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Textkritik – eine Einführung

(von Ulrich Victor)

Aus: Victor, Thiede, Stingelin: Antike Kultur und


Neues Testament. Brunnen Verlag Basel, 2003, S.
171 - 252
Inhalt
Textkritik – eine Einführung ...........................................................................1
1. Einleitung ....................................................................................................3
2. Die stemmatische Methode .......................................................................11
3. Die stemmatische Methode und das Neue Testament...............................14
4. Die handschriftliche Überlieferung des Neuen Testaments ......................17
4.1 Die Papyri................................................................................................17
4.2 Die Majuskeln .........................................................................................17
4.3 Die Minuskeln .........................................................................................18
4.4 Die Lektionare.........................................................................................18
4.5 Die Übersetzungen ..................................................................................18
4.6 Die Zitate bei den Kirchenvätern ............................................................18
5. Versuche, die Überlieferung des Neuen Testaments zu klären.................19
6. Typologie der Varianten in der griechischen handschriftlichen
Überlieferung ................................................................................................24
6.1 Unbeabsichtigte Änderungen ..................................................................24
6.1.1 Lesefehler ............................................................................................24
6.1.1.1 Verwechslung von Buchstaben .........................................................24
6.1.1.2 Überspringen von Zeilen...................................................................25
6.1.1.3 Homoiarkton («gleicher Anfang») und Homoioteleuton
(«gleiches Ende»)..........................................................................................25
6.1.1.4 Haplographie .....................................................................................25
6.1.1.5 Die Dittographie................................................................................25
6.1.2 Hör- und Schreibfehler.........................................................................26
6.1.3 Gedächtnisfehler...................................................................................26
6.2 Beabsichtigte Änderungen ......................................................................26
6.2.1 Änderungen der Orthographie, des Vokabulars, der Grammatik
mit dem Ziel, den Text zu verbessern ...........................................................26
6.2.2 Änderungen mit dem Ziel, verschiedene Texte der Bibel
miteinander in Einklang zu bringen, einerseits im Verhältnis von AT zu
NT, aber auch innerhalb des NT ...................................................................27
6.2.3 Erweiterungen mit dem Ziel, den Text verständlicher zu machen.......28
6.2.4 Beseitigung von Unklarheiten..............................................................28
6.2.5 Änderungen in bestimmter theologischer oder kirchenpolitischer
Absicht ..........................................................................................................28
7. Kriterien der Beurteilung von überlieferten Lesarten ...............................29
7.1 «Äußere» Kriterien..................................................................................36
7.2 «Innere» Kriterien ...................................................................................39
8. Skizze einer Geschichte des neutestamentlichen Textes...........................42
9. Erörterung ausgewählter textkritischer Beispiele (TKB)..........................48
9.1 Matthäus 8,28 ..........................................................................................48
9.3 Matthäus 16,2-3.......................................................................................50
9.4 Matthäus 22,23 ........................................................................................51
9.5 Matthäus 26,22 ........................................................................................52
9.6 Markus 3,16.............................................................................................52
9.7 Markus 6,22.............................................................................................53
9.8 Markus 9,29.............................................................................................53
9.9 Lukas 22,43-44........................................................................................54
9.10 Johannes 3,31 ........................................................................................55
9.11 Johannes 7,1 ..........................................................................................56
9.12 Apostelgeschichte 8,39..........................................................................57
9.13 Hebräer 2,9 ............................................................................................58
9.14 1. Petrus 4,14.........................................................................................60
10. Wie ein Anfänger sich in die Textkritik einarbeiten kann ......................62
11. Weiterführende Literatur.........................................................................62
12. Anhang zu Fragen der Methode ..............................................................65
12.1 Die Textkritik des NT und die anderer Texte des Altertums ................65
12.2 Wie gruppiert man neutestamentliche Handschriften? .........................66
12.3 Die Frage von Konjekturen im NT .......................................................67
12.4 Wie sollte ein textkritischer Kommentar zum NT beschaffen sein?.....68
1. Einleitung1
Mit Textkritik wird das Bemühen und Verfahren bezeichnet, einen
Text in einen Zustand zurückzuversetzen, der dem Autograph (der
Handschrift des Autors) oder der autorisierten Fassung seines
Urhebers möglichst nahe kommt. Dass die Textkritik diesen Zustand
wirklich erreicht, ist nur zu hoffen, aber ohne sie baut jede
Beschäftigung mit einem Text auf Sand.
Besser wäre es, wenn sich plötzlich irgendwo die
Originalhandschrift – sagen wir – des Markus fände: In diesem Fall
wäre die Arbeit des Textkritikers, was das Markus-Evangelium
angeht, erledigt. Dieser Glücksfall wird jedoch nicht eintreten. Von
keinem einzigen Autor der Antike sind die Originalhandschriften
erhalten.
Die begrenzten Erwartungen, die man vernünftigerweise an die
Textkritik haben kann, sind in den Umständen begründet, unter denen
Bücher in der Antike überliefert wurden. Diese Umstände sind eines
der wichtigsten Themen dieser Einführung. Sie lassen sich in wenigen
Sätzen zusammenfassen:
Vor der Erfindung des Buchdrucks musste jedes Buch von Hand
abgeschrieben werden. Jeder Abschreiber, so gewissenhaft er auch
sein mag, macht Fehler. Dieser Vorgang wiederholt sich, so dass ein
in dieser Weise überlieferter Text sich im Laufe der Zeit immer mehr
vom Original entfernt. In der Regel ist also der Zustand eines Textes
aus der Zeit vor Gutenberg, wie er in den Handschriften vorliegt,
umso schlechter, je weiter er zeitlich vom Original entfernt ist.
Allerdings hat in der Geschichte vieler Texte des Altertums und
ganz besonders des NT eine Gegenbewegung dieser schleichenden
Verschlechterung Einhalt zu bieten versucht. Es gab immer wieder
Bemühungen, den Text zu verbessern. Das konnte durch den
Vergleich mit anderen Handschriften geschehen. Es finden sich in der
Überlieferung aber auch Konjekturen (Vermutungen über den
richtigen Text). Durch diese wurden echte oder vermeintliche Fehler
berichtigt, ein tatsächlich oder vermeintlich schwieriger Text
geglättet, ein Mangel an Übereinstimmung mit ähnlichen Stücken
desselben oder eines verwandten Buches beseitigt oder auf andere
Weise ein tatsächlich oder vermeintlich besserer Text hergestellt.
So sammelte sich im Laufe der Geschichte des Textes, und in ganz
besonderem Maße in der Geschichte des ntl. Textes, eine ungeheure
Menge von Lesarten zu ungezählten Stellen an. Die Textkritik ist nun
das Verfahren, diese Fülle der Lesarten zu sichten und die
Entscheidung zu treffen, welche von ihnen im Einzelfall als
vermutlich ursprünglich angesehen werden darf.
Die eben genannte Regel, dass der Zustand eines Textes umso
1
Ich danke Ursula Ulrike Kaiser und Helmut Kubitza für ihre sorgfältige Lektüre einer
ersten Fassung dieses Textes. Ihre Korrekturen und Vorschläge haben ihn lesbarer gemacht.
schlechter ist, je weiter er zeitlich vom Original entfernt ist, wird
jedoch im NT so oft durchbrochen, dass sie nur in Einzelfällen gilt.
Das liegt daran, dass Tausende von Handschriften aus den frühen
Jahrhunderten verloren gegangen sind. So sind z.B. einige der Papyri
aus dem 3. und 4.Jh. sehr viel fehlerhafter als mittelalterliche
Handschriften. Die besseren und guten Papyri dieser Epoche, deren
Text in den mittelalterlichen Handschriften erhalten ist, haben die
Zeiten nicht überdauert.
Wie die folgenden Beispiele zeigen, die wegen ihrer größeren
zeitlichen und sprachlichen Nähe eine Reihe der Probleme der
Textkritik verdeutlichen können, ist Textkritik jedoch keineswegs ein
Verfahren, das nur in der handschriftlichen Überlieferung der Zeit vor
der Erfindung des Buchdrucks angewandt wird. Jeder aufmerksame
Leser von Literatur oder Zeitungen muss oder kann hin und wieder zu
einem Textkritiker werden.

(1) In Goethes Faust Vers 3964 heißt es in der Hamburger Ausgabe


(1949 u.ö.) «So Ehre denn, wem Ehre gebührt!» In der Frankfurter
Ausgabe (1995) heißt es aber: «So Ehre dem, wem Ehre gebührt.» Die
Lesart der Frankfurter Ausgabe findet sich in allen gedruckten
Ausgaben zu Goethes Lebzeiten (entsprechend Röm 13,7: «Ehre, dem
Ehre gebührt»); seit der Weimarer Ausgabe (1887-1919) war sie
durchweg als fehlerhaft durch das «denn» der (nicht als Setzervorlage
dienenden) älteren Handschrift ersetzt worden.
Bei der Beurteilung dieser Lesarten sind wir einerseits in einer sehr
viel besseren Lage als der Textkritiker des NT, weil beide Lesarten
aus der Lebenszeit des Autors stammen, andererseits in einer sehr viel
schlechteren, weil wir beide Lesarten als original ansehen müssen. Bei
der handschriftlichen Lesart versteht sich das von selbst. Wenn wir die
Lesart der Drucke aus Goethes Lebenszeit als nicht authentisch, also
im Wortlaut verbürgt, ansehen, unterstellen wir, dass Goethe in
verschiedenen Drucken einen Fehler übersah. Eine sichere
Entscheidung können wir bei dieser Überlieferung des Textes nicht
treffen. Aus inhaltlichen Gründen sollte man dem nachdrücklichen
«dem» den Vorzug vor dem gesprächsweise-urbanen «denn» geben.

(2) In Vers 11137f sagt in der Hamburger Ausgabe des Faust Baucis
zu Philemon: «Traue nicht dem Wasserboden, / Halt auf deiner Höhe
stand!» In der Frankfurter Ausgabe heißt es entsprechend dem
Originalmanuskript (von Goethes Schreiber, nicht von ihm selbst):
«Traue nicht den Wasserboten, / Halt auf deiner Höhe stand!» Die
Lesart der Frankfurter Ausgabe wurde seit der Weimarer Ausgabe als
Schreibfehler angesehen. Der Herausgeber der Frankfurter Ausgabe
erklärt mit einer Frage (S. 717): «Meint [der Text] Fausts Abgesandte,
die aus dem Wasserland kommen?»
Es steht zu vermuten, dass wir uns ohne das Wissen um das Alter
der Lesart «den Wasserboten» und die mögliche Herkunft aus der
2
Feder des Autors, spontan für «dem Wasserboden» entscheiden
würden. Aber auch jetzt bleiben Zweifel an der Lesart der Frankfurter
Ausgabe. Wenn der Herausgeber kein besseres Argument für «den
Wasserboten» hat als die zitierte Frage, sollte man bei der Lesart
«dem Wasserboden» bleiben. Das einzige bessere Argument wäre,
dass öfter von «Wasserboten» die Rede war. Eben dies ist aber nicht
der Fall. Mit anderen Worten: «den Wasserboten» ist unsinnig und als
Hörfehler von Goethes Schreiber zu erklären.
Die allgemeine Bedeutung dieses besonderen Falles für die
Textkritik liegt darin, dass die Handschrift von Goethes eigenem
Schreiber ist und vermutlich von ihm selbst korrigiert wurde, dass also
gewissermaßen das Originalmanuskript einen Fehler enthält, der durch
Konjektur (aufgrund einer Vermutung über den richtigen Wortlaut)
beseitigt werden musste.

(3) In Goethes erstem Dornburger Gedicht heißt es in der Fassung von


eigener Hand, die er am 23. Oktober 1828 an Marianne von Willemer
schickte: «Schlägt mein Herz auch schneller, schneller, / Überselig ist
die Nacht.» Im ersten Druck der Nachgelassenen Werke, Band 7 von
1833, lauten die Zeilen: «Schlägt mein Herz auch schmerzlich
schneller, / Überselig ist die Nacht» (Hamburger Ausgabe Bd. 1, 589).
Hier erleichtert einerseits das Wissen um das Alter der Lesarten die
Entscheidung, andererseits die Kenntnis darum, dass der Autor bei
dieser Stelle an seinem eigenen Gedicht gefeilt hat. Wie aber müssten
wir uns entscheiden, wenn uns diese Tatsachen nicht bekannt wären?
Hat die erste Fassung nicht die naive Unmittelbarkeit für sich?
Spiegelt die zweite nicht zu sehr das bemühte Nachdenken?

(4) Von einigen Texten Goethes, die in der Gefahr standen, als
anstößig zu gelten, existieren häufig mehrere Fassungen, die das
Ergebnis einer Selbstzensur des Dichters sind. Ursprünglich hieß es
im Urfaust in der Szene, in der Margaretes Mutter dem Pfaffen den
Schmuck aushändigt: «Er sprach: ach kristlich so gesinnt!» (V. 688)
Seit 1790 heißt es: «So ist man recht gesinnt!»
Wenn uns die Chronologie unbekannt wäre, müssten wir uns wohl
gegen die «blassere» Lesart «recht» entscheiden. Hier stellt sich uns
Heutigen, die wir einerseits von der Selbstzensur des Dichters wissen,
andererseits in einer weniger empfindlichen Zeit leben, die
interessante Frage, ob wir nicht die ursprüngliche Lesart
wiederherstellen sollten.

(5) Im Selbstgespräch Margaretes (V. 1098f) hieß es ursprünglich:


«Mein Schoos! Gott! drängt / sich nach ihm hin.» Seit 1790 heißt es:
«Mein Busen ...» (Frankfurter Ausgabe 1,7,2, S. 119).
Hier fiele uns die Entscheidung leicht, wenn es sich um zwei antike
Lesarten desselben Textes handelte: Schamhaftigkeit ist ein zu allen
Zeiten bekannter Korrektor gewesen. Wir müssten uns also gegen
3
Goethes zweite Fassung entscheiden, weil wir nicht wüssten, dass der
Dichter sein eigener Zensor war.
Auch hier die Frage: Sollte man nicht, in weniger schamhaften
Zeiten, den ursprünglich vom Dichter gewählten Text
wiederherstellen? Welche der beiden – in gleicher Weise
authentischen – Varianten soll als die vom Dichter bevorzugte
angesehen werden? Wir haben hier den interessanten Fall, dass der
Autor selbst bewusst eine Textvariante in die Überlieferung eingeführt
hat.

(6) Goethe lässt in Wilhelm Meisters Wanderjahren Mignon das


folgende Lied singen:

Kennst du das Land wo die Zitronen blühn,


Im dunklen Laub die Goldorangen glühn, ... … im grünen Laub ...
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht, ... … und froh der Lorbeer ...
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht’ ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn! ... o mein Gebieter ...
Kennst du das Haus? auf Säulen ruht sein Dach,
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind getan?
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn! ... o mein Gebieter ...
Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg,
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut,
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut:
Kennst du ihn wohl?
Dahin! Dahin
Geht unser Weg; o Vater, laß uns ziehn! ... Weg, Gebieter, laß ...

Der Text des Liedes in der linken Spalte ist aus der späteren Fassung
in Wilhelm Meisters Lehrjahren. Die Varianten in der rechten Spalte
sind dem Werk Wilhelm Meisters theatralische Sendung entnommen.
Die «Theatralische Sendung» ist die erste Fassung von «Wilhelm
Meisters Lehrjahren» und nur in einer einzigen Handschrift erhalten,
die Barbara Schultheß in Zürich zusammen mit ihrer Tochter
anfertigte. Sie hatte aus Weimar nur eine Abschrift aus Schreiberhand
erhalten, die von Goethe vermutlich nicht durchgesehen worden war.
Bevor sie die Abschrift zurückschickte, kopierte sie sie für sich selbst.
– Es kann kein Zweifel daran sein, dass der Text der linken Spalte der
von Goethe gewünschte ist.
Auch ohne dieses Wissen müssten wir nach den «inneren»
Kriterien der Reihe Geliebter / Beschützer / Vater den Vorzug geben
vor den Varianten der rechten Spalte: Zweifellos hat Mignons
Verhältnis zu Wilhelm eine starke erotische Färbung (Geliebter statt
4
Gebieter, 1. Strophe), und die dreigliedrige Reihe beschreibt die ganze
Breite ihrer Gefühle, wie der Roman veranschaulicht. (Der erste Hg.
der 1910 entdeckten Variante «Gebieter» – in der 1. (!) Strophe – hielt
jedoch die Bezeichnung «Geliebter» für einen Schreib- oder
Druckfehler, denn Wilhelm sei ja nicht Mignons Geliebter.) Im Falle
von dunkel / grün und von hoch / froh wäre eine Entscheidung sehr
unsicher.2 Vielleicht würde man sich im zweiten Fall für froh als die
«schwierigere» Lesart entscheiden (s.u.) und hätte damit die falsche
Wahl getroffen.

(7) In einer Buchbesprechung («Frankurter Allgemeine Zeitung –


FAZ» v. 28.8.1995) war folgender Satz zu lesen: «Vor allem aber ist
er Doktor der Germanistik, was die Nazis einen Halbjuden nannten.»
Es gibt zwei Möglichkeiten diesen Text in Ordnung zu bringen. a)
«Vor allem aber ist der Doktor der Germanistik, was ...» b) «Vor
allem aber ist er, Doktor der Germanistik, was ...» Eine Entscheidung
ist bei einem stilistisch so misslungenen Satz kaum möglich. Beide
Verbesserungen sind sehr behutsame Eingriffe. In beiden Fällen ist
der Fehler leicht zu erklären.
(8) In der «FAZ» vom 20.4.1996 fand sich unter der Überschrift «Das
Zauberschloß» der Satz: «Von dieser stolzen Summe sollten allerdings
nur fünf Millionen für die beiden Schlösser aufgewandt werden,
entnahm man ernüchternd dem Angebot der ‹Europa-Akademie›».
Wir dürften es hier mit einem Beispiel dafür zu tun haben, dass ein
Autor seine Muttersprache nur unzulänglich beherrscht. Wenn wir von
dieser Möglichkeit nicht schon vorher gewusst hätten, müssten wir es
jetzt ernüchtert zur Kenntnis nehmen. Müsste ein Textkritiker in
einem solchen Fall den Autor korrigieren?
(9) Der fast achtundneunzigjährige Ernst Jünger schrieb in einem
Zeitungsartikel («FAZ» v. 5.11.1992) u.a. die folgenden Sätze:
«Bekanntlich verbot der Propagandaminister der Presse, daß anläßlich
meines 50. Geburtstages mein Name auch nur erwähnt würde.
Goebbels beging Selbstmord genau einen Monat nach diesem
Geburtstag – der konnte ihm also nicht unwichtig sein.»
Das «der» bezieht sich selbstverständlich auf den Namen und nicht
auf den Geburtstag. Wahrscheinlich ist die Parenthese, d.h. die
Nebenbemerkung, nicht vollständig notiert, also: «... – Goebbels ...
Geburtstag – ...»

(10) Eines der letzten Gedichte Theodor Fontanes war in einer jetzt
verlorenen Niederschrift seines Sohnes Friedrich Fontane an Thomas
Mann gelangt, der es in folgender Form in seinem Essay «Der alte
Fontane» von 1910 wiedergab:

2
Dieses Bsp. verdanke ich Sonja Purps: «Mignon-Interpretationen», Magisterarbeit 1996 im
Fachbereich Altertumswissenschaften der Freien Universität Berlin, 30f.

5
Leben, wohl dem, dem es spendet
Freude, Kinder, täglich Brot,
Doch das Beste, was es sendet,
Ist das Wissen, das es sendet,
Ist der Ausgang, ist der Tod.

Am 5. Mai 1920 veröffentlichte O. Pniower in der Vossischen Zeitung


das Gedicht in einer auf Konjektur (Vermutung über den richtigen
Wortlaut) beruhenden berichtigten Fassung, die heute in den Fontane-
Ausgaben zu finden ist, weil sie dem Gedicht einen überzeugenderen
Sinn gibt, indem sie es einbettet in Fontanes «Kunst der Resignation»
(Blumenberg). Dort lauten die letzten drei Zeilen:

Doch das Beste, was es sendet,


Ist das Wissen, dass es endet,
Ist der Ausgang, ist der Tod.

Thomas Mann sträubte sich zeit seines Lebens gegen das


Eingeständnis, er könne falsch zitiert haben.3 Dass die berichtigte
Fassung auch die des Verfassers ist, ist aber in hohem Maße
wahrscheinlich. Entweder hat Friedrich Fontane den Text seines
Vaters wegen einer Parablepsis, d.h. wegen einer Verwechslung der
sehr ähnlichen Zeilen was es sendet / dass es endet – ein häufiges
Versehen von Kopisten – fehlerhaft wiedergegeben, oder Thomas
Mann beging diesen Fehler. Aber wir können auch nicht mit völliger
Sicherheit ausschließen, dass O. Pniower den Autor Fontane
korrigierte. Jeder Textkritiker muss sich der Gefahr bewusst sein, den
Autor selbst, nicht aber später eingedrungene Fehler zu berichtigen:
Manchmal sind die Leser die besseren Autoren.

(11) Ein Artikel der «FAZ» vom 2.4.2002, Nummer 76, Seite 51, von
F. Pergande endet mit den folgenden Sätzen: «Wann sind solche
Klassenkampflieder je so schön gesungen worden? Oder ertragen wir
sie nur viel besser, weit es mit dem Klassenkampf vorbei ist?»
Der Text wäre sowohl durch ein weil als auch durch ein seit in
Ordnung zu bringen. Ob die Begründung wichtiger ist als die
Chronologie, lässt sich nicht entscheiden. Man könnte argumentieren,
dass die Verschreibung von weil zu weit näher liege als die von seit zu
weit, weil die Buchstaben l und t leichter zu verwechseln seien als s
und w. Das gilt aber nur für den Fall der – unwahrscheinlichen –
handschriftlichen Erstfassung des Artikels. Für seit spricht, dass auf
einer Tastatur W und S nahe beieinander liegen, nicht aber L und T.
Nach den «inneren» Kriterien, d.h. den Gesichtspunkten, die sich
aus dem Textzusammenhang ergeben, kann keine Entscheidung
getroffen werden. Ein «äußeres» Kriterium, d.h. ein Gesichtspunkt aus
3
Hans Blunenberg: «Vergreisung und Verjüngung. Thomas Mann und das Beharren auf
seiner Lesart von Fontanes ‹letztem Wort›, dem Fünfzeiler ‹Leben›», «FAZ», 4.7.1998.
6
dem Bereich der Umstände der Entstehung des Textes, führt zu der
wahrscheinlich richtigen Lösung.
Wie voraussetzungsreich die Aufgaben eines Textkritikers sind,
veranschaulichen diese Beispiele sehr gut. Sie verdeutlichen auch,
dass häufig nur die wahrscheinlich richtige Lesart zu finden ist. Der
wichtigste Schluss sollte sein, dass alle diese Beispiele jeweils völlig
unterschiedlich, also Einzelfälle sind und dass man in der Textkritik
infolgedessen nach keinerlei allgemeinen Regeln schematisch
vorgehen kann, weil Einzelfälle per definitionem nicht unter allgemein
gültige Regeln fallen.
Die so genannten Regeln, die in der ntl. Textkritik immer wieder
genannt werden, sind nichts als Betrachtungsweisen unter tausend
anderen, die der Textkritiker anwenden kann. Schon die Bezeichnung
«Regel» täuscht eine Sicherheit und eine Einfachheit des Verfahrens
vor, die beide nicht gegeben sind. Eine richtige textkritische
Entscheidung ist dann am wahrscheinlichsten, wenn der Textkritiker
jeden Schematismus von sich fern hält.
Der Textkritiker steht im Falle des NT einerseits vor einer
einfacheren Aufgabe als der Textkritiker anderer Texte der Antike,
andererseits vor einer schwierigeren:
Seine Aufgabe ist einfacher, weil die handschriftliche
Überlieferung des NT unvergleichlich viel früher und unvergleichlich
viel zahlreicher ist als die irgendeines anderen Textes der Antike. Er
kann mit gutem Grund hoffen, dass in irgendeinem Teil der riesigen
Überlieferung fast immer der ursprüngliche Text erhalten ist.
Seine Aufgabe ist schwieriger, weil es keine Möglichkeit gibt, die
ungeheure Fülle der Handschriften so zu sichten, dass am Ende eine
überschaubare Zahl bliebe, auf die der Text zu gründen wäre. Der
Textkritiker des NT kann keine von einem noch so kleinen Teil der
Textzeugen überlieferte Lesart von vornherein als nicht ursprünglich
aus seinen Überlegungen ausblenden.
Die in Abschnitt 2 beschriebene stemmatische Methode, mit deren
Hilfe die Philologen in weniger umfangreichen Überlieferungen in der
Regel in Form von Stammbäumen die Beziehungen von
Handschriften klären, so dass sie den Text auf die «Väter» gründen
und ihre «Nachkommenschaft» beiseite lassen können, führt zwingend
zu dem Schluss, dass in einer nicht auf diese Weise geklärten
Überlieferung die richtige Lesart in jeder Handschrift versteckt sein
kann.
Das ist spätestens dann der Fall, wenn die Kopisten nicht nur
jeweils eine einzige Handschrift kopierten, sondern andere
Handschriften hinzunahmen. Dies hat zur Folge, dass es neben den
stammbaumartigen vertikalen Beziehungen zwischen den
Handschriften so viele horizontale Verbindungen gibt, dass, um das
Bild zu erweitern, aus dem Stammbaum ein völlig unübersichtliches,
unregelmäßiges, wirres Gewebe entsteht. Die Fäden dieses Gewebes
muss man sich als Überlieferungswege vorstellen, auf denen jede
7
Lesart an jeden Platz gelangt sein kann.
Es wird im Folgenden immer wieder mit Beispielen dargelegt
werden, dass sich die vermutlich ursprüngliche Lesart in kleinen und
allerkleinsten Gruppierungen und sogar in einer einzigen Handschrift
erhalten haben kann. Die einzigen Mittel, die ursprüngliche Lesart aus
der manchmal sehr großen Zahl von Varianten herauszufiltern, stellen
die Philologie und die Exegese (Sprachwissenschaft und Wissenschaft
von der Bibelauslegung) zur Verfügung. Man entscheidet in
mühseliger Arbeit, die durch keinerlei Abzählverfahren oder durch
das Betätigen irgendwelcher Hebel oder durch den Glauben an gute
Handschriften erleichtert werden kann. Relevant sind allein die
Regeln der Grammatik, der Wortgebrauch, der Stil eines Autors, seine
Theologie usw.
Textkritik setzt all das voraus, was in langen Jahren des Studiums
an Kenntnissen erworben werden kann: Wissen um Gewohnheiten
antiker Schreiber, die materiellen Bedingungen des Schreibens
(Beschreibstoff, Schreibgerät, Tinte), Textgeschichte, Geschichte,
Sprache und Literatur, Sprachgeschichte, Religionsgeschichte,
Geschichte der Philosophie.
Die folgenden Darlegungen sollen also den Leser nicht zu einem
Textkritiker machen, sondern ihn in die Lage versetzen, textkritische
Entscheidungen nachzuvollziehen. Das ist kein kleines, sondern ein
sehr hoch gestecktes Ziel. Wenn man es erreicht, gewinnt man sehr
viel für das Verständnis der Texte, um die es geht. Die Textkritik
gehört nicht zu den Präliminarien (den Vorverhandlungen) einer
eigentlichen Beschäftigung4 mit dem NT, sondern sie ist in
ungezählten Fällen untrennbar mit der Exegese verknüpft, wie die
textkritischen Beispiele (s. Abschnitt 9) anschaulich machen können.
Die mühselige Arbeit, von der oben gesprochen wurde, steht den
künftigen Generationen bevor. Sie ist keineswegs durch die heutigen
Ausgaben des NT schon erledigt. Es gibt gute Gründe zu der
Annahme, dass sich der griechische Text des NT an Tausenden von
Stellen ändern wird, wenn man diese Arbeit nach den hier dargelegten
Gesichtspunkten unternimmt.5
Die Aufgabe, den Text des NT zu veröffentlichen, ist so
voraussetzungsreich, dass kein Herausgeber des NT mit einem
anderen Herausgeber in seinen Entscheidungen völlig übereinstimmen
wird: Jede Ausgabe des NT wird einen anderen Text enthalten. Das
4
Es ist nur als bizarr zu bezeichnen, dass die Einführung in die Textkritik, der in der Regel
nichts folgt, in Proseminaren geschieht statt in Oberseminaren oder in wissenschaftlichen
Kolloquien.
5
Es sei hier betont, dass nur sehr wenige Textvarianten das Verständnis des Inhalts
beeinflussen. Aber ihre Untersuchung erlaubt uns, die Individualität der Verfasser und die
Wege der Textgeschichte besser zu verstehen. Näheres lässt sich an den Beispielen ablesen.
Die folgende Darstellung versucht so anschaulich wie möglich zu sein. Das ist bei der
Abstraktheit des Gegenstandes keine einfache Aufgabe. Um dem Leser das Verständnis zu
erleichtern, habe ich Wiederholungen nicht gescheut.

