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Allegorie

Die Allegorie (altgriechisch ἀλληγορία allegoría ‚andere‘ bzw.


‚verschleierte Sprache‘; von ἄλλος állos ‚anders‘, ‚verschieden‘,
‚auf andere Weise‘ und ἀγορεύω agoreúo ‚eindringlich sprechen‘,
‚eine öffentliche Aussage machen‘, zu ἀγορά agora
‚Versammlung‘) ist eine Form indirekter Aussage, bei der eine Sache
(Ding, Person, Vorgang) aufgrund von Ähnlichkeits- oder
Verwandtschaftsbeziehungen als Zeichen einer anderen Sache (Ding,
Person, Vorgang, abstrakter Begriff) eingesetzt wird.

In der Rhetorik wird die Allegorie als Stilfigur unter den Tropen
(Formen uneigentlichen Sprechens) eingeordnet und gilt dort als
fortgesetzte, d. h. über ein Einzelwort hinausgehende, Metapher. In
der bildenden Kunst und in weiten Teilen der mittelalterlichen und
barocken Literatur tritt die Allegorie besonders in der Sonderform
der Personifikation auf, in der eine Person durch Attribute,
Jan Vermeer, Die Malkunst, Allegorie
Handlungsweisen und Reden als Veranschaulichung eines abstrakten
auf die Malerei
Begriffs, z. B. einer Tugend oder eines Lasters, agiert.

Unter Allegorese (allegorische Deutung)[1] versteht man die


Deutung von Allegorien jeder Art, so etwa spricht man von Buchstaben-, Edelstein-, Farb-, Kleider- und
Blumenallegorese.[2] In der Literaturwissenschaft bezeichnet Allegorese die historische Auslegung eines
Textes nach einem über den wörtlichen hinausgehenden Sinn.

In der mathematischen Kategorientheorie ist eine Allegorie nach Freyd und Sceodrov die Kategorie
zweistelliger Relationen zwischen unterschiedlichen Mengen (im Gegensatz zur Relationsalgebra
homogener zweistelliger Relationen).[3][4]

Inhaltsverzeichnis
Grundlagen
Zu Funktion und Bedeutung
Allegorie und Symbol
Geschichtliche Entwicklung und Beispiele
Sprachliche Allegorie
Allegorie in der Literatur
Allegorese in der Bibel
Judentum
Christentum
Allegorie in der Rhetorik
Bildliche Allegorie
Antike
Mittelalter
Renaissance und Barock
Romantik und Klassizismus bis zur Gegenwart
Beispiele
Zitat
Siehe auch
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise

Grundlagen

Zu Funktion und Bedeutung

In der Auslegung mythologischer und heiliger Texte hat die Annahme von Allegorien eine besondere Rolle
gespielt bei dem Anliegen, den überlieferten, in seiner wörtlichen Aussage teilweise unglaubwürdig oder
unverständlich gewordenen Text auf eine verborgene Weisheit oder Wahrheit hin auszulegen und so das
Denken und Glauben der eigenen Zeit und Kultur als bereits in der Vergangenheit vorausgeahnt und
beglaubigt auszuweisen.

Als sprachlicher oder künstlerischer Ausdruck ist eine Allegorie von vorneherein auf ihre Deutung hin
konstruiert. Vom Hörer oder Betrachter erfordert die Allegorie einen Gedankensprung (Assoziation = eine
bewusste oder unbewusste Verknüpfung von Gedanken) vom Gesagten oder bildlich Dargestellten zur
gemeinten Bedeutung. Wenn der Betrachter nicht vertraut ist mit den geistigen oder historischen
Zusammenhängen, aus denen die Allegorie heraus konstruiert wurde, bleibt ihm ihr Sinn oft verborgen.
Realistische Allegorien – bei ihnen wirkt schon die wörtliche oder unmittelbare Bedeutung an sich selber
lehrreich oder unterhaltsam – lassen oft übersehen, dass es weiter(gehend)e allegorische Intentionen gibt.

