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UTB 1830

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Handwörterbuch Philosophie
Herausgegeben von Wulff D. Rehfus

Vandenhoeck & Ruprecht


Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der


Deutschen Nationalbiografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet Ýber Nhttp://dnb.ddb.deO abrufbar.

ISBN 3 8252 8208 2 (UTB)


ISBN 3 525 03323 0 (Vandenhoeck & Ruprecht)

 2003, Vandenhoeck & Ruprecht in GÚttingen.


Internet: www.vandenhoeck ruprecht.de
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Gesamtherstellung: Hubert & Co., GÚttingen

ISBN 3 8252 8208 2 (UTB)


Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

A Epochen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Altertum / Mittelalter / Renaissance – Humanismus / Neuzeit – AufklÈrung /
Deutscher Idealismus / Neunzehntes Jahrhundert / Gegenwart – Zwanzigstes
Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

B Denker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
1. Alphabetisches Philosophenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
2. Themen und Positionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
Adorno – Anaximander – Aristoteles – Augustinus – Bacon – Bergson –
Berkeley – Carnap – Cassirer – Cicero – Derrida – Descartes – Dewey –
Dilthey – Fichte – Frege – Gadamer – Goodman – Habermas – Hegel –
Heidegger – Heraklit – Hobbes – Hume – Husserl – James – Kant –
Kierkegaard – Leibniz – L¹vinas – Locke – Marx – Mill – Nietzsche –
Nikolaus von Kues – Parmenides – Pascal – Peirce – Platon – Plotin –
Popper – Putnam – Pythagoras – Quine – Rawls – Sartre – Schelling –
Schopenhauer – Seneca – Sokrates – Spinoza – Thales – Thomas von Aquin –
Voltaire – Wittgenstein

C Denkformen und Grundbegriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235

Anhang
Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 695
Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 707
Verzeichnis der Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 735
Vorwort

Die Menschheit steht vor großen Herausforde- der HumanitÈt, der Vernunft und AufklÈrung
rungen. Das Ende der Nachkriegszeit, das Ende dachte sie die obersten Prinzipien des Seins, des
des »Ostblocks« und die weltweite Bedrohung Denkens und Handelns. Dies ist das VermÈcht-
durch Gewalt verlangen eine neue politische nis der Philosophie.
Weltordnung. Die technischen, biologischen und Das HandwÚrterbuch Philosophie hat nicht den
medizinischen MÚglichkeiten verlangen eine Anspruch, die philosophische universitÈre For-
neue, weltweite Ethik. Die Úkologischen Gefah- schung durch neue Erkenntnisse zu bereichern,
ren verlangen neue Handlungskonzepte. vielmehr wendet es sich an alle, die einen Àber-
Das VerstÈndnis des Menschen von sich und blick Ýber die Philosophie gewinnen wollen und
der Welt ist ins Wanken geraten. Das Àberkom- Freude am Denken haben. Dabei wird unter Phi-
mene hat seine Geltung eingebÝßt, das Selbst- losophie ein Denken verstanden, wie es sich in
verstÈndliche versteht sich nicht mehr von Europa in der griechischen Antike entwickelt
selbst. Unsere geistige Àberlieferung ist in Fra- hat und als wissenschaftliche Disziplin an den
ge gestellt und damit die Grundlage unseres UniversitÈten etablieren konnte – als die Èlteste
Denkens und Handelns. Tatendrang und Hand- wissenschaftliche Disziplin Ýberhaupt.
lungseifer kÚnnen unter diesen UmstÈnden nur Das HandwÚrterbuch Philosophie ist eine Kom-
schaden. Nicht Aktionismus ist das Gebot der bination aus philosophiegeschichtlichem Grund-
Stunde, sondern Besinnung. Denn bevor man riss, Kurzdarstellung der großen Denker, syste-
beherzt in die Zukunft schreitet, muss man wis- matischer Aufbereitung philosophischen Den-
sen, wo man sich befindet. Man muss wissen, kens und WÚrterbuch philosophischer Grund-
was man will; man muss wissen, was man begriffe. Es stellt die Philosophie in ihrer Ver-
kann; man muss wissen, was man darf und gangenheit und Gegenwart dar und gibt einen
man muss wissen, woher man kommt. Um ein Àberblick ihrer Ýberkommenen und gegenwÈrti-
neues Selbst- und WeltverstÈndnis zu finden, gen Positionen, Problemstellungen und Problem-
um neue oberste Prinzipien des Denkens und lÚsungen. Damit ist es zum einen historisch ori-
Handelns zu finden, muss man sich seiner entiert, zum anderen jedoch zugleich systema-
selbst und seiner Welt vergewissern. Wer nach tisch. Es bietet die VorzÝge einer historischen
vorn schaut, der darf den Blick zurÝck nicht ver- EinfÝhrung in die Philosophie und eines syste-
gessen, will er nicht vom Weg abkommen. Nur matischen Durchgangs durch das philosophische
Nachdenklichkeit kann gesicherte Grundlagen Denken; es bietet themenorientierte Kurz-
fÝr morgen schaffen. monographien ebenso wie ein funktionales
Wenn aber die Gedanken und das Denken auf Nachschlagewerk. Es stellt Wissen vor und regt
dem Spiel stehen, dann ist die Philosophie gefor- an zum eigenen Denken.
dert – wie in der klassischen Antike, so in der Das HandwÚrterbuch Philosophie ist aufgeteilt
europÈischen Neuzeit: und heute erneut. In den in drei große Abschnitte: Ein Àberblick Ýber die
Zeiten der Gedankennot bedarf es der Orientie- Geschichte der Philosophie von den Vorsokrati-
rung im Denken. Die große Philosophie war sol- kern bis zur Postmoderne (A Epochen) zeigt die
chen Grundlagen immer verpflichtet. Im Geist großen Entwicklungslinien des philosophischen
8 Vorwort

Denkens auf. Dann folgt (B Denker) ein Alpha- die Terminologien einzelner Schulen und Rich-
betisches Philosophenverzeichnis mit den wich- tungen gleichmÈßig zu Wort kommen. Wer sich
tigsten Philosophen und ihren Lebensdaten. Hier intensiver mit dem jeweiligen Problem beschÈfti-
sind auch Philosophen aufgenommen, die nicht gen will, der findet entsprechende Querverweise
aus dem europÈischen Kulturraum stammen, so- auf andere Artikel sowie Hinweise auf weiterfÝh-
fern sie, unabhÈngig von ihrer kulturellen Her- rende Literatur.
kunft, die europÈische Philosophie bereichert Das Personen- und Sachregister im Anhang
haben. Dies unterstreicht den universalistischen erleichtert den Zugriff auf spezielle Themen,
Anspruch der Philosophie. Eine knappe Darstel- Probleme und Philosophen. Dass insgesamt kei-
lung von Themen und Positionen der besonders ne VollstÈndigkeit angestrebt werden konnte,
hervorragenden Philosophen beschließt den Teil versteht sich von selbst.
B. Die Artikel sind von ausgewiesenen Spezialis-
Der dritte Abschnitt (C Denkformen und ten geschrieben (Verzeichnis der Autoren) und in
Grundbegriffe) stellt in systematischer Absicht sich voraussetzungslos verstÈndlich. So eignet
und alphabetischer Reihenfolge die wichtigsten sich das HandwÚrterbuch Philosophie zum einen
philosophischen Methoden vor, die Hauptgebie- als rasches Nachschlagewerk. Es lÈsst sich zum
te, Schulen und Disziplinen der Philosophie so- anderen aber auch insgesamt als eine EinfÝh-
wie die wichtigsten philosophischen Fachbegrif- rung in die Geschichte und Systematik der Phi-
fe, die zu ihrem VerstÈndnis nÚtig sind. Dabei losophie lesen.
wurde darauf geachtet, dass Tradition wie Ge-
genwart angemessen vertreten sind und dass Langenfeld, im Juli 2002 Wulff Rehfus
A Epochen

Altertum Der Begriff ›Philosophie‹ stammt aus und innerer Natur zum glÝckseligen Leben zu
der griechischen Antike, jenem Zeitabschnitt al- befÈhigen.
so, mit dem man gewÚhnlich die europÈische 1. In diesem Sinne ist die Philosophie schon
Kulturgeschichte beginnen lÈsst. Zuerst wurde in der vorsokratischen Periode ihrer Entwick-
er wohl von %Pythagoras (6. Jh. v. Chr.) verwen- lung in der europÈischen Welt dadurch charakte-
det, um die geistige Disposition zu bezeichnen, risiert, die Menschen durch sicheres Wissen von
der es um Wissen (%sophia) im umfassenden Angst zu befreien. Die %Natur ist nicht mehr
Sinne zu tun ist. Die Liebe (philia) zu diesem das Aktionsfeld vieler GÚtter und Geister, die in
Wissen wollte sich nicht mehr mit bloßen ErzÈh- den Gestirnen, dem Meer, den Bergen und BÈ-
lungen (%Mythos) zufrieden geben, welche chen gegenwÈrtig sind; vielmehr wird Natur in
nicht ohne innere WidersprÝche auskamen, der Interpretation der Vorsokratiker zum Reich
denn die alles beherrschenden GrundkrÈfte und rein materieller Prozesse, die gegenÝber den Ab-
MÈchte waren zutiefst ambivalent. Sie wollte sichten von GÚttern, Geistern und Menschen
vielmehr von der wuchernden Vielfalt der my- gleichgÝltig sind und eben deshalb nach unbe-
thischen Vorstellungen Ýber die Entstehung der einflussbaren %Gesetzen sich vollziehen. Die
%Welt, die GÚtter, die NaturkrÈfte und die Philosophie vor %Sokrates, also in der Zeit von
Gewalten, die das Leben der %Menschen schick- um 600–450 v. Chr., hat die immanente Natur-
salhaft bestimmen sollten, zu einem einheitli- erklÈrung gefÚrdert und zugleich durch die Fra-
chen %Prinzip (arche) gelangen, das die Vielheit ge nach dem ersten Prinzip alles Seienden er-
widerspruchsfrei erklÈrbar macht, ohne auf ein gÈnzt. Die zunÈchst einfach erscheinenden Ant-
der menschlichen %Erfahrung gÈnzlich fremdes worten auf diese Frage sind indessen nicht Aus-
und deshalb unberechenbares hÚchstes Wesen druck einer noch unentwickelten %Kultur, viel-
zurÝckgreifen zu mÝssen. mehr Èußert sich hier das Bewusstsein, dass die
Dieses Interesse, zu erforschen was das wahr- ErgrÝndung der Prinzipien des Seienden das
haft Seiende (%Sein) objektiv sei, hat die antike Privileg derjenigen ist, die die FrÝchte einer zu
Philosophie bis zu ihrem Ende beherrscht, auch ihrer Zeit hoch entwickelten Zivilisation genie-
noch zu der Zeit, als sie sich mit Pyrrhon von ßen. Die Lehren der Vorsokratiker sind nur in
Elis (um 365–275) und spÈteren Vertretern der Fragmenten, zumeist als Zitate bei anderen Au-
%Skepsis zuwandte. Deren Verzicht auf die Er- toren, Ýberliefert.
forschung dessen, was ist und die BeschrÈnkung In der ionischen Stadt Milet, einer reichen
auf das, was dem betrachtenden %Subjekt er- griechischen Kolonie in Kleinasien, lehrten um
scheint, bestÈtigt in der Polemik die Vorherr- 550 v. Chr. %Thales, %Anaximander und Anaxi-
schaft der ›dogmatischen‹ Richtungen. Gemein- menes. Sie bestimmten nacheinander das Was-
sam ist indessen den antiken Philosophenschu- ser, das schlechthin Unbegrenzte (apeiron) und
len vom Vorsokratiker Demokrit bis zu den Stoi- die Luft als Urstoff aller Dinge. Die wenigen
kern %Seneca und Marc Aurel, die Absicht, die Ýberlieferten Argumente fÝr diese %Prinzipien
Menschen durch die rationale ErklÈrung Èußerer laufen darauf hinaus, die Vielheit der Natur-
10 Altertum

erscheínungen auf den einen Ursprung zu redu- im Fluss« lautet eines der von ihm Ýberlieferten
zieren, sodass das Viele als Spielart des Einen Fragmente. Sinnbild dieses alles umfassenden
erscheint. Diesem ›materialistischen‹ Anfang der Prozesses ist ihm das Feuer, das er geradezu als
europÈischen Philosophiegeschichte steht in Py- Urstoff annimmt, welcher freilich zugleich den
thagoras und seiner Schule gleichsam eine Geist (logos) umfasst. Mit seiner Lehre stellt sich
›idealistische‹ ErgÈnzung gegenÝber, denn dieser Heraklit nicht außerhalb der Thematik der Vor-
Bewegung zufolge ist die Zahl das Urprinzip al- sokratiker, denen es um das erste Prinzip ging.
ler Dinge. Die Operationen mit den Zahlen ge- Denn das Seiende, dessen Grund gesucht wurde,
statten die sicherste Erkenntnis, mit der sich war stets die Natur (physis). Auch Empedokles
nicht nur die Natur, sondern auch die mensch- (um 495–435), der die Lehre von vier an sich
lichen VerhÈltnisse bestimmen lassen. Die py- unverÈnderlichen Elementen vertritt, welche
thagoreische Richtung hat die %Wissenschaft sich fortwÈhrend mischen und entmischen, lÈsst
nachhaltig geprÈgt, wovon in der Geometrie der hiervon nicht ab. Ihm und den Atomisten Leu-
Satz des Pythagoras und in der musikalischen kipp (*um 480 v. Chr.) und Demokrit (460–371)
Akustik das pythagoreische Komma deutliche kommt es vielmehr darauf an, die fÝr die %Elea-
Belege sind. ten unerklÈrliche Bewegung der materiellen Na-
Die auf Pythagoras folgende Generation von tur mit deren These zusammenzubringen, dass
Philosophen nimmt auf die Natur und die Ver- das Seiende unverÈnderlich und unteilbar sei.
hÈltnisse ihrer Momente schon nicht mehr so Das monolithische Sein des Parmenides wird so
unmittelbar Bezug wie die FrÝheren. Xenopha- gleichsam in viele StÝcke zerlegt, deren Verbin-
nes (um 570–480) begrÝndet die berÝhmte elea- dungen die sichtbaren und vergÈnglichen Dinge
tische Schule, der nach ihm vor allem %Parme- ausmachen.
nides (um 540–480) und Zenon (um 490–440) 2. Die klassische Periode der griechischen
angehÚren. Xenophanes ist der frÝheste Vertre- Philosophie wird durch die radikal aufklÈreri-
ter einer aufklÈrerischen Religionskritik, indem sche StrÚmung der %Sophisten eingeleitet, die
er die vielen GÚtter der griechischen und außer- durch %Platon und %Aristoteles freilich nach-
griechischen Kultur als entrÝckte Abbilder haltig in Verruf kam. In den Sophisten fanden
menschlicher Personen und Charaktere entlarvt. diese bedeutendsten Autoren der antiken Phi-
In diesen vielfÈltigen AusprÈgungen des GÚtt- losophie ihre wichtigsten Gegner. Indem sie ei-
lichen mÝsse indessen ein einheitliches Prinzip nige von deren bestechenden, aber im Kern oft
gemeint sein. Wie die vorsokratische Philoso- falschen Argumentationen widerlegten, kamen
phie den Àbergang vom Mythos zum %Logos sie zu ihrer eigenen Position. ZunÈchst sind die
Ýberhaupt vollzieht, so wendet sich Xenophanes Sophisten indessen Vertreter jener geschicht-
vom antiken %Polytheismus gedanklich zu ei- lichen Epoche, in der Athen zur politischen und
ner Lehre von einem Prinzip, das auch den kulturellen Metropole wurde. Die Demokratisie-
%Monotheismus denkbar macht. In dem be- rung der athenischen Polis mit ihrem kompli-
rÝhmten Lehrgedicht des Parmenides wird die- zierter werdenden Geflecht gesellschaftlicher Be-
ser Gedanke weitaus konsequenter und systema- ziehungen der Menschen begÝnstigte die Rheto-
tischer gefasst: Nur das homogene, ungewordene rik, die von den Sophisten vielfach auch zum
und unvergÈngliche Sein ist, das Nichtsein ist Gelderwerb genutzt wurde. Dabei waren es eini-
nicht. Alles was nicht schlechthin ist, also alle ge Grundthesen, die die Reaktion des Sokrates
rÈumlich und zeitlich endlichen Dinge, alle Be- und seines SchÝlers Platon hervorriefen. So
wegung und VerÈnderung, kann nur Schein (do- lehrte Protagoras (um 485–410), der Mensch sei
xa) sein. Das Denken, das dies erkennt, ist das Maß aller Dinge, also die RelativitÈt aller Er-
selbst ein Seiendes und muss daher mit dem kenntnis, Hippias unterschied zwischen den Na-
Sein identisch sein. turgesetzen und den jederzeit verÈnderbaren
Mit dieser Lehre wendete sich Parmenides menschlichen Satzungen. Die rechtlichen und
scharf gegen die eines Èlteren Zeitgenossen. moralischen Normen rÝckten derart in den Mit-
%Heraklit (um 550–480 v. Chr.) sucht das Prin- telpunkt des Interesses, dass traditionelle gesell-
zip alles Seienden nicht in einem Festen und schaftliche Bedingungen in Frage gestellt wur-
UnverÈnderlichen, sondern im Werden. »Alles ist den, so die Adelsvorrechte und sogar die Sklave-
Altertum 11

rei. Darin liegt das aufklÈrerische Verdienst der der Einheit und Vielheit dialektisch aufeinander
Sophisten. bezogen sind.
Sokrates (ca. 470–399) vertrat die Position, BerÝhmtheit hat Platons Theorie des idealen
dass von der Natur nichts zu lernen sei und die Staates erlangt. GrÝndend in der Idee der %Ge-
Philosophie in der Selbsterkenntnis des Men- rechtigkeit, ist ein vollkommenes Gemeinwesen
schen ihre Aufgabe habe. Platon (um 427–347) nach StÈnden gegliedert, die den Hauptver-
beginnt deshalb mit ethischen Fragen. Seine mÚgen der menschlichen Seele entsprechen.
Dialoge, die fast stets die stilisierte Figur des So- Dem Stande der ErnÈhrer stehen die Soldaten
krates beherrscht, suchen freilich die antidog- und WÈchter und diesen allen die eigentlich Re-
matische Gesamttendenz der Sophisten ad ab- gierenden, die PhilosophenkÚnige vor. Die bei-
surdum zu fÝhren und zu eindeutiger Begriffs- den oberen StÈnde sind strikt auf das Gemein-
bildung und zu beweisbaren SÈtzen zu gelan- wohl hin erzogen und leben deshalb ohne Pri-
gen. vateigentum und Familie.
Um eine Antwort auf die Frage zu finden, ob Platon hat mit seiner Akademie 387 v. Chr. ei-
es entgegen den sophistischen Thesen nicht ne Ýberaus einflussreiche Schule gegrÝndet. Die
doch ein nicht relativierbares Objektives, ein Akademie wurde erst 529 n. Chr. geschlossen.
Gutes und Wahres an sich gebe, an dem Wahr- WÈhrend der nahezu tausend Jahre ihres Beste-
heit und Tugend im AlltÈglichen zu messen wÈ- hens hat sie freilich die Lehre ihres GrÝnders
ren, knÝpft Platon an die Problematik der frÝhe- vielfÈltig abgeÈndert und geradezu in ihr Gegen-
ren Denker an und unterscheidet wahres Sein teil verkehrt. So wurde sie am Ende von einem
von trÝgerischem Schein. Wie bei den kon- %Skeptizismus beherrscht, den noch %Augusti-
sequentesten Vorsokratikern stellt sich das bloß nus (354–430) bekÈmpft.
sinnlich Gewisse als unsicher heraus, wÈhrend Die wichtigste mit dem Platonismus konkur-
das im Denken durch Beweis Gesicherte dem rierende Schule war zunÈchst die peripatetische,
wirklich Seienden entspricht. Das Sinnliche ist die von Platons SchÝler Aristoteles begrÝndet
nicht wirklich seiend, da es nur flÝchtiger Ein- wurde. In ihm erreicht die klassische Periode
druck ist, den der konstante Begriff erst benenn- der griechischen Philosophie ihren HÚhepunkt.
bar macht. Aus diesem Sachverhalt entwickelt Die UniversalitÈt, mit der Aristoteles die Philoso-
Platon seine Ideenlehre. Die %Ideen sind das phie als enzyklopÈdische Wissenschaft entfalte-
Bleibende im Fluss der Erscheinungen. Sie sind te, ist in der Antike nicht mehr erreicht worden.
das wahre Sein, denn sie stellen die bei jeder Der Hauptdifferenzpunkt zwischen Platon und
bewussten Wahrnehmung und bei jedem Denk- Aristoteles war der Dualismus von Ideen und
akt immer schon vorausgesetzte Ordnung dar, in sinnlicher Welt. Sind wahrhaft seiend nur die
der die Dinge erst bestimmt sind als das, was unverÈnderlichen Ideen, dann kommt dem ein-
sie sind. Zugleich bilden sie die unabÈnderliche zelnen sinnlichen Ding als solchem kein Sein
Rangordnung der Tugenden, die in der obersten zu, wenngleich es durch Teilhabe an der Idee zu
Idee, dem Guten, grÝndet. Erkenntnis ist des- dem bestimmt wird, was es ist und, Spekulatio-
halb Wiedererinnerung der %Seele an die ihr nen des spÈten Platon zufolge, aus der obersten
eingeborenen Ideen (%ideae innatae). Idee, dem Guten, geradezu abbildhaft hervor-
Aus dieser scharfen Scheidung der Sinnen- gegangen ist. Aristoteles stellt die RealitÈt der
welt von der Ideenwelt ergibt sich das Problem, platonischen Ideen nicht in Frage, aber er kehrt
wie beide zusammenhÈngen. Den radikalen die Richtung der begrifflichen Analyse um.
Bruch (chorismos) zwischen Sinnendingen (ais- Nicht ist auszugehen von den unter Abstraktion
theta) und Gedankendingen (noeta) hat Platon in vom Sinnenschein gewonnenen Ideen, sondern
seiner Theorie der Teilhabe (methexis) zu Ýber- von dem einzelnen Seienden, das daraufhin un-
winden versucht. Danach sind die Ideen die tersucht wird, was es denknotwendig zu einem
%Urbilder, die von den Sinnendingen nur un- solchen macht. Die Wissenschaft, die so ver-
vollkommen nachgeahmt werden. Der spÈte Pla- fÈhrt, ist allen anderen vorgeordnet. Von den un-
ton hat die WidersprÝche, die auch hierin lie- mittelbaren Nachfolgern des Aristoteles %Meta-
gen, selbstkritisch gesehen und in einer syste- physik genannt, gelangt sie durch fortschreiten-
matischen Konstruktion zu lÚsen versucht, nach de rekursive Analyse zu den Weisen, in denen
12 Altertum

das Sein ausgesagt wird, den %Kategorien, zum schaft etabliert war. Epikur (341-ca.270) und sei-
%Wesen, den %Akzidentien und schließlich den ne bis in die %Neuzeit wirksame Schule sind
GrÝnden, durch die Seiendes ist. Da die Ideen fÝr ihre materialistische Lehre von der Welt aus
nur das Allgemeine, Wesenhafte an den Dingen Atomen und mehr noch fÝr ihre Ethik berÝhmt
reprÈsentieren, aber dem individuellen Ding geworden. Das GlÝck des Menschen besteht
Existenz zukommt, muss dieses aus komplemen- hiernach in individueller Lust, einem GemÝts-
tÈren Momenten zusammengesetzt sein. FÝr zustand, der die Extreme des Schmerzes und
Aristoteles sind dies die bestimmende %Form des Rausches vermeidet und in der ZurÝckgezo-
und die von ihr bestimmte Materie, die im kon- genheit privater Freundeskreise gepflegt werden
kreten Ding vereinigt sind, sodass die selbststÈn- soll.
dige platonische Idee in die Dinge verlegt wird. Bis tief in die christliche •ra reicht der Ein-
Das Entstehen und Vergehen der einzelnen fluss der %Stoa. BegrÝndet von Zenon aus Kiti-
Dinge geschieht durch den Wechsel in der Zu- on (ca.336–262), weist die Schule Ýber die fÝnf-
sammensetzung von %Materie und Formen. hundert Jahre ihres Bestehens viele heute kaum
Hierbei bleiben die Gattungen und Arten der be- bekannte Vertreter auf. Ihre weithin materialisti-
lebten und unbelebten Natur unverÈndert erhal- sche Naturlehre, ihre Logik und Grammatiktheo-
ten, wÈhrend die Individuen zeitlich beschrÈnkt rie sowie ihre Lehre von der Weltvernunft sind
sind. Dieser Prozess ohne Anfang und Ende hat gleichsam aufklÈrerisch geprÈgt, wÈhrend die
freilich eine innere, kontinuierlich wirksame Lehre vom Weltbrand, dem periodisch die Wie-
ZweckmÈßigkeit (%Teleologie) und ein bewegen- derkehr des Gleichen folgt, alte mythische Vor-
des Prinzip, das selbst unbewegt ist. stellungen wieder belebt. Das Ideal der Uner-
Derselbe Gedanke der Teleologie bestimmt schÝtterlichkeit, das die stoische Ethik be-
auch die %Ethik, die von Aristoteles zuerst in stimmt, zielt auf die Autonomie des Einzelnen,
systematischer Gestalt entwickelt und als ein der sich in seinem Handeln von seiner Vernunft-
Teil der Politik verstanden wird. Die einzelnen natur, nicht von seinen Affekten leiten lassen
Tugenden der Einzelpersonen und der StÈnde soll. Die Weltvernunft, an der jeder Mensch oh-
haben danach ihren Zweck im guten, d. h. gesit- ne Ansehen seiner sozialen Stellung teilhat, be-
teten Leben der Polis. grÝndet zugleich die stoische Àberzeugung von
Von nachhaltiger Bedeutung waren in der von der Kosmopolitie, der politischen Einheit der ge-
Aristoteles begrÝndeten Schule von Peripatos samten Menschheit. Diese Idee, von den Stoi-
die naturwissenschaftlichen Studien, besonders kern an prÈgend fÝr die europÈische Zivilisation,
aber die Logik, die Aristoteles als Erster zur trug geistig auch das rÚmische Weltreich, das
selbststÈndigen Wissenschaft erhob. Die peri- die verschiedensten Kulturen in sich vereinigte.
patetische Schule hat bis in das erste nach- Zu den bedeutendsten Vertretern der Stoa gehÚ-
christliche Jh. bestanden, um dann mit dem ren in dieser Zeit Seneca (um 4 v. Chr. – 65
Neuplatonismus zu verschmelzen. n. Chr.), der unter Kaiser Nero Verwalter des
3. Alexander der Große hatte durch seine Er- Reiches war, der freigelassene Sklave Epiktet
oberungen die griechische Kultur mit vielen an- (um 55–135) und der Kaiser Marc Aurel
deren in Kontakt gebracht, sodass sich viele ori- (121–180).
entalische EinflÝsse auf die europÈische Kultur Die letzte philosophische Schule der Antike,
geltend machten, die auch in der Philosophie zu der Neuplatonismus, leitet bereits zum %Mittel-
bemerken sind, aber zu durchaus eigenstÈndi- alter Ýber. Seine Lehre vom Ureinen, das sich
gen Gestaltungen des Denkens fÝhrten. Der Nie- durch %Emanation in den Geist und die Seele
dergang der Polis fÝhrte teils zu einem RÝckzug sowie in die Gattungen und Arten der Natur
ins Private oder zu skeptischer Resignation, teils spezifiziert, wurde zuerst von %Plotin (ca.
zu einer die Grenzen der VÚlker Ýberschreiten- 205–270) schriftlich fixiert und von Proklos
den geistigen Haltung, welche zum ersten Mal (412–485) in die christliche •ra hineingetragen.
in der Geschichte einen Begriff der Menschheit In dieser Schule sollte nicht einfach die Philoso-
als Ganzer bildet. Diese so genannte hellenisti- phie Platons wiederbelebt werden, vielmehr
sche Epoche dauerte von Alexander (356–323) wurde eine Synthese mit Lehren des Aristoteles
bis etwa 30 v. Chr., als die rÚmische Weltherr- angestrebt.
Mittelalter 13

K. S. Guthrie, A History of Greek Philosophy, 6 Bde., Jhs. zur Entdeckung eines eigenstÈndigen phi-
Cambridge 1965 1990 losophischen %Selbstbewusstseins.
F. Ueberweg, Grundriß der Geschichte der Philosophie, Die geistigen Voraussetzungen der eigentlich
Bd.1: Die Philosophie des Altertums, hg. v. K. Praech
ter, 12. Aufl. Berlin 1926
mittelalterlichen Philosophie wurden in der Zeit
E. Zeller, Die Philosophie der Griechen in ihrer ge der KirchenvÈter, also in der SpÈtantike geschaf-
schichtlichen Entwicklung, 3 Teile, 6. Aufl. Leipzig fen. Von den apostolischen VÈtern um 100 bis
1919 [Nachdruck Hildesheim 1963] zu Gregor dem Großen (540–604) kennt die Pa-
G. M. trologie weit mehr als hundert Autoren. So be-
mÝhten sich der MÈrtyrer Justinus, Tertullian,
Origenes, Clemens von Alexandria und andere
Mittelalter Verlegenheitsbegriff, mit dem die um die Verteidigung (Apologie) des noch nicht
Humanisten die Periode zwischen dem Ende der als Staatsreligion etablierten Christentums ge-
Antike und ihrer eigenen Epoche bezeichnen gen die EinwÈnde der zeitgenÚssischen heid-
wollten, welche sich als Wiedergeburt (Renais- nischen Philosophie. Hierbei sieht sich die neue
sance) der griechischen und rÚmischen %Kultur Lehre freilich genÚtigt, selbst philosophisch zu
verstand. Das Ýber etwa tausend Jahre, vom Un- argumentieren. Auf diese Weise haben sich viele
tergang des westrÚmischen Reiches (476) bis zur stoische Elemente, vor allem aber der %Neupla-
Reformation (1517), sich erstreckende Zeitalter tonismus mit dem Christentum zu der ihm ei-
gilt fÝr gewÚhnlich als die Epoche, in der das gentÝmlichen Theologie verbunden. Nach dem
Christentum alle kulturellen und politischen Be- Konzil von NicÈa (325), auf dem das Dogma von
reiche Europas beherrschte, in der jedenfalls der WesensidentitÈt des Gottessohnes mit dem
von der Religion unabhÈngige Wissenschaft und Vater beschlossen wurde, beschÈftigte sich eine
Philosophie nicht existierte. große Zahl von Autoren mit der theoretischen
Dieser bis heute verbreiteten Meinung ist ent- Ausbildung einer Ýber die bildhaften biblischen
gegenzuhalten, dass die christliche Theologie Berichte hinausgehenden Theologie. Der philoso-
von der Zeit der KirchenvÈter bis zur frÝhen phisch wichtigste dieser KirchenvÈter ist %Au-
Neuzeit auf philosophischen Grundpositionen gustinus, dessen Lehre wÈhrend des gesamten
beruhte. Sie ist geradezu selbst die fÝr die Epo- Mittelalters in hohem Ansehen stand, wenn sie
che charakteristische Gestalt der Philosophie. auch zuweilen kontrovers interpretiert wurde.
Dies gilt nicht allein deshalb, weil die wichtigs- Seine spekulative Darstellung der TrinitÈtslehre
ten Traditionen der Antike im Mittelalter fort- und sein VerstÈndnis der gÚttlichen Gnade ha-
wirkten, sondern ebenso, weil im Mittelalter zu ben Ýber die hochscholastischen Theorien des
fast allen modernen Positionen die Grundlagen Intellekts und des Willens hinaus bis in die
gelegt wurden. Neuzeit Wirkung ausgeÝbt. Vor allem aber hat
Die Philosophie, die in der SpÈtantike im Zei- Augustinus die Geschichte als ein neues Motiv
chen des Christentums sich artikulierte, hat von der Philosophie entdeckt. Die Einmaligkeit der
Anbeginn in einem eigentÝmlichen Sinne Tradi- Geschichte, die auf das Heil der Menschheit als
tion gebildet und diese durch die Konzentration Ganzer hin geordnet ist, weist Ýber den Rahmen
des hÚchsten Lehramtes in der rÚmischen Kir- des antiken Denkens hinaus und bildet ein Leit-
che zum Kriterium von %Wahrheit gemacht. Da- motiv aller spÈteren Epochen, besonders aber
durch wurde einerseits die geistige AbhÈngig- des Mittelalters. Der augustinische Dualismus
keit von den AutoritÈten der Vergangenheit zur des irdischen Reiches und des Gottesstaates hat
Norm erhoben, andererseits aber ebenso jene den fortwÈhrenden und vielfÈltig sich Èußern-
systematische Disziplin des Denkens gefÚrdert, den Antagonismus zwischen weltlicher Herr-
die das Vergangene in den Dienst des GegenwÈr- schaft und Kirche wÈhrend des gesamten Mittel-
tigen stellt. Dieses VerhÈltnis wandelt sich von alters bestimmt und die SÈkularisierung gefÚr-
der ehrfÝrchtigen Paraphrase kanonischer Texte dert, obwohl er die Menschheit aus der Profani-
im frÝhen Mittelalter zu deren scharfer logischer tÈt befreien und in der civitas Dei vereinigen
Analyse und immanenter Kritik in den hochmit- wollte.
telalterlichen Kommentaren und fÝhrt schließ- Die neuplatonische Philosophie und deren
lich gegen Ende des 13. und zu Beginn des 14. nicht christliche Vertreter in der SpÈtantike,
14 Mittelalter

%Plotin und Proklos Diadochos, kamen dem staat vorbereiten sollte. Zugleich aber musste
christlichen Bestreben entgegen, seine Botschaft die Vielfalt der einander feindlichen StÈmme in
den philosophisch gebildeten Griechen und RÚ- einer politischen Einheit aufgehoben werden.
mern begreifbar zu machen. Dabei kam es da- Als konkretes Modell hierzu bot sich das antike
rauf an, die mythologischen Elemente des Chris- Weltreich und sein geistiges Fundament an. Des-
tentums (SchÚpfung, Inkarnation, TrinitÈt, Auf- halb haben die Karolinger außer der Missionie-
erstehung und ErlÚsung) als Vernunftlehren zu rung und Unterwerfung heidnischer StÈmme ge-
demonstrieren. Die SchÚpfung war in diesem radezu eine gewisse Renaissance antiker Bil-
Sinne neuplatonisch als %Emanation zu verste- dung betrieben. So wurden von Alkuin (um
hen, als abbildhafter Hervorgang des Geschaffe- 730–804) und Hrabanus Maurus (784–856) die
nen aus dem Ureinen, welches die christlichen Klosterschulen von Tours und Fulda gegrÝndet,
Autoren mit dem persÚnlichen %Gott identifizie- die fÝr die Zivilisierung der mitteleuropÈischen
ren. Die Dogmen der Inkarnation und der Trini- VÚlker SchlÝsselfunktion hatten. An der Hof-
tÈt finden ihre StÝtze in den Theorien der schule Karls des Kahlen lehrte Johannes Scotus
Selbstobjektivation der %Vernunft, die sich in Eriugena (um 810 – nach 877), der erste syste-
einem aus ihr stammenden Anderen gegen- matische Denker des Mittelalters. Hier gelangt
stÈndlich wird, wÈhrend Auferstehung und ErlÚ- die neuplatonische Lehre von der Welt als Theo-
sung philosophisch die RÝckkehr des aus dem phanie, d. h. als Erscheinung Gottes, zur kon-
Einen Erzeugten in seinen Ursprung darstellen. sequenten Darstellung. Im Anschluss an Pseudo-
Einige dieser Motive sind bereits bei Augusti- Dionysius Areopagita (um 500), der die Hierar-
nus prÈsent, aber erst von Boethius konsequent chie der neuplatonischen Wesenheiten auf die
philosophisch vereinigt worden. Boethius ver- SchÚpfung, die himmlischen Heerscharen und
dankt die mittelalterliche Philosophie die Kennt- die Kirche Ýbertragen hatte, entwickelt Scotus
nis einiger logischer Schriften des Aristoteles Eriugena die Einteilung der Natur als einen von
und die weitgehende Latinisierung der philoso- der gÚttlichen Spitze aus erfolgenden Prozess,
phischen Terminologie sowie die Ausbildung der der vom unbestimmten Einen zum gÚttlichen
dialektischen, d. h. formallogischen %Methode. Wort, von dort zu den allgemeinsten Erstursa-
Sie ermÚglichte es dem philosophischen Denken, chen, den Ideen, fortschreitet, um aus ihnen die
sich aus der AbhÈngigkeit von der AutoritÈt zu sichtbare Welt hervorzubringen, welche sich im
befreien und nur das gelten zu lassen, was nach Menschen reflexiv auf ihren Ursprung zurÝck-
dem Maßstab der Vernunft bewiesen werden wendet.
kann. Diese Spannung zwischen Ýberkommener In dieser Position, die in der anschließenden
AutoritÈt und autonomer Vernunft bestimmt be- frÝhscholastischen Periode bis ins 12. Jh. in ver-
reits das Denken des frÝhen Mittelalters und schiedenen Varianten vertreten wurde, kommt
fÝhrt im 11. und 12. Jh. zum Streit um die dia- ein extremer Universalienrealismus zum Aus-
lektische Methode in der Theologie, d. h. um die druck. Das bedeutet, dass, wie bei Platon, nur
AblÚsung der allegorischen und paraphrasieren- dem Allgemeinen, in den universalen Wesens-
den Auslegung der christlichen Lehren durch begriffen der Gattungen, Arten und Unterschie-
diskursive %Wissenschaft. de Bestimmbaren, RealitÈt zukommen sollte. Das
Nach dem Zusammenbruch des rÚmischen einzelne Seiende (%Sein), das ein Wesen hat,
Reiches war die bis zuBoethius und Cassiodor ist als solches eine zufÈllige Vereinigung von
(um 427–562) relativ kontinuierliche Àbermitt- %akzidenziellen, d. h. unwesentlichen Momen-
lung der klassischen Bildung fast ganz unterbro- ten. Der ungebrochene Universalienrealismus
chen. Nur in einigen KlÚstern wurden alte Hand- des frÝhen Mittelalters, der von neuzeitlichen
schriften aufbewahrt, abgeschrieben und kom- Interpreten oft als naiv bezeichnet wird, ent-
mentiert. Vieles ging verloren, so unter anderem spricht einer geschichtlichen Epoche, in der we-
fast alle Werke von %Platon und Aristoteles. der die IndividualitÈt der außermenschlichen
Karl der Große wollte mit seiner ReichsgrÝn- Dinge von theoretischem Interesse war, noch die
dung das rÚmische Imperium erneuern. Dieser Besonderheit der einzelmenschlichen Personen
Anspruch war politisch und religiÚs bestimmt, die entscheidende praktische Bedeutung hatte,
insofern das Reich den augustinischen Gottes- die ihr in der Neuzeit zugemessen wird. In der
Mittelalter 15

vorwiegend stÈndisch und agrarisch organisier- nem Ganzen sowie die Gattungs- und Artbegrif-
ten Gesellschaft des frÝhen Mittelalters kam fe demgegenÝber willkÝrliche Worte (flatus vo-
dem Einzelnen als solchem keine %Substanz cis) seien. Die nominalistische Provokation er-
zu, denn von ihm und seinem bewussten %Wil- fuhr heftigen Widerspruch von Anselm von Can-
len hing weder das irdische Wohl des Ganzen terbury (1034–1109), dessen berÝhmter so ge-
noch sein eigenes entscheidend ab. Im Gegen- nannter ontologischer Gottesbeweis aus dem Be-
teil, die Entsagung vom Irdischen galt als Bedin- griff des grÚßten denkbaren Wesens auf dessen
gung fÝr die Gnade der ErlÚsung. Existenz schließt. Anselms große spekulative
Im Hochmittelalter verlagert sich das theoreti- Anstrengung, die christlichen Lehren allein aus
sche und praktische Interesse so, dass nicht VernunftgrÝnden zu demonstrieren, ist als Ver-
mehr allein das Substanziell-Allgemeine, das such zu verstehen, gegen den %Nominalismus
vermeintlich hÚhere Sein der Wesenheiten, der die ontologische RealitÈt der obersten theologi-
Beachtung wert ist, sondern vielmehr das einzel- schen Begriffe darzutun, um so die MÚglichkeit
ne Ding und die individuelle Person geradezu eines schon damals zweifelhaft gewordenen
entdeckt werden. Der Aufschwung der StÈdte Glaubens zu retten.
mit ihrer handwerklichen Kultur und ihrem Mit Abaelard (1079–1142)erhÈlt der frÝhe No-
Handels- und Geldverkehr bringt eine charakte- minalismus seine erste reflektierte Gestalt. In
ristische SÈkularisierung des Geistes mit sich. seinen logisch-erkenntnistheoretischen Schriften
Die konkrete Struktur des einzelnen Dinges und nimmt er die kritische Position seines Lehrers
der einzelne Mensch werden zu neuen und zen- Roscelin auf, um sie nochmals kritisch zu wen-
tralen GegenstÈnden des Bewusstseins, welches den. Die %Logik, die auch er als Wortwissen-
sich in einem großen philosophischen Umbruch schaft und nicht als eine Realwissenschaft be-
niederschlÈgt. Die philosophisch bestimmte Na- greift, ergÈnzt er durch eine Bedeutungslehre,
turwissenschaft bildet schon im 12. Jh. ein neu- die den Worten als Setzungen des menschlichen
es, produktives VerhÈltnis zu ihren GegenstÈn- Verstandes eine Entsprechung in den Dingen
den aus, und in den gesellschaftlichen Bezie- selbst verschaffen soll, ohne dass die grundsÈtz-
hungen werden VertragsverhÈltnisse zwischen liche Einsicht in die subjektive Vermittlung al-
einzelnen Personen mit freiem Willen wichtig. len Redens Ýber die Dinge aufgegeben wÝrde. In
Im Zuge dieser VerÈnderung wird offenkundig, seinen erkenntniskritischen EntwÝrfen nimmt
dass der traditionelle Universalienrealismus in Abaelard kantische Motive vorweg, ebenso in
sich widersprÝchlich ist. Wenn nÈmlich dem seiner %Ethik. In dieser ersten konsequenten
Einzelding Sein zukommt und es zugleich TrÈ- Individualmoral wird nicht das faktische Han-
ger seiner allgemeinen Wesensbestimmungen deln ethisch beurteilt, sondern dessen innere
ist, dann wÈre es Einheit von Entgegengesetz- BeweggrÝnde sind Beurteilungsgegenstand.
tem und lÚste sich auf. Die mittelalterliche Philosophie orientiert sich
Aus diesem zunÈchst unlÚsbar erscheinenden im 12. und mehr noch im 13. Jh. grundsÈtzlich
Widerspruch erÚffnet sich ein Ausweg, wenn die um. Der frÝhe nominalistische Impuls setzt sich
Begriffe und die aus ihnen gebildeten SÈtze verwandelt in einem neuen Bewusstsein fort,
nicht als getreues Abbild der Dinge angesehen das sich immer mehr weltlicher Wissenschaft
werden, sondern als %Aussagen, die von einem zuwendet, ohne deshalb deren theologische Be-
denkenden %Subjekt formuliert werden. Die grÝndung zu vernachlÈssigen. Vermittelt durch
neue Theorie, dass der menschliche %Verstand die KreuzzÝge und den zunehmenden Handels-
nicht die wesenhaft allgemeinen Dinge kontem- verkehr mit den islamischen LÈndern, kommt
plativ abbildet, sondern durch von ihm gesetzte die mitteleuropÈische %Kultur in nachhaltigen
Zeichen die gegebene Mannigfaltigkeit operativ Kontakt mit der arabischen, die sich in vielem
beherrscht, gelangt im %Nominalismus zur Ent- als weit Ýberlegen erweist.
faltung. Hier werden wichtige Elemente des mo- Die naturwissenschaftlichen und medizi-
dernen %Bewusstseins konzipiert. nischen Kenntnisse ermÚglichen in ihrer prakti-
Roscelin (um 1050–1120) ist der erste be- schen und technischen Umsetzung ein hÚheres
kannte Vertreter der These, dass nur die einzel- zivilisatorisches Niveau, als es im Bereich des
nen Dinge real seien, die Vorstellungen von ei- Christentums gegeben war. Dessen mÚnchische
16 Mittelalter