8
könnte den Laien beunruhigen, wenn man nicht gleich hinzufügt, dass
die Unterschiede zwischen den Ausgaben nur an sehr wenigen Stellen,
vielleicht an dreißig, einen gewichtigen inhaltlichen Unterschied
bedeuten. Eine gute Ausgabe des NT ist diejenige, die unter dem Text
in einem kritischen Apparat möglichst vollständig all die Lesarten
bietet, aus denen der Herausgeber seine kritische Wahl getroffen hat.
Der Leser einer solchen Ausgabe kann aufgrund dieser Daten die
Entscheidung des Herausgebers überprüfen und sich gegebenenfalls
anders entscheiden

2. Die stemmatische Methode


Wer die Aufgabe hat, eine kritische Ausgabe eines Textes aus der Zeit
vor der Erfindung des Buchdrucks herzustellen, versucht zuerst,
sämtliche Handschriften seines Textes zu ermitteln und sie sich (in
Kopien) zu beschaffen.
Nach diesem Arbeitsschritt weiß er, ob er seiner Ausgabe 1, 2, 3,
30 oder 5000 Handschriften zugrunde legen muss. Wenn er sie auf
eine Handschrift gründet (entweder weil weitere nicht vorhanden
waren, oder weil sie nicht aufzufinden waren), nimmt er eine
Transkription (Übertragung in eine moderne Form) des Textes dieser
Handschrift vor und überprüft, ob dieser Text mit dem vermutlichen
Wortlaut des Originals übereinstimmt. Er fragt sich, ob der
Abschreiber orthographische, grammatikalische oder stilistische
Fehler gemacht hat, ob er Wörter, ganze Zeilen oder noch größere
Textstücke vertauscht oder ausgelassen hat. Wie erfolgreich der
Herausgeber dabei ist, hängt z.B. von seinem Scharfsinn, seiner
Kenntnis der Sprache und der Entstehungszeit des Textes sowie von
seiner Kenntnis des Stils des Autors ab.
Wenn er seiner Ausgabe mehr als eine Handschrift zugrunde legen
muss, bedient er sich des Verfahrens, mit dessen Hilfe die Klassische
Philologie seit dem Anfang des 19.Jh. das Verhältnis von
Handschriften zueinander zu bestimmen versucht – der sog.
stemmatischen Methode. Dieses Verfahren besteht darin, einen
Stammbaum (griech. stemma) der Handschriften zu erstellen. Der
Vorteil liegt auf der Hand: Wenn der Stammvater einer
Handschriftenfamilie ermittelt ist, kann man auf seine Lesarten den
Text gründen, ohne die Lesarten der Kinder-, Enkel-, Urenkel- und
Ururenkel-Generationen in Augenschein nehmen zu müssen. Man
kennt also in diesem besten Fall die eine Handschrift, deren mehr oder
weniger fehlerhafte Abschriften alle anderen sind.
Um ein solches Stemma zu erstellen, kollationiert (vergleicht) man
auf das genaueste (!) sämtliche (!) Lesarten des ganzen Textes oder
sämtliche Lesarten umfangreicher Stücke sämtlicher Handschriften
miteinander, indem man jede einzelne Handschrift mit einem
gedruckten Text als Bezugsgröße vergleicht und jede Abweichung
vom gedruckten Text notiert. Wenn der Text noch nie herausgegeben
worden sein sollte, dient die vermutlich am wenigsten fehlerhafte
9
Handschrift als Vergleichsgrundlage.

(1) Wenn die Handschrift B sämtliche Lesarten (Varianten, lat. variae


lectiones) der Handschrift A und zusätzlich eigene aufweist, ist sie als
Abschrift6 von A anzusehen. Am wichtigsten unter den jeweiligen
Lesarten sind vermutliche Abweichungen vom Original, also Fehler,
weil sich die Abschriften nur durch sie vom Original unterscheiden.

(2) Wenn die Handschriften BCD sämtliche Lesarten der Handschrift


A aufweisen, dazu jede einzelne jeweils eigene, sind sie als
Abschriften von A anzusehen.
A

B C

(3) Wenn die Handschriften BCD gemeinsame Lesarten haben,


«Bindefehler» (in der Terminologie von Paul Maas), die nirgendwo
sonst in der Überlieferung zu finden sind, außerdem jede jeweils
eigene Lesarten, sind sie als Abschriften einer verlorenen Handschrift
α anzusehen.7
α

B C

(4) Wenn die Handschriften EFGH gemeinsame Lesarten aufweisen,


außerdem die gemeinsamen Fehler von BCD, und jede einzelne
jeweils eigene Fehler besitzt, stellt sich das Verhältnis
folgendermaßen dar, also EFGH als Abschriften einer verlorenen
6
«Abschrift» bedeutet nicht, dass es sich um eine unmittelbare Kopie handelt. Dieses
Verhältnis ist nur in seltenen Fällen zu ermitteln.

7
Kleine griech. Buchstaben bezeichnen die nur erschlossenen, uns also nicht überlieferten
Hss.

10
Abschrift β:
α

β
B C

B C

(5) Wenn die Handschrift A nur eine Teilmenge der Lesarten von α
aufweist, außerdem aber eigene Lesarten, A also eine Abschrift einer
verlorenen Handschrift ω ist, ergibt sich folgendes Bild:

1.Jh ω

2.Jh α

4.Jh
B C D β

6.Jh
E F G H
10.Jh A

Die Vorteile dieser langwierigen Arbeit für die Wiedergewinnung des


ursprünglichen Textes liegen auf der Hand. Im Fall (1) sind nur die
Lesarten von A zu berücksichtigen. Im Fall (2) ist die Fülle der
Lesarten von 3 Handschriften zu vernachlässigen. Im Fall (3) lässt
sich die verlorene Handschrift α mit Hilfe der Lesarten von BCD
wiederherstellen. Wenn z.B. BC die Lesart x aufweisen, ist, je nach
dem Einzelfall, die Wahrscheinlichkeit sehr gering, wenn nicht
ausgeschlossen, dass in BC zweimal unabhängig voneinander derselbe
Fehler gemacht wurde; es ist vielmehr höchst wahrscheinlich, wenn
nicht sicher, dass BC den Text von α bewahrt haben, während D von
ihm abweicht.
Aus dem Fall (4) wird ersichtlich, dass auszuschließen ist, dass eine
Sonderlesart z.B. von E auf α zurückgehen kann. Die Annahme der
Ursprünglichkeit dieser Lesart würde ja voraussetzen, dass in BCD /
FGH, also sechs Mal, der Originaltext verfälscht und nur in E erhalten
wäre. Der Gewinn dieses Stemmas liegt also darin, dass man die Fülle
der jeweiligen Sonderlesarten von EFGH bei der Konstituierung des
Textes außer Acht lassen kann. Ebenso kann man die Sonderlesarten
von β in der Regel unbeachtet lassen. Sie könnten nur in einem
11
seltenen Fall Gewicht haben, nämlich wenn BCD jeweils von β und
voneinander verschiedene Lesarten aufwiesen, β also den Lesarten
von BCD gleichrangig wäre.
Der Fall (5) zeigt, dass die Handschrift A allein ein ebenso großes
Gewicht besitzt wie BCD EFGH zusammen, dass also die Zahl der
Handschriften, die eine bestimmte Lesart enthalten, bei der
Beurteilung dieser Lesart ebenso wenig von Bedeutung sein muss wie
das Alter: Die eine Handschrift A aus dem 10.Jh. kann also sehr
vielen älteren Handschriften überlegen sein.

3. Die stemmatische Methode und das Neue Testament


Die stemmatische Methode erlaubt die Eliminierung von
Handschriften und somit von Lesarten aus der Herstellung des Textes,
aber sie erlaubt das nur in einer begrenzten Zahl von Fällen.

(1) Die meisten Überlieferungen antiker Texte sind zwei- oder


mehrsträngig. Innerhalb eines Überlieferungsstranges lässt sich ein
Stammbaum der Handschriften erstellen, wenn dieser
Überlieferungsstrang mit den benachbarten Überlieferungssträngen
nicht verquickt ist. Bei einer zweisträngigen Überlieferung, dem
häufigsten Fall, erstellt der Textkritiker also mit Hilfe der
stemmatischen Methode zwei Stammbäume.
Zwischen den Lesarten der Handschriften, die sich bei diesem
Verfahren als unabhängig erwiesen haben, muss er aber nun
Entscheidungen treffen, bei denen ihm die stemmatische Methode in
keiner Weise hilft. Er steht also vor derselben Aufgabe wie der
Textkritiker, der sich dieses Verfahrens nicht bedient hat oder nicht
bedienen konnte, d.h. auch wie jeder Textkritiker des NT. Ein Vorteil,
den er in der Regel gewonnen hat, liegt darin, dass die Zahl der
Lesarten, zwischen denen er eine Entscheidung zu treffen hat, kleiner
geworden ist.

(2) Die stemmatische Methode lässt sich häufig nicht anwenden, weil
die Überlieferungsstränge kontaminiert, also nicht deutlich genug
voneinander getrennt sind. Wer sich der stemmatischen Methode
bedient, ist darauf angewiesen, dass die Schreiber der zu
untersuchenden Handschriften ihre jeweilige Vorlage zuverlässig
wiedergeben. Das ist unabdingbar, weil er nur aus der genauen und
regelmäßigen Übernahme der Lesarten dieser Vorlage auf ihre
Abhängigkeit von dieser Vorlage schließen kann.
Wenn ein Schreiber neben seiner Vorlage andere Handschriften
benutzt hat, wenn er also Leitfehler, aus denen sich die Abhängigkeit
erschließen lässt, vollständig beseitigt hat, ist dieses
Abhängigkeitsverhältnis nicht zu ermitteln. Der Textkritiker hat dann
keine andere Möglichkeit, als alle überlieferten Lesarten auf ihre
Ursprünglichkeit zu überprüfen. Er steht also vor denselben Aufgaben

12
wie der Textkritiker des NT.

Das sei am obigen Beispiel (2.5) erläutert: Wenn wir mit Hilfe der
Handschriften ABCDEFGH einen Text zu erstellen hätten, ohne die
Beziehungen dieser Handschriften zueinander zu kennen, müssten wir
jede Lesart jeder dieser Handschriften für den möglicherweise
originalen Text halten. Welche Lesart tatsächlich der originale Text
ist, ließe sich nur noch aufgrund innertextlicher Kriterien entscheiden.
Anders gesagt: Wenn die Handschrift A an einer bestimmten Stelle
den Text x böte, die Handschriften BCD an dieser selben Stelle den
Text y und die Handschriften EFGH den Text z, so wäre es unsinnig,
sich mit der Begründung für die Lesart z zu entscheiden, sie sei ja in
der größten Zahl von Handschriften zu finden. Wir wissen aus dem
Stemma, dass diese Lesart z nicht aus dem Original geflossen sein
kann. Sonst müssten wir annehmen, dass sowohl A (oder seine
verlorene Vorlage) als auch die Vorlage von BCD zweimal
unabhängig voneinander die Lesart des Originals nicht
wiedergegeben, sondern jeweils fehlerhaft geändert hätten.

Die Zahl der Handschriften, die eine bestimmte Lesart bieten, hat also
keinerlei Gewicht bei der Entscheidung, ob eine bestimmte Lesart als
ursprünglich zu gelten hat. Anders gesagt: Die richtige Lesart kann
sich ebenso in einer einzigen wie in sehr vielen Handschriften
verbergen.
Ebenso unsinnig wäre es, eine Lesart deshalb zu verwerfen, weil sie
in einer jungen Handschrift zu finden ist. Wie das Beispiel (5) zeigt,
ist die junge Handschrift A allen anderen sehr viel älteren
Handschriften durch ihre unmittelbare Verbindung zum Original
überlegen. Das Alter kann also ebenso wenig wie die Zahl der
Handschriften ein Kriterium bei der Entscheidung über die originale
Lesart sein. Die Überlieferung des NT bietet eine Reihe von
Beispielen dafür, dass Lesarten mittelalterlicher Handschriften durch
neue Papyrusfunde als sehr alt erwiesen wurden.
Wenn wir, wie es sich zwingend ergeben hat, in jedem, auch dem
allerkleinsten Teil der Überlieferung, den originalen Text vermuten
können, ist auch die mehr oder weniger breite geographische Streuung
ohne Gewicht.

Die stemmatische Methode ist das einzige Verfahren, mit dessen Hilfe
Handschriften (und ihre Lesarten) mit Sicherheit von der Herstellung
des Textes, also seiner Konstituierung aus dem überlieferten
Variantenbestand, ausgeschlossen («eliminiert») werden können.
Wenn dieses Verfahren der Herstellung von Stammbäumen der
Handschriften nicht angewandt werden kann, wenn wir also keine
Möglichkeit haben, die Stelle und somit den Wert einer Handschrift
innerhalb der Überlieferung zu ermitteln – und das ist beim NT der
Fall –, bleibt nur der «Eklektizismus», d.h. wir müssen jede Lesart
13
jeder Handschrift als die möglicherweise originale ansehen.
Es ergibt sich also zwingend aus der stemmatischen Methode, dass
in allen Fällen, in denen sie nicht angewandt werden kann, der
«Eklektizismus» der einzige gangbare Weg ist. Wie man sich diesem
Schluss entziehen kann, ist nicht begreiflich.8 Die Mittel, deren sich
der Eklektiker, der «Auswählende», bedient, sind die sog. «inneren»
Kriterien, die Kriterien der Philologie und der Exegese.
Nur ausnahmsweise können Gesichtspunkte anderer Art – die sog.
«äußeren» Kriterien, also Fragen der Herstellung einer Handschrift,
der Gewohnheiten von Schreibern, des Alters einer Handschrift, der
Beziehung einer Handschrift zu einer anderen etc. – bei der
Untersuchung von Lesarten und bei der Entscheidung über die
ursprüngliche Lesart eine Rolle spielen.
Die Richtigkeit dieses Schlusses wird nicht dadurch eingeschränkt,
dass wir z.B. wissen, dass die ntl. «Textform» B (s.u.) das Ergebnis
intensiver, lang andauernder philologischer Bemühungen um den Text
des NT ist, dass also die «Textform» B eine «gute» Textform ist.
Auch «gute» Textformen und die ihnen zugehörenden «guten»
Handschriften enthalten einen erheblichen Anteil an nicht-originalen
Lesarten. Welche original sind und welche nicht, muss in jedem
einzelnen Fall im Vergleich mit den anderen Varianten entschieden
werden.
Auch ein positives Vorurteil über die Lesarten einer «guten»
Handschrift enthebt uns nicht dieser mühseligen Arbeit. «Der
Textkritiker sollte ein denkendes Wesen sein und nicht einfach Hebel
betätigen.»9
Das Gesagte gilt im Fall der Überlieferung des NT, aber auch
derjenigen Homers, jeweils in ihrer Gesamtheit. In Teilbereichen
führte die stemmatische Methode auch in der Überlieferung des NT zu
bemerkenswerten Ergebnissen, z.B. im Falle der Minuskel-Familien f 1
und f 13 aus dem 12./13.Jh. Es ist anzunehmen, dass diese Teilbereiche

8
Die Diskussion der textkritischen Beispiele in Metzgers Commentary ist über weite
Strecken ein Beweis, dass dieser Schluss nicht gezogen wurde. Das trifft auch auf B. Alands
Bemerkungen (Text, S. 27) zu.
9
Da es um Grundsätzliches und nicht nur von Textkritikern des NT immer wieder
Missverstandenes geht, sei hier die Stellungnahme von Martin L. West zu den Meinungen
von Kritikern seiner Homer- Ausgabe zitiert: «When it comes to my choice of readings in
the text, both critics hold it against me that I do not formulate or follow some mechanical
criterion. Thus Nagy: ‹West’s approach ... does not seem to me systematic. That is, his
decisions about good or bad textual traditions are not based on external evidence ...
Ultimately, the ‹goodness› of the given tradition depends on whether West thinks that the
given reading is ‹right› in the first place. He is not concerned whether a reading comes from
an ancient source or from a conjecture, ancient or modern, as long as it is ‹right›.› – Of
course! That is what textual criticism is about: rightness! Which does not mean treating the
external evidence in a cavalier fashion, but treating it critically, not giving systematic
preference to some particular source or type of source. This brings us back to the axiom,
which my critics find so disconcerting, that the editor should be a thinking being, not a
puller of levers.» («Bryn Mawr Classical Review», 09.06.2001); kursive Hervorhebung von
mir.)
14
mit zunehmender Kenntnis der einzelnen Handschriften und damit der
gesamten Überlieferung größer werden und dass selbst kontaminierte
Handschriften aufgrund von Leitfehlern zueinander in Beziehung
gesetzt werden können (s. Abschnitt 5 – «Versuche ...»). Angesichts
der sehr breiten Überlieferung des NT werden diese Teilbereiche
winzig bleiben.
Es liegt viel daran, dass diese Überlegungen verstanden werden, da
in der Textkritik des NT immer wieder nach dem Alter und der Zahl
der für «gut» befundenen Handschriften entschieden wird und
gegenteilige Behauptungen als bloße Lippenbekenntnisse erscheinen.

4. Die handschriftliche Überlieferung des Neuen


Testaments
Die griechischen Handschriften sind die wichtigste Quelle der ntl.
Überlieferung, weil sie die Kopien von Kopien in der ursprünglichen
Sprache der Texte des NT sind und weil ihre ältesten Vertreter älter
sind als alle anderen Quellen. Es gibt vier Arten von Handschriften:
Papyri, Majuskeln, Minuskeln und Lektionare (siehe 4.1 – 4.4). Dazu
kommen die Übersetzungen und die Kirchenväterzitate.
Eine Liste der griechischen Handschriften und der Handschriften
der lateinischen Übersetzungen des NT findet sich im Anhang von
Nestle-Aland: Novum Testamentum Graece, Stuttgart 199327, 684-718
(abgekürzt: NA). Diese Liste führt die laufenden Nummern und
Buchstaben (die sog. «Sigel» oder «Siglen», von lat. sigla
«Abkürzungen») auf, nennt die Entstehungszeit, den
Aufbewahrungsort mit der Bibliothekssignatur und gibt den Inhalt der
Handschriften an.10

4.1 Die Papyri


Die Papyri werden mit dem Buchstaben P und einem Exponenten oder
einer normalen Zahl bezeichnet, von P1/P1 bis P116/P116. Sie stammen
laut der in Münster am Institut für ntl. Textforschung geführten
offiziellen Liste aus dem 2. bis 8.Jh. und enthalten mehr oder weniger
große Fragmente von allen Büchern des NT außer dem 1. und 2.
Timotheus-Brief. Die Abgrenzung aufgrund des Beschreibstoffes
gegenüber den Majuskeln ist sehr gewaltsam, denn die Schrift ist die
gleiche, nämlich ausschließlich Großbuchstaben, ohne Trennungen,
Satzzeichen und Akzente aneinander gereiht.

10
10 Die Zahlen, die im Folgenden genannt werden, weichen von denen in NA ab; sie sind
der neueren und wahrscheinlich auch schon wieder überholten Liste entnommen, die vom
Münsteraner Institut für ntl. Textforschung veröffentlicht wurde: «Kurzgefasste Liste der
griech. Hss. des NT, in Verbindung mit M. Welte, B. Köster und K. Junack bearbeitet von
K. Aland», Berlin 1994. – Der Bestand an Hss. vergrößert sich laufend durch neue
Entdeckungen.

15
4.2 Die Majuskeln
Seit dem 4.Jh. wurde der Beschreibstoff Papyrus immer mehr durch
Pergament ersetzt, was aber selbstverständlich nicht heißen soll, dass
es früher keine Handschriften aus Pergament gab (vgl. z.B. Hss. 0171;
0189; 0220). Die Schrift ist die gleiche wie die der Papyri. Die
Majuskeln werden auf zwei verschiedene Weisen bezeichnet: mit
einem Großbuchstaben des lateinischen, griechischen oder – in einem
Fall – des hebräischen Alphabets und/oder einer arabischen Zahl, der
eine Null vorangestellt ist, z.B. ℵ 01, A 02, B 03 bis Ω 045. Von 046
bis 0306 werden nur Zahlen benutzt.

4.3 Die Minuskeln


Ab dem 9.Jh. wurde eine neue, Platz sparende Schrift in kursiven
Kleinbuchstaben eingeführt. Die 2877 Minuskelhandschriften werden
mit arabischen Zahlen (ohne eine vorangestellte Null) bezeichnet.

4.4 Die Lektionare


Diese zweitgrößte Gruppe von Handschriften des NT enthält den Text
der Evangelien und Briefe nicht in der kanonischen Ordnung, sondern
entsprechend den täglichen und wöchentlichen Lesungen des
Kirchenjahres. Die 2432 Handschriften sind sowohl in Majuskeln als
auch in Minuskeln geschrieben. Sie werden mit arabischen Zahlen
bezeichnet, denen ein kursives l (= Lektionar) vorangestellt ist, z.B.
l 1602.

4.5 Die Übersetzungen


Vor dem Ende des 2.Jh. wurde das NT ins Lateinische, Syrische und
Koptische übersetzt, so dass diese Übersetzungen einen sehr frühen
Zustand des Textes des NT widerspiegeln können, wenn sie
Rückschlüsse auf ihre griechische Vorlage erlauben. Diese
Rückschlüsse werden durch die Tatsache erschwert oder sogar
verhindert, dass die Struktur, die Stilistik und auch die Semantik in
den verschiedenen Sprachen verschieden sind: z.B. kennt das
Lateinische im Gegensatz zum Griechischen keinen Artikel. Im besten
Fall erlaubt eine Übersetzung im Übrigen nur den Schluss auf das eine
griechische Manuskript, das dem Übersetzer vorlag. – Weitere
Übersetzungen ins Gotische, Armenische, Georgische,
Altkirchenslavische und weitere Sprachen folgten.
Auskünfte über die wichtigsten Übersetzungen finden sich in der
Einleitung des NA auf den Seiten 22*-31*, über die lateinischen
außerdem in der oben genannten Liste.11

11
Ausführliche Auskünfte über die Übersetzungen finden sich bei Bruce M. Metzger: The
Early Versions of the New Testament. Their Origins, Transmission, and Limitations, Oxford
1977.
16
4.6 Die Zitate bei den Kirchenvätern
Die Einschränkungen des Wertes dieser Zeugen liegen darin, dass sie
häufig aus dem Gedächtnis zitieren, dass sie verschiedene
Textfassungen des NT benutzt haben können und dass ihre Schriften
ihrerseits wieder eine eigene Textgeschichte mit den bekannten
Fehlerquellen aufweisen. Wenn sich aber ihr Exemplar des Textes
ohne Zweifel identifizieren lässt, hat man ein sehr frühes Textzeugnis,
das durch sein theologisches Gewicht die Zeugnisse einzelner
Handschriften weit hinter sich lassen kann, wie das Beispiel des
Chrysostomus in Johannes 7,1 (→ TKB 9.11) zeigt. Der weitere
Nutzen dieser Kirchenväterzitate liegt darin, dass in ihrem Fall am
ehesten eine geographische Herkunft benannt oder vermutet werden
kann.
Erste Auskünfte über die Kirchenväter finden sich in der Einleitung
des NA auf den Seiten 31*-35*, darunter auch eine nützliche Liste der
herangezogenen Kirchenväter mit ihren Lebensdaten und den
Abkürzungen ihrer Namen, wie sie im textkritischen Apparat des NA
verwendet werden.

5. Versuche, die Überlieferung des Neuen Testaments


zu klären
Die Zahl der Handschriften von über 5000 ist zu groß, als dass sie
noch mit dem notwendigen Grad der Genauigkeit zu kollationieren
(zu vergleichen) wären, um zu einem Stammbaum der Handschriften
zu gelangen.12 Selbst wenn dieser Vergleich möglich wäre, müsste
eine Besonderheit der NT-Überlieferung – aber nicht nur der NT-
Überlieferung
–, die Kontamination, zum Verzicht zwingen. Darunter
versteht man die Tatsache, dass eine Handschrift nicht nur von einer
Vorlage abgeschrieben ist, sondern dass während oder nach ihrer
Abschrift eine oder mehrere Handschriften hinzugenommen wurden,
nach denen sie geändert (verbessert oder verschlechtert) wurde.
Die Überlegungen zur stemmatischen Methode hatten zwingend
erwiesen (s. Abschnitt 2 – «Die stemmatische Methode ...», Ende),
dass in einer Überlieferung, die nicht in dieser Weise untersucht
werden kann, jede Lesart jeder Handschrift als möglicherweise
ursprünglich angesehen werden muss. Unter diesem Verdikt stehen
die im Folgenden beschriebenen Versuche, die riesige Menge der ntl.

12
Der Verfasser hat die Stemmata eines Textes des Aristoteles (Aristoteles
OIKONOMIKOS [Oikonomikos] ... Königstein 1983, 15-69) und Lukians (Lukian von
Samosata, Alexandros oder der Lügenprophet ... Leiden 1997) erarbeitet. Wenn er die Zeit
und Mühe dieser Arbeit an ungefähr jeweils 30 Hss. (von denen nur ein Teil in einem
beschränkten und erkennbaren Maße kontaminiert war) berechnet, erscheint es ihm als
unmöglich, sie für Tausende von Hss. zu leisten, die noch dazu unentwirrbar kontaminiert
sind.

