worten auszudrücken, die andere nicht in Worte fassen
könnten. Und das sei die Ware, die ein Dichter auf dem Markt
der Kunst – denn Kunst sei ein Markt – anzubieten habe.
2. Zu dieser Strömung gerechnet wird außerdem eine Gruppe von
Autoren, die satirische Texte für das Kabarett oder die Revue
schreibt – oder für die Zeitung „Die Weltbühne“, die vor allem
mit dem Namen Kurt Tucholskys verbunden ist. Neben Erich
Kästner schreiben dort auch Autoren wie Erich Weinert oder
Walter Mehring. Ganz am Ende der Weimarer Republik hat die
Szene auch noch einen weiblichen Shooting Star mit dem
Namen Mascha Kalecko. – Sie alle beschreiben das neue, von
oft auch weiblichen Angestellten mit Bubikopf getragene,
pulsierende, schnelle, freche Großstadtleben – „Asphaltliteratur“
werden die Nazis das später verächtlich nennen. In der
„Weltbühne“ erscheinen auch immer wieder flammende
politische Kommentare, kluge Buchbesprechungen – in diesem
Genre wären auch noch Alfred Polgar oder Karl Kraus zu nennen
– oder bissige Satiren auf den deutschen Spießbürger, die
rechte Justiz und andere Probleme der Zeit.
3. Künstlerisch Neues gewagt wird zum Einen: auf der Bühne. Der
Augsburger Bertolt Brecht entwirft eine gänzlich neue
Theatertheorie, das „epische Theater“: Nicht mehr einfühlen soll
sich der Zuschauer in die Figuren, diese Illusion soll sogar durch
so genannte Verfremdungseffekte und durch eine bewusst
offene Dramenform zerstört werden. Der Zuschauer soll mithilfe
des Stückes die dort gezeigten gesellschaftlichen Zustände

42
nüchtern analysieren und zu dem Ergebnis kommen, die
Zustände ändern zu müssen.
4. Künstlerisch Neues wird auch im Roman gewagt. Angeregt
durch den neuen Großstadtroman in der englischsprachigen
Literatur – Kurt Tucholsky ist es, der James Joyce’s Roman
„Ulysses“ in deutscher Übersetzung zum ersten Mal in der
Weltbühne bespricht – gibt es jetzt auch zumindest einen neuen
Großstadtroman, der neue ästhetische Mittel in der Prosa
einsetzt, Alfred Döblin in seinem „Berlin Alexanderplatz“. Dies
sind die Mittel der Montage, der erlebten Rede und des Stream
of Consciousness.
5. Was trotz allem bleibt, ist eine literarische Szene, die die
gesellschaftliche Tendenz der Radikalisierung von Lagern genau
abbildet – so, wie das berühmte, in der Überschrift erwähnte
Gemälde von Georges Grosz. Da steht der konservativ – elitäre
Ernst Jünger mit seinem Kriegstagebuch „In Stahlgewittern“
gegen Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“.
Er, wie auch Tucholsky und Karl Kraus („Die Fackel“) werden
die Erfahrung machen, dass der Aufstieg des National-
sozialismus nicht mit der Schreibmaschine aufzuhalten ist.

43
XIII. Neuntes Bild: „. . . die eigentlich Dampfhämmer sind“ – Wohin
mit Franz Kafka?

Kafka lässt sich nicht vereinnahmen.

Das merkt man schon, wenn man seine eigentümlichen Prosagebilde


das erste Mal liest, zum Beispiel das kurze Stück „Auf der Galerie“. So
knapp es gehalten ist, es ist eine Schule moderner Weltwahrnehmung
– auch, wenn einem diese vielleicht nicht unbedingt gefällt. Einen
Inhalt dieses Textes anzugeben, ist recht schwer – eher schon kann
man sagen: Er ist aus zwei Satzperioden aufgebaut, die eine beginnt
mit „Wenn“, die andere mit „Da dem aber nicht so ist. . .“ –
dazwischen wird ein Bild einer Zirkusreiterin und ihrem Vater
entworfen, das Ganze soll in einer Zirkusmanege spielen und „Auf der
Galerie“ gibt es einen Beobachter. In Wahrheit aber – gemessen an
der Verwendung von Indikativ und Konjunktiv für die Aussagen –
befinden wir uns in einer Fabrikhalle, in der Dampfhämmer arbeiten. –
Was ist nun wahr, was falsch? Wie viel wert ist menschliche
Wahrnehmung? Gibt es „Wahrheit“ überhaupt noch?

Kafka lässt sich nicht vereinnahmen.

Er versteht es nämlich, so der heutige Lehrstuhlinhaber für


Literaturgeschichte an der LMU München in einem spannenden Buch,
großartig, ein Versteckspiel vor seinen Lesern zu betreiben, das sich,
seine Werke und auch sein Leben benutzt, um auf
Nimmerwiedersehen zu verschwinden und auf keinen Fall
festgenagelt zu werden, in keiner Hinsicht, von niemandem. Seine
Texte, so die wichtigste These, seien nichts anderes als ein Spiel von

44
Interpretationshemmung und Interpretationsprovokation. Und so kann
man anhand der Lektüre von Kafka – Texten lernen, was man
eigentlich tut, wenn man einen Text interpretiert. Und man kann
vielleicht jenem Urwald von Interpretationsansätzen entgehen, in die
Kafka einen mit dieser Technik mutwillig schicken will; den
psychologischen. Den biographischen (Ach, der böse Vater!). Den
jüdischen. Den atheistischen. Den kommunistischen. Und so fort. . .
Eine Mitstudentin von mir recherchierte einmal zu dem Text „Auf der
Galerie“ – und fand über dreißig verschiedene Interpretationen. . .