Allegorie und Symbol

Die seit dem 18. Jahrhundert aufgekommenen Versuche, Allegorie


und Symbol voneinander abzugrenzen, zeichnen sich oft durch
philosophischen Tiefsinn aus, sind aber literatur- und
zeichentheoretisch wenig konsistent und führen bei der Anwendung
auf antike, mittelalterliche und auch barocke Allegorie zu
historischen Verkürzungen. Ein Symbol wird manchmal verstanden
als ein Zeichen, das die gesagte Sache auch um ihrer selbst und ihrer
Besonderheit willen, und nicht nur um der Verallgemeinerbarkeit der
übertragenen Aussage willen ausspreche, ihren tieferen Sinn
Justitia, die Gerechtigkeit, mit
außerdem lediglich andeute, ihn aber weniger bestimmt als die
Darstellung der Unschuld (links) und
Allegorie festlege, und darum schließlich eher intuitiv zu verstehen
des Lasters (rechts)
als intellektuell zu enträtseln sei. Vor allem soll das Dargestellte im
Symbol noch anwesend sein, wodurch eine innere und äußere
Einheit von Zeichen und Bedeutung gewahrt wird.

Der Allegorie fehlt diese Einheit, sie ist gebrochen und steht in einem Spannungsverhältnis zur dahinter
stehenden Idee. Ästhetisch wurde während des Klassizismus darum dem als poetischer empfundenen
Symbol meist der Vorzug gegeben vor der verstandesbetont nüchternen, als Gedankenspiel
geringgeschätzten Allegorie, die im Rahmen einer auf Unmittelbarkeit, Gefühl und Individualität
ausgerichteten Literatur- und Kunstauffassung als die minderwertigere oder sogar unpoetische
Ausdrucksform geringgeschätzt wurde. Durch Walter Benjamin erfuhr die Allegorie in der Moderne eine
Aufwertung: „Das Symbol ist die Identität von Besonderem und Allgemeinem, die Allegorie markiert ihre
Differenz.“[5] Sie wurde als Kunstform gegen die idealistische Ästhetik paradigmatisch für die Moderne.

Geschichtliche Entwicklung und Beispiele

Im antiken Griechenland wurden zahlreiche Kräfte und Zustände, sofern sie dauerhaft wirkten, vergöttlicht.
Der griechische Götterhimmel war daher so vielfältig, dass es der Allegorie nur selten bedurfte. Soweit
bekannt, nutzten die griechischen Maler jedoch personifizierte Abstrakta für innere Vorgänge und Zustände
wie Empörung oder Neid, die sie noch nicht durch Mimik oder Gebärden darstellen konnten, und stellten sie
neben die handelnden Figuren, um deren Motive zu zeigen. In hellenistischer und römischer Zeit änderte
sich das: An die Stelle der Gottheit trat immer öfter die Allegorie. Nicht nur natürliche Vorgänge wurden
nun allegorisiert, sondern auch staatliche und politische Verhältnisse.

Einen frühen Höhepunkt erreichte die Verwendung der Allegorie in der bildenden Kunst der
Frührenaissance, in der vor allem Abstrakta wie geistige Qualitäten personifiziert wurden. Zum besseren
Verständnis mussten Allegorien oft mit Beischriften oder Attributen versehen werden (z. B. wurde Feigheit
durch einen Mann repräsentiert, der vor einem Hasen flieht). Häufig diente seit dem Hochmittelalter die
Allegorie moralisch-theologischen Zwecken, z. B. zur Darstellung von Tugenden und Sünden. Die
mittelalterliche Kirchenmalerei, Plastik (Straßburger Münster) und Goldschmiedekunst (Verduner Altar in
Klosterneuburg) und die barocke Malerei (z. B. Rubens) bedienten sich reichlich der belehrenden Allegorie
und schufen zahlreiche Figuren, die das Gute oder Böse repräsentieren.