17
Handschriften zu ordnen.

Seit dem Beginn der kritischen Untersuchung der ntl. Überlieferung


wurde versucht, die Masse der Handschriften zu gruppieren. Man
sprach von Familien, Klassen, Rezensionen, lokalen Typen. Hier soll
der neutralste Terminus, «Textform», gewählt werden.
Wenn eine «Textform» («text-type») einmal benannt ist, entsteht
der Eindruck, sie sei eine klar umrissene Größe von merklicher
Einheitlichkeit. Das ist keineswegs so. Der große Kenner Tischendorf,
der Entdecker des Kodex Sinaiticus (ℵ 01), war der Meinung, «dass
bei der Verwendung von Begriffen wie (Handschriften-)Klasse oder
Rezension größte Vorsicht nötig ist: Einen solchen Begriff als
höchsten Maßstab oder als Grundlage zu nehmen ist sowohl
leichtfertig als auch nutzlos». An anderer Stelle äußerte er nach der
Musterung der textgeschichtlichen Entwürfe seiner Vorgänger, «dass
sie die Textgeschichte offenbar eher mit Hilfe ihrer Phantasie als
gestützt auf die geschichtlichen Dokumente ausarbeiten».13
Was gemeinhin als «Textformen» bezeichnet wurde und wird, das
sind in der historischen Wirklichkeit wohl eher Tendenzen oder
Prozesse der Überlieferung, die sich schon in den frühesten Papyri
nachweisen lassen und die den Strom der Überlieferung in den
verschiedenen Jahrhunderten jeweils mehr oder weniger stark
beeinflusst, gelenkt, verschmutzt oder gereinigt haben.14
Es handelt sich bei diesen «Textformen» also sicher nicht um
Revisionen des Urtextes, die zu bestimmter Zeit von einer oder
mehreren Personen vorgenommen wurden, sondern um eine
stufenweise Entwicklung und um eine allmähliche Prägung über einen
längeren Zeitraum.
Die Schwierigkeit liegt in Folgendem: Das einzige sichere
Merkmal zur Feststellung einer Zugehörigkeit zu einer «Textform»
sind gemeinsame Fehler, Leitfehler. Ob eine Lesart ein Fehler oder ob
sie original ist, ließe sich, von Ausnahmen abgesehen, nur durch einen
Blick auf das Original feststellen, das nicht vorhanden ist, sondern
rekonstruiert werden muss. Diese Rekonstruktion kann nur auf einem
einzigen Wege geschehen: Man muss Lesart für Lesart mit Erfahrung
und Anstrengung, Geduld und Wissen durchmustern.15 Am Ende
dieser langwierigen Arbeit wird man dem Original so nahe wie
möglich gekommen sein.
Die «Textformen», die bei der Entscheidung darüber helfen sollen,

13
Novum Testamentum Graece ed. C. Tischendorf, Leipzig 1884-1894, Band III 196; 193.
14
Dieses Bild, das Zuntz (Text, 264f und auf seiner beigegebenen Tafel) und Greven
(«NTS» 6, 1959, 281-296) gebrauchen, wird der historischen Wirklichkeit wesentlich besser
gerecht als das von irgendwelchen Gruppierungen mehr oder weniger fester Textformen,
von denen die Konstituierung des Textes von NA und GNT zu ihrem großen Schaden in
hohem Maße bestimmt ist.

15
Zuntz: Text, 283.
18
ob eine Lesart original ist, werden also erst am Ende dieser Arbeit
zuverlässig ermittelt sein. Wir haben es hier mit einem methodischen
Zirkel zu tun, aber mit einem höchst fruchtbaren Zirkel.16 Selbst wenn
diese Textformen in dieser Weise schon ermittelt wären, könnten sie,
ich wiederhole es, bei der Antwort auf die Frage nach der Originalität
einer Lesart allenfalls helfen. Die eigentliche Entscheidung ergibt sich
aus dem Vergleich der überlieferten Lesarten. Im NT haben die
Versuche, «Textformen» zu ermitteln, zu folgenden Abgrenzungen
geführt:

«Textform» A (auch: byzantinischer, antiochenischer, syrischer,


kirchlicher Text, Reichstext, Koine-Text, Mehrheitstext).17 Merkmale:
Stilistische Klarheit und grammatikalische Vollständigkeit (durch
zusätzliche Pronomina, Konjunktionen, Partikel u.ä.), Interpolationen
(«Anreicherungen») mit dem Ziel der Harmonisierung und
Assimilierung («Angleichung») ohne die Zusätze der Gruppe D (s.u.),
also insgesamt durch Glättung des Textes. Dieser «Textform» gehören
über achtzig Prozent aller Handschriften des NT an. Einige Lesarten
dieser Gruppe finden sich schon bei den Kappadokiern, Johannes
Chrysostomus (gest. 407) und Theodoret von Cyrus (gest. ca. 466).
Die erste Handschrift, die viele Kennzeichen dieser Gruppe aufweist,
ist der Codex A vom Ende des 5.Jh. (nur in den Evangelien). Erst die
Handschriften E und Ω aus dem 8.Jh. sind vollgewichtige Mitglieder
dieser Gruppe.
Textzeugen:18 A E F G H K P S V W (Mt, Lk 8,13-24.53 in W) Π
Ψ (teilweise in Lk u. Joh) Ω, der größte Teil der Minuskeln.

«Textform» B (auch: alexandrinischer, ägyptischer, neutraler Text).


Merkmale: Fehlen all dessen, was den Text der Gruppe D (s.u.)
ausmacht, außerdem feine stilistische Varianten. Viele der Lesarten
dieser «Textform» sind «schwieriger» (mehr hierzu später), weniger
16
«Ein Kreis entsteht, aber nicht ein fehlerhafter, fehlererzeugender Kreis; kein ‹circulus
vitiosus›. Aus der großen Masse der Erscheinungen unter den Zeugen gelangt man dazu,
gewisse Klassen zu erkennen, sowie klassenbildende Eigentümlichkeiten in den Zeugnissen
deutlich zu unterscheiden. Sind diese Klassen einmal erkannt und ihre Eigenschaften
festgestellt, dann kann man an den einzelnen zweifelhaften Zeugen gehen und ihn daraufhin
untersuchen, ob er der oder der Klasse zugehört. Man merke den Schritt: erst Klassen
festgestellt, dann zweifelhafte Zeugen den Klassen zuerkannt.» (Gregory, 1009) Gregory
hing der Vorstellung von Rezensionen des Textes an, wie sie Hort und nach ihm von Soden
vertraten. Wenn man für den Plural «Klassen» den Singular «Textform» einsetzt, ist diese
Beschreibung sehr zutreffend. Ähnlich äußert sich Zuntz: Text, 13.
17
Bei dieser Benennung mit neutralen Buchstaben statt mit einem der – das Wissen um eine
genaue geographische Herkunft vorspiegelnden – Namen folge ich einem Vorschlag von
Eldon J. Epp: «The Significance of the Papyri ...», in: Eldon J. Epp/Gordon D. Fee: Studies
in Theory and Method of New Testament Criticism (Studies and Documents 45), Grand
Rapids 1993, 283ff, der seinerseits schon F.G. Kenyon: The Text of the Greek Bible,
London 19492, gefolgt war. Kenyon hatte sich kleiner griech. Buchstaben bedient.
18
Die Textzeugen sind nach Metzger: Commentary, 15*f angegeben, aber ohne die
«gemischten», also in ihrem Charakter umstrittenen Hss.

19
glatt, knapper als die der anderen Gruppen und erweisen sich bei
genauer Prüfung in höherem Maße als in den anderen «Textformen»
als vermutlich ursprünglich. Diese «Textform» des 2.Jh. dürfte das
Ergebnis philologischer Bemühungen sein, deren Zentrum man am
ehesten in Alexandria vermuten sollte. Die philologischen
Bemühungen bestanden sicher nicht darin, dass die Texte verbessert
wurden, sondern darin, dass weniger mit Fehlern behaftete
Handschriften ermittelt und als Vorlagen genommen wurden.
Haupttextzeugen: P45 (Apg) P46 P66 P75 ℵ B; sahidische
Übersetzung (z.T.); Clemens von Alexandria, Origenes (z.T.),
außerdem die meisten Papyrus-Fragmente der Paulinischen Briefe.
Weitere Textzeugen:
Evangelien: L T W (Lk 1,1–8,12; Joh in W) Z ∆ (Mk) Ξ Ψ (Mk,
teilweise Lk, Joh) 33 579 892 1241; bohairische Übersetzung.
Apostelgeschichte: P50 A Ψ 33 (11,26–28,31) 81 104 326.
Paulus-Briefe: A H I Ψ 33 81 104 326 1739.
Katholische Briefe: P20 P23 A Ψ 33 81 104 326 1739.
Offenbarung: A 1006 1611 1854 2053 2344; in geringerem Maße
P47 ℵ

«Textform» D (auch: okzidentaler Text, westlicher Text). Merkmale:


Sehr umfangreiche Interpolationen (der Text der Apg z.B. ist um fast
ein Zehntel länger als der Text der Gruppe B), z.B. Einfügung von
Pronomina im Genitiv, Hinzufügung von Objekten bei absolut
gebrauchten Verben, Hinzufügung und Auslassung von
Konjunktionen, Austausch von Konjunktionen, Ersetzung von Partizip
mit finitem Verb durch zwei finite Verben, Kompositum des Verbs
statt des Simplex, Harmonisierungen, Assimilierungen. Der Text
dieser Gruppe geht ebenfalls auf das 2.Jh. zurück.
Textzeugen: Evangelien: P69 ℵ (Joh 1,1–8,38) D W (Mk 1,1–5,30)
0171; Vetus Latina; Sinai-Syrer und Cureton-Syrer (z.T.); frühe
lateinische Kirchenväter.
Apostelgeschichte: P29 P38 P48 D E 383 614 1739; ein Teil der
syrischen und koptischen Übersetzung; frühe lateinische Kirchenväter;
Ephraim.
Briefe: D F G; griechische Kirchenväter bis zum Ende des 3.Jh.;
Vetus Latina; frühe lateinische Kirchenväter.
Wenn man solche «Textformen» voneinander unterscheiden will, sind
über die obigen Charakterisierungen hinaus Listen von Lesarten nötig,
die nur den Angehörigen der jeweiligen Gruppe eigen sind. Es muss
sich dabei um singuläre Lesarten oder, in der Terminologie von Paul
Maas, um Listen von Leitfehlern handeln. Wenn man sich auf die
Suche nach solchen Leitfehler-Listen begibt, wird man
erstaunlicherweise nicht wirklich fündig.19
19
In den beiden Geschichten des Textes des NT von Metzger und Aland findet sich keine
einzige Lesart, geschweige denn eine Liste, ebenso wenig bei Metzger: Commentary (s.
20
In der Praxis der textkritischen Ausgaben sind solche Gruppen
gewöhnlich durch gemeinsame Siglen (Abkürzungszeichen)
zusammengefasst, weil so der Apparat stark gekürzt und
übersichtlicher gestaltet werden kann. Im Apparat des NA gibt es
jedoch kein solches Sigel für die «Textform» B,20 ebenso wenig für
die «Textform» D. Die Begründung, die dafür in den Erläuterungen
im Fall der «Textform» D gegeben wird, ist es wert, in diesem
Zusammenhang zitiert zu werden: «... auch von einem gemeinsamen
Zeichen für den sogenannten ‹Westlichen› Text habe ich abgesehen,
weil seine Vertreter zu sehr auseinandergehen und deshalb besser
einzeln genannt werden, wie D, it, sysc.»21
G. Zuntz wies nach, dass sich 70 bis dahin als «westlich» geltende
Lesarten («Textform» D) schon in P46 und seinen engen Verwandten
finden.22 Seine Untersuchung lehrt, dass sich eine solche Feststellung
sehr wahrscheinlich im Falle weiterer Lesarten wird treffen lassen,
wenn weitere frühe Papyri gefunden werden sollten. Auch das Sigel
M bezeichnet nicht die «Textform» A, sondern ist eine
Sammelbezeichnung, unter der der gesamte Rest der nicht einzeln
verzeichneten Handschriften erfasst ist.23
Der Wert solch vager Gruppierungen in den praktischen Fragen der
Textkritik ist sehr gering, weil kaum jemals auch nur zwei,
geschweige denn mehrere der Zeugen dieselben Merkmale der Gruppe
aufweisen, sondern immer nur einen Teil, häufig einen nur sehr
kleinen Teil. Die Zugehörigkeit einer Handschrift zu einer
«Textform» ist also immer mehr oder weniger stark, beziehungsweise
mehr oder weniger schwach ausgeprägt.
Zudem ist die Gruppenzugehörigkeit häufig von Buch zu Buch des
NT, aber auch innerhalb der Bücher wechselnd, wie oben abzulesen.24
In vielen Fällen – man spricht dann von «gemischten» Texten – ist sie
strittig, in anderen Fällen keineswegs hinreichend erforscht.25 Am

vorige Anm.), wo man sie doch hätte erwarten können. Aland (Text, 342) erkennt diesen
Mangel: «Neutestamentliche Texttypen ... sind zu ungenau definiert, d.h. der Bestand an
Lesarten, der über ganze neutestamentliche Schriften hin einen Texttyp ausmacht, ist, von
zwei Ausnahmen abgesehen, zu unsicher.» (Diese Bemerkung findet sich erst in der 2.
Aufl., und auch nur in einem Anhang.) Auch im Falle der beiden genannten «Ausnahmen»
– es handelt sich um den D-Text und den byzantinischen Text – werden solche Listen dem
zu Recht neugierigen Leser nicht geboten. Immerhin findet sich bei E.C. Colwell: «Method
in Grouping New Testament Manuscripts» (= N.T. St. IV, 1958, 73-92), in: E.C. Colwell:
Studies in Methodology in Textual Criticism of the New Testament, Leiden 1969, 10f eine
kleine Liste von singulären Lesarten der Gruppe B: Joh 1,18; 3,13; 4,21; 7,20; 7,46; 7,49;
zwei weitere Listen, ebenfalls zum Text von Joh bei Colwell: a.a.O., 43f.
20
NA26, S. 9 der Einführung: «Das Sigel H stellte dagegen nicht selten eine Konjektur dar.
Denn die so bezeichnete Lesart wurde häufig nur von ganz wenigen Zeugen vertreten,
während die Masse der Repräsentanten des sog. ägyptischen Textes anders las.»
21
NA24, S. 13 der einführenden Erläuterungen.
22
Zuntz: Text, 142-150.
23
NA26, S. 10 der Einführung.
24
Siehe dazu u.a. Josef Schmid: Studien zur Geschichte des griechischen Apokalypse-
Textes, München 1955-56, I, 22-23.
21
ehesten wird man sagen können, dass die «Textform» A dadurch
gekennzeichnet ist, dass sie in mehr oder weniger großem Maße die
Besonderheiten des Alexandrinus (A) und die häufigsten
Gemeinsamkeiten der Mehrheit der byzantinischen Minuskeln
aufweist; die «Textform» B dadurch, dass sie kennzeichnende
Lesarten des Vaticanus (B) enthält; die «Textform» D dadurch, dass
sie durch einen mehr oder weniger großen Teil der Merkmale des
Cantabrigiensis Bezae (D) gekennzeichnet ist.
Der größte Nutzen dieser Einteilung in «Textformen» liegt darin,
dass sie die Aufmerksamkeit auf bestimmte Entwicklungen in der
Geschichte des Textes gelenkt hat und sie in gewissem Maße
verstehen half.26 Das geschah in der Weise, dass man die einzelnen
Handschriften und ihre Lesarten, die Gewohnheiten (z.B. die Stärken
und Schwächen ihrer Schreiber, die Interessen möglicher Korrektoren
etc.) immer genauer kennen lernte. Dies ist auch der einzige Weg, der
in Zukunft weiterführt.

6. Typologie der Varianten in der griechischen


handschriftlichen Überlieferung
Die Möglichkeiten von Autoren, Schreibern und Korrektoren, Fehler
zu machen, sind unbegrenzt. Des Weiteren finden sich gelegentlich
bewusste Änderungen des Textes. Wenn man eine Typologie der
Fehler von Kopisten, Korrektoren oder Lesern zusammenstellt und
mit den Varianten im Apparat einer kritischen Ausgabe vergleicht,
ergibt sich, dass sie nur einen sehr kleinen Teil erfasst. Vielfach sind
Fehler dieser Typen (6.1) auch nicht die großen Probleme der
Textkritik, so dass sie von den Herausgebern kritischer Ausgaben
häufig als Kleinigkeiten betrachtet und nicht erwähnt oder pauschal in
Vorbemerkungen erledigt werden. Da solche Fehler aber
gewissermaßen der Alltag der Textüberlieferung und oft der
Ausgangspunkt sehr gewichtiger Änderungen des Textes waren,
sollten textkritische Entscheidungen in Kenntnis dieser Fehler
getroffen werden. Von größerer Bedeutung sind die absichtlichen
Änderungen (6.2):

25
G. Zuntz: Lukian von Antiochien, 17ff, wies z.B. nach, dass eine Reihe von Hss. des 6.Jh.
nicht, wie bei Aland geschehen, der Gruppe M, dem Mehrheitstext, zugeordnet werden
können.
26
Eine sehr anschauliche Möglichkeit, sich einen Überblick über die wesentlichen
Unterschiede von Gruppe B und Gruppe D zu verschaffen, bietet Hans-Werner Bartsch:
«Codex Bezae [= D, Anm. des Verf.] versus Codex Sinaiticus im Lukasevangelium»,
Hildesheim 1984, der Lk aus beiden Hss. mit allen Besonderheiten parallel abdruckt. –
Ähnliches in viel anspruchsvollerem Rahmen leisten für die Apostelgeschichte M.E.
Boismard/A. Lamouille: Texte occidental des Actes des Apôtres, Paris 1984, die den Text
von D für lukanisch halten. – Eine immer noch nützliche Gesamtkollation der Hs. D bei E.
Nestle: Novi Testamenti Graeci Supplementum editionibus De-Gebhardt-Tischendorfianis
accomodavit E.N., Leipzig 1896.
22
6.1 Unbeabsichtigte Änderungen
6.1.1 Lesefehler 27
6.1.1.1 Verwechslung von Buchstaben
In der griechischen Majuskel (bis ins 9.Jh. gebräuchlich) sind manche
Buchstaben leicht zu verwechseln: C Θ Ο / Γ Π Τ / ΛΛ Μ / ∆ Λ u.a.
Beispiele:
•Timotheus 3,16: Variante qeo,j zu o[j (ΘC − ΟC, als nomen
•sacrum – [lat. «heiliger Name»] – abgekürzt)
•Römer 6,5: Variante a[ma zu avlla, (ΑΜΑ – ΑΛΛΑ)
•Platon, Apologie 19d6: Variante ΠΟΛΛΑ zu ΤΑΛΛΑ. Hier
•dürfte ein Gedächtnisfehler des Kopisten mitgewirkt haben, da
•sich wenige Worte später polloi, findet.
•2. Korinther 1,12 a`gio,thti / a`plo,thti (ΑΓΙΟΤΗΤΙ /ΑΠΛΟΤΗΤΙ)
•2. Korinther 5,3: evkdusa,menoi / evklusa,menoi ( ΕΚ∆- / ΕΚΛ-)
•Dionysos von Halikarnass, Lysias 6 teleukw/j® / ge leukw,j –
(ΤΕΛΕΥΚΩΣ / ΓΕΛΕΥΚΩΣ)
•Platon, Theätet 150d8: kai. teko,ntej wurde verlesen zu
kate,contej (ΚΑΙΤΕΚΟΝΤΕΣ / ΚΑΤΕΧΟΝΤΕΣ)

6.1.1.2 Überspringen von Zeilen


Dies ist einer der häufigsten unter den leichter erkennbaren Fehlern,
den Kopisten z.B. aus Müdigkeit begehen. Es lohnt sich in jedem Fall
eines Zusatzes bzw. eines geringeren Textbestandes, der Frage
nachzugehen, ob die Buchstabenzahl dieses Zusatzes oder
Minderbestandes in einer oder mehreren Zeilen einer der alten
Handschriften Platz hätte. Beispiele der Anwendung dieses
Verfahrens sind Apostelgeschichte 8,39 und 1. Petrus 4,14 (→ TKB
9.12 und 9.14).
Gefördert wird ein solches Überspringen von Zeilen durch gleiche
Anfänge oder Endungen (Homoiarkton oder Homoioteleuton, s.u.),
wie die genannten Beispiele ebenfalls zeigen.

6.1.1.3 Homoiarkton («gleicher Anfang») und Homoioteleuton («gleiches


Ende»)
Beispiel:
•Matthäus 12,46 endet ebenso wie Vers 47 mit den Worten
zhtou/ntej ... lalh/sai («sie waren bestrebt ... zu reden»). Das
führte zum Ausfall des Verses 47 in einem Teil der
Überlieferung, u.a. im Sinaiticus und Vaticanus.
Das Fehlen von loipou,j («übrigen») in Apostelgeschichte 2,37
in D 241 it u.a. könnte auf folgende Weise zu erklären sein:

27
Ich lehne mich in dieser Typologie an Metzger, 188-209, und Aland, 285, an.

23
ΚΑΙΤΟΥΣΛΟΙΠΟΥΣΑΠΟΣΤΟΛΟΥΣ («und zu den übrigen
Aposteln»).
6.1.1.4 Haplographie
Eine Variante dieses Fehlertyps ist die Haplographie («Einmal-
Schreibung»).
Beispiele:
•In Platons Apologie 19b7 heißt es nach der Handschrift B
zweifellos zu Recht: ... dida,skwn ta. auvta. tau/ta («indem er
genau diese Dinge lehrt»). Die Handschrift T verkürzt den Text
zu dida,skwn tau/ta («indem er diese Dinge lehrt»), die
Handschrift W verkürzt zu dida,skwn ta. auvta. («indem er
dasselbe lehrt»).
•In Apostelgeschichte 1,19 könnte das Fehlen von ivdi,a| in th|/ ivdi,a|
diale,ktw| auvtw/n («eigenen», in «ihrer eigenen Sprache») in
P74vid ℵ B* D so erklärt werden (ΤΗΙ∆ΙΑ∆ΙΑΛΕΚΤΩ), denn
der Text mit ivdi,a| entspricht Lukas’ Ausdrucksweise in
Apostelgeschichte 2,6; 2,8 (Metzger: Commentary, 252).
6.1.1.5 Die Dittographie
(«Zweimal-Schreibung») ist der umgekehrte Fall.
Beispiel:
•Platon, Gorgias 470b11 Su. … avpo,krinai [tauvto.] tou/to.
(«Beantworte du mir [dasselbe] dies!») Das hier völlig
unpassende tauvto ist als Dittographie auszuscheiden.

6.1.2 Hör- und Schreibfehler


Eine ganze Reihe von Hör- und Schreibfehlern in griech. Texten liegt
in einer Lautverschiebung der griech. Sprache begründet, die man
Itazismus nennt (eigentlich die Erscheinung, dass hta wie ita
ausgesprochen wird). Die Fehler beruhen u.a. darauf, dass
ursprünglich verschieden ausgesprochene Laute oder Lautgruppen
zusammengefallen sind:
a) i h u oi ei ui wurden gleichermaßen wie i ausgesprochen.
Ferner:
b) w und o werden gleich ausgesprochen.
c) ai wird wie e ausgesprochen.
Entfernt vergleichbar ist im Deutschen Leib/Laib, tot/Tod, (der)
Bote/(die) Boote; im Franz. aimer/aimé.
Wenn man von solchen Erscheinungen weiß, wird man Varianten
wie h`mei/j / u`mei/j, h`mi/n / u`mi/n («wir» / «ihr», «uns» / «euch») (1Joh
1,4; Gal 4,28; 1Petr 1,3; 1,12; 2,21; 3,18 u.a.) oder ni/koj / nei/koj
(«Sieg» / «Streit») in 1. Korinther 15,54 oder in Jakobus 3,3 eiv de /
i;de («wenn aber» / «siehe!») oder in Jakobus 4,5 katw|,kisen/katw|,khsen
(«siedelte» / «wohnte») besser beurteilen können.

24
6.1.3 Gedächtnisfehler
Gedächtnisfehler sind es im Allgemeinen, wenn a) Wörter durch
Synonyme ersetzt werden: ei=pen für e;fh; evk für avpo, («er sagte» für «er
sagte»; «von/aus» für «von/aus») u.ä., b) die Wortfolge geändert wird.

6.2 Beabsichtigte Änderungen


Die beabsichtigten Änderungen sind von größerer Bedeutung. Sie
umfassen:

6.2.1 Änderungen der Orthographie, des Vokabulars, der Grammatik


mit dem Ziel, den Text zu verbessern
Beispiele:
•In Markus 10,25 (und an den parallelen Stellen) wird in einigen
Handschriften aus dem Kamel (ka,mhloj), bei dem man sich ja
fragen könnte, ob oder warum es den Versuch machen sollte,
durch ein Nadelöhr zu gehen, ein auf den ersten Blick
überzeugenderes Schiffstau (ka,miloj, wegen des Itazismus in
der Aussprache nicht von ka,mhloj unterschieden). Aber diese
scheinbar kluge Veränderung des Textes ist eine Entfernung
vom ursprünglichen Text. Das Kamel als größtes Tier und das
Nadelöhr als kleinste Öffnung sind sprichwörtlich. Gegen das
Schiffstau spricht außerdem sein äußerst seltenes und sehr
spätes Vorkommen in der griechischen Literatur28, so dass wohl
zu Recht erwogen worden ist, ob es sich um eine Erfindung aus
Anlass dieses und der parallelen Gleichnisse handele.

•In 1. Korinther 1,23 ist in einem großen Teil der späten


Überlieferung e;qnesin durch [Ellhsi («Völker» durch
«Griechen») ersetzt und somit eine Angleichung an das
Gegensatzpaar Juden/Griechen in den umgebenden Versen 22
und 24 vorgenommen.

•In Johannes 10,7 wurde in einem frühen Teil der Überlieferung


die Aussage «Ich bin die Tür für die Schafe» als zu schwierig
empfunden. Man ersetzte also h` qu,ra durch o` poimh,n («die
Tür» durch «der Hirte») und erreichte dadurch einen leichter
verständlichen Text, der zudem besser mit Vers 11 harmonierte:
«Ich bin der gute Hirte.»

•In Galater 1,18 wird von einem großen Teil der Überlieferung der
aramäische Name Khfa/n («Felsen») durch den geläufigeren
griechischen Namen des Apostels ersetzt.

28
Nur in: Suidas 1967C; Scholia in Aristophanem («Erklärungen zu Aristophanes», vespae
(«die Wespen») V. 1035.

25
•In Johannes 8,39 liegt ein gemischtes konditionales Satzgefüge
vor: eiv e;ste ... evpoiei/te – «wenn ihr wirklich Abrahams Kinder
seid [Realis, denn sie sind es ja!], tätet ihr die Werke Abrahams
[Irrealis, sie tun es aber nicht!]. In einem Teil der
•Überlieferung ist nun e;ste durch h=te («ihr seid» durch «ihr
wäret») ersetzt, so dass auch im bedingenden Satz ein Irrealis
vorliegt und ein vermeintlich korrekterer Text hergestellt ist
(«wenn ihr es wirklich wäret»).