Kafka lässt sich nicht vereinnahmen.

Das gilt erst recht, wenn man versucht, ihn irgendeiner „Epoche“
zuzuordnen. Ist er, aufgrund der literarisch inszenierten Auflehnung
gegen den Vater („Brief an den Vater“) Expressionist? (Dafür fehlt mir
persönlich das Pathos, die Metaphorik, die Lust zum
Sprachexperiment, das Abstraktionsprinzip. . .) Ist er in seinen Texten
seit „Das Urteil“ vielleicht ein Vertreter der Neuen Sachlichkeit?
(Dafür ist er mir in seiner Thematik zu existenziell, zu wenig
distanziert, zu wenig nüchtern. . . )

Kafka lässt sich nicht vereinnahmen.

Nur eines ist klar. Kafka muss man lesen. Vielleicht ist er derjenige,
der zum letzten Mal etwas wirklich Neues in der deutschen Literatur
thematisiert - in seiner Beschreibung der Absurdität und Anonymität
moderner menschlicher Existenz, dem Ausgeliefertsein an höhere,
anonyme Mächte, der Unklarheit der Deutung sogar des eigenen
Lebens. Kafka ist für die deutsche Literatur so wichtig wie Goethe
oder Büchner.

45
Und jetzt habe ich ihn vereinnahmt. . .

XIV. Zehntes Bild: München, ein brennender Haufen Bücher

Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler Reichskanzler. Am 5. Mai 1933


brennen auf vielen Plätzen in vielen Großstädten Deutschlands die
Bücher der Autoren, die vom neuen Regime nicht mehr als deutsch
betrachtet werden, darunter alle, die in diesem Skript bereits genannt
wurden, seit Thomas Mann. Erich Kästner steht in München dabei
und sieht es sich an. Und natürlich muss hier das Diktum Heines
stehen, wonach derjenige, der Bücher verbrenne, später Menschen
verbrenne. Genauso ist es ja dann auch gekommen. Ein Exodus an
deutscher intellektueller Potenz setzt ein. Aber es kommen auch viele
um oder legen selbst Hand an sich. Einige wenige bleiben zu Hause
und tauchen unter. Aber dazu später.

Was kennzeichnet zunächst den Kulturbetrieb im Dritten Reich? Er


wird zentral gelenkt und kontrolliert durch das Ministerium für
Volksaufklärung und Propaganda unter Dr. Joseph Goebbels, den der
Kabarettist Werner Finck in seinen Memoiren als den klügsten aller
führenden Nazis bezeichnet. Dem Ministerium untergeordnet ist die
Reichsschrifttumskammer. Wer publizieren will, muss in ihr Mitglied
und anerkannt sein. Erich Kästner stellt einen Antrag, wird aber mit
dem Hinweis abgewiesen, er könne bei seiner Vergangenheit froh
sein, wenn er vom Regime unbehelligt bleibe.

Was Autoren, die gerne in der Reichsschrifttumskammer sind,


produzieren, ist klar: die Verherrlichung von Führerkult und
Volksgemeinschaft. Es ist kein Wunder, dass die Literatur, genauso

46
wie der Film, zum Propagandainstrument des NS – Regimes
verkommt. Eine spannende, hier nur anzudeutende Frage ist es da,
welche Stücke auf die Spielpläne der Theater kommen und welche
Schauspieler sie spielen dürfen.

Welche Strategien gibt es nun, mit dieser Diktatur der Kunst


umzugehen?

1. Man schweigt und schreibt für die Schublade. Das tut, teilweise,
Erich Kästner. Er schlägt sich ansonsten mit harmlosen
Theaterproduktionen, Unterhaltungsromanen, Kinderbüchern
oder dem Drehbuch für den Film „Münchhausen“ durch.
2. Man zieht sich vollständig ins Private zurück und produziert,
wenn überhaupt, nüchterne, unpolitische Betrachtungen.
Gottfried Benn schreibt beispielsweise Gedichte über Rosen.
(Immer noch besser als sein anfängliches begeistertes
Zustimmen zur NS – Diktatur. . .)
3. Man flieht ins Exil, analysiert dort die Lage und versucht, auf die
Heimat Einfluss zu nehmen, so, wie es Thomas Mann von den
USA aus mit seiner BBC – Reihe „Deutsche Hörer!“ tut. Das
literarische Exil bietet eine äußerst vielfältige Szene, der Christa
Wolf in ihrem letzten Roman „Stadt der Engel oder die Overcoat
of Dr. Freud“ ein schönes Denkmal gesetzt hat.

(Wer übrigens später, in den fünfziger Jahren, in der BRD zunächst


einmal wieder diskutiert und auch in der Schule gelesen wurde, waren
die Autoren der inneren Emigration. Autoren wie Bertolt Brecht oder

47
Thomas Mann hatten es da viel schwerer, denn sie waren ja geflohen
und hatten ja keine Ahnung. . .)

48
XV. Elftes Bild: Inventur

Kann dieses Kapitel denn anders heißen als das berühmte Gedicht
von Günter Eich? – Aber der Reihe nach. Dieses Kapitel muss
zunächst mit einer guten Nachricht beginnen. Der Krieg ist aus.
Nachdem Hitler sich am 30. April 1945 im Führerbunker in Berlin das
Leben genommen hat, kapituliert die Reichshauptstadt am 2. Mai vor
der russischen Übermacht. Am 8. Mai 1945 schweigen endgültig alle
Waffen. Die Wehrmacht hat kapituliert. Das alte Deutschland ist
praktisch untergegangen. Deutschland, das ist jetzt ein Land, von den
Alliierten besetzt und in vier Besatzungszonen geteilt. Die Flagge
dieses „Landes“ ist das „C“ aus dem Flaggenalphabet, das für
„capitulation“ steht.