Weltverachtung lÚste sich in den bahnbrechen- so genannten lateinischen Averroisten um Siger


den geistigen StrÚmungen des 13. Jhs. weithin von Brabant (um 1240–1284) und Botius de Da-
auf. cia verfochten. Diese Gruppe, die mit Thomas
In dieser Periode erreichte die mittelalterliche von Aquin und Albertus Magnus wegen ihrer
Philosophie ihren HÚhepunkt. Dies war durch ei- Lehre von der Einheit des Intellekts und der
nige Epoche machende Neuerungen bedingt. Die Ewigkeit der Welt im Disput stand, lÚste ihre
vielfach durch jÝdische Gelehrte vermittelte Auf- streng aristotelische Philosophie ganz von der
nahme der arabischen Wissenschaft vermittelte Theologie ab, wofÝr die gesamte Richtung auch
auch die Bekanntschaft mit deren theoretischer 1277 kirchlich verurteilt wurde.
Grundlage. So wurden die Schriften des Aristote- Die Verdammung, in die auch einige Lehren
les erst jetzt in vollem Umfang ins Lateinische des Thomas von Aquin einbezogen wurden, war
Ýbersetzt und von den christlichen Gelehrten re- stark beeinflusst von der rivalisierenden Fran-
zipiert – ein Ýber Jahrzehnte sich erstreckender ziskanerschule. BegrÝndet von Bonaventura
Prozess, der wiederholte Konflikte mit der Kir- (wohl 1221–1274), folgte sie entgegen der zeitge-
che und der von ihr approbierten augustinisch- nÚssischen Tendenz zur SÈkularisierung traditio-
neuplatonischen Lehrmeinung mit sich brachte. nell augustinischen Denkmodellen, ohne freilich
In engem Zusammenhang mit der Aristoteles- die Kommentierung des Aristoteles zu unterlas-
rezeption steht die GrÝndung der ersten Univer- sen. Trotz ihres ursprÝnglichen Konservatismus
sitÈten. Hier erhielt die Hochscholastik ihre Ge- trug die Schule zur Entwicklung des modernen
stalt. Die bedeutendsten Denker dieses Jahrhun- Denkens entscheidend bei. Die starke Betonung
derts haben ihre wichtigsten Werke als Lehr- der gÚttlichen und menschlichen Willensfreiheit
bÝcher verfasst. Die meisten von ihnen gehÚrten nahm der Weltordnung ihre wesenhafte Unver-
zudem einem der Bettelorden (Franziskaner, Do- Ènderlichkeit. Diese Wendung, in der sich das
minikaner, Augustinereremiten) an, deren Auf- Zerbrechen des mittelalterlichen Kosmos ankÝn-
gabe es war, in den StÈdten den christlichen digt, wird von dem Franziskaner Johannes Duns
Glauben intellektuell gegen die ketzerischen Be- Scotus (um 1265–1308) in seinem umfangrei-
wegungen der Waldenser und Katharer zu ver- chen Œuvre so subtil reflektiert, dass die %Ra-
teidigen. tionalitÈt der Welt noch einmal durch deren
In diesem Umkreis entstanden die riesigen Subjektivierung gerettet wird. Dieselbe Erfah-
Œuvres des Albertus Magnus (um 1200–1280) rung leitet die Divina Commedia von Dante
und seines SchÝlers %Thomas von Aquin, beide (1265–1321), die die mittelalterliche Weltord-
Dominikaner. Sie versuchten, die christlichen nung nur mehr dichterisch beschwÚren kann.
Glaubenslehren mit aristotelischen Mitteln syste- Ist die Verfassung der Welt zufÈllig, dann
matisch als vernunftgemÈße Wissenschaft dar- kann sie auch der menschliche Verstand mit sei-
zulegen. Hierbei leistet Albert die paraphrasie- nen Allgemeinbegriffen (Universalien) nicht adÈ-
rende Aneignung, wÈhrend Thomas aus dem quat erkennen. %Begriffe, %Urteile und
analytischen Geist dieser Philosophie nicht nur %SchlÝsse sind %Zeichen und Zeichensysteme
das GebÈude der Theologie rekonstruiert, son- fÝr eine aus bloßen Einzeldingen bestehende
dern auch das sÈkulare Denken selbst fÚrdert. Welt. Diesen radikalen Nominalismus vertrat
%Glauben und Wissen sind in der Vernunft ei- Wilhelm von Ockham und leitete damit das SpÈt-
nes. Die %Welt, insgesamt eine nach unver- mittelalter ein. Der Nominalismus stand im 14.
Ènderlicher gÚttlicher Vernunftordnung zweck- und 15. Jh. noch im Kampf mit Schulen, die ei-
mÈßig bestimmte SchÚpfung, ist mit dem Ver- nen restaurierten Neuplatonismus lehrten, ge-
mÚgen des diskursiven menschlichen Verstan- wann aber in der frÝhen Neuzeit die Oberhand.
des so erkennbar, dass sich ihr gÚttlicher Ur- In derselben Zeit bildet sich auch die %Mys-
sprung erschließt und die Menschen in ihr die tik Meister Eckharts (um 1260–1328), Seuses
materiellen und gesellschaftlichen Bedingungen und Taulers heraus. Alle drei waren Dominika-
ihrer Existenz fortschreitend verbessern kÚnnen. ner, wendeten sich aber von der durch Thomas
Die augustinische Heilsidee verbindet sich mit geprÈgten Ordenstheologie ab, um unter Aufnah-
einer neuen innerweltlichen Fortschrittsperspek- me neuplatonischer Motive die fÝr die Richtung
tive. Diese wurde zur selben Zeit auch von den eigentÝmliche Beziehung des kontemplativen
Renaissance Humanismus 17

Subjekts auf sich selbst zu vollziehen, in dem entdeckt und neu gestaltet zu werden, er begeg-
die »Gottesgeburt« (Eckhart) geschehen soll. net den historischen Grundlagen und Bedingun-
Charakteristisch ist, dass sich die Mystiker in gen fÝr die Genese der neuzeitlichen Philoso-
der Volkssprache an das ›einfache Volk‹ richten phie und Wissenschaft ebenso wie dem Preis,
wollen. der dafÝr zu entrichten war und der sich in den
theoretischen und praktischen ›Folgelasten‹ be-
K. Flasch, Das philosophische Denken im Mittelalter.
merkbar machen wird.
Von Augustinus zu Machiavelli, Stuttgart 1986 Die Bezeichnung ›Renaissance‹, die eine Er-
G. Mensching, Das Allgemeine und das Besondere. Der findung des 19. Jhs. ist, betont nur einen Aspekt
Ursprung des modernen Denkens im Mittelalter, der Epoche, die neue Wendung zur heidnischen
Stuttgart 1992 Antike, die – vollstÈndige – Wiedergewinnung
F. Ueberweg, Grundriß der Geschichte der Philosophie, des antiken Erbes einschließlich der gesamten
Bd. 2: Die patristische und scholastische Philoso
Philosophie und Wissenschaften. Rezipiert wird
phie, bearb. von B. Geyer, Berlin 1928
G. M. nicht nur, wie in der %Scholastik, die aristote-
lische Tradition, sondern auch %Platon und der
%Neuplatonismus, die skeptische Tradition, die
%Stoa, Epikur und die kleineren philosophi-
schen Schulen, auch der Mathematiker Archime-
Renaissance – Humanismus Die Renaissan- des, auch der Mediziner Galen. Der Name ›Re-
ce ist die Epoche zwischen dem Ende des %Mit- naissance‹ betont also die neuen Horizonte, die
telalters und dem Beginn der %Neuzeit, sie um- neuen MÚglichkeiten, an den Standard der Anti-
fasst, mit Ausfransungen und Àberschneidungen ke anzuknÝpfen und auf ihm aufbauend Ýber
an den RÈndern, ungefÈhr die drei Jahrhunderte ihn hinauszugehen. Er betont den Aspekt der
von 1350 bis 1650, in der Geschichte der Phi- DiskontinuitÈt mit dem vorhergehenden Zeit-
losophie die Zeit von Petrarca bis zu %Descar- alter, der Emanzipation aus der Enge des ›dunk-
tes. Sie ist fÝr die Geschichte der Philosophie len‹ Mittelalters und der religiÚsen Bevormun-
und %Wissenschaft eine Epoche des Àbergangs, dung in die Helle der %Vernunft und der %Au-
in der Altes und Neues sich vermischen: %He- tonomie des %Subjektes.
gel spricht von »GÈrung«, von »großer Originali- Durch die einseitige Betonung der Diskon-
tÈt« und »Energie des Geistes« bei gleichzeitiger tinuitÈt und der ›Emanzipation‹ vernachlÈssigt
»Verworrenheit«; %Cassirer bedauert, dass sie der Name ›Renaissance‹ aber den Aspekt der
sich nicht »auf den Begriff« bringen lasse. KontinuitÈt, der Verwurzelung in der vorher-
Aber gerade diese ›SchwÈche‹ der Renaissan- gehenden Scholastik, aus der die Epoche ent-
ce-Philosophie ist zugleich auch ihre StÈrke: In steht und auf der sie als ihrem Fundament ruht.
ihr ist noch nichts entschieden, sondern alles in Er verschweigt den Aspekt, unter dem die Re-
Bewegung; in ihr gibt es keine klassischen Auto- naissance nicht die Negation, sondern die Kon-
ren, sondern nur klassische Probleme, LÚsungs- sequenz des Mittelalters ist und unter dem die
ansÈtze, Diskussionen; in ihr ist die Welt noch viel gepriesene Emanzipation keine heroische
nicht geordnet, sondern wird nach den Grund- Befreiung, sondern eine aufgezwungene Àber-
lagen fÝr mÚgliche neue Ordnungen gesucht; in lebensstrategie ist. Dieser Aspekt ist erst seit
ihr gibt es keine VorlÈufer, die schon wissen, der Mitte des 20. Jhs. in den Blick gekommen,
wohin die Reise geht, sondern Kundschafter, die und er ist fÝr die Philosophie besonders frucht-
neue Wege des Denkens und Handelns zu bah- bar. Er geht aus von der – von Heinrich Rom-
nen versuchen, deren einige dann von der Phi- bach diagnostizierten – »Selbstdestruktion der
losophie der Neuzeit eingeschlagen werden; in scholastischen Philosophie« und von der – von
ihr findet der moderne Leser daher nicht nur, Gordon Leff beobachteten – dissolution of the me-
wie Hans Blumenbergs berÝhmtes Buch ver- dieval outlook am Ende des Mittelalters und
spricht, die LegitimitÈt der Neuzeit, sondern fÝhrt zum – von Blumenberg beschriebenen –
auch einen unerschÚpflichen Vorrat aufgegebe- Kampf um die »Selbstbehauptung« des Men-
ner, ungenutzter, vergessener AnsÈtze, deren schen als Legitimation fÝr die neuzeitliche SÈku-
theoretisches Potential darauf wartet, wieder larisierung.
18 Renaissance Humanismus

Beide Aspekte, der Aspekt der KontinuitÈt, neuen Ansatz in Philosophie und Wissenschaft
welcher die Voraussetzung und die Bedingung zu finden.
fÝr die neue Wendung zur Antike darstellt, und Ein solcher Neuansatz wird in der ersten Pha-
der Aspekt der DiskontinuitÈt, unter dem die se des Àbergangs der Philosophie vom Mittel-
neuen zukunftsweisenden Entwicklungen er- alters zur Neuzeit seit etwa der Mitte des 14.
kennbar werden, kÚnnen nun, im 21. Jh., zusam- Jhs. von den BegrÝndern des Humanismus, allen
mengenommen werden, um ein begrÝndeteres voran Petrarca, gemacht. Man kann diese Phase
VerstÈndnis des Ursprungs der neuzeitlichen daher auch die des Humanismus nennen und
Philosophie und Wissenschaft zu gewinnen. mit ihr die eigentliche Renaissance beginnen
Der ›radikale Aristotelismus‹, der im 13. Jh. in lassen.
Paris gelehrt wurde, setzte in Àbereinstimmung Die Humanisten verstehen die mangelnde
mit dem aristotelischen Wissenschaftsbegriff ei- Korrespondenz zwischen den universalen %Be-
ne strenge Korrespondenz zwischen %Denken griffen und der aus Einzeldingen bestehenden
und %Sein voraus und forderte daher absolute %RealitÈt nicht als Ende der Philosophie, son-
Notwendigkeit nicht nur fÝr die logische Struk- dern als ihren Anfang, als die Aufforderung,
tur des Denkens, sondern auch fÝr die ontologi- nach der %Erfahrung zu fragen, die den Begrif-
sche Struktur des Seins. Gegen dieses Notwen- fen zugrunde liegt und in der der Mensch den
digkeitsdenken, das ebenso wie in den natÝrli- real existierenden einzelnen Dingen begegnet.
chen Prozessen auch im menschlichen Handeln Auf diese Weise werden die unmittelbare, eigene
einen strengen Determinismus annahm, vertrat Erfahrung, experientia, und die mittelbare, in
im Àbergang vom 13. zum 14. Jh. der Franziska- Texten Ýberlieferte fremde Erfahrung, historia, –
ner Johannes Duns Scotus in seinem so genann- die beide als Lehrmeisterin der Dinge, als magis-
ten %Voluntarismus die Hypothese, dass die tra rerum, verstanden werden – zur primÈren Er-
Struktur des Seienden und des Handelns nicht kenntnisquelle aufgewertet. Dies fÝhrt kurzfris-
notwendig und determiniert, sondern vielmehr tig zu einem ungezÝgelten Interesse an jeder
kontingent und frei ist und leugnete eine Gene- Art von Einzelinformationen und zu jener wahl-
ration spÈter sein Ordensbruder Wilhelm von losen Rezeption der gesamten antiken Àberliefe-
Ockham in seinem so genannten %Nominalis- rung, die der Epoche den Namen der Renaissan-
mus die MÚglichkeit der realen Existenz von ce gibt. Langfristig aber mÝndet es in der Erset-
Universalem, wie z. B. des Menschen als sol- zung der metaphysischen WissensbegrÝndung,
chem; er sprach allein den Einzeldingen, wie wie sie fÝr die Scholastik charakteristisch war,
z. B. den Individuen Sokrates oder Platon, reale durch die %empirische WissenschaftsbegrÝn-
Existenz zu. dung, welche die Neuzeit auszeichnet.
Damit war die Àbereinstimmung, die Korres- Das andere von der SpÈtscholastik ererbte
pondenz zwischen dem Denken, das den Krite- Wissenschaftshindernis aber, die mangelnde
rien der AllgemeingÝltigkeit und Notwendigkeit Notwendigkeit der RealitÈt, begreifen die Huma-
unterworfen ist, und dem Sein, das keiner not- nisten als Chance fÝr den %Menschen, selbst
wendigen GesetzmÈßigkeit mehr unterliegt und schÚpferisch tÈtig zu werden und seine %Ge-
aus einer unermesslichen Vielheit einzelner schichte wie seine %Welt selbst frei zu gestal-
Dinge besteht, prinzipiell aufgehoben. Das Mo- ten. Sie betonen die %Geschichtlichkeit des
dell des erkannten Seins, das eine hierarchische Menschen, der stets im %Werden begriffen ist,
Struktur universaler Begriffe darstellte, und das und definieren ihn als Ebenbild des SchÚpfergot-
reale Sein, das aus gleichrangigen einzelnen tes – als imago et similitudo dei Creatoris – bzw.
Dingen bestand, waren auseinandergebrochen als homo faber, der, selbst ein Einzelding, ein In-
und der Anspruch von Philosophie und Wissen- dividuum, in einer Welt von Einzeldingen in al-
schaft, die %Wahrheit Ýber das Sein erkennen len Belangen selbst Verantwortung fÝr sich
zu kÚnnen, war uneinlÚsbar geworden. So schei- Ýbernehmen kann, aber auch muss: selbst den-
terte die spÈtscholastische Philosophie an ihrem ken, selbst handeln, selbst in ›persÚnlicher
eigenen aristotelisch-scholastischen Wissen- FrÚmmigkeit‹ sein VerhÈltnis zu %Gott regeln,
schaftsbegriff und hinterließ der auf sie folgen- selbst die Vielfalt von einzelnen Informationen
den Renaissance als Erbe die Aufgabe, einen zu einer Welt ordnen.
Renaissance Humanismus 19

Die Humanisten entwickeln dazu eine Metho- Plethon hatte diese Èlteste Lehre in der Tradi-
de des Lesens, welche zunÈchst die geschriebe- tion der mythischen Gestalt des Persers Zoroas-
nen BÝcher, hernach auch das Buch der %Natur, ther gesehen. Die Florentiner aber glaubten, sie
zu exzerpieren und in Einzelinformationen auf- in den Schriften, die unter dem Namen des
zulÚsen lehrt, die dem Leser anschließend zur •gypters Hermes Trismegistos Ýberliefert sind,
Produktion eigener neuer Texte und Strukturen wiedergefunden zu haben, und konstruierten ei-
zur VerfÝgung stehen. In dem Maße, in dem die ne lÝckenlose Filiation von Hermes bis zu Platon
Humanisten in den folgenden Jahrhunderten die und %Plotin und in die eigene Gegenwart. Folg-
Elementarbildung in Europa Ýbernehmen und lich bemÝhten sie sich nicht nur – vor allem
diese Methode verbreiten, werden sie den durch die unermÝdliche ÀbersetzertÈtigkeit des
Grundstein fÝr die AuflÚsung des Ýberlieferten Florentiners Marsilio Ficino in der 2. HÈlfte des
Weltbildes legen und eine Neuordnung der Rea- 15. Jhs. –, um die Aneignung der neuplatonisch-
litÈt ermÚglichen und notwendig machen. hermetischen Lehre, sondern verstanden auch
FÝr eine solche Neuordnung der RealitÈt nach deren %Kosmologie mit ihrer Dynamik des Ab-
ihrer AuflÚsung in eine unermessliche Vielzahl stiegs vom Einen zum Vielen und der RÝckkehr
von Einzeldingen und Einzelinformationen be- vom Vielen zum Einen als exemplarisches
darf es neuer Ordnungskriterien – und je grÚßer Strukturmodell der Welt des menschlichen Han-
die Zahl der Informationen wird, umso dring- delns.
licher wird der Bedarf an solchen Kriterien, Das primÈre Ziel des Menschen ist danach
wenn man nicht unter der Masse der Informa- die RÝckkehr zum ursprÝnglichen Einen und
tionen ersticken will. Die Humanisten, die die die Vereinigung mit ihm, die entweder, wie bei
RealitÈt als Raum des menschlichen Handelns Leone Ebreo, als Akt allumfassender Erkenntnis
verstanden, hatten versucht, die neue %Ord- oder, wie bei Giovanni Pico della Mirandola, als
nung der Dinge am Handeln zu orientieren und beseligende Selbstaufgabe des Individuums im
den Stellenwert der einzelnen Informationen Akt liebender Vereinigung mit dem gÚttlichen
nach ihrem Nutzen fÝr mÚgliche Handlungsziele Einen beschrieben wird.
zu bemessen. Noch vor der Mitte des 15. Jhs. Das sekundÈre Ziel des Menschen aber ist
wird nun angesichts der Vielzahl mÚglicher die Selbsterhaltung in diesem Leben. Dazu han-
Handlungsziele von dem in Florenz weilenden delt er in der Natur, indem er sich der Analo-
Griechen Georgios Gemistos Plethon die Frage gien und •hnlichkeiten zwischen den Stufen
nach einem einheitlichen, fÝr alle verbindlichen des Kosmos bedient, um sich durch magische
Ziel des menschlichen Handelns gestellt und Praktiken der natÝrlichen Prinzipien und Ýber-
der Versuch, diese Frage zu beantworten, wird natÝrlichen KrÈfte zu bemÈchtigen. Das Auf-
zum Anlass der zweiten Phase der Renaissance- leben der okkulten Wissenschaften in der Re-
Philosophie, die von der planmÈßigen und naissance, wie z. B. bei Agrippa von Nettesheim,
umfassenden Rezeption Platons und der gesam- hat hier seinen philosophischen Ursprung. In
ten Tradition des %Neuplatonismus begleitet der Philosophiegeschichtsschreibung des %deut-
wird. schen Idealismus werden die Vertreter des Flo-
Ausgangspunkt ist zunÈchst der – durchaus rentiner Neuplatonismus als dessen VorlÈufer
nicht neue – Ansatz, das Ziel des Menschen aus angesehen.
seiner Natur und diese wiederum aus der Natur Als dritte philosophische Hauptbewegung der
des gesamten %Kosmos zu bestimmen. Neu ist Renaissance, die im 16. Jh. die dritte Phase der
jedoch der Versuch, die Natur des Kosmos selbst Renaissance-Philosophie bestimmte, kann die
nicht auf der Grundlage einer begrifflich ent- aristotelische Tradition betrachtet werden. Wie
wickelten %Ontologie, sondern auf der Grund- im Mittelalter war sie auch in der Renaissance
lage einer geschichtsphilosophischen Konstrukti- die beherrschende Kraft in UniversitÈten und
on zu bestimmen – nÈmlich durch RÝckgriff auf hohen Schulen und trug, da jeder Philosoph hier
die Èlteste, dem Ursprung der Welt am nÈchsten seine Grundausbildung erhielt, fÝr die Kontinui-
gelegene Lehre, deren Quelle wiederum eine al- tÈt der philosophischen Grundanschauungen
len Philosophien und Religionen gemeinsame und ihrer Terminologie Sorge. Anders als bis
Uroffenbarung sei. vor etwa 50 Jahren gelehrt wurde und seine
20 Renaissance Humanismus

zeitgenÚssischen Gegner gern polemisch be- durch die neuere Forschung bestÈtigt worden
hauptet hatten, war dieser Aristotelismus nicht ist, hat die aristotelische Tradition der Renais-
dogmatisch, blutlos, steril und vergreist, sondern sance sich im Gefolge der Auseinandersetzung
er wusste durchaus auf die neue Situation in mit dem Neuplatonismus seit dem Beginn des
der Philosophie zu reagieren und die neuen An- 16. Jhs. in zwei sich gegenseitig befehdende
regungen aus Humanismus und Neuplatonismus Aristotelismen gespalten, in einen nach dem
aufzunehmen und theoretisch zu verarbeiten. arabischen Kommentator Averros benannten
Das zeigt sich rein Èußerlich darin, dass er Averroismus, der – wie z. B. bei Augustinus Ni-
am Àbergang vom 15. zum 16. Jh., als Humanis- phus – in großer NÈhe zum griechischen Aristo-
mus und Neuplatonismus in der Kraft ihrer BlÝ- teles-Kommentator Simplicius die spirituellen
te standen, nicht in den Hintergrund gedrÈngt Momente des Neuplatonismus so weit wie mÚg-
wurde, sondern trotz aller Polemik seine Rolle lich integrierte und eine der Magie und den ok-
in den UniversitÈten als Grundlage der gesam- kulten Wissenschaften nahe stehende, spekulati-
ten Philosophie verteidigte und sogar zu neuer ve Naturphilosophie betrieb, und in einen soge-
StÈrke heranwuchs: WÈhrend es bis zum Ende nannten Alexandrismus, der – wie z. B. bei Pe-
des 16. Jhs. in ganz Europa nur eine stÈndige trus Pomponatius und seinen SchÝlern – inspi-
und zwei zeitlich befristete Professuren fÝr pla- riert von dem spÈtantiken griechischen Kom-
tonische Philosophie gab, bildete sich innerhalb mentator Alexander von Aphrodisias, dessen na-
der aristotelischen Philosophie eine Vielzahl turalistische Ausrichtung weiterentwickelte. Er
neuer Lehrmeinungen heraus, sodass man heute machte es sich zur Aufgabe, die angeblich magi-
nicht mehr von dem Aristotelismus, sondern schen und okkulten Erscheinungen aufgrund na-
von den Aristotelismen der Renaissance spricht. tÝrlicher, auf sinnlicher Wahrnehmung beruhen-
Zugleich nahm die Zahl der Kommentare zu der %Prinzipien zu erklÈren und schlug den
Werken des Aristoteles, die zwischen 1500 und von den Humanisten vorbereiteten Weg zu einer
1650 entstanden, so gewaltig zu, dass sie grÚßer empirischen Naturwissenschaft ein.
ist als die Zahl aller Aristoteles-Kommentare aus Innerhalb beider Schulen wie zwischen ihnen
den Jahrhunderten vor dieser Zeit. findet eine intensive Methodendiskussion statt,
Eine der Ursachen fÝr dieses Erstarken der die das Problem der Wissenschaftlichkeit von
aristotelischen Tradition war zweifellos ihre Of- empirisch fundiertem Wissen nicht nur im Be-
fenheit gegenÝber der humanistischen Methode reich der Natur-, sondern auch in dem der Geis-
des exzerpierenden Lesens. Seit den zwanziger teswissenschaften zu lÚsen versucht. Im Verlau-
Jahren des 16. Jhs. begann der Logik-Unterricht fe dieser Diskussion wird eine Vielzahl metho-
in den UniversitÈten Europas mehr und mehr discher Verfahren zur Gewinnung, Sicherung
auf die Lesegewohnheiten seiner humanistisch und Ordnung neuer Einsichten entwickelt: die
vorgebildeten Studenten RÝcksicht zu nehmen philologisch-historischen Methoden ebenso wie
und sich – wie z. B. in den Dialektiken des Hol- die Hermeneutik, die mathematisch-empirischen
lÈnders Rudolph Agricola und des Franzosen Pe- Forschungsverfahren ebenso wie jene der syste-
trus Ramus – mit den dadurch aufgeworfenen matischen Ordnungen. In ihrem Gefolge wird
methodologischen Problemen auseinander zu die vom Mittelalters als einheitliche Universal-
setzen. wissenschaft Ýberkommene Philosophie in die
Als eine andere, nicht weniger fruchtbare Ur- Vielzahl der methodologisch bestimmten moder-
sache erwies sich die Bereitschaft der aristote- nen Einzelwissenschaften, der Naturwissen-
lischen Tradition, sich nicht nur mit den spÈtanti- schaften wie Physik, Chemie, Mechanik nicht
ken griechischen Aristoteles-Kommentaren aus- anders als der Geisteswissenschaften wie An-
einander zu setzen, die im Zuge der Rezeption thropologie und Psychologie, historische und
des Neuplatonismus wiederentdeckt und Ýber- philologische Wissenschaften, Literaturwissen-
setzt wurden, sondern auch die Herausforderung schaft und Kunsttheorie ausdifferenziert.
der neuplatonisch inspirierten okkulten Wissen-
H. Blumenberg, Die LegitimitÈt der Neuzeit, Frank
schaften anzunehmen und auf sie durch eigene furt/M. 1966
theoretische Anstrengungen zu antworten. Ch. B. Schmitt, Aristotle and the Renaissance, Cam
Wie schon vor 50 Jahren beobachtet und bridge/Mass. 1983
Neuzeit Aufklärung 21

Ch. B. Schmitt / Qu. Skinner / E. Kessler / J. Kraye (Hg.), Prozess im RÝckblick als den »Ausgang des
The Cambridge History of Renaissance Philosophy, Menschen aus seiner selbstverschuldeten Un-
Cambridge 1988 mÝndigkeit« charakterisiert.
E. K.
In diesem Sinn kann die AufklÈrung auch als
Projekt der Moderne verstanden werden: Sie ist
in wesentlichen ZÝgen profan, indem sie allein
Neuzeit – Aufklärung Der Begriff Neuzeit be- irdische Fakten und Ursachen gelten lÈsst; sie
zieht sich auf die historische Periodisierung mit ist reflexiv, weil sie das neue Wissen letztlich
der bekannten Zeiteinteilung der Geschichte in im eigenen VermÚgen der Menschen zu begrÝn-
%Altertum, %Mittelalter und Neuzeit. Der Be- den versucht; und sie ist ihrem Anspruch nach
ginn der Neuzeit wird Ýblicherweise um 1400 tolerant, weil der Verlust alter Gewissheiten zu
angenommen, wobei die ersten 300 Jahre hÈufig der Konsequenz fÝhrt, sich mit prinzipiell wi-
als FrÝhe Neuzeit bezeichnet werden (%A Re- derlegbaren und unterschiedlichen Auffassun-
naissance – Humanismus) und die spÈtere Neu- gen auseinander zu setzen.
zeit des 17. Jhs. in die Epoche der AufklÈrung Die Grundlage der neuzeitlichen Philosophie
des 18. Jhs. einmÝndet. WÈhrend der Begriff des 17. Jhs. bildete die zu dieser Zeit entstande-
Neuzeit eine bloß chronologische Funktion er- ne Naturwissenschaft, namentlich die Physik
fÝllt, hat der Begriff AufklÈrung einen bestimm- von Galileo Galilei und Isaac Newton. Auch
ten Inhalt: Er bedeutet sowohl die historische wenn aus heutiger Sicht erwiesen ist, dass diese
Epoche der AufklÈrung als auch ein systemati- Wissenschaft keineswegs nur mit der Vergan-
sches Programm, das bis in die Gegenwart aktu- genheit gebrochen hat, sondern der spÈtmittel-
ell geblieben ist und auch heute noch kontrover- alterlichen Tradition mehr gedankliche Vorarbei-
se Diskussionen auslÚst. ten verdankte, als sie selber zuzugeben bereit
Dem deutschen Wort ›AufklÈrung‹ entspre- war, so wurde sie von den zeitgenÚssischen Phi-
chen das englische enlightenment, das franzÚsi- losophen als der entscheidende wissenschaftli-
sche les lumires sowie das spanische las luces che Durchbruch interpretiert, erÚffnete sie doch
und das italienische illuminismo. Diese Begriffe fÝr die philosophische Reflexion sowohl ein neu-
sind bereits im 18. Jh. nachweisbar und belegen es Weltbild als auch eine neue Methode wissen-
ein in ganz Europa verbreitetes SelbstverstÈnd- schaftlichen Arbeitens.
nis. In der alle Sprachen durchziehenden Licht- Nur vordergrÝndig wurde zunÈchst um ein
metapher drÝckt sich die gemeinsame Leitidee heliozentrisches Weltbild gestritten, im Kern
aus, nach dem ›finsteren‹ Mittelalter nun das ging es bereits um die Vorstellung eines unend-
›Licht der %Vernunft‹ leuchten zu lassen. Neben lichen Universums, das allein von natÝrlichen
der gÚttlichen Offenbarung soll diesem zweiten %Ursachen bestimmt wird. Und wÈhrend sich
Weg der Vernunfterkenntnis Geltung verschafft Galilei noch auf die Beschreibung mechanischer
werden, indem die Menschen sich auf ihre eige- Bewegungen beschrÈnkte, kamen spÈtestens mit
nen FÈhigkeiten besinnen. Bezog sich diese Art Newton physikalische KrÈfte ins Spiel, sodass
AufklÈrung zunÈchst auf die theoretische Er- die Welt der materiellen KÚrper als ein sich
kenntnis insbesondere in den Naturwissenschaf- selbst bewegendes %System vorstellbar wurde.
ten, so wurde sie zunehmend auf die Gebiete %Descartes hatte sich in seinem metaphysi-
der sozialen Praxis Ýbertragen wie auf %Politik, schen Entwurf noch an Galilei orientiert, aber
%Moral und %Geschichte. seit dem niederlÈndischen Philosophen %Spino-
So markiert AufklÈrung eine doppelte Bewe- za, seit %Leibniz und Christian Wolff sowie seit
gung: Zum einen war fÝr sie die %Kritik an ei- %Voltaire setzte man – bei allen Unterschieden
ner Tradition typisch, die als dogmatisch und – ein eigendynamisches Planetensystem voraus.
unfrei empfunden wurde; exemplarisch ist hier Die Welt schien sich wie eine Uhr nach ewigen,
Bayles Kritisches und historisches WÚrterbuch zu gleichfÚrmigen und zugleich harmonischen Ge-
nennen. Zum andern unternahmen die AufklÈ- setzen zu bewegen, ohne dass es eines gÚtt-
rer den Versuch, ein neues und eigenes Gedan- lichen Eingriffs bedurfte. Die letzte theologische
kengebÈude zu errichten. % Kant hat in seiner Konsequenz war der %Deismus, demzufolge
Schrift Was ist AufklÈrung? von 1784 diesen Gott die Welt einmal erschaffen haben mag, ihr
22 Neuzeit Aufklärung

jedoch nach dem SchÚpfungsakt Èußerlich entwarf eine rationale Ethik nach geometrischer
bleibt. Methode dargestellt, und %Hobbes begrÝndete
Nicht minder bedeutsam waren methodische im Leviathan eine am Vorbild der Naturwissen-
Reflexionen, die sich am experimentellen Ver- schaften orientierte Theorie des Staates. Aus-
fahren und an der Mathematisierung der Natur- gehend von den Erfahrungen des englischen
wissenschaften orientierten. ZunÈchst faszinier- BÝrgerkriegs setzte Hobbes als Elemente des
ten die neuen AnwendungsmÚglichkeiten der »politischen KÚrpers« Individuen voraus, die pri-
Mathematik, deren exakte Regeln Descartes sei- mÈr nach Selbsterhaltung streben und infolge
nem Diskurs Ýber die Methode zu Grunde legte. des Mangels an GÝtern zwangslÈufig in einen
Er entwarf darin die Methode der Analyse und Konflikt geraten. Aus diesem Dilemma des so
Synthese, der zufolge ein Gegenstand in seine genannten Naturzustandes sollte ein Vertrag he-
einfachsten Elemente zu zerlegen und dann wie- rausfÝhren, in dem die Menschen ihre Rechte
der schrittweise zusammenzusetzen sei, um sei- an eine Staatsgewalt abtreten. Locke betonte
nen inneren Aufbau und seine Funktionsweise spÈter den parlamentarischen Charakter des mo-
zu erkennen. Descartes glaubte dabei, die physi- dernen Staates und fÝhrte den Aspekt der Ge-
kalische Welt letztlich aus mathematischen waltenteilung ein, wÈhrend Rousseau am Vor-
Axiomen deduzieren zu kÚnnen. DemgegenÝber abend der FranzÚsischen Revolution den demo-
entstand vorwiegend in England die Alternative kratischen Aspekt radikalisierte. Gleichwohl
der induktiven Methode, die vorschreibt, von blieb die Theorie des %Gesellschaftsvertrags
den Èußeren Wahrnehmungen auszugehen und das Grundmodell der politischen Philosophie der
allein durch Erfahrung auf verborgene Ursachen AufklÈrung; an die Stelle des Herrschers von
zu schließen. Zu Beginn des 17. Jhs. propagierte Gottes Gnaden trat ein allein von den Menschen
F. %Bacon in seinem Neuen Organon das natur- geschaffener und legitimierter %Staat.
wissenschaftliche Experiment und forderte eine Vor diesem Hintergrund ist zu fragen, welche
neue Methode technischer Erfindungen, damit neuen Erkenntnisse im 18. Jh., dem Zeitalter der
die Menschen ihr Wissen auch praktisch nutzen AufklÈrung im engeren Sinn, Ýberhaupt noch
kÚnnen. Gleichzeitig mit Newton begrÝndete hinzugekommen sind. Sicherlich trifft es zu,
%Locke eine Theorie der Erfahrung, die in Eng- dass viele der erwÈhnten TheorieansÈtze nur
land von %Berkeley und %Hume sowie in fortgeschrieben oder lediglich modifiziert wur-
Frankreich von Condillac fortgefÝhrt wurde. Der den. Aber die AufklÈrung beschrÈnkte sich kei-
seitdem eingebÝrgerte Gegensatz zwischen neswegs auf die bloße Verbreitung oder gar Po-
%Rationalismus und %Empirismus darf aus pularisierung des einmal erreichten Wissens-
heutiger Sicht jedoch nicht Ýberbewertet wer- standes. DarÝber hinaus sind im 18. Jh. vÚllig
den, da die genannten Philosophen einschließ- neue wissenschaftliche und philosophische Dis-
lich Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft in ziplinen hinzugekommen, die der europÈischen
dem Grundsatz Ýbereinstimmten, dass der Bewegung der AufklÈrung eine Ýberraschende
Mensch das Material der Erkenntnis durch die und interessante Wendung gaben.
Èußeren Sinne empfÈngt, durch %Erfahrung zu Im Bereich der %Erkenntnistheorie entdecken
gewissen RegelmÈßigkeiten gelangt und schließ- die AufklÈrer die besondere Rolle der %Sprache
lich durch den Verstand allgemeine Gesetz- und Schrift. Sie wurde nicht mehr bloß als Aus-
mÈßigkeiten zu formulieren imstande ist. druck bereits fertiger Vorstellungen und Gedan-
Mit dieser %Methode glaubten Descartes und ken betrachtet, vielmehr kam seit Locke und
spÈtere Philosophen Ýber ein universelles Mittel insbesondere bei Condillac die konstitutive
zu verfÝgen, das sich auch auf andere Gegen- Funktion sprachlicher Zeichen fÝr Wahrneh-
standsbereiche anwenden ließ. ZunÈchst war es mung und Denken ins Spiel. Diese These wurde
der menschliche KÚrper, der sich analog zur Èu- in zahlreichen Untersuchungen zur Sprachent-
ßeren Natur als Mechanismus deuten ließ. Aus stehung etwa von Herder und bei Alexander von
dieser Art %Anthropologie entstand eine erklÈ- Humboldt untermauert.
rende Theorie der menschlichen Affekte, die Auf sozialwissenschaftlichem Feld wurde zum
wiederum die Grundlage fÝr die neuzeitliche ersten Mal der spezifische Bereich der %Gesell-
Ethik und politische Philosophie bildete. Spinoza schaft entdeckt. Montesquieu hat in Vom Geist
Neuzeit Aufklärung 23

der Gesetze die Regierungsformen, Lebens- dass diese Bewegung nicht als monolithischer
gewohnheiten und Wertvorstellungen der VÚlker Block missverstanden werden sollte. Bei allen
mit den natÝrlichen Lebensbedingungen wie Kli- Gemeinsamkeiten werden in neuen Forschungen
ma und Bodenbeschaffenheit in Beziehung ge- zur europÈischen AufklÈrung die regionalen Un-
setzt und ist dadurch zu einem BegrÝnder der terschiede geltend gemacht. Frankreich hat si-
modernen Soziologie geworden. Diese Entwick- cherlich eine Vorreiterrolle gespielt, wie Vol-
lung wurde durch die Entstehung der politi- taires beißende Kritik am Absolutismus und an
schen ³konomie entscheidend vorangetrieben. der katholischen Kirche belegt, die ihn wieder-
Die Entdeckung gesellschaftlicher Arbeitsteilung um zur Zielscheibe der Gegenkritik machte. Die
und Úkonomischer GesetzmÈßigkeiten fÝhrten englische bzw. schottische AufklÈrung war poli-
zu der sozialphilosophisch bedeutsamen Kon- tisch gemÈßigter, wie auch die deutschen Auf-
sequenz, dass der Gesellschaft – unabhÈngig klÈrer sich mehr um eine VersÚhnung von Phi-
von der Politik – eine spezifische Form des Zu- losophie und Religion bemÝhten. In Italien und
sammenlebens, der sozialen KausalitÈt und Dy- Spanien hatten die AufklÈrer noch mit grÚßeren
namik zuerkannt wurde. WiderstÈnden zu kÈmpfen.
Auf dem Gebiet der Naturwissenschaften sind Außerdem sollte nicht Ýbersehen werden,
die neuen Disziplinen Geologie und Biologie ent- dass sich nicht alle Philosophen des 18. Jhs. als
standen, die ansatzweise eine Historisierung der AufklÈrer verstanden haben, sondern dass sich
%Natur zu Folge hatten. Indem untereinander- nicht wenige Autoren dieser Bewegung wider-
liegende Erdschichten freigelegt wurden, trat zu- setzt haben. Nicht selten hat diese Gegenkritik
tage, dass dieser Planet und mÚglicherweise das wiederum zu wichtigen Modifizierungen und
gesamte Planetensystem eine Geschichte hat, Differenzierungen Anlass gegeben, sodass die
wie schließlich Kant in Allgemeine Natur- starren Fronten zwischen AufklÈrung und Ge-
geschichte und Theorie des Himmels darlegte. Die genaufklÈrung teilweise fließend waren. Auf je-
genauere Analyse von Wachstumsprozessen den Fall hat sich durch derartige Debatten der
fÝhrte im 18. Jh. zu vielfÈltigen Spekulationen aufklÈrerische Denkstil insgesamt verbreitet. Da-
Ýber die Entwicklung der Lebewesen. zu haben nicht zuletzt die neu gegrÝndeten Aka-
Dynamisierung der Gesellschaft und Histori- demien, die literarisch-philosophischen Salons,
sierung der Natur bildeten schließlich die Vo- ein sprunghaft expandierender Buchmarkt und
raussetzungen fÝr eine Philosophie der %Ge- zahlreiche Zeitschriften beigetragen. Das heraus-
schichte, die ziemlich genau um die Mitte des ragende Beispiel ist die von D’Alembert und Di-
18. Jhs. entstand und erstmals Anspruch auf derot herausgegebene EnzyklopÈdie, in der das
Wissenschaftlichkeit erhob. Im Kern versicherte gesamte Wissen und KÚnnen der Zeit, von den
man sich darin der bisher geleisteten Fortschrit- neuen Wissenschaften bis zur reich illustrierten
te auf wissenschaftlichem, technischem und Dokumentation zeitgenÚssischer Handwerke, ge-
wirtschaftlichem Gebiet. FÝr die Zukunft erwar- sammelt und in hoher Auflage verbreitet wurde.
tete man nicht nur eine Fortsetzung, sondern Praktisch geworden ist die AufklÈrung nicht
auch eine Erweiterung der Fortschritte in Rich- zuletzt auf dem Feld der Erziehung, wie zahlrei-
tung soziale %Gerechtigkeit, Moral und Politik. che Reformversuche und begleitende Traktate
Man darf sich diese Zukunftserwartung jedoch belegen. Dabei stellte sich die Erziehung von
nicht ganz so optimistisch vorstellen, wie den MÈdchen als ein unerwartetes Problem heraus.
AufklÈrern hÈufig nachgesagt wird. Am Anfang WÈhrend im 17. Jh. Poullain de la Barre von
stand eher die Angst vor einem erneuten Nie- dem cartesischen Grundsatz ausging: »Der Ver-
dergang, der von der alten Zyklentheorie sugge- stand hat kein Geschlecht« und fÝr eine gleiche
riert wurde. Herder kritisierte bereits die Idee Erziehung der Geschlechter eintrat, setzte sich
des Fortschritts, und Kant hat sich zu den Aus- um die Mitte des 18. Jhs. die von Rousseau in
sichten auf eine stete Verbesserung der mensch- seinem Erziehungsroman Emile propagierte Auf-
lichen LebensverhÈltnisse eher skeptisch geÈu- fassung durch, dass MÈdchen weniger intellek-
ßert. tuelle FÈhigkeiten hÈtten und fÝr ihre spezifisch
Eine solche Skizze der Grundlinien der Auf- sozialen Aufgaben durch eine andere Art Erzie-
klÈrung darf nicht darÝber hinwegtÈuschen, hung vorzubereiten seien.
24 Deutscher Idealismus