Seit der Französischen Revolution verkörpern Allegorien auch politische Ideen wie die Freiheit oder die
Volkssouveränität.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts – unter dem Einfluss der in London ausgestellten Giebelfiguren des
Parthenon, der sog. Elgin Marbles – wurden vermehrt skulpturale Allegorien (oft weibliche Figuren) als
Schmuck- oder Stützfiguren verwendet, um den Zweck und die Bestimmung von öffentlichen Gebäuden
anzuzeigen (zuvor schon z. B. am Pariser Panthéon).[6]

Die Allegorie kann auch als bildhafte Personifikation eines Staates


verwendet werden. In der Form einer Nationalallegorie findet man
beispielsweise für das Deutsche Reich die Germania, für Österreich
die Austria, für Preußen die Borussia, für die Schweiz die Helvetia,
für Frankreich die Marianne, für Großbritannien die Britannia oder
für die USA die Lady Liberty oder Uncle Sam.

Der Tod als Gerippe (das Fleisch vergeht) und mit der
Sense (er trifft alle).
Die Gerechtigkeit als Frau (Justitia; iustitia ist im
Lateinischen weiblich) mit verbundenen Augen (ohne
Ansehen der Person), in der einen Hand eine Waage
(genau abwägend) und in der anderen ein Schwert
(urteilend).

Dürer: Melencolia I
Albrecht Dürers Melencolia I kann entgegen der vorherrschenden Deutung als Melancholie
durchaus als eine Allegorie des Trostes durch Meditation[7] verstanden werden (siehe:
Jakobsleiter des Gebets mit sieben Sprossen – vgl. auch: Melencolias Pi-Theta-Gürtel
entsprechend den Säumen des Kleides von Philosophia bei Boetius’ Trost der Philosophie,
524) als auch der Wissenschaften (Quadrivium: Arithmetik, Geometrie, Astronomie & Musik)
sowie Dürers künstlerischer Kreativität und Kunsttheorie.

Da die Allegorie ein indirektes Zeichen des Dargestellten ist, wird sie nicht direkt verstanden, sondern erst
durch Abstraktion – oder Konvention.

Sprachliche Allegorie

Allegorie in der Literatur

In der Literatur sind bekannt: Allegorie und Allegorese, Formen, die Inhalte von Texten erklären, wobei die
Allegorese die Interpretationsform ist, die Allegorie die Textform. Das hermeneutische Verfahren einer
allegorischen Interpretation von Texten wurde zuerst in der Antike für das Deuten der Epen Homers und der
Theogonie Hesiods angewendet. Die verschiedenen philosophischen Schulen versuchten dadurch, die Texte
nicht nur wörtlich zu verstehen, sondern einen verborgenen Sinn in ihnen zu entdecken. Die in der
klassischen Zeit als skandalös empfundenen Göttergeschichten der vorklassischen Zeit, wie etwa von Homer
oder Hesiod überliefert, konnten auf diese Weise gerechtfertigt werden.

In Rom wurde die von den Griechen praktizierte allegorische Interpretation von Göttermythen übernommen.
Allegorische Figuren wurden u. a. von Lukan (Roma), Vergil (Fama), Lukrez und Ovid erfunden. Aus
spätrömischer Zeit stammt Boethius’ Buch Tröstungen der Philosophie, in dem neben den Musen der
Dichtkunst auch die Philosophie als Person zum Autor spricht. Von weitreichendem Einfluss auf Literatur
und Kunst des Mittelalters war Prudentius’ Psychomachia aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., eine allegorische
Schilderung des Kampfes zwischen den christlichen Tugenden und den heidnischen Lastern.

Bis zum ausgehenden Mittelalter entstanden zahlreiche phantastisch-allegorische Werke, so der


Anticlaudian des Alanus ab Insulis im 12. Jahrhundert, der sich im Vorwort zu seinem Buch ausdrücklich
eine nur buchstäbliche Lektüre des Textes verbat, oder der überaus populäre und weit verbreitete
Rosenroman von Guillaume de Lorris und Jean de Meung. Auch die Bibel erschien in allegorischer Form,
so im hochmittelalterlichen Eupolemius, in dem die Heilsgeschichte vom Sündenfall bis zur Auferstehung
Christi nacherzählt wird. In der Übergangszeit zwischen Mittelalter und Renaissance schrieb Petrarca seine
in vielen illustrierten Handschriften überlieferten De remediis utriusque fortunae, eine allegorische
Anleitung für den Menschen über seinen Umgang mit Glück und Unglück, und schließlich Dante die
Göttliche Komödie.