Auch in der Kultur gibt es Ende und Neuanfang. Schlägt jetzt vielleicht
die Stunde der Schriftsteller des Exils? Kommen sie nach Hause und
moderieren sie einen künstlerischen und moralischen Neuanfang?
Mitnichten. Sie werden bestenfalls misstrauisch beäugt. Jemand wie
Alfred Polgar wird nie wieder heimisch und beendet sein Leben in
einem Hotelzimmer in der Schweiz. Auch Thomas Mann ist in seiner
alten Heimat nicht mehr erwünscht, auch er zieht in die Schweiz.
Bertolt Brecht geht, später, in die DDR – und fragt sich
wahrscheinlich, wo er da nur hingekommen ist.

Wer jetzt das Wort ergreift, ist eine neue Generation von
Schriftstellern, die, den Schützengräben entkommen, ein radikal
neues ästhetisches Konzept fordert, um einen Neuanfang zu wagen.
Dazu ist es erst einmal nötig, die deutsche Sprache von allem

49
Propagandamissbrauch zu reinigen. Genau dies leistet das Konzept
der „Kahlschlagliteratur“, das antritt, mit einem neuen, skeptischen,
realistischen, aber humorvollen Blick auf die Menschen eine neue
Grundlage für geistige Diskurse zu schaffen. Es sind dies
Schriftsteller wie Wolfgang Borchert in seinen Kurzgeschichten und in
seinem Drama „Draußen vor der Tür“ oder wie Günter Eich mit seiner
Kahlschlag – Lyrik, oder wie Heinrich Böll, Siegfried Lenz – man lese
seinen neu entdeckten Roman „Der Überläufer“! – oder wie andere,
die vor allem Kurzgeschichten schreiben.

Sie versuchen nun das, was erst in den fünfziger Jahren vollständig
gelingen wird. Sie wollen die deutsche Literatur wieder in Anschluss
bringen an die internationale künstlerische Entwicklung, von der
Deutschland 12 lange Jahre abgeschnitten war.

Zu erwähnen ist vielleicht noch: Erich Kästner hat den Krieg in der
inneren Emigration überlebt und gründet jetzt in München eine neue
Zeitung sowie ein neues Kabarett. Aber man darf ihn nicht darauf
ansprechen, dass er doch immer gesagt hat, er bleibe nur hier, um
eines Tages den großen Roman über das NS – Regime zu schreiben.
Den bringt er nie zustande . . .

50
XVI. Zwölftes Bild: Ein Junge mit einer Blechtrommel – Literatur
der „guten alten BRD“

Gute alte BRD? Kommt das manchen heutzutage vielleicht so vor?


Damals, als es immer nur bergauf ging (genau gesagt, bis 1973),
damals, als es eine klare Einteilung der Welt gab (und man konnte
herrlich so tun, als ob man Kommunist sei, aber in Wahrheit wollte
man doch Chef einer Aktiengesellschaft. . . ), damals, als alles noch
irgendwie kleiner, gemütlicher, überschaubarer war . . . Nichts von
alledem stimmt, aber doch ist die BRD, dieser eine von beiden übrig
gebliebenen Teilstaaten eines nach zwei Weltkriegen untergegangen
undeutschen Reiches, doch der historische Raum, aus dem wir hier
kommen.

Die Entwicklung der Literaturproduktion in diesem, unserem Lande


verfolgt man am besten nach Jahrzehnten:

1. In den fünfziger Jahren findet man als Schreibkonzept die


Philosophie des Existenzialismus vor. Das bedeutet: Der
Mensch ist in das Leben hineingeworfen, es gibt keinen Gott,
der einen Sinn bietet, der Mensch muss sich seine eigene
Existenz konstruieren, auf diese kommt es jetzt an. Als
Hintergrund für die poetischen Texte findet sich diese Idee bei
Günter Grass, Martin Walser, Heinrich Böll, Siegfried Lenz,
Ingeborg Bachmann. . . Praktisch alle, die sich seit der
Nachkriegszeit in der „Gruppe 47“ treffen und Texte diskutieren,
teilen zunächst diese Philosophie.