•In Apostelgeschichte 1,26 ist in einem Teil der Überlieferung kai.


e;dwkan klh,rouj auvtoi/j gegen das einfachere kai. e;dwkan
klh,rouj auvtw/n («und sie gaben ihnen Lose» gegen «und sie
gaben ihre Lose», im Sinne von «warfen Lose für sie»)
ausgetauscht.

6.2.2 Änderungen mit dem Ziel, verschiedene Texte der Bibel


miteinander in Einklang zu bringen, einerseits im Verhältnis von AT zu
NT, aber auch innerhalb des NT
Beispiel:
•In Matthäus 2,18 ist in Angleichung an Jeremia 38,15 (LXX) in
einem Teil der Überlieferung klauqmo,,j zu qrh/noj kai. klauqmo,j
(«Seufzen» zu «Totenklage und Seufzen») erweitert.

6.2.3 Erweiterungen mit dem Ziel, den Text verständlicher zu machen


Beispiele:
•In Matthäus 1,22 ist in einem kleinen Teil der Überlieferung vor
tou/ profh,tou («des Propheten») der Name vHsai<ou («Jesaja»)
wohl zur Verdeutlichung eingefügt.
•In Apostelgeschichte 1,5 ist die Zeitangabe ouv meta. polla.j
tau,taj h`me,raj («nach diesen nicht vielen Tagen») in einigen
Handschriften der Gruppe D präzisiert: e[wj th/j penthkosth/j
(«bis Pfingsten»), also das Datum des Kommens des Heiligen
Geistes.
•In Apostelgeschichte 12,1 ist hinter evkklhsi,aj («Gemeinde») in
einigen Handschriften der Gruppe D eine geographische
Präzisierung vorgenommen worden, indem hinzugefügt wurde:
evn th|/ vIoudai,a| («in Judäa»).

6.2.4 Beseitigung von Unklarheiten


Beispiel:
•In Apostelgeschichte 1,15 ist avdelfw/n («Brüder») von einem Teil
der Handschriften durch maqhtw/n («Jünger») ersetzt, eine
verständliche Änderung, da in Vers 14 von den Brüdern Jesu
die Rede ist, während hier in Vers 15 mit den Brüdern die
Jünger gemeint sind.

26
6.2.5 Änderungen in bestimmter theologischer oder kirchenpolitischer
Absicht
Beispiele:
•In Markus 15,34 heißt es in einem Teil der Überlieferung
wvnei,disaj statt evgkate,lipej («schmähen» statt
«verlassen») – Letzteres dürfte dem Korrektor zu
allgemein und darum missverständlich gewesen sein,
weil daraus hätte geschlossen werden können, es habe
tatsächlich eine Trennung Gottes von Jesus
stattgefunden (→ TKB 9.13, Hebr 2,9; wo dem
gleichen Missverständnis durch eine Änderung
vorgebeugt wurde). Das Verlassensein zeigte sich im
Vorangehenden darin, dass Gott Jesus den
Schmähungen ausgesetzt hatte.29
•Die Verse Lukas 22,43-44 fehlen in einem bedeutenden
Teil der Überlieferung, möglicherweise weil die
Schreiber diesen Bericht von Jesu menschlicher
Schwäche nicht mit seinerGöttlichkeit in
Übereinstimmung bringen konnten (→ TKB 9.9).
•In Lukas 24,37 hat der Kodex D statt pneu/ma («Geist»)
die Lesart fa,ntasma («Erscheinung, Gespenst»), von
der bezeugt ist, dass sie sich im NT des Häretikers
Marcion fand.
•In Johannes 6,15 ist möglicherweise feu,gei («er flieht»)
dieursprüngliche Lesart, die in einem bedeutenden
Teil derÜberlieferung durch das im Zusammenhang
mit Jesus alsweniger anstößig empfundene
avnecw,rhsen («er ging fort») ersetzt wurde.
•Nach Johannes 8,59 findet sich in einem Teil
derÜberlieferung die Erweiterung «und er ging mitten
durch sie hindurch fort und verließ sie so». Es scheint,
dass dieser Zusatz das Wunderbare von Jesu
Entkommen unterstreichen soll.
•In Apostelgeschichte 1,23 korrigierten einige
Handschriften der Gruppe D e;sthsan («sie setzten
ein») in e;sthsen («er setzte ein»), um der Rolle des
Petrus mehr Bedeutung zu geben.
•In Apostelgeschichte 2,41 ersetzt Kodex D avpodexa,menoi
(«sie nahmen an») durch das gewichtigere
pisteu,santej («sie glaubten»). Es unterstreicht,
welchen Eindruck Petrus auf seine Hörer machte.

29
Die ausführliche Diskussion dieser Stelle bei Harnack: Studien, 98-103, der aus
erwägenswerten Gründen wvnei,disaj für den urspr. Markus-Text hält.

27
•In 1. Thessalonicher 3,2 ist kai. sunergo.n tou/ qeou/
(«[wir schickten Timotheus, unsern Bruder] und
Mitarbeiter Gottes»)in einem Teil der Überlieferung
geändert zu kai. dia,konon tou/ qeou/ – («und Diener
Gottes»).
•In Hebräer 2,9 ist die vermutlich ursprüngliche Lesart
cwri.j qeou/ («ohne Gott») geändert zu ca,riti qeou/
(«durch Gottes Gnade»), weil man meinte, dass der
leidende Heiland nicht von Gott getrennt sein könnte
(→ TKB 9.13).

7. Kriterien der Beurteilung von überlieferten


Lesarten
Die Textkritik ist der wohl voraussetzungsreichste Teil jeder
Philologie. Einige der Voraussetzungen, nämlich die Kenntnis der
Sprache und ihrer Geschichte, die Geschichte der Literatur und ihrer
Entstehungszeit, die Geistesgeschichte, die Geschichte der
Textüberlieferung, kann man mehr oder weniger gut kennen lernen,
andere entziehen sich völlig:
Wir können z.B. nicht wissen, welche Nachlässigkeiten sich ein
bestimmter Schreiber an einer bestimmten Stelle des Textes
zuschulden kommen ließ. Auch nicht, welche dem Text fremden
Überlegungen ihn beim Schreiben bestimmten, mit welchem
Scharfsinn oder mit welcher Dummheit, mit welcher Willkür oder mit
welcher Pietät er an seine Arbeit ging. Ferner haben wir keine
Ahnung, wie es um sein Gehör bestellt war, wenn ihm diktiert wurde,
wie um seine Sehkraft, wenn er selbst abschrieb. Die Entscheidungen
des Textkritikers sind also immer sehr unsichere Entscheidungen,
umso unsicherer, je schematischer er vorgeht.
Die textkritischen Beispiele im 1. Abschnitt, aus einer weniger weit
zurückliegenden Zeit und aus der Gegenwart, noch dazu in unserer
Muttersprache geschrieben und aus einem Umfeld, mit dem wir viel
vertrauter sind, sollten u.a. vor allzu viel Zuversicht warnen, Texte mit
völliger Sicherheit wiederherstellen zu können.
Die Möglichkeiten, Fehler zu erkennen, sind äußerst begrenzt. Das
zeigt sich z.B. daran, dass selbst in seit Jahrhunderten viel gelesenen
Texten immer wieder an Stellen, an denen bis dahin niemand Anstoß
genommen hatte, überzeugende Konjekturen gemacht oder auch nur,
das ist einfacher, Verderbnisse aufgedeckt werden.
Umgekehrt erweist häufig die Entdeckung eines neuen Papyrus,
dass der Scharfsinn der Philologen nicht ausgereicht hatte, die
Verderbnisse im überlieferten Text auch nur zu erkennen, geschweige
denn zu beseitigen. Allerdings kann die Entdeckung eines neuen
Papyrus philologischen Scharfsinn auch auf das Glänzendste
bestätigen.
Es ist verdächtig, dass es nicht einmal, wie man meinen sollte, doch
28
recht leicht zu erstellende Statistiken darüber gibt, an welchen Stellen
z.B. des NT nach welchen textkritischen Kriterien entschieden wurde
– ganz zu schweigen von umfänglicheren Untersuchungen dieser
Frage. «Den Kern fast jedes textkritischen Problems bildet eben ein
stilistisches, und die Kategorien der Stilistik sind noch viel ungeklärter
als die der Textkritik.»30
Eines ist immer im Auge zu behalten: Die Qualität einer
«Textform» lässt sich nicht aufzeigen, sondern nur die Qualität
einzelner Handschriften, insofern als man sie – mit Hilfe der
stemmatischen Methode – als «abhängig»31 oder «unabhängig»
erweisen kann. Wenn das, wie im Fall des NT, nicht möglich ist, muss
die Qualität jeder einzelnen ihrer Lesarten gesondert betrachtet
werden. Das gilt für jede Handschrift in einer solchen «Textform».
Wenn z.B. die «Textform» D an einer bestimmten Stelle einen
umfangreicheren Text hat als die «Textform» B, darf man diesen Text
nicht von vornherein – aufgrund des Wissens um das
Gruppenmerkmal «Zusätze» – verwerfen, denn ein längerer Text muss
nicht immer das Ergebnis einer interpolierenden Redaktion sein.32
Dies alles bedeutet jedoch keineswegs, dass bei über 5000
Handschriften Hunderttausende von Varianten zu beurteilen wären.
Die Überlieferung des NT ist von einer Qualität und Beständigkeit,
die in der Überlieferung der antiken Literatur ganz ohne Beispiel ist,
wie Sie gleich sehen werden:
In den ersten 6 Büchern der Annalen von Tacitus (ca. 55 – ca. 110
n.Chr.) ist die Florentiner Handschrift Laurentianus 68,1 aus dem 9.Jh.
der einzige Zeuge. Die Bücher 11-16 der Annalen und die Bücher 1-5
der Historien sind nur im Laurentianus 68,2 erhalten.
Die Platon-Überlieferung (ca. 427-347 v.Chr.) beginnt, von zumeist
sehr fehlerhaften Papyrus-Fragmenten abgesehen, mit dem Ende des
9.Jh. Aus dieser Zeit stammt das Pariser Manuskript A, das der zweite
Band einer zweibändigen Gesamtausgabe der Werke Platons ist. Der
erste Band dieser Ausgabe ist verloren gegangen und nur in einer in
Venedig aufbewahrten Abschrift T (11./12.Jh.) erhalten. Aus den
folgenden Jahrhunderten sind wenige weitere, mit der ersten eng
verwandte Handschriften bekannt; sie alle gehen wahrscheinlich auf
dieselbe Vorlage zurück; erst aus dem 13.-14.Jh. ist eine weitere
unabhängige Handschrift erhalten.
Die Überlieferung des Aristoteles (384-322 v.Chr.) beginnt zwar
ebenfalls mit dem 9.Jh., aber bei einzelnen Texten sehr viel später,
z.B. im Fall der Eudemischen Ethik und der Ökonomik erst mit dem
Ende des 13.Jh. Zwischen dem Original und den ersten umfangreichen

30
P. Maas: Textkritik, Leipzig 19604, 25.
31
Als «abhängig» werden Textzeugen bezeichnet, die von erhaltenen Hss. abhängig sind.
32
Das UBS-Committee bekennt sich im Fall von Apg implizit dazu, dass die
Gruppenzugehörigkeit keinerlei Entscheidungshilfe bei einzelnen Lesarten ist (Metzger:
Commentary, 235).

29
Abschriften liegen also riesige Zeiträume.
Die älteste vollständige Handschrift Homers (9./8.Jh.v.Chr.)
stammt aus dem 13.Jh.n.Chr., ist also vom Autor über zweitausend
Jahre entfernt.
Von den meisten Werken der Antike sind nicht einmal zwei
Exemplare aus der Majuskel («Schrift in Großbuchstaben») in die seit
dem 9.Jh. gebräuchliche modernere, Platz sparende Minuskel
transskribiert worden. Mit anderen Worten: Die mehr oder weniger
große Anzahl von Handschriften des Mittelalters und der Renaissance
stammt bei den meisten Werken der Antike von einem einzigen, mehr
oder weniger fehlerhaften Manuskript ab.
Ganz anders beim NT. Wenn man Strittiges übergeht, stammt der
älteste Papyrus des Johannes-Evangeliums, P52, ein Fragment von
einem Kodex, spätestens aus dem 1. Viertel des 2.Jh. Der Papyrus
P66, der Johannes 1,1-6.11; 6,35b – 14,26.29-30; 15,2-26; 16,2-4.6-7;
16,10-20.22-23; 20,25 – 21,9.12.17 enthält, ist spätestens um 200
geschrieben.
Eine der beiden ältesten Handschriften des NT ist der von
Constantin von Tischendorf im Katharinenkloster am Sinai entdeckte
Codex Sinaiticus (ℵ 01) wohl vom Ende des ersten Viertels des 4.Jh.
mit u.a. dem vollständigen NT. Etwa zur gleichen Zeit wurde der
Codex Vaticanus (B) geschrieben, der u.a. das NT nahezu vollständig
enthält. Insgesamt sind schon aus der Zeit bis zum 5.Jh. über 80
Papyri und über 60 Majuskel-Handschriften erhalten.
Wie sich erwiesen hat, kann keiner dieser Textzeugen als Vorlage
oder Abschrift des anderen angesehen werden; ebenso wenig lässt sich
von ihnen auf eine gemeinsame, durch bestimmte Lesarten
gekennzeichnete Vorlage schließen; sie müssen also – das lehrt die
stemmatische Methode – die im Vergleich mit der außerbiblischen
Überlieferung noch immer beachtlichen Reste einer ungeheuer weit
verzweigten, kontaminierten und zahlreichen Überlieferung sein. Nur
sehr wenige Textvarianten sind nicht mehrfach von diesen jeweils
voneinander unabhängigen Zeugen erwähnt.
In der übrigen antiken Literatur steht der Textkritiker vor der
Aufgabe, aus einer mehr oder weniger kärglichen Überlieferung den
richtigen Text wiederherzustellen, indem er in ihm Verderbnisse zu
diagnostizieren und sie dann zu heilen versucht. Der Textkritiker des
NT steht vor der Schwierigkeit, sich zwischen verschiedenen, sehr
häufig gleichermaßen glänzend bezeugten Varianten entscheiden zu
müssen, die in der Regel alle einen sinnvollen Text ergeben. Nur an
sehr wenigen Stellen ist der Text des NT unverständlich, weil
unsinnig, also verderbt.
In der Textkritik des NT von heute herrscht ein Methodenstreit
darüber, ob die «äußeren» Kriterien oder die «inneren» (s.u.) die

30
größere Bedeutung haben.33 Dieser Methodenstreit ist weithin
gegenstandslos. Mit Hilfe der stemmatischen Methode hatte sich, wie
oben dargelegt, erweisen lassen, dass in einer kontaminierten
Überlieferung, in der die Abhängigkeitsverhältnisse nicht geklärt
werden können,
1. die richtige Lesart sich in der kleinsten Zahl von Handschriften,
selbst in einer einzigen, erhalten haben kann;
2. das Alter der Handschriften bei der Beurteilung der
Ursprünglichkeit einer Lesart in der Regel keinerlei Bedeutung
hat;
3. die breite oder weniger breite geographische Streuung bei der
Beurteilung einer Lesart in der Regel keinerlei Gewicht hat.
Im 18. und 19.Jh. waren die äußeren Kriterien verständlicherweise
von großer Bedeutung, weil sich beim Vergleich mit den Lesarten der
alten Handschriften, die man in dieser Zeit ja erst entdeckte, die
Lesarten des hartnäckig verteidigten Textus receptus34 als
wahrscheinlich nicht ursprünglich erwiesen.
Inzwischen ist der Textus receptus eine erledigte Größe, und man
kennt die Überlieferung des NT so gut, dass man in der Praxis
beweisen kann, was sich aufgrund der Theorie erwarten ließ: Viele
alte Handschriften, sogar die ältesten Papyri, sind häufig sehr
fehlerhaft. (Der P46 z.B., um 200 entstanden, also eine der
allerfrühesten Hss. des NT, ist ein in hohem Maße fehlerhaftes Ms.35)
Andererseits bewahren viele mittelalterliche Handschriften sehr alte
und häufig originale Lesarten. Auch in Zukunft dürfte sich in der
Masse der Handschriften der Gruppe A (des Mehrheitstextes) noch
manche sehr alte und möglicherweise originale Lesart finden lassen.
Was für das Alter der Handschriften gilt, ist natürlich auch im Falle
der «guten» Handschriften, also besonders der Hauptvertreter der
Gruppe B, der Handschriften ℵ und B, gültig. Die hohe Zahl der
wahrscheinlich ursprünglichen Lesarten in einer Handschrift macht sie
zweifellos zu einer guten Handschrift. Diese hohe Qualität sagt aber
nicht das Geringste über die Ursprünglichkeit einer bestimmten Lesart
dieser Handschrift, da auch gute Handschriften, wie jeder Teil der
Überlieferung, mehr oder weniger fehlerhaft sind.
33
Die Geschichte dieses Methodenstreites legt ausführlich dar E.J. Epp: «The Eclectic
Method in New Testament Textual Criticism: Solution or Symptom?», in: Epp/Fee, 141-
173.
34
Unter Textus receptus wird die Form des Textes verstanden, die – seit Erasmus und von
seiner Edition des NT ausgehend – bis zu den ersten kritischen Ausgaben unbestritten gültig
war und z.B. von der Britischen Bibelgesellschaft noch 1877 nachgedruckt wurde. Die
Bezeichnung stammt aus dem Vorwort der Leidener Drucker Bonaventura und Elzevir zur
2. Aufl. ihres griech. NT von 1633: Textum ergo habes nunc ab omnibus receptum, in quo
nihil immutatum aut corruptum damus. («Du hast nun einen Text, der von allen
angenommen ist, in dem wir nichts verändert oder verderbt wiedergeben.» )
35
Zuntz passim. – Auch in der Homer- und Platon-Überlieferung lässt sich beobachten, dass
sehr frühe Papyri einen höchst fehlerhaften Text enthalten und späteren Mss. unterlegen
sind.

31
Eine ursprüngliche Lesart kann sich, wie dargelegt, in einem
kleinen und allerkleinsten Teil der Überlieferung erhalten haben. Die
Menge der Handschriften, die eine bestimmte Lesart vertreten, sagt
also im Einzelfall nichts über die Ursprünglichkeit dieser Lesart aus.
Ebenso wie manche vermutlich nicht-originale Lesart bei nur sehr
wenigen oder nur einem einzelnen Zeugen zu finden ist, kann das
selbstverständlich bei vermutlich originalen Lesarten der Fall sein.
Denn ob eine Lesart original oder nicht original ist, war den
Schreibern, Korrektoren und Adnotatoren (Kommentatoren) im Laufe
der Überlieferungsgeschichte noch weniger klar als uns, die wir auf
die Hilfe einer langen wissenschaftlichen Tradition mit ihren
Arbeitsinstrumenten bauen können.
Es war diesen Schreibern, Korrektoren und Adnotatoren also nicht
möglich, die vermutlich originalen Lesarten, wie wir gerne erwarten
möchten, «besser» zu überliefern als die vermutlich nicht originalen.
Es findet sich zudem jede denkbare Verbindung von Textzeugen zur
Unterstützung einzelner Lesarten in der handschriftlichen
Wirklichkeit, und zwar innerhalb und außerhalb aller «Textformen».
Ich gebe einige Beispiele:
•Markus 6,23: Das vermutlich ursprüngliche, typisch markinische
adverbiale polla, («eindringlich») wird von P45vid(um 200,
Textgruppe B36), D (5.Jh., Gruppe D), Θ (9.Jh.,verwandt mit
den Minuskel-Gruppen 1 u. 13), 565 (Purpur-
Pergamenthandschrift, 9.Jh., verwandt mit Θ und 700),
700(11.Jh., verwandt mit Θ und 565), arm (armenische
Übers.),ita,b,d,ff2,i,q (altlat. Übers.) überliefert – gegen alle
anderen Zeugen, also auch gegen die übrigen Mitglieder der
jeweiligen «Textformen».
•Markus 6,44: Eine ähnliche, aber eben doch nicht gleiche
Gruppierung von Handschriften lässt tou.j a;rtouj («die
Brote»)aus.
•Apostelgeschichte 5,31: Ein vielleicht richtiges tou/ fehlt nur inℵ*
B.
•Apostelgeschichte 4,18: Es findet sich ein sehr
wahrscheinlichfalsches kaqo,lou statt des richtigen to. kaqo,lou
in ℵ und Ballein.Apostelgeschichte 6,9: Die Wörter kai. vAsi,aj
(«und von Asien») sind – zu Unrecht – nur in A D*
ausgelassen.
•Apostelgeschichte 7,3: th,n fehlt, möglicherweise zu Recht,
in1739 und dem Mehrheitstext.Apostelgeschichte 8,34: Das
vermutlich originale tou/to fehlt inB* pc; Cyr.
36
Es sei hier wiederholt, dass, wenn die Zuordnung von Hss. Zu «Textformen» oder -typen
sehr problematisch ist, dies a fortiori für die frühen Papyri gilt. Die folgende Liste soll
gerade zeigen, dass die Überlieferung nicht den Pfaden folgt, die ihr manche Textkritiker
vorschreiben möchten.

32
•1. Korinther 2,4: Der zweifellos richtige Text evn peiqoi/[j]sofi,aj
Îlo,goijÐ («mit überzeugenden [Worten] der Weisheit»)wird
allein von P46 und den späten Unzialen FG
(9.Jh.,Hauptvertreter der «Textform» D) vertreten.Hebräer 2,9:
Die vermutlich richtige Lesart cwri.j qeou/ («ohneGott»)
(→ TKB 9.13) ist nur in zwei (!) unabhängigen
griech.Handschriften enthalten, außerdem in einigen
Handschriftender Vulgata und bei einer Reihe von
Kirchenvätern.
•Hebräer 3,6: Die vermutlich richtige Lesart o]j oi=koj
wirdvertreten von P46, D («Textform» D), 1739 (10.Jh.,
sehrwichtiger Vertreter der «Textform» B), 0243 (10.Jh.), 6
(13.Jh.), etlichen altlateinischen und Vulgata-Handschriftenund
einer syrischen Übersetzung – gegen alle anderen Zeugen,also
auch gegen die übrigen Mitglieder der jeweiligen«Textformen».
•Hebräer 11,4: P13 und P46 haben in Verbindung mit
der«Textform» A gegen die alten Unzialen (d.h. «Textform» B
u.die Hs. D) die zweifellos richtige Lesart tou/ qeou/.

All dies ist seit langem bekannt, bestimmt aber leider nicht die
textkritische Arbeit am NT.37
Die «Textformen» sind keinesfalls in eine wie auch immer geartete
stemmatische oder sonstige Beziehung zueinander zu bringen, aus der
sich, gewissermaßen durch Abzählen nach den Regeln einer
geheimnisvollen Arithmetik, auf die richtige Lesart schließen lassen
könnte. Innerhalb eines großen äußeren Rahmens, den die «äußere
Kritik» in den letzten Jahrhunderten schuf, sind alle diese
Entscheidungen in der Regel nur nach den Gesichtspunkten der
«inneren Kritik» zu fällen.
In den modernen Ausgaben zeigt sich eine Vorliebe für die
Entscheidung nach der «Güte» bestimmter Handschriften, besonders
des Vaticanus (B) und in geringerem Maße des Sinaiticus (ℵ). Diese
Vorliebe mag auch damit zusammenhängen, dass in sehr vielen Fällen
nicht einmal mit geringer Sicherheit textkritische Entscheidungen zu
treffen sind und dass in diesen Fällen eine Entscheidung für die
«guten» und «alten» Handschriften als gangbarer Weg erscheint, weil
er der Ausweg aus einem Dilemma ist.
Als eine späte Folge des Glaubens an eine missverstandene
Verbalinspiration erscheint es, wenn Textkritiker des NT der Ansicht
sind, dass der Text des NT nirgends verderbt ist, dass also in jedem

37
Die Herausgeber von NA/UBS haben in ungezählten Fällen nach der Menge der Hss.
entschieden; v.a. dann, wenn die «guten» Hss. Zu dieser Menge zählten, konnten sie nicht
widerstehen. – Der 90-jährige Günther Zuntz schrieb einen Brief «über die beklagenswerte
Situation der textkritischen Arbeit am NT, weil eine quantitative Klassifizierung der
Handschriften die Frage nach der Qualität der einzelnen Varianten zu verdrängen drohe»,
wie der Empfänger Martin Hengel berichtet. (In seinem Nachruf auf Zuntz, in: Zuntz:
Lukian, 86).
33
Fall in einem Teil der Überlieferung jeweils der ursprüngliche Text zu
finden ist und Emendationen (Berichtigungen) oder Konjekturen
verboten sind.38 Dies widerspräche aller Erfahrung mit jeder
Überlieferung. Zwar wird man angesichts der Qualität und Dichte der
handschriftlichen Tradition des NT sehr viel seltener zu Eingriffen in
den Text Zuflucht nehmen, es ist aber keineswegs grundsätzlich auf
sie zu verzichten.
Die Aufgabe der Textkritiker des NT ist es, mit «Erfahrung und
Anstrengung, Geduld und Kenntnis»39 Lesart für Lesart zu überprüfen
und keine von vornherein wegen ihrer Herkunft, ihres Alters oder der
Zahl der Textzeugen, die sie vertreten, zu verwerfen oder zu
bevorzugen.
Sinnvollerweise sollten sich, da eine Personalunion heute kaum mehr
gegeben ist, jeweils ein Gräzist und ein Fachmann des anstehenden
ntl. Buches gemeinsam an die Arbeit machen. Es kann auch
keineswegs schaden, wenn ein Patristiker (Patristik = Wissenschaft
von den Schriften u. Lehren der Kirchenväter) an der Arbeit teilhat.
Der textkritische Generalist sollte diese Werkstatt jedoch verlassen.
Dass auf dem Felde der Textkritik noch sehr viel zu tun ist, mag die
folgende Rechnung anschaulich machen:
Eine Untersuchung des Judas-Briefes, die entsprechend den bisher
dargelegten Prinzipien angelegt ist, führte in den 25 Versen an 21
Stellen zu Änderungen gegenüber dem Text von NA. Wenn man diese
Zahlen hochrechnet, kommt man auf vier- bis fünftausend
Textänderungen im gesamten NT. Selbst wenn man in Rechnung
stellt, dass manche textkritischen Probleme im Judas-Brief kleiner
sind als im übrigen NT, bleibt eine gewaltige Zahl.40
Die folgende Liste soll Anhaltspunkte bei der Beurteilung
unterschiedlicher Lesarten bieten. Die Liste ist ein Versuch, die
Gesichtspunkte zusammenzustellen, die sich in textkritischen
Untersuchungen finden. Ihre Gültigkeit ist jeweils durch kleine
Kommentare relativiert. Im Einzelfall kann die Gültigkeit eines
Punktes auch in Frage gestellt sein. Er ist hier dennoch erwähnt, weil
er in der Textkritik des NT eine mehr oder weniger große Rolle spielt.
Keiner dieser Punkte sollte ohne den ständigen Blick auf die anderen
genannten – und ungezählte weitere – zur Geltung kommen.
Es entsteht bei der Lektüre von Untersuchungen zur Textkritik des
NT immer wieder der Eindruck, dass diese Anhaltspunkte als
«Regeln» angesehen werden, die man nur mechanisch41 anzuwenden

38
Diese Meinung vertreten z.B. so unterschiedliche Autoren wie K.u.B. Aland: Text, 284,
und J.K. Elliott: «Thoroughgoing Eclecticism in New Testament Textual Criticism», in:
Ehrman/Holmes, 348-349. Siehe den «Anhang zu Fragen der Methode».
39
Zuntz: Text, 283.
40
Charles Landon: A Text-Critical Study of the Epistle of Jude, (J St. N.T. Suppl. Ser. 135)
Sheffield 1996, 31; 143; 145-147.
41
Emanuel Tov («Criteria for Evaluating Textual Readings: The Limitations of Textual
Rules», in: «Harv. Theol. Rev.» 75 (1982), 429-448) erläutert dies in bewundernswert klarer
Weise. Nur an einem Punkt stimme ich nicht mit ihm überein: Der Eindruck der
34
brauche, um zu richtigen Ergebnissen zu kommen. Nichts könnte
falscher sein. Textkritik ist wie gesagt der voraussetzungsreichste Teil
der Philologie, in dem man sich durch intensive Übung und lange
Erfahrung vervollkommnen kann und in dem die folgenden
Gesichtspunkte eine Rolle spielen, aber nur unter ungezählten
anderen.
Es wäre eine berechtigte Erwartung an diejenigen, die sich der
folgenden abstrakten «Regeln» bedienen oder zu bedienen glauben,
dass jeder «Regel» eine Fülle von Beispielen beigegeben wäre. Dass
diese Beispiele fehlen, führte zu dem berechtigten Verdacht, dass «die
Gelehrten sich nicht festlegen wollten, weil sie wussten, dass die
meisten textkritischen Entscheidungen auch auf einem anderen Wege
erklärt werden können».42
Über die Gültigkeit der im Folgenden aufgeführten äußeren
Kriterien ist oben das Notwendige gesagt: Sie können in der heutigen
Textkritik des NT, von Ausnahmen abgesehen (→ TKB 9.13, Hebr
2,9), nur einen Platz ganz am Rande beanspruchen.