In der Barockzeit erlebten Allegorien eine Blüte in allen Bereichen der Literatur, sei es in Gedichten, Reden
aller Art, Predigten, Grabinschriften usw. Sie treten auch heute noch im Christi-Leiden-Spiel und in der
Passionsprozession auf.

Allegorese in der Bibel

Bezüglich der Bibel gibt es zwei grundsätzliche Hauptrichtungen der Allegorese, als Interpretationsform zur
Erklärung der Inhalte der jeweiligen heiligen Schriften, für das Christentum die christliche Bibel, für das
Judentum hauptsächlich Tora, Hebräische Bibel, Talmud, Responsen und Rabbinische Literatur.

Judentum
Das Judentum kennt mit der Pardes-Klassifikation vier verschiedene Ansätze für die Exegese der Jüdischen
Bibel, des Tanach und der heiligen Texte in der Tradition des rabbinischen Judentums. PaRDeS ist ein
Akronym für die klassische jüdische Interpretation von Texten beim Studium der Tora.

Über klassische Lesarten hinaus lassen sich mit Hilfe dieses Systems Bibelstellen immer wieder in einem
neuen, nicht wortwörtlichen Sinn interpretieren. Ein Beispiel dafür ist 3. Buch Mose 20,10 , wo für
Ehebrecher und Ehebrecherin der Tod gefordert wird. Insbesondere im liberalen Judentum wird diese
Forderung heute allegorisch gedeutet. Ehebruch kann hier als Abwendung von Gott als der Quelle allen
Lebens verstanden werden. Unter Drasch sind persönliche Ansichten zur Bedeutung der Ehe denkbar, und
die letzte Ebene Sod kann als mystische Verbundenheit zwischen Mensch und Gott verstanden werden.

Die allegorische Auslegung der Tora wurde schon in der Antike von Philo von Alexandrien ausgiebig
gebraucht.

Christentum

In der christlichen Tradition hat sich die Vorstellung vom mehrfachen biblischen Schriftsinn entwickelt,
wonach der biblische Text einerseits einen historisch wahren oder als fiktional (Parabel) einzustufenden
wörtlichen Sinn besitzt (sensus litteralis) und andererseits in mehrfach gestufter Bedeutung auf historisch
nachzeitige (typologischer Sinn), moralische (tropologischer Sinn) oder eschatologische Dinge
(anagogischer Sinn) auszulegen ist.

Allegorese wurde schon früh auch für die christliche Bibel praktiziert. So deutet der Apostel Paulus Hagar
und Sarah als Alten und Neuen Bund (Gal 4,21–31 ).[8] Origenes bezieht das Hohelied des Alten Testaments
auf die Liebe zwischen Christus und der Seele des Gläubigen. Augustinus prägte über das Mittelalter hinaus
die christliche Allegorese. Zur allegorischen Deutung der Hl. Schrift forderte er vom Interpreten Kenntnisse
in Grammatik, Rhetorik, Linguistik sowie umfassendes Wissen über die Dinge der Natur, über Zahlen und
Musik, nicht aber über heidnische Mythen und heidnische Mantik oder Astrologie.[9]

Luther schätzte allegorische Deutungen von Bibeltexten nicht und machte sich über Origenes lustig.
Andererseits verwendete er Allegorien in seinen Tischreden und Predigten, da sie zwar dem Zuhörer nicht
„rationale Erkenntnis des historisch geschehenen Mysteriums ermöglichten, aber doch sein Anspiel (allusio)
und natürliches Ergriffensein.“[10]