51
2. In den 60er Jahren sind wir im Jahrzehnt der großen
Modernisierung der alten BRD angekommen, manche sagen, sie
sei erst jetzt richtig im Westen angekommen. Das ist politisch u.
a. die Folge der SPIEGEL – Affäre und der einsetzenden
Aufarbeitung der NS – Verbrechen durch deutsche Gerichte,
geistesgeschichtlich sicher auch das Werk der „Frankfurter
Schule“, einer Gruppe von Soziologen aus dem alten Frankfurter
Institut für Sozialwissenschaften, die, vom NS – Regime verfolgt,
zunächst in die USA gingen und bei ihrer Rückkehr die BRD als
kapitalistisches Regime der bürgerlichen Ausbeuterklasse mit
demokratischer Maske verstanden. Dieser sozialistische Ansatz
findet sich immer wieder in wichtigen Texten der 60er Jahre,
beispielsweise in denen von Peter Weiss.
3. Als gegen Ende der 60er Jahre die große Revolution in der BRD
doch ausblieb, entschlossen sich viele Autorinnen und Autoren
in den 70ern, von großen neuen Menschenbildern unter
Änderung politisch – gesellschaftlicher Vorzeichen Abschied zu
nehmen und wieder die eigene, die subjektive Sichtweise der
Dinge in den Vordergrund zu rücken. Das geht bis in die
Übernahme von Ideen der Psychoanalyse, um zu zeigen, wie
sich die Gesellschaft bis hinein in das Seelenleben der
Menschen auswirkt. Diese Strömung nennen wir „Neue
Subjektivität“.
4. Literarisch gesehen setzt ab den achtziger Jahren das ein, was
man, ästhetisch gesehen, immer noch unsere Gegenwart
nennen könnte: die Postmoderne. Leicht fassbar ist dieses
Ideengebäude für die poetischen Texte nicht. Was den Kern
ausmacht, kann man vielleicht am beste sehen, wenn man einen
52
der großen postmodernen Romane der Zeit betrachtet, „Das
Parfum“ des Müncheners Patrick Süskind. Der unsympathische
Held des Romans, mit einer über alles empfindlichen Nase
ausgestattet und „Grenouille“ heißend, setzt sich im Zuge seiner
Wanderung, die durch Morde bestimmt ist, an einer Stelle des
Romans in die Bergwelt des französischen Zentralmassivs ab
und lebt dort in einer Höhle. Er macht hier eine für ihn
fürchterliche Entdeckung: Er kann sich selbst nicht riechen. Er
hat keinen eigenen Geruch – und damit keine eigene Identität.

Damit ist hier, als erstes von vier Kennzeichen dieser


Kunstrichtung, ein Kernmerkmal postmodernen Menschenbildes
genannt: die Auflösung des Ich. Etwas wie ein eigenständiges,
originales Individuum – man erinnere sich da nur an den Sturm
und Drang! – gibt es nicht mehr, das „Ich“ ist nur noch ein
Ergebnis aus der beliebigen Kombination von Versatzstücken
aus dem großen kulturellen Archiv der Menschheit.

Aus solchen Versatzstücken besteht auch postmoderne


Literatur. Das, was literarische Texte eigentlich schon immer
ausgezeichnet hat, nämlich, Bezug zu nehmen auf andere
literarische Texte, wird nun zum Kompositionsmerkmal erhoben,
dem der Intertextualität.

53
Drittens ist es typisch, dass man postmoderne Texte immer auf
unterschiedliche Art und Weise lesen kann (Doppelcodierung) –
nämlich, wie im Fall von „Das Parfum“, auf einer Ebene als
Kriminalroman und auf einer anderen Ebene als ästhetisch
anspruchsvoller Roman der Hochliteratur.

Und als viertes großes Merkmal könnte man hier noch nennen,
dass in postmodernen Texten meistens der menschliche Körper
in irgend einer Weise thematisiert und inszeniert wird,
beispielsweise in der wirklich großen, komischen, aber formal
ungeheuer vielfältigen Lyrik von Robert Gernhardt.

Das ist der Stand im Westen – bis zum Mauerfall.

54
XVII. Dreizehntes Bild: Ein Mann mit einer Gitarre – die Literatur
der DDR

Vielleicht lässt sich an seinem Leben am leichtesten zeigen, was der


zweite deutsche Teilstaat für dessen Bewohner bedeuten konnte.
Heute, über achtzigjährig, hat er gerade seine Autobiographie
veröffentlicht: Wolf Biermann.

Nach dem zweiten Weltkrieg – er selbst ist in Hamburg geboren –


zieht er als junger Mann in die DDR. Freiwillig. Er glaubt daran, dass
sich nur durch den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft
„Auschwitz“ ein zweites Mal verhindern lasse. (Christa Wolf, eine
andere DDR – Schriftstellerin, hat in ihrem Roman eine solche Szene
geschildert. Sie erhebt in den 60er Jahren auf einem Parteikongress
einen kritischen Einwand und wird von einer alten Kommunistin,
ehemals KZ – Insassin, gemaßregelt, sie wolle doch wohl Auschwitz
zurück?) Zunächst veröffentlicht er ganz linientreue Lieder, die ihm
heute peinlich sind, wird dann aber zunehmend kritischer. Und damit
stößt er auf den Widerstand der SED, des linientreuen Kulturbetriebs,
des Staates. Er wird von der Staatssicherheit überwacht, seine Akte
umfasst einen Umfang von 40.000 Blatt (das sagt er selbst in seinen
Konzerten). 1976 nutzt die DDR die Gelegenheit eines Biermann –
Konzertes in Köln: Er wird ausgebürgert und darf nicht mehr in die
DDR zurück. Einen Protestaufruf gegen die Ausbürgerung
unterschreibt das Who ist who der DDR – Schrifstellerszene – besser
gesagt: der nicht linientreuen Schrifststellerszene. Sie alle haben
später mit Repressionen zu tun.

55
So bleibt DDR – Literatur immer zweigeteilt: Entweder ist das die
Literatur der offiziellen Linie des „Bitterfelder Weges“, eine Literatur,
die die Errungenschaften des Sozialismus preist und zeigt, wie
mithilfe der Partei ein neuer Mensch in einer neuen Welt entsteht –
oder es ist die Literatur, die zeigt, wo überall die DDR diesem Ideal
eben nicht entspricht. Die Idee, so diese Texte, mag ja richtig sein,
aber die Ausführung ist nichts anderes als eine Diktatur eines Kreises
von Menschen um die SED – Spitze herum.

Das ist der Stand im Osten – bis zum Mauerfall.