Wie ist die AufklÈrung aus heutiger Sicht zu doch viele Postulate ihre Bedeutung bewahrt
beurteilen? ZunÈchst ist an den hÈufig Ýber- wie politische %Freiheit, rechtliche Gleichheit,
sehenen Umstand zu erinnern, dass die AufklÈ- soziale Gerechtigkeit, %Toleranz, Meinungsfrei-
rung schon seit ihrer Entstehung umstritten heit, autonome Verantwortung und Demokratie.
war, sich gegenÝber ihren Gegnern immer schon Angesichts der aktuellen Debatten Ýber %Men-
zu rechtfertigen hatte und vor allem auch zur schenrechte ist daran zu erinnern, dass es sich
Kritik an ihren eigenen Prinzipien fÈhig war. dabei um ein Erbe der AufklÈrung handelt. So
Der prominenteste Vertreter dafÝr dÝrfte Rous- ist die AufklÈrung als historische Konstellation
seau sein, der ja durchaus vom aufklÈrerischen nicht von Dauer gewesen, Ýbt jedoch bis heute
Prinzip der PerfektibilitÈt des Menschen aus- eine dauerhafte Wirkung aus.
ging, aber den bisherigen Geschichtsverlauf als
einen Irrweg brandmarkte, der zu Ungerechtig- E. Cassirer, Philosophie der AufklÈrung, TÝbingen 1932
keit und Entfremdung gefÝhrt habe, und einen J. Kopper, EinfÝhrung in die Philosophie der AufklÈ
alternativen Weg zur Wiedergewinnung der so- rung, Darmstadt 1979
P. Kondylis, Die AufklÈrung im Rahmen des neuzeit
zialen Gleichheit vorschlug. Herder machte ge-
lichen Rationalismus, Stuttgart 1981
gen den Fortschrittsgedanken die Besonderheit W. Schneiders, Das Zeitalter der AufklÈrung, MÝnchen
der Kulturen geltend, so wie Kant, der von Rous- 1997
seau tief beeindruckt war, den Fortschritt weni- : Lexikon der AufklÈrung, MÝnchen 2000
ger als ein empirisches Faktum als eine regulati- J. R.
ve Idee betrachtete, die zum moralischen Han-
deln verpflichtet. In solchen selbstkritischen An-
sÈtzen manifestierte sich die MÚglichkeit einer
AufklÈrung Ýber die AufklÈrung. Deutscher Idealismus Die Jahreszahlen 1781
Im 19. und 20. Jh. radikalisierte sich die Kri- und 1831 begrenzen Èußerlich jenen Zeitraum,
tik an der AufklÈrung. Mit %Nietzsche, %Marx den man deutschen %Idealismus nennt. 1781 ist
und Freud kamen die unbewussten TriebkrÈfte %Kants Kritik der reinen Vernunft in erster Auf-
menschlichen Handelns sowie die gesellschaftli- lage erschienen. 1831, fÝnfzig Jahre spÈter, ist
chen Interessen zum Vorschein, die sich ›hinter %Hegel in Berlin plÚtzlich und unerwartet als
dem RÝcken‹ der Menschen durchsetzen. Bis in Opfer einer vorbeiziehenden Cholera-Epidemie
die Gegenwart einflussreich ist die Dialektik der gestorben. Die Jahre zwischen 1781 und 1831
AufklÈrung von Horkheimer und %Adorno, wel- gelten zu Recht als eine der außergewÚhnlichs-
che die These vertraten, dass »die vollends auf- ten Epochen in der gesamten uns bekannten
geklÈrte Erde . . . im Zeichen triumphalen Un- Philosophiegeschichte. In hohem Maße erstaun-
heils« strahle. Nach den Erfahrungen totalitÈrer lich ist jedenfalls die FÝlle der sich abwechseln-
Herrschaft, nach zwei Weltkriegen, Hiroshima den Autoren und SystementwÝrfe, die IntensitÈt
und Auschwitz glaubten sie im identifizierenden der philosophischen GedankenbemÝhung und
Denken und in der daraus resultierenden Natur- der hohe Anspruch, auf einer metaphysischen
beherrschung seit den AnfÈngen der abendlÈn- Grundlage, die dem SelbstverstÈndnis der mo-
dischen Kultur den Keim fÝr den modernen To- dernen Welt soll standhalten kÚnnen, denkend
talitarismus gefunden zu haben. auf den Begriff zu bringen, was die Welt im In-
Was bleibt heute von der AufklÈrung Ýbrig? nersten zusammenhÈlt.
Problematisch dÝrfte es sein, in ungeschicht- Dass Kant mit seinem Werk einen der wich-
licher Manier die AufklÈrung fÝr alle negativen tigsten Einschnitte in der modernen Philosophie-
Kehrseiten der gegenwÈrtigen wissenschaftlich- und Geistesgeschichte darstellt, stand seiner ei-
technischen Zivilisation verantwortlich machen genen Zeit und auch ihm selbst deutlich vor Au-
zu wollen. Das ist nicht nur historisch falsch, gen. Kant wollte die gesamte bisherige Philoso-
sondern verkennt auch die Leistungen der Auf- phie durch eine neue kritische Methode auf eine
klÈrung. Auch wenn einige Vorstellungen uner- bislang unbekannte sichere Grundlage stellen.
fÝllt geblieben sind und wenn manche Traditio- Dabei hatte er kritisch vor allem die einander
nen zerstÚrt wurden, weil sie als Ballast eines widerstreitenden metaphysischen Systeme des
universalen Fortschritts erschienen, so haben %Rationalismus und der Schulphilosophie des
Deutscher Idealismus 25

18. Jhs., der Schule von Wolff und Baumgarten, der Vernunft erkennen wir nichts, weil ihnen
vor Augen. Gegen die ausufernden und offen- kein Gegenstand der Erfahrung entspricht; die
kundig unhaltbaren AnsprÝche der dogmati- Ideen vermehren nicht die Welt unserer Erfah-
schen %Metaphysik wollte Kant eine SelbstprÝ- rung. Dennoch nutzt die Vernunft ihre Ideen,
fung der menschlichen Vernunft in Gang setzen, um die Ansammlung der %empirischen Einzel-
die Ýber Ausmaß und Grenze der menschen- erkenntnisse in einer Gesamtperspektive zu ord-
mÚglichen Erkenntnis sicheren Aufschluss ge- nen. So bezeichnet etwa die Vernunftidee vom
ben kÚnnen sollte. Genau dies versucht die Kri- Weltganzen aller erfahrbaren GegenstÈnde selbst
tik der reinen Vernunft (1781, 2. Aufl. 1787). Auf keinen anschaubaren Gegenstand; sie stellt aber
der Grundlage der Vernunftkritik sollte Kant zu- einen perspektivischen Einheitsrahmen dar, da-
folge die Metaphysik erneut, diesmal aber wis- mit unsere Erkenntnis in der Unendlichkeit der
senschaftlich haltbar und abgesichert systema- faktischen Einzelerkenntnisse nicht den Ver-
tisch aufgebaut werden. Niemand nach Kant stand zu verlieren braucht. Die dogmatische Me-
konnte daher in dem Versuch, Philosophie oder taphysik aber hatte Kant zufolge die Ideen mit
Metaphysik zu betreiben, in die als unhaltbar er- erfahrungsunabhÈngigen GegenstÈnden identifi-
wiesenen Behauptungen der Zeit vor Kant zu- ziert. Die dogmatisch-metaphysische Rede von
rÝckfallen. Gerade dies macht das kritische Un- %Gott, %Welt, %Freiheit und %Seele ist aber
ternehmen des »Alleszermalmers« Kant, wie ihn sinnlos, weil sie von etwas handelt, das nie Ge-
Moses Mendelssohn genannt hat, zu einem Ein- genstand unserer Erkenntnis werden kann, das
schnitt. also fÝr uns im strengen Sinne keine Existenz
Kants kritische Philosophie zeigt, dass alle Er- hat. Damit erreicht Kant die gesuchte kritische
kenntnis, die objektiv gÝltig genannt werden Grenzziehung.
kann, bestimmten subjektiven Erkenntnisbedin- Die erkenntniskritischen Àberlegungen Kants
gungen unterliegt. Die GegenstÈnde unserer machen demnach die dem %Menschen zugÈng-
Welt sind ihrem ontologischen Status nach wirk- liche ObjektivitÈt von den Bedingungen der Sub-
lich und existieren unabhÈngig von uns; sie sind jektivitÈt abhÈngig. Damit wird aber auch das
aber zugleich ihrer Erkennbarkeit nach ideell, Problem prominent, was unter %Subjekt und
also bewusstseinsabhÈngig, insofern wir sie nur SubjektivitÈt Ýberhaupt zu verstehen ist. In der
nach den formalen Bedingungen unserer Er- transzendentalen %Deduktion der %Kategorien
kenntnisfÈhigkeit Ýberhaupt erkennen kÚnnen. hat Kant die objektive GÝltigkeit der Erkenntnis-
Dies ist der Inhalt von Kants berÝhmter koper- urteile auf eine so genannte »transzendentale
nikanischer Wende in der %Erkenntnistheorie, Apperzeption« zurÝckgefÝhrt. Damit ist eine
fÝr die er auch den Namen »transzendentaler grundlegende %Handlung des Subjekts gemeint,
Idealismus« gewÈhlt hat. Der folgenreiche Kern die darin besteht, sich aller ihm prÈsenten Be-
dieses erkenntnistheoretischen Idealismus ist wusstseinsinhalte prinzipiell als seiner eigenen
die Einsicht, dass wir die GegenstÈnde unabhÈn- ausdrÝcklich bewusst zu werden. Kant hat diese
gig von unseren subjektiven Bedingungen, also Handlung sogar den »hÚchsten Punkt« der
so, wie sie hypothetischer Weise »an sich selbst %Transzendentalphilosophie genannt. Die nach-
betrachtet« sein mÚgen, gar nicht erkennen kÚn- folgenden Idealisten haben darin eine der tiefs-
nen. Stattdessen richten sich die GegenstÈnde ten, aber auch dunkelsten AuskÝnfte Kants ge-
unserer Erfahrung nach genau denjenigen Ge- sehen und genau an diesem Punkt mit ihren al-
setzmÈßigkeiten, unter denen wir allein Erfah- ternativen SystementwÝrfen begonnen. Das Pro-
rung haben kÚnnen. Kant folgert daraus, dass blem der SubjektivitÈt und die Frage, wie Sub-
der %Verstand der %Natur die Gesetze vor- jekte von sich selbst %Bewusstsein haben kÚn-
schreibt. Deshalb kann sie sicherer Erkenntnis- nen, sind auf diese Weise in das Zentrum der
gegenstand der Naturwissenschaft sein. Philosophie um 1800 gerÝckt.
In der Kritik der reinen Vernunft spricht Kant In der praktischen Philosophie untersucht
den %Ideen der %Vernunft einen nicht legiti- Kant die BestimmungsgrÝnde vernÝnftigen Han-
men konstitutiven Charakter fÝr die %Erkennt- delns und die MÚglichkeit der Freiheit des Men-
nis ab und ordnet ihnen einen legitimen regula- schen. Hier wird Kant, im Gegensatz zu seiner
tiven Charakter zu. Das heißt: Durch die Ideen theoretischen Philosophie, schließlich zum Meta-
26 Deutscher Idealismus

physiker. Die Freiheit des Menschen besteht Moralischen und der Freiheit. Dass darin die Ge-
Kant zufolge in der Selbstgesetzgebung des fahr eines Dualismus der Prinzipien liegt, an
Menschen durch seine eigentliche Natur, die dem das Gesamtprojekt zu scheitern droht,
Vernunftnatur. Dass Freiheit wirklich ist, kann stand Kant selbst klar vor Augen, denn sein
allerdings nicht nach den MaßstÈben kritischer drittes kritisches Hauptwerk, die Kritik der Ur-
Erfahrungserkenntnis erkannt werden. Freiheit teilskraft (1790), versucht in einer Art theoreti-
gehÚrt zur Ýberempirischen Vernunftwelt, nicht schem BrÝckenschlag die Verbindung von Natur
zur naturgesetzlich bestimmten Erfahrungswelt, und Freiheit. Das Buch hat die %•sthetik und
deshalb betrifft sie den intelligiblen Charakter die organische Naturphilosophie zum Gegen-
des Menschen und nicht seinen empirischen. stand. In beiden FÈllen ist das Subjekt weder er-
Reine Vernunft gibt sich im Praktischen selbst kennend noch handelnd. Es reflektiert vielmehr
nach ihren eigenen MaßstÈben das Gesetz; sie Ýber das subjektiv mÚgliche Erkennen und Han-
ist in diesem Sinne autonom. Das Gesetz ver- deln in Bezug auf die Welt selbst. In der Èstheti-
nÝnftigen Handelns drÝckt Kant in der Grund- schen Erfahrung erscheinen Erkenntnis und
legung zur Metaphysik der Sitten (1785) und in Welt in einem harmonischen VerhÈltnis; die
der Kritik der praktischen Vernunft (1788) mit schÚnen Dinge zeigen Kant zufolge an, dass wir
dem berÝhmten kategorischen Imperativ aus. Es als Subjekte in die Welt passen. DarÝber hinaus
ist ihm zufolge kategorisch geboten derart zu erfahren wir das SchÚne derart, als hÈtte eine
handeln, dass die Prinzipien des Handelns ver- vernÝnftige Natur diese Dinge zweckmÈßig so
allgemeinerungsfÈhig zu Handlungsprinzipien und nicht anders eingerichtet, auch wenn sich
aller vernÝnftigen Subjekte gemacht werden dieser Plan unserer Erkenntnis im strengen Sin-
kÚnnen. Dieses Gesetz drÈngt sich Kant zufolge ne entziehen muss. Das SchÚne erscheint dem-
jedem vernÝnftigen Subjekt unmittelbar auf; nach, als ob es die Wirklichkeit freier Vernunft
dass wir uns durch dieses Gesetz genÚtigt und wÈre; es ist, wie Kant in einer berÝhmten For-
in die Pflicht genommen fÝhlen, ist fÝr ihn eine mulierung sagt, das Symbol des Sittlich-Guten.
unbezweifelbare Tatsache, ein »Faktum der Ver- In der reflektierenden %Naturphilosophie er-
nunft«. Im Gegensatz zur Kritik der reinen Ver- scheint ganz parallel die organische Natur, als
nunft gilt in Kants Moralphilosophie daher die ob sie auf einen vernÝnftigen Endzweck hin an-
Wirklichkeit der Freiheit als bewiesen. Neben gelegt wÈre. Mit dieser Als-ob-Konstruktion des
der Freiheit kommen auch die Ideen von der Un- reflektierenden Subjekts versucht Kant die Ver-
sterblichkeit der Seele und der Existenz Gottes sÚhnung zwischen Natur und Freiheit. Genau
in der Kritik der praktischen Vernunft wieder vor. dadurch ist Kants dritte Kritik von außerordent-
Sie haben hier den Status von Postulaten; sie licher Bedeutung fÝr den deutschen Idealismus
gelten also, auf dem metaphysischen Standpunkt gewesen. An dem Stellenwert, den die •sthetik
reiner praktischer Vernunft, als notwendige Vo- in der nachkantischen Philosophie von Schiller
raussetzungen. FÝr die praktische Philosophie an einnimmt, ist dies ebenso abzulesen wie an
des Idealismus ist diese Postulatenlehre beson- der spekulativen Naturphilosophie %Schellings
ders wichtig geworden. In den Schriften zur po- und Hegels.
litischen Theorie und zur Rechtsphilosophie hat Die Art und Weise, in der der so genannte
Kant dann auch versucht, auf der Grundlage des deutsche Idealismus an Kant angeschlossen hat,
Moralprinzips Rechtsprinzipien vernÝnftiger wird durch eine Bemerkung Schellings in einem
Subjekte in staatlichen Gemeinschaften zu ent- Brief an Hegel vom 6. Januar 1795 sehr deutlich:
wickeln. In den geschichtsphilosophischen Auf- »Die Philosophie ist noch nicht am Ende. Kant
sÈtzen versucht Kant schließlich, die Entwick- hat die Resultate gegeben: die PrÈmissen fehlen
lung der neueren Geschichte der Staaten und noch. Und wer kann Resultate verstehen ohne
Verfassungen als Fortschritt der Menschheit im PrÈmissen?« Nicht also ein Generalverdacht ge-
Sinne einer schrittweisen Verwirklichung von gen das System Kants hat die idealistische Phi-
Vernunft und Freiheit zu lesen. losophie in Gang gebracht, sondern der Gedan-
In Kants Philosophie steht die empirische ke, dass eine insgesamt durchaus zutreffende
Welt der Natur und ihrer Erkenntnis nahezu un- philosophische Position die konstruktive Haupt-
verbunden neben der Ýbersinnlichen Welt des aufgabe, nÈmlich die Grundlegung der Philoso-
Deutscher Idealismus 27

phie in ihren Prinzipien, noch offen gelassen ha- hard Reinhold als offizieller Vertreter der kanti-
be. Vor allem drei Motive der kantischen Phi- schen Philosophie gelehrt. Reinhold hat zum ei-
losophie sind es, die den deutschen Idealismus nen mit Blick auf das mit Spinoza verbundene
in Gang gesetzt haben: 1. die Suche nach einer System-Modell einen obersten Grundsatz der
angemessenen Theorie der SubjektivitÈt; 2. die Philosophie gefordert, aus der sie ihre gesamten
Ausarbeitung einer adÈquaten Systemform der weiteren SÈtze abzuleiten habe, um als gesichert
Philosophie mit einem widerspruchsfreien Kon- gelten zu kÚnnen. Zum anderen war er der Auf-
zept des Absoluten; 3. die Verbindung der Prin- fassung, dass das eigentliche grundlegende Prin-
zipien der theoretischen und der praktischen zip der Kritik der reinen Vernunft der nirgends
Philosophie. In den vielfÈltigen Versuchen einer geklÈrte Begriff der Vorstellung, also des Be-
prinzipientheoretischen Grundlegung hat sich wusstseinsinhaltes im allgemeinsten Sinne, sei.
der Idealismus dann vom Anliegen und der Ge- Daraus hat Reinhold in immer neuen AnlÈufen
stalt der Philosophie Kants weit entfernt. Dabei versucht, eine Grundsatzphilosophie zu ent-
ist es wichtig zu sehen, dass der deutsche Idea- wickeln, deren oberster Satz der so genannte
lismus nicht lediglich ein PhÈnomen weniger Satz des Bewusstseins ist.
hochrangiger Autoren nach Kant, von %Fichte Fichte, der 1794 Reinholds Lehrstuhl in Jena
und Schelling zu Hegel, gewesen ist. An der Ge- Ýbernommen hat, ist Reinhold in der Forderung
dankenentwicklung haben eine Vielzahl von Au- nach einer Philosophie aus GrundsÈtzen gefolgt,
toren teilgehabt, die auf den engeren Bereich nicht aber in deren Ausgestaltung. Den dedukti-
der akademischen Philosophie auch gar nicht ven Systemzusammenhang nach dem Vorbild
beschrÈnkt gewesen sind und die sich dem heu- von Euklid und Spinoza hat Fichte fÝr eine wis-
tigen Betrachter in einer Vielfalt zum Teil kom- senschaftliche Philosophie, die die Grundlage al-
plexer personeller und geographischer Konstella- ler weiteren Einzelwissenschaften bilden soll,
tionen darstellen. ausdrÝcklich gefordert. Fichte hat diesen Zusam-
Die frÝhe Diskussion der Philosophie Kants menhang in seiner Wissenschaftslehre aufzustel-
ist im Kreis der Berliner AufklÈrung um Moses len versucht, die er zuerst 1794/95 vorgetragen
Mendelssohn zunÈchst mit einem Streit um ihre hat und von der es mehrere zum Teil radikale
mÚglichen atheistischen Konsequenzen verbun- Neufassungen gibt. Hier ist zum ersten Mal in
den gewesen. Daran ist der von DÝsseldorf aus der nachkantischen Philosophie mit aller Kon-
wirkende Literat und Denker Friedrich Heinrich sequenz und Strenge der Versuch verwirklicht,
Jacobi als einer der großen gedanklichen Anre- alle GegenstÈnde der (kantischen) Philosophie
ger der Epoche wesentlich beteiligt gewesen. Da- in einem einzigen strengen Systemzusammen-
bei ist weniger seine eigene originelle Position hang aus den bislang noch unentdeckten Prinzi-
maßgeblich gewesen als vielmehr sein Hinweis pien Schritt fÝr Schritt herzuleiten und damit ei-
auf die Ethik %Spinozas, in der er das beispiel- ne vernÝnftige Beschreibung der Welt insgesamt
hafte und konsequenteste Modell aller Philoso- zu liefern.
phie verwirklicht sah: das Modell eines mecha- Fichtes Ansatzpunkte, diese Systemaufgabe
nisch durchorganisierten Ableitungszusammen- zu lÚsen, sind vor allem zwei offen gelassene
hangs allen verfÝgbaren Wissens aus obersten Probleme der kantischen Philosophie: die Theo-
Vernunftprinzipien nach dem Vorbild der geo- rie der SubjektivitÈt und der Dualismus von Na-
metrischen Methode des Euklid. Jacobis Nach- tur und Freiheit (oder von theoretischer und
wirkung ist vor allem darin begrÝndet, dass vie- praktischer Philosophie). An die Spitze des Sys-
le Idealisten nach ihm ganz gegen seine eigene tems stellt Fichte demzufolge vor alle weiteren
Absicht der Auffassung waren, dass die prinzi- GrundsÈtze einen obersten Grundsatz, der bei-
pientheoretische Grundlegung von Kants Phi- des berÝcksichtigt: »Das Ich setzt ursprÝnglich
losophie nach genau diesem Modell zu verfah- schlechthin sein eigenes Sein.« Dieser Grund-
ren habe. satz betrifft zum einen die SubjektivitÈt und
Diese Auffassung und damit ein wesentlicher handelt vom %Ich, und er drÝckt zum anderen
Teil der Entwicklung der idealistischen Philoso- eine Handlung dieses Ichs aus, die allem theo-
phie ist in besonderer Weise mit der UniversitÈt retischen Weltverhalten noch vorgeordnet ist.
Jena verbunden. Dort hat lÈngere Zeit Karl Leon- Fichte erhebt den Anspruch, damit das »Absolu-
28 Deutscher Idealismus

te« angemessen ausgedrÝckt zu haben, also das- den Zusammenhang von Philosophie, Dichtung
jenige, das jenseits und losgelÚst von den Sub- und Sprache.
jekt-Objekt-Beziehungen unserer Erfahrungswelt Aus der TÝbinger Konstellation ist als Erster
besteht und aus dem alle praktischen und theo- Schelling eigenstÈndig hervorgetreten. In seinen
retischen VerhÈltnisse abgeleitet werden kÚn- frÝhen Schriften folgt er der Anregung Fichtes,
nen. Die zahlreichen Korrekturen, die Fichte das Prinzip der Philosophie als absolute Subjek-
dann in den folgenden Jahren an seiner Wissen- tivitÈt zu denken und zum Ausgangspunkt eines
schaftslehre vorgenommen hat, betreffen vor al- formal an Spinoza orientierten Systems zu ma-
lem die Frage, wie SubjektivitÈt und %Selbst- chen (Vom Ich als Prinzip der Philosophie, 1795).
bewusstsein, auf denen das System der Wissen- Sehr bald profiliert sich Schelling jedoch mit ei-
schaftslehre ja aufbaut, widerspruchsfrei kon- ner originellen Naturphilosophie, die vom orga-
zipiert werden kÚnnen. In der praktischen Phi- nischen Naturbegriff in Kants Kritik der Urteils-
losophie hat Fichte vor allem eine politische Phi- kraft ausgeht und den Gedanken formuliert,
losophie auf der Grundlage der SubjektivitÈts- dass die Natur selbst vernÝnftig aufgefasst wer-
theorie der Wissenschaftslehre entwickelt. Das den muss (Ideen zu einer Philosophie der Natur,
Theorem der wechselseitigen Anerkennung ver- 1799). Diese Naturphilosophie ergÈnzt die ab-
nÝnftiger Subjekte, das die Grundlage des strakte Ich-Reflexion Fichtes insofern, als sie die
RechtsverhÈltnisses bilden soll, hat Ýber Hegel RealitÈt der objektiven Welt ihrerseits als phi-
und %Marx bis in die gegenwÈrtige Sozialphi- losophische Herausforderung begreift. Schelling
losophie gewirkt. entwickelt dabei die fortgeschrittensten Ergeb-
In Gestalt einer aufgeklÈrten Theologie er- nisse der zeitgenÚssischen Naturforschung unor-
reichte die Philosophie Kants in den neunziger thodox und spekulativ weiter. Die Natur gilt
Jahren des 18. Jhs. eine ganze Generation von Schelling nicht als das schlechthin Andere des
Theologiestudenten, zu denen im sÝddeutschen vernÝnftigen Subjekts, sondern als Objektivation
Raum Hegel, Schelling und HÚlderlin gehÚrten, eben dieser Vernunft. Daher vermag sich das
die im TÝbinger Stift gemeinsam studiert haben. Ich in der Natur wiederzuerkennen und die Phi-
Alle drei sind Leitfiguren je eigener Versionen losophie zu einer denkenden Reflexion der Welt
der idealistischen Philosophie geworden. Zwi- vorzudringen. Schelling entwickelt damit die fÝr
schen TÝbingen und Jena lassen sich auch deut- die idealistische Systemkonstruktion entschei-
liche Spuren einer prinzipiellen Kritik der dende Theorie des objektiven Geistes. Er verbin-
streng systematischen Grundsatzphilosophie det sie mit dem Theorem einer Geschichte des
Reinholds und Fichtes aufweisen, die dem Idea- zu sich selbst kommenden Selbstbewusstseins,
lismus eine andere Wendung gegeben haben. In das sich in den verschiedenen Stadien der Èuße-
die TÝbinger Konstellation gehÚrt ein program- ren Welt schrittweise findet.
matisches Textfragment in Hegels Handschrift, Umgekehrt operiert Schelling im System des
dessen Autor nicht mit letzter Sicherheit fest- transzendentalen Idealismus (1800) mit Fichte
steht und das als •ltestes Systemprogramm des wiederum aus der Perspektive der SubjektivitÈt.
deutschen Idealismus erst 1917 verÚffentlicht Sie hat hier die Gestalt einer fortschreitenden
worden ist. Hier wird das Programm einer neu- Selbstobjektivierung des Ichs, das sich schritt-
en Ethik und Naturphilosophie entworfen, die weise aus sich selbst heraus zur Welt ent-
die kantische Grundlage zwar noch erkennen wickelt. Diese beiden entgegengesetzten, aber
lÈsst, diese aber vor allem in die Perspektive eng zueinander gehÚrenden Hinsichten der Be-
von •sthetik und Geschichtsphilosophie stellt wusstwerdung der Natur und der Naturwerdung
und mit der berÝhmt gewordenen Forderung des Ichs finden sich im System des transzenden-
nach einer neuen Mythologie der Vernunft ver- talen Idealismus von 1800 dann vor allem in der
bindet. Das Programm einer neuen Mythologie, menschlichen Kunstproduktion vereint. Die
unter RÝckgriff auf die Motive aus der grie- Kunst erhÈlt hier erstmals eine herausragende
chischen Antike, ist wohl am konsequentesten und systematisch zentrale Funktion. Schelling
im dichterischen Werk HÚlderlins (1770–1843) hat diese •sthetik in den Vorlesungen zur Phi-
verwirklicht worden. HÚlderlins eigene theoreti- losophie der Kunst (1802 ff.) ausgearbeitet. In
schen und poetischen Reflexionen kreisen um den Jahren nach 1800 hat Schelling dann die
Deutscher Idealismus 29

Theorie des Absoluten in seiner so genannten Mit den Namen Friedrich von Schlegel
IdentitÈtsphilosophie neu gefasst. Deren zentra- (1772–1829) und Novalis (eigentlich: Friedrich
ler Gedankengang besagt, dass das Absolute jen- Freiherr von Hardenberg, 1772–1801) ist jene
seits der Doppelperspektive von Subjektivierung frÝhromantische Konstellation verbunden, die
und Objektivierung gedacht werden muss, also sich in den spÈten neunziger Jahren zunÈchst in
so, dass der endliche Gegensatz von Subjekten Leipzig und Jena, spÈter in Berlin entwickelte.
und Objekten im Absoluten zur Ununterscheid- Schlegel und Novalis haben als LÚsung fÝr die
barkeit, zur Indifferenz oder IdentitÈt, aufgeho- Probleme der nachkantischen Philosophie, ins-
ben ist. Die Vielfalt der Welt soll gegenÝber dem besondere der Wissenschaftslehre Fichtes, eine
indifferenten Absoluten dann mit einer Stufen- Theorie der prinzipiellen IdentitÈt von Philoso-
ordnung verschiedener Potenzen des Geistigen phie und Poesie vorgeschlagen. Der leitende Ge-
und Materiellen erklÈrt werden. Diese komplexe danke dabei ist, dass die Philosophie, vor allem
Potenzenlehre behandelt je verschiedene Zusam- in der Theorie der SubjektivitÈt und der Konzep-
mensetzungen von subjektiven und objektiven tion des Absoluten, in Schwierigkeiten gerÈt, die
Faktoren in den einzelnen Bereichen der objekti- sie mit ihren eigenen Mitteln nicht lÚsen kann.
ven Welt. Einen neuen Weg schlÈgt Schelling Die Poesie hingegen vermag aus eigener Kraft
dann 1809 mit den Philosophischen Untersuchun- in einer besonderen Art des Redens und Schrei-
gen Ýber das Problem der menschlichen Freiheit bens die Intention und den Gegenstand der Phi-
ein, die das alte theologisch-philosophische Pro- losophie zu bewahren. Umgekehrt verliert die
blem der Rechtfertigung Gottes angesichts des Kunst die klassische Unschuld naiver SchÚnheit
BÚsen in der Welt zum Anlass einer spekulati- und wird zu einer philosophischen Reflexions-
ven Neukonzeption der inneren Struktur des Ab- kunst. Schlegel und Novalis haben vor allem die
soluten nehmen, die wichtige Konsequenzen fÝr in sich gebrochenen und dialektischen Kunstfor-
den Àbergang zum SpÈtwerk Schellings und fÝr men des Fragments, der Ironie und der Allego-
die dort einschlÈgige Unterscheidung von negati- rie, auch der Kunstkritik, beschrieben und
ver und positiver Philosophie hat. selbst praktiziert. Die frÝhromantische •sthetik
Im ›klassischen‹ Weimar waren Goethe und ist eine Theorie spezifisch moderner Kunst, die
Schiller als zentrale Figuren des literarischen insbesondere fÝr die Avantgarde und Kunstphi-
und politischen Lebens aufmerksame Teilneh- losophie im 20. Jh. von großem Einfluss gewe-
mer auch der philosophischen Debatten. Ins- sen ist. – In diesen Kontext gehÚrt auch der
besondere Friedrich Schiller (1759–1805), der in Theologe Schleiermacher, der aus der Reflexion
Jena %Universalgeschichte lehrte, hat in seinen der romantischen GesprÈchskonstellation heraus
Èsthetischen Schriften zentrale Probleme der (Theorie des geselligen Betragens, 1799) zu einem
kantischen Philosophie fortgefÝhrt. Im Mittel- eminenten Vertreter der protestantischen Theo-
punkt von Schillers Werk steht der Versuch, ei- logie in Deutschland geworden ist (Reden Ýber
nen Freiheitsbegriff zu entwickeln, der den die Religion an die Gebildeten unter ihren VerÈch-
strengen Dualismus von Natur und Freiheit bei tern, 1799), der nebenbei die umfangreiche
Kant Ýberwindet. Als vermittelnde Instanz setzt Àbersetzung der Dialoge %Platons ins Deutsche
Schiller, der Anregung Kants folgend, das geleistet hat und spÈter neben Hegel zu einer
%SchÚne an, das er als Freiheit in der Weise der großen Figuren der Berliner UniversitÈt ge-
der %Erscheinung deutet. Auch die Kategorie worden ist.
des Erhabenen, die eine wichtige Rolle in Kants Ein erster wirklicher Einschnitt der Epoche
Kritik der Urteilskraft gespielt hatte, ist fÝr Schil- war erreicht, als Hegel in Jena mit seiner PhÈno-
lers theoretische Reflexionen und vor allem fÝr menologie des Geistes (1806/07) zum ersten Mal
deren Umsetzung in seinen Dramen von großer nicht nur einen weiteren Systementwurf unter
Bedeutung. In seinen Briefen Àber die Èstheti- all den vielen anderen prÈsentieren wollte, son-
sche Erziehung des Menschen (1795) verbindet dern zugleich damit den Anspruch erhob, die
Schiller die vermittelnde Funktion der •sthetik FÝlle der BÝcher und Systeme auch seiner eige-
mit einer Theorie des Spiels, das programma- nen Zeit begrifflich erfasst und Ýberwunden zu
tisch in die politische und moralische Bildung haben. In diese spÈtere, sich selbst historisch re-
des Menschen integriert werden soll. flektierende Phase des deutschen Idealismus
30 Deutscher Idealismus

fÈllt die Entwicklung von Hegels eigenem Sys- weilige Theorie dasjenige, was ihr als das Abso-
tem. Seit 1816 hat er es als weithin berÝhmter lute gilt, auch hinreichend erfassen kann. Die
Professor in preußischen Diensten dann an der Philosophie selbst erzielt aber im Aufarbeiten
Berliner Humboldt-UniversitÈt einem großen in- dieser WidersprÝche immer grÚßere Fortschritte
ternationalen Publikum vorgetragen. Bis zu sei- fÝr die Ausarbeitung ihrer eigenen Gestalt. Denn
nem Tode 1831 hat Hegel auf diese Weise die of- die Wissenstypen werden im Laufe der PhÈno-
fizielle Gestalt der idealistischen Bewegung ver- menologie immer weniger widerspruchsvoll; das-
kÚrpert. jenige, was sie unter dem Begriff ›das Absolute‹
Zu den sich abwechselnden und einander als Wahrheit konzipieren, wird dem jeweiligen
Ýberbietenden SystementwÝrfen insbesondere Theorietyp und seinem WissensverstÈndnis im-
seiner eigenen VorgÈnger hat Hegel bereits ein mer zugÈnglicher. Am Ende, in der letzten Wis-
genuin historisches VerhÈltnis. Dies ist die sensgestalt der PhÈnomenologie, sind Wissen
Grunderfahrung, mit der Hegels PhÈnomenologie und Wahrheit in den einzigen nicht mehr wider-
des Geistes von 1806/07 einsetzt: Wenn Fichte, spruchsvollen Theorietyp eingegangen: in das
Schelling und die anderen jene konkurrierenden wahre Wissen, das Hegel »absolutes Wissen«
Systemkonstruktionen errichten, die allesamt nennt.
den Anspruch erheben, das Absolute und die Der historisch reflektierte Gang durch die ty-
Wahrheit endgÝltig und einzig angemessen dar- pisierten Positionen der Philosophiegeschichte
zustellen, dann hat letztendlich keine dieser Po- ist fÝr Hegels eigene Philosophie notwendig ge-
sitionen Recht. Hegels Diagnose zufolge hat je- wesen; jetzt erst kann es eine nicht naive, Ýber
des neue idealistische %System einfach nur be- sich aufgeklÈrte Kategorienlehre des Denkens
hauptet, es sei im Gegensatz zu seinen VorgÈn- geben, der nicht mehr zum Vorwurf gemacht
gern das wahre System; kein einziges dieser werden kann, sie befinde sich in widerspruchs-
Systeme hat diese Behauptung aber in Aus- voller Distanz zum Absoluten. Diese Lehre vom
einandersetzung mit seinen VorgÈngern wirklich absoluten Wissen hat Hegel in der Wissenschaft
gezeigt. Hegel geht historisch reflektierter vor, der Logik (1812–16) ausfÝhrlich dargestellt. Ihr
indem er sich auf die Positionen seiner VorgÈn- Gegenstand ist das reine Denken des Absoluten
ger ausfÝhrlich einlÈsst und diese mit ihren je- selbst, das schrittweise seine eigenen Denk-
weiligen eigenen Mitteln derart in WidersprÝche bestimmungen entfaltet. Aber ganz Èhnlich der
verwickelt, dass sie schließlich nach ihren eige- PhÈnomenologie liefert auch diese Darstellung
nen MaßstÈben unhaltbar werden. das Absolute nicht unvermittelt und mit einem
Die PhÈnomenologie fÝhrt diese Auseinander- Male; das angemessene Denken des Absoluten,
setzung, indem sie die historischen Gestalten die so genannte »absolute Idee«, steht erst am
der Philosophie auf eine ideale Abfolge von Ty- Ende der Wissenschaft der Logik. Wiederum ist
pen des %Wissens bezieht. Diese typologischen der Fortschritt innerhalb dieser Kategorienlehre
Theorieformen geben in Hegels Deutung jeweils methodisch angeleitet: Jede Kategorie, die fÝr
unterschiedliche Auskunft darÝber, was gesi- sich in Anspruch nimmt, das Absolute angemes-
chertes Wissen sein soll, worin seine Absiche- sen zu denken, erweist sich bei grÝndlicher Be-
rung besteht und was im Rahmen dieser jeweili- trachtung dazu als ungeeignet; indem das Den-
gen Auffassung von Wissen dann %Wahrheit ken dieses UngenÝgen benennt und reflektiert,
heißt. Keine dieser »Gestalten des erscheinenden ist es in eine neue Kategorie Ýbergegangen. Am
Wissens«, die die PhÈnomenologie Kapitel fÝr Ende der Wissenschaft der Logik hat Hegel dieses
Kapitel auffÝhrt, kann aber als widerspruchsfrei eigentÝmliche Vorgehen auch eigens als Metho-
gelten, weil sich dasjenige, was jeweils ›Wahr- de ausgezeichnet: Es ist die berÝhmte dialekti-
heit‹ heißen soll, in keinem Fall mit demjenigen sche Methode. Mit jeder weiteren Kategorie ge-
deckt, was das Wissen dem eigenen Anspruch langt das Denken dialektisch immer mehr zu
nach jeweils leisten kann. Hegels ganz beispiel- dem, was es sein will: Denken des Absoluten.
loses phÈnomenologisches Vorgehen besteht da- Das Absolute hat sich erst nach langer begriff-
rin, diese Theorien nicht abstrakt an einem Èu- licher Arbeit als Resultat seiner eigenen Bewe-
ßerlichen Begriff von ›dem Absoluten‹ zu mes- gung zu sich selbst ergeben. Es muss daher He-
sen, sondern stets intern zu prÝfen, ob eine je- gel zufolge seinerseits als Subjekt verstanden
Deutscher Idealismus 31

werden, also als etwas, das erst selbsttÈtig und tig ist, so Hegel, das ist wirklich, und was wirk-
in stÈndiger Auseinandersetzung zu sich selbst lich ist, das ist vernÝnftig.
kommt. In der Tat beansprucht Hegels Theorie Die denkende Betrachtung der uns zugÈng-
des Absoluten auch, eine angemessene Theorie lichen RealitÈtsbereiche auf der Grundlage die-
der SubjektivitÈt zu sein und auch auf diese ser Geistkonzeption macht den Inhalt des hegel-
Weise die von Kant gestellten Probleme zu ei- schen Systems aus. Dabei operiert Hegel mit ei-
nem Ende gebracht zu haben. ner idealtypischen historischen Stufenfolge von
Die Wissenschaft der Logik ist die Grundlage verschiedenen Formen des Geistes. Eine Reihe
und der Ausgangspunkt fÝr Hegels System, so von Disziplinen der Philosophie wie auch der
wie es in der mehrfach bearbeiteten EnzyklopÈ- Geisteswissenschaften insgesamt haben hier ei-
die der philosophischen Wissenschaften (1817, ne originelle Gestalt gefunden. In seinen Vor-
weitere Auflagen 1827 und 1830) schließlich Ge- lesungen Ýber die •sthetik interpretiert Hegel
stalt angenommen hat. Denn das Denken, das das Kunstwerk als sinnliches Erscheinen des
sich selbst in der absoluten Idee als wahres Wis- Absoluten und entwirft daraus eine materialrei-
sen vom Absoluten durchsichtig gemacht hat, che, historisch und kulturell weit ausgreifende
geht nach Hegels Konzeption in die Philosophie •sthetik. Seine Kunstauffassung hat klassizisti-
der wirklichen Welt Ýber. Im Zentrum dieser sche ZÝge und ist eher von einer Abwertung
Konzeption steht der Begriff eines Absoluten, moderner Kunst geprÈgt. Dabei ist Hegels Me-
das zur %Wirklichkeit gerade nicht in einem thode, die Kunst in historischer Entwicklung
VerhÈltnis ursprÝnglicher Trennung steht. Seit aufzufassen, zum Vorbild der spÈteren Kunst-
seinen frÝhesten Schriften hat Hegel zeitdiag- geschichte geworden. Die Grundlinien der Phi-
nostisch die Moderne als Zeitalter der Entzwei- losophie des Rechts (1821) entwickeln auf der
ung beschrieben: Abstrakte philosophische Ide- Grundlage einer Kritik der kantischen Moral-
en stehen unvermittelt und unversÚhnlich der und Staatsphilosophie eine Lehre von der Sitt-
Wirklichkeit gegenÝber. Die PhÈnomenologie hat- lichkeit politischer Gemeinschaft in Familie, bÝr-
te am Beispiel der FranzÚsischen Revolution gerlicher Gesellschaft und Staat. Hegel bean-
und der anschließenden Schreckensherrschaft sprucht dabei, die FreiheitsansprÝche des mo-
das beherrschende politische Ereignis der Epo- dernen Subjekts in einer Theorie der Institutio-
che als einen Àbergang abstrakter Ideen von nen des modernen Verfassungsstaates zu ihrem
Freiheit und Gleichheit in eine damit unvermit- eigentlichen und positiven Ziel gefÝhrt zu ha-
telbare RealitÈt interpretiert. ben. In den Vorlesungen Ýber die Philosophie der
Mit dem Programm einer VersÚhnung der ent- Geschichte interpretiert Hegel dann auch den ge-
zweiten GegensÈtze von Vernunft und Welt, von samten Gang der Weltgeschichte als Fortschritt
Absolutem und Wirklichkeit, tritt Hegel gegen im Bewusstsein der Freiheit. Hegels Rechtsphi-
die Philosophie der modernen Welt um 1800 losophie ist, zumal in ihrer Orientierung an anti-
und gegen den bisherigen deutschen Idealismus ken Staatsvorstellungen, einer der wenigen Ge-
an. Die Idee soll der Wirklichkeit nicht abstrakt genentwÝrfe zur spezifisch neuzeitlichen Kon-
entgegengesetzt, sondern mit ihr wesentlich ver- zeption politischer Philosophie, zur naturrecht-
bunden sein. Das heißt zweierlei: Einerseits lichen %Vertragstheorie von %Hobbes bis zu
steht das Absolute unter dem Zwang, in der Rousseau und Kant geblieben.
wirklichen Welt Ausdruck und Gestaltung zu Nur die spÈte Philosophie Schellings hat dann
finden; andererseits muss die Wirklichkeit in ei- noch den Versuch unternommen, auf einer idea-
ner angemessenen philosophischen Betrachtung listischen Grundlage gegen den Absolutheits-
ihrerseits vernÝnftig angesehen werden. In dem anspruch des hegelschen Systems eine andere,
Maße, in dem Vernunft sich manifestieren muss, weniger abgeschlossene Form der Philosophie
muss die Welt selbst auch als vernÝnftig begrif- zu entwickeln. Im Mittelpunkt von Schellings
fen werden. Terminologisch nennt Hegel diese SpÈtphilosophie steht die Unterscheidung einer
Figur eines mit der Wirklichkeit vermittelten negativen, durch Kritik und Dialektik gekenn-
Absoluten ›Geist‹. In der Vorrede seiner Grund- zeichneten Philosophie von einer positiven Phi-
linien der Philosophie des Rechts ist der Sinn die- losophie, die den Umstand akzeptiert, dass das
ser Rede vom Geist klar benannt: Was vernÝnf- Sein des Absoluten sich jedem verfÝgbaren Wis-
32 Neunzehntes Jahrhundert