Allegorie in der Rhetorik

In der Rhetorik ist Allegorie ein Fachbegriff. Die sprachliche Form der Allegorie wird in der Rhetorik als
rhetorischer Tropus verstanden. Wie alle Tropen erfordert sie einen Gedankensprung vom Gesagten zum
Gemeinten. Durch die semantischen Formen similitudo (Vergleich) und contrarium (Gegensatz) ist sie
verwandt mit der Metapher, dem exemplum (Beispiel), dem Aenigma (Rätsel), dem proverbium
(Sprichwort), der Ironie, dem Euphemismus usw. In der Rhetorik kann sie auf vielfältige Weise angewendet
werden, so in Lob- und Preisreden, zum Argumentieren, für das Belehren, für Satiren, Witze und
dergleichen.

Cicero schrieb in seinem Buch De oratore der Allegorie verschiedene Anwendungsmöglichkeiten zu: Sie
diene zur Verdeutlichung des Redegegenstandes bzw. zu dessen Verbergen, der Kürze der Darstellung und
der Unterhaltung des Publikums. In seinem bis ins Mittelalter maßgebenden Buch über die Redekunst De
institutione oratoria lieferte Quintilian eine rhetorische Theorie der Allegorie.

Bildliche Allegorie
Da die Allegorie abstrakte Sachverhalte durch Bilder darstellt,[11] ist sie besonders in der bildenden Kunst
eine Möglichkeit, Konventionen in Bildern deutlich zu machen, und somit eine Möglichkeit, diese Bilder zu
deuten. Sie ist damit auch eine Möglichkeit, abstrakte Sachverhalte anschaulicher und dadurch
verständlicher zu machen.

Antike

In der bildenden Kunst sind allegorische Darstellungen seit der Antike üblich. In der griechischen Antike
finden sich Allegorien unter anderem als Marmorreliefs an Altären und auf Giebelfeldern der
Tempelanlagen, oder als umlaufenden Fries ebenda. Bedeutende vielgestaltige Darstellungen allegorischer
Szenerien finden sich auch auf den Vasenmalereien in Hellas.

In der römischen Kunst ist die Allegorie eine übliche Darstellungsform auf Gemmen, Münzen, Sarkophagen
oder Triumphbögen. Personifizierungen abstrakter Ideen und Vorstellungen – wie „Glück“, „Frieden“,
„Eintracht“, „Jahreszeiten“, „Geld“ oder bestimmter Städte oder Staatswesen – wurden benutzt zur
bildlichen Erinnerung an einen bestimmten Menschen auf Sarkophagen, zur Verherrlichung bestimmter
historischer Ereignisse auf Triumphbögen oder zur Verbildlichung religiöser oder kosmologischer
Vorstellungen.

Berühmt ist das verschollene Bild Die Verleumdung des Malers Apelles mit seinem Aufmarsch allegorischer
Figuren wie Gerücht, Neid oder der nackten Wahrheit, das in der Renaissance nach einer Ekphrasis des
Lukian von Samosata als Gemälde von Sandro Botticelli mit dem Titel Die Verleumdung des Apelles neu
geschaffen wurde, sowie das nur in einer römischen Kopie erhaltene Relief des Kairos, eine Allegorie der
günstigen Gelegenheit, des hellenistischen Bildhauers Lysipp.

Mittelalter

Antike allegorische Bildformeln wurden auch in der frühchristlichen


Kunst verwendet und umgedeutet. Von besonderer Wichtigkeit für
die Herstellung allegorischer Bilder in der christlichen Kunst sind
Thesen des Isidor von Sevilla zur Verwendung allegorischer Texte,
die im Zuge des Bilderstreits auch als Argumente für das Bild im
Kontext christlicher Religion benutzt wurden. Im Laufe des
Mittelalters entwickelten sich im Zusammenhang mit der
christlichen Dogmatik neue Allegorien, die in unzähligen Varianten
in der Malerei, der Skulptur und sogar in der Architektur erscheinen.
Typische Beispiele sind die vier Kardinaltugenden, die Sieben
Todsünden, die Sieben Freien Künste, Frau Welt, Ecclesia und
Synagoge und Zahlenallegorien.