7.1 «Äußere» Kriterien


1. Je älter eine Handschrift ist, desto geringer ist in der Regel die
Zahl der vermutlichen Abweichungen vom Original, desto «besser» ist
sie also.
Textkritische Entscheidungen sind immer Entscheidungen über
einzelne Lesarten einer Handschrift, nicht über die gesamte
Handschrift. Die Tatsache, dass die «guten» und «frühen»
Handschriften einen sehr viel größeren Anteil an vermutlich richtigen
Lesarten bieten als die «schlechteren», hat zu der Ansicht geführt, die
«Güte» und das «Alter» der Handschrift seien ein Faktor bei der
Entscheidung über die vermutlich richtige Lesart. Hier liegt ein
Denkfehler vor:
Die größere Häufigkeit richtiger Lesarten in der Gesamtzahl der
Lesarten einer «guten» Handschrift besagt nichts darüber, ob eine
einzelne Lesart dieser «guten» Handschrift richtig oder falsch ist.
Anders gesagt: Eine nicht ursprüngliche Lesart wird nicht dadurch
ursprünglich, dass sie in einer «guten» Handschrift mit vielen
ursprünglichen Lesarten steht. Es liegt also, noch anders gesagt, ein
Zirkelschluss vor.
Im Judasbrief z.B., der vor einiger Zeit unter
den Gesichtspunkten ediert wurde, die in dieser Einführung dargelegt
sind, hat nach der Einschätzung des Editors die „gute“ Handschrift B
zwar 70

Subjektivität, die Tov betont, entsteht v.a. dadurch, dass jeder Textkritiker immer nur über
einen Ausschnitt aus dem breiten Spektrum der notwendigen Voraussetzungen und
Kenntnisse verfügt. Die Entscheidung aber, die er getroffen hat, ist sowohl vermittelbar als
auch überprüfbar. Sie fällt somit nicht in den Bereich einer Kunst, sondern in den der
Wissenschaft.
42
ebd., 434.
35
richtige, aber auch 25 falsche Lesarten.43
Weder die Entscheidung, ob eine bestimmte Lesart der Handschrift
B richtig, noch ob sie falsch ist, wird dem Editor durch die Tatsache
abgenommen, dass die Handschrift B zweifellos eine «gute»
Handschrift ist. Die Handschriften des NT sind das Ergebnis einer
tiefgreifenden Kontamination, die zur Folge hat, dass die
ursprüngliche Lesart sich, ich wiederhole aus gutem Grund, in jedem
Teil der Überlieferung finden kann.
Es wäre zu wünschen, dass die Beurteilung einer Handschrift als
«gut» aus der Textkritik verschwände, weil der Wortgebrauch der
Alltagssprache zu Missverständnissen führt, wie die Geschichte der
ntl. Textkritik auf Schritt und Tritt zeigt. Wir wissen spätestens seit
Paul Maas, dass es keine «guten» und «schlechten» Handschriften
gibt, «sondern nur abhängige oder unabhängige, d.h. Zeugen, die von
erhaltenen abhängig oder unabhängig sind».44
Die unabhängigen Handschriften sind diejenigen, auf die der Editor
den Text zu gründen hat. Wenn sich in einer Überlieferung die
«Abhängigkeit» oder «Unabhängigkeit» mit Hilfe der stemmatischen
Methode nicht ermitteln lässt, weil die Überlieferung kontaminiert ist,
geht es dem Textkritiker überhaupt nicht mehr um Handschriften,
sondern nur noch um richtige oder falsche Lesarten.
Bei der Auswahl von Handschriften bietet es sich auf den ersten
Blick an, den älteren den Vorzug vor den jüngeren zu geben, weil bei
größerer Nähe zum Original die Fehlerzahl mit einer gewissen
Wahrscheinlichkeit geringer ist. Das ist die Regel, von der es aber
sowohl im NT als auch in der Überlieferung Homers so viele
Ausnahmen gibt, dass sie diesen Gesichtspunkt entwerten.
So hat z.B. eine ntl. Handschrift des 10.Jh., Nr. 1739 («Codex von
der Goltz»), aus dem Athos-Kloster Lavra, die die Apostelgeschichte,
die Katholischen und die Paulinischen Briefe enthält, eine Bedeutung
in den Paulinischen Briefen, die der ältesten Handschrift nicht
nachsteht. Der Mönch Ephraim, der sie unterschrieb, spricht auch von
seiner Vorlage, dem avnti,grafon. Sie lässt sich durch ein Vorwort zu
den Paulinischen Briefen als eine Majuskel-Handschrift identifizieren,
die gegen Ende des 4.Jh. geschrieben wurde.
Was man in diesem Fall durch die Handschrift selbst erfährt, muss
man in anderen Fällen erst mühsam erschließen. Dazu käme es aber
gar nicht erst, wenn man eine solche Handschrift aufgrund ihres
geringen Alters von vornherein ausgeschlossen hätte. Dieses Faktum,
dass jüngere Handschriften auf sehr alte Vorlagen zurückgehen
können, die ihrerseits verloren gegangen sind, drückt sich in der
Formel aus: recentiores non deteriores – jüngere, aber nicht

43
Charles Landon: A Text-Critical Study of the Epistle of Jude, (J St. N.T. Suppl. Ser. 135)
Sheffield 1996, 148.
44
P. Maas: Textkritik, 31.

36
schlechtere (Handschriften).
Im NT liegen zudem besondere Bedingungen vor. Es ist von sehr
viel größerer Bedeutung, statt nach dem Alter der Handschriften und
ihrer Vorlagen nach dem Alter einzelner Lesarten zu fragen. Infolge
der unentwirrbaren Wechselbeziehungen der Handschriften
untereinander (Kontamination) kann eine Handschrift neben einer
großen Menge wahrscheinlich sehr junger Lesarten einzelne sehr alte,
möglicherweise originale aufweisen. Z.B. erwies sich in Hebräer 2,9
(→ TKB 9.13) eine Lesart einer Handschrift des 10.Jh. als sehr alt und
mit hoher Sicherheit original. Der Nachweis des Alters ließ sich
führen mit Hilfe von Kirchenväterzitaten, bei Origenes angefangen.
Die Möglichkeit, dass man Wichtiges übersieht, lässt sich durch
systematische, umfangreiche Stichproben verringern, aber
Überraschungen sind nicht auszuschließen. Die Untersuchung des P46
(um das Jahr 200) führte zu der Tatsache, dass viele Lesarten des
«Byzantinischen» Textes sehr viel älter sind als die Handschriften, in
denen sie sich finden.45
2. Je weiter die Zeugnisse für eine bestimmte Lesart über den
geographischen Raum verteilt sind, aus dem die gesamte
Überlieferung stammt, für desto zuverlässiger darf sie gehalten
werden.
Über die geographische Herkunft einer Handschrift lässt sich nur
sehr selten etwas Genaues sagen, und wenn, bleibt die Frage nach der
Herkunft der Vorlage dieser Handschrift unbeantwortet. Selbst im
Falle der Übersetzungen lässt sich eine sichere Aussage nur darüber
machen, für welchen geographischen Bereich sie angefertigt wurde,
nicht aber, wo diese Übersetzung angefertigt wurde, und ganz gewiss
nicht über die geographische Herkunft ihrer griechischen Vorlage.
Das gilt natürlich auch für die Handschriften, aus denen die
Kirchenväter zitierten. Kurz gesagt: Es gibt keine größeren
Handschriftengruppen von nachweisbarer geographischer Herkunft.
Die so genannten lokalen Texte, auf die sich Textkritiker des NT
immer wieder bezogen und beziehen, sind ein Phantasma.
Im Einzelnen: Eine solche Gruppierung brächte, wenn sie gelänge,
die Möglichkeit zu sagen, dass eine Lesart z.B. sowohl in Ägypten als
auch in Italien als auch in Syrien heimisch war, sich also nicht nur in
einer isolierten, provinziellen Gruppe von Handschriften findet.
Dieses Mittel ist aber in höchstem Maße unsicher, wie sich an der
oben genannten «Textform» D zeigen lässt.
Der ursprüngliche Name war «westlicher Text». Inzwischen ließ
sich erkennen, dass die kennzeichnenden Lesarten dieser Gruppe
keineswegs auf Handschriften beschränkt sind, die aus dem Westen,
also aus Italien oder Afrika, kommen.
Der Mittelmeerraum zur Zeit des Römischen Reiches war kulturell

45
Zuntz: Text, 49ff.
37
und wirtschaftlich sehr viel einheitlicher und kleinräumiger, als es die
heutigen modernen Staaten auf seinem Gebiet sind. Ein in Ägypten
gefundener Papyrus muss keineswegs in Ägypten geschrieben worden
sein, sondern kann von jedem Ort des Römischen Reiches in kurzer
Zeit nach Ägypten gelangt sein. Es lässt sich z.B. sagen, dass ein Brief
in zwei Monaten 800 Meilen weit gebracht werden konnte, oder 350
Meilen in 36 Tagen oder 125 Meilen in drei Wochen oder 400 Meilen
in zwei Wochen oder 150 Meilen in vier, fünf oder sechs Tagen oder
15 Meilen am selben Tag.46
Papyrus war ein Schreibstoff, den man im gesamten Römischen
Reich kaufen, und, wenn er beschrieben war, in kurzer Zeit überallhin
schicken konnte. Nicht einmal im Fall der Vetus Latina, der
altlateinischen Bibelübersetzung aus der Zeit vor Hieronymus, kann
man, wie man es bisher immer tat, auf die Herkunft einer bestimmten
Lesart aus dem «Westen» oder aus Italien schließen.47
In einigen Ausnahmefällen kann das Mittel der geographischen
Zuordnung, wenn es mit der gebotenen Vorsicht, also ohne jeden
Schematismus, angewandt wird, von begrenztem Nutzen sein, zumal
dann, wenn man sowohl die alten Übersetzungen als auch die Zitate
bei den Kirchenvätern einbezieht, die manchmal ausdrücklich auf die
Lesarten ihrer Handschriften Bezug nehmen (→ TKB 9.13, Hebr 2,9).
In den Fällen, in denen der Textkritiker seine Entscheidung auf die
breite Verteilung der Handschriften im geographischen Raum gründet,
bedient er sich eines Arguments ohne Wert. Die ungezählten Stellen,
an denen der Text des NA laut Ausweis von Metzgers Commentary
auf diesem Argument fußt («Vielfalt der äußeren Zeugen», «breite
Unterstützung durch äußere Zeugen», «alte Zeugen verschiedener
Textformen», manchmal ist dieses Argument versteckt in
Formulierungen wie «überwältigende Menge der Handschriften» oder
«beste Bezeugung»), wird nach einer anderen Begründung zu suchen
sein, oder der Text muss geändert werden.

7.2 «Innere» Kriterien


1. Die kürzere Lesart ist der längeren vorzuziehen,
a) wenn die längere einen glatteren, weniger dunklen
(undurchsichtigen), eindeutigeren Text bietet,
b) wenn die längere Lesart in unterschiedlichen Fassungen
überliefert wird, z.B. in der Wortstellung,
c) wenn die längere Lesart den Charakter einer Erklärung des

46
Es handelt sich um Papyrusbriefe, auf denen sowohl das Datum der Abfassung als auch
das Datum des Empfangs vermerkt ist, s. E.J. Epp: «New Testament Papyrus Manuscripts
and Letter-Carrying in Greco-Roman Times», in: The Future of Early Christianity: Essays
in Honor of Helmut Koester. Ed. B.A. Pearson ... Minneapolis 1991, bes. 52-55.
47
J.H. Petzer: «The Latin Versions of the New Testament», in: Ehrman/Holmes, 125: «... it
is wrong to refer to the OL [= Vetus Latina; Einfügung des Verf.] version en masse as
Western and to suspect every reading supported by some OL witness to be Western.»

38
schwer oder schwerer verständlichen kürzeren Textes hat
.
Dieses Kriterium ergibt sich aus der bekannten Tatsache, dass
Korrektoren, Leser und Schreiber dazu neigen, verdeutlichend, d.h.
meistens erweiternd, in den Textbestand einzugreifen. Angesichts der
Tatsache jedoch, dass Auslassungen der geläufigste Schreiberirrtum
sind, kann dieses Kriterium eine Verführung zu falschen textkritischen
Entscheidungen sein.
Es kostet keinerlei Anstrengungen, einen Text versehentlich zu
verkürzen; mehr oder weniger große Mühe kostet es aber, eine
sinnvolle Textergänzung vorzunehmen. Die Gründe dafür, dass ein
Schreiber diese Anstrengung auf sich nahm und ein Stück Text
hinzufügte, müssen verständlich dargelegt werden. Die Beweislast
liegt bei demjenigen, der den kürzeren Text für den ursprünglichen
hält.
Nach einer sorgfältigen Untersuchung von P45, 46, 47, 66, 72, 75
kommt J.R. Royse: Scribal Habits in Early Greek New Testament
Papyri, Th. D. 1981, Ann Arbor 1981, 601f, zu dem Ergebnis, «dass
die sechs hier untersuchten Papyri die Tendenz aufweisen, den Text
zu kürzen». Am Schluss seiner Untersuchung beschreibt er diesen
Gesichtspunkt der Beurteilung von Lesarten folgendermaßen:
Im Allgemeinen ist die längere Lesart vorzuziehen, außer:
a) die längere Lesart scheint aufgrund der
Abhängigkeitsverhältnisse spät zu sein; oder
b) die längere Lesart entstand durch die Anpassung an den Kontext,
Parallelstellen oder den üblichen Wortgebrauch; oder
c) die längere Lesart entstand aus dem offensichtlichen Versuch,
die Grammatik zu verbessern.

2. Die längere Lesart ist der kürzeren vorzuziehen,


a) wenn gegen die längere keine stilistischen, grammatikalischen,
theologischen, historischen, geographischen, paläographischen
Einwände von Gewicht vorgebracht werden können,
b) wenn nicht zu erkennen ist, was eine Hinzufügung des längeren
Textes veranlasst haben könnte,
c) wenn der Ausfall eines Textstückes in einem Teil der
Überlieferung leichter zu erklären ist als seine Hinzufügung in einem
anderen Teil.
Das häufigste Schreiberversehen ist die Auslassung einzelner
Wörter, einzelner Zeilen oder noch größerer Textstücke. Solche
Auslassungen kosten wie gesagt keinerlei Anstrengungen – im
Gegensatz zu Hinzufügungen. Sie werden vor allem dann von
Korrektoren oder vom Schreiber selbst nicht bemerkt, wenn es sich
um Auslassungen einzelner Wörter handelt, deren Verlust, wie häufig,
keinerlei Beeinträchtigung des Sinnes oder der Konstruktion nach sich
zieht. Dieses Kriterium sollte immer gleichzeitig mit dem vorigen
erwogen werden.
39
3. Die schwierigere, dunklere, weniger glatte, ungewöhnlichere Lesart
ist derjenigen vorzuziehen, die elegant und unanstößig ist (lat. lectio
difficilior potior).
Eine Erfahrung in der Textüberlieferung ist, dass Schreiber häufig
sowohl absichtlich als auch unabsichtlich beim Schreiben (currente
calamo – während die Schreibfeder läuft) den schwierigeren Text in
einen glatteren verwandeln (z.B. eine ihnen ungewohnte Wortstellung
oder eine fremdartige grammatische Fügung). Das gilt in noch
größerem Maße von Korrektoren der Texte. Die Frage ist, wann eine
Lesart noch als schwierig und wann schon als unsinnig zu bezeichnen
ist. Ob eine Lesart als schwierig angesehen wird, mag auch von den
Sprachkenntnissen des Beurteilenden abhängen. In jedem Fall muss
die schwierigere Lesart eine überzeugende Lesart sein.

4. Die Lesart, aus der sich die Entstehung der anderen erklären lässt,
ist wahrscheinlich die ursprüngliche.
Mit diesem Kriterium werden nur die Fälle erfasst, (a) in denen es
sich paläographisch leicht erklären lässt, wie eine Lesart aus der
anderen entstanden ist, (b) in denen eine Lesart am ehesten als
Erweiterung oder Verkürzung einer oder mehrerer anderer verstanden
werden kann. (Dass sich überhaupt jede Lesart aus einer anderen
erklären muss, ob wir dies nun nachvollziehen können oder nicht, ist
eine Trivialität, die in der textkritischen Praxis nicht weiterhilft.)

5. Die Lesart ist vorzuziehen, die am meisten dem Stil, dem


Vokabular, der Denkweise und der Theologie des Autors entspricht.
Über den Stil des Autors sind nur selten auf zuverlässiger
Grundlage Aussagen möglich. Außerdem ist zu fragen, wie viel
stilistische Beweglichkeit man einem Autor einzuräumen bereit ist.
Muss er sich immer auf die gleiche Weise ausdrücken? Bei Aussagen
zu den drei andern Gesichtspunkten sind die Unsicherheiten ebenfalls
sehr groß.

6. Eine Lesart, die durch semitischen Sprachgebrauch beeinflusst zu


sein scheint, ist anderen vorzuziehen.
Ob dieses Kriterium einer Überprüfung standhält, ist zweifelhaft.
Was ist semitischer Sprachgebrauch? Die Unbefangenheit, mit der in
der Vergangenheit, und leider jetzt immer noch, meistens sehr
pauschal all das als semitisch bezeichnet wurde, was sich nicht in der
griechischen literarischen Kunstsprache fand, sollte nach den
Untersuchungen von M. Reiser48 größerer Skepsis weichen.

7. Eine Lesart, die nicht mit parallelen ntl. Ausdrucksweisen

48
M. Reiser: Syntax und Stil des Markusevangeliums im Lichte der hellenistischen
Volksliteratur (WUNT 2,11), Tübingen 1984.

40
übereinstimmt, ist anderen vorzuziehen.
Diese Regel besagt, dass, wenn ein Text in einem Teil der
Überlieferung mit einer parallelen Stelle übereinstimmt, in einem
anderen nicht, die nicht übereinstimmende den Vorzug verdiene.
Begründet wird diese Regel damit, dass in der Überlieferung der
Synoptiker häufig Angleichungen zu beobachten sind, z.B. des
Markus an Matthäus, aber auch im Verhältnis von Korinther zu
Epheser. Ein solches Kriterium müsste sich im Einzelfall bewähren;
ob es tatsächlich als Regel zu fassen ist, scheint zweifelhaft.

8. Eine Lesart, die nicht mit dem Wortlaut der Septuaginta (LXX, das
Alte Testament in griechischer Sprache) übereinstimmt, ist anderen
vorzuziehen.
Dieses Kriterium beruht auf der Annahme, dass eine nicht mit der
LXX übereinstimmende Lesart größeres Vertrauen verdiene als eine
andere. Die Begründung: Die Angleichung an einen bekannten Text
sei ein gewöhnlicher Vorgang bei der Überlieferung von Texten. Da
uns unbekannt ist, welche Textform der LXX dem ntl. Autor vorlag,
ob seine Vorlage tatsächlich von unserem Text abwich oder ob die
Variante eine Textverderbnis seines LXX-Manuskripts oder unseres
NT-Manuskripts ist, hilft uns dieses Kriterium vielleicht nur, einen
Text herzustellen, den es nie gegeben hat.

9. Eine Lesart, die nicht mit liturgischen Gebräuchen übereinstimmt,


ist anderen vorzuziehen.
Wer diesen Gesichtspunkt wählt, muss eine sehr unsichere
Entscheidung darüber treffen, welche Texte in liturgischem Gebrauch
waren. Schon die im Allgemeinen vorangehende Entscheidung, ob ein
Text poetisch ist, scheint nicht einfach zu treffen sein. Jahrzehntelang
galt z.B. Philipper 2,1-11 als Hymnus, bis H. Riesenfeld die
Theologen eines Besseren belehrte.49
10. Eine Lesart, die nicht mit dogmatischen Ansichten der späteren
Tradition übereinstimmt, ist anderen vorzuziehen.
Dieser Gesichtspunkt setzt im Allgemeinen eine genauere Kenntnis
der Kirchengeschichte voraus, als wir sie haben.

8. Skizze einer Geschichte des neutestamentlichen


Textes
Fast jede textkritische Entscheidung ist durch das Bild mitbestimmt,
das sich der Textkritiker von der Geschichte des ntl. Textes macht. Er
sollte daher sich selbst dieses Bild bewusst machen und es seinen
Lesern darlegen, damit sie seine Entscheidungen verstehen und

49
H. Riesenfeld: «Unpoetische Hymnen im Neuen Testament?», in: Glaube und
Gerechtigkeit. In Memoriam R. Gyllenberg, Helsinki 1983, 155-168.

41
billigen oder verwerfen können. Eine wirkliche Geschichte des ntl.
Textes ist (noch lange) nicht zu schreiben, darum hier eine Skizze:
Die Überlieferungsgeschichte der Bücher des NT ist von Anfang an
durch eine einzigartige Fülle von Abschriften der einzelnen Bücher
gekennzeichnet. Ihre Zahl geht weit über die erhaltenen Handschriften
hinaus. Woher können wir das wissen? Es gibt einen schlagenden
Beweis dieser Tatsache: Keine der rund 200 frühen Handschriften des
NT, beziehungsweise seiner Teile, lässt sich – trotz enger
Beziehungen untereinander und angesichts einer ungeheuren Fülle
von Textvarianten – als Abschrift einer der anderen erweisen.
Ein solcher Befund ist nach den Erfahrungen mit überschaubaren
Überlieferungsgeschichten in der übrigen antiken Literatur nur so zu
erklären, dass Hunderte, wahrscheinlich Tausende von Handschriften
vorhanden waren, die nun verloren sind, sich aber in großen Teilen
gegenseitig beeinflussten, d.h. kontaminiert wurden. Jede Handschrift
aus dieser großen Zahl war durch Fehler gekennzeichnet, die
Abschreibern immer unterlaufen, auch wenn sie ihre Sache sehr gut
machen.
Nehmen wir den Normalfall an, dass nämlich auch die Evangelien von
ihren Autoren nicht eigenhändig niedergeschrieben, sondern
Schreibern diktiert wurden, so dürften schon die Originale kaum von
alltäglichen Schreibfehlern frei gewesen sein. Für die Welt der
außerbiblischen Literatur ist uns ein Beispiel der Alltagssituation
erhalten:
Der Herausgeber der Schriften Plotins, sein Schüler Porphyrios
(234 – nach 301 n.Chr.), schreibt in seiner Schrift über das «Leben
Plotins und die Anordnung seiner Schriften»:

... Ferner hatte er nicht zuletzt auch mich, Porphyrios, von Herkunft
Tyrier, den er auch würdigte, die Korrektur seiner Schriften zu
besorgen. Denn wenn er schrieb, hätte er sich nie dazu verstanden,
das Geschriebene ein zweites Mal zur Hand zu nehmen, er las es ja
nicht einmal das erste Mal wieder durch, weil seine Sehkraft ein
bequemes Lesen nicht erlaubte. Beim Schreiben gab er der Form
der Buchstaben keinerlei Schönheit, er trennte die Silben nicht
deutlich, er kümmerte sich nicht um die Rechtschreibung ...
(Vita Plotini 42/43, übers. v. R. Harder)

Sehr frühzeitig wurden einige dieser Fehler entdeckt, weil die


Entstellung des Textes offensichtlich war. Solche Entdeckungen von
Fehlern waren der Anlass von Versuchen, den originalen Text
wiederherzustellen.
Das erste Hilfsmittel, zu dem man in solchen Fällen auch heute
noch greift, ist der Vergleich mit anderen Handschriften. Bei diesem
Vergleich wurden weitere, weniger offensichtliche Fehler entdeckt. Je
nach der Urteilsfähigkeit des Korrektors gerieten aber auch mehr oder
weniger häufig nur vermeintlich richtige Lesarten aus den
herbeigezogenen Handschriften in die zu korrigierende.
42
Wenn das Misstrauen gegenüber dem vorliegenden Text geweckt
war, wird der eine oder andere Besitzer, Schreiber oder Korrektor –
auch ohne die Hilfe anderer Handschriften – ändernd, d.h. verbessernd
oder verschlechternd in den Text seiner Handschrift eingegriffen
haben. All dies wiederholte sich durch Jahrhunderte immer wieder,
und nur ausnahmsweise wird die Revision einer Handschrift anhand
einer oder mehrerer anderer Handschriften systematisch durchgeführt
worden sein.
In der Mehrzahl der Fälle wurden nur Teile von Handschriften
miteinander verglichen, und auch in diesen Teilen wurde manche
falsche Lesart der zur Korrektur benutzten Vorlage in das zu
korrigierende Exemplar übertragen.
Das Wort «Rezension», das sich immer wieder in Textgeschichten
findet, ist zur Kennzeichnung dessen, was im Laufe der
Textgeschichte des NT vor sich ging, völlig ungeeignet. Als eine
Rezension sollte man sinnvollerweise nur eine gedruckte und
gegenüber der vorangehenden verbesserte Ausgabe bezeichnen. Eine
solche wird von Fachleuten nach den Regeln ihrer Wissenschaft
angefertigt und kommt in einer hohen Auflage in die Hände der Leser.
Anders in den Zeiten vor der Erfindung des Buchdrucks: Damals
konnten immer nur einzelne, einander nie völlig gleiche Abschriften
eines von einem mehr oder weniger kompetenten Fachmann auf der
Grundlage mehr oder weniger fehlerfreier Handschriften angefertigten
Exemplars hergestellt werden.
Eine anschauliche Vorstellung von diesem Vorgang kann wieder
Porphyrios geben. In seiner Vita Plotini zitiert er aus einem Brief des
Longinus an ihn selbst:

... es herrscht hier ein solcher Mangel an Schreibkräften, dass ich


bei den Göttern! diese ganze Zeit den Rest der Schriften des
Plotinos bearbeite und kaum Herr drüber werde, obgleich ich
meinen eigenen Sekretär von den laufenden Arbeiten entbunden und
nur an diese Sache gesetzt habe. Ich besitze nun also
schätzungsweise alle Schriften, die du mir diesmal sandtest, besitze
sie aber nur halb; denn sie waren über die Maßen mit
Schreibfehlern durchsetzt; ich hatte freilich gehofft, Freund
Amelios werde die Fehler der Schreiber bereinigen, dem waren
aber andere Arbeiten dringlicher als eine solche Geduldsprobe. So
weiß ich nicht, was ich mit ihnen anfangen soll, obgleich ich so sehr
begierig bin, die Schrift «Über die Seele» und «Über das Seiende»
zu prüfen, aber sie sind gerade am schlimmsten entstellt. So wäre es
mir sehr lieb, wenn ich von dir die sorgfältig geschriebenen
Exemplare bekommen könnte, nur um sie zu kollationieren und
dann zurückzuschicken! Oder vielmehr, auf mein altes Lied
zurückzukommen, schick sie nicht, sondern komm selber und bring
diese Schriften mit und was etwa von den übrigen dem Amelios
entgangen ist. Denn die er mitgebracht hat, die hab ich mir alle
eifrigst abschreiben lassen ...
(a.a.O., 96-99)

43
Porphyrios kommentiert anschließend diesen Brief folgendermaßen:

Wenn ihm aber die Schriften, die er aus dem Besitz des Amelios
erhielt, voller Schreibfehler zu sein schienen, so lag das nur daran,
dass er die Plotinos geläufige Ausdrucksweise nicht verstand. Denn
die Exemplare des Amelios waren mindestens so korrekt wie
irgendwelche anderen, denn sie waren unmittelbar aus den
Originalen abgeschrieben.
(a.a.O., 102)

Man kann sich leicht vorstellen, dass Longinus, wenn ihn Porphyrios
nicht über den Sachverhalt unterrichtet hätte, seine Exemplare in der
besten Absicht geglättet und korrigiert hätte. Dergleichen wird
ungezählte Male in der Überlieferung des NT geschehen sein, wie
nicht nur, aber in besonderem Maße, der Text der Gruppe A
(Mehrheitstext) zeigt. Porphyrios beschließt seine Vita Plotini mit den
folgenden Worten:

Jetzt aber wollen wir versuchen, die einzelnen Bücher


durchzugehen und dabei die Satzzeichen zu setzen und etwaige
fehlerhafte Lesarten zu korrigieren – und was sonst noch am
Herzen liegen mag, das soll das Werk selber zeigen.
(a.a.O., 150)

Das Ergebnis dieses jahrhundertelangen Prozesses ist eine


unvergleichliche Fülle von Handschriften. Sie sind alle in mehr oder
weniger großem Maße sowohl durch wahrscheinlich richtige als auch
durch wahrscheinlich falsche Lesarten gekennzeichnet.
Die Beziehungen all dieser Handschriften in Form eines
Stammbaumes zu entwirren und darzustellen ist völlig unmöglich.
Nur im spätesten Teil der Überlieferung lassen sich hin und wieder
einzelne Handschriften als voneinander abhängig erweisen. Genauso
wenig lässt sich ein Stammbaum von Textgruppen erstellen.
Anfangs dürfte sich eine christliche Gemeinde mit einem
Evangelium zufrieden gegeben haben, das sie in Form einer Buchrolle
benutzte. Nach und nach kamen die anderen Evangelien und die
übrigen Schriften des NT hinzu, die nach den jeweils am leichtesten
erreichbaren Vorlagen kopiert wurden.
Diese ohnehin plausible Entwicklung spiegelt sich darin, dass jede
der Schriften des NT eine eigene, von den anderen verschiedene
Überlieferungsgeschichte hat. Das zeigt sich z.B. darin, dass ein und
derselbe Textzeuge in den verschiedenen Schriften des NT, sogar
innerhalb derselben Schrift, jeweils unterschiedlichen Gruppen
zuzurechnen ist. So gehört ℵ, ein Hauptvertreter der Gruppe B, in
Johannes 1,1 – 8,38 der Gruppe D an. Im Fall der Offenbarung gibt es
bisher keinen einzigen Zeugen der Gruppe D. Die Handschrift W
gehört in Lukas 1,1 – 8,12 und Johannes der Gruppe B an, in Markus
1,1 – 5,30 der Gruppe D.
Die so genannten «Textformen» A, B und D sind sehr lockere
44
Gruppierungen von Handschriften, die in jeweils unterschiedlicher
Weise bestimmte Lesarten gemeinsam haben. Wie sehr die einzelnen
Lesarten von immer wieder unterschiedlichen, die Grenzen der
Texttypen überschreitenden Kombinationen von Handschriften
vertreten werden, zeigen die textkritischen Apparate der modernen
Ausgaben. Sie zeigen gleichfalls, dass die Einheitlichkeit der
einzelnen Vertreter der «Textformen» B und D so gering ist, dass sie
in den Apparaten nicht einmal mit einem gemeinsamen Sigel notiert
werden.
Wenn es möglich ist, die dritte «Textform», die Gruppe A
(Mehrheitstext, M) unter einem gemeinsamen Sigel
zusammenzufassen, so hat das seinen Grund zum einen darin, dass sie
die späteste und daher bei weitem mit den zahlreichsten Handschriften
vertretene «Textform» ist, und zum andern darin, dass in ihrer letzten
Entwicklungsstufe, im 9.Jh., eine systematische Glättung der
Überlieferung von einer wohlorganisierten, machtvollen Kirche
durchgesetzt wurde. Trotz ihrer ungewissen Konturen bieten diese
«Textformen» eine allerdings sehr vorläufige Orientierung im breiten
Strom der ntl. Überlieferung.
Die «Textform» A, die etwa 80% aller Handschriften umfasst, ist das
Ergebnis einer jahrhundertelangen Entwicklung. Zum ersten Mal
lassen sich charakteristische Lesarten bei Johannes Chrysostomus
(gest. 407) nachweisen. Die Lesarten dieser Gruppe sind jedoch
genauso wenig im 4.Jh. oder danach vom Himmel gefallen oder das
Ergebnis byzantinischer Konjekturalkritiker wie die Lesarten der
anderen «Textformen».
Die byzantinischen Korrektoren haben ihre besondere Auswahl
unter den ihnen zur Verfügung stehenden Lesarten getroffen, nicht
jedoch alle alten Lesarten beseitigt und neue an ihrer Stelle erfunden.
Das bedeutet, dass der Text der Gruppe A noch viele ursprüngliche
Lesarten enthalten kann, die auf die Zeit vor Chrysostomus
zurückgehen und zu entdecken sind. Die Gruppe A, die sich durch
«Reichhaltigkeit und Glätte» auszeichnet, ist nicht deshalb eine
jüngere Textform, weil die große Mehrheit der jüngeren
Handschriften diesen Text bietet – «sie könnten trotzdem Ältestes
wiedergeben» –, sondern weil «niemand den harten und knappen
Wortlaut der alten Zeugen durch Zusammenstreichen und Variieren
des Mehrheitstextes produziert haben kann»50 – wenn letzterer der
ursprüngliche gewesen wäre. Nur der umgekehrte Vorgang ist
denkbar.
Ursprünglich war dieser Text das, was die vermutlich bischöflichen
Skriptorien kopierten, ohne sich um die philologischen Kriterien zu
kümmern, die bei der Gestaltung des Textes der Gruppe B eine
gewichtige Rolle spielten. Dieser Text ist der populäre Text seit den
ersten Jahrhunderten. Der Strom dieses Textes mündet dann in das

50
Zuntz: Lukian, 39, A. 113.
45
riesige Rückhaltebecken des byzantinischen 9.Jh., aus dem bevorzugt
die Varianten weitergeleitet wurden, die dem Text Reichhaltigkeit und
Glätte (s.o.) verliehen. Die Folge: Er zeichnet sich durch eine in der
Geschichte der Überlieferung des NT ungewöhnliche Uniformität aus.
Sie zeigt sich darin, dass dies die einzige «Textform» ist, bei der sich
ein gemeinsames Sigel in den kritischen Apparaten bewährt hat.
Nur philologisch geschulte Gelehrte können aus dem populären Text
des 2.Jh. mit allen seinen Fehlern, dessen Entstehung oben geschildert
worden ist, den Text hoher und höchster Qualität der «Textform» B
hergestellt haben. Auf ihn gründen sich – häufig mit zu großem
Vertrauen – seit Westcott und Hort die Ausgaben des NT.
Dieser Text ist zuerst im 2.Jh. bei Clemens von Alexandria zu
fassen, im 3.Jh. bei Origenes, den frühen Papyri P5 P45 P46 P47 P66
P75 und in der sahidischen Übersetzung, im 4.Jh. dann in den beiden
großen Majuskelhandschriften B und ℵ.
Wie kann man sich die Herstellung dieses Textes in der Zeit vor der
Erfindung des Buchdrucks vorstellen?
(1) Die Sachkenntnis, ohne die dieser Text nicht zustande
gekommen sein kann, ist zu dieser Zeit nur in Alexandria, in der
Tradition des Museion (einer Art alexandrinischer Akademie der
Wissenschaften) zu finden.
(2) Die Konjekturalkritik hatte den geringsten Anteil an der
Entstehung dieses Textes. Ein guter Text beruht, damals wie heute,
auf guten Handschriften. Der Text der Gruppe B gründet also aller
Wahrscheinlichkeit nach auf der systematischen Suche nach
Handschriften hoher Qualität. Bei dieser Suche bewies sich die
philologische Sachkenntnis. Auch dies weist mit hoher
Wahrscheinlichkeit auf Ägypten, wo infolge des trockenen Klimas am
ehesten sehr alte Handschriften, die am wenigsten unter der oben
geschilderten Entwicklung gelitten hatten, in großer Zahl erhalten
geblieben waren – wie es heute noch der Fall ist.
(3) Der Vergleich der nun gefundenen Handschriften mit dem Ziel
der Herstellung eines besseren Textes ist nicht als Rezension zu
bezeichnen, sondern erstreckte sich über einen längeren Zeitraum, in
dem, von Handschrift zu Handschrift, dieselbe Arbeit wiederholt
werden musste. Ein oder mehrere (vermutlich nach den Fundstücken
von geschulten Philologen mehr oder weniger sorgfältig korrigierte
Exemplare) wurden immer wieder mehr oder weniger sorgfältig
abgeschrieben und mehr oder weniger sorgfältig korrigiert.
Da jeder Schreiber Fehler macht, hatten sich auch in den Vorlagen
der Gruppe B Fehler gefunden, von denen einige, aber nicht alle,
durch den Vergleich mit anderen Handschriften beseitigt wurden. Es
geschah also einerseits dasselbe wie bei der Entwicklung zum
populären Text des 2.Jh. (s.o.), andererseits wirkte dieser Entwicklung
eine geschulte Philologie über einen längeren Zeitraum entgegen. Auf
diese Weise, und wohl nur auf diese Weise, erklärt sich die mangelnde
Einheitlichkeit auch der Gruppe B.
46
Nur mit großem Zögern ist von einer «Textform» D zu sprechen.
Auch der Text dieser Gruppe ist aus dem populären Text des 2.Jh.
hervorgegangen, ohne dass ihm die Revisionen zugute kamen, die den
Text von B bewahrten. Es ist von vornherein geboten, zwischen der
namengebenden Handschrift D (5.Jh.) und der Agglomeration
«Gruppe D» zu unterscheiden.
Die Gruppe ist dadurch gekennzeichnet, dass die ihr zugeordneten
Handschriften Lesarten der namengebenden Handschrift D enthalten –
allerdings häufig nur in sehr geringem Maße.
Innerhalb der Handschrift D sollte deutlich zwischen Lukas und
Apostelgeschichte einerseits und den übrigen Schriften andererseits
unterschieden werden.
Im Fall der Apostelgeschichte darf ausnahmsweise davon
gesprochen werden, dass die Handschrift D eine Redaktion des Textes
ist. Die sehr gewichtigen Eingriffe und Erweiterungen unbekannter
Herkunft geben dem Text der Apostelgeschichte einen um ein Zehntel
größeren Umfang als in der gesamten übrigen Überlieferung. Der
unbekannte Redaktor war ein theologisch, aber nicht philologisch
geschulter Einzelner, der außer den ihm anzulastenden Erweiterungen
aus seinen offenbar sehr guten Vorlagen auch viele vermutlich
originale Lesarten mitteilt, die zum einen Teil durch die Gruppe B
oder andere, weniger bedeutende Zeugen bestätigt werden, zum
anderen nirgendwo sonst bezeugt sind. Letztere machen den
besonderen Wert der Handschrift D aus.
Das Alter der kennzeichnenden Lesarten dieser Gruppe ist nicht
geringer als im Fall der «Textform» B: Sie erscheinen im 2.Jh. bei den
lateinischen Kirchenvätern Justin, Irenäus und Tatian, im 3.Jh. bei
Hippolytos, Tertullian, Cyprian und in den Papyri P29 P38 P48 P69.

9. Erörterung ausgewählter textkritischer Beispiele


(TKB)
Die folgenden Beispiele sind unter dem Gesichtspunkt ausgewählt,
dass sie das veranschaulichen können, was in dieser Einführung
dargelegt ist. Diesem Zweck soll auch die Tatsache dienen, dass nur
Fälle gewählt wurden, bei denen eine Entscheidung für einen anderen
Text getroffen wird als den des NA (gegen die Hss. ℵ und B). Der
Leser kann nun mit Hilfe von Metzgers Commentary (s.
Literaturverzeichnis) die Entscheidungen für den NA-Text mit den
hier getroffenen Entscheidungen vergleichen, und das sollte er auch
tun.
Es sind den griechischen Texten immer Übersetzungen beigegeben,
so dass das Verständnis erleichtert wird. Wo der griechische Text
nicht unbedingt nötig war, wurde auf ihn verzichtet. Ein griechisches
NT wäre jedem Leser zu empfehlen.

47
9.1 Matthäus 8,28
Kai. evlqo,ntoj auvtou/ eivj to. pe,ran eivj th.n cw,ran tw/n Gadarhnw/n
u`ph,nthsan auvtw/| du,o daimonizo,menoi
«Und als er an das jenseitige Ufer gekommen war, in das Land der
Gadarener, begegneten ihm zwei Besessene» (Elberfelder).
Die Geschichte von dem/den Besessenen wird von allen drei
Synoptikern berichtet (Mt 8,28-34; Mk 5,1-20; Lk 8,26-39). Ein
Zufall der Überlieferungsgeschichte hat bewirkt, dass ein Teil der
Handschriften bei allen drei Synoptikern Gadara als Ort des
Geschehens überliefert, ein anderer Teil Gerasa. Ein weiterer Zufall
der Überlieferungsgeschichte ist, dass bei Matthäus die «guten»
Handschriften Gadara bieten, die «schlechten» Gerasa, während es bei
Markus und Lukas umgekehrt ist.51
Wenn man nun, wie die Herausgeber des NA, die «Güte» von
Handschriften und Handschriftengruppen zu einem
Entscheidungskriterium der Textkritik macht, erhält man das
offensichtlich unsinnige Ergebnis, dass dieselbe Geschichte an zwei
unterschiedlichen Schauplätzen stattfindet. Damit ist das Kriterium
der Entscheidung nach «guten» Handschriften ad absurdum geführt.
Ein und dasselbe Geschehen kann sich nun einmal nicht an
verschiedenen Orten ereignen. Auch dort, wo die Unsinnigkeit dieses
Kriteriums nicht so offensichtlich ist, sollte man also darauf
verzichten.
Es gibt auch keinerlei Anlass anzunehmen, dass hier verschiedene
Geschichten mit verschiedenen Schauplätzen zusammengefügt
wurden. Bei dem Gleichklang der Ortsnamen ist eine einfache
Verwechslung von vornherein wahrscheinlich.
Der große Meister der Textkritik, Richard Bentley, äußerte sich zu
solchen Problemen folgendermaßen: «Mir sind der kritische Verstand
und der Gegenstand selbst wichtiger als hundert Handschriften.» Der
kritische Verstand nun sagt uns, dass die Geschichte untrennbar mit
dem See Genezareth verbunden ist, Gerasa aber 50 Kilometer, also
beinahe zwei Tagesreisen, vom See entfernt lag. Gadara hingegen, in
unmittelbarer Nähe des Sees gelegen, hatte sogar einen Hafen, wie
jüngste Ausgrabungen zeigten.
Selbst wenn man die Verdrängung des Namens Gadara durch
Gerasa in einem Teil der Handschriften nicht erklären könnte, müsste
man sich aus Gründen der Geographie für Gadara entscheiden, aber
diese Verdrängung des einen Namens durch den anderen lässt sich
erklären: Im 2. und 3.Jh. verschwand Gadara mehr oder weniger aus
der Geschichte, während Gerasa große Bedeutung gewann, d.h. die
Schreiber ersetzten einen unbekannten Namen durch einen ähnlich
klingenden bekannten.52

51
Eine bequeme Übersicht der Lesarten in Tabellenform bei Metzger: Commentary, 18.
52
Eine ausführliche Darlegung dieses Sachverhalts findet sich bei C.P. Thiede: Jesus. Der
Glaube, die Fakten, Augsburg 2003, 117-122. – Die Bibelübersetzung «Hoffnung für alle»
48
9.2 Matthäus 10,31
mh. ou=n fobei/sqe\ pollw/n strouqi,wn diafe,rete u`mei/jÅ
«Fürchtet euch nun nicht! {Ihr} seid wertvoller als viele Sperlinge»
(Elberfelder).
Der Text von NA27 ist offenkundig nicht sinnvoll: pollw/n strouqi,wn
diafe,rete u`mei/j. Naber und Wellhausen, Markland und Valckenaer53
hatten hier schon unabhängig voneinander pollw|/ konjiziert, also einen
Dativus mensurae (Dativ auf die Frage: «Um wie viel?»): «Ihr
unterscheidet euch in großem Maße/sehr von den Sperlingen» – und
nicht: «... von vielen Sperlingen ...» Aber diese Konjekturen sind
durch die Überlieferung bestätigt worden, was dem Apparat von
NA27 nicht zu entnehmen ist. Die Minuskeln 10, 83, 148, 167, 198,
241, 246, 247 u.a.54 bieten pollw|./
Es ist zwar sehr wohl möglich, dass die Lesart in diesen
Handschriften ebenfalls eine Konjektur ist, aber das ist nie
auszuschließen. Die Angst der ntl. Textkritik vor Konjekturen, die
sich z.B. darin zeigt, dass Konjekturen nahezu nie im Text zu finden
sind, ist vielenorts unverständlich. Selbst wenn man an dieser Stelle
genau wüsste, dass der Dativ eine Konjektur ist und nicht der
überlieferte Text, müsste man sie in den Text setzen, da die Lesart der
Masse der Handschriften nicht zu halten ist.

9.3 Matthäus 16,2-3


(1) Da traten die Pharisäer und Sadduzäer zu ihm heran, um ihn auf
die Probe zu stellen, und sprachen den Wunsch gegen ihn aus, er
möge sie ein Wunderzeichen vom Himmel her sehen lassen. (2) Er
aber antwortete ihnen: «Am Abend sagt ihr: es gibt schönes Wetter,
denn der Himmel ist rot», (3) und frühmorgens: «Heute gibt es
Regenwetter, denn der Himmel ist rot und trübe.» Das Aussehen
des Himmels versteht ihr zu beurteilen, die Wahrzeichen der Zeit
aber nicht. (4) Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht verlangt
ein Zeichen ...

1. Es gibt keinen beachtenswerten Grund, die Ursprünglichkeit des


kursiv gedruckten Textes in Frage zu stellen. Die Verse 2/3 sind eine
glänzende Vorbereitung von Vers 4, eine Argumentation vom Kleinen
zum Großen, ein locus a minore ad maius: «In unwichtigen Dingen
wisst ihr gut Bescheid, das Wesentliche entgeht euch!» Ohne diese
Vorbereitung wäre die Qualität der Perikope merklich geringer.
2. Wenn der strittige Text ursprünglich hier nicht gestanden hätte,
wäre nicht der geringste Anlass gewesen, ihn nachzutragen. Anders
gesagt: Derjenige, der ein Stück Text als einen späteren Zusatz

(rev. Fassung, Basel 2002) ist wohl die einzige, in der bei allen drei Synoptikern Gadara zu
Recht der Ort des Geschehens ist.
53
A. Jülicher: Einleitung in das NT, Tübingen 19377, 620; R. Borger: «NA26 und die
neutestamentliche Textkritik», in: «Theol. Rundschau» 52 (1987), 23.
54
Borger (s. vorige Anm.), 22-24.
49
ansieht, muss überzeugend darlegen, warum dieses Stück Text
zugesetzt wurde. Ein Zusatz erfordert eine mehr oder weniger große
intellektuelle Leistung – und in diesem Fall wäre sie sehr groß
gewesen –, eine Auslassung nicht. Noch anders gesagt: Bis zum
Beweis des Gegenteils hat ein Text dann als original zu gelten, wenn
er sinnvoll ist und in einem überzeugenden Zusammenhang steht.
Die Beweislast liegt bei dem, der die Ursprünglichkeit bestreitet.
Woher sollen im Übrigen all die hervorragenden Schriftsteller
gekommen sein, die all diese so wundersam unauffälligen Einschübe
im Text des NT vornahmen? Ein weiteres sehr schönes Beispiel eines
wundersam unauffälligen Einschubes eines hypothetischen
glänzenden Literaten ist Apostelgeschichte 8,39 (s. 9.12).
3. Bei Lukas steht nur Ähnliches und in anderem Zusammenhang
(Lk 12,54-56); die Ähnlichkeit besteht darin, dass in beiden Fällen
von der Fähigkeit die Rede ist, Vorzeichen des kommenden Wetters
zu erkennen, und von der Unfähigkeit, sich selbst zu erkennen. Die
Wettervorzeichen sind aber völlig andere. Warum diese Worte aus
Lukas oder gar aus einer ihm ähnlichen Quelle (Metzger:
Commentary, 136) entnommen sein sollen, ist unerfindlich. Stehen
diese Sätze bei Lukas fester im Text als bei Matthäus? Könnte sie
nach dieser Argumentation nicht Lukas aus Matthäus genommen
haben?
4. Die Parallele bei Lukas bestätigt auf das Schönste, dass Jesus
solche Vergleiche gebrauchte.
5. Die Annahme eines sehr frühen Schreiberversehens ist einfacher
als die Annahme eines Zusatzes. Möglicherweise liegt auch eine
absichtliche Tilgung vor, weil z.B. ein roter Himmel in Ägypten
keinen Regen ankündigt (s. Metzger: Commentary, 33).
6. Anlass der Infragestellung dieses Textes ist wie so oft: «The
external [Hervorhebung von mir] evidence is impressive ...» – «Die
äußeren Zeugen sind beeindruckend.» Wir wissen, dass dieses
Argument nicht gilt. Im Übrigen – um einmal so zu argumentieren wie
die Herausgeber des NA – ist die Gruppierung der Handschriften, die
den angezweifelten Text enthält, ebenfalls höchst impressive and
diversified – «beeindruckend und weit verbreitet».

9.4 Matthäus 22,23


VEn evkei,nh| th/| h`me,ra| prosh/lqon auvtw/| Saddoukai/oi( le,gontej mh.
ei=nai avna,stasin
«An jenem Tag kamen Sadduzäer zu ihm, die da sagen, es gebe
keine Auferstehung» (Elberfelder).

Der in NA gedruckte Text Saddoukai/oi le,gontej (statt Saddoukai/oi oi`


le,gontej) ergäbe den folgenden Sinn: «An jenem Tage kamen die
Sadduzäer mit den Worten/mit der Behauptung zu ihm, dass es keine
Auferstehung gebe, und fragten ihn ...» (statt: «... die Sadduzäer, die ja
behaupten, es gebe keine Auferstehung ...»).
50
Der gedruckte Text im NA macht also die bekannte Tatsache (s.
Mk 12,18; Lk 20,27; vgl. Apg 4,1f), dass die Sadduzäer eine
Auferstehung der Toten leugnen, zu einer in diesem Augenblick
vorgebrachten Äußerung.
Ein stilistisches Argument spricht ebenfalls entschieden gegen
diesen Text. Die Verbindung beider Verben ist nicht so belegt wie
hier, sondern umgekehrt proselqw.n ei=pen – «als er zu ihm kam, sagte
er» –, also prose,rcomai in der Partizipialform bei einem Verbum, das
eine Tätigkeit bezeichnet, nicht jedoch «indem er sagte, kam er zu
ihm», wie es der Text in NA voraussetzt.
Nach dem Sprachgebrauch also – nicht nur des Griechischen,
sondern auch des Deutschen – kann le,gontej nur Attribut sein, nicht
ein prädikatives (satzwertiges) Partizip. Da sich schließlich die Lesart
von ℵ* B usw. außerdem leicht als Haplographie (s.o. Abschnitt 6
unter 6.1.1.4) erklären lässt, besteht kein Grund, an ihr festzuhalten.
Für die Anhänger der Zwei-Quellen-Hypothese steht noch ein
weiteres Argument gegen diesen Text bereit: Matthäus hätte den Text
seiner vermeintlichen Quelle Markus in die falsche Richtung geändert.

9.5 Matthäus 26,22


kai. lupou,menoi sfo,dra h;rxanto le,gein auvtw/| ei-j e[kastoj( Mh,ti
evgw, eivmi( ku,rieÈ
«Und sie wurden sehr betrübt, und jeder von ihnen fing an, zu ihm
zu sagen: Ich bin es doch nicht, Herr?» (Elberfelder).