sen entzieht und nur als absolute Transzendenz beginnt, sich in unterschiedliche Vernunftarten
Gottes konzipiert werden kann. Hier widersetzt aufzuspalten. Dadurch erobert sich die Philoso-
sich Schelling grundsÈtzlich der Forderung des phie zahlreiche neue Themengebiete: Sie wird
hegelschen Idealismus, das Absolute mÝsse im Religions- und Politik-Kritik und historisch-kriti-
System des Begriffs rational darstellbar sein. Die sche Theorie von Gesellschaft und Wirtschaft
Entwicklung der positiven Philosophie fÝhrt mit politischer Intention (Linkshegelianismus,
Schelling zurÝck zu den alten Àberlieferungsfor- %Marx), Philosophie der Existenz und des indi-
men des Mythos (Philosophie der Mythologie) viduellen Lebens (%Kierkegaard, %Schopenhau-
und zur Figur der Offenbarung (Philosophie der er, %Nietzsche), Philosophie der historischen
Offenbarung). Schelling ist 1841 unter großer Welt und ideenrekonstruierende Geschichts-
Aufmerksamkeit der intellektuellen Welt auf He- schreibung (Historismus, %Dilthey), %Erkennt-
gels Professur in Berlin berufen worden; unter nistheorie und mathematischer Logik (%Positi-
seinen HÚrern waren so unterschiedliche Per- vismus, %Frege, Neukantianismus). Eine Ein-
sÚnlichkeiten wie Engels und %Kierkegaard. heit dieser unterschiedlichen Gebiete ist nicht
Schellings Wirkung leitet bereits Ýber in die mehr abzusehen. Damit wendet sich das 19. Jh.
Philosophie des spÈteren, nachidealistischen 19. auflÚsend gegen das metaphysische Erbe des
Jhs. %Idealismus und bereitet die Themen vor, die
E. Cassirer, Das Erkenntnisproblem in der Philosophie
noch das 20. Jh. und die Gegenwart beherrschen.
und Wissenschaft der neueren Zeit, 4 Bde., Die Auseinandersetzung um die Philosophie
1906 1957, Darmstadt 1973 f. [mehrere Nachdrucke] %Hegels ist seit den dreißiger Jahren des 19.
G. Gamm, Der deutsche Idealismus. Eine EinfÝhrung in Jhs. vor allem in religionsphilosophischen und
die Philosophie von Fichte, Hegel und Schelling, politischen Fragen gefÝhrt worden; der Kern von
Stuttgart 1997 Hegels Philosophie, die spekulative %Logik,
R. P. Horstmann, Die Grenzen der Vernunft. Eine Un
stand dabei weniger im Mittelpunkt. Die folgen-
tersuchung zu Zielen und Motiven des Deutschen
Idealismus, Frankfurt/M. 1991 reiche Aufspaltung in eine althegelianische oder
W. Stegmaier / H. Frank, Hauptwerke der Philosophie ›rechte‹ Hegelschule einerseits, in eine jung-
von Kant bis Nietzsche. Interpretationen, Stuttgart hegelianische oder ›linke‹ Hegelschule anderer-
1997 seits ist im Anschluss an die Diskussion des Le-
G. K. ben Jesu (1835–36) von David Friedrich Strauß
vollzogen worden. Im Mittelpunkt dieser heute
nur schwer zugÈnglichen Debatte standen die
Neunzehntes Jahrhundert Die Philosophie Frage nach der personalen oder pantheistischen
des 19. Jhs. ist in jedem Sinne nachidealistisch. Interpretation der Idee %Gottes und das Pro-
Sie bildet sich als Kritik des %deutschen Idea- blem einer historischen und anthropologischen
lismus, vor allem des hegelschen Systems, ab Neudeutung des Christentums und der Evan-
den zwanziger Jahren heraus. In nahezu allen gelien. Eine gegenÝber der theologischen Ortho-
kulturellen, politischen und gesellschaftlichen doxie destruktive Religionskritik ist das Ergeb-
Bereichen ist das 19. Jh. von VerÈnderungen nis gewesen.
und UmbrÝchen gekennzeichnet, die fÝr eine Von besonderer Wirkung sind in diesem Zu-
spekulativ-idealistische Philosophie nicht mehr sammenhang die Schriften Feuerbachs gewesen.
gÝnstig sind. Das Zeitalter der Industrialisierung In Das Wesen des Christentums (1841) fÝhrt er
und ein enormer Erfolg der technisch angewand- Theologie und Religion auf ihre anthropologi-
ten Naturwissenschaften gehÚren zu den Ten- schen Grundlagen zurÝck. Dabei verfÈhrt seine
denzen der Epoche ebenso wie ein tiefgreifender %Kritik so, dass die Inhalte der Religion als Pro-
Úkonomisch-sozialer Wandel und die politische jektionen des Menschen in seiner natÝrlichen
Durchsetzung des BÝrgertums im Zeitalter der und historischen Umgebung gelesen werden.
%Revolutionen. Von einer Ýbergreifenden und Dieses Verfahren hat deutliche Spuren in der
zeitlosen %Vernunft und einem einheitlichen Ideologiekritik des Marxismus oder in der Reli-
%System der Philosophie ist nicht mehr die Re- gions- und Kulturkritik Siegmund Freuds hinter-
de. Die Vernunft wird vielmehr in historische lassen. FÝr die Religionskritik hat Feuerbach da-
und gesellschaftliche Kontexte eingeordnet und mit exemplarisch geleistet, was weite Teile der
Neunzehntes Jahrhundert 33

nachhegelschen Philosophie insgesamt kenn- waren der Àberzeugung, dass Hegels Staatsphi-
zeichnet: die RÝckfÝhrung der idealistisch-spe- losophie insgesamt noch in die Wirklichkeit
kulativen Kategorien wie etwa Vernunft, %Idee ÝberfÝhrt werden mÝsse und nicht bereits im
oder Gott auf eine materialistische Grundlage, in zeitgenÚssischen Staat ihre ErfÝllung gefunden
der sinnlich-physiologische, anthropologische habe. Eine Tendenz zu radikaler Neuerung ist
und kontingente historische Faktoren die be- die Folge davon gewesen, die ihre prominenteste
stimmende Rolle spielen. Diese Versinnlichung und historisch wirkungsvollste Gestalt schließ-
und Verendlichung der idealistischen Vernunft- lich im Marxismus gefunden hat.
konzeption ist das Kennzeichen aller nachidea- Im Mittelpunkt der nachhegelschen Philoso-
listischen oder »nachmetaphysischen« Philoso- phie steht insbesondere Marx. Eine Reihe seiner
phie geworden. Schriften sind im franzÚsischen und englischen
Zu den Althegelianern ist vor allem jene Exil in einer Arbeitsgemeinschaft mit Engels ge-
Gruppe von SchÝlern zu zÈhlen, die in den drei- schrieben. Marx gehÚrte wÈhrend seines Studi-
ßiger Jahren die erste Gesamtausgabe der Werke ums in Berlin zur linkshegelianischen Gruppe.
Hegels herausgegeben hat (Werke. VollstÈndige Er hat jedoch bald eine grundlegende Kritik der
Ausgabe durch einen Verein von Freunden des Ver- hegelschen Rechtsphilosophie formuliert, die
ewigten, 1832–1845). Eine Reihe von Vorlesun- entscheidend von der Religionskritik Feuerbachs
gen Hegels sind hier anhand von Nachschriften beeinflusst ist. RechtsverhÈltnisse und Staatsfor-
zum ersten Mal verÚffentlicht worden. Als erster men sollen demnach nicht als abstrakte Forma-
Biograph Hegels ist Rosenkranz hervorgetreten. tionen des objektiven Geistes gedeutet werden
Er hat in neuerer Zeit durch seine •sthetik des kÚnnen, sie mÝssen vielmehr auf der Grundlage
HÈßlichen (1853) wieder Beachtung gefunden, der materiellen, sozialen und Úkonomischen Le-
die sich um eine Èsthetische Wertung moderner bensverhÈltnisse erklÈrt werden. Marx behÈlt
%Kunst bemÝht, in der Bewahrung des hegel- Hegels dialektische Methode weitgehend bei,
schen Klassizismus letztlich aber nur zur Ab- entfaltet sie jedoch auf materialistischer Grund-
wertung der Moderne fÝhrt. Die Tendenz der Al- lage neu. Zum endgÝltigen Bruch mit dem
thegelianer, Hegels Philosophie zu konservieren Linkshegelianismus ist es dann in der mit En-
und in historischen Spezialforschungen zu ver- gels geschriebenen Deutschen Ideologie und in
tiefen, wird daran sichtbar. Die umfangreichste der Heiligen Familie oder die Kritik der kritischen
Kunstphilosophie nach dem Vorbild von Hegels Kritik (1844) gekommen. Der Grund dafÝr liegt
•sthetik-Vorlesungen hat dann Vischer in seiner im Problem des Àbergangs von Theorie in Pra-
dreibÈndigen •sthetik oder Wissenschaft des xis. Dabei wurde die Àberlegung bestimmend,
SchÚnen (1846–57) vorgelegt. Die erste kritisch- dass die (hegelsche) Philosophie nicht lediglich
historische Hegeldarstellung hat Rudolf Haym durch theoretische und ideologiekritische Refle-
geliefert (Hegel und seine Zeit, 1857), der die xion aufgelÚst werden kann, sondern vielmehr
Verteidigung der hegelschen Philosophie weit- praktisch durch politikkritisches Handeln Ýber-
gehend durch deren historische ErklÈrung er- wunden werden muss. Die von Marx geforderte
setzt. Die historische Tendenz hat dann ihre Ausweitung der Kritik auf die reale Politik
deutlichste Konsequenz in den hegelianisch ori- drÝckt sich prÈgnant in der berÝhmt geworde-
entierten großen Philosophiegeschichten des 19. nen letzten der Elf Thesen Ýber Feuerbach (1845)
Jhs. gefunden. Am bekanntesten ist die umfang- aus: »Die Philosophen haben die Welt nur ver-
reiche achtbÈndige Geschichte der neueren Phi- schieden interpretiert, es kÚmmt aber darauf an,
losophie (1852–93) von Kuno Fischer geworden, sie zu verÈndern.«
die von F. %Bacon bis Schopenhauer reicht. Das materialistische Fundament seiner Sozial-
Hier ist der Hegelianismus schließlich in der philosophie hat Marx in einer politischen ³ko-
Absicht, Hegel zu konservieren, zur Historisie- nomie gelegt, die ihn zusammen mit umfangrei-
rung der Philosophie Ýbergegangen, die auf ein chen wirtschafts- und sozialhistorischen Studien
eigenes systematisches Fundament verzichtet. von seinen frÝhen Pariser ³konomisch-Philoso-
Philosophiegeschichtlich folgenreicher ist die phischen Manuskripten (1844, publiziert 1932)
unterschiedliche politische Philosophie der bei- an beschÈftigt hat. Im Mittelpunkt der frÝhen
den Hegelschulen gewesen. Die Linkshegelianer Schriften steht der Begriff der Entfremdung. Er
34 Neunzehntes Jahrhundert

meint im Kern den Umstand, dass dem Arbeiter konfrontiert Kierkegaard eine subjektiv-Èstheti-
Produktionsmittel und Produkt seiner Arbeit als sche mit einer am Allgemeinen orientierten
fremde und selbststÈndige GrÚßen gegenÝber ethischen Lebenshaltung. Als zentrales Thema
treten. Im Kontext der Industrialisierung tritt tritt damit das Problem eines freien Selbstver-
dann die eigentliche Úkonomische Entfremdung hÈltnisses in Verbindung mit einer authenti-
als Folge der Lohnarbeit zutage. Die entwickelte schen LebensfÝhrung hervor. Es wird von Kier-
politische ³konomie hat Marx in seinem Haupt- kegaard zunehmend auf die Erfahrung von exis-
werk Das Kapital (erster Band 1867) dargelegt. tenziellen Ausnahmesituationen zugespitzt, die
In dessen Zentrum steht eine Theorie des Wer- das Individuum zu sich selbst fÝhren, indem sie
tes der von Menschen produzierten Waren, wo- die Bedeutung des gesellschaftlich Allgemeinen
bei Marx zufolge die Arbeitskraft im Falle der außer Kraft setzen. FÝr diese so genannte »teleo-
modernen Lohnarbeit selbst zur Ware geworden logische Suspension des Ethischen« liefert die
ist. Marx analysiert die sozialen und Úkonomi- religiÚse Glaubensbeziehung in Furcht und Zit-
schen VerhÈltnisse mit den Kategorien von tern (1843) das Beispiel. Eine wesentliche Rolle
Mehrwert, KapitalanhÈufung und Ausbeutung; in Kierkegaards Theorie der Existenz spielen die
dabei bedeutet ›Kapital‹ insgesamt das gesell- Extremsituation von Angst und Verzweiflung
schaftliche VerhÈltnis der Menschen im indus- (Der Begriff Angst, 1844; Krankheit zum Tode,
trialisierten 19. Jh. Die geschichtsphilosophische 1849).
Anwendung des %Materialismus fÝhrt Marx zur Auf der Grenze zwischen idealistischer %Me-
Theorie eines gesetzmÈßigen Geschichtsprozes- taphysik und nachmetaphysischer Lebensphi-
ses, der sich als %Dialektik von so genannten losophie steht das Werk von Schopenhauer. In
ProduktivkrÈften und ProduktionsverhÈltnissen seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstel-
darstellt. Der Widerspruch beider VerhÈltnisse lung (1819, weitere Auflagen 1844 und 1859)
treibt die Geschichte in Gestalt von sozialen Re- operiert Schopenhauer mit einer strengen Zwei-
volutionen voran. Der Klassengegensatz von teilung von Welten. Die menschliche Erfahrungs-
Bourgeoisie und Proletariat, der den Kapitalis- welt ist den %Prinzipien von %Grund und %Ur-
mus beherrscht, soll sich in der sozialistischen sache unterworfen; sie ist nach dem Vorbild
Revolution in einen neuen gesellschaftlichen Zu- %Kants von den subjektiven Bedingungen der
stand auflÚsen, in dem mit der Aufhebung des %Erkenntnis abhÈngig und insofern die »Welt
Privateigentums auch die Úkonomische Entfrem- als Vorstellung«. Dagegen stellt Schopenhauer
dung aufgehoben wÈre; seine Staatsform soll die die metaphysische Welt der Dinge an sich, in
klassenlose proletarische Diktatur sein. der das Prinzip des %Willens herrscht. Diese
UrsprÝnglich ebenfalls in das linkshegelia- »Welt als Wille« ist die Grundlage und das inne-
nische Umfeld gehÚrt der dÈnische protestanti- re Wesen der Erfahrungswelt. Im metaphysi-
sche Theologe Kierkegaard. Er hatte als Student schen Mittelpunkt der Welt steht fÝr Schopen-
den spÈten %Schelling in Berlin gehÚrt. Der Ge- hauer demnach kein Vernunftprinzip, sondern
danke eines ›positiven‹ %Seins, das Schelling ein irrationales Grundgeschehen, das in seinem
gegen Hegels Versuch gewendet hatte, Sein und endlosen VorwÈrtsstreben eine zwanghafte und
%Wirklichkeit als vernÝnftigen %Begriff auf- selbstzerstÚrerische Eigendynamik entwickelt.
zufassen, findet in Kierkegaard seine Fortset- Das ist der Hintergrund fÝr die zentrale These:
zung in der Reflexion konkreten menschlichen Alles Lebendige leidet. Demzufolge ist die objek-
Daseins, der Existenz und der Innerlichkeit des tive Welt, in der die Menschen leben, eine Welt
%Individuums. Kierkegaard ist als Hegel-Kriti- des Leidens. Diese pessimistische Weltsicht ist
ker zugleich der erste Vertreter der dann im der Kern von Schopenhauers Philosophie.
20. Jh. einflussreichen %Existenzphilosophie. Eine besondere Rolle spielt die %Kunst in
Dabei hat sich Kierkegaards eigenes Werk in dieser Konzeption. In ihr ist innerhalb der
der Auseinandersetzung mit der frÝhromanti- Erfahrungswelt eine Erkenntnis der metaphysi-
schen Philosophie ausgebildet, deren Subjektivi- schen Willenswelt mÚglich, weil sie die Darstel-
tÈtstheorie er mit den Mitteln philosophisch-Ès- lung der Ideen, der Objektivationen des Willens,
thetischer Reflexion und Ironie fortsetzt. In sei- ist. Zudem sind Schopenhauer zufolge in der Ès-
nem frÝhen Hauptwerk Entweder-Oder (1843) thetischen Erfahrung wenigstens momentweise
Neunzehntes Jahrhundert 35

ErlÚsungszustÈnde wirklich, in denen Leben und pien etwa der christlichen Ethik oder der kan-
Leiden aufgehoben sind. Eine ebenfalls zentrale tischen Moralphilosophie ihren letztverbindli-
Rolle spielt eine %Ethik des Mitleids, in dem chen und Ýberzeitlichen Charakter und werden
die Menschen durch wechselseitige Erkenntnis im Lichte historischer und politischer Macht-
und Anerkennung ihres Leidens die Erschei- und Interesse-Konstellationen neu verstÈndlich.
nungswelt wenigstens zum Teil zu Ýberwinden In einer psychologisch-kritischen Perspektive er-
vermÚgen. Schopenhauer hat schließlich nach scheinen Moral und Religion als Ausdruck einer
dem Vorbild der buddhistischen Lehre gefolgert, unselbststÈndigen Lebenshaltung, die ihre eige-
nur konsequente kontemplative Askese, die im ne SchwÈche durch Rationalisierung zu Ýber-
Idealfall zum bewusstseinslosen Nichts fÝhren decken sucht. Das positive Resultat dieser Kritik
soll, kÚnne eine dauerhafte Entlastung vom Lei- ist die Idee einer LebensfÝhrung aus autonomer
den in der Welt sein. Die Ýberhaupt menschen- Selbstgestaltung, die jenseits der traditionellen
mÚgliche %Freiheit besteht fÝr Schopenhauer in Moral steht und sich die Werte des Handelns
der konsequenten Resignation. Diese pessimisti- nicht vorgeben lÈsst, sondern eigenstÈndig setzt.
schen Elemente seiner Willensmetaphysik haben Nietzsche hat diese Idee unter dem missver-
im spÈteren 19. und frÝhen 20. Jh. zu einer in- stÈndlichen Namen eines neuen Menschen, des
tensiven Rezeption Schopenhauers insbesondere so genannten Àbermenschen, entwickelt und ihr
in Kunst, Musik und Literatur gefÝhrt. vor allem in Also sprach Zarathustra (1883–85)
Einer der in der Kritik idealistischer Vernunft- eine stilprÈgende literarische Gestalt gegeben.
positionen wirkungsvollsten Philosophen im Das Ineinanderfließen von Dichtung und phi-
19. Jh. ist Nietzsche gewesen. Er stand zunÈchst losophischer Reflexion hat zu einer enormen
lange Zeit erkennbar unter dem Einfluss von Wirkung Nietzsches auch in Kunst und Literatur
Schopenhauers pessimistisch-resignativer Wil- gefÝhrt; die tendenziÚse Umdeutung seiner ver-
lensphilosophie. Nietzsches frÝhe Schrift Die Ge- nunftkritischen Philosophie, etwa im Nationalso-
burt der TragÚdie (1872) folgt Schopenhauer da- zialismus, hat lange Zeit dazu beigetragen, ihn
rin, der Kunst die bestimmende Rolle zuzuwei- zu einem der umstrittensten philosophischen
sen, indem sie als die »eigentlich metaphysische Autoren zu machen.
TÈtigkeit« gilt. Sie tritt dem Leben einerseits als Eine der wirkungsvollsten Absetzbewegungen
Heilmittel gegenÝber und fÝhrt andererseits zu gegen den philosophischen Idealismus hat sich
einer Èsthetischen »Rechtfertigung« der Welt; von der Mitte des 19. Jhs. bis heute im Namen
nur in der Kunst, nicht im Leben, ist Nietzsche der %Geschichte etabliert. Die Durchsetzung
zufolge ein sinnvolles Ganzes kohÈrent gestaltet. des historischen Denkens ist auf allen kulturel-
Nietzsche stellt der klassischen griechischen Tra- len Gebieten zu beobachten und fÝhrt zur Erset-
gÚdie vor allem das moderne Musiktheater Ri- zung der idealistischen Geistphilosophie durch
chard Wagners zur Seite, dem er lange Zeit per- historische Disziplinen. Bereits zu Hegels Leb-
sÚnlich und Èsthetisch sehr nahe stand. zeiten war der Streit um die so genannte histori-
Nietzsche folgert dann in seinen spÈteren sche Rechtsschule, vor allem mit Friedrich Carl
Schriften umgekehrt, dass der Mensch sein eige- von Savigny (1779–1861), gefÝhrt worden, die
nes Leben nach dem Vorbild der sinnerfÝllten zur Disziplin der Rechtsgeschichte gefÝhrt hat.
Kunst selbststÈndig und eigengesetzlich zu ge- Hinzu treten Kunstgeschichte, Religions-
stalten habe. Dieser Gedanke setzt eine umfas- geschichte und nicht zuletzt auch Philosophie-
sende Kritik der traditionellen Moralphilosophie geschichte. Besonders deutlich ist diese Tendenz
und Wertsetzungen insgesamt in Gang. Diese in der Entwicklung der Geschichtswissenschaft
Kritik ist fÝr die nachidealistische Philosophie in der ›historischen Schule‹. Sie hat die Deutung
vor allem methodisch als Alternative zur speku- historischer Ereignisse auf die Untersuchung
lativen Vernunftmetaphysik von exemplarischer des je spezifischen historischen Kontextes mit
Bedeutung geworden. Nietzsche rekonstruiert seinen je eigenen RegularitÈten und Besonder-
die %Moral aus ihrer historischen Entwicklung heiten zurÝckgefÝhrt. Das ist gegen ein idealisti-
und erklÈrt sie im Rahmen einer ›Genealogie‹ sches GeschichtsverstÈndnis gerichtet, das ein-
(Jenseits von Gut und BÚse, 1886; Zur Genealogie zelne Ereignisse tendenziell in die Perspektive
der Moral, 1887). Dadurch verlieren die Prinzi- gesetzmÈßig fortschreitender Universalgeschich-
36 Neunzehntes Jahrhundert

te stellt. Das Ziel eines methodisch angeleiteten und daher variabel sind. Das ist der Kern von
Verstehens der historischen VorgÈnge ist fÝr die Diltheys philosophischem Historismus, der fÝr
historische Schule durch das wissenschaftlich die Entwicklung der Hermeneutik im 20. Jh.
abgesicherte Studium der historischen Einzelhei- (%Heidegger, %Gadamer, Blumenberg) bestim-
ten zu erreichen. Die Entwicklung der metho- mend gewesen ist.
dischen Quellensicherung und Quellenkritik, die Das 19. Jh. ist von den fortschreitenden Erfol-
erstmals Barthold Georg Niebuhr (1776–1831) in gen in Naturwissenschaft und Technik in beson-
seiner RÚmischen Geschichte (1812–32) ange- derer Weise geprÈgt. Einer der frÝhesten und
wandt hatte, ist davon die Folge. Dass die Ge- zugleich radikalsten Versuche, die Philosophie
schichte als erfahrungswissenschaftliche Diszip- dem Erkenntnisideal der Naturwissenschaft an-
lin anzulegen sei, hat der Historiker Leopold von zupassen, ist der so genannte Positivismus ge-
Ranke (1795–1886) in dem berÝhmten und pro- wesen, der auf Comte zurÝckgeht. Comte hat in
grammatischen Anspruch ausgedrÝckt, sie habe seinem Systme de politique positive (1825) das
zu zeigen, »wie es eigentlich gewesen«. Johann berÝhmte Drei-Stadien-Gesetz formuliert. Dem-
Gustav Droysen (1808–1884) hat mit seinem zufolge verlÈuft die intellektuelle und soziale
Grundriß der Historik (1858) den ersten umfas- Entwicklung der Menschheit in den drei Stadien
senden methodischen Kanon der Geschichtswis- von Theologie, Metaphysik und Wissenschaft.
senschaft geliefert. Ein wichtiges spÈteres Doku- Das Stadium der Wissenschaft ist das intellektu-
ment des geschichtswissenschaftlichen Historis- ell eigentlich reife Stadium. Auf der Grundlage
mus sind die Vorlesungen, die der Basler Kunst- von empirischer Forschung und logischem Den-
historiker Jacob Burckhardt (1818–1897) Ýber ken sollte das Wissen metaphysikfrei reorgani-
das Studium der Geschichte gehalten hat (aus siert werden und das allgemeine Wohl der
dem Nachlass 1905 als Weltgeschichtliche Be- Menschheit herbeifÝhren. Comte hat die natur-
trachtungen verÚffentlicht). wissenschaftliche Methode insbesondere auf die
Von herausragender Bedeutung fÝr die Ent- Theorie der Gesellschaft angewandt, die er als
wicklung des Historismus als eigenstÈndige phi- soziale Physik entwickelt. Darin ist ihm im spÈ-
losophische Position ist Dilthey gewesen. Im ten 19. Jh. der GrÝndungsvater der modernen
Mittelpunkt seiner Schriften steht die BemÝ- Soziologie, Emile Durkheim (1858–1917), mit
hung um eine historische und systematische der Lehre von den sozialen Tatsachen gefolgt,
Grundlegung der Geisteswissenschaften, die vor die den intersubjektiven Bereich der Gesell-
allem in der Einleitung in die Geisteswissenschaf- schaft durch empirisch messbare Fakten kausal
ten (1. Band 1883) und im SpÈtwerk Der Aufbau und ohne Zuhilfenahme innerer oder psychologi-
der geschichtlichen Welt in den Geisteswissen- scher Handlungsmotive erklÈren will. Eine be-
schaften (1910) ihren Niederschlag findet. Im sonders konsequente Àbernahme des Positivis-
Zentrum von Diltheys Konzeption steht die mus liegt im umfangreichen Werk von Hippolyte
%Hermeneutik des Zusammenhangs von Erle- Taine (1828–1893) vor, der den Versuch unter-
ben, Ausdruck und %Verstehen, der auf der um- nommen hat, auch die GegenstÈnde der (spÈter
fassenden Grundlage des %Lebens insgesamt so bezeichneten) Geistes- und Kulturwissen-
beschrieben wird. Das Resultat ist bei Dilthey ei- schaften, also etwa Geschichte, Kunst und Lite-
ne so genannte Kritik der historischen Vernunft, ratur, auf streng naturwissenschaftlich-kausaler
die in den Vernunftbegriff die zeitlichen und Grundlage zu erklÈren. Eine Verbindung des
handlungsabhÈngigen Bedingungen der Ver- klassischen englischen Empirismus mit der po-
Ènderlichkeit und %Endlichkeit des mensch- sitivistischen Philosophie Comtes hat %Mill ver-
lichen Erkennens aufnimmt. Vernunft kann nie sucht (A System of Logic, 1843).
in einer absoluten Geistphilosophie zeitlos gÝltig Auf der anderen Seite sind die Schriften der
zum Thema der Philosophie werden, sie muss exakten Wissenschaftler selbst zunehmend Teil
vielmehr historisch situiert in ihren jeweiligen der philosophischen Erkenntnistheorie gewor-
Kontexten beschrieben werden. Absolute Gel- den. Charles Darwin (1809–1882) hat mit der
tungsansprÝche werden zurÝckgewiesen, weil al- Theorie der Evolution die biologischen Wissen-
le kulturellen PhÈnomene historisch bedingt, al- schaften revolutioniert (On the Origin of Species
so von kontingenten ZeitumstÈnden abhÈngig by Means of Natural Selection, 1859) und eine
Neunzehntes Jahrhundert 37

breite Rezeption in Gang gesetzt. Unter den Phy- schaftspolitisch beherrscht hat und der erst mit
sikern mit philosophischer Wirkung sind Her- dem ersten Weltkrieg erkennbar an Einfluss ver-
mann Helmholtz (1821–1894; Die Tatsachen in loren hat. Otto Liebmann (1840–1912) hatte der
der Wahrnehmung: ZÈhlen und Messen, erkennt- Bewegung 1865 in seinem Buch Kant und die
nistheoretisch betrachtet, 1879) und Heinrich Epigonen eine sinnfÈllige Parole gegeben, indem
Hertz (1857–1894; Prinzipien der Mechanik, er am Ende jedes einzelnen Kapitels refrainartig
1894) zu nennen, die selbst erkenntnistheoreti- den Satz wiederholte: »Es muss auf Kant zurÝck-
sche Schriften verÚffentlicht haben. Hinzu gegangen werden!« Dahinter stand der Gedanke,
kommt die rasche Entwicklung der Mathematik dass die philosophische Reflexion angesichts
im 19. Jh., die fÝr die Philosophie ebenfalls von des wissenschaftlich-technischen Fortschritts ei-
erkenntnistheoretischer Relevanz gewesen ist. ner brauchbaren Erkenntnistheorie bedarf, die
Hervorzuheben sind vor allem Georg Cantor man in der kantischen Philosophie (in Abgren-
(1845–1918) mit der Entwicklung der Mengen- zung zum Idealismus) gefunden zu haben glaub-
lehre, Richard Dedekind (1831–1916) als BegrÝn- te.
der der modernen Algebra und David Hilbert Ein Zentrum des Neukantianismus war Mar-
(1862–1943) mit seinen Forschungen Ýber die burg. Mit Cohen und Natorp ist der Name der
axiomatischen Grundlagen der Geometrie und %Marburger Schule verbunden. Cohen hat
der reellen Zahlen. Kants theoretische Philosophie als eine Theorie
Von Grundlagenproblemen der Mathematik der wissenschaftlichen Erfahrung gelesen (Kants
war ursprÝnglich auch Frege ausgegangen. Pro- Theorie der Erfahrung, 1871, weitere Auflagen
bleme der Zahlentheorie und der groß angelegte 1885 und 1918). Die von Cohen entwickelte
Versuch, die gesamte Arithmetik aus der Logik transzendentale Methode untersucht am ›Fak-
abzuleiten, fÝhrten Frege zu einer radikalen tum der Wissenschaft‹ die formalen Bedingun-
Neukonstruktion der Logik auf mathematischer gen wissenschaftlicher Erfahrung durch eine Re-
Grundlage (Grundlagen der Arithmetik, 1884; flexion auf die Geltungsbedingungen wissen-
Grundgesetze der Arithmetik, 1893–1903). Sie gilt schaftlicher SÈtze. Diese Untersuchung hat in
als der eigentliche Bruch mit der bis dahin vor- Bezug auf die Wissenschaft eine beschreibend-
herrschenden klassisch-aristotelischen Logik. explikative Funktion, ohne sie im strengen Sinn
Von Freges logischer Grundlagenforschung geht begrÝnden zu wollen. Das Resultat ist eine
die gesamte neuere Logik aus. Frege ist auch transzendentale Kategorienlehre, die sich im
der Erste, der ein umfassendes formales Zei- entscheidenden Unterschied zu Kant als his-
chensystem fÝr die Logik und die Entwicklung torisch wandelbar begreift, insofern auch die Na-
logischer KalkÝle entworfen hat (Begriffsschrift, turwissenschaft selbst stÈndigem Fortschritt un-
1879). Von hÚchster Bedeutung sind die Folge- terliegt (Logik der reinen Erkenntnis, 1902, wei-
rungen, die Freges logische Untersuchungen fÝr tere Auflagen 1914 und 1922). Natorp hat die Er-
die Philosophie der Sprache und die Theorie der kenntnistheorie Cohens fortgefÝhrt (Die logi-
Bedeutung sprachlicher AusdrÝcke enthalten. schen Grundlagen der exakten Wissenschaften,
Die berÝhmte Unterscheidung von Sinn und Be- 1910) und hat neben bedeutenden philosophie-
deutung gehÚrt dazu ebenso wie die grundsÈtzli- historischen (Platos Ideenlehre, 1903) und pÈda-
che KlÈrung dessen, wie zum Beispiel Namen, gogischen Schriften dann vor allem mit seiner
Begriffe, SÈtze und Urteile aufzufassen sind. Allgemeinen Psychologie (1912) die Grundlagen
Freges Àberlegungen zur Sprache, die in weni- einer transzendental-logischen Bewusstseinsleh-
gen, zumeist knappen AufsÈtzen zusammenge- re geliefert. Parallel zur Theorie naturwissen-
fasst sind, sind zum Ursprung der sprachana- schaftlicher Erkenntnis haben Cohen und
lytischen Philosophie geworden und haben da- Natorp auch eine allgemeine Kulturtheorie auf
mit eine der einflussreichsten Richtungen der moralphilosophischer Grundlage geliefert. Sie
Philosophie des 20. Jhs. in Gang gesetzt. ÝbertrÈgt die transzendentale Methode auf
Bezeichnend fÝr die Wissenschaftsbezogen- Ethik, •sthetik, Geschichts- und Religionsphi-
heit der Epoche ist die breite StrÚmung des so losophie.
genannten %Neukantianismus gewesen, der das In der so genannten sÝddeutschen Schule des
gesamte spÈtere 19. Jh. thematisch und wissen- Neukantianismus, mit Zentren in Freiburg und
38 Gegenwart Zwanzigstes Jahrhundert

Heidelberg, ist das Problem der methodologi- W. Hogrebe, Deutsche Philosophie im 19. Jh. Kritik der
schen Unterscheidung von Naturwissenschaften idealistischen Vernunft, MÝnchen 1987
und Geisteswissenschaften bestimmend gewe- K. Ch. KÚhnke, Entstehung und Aufstieg des Neukantia
nismus. Die deutsche UniversitÈtsphilosophie zwi
sen, die Windelband erstmals formuliert hat. Ri- schen Idealismus und Positivismus, Frankfurt/M.
ckert hat sie in seinem wissenschaftstheoreti- 1986
schen Hauptwerk Die Grenzen der naturwissen- K. LÚwith, Von Hegel zu Nietzsche. Der revolutionÈre
schaftlichen Begriffsbildung (1896/1902, viele Bruch im Denken des 19. Jhs., (1941) Hamburg
weitere Auflagen) ausgebaut. Einflussreich ist 1995
Rickerts Konzeption eines Systems von Werten H. SchnÈdelbach, Philosophie in Deutschland 1831
1933, Frankfurt/M. 1983
gewesen, das den Bereich praktischer Orientie-
G. K.
rung begrifflich erfassen soll und damit die
Grundlage der Kulturphilosophie bildet. WÈh-
rend die Naturwissenschaften empirische PhÈno-
mene durch die Unterordnung unter Naturgeset- Gegenwart – Zwanzigstes Jahrhundert Die
ze zu erklÈren suchen (nomothetische, d. h. auf Philosophie der Gegenwart ist von Entwicklun-
das Gesetz bezogene Methode), beziehen die gen und Traditionen geprÈgt, die das soeben zu
Geisteswissenschaften das historisch einzelne Ende gegangene Jahrhundert bestimmt haben.
Vorkommnis auf die Kulturwerte und geben ihm Das 20. Jh. gilt allgemein als eine Epoche der
damit innerhalb der Vielfalt der Ereignisse den Krisen und Totalitarismen. Politisch markiert
Charakter eines Gegenstandes der Kultur (idio- der Ausbruch des Ersten Weltkriegs den Beginn
graphische, d. h. auf das Einzelne bezogene Me- eines neuen Zeitalters; doch manifestiert sich in
thode). Das Resultat ist bei Rickert eine umgrei- diesem Ereignis die allgemeine kulturelle Kri-
fende Kulturphilosophie in der Form einer Theo- sensituation, die schon im 19. Jh. einerseits
rie verschiedener Wert- und GeltungssphÈren. durch die von %Marx, %Kierkegaard und
Der bedeutendste Vermittler des Neukantia- %Nietzsche verbreiteten geistigen TraditionsbrÝ-
nismus in die Philosophie des 20. Jhs. ist %Cas- che, andererseits durch die Fortschritte in Wis-
sirer, Marburger SchÝler von Cohen und Natorp, senschaft, Wirtschaft und Technik herauf-
gewesen. Cassirer ist zunÈchst mit systemati- beschworen wurde. Die BemÝhungen zu Beginn
schen Untersuchungen zur Begriffsbildung in des 20. Jhs., diese Herausforderungen zu bewÈl-
Mathematik und Naturwissenschaften (Substanz- tigen, fÝhrten zu Entstehung neuer philosophi-
begriff und Funktionsbegriff, 1910) und mit ei- scher Traditionen besonders in Deutschland. In
ner umfangreichen Problemgeschichte der neu- der %PhÈnomenologie erfolgte der letzte groß
zeitlichen Philosophie hervorgetreten (Das Er- angelegte Versuch einer LetztbegrÝndung der
kenntnisproblem in der Philosophie und Wissen- Philosophie sowie eine ZurÝckweisung der natu-
schaft der neueren Zeit, 1906–1957). Seine eigen- ralistischen AnsprÝche des %Positivismus, der
stÈndige Position hat sich dann als so genannte die Philosophie als ein durch Naturwissenschaft
Symbolphilosophie in der dreibÈndigen Philoso- und Gesellschaftstheorie Ýberwundenes Zwi-
phie der symbolischen Formen (1923–29) artiku- schenstadium abqualifizierte. UnterstÝtzung fan-
liert. Cassirer interpretiert hier die Vielfalt inter- den die Angriffe der PhÈnomenologie gegen den
subjektiv geteilter Erfahrungswelten auf der Positivismus durch die neue %Hermeneutik mit
Grundlage je eigener ›symbolisch‹, d. h. im wei- ihren lebensphilosophischen Antithesen und
testen Sinne sprachlich verfasster Weisen des durch den %Neukantianismus, dessen Transzen-
Weltverstehens, wie sie etwa in Kunst, Mythos, dentalismus nicht nur die Grundlagen und
Religion, Alltagssprache, aber auch in der Wis- Grenzen der Wissenschaften problematisierte,
senschaft vorliegen. Cassirers kulturphilosophi- sondern zugleich fast alle bedeutenden Philoso-
sche BemÝhung, die Vielfalt der modernen Er- phen der ersten JahrhunderthÈlfte beeinflusste.
fahrungswelten durch die systematische Einheit In %Heideggers Sein und Zeit (1927) wurden
der symbolischen Formen auf den Begriff zu die genannten Traditionen gebÝndelt und in ei-
bringen, hat als einer der bedeutenden philoso- ner neuen Sichtweise Ýberstiegen. Heidegger
phischen EntwÝrfe des 20. Jhs. neuerdings wie- fragte nach dem Sinn von PhÈnomenalitÈt, nach
der Beachtung gefunden. dem Subjekt der TranszendentalitÈt und nach
Gegenwart Zwanzigstes Jahrhundert 39

der daseinsanalytischen Fundierung des Verste- Doch %Wittgenstein, der schon im Tractatus
hens. %Verstehen wurde zur Seinsart des %Da- die SelbstwidersprÝchlichkeit des nur auf Logik
seins. An die Stelle der Bewusstseinsanalysen und Naturwissenschaft beschrÈnkten Denkens
traten Daseinsanalysen, das transzendentale Ich erkannt hatte, ging in seiner SpÈtphilosophie
%Husserls wich dem endlichen Dasein in der Ýber alle analytischen Schulbildungen hinaus.
Zeit und die ewig gleichen Wesenheiten lÚsten Er postulierte Sprache als kommunikativ fun-
sich im Wirbel der %Geschichtlichkeit auf. Hei- dierte Grundkategorie der gesamten Wirklich-
deggers »Kehre«, die Anfang der dreißiger Jahre keit und entwickelte daraus eine in Lebensfor-
vollzogen wurde, ließ alle Aspekte der Subjekti- men verankerte %Sprachspiel-Konzeption, die es
vitÈt hinter sich und erhob die Erfahrung des ermÚglichte, philosophische Fragen durch KlÈ-
UnverfÝgbaren zur zentralen Thematik. In seiner rung von sprachlichen Verirrungen zum Ver-
Metaphysikkritik propagierte Heidegger eine schwinden zu bringen. In der »Kehre« Heideg-
vÚllig neue, der Endlichkeit und Zeitlichkeit ver- gers und in der »sprachlichen Wende« Wittgen-
pflichtete Denkweise, die jede LetztbegrÝndung steins trat die ursprÝngliche, kritische Grund-
ad absurdum fÝhrte und der darin zum Aus- tendenz modernen Philosophierens wieder zuta-
druck kommenden philosophischen Selbst- ge, die eine Zeit lang hinter der BeschÈftigung
ermÈchtigung ein seinsbezogenes Ereignis an mit Einzelanalysen in hermeneutischem bezie-
die Seite stellt. Heidegger diagnostizierte den to- hungsweise analytischem Geiste verborgen ge-
talitÈren Charakter der gesamten abendlÈn- blieben war.
dischen Kultur als schicksalhafte Folge des In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg voll-
seinsvergessenen Denkens. Seine Kulturkritik zogen sich eine Reihe weiterer kritischer Modifi-
gab den zahlreichen wissenschafts- und technik- kationen und Wenden, die Èhnliche AuflÚsungs-
feindlichen Tendenzen der zweiten Jahrhundert- erscheinungen signalisierten und die Existenz-
hÈlfte ein philosophisches Fundament. berechtigung der Philosophie als solche in Frage
Parallel zu diesen neuen, in der seins- stellten. Nach den Katastrophen der nationalso-
geschichtlichen Metaphysikkritik gipfelnden Tra- zialistischen und stalinistischen Totalitarismen
ditionen auf dem Kontinent entstand im angel- stellte sich die Frage nach den geistigen und ge-
sÈchsischen Sprachbereich die so genannte sellschaftlichen Voraussetzungen, die ein sol-
%analytische Philosophie, die zunÈchst mit Hil- ches Unheil ermÚglicht hatten. Die Philosophie
fe von %Logik und Sprachanalyse die Grund- entdeckte die %Gesellschaft als Fundamentalka-
lagenkrisen in Mathematik und Physik zu Ýber- tegorie und die Gesellschaftstheorie Ýbernahm
winden versuchte, dann aber ihre stark an Na- die Rolle einer ›ersten Philosophie‹. In der kriti-
turwissenschaft und common sense orientierte schen Theorie der Frankfurter Schule, die nach
Methode auch fÝr die gesamte Philosophie dem gewachsenen Einfluss marxistischer Gedan-
fruchtbar machte. Hier wurde also der entgegen- ken schon in den dreißiger Jahren die treiben-
gesetzte Weg eingeschlagen, indem man %Wis- den KrÈfte innerhalb ›der kapitalistischen Ge-
senschaft und %Leben philosophisch zu versÚh- sellschaft‹ analysiert hatte, erfolgte eine Wende
nen suchte. Die Bedrohungen in einer verwis- von der Philosophie zur Soziologie. In ihr ver-
senschaftlichten Welt wurden nicht als ›Seins- stÈrkte sich die Kritik an der bÝrgerlichen Kul-
geschick‹, sondern als Herausforderung auf- tur, wie sie auf vÚllig andere Weise schon in
gefasst, die der Analyse und aktiven Gegen- Spenglers Untergang des Abendlandes (1918) ih-
steuerung bedurfte. Man entwickelte ein neues ren ersten Ausdruck gefunden hatte. In der so
VerhÈltnis zur %Sprache und erkannte die MÈn- genannten negativen Dialektik (%Adorno) wur-
gel des alten Positivismus. Besonders im %Neu- den die sich widersprechenden Elemente der
positivismus des %Wiener Kreises (Schlick, AufklÈrung (%A Neuzeit – AufklÈrung) illusi-
Neurath, %Carnap) und in der durch die deut- onslos aufgedeckt und insbesondere die Tendenz
schen Emigranten der dreißiger Jahre befruchte- der aufgeklÈrten Vernunft zu Gewalt und Unter-
ten amerikanischen Philosophie (%Quine) trat drÝckung an den Pranger gestellt. %Habermas
der %Empirismus mit einem neuen Selbst- und Apel transformierten diese resignative
bewusstsein auf, indem er Logik und Sprachana- %Dialektik in eine Theorie des kommunikativen
lyse fÝr seine Zwecke einsetzte. Handelns und des vernÝnftigen GesprÈchs.
40 Gegenwart Zwanzigstes Jahrhundert