Eine eigene Ausprägung allegorischer Interpretation von Texten, die


sich in den Bildkünsten widerspiegelt, ist die Klassifikation, in der
Philosophia et septem artes
jeweils Ereignisse des Alten und des Neuen Testaments als Typus
liberales, Illustration aus dem Hortus
und Antitypus miteinander in Zusammenhang gebracht wurden. Die Deliciarum der Herrad von
einzelnen Textstellen der Bibel bzw. ihre bildliche Darstellung Landsberg (12. Jahrhundert)
konnten verschiedenen Interpretationsmodi unterzogen werden, bei
denen der buchstäbliche (sensus litteralis) und der geistige (sensus
spiritualis) Sinn zu unterscheiden war. Zu beachten war bei diesem die allegorische Bedeutung (sensus
allegoricus), die moralische Bedeutung (sensus tropologicus) und die eschatologische Bedeutung (sensus
anagogicus).
Renaissance und Barock

Neue Impulse bekamen die Allegorien durch das wachsende


Interesse humanistischer Gelehrter am Neuplatonismus. Alle
Erscheinungen der Welt können als Abbilder göttlicher Schönheit
gesehen werden. Niederschlag fanden zum Beispiel Ideen
neuplatonischer Gelehrter am Hofe der Medici in Florenz in den
Bildern Botticellis.

Auch pagane Quellen können „Spiegel göttlicher Schönheit und


Weisheit“ sein. Beispielhaft für die Neubewertung nichtchristlicher
Quellen ist das Interesse an ägyptischen Hieroglyphen, etwa an der
1419 entdeckten Schrift über Hieroglyphen des Horapollon. 1499
erschien der allegorische Roman Hypnerotomachia Poliphili des
Francesco Colonna, mit dem das Spiel der Künstler und Dichter von
Renaissance und Barock mit der Emblematik eröffnet wurde.
Andrea Alciatos Emblematum liber von 1531 erlebte viele Auflagen
und diente in der Folge den Künstlern wie die Iconologia des Cesare Agnolo Bronzino, die Allegorie der
Liebe in der National Gallery, London
Ripa, 1593, als allgemein anerkannte und viel benutztes Buch für
allegorische Darstellungen. Zu den aus dem Mittelalter bekannten
Allegorisierungen traten neue, wie z. B. die des Herkules als
Verkörperung des tugendhaften Menschen bzw. des vollkommenen Herrschers.

Die Tendenz zum Dunklen und Unverständlichen in Allegorien, die schon Cicero bemerkt hatte, nimmt in
der Renaissance zu, beispielhaft zu erkennen in den Bildern für Isabella d’Estes studiolo, und zeigt sich in
schwer zu deutenden Bildern des Manierismus, wie der Allegorie der Liebe des Bronzino.

Eine Blüte erlebte die allegorische Malerei im Zuge der Gegenreformation in der Ausmalung katholischer
Kirchen und gleichzeitig in der Ausgestaltung barocker Schloss- und Parkanlagen.

Romantik und Klassizismus bis zur Gegenwart

In der folgenden Zeit ließ die Lust an der Allegorie bei Künstlern
und Auftraggebern nach. Der Allegorie wurden vermehrt trockene
und gefühlsarme Gedankenkonstruktionen nachgesagt.
Kunsttheoretiker des 18. Jahrhunderts wie Gotthold Ephraim
Lessing, Moses Mendelssohn und später auch Edgar Allan Poe
stellten den Sinn allegorischer Darstellungen in Frage, während
Johann Joachim Winckelmann, Johann Wolfgang Goethe und vor
allem Nathaniel Hawthorne – einer der bekanntesten Allegoriker der
Weltliteratur – der Allegorie positiver gegenüberstanden. Trotzdem
gab es nach wie vor allegorische Gemälde wie die Allegorie der Delacroix: Die Freiheit führt das Volk,
Freiheit von Eugène Delacroix oder die Tageszeitenbilder von 1830
Philipp Otto Runge. Während der Wilhelminischen Zeit spielten
allegorische Skulpturen eine bedeutende Rolle bei der Dekoration
von repräsentativen Bauten oder Denkmälern wie beispielsweise dem Deutschen Reichstag oder dem
Niederwalddenkmal bei Bingen am Rhein.