Die Entscheidung für den Text ... h;rxanto le,gein auvtw|/ ei-j e[kastoj\
mh,ti evgw, eivmi ... («... und da fragten sie ihn, einer nach dem anderen:
Bin ich es etwa?»), ist, wie so häufig bei NA, eine Entscheidung für
den Sinaiticus und den Vaticanus, übrigens auch für den Textus
receptus.55
Es ist aber offensichtlich, dass (a) auvtw/| («ihm») sehr blass ist, weil
es sich von selbst versteht, (b) die Lesart le,gein ei-j e[kastoj auvtw/n
(«und da fragten sie, jeder Einzelne von ihnen») dieser höchst
dramatischen Szene viel besser gerecht wird, weil alle drei Wörter
sich gegenseitig steigern. Man spürt geradezu, wie die Jünger sich um
Jesus drängen, einer möglichst noch vor dem anderen eine Auskunft
über sich selbst bekommen will.
Das auvtw|/ kann einem Schreiber sehr leicht – ein Gedächtnisfehler –
anstelle von auvtw/n («jeder Einzelne») in die Feder geflossen sein,
möglicherweise auch unter dem Einfluss von Markus 14,19, wo die
Sprache auf andere Weise der Dramatik der Szene entspricht. – Im
Übrigen ist zu den Zeugnissen der prägnanteren Lesart auvtw/n im
Apparat von NA27 noch P64 hinzuzufügen, ebenso P37vid.56

55
Zum Begriff Textus receptus s. Anm. 34.
56
C.P. Thiede: «Papyrus Magdalen Greek 17 (Gregory-Aland P64). A Reappraisal», in:
«ZPE» 105 (1995), 13-20, dort 15; 19.
51
9.6 Markus 3,16
Îkai. evpoi,hsen tou.j dw,deka(Ð kai. evpe,qhken o;noma tw/| Si,mwni
Pe,tron
«Und er berief die Zwölf, und er gab dem Simon den Beinamen
Petrus» (Elberfelder).

NA folgt dem Sinaiticus etc. und entscheidet sich damit für einen
Text, der lesbar ist. Er ist aber so offensichtlich mit Hilfe von Vers 14
lesbar gemacht worden, dass man auf ihn verzichten sollte: kai.
evpoi,hsen tou.j dw,deka – «und er machte die Zwölf». Die
Handschriftenfamilie f 13 u.a. bieten dagegen einen Text, auf den
dieser Einwand nicht zutrifft und der den Anstoß ebenfalls beseitigt:
prw/ton Si,mwna – «als Ersten/zuerst Simon».
Es ist keineswegs auszuschließen, dass an dieser Stelle eine
Korruptel des Archetyps (Verderbnis in der Vorlage) vorliegt, also
auch die Lesart von f 13 u.a. eine Konjektur ist, aber die Kürze weckt
Vertrauen. Ein Konjekturalkritiker hätte wohl einen gefälligeren Text
zustande gebracht, z.B. prw/ton d’ auvtw/n Si,mwna («als Ersten von
ihnen Simon»).

9.7 Markus 6,22


kai. eivselqou,shj th/j qugatro.j auvtou/ ~Hrw|dia,doj kai. ovrchsame,nhj
«Da trat herein die Tochter der Herodias und tanzte» (Elberfelder).

qugatro.j auvtou/ `Hrw|dia,doj («seine Tochter Herodias»), die von NA


aufgrund des Zeugnisses der «guten» Handschriften ℵ B usw. in den
Text aufgenommene Lesart, ist unsinnig: «Als seine Tochter Herodias
eintrat ...», denn 1. ist sie nicht die Tochter des Herodes, sondern die
der Herodias, 2. heißt sie nicht Herodias, sondern nach anderen
Quellen Salome, und 3. ist der Text bei Matthäus (14,6) als weiteres
gewichtiges Zeugnis zur Sache anzusehen: wvrch,sato h`
quga,thr th/j `Hrw|dia,doj («die Tochter der Herodias tanzte»).
Richtig ist also der Text von A C K Θ Π usw. qugatro.j auvth/j th/j
`Hrw|dia,doj – «die Tochter der Herodias selbst» (im Gegensatz zu dem,
was bei einem Ehepaar zu erwarten ist) oder «die Tochter von ihr, der
Herodias» (in Nachahmung eines Aramaismus). Diese Lesart ist die
«schwierigere», und eben dies dürfte auch der Grund der Änderung
sein, die eine Glättung ist.

9.8 Markus 9,29


kai. ei=pen auvtoi/j( Tou/to to. ge,noj evn ouvdeni. du,natai evxelqei/n eiv
mh. evn proseuch/|Å
«Und er sprach zu ihnen: Diese Art kann durch nichts ausfahren als
nur durch Gebet» (Elberfelder).

52
Jesus heilte einen vermutlich epileptischen Jungen, nachdem die
Jünger an dieser Aufgabe gescheitert waren. Nach der Heilung fragen
sie Jesus: «Warum konnten wir den Geist nicht austreiben?» Jesus
antwortet: Diese Art (von bösen Geistern) kann nur evn proseuch|/ kai.
nhstei,a| – «durch Gebet und Fasten» ausgetrieben werden, wie die
Mehrzahl der Textzeugen überliefert. Bei einer Minderheit (ℵ* B
0274 2427 k) fehlt kai. nhstei,a.|
Der Gedankengang ist der folgende:
1. Jesu Jünger können Wunder tun.
2. Die Wunderheilung dieses Jungen war ihnen nicht möglich.
3. Denn Geister dieser Art können nur auf ungewöhnliche Weise
ausgetrieben werden. (Das gilt natürlich nur für die Jünger,
nicht für Jesus selbst, der seine uneingeschränkte Vollmacht
gerade gezeigt hatte.)
4. Die Austreibung dieser Geister geschieht durch Gebet und
Fasten.
Die ntl. Wunder lassen sich als Erhörungen von Gebeten begreifen,
insofern als sie in den Lobpreis Gottes münden (Mk 2,12; Mk 7,37;
Mt 15,31; Lk 5,25f; 7,16; 13,13; 17,15; 18,43). Wenn der kurze Text
evn proseuch|/ («durch Gebet») der originale wäre, müsste man
annehmen, dass Jesus eine unsinnige Antwort gegeben hätte, weil das
Gebet sich von selbst versteht, die Jünger also auch vor ihrem
vergeblichen Versuch gebetet haben dürften. Somit ist nhstei,a|
(«durch das Fasten») ein unabdingbarer Bestandteil des Textes, weil
das Gebet, das allen Heilungswundern ausgesprochen oder
unausgesprochen vorausliegt, allein ja nicht genügt hatte, diese
Heilung besonderer Art zu tun.
«Durch Gebet und Fasten» ist wohl zu verstehen als «durch
besonders eindringliches Gebet», da das wohlverstandene Fasten eine
besondere Vorbereitung auf das Gebet ist und seine Wirkung
verstärkt. Warum diese Art von Geistern nach Jesu Aussage nur durch
ein solch außergewöhnliches Gebet ausgetrieben werden kann, lässt
sich nur vermuten: Eine der beim Heilungswunder wirksamen Kräfte,
der Glaube des Kranken, hatte im vorliegenden Fall nicht wirken
können; er spielt in dieser Geschichte keinerlei Rolle, weil der Junge
nur Objekt ist, denn der Geist macht ihn sprachlos, wie wohl zu
verstehen ist.
Wie kam es in der Überlieferung zum Verlust von kai. nhstei,a?| Es
liegt am nächsten zu vermuten, dass kai. nhstei,a| gestrichen wurde,
weil man Jesu Erklärung des Misserfolgs der Jünger auch auf seinen
eigenen Heilungserfolg bezogen und festgestellt hatte, dass der
erfolgreichen Heilung durch Jesus kein Fasten seinerseits
vorausgegangen war.
Auszuschließen ist dagegen wohl eine andere Möglichkeit einer
theologisch begründeten Streichung. Zwar hatte Jesus das Fasten
seiner Jünger in der Zeit seiner Anwesenheit als unangemessen erklärt

53
(Mt 9,14-17; Mk 2,18-22; Lk 5,33-39), aber an anderer Stelle setzt er
es nicht nur als selbstverständliche Praxis voraus, sondern er
befürwortet es (Mt 6,16-18). Auch er selbst hatte ja gefastet (Mt 4,1-
4). – Selbstverständlich ist auch ein einfaches Schreiberversehen
denkbar.
Wer es für möglich hält, dass kai. nhstei,a| ein späterer Zusatz ist,
der sich aus der wachsenden Bedeutung des Fastens in der frühen
Kirche erklärt (so Metzger z.St.), verkennt, dass diese Worte, wie
dargelegt, ein für das Verständnis notwendiger Bestandteil des Textes
sind.

9.9 Lukas 22,43-44


«... Doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!» Da
erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Und als er in
angstvollen Seelenkampf geraten war, betete er noch inbrünstiger;
und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die zur Erde niederfielen.
Nach dem Gebet stand er auf ...

Der kursiv gedruckte Text fehlt in einem Teil der Handschriften und
wird von den Herausgebern des NA für unecht gehalten. Es dürften
sich jedoch in kaum einem so kurzen Stück des NT so viele stilistische
Besonderheiten eines bestimmten Autors finden wie hier des Lukas in
den für unecht gehaltenen Sätzen. Ich nenne nur das Offensichtliche:
stärken findet man nur noch ein weiteres Mal im NT, in der
lukanischen Apostelgeschichte 9,19; inbrünstig gibt es außer in 1.
Petrus 1,22 nur noch einmal in Apostelgeschichte 12,5: «... während
von der Gemeinde inbrünstig für ihn zu Gott gebetet wurde.» Man
vergleiche außerdem noch Apostelgeschichte 2,3: «... und es
erschienen ihnen Zungen wie von Feuer» und Apostelgeschichte 6,15:
«Als nun alle ihre Blicke gespannt auf ihn richteten ... sahen [im
Griechischen das Aktiv von erscheinen] sie sein Angesicht wie das
Angesicht eines Engels.»
Dass es sich im Übrigen bei diesen Sätzen nicht um ein beliebiges
Versatzstück handelt, das von irgendwoher (von woher?) an diese
Stelle gelangt ist, sondern um einen höchst prägnanten Text, zeigen
die drei Wörter, die sich nur hier im NT finden (sog. Hapax
legomena): angstvoller Seelenkampf, Schweiß, Blutstropfen. Die
wichtigste Frage, die wie immer in solchen Fällen weder gestellt noch
beantwortet wird, ist die, warum jemand diese wahrhaftig nicht
beiläufigen Sätze hätte erfinden und hier einfügen sollen.
Die Beseitigung dieser Verse geschah in einem Teil der
Überlieferung aus den gleichen dogmatischen Gründen wie die
Textänderungen in Markus 15,34; Johannes 7,1 (→ TKB 9.11);
Hebräer 2,9 (→ TKB 9.13). Der bittere Kampf des Menschen Jesus in
Gethsemane zeigt eine Gottverlassenheit des Gottessohnes, die schwer
zu ertragen war. Der Verzicht auf die Worte «Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen?» bei Lukas und Johannes wird
54
dieselben Gründe haben.
Die Argumente der Herausgeber von NA sind die üblichen
ungültigen: «Das Fehlen dieser Verse in so alten und weit verbreiteten
Textzeugen ...»
Man vergleiche noch einmal das, was oben über die Bedeutung des
Alters und die geographische Verteilung gesagt ist.

9.10 Johannes 3,31


~O a;nwqen evrco,menoj evpa,nw pa,ntwn evsti,n\ o` w'n evk th/j gh/j evk th/j
gh/j evstin kai. evk th/j gh/j lalei/Å o` evk tou/ ouvranou/ evrco,menoj
Îevpa,nw pa,ntwn evsti,n\Ð
«Der von oben kommt, ist über allen; der von der Erde ist, ist von
der Erde und redet von der Erde her. Der vom Himmel kommt, ist
über allen» (Elberfelder).

Die Bestreitung der Ursprünglichkeit von evpa,nw pa,ntwn evsti,n\


(«steht höher als alle andern») steht auf schwachen Füßen: «Er, der
von oben her kommt, steht höher als alle andern; wer von der Erde her
stammt, der gehört zur Erde und redet von der Erde her. Er, der aus
dem Himmel kommt, steht höher als alle andern. (V. 32) Was er
gesehen und gehört hat, das bezeugt er.»
1. Die Worte sind eine typisch johanneische Wiederholung.
2. Der kürzere Text wäre, wenn original, im griechischen Text
völlig unanstößig gewesen («Er, der aus dem Himmel kommt,
bezeugt das, was er gesehen und gehört hat»); es hätte also kein
Anlass bestanden, die strittigen Worte zu ergänzen.
3. Die Auslassung kann sowohl als bewusste Entscheidung eines
Schreibers erklärt werden (s. V. 31a) wie auch als
Unachtsamkeit durch den Sprung über eine ganze Zeile (Apg
8,39 → TKB 9.12), die er glaubte, schon geschrieben zu haben,
also durch Haplographie: Einmal-Schreibung eines zweimal
vorhandenen Textes.

9.11 Johannes 7,1


Kai. meta. tau/ta periepa,tei o` VIhsou/j evn th/| Galilai,a|\ ouv ga.r
h;qelen evn th/| VIoudai,a| peripatei/n
«Und danach zog Jesus in Galiläa umher; denn er wollte nicht in
Judäa umherziehen» (Elberfelder).

Anstelle des ouvk h;qelen – «er wollte nicht» haben W it syc Chr ouvk
ei=cen evxousi,an – «er hatte nicht die Macht». Für diese Lesart eines
kleinen Teils der Überlieferung spricht:
1. Sie ist lectio difficilior («schwierige Lesart»), die verändert
wurde, weil sie den Eindruck erweckte, hier werde Jesu
Vollmacht in Frage gestellt. In ähnlichem Sinne wird der
Unterschied zwischen Markus 6,5 ouvk evdu,nato evkei/ poih/sai
ouvdemi,an du,namin – «er konnte dort kein Wunder vollbringen»

55
und Matthäus 13,58 ouvk evpoi,hsen evkei/ duna,meij polla,j – «er
vollbrachte dort nicht viele Wunder» zu erklären sein.
2. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass ein ursprüngliches h;qelen
in W etc. zu ei=cen evxousi,an («er wollte nicht» zu «er hatte nicht
die Macht») geändert worden sein könnte. Chrysostomus (In
Ioannem homiliae, 48, seinen schriftlichen Predigten zum
Johannes-Evangelium) ist sich der Schwierigkeiten völlig
bewusst: Der Menschensohn hatte diese Macht, nach Judäa zu
gehen, deshalb nicht, weil er dann die selbst auferlegten
Beschränkungen seiner Menschwerdung überschritten hätte.
3. Die kleine Zahl der Zeugen ist an sich schon kein Einwand
gegen die Lesart von W etc. Es kommt hinzu, dass hier ein
Argument völlig vernachlässigt wurde, das die
Wiedergewinnung des Textes von NA an anderen Stellen immer
wieder, und häufig zu Unrecht, bestimmte: das Argument der
geographischen Verteilung (Metzger: diversified). W steht für
Ägypten, it für Italien, Chrysostomus und syc für Syrien. Breiter
können Zeugnisse nicht gestreut sein57 – wenn man dieses
Argument der geographischen Verbreitung für gewichtig hält,
wie erklärtermaßen die Herausgeber des NA.

9.12 Apostelgeschichte 8,39


o[te de. avne,bhsan evk tou/ u[datoj( pneu/ma kuri,ou h[rpasen to.n
Fi,lippon
«Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist
des Herrn den Philippus» (Elberfelder).

Wenn der längere Text – pneu/ma] a[gion e;pepesen evpi. to.n euvnou/con,
a;ggeloj de. [kuri,ou («der Geist], der heilige, fiel auf den Eunuchen
und ein Engel [des Herrn») – wie zu vermuten der ursprüngliche ist,
ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er sehr früh ausfiel. Die
Zeilenlänge einer der ältesten Handschriften des NT, des P64, beträgt
15-19 Buchstaben.
1 ΣΑΝΕΚΤΟΥΥ∆ΑΤΟΣΠΝΑ 17
2 ΑΓΙΟΝ ΕΠΕΠΕΣΕΝΕΠΙΤΟΝ 19
3 ΕΥΝΟΥΧΟΝΑΓΓΕΛΟΣ∆Ε 17
4 ΚΥΗΡΠΑΣΕΝΤΟΝΦΙΛΙΠ 17
5 ΠΟΝΚΑΙΟΥΚΕΙ∆ΕΝΑΥΤΟΝ 19

Zur Veranschaulichung die wichtigen Teile des Textes noch einmal


auf Deutsch:

1 .....................der Geist,
2 der heilige, fiel auf den

57
In gleicher Weise argumentiert auch G.D. Fee: «The Use of Greek Patristic Citations ...»,
in: Epp/Fee, 357f.
56
3 Eunuchen und ein Engel
4 des Herrn entrückte Philip-
5 pos...............................

Der längere Text fügt sich also, mit Berücksichtigung der nomina
sacra, genau in zwei Zeilen dieser Länge ein. Die Auslassung der
Zeilen 2 und 3 lässt sich als Fehler eines Schreibers leicht und
überzeugend erklären: Der Sprung über diese beiden Zeilen hinweg
von pneu/ma («Geist») nach kuri,ou («des Herrn») ergibt einen Text
ohne jeden syntaktischen Bruch, so dass der Ausfall später nicht nur
nicht bemerkt wurde, sondern sich auch kein Anstoß zu einer
Korrektur oder einem Zusatz ergab.
Ein solcher Sprung eines ermüdeten Schreibers über eine oder
mehrere Zeilen hinweg gehört zu den häufigsten Versehen beim
Kopieren. (Selbstverständlich lässt sich der Sprung von pneu/ma nach
kuri,ou auch ohne die vorgeschlagene Verteilung des überschüssigen
Textes in zwei Zeilen solcher Länge vermuten.) Dass die Verbindung
pneu/ma (Ende von Z. 1) zu kuri,ou (Anfang von Z. 4) nahe lag,
versteht
sich von selbst, zeigt sich aber auch an den variae lectiones
(Handschriftenvarianten) in Apostelgeschichte 5,9 und 16,7.
Warum der Text der Zeilen 2-3 in einem Teil der Überlieferung
ausgefallen ist, ist somit hinreichend erklärt. Es müsste dagegen noch
erklärt werden, warum dieser Text, wenn er nicht ursprünglich wäre,
hätte hinzugefügt sein sollen.
Wenn man annähme, dass der längere Text nicht ursprünglich ist,
hätte man sich einen höchst ingeniösen Korrektor vorzustellen, dem es
gelungen wäre, an einer Stelle, an der keinerlei Anlass dazu bestand,
eine völlig stimmige, nahtlos sich einfügende Erweiterung
vorzunehmen, ohne auch nur im Geringsten den übrigen Textbestand
zu verändern. Den einzigen Grund dafür sähe ich darin, dass er die
Absicht hatte, den Scharfsinn der Philologen und Theologen des 19.
und 20.Jh. auf die Probe zu stellen.
Es ist ebenfalls gegen den kurzen Text anzuführen, dass im NT und
in der LXX nur Personen das Subjekt einer so konkreten Handlung
wie des a`rpa,zein («entrücken») sind, nicht aber der Geist Gottes. Der
kurze Text wäre also völlig singulär (s. ThWB VI, 406f).
Die Herausgeber von NA und UBS haben, in ihrem
unerschütterlichen Glauben an einige besonders «gute» Handschriften,
ein originales Textstück in den kritischen Apparat verbannt.

9.13 Hebräer 2,9


o[pwj ca,riti qeou/ u`pe.r panto.j geu,shtai qana,touÅ
«damit er durch Gottes Gnade für jeden den Tod schmeckte»
(Elberfelder).

57
Harnack hatte 1929 in exemplarischer Weise dargelegt58, dass die
Lesart cwri.j qeou/ – «ohne Gott» als originale Lesart dem außer bei B.
Weiß überall in den Text aufgenommenen ca,riti qeou/ – «durch die
Gnade Gottes» vorzuziehen ist. Ich fasse seine Argumentation
zusammen und bediene mich dabei auch seiner eigenen Worte.
Dieses Beispiel ist einer der seltenen Fälle, in denen die äußere
Bezeugung insofern eine gewisse Rolle spielt, als sie anschaulich
machen kann, wie es dazu kam, dass der vermutlich ursprüngliche
Text so weitgehend aus der Überlieferung verschwand.
Man wird sich also, wo es möglich ist, der äußeren Bezeugung
gerne bedienen, sie ist aber nicht unabdingbar. Man kann sich leicht
vorstellen, dass diese äußere Bezeugung nicht vorhanden wäre – und
in ungezählten anderen Fällen ist sie es in der Tat nicht –, trotzdem
könnte und müsste sich der Textkritiker hier für die Variante der
winzigen Minderheit von Handschriften entscheiden.
Äußere Kritik:

Zwar scheint die Bezeugung gegen die Lesart cwri.j qeou/ zu sprechen,
aber der genauere zweite Blick zeigt, dass Origenes sich ausdrücklich
für diese Lesart entscheidet und außerdem mitteilt, dass zu seiner Zeit
einige Handschriften die andere Lesart boten, d.h. die Mehrheit der
Handschriften zu seiner Zeit hatte cwri.j qeou/; Hieronymus kennt
einige Handschriften mit dieser Lesart, die Mehrheit hat die andere.
Ambrosius, Fulgentius, Vigilius, die Antiochener haben ebenfalls
cwri.j qeou/, z.T. mit falscher Deutung, weil diese Lesart sonst
anstößig wäre. Theophylakt und Ökumenius bezeichnen cwri,j als
Lesart der Nestorianer. Im Syrischen ist sie öfter bezeugt. Von den
griechischen Handschriften bieten nur 0121b (= 0243), 424c und
1739* cwri,j.
(Da Zuntz [Text, 34; 74] nachgewiesen hatte, dass sowohl 0121b
als auch 424c von 1739 abhängig sind, bleibt als einzige Hs. 1739.)
«Eine Lesart, von der Origenes, noch in Alexandria wohnend,
bezeugt, dass sie die verbreitetere ist, die bei alten Lateinern und bei
den antiochenischen Theologen gefunden wird und Alternativ-Lesart
in der Peschita ist, darf nicht einfach beiseite geschoben werden,
vielmehr fordert der textkritische Befund das Urteil, dass cwri,j und
ca,riti gleichwertige Alternativ-Lesarten sind.»
Harnack bezeichnet in einer Fußnote dieses Urteil als das
«Minimum, das zugunsten von cwri,j nach der Überlieferung gesagt
werden muss» und fährt fort: «... denn eine Lesart, deren Geschichte
damit beginnt, dass Origenes konstatiert, sie finde sich nur in einigen
Handschriften, die aber dann Jahrhundert für Jahrhundert so vordringt,
dass sie am Schluss alleinherrschend wird, ist der aus dogmatischen
Gründen großgezogene Neuling, während eine Lesart, die stark
einsetzt, fast in jeder Textprovinz sich findet, dann aber immer mehr
58
Harnack: Studien, 236-245.
58
im Laufe der Zeiten als dogmatisch anstößig vollkommen
verschwindet – und das ist bei cwri,j der Fall –, für die echte zu halten
ist.»

Innere Kritik:

1. cwri,j ist die «schwierigere» Lesart: «Christus ohne Gott!», das


war anstößig.
2. Wer sollte aber ca,riti in cwri,j verwandelt haben?
3. cwri,j findet sich in Hebräer 14 Mal, genauso oft wie in allen
zehn Paulusbriefen zusammen, ist also eine typische Vokabel
des Verfassers.
4. ca,rij bedeutet in Hebräer immer die wieder gewonnene
Gotteshuld, nicht aber wie hier und bei Paulus die Ursache der
durch den Tod geschehenen Erlösung.
5. Wie soll es die Huld Gottes sein, dass Jesus den bitteren Tod
hat schmecken müssen? Dagegen fügt cwri.j qeou/ einen
wichtigen Zug hinzu und vertieft das pa,qhma tou/ qana,tou
(«Todesleiden») in der Richtung, die auch sonst in dem Brief
nachweisbar ist. Wo Todesfurcht und Tod herrschen und wo
Schmach lastet, da kann Gottesferne oder sogar -Abwesenheit
empfunden werden, und eben dies konstatiert der Verfasser
durch cwri.j qeou/.
Dass der apodiktische, herbe Satz: «Christus hat, von Gott getrennt,
den Tod geschmeckt», anstößig war, ist nicht verwunderlich. Es gibt
eine Parallele: Die Erzählung Lukas 22,43f vom bitteren Kampf Jesu
in Gethsemane ist sicher ursprünglich, aber nicht nur Marcion hat sie
gestrichen, sondern sie fehlt auch in den Handschriften B ℵ A etc.,
d.h. also: Die Stelle, die sich mit dem cwri.j qeou/ unseres
Verfassers decken, sind in der ältesten Überlieferung ebenso
angetastet worden wie cwri.j qeou/ hier, denn man schrak vor der
apodiktischen Aussage der Gottverlassenheit Jesu zurück.
So weit Harnack, dessen Darlegungen sich Zuntz (Text, 34)
anschließt. Ein weiteres Argument kann für cwri,j sprechen: Dem
gebildeten Autor des Hebräerbriefes war wahrscheinlich ebenso wie
Lukian (Necyomantia 1 – aus griech. nekuia, «Totenopfer», und
manteia, «Weissagen») der Anfang von Euripides’ Hecuba bekannt,
wo Polydoros’ Geist sagt: «Ich komme aus dem Reich der Toten, den
Pforten der Finsternis, wo Hades fern von den Göttern [cwri.j qew/n]
seine Wohnung hat.» Wenn man auch nicht annehmen sollte, dass er
hier Euripides bewusst zitiert, so bedient er sich doch wohl des
geläufigen Ausdrucks eines bekannten Gedankens.
Es kann nur eine der beiden Lesarten ursprünglich sein, d.h. dass
erklärt werden muss, warum die eine Lesart die andere ersetzte. Der
Wechsel von cwri,j zu ca,riti ist, mit Parallelbeispielen, von Harnack
überzeugend dargelegt.
59
Der umgekehrte Fall wird in dem sonst so ausgezeichneten
Kommentar von E. Riggenbach (Hebr., Leipzig 1922, 46 A. 14 )
folgendermaßen erklärt: «Wahrscheinlich liegt also bloß das Versehen
eines Abschreibers vor, der das in seiner Vorlage vielleicht undeutlich
geschriebene ca,riti unter dem Einfluss teils der Parallele(n), teils des
Sprachgebrauchs des Hb. (vgl. 4,15; etc.) in cwri,j verlas.»
Wir sollen also glauben, dass diese Lesart cwri,j zuerst ganz
zufällig entstanden, dann zur Zeit des Origenes zur Lesart der
Mehrheit der Handschriften aufgestiegen war, ehe sie wieder fast
spurlos verschwand?
Wie könnte man anders, als Harnack es tut, erklären, warum sich
ca,riti in der Geschichte der Überlieferung so gewaltig gegen die
Lesart durchsetzte, die zu Origenes’ Zeit die der Mehrheit der
Handschriften war? Nun müsste man noch eine ähnlich plausible
Erklärung der erstaunlichen Karriere des nach Riggenbach u.a. so
zufällig entstandenen cwri,j zur herrschenden Lesart zur Zeit des
Origenes in wahrscheinlich Hunderten, eher Tausenden von
Handschriften finden. Denn man wird ja wohl nicht annehmen wollen,
dass in allen diesen Handschriften ein Schreiberversehen vorliegt.
Es ist verwunderlich, dass in Metzgers Commentary (594) weder
Harnack noch Zuntz erwähnt werden. Ein Vergleich mit Harnack
offenbart die großen Schwächen der stereotypen Entscheidungen des
Committee (s.u. 11. Weiterführende Literatur: Metzger: Commentary).