Eine besonders intensive Reaktion auf die siert sich im immer wieder neu gefÝhrten Ge-
geistigen Verwerfungen fÝhrte zur totalen Ab- sprÈch mit den klassischen Denkern und damit
wendung von der Vernunft durch die Verbrei- durch die Einordnung in den großen Traditions-
tung existenzphilosophischer EntwÝrfe. In der zusammenhang. Zahlreiche Impulse zur Analyse
%Existenzphilosophie, die sich nach dem Ersten der geschichtlichen Entwicklungslinien hin zur
Weltkrieg in Deutschland und spÈter vor allem Gegenwart gingen von Ritter und seinen SchÝ-
in Frankreich ausbreitete, finden sich Analysen lern aus. Unter Betonung der Bedeutsamkeit der
zur Grundstimmung des modernen Menschen. Geschichtlichkeit stellt sich Ritter gegen die
Die Suche nach Kompromissen in bedrohlichen mystifizierende Eigentlichkeit existenzphiloso-
Àberlebenssituationen bewirkte in der ›pragma- phischer Entscheidungen und verweist auf die
tischen Wende‹ schließlich eine Selbstbeschei- Bedeutung der Institutionen des Rechts und der
dung der Philosophie. Nach der Dialektik der Sitten fÝr die Konkretion menschlichen Daseins.
AufklÈrung, nach der VerflÝchtigung des Letzt- Der Mensch braucht objektive ZusammenhÈnge
begrÝndungs-Gedankens in das Postulat der als Bedingung fÝr ein verantwortungsvolles Le-
idealen Kommunikationsgemeinschaft und nach ben in der Gesellschaft. Dazu liefert die prakti-
der Sprachlosigkeit der existenziellen Denker sche Philosophie des Aristoteles zahlreiches Ma-
blieb als einzige MÚglichkeit der »Abschied vom terial. Aber dieser RÝckgriff wird fÝr Ritter nur
Prinzipiellen« (Marquard). Unter RÝckgriff auf dann fruchtbar, wenn er durch das hegelsche
den amerikanischen Pragmatismus und durch Freiheitsprinzip ergÈnzt wird. In diesem erhebt
die Einbeziehung analytischer und konstrukti- der Mensch die %Freiheit seines Denkens, sei-
vistischer Anregungen etablierten sich prakti- nes Handelns und seiner Religion zur auto-
sche und medizinische %Ethiken, Philosophien nomen Instanz seiner SubjektivitÈt. So verbin-
der ³konomie und Formen der %Technikphi- den sich in dieser Auffassung die historische
losophie. Die Suche nach Leitlinien des Han- Forschung mit dem systematischen Entwurf und
delns zur aktuellen DaseinsbewÈltigung im wei- die Tradition mit der AufklÈrung. Bei LÝbbe
testen anthropologischen und sozialen Sinne trat richtet sich das Geschichtsdenken gegen Zivili-
an die Stelle der Systematisierung objektiver sationskritik, Wissenschaftsfeindlichkeit und
Wahrheiten in einer philosophia perennis. Untergangsprophetien, aber auch gegen Utopien,
Am Ende des 20. Jhs. stehen wir vor einer wie sie im Marxismus und in der Idee vom voll
ÀberfÝlle von Themen, Einzeluntersuchungen emanzipierten Diskursobjekt (Habermas) vor-
und Disziplinen, die sich als philosophische Bei- zufinden sind. Seine BemÝhungen zielen auf die
trÈge prÈsentieren. Neben umfangreichen Unter- Erhaltung des BewÈhrten in Politik und Gesell-
suchungen zur Philosophiegeschichte und zur schaft, wozu er LiberalitÈt, %Menschenrechte,
Interpretation klassischer Texte lassen sich zwei freie Marktwirtschaft und die Institutionen der
weitere Tendenzen aufzeigen: zum einen die Demokratie zÈhlt. Philosophie ist nicht dazu da,
postmodernen BemÝhungen, die PluralitÈt posi- die Wirklichkeit zu beschreiben, was die Wis-
tiv und als Chance fÝr eine neue philosophische senschaften besser kÚnnen, oder gar das GlÝck
Konzeption zu deuten, zum anderen die natura- der Menschen zu verwirklichen, sondern ihre
listischen Betrachtungsweisen, die durch die Aufgabe besteht in der LÚsung von Orientie-
Verwissenschaftlichung unserer Existenz rigoros rungskrisen. Spaemann relativiert die Ge-
vorangetrieben wurden. schichtsinterpretation insofern, als er aus den
Die BeschÈftigung mit der Philosophie- Werken der Großen – das sind fÝr ihn vor allem
geschichte hat in Deutschland, Italien und %Platon, Aristoteles, Augustinus und %Thomas
Frankreich eine lange Tradition und wurde neu- von Aquin – zeitlose Antworten herausliest, die
erdings in %Gadamers These von der Philoso- auch fÝr die ethischen Herausforderungen unse-
phie als Horizontverschmelzung des Selbstver- rer Tage von Bedeutung sind. Der Idee einer me-
stÈndnisses mit dem VorverstÈndnis philosophi- taphysikfreien Ethik (Patzig) stellt er die These
scher Klassiker neu artikuliert. Philosophie be- entgegen, dass es keine Ethik ohne %Metaphy-
ginnt danach weder beim Nullpunkt selbstevi- sik geben kann, die ihrerseits die Quellen in ei-
denter SubjektivitÈt noch durch wissenschaftli- nem transzendierenden %Unbedingten hat. Da-
che Kontrolle reflexiver Prozesse, sondern reali- von zeugen nach Spaemann die %Teleologie al-
Gegenwart Zwanzigstes Jahrhundert 41

les Seienden, die durch %Kommunikation be- losophie und in philosophischen Praxen Ýber-
dingte Struktur des ethischen Subjekts und des- nimmt die Philosophie allgemeinbildende und
sen unabdingbare WÝrde. therapeutische Funktionen fÝr Manager, sozial
Aber auch andere Denker versuchen, durch Engagierte und Hilfesuchende.
historische Untersuchungen einiges vom Erfah- Die %Postmoderne als philosophisches Kon-
rungsschatz der vergangenen zwei Jahrtausende zept bezieht sich im Allgemeinen auf die eigene
zu heben und durch Neuinterpretation mit der philosophische Tradition, die bisher von den
%Lebenswelt der Moderne in Einklang zu brin- Klassikern beherrscht wurde. Obwohl das Wort
gen. Blumenberg beispielsweise widmet viele Postmoderne die Bedeutung ›nach der Moderne‹
Analysen den EpochenumbrÝchen und hier be- enthÈlt, werden dort durchaus auch WesenszÝge
sonders ausfÝhrlich dem Àbergang zur Neuzeit. der Moderne bewahrt, sodass Welsch von »unse-
Unter Verwendung zahlreicher Metaphern, die rer postmodernen Moderne« sprechen kann. Die
unsere Existenz prÈgen, beschreibt er das Den- Postmoderne hÈlt an der autonomen Emanzipati-
ken der Neuzeit als ateleologischen Selbsterhal- on der Menschen in das Reich der Freiheit und
tungsprozess. Der neuzeitliche Mensch fragt an der BeschrÈnkung auf das endliche %Sein
nicht mehr demÝtig nach der vorgegebenen fest. Als Ýberwunden dagegen gelten die Harmo-
Seinsordnung, sondern bemÝht sich selbst- nisierungen und Fortschrittsideen in Wissen-
bewusst um die ›Herstellbarkeit der PhÈnome- schaft und Gesellschaft, die seit Auschwitz und
ne‹, das heißt um dasjenige, was er zu konstru- Hiroshima jeden Sinn verloren haben. Der
ieren und als Norm zu entwerfen vermag. Blu- Kampf richtet sich vor allem gegen die »Meister-
menberg stellt zahlreiche gÈngige Thesen Ýber denker« (Glucksmann), deren Gedanken als geis-
die Neuzeit in Frage, wie beispielsweise deren tige Totalitarismen gedeutet werden, welche den
Interpretation als Ergebnis einer SÈkularisie- politischen Gewaltherrschaften den Weg geebnet
rung christlicher BestÈnde oder die Deutung des haben. Die Philosophie der %Prinzipien und
Fortschritts als Folge eschatologischen Denkens. LetztbegrÝndungen, der %Systeme und ›großen
Zusammenfassend lÈsst sich sagen, dass die Geschichten‹, wie wir sie in AufklÈrung, %Idea-
Versuche, aus der geschichtlichen Entwicklung lismus, PhÈnomenologie, neomarxistischer Dia-
und aus den GedankengebÈuden der »großen Phi- lektik und in modernen Kommunikations- und
losophen« (Jaspers) bedeutsame Hinweise zum %Systemtheorien vorfinden, wird in eine Phi-
VerstÈndnis menschlicher DaseinsverhÈltnisse zu losophie der ›kleinen Geschichten‹ oder in eine
gewinnen, in vielen FÈllen nicht nur zu Skepsis »narrative Philosophie« (Rorty) verwandelt. An
und kritischer Distanz fÝhrten. Sie sind in ihren die Stelle der philosophischen Architektonik der
Ergebnissen so vielfÈltig und kontrovers, dass %Vernunft treten kurzlebige Skizzen zur Reali-
man von einer »neuen UnÝbersichtlichkeit« (Ha- sierung des glÝcklichen Lebens, in denen sich
bermas) sprechen kann. Da die Inkommensurabi- die Konfrontationen der Prinzipien auflÚsen.
litÈt der Anschauungen durch die Aufwertung Freiheit, OriginalitÈt, VitalitÈt und AuffÈlligkeit
der Geschichtlichkeit und die damit verbundenen sind die Kriterien, die trotz PluralitÈt, Diskon-
Relativierungen unÝbersehbar ist, versuchte die tinuitÈt, Widerstreit und Ambivalenz eine neue
philosophische Postmoderne die PluralitÈt der Lebensform ermÚglichen sollen.
Konzeptionen als Fortschritt zu deuten. Dabei ist Da jede Lebensform einen Rahmen fester
zu beachten, dass die Vielzahl der Artikulationen Àberzeugungen voraussetzt, scheint sich hinter
nicht nur die verschiedenen Richtungen und der neuen Konzeption nur eine Variante des auf-
Standpunkte innerhalb der klassischen Themen geklÈrten %Skeptizismus zu verbergen, der ohne
der Philosophie betrifft, sondern auch vÚllig neue Festlegungen existieren zu kÚnnen glaubt. Kein
BetÈtigungsfelder erschlossen wurden. Neben der Wunder, dass sich in diesem Umfeld die Auf-
Problematisierung der eigenen %Kultur finden lÚsung der Philosophie verstÈrkte. Kulturkritiker,
wir Theorien Ýber multikulturelle Denkweisen, Publizisten, Journalisten, Kunstkritiker, KÝnstler,
zur neu entstandenen feministischen Philosophie Regisseure und Talkmaster fÝhlen sich kom-
tritt eine Kinderphilosophie, durch die enormen petent, auf Fragen Antworten zu geben, um die
AusbreitungsmÚglichkeiten der modernen Kom- sich einst Philosophen bemÝhten. Eben diese
munikationsmittel etabliert sich eine Medienphi- Entwicklung bedingte in Frankreich, der Hoch-
42 Gegenwart Zwanzigstes Jahrhundert

burg der Postmoderne (%Derrida, Lyotard, Lacan, neurobiologischen Wissenschaften als Teile des
Barthes, Baudrillard), einen Gesinnungswandel. Naturgeschehens zu erklÈren. Dabei wird aus er-
Die Szene wird nicht mehr von pauschalen Ver- kenntnistheoretischen GrÝnden eine physika-
dÈchtigungen beherrscht, in denen ein falsches, lische einheitliche TrÈgersubstanz postuliert, an-
von der Vernunft verfÝhrtes totalitÈres Bewusst- dererseits aber auf Grund der Ergebnisse der
sein entlarvt wird, sondern man bemÝht sich in %Chaostheorie PluralitÈt in den emergenten
konkreten Analysen der menschlichen Verhal- AusprÈgungen verschiedener Seinsschichten zu-
tensweisen um eine Neuorientierung, welche die gestanden. Der zugrunde liegende holistische
Klassiker wieder ernst nimmt und dem Diskurs Naturbegriff erinnert durch die Annahme von
um ein Ende der Philosophie entgegenwirkt. emergenten und selbstorganisatorischen Prozes-
Eine gewichtige Stimme gegen Skeptizismus, sen zwar an organismische Naturkonzepte
Relativismus und pluralistische Unbestimmtheit (%Schelling, V. von WeizsÈcker), wird in der
ganz anderer Provenienz erheben zahlreiche Praxis aber meistens einem rigiden %Materia-
Denker, die von der fundamentalen Bedeutung lismus und %Reduktionismus unterworfen. Die
der modernen Naturwissenschaften Ýberzeugt naturgesetzlichen Prozesse kÚnnen danach zwar
sind und jene Fragen im Sinne eines philosophi- nicht mehr durchgÈngig vorausberechnet wer-
schen Naturalismus zu beantworten suchen. Die den, bleiben aber dennoch determiniert. Frei-
Geschichte der Philosophie zeigt, dass sich im- heit, moralisches und partnerschaftliches Ver-
mer mehr Teilgebiete zu wissenschaftlichen Ein- halten der Menschen, seine EmotionalitÈt und
zeldisziplinen verselbststÈndigt haben, sodass Leiblichkeit, ja der Umgang mit der Natur selbst
Russell die Philosophie geradezu als Restbestand scheinen einer naturbedingten Eigendynamik
der von den Wissenschaften noch nicht bearbei- unterworfen zu sein.
teten Bereiche betrachtete. Sogar die innerhalb Diese durch GrenzÝberschreitungen herauf-
der analytischen Philosophie verbreitete Inter- beschworene naturalistische Radikalisierung der
pretation der Philosophie als wissenschaftstheo- VerfÝgungsgewalt Ýber die Natur erfÈhrt in der
retische Metatheorie verlor nach der Emanzipati- Gegenwart ihre absolute KrÚnung, indem sich
on der %Logik, Grundlagenmathematik, %Se- die Menschheit anschickt, sich mit Hilfe von
mantik und neuerdings der physikalischen GenverÈnderungen selbst zu konstruieren. So
%Kosmologie ihren Gegenstand. So verbreitete steht die Gegenwartsphilosophie vor der Auf-
sich im Laufe der Zeit die naturalistische Denk- gabe, diesen eindeutigen und durch relativieren-
weise, in der die philosophischen Probleme in- de Betrachtungsweisen nicht wegzuinterpretie-
nerhalb des naturwissenschaftlichen Naturkon- renden Herausforderungen zu begegnen. Ob ihr
zepts behandelt werden. Dabei verwischen sich die BewÈltigung durch pragmatische Kompro-
die Grenzen zwischen Philosophie und Wissen- misse oder doch nur durch den RÝckgriff auf be-
schaft (Quine), und die philosophische Kom- stimmte Elemente der ›großen ErzÈhlungen‹ –
petenz wird nicht mehr ausschließlich der Phy- sei es humaner, Úkologischer oder gar transzen-
sik, sondern vor allem der Biologie und Informa- denter Art – gelingt, ist eine offene Frage.
tionswissenschaft Ýbertragen.
Eine herausragende Rolle in dieser Entwick-
A. HÝgli / P. LÝbcke (Hg.), Philosophie im 20. Jh., 2
lung kommt der Philosophy of Mind zu, in der Bde., Reinbek 1992
man die geistigen PhÈnomene wie %Intentiona- E. Nordhofen (Hg.), Physiognomien. Philosophen des
litÈt, %Bewusstsein, Willensfreiheit u. È. zu- 20. Jhs. in PortrÈts, KÚnigstein 1980
nÈchst sprachanalytisch zu klÈren versuchte H. SchnÈdelbach, Philosophie in Deutschland
(Chisholm, Nagel, Davidson, Dennett, Sellars), 1831 1933, Frankfurt/M. 1983
um zu verstehen, welche Fragestellungen Ýber- W. StegmÝller, HauptstrÚmungen der Gegenwartsphi
losophie, 4 Bde., Stuttgart 1960 ff.
haupt sinnvoll sind. Inzwischen ist in vielen FÈl-
K. Wuchterl, Bausteine zu einer Geschichte der Philoso
len an die Stelle der begrifflichen und logischen phie des 20. Jahrhunderts, Basel / Stuttgart / Wien
Fragen der Versuch getreten, eben jene PhÈno- 1995
mene auf der Grundlage der physikalischen und K. W.
B Denker

1. Alphabetisches Philosophenverzeichnis

Abaelard (1079–1142): FranzÚsischer FrÝh- Albert, Karl (*1921): Deutscher Philosoph,


scholastiker. Denker im Umkreis des Existenzialismus.

Abendroth, Wolfgang (1906–1985): Deutscher Albertus Magnus (um 1200–1280): Albert der
Sozialwissenschaftler marxistischer PrÈgung. Große, deutscher Dominikaner der Hochscholas-
tik.
Acham, Karl (*1939): Deutscher Philosoph
und Soziologe.
Alembert %D’Alembert, Jean le Rond
Adamantius Origenes %Origenes
Alexander von Aphrodisias (um 200 n. Chr.):
Adelhard von Bath (1090–1160): Englischer Bedeutender griechischer Kommentator der Wer-
FrÝhscholastiker. ke des Aristoteles.

Adler, Max (1873–1937): ³sterreichischer Mar- Alfarabi (um 870–950): Auch al-Farabi, ara-
xist. bisch-islamischer Philosoph aus Turkestan, be-
deutender Kommentator der platonischen und
Adorno, Theodor W. (1903–1969): Deutscher
aristotelischen Philosophie.
Sozialphilosoph der Frankfurter Schule, %B, 2.

Aenesidemus (um 1. Jh. v. Chr.): Griechischer, Alkmaion (um 520 v. Chr.): Griechischer Philo-
spÈtantiker Philosoph der skeptischen Schule soph der Èlteren pythagoreischen Schule.
des Hellenismus.
Alkuin (um 730–804): Englischer FrÝhscholas-
Agrippa von Nettesheim (1486–1535): Deut- tiker, Lehrer und Freund Karls des Großen.
scher Philosoph, Arzt und Schriftsteller, der
Neuplatonismus, Okkultismus, Alchemie und Althus(ius), Johannes (1557–1638): Deut-
Astrologie miteinander verband. scher Rechts- und Staatsphilosoph der Renais-
sance.
Albert der Große %Albertus Magnus

Albert von Sachsen (1316–1390): Deutscher Althusser, Louis (1918–1990): FranzÚsischer


spÈtscholastischer Denker des Nominalismus. Denker des Strukturalismus, Neumarxist.

Albert, Hans (*1921): Deutscher Philosoph Amalrich von Bène († 1206): FranzÚsischer
des kritischen Rationalismus. Mystiker und FrÝhscholastiker.
44 Ambrosius von Mailand

Ambrosius von Mailand (340–397): Deut- Apollonius von Tyana (um das Ende des 1. Jh.
scher christlicher Ethiker, einer der KirchenvÈ- n. Chr.): Griechischer Philosoph, vertrat einen
ter. Kosmopolitismus.

Ammonios Sakkas (um 175–242): Neuplato- Archytas von Tarent (um 400–365): Grie-
nischer griechischer Philosoph und GrÝnder der chischer Philosoph der jÝngeren pythagorei-
spÈtantiken hellenistischen Neueren Akademie, schen Schule.
einer Schule des Neuplatonismus.
Arendt, Hannah (1906–1975): Deutsche Sozi-
Anaxagoras (um 500–428): Vorsokratischer alphilosophin und Denkerin der Politik.
griechischer Philosoph.
Aristarchos von Samos (um 250 v. Chr.):
Anaxarch (um 380–323): Vorsokratischer grie-
Griechischer spÈtantiker Philosoph des jÝngeren
chischer Philosoph, Lehrer des Pyrrhon von Elis.
Peripatos, einer aristotelischen Schule des Helle-
nismus.
Anaximander von Milet (um 611–545): Vor-
sokratischer griechischer Philosoph der ioni-
schen Naturphilosophie, %B, 2. Aristipp(os) (um 435–355): Griechischer Phi-
losoph der Kyrenaiker oder Hedoniker, einer so-
Anaximenes von Milet (um 580–525): Vor- kratischen Schule.
sokratischer griechischer Philosoph der ioni-
schen Naturphilosophie. Ariston von Chios (Lebensdaten unbekannt):
Griechischer Philosoph der alten Stoa, SchÝler
Anders, Günther (1902–1992): Deutscher Den- des Zenon.
ker der Kulturkritik.
Aristoteles (384–322): Griechischer Philo-
Andronikos (-us) von Rhodos (1. Jh. v. Chr.): soph, markiert gemeinsam mit Platon der HÚhe-
Griechischer Philosoph, erstellte eine Gesamt- punkt der klassischen griechischen Philosophie,
ausgabe der Werke des Aristoteles (Corpus Aris- %B, 2.
totelicum).
Aristoxenos von Tarent (um 350 v. Chr.):
Angelus Silesius (1624–1677): Johann Scheff- Griechischer Philosoph des Èlteren Peripatos, ei-
ler, deutscher Mystiker und Dichter. ner aristotelischen Schule des Hellenismus.

Anselm von Canterbury (1034–1109): Italie- Arkesilaos (315–241): Griechischer Philosoph


nischer FrÝhscholastiker, im Nominalismusstreit der spÈtantiken jÝngeren Akademie, einer plato-
auf der Seite der Realisten. nischen Schule des Hellenismus.
Antiochos von Askalon (um 80 v. Chr.): Grie-
Arnauld, Antoine (1612–1694): FranzÚsischer
chischer neuplatonischer Philosoph der spÈtanti-
Theologe von Port-Royal, AnhÈnger von Descar-
ken Neueren Akademie, einer platonischen
tes und Pascal.
Schule des Hellenismus.

Antiphon (480–411): Griechischer Denker der Arnold, Gottfried (1666–1714): Deutscher


jÝngeren Sophistik. evangelischer Theologe, kritisierte den Abfall
der Kirche vom Urchristentum.
Antisthenes (um 444–368): Griechischer Phi-
losoph und GrÝnder der Kyniker, einer sokrati- Arouet, François Marie %Voltaire
schen Philosophenschule im Hellenismus.
Ast, Georg Anton Friedrich (1776–1841):
Apel, Karl Otto (*1922): Deutscher Philosoph Deutscher Philosoph und Philologe, beschÈftigte
einer transzendentalen Sprachpragmatik. sich mit Platon, •sthetik und Hermeneutik.
Bentham, Jeremy 45

Athenagoras (2. HÈlfte 2. Jh. n. Chr.): Grie- Bakunin, Michail Alexandrowitsch (1814–
chischer Philosoph der christlich-platonischen 1876): Russischer Denker der sozialen Revoluti-
Schule, einer der Apologetischen VÈter. on und des Anarchismus.

Augustin(us) (354–430): RÚmischer hellenisti- Barth, Karl (886–1968): Schweizer evangeli-


scher Philosoph und Theologe, einer der wich- scher Theologe.
tigsten KirchenvÈter, %B, 2.
Barthes, Roland (1915–1980): FranzÚsischer
Aurelius Augustinus %Augustinus Denker des Strukturalismus.

Bataille, Georges (1897–1962): FranzÚsischer


Austin, John L. (1911–1960): Englischer Philo-
Denker zwischen Existenzialismus und Struk-
soph der analytischen und Sprachphilosophie,
turalismus.
entwickelte die Sprechakttheorie.
Baudrillard, Jean (*1929): FranzÚsischer Phi-
Averroës (1126–1198): Mohammed Ibn losoph der Postmoderne.
Ruschd, spanischer Philosoph des Hellenismus,
in der aristotelischen Tradition stehend. Bauer, Bruno (1809–1882): Deutscher Philo-
soph, Junghegelianer und Religionskritiker.
Avicenna (980–1037): Abu Ali al-Hussain Ibn
Sina, persischer Philosoph des Hellenismus, in Baumgarten, Alexander Gottlieb (1714–
der aristotelischen Tradition stehend. 1762): Deutscher Philosoph und BegrÝnder der
modernen •sthetik.
Ayer, Alfred Jules (*1910): Englischer Philo-
soph der analytischen Philosophie und Logiker. Baumgartner, Hans-Michael (1933–1999):
Deutscher Philosoph, versuchte eine Erneuerung
Baader, Franz Xaver von (1765–1841): Viel- der Transzendentalphilosophie.
seitiger deutscher Philosoph, der Ýber soziale,
Úkonomische und politische Probleme nachdach- Bayle, Pierre (1647–1706): FranzÚsischer Phi-
te. losoph der AufklÈrung.

Babeuf, François Noël (1760–1797): FranzÚsi- Beauvoir, Simone de (1908–1986): FranzÚsi-


scher Denker der AufklÈrung, der Gesellschaft sche philosophische Schriftstellerin im Umkreis
und der politischen Revolution. des Existenzialimus und Feminismus.

Becher, Erich (1882–1929): Deutscher Philo-


Bachofen, Johann Jakob (1815–1887):
soph des kritischen Realismus.
Schweizer Rechts- und Religionshistoriker.
Beda Venerabilis (674–735): Englischer Philo-
Bacon, Francis (1561–1626): Englischer Philo- soph, der das antike Denken auf die britische In-
soph des Empirismus, der eine Verbindung von sel brachte.
Wissenschaft und politisch-gesellschaftlichem
Handeln suchte, %B, 2. Benjamin, Walter (1892–1940): Deutscher So-
zialphilosoph.
Bacon, Roger (1214–1294): Englischer Denker
der Scholastik. Bense, Max (1910–1990): Deutscher Philosoph
der Technik und der InformationsÈsthetik.
Baeumler, Alfred (1887–1968): Deutscher Phi-
losoph, arbeitete an einem symbolischen Realis- Bentham, Jeremy (1748–1832): Englischer
mus und an einer Grundlegung des nationalso- Moralphilosoph und Hauptvertreter des Utilita-
zialistischen Denkens. rismus.
46 Bergson, Henri Louis

Bergson, Henri Louis (1859–1941): FranzÚsi- Bollnow, Otto Friedrich (1903–1953): Deut-
scher Philosoph der Lebensphilosophie und der scher Philosoph der Anthropologie, Ethik und
Zeit, %B, 2. Erziehung.

Berkeley, George (1685–1753): Englischer Bolzano, Bernhard (1781–1848): BÚhmischer


Philosoph des Empirismus, der die Außenwelt Logiker und Mathematiker.
als abhÈngig von der Wahrnehmung und dem
Denken interpretierte, %B, 2. Bombast von Hohenheim %Paracelsus

Bernhard von Clairveaux (1090–1153): Fran- Bonaventura (wohl 1221–1274): Giovanni di


zÚsischer Mystiker. Fidenza, italienischer FrÝhscholastiker.

Berti, Enrico (*1935): Bedeutender italie- Bossuet, Jacques Bénigne (1627–1743):


nischer Philosophiehistoriker, beschÈftigt sich FranzÚsischer Theologe und Schriftsteller.
mit dem philosophischen Diskurs.
Boole, George (1815–1864): Englischer Ma-
Birnbacher, Dieter (*1946): Deutscher Philo- thematiker und Logiker.
soph, beschÈftigt sich hauptsÈchlich mit Fragen
der Ethik, wie Naturethik, Gentechnik und Re- Boyle, Robert (1627–1691): Englischer Che-
produktionsmedizin, auch mit Grundsatzfragen miker und Logiker.
der Anthropologie.
Bradley, Francis Herbert (1846–1924): Eng-
Bloch, Ernst (1885–1977): Deutscher Sozial- lischer Philosoph im Anschluss an Hegel.
philosoph des Neumarxismus.
Brentano, Franz (1838–1917): Deutscher Phi-
losoph der deskriptiven Psychologie. Er wurde
Blondel, Maurice (1861–1949): FranzÚsischer
zum BegrÝnder einer streng wissenschaftlichen
Philosoph im Umkreis von Bergson.
PhÈnomenologie, die Bewusstseinsakte rein be-
schreibend behandelt.
Blumenberg, Hans (1920–1996): Deutscher
Philosoph der Historiographie und Kulturphi-
Brouwer, Luitzen Egbertus Jan (1881–1966):
losophie.
NiederlÈndischer Mathematiker und Logiker.

Boccaccio, Giovanni (1313–1378): Italie- Bruno, Giordano (1548–1600): Italienischer


nischer Dichter der Renaissance und des Huma- Naturphilosoph der Renaissance.
nismus.
Brunschvicg, Léon (1869–1944): FranzÚsi-
Bodin(us), Jean (1530–1596): FranzÚsischer scher Philosoph, der das idealistische Denken
Rechts- und Staatsphilosoph der Renaissance. als Kritik an den Methoden der Einzelwissen-
schaften betonte.
Boethius (um 480–524): Anicius Manlius Tor-
quatos Severinus, rÚmischer, neuplatonischer Buber, Martin (1878–1965): ³sterreichischer
Philosoph der spÈtantiken neueren Akademie, Denker und Religionsphilosoph.
einer platonische Schule des Hellenismus.
Bubner, Rüdiger (*1941): Deutscher dialekti-
Boëtius de Dacia (um 1230–1284): Schwe- scher Philosoph.
discher, averroÓstischer Philosoph.
Bühler, Karl (1879–1963): Deutsch-amerikani-
Böhme, Jakob (1575–1624): Deutscher Mysti- scher Psychologe, behavioristische Forschungen
ker. zur Gestalt- und Sprachpsychologie.
Condorcet, Marie Jean Antoine Nicolas 47

Bultmann, Rudolf Karl (1884–1976): Deut- Cathrein, Viktor (1845–1931): Schweizer Neu-
scher evangelischer Theologe der Entmythologi- scholastiker.
sierung des Christentums.
Celsus, Aulus Cornelius (2. HÈlfte des 2. Jh.
Buonarroti, Michelangelo (1475–1564): Ita- n. Chr.): RÚmischer Gelehrter und Philosoph des
lienischer KÝnstler der Renaissance und des Hu- Neuplatonismus, philosophischer Kritiker des
manismus. Christentums, verfasste Werke Ýber Rhetorik,
Geschichte, Rechtskunde, Kriegskunst und Medi-
Buridan, Johannes (Anfang 14. Jh. – kurz zin.
nach 1358): FranzÚsischer spÈtscholastischer
Denker des Nominalismus. Chomsky, Avram Noam (*1928): Amerikani-
scher Denker, der Philosophie, Psychologie und
Burke, Edmund (1729–1797): Englischer Den- Linguistik zusammenfÝhrte.
ker einer psychologischen •sthetik und Kritiker
der franzÚsischen Revolution. Chrysippos (um 280–209): Griechischer Philo-
soph der Èlteren Stoa des Hellenismus.
Butler, Joseph (1692–1752): Englischer Theo-
loge und Moralphilosoph. Cicero (106–43): Marcus Tullius, rÚmischer
Philosoph der spÈten Stoa des Hellenismus,
Campanella, Tommaso (1568–1639): Italie- %B, 2.
nischer Philosoph der Renaissance, entwickelte
eine Staatsutopie. Clauberg, Johannes (1622–1665): Deutscher
Philosoph, der die cartesische Lehre vertrat, hat-
Camus, Albert (1913–1960): FranzÚsischer
te großen Einfluss auf Christian Wolff.
Philosoph des Existenzialismus, entwickelte eine
Theorie des Absurden.
Clemens von Alexandria (um 150–215): Titus
Flavius Clemens, griechischer Philosoph der ale-
Cantoni, Carlo (1840–1906): Italienischer Phi-
xandrinischen Schule der spÈtantiken Gnosis.
losoph, der Kants Denken in Italien verbreitete.

Capra, Fritjof (*1939): ³sterreichisch-ame- Clemens, Franz Jakob (1815–1862): Deut-


rikanischer Schriftsteller eines ganzheitlichen scher Neuscholastiker.
Denkens, beschÈftigt sich mit den Naturwissen-
schaften und ihren Konsequenzen. Cohen, Hermann (1842–1918): Deutscher Phi-
losoph des Neukantianismus (Marburger Schu-
Cardano, Jeronimo (1501–1576): Italienischer le).
Naturwissenschaftler der Renaissance.
Collingwood, Robin George (1889–1943):
Carlyle, Thomas (1795–1881): Englischer His- Englischer Philosoph, ArchÈologe und Historiker,
toriker und Philosoph. ausgehend von Hegel versuchte er, Philosophie
und Geschichte in einer Grundlagenmetaphysik
Carnap, Rudolf (1891–1970): ³sterreichischer zu verbinden.
Philosoph des logischen Empirismus (Wiener
Schule), %B, 2. Comte, Auguste (1798–1857): FranzÚsischer
Philosoph des klassischen Positivismus.
Carus, Carl Gustav (1789–1869): Deutscher
Arzt und Naturforscher. Condillac, Etienne Bonnot de (1714–1780):
FranzÚsischer Philosoph des Sensualismus.
Cassirer, Ernst (1874–1945) Deutscher Philo-
soph, der im Sinne der kantischen Transzenden- Condorcet, Marie Jean Antoine Nicolas
talphilosophie die Bedingungen der MÚglichkeit (1743–1794): FranzÚsischer Marquis, Geschichts-
des Verstehens von Zeichen reflektierte, %B, 2. philosoph der AufklÈrung.
48 Cordemoy, Gerauld de

Cordemoy, Gerauld de (1620–1684): FranzÚ- Derrida, Jacques (*1930): FranzÚsischer Phi-


sischer Philosoph in der Nachfolge Descartes’. losoph des Neustrukturalismus, %B, 2.

Coreth, Emmerich (*1919): Deutscher Neu- Descartes, René (1596–1650): FranzÚsischer


scholastiker, der eine transzendentale BegrÝn- Philosoph des Rationalismus, gilt als einer der
dung der Metaphysik versuchte. ersten Denker der Neuzeit, %B, 2.

Cramer, Wolfgang (1901–1974) Deutscher Phi-


Desiderius Erasmus von Rotterdam %Eras-
losoph, arbeitete an einer transzendentalen On-
mus von Rotterdam
tologie.

Croce, Benedetto (1866–1952): Bedeutender Dewey, John (1859–1952): Amerikanischer


italienischer Hegelianer. Philosoph des Pragmatismus, %B, 2.

Crusius, Christian August (1712–1775): Deut- Diderot, Denis (1713–1784): FranzÚsischer


scher Philosoph, der sich gegen Wolff und Leib- Denker der AufklÈrung, Mitherausgeber der En-
niz stellte und insbesondere die universelle GÝl- zyklopÈdie.
tigkeit des Kausalprinzips in Frage stellte.
Dietrich von Freiberg (um 1240 – um
Cusanus %Nikolaus von Kues 1318/20): Theodoricus de Vriberch, deutscher
Philosoph, Theologe und Naturwissenschaftler
D’Alembert, Jean le Rond (1717–1783): Fran- des Dominikanerordens. Entwickelte gegen Tho-
zÚsischer aufklÈrerischer, positivistischer Den- mas von Aquin die These, dass der Intellekt
ker, der mit Diderot die EnzyclopÈdie herausgab. beim Erkenntnisvorgang keine passiv-aufneh-
mende, sondern eine aktive Rolle spielt.
Damiani %Petrus Damiani

Dante Alighieri (1265–1321): Italienischer Dikaiarchos von Messene (um 320 v. Chr.):
Denker und Dichter des Humanismus und der Griechischer, spÈtantiker Philosoph des Èlteren
Renaissance. Peripatos, eine aristotelische Schule im Hellenis-
mus.
Danto, Arthur C. (*1924): Amerikanischer
analytischer Philosoph und Kunstkritiker, be- Dilthey, Wilhelm (1833–1911): Deutscher Phi-
schÈftigt sich besonders mit Fragen der •sthe- losoph der Geisteswissenschaft und Hermeneu-
tik. tik, %B, 2.

Deleuze, Gilles (*1925): FranzÚsischer Philo- Dingler, Hugo (1881–1954): Deutscher Philo-
soph der Postmoderne. soph, entwickelte eine methodisch in Einzel-
schritten abgesicherte Erkenntnistheorie.
Demokrit(os) (460–371): Vorsokratischer grie-
chischer Philosoph, gilt als MitbegrÝnder der
Diodoros von Kronos († 307 v. Chr.): Grie-
Atomistik.
chischer Philosoph der megarischen oder eli-
schen Schule.
De Morgan, Augustus (1806–1971): Briti-
scher Mathematiker und Logiker.
Diogenes Laertius (2. bis 3. Jh. n. Chr.): Hel-
Dempf, Alois (1891–1982): Deutscher Neu- lenistischer Philosoph, Autor einer berÝhmten
scholastiker und Kulturkritiker. Philosophiegeschichte.

Dennett, Daniel C. (*1942): Einer der bedeu- Diogenes von Apollonia (um 499–428): Vor-
tendsten Vertreter des amerikanischen Determi- sokratischer griechischer Philosoph, zÈhlt zu
nismus und der Philosophy of Mind. den Eklektikern bzw. Epigonen.
Fechner, Gustav Theodor 49

Diogenes von Sinope (um 412–323): Grie- Epikur (341–ca. 270 v. Chr.): Griechischer,
chischer Philosoph der Kyniker, einer sokrati- spÈtantiker Philosoph und BegrÝnder der hedo-
schen Schule. nistischen Schule der Epikureer des Hellenis-
mus.
Dionysios Areopagita (um 5. Jh. n. Chr.):
Christlicher, vermutlich syrischer Neuplatoniker. Erasmus von Rotterdam (1466 oder
1469–1536): HollÈndischer Philosoph der Renais-
Driesch, Hans (1867–1941): Deutscher Philo- sance und des Humanismus.
soph des kritischen Realismus, entwickelte ei-
nen antimaterialistischen Vitalismus. Erdmann, Johann Eduard (1805–1892): Deut-
scher Philosophiehistoriker.
Droysen, Johann Gustav (1808–1884): Ein-
flussreicher deutscher Historiker, prÈgte den Be- Eriugena %Johannes Scotus Eriugena
griff Hellenismus.
Eubulides von Milet (um 40 v. Chr.): Grie-
Dubislav, Walter (1895–1937): Deutscher Phi- chischer Philosoph der megarischen oder eli-
losoph, bekÈmpfte die Metaphysik. schen Schule.

Duhem, Pierre (1861–1916): FranzÚsischer Eucken, Rudolph (1846–1926): Deutscher Phi-


Denker und Physiker, der die physikalischen Ge- losoph, Vertreter eines Neuidealismus.
setze als vereinfachende Konstruktionen der
Wirklichkeit verstand. Eudemos von Rhodos (Lebensdaten unbe-
kannt): Griechischer spÈtantiker Philosoph des
Dühring, Eugen (1833–1921): Deutscher mate- Èlteren Peripatos, eine aristotelische Schule des
rialistischer Philosoph und NationalÚkonom. Hellenismus.
Duns Scotus %Johannes Duns Scotus
Eudoxos von Knidos (um 370 v. Chr.): Grie-
chischer Astronom, Geometer und Philosoph,
Durand von St. Pourcain (1274–1334): Fran-
der die Lust zum hÚchsten Gut erklÈrte.
zÚsischer Scholastiker.

Durkheim, Emile (1858–1917): FranzÚsischer Eugubinus %Steuchus, Augustinus


Philosoph und Soziologe.
Euklid von Megara (Lebensdaten unbekannt):
Dyroff, Adolf (1866–1943): Deutscher Neu- Griechischer Philosoph der megarischen oder
scholastiker. elischen Schule.