56
XVIII. Vierzehntes Bild: Im Fernsehen: „. . . . den Vorhang zu und
alle Fragen: offen!“ – Literatur unserer Zeit

So hat Marcel Reich – Ranicki, der wortgewaltige, verachtete, aber


auch ungeheuer beliebte Literaturkritiker in der legendären TV –
Sendung „Das literarische Quartett“ die Sendungen immer beendet.
Kultstatus hatte sie in ihrer alten Besetzung. Drei Literaturkritiker –
Marcel Reich – Ranicki, Sigrid Löffler, Helmuth Karasek - und ein
Gast sprachen dort jeweils über fünf Romane und befanden die
Werke radikal gut oder schlecht – egal, am anderen Tag stiegen die
Verkaufszahlen aller dort besprochenen Bücher an.

Die Liste der dort besprochenen Werke liest sich heute wie das Who -
is - Who der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, auch in der Zeit
nach 1990. Aber lässt sich eine eigenständige neue ästhetische
Strömung finden? Wohl kaum. Was man über die Gegenwartsliteratur
von 1990 bis 2016 sagen kann, ist, dass es Themenkreise gibt, die neu
sind, vielleicht auch teilweise neue Milieus der Gesellschaft, die
vorkommen – aber etwas grundsätzlich Neues jenseits der
Postmoderne ist da nur schwer zu finden. Was gibt es nicht alles?

1. Da sind die Autorinnen und Autoren der „alten BRD“, die


schreiben und schreiben und schreiben. Grass, Lenz und Walser
– letzterer lebt und schreibt immer noch fleißig – haben ein
verästeltes Alterswerk vorgelegt. Genauso eigenständige, aber
ganz andere Wege gehen die literarischen Einzelgänger Botho
Strauß und Peter Handke. Und was ist mit Hans – Magnus

57
Enzensberger? Und Thomas Bernhard habe ich auch nicht
erwähnt . . .
2. Was natürlich bis heute eine Rolle spielt, ist die literarische
Verarbeitung der DDR – Vergangenheit und des Geschehens
rund um die friedliche Revolution und die deutsche Einigung –
„Wendeliteratur“ wird dieser Themenkreis genannt. Und das
bezieht sich längst nicht etwa nur auf Uwe Tellkamp mit seinem
monumentalen Roman „Der Turm“. Das Werk von Ingo Schulze
etwa ist auch diesem Kreis zuzurechnen.
3. Ebenfalls Beachtung findet nach wie vor das Werk einer Gruppe
von Frauen, deren Produktion um 2000 „Fräuleinliteratur“
genannt und als etwas Neues gefeiert wurde. Beispielhaft
genannt sei hier lediglich Judith Hermann mit ihrem wirklich
spannenden ersten Band mit Erzählungen, „Sommerhaus,
später“. Die Texte schildern Milieu und Mensch von
Großstädtern um die dreißig, deren Leben noch nicht festgelegt
sind und die sich in dieser Offenheit eigentlich ganz wohl fühlen.
4. Ein vierter großer Themenkreis ist die Literatur der Migranten
zweiter Generation, die jetzt in deutscher Sprache schreiben, die
aber noch Mentalitäten ihrer alten Herkunftskultur zeigen. Auch
hier gibt es mittlerweile nicht nur den Roman „Kanak sprak“ von
Feridun Zaimoglu.

Wie wird die Entwicklung also weitergehen? Wie immer stehen wir
betroffen: Der Vorhang zu, und alle Fragen: offen!

P.S.: Entschuldigung – ich habe so viele nicht erwähnt. . .

58
Epochenprofile
Deutscher
Literatur

Graphische
Übersichten
zu den
Kapiteln
November 2016
Martin Staiger
Epochenmerkmale Klassik

Weimarer Klassik: Zusammenarbeit Goethe -


Schiller

Merkmal 1: Entwicklungsgedanke Merkmal 2: Ideale Merkmal 3: Autonomieästhetik

- Harmonische Entwicklung des - Alles Leben vollzieht sich nach allgemein - Als vorbildlich empfunden wird die
Menschen in Übereinstimmung mit gültigen, überzeitlichen Gesetzen antike Kunst
der gesellschaftlichen Umwelt - Der Mensch kann diese in sich durch seine - Kunst kann dem Menschen seine
- Ziel: Verkörperung von allgemein Vernunft erkennen und sein Leben Bestimmung klar machen, wenn sie
gültigen Gesetzen bewusst auf sie ausrichten, sich also selbst frei, also autonom entstanden ist und
bestimmen den ihr eigenen Gesetzen folgt.

Idealistisches Welt- und Menschenbild: Darstellung von Welt und Mensch so, wie sie/er sein sollte!

60
Epochenmerkmale Romantik

Suche nach Ursprüngen der eigenen Kultur: Märchen, Sammlung und Herausgabe von Denkmälern deutscher Literatur (Mittelalter!),
romantischer Nationalismus

Geschichtsbild: Drei Phasen: 1. Unmittelbare, intuitive Einheit Natur – Mensch


2. Trennung Natur – Mensch durch Verstand; 3. Aufhebung der Trennung, Rückkehr zur unmittelbaren
Einheit durch romantische Kunst

Motive: Nacht/ Mond/ Sehnsucht/ Natur/ Liebe. . . als Bilder für


die erweiterte Realität!