9.14 1. Petrus 4,14


eiv ovneidi,zesqe evn ovno,mati Cristou/( maka,rioi( o[ti to. th/j do,xhj
kai. [kai. duna,mewj] to. tou/ qeou/ pneu/ma evfV u`ma/j avnapau,etaiÅ
«Wenn ihr im Namen Christi geschmäht werdet, glückselig {seid
ihr}! Denn der Geist der Herrlichkeit [und Macht] und Gottes ruht
auf euch» (Elberfelder).

1) Der Text mit und ohne kai. duna,mewj («und Macht») bereitet
Schwierigkeiten, weil er den Anschein erweckt, als stände(n) do,xa
(und du,namij «Herrlichkeit» und «Macht») mit qeo,j («Gott») auf einer
Stufe.
Ein solches Verständnis des Textes veranlasste den für die Lesart
von ℵ* Verantwortlichen zu folgender Änderung: to. th/j do,xhj kai.
th/j duna,mewj auvtou/ kai. to. tou/ qeou/ pneu/ma, also etwa: «... der Geist
seiner Herrlichkeit und Macht und (oder: d.h.) der Geist Gottes ...»
Durch auvtou/ werden do,xa und du,namij Gott untergeordnet.
Ein theologisches Problem ist auf diese Weise gelöst, aber der
griechische (und deutsche) Wortlaut ist misslungen. Der Ausfall von
kai. duna,mewj in P72 B K L etc. ist vermutlich ebenso als ein
bewusstes Auslassen zur Lösung dieses theologischen Problems zu
erklären.
Der in ℵ(*) A P 33 81 u.a. r z vgcl bo überlieferte Text to. th/j do,xhj

60
kai. duna,mewj kai. to. tou/ qeou/ pneu/ma ist sehr gut verständlich, wenn
man zweierlei beachtet: (a) vor duna,mewj steht kein Artikel; do,xa und
du,namij werden dadurch gegen qeo,j zusammengeschlossen, (b) der
Artikel to, ist vor tou/ qeou/ wiederholt, mit der gleichen Wirkung, wie
sie der fehlende Artikel th/j hat: to, trennt tou/ qeou/ von der Gruppe
der beiden anderen Genitive.
Dieser Artikelgebrauch nötigt dazu, das zweite kai, epexegetisch zu
verstehen: «... der Geist der Herrlichkeit und Macht, nämlich der Geist
Gottes ...» Die Wörter kai. duna,mewj sind also keineswegs «ein
homiletischer Nachtrag» (erklärende Ergänzung, Metzger, 625),
sondern stilistisch und inhaltlich in den Text eingebunden. Überdies
war von der du,namij qeou/ schon in 1,5 die Rede. Wer kai. duna,mewj
als einen Zusatz ansieht, hat zu erklären, warum es hier hinzugefügt
wurde.
2) Nach Vers 14 ist in den Handschriften K L P Ψ, den meisten
Minuskeln und einer Reihe von Übersetzungen ein weiterer Satz zu
finden:
(kai. to. tou/ QU PNA evf’ u`ma/j avnapau,etai.), kata. me.n auvtou.j
blasfhmei/tai, kata. de. u`ma/j doxa,zetai – «(... der Geist Gottes nämlich
ruht auf euch.) Bei ihnen wird er geschmäht, bei euch wird er
gepriesen.»
Ein überzeugendes inhaltliches Argument lässt sich gegen diesen
Satz nicht vorbringen. Als explanatory gloss59 («erklärende Glosse»,
Metzger: Commentary, 625) ist er nicht anzusehen, weil er nichts
Erklärungsbedürftiges erklärt; er enthält im Gegenteil eine
Erweiterung des Gedankens in Form einer prägnanten Antithese, wie
sie mit und ohne me,n/de, («zum einen/zum andern») an vielen Stellen
des Briefes zu finden ist (1,20; 2,4; 2,21-25 u.a.).
Die Antithese ist ein Stilmerkmal des Verfassers des 1.
Petrusbriefes, und der Stil des Verfassers sollte dann, wenn er wie hier
deutlich zu erkennen ist, eines der wichtigsten Kriterien des
Textkritikers sein.

10. Wie ein Anfänger sich in die Textkritik einarbeiten


kann
Der Anfänger sollte im Laufe seines Studiums das NT zwei- bis
dreimal lesen. Am Anfang sind die Schwierigkeiten groß. Wenn man
jeden Tag wenigstens einige Verse liest, wird er nach einem Jahr – das
Jahr hat 365 Tage – schon recht weit gekommen sein. Er sollte eine
zweisprachige Ausgabe benutzen, aber eine griechisch-lateinische.
Das Lateinische kann beim Verständnis des griechischen Textes
helfen, wird ihn aber nicht ständig von der harten Arbeit am Original
abhalten (eine griech.-dt. Ausg. ist ein ganz sicherer Weg, das
59
Wie echte Glossen im NT beschaffen sind, zeigen z.B. Mk 5,23; 10,24.

61
Griechische nicht zu lernen).
Gleichzeitig mit dieser Lektüre sollte er sich einen spannenden
Zugang zu antiken und mittelalterlichen Handschriften, also zur
Paläographie, verschaffen, indem er anhand der Tafeln des Buches
von Metzger: Manuscripts of the Greek Bible, einige Stücke aus dem
NT in den Manuskripten mit Hilfe seiner Ausgabe des NT Buchstabe
für Buchstabe entziffert und «kollationiert», d.h. jede Abweichung
von seinem gedruckten Text sorgfältig notiert.
Wenn er dann seine Notate mit dem Text und Apparat des NA
vergleicht, hat er einen Eindruck davon, wie Text und Apparat
zustande gekommen sind.
In die eigentliche textkritische Arbeit kann er mit folgenden
Schritten gelangen: 1. Lektüre der Kapitel des NT, aus denen die
textkritischen Beispiele der vorliegenden Einführung genommen sind.
2. Kenntnisnahme der textkritischen Beispiele selbst. 3. Vergleich der
textkritischen Entscheidungen in diesen Beispielen mit dem Text des
NA und mit der Erörterung in Metzgers Textual Commentary (s. die
Charakterisierung dieses Buches im Literaturverzeichnis und im
Anhang). 4. Versuch, sich eine eigene Meinung zu bilden.
Von nun an sollte er sich jede textkritische Frage, die ihm bei seiner
Lektüre des Textes und bei einem Blick in den kritischen Apparat
interessant erscheint, mit Hilfe der Kommentare bei Metzger zu
beantworten versuchen, vielleicht eine Frage auf zwei Seiten
griechischen Textes.

11. Weiterführende Literatur


Aland, Kurt und Barbara: Der Text des Neuen Testaments. Einführung
in die wissenschaftlichen Ausgaben und in Theorie wie Praxis der
modernen Textkritik, Stuttgart 19892.
Einerseits handelt es sich um ein vorzügliches Handbuch, das über
fast alle Fragen, die mit der Textkritik des NT zusammenhängen,
ausführliche Auskunft gibt, also über die Ausgaben des NT in
Geschichte und Gegenwart, die Handschriften (mit Katalogen
sämtlicher Hss., untergliedert in Papyri, Majuskeln und Minuskeln),
die alten Übersetzungen; es führt ein in die Benutzung der modernen
Ausgaben und Synopsen, nennt viele Hilfsmittel (Konkordanzen,
Wörterbücher, Grammatiken etc.) und leitet anhand ausgewählter
Beispiele zur Praxis der Textkritik an. Besonders wertvoll ist die
reiche Bebilderung des Buches, da die wenigsten Studenten und
Wissenschaftler jemals in ihrem Leben antike oder mittelalterliche
Handschriften in die Hand bekommen werden.
Andererseits hat das Buch merkliche Schwächen. Sie liegen in dem,
was die Verfasser besonders auf den Seiten 68-74, 103-106 und unter
den Themen «Text und Textwert der neutestamentlichen
Handschriften» und «Kategorien und Texttypen» in einem Nachtrag
darlegen. Bezeichnungen wie «Normaltext», «freier Text», «fester
Text» u.a. und ihr Verhältnis zum «Urtext» bleiben völlig unklar. Das
62
hat zur Folge, dass man sich kein Bild von der Geschichte der
Textüberlieferung machen kann, ohne das textkritische
Entscheidungen nicht recht plausibel sind. Die verschiedenen
«Textformen» A, B, D gewinnen keine Konturen, weil keinerlei
Beispiele von Lesarten die Besonderheiten dieser Gruppen
veranschaulichen. (Zu all diesen Fragen ist das unten genannte Buch
von Kenyon, bes. Kap. VII «Der gegenwärtige Stand der Textkritik»,
hilfreich.)

Ehrman, Bart D. und Holmes, Michael W.: The Text of the New
Testament in Contemporary Research. Essays on the Status
quaestionis. Hg. von Ehrman und Holmes, Grand Rapids 1995.
Dieses Buch ist in gewissem Maße eine Sammlung von
Forschungsberichten zu den verschiedenen Themen der ntl. Textkritik.
Besonders in seinem IV. Teil («Methods and Tools for New
Testament Textual Criticism») ist es eine notwendige Ergänzung zu
den Handbüchern von Aland und Metzger. Der fortgeschrittene und
besonders interessierte Student kann sich hier zusätzliche Auskünfte
holen und weiterführende Literatur finden.

Harnack, Adolf von: Studien zur Geschichte des Neuen Testaments


und der alten Kirche, I. Zur neutestamentlichen Textkritik, Berlin und
Leipzig 1931.
Dieses Buch stellt in meisterhafter Weise dar, wie
voraussetzungsreich Textkritik ist, und es ist die Bestätigung eines
Satzes eines anderen Meisters der Textkritik, Richard Bentley, der
geschrieben hatte: «nobis et ratio et res ipsa centum codicibus potiores
sunt» («mir sind der kritische Verstand und der Gegenstand selbst
wichtiger als hundert Kodizes»), und das bei sehr guter Kenntnis von
mehr als «hundert Kodizes». Jeder Textkritiker kann aus diesem Buch
– ebenso wie aus dem unten genannten von Zuntz – lernen, auf jede
Art von Schematismus zu verzichten. Ein Beispiel aus diesem Buch
findet sich oben in den textkritischen Beispielen (Hebr 2,9 → TKB
9.13).

Kenyon, Sir Frederick G.: Der Text der griechischen Bibel, Göttingen
19612.
Man merkt dem Buch dieses großen Kenners allenthalben seine
großen Erfahrungen in der Textüberlieferung nicht nur der Bibel an.
Besonders das Kapitel VII «Der gegenwärtige Stand der Textkritik»
ist trotz seines Alters eine notwendige Ergänzung zu den
Einführungen von Aland und Metzger. Über beide hinaus behandelt
Kenyon ausführlich die Überlieferung der Septuaginta (des griech.
AT), die angesichts der vielen Zitate des AT im NT von einigem
textkritischen Interesse für das NT ist. Für den Anfänger ist auch das
Kap. III «Die Handschriften des Neuen Testaments» von Nutzen, weil
die wichtigsten Textzeugen eingehend und anschaulich beschrieben
63
und die Hauptstationen ihrer (Entdeckungs-)Geschichte genannt
werden, so dass sie nach der Lektüre mehr als bloße Nummern oder
Buchstaben sind.

Maas, Paul: Textkritik, Leipzig 19604.


Dieses bewundernswert schmale Buch von 34 Seiten ist die
klassische Einführung in die stemmatische Methode und alle
grundsätzlichen Fragen der Textkritik, aber für den Anfänger
ungeeignet.

Metzger, Bruce M.: A Textual Commentary on the Greek New


Testament, Stuttgart 19942.
Dieses Buch ist «a companion volume to the United Bible
Societies» Greek New Testament (4. Aufl.)» und das Ergebnis der
Arbeit des Herausgeberkomitees des Griechischen NT (textgleich dem
NA) der Vereinigten Bibelgesellschaften.
Neben einer inhaltsreichen Einführung ist der Band ein
textkritischer Kommentar zu fast allen textkritisch wichtigen Stellen
des NT. Metzger fasst in seinen Kommentaren die Diskussion der
Mitglieder des Komitees zusammen und verzeichnet an vielen Stellen
Sondervoten einzelner Mitglieder. Etwas Derartiges gab es, noch dazu
in dieser Ausführlichkeit (fast 700 S.!), bisher nicht zu irgendeinem
Text der antiken Literatur. (Man musste die Argumente der Hg. für
oder gegen eine Lesart mühsam zusammensuchen, wenn man sie
überhaupt fand.) Zusätzlich zu den Kommentaren ist die relative
Sicherheit der textkritischen Entscheidungen durch das Komitee mit
den Buchstaben A (größte Sicherheit) bis D bezeichnet.

Metzger, Bruce M.: Manuscripts of the Greek Bible. An Introduction


to Greek Palaeography by B.M., Oxford 1981.
Dieses Buch gibt interessante und ausreichende Auskünfte über die
Fragen der Paläographie: griechisches Alphabet, Aussprache des
Griechischen, Herstellung antiker Bücher, Beschreibstoffe, Format,
Tinte, Schreibpraxis, Schriftarten etc. Es sagt, wie das Datum einer
Handschrift geschätzt wird, macht Vorschläge, wie man kollationiert,
und gibt Auskünfte, wie viele Papyri, Majuskelhandschriften und
Minuskelhandschriften des NT es gibt und aus welchen Zeiten sie
stammen.
Vor allem enthält es 45 Tafeln mit Abbildungen von Handschriften
vom Anfang bis zum 15.Jh., die jeweils auf der gegenüberliegenden
Seite genau beschrieben sind, so dass man u.a. den Text in seiner
Ausgabe des NT (bzw. der Septuaginta, also der griech. Übers. des
AT) auffinden und mit der Handschrift vergleichen kann. Knapper,
weiterführend und z.T. auch korrigierend in diesem Buch der Beitrag
von Carsten Peter Thiede, «Papyrologie».

West, Martin L.: Textual Criticism and Editorial Technique


64
applicable to Greek and Latin Texts, Stuttgart 1973.
Dieses vorzügliche Buch ist eine um wichtige Kapitel erweiterte
Einführung in der Art des Buches von Paul Maas. Sie befasst sich in
besonderem Maße mit den Fragen kontaminierter Überlieferung, auf
die Maas nicht eingeht. Gerade dieser Teil ist für den Textkritiker des
NT von großem Interesse.

Zuntz, Günther: The Text of the Epistles. A Disquisition upon the


Corpus Paulinum (The Schweich Lectures of the British Academy
1946), London 1953.
Dieses Buch ist die Hohe Schule der Textkritik des NT im 20.Jh.,
die von sehr vielen Textkritikern zu ihrem eigenen Schaden und dem
der Sache nicht oder nicht lange genug besucht worden ist. Das Buch
ist sehr voraussetzungsreich und daher für Anfänger kaum geeignet.
Sobald man aber die ersten Schritte in der Textkritik des NT getan hat,
sollte man versuchen, vor allem aus der Diskussion der bei Zuntz
behandelten Stellen des NT zu lernen.

Zuntz, Günther: «Lukian von Antiochien und der Text der


Evangelien». Hg. von B. Aland und K. Wachtel. Mit einem Nachruf
auf den Autor von M. Hengel. Abh. der Heidelb. Akad. der Wiss.
1995, Abhandlung 2, Heidelberg.
Diese posthum erschienene Arbeit von Zuntz ist besonders
hinsichtlich der Geschichte des Textes des NT eine wichtige
Ergänzung des vorigen Buches und hat das Kapitel 7 dieser
Einführung geprägt.

12. Anhang zu Fragen der Methode


12.1 Die Textkritik des NT und die anderer Texte des
Altertums
Die Textkritik des NT und die klassischer Texte sind nicht
grundsätzlich voneinander verschieden, obwohl dies immer wieder
geäußert wird.
Wenn der Philologe ein Stemma erstellt hat, muss er sehr bald
feststellen, dass die meisten textkritischen Fragen eben nicht durch
einen Blick auf dieses Stemma zu beantworten sind. Zwar kann er an
einer bestimmten Stelle des Textes eine Reihe von Lesarten mit Hilfe
des Stemmas «eliminieren» (Maas); angesichts der Lesarten der nicht
zu eliminierenden Handschriften ist er aber in der gleichen Lage wie
der Neutestamentler.
Im Übrigen sind zuverlässige, bis in die letzten Verästelungen
gehende Stemmata bisher erst zu einem sehr kleinen Teil der antiken
Literatur erstellt; bei einigen Autoren, z.B. bei Homer, ist die
Überlieferungsgeschichte ähnlich kompliziert und umfangreich wie im
Falle des NT, so dass die Herstellung eines Stemmas unmöglich ist.

65
12.2 Wie gruppiert man neutestamentliche Handschriften?
Wie schwierig es ist, auch nur in Umrissen Gruppierungen innerhalb
der Fülle ntl. Handschriften vorzunehmen, zeigen die folgenden
Zitate.
In ihrem Aufsatz «Neutestamentliche Textforschung, eine
philologische, historische und theologische Aufgabe», in: Bilanz und
Perspektiven gegenwärtiger Auslegung des Neuen Testaments, hg. v.
F.W. Horn, Berlin 1995, 8-29, versucht B. Aland Klärungen:
a) «der sog. alexandrinische Text ist eben keine Gruppe»,
b) «der sog. alexandrinische Texttyp ist sicher keine Rezension»,
c) «auch die Herkunftsangabe ‹aus Alexandrien› kann keineswegs
schlüssig bewiesen werden»,
d) «den frühen Papyri Klassifizierungen in Form der Texttypen
zuzuordnen, wie es einer schon lange und weithin geübten
Forschungstendenz entspricht, kann nicht befriedigen, wie sich an
allen großen Papyri zeigt. Sie werden in der Literatur teils diesen, teils
jenen Texttypen zugeordnet, sind also Mischtypen – in einem nicht
genau zu definierenden, immer verschiedenen Mischungsverhältnis».
e) «Und doch sind die Texttypen nicht gänzlich unbrauchbar. Denn
häufig lesen ja alle zu einer variierten Stelle erhaltenen Papyri und
großen Majuskeln gemeinsam. Wir nennen das den sog.
‹alexandrinischen› Text.»
f) «Was ist der sog. alexandrinische Text also? Nur um eine erste
Antwort zu geben: Es ist der ursprüngliche Text, aber in seinen vielen
frühen Brechungen und Spaltungen, aus denen der originale Text erst
gewonnen werden muss.»
g) «Wenn die frühen Handschriften in überwältigender Mehrzahl –
genauer oder weniger genau – den sog. alexandrinischen Text lesen,
dann steckt darin der ursprüngliche Text» (7; 10; 11; 15; 16; 26).
Welche Hilfe ist ein so definierter «alexandrinischer Text» bei der
Arbeit des Textkritikers? Hilft er, die Textgeschichte zu verstehen?
Besonders problematisch ist die Zuordnung kleiner Papyrusfragmente
zu den großen «Textformen». «Wenn das Fragment nicht gerade
ausgerechnet einen Text enthält, bei dem die Überlieferung keine
Differenzen kennt, kann man aus ihm sehr wohl auf den Textcharakter
der Gesamthandschrift schließen.» Diese Behauptung begründen die
Alands durch den folgenden Vergleich: «Auch einen Eimer
Marmelade muss man nicht ganz aufessen, um deren Beschaffenheit
und Qualität zu erkennen, es genügen ein oder zwei Löffel dafür.»
(Aland: Text, 68)
Marmelade ist, auch wenn sie viele Früchte enthält, im Gegensatz
zu den Handschriften des NT recht homogen. Bei ntl. Handschriften
nennt man diesen Mangel an Homogenität – wir wollen den
kulinarischen Bereich wieder verlassen – Kontamination.
Wenn schon die Zuordnung ganzer Handschriften häufig nicht
gelingen will oder umstritten ist, gilt das a fortiori für Fragmente, ob
aus Papyrus oder nicht. – B. Aland scheint ihre Ansicht zu dieser
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Frage inzwischen geändert zu haben. In ihrem Aufsatz «Das Zeugnis
der frühen Papyri für den Text der Evangelien», in: «The Four
Gospels 1992. Festschrift Frans Neirynck», hg. v. F. Van Segbroeck
u.a., Leuven 1992, 325-335, dort 334, schreibt sie:
«Es gibt unter den frühen Papyri gerade keine ‹discernible
texttypes› – in der klassischen Bedeutung dieses Wortes – , die zu
jüngeren Handschriften in eindeutiger Beziehung stehen. Die frühen
Papyri können auch nicht in ‹Gruppen› (...) zusammengefasst
werden ...»

12.3 Die Frage von Konjekturen im NT


Jeder Text enthält Fehler; selbst die Urschriften der Autoren des NT
enthielten vermutlich bereits alltägliche, ganz menschliche
Schreiberfehler (s.o.); wenn sie vorhanden wären, müsste man auch in
ihnen konjizieren. Die Goethe-Texte aus der Einleitung geben
anschauliche Beispiele.
Dies gilt a fortiori, wenn weitere Stufen unbekannter Zahl
zwischen dem Original oder dem Archetyp und den vorhandenen
Handschriften liegen. «Die Lösung von Schwierigkeiten im Text
durch eine Konjektur oder die Annahme von Glossen, Interpolationen
usw. an Stellen, wo die Textüberlieferung keine Brüche aufweist,
sollte nicht gestattet sein, sie bedeutet eine Kapitulation vor den
Problemen bzw. eine Vergewaltigung des Textes» (Aland: Text, 284).
Diese gegenteilige Stellungnahme geht offenkundig an den
Tatsachen vorbei. Angesichts der Dichte der ntl. Überlieferung und
der Hartnäckigkeit, mit der einmal vorhandene Lesarten beibehalten
wurden – was sowohl originalen als auch nicht-originalen Lesarten
zugute kam –, sollte man zwar mit Konjekturen ganz besonders
vorsichtig sein, dass sie aber notwendig sein können, versteht sich von
selbst. Einige Beispiele sind oben (→ TKB) genannt.
Harnack hatte zu dieser Frage schon 1929 das Treffende
geschrieben: «Es gibt auch sonst noch Stellen im N.T., an denen der
richtige Text durch Konjektur gesucht werden muss; denn die
ungeschriebene Weisung, im N.T. keine Konjekturen zuzulassen, ist
längst obsolet» (Studien, 251, A.3).
Solche Konjekturen müssen selbstverständlich durch das Fegefeuer
der Kritik geschickt werden. Die Übung heute aber ist, dass sie nicht
einmal mehr diskutiert werden, wie Hebräer 5,7 zeigt, wo Harnacks
glänzende und überzeugende Konjektur {ouvk} eivsakousqei,j («{nicht}
erhört worden») in Metzgers Commentary nicht einmal erwähnt ist.
Selbst derjenige, der sie verwirft, wird kaum bestreiten, dass sie
einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des Textes leistet, also als
«diagnostische Konjektur» im Sinne von Paul Maas zu betrachten ist
(Textkritik, 32).

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12.4 Wie sollte ein textkritischer Kommentar zum NT
beschaffen sein?
An ungezählten Stellen des NT ist eine auch nur annähernd sichere
Entscheidung über die vermutlich originale Lesart nicht möglich, weil
nur schwache Argumente von gleichem Gewicht für oder gegen die
überlieferten Lesarten sprechen.
Es genügt in diesen Fällen, mit einem graphischen Symbol die
Gründe der Entscheidung für eine bestimmte Lesart zu bezeichnen.
Man spart viele Worte, also viel Platz und die Zeit des Lesers, und
gewinnt auf diese Weise Raum für die ausführliche, substanzielle
Diskussion der Stellen, an denen Entscheidungen aufgrund von
gewichtigen Argumenten möglich sind.
Die Begründungen der Entscheidungen des Committee, wie sie von
Metzger in seinem Kommentar (→ Literaturverzeichnis)
wiedergegeben werden, erscheinen als stilistische Variationsübungen:
«... unterstützt von allen anderen bekannten Zeugen (12), auf Basis
des Gewichts der äußeren Textzeugen ... zog die Mehrheit des
Komitees vor ... (13), es schien am besten, der überwältigenden Masse
der äußeren Textzeugen zu folgen (16), in Anbetracht der Qualität und
der weiten Verbreitung der äußeren Bezeugung ... (17), aufgrund der
angenommenen besseren äußeren Bezeugung (19), eine Mehrheit des
Komitees war von dem außerordentlichen Gewicht der Zeugen
beeindruckt (21), findet breite Unterstützung von alten Handschriften
verschiedener Textformen (23)».
Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.
Ein weiteres Beispiel aus Metzgers Commentary zeigt, dass viel Platz
dadurch zu sparen ist, dass man nicht die Daten aus dem kritischen
Apparat wiederholt, die jedem Leser eines solchen Buches ohnehin
zur Hand und vor Augen sind: Bei der Besprechung von Hebräer 2,9
(ca,riti / cwri,j – «Gnade» / «ohne» [Gott]) sind von den zehn dieser
textkritischen Frage gewidmeten Zeilen fast fünf Zeilen eine
Wiedergabe dessen, was im kritischen Apparat einer guten Ausgabe
zu finden ist.
Die folgenden fünf Zeilen sind eine sehr schwache Begründung
eines Urteils, von dem man den Verdacht hat, dass es schon vorher
feststand: ca,riti «is very strongly supported by good
representatives ...» – ca,riti «wird von guten Vertretern unterstützt ...»
Auch diese Entscheidung hätte leicht durch ein einfaches
graphisches Symbol für: «Entscheidung aufgrund der Qualität/der
Quantität/der Unterschiedlichkeit der Handschriften» bezeichnet
werden können. (Übrigens sind die Angaben über die Hss. nicht
genau; Zuntz hatte dargelegt, dass die beiden Hss. 0121 und 424 von
1739 abhängen, so dass die handschriftliche Basis der Lesart cwri,j
noch kleiner wird; Zuntz: Text, 34).
Welche Breite der theologischen, kirchengeschichtlichen und
überlieferungsgeschichtlichen Argumente die Diskussion dieser Stelle
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haben kann, wie interessant sie also ist, lässt sich bei Harnack
nachlesen (→ TKB). Es werden aber weder Harnacks Name genannt
noch seine Argumente diskutiert. Ebenso fehlen die Namen Zuntz
(Text, 34) und H. Braun (neuester Kommentar zu Hebr.), die sich
beide Harnacks Ansicht anschließen.
Insgesamt könnte man aus Metzgers Commentary fast den
Eindruck gewinnen, die ntl. Textkritik wäre eine Disziplin getrennt
von der übrigen Theologie.
Der Leser gewänne durch die ausführliche Diskussion der
gewichtigeren Stellen ein tieferes Verständnis des Textes und würde
sie deshalb mit Dank verfolgen, auch wenn er selbst eine andere
Entscheidung getroffen hätte.

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