Eckhart, Johann %Meister Eckhart Euhemeros (4./3. Jh. v. Chr.): Griechischer


Philosoph der Kyrenaiker.
Ekphantos von Syrakus (Anfang 4. Jh. v.
Chr.): Griechischer Philosoph der pythagorei- Eusebios Pamphili %Eusebius von CÈsarea
schen Schule.
Eusebius von Cäsarea (260–340): Auch Eu-
Empedokles von Agrigent (495–435): Vor- sebios Pamphili, Bischof von PalÈstina, christli-
sokratischer griechischer Philosoph. cher Theologe im Anschluss an Origenes, einer
der KirchenvÈter.
Engels, Friedrich (1820–1895): Deutscher Phi-
losoph des historisch-dialektischen Materialis- Farabi %Alfarabi
mus und des Sozialismus.
Fechner, Gustav Theodor (1801–1887): Deut-
Epiktet (50–138): RÚmischer Philosoph der scher Philosoph der Wissenschaftssynthese und
spÈten Stoa des Hellenismus. des Psychologismus.
50 Feder, Johann Georg Heinrich

Feder, Johann Georg Heinrich (1740–1821): Fries, Jakob Friedrich (1773–1843): Deut-
Deutscher Popularphilosoph. scher Philosoph, der eine positivistische Philoso-
phie im Anschluss an den deutschen Idealismus
Fénelon, François de Salignac de la Mothe entwickelte.
(1651–1715): FranzÚsischer Theologe, verteidigte
den Mystizismus. Frobenius, Leo (1873–1938): Deutscher Philo-
soph und Ethnologe, entwickelte den Begriff des
Ferguson, Adam (1723–1816): Schottischer Kulturkreises.
Moralphilosoph der AufklÈrung.
Frohschammer, Jakob (1821–1893): Deut-
Fetscher, Iring (*1922): Deutscher Sozialphilo-
scher katholischer Priester, entwickelte eine an-
soph und Politikwissenschaftler.
timaterialistische und antidarwinistische Meta-
physik der Weltphantasie.
Feuerbach, Ludwig (1804–1872): Deutscher
Philosoph des Materialismus, Kritiker des Chris-
Fromm, Erich (1900–1980): Deutscher Psycho-
tentums.
loge und Kulturphilosoph.
Feyerabend, Paul (1924–1994): ³sterrei-
chisch-amerikanischer Philosoph der Wissen- Gabirol %Ibn Gabirol
schaftstheorie und ihrer Kritik.
Gadamer, Hans-Georg (1900–2002): Deut-
Fichte, Johann Gottlieb (1762–1814): Deut- scher Philosoph der Hermeneutik, %B, 2.
scher Philosoph des spekulativen Idealismus,
%B, 2. Galenos (um 131–201): SpÈtantiker grie-
chischer Philosoph des jÝngeren Peripatos, einer
Ficino, Marsilio (1433–1499): Italienischer aristotelischen Schule des Hellenismus.
Philosoph der Renaissance in der Tradition der
platonischen Akademie. Galilei, Galileo (1564–1642): Italienischer Na-
turwissenschaftler der Renaissance.
Fischer, Kuno (1824–1907): Deutscher Philo-
soph und bedeutender Philosophiehistoriker. Garve, Christian (1742–1798): Deutscher Po-
pularphilosoph.
Fontenelle, Bernard le Bovier de (1657–
1757): FranzÚsischer AufklÈrungsphilosoph. Gassendi, Pierre (1592–1655): FranzÚsischer
Mathematiker und Philosoph der Renaissance,
Foucault, Michel (1926–1984): FranzÚsischer
erneuerte das atomistisch-mechanistische Welt-
Philosoph des Strukturalismus.
bild des Demokrit.
Fourier, Charles (1772–1835): FranzÚsischer
Gasset %Ortega y Gasset
Kritiker, Verfechter der Einheit von Lust und Ar-
beit.
Gebirol %Ibn Gabirol
Franck, Sebastian (1499–1542): Deutscher
Theologe und Philosoph, erst katholischer, dann Gehlen, Arnold (1904–1976): Deutscher Philo-
evangelischer Geistlicher, schließlich Aufgabe soph der Anthropologie und Kulturkritik und
des geistlichen Berufes und unabhÈngiger Theo- Denker der Institutionen.
loge, VorlÈufer der Freidenker.
Geiger, Abraham (1810–1874): Deutscher Rab-
Frege, Gottlob (1848–1925): Deutscher Ma- biner, der die jÝdische Theologie als Wissen-
thematiker und BegrÝnder der modernen Logik, schaft zu grÝnden versuchte.
%B, 2.
Gentile, Giovanni (1875–1944): Italienischer
Freiberg %Dietrich von Freiberg idealistischer Philosoph in der Nachfolge Hegels.
Hartmann, Eduard von 51

Geulincx, Arnold (1624–1669): Belgischer Phi- Grassi, Ernesto (1902–1991): Italienisch-deut-


losoph des Okkasionalismus. scher Philosoph, erneuerte das humanistische
Denken.
Geyser, Joseph (1869–1948): Deutscher Neu-
scholastiker. Gregor von Nazianz (um 328–390): Bedeuten-
der griechischer Kirchenlehrer, vom Kynismus
Gilbert de la Porrée (1070–1154): FranzÚsi- beeinflusster Platoniker, verteidigte die athana-
scher FrÝhscholastiker. sianische Orthodoxie gegenÝber den Arianern
und Apollinaristen.
Gioberti, Vincenzo (1801–1852): Italienischer
Grelling, Kurt (1886–1942): Deutscher Logiker
Philosoph, verbreitete die deutsche Philosophie
und Wissenschaftstheoretiker.
in Italien.
Grotius, Hugo (1583–1645): HollÈndischer Re-
Giordano Bruno %Bruno, Giordano naissance-Philosoph, BegrÝnder des Natur- und
Menschenrechtes.
Giovanni di Fidenza %Bonaventura
Guardini, Romano (1885–1968): Italienisch-
Glockner, Hermann (1896–1979): Deutscher deutscher Denker des Christseins in der Welt.
Hegelforscher.
Guyau, Jean Marie (1854–1888): FranzÚsi-
Gödel, Kurt (1906–1978): ³sterreichischer Ma- scher Philosoph und Fortsetzer des Vitalismus
thematiker und Logiker. und des Evolutionismus in Frankreich.

Goldmann, Lucien (1913–1970): FranzÚsischer Häberlin, Paul (1878–1960): Deutscher Philo-


Literaturtheoretiker und -soziologe. soph der Anthropologie.

Habermas, Jürgen (*1929): Deutscher Sozial-


Goodman, Nelson (*1906): Amerikanischer philosoph und Kommunikationstheoretiker der
analytischer Philosoph, %B, 2. Frankfurter Schule, %B, 2.

Gorgias (483–375): Griechischer Denker der Haeckel, Ernst (1834–1919): Deutscher Philo-
Èlteren Sophistik. soph des klassischen Positivismus.

Gorgias Plethon (1355–1450): Byzantinischer Hahn, Hans (1879–1934): ³sterreichischer


Philosoph, der die platonische und neuplato- Mathematiker und Wissenschaftstheoretiker.
nische Philosophie gegen das christliche Denken
wiederbelebte. Hamann, Johann Georg (1730–1788): Deut-
scher Philosoph einer mystischen AufklÈrungs-
Gournay, Vincent de (1712–1759): FranzÚsi- kritik, BegrÝnder der Geniepoesie.
scher NationalÚkonom, Vertreter des Freihandels
(prÈgte die Formel: Laissez faire, laissez aller). Hamelin, Octave (1856–1907): FranzÚsischer
rationalistischer Philosoph, der Kants Katego-
rienlehre weiterentwickelte.
Grabmann, Martin (1875–1949): Deutscher
Neuscholastiker.
Hardenberg, Friedrich von %Novalis

Gracián, Baltasar (1601–1658): Spanischer Je- Hare, Richard Mervyn (1919–2002): Eng-
suit, der das Wohl des Individuums in prakti- lischer Denker der analytischen Philosophie.
scher Vernunft und Weltklugheit begrÝndet sah.
Hartmann, Eduard von (1842–1906): Deut-
Gramsci, Antonio (1891–1937): Italienischer scher Philosoph der Wissenschaftssynthese und
marxistischer Philosoph. des Psychologismus.
52 Hartmann, Paul Nicolai

Hartmann, Paul Nicolai (1882–1950): Deut- Herodot (um 484–424): Griechischer Denker
scher Philosoph des kritischen Realismus und und Historiker, BegrÝnder einer moralischen Ge-
der Ethik. schichtsschreibung.

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1770–1831): Hertling, Georg Graf von (1843–1919): Deut-
Deutscher Philosoph des spekulativen, dialekti- scher Neuthomist, Staats- und Rechtsphilosoph.
schen Idealismus, %B, 2.
Heß, Moses (1812–1875): Deutscher Philo-
Heidegger, Martin (1889–1976): Deutscher soph des Linkshegelianismus und Sozialkritiker.
Philosoph der Fundamentalontologie, %B, 2.
Hessen, Johannes (1889–1971): Deutscher
Heimsoeth, Heinz (1886–1975): Deutscher Denker mit katholischem Weltbild.
Philosophiehistoriker.
Heyting, Arend (1898–1980): NiederlÈndischer
Mathematiker und Logiker.
Heinrich von Gent (1217–1293): Scholasti-
scher Philosoph, der gegen Thomas von Aquin Hiketas von Syrakus (Lebensdaten unbe-
das augustinische Denken vertrat. kannt): Griechischer Philosoph der jÝngeren py-
thagoreischen Schule des Hellenismus.
Helmholtz, Hermann von (1821–1894): Deut-
scher Naturwissenschaftler, begrÝndete eine Sin- Hilarius von Poitiers (310–367): FranzÚsi-
nespsychologie, gemÈß der die Empfindungen scher Bischof, einer der KirchenvÈter.
Symbole der wirklichen Welt sind.
Hilbert, David (1862–1943): Deutscher Mathe-
Helvétius, Claude Adrien (1715–1771): Fran- matiker und Logiker.
zÚsischer Philosoph der AufklÈrung, vertrat die
mechanistische These des Menschen als Maschi- Hildegard von Bingen (1098–1179): Deutsche
ne. Mystikerin.

Hempel, Carl G. (1905–1997): ³sterreichisch- Hippias von Elis (um 440 v. Chr.): Grie-
amerikanischer Logiker und analytischer Philo- chischer Denker der Èlteren Sophistik.
soph.
Hirsch, Emanuel (1888–1972): Deutscher
Henrich, Dieter (*1927): Deutscher Philosoph, evangelischer Theologe, Àbersetzer und Kom-
der die Philosophie des deutschen Idealismus re- mentator der Werke Kierkegaards.
konstruiert.
Hissmann, Michael (1752–1784): Deutscher
Philosoph, AnhÈnger des Sensualismus.
Heraklit von Ephesos (um 550–480): Auch
Herakleitos, vorsokratischer griechischer Philo- Hobbes, Thomas (1588–1679): Englischer
soph, %B, 2. Philosoph des Empirismus, der Rechts- und
Staatslehre, %B, 2.
Herbart, Johann Friedrich (1776–1841): Deut-
scher PÈdagoge und Philosoph des Humanis- Hoerster, Norbert (*1937): Deutscher Philo-
mus. soph der Rechts- und Staatsphilosophie.

Herder, Johann Gottfried (1744–1803): Deut- Höffe, Otfried (*1943): Deutscher Philosoph
scher Dichter und Denker der AufklÈrung und einer systematischen BegrÝndung der Ethik.
des beginnenden Historismus.
Holbach, Paul Heinrich Dietrich
Hermas von Rom (gegen Ende des 2. Jh. n. von (1723–1789): Auch d’Holbach, deutscher
Chr.): RÚmischer Kirchenvater, einer der Apos- Philosoph der franzÚsischen AufklÈrung und des
tolischen VÈter. Materialismus.
Jaspers, Karl 53

Hönigswald, Richard (1875–1947): Ungarisch- Hyppolite, Jean (1907–1968): FranzÚsischer


deutscher Philosoph, entwickelte eine neue Mo- Philosoph und Hegelforscher.
nadologie und eine Denkpsychologie.
Iamblichos (bis ca. 330 n. Chr.): Syrischer
Honnefelder, Ludger (*1936): Deutscher Philosoph des Neuplatonismus.
Theologe und Philosophiehistoriker.
Ibn Gabirol, Salomon ben Jehuda
Horkheimer, Max (1895–1973): Deutscher So- (1020/21–1057/58): JÝdischer Dichter und Philo-
zialphilosoph der neumarxistischen Frankfurter soph, der die Scholastik durch die Vermittlung
Schule. des aristotelisch-neuplatonischen Denkens be-
einflusste.
Horstmann, Rolf-Peter (*1940): Deutscher
Philosoph, beschÈftigt sich mit dem deutschen Ibn Ruschd %Averros
Idealismus, insbesondere mit Hegel.
Ibn Sina %Avicenna
Hrabanus Maurus (784–856): Deutscher
FrÝhscholastiker und kompilatorischer Verfasser Ignatius Theophoros %Ignatius von Antio-
historisch bedeutender LehrbÝcher zur PÈdago- chien
gik, Theologie, Philosophie und den Naturwis-
senschaften. Ignatius von Antiochien (um 25–115): Einer
der Apostolischen VÈter.
Hugo von St. Viktor (1096–1141): Deutscher
FrÝhscholastiker. Ingarden, Roman (1893–1970): Aus der phÈ-
nomenologischen Schule kommender polnischer
Huizinga, Johan (1872–1945): NiederlÈn-
•sthetiker.
discher Kulturphilosoph.
Irenäus († um 202 n. Chr.): Griechischer Bi-
Humboldt, Wilhelm von (1767–1835): Deut-
schof, einer der Apologetischen VÈter.
scher PÈdagoge und Philosoph des Humanis-
mus.
Jacobi, Friedrich Heinrich (1743–1819): Deut-
Hume, David (1711–1776): Englischer Philo- scher Popularphilosoph und Vordenker der Ro-
soph des Empirismus, %B, 2. mantik.

Husserl, Edmund (1859–1938): Deutscher Jacoby, Günther (1881–1969): Deutscher Phi-


Philosoph der transzendentalen PhÈnomenolo- losoph, MitbegrÝnder der modernen Ontologie.
gie, %B, 2.
Jaeger, Werner (1888–1961): Deutscher Phi-
Hutcheson, Francis (1694–1747): Englischer losophiehistoriker mit dem Schwerpunkt grie-
Moralphilosoph und •sthetiker. chische Antike.

Hutchinson, John (1674–1737): Englischer Jamblichos %Iamblichos


Philosoph und Theologe, verteidigte die mosai-
sche Kosmogonie gegen Newtons Gravitations- James, William (1842–1910): Amerikanischer
theorie. Philosoph des Pragmatismus, %B, 2.

Huxley, Thomas Henry (1825–1895): Eng- Janich, Peter (*1942): Deutscher analytischer
lischer Naturforscher und Philosoph. Philosoph, beschÈftigt sich mit Problemen der
Physik und der Wissenschaftstheorie.
Hypatia (bis 415 n. Chr.): Griechische Mathe-
matikerin und Philosophin, letztes Oberhaupt Jaspers, Karl (1883–1969): Deutscher Philo-
der neuplatonischen Schule in Alexandria. soph des Existenzialismus.
54 Joachim von Fiore

Joachim von Fiore (um 1132–1202): Italie- Kepler, Johann (1571–1630): Deutscher Natur-
nischer Mystiker und Geschichtsmetaphysiker. wissenschaftler der Renaissance.

Joachim von Floris %Joachim von Fiore Keyserling, Hermann Graf (1880–1946):
Deutscher Denker, der den Gegensatz Geist und
Johannes Duns Scotus (um 1265–1308): Leben, Intellekt und Seele Ýberwinden wollte.
Schottischer Denker der Hochscholastik und An- GrÝndete eine Schule der Weisheit.
gehÚriger des Franziskanerordens, Kritiker des
Thomismus. Kierkegaard, Sören (1813–1855): DÈnischer
Philosoph eines frÝhen, christlichen Existenzia-
Johannes Scotus Eriugena (um 810 – nach lismus, %B, 2.
877): Irischer Theologe und Philosoph des Neu-
platonismus. Klages, Ludwig (1872–1956): Deutscher Philo-
soph der Lebensphilosophie und Psychologie.
Jonas, Hans (1903–1993): Deutscher Moral-
und Naturphilosoph. Klaudios Ptolemaios (um 150 n. Chr.): SpÈt-
antiker Ègyptischer Astronom und Philosoph des
Julianus Apostata (331–363): RÚmischer Kai-
jÝngeren Peripatos, einer aristotelischen Schule
ser, beschÈftigte sich mit der neuplatonischen
des Hellenismus.
Philosophie der spÈtantiken neueren Akademie,
einer platonischen Schule des Hellenismus, ver- Kleanthes (331/330–230/229): Griechischer
suchte in seiner Regierungszeit das Heidentum Philosoph, MitbegrÝnder der Èlteren Stoa des
gegen das Christentum wieder durchzusetzen. Hellenismus.
Julianus Flavius Claudius %Julianus Apos-
Kopernikus, Nikolaus (1473–1543): Deutscher
tata
Mathematiker, Naturwissenschaftler und Astro-
nom der Renaissance, ersetzte das geozentrische
Justinus Martyr (um 100–165/167): RÚmi-
Weltbild durch das heliozentrische.
scher Bischof, einer der Apologetischen VÈter,
beschÈftigte sich mit der platonischen Philoso-
Kratylos (5. Jh. v. Chr.): Griechischer Philo-
phie, die er mit dem Christentum verband.
soph in der Nachfolge Heraklits.
Kallikles (Lebensdaten unbekannt): Grie-
Kries, Johannes von (1853–1928): Deutscher
chischer Denker der jÝngeren Sophistik.
Physiologe und Logiker.
Kambartel, Friedrich (*1935): Deutscher Phi-
losoph der Wissenschaftstheorie. Krings, Hermann (*1913): Deutscher Religi-
ons-, Moral- und Kulturphilosoph.
Kamlah, Wilhelm (1905–1976): Deutscher Lo-
giker und konstruktivistischer Philosoph. Kripke, Saul Aaron (*1940): Amerikanischer
Logiker und Philosoph, entwickelte die Kripke-
Kant, Immanuel (1724–1804): Deutscher Phi- Semantik der mÚglichen Welten.
losoph der kritischen Transzendentalphiloso-
phie, %B, 2. Kritias (um 460–403): Griechischer Denker
der Èlteren Sophistik.
Karneades (214–129): Griechischer spÈtanti-
ker Philosoph der skeptischen Schule des Helle- Kues %Nikolaus von Kues
nismus.
Kuhn, Thomas Samuel (1922–1995): Ame-
Kelsen, Hans (1881–1973): Deutscher Jurist rikanischer Wissenschaftstheoretiker.
und Rechtsphilosoph.
Külpe, Oswald (1862–1915): Deutscher Philo-
Kelsos %Celsus soph des kritischen Realismus.
Löwith, Karl 55

Kutschera, Franz von (*1932): Deutscher Lenk, Hans (*1935): Deutscher Wissenschafts-
Wissenschaftstheoretiker und Logiker. theoretiker.

La Mettrie, Julien Offray de (1709–1751): Leonardo da Vinci (1452–1519): Italienischer


FranzÚsischer Philosoph der AufklÈrung. KÝnstler der Renaissance und des Humanismus.

La Rochefoucauld, François (1613–1680): Leukipp von Abdera (um 460 v. Chr.): Vor-
FranzÚsischer Moralist. sokratischer griechischer Philosoph, gilt als Mit-
begrÝnder der Atomistik.
Lacan, Jacques (1901–1981): FranzÚsischer
Denker des Neufreudianismus und des Struk-
Lévi-Strauss, Claude Gustave (*1908): Belgi-
turalismus.
scher strukturalistischer Anthropologe.
Lakatos, Imre (1922–1974): Amerikanischer
Lévinas, Emanuel (*1906): FranzÚsischer Phi-
Wissenschaftstheoretiker.
losoph, der den Primat der philosophischen On-
Lambert, Johann Heinrich (1728–1777): tologie Ýberwinden will, %B, 2.
Deutscher Logiker und Mathematiker.
Liebmann, Otto (1840–1912): Deutscher Philo-
Lamprecht, Karl (1856–1915): Deutscher Phi- soph, Vertreter der kantischen Philosophie.
losoph der Geschichts- und Kulturkritik.
Litt, Theodor (1880–1962): Deutscher Philo-
Lange, Friedrich Albert (1828–1875): Deut- soph der Geisteswissenschaften und PÈdagoge.
scher Philosoph des Neukantianismus (Marbur-
ger Schule). Locke, John (1632–1704): Englischer Philo-
soph des Empirismus und der Staatslehre,
Langer, Susanne (1895–1985): Amerikani- %B, 2.
sche Philosophin und Literaturhistorikerin, inter-
pretierte Kunst als symbolische Form der Lorenz, Konrad (1903–1989): ³sterreichischer
menschlichen Kommunikation. Verhaltensforscher und Kulturkritiker.

Laplace, Pierre Simon de (1749–1827): Fran- Lorenz, Kuno (*1932): Deutscher Philosoph,
zÚsischer Marquis, Mathematiker und Astro- beschÈftigt sich mit Logik, Semiotik und Sprach-
nom. philosophie.
Lasalle, Ferdinand (1825–1864): Deutscher
Lorenzen, Paul (*1915): Deutscher Logiker
FrÝhsozialist.
und analytisch-konstruktivistischer Philosoph.
Lavater, Johann Kaspar (1741–1801): Schwei-
Lotz, Johann Baptist (*1903): Deutscher Neu-
zer schwÈrmerischer Theologe, erneuerte die
scholastiker.
Physiognomik.

Lavelle, Louis (1883–1951): FranzÚsischer Lotze, Rudolf Hermann (1817–1881): Deut-


Philosoph und Vertreter eines neuen Spiritualis- scher Philosoph der Wissenschaftssynthese und
mus. des Psychologismus.

Leibniz, Gottfried Wilhelm (1646–1716): Löwenthal, Leo (1900–1993): Deutsch-ame-


Deutscher Philosoph, Mathematiker und Univer- rikanischer Soziologe im Umkreis der Frankfur-
salgenie des Barock, %B, 2. ter Schule.

Lenin, Wladimir Iljitsch Uljanow (1870– Löwith, Karl (1897–1973): Bedeutender deut-
1924): Russischer RevolutionÈr und marxistisch- scher Philosophiehistoriker der neueren Philoso-
materialistischer Denker. phie.
56 Lübbe, Hermann

Lübbe, Hermann (*1926): Deutscher pragma- Mani (216–273): Persischer BegrÝnder der reli-
tischer, essayistischer Philosoph, der sich mit giÚsen Lehre des ManichÈismus.
sozio-kulturellen Problemen beschÈftigt.
Mannheim, Karl (1893–1947): Ungarisch-
Luhmann, Niklas (1927–1999): Deutscher So- deutsch-englischer Soziologe.
ziologe und Sozialphilosoph.
Marc Aurel (121–180): Marcus Aurelius Anto-
Lukács, Georg (1885–1971): Ungarisch-deut- nius, rÚmischer Kaiser und Philosoph der Stoa.
scher Sozialphilosoph und Neumarxist.
Marcel, Gabriel (1889–1973): FranzÚsischer
Lukrez (um 96–55): Titus Lucretius Carus, rÚ- Philosoph eines christlichen Existenzialismus.
mischer Philosoph der epikureischen Schule des
Hellenismus. Marcus Terentius Varro %Varro

Lullus %Raymundus Lullus Marcuse, Herbert (1898–1979): Deutscher


psychologischer Sozialphilosoph der neumarxis-
Lykon von Troas (272/68–228/25): Grie- tischen Frankfurter Schule.
chischer Philosoph, Oberhaupt der peripateti-
Margolius, Hans (1902–1984): Deutscher Mo-
schen (aristotelischen) Schule des Hellenismus.
ralphilosoph.
Lyotard, Jean-François (*1924): FranzÚsi-
Marquard, Odo (*1928): Deutscher essayisti-
scher Philosoph der Postmoderne.
scher Philosoph der Skeptik.
Mach, Ernst (1838–1916): Deutscher Philo-
Marsilius von Padua (1275–1343): Italie-
soph des klassischen Positivismus.
nischer Staatsphilosoph.
Macchiavelli, Niccolò (1469–1527): Italie- Martianus Capella (1. HÈlfte des 5. Jh.): Neu-
nischer politischer Philosoph der Renaissance. platonischer Philosoph der spÈtantiken neueren
Akademie, einer platonischen Schule des Helle-
Maimonides (1135–1204): Rabbi Mose ben nismus.
Maimon, spanischer jÝdischer Arzt, Theologe
und Philosoph, bedeutende rabbinische Auto- Marx, Karl (1818–1883): Deutscher Philosoph
ritÈt. des historisch-dialektischen Materialismus und
Sozialismus, %B, 2.
Maier, Heinrich (1867–1933): Deutscher Philo-
soph, versuchte die NeubegrÝndung einer wis- Masci, Filippo (1844–1922): Italienischer Phi-
senschaftlichen Metaphysik als Basis einer Welt- losoph, beschÈftigte sich mit einer Verbindung
und Lebensanschauung. von kritischem Realismus und dem Gedanken
der Evolution.
Malchus %Porphyrios
Maurer, Reinhart (*1935): Deutscher Philo-
Malebranche, Nicolas de (1638–1715): Fran- soph, beschÈftigt sich mit praktischer Philoso-
zÚsischer Philosoph des Okkasionalismus. phie und der MÚglichkeit einer ›ersten Philoso-
phie‹.
Mandeville, Bernhard de (1670–1733): Nie-
derlÈndisch-englischer Philosoph und Schriftstel- Mauthner, Fritz (1849–1923): Deutscher
ler der AufklÈrung, der Politik und der Gesell- Sprachphilosoph, vertrat eine nominalistische
schaft. Position.

Manetti, Giannozzo († 1459): Florentinischer Mead, George Herbert (1863–1931): Ame-


Humanist. rikanischer Philosoph des Pragmatismus.
Nietzsche, Friedrich 57

Mechthild von Magdeburg (1212–1285): FrÝ- Montague, Richard (*1932): Amerikanischer


he deutsche Mystikerin. Logiker und Sprachtheoretiker, beschÈftigt sich
mit der Freilegung der logischen Struktur der
Meinecke, Friedrich (1862–1954): Deutscher natÝrlichen Sprache.
Philosophiehistoriker.
Montaigne, Michel de (1533–1592): FranzÚsi-
Meiners, Christoph (1747–1810): Deutscher scher Philosoph der AufklÈrung.
Philosophiehistoriker.
Montchrestien, Antoine de (1575–1621):
Meinong, Alexius (1853–1920): Deutscher FranzÚsischer Dramatiker und Wirtschaftstheo-
Philosoph, entwickelte eine Gegenstandslehre retiker.
und eine Wertethik.
Montesquieu, Charles de Secondat (1689–
Meister Eckhart (um 1260–1328): Deutscher 1755): FranzÚsischer Philosoph der AufklÈrung.
Mystiker.
Moore, George Edward (1873–1958): Eng-
Melanchthon, Philipp (1497–1560): Eigentlich lischer Philosoph der analytischen Philosophie
Philipp Schwarzerdt, deutscher Denker des Hu- und Ethik.
manismus.
Morgan, Augustus de %De Morgan
Melissos von Elea (5. Jh. v. Ch.): Vorsokrati-
scher griechischer Philosoph der eleatischen Morris, Charles William (1901–1979): Ame-
Schule. rikanischer Philosoph der Wert- und Zeichen-
theorie.
Mendelssohn, Moses (1729–1786): Deut-
scher Philosoph der AufklÈrung.
Morus %Thomas Morus
Merleau-Ponty, Maurice (1908–1961): Fran-
Murdoch, Jean Iris (*1919–1999): Irische Phi-
zÚsischer PhÈnomenologe.
losophin und Schriftstellerin, schrieb Ideenroma-
Messer, August (1867–1937): Deutscher Philo- ne.
soph des kritischen Realismus.
Natorp, Paul (1854–1924): Deutscher Philo-
Metrodor (4. Jh. v. Chr.): Griechischer spÈt- soph des Neukantianismus (Marburger Schule).
antiker Philosoph der epikureischen Schule des
Hellenismus. Nelson, Leonard (1882–1927): Deutscher Phi-
losoph der Wissenschaftssynthese und des Psy-
Meyer-Abich, Adolf (1893–1971): Deutscher chologismus.
Philosoph, entwickelte ein System des Holismus
der Seinsabstufungen. Neurath, Otto (1882–1945): ³sterreichischer
Philosoph des Neupositivismus (Wiener Schule).
Michelangelo %Buonarroti, Michelangelo
Newton, Isaac (1643–1727): Bedeutendster
Mill, John Stuart (1806–1873): Englischer Phi- englischer Physiker.
losoph des Empirismus, des klassischen Positi-
vismus und des Utilitarismus, %B, 2. Niebuhr, Barthold Georg (1776–1831): DÈ-
nisch-deutscher Historiker.
Mitscherlich, Alexander (1908–1982): Deut-
scher Psychoanalytiker und sozialwissenschaftli- Niebuhr, Reinhold (1892–1971): Amerikani-
cher Publizist. scher evangelischer Theologe.

Mittelstraß, Jürgen (*1936): Deutscher Wis- Nietzsche, Friedrich (1844–1900): Deutscher


senschaftsphilosoph. Denker der Lebensphilosophie, %B, 2.
58 Nikolaus von Damaskus

Nikolaus von Damaskus (um 1. Jh. n. Chr.): Pascal, Blaise (1623–1662): FranzÚsischer
JÝdischer peripatetischer Philosoph und Histori- Philosoph, Theologe, Mathematiker und Physiker
ker. der franzÚsischen Klassik, %B, 2.

Nikolaus von Kues (1401–1464): Cusanus, Patzig, Günther (*1926): Deutscher Philosoph
deutscher Philosoph an der Schwelle vom Mittel- der Logik, Sprachphilosophie und Ethik.
alter zur Neuzeit, %B, 2.
Paulsen, Friedrich (1846–1908): Deutscher
Nohl, Herman (1879–1960): Deutscher Kultur- Philosoph und PÈdagoge des Humanismus.
philosoph und PÈdagoge.
Peano, Guiseppe (1858–1932): Italienischer
Notker der Deutsche (um 950–1022): Deut- Logiker.
scher FrÝhscholastiker.
Peirce, Charles Sanders (1839–1914) Ame-
Novalis (1772–1801): Friedrich von Harden- rikanischer Logiker und Philosoph des Pragma-
berg, deutscher Dichter und Philosoph der Ro- tismus, %B, 2.
mantik.
Petrarca, Francesco (1304–1374) Italie-
Ockham %Wilhelm von Ockham nischer Dichter der Renaissance und des Huma-
nismus.
Oppenheim, Paul (1885–1977): Deutsch-ame-
rikanischer Chemiker, der sich mit Wissen- Petrus Abaelardus %Abaelard
schaftstheorie auseinander setzte (Hempel-
Oppenheim-Schema der ErklÈrung). Petrus Damiani (1007–1072): Italienischer
FrÝhscholastiker.
Origenes (um 185–254): Auch Origines, grie-
chischer Kirchenvater und Philosoph der alexan- Petrus Hispanus (1219–1277): Spanischer
drinischen Schule der spÈtantiken Gnosis. scholastischer Logiker.

Ortega y Gasset, José (1883–1955): Spa- Petrus Pomponatius (1462–1524): Italie-


nischer Philosoph der Geschichts- und Kulturkri- nischer Philosoph der Renaissance.
tik.
Pfänder, Alexander (1870–1941): Deutscher
Otto, Rudolph (1869–1937): Deutscher Theo- Philosoph der PhÈnomenologie.
loge und Religionsphilosoph.
Pfeil, Hans (*1903): Deutscher Neuscholasti-
Palágyi, Melchior (1859–1924): Ungarischer ker.
Philosoph der Wissenschaftssynthese und des
Psychologismus. Phaidon von Elis (um 400 v. Chr.): Grie-
chischer Philosoph der megarischen oder eli-
Panaitios von Rhodos (um 180–110): Grie- schen Schule.
chischer Philosoph der mittleren Stoa des Helle-
nismus. Philo(n) Judaeus %Philo(n) von Alexandria

Paracelsus, Aureolus Theophrastus Philo(n) von Alexandria (um 20 v. Chr.–50 n.


(1493–1541): Bombast von Hohenheim, deut- Chr.): JÝdisch-griechischer Philosoph der alexan-
scher Naturwissenschaftler, Arzt und Philosoph drinischen Schule der spÈtantiken Gnosis.
der Renaissance.
Philo(n) von Larissa (Lebensdaten unbe-
Parmenides von Elea (um 540–480): Vor- kannt): Griechischer Philosoph der platonischen
sokratischer griechischer Philosoph der eleati- Akademie und von ungefÈhr 110/09–88 v. Chr.
schen Schule, %B, 2. ihr Oberhaupt.
Quesnay, François 59

Philodemos von Gadara (um 110–40): Grie- Pomponatius %Petrus Pomponatius


chischer Philosoph der epikureischen Schule.
Popper, Karl Raimund (1902–1994): ³sterrei-
Philolaos von Kroton (5. Jh. v. Chr.): Grie- chisch-englischer Philosoph des kritischen Ratio-
chischer Philosoph der jÝngeren pythagorei- nalismus, %B, 2.
schen Schule.
Porphyrios (232–304): Eigentlich Malchus, sy-
Pico della Mirandola, Giovanni (1463–1494): risch-griechischer neuplatonischer Philosoph der
Italienischer Renaissancephilosoph der Synthese spÈtantiken neueren Akademie, eine platonische
des platonischen und aristotelischen Denkens. Schule des Hellenismus.

Pieper, Josef (1904–1997): Deutscher Neu- Poseidonios (um 135–51): Griechischer Philo-
scholastiker und Kulturphilosoph. soph der mittleren Stoa des Hellenismus.

Platon von Athen (427–347): Griechischer Prigogine, Ilya (*1917): Russisch-belgischer


Philosoph, mit Aristoteles der HÚhepunkt der Physikochemiker, beschÈftigt sich mit der Ther-
klassischen griechischen Philosophie, %B, 2. modynamik irreversibler Prozesse.
Plessner, Helmuth (1892–1985): Deutscher Prodikos von Keos (um 400 v. Chr.): Grie-
Philosoph der Anthropologie. chischer Denker der Èlteren Sophistik.
Plethon %Gorgias Plethon
Proklos Diadochos (412–485): Griechischer
neuplatonischer Philosoph der spÈtantiken neue-
Plotin(os) (ca. 205–270): Griechischer neupla-
ren Akademie, einer platonischen Schule des
tonischer Philosoph der spÈtantiken neueren
Hellenismus.
Akademie, einer platonischen Schule des Helle-
nismus, %B, 2.
Protagoras (um 485–410): Griechischer Den-
Plutarchos von Chaironeia (um 45–120): ker der Èlteren Sophistik.
Griechischer neuplatonischer Philosoph der spÈt-
Proudhon, Pierre Joseph (1809–1865): Fran-
antiken neueren Akademie, einer platonischen
zÚsischer Philosoph des klassischen Sozialis-
Schule des Hellenismus.
mus.
Pöggeler, Otto (*1928): Deutscher Philosoph,
Hegelianer und •sthetiker. Pseudo-Dionysios %Dionysios Areopagita

Poincaré, Henri (1853–1912): FranzÚsischer Pufendorf, Samuel (1632–1694): Deutscher


Mathematiker und Philosoph. Rechtsphilosoph.

Pollock, Friedrich (1894–1970): Deutscher Putnam, Hilary (*1926): Amerikanischer Phi-


Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe im losoph der sprachanalytischen Schule, %B, 2.
Umkreis der Frankfurter Schule.
Pyrrhon von Elis (365–275): Griechischer
Polybios (um 22–120): Griechischer Philosoph spÈtantiker Philosoph der skeptischen Schule
der mittleren Stoa des Hellenismus. des Hellenismus.

Polykarp aus Kleinasien († um 158 oder 168 Pythagoras von Samos (um 570–500 v.
n. Chr.): Bischof von Smyrna, einer der Apostoli- Chr.): Griechischer Philosoph, GrÝnder der py-
schen VÈter. thagoreischen Schule, %B, 2.

Polyklet der Ältere (Ende 5. Jh. v. Chr.): Grie- Quesnay, François (1694–1774): FranzÚsi-
chischer Philosoph der Èlteren pythagoreischen scher Volkswirtschaftler, MitbegrÝnder der
Schule. Schule der Physiokraten.
60 Quine, Willard van Orman

Quine, Willard van Orman (*1908): Ame- Riehl, Alois (1844–1924): Deutscher Philosoph
rikanischer Logiker, %B, 2. des Neukantianismus (sÝdwestdeutsche Schule).

Quintilian (30–96): Marcus Fabius, rÚmischer Rintelen, Fritz-Joachim von (1898–1979):


Rhetor, fÝr den Sprache ein Wesensmerkmal des Deutscher Neuscholastiker, entwickelte einen
Menschen ist. Werterealismus.
Rabbi Mose ben Maimon %Maimonides
Ritter, Joachim (1903–1974): Bedeutender
Rahner, Karl (1904–1984): Deutscher katho- deutscher Philosophiehistoriker, der sich auch
lischer Theologe. mit •sthetik, Gesellschaftsphilosophie und prak-
tischer Philosophie beschÈftigte.
Rawls, John (1921–2002): Englischer Philo-
soph der analytischen Ethik und Gerechtigkeit, Rombach, Heinrich (*1923): Deutscher Philo-
%B, 2. soph, ausgehend von Husserls PhÈnomenologie
entwickelte er ein ontologisch-strukturales Den-
Raymundus Lullus (1235–1315): Spanischer ken, beschÈftigt sich mit Hermeneutik und einer
Denker der Scholastik. Bildphilosophie jenseits der verbalen Sprache.

Reichenbach, Hans (1891–1953): Deutscher


Rorty, Richard (*1931): Amerikanischer Kul-
Philosoph des Neupositivismus (Wiener Schule).
tur-Philosoph im Umkreis des Kommunitaris-
Reid, Thomas (1710–1796): Englischer Philo- mus, der ausgegangen war vom linguistic turn in
soph und BegrÝnder der schottischen Schule. der Philosophie.

Reimarus, Hermann Samuel (1694–1768): Roscelin de Compiègne (um 1050–1120):


Deutscher Philosoph der AufklÈrung. FranzÚsischer nominalistischer Scholastiker.

Reinhold, Karl Leonhard (1758–1823): Deut- Rosenkranz, Karl (1805–1879): Deutscher


scher Philosoph, schrieb in der Auseinanderset- Philosoph der hegelschen Schule und der •sthe-
zung mit Kant und Fichte eine Elementarphi- tik.
losophie.

Renouvier, Charles (1815–1903): FranzÚsi- Rosmini, Antonio (1797–1855): Italienischer


scher Philosoph und BegrÝnder des franzÚsi- Philosoph, entwickelte eine Ontologie.
schen Neukantianismus.
Rothacker, Erich (1888–1965): Deutscher Phi-
Reuchlin, Johann (1455–1522): Deutscher losoph, beschÈftigte sich mit dem Begriff der
Denker des Humanismus (%A Renaissance – Kultur, mit Anthropologie und der Weltanschau-
Humanismus). ung, entwickelte eine metaphysische Schichten-
lehre des Seins.
Richard von St. Viktor († 1173): Schottischer
FrÝhscholastiker. Rousseau, Jean-Jacques (1712–1778): Fran-
zÚsischer Philosoph der AufklÈrung, der Politik,
Rickert, Heinrich (1863–1936): Deutscher Phi- Gesellschaft, Erziehung und Natur.
losoph des Neukantianismus (sÝdwestdeutsche
Schule).
Russell, Bertrand (1872–1970): Englischer
Ricœur, Paul (*1913): FranzÚsischer Denker Mathematiker, Logiker und konstruktivistischer
des Neufreudianismus. Philosoph.

Riedel, Manfred (*1936): Deutscher Philo- Ryle, Gilbert (1900–1976): Englischer Philo-
soph der Ethik und der politischen Philosophie. soph der analytischen Schule.
Simmel, Georg 61

Saint-Simon, Henri de (1760–1825): FranzÚ- Schopenhauer, Arthur (1788–1860): Deut-


sischer Comte und Philosoph des klassischen scher Philosoph, EinzelgÈnger einer Willens-
Sozialismus. metaphysik, %B, 2.

Sartre, Jean-Paul (1905–1980): FranzÚsischer Schulz, Walter (1912–1998): Deutscher Phi-


Philosoph des Existenzialismus, %B, 2. losophiehistoriker, beschÈftigte sich mit dem
deutschen Idealismus und dem Problem der Me-
Sass, Hans-Martin (*1935): Deutscher Philo- taphysik und •sthetik.
soph, ausgehend von Hegel beschÈftigt er sich
mit Religionsphilosophie und ethischen Fra- Schwan, Alexander (*1931): Deutscher Philo-
gestellungen der Gegenwart. soph, Hauptgebiet ist die politische Philosophie.

Saussure, Ferdinand de (1857–1913): FranzÚ- Schweitzer, Albert (1875–1965): Deutscher


sischer Grammatiker und Strukturalist. Theologe und Moralphilosoph.

Savigny, Friedrich Karl von (1779–1861): Schwemmer, Oswald (*1941): Deutscher Phi-
Deutscher Rechtsphilosoph und fÝhrender Kopf losoph der analytischen Schule.
des Historismus.
Scotus %Johannes Duns Scotus, %Johannes
Scheler, Max (1874–1928): Deutscher Philo- Scotus Eriugena
soph der Anthropologie, Kultur, Ethik und Ge-
sellschaftslehre. Searle, John Rogers (*1932): Englischer Phi-
losoph der Sprachphilosophie.
Scheffler, Johann %Angelus Silesius
Seneca (um 4–65): Lucius Aeneus, rÚmischer
Schelling, Friedrich Wilhelm Jo-
Philosoph der spÈten Stoa des Hellenismus,
seph (1775–1854): Deutscher Philosoph des
%B, 2.
spekulativen Idealismus, %B, 2.
Seuse, Heinrich (um 1300–1366): Deutscher
Schiller, Friedrich (1759–1805): Deutscher
Mystiker.
Dichter und Denker, beschÈftigte sich philoso-
phisch mit der •sthetik.
Sextus Empiricus (um 200–250): Grie-
Schlegel, Friedrich (1772–1829): Deutscher chischer spÈtantiker Philosoph der skeptischen
Denker der Romantik. Schule des Hellenismus.

Schleiermacher, Friedrich Daniel Shaftesbury, Anthony Ashley Cooper


Ernst (1768–1834): Deutscher Philosoph und (1671–1713): Englischer unorthodoxer und un-
PÈdagoge des Idealismus und Humanismus. systematischer Philosoph des Optimismus, ver-
trat das Ideal einer Èsthetischen LebensfÝhrung.
Schlick, Moritz (1882–1936): ³sterreichischer
Philosoph des Neupositivismus und BegrÝnder Sidgwick, Henry (1838–1900): Englischer Phi-
des Wiener Kreises. losoph, setzte sich mit einer utilitaristischen
Ethik auseinander, um den Gegensatz zwischen
Schmidt, Alfred (*1931): Deutscher materia- Egoismus und Altruismus auszugleichen.
listisch-neumarxistischer Denker der Frankfurter
Schule. Siger von Brabant (um 1240–1284): Nieder-
lÈndischer Scholastiker, Vertreter des AverroÓs-
Schmidt, Johann Caspar %Stirner, Max mus.