Kernmerkmal:
„Erweiterte Realität“:
Absolutsetzung eigener
Weltsicht

61
Überblick über die Struktur von Goethes Faust (Erster Teil)

Zueignung Doppelte Krise Fausts: Selbstreflexion in „Hexenküche“: Kennenlernen Gretchens


Lebens- und „Vor dem Tor“ Szene mit
Vorspiel auf dem Theater Religionsgespräch
Erkenntniskrise Gelenkfunktion:
Begegnung mit
Umformung des Schwangerschaft Gretchens
Fehlschlag der Erdgeist Mephisto und Pakt/
Gelehrten zum
Prolog im Himmel: – Beschwörung Wette Walpurgisnacht
jugendlichen
Wette des Herrn und Selbstmordversuch Satirisches Ende des Liebhaber Ermordung Valentins
Mephistos um Faust Gelehrten in
Anklingen des Katastrophe in der Kerkerszene
„Auerbachs Keller“
Klassisches Welt- und Helena/ Gretchen
Menschenbild! - Motivs

„Gelehrtentragödie“ „Gretchentragödie“ (Gleichzeitig


integriertes bürgerl. Trauerspiel)

Vorschaltung der Prologe: Abgeänderte Substanz eines alten Sturm – und – Drang – Dramas: Genie, Anklage gegen überkommene
gesellschaftliche Verhältnisse mithilfe des Kindsmordmotivs
Veränderung hin zu einem

klassischen Drama der Entwicklung eines Menschen hin zur Verkörperung von allgemein gültigen Gesetzen! („Alles Vergängliche/ ist nur ein
Gleichnis“, Ende von Faust II)

62
Realistische Schreibströmungen

Junges Deutschland (1815 – 1848): Biedermeier (1815 – 1850):


Determiniertes Menschenbild/ Rückzug ins Private, Bürgerliche/Bedrohte Idylle/
Materialismus/ Gott als menschliche Betonung von Grenzen menschlicher Existenz/
Projektion (Feuerbach)/ Forderung nach „Sanftes Gesetz“. . .
politischer Revolution
z. B. Grillparzer, Stifter, Hebbel, Mörike, Rückert
z. B. Büchner

Gemeinsamkeit der Schreibströmungen:


Darstellung von Mensch und Welt
weniger so, wie sie sein sollten, sondern
so, wie sie sind! (z. B. durch
determiniertes Menschenbild,
materialistisches Weltbild, Literatur als
naturwissenschaftlicher
Versuchsanordnung . . . )

Poetischer Realismus (1850 – 1890): Naturalismus (1890 – 1900):


Bürgerliche Gesellschaft als Thema/ Kunst = Natur – x (Also: Dichtung als
Ziel: Darstellung sozialer Realität in naturwissenschaftliches Experiment)
„geläuterter“ Form
z. B. Arno Holz, Joh. Schlaf, G. Hauptmann
z. B. Fontane, G. Freytag

63
Die erste Generation der Moderne – ein Überblick

Moderne – Diagnose einer Krisensituation


- Auseinanderbrechen von Sprache und Bedeutung
- Schwierigkeit, ein einzigartiges Individuum zu
definieren
- Begriff für gesamte Zeit: Fin de Siècle

Strategie 1: Strategie 2: Strategie 3: Strategie 4:


Eindrücke wiedergeben Dinge beschreiben Kunst um der Kunst Verfall aufzeigen, Randexistenzen
willen formen charakterisieren , Sigmund Freud und
Nietzsche rezipieren

Impressionismus
Symbolismus Ästhetizismus Décadence

Liliencron, Dauthendey Rilke George, Th. Mann, Wedekind, Schnitzler


Hoffmannsthal

64
Epochenmerkmale Expressionismus

Schreibprogramm/ Ästhetik Erlebnisraum Großstadt Skepsis gegenüber Rationalität


- Abstraktionsprinzip: Reduktion - Raum modernen Lebens
auf das Wesentliche
- Anonymisierung - Faszination für technische
- Ausdruckskunst: Ausdruck des
- Vermassung Entwicklungen
menschlichen Inneren
- Angst vor irrationalen Teilen des
Menschen, die ausbrechen können

Expressionismus:

„Ausdruckskunst“

Der „neue Mensch“ Radikalisierung in den sprachlichen Anfänge von Gottfried Benn und Bertolt
Ausdrucksmitteln Brecht
- Vorbild: Nietzsches
Menschenbild
- Ansonsten: Offene - Verknappung sprachlicher Strukturen - Aufnahme von Ideen Nietzsches
Projektionsfläche! - Erfindung neuer Wörter, abstrakte - Stilistik/ Ästhetik des Expressionismus
Sprache (Dadaismus)

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Literatur der Weimarer Republik

Lyrik: sog. „Gebrauchslyrik“ mit


Epik: Großstadtroman mit Drama: Episches Theater Brechts
dem Programm, Dinge für
neuen Gestaltungsmerk- als neue Dramentheorie; Absage
Menschen zu formulieren, die sie
malen (Collage, erlebte Rede, an Einfühlung und Katharsis –
selbst nicht formulieren können
Stream of Consciousness) Hinwendung zur analytischen
(Kästner, Mascha Kalecko. . .) Betrachtung durch V-Effekte
(Döblin: Berlin (Aufbrechen theatralischer
Alexanderplatz) Illusion)

Stilpluralismus:
Weiterbestehen
expressionistischer Formen,
„Neue Sachlichkeit“

Abbildung gesellschaftlicher Lager in ihrer Radikalisierung: Konservativ –


antidemokratische Strömungen vs. Demokraten oder Marxisten (z. B.
Ernst Jünger vs. Erich Maria Remarque, Kurt Tucholsky, Erich Weinert,
Klabund, Bertolt Brecht, Erich Kästner. . . )

66
Deutsche Literatur 1933 - 1945

Nationalsozialistisches Schrifttum Exilliteratur


Kontrolle durch „Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ (J. Goebbels) - Faschismusanalyse
- Diskussion von Modellen
Führerkult, Verherrlichung rassischer Ideale und bedingungsloser Gefolgschaft
gesellschaftlicher und politischer
Ordnung Deutschlands nach dem
Krieg
(z. B. Th. Mann, H. Mann, B. Brecht. . .)