Auch Künstler des 20. Jahrhunderts, wie z. B. Max Beckmann, arbeiten gelegentlich mit allegorischen
Darstellungen.
Beispiele
Lysipp: Kairos, Römische Kopie, Turin, Antikenmuseum
Ekklesia und Synagoge, um 1225–1235, Straßburger
Münster, Musée de l'Œuvre Notre-Dame, Strasburg
Lorenzetti: Die gute Regierung; die schlechte Regierung,
1338–1339, Siena, Palazzo Pubblico
Botticelli: Primavera, Florenz Uffizien, um 1482
Botticelli: Die Verleumdung des Apelles, um 1490/95,
Florenz, Uffizien
Bronzino: Allegorie der Liebe, um 1545, National Gallery
(London)
Bronzino: Andrea Doria als Neptun, 1540–1550, Mailand,
Pinacoteca di Brera
Heilige Allegorie, Gemälde von Giovanni Bellini, Florenz,
Uffizien
Rubens: Allegorie von Krieg und Frieden, National Gallery
(London)
Triumph der Medici in den Wolken
Luca Giordano: Triumph der Medici in den Wolken des
des Olymp, Fresken in der Galerie
Olymp, Palazzo Medici Riccardi, Florenz
des Palazzo Medici Riccardi in
Giovanni Battista Tiepolo: Allegorie der vier Kontinente, Florenz, Luca Giordano, 1684–1686
Deckenfresken im Treppenhaus der Würzburger
Residenz, 1752–53, Würzburg
Asmus Carstens: Die Nacht und ihre Kinder Schlaf und Tod, 1795, Weimar, Staatliche
Kunstsammlungen
Delacroix: Die Freiheit führt das Volk oder Der 28. Juli 1830, 1830, Paris, Louvre
Gustav Klimt: Römisches und Venezianisches Quattrocento, 1891, Wien, Kunsthistorisches
Museum
Renoir; Die Rhône empfängt die Saône, [1901], Paris, Galerie Durand-Ruel
Max Beckmann: Die Nacht, Düsseldorf Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
Die Ausstellung der Deutschen Guggenheim in Berlin zeigte 2005 unter dem Titel Douglas
Gordon's The Vanity of Allegory unter anderem Werke von Duchamp, Damien Hirst, Jeff
Koons, Man Ray, Andy Warhol sowie der Filmregisseure Bernardo Bertolucci, Francis Ford
Coppola, Walt Disney, Federico Fellini, Jean-Luc Godard, Stanley Kubrick, Pier Paolo Pasolini,
Andrei Tarkovsky und Luchino Visconti.

Zitat
„Die Allegorie verwandelt die Erscheinung in einen Begriff, den Begriff in ein Bild, doch
so, dass der Begriff im Bilde immer noch begrenzt und vollständig zu halten und zu haben
und an denselben auszusprechen ist.
Die Symbolik verwandelt die Erscheinung in Idee, die Idee in ein Bild, und so, dass die Idee
im Bild immer unendlich bleibt und, selbst in allen Sprachen ausgesprochen, doch
unaussprechlich bliebe.“
– GOETHE: Maximen und Reflexionen, Nr. 1112 und 1113