Schmitt, Carl (1888–1985): Deutscher Jurist Simmel, Georg (1858–1918): Deutscher Philo-
und politischer Rechtsphilosoph. soph und Soziologe.
62 Singer, Peter

Singer, Peter (*1946): Heftig umstrittener Steuchus, Augustinus (1496–1548): Italie-


australischer Moralphilosoph, wendet sich gegen nischer Philosoph und Theologe, AnhÈnger der
die Vorstellung, dass der Mensch gegenÝber philosophia perennis
dem Tier prinzipiell hÚherwertig sei. Bindet das
Lebensrecht an die EmpfindungsfÈhigkeit und Stewart, Dugald (1753–1828): Englischer Phi-
das Selbstbewusstsein. losoph der Common-sense-Philosophie der schot-
tischen Schule.
Smith, Adam (1723–1790): Schottischer ³ko-
nom und Philosoph. Stirner, Max (1806–1856): Johann Caspar
Schmidt, deutscher Philosoph des systemati-
Sokrates von Athen (ca. 470–399): Grie- schen Egoismus.
chischer Philosoph, BegrÝnder der klassischen
griechischen Philosophie, %B, 2. Straton († 270 vor Chr.): Griechischer Philo-
soph der peripatetischen Schule des Aristoteles,
Sonnemann, Ulrich (*1912): Deutscher Sozial- nahm den Gedanken des Pantheismus vorweg.
philosoph und Anthropologe.
Strauß, David Friedrich (1808–1874): Deut-
Sorel, Georges (1847–1922): FranzÚsischer scher Philosoph der Junghegelianer und Religi-
Philosoph und Kulturkritiker. onskritiker.

Spaemann, Robert (*1927): Deutscher Philo- Strawson, Peter F. (*1919): Englischer Philo-
soph, Kulturkritiker, Ethiker und Religionsphilo- soph der analytischen Schule.
soph.
Suárez, Franciscus (1548–1617): Spanischer
Spencer, Herbert (1820–1903): Englischer Philosoph der Barockscholastik der Gegenrefor-
Philosoph des klassischen Positivismus und des mation.
Evolutionismus.
Tarski, Alfred (1901–1983) Polnisch-ame-
Spengler, Oswald (1880–1936): Deutscher rikanischer Mathematiker und Logiker.
Philosoph der Geschichts- und Kulturkritik.
Tatian (um 120–173): Syrischer Philosoph, ei-
Speusippos (395–334): Griechischer spÈtanti- ner der Apologetischen VÈter.
ker Philosoph der Èlteren Akademie, einer plato-
nischen Schule des Hellenismus. Tauler, Johannes (um 1300–1361): Deutscher
Mystiker.
Spinoza, (Benedictus) Baruch de
(1632–1677): JÝdisch-niederlÈndischer Philosoph, Taylor, Charles Margrave (*1931): Englischer
der Religion und Moral gemÈß einer mathemati- Philosoph, kritisiert den Behaviorismus und Na-
schen Denkweise konstruierte, mit großem Ein- turalismus, beschÈftigt sich mit der Geistesphi-
fluss auf das geistige Deutschland im 18. Jh., losophie.
%B, 2.
Teilhard de Chardin, Pierre (1881–1955):
Spranger, Eduard (1882–1963): Deutscher FranzÚsischer katholischer Theologe, der den
Philosoph der Geisteswissenschaften und Psy- christlichen Glauben und die Naturwissenschaf-
chologe. ten zu verbinden trachtete.

Stegmüller, Wolfgang (1923–1991): Deut- Tertullian (um 155–225): Vermutlich aus Kar-
scher Wissenschaftsphilosoph, auch Philosophie- thago stammend, einer der Apologetischen VÈ-
historiker. ter.
Vinci 63

Thales von Milet (um 625–545): Vorsokrati- Tocqueville, Alexis Henri Clérel de (1805–
scher griechischer Philosoph der ionischen Na- 1859): FranzÚsischer Denker der Politik und der
turphilosophie, %B, 2. Gesellschaft.

Theodoricus de Vriberch %Dietrich von Frei- Tönnies, Ferdinand (1855–1936): Deutscher


berg Soziologie und Philosoph.

Theodorus Priseianus von Kyrene (*um 470 Topitsch, Ernst (*1919): ³sterreichischer Phi-
v. Chr.): Griechischer Philosoph der Kyrenaiker losoph und Soziologe.
oder Hedoniker, einer sokratischen Schule.
Toulmin, Stephen Edelton (*1922): Britischer
Theophrastos von Eresos (um 372–287 v. Wissenschaftstheoretiker und Philosoph.
Chr.): Griechischer spÈtantiker Philosoph des Èl-
teren Peripatos, einer aristotelischen Schule des Toynbee, Arnold Joseph (1889–1975): Eng-
Hellenismus. lischer Kultur- und Geschichtsphilosoph im
Geiste der Lebensphilosophie Henri Bergsons.
Theunissen, Michael (*1932): Deutscher Phi-
losoph, beschÈftigt sich insbesondere mit Hegel. Troeltsch, Ernst (1865–1923): Deutscher
Theologe und Philosoph, Religionssoziologe und
Thiel, Christian (*1937): Deutscher Philosoph Kritiker des Historismus.
des Konstruktivismus.
Tugendhat, Ernst (*1930): Deutscher sprach-
Thomas Morus (1478–1535): Englischer poli-
analytischer Philosoph.
tisch-humanistischer Philosoph der Renaissance.
Turgot, Anne Robert Jacques (1727–1781):
Thomas von Aquin (1224/25–1274): Italie-
Baron de l’Aulne, franzÚsischer Staatsmann,
nischer Philosoph und Kirchenlehrer, Franziska-
Rechts- und Staatswissenschaftler der physiokra-
ner, bedeutendster Theologe der Hochscholastik
tischen Schule.
%B, 2.

Thomas von Kempen (1379–1471): Deutscher Unamuno y Jugo, Miguel de (1864–1936):


Erbauungs- und Trosttheologe. Spanischer Philosoph, thematisierte die Bezie-
hung von Glauben und Wissen als Grundspan-
Thomasius, Christian (1655–1728): Deutscher nung des Lebens.
systematisierender Philosoph der AufklÈrung,
Weisheits- und Tugendlehrer in praktischer Ab- Vaihinger, Hans (1852–1933): Deutscher Phi-
sicht im Geiste der Vernunft und AufklÈrung. losoph, bedeutender Kantforscher.

Thrasymachos von Chalkedon (um Varro (116–28): RÚmischer Gelehrter und neu-
430–400): Zeitgenosse des Sokrates, grie- platonischer Philosoph der spÈtantiken neueren
chischer Denker der jÝngeren Sophistik. Akademie, einer platonischen Schule des Helle-
nismus.
Thukydides (471–um 405 v. Chr.): Grie-
chischer Historiker, fÝhrte die historische Kritik Vattimo, Gianni (*1936): Italienischer Philo-
ein. soph, Denker der Postmoderne.

Titus Flavius Clemens %Clemens von Ale- Vico, Giovanni Battista (Giambattis-
xandria ta) (1668–1744): Italienischer Geschichtsphilo-
soph der Renaissance.
Tocco, Felice (1845–1911): Italienischer Phi-
losophiehistoriker. Vinci %Leonardo da Vinci
64 Vischer, Friedrich Theodor

Vischer, Friedrich Theodor (1807–1887): Whewell, William (1794–1866): Englischer


Deutscher Dichter und •sthetiker, Eklektizist im Mathematiker, Mineraloge und Philosoph, trat
Ausgang von Hegel. insbesondere fÝr die induktive Methode ein.

Vives, Johannes Ludovicus (1492–1540): Whitehead, Alfred North (1861–1947): Eng-


Spanischer humanistischer Philosoph der Re- lischer Philosoph der Mathematik, Logik, Theo-
naissance. logie und Kosmologie.

Volkelt, Johannes (1848–1930): Deutscher Wiclef, John (um 1320/30–1384): Auch


Philosoph, kritischer Metaphysiker und Systema- Wycliffe, Wiclif, britischer Theologe und AnhÈn-
tiker der •sthetik. ger des Augustinus.

Volkmann-Schluck, Karl-Heinz (1914–1981):


Wiclif, John %Wiclef, John
Deutscher Philosoph in der Nachfolge Heideg-
gers.
Wieland, Wolfgang (*1933): Deutscher Philo-
Vollrath, Ernst (*1932): Deutscher Philosoph, soph, beschÈftigt sich insbesondere mit der aris-
beschÈftigt sich mit der politischen Philosophie totelischen Philosophie und dem deutschen Idea-
von der Antike bis in die Jetztzeit. lismus.

Voltaire (1694–1778): FranËois Marie Arouet, Wilhelm von Ockham (um 1258–1349): Eng-
franzÚsischer Philosoph der AufklÈrung, %B, 2. lischer SpÈtscholastiker des Franziskanerordens,
Vertreter des Nominalismus.
Waldenfels, Hans (*1931): Deutscher Theo-
loge und Philosoph. Windelband, Wilhelm (1848–1915): Deutscher
Philosoph des Neukantianismus (sÝdwestdeut-
Weber, Alfred (1868–1958): Deutscher Soziolo- sche Schule) und Philosophiehistoriker.
ge und Kulturphilosoph.
Wittgenstein, Ludwig (1889–1951): ³sterrei-
Weber, Max (1864–1920): Deutscher Sozial- chischer Philosoph, BegrÝnder der modernen
philosoph, BegrÝnder der Religionssoziologie. Sprachphilosophie, %B, 2.

Weischedel, Wilhelm (*1905): Deutscher Phi- Wolff, Christian (1679–1754): Deutscher Ma-
losophiehistoriker, der sich auch mit Metaphy- thematiker und Philosoph der AufklÈrung, ent-
sik, Ethik und •sthetik beschÈftigt. wickelte einen deutschen, rationalistischen Dog-
matismus und legte den Grund der philosophi-
Weizsäcker, Carl Friedrich von (*1912): schen Terminologie in deutscher Sprache, Lehrer
Deutscher Physiker und Philosoph. Immanuel Kants.

Weizsäcker, Viktor von (1886–1957): Deut-


Wright, George Henrik von (*1916): Eng-
scher Mediziner und Philosoph, entwickelte die
lischer Philosoph der analytischen Ethik.
Lehre des Gestaltkreises, der die VerschrÈnkt-
heit von Seelischem und KÚrperlichem be-
schreibt. Wundt, Wilhelm (1832–1920): Deutscher Phi-
losoph des Psychologismus.
Welsch, Wolfgang (*1946): Deutscher Philo-
soph, beschÈftigt sich mit dem Begriff der Ver- Wycliffe, John %Wiclef, John
nunft und der Postmoderne.
Xenokrates von Kalchedon (396–314): Grie-
Wenzl, Aloys (1887–1967): Deutscher Philo- chischer Philosoph der platonischen Èlteren
soph des kritischen Realismus. Akademie.
Zimmerli, Walther Ch. 65

Xenophanes von Kolochon (um 570–480): Zenon von Elea (um 490–440): Griechischer
Griechischer vorsokratischer Philosoph der elea- vorsokratischer Philosoph der eleatischen Schu-
tischen Schule. le.

Xenophon (um 450–354): Griechischer Philo- Zenon von Kition (um 336–264): Zyprischer
soph der sokratischen Schule. Philosoph, aus der kynischen Schule stammend,
wurde er zum GrÝnder der Stoa.
Yorck von Wartenburg, Paul (1835–1897):
Deutscher Graf und Philosoph, bedeutender An- Zimmerli, Walther Ch. (*1945): Deutscher
reger der Seins-Hermeneutik Wilhelm Diltheys Philosoph, beschÈftigt sich mit Popularphiloso-
und der Fundamentalontologie Heideggers. phie und Technikphilosophie.
2. Themen und Positionen

Adorno, Theodor Wiesengrund (1903–1969): gen jegliches Systemdenken, da durch dieses die
Philosoph, Soziologe, Psychologe, Musikwissen- Wirklichkeit in erstarrten Begriffen festgelegt
schaftler, Komponist und kompetenter Literatur- wird. Seine Gedanken verfasst er denn auch be-
und Kulturkritiker in einer Person. Die HÈlfte vorzugt als Essays, AufsÈtze oder Aphorismen,
seines Lebens war er Mitglied des Instituts fÝr ohne ihnen die Form eines Systems zu geben.
Sozialforschung in Frankfurt, das in den 20er Im Folgenden soll zuerst nach der Ursache des
Jahren zur interdisziplinÈren, kritischen Analyse von Adorno diagnostizierten ›Negativen‹ gefragt
der Gesellschaft gegrÝndet worden war. Neben und danach auf die Rolle der Philosophie und
den marxschen FrÝhschriften, welche die ideo- der Kunst in diesem Zusammenhang eingegan-
logische Grundlage fÝr die Forschungen des In- gen werden.
stituts bildeten, war es vor allem Benjamin, des- FÝr Adorno liegt der Ursprung all des Negati-
sen Gedanken einen nachhaltigen Einfluss auf ven, welches die Gesellschaft hervorbringt und
Adorno ausÝbten. Durch das von Adorno zusam- unter welchem sie gleichzeitig leidet, in einer
men mit Horkheimer in der amerikanischen bestimmten Art von %Denken begrÝndet, wel-
Emigration verfasste Buch Dialektik der AufklÈ- ches er das »Denken der IdentitÈt« nennt. In
rung (erschienen 1947) wurde Adorno zum Mit- demselben Maße, wie die logischen, die mathe-
begrÝnder und Hauptvertreter der %kritischen matischen und die Naturwissenschaften immer
Theorie, einer philosophischen Denkrichtung, dominanter wurden, hat sich gleichzeitig auch
welche in der Folge vor allem von den Mitglie- ihre %Methode, ihr Zugriff auf Wirklichkeit im
dern des Frankfurter Instituts vertreten wurde. %Bewusstsein nicht nur der Wissenschaftler,
Die Katastrophe zweier Weltkriege, die Ver- sondern auch der Allgemeinheit immer mehr
dinglichung des Menschen in der modernen In- durchgesetzt. Die Naturwissenschaft wurde
dustriegesellschaft, die gewaltsame Manipulati- nicht nur zum Inbegriff und Leitbild fÝr Wissen-
on menschlicher BedÝrfnisse und WÝnsche in schaftlichkeit, sondern das Wirklichkeitsbild die-
der Massen- und Konsumgesellschaft des 20. ser Wissenschaften wurde bestimmend fÝr das,
Jhs. sind nur einige der PhÈnomene, welche was Wirklichkeit fÝr alle sein sollte. Die Optik,
Adorno in seiner Analyse der zeitgenÚssischen die diese Wahrnehmung prÈgt, hat nach Adorno
%Gesellschaft dazu veranlassen, dieser Gesell- ihr Spezifikum im Vereinheitlichen und Gleich-
schaft ein HÚchstmaß an Negativem zu diagnos- machen. Dieses identifizierende und unter All-
tizieren. Die gesellschaftliche Entwicklung hat gemeines systematisierende Verfahren beweist
sich in seinen Augen der Beeinflussung der seine StÈrke durch seine Erfolge auf naturwis-
Menschen entzogen und eine Eigendynamik ent- senschaftlichem Gebiet, wo das Individuelle um
wickelt, als deren Produkt am Ende nur noch des Zieles einer allgemeinen (und eben gerade
Negatives steht (»Das Ganze ist das Falsche«). nicht spezifisch gebundenen) Anwendbarkeit
Dem kann nur durch den Versuch begegnet wer- willen ausgeschaltet werden muss. Zur Erfas-
den, die Gesellschaft als Ganze zu verÈndern. Ei- sung der %Wirklichkeit ist dieses Denken je-
nen Gedanken Benjamins aufnehmend, der die doch ungeeignet, weil es die Dimension des In-
Wirklichkeit als Deutungsprodukt der Wahrneh- dividuellen und Einmaligen – somit das konkre-
mung interpretiert, kann die VerÈnderung der te Leben selbst – vernachlÈssigt. Nach Adorno
Gesellschaft nach Adorno nur Ýber eine Ver- ist die zunehmende Versachlichung des Men-
Ènderung der Wirklichkeitswahrnehmung erfol- schen, seine Entfremdung nicht nur gegenÝber
gen. Neben einer scharfen ZurÝckweisung des der %Arbeit, sondern gegenÝber allem, mit dem
Bestehenden und einer großen Skepsis gegen- der Mensch Umgang pflegt, die unmittelbare
Ýber heilsversprechenden Alternativmodellen Wirkung solch vereinheitlichenden Denkens. Als
teilt Adorno mit anderen Mitgliedern der Frank- schrecklichste Konsequenz war auch Auschwitz
furter Schule eine eingefleischte Abneigung ge- nur mÚglich unter der Voraussetzung eines Den-
Adorno, Theodor Wiesengrund 67

kens, das den Menschen entmenschlicht, indem und Jetzt ausgehend, muss sie die MÚglichkeit
es ihm seine IndividualitÈt nimmt. Ein Mensch des Anders-Seins erÚffnen, ohne ein konkretes
wird auf das Faktum einer Nummer reduziert, Anderes an die Stelle des Kritisierten zu setzen.
bÝrokratisch verwaltet – bÝrokratisch erledigt. AnknÝpfend an Benjamins Vorstellung, wonach
Wie kommt es dazu, dass das Denken der in- die Wirklichkeit die Geordnetheit disparater Ele-
strumentellen %Vernunft oder technologischen mente ist, kann die negative Kritik nach Adorno
%RationalitÈt sich gegen den Menschen selbst nur in der permanenten Neuordnung der Wirk-
richtet? Der Ursprung fÝr diese Entwicklung lichkeitselemente bestehen. Nur aus diesem Pro-
liegt nach Adorno in den AnfÈngen der mensch- zess stÈndiger VerflÝssigung erstarrter Vorstel-
lichen %Kultur begrÝndet. Aus Angst vor der lungen, nur aus der Destruktion durch per-
Macht der %Natur versucht der Mensch diese manente Neuordnung erwÈchst das Bewusstsein
im %Mythos zu bÈndigen. Durch die Kategorien der MÚglichkeit des Anders-Sein-KÚnnens ohne
von %Ursache und Wirkung wird das Bedrohli- die positive Schilderung dieses Anderen. Damit
che ›erklÈrt‹, durch die Anwendung derselben die Neuordnung nicht ihrerseits wieder zur
als Mittel und %Zweck ›beherrschbar‹ gemacht. Form erstarrt, muss jeder Darstellung zugleich
Nach und nach unterwirft sich dieses %Prinzip das Versprechen auf ihre Destruktion gleichsam
jedoch alle vorgefundenen VerhÈltnisse und Be- mitgegeben sein. Negative Kritik ist immer Me-
ziehungen inklusive der menschlichen, welche takritik. Sie beinhaltet die Kritik an etwas, das
in dieser Optik nur noch unter dem Aspekt des sich sagen und infolgedessen mit Worten kriti-
VerfÝgens, der Kontrolle und der %Herrschaft sieren lÈsst, und muss gerade deshalb sich
wahrgenommen werden kÚnnen. Der in der selbst als unzureichend und ergÈnzungsbedÝrf-
technologischen RationalitÈt befangene moderne tig kritisieren, weil sie nur das aktuell Vorhan-
Mensch beherrscht die PhÈnomene in Natur dene betrifft. In seinem Aufsatz Wozu noch Phi-
und Gesellschaft, indem er sie rationalisiert und losophie? bestimmt Adorno Philosophie solcher-
kategorisiert, und wird, indem er die technologi- maßen als Kritik. Ohne Standpunkt hat sie kein
sche RationalitÈt als fÝr sÈmtliche Lebensberei- Ziel, das Ýber die Kritik des Gegebenen hinaus-
che alleinig zustÈndig erklÈrt, schließlich selbst geht: Sie lebt in der Einheit des Problems und
Opfer dieser Prinzipien. So hat der Mensch die der %Argumente. Es ist offenbar, dass eine sol-
unmittelbare Erfahrung dessen, was ist, ersetzt che philosophische Kritik auch vor den philoso-
durch die Erfahrung desjenigen, was er versteht, phischen %Systemen selbst nicht Halt macht.
respektive durch die Weise dieses %Verstehens: Es sind vor allem %Husserl und %Heidegger,
Er hat die Erfahrungsordnung mit dem Erfahre- denen Adorno vorwirft, ihre eigene Erkenntnis-
nen identifiziert. Die Aufgabe der Philosophie struktur zu verabsolutieren und im System zu
besteht nun nach Adorno gerade darin, auf diese einer Abstraktion der Wirklichkeit gerinnen zu
Verwechslung hinzuweisen, ja sie anzuprangern. lassen.
Die Aufgabe der Philosophie besteht darin, das WÈhrend Philosophie als Kritik das Nichtiden-
Nicht-Identische zur Sprache zu bringen. Doch tische nie erfassen, sondern immer nur dessen
wie kann das geschehen? Wie mit den Katego- MÚglichkeit andeuten kann, gibt es nach Adorno
rien der %Begriffe dasjenige fassen, das ihnen einen Bereich, der das Nichtidentische unmittel-
entschlÝpft? Nach Adorno gelingt dies nur einer bar erfahrbar machen kann: die %Kunst. Inso-
ganz spezifischen Form von %Kritik. In dieser fern Adorno in der posthum verÚffentlichten
Kritik geht es darum, aufzuweisen, dass das, Schrift •sthetische Theorie (1970) Kunst als eine
was ist, nicht alles ist – beziehungsweise, dass Form der naturbeherrschenden Vernunft ver-
das, was ist, auch anders sein kÚnnte. Eine sol- standen wissen will, mag diese Behauptung auf
che Kritik muss selbst negativ sein, das heißt, den ersten Blick paradox erscheinen. Denn das
sie darf nicht von dem sicheren Standort des Kunstwerk als ein Produkt des Menschen ist
%Wissens aus das Bestehende als schlecht kriti- durch seine Genese zugleich immer auch Pro-
sieren, indem sie es mit einem positiv gefassten dukt der menschlichen RationalitÈt. Indem in
Anderen vergleicht. Die von Adorno gemeinte ihm Materialien der unterschiedlichsten Art zu
Kritik muss kritisieren ohne Vergleich und ohne einer Einheit geformt werden, ist das Kunstwerk
die Vorstellung eines Besseren. Von dem Hier immer Ergebnis einer rationalen Ordnung – und
68 Anaximander von Milet

sei es nur die Ordnung des konsequent pro- (Unbegrenztes, Unbestimmtes) verwendete, weil
vozierten Zufalls. Doch wenn auch das Werk der von ihm angenommene Urstoff unvorstellbar
durch die Bedingung seiner Entstehung nicht weit ausgedehnt und der Beschaffenheit nach
frei von jeglicher RationalitÈt ist, so provoziert unbestimmt ist, d. h. das apeiron ist mit keinem
es doch im Kunsterlebnis die Erfahrung des ElementarkÚrper identisch und auch keine Mi-
Nichtidentischen. Dies gelingt durch die Radika- schung aus ElementarkÚrpern. Verbunden hier-
litÈt, mit welcher die RationalitÈt im Kunstwerk mit ist der Gedanke, es sei unvergÈnglich. Als
– als die rationale Konstruktion des Materials – unvergÈnglich ist das apeiron gÚttlich, und als
gewissermaßen auf die Spitze getrieben wird. solches umfasst und ›steuert‹ (lenkt) es alles.
Wie ist das zu verstehen? Die Entstehung eines Hiermit ist nicht mit Notwendigkeit auf planvol-
Kunstwerks verdankt sich einem Prozess, in le Lenkung des %Kosmos hingewiesen; das
dessen Verlauf rationale Gestaltungskraft sich Steuern eines Schiffes kann als mechanischer
verwirklicht. Bei der Rezeption des Werks wird Vorgang aufgefasst werden, der durch den Me-
der Betrachter oder HÚrer nun mit der TotalitÈt chanismus des Steuerruders verursacht wird,
dieser verwirklichten RationalitÈt konfrontiert, und ebenso kann die dem apeiron beigelegte
ein Erlebnis, das seine FÈhigkeit, das Ganze aus Steuerung gemeint sein. Indessen ist zu kon-
der Erkenntnis der Teile aufzubauen durch die zedieren, dass die Steuerungsmetapher die An-
Unendlichkeit der im Werk verwirklichten BezÝ- nahme einer planvollen Lenkung begÝnstigt, sie
ge Ýberfordert. WÈhrend die Entstehung bei- jedoch nicht erforderlich macht; auch bei Aristo-
spielsweise eines Bildes das Ergebnis einer end- teles kommt der zielstrebig verÈndernden und
lichen Anzahl von Verrichtungen darstellt, ist gestaltenden Naturkraft (physis) kein Bewusst-
das Produkt in sich selbst unendlich und in sei- sein zu. Wie Anaximander die Lenkung der Welt
ner TotalitÈt unbeschreibbar. Dem kategorisie- auffasste, wissen wir nicht; die LÚsung des Pro-
renden Zugriff durch Àberforderung entzogen, blems kann in Folgendem gesehen werden: Die
wird das Material in seiner IndividualitÈt freige- Lenkung erfolgt durch das Gesetz des Aus-
setzt und als das Nicht-Kategorisierte, das Nicht- tauschs der GegensÈtze dergestalt, dass entspre-
identische erfahren. chend diesem Gesetz jeder Wechsel erfolgt. Die-
Th. W. Adorno, Aufarbeitung der Vergangenheit. Reden
se Deutung wird durch den erhaltenen wÚrtli-
und GesprÈche, (5 CDs) MÝnchen 1999 chen Satz begÝnstigt: »Entsprechend der Not-
G. SchweppenhÈuser, Theodor W. Adorno zur EinfÝh wendigkeit; denn sie zahlen einander Strafe und
rung, Hamburg 2000 Buße fÝr die Ungerechtigkeit gemÈß der Anord-
W. van Reijen, Adorno, Hannover 1980 nung der Zeit« (mit Sicherheit echt sind die
G.T. G. Worte »denn sie . . . Ungerechtigkeit«). Strafe und
Buße zahlen ist auf die einander entgegen-
gesetzten Dinge zu beziehen, die aus dem apei-
Anaximander von Milet (um 610/09–547/46): ron entstehen und Teile der Welt oder der auf-
Sohn des Praxiades, kannte %Thales und war einander folgenden Weltordnungen sind, also
vielleicht sein SchÝler. Ihm wird die Erfindung auf Warmes, Kaltes, Trockenes, Feuchtes. Diese
der Sonnenuhr zugeschrieben, was aber wohl sind nicht Attribute eines Stoffes, sondern Din-
unrichtig ist, weil nach der Angabe Herodots die ge, welche die Welt in ihrer Gesamtheit %kon-
Griechen sie von den Babyloniern Ýbernahmen; stituieren. Wahrscheinlich sprach Anaximander
vielleicht fÝhrte Anaximander sie in Griechen- nicht abstrakt vom Warmen, Kalten usw., son-
land ein. Ferner soll Anaximander eine Land- dern von Feuer, Wind oder Luft, Wasser usw.
und Seekarte entworfen haben, was mÚglich ist; Der Konflikt zwischen Entgegengesetztem ist
es bleiben aber Zweifel. Dass Anaximander ei- vornehmlich beim Wechsel der Jahreszeiten be-
nen Himmelsglobus konstruiert habe, ist nicht obachtbar, und archaisches Denken weitete die-
beweisbar und aufgrund der astronomischen sen Konflikt in kosmisches Geschehen aus. Hit-
Vorstellungen Anaximanders wenig wahrschein- ze und Trockenheit, Regen und KÈlte verdrÈngen
lich. Sicher ist, dass er ein Buch schrieb, aus einander; Heißes kÝhlt sich ab zu Wolken, Wol-
dem ein Satz wÚrtlich erhalten ist. Er war der ken werden zu Regen. Die ›Ungerechtigkeit‹ be-
erste, der fÝr den Urstoff den Namen apeiron steht darin, dass z. B. das Heiße die Àbermacht
Anaximander von Milet 69

Ýber sein Gegenteil erlangt. Dieses Dominieren aufgrund der Hitze Luftmassen gegen die Feuer-
des einen gegenÝber dem anderen ist ›Unge- region stoßen und diese zerteilen; der Flammen-
rechtigkeit‹, die gesÝhnt wird; der Wechsel, das ball bricht auseinander, und das Feuer schließt
Wiederherstellen des kosmischen Gleichge- sich zu RadkrÈnzen zusammen, die von dunkler
wichts, ist »Strafe und Buße fÝr die Ungerechtig- Luft wie von SchlÈuchen umgeben sind. Auf der
keit zahlen«. Es handelt sich hierbei eindeutig inneren Seite der RadkrÈnze befinden sich ³ff-
um eine Metapher, die dem gesellschaftlichen nungen; die durch die ³ffnungen sichtbaren
Leben entnommen und auf die VorgÈnge im Feuerteile erscheinen als Sonne, Mond und Ster-
Kosmos angewendet ist. Das Wiederherstellen ne. Gelegentliche Verstopfungen der ³ffnungen
des gestÚrten Gleichgewichts ist eine ›Notwen- sind Ursache der Sonnen- und Mondfinsternisse;
digkeit‹, auf welcher die Fortdauer des Entste- periodische Verstopfungen bewirken die Mond-
hens und Vergehens beruht. Die Rechtsmetapher phasen. Àber eine Ursache der Verstopfungen
vermag auch Auskunft darÝber zu geben, wer ist in den Berichten nichts angegeben. In nacha-
Ursache der Notwendigkeit ist. Gesellschaftliches ristotelischen Referaten wird gesagt, Anaximan-
Leben wird dadurch gewÈhrleistet, dass das vom der habe zahllose aus dem apeiron entstehende
Herrscher erlassene Gesetz befolgt wird. Nicht- Weltordnungen angenommen. Falls er in irgend-
befolgung des Gesetzes zerstÚrt die %Ordnung; einer Weise von koexistierenden Welten sprach,
durch Strafe und Buße wird die Ungerechtigkeit kann er damit nur die Gestirne oder die Regio-
gesÝhnt. Das wird auf den Kosmos Ýbertragen: nen zwischen den Gestirnbahnen gemeint ha-
Die Ungerechtigkeit, das Àberhandnehmen eines ben. Wahrscheinlicher ist, dass er an eine Viel-
Teiles in der Welt wÝrde die Weltordnung zerstÚ- zahl aufeinander folgender Beschaffenheiten des
ren, wenn sie nicht wieder hergestellt wÝrde. einen Kosmos dachte, worauf auch das erhaltene
Das Gesetz der Isonomie und die Notwendigkeit, Fragment hinweist.
dass die kosmischen GegensÈtze ihre Bereiche Mit Sicherheit hatte Anaximander große as-
nicht Ýberschreiten, entstammen also dem apei- tronomische und geographische Interessen, die
ron. »GemÈß der Anordnung der Zeit« wird die auch in seiner Weltentstehungstheorie deutlich
Grenze fÝr die ›Buße‹ bestimmt, was bedeutet, werden. Die Erde ist an Gestalt einem zylindri-
dass fÝr alle Gegensatzglieder eine bestimmte schen SÈulenstumpf gleich, dessen HÚhe ein
Dauer festgesetzt ist und dass nichts unver- Drittel der Breite ausmacht. Die von Menschen
Ènderlich besteht. Die von Aristoteles angegebe- bewohnte OberflÈche erscheint wie eine flache
ne BegrÝndung dafÝr, dass Anaximander als Ur- Scheibe. Anaximanders Neuerung besteht darin,
stoff das apeiron annahm, wird von hier aus dass er auf eine die Erde tragende Unterlage
plausibel: WÈre der Urstoff einer der bekannten verzichten kann. Die Erde schwebt frei in der
ElementarkÚrper, dann wÝrde er wegen seiner Mitte der Welt; wegen des gleichen Abstands
unvorstellbar weiten Ausdehnung die anderen nach allen Seiten befindet sie sich im Gleichge-
Stoffe zerstÚren. Daher kann der Urstoff nicht wicht, und es gibt keinen Grund dafÝr, dass sie
selbst ein kosmisches PhÈnomen sein, sondern sich von der Mitte entfernt. Aufgrund dieser Po-
muss jenseits der PhÈnomene existieren. Die sition der Erde ist die MÚglichkeit gegeben, die
Weltentstehung wird dadurch eingeleitet, dass Gestirnbahnen als kreisfÚrmige Bewegung der
aus dem apeiron sich ein Keim absondert, der RadkrÈnze aufzufassen. Verursacht wird die Dre-
Heißes und Kaltes erzeugt, in der Sprache des hung der RadkrÈnze durch den Wind, dessen
Anaximander wahrscheinlich Feuer als Heiß-Tro- Ursache der infolge der SonnenwÈrme aufstei-
ckenes, Wasser als Kalt-Feuchtes. Das Heiß-Tro- gende Wasserdampf ist. Wie kindlich diese
ckene drÈngt an die Peripherie und entwickelt Theorie im 21. Jh. erscheinen mag, so wichtig ist
sich zu einem Flammenball, der das Kalt-Feuch- sie. Aristoteles z. B. fand keine bessere ErklÈ-
te umgibt wie die Rinde den Baum. Durch die rung fÝr die Bewegung der Gestirne, als dass sie
auf das Kalt-Feuchte einwirkende Hitze entsteht durch Ýbermenschliche Intelligenzen verursacht
Nebel, und ebenfalls unter der Einwirkung der werden, was die mittelalterlichen Aristoteliker
Hitze wird der grÚßere Teil des Kalt-Feuchten zu akzeptierten. Bei Anaximander hingegen treffen
trockenem Land. Die Gestirne einschließlich der wir auf eine physikalische ErklÈrung der Ge-
Sonne und des Mondes entstehen dadurch, dass stirnbewegung. Die GrÚße der Sonne ist gleich
70 Anaximander von Milet

der ErdoberflÈche. Die Durchmesser der Rad- untergangstheorie handelt; denkbar ist auch,
krÈnze werden in Vielfachen des Erddurchmes- dass hiermit die archaische Vorstellung vom
sers angegeben: Der Radkranz der Sonne hat ›Großen Sommer‹ und ›Großen Winter‹ zu ver-
siebenundzwanzigfachen, der des Mondes acht- binden ist, nÈmlich periodische Trockenheits-
zehnfachen Durchmesser der Erde; der Durch- und Àberschwemmungsphasen entsprechend
messer des Gestirnradkranzes ist nicht Ýberlie- dem Gesetz der Isonomie. Wahrscheinlicher in-
fert, wahrscheinlich galt fÝr ihn der neun- oder dessen ist die Annahme, dass der jÈhrliche
zehnfache Erddurchmesser. Hieraus ergibt sich: Wechsel der Jahreszeiten gemeint ist. Alles Le-
Alle Gestirne sind von der Erde gleich weit ent- ben entsteht im Feuchten unter dem Einfluss
fernt, sie befinden sich in grÚßerer NÈhe zur Er- der SonnenwÈrme. Abgesehen von der Verbin-
de als der Mond; die Sonne ist am weitesten von dung zu Thales’ Theorie vom Wasser als dem
der Erde entfernt. Wichtiger als das ist, dass die Urstoff wurde Anaximander zu dieser Auffas-
Welt mathematisch strukturiert ist und deswe- sung vielleicht durch Beobachtungen des Lebens
gen Kosmos (Ordnung, Schmuck) heißt; SchÚn- im austrocknenden Meeresschlamm angeregt.
heit erfordert Proportion und MaßverhÈltnisse. Die ersten Lebewesen entstanden im Wasser
Eine Schwierigkeit ergibt sich hinsichtlich der und waren von stacheligen SchutzhÝllen umge-
scheinbar rÝcklÈufigen Planetenbahnen im Ver- ben; mit fortschreitendem Alter begaben sie sich
gleich zur FixsternsphÈre; sie lÈsst sich am bes- aufs Land, warfen die SchutzhÝllen ab und leb-
ten durch die Annahme beheben, dass Anaxi- ten einige Zeit in anderer Form weiter. Auch die
mander jedem Planeten einen gleich großen Rad- Menschen entstanden ursprÝnglich im Wasser.
kranz, aber von jeweils verschiedener Neigung Da sie im Vergleich zu anderen Lebewesen lan-
und Umdrehungsgeschwindigkeit, zusprach; dies- ge Zeit pflegebedÝrftig sind, wurden sie von Fi-
bezÝglich ist jedoch nichts Ýberliefert. Eine an- schen oder fischÈhnlichen Lebewesen so lange
dere Schwierigkeit besteht hinsichtlich der nicht ausgetragen, bis sie sich auf dem Land selbst er-
untergehenden Zirkumpolarsterne. Wenn die Er- halten konnten. Diese Theorie ist, wenn von Ein-
de sich im Mittelpunkt der RadkrÈnze befindet, zelheiten abgesehen und sie im Ganzen bewer-
lassen sich die Bahnen der Zirkumpolarsterne tet wird, keineswegs zu verachten; sie ist nichts
nicht erklÈren. Auch diesbezÝglich ist nichts anderes als eine erste Abstammungslehre. Ana-
Ýberliefert; denkbar ist, dass Anaximander sich ximander ist, soweit wir wissen, der Erste, der
mit diesem Problem nicht befasste. Meteorologi- versuchte, den Ursprung der Lebewesen und der
sche PhÈnomene wie Wind, Wolken, Regen, Blitz Menschen naturwissenschaftlich zu erklÈren.
und Donner scheint Anaximander dadurch er- DarÝber hinaus bot er eine allumfassende Deu-
klÈrt zu haben, dass der kosmische Prozess der tung der Weltentstehung und aller kosmischen
Aussonderung nicht beendet ist. Unter dem Ein- PhÈnomene, was trotz der lÝckenhaften Referate
fluss der SonnenwÈrme steigt Wasserdampf vom erkennbar ist; und wenn seine Deutung mit spÈ-
Meer auf und bildet die AtmosphÈre, diese son- teren verglichen wird, ergibt sich, dass der Ge-
dert sich in schwere und leichte Luft. Die Bewe- dankenreichtum Anaximanders nie Ýbertroffen
gung der leichten Luft ist der Wind; die schwe- wurde. Auf Einzelheiten, welche die moderne
re, feuchte Luft ballt sich zu Wolken zusammen Naturwissenschaft besser als Anaximander deu-
und wird zu Regen. Wind, der vollstÈndig in ten kann, braucht nicht hingewiesen zu werden.
dichten Wolken eingeschlossen ist, sucht einen Er versuchte, die Erscheinungen mit ÝberprÝf-
Ausweg und sprengt die Wolken. Das Zerreißen baren Argumenten zu erklÈren, was in spÈterer
der Wolken wird als Donner hÚrbar, der Riss Zeit keineswegs immer getan wird.
selbst erscheint im Kontrast zur Dunkelheit der
Wolken als Blitz. Dass Anaximander auch eine
ErklÈrung der Erdbeben gab, ist zu bezweifeln. F. Dirlmeier, Der Satz des Anaximander von Milet, in:
Entsprechend einigen Referaten soll er gelehrt Rhein. Mus. N. F. 87, 1938,376 382
U. HÚlscher, Anaximander und die AnfÈnge der Phi
haben, die Erde trockne immer mehr aus und
losophie, in: Hermes 81, 1953, 257 277; 385 418
schließlich verschwinde das Wasser. MÚglich ist, Ch. H. Kahn, Anaximander and the Origins of Greek
dass es sich bei diesen Berichten um einen Teil Cosmology, New York 1960
einer zyklischen Weltentstehungs- und Welt- K. B.
Aristoteles 71