Verfolgung und Ermordung „Innere Emigration“


von Schriftstellerinnen und
Schriftstellern im KZ (z. B. Rückzug ins Private, Behandeln
Jakob van Hoddis) unpolitischer Themen, Arbeiten „für
die Schublade“ (z. B. Erich Kästner)

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Epochenmerkmale: „Trümmerliteratur“

Themenbereich: Krieg Themenbereich: Heimkehr Themenbereich: „Trümmer“


Auseinandersetzung mit Auseinandersetzung mit Zerstörung, Auseinandersetzung mit den
Geschehen im Kriegseinsatz Nahrungsmittelknappheit und materiellen und immateriellen
menschlicher Entfremdung Schäden durch das NS - Regime

„Trümmerliteratur“

„Kahlschlagliteratur“

Lakonische, bewusst nüchterne Stilistik als Gegensatz zum Missbrauch von


Pathos in der NS – Propaganda; Möglichkeit auch eines sprachlichen
Neuanfangs

Lit. Formen: Gedicht, Kurzgeschichte, Roman, Drama („Draußen vor der Tür“)

68
Epochenmerkmale: Literatur der BRD bis 1990

Fünfziger Jahre: Sechziger Jahre: Siebziger Jahre: Achtziger Jahre:

Existenzialismus Frankfurter Schule Neue Subjektivität Postmoderne

Menschliche Existenz an Neomarxismus: Nach Scheitern des Auflösung des Ich


sich sinnlos, Mensch mit Mensch unterdrückt Versuchs der
Leben aber trotzdem durch Macht des Veränderung der Doppelcodierung
glücklich; Kapitals; Ort, an dem Menschen durch Intertextualität
dies verinnerlicht politische Umwälzung:
Wichtig ist eigenstän-
wird: Familie – Ideen Rückbesinnung auf sich Körperinszenierungen
dige Konstruktion der
der und eigene Subjektivität
Existzenz!
Studentenbewegung!

Grass, Walser, Lenz, Peter Weiss Peter Handke Patrick Süskind


Böll; Ingeborg Bach-
mann; Dürrenmatt, Erich Fried Botho Strauß Sten Nadolny
Frisch
Marcel Beyer

69
Epochenmerkmale: DDR – Literatur bis 1990

Staatlich verordnete und kontrollierte Sichtweise: Literatur als Hilfe zur Erziehung des
Menschen zu einer „sozialistischen Persönlichkeit“: Sozialistischer Realismus, Bitterfelder
Weg

Literaturszene in Opposition zur


Systemkonformität: Thematisierung der
Defizite des Gesellschaftssystems der
DDR, Kritik an der SED und an ihrer
politischen Repression – Höhepunkt:
Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976

70
Deutsche Literatur seit 1990

Literatur der
„Wendeliteratur“: zugewanderten
Migranten Neue Anerkennung durch
Aufarbeitung der DDR
– Vergangenheit Nobelpreise für Literatur
Stil- und (für Grass, Herta Müller,
Themenplu- Elfriede Jelinek)
ralismus!

Alterswerk der ehemaligen BRD


– Schriftsteller: Grass, Walser,
Lenz, Strauß, Handke. . .
„Fräuleinliteratur“: Romane
und Erzählungen junger
Frauen
Radikales,
autobiographisches
Schreiben (R. Goetz)

. . . und wie geht es weiter?

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Epoche Klassik Zw. Klassik u. Romantik Romantik Junges Deutschland Biedermeier Poetischer Realismus

Jahr 1785-1805 1800-1830 1830-1850 1815-1848 Ende 19. Jh.


Kennzeichen -klare strenge Form -Kant-Krise = -Motive: Natur, Mond, - Nihilismus (Auf der - Rückzug ins Private -Poetisch geläuterte
-Idealismus Identitätsproblematik Feen, Gefühle, Welt ist kein Bestand) - Bedrohte Idylle & Realitätsdarstellung
-Antike als Stilvorbild Mittelalter - Determinismus Kunst (echte Kunst (Mensch so wie er ist)
-Entwicklungsidee / - selbstbestimmtes - Materialismus (Welt wird vergessen) - Thema: Bürgertum,
gleiche Identität bei Individuum deutet die sehen wie sie ist) - klassizistischer Stil Detailrealismus
Wandel Welt im eigenen Kopf - Polit. Revolution - Grenzen - alleinige Beteiligung
- wie der Mensch sein auf eigene Weise - forderten politisches menschlicher Existenz des wohlhabenden
soll (Erweiterte Realität) Engagement der und Bürgertums am
- Natur und Welt = - Neue Realität: Literatur, freie Grenzverletzungen Realismus
geordneter Schaffung von Meinungsäußerung - - objektive
Organismus, frei von Unendlichkeit im Sinne - Literatur als Träger „Stimmungslandschaft Betrachtung,
Willkür und Gewalt der progressiven weltverändernder en“(Natur so sachgenaue
- höchste Bestimmung Universalpoesie Gedanken und beschreiben wie Darstellung der
des Menschen: - Am schönsten ohne rationalistischer Kritik Thema) Wirklichkeit,
harmonische rationale Kontrolle - statt Äußerlichkeiten Positivismus
Entfaltung seiner - Gefahr: sich selbst zu das politische
Kräfte verlieren (Marmorbild) Einwirken auf den
- Geistiges = Ursprung, Menschen
Gegenwart und Sinn
des Seienden
- Humanitätsidee und
Toleranzgedanke aus
Aufklärung
übernommen ->
Vollendetes
Menschentum
Lyrik Goethe Hölderlin Eichendorff, Novalis, Büchner, Heinrich Mörike Storm, Keller
Schiller Wackenroder, v. Armin Heine, Freiligrath,
v. Fallersleben (dt.
Nationalhymne)