Siehe auch
Personifikation
Todessymbolik
Zahlensymbolik

Literatur
Gerhard Kurz: Metapher, Allegorie, Symbol. Kleine Vandenhoeck-Reihe 4032. Vandenhoeck &
Ruprecht, Göttingen 6. Aufl. 2009, ISBN 3-525-34032-X (Standardwerk)
Reinhart Hahn: Die Allegorie in der antiken Rhetorik. Tübingen 1967.
Walter Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels; 1928
Heinz Meyer: Zum Verhältnis von Enzyklopädik und Allegorese im Mittelalter. In:
Frühmittelalterliche Studien 24. 1990. S. 290–313
Rudolf Wittkower: Allegorie und der Wandel der Symbole in Antike und Renaissance. Köln
1984.
Cäcilia Rentmeister: Berufsverbot für die Musen. Warum sind so viele Allegorien weiblich? In:
Ästhetik und Kommunikation, Nr. 25/1976, S. 92–112. Langfassung in: Frauen und
Wissenschaft. Beiträge zur Berliner Sommeruniversität für Frauen, Juli 1976, Berlin 1977, S.
258–297. Cillie Rentmeister Kunstgeschichte Allegorie Sphinx Ödipus | Cillie (Cäcilia)
Rentmeister: Publikationen (http://www.cillie-rentmeister.de/berufsverbot-fuer-die-musen/)
Meinolf Schumacher: Einführung in die deutsche Literatur des Mittelalters. Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, Darmstadt 2010; S. 35–42: „Gott und die Natur: Hermeneutik der Schrift und
der Natur“.
Heinz J. Drügh: Anders-Rede. Zur Struktur und historischen Systematik des Allegorischen.
Freiburg 2000.
Alfred Meurer: Industrie- und Technikallegorien der Kaiserzeit, Ikonographie und Typologie.
Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften (VDG), Weimar 2014. ISBN 978-3-89739-
808-5
Wolfgang Harms, Heimo Reinitzer (Hrsg.): Naturkunde und allegorische Naturdeutung.
Aspekte der Weltbetrachtung zwischen 13. und 19. Jahrhundert. Bern/Frankfurt am Main 1980
(= Mikrokosmos. Band 7).

Weblinks
Commons: Allegorie (https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Allegories?uselang=de) –
Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Allegorese – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wiktionary: Allegorie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise
1. Duden (http://www.duden.de/rechtschreibung/Allegorese).
2. Tilo Brandes: ‚Von den Buchstaben‘. In: Burghart Wachinger u. a. (Hrsg.): Die deutsche
Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2., völlig neu bearbeitete Auflage, Band 1 (‘A solis
ortus cardine’ - Colmarer Dominikanerchronist). De Gruyter, Berlin/New York 1978, ISBN 3-11-
007264-5, Sp. 1111.
3. Yohji Akama, Yasuo Kawahara, Hitoshi Furusawa: Constructing Allegory from Relation Algebra
and Representation Theorems. (https://web.archive.org/web/19980713070139/http://nicosia.is.
s.u-tokyo.ac.jp/pub/staff/akama/repr.ps) (Memento vom 13. Juli 1998 im Internet Archive),
University of Tokyo
4. Peter J. Freyd, André Scedrov: Categories, Allegories, North-Holland Mathematical Library,
Vol. 39, North-Holland, 1990
5. Walter Benjamin: Gesammelte Schriften. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, Bd. 1, S. 352.
6. Jacob Burckardt: Die Allegorie in den Künsten. (1897) In: Ders.: Kulturgeschichtliche Vorträge.
Hrsg. Rudolf Marx, Stuttgart 1959, S. 322 ff., 333 ff.
7. Meditation ist, mit Mose an den Stein (um Lebenswasser) anklopfen "Meditari est pulsare cum
Mose hanc petram" (Luther WA 3. Bd. 1885, 21)
8. Daniel Lanzinger: Ein „unerträgliches philologisches Possenspiel“? Paulinische
Schriftverwendung im Kontext antiker Allegorese. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016,
ISBN 978-3-525-59370-7.
9. Augustins allegorische Auslegung des Gleichnisses vom Barmherzigen Samariter findet sich
hier: http://www.uni-due.de/Ev-Theologie/courses/course-stuff/allegorese-lk10.htm, abgelesen
am 1. Mai 2009.
10. Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band 1, S. 359.
11. J. Dominik Harjung: Lexikon der Sprachkunst. C. H. Beck, München 2000.

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