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Epik Goethe Kleist, E. T. A. Hoffmann, Büchner Stifter Freytag (Soll und
Schiller Jean Paul Novalis, Grimm, Haben), Fontane,
Schlegel Storm, Keller, C.F.
Meyer
Drama Goethe (Faust I) Kleist (Amphitryon) --------- Büchner (Woyzeck) Grillparzer, Hebbel,
Schiller (Maria Stuart) Grabbe

Idealistisch Realismus

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Epoche Naturalismus Moderne Expressionismus Literatur der Weimarer Rep. Nachkrieg

Jahr 1880-1900 1880-1950 1910-1925 1919-1933 1945-1949


Kennzeichen - Naturwissenschaften als Sprach-, Sinn-, - Abstraktion = Dinge auf - „Neue Sachlichkeit" = Kriegs-, Heimkehrer.,
Grundlage aufgrund Identitätskrise Grundlinien zurückführen Entromantisierung, Tümmerliteratur
naturwissenschaftlicher Ursache: Nietzsche, (Wesen der Dinge) Versachlichung von - Reinigung der Sprache
Erfolge, Verdrängung des Historische Krankheit - Ausdruck v. Seele Beziehungen - Neubeginn durch Rückzug
Metaphysischen (»Kunst =  Impressionismus = - Seelenfarbe = soll - Gesellschaft im Umbruch auf Einfaches
Natur - x«, Arno Holz) Schilderung von Seelenzustand (Radikalisierung der polit. -Skeptizismus bis Nihilismus
- Drama: Sekundenstil Sinneseindrücken charakterisieren Lager; teilweise - „Skeptische Generation“ =
- Gesellschaftskritik, Aufruf  Symbolismus = Neudef. - Stadt selbstbestimmte Frau) Absage an sämtliche
zu Humanität und Toleranz, Von Sprache, konkrete - „Neuer Mensch“ keine - Episches Theater = Ideologien, Wahrheit
Interesse am Sozialismus, Beschreibungen klare Definition möglich Auflösung der 3 Einheiten, vorgeben
aber mehr aus Solidarität  Ästhetizismus = - bürgerl. Mensch  neuen V-Effekt, Illusionsbruch etc.
mit dem Proletariat und den Priestertum, Extravagant Mensch (Kritik am - Konzept: Darstellung einer
verbotenen Parteien  Décadence = „Gefängnis“ Bürgertum) Lebenssituation
- möglichst getreue Außenseiterexistenzen, - Moderne Rationalität 
Wiedergabe der Natur, Liebe zum Gewöhlichen Dominanz von Naturwiss.
geprägt durch exakte
Beschreibungen
Lyrik Holz, Schlaf Rilke, Liliencron, George, Benn, Brecht, Trakl, Stadler, Kästner, Tucholsky, Borchert, Celan, Kästner,
Hofmannsthal Heym, Zech, Werfel, Becher Mehring, Kalecko Eich
 Verdinglichung von
Beziehungen
 Gebrauchslyrik
Epik Holz, Schlaf, Ludwig Thoma Thomas Mann (Tristan), H. Werfel, (Brecht), Ernst Weiß Ernst Weiß, E. M. Bochert, Grass, Lenz, Böll,
Mann, A. Schnitzler Remarque, Kafka (Die Walser
Verwandlung), v. Horvath,
Döblin

Drama Holz, Schlaf, Hauptmann Hofmannsthal, A. Schnitzler, Georg Kaiser, Ernst Toller, Brecht (Leben des Galiliei) Bochert
F. Wedekind Ernst Barlach, Carl Bruch theatralischer
Sternheim Illusion , v. Horvath

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75
Epoche BRD 50er BRD 60er BRD 70er BRD 80er BRD 90er - heute DDR

Jahr 1950-1959 1960-1969 1970-1979 1980-1989 1990-heute


Kennzeichen Existenzialismus = Politisierung Neue Subjektivität = Postmoderne Vielfalt! (Postmoderne - Systemkonforme
Leben sinnlos aber Geschrieben um von Rückzug in die - Intertextualität = oder nicht?) Literatur
glücklich da selbst zu möglichst vielen Innerlichkeit, Nachweis Eingebaute Verweise „ Fräuleinliteratur“, (Sozialistischer
gestalten verstanden zu werden von psychischen auf andere Texte Wendeliteratur, Realismus)
 Neubeginn, Rückzug Deformationen durch - Doppelcodierung = Familie, - Systemopponiere
auf einfaches (Inventur) Kapitalismus Kreuzung von Hoch- + Multikultiliteratur mehr nd zerlegend
Trivialliteratur ?)
- Auflösung des
Subjekts = Konstruktion
aus Elementen des
kulturellen Archivs
- Körperinszenierung =
Körper als Ausdruck des
eigenen Selbstbildes
Lyrik Celan, Bachmann, E. Fried, F. J. (…) R. Gernhardt Nora Bossong Wolf Biermann
Brecht, Benn Degenhardt
Epik Grass, Böll, Lenz, Grass, Böll, Lenz, V. Braun P. Süskind, Sten Juli Zeh, Uwe Tellkamp, Christa Wolf
Walser, Koeppen Walser, Koeppen, B. Nadolny, U. Eco etc. etc.
Strauss, Th. Bernhardt
Drama Dürrenmatt, Frisch P. Weiß (…) Botho, Strauß A. Ostmeier

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