Aristoteles (um 384 – um 322): Zu seinem male, ohne dass der SchÝler Platons an Tiefe
Werk fÝhren viele Wege. Wer Ziele, MÚglichkei- und SchÈrfe des Geistes seinem Lehrer, dem er
ten und Angemessenheit menschlichen Han- ebenbÝrtig werden sollte, nachstand.
delns ergrÝnden will, greift zur Nikomachischen Die Einheit der aristotelischen Wissenschaft
Ethik. Wem die staatliche Ordnung und die Úf- scheint sich am ehesten zu erschließen, wenn
fentlich wirksame Rede am Herzen liegt, der man von der ›Bewegung‹ als leitendem Thema
studiert die politischen Schriften und die Rheto- des aristotelischen Denkens ausgeht. So ist, was
rik. Der Literatur- und Theaterwissenschaftler sich selbst bewegt, von dem zu unterscheiden,
liest mit Gewinn in der Poetik. An der %Logik was bewegt wird, d. h. das Beseelte von Unbe-
und der %Erkenntnistheorie Interessierten bie- seelten. Das Sich-selbst-Bewegende, also Beseel-
ten die unter dem Titel Organon zusammenge- te, ist ferner zu scheiden in das, was sich immer
fassten Schriften reichlich Material. FÝr den Bio- auf die gleiche Weise bewegt und kein Entste-
logen, insbesondere fÝr den Zoologen, bilden die hen und Vergehen kennt: das sind die Himmels-
verschiedenen Schriften Ýber die Lebewesen ei- sphÈren (am Himmel haben wir daher so viele
ne kostbare Schatztruhe, der noch in den letzten Seelen zu denken, als wir HimmelssphÈren un-
Jahrzehnten neue Erkenntnisse entnommen wor- terscheiden), und in die Lebewesen, die dem
den sind. FÝr jeden, der sich mit der Geschichte Entstehen und Vergehen unterworfen sind, also
der Naturwissenschaften beschÈftigt, gehÚren Pflanzen, Tiere, Menschen. So wÈre durch diese
die Physik, die Schrift Àber den Himmel und die Unterteilung die Unterschiedenheit und der Zu-
Metereologie zur PflichtlektÝre. Wer schließlich sammenhang der aristotelischen Wissenschaft
wissen will, was Aristoteles Ýber %Gott und die erbracht und es fehlt nur noch eine Schlussfol-
%Seele geschrieben hat, vertieft sich in die gerung, die zu ziehen wÈre, dass nÈmlich jede
Schrift Àber die Seele und die BÝcher, die den Bewegung einer %Ursache bedÝrfe, die Reihe
Namen Metaphysik tragen. Jenseits solcher belie- der Ursachen aber nicht endlos sein kÚnne, ein
bigen ZugÈnge zum aristotelischen Schrifttum %regressus ad infinitum zu vermeiden sei, und
ist jedoch die Einheit und ZusammengehÚrigkeit so schließlich eine erste Ursache, die selber
der aristotelischen Wissenschaft nicht leicht zu nicht bewegt ist, also ein ›unbewegt Bewegen-
begreifen und bleibt Aufgabe der Philosophie. des‹ vorausgesetzt werden mÝsse. Die Systema-
Aristoteles wurde vermutlich im Jahr 384 tik der aristotelischen Wissenschaft wÈre zwar
v. Chr. in Stageira, einer Stadt im Nordosten der so erklÈrt, aber nicht begriffen, sie wÈre ver-
Halbinsel Chalkidike an der Grenze zum immer stÈndlich, aber noch nicht einsichtig. Vor allem
mÈchtiger werdenden KÚnigreich Makedonien wÈre der von Aristoteles immer wieder behaup-
geboren und ist im Alter von 62 Jahren in Chal- tete Vorrang der theoretischen Wissenschaften
kis auf EubÚa gestorben. Sein Vater war Leibarzt vor den praktischen und technischen so noch
des makedonischen KÚnigs und so war Aristote- nicht einzusehen, schon gar nicht, dass unter
les schon frÝh mit dem KÚnigshaus verbunden. den theoretischen Wissenschaften der Theologie
Diese Beziehung dauerte bis zum Tod Alexan- der hÚchste Rang zukommen soll.
ders des Großen, dessen Erziehung er drei Jahre Um den Rang der theoretischen Wissenschaf-
lang leitete. Mit achtzehn Jahren begab sich ten und unter ihnen vor allem der Theologie zu
Aristoteles nach Athen, um Mitglied der plato- erweisen, soll ein neuer Ausgang genommen
nischen Akademie zu werden, der er zwanzig werden. Aristoteles unterscheidet drei TÈtigkei-
Jahre bis zu %Platons Tod angehÚrte. Wenn ord- ten des Geistes: das Erkennen (noein), das Han-
nende Àbersicht, SelbstÈndigkeit und Gelassen- deln (prattein) und das Hervorbringen oder Her-
heit nicht schon zur natÝrlichen Mitgift des ›Sta- stellen (poiein oder technein). Handeln und Her-
giriten‹ gehÚrt haben sollten, so wurden sie vorbringen unterscheiden sich in den %Zielen.
durch die Tatsache, dass er als Fremder nicht in WÈhrend das Ziel beim Hervorbringen außerhalb
die Auseinandersetzungen der Athener Gesell- des Hervorbringenden verwirklicht wird, bleibt
schaft verstrickt war, sondern sich in Muße der das Ziel beim Handeln innerhalb des Handeln-
Wissenschaft widmen konnte, außerordentlich den. Das Schiff, das der Schiffsbauer erbaut,
gefÚrdert. Sein Werk offenbart jedenfalls auf be- fÈhrt auch ohne seinen Erbauer zur See; die Ver-
wundernswÝrdige Weise diese Charaktermerk- wirklichung der Tapferkeit ist vom tapfer Han-
72 Aristoteles

delnden nicht zu lÚsen. Der Unterschied zeigt hat ein Ziel (telos). Das letzte Ziel unseres Han-
sich auch auf folgende Weise: Der Tapfere wird delns aber ist die GlÝckseligkeit (eudaimonia).
als Held gerÝhmt, auch wenn er den Tod findet, Was GlÝckseligkeit ist, darÝber gehen die Mei-
die Schlacht verloren geht, die Vaterstadt zer- nungen auseinander. Viele wollen sie in der
stÚrt wird. Der Hervorbringer verfÈllt Schimpf Lust finden, andere in Reichtum und Macht, ei-
und Schande, wenn sein Schiff beim Stapellauf nige in der theoretischen Lebensform. Die GÝter,
untergeht. Werden Handeln und Hervorbringen die wir durch unser Handeln verwirklichen wol-
als Bewegung verstanden, so ist zu sehen, dass len, liegen teils außerhalb von uns wie der
diese Bewegung ein Àbergang von der MÚglich- Reichtum, teils betreffen sie unseren KÚrper wie
keit zur Wirklichkeit ist. Das mÚgliche Schiff, die Gesundheit, drittens aber sind sie GÝter un-
wie es zuvor in der Seele des Erbauers Gestalt serer Seele. Dass die seelischen GÝter die »herr-
hat, wird in dem jeweiligen Material in die schendsten und besten« (kyriotata kai malista)
Wirklichkeit ÝberfÝhrt. Die mÚgliche Tapferkeit, sind, ist zwar, wie Aristoteles sagt, seit langem
die in der Haltung (hexis) des Handelnden als gemeinsame Anschauung aller Philosophen,
MÚglichkeit angelegt ist, wird durch die Wahl muss aber doch eigens begrÝndet werden. Ein
(prohairesis) und den Entschluss, lieber Schmer- Ziel wird entweder um seiner selbst willen ver-
zen zu ertragen und die Stadt zu verteidigen als wirklicht oder um eines anderen, hÚheren Zieles
feige zu fliehen, zur verwirklichten Tapferkeit. willen. Gesucht wird als hÚchstes Ziel das beste
Es ist einsichtig, dass die verwirklichten Ziele %Leben (beltistos bios). Es ist offenkundig, dass
beim Handeln und Hervorbringen nach einer das beste Leben nicht ein mÚgliches, sondern
Rangordnung beurteilt werden mÝssen, je nach- ein wirkliches Leben ist.
dem wie gut oder wie schlecht sie verwirklicht Als bestes muss es von einer Wirklichkeit
worden sind. Ein Ziel ist dann vollkommen (telei- sein, der nichts hinzuzufÝgen ist, d. h. es ist das
on) verwirklicht, wenn seiner Verwirklichung vollkommene Leben. Das vollkommene Leben
nichts mehr hinzugefÝgt werden kann. Schon kann daher dem Menschen nicht zukommen,
hier zeigt sich, dass das Vollkommene nicht erst denn menschliches Leben ist immer Àbergang
die letzte Schlussfolgerung aus den jeweils offen von MÚglichkeit in Wirklichkeit und immer
gebliebenen MÚglichkeiten verwirklichter Ziele kann ihm etwas hinzugefÝgt werden, dessen es
ist, sondern der den jeweiligen Rang einer Wirk- vorher ermangelte. Das beste, weil vollkommene
lichkeit bestimmende Grund. Leben kommt daher nur einem vollkommenen
Hinsichtlich des technischen Hervorbringens Seienden zu, das wir Gott nennen.
kÚnnte nun das MissverstÈndnis entstehen, dass Der aristotelische Gott bewegt sich nicht,
der Vorrang der %Theorie vor der %Technik da- denn es gibt nichts, woraufhin er sich bewegen
rin lÈge, dass alles, was technisch hervor- kÚnnte, was nicht schon in ihm wÈre. Seine Un-
gebracht wird, zuvor theoretisch erkannt sein bewegtheit ist jedoch nicht zu verwechseln mit
muss, sodass die Bedeutung des theoretischen UntÈtigkeit. Im Gegenteil ist er hÚchste wirk-
Wissens schließlich in seiner zivilisatorischen liche TÈtigkeit. Seine TÈtigkeit ist die Freude
Dienlichkeit lÈge. Dieses MissverstÈndnis Ýber- (hedone) seines Selbstgenusses. Sein Selbst-
sieht, dass die Bedeutung der Theorie bei Aristo- genuss ist das %Denken seiner selbst. So sagt
teles ihren Grund nicht in der Brauchbarkeit ei- Aristoteles, dass Leben in der Gottheit wohnt,
nes Wissens, sondern in dessen Vollkommenheit »denn der %Vernunft (nous) wirkliche TÈtigkeit
hat. Anders gesagt: Die aristotelische Wissen- ist Leben, die Gottheit aber ist die TÈtigkeit; ihre
schaft dient nicht der Verwirklichung eines Ziels, TÈtigkeit an sich ist ihr bestes und ewiges Le-
sondern ist die Verwirklichung eines Ziels. ben. Die Gottheit ist . . . Leben und Ewigkeit.«
Dass die theoretische Wissenschaft die vor- Das vollkommene Leben des Gottes kann der
zÝglichste Verwirklichung eines Ziels ist, er- Mensch nicht verwirklichen, jedenfalls nicht im-
schließt sich jedoch gerade nicht aus der Unter- mer und ewig, wie es fÝr die GlÝckseligkeit not-
suchung des Hervorbringens, weil das Hervor- wendig wÈre. Der Mensch muss sich um das Le-
gebrachte ja dem Hervorbringer Èußerlich wird. ben sorgen, er muss den Frieden durch %Ge-
So muss sich der Vorzug der Theorie aus der Er- rechtigkeit schaffen und erhalten, er muss die
forschung des Handelns ergeben. Jedes Handeln Beziehung zu seinen Freunden pflegen, denn ei-
Aristoteles 73

ner allein kann nicht glÝcklich sein. So muss paar ›leidende Vernunft‹ und ›tÈtige Vernunft‹
der Mensch in den jeweils wechselnden Situatio- dennoch einen von Aristoteles gemeinten Sach-
nen seines Lebens mit Klugheit handeln. Das verhalt trifft, soll hier eine andere Unterschei-
Handeln hat es immer mit dem Einzelfall zu dung gemacht werden. Die menschliche Ver-
tun, mit der Tapferkeit in einem bestimmten nunft erkennt zweierlei Sachen: zusammenge-
Kampf, mit der Besonnenheit hinsichtlich einer setzte und einfache. Alles, was sich bewegt, ist
bestimmten Speise, mit jeweils einzelnen Men- zusammengesetzt. Es ist, wie gleich noch zu zei-
schen, die den Freundeskreis ausmachen. Auf gen ist, aus %Form und %Materie zusammenge-
diese EinzelfÈlle lassen sich keine %Gesetze un- setzt. Insofern die Vernunft das %Wesen (ousia)
mittelbar anwenden. Deshalb muss jeweils im dieser zusammengesetzten Dinge erkennt, ist
Hinblick auf den konkreten Sachverhalt und auf sie verbunden mit den sinnlichen Seelenteilen,
die eigene LeistungsfÈhigkeit das Angemessene, vor allem mit der Wahrnehmung. Sie hat auch
d. h. die richtige Mitte (mesotes) zwischen dem dasselbe Schicksal wie alles Zusammengesetzte.
Zuviel und Zuwenig, bestimmt werden. Verhin- Sie nimmt teil am Entstehen und Vergehen. Die
dert oder beeintrÈchtigt wird die Bestimmung Vernunft erkennt aber auch das Einfache. Es
des Angemessenen vor allem durch ZÝgellosig- kann aber nur ein Einfaches geben, das nicht
keit, Unbeherrschtheit und Unwissenheit. Dasje- zusammengesetzt, sondern in seiner Einfachheit
nige, wodurch die richtige Mitte unseres Han- vollkommen ist: den gÚttlichen Nous. So ist die
delns bestimmt wird, nennt Aristoteles Klugheit menschliche Vernunft, insofern sie das Einfache
(phronesis). Die Klugheit ist selbst eine Mitte, erkennt oder besser gesagt: denkt, das Sich-
die sich aus Technik (techne) und %Wissen- selbst-Denken (noesis noeseos) des gÚttlichen
schaft (episteme) einerseits und aus %Weisheit Nous. Als dieser gÚttliche Nous ist die Vernunft
(sophia) und %Geist (nous) andererseits bildet. ewig, das heißt unsterblich. Dieser gÚttliche
Eine gute Kenntnis, wie man bestimmte Dinge Nous des Menschen ist nicht mit dem KÚrper
herstellt und welche allgemeinen Gesetze fÝr ei- und den Ýbrigen Seelenteilen verbunden. Er ist
nen Sachverhalt gelten, sollte jeder Handelnde von allem abgetrennt, ewig, kommt nicht auf die
haben; aber Technik und Wissenschaft bilden natÝrliche Weise des Entstehens dem Menschen
noch keine Klugheit, die einsehen lÈsst, was im zu und vergeht auch nicht mit ihm, sondern
konkreten Fall zu tun ist. Es gehÚrt auch die Er- kommt – wie Aristoteles kurz und prÈgnant und
kenntnis der Rangordnung der Ziele dazu. Die ohne weitere AusfÝhrungen bemerkt – dem
Erkenntnis des Ýbergeordneten Ziels, das beim Menschen ›von außen‹ (thyraze) zu. Diese Ver-
konkreten Handeln zu beachten ist, und die da- nunft, das Sich-selbst-Denken des Geistes, kann
durch zur herrschenden oder leitenden Erkennt- sich nicht irren. Sie ist der erste und wahre Ge-
nis wird, heißt Weisheit. Zur Bildung der Klug- genstand der ›ersten Philosophie‹ (prote philoso-
heit gehÚrt aber auch letztlich (oder erstlich) phia).
Geist. Die Vernunft, die die zusammengesetzten
Nous nennt Aristoteles den Gott, dessen bes- Dinge erkennt, unterscheidet nach Maßgabe der
tes, weil vollkommenes Leben die Erkenntnis ersten Philosophie die obersten Prinzipien (ar-
seiner selbst (noesis noeseos) und der Genuss chai) dieser Zusammensetzungen. So lÈsst sich
und die Freude (hedone) dieses vollkommenen alles Zusammengesetzte auf vier Ursachen zu-
Sich-selbst-Begreifens ist. rÝckfuhren (ex arches aitia): 1. »was eine Sache
Nous ist fÝr Aristoteles aber auch die Ver- ihrem Wesen nach zu sein hat« (to ti en einai),
nunft des Menschen. Als solche ist sie zu unter- 2. die Materie (hyle), die ihr wirkliches Dasein
scheiden. Die Aristoteles folgende Àberlieferung ermÚglicht, 3. das »Weswegen« (hou heneka)
unterscheidet die ›leidende Vernunft‹ von der oder das Ziel, weshalb die Sache ist, was sie ist;
›tÈtigen Vernunft‹, wobei leidend soviel bedeutet und schließlich 4., wovon die Bewegung (kinesis)
wie ›einer Einwirkung ausgesetzt‹. Doch diese ausgeht. Um einen Einblick in den aristote-
Unterscheidung bereitet große Schwierigkeiten, lischen Gedanken zu erhalten, genÝgt es zu-
da Aristoteles ausdrÝcklich sagt, dass die Ver- nÈchst, die erste und zweite Ursache, das, was
nunft niemals leidend ist. Da es also nicht leicht eine Sache zu sein hat, und die Materie ins Au-
ist, verstÈndlich zu machen, dass das Begriffs- ge zu fassen. Was eine Sache wesentlich zu sein
74 Augustinus

hat, ist ihr wesentlicher Anblick (eidos). Die spÈ- G. Bien, Die Grundlegung der politischen Philosophie
tere Àberlieferung wird dieses eidos Form nen- bei Aristoteles, 3. Aufl. Freiburg/Br. 1985
nen. Eine Sache ist aus Form und Materie zu- I. Duering, Aristoteles. Darstellung und Interpretation
seines Denkens, Heidelberg 1966
sammengesetzt wie aus unvollendeter (ateles) W. BrÚcker, Aristoteles, 2 Bde, 3. Aufl. Frankfurt/M.
%Wirklichkeit (%energeia) und %MÚglichkeit 1963
(%dynamis). Wie die Zusammensetzung der F. P. Hager (Hg.), Ethik und Politik des Aristoteles, 2.
wirklichen konkreten Sache aus der allgemeinen Aufl. Darmstadt 1979
Form (eidos) und der Materie (hyle) zu denken M. Frede / G. Patzig (Hg.), Aristoteles »Metaphysik Z.«
ist und in welchem Sinn Aristoteles von dem Text. Àbersetzung und Kommentar, MÝnchen 1988
H. F. B.
Wesen (ousia) einer Sache spricht, das ist Ge-
genstand der schwierigsten Aristoteles-Studien,
wobei noch anzumerken ist, dass ein VerstÈnd-
nis dieses Sachverhalts, wie es aus dem 6. Buch Augustinus (354–430): In mehrfacher Hin-
(Z) der Metaphysik zu gewinnen ist, in starker sicht ein epochaler Autor. Er steht am Ende der
Spannung (wenn nicht im Widerspruch) zu an- Antike und ist zugleich der letzte der großen
deren Texten im aristotelischen Gesamtwerk KirchenvÈter, die die christliche Offenbarung
steht. Àberhaupt stoßen wir beim Studium des mit den Mitteln der griechischen und rÚmischen
Aristoteles immer wieder auf Schwierigkeiten Philosophie zu einer zusammenhÈngenden Leh-
und WidersprÝche, die (wie W. Jaeger einsichtig re machen wollten. Mit seinen groß angelegten
gemacht hat) wohl vielfach mit der Entwick- systematischen und schriftauslegenden Werken
lungsgeschichte des aristotelischen Denkens zu- ist er, weit Ýber die Wirkung anderer KirchenvÈ-
sammenhÈngen. An einem lÈsst indessen Aristo- ter hinaus, im gesamten %Mittelalter (A) der
teles keinen Zweifel, dass nÈmlich alle Teile sei- meistzitierte Autor der patristischen Zeit. Sein
ner Wissenschaft vom »herrschendsten Wissen« Œuvre vereinigt die widerstreitenden zeitgenÚs-
(kyriotate episterne) und d. h. von seiner Theo- sischen Lehrmeinungen, die er einerseits wider-
logie her begriffen werden mÝssen. legen will und die doch andererseits in der
Dass diese ›metaphysische‹ Auslegung des Spannung der Elemente seines Denkens sich
Aristoteles auch fruchtbar wird, wo der Bezug weiterhin geltend machen. Seiner Bildung nach
zur ersten Philosophie nicht sogleich offenkun- zÈhlt Augustinus also zur SpÈtantike, seiner
dig ist, soll abschließend an der Bestimmung Wirkung nach zum Mittelalter.
der TragÚdie in der Poetik gezeigt werden. Das Geboren ist Aurelius Augustinus 354 n. Chr.
Ziel der TragÚdie, sagt Aristoteles dort, ist die in Thagaste im heutigen Algerien als Sohn eines
Reinigung (katharsis) zweier GefÝhlsregungen heidnischen rÚmischen Beamten und einer
(pathoi), Schauder (phobos) und Jammer (eleos). Christin. Nach seinem Studium wurde er Rhetor
LosgelÚst von der Theologie des Aristoteles ge- und war Lehrer seiner Disziplin, zunÈchst in sei-
ben die AusfÝhrungen zu diesen GefÝhlsregun- ner Heimat, dann in Rom, schließlich avancierte
gen Anlass zu mancherlei EinfÈllen. Sollten aber er in Mailand zum Hofrhetor des rÚmischen Kai-
nicht die GefÝhle in ihrer Richtung von einer sers. Im Jahre 386 bekehrte er sich nach einge-
Vernunft bestimmt werden, die sowohl das all- hender BeschÈftigung mit den Schriften der
gemeine Wesen der Dinge des Entstehens und Neuplatoniker, besonders Plotins, zum Christen-
Vergehens zum Gegenstand hat als auch das tum und wurde 387 getauft. Im folgenden Jahr
Denken des sich immer gleich bleibenden ein- gab Augustinus seine Stellung auf und kehrte
fachen GÚttlichen? WÈre dann der Schauder Ýber Rom nach Afrika zurÝck. In Hippo Regius
nicht das GefÝhl vor der zwar denkbaren, aber erhielt er die Priesterweihe und wurde ebendort
vom Menschen doch nicht begreifbaren Macht 395 Bischof, was er bis zu seinem Tode im Jahre
des GÚttlichen und der Jammer das Betroffen- 430 blieb.
sein vom Untergang auch des Edelsten unter Seine Werke bilden drei Gruppen, die seinen
den Lebewesen? Lebensabschnitten entsprechen. Erst nach seiner
O. HÚffe, Aristoteles, MÝnchen 1999 Bekehrung wurde Augustinus kontinuierlich lite-
: Praktische Philosophie. Das Modell des Aristoteles, rarisch produktiv. Die erste Gruppe umfasst u. a.
Berlin 1996 im klassischen Stil abgefasste Dialoge gegen die
Augustinus 75

Skeptiker und Ýber das glÝckselige Leben sowie menschlichen SubjektivitÈt zuwendenden Han-
die SelbstgesprÈche (Soliloquia). Die zweite Grup- deln lÈsst die Wahl offen. Die Menschen haben
pe folgte in der Zeit von 388–395, als Augusti- sich im SÝndenfall fÝr das Letztere entschieden.
nus nach Afrika zurÝckgekehrt war. Hier finden Indem sie von ihrer %Freiheit Gebrauch mach-
sich die wichtigen Schriften Àber den freien Wil- ten, wurden sie schuldig und sind deshalb auf
len (De libero arbitrio), Àber den Lehrer (De ma- die gÚttliche Gnade angewiesen. Das BÚse aber
gistro) und Àber die wahre Religion (De vera reli- ist nicht ein eigenes %Sein, sondern nur der
gione) sowie der Genesiskommentar gegen die Mangel (Privation) des geschuldeten Guten, also
ManichÈer (De Genesi contra Manichaeos). Aus eigentlich ein Nichtsein. Es hat indessen eine
der letzten großen Lebensperiode als Bischof dauernde Wirkung, die Augustinus in der Theo-
entstammen die berÝhmten Bekenntnisse (Con- rie von der ErbsÝnde bis in sein SpÈtwerk ent-
fessiones), die BÝcher Àber die christliche Lehre wickelt hat: Indem sich Adam und Eva von Got-
(De doctrina christiana) und die Dreieinigkeit (De tes Willen abkehrten, verfielen sie der SÝnde,
trinitate), sowie das große SpÈtwerk Der Gottes- die sie den Geschlechtern nach ihnen vererbten.
staat (De civitate Dei). Daraus entspringt die Paradoxie der augusti-
Das Werk des heiligen Augustinus zeigt eine nischen Lehre von der ErbsÝnde: Indem die
enorme Vielfalt an Motiven und Traditionslinien, Menschen ihre Freiheit nutzen und aus eigenem
die es mit ganz entgegengesetzten antiken Phi- Antrieb handeln, geraten sie in Distanz zu Gott.
losophenschulen und den damals zeitgenÚssi- Ihre %Selbstbestimmung als Menschen fÝhrt al-
schen religiÚsen StrÚmungen verbindet. Den- so notwendig zur SÝnde. Das %Selbstbewusst-
noch hat Augustinus seine philosophische sein, durch das die Menschen ihres Willens und
Grundorientierung, die auch seine theologischen ihrer Freiheit gewahr werden, ist im Kern die
Theorien im engeren Sinne bestimmt, schon SÝnde, die somit unausweichlich ist und zu-
frÝh gefunden. Sie ergab sich aus seiner Kritik gleich die Bedingung fÝr die RÝckkehr der
der wichtigsten philosophischen Positionen sei- %Seele zu Gott darstellt.
ner Zeit, also schon als er, durch die LektÝre Im Faktum des Selbstbewusstseins hatte Au-
von %Ciceros inzwischen verlorenem Dialog gustinus schon in seinen frÝhesten Schriften ge-
Hortensius angeregt, die Philosophie zur eigenen gen den Skeptizismus der spÈten %Akademie
Sache machte. Um 386, als er sich zum Chris- ein wirksames Argument gefunden. So fÝhrt er
tentum bekehrte, hatte Augustinus die herr- an vielen Stellen aus, dass zwar an allem zu
schenden Richtungen bereits eingehend studiert. zweifeln sei, dass aber der Zweifelnde seine ei-
Besonders der %ManichÈismus hat ihn nachhal- gene Existenz nicht in Frage stellen kÚnne und
tig beeinflusst. Diese persisch-christliche Misch- folglich von ihr ein sicheres Wissen habe. Der
religion lehrte einen strikten %Dualismus der radikale %Zweifel, der schon an %Descartes er-
Prinzipien des %Guten und des %BÚsen. Die innert, fÝhrt zur %Selbsterkenntnis der Seele
Welt besteht aus dem Widerstreit dieser beiden als des DenkvermÚgens. Dieser Selbstbezug ist
GrundkrÈfte. Eine ErlÚsung der in diesem Anta- in jedem Akt der %Erkenntnis schon voraus-
gonismus zerrissenen Seele war nur als vÚllige gesetzt. Deshalb ist Selbsterkenntnis die Form
asketische Befreiung von der Welt vorstellbar. aller Erkenntnis. Auch dort wo Èußere Gegen-
Die ZwiespÈltigkeit der Welt hat Augustinus stÈnde bestimmt werden sollen, enthÈlt die er-
selbst gelehrt, ohne indessen das Gute und das kennende Seele immer schon die begrifflichen
BÚse auf zwei gleichrangige UrgrÝnde zurÝck- Mittel hierzu, welche ihr nÈmlich eingeboren
zufÝhren. Konnten die ManichÈer einen freien sind. Dieses platonische Element hat Augustinus
menschlichen %Willen nicht anerkennen, so ist Ýbernommen und fÝr seine Interpretation der
er fÝr Augustinus ein Angelpunkt seiner Lehre christlichen Heilslehre verwendet. Hierzu gehÚrt
von SÝnde und ErlÚsung. Das BÚse ist nÈmlich auch die spekulative Darlegung des Dogmas von
fÝr ihn nicht die Wirkung eines separaten Prin- der Dreieinigkeit. So wie Gott-Vater sich durch
zips, sondern geradezu das Zeugnis des freien den Sohn und den Heiligen Geist auf sich be-
menschlichen Willens. Die Alternative zwischen zieht, so ist in der menschlichen Seele die Drei-
einem guten, %Gottes Willen entsprechenden heit von GedÈchtnis, Erkenntnis und Liebe die
und einem bÚsen, sich von Gott ab- und der Bedingung dafÝr, dass sie sich im Anderen
76 Augustinus

selbst findet. Diese Dreiheit ist ein unvollkom- genheit nicht mehr, die Zukunft noch nicht ist.
menes Abbild der gÚttlichen TrinitÈt. Die Beziehung dieser drei Zeitmodi und ihr Maß
Die %Wahrheit des Satzes, dass, wer zweifelt, findet sich nur in der menschlichen Seele, die ei-
existieren muss, erkennt die denkende Seele in nem trÝgerischen Schein verfallen ist, wenn sie
ihrer Wendung nach innen. Diese wie jede ande- dem Zeitlichen ein selbststÈndiges Sein zumisst.
re Wahrheit ist Abbild einer ersten, die fÝr Au- Dennoch ist es den Menschen nach dem SÝnden-
gustinus mit Gott identisch ist. Ihn, d. h. Chris- fall bestimmt, sich im zeitlich verfassten Dies-
tus, findet die Seele als den wahren Lehrer in seits auf die ErlÚsung vorzubereiten.
sich selbst vor. Damit wÈre die ErlÚsung ganz Dies geschieht fÝr die Menschheit als Ganze
neuplatonisch die RÝckkehr der von Gott selbst- in der Dimension der geschichtlichen Zeit. In
sÝchtig abgefallenen Seele zu ihrem Ursprung, Anlehnung an die biblische Geschichte ent-
dessen Spur sie in sich trÈgt. Aber diese RÝck- wickelt Augustinus die erste konsequente Ge-
kehr kann sie nur vollenden, wenn die gÚttliche schichtsphilosophie. %Geschichte wird, neu in
Gnade eintritt, auf welche die Menschen keinen der antiken Welt, als einmaliger und unumkehr-
Einfluss haben. Der spÈte Augustinus hat zwar barer Prozess begriffen. Dessen Bewegung ist
gelehrt, dass erst die Gnade die Willensfreiheit von einem fortwÈhrenden %Antagonismus be-
ermÚgliche. So steht die PrÈdestinationslehre, herrscht. Das weltliche, von Gott abgefallene Da-
nach der Gott die Menschen erwÈhlt und ver- sein und seine Organisation im profanen Staat
dammt, der zugleich festgehaltenen Theorie der liegt in unausweichlichem Konflikt mit dem
Willensfreiheit gegenÝber. keimhaft immer schon vorhandenen Staat Got-
Alle diese Motive vereinigen sich in Augus- tes. Wiewohl dieser Widerstreit manichÈische
tins monumentalem SpÈtwerk Der Gottesstaat ZÝge hat, ist er doch nicht ewig, vielmehr ist er
(De civitate Dei). Dessen ursprÝnglicher Zweck auf seine eigene Aufhebung hingeordnet. Der
war es, das Christentum gegen den von heid- Kampf der beiden Staaten findet im Frieden des
nischer Seite erhobenen Vorwurf zu verteidigen, ewigen Sabbats sein Ende. Aber dieser Heils-
den rÚmischen Staat untergraben zu haben, als zustand kann nur durch die gÚttliche Gnade
Rom im Jahre 410 von den Westgoten erobert nach dem JÝngsten Gericht eintreten.
wurde. Das Buch lÈsst die apologetische Zielset- Bis dieses Ziel aller Geschichte erreicht ist,
zung indessen weit hinter sich und reflektiert mÝssen die Menschen sich im Diesseits durch
auf der Basis der biblischen Berichte das Ver- ihre %Arbeit erhalten, aber sie sollen nicht da-
hÈltnis des Christentums zum irdischen Staat nach streben, die irdischen VerhÈltnisse, d. h.
Ýberhaupt. Das verheißene Reich, das nicht von die materiellen Bedingungen ihrer Existenz zu
dieser Welt sein sollte, stellt Augustinus als die verbessern, denn dadurch kÈmen sie von ihrem
Verfassung der Menschheit nach der ErlÚsung Heilsziel ab. Diese Lehre hat die Weltverachtung
dar. Wenn diese auch letzthin von der gÚttlichen des frÝhen Mittelalters geprÈgt, wie denn Ýber-
Gnade bewirkt wird, haben die Menschen den- haupt nicht nur die Kirche der im Diesseits sich
noch die Aufgabe, nach dem SÝndenfall das Zeit- herausbildende Gottesstaat sein sollte, sondern
alter ihres irdischen Daseins als Pilgerweg auf auch die weltliche Gewalt als dessen Arm eine
sich zu nehmen, um sich im Diesseits zu bewÈh- sakrale Funktion hatte.
ren und der Gnade wÝrdig zu erweisen. Augustinus hat mit vielen seiner Lehren bis
Auf dieser langen Reise machen die Menschen in die %Neuzeit (A) gewirkt. Die geschichtlich
kontinuierlich Fortschritte in der Erkenntnis der neuen Motive seines Denkens wie die Beziehung
Bestimmung, die ihnen gesetzt ist. Ihr Weg er- der SubjektivitÈt auf sich, die IdealitÈt der Zeit
streckt sich in der Zeit, der Dimension des pro- sowie die Zielbestimmtheit des einmaligen und
fanen Nacheinander der Ereignisse. Wie Augusti- in sich antagonistischen Geschichtsprozesses
nus im 11. Buch seiner Bekenntnisse (Confessio- sind erst mehr als tausendfÝnfhundert Jahre
nes) ausfÝhrt, kann diese zeitliche Ordnung aber spÈter wirklich entfaltet worden. Durch die spÈ-
nicht wahrhaftes Sein beanspruchen, denn sie teren Traditionen vielfach modifiziert, sind diese
ist aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft LehrstÝcke Augustins in die kantische %Trans-
zusammengesetzt, von denen nur die Gegenwart zendentalphilosophie sowie in die hegelsche und
ein punktuelles Sein hat, wÈhrend die Vergan- marxsche Geschichtstheorie eingegangen.
Bacon, Francis 77

K. Flasch, Augustin Eine EinfÝhrung in sein Denken, gÈnzlich ungeeignet zum Auffinden neuer Er-
3. Aufl. Stuttgart 1994 kenntnisse, sondern blockiert geradezu jeden
E. Gilson, Der Heilige Augustinus Eine EinfÝhrung in Fortschritt in der Wissenschaft. Da sie sich in
seine Lehre, Breslau 1930
J. Kreuzer, Augustinus, Frankfurt/M. 1995
der Vergangenheit als unbrauchbar erwiesen
G. M. hat, die ihr gestellten Probleme zu lÚsen, fordert
Bacon einen Wechsel der Methode: Die dedukti-
ve Methode in den Wissenschaften muss durch
Bacon, Francis (1561–1626): Geboren in Lon- das Verfahren der %Induktion abgelÚst werden.
don; gestorben in Highgate bei London; gilt als Statt wie bisher sich nur im Kreise der durch
einer der VorlÈufer des englischen %Empiris- AutoritÈt gestÝtzten %Theorie zu drehen, soll
mus und hat durch seine Schriften die Entste- nun umgekehrt die Forschung bei den konkre-
hung und Verbreitung der modernen Naturwis- ten Einzelerfahrungen ansetzen und erst allmÈh-
senschaften gefÚrdert. Er war von Beruf Jurist lich durch systematische Beobachtung derselben
(kein ausgebildeter Philosoph) und hatte die po- zu allgemeineren Erkenntnissen fortschreiten.
litische Laufbahn eingeschlagen, da er in der Po- Dabei soll nicht von irgendwelchen zufÈlligen
litik die Basis zur Verwirklichung seiner %Ide- %Erfahrungen ausgegangen werden, sondern
en und Ideale gegeben sah. Sein Hauptinteresse die Erfahrungen mÝssen methodisch gewonnen
galt der wissenschaftlichen Forschung seiner werden.
Zeit, sein grÚßtes Ziel sah er in der Reformie- So besteht der erste Schritt induktiv angeleg-
rung der zeitgenÚssischen %Wissenschaften ter Forschung in der systematischen Planung
und der damit verbundenen NeubegrÝndung der von %Experimenten, die durch wohl durchdach-
Philosophie als strenger Wissenschaft. FÝr die te Anordnung eine AnnÈherung an das in Frage
schwere skeptische Krise, in welcher sich Phi- stehende PhÈnomen erlauben sollen. Dabei muss
losophie und Wissenschaften seiner Zeit befan- versucht werden, durch Variation der experi-
den, machte Bacon die Vorherrschaft der aristo- mentellen Anordnung all jene Momente heraus-
telischen Philosophie verantwortlich. Seine zufinden und in der Folge auszuschließen, die
Schriften, die fast alle Fragment geblieben sind, nicht notwendig zum %Wesen der untersuchten
versteht er in ausdrÝcklicher Opposition zu die- %Erscheinung gehÚren. In einem zweiten
sem aristotelisch geprÈgten %Paradigma in Phi- Schritt sollen alle Experimente – nach bestimm-
losophie und Wissenschaft. ten Kriterien geordnet – schriftlich fixiert wer-
Eine systematische Entwicklung seiner Ge- den, worauf in einem dritten Schritt erst die hy-
danken findet sich vor allem in seinen Werken pothetische Formulierung allgemeiner %Gesetze
Nova Atlantis (1627), wo Bacon in der Form ei- erfolgt. Hypothetisch deshalb, weil auch in die-
nes utopischen Reiseberichts das ideale Bild ei- sem Stadium der Forschung immer noch nach
ner scientific community entwirft, und in der Daten gesucht werden muss, die mit der ›gefun-
mehrbÈndig angelegten Instauratio magna denen Erkenntnis‹ nicht Ýbereinstimmen. Erst
(1605–1622), worin er die Kritik an der zeitge- wenn es – modern gesprochen – nicht gelingt,
nÚssischen Wissenschaft mit dem programmati- die induktiv gewonnenen Erkenntnisse zu %fal-
schen Entwurf einer modernen Wissenschaft, sifizieren, gelten diese nach Bacon als gesichert.
wie sie ihm vorschwebt, verbindet. Bacons Kritik Bacons wissenschaftstheoretische Àberlegun-
an der wissenschaftlichen Forschung seiner Zeit gen beruhen auf der Annahme, dass allen Din-
ist umfassend und richtet sich sowohl gegen Ziel gen der %Wirklichkeit eine %Form zugrunde
als auch gegen Methode derselben. So kritisiert liegt, welche prinzipiell erkenntnismÈßig erfasst
er die herkÚmmliche Wissenschaft, weil sie werden kann. Allerdings kann diese Form, unter
%Erkenntnis um ihrer selbst willen sucht, wÈh- der Bacon allgemeine Gesetze, also Strukturprin-
rend das Ziel wissenschaftlichen Forschens nach zipien versteht, nicht direkt ›erschaut‹, sondern
Bacon immer nur die menschliche %Praxis sein nur indirekt erschlossen werden. Diesem Um-
darf bzw. sich an deren BedÝrfnissen und Pro- stand trÈgt die Methode der Induktion Rech-
blemen orientieren muss. Die in den Wissen- nung, deren Ziel somit nicht einfach in der Ver-
schaften allgemein angewandte %Methode der allgemeinerung des Vorgefundenen besteht, son-
%Deduktion ist seiner Meinung nach nicht nur dern durch welche die Erkenntnis der Formen
78 Bacon, Francis

ermÚglicht werden soll. Das beschriebene Ver- Die Reinigung des Geistes von allen Vorurtei-
fahren soll verhindern, dass durch unsystemati- len der Art, wie Bacon sie in der Idolenlehre
sches oder vorschnelles Verallgemeinern falsche aufzÈhlt, kÚnnte fÈlschlicherweise dahin aus-
%SchlÝsse auf das Allgemeine gezogen werden. gelegt werden, dass er die Rolle des Geistes im
Daneben besteht eine mÚgliche Fehlerquelle wissenschaftlichen Erkenntnisprozess als eine
aber auch in der Verunreinigung des Geistes rein passive definiert, die sich in der ungetrÝb-
durch Vorurteile. Nach Bacon gibt es vier ver- ten Aufnahme des Sinnlichen erschÚpft. Dem ist
schiedene Arten von Vorurteilen (%Idole ge- jedoch nicht so. Bacon vergleicht das ›geistlose
nannt), welche die richtige Erfassung der For- Sammeln‹ der Empiriker mit dem Tun der Amei-
men durch den %Verstand verhindern kÚnnen. sen, die nur zusammentragen und gebrauchen,
Diese Vorurteile sind idola tribus, idola specus, kritisiert gleichzeitig aber auch die Vorgehens-
idola fori und idola theatri. Unter die Vorurteile weise der Rationalisten, welche (in seinen Wor-
der ersten Kategorie zÈhlt Bacon jene, welche ih- ten) wie die Spinnen ihr Netz aus sich selbst he-
re Wurzeln in der menschlichen Natur bezie- raus produzieren. Damit grenzt Bacon seine ei-
hungsweise in der menschlichen Gattung haben. gene Theorie von beiden StrÚmungen gleicher-
Hierzu nennt er beispielsweise die teleologische maßen ab. Da sowohl der Verstand als auch die
Interpretation der %Natur, die das Resultat einer Sinne TÈuschungen erliegen und irren kÚnnen,
anthropomorphisierenden Sichtweise sei, aber besteht die einzig mÚgliche Methode nach Bacon
auch bestimmte menschliche Eigenschaften, wie darin, beide gemeinsam zur Anwendung kom-
etwa die gefÝhlsmÈßige Beeinflussbarkeit von men zu lassen, sodass sie sich in der Anwen-
%Urteilen, das Festhalten an einmal gewonne- dung gegenseitig korrigieren. Er wÈhlt, um diese
nen Àberzeugungen und das Bestreben, alles Art des Vorgehens zu illustrieren, das Bild der
Neue im Lichte bereits bekannter Tatsachen deu- Biene, die den von ihr eingesammelten BlÝten-
ten zu wollen. Die zweite Kategorie umfasst Vor- staub verwandelt und durch eigene Kraft ver-
urteile jener Art, wie sie sich der Mensch durch arbeitet. So hÈlt Bacons induktives Verfahren
Erziehung, Milieu und andere Èußere UmstÈnde die Mitte zwischen den Extremen der Empiriker
erwirbt und welche sich jeder Wahrnehmung un- und der Dogmatiker.
bemerkt, aber nachhaltig beimischen. Die dritte Wozu dient die auf solche Weise zustande ge-
Kategorie der idola fori bilden Vorurteile, die kommene Erkenntnis der Formen beziehungs-
durch die sozialen Beziehungen der Menschen weise worin besteht der von Bacon geforderte
zustande kommen. Eine der Grundursachen fÝr Nutzen dieser Kenntnis fÝr die Gesellschaft? Er-
die verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit kenntnis der Formen der Wirklichkeit ist nach
sieht Bacon hier in der menschlichen %Kom- Bacon immer Erkenntnis der kausalen Beziehun-
munikation. Insofern die %Sprache nicht nur im gen, die dieser Wirklichkeit zugrunde liegen.
alltÈglichen Umgang ihren praktischen %Zweck Zwar kÚnnen diese Beziehungen selbst nicht
erfÝllt, sondern auch in der wissenschaftlichen verÈndert werden, doch das Wissen um die
Kommunikation verwendet wird, fÝhrt sie das %Ursachen eines PhÈnomens kann dahingehend
menschliche ErkenntnisvermÚgen in die Irre. Sie nutzbar gemacht werden, dass es die MÚglich-
tut dies durch die Verwendung von WÚrtern, de- keit erÚffnet, diejenigen Ausgangsbedingungen,
nen entweder gar kein Objekt der Wirklichkeit unter denen bestimmte Kausalgesetze wirksam
entspricht (beispielsweise der Ausdruck ›Schick- werden, kÝnstlich herzustellen. So kÚnnen die
sal‹) oder die durch fehlerhafte Abstraktion ge- in der %Natur herrschenden %Gesetze zwar
bildet wurden. Neben diesen sprachlichen Feh- nicht manipuliert, wohl aber zweckvoll einge-
lerquellen seien als vierte Kategorie noch die setzt werden: Man beherrscht die Natur, indem
idola theatri genannt. Als Idole des Theaters be- man ihr gehorcht. In diesem Sinne ist, wie Ba-
zeichnet Bacon weltanschaulich fundierte phi- con selbst es formuliert, Wissen Macht. Bereits
losophische Systeme, da in ihnen wie im Theater Bacon sieht klar, dass dieser von ihm gezeichne-
eine ›falsche Welt‹ vorgegaukelt wird. Von sol- te Weg einer systematisch vorgehenden Wissen-
chen vorgefassten Weltbildern muss sich der schaft nicht von einzelnen Forschern allein be-
%Geist erst befreien, um die Formen der wirk- schritten werden kann. Eine in solchem Maßstab
lichen Welt vorurteilslos aufnehmen zu kÚnnen. betriebene Forschung bedarf der gemeinsamen
Bergson, Henri Louis 79

Anstrengung einer großen Anzahl von Wissen- Bergson, Henri Louis (1859–1941): Mit sei-
schaftlern und der kompetenten Koordination ih- nem Versuch, gegen die Vorherrschaft des phy-
rer Arbeit. In dem Utopie-Fragment Nova Atlan- sikalischen Zeitbegriffs zu einem ursprÝngliche-
tis zeichnet Bacon das Bild einer solchen scienti- ren Zeitbegriff zu gelangen, der eine Beschrei-
fic community. Das von ihm geschilderte ›Haus bung von spontanen Entwicklungen ermÚglichen
Salomon‹ entspricht unserer heutigen Vorstel- soll, hat Bergson neben %Heidegger, diesen mit
lung eines modernen Forschungszentrums, wo beeinflussend, dafÝr gesorgt, dass die %Zeit zu
Wissenschaftler der verschiedensten Richtungen einem der Hauptthemen der Philosophie des 20.
in kleinen Teams Grundlagenforschung betrei- Jhs. geworden ist. Zuletzt bekannte Prigogine in
ben. Arbeitsteilung, zentrale Organisation und seinem Lebenslauf, schon in seiner Gymnasial-
UnabhÈngigkeit von Seiten staatlicher Ein- zeit mit Begeisterung und nicht ohne Folgen fÝr
mischung prÈgen das Bild dieser Institution. Ein seine Interessenrichtung Bergson gelesen zu ha-
fÝr Bacon wesentlicher Aspekt besteht in der en- ben. Immerhin erhielt er 1977 den Nobelpreis
gen Beziehung dieser Forschergemeinschaft zur fÝr seine Theorie nichtlinearer Prozesse, d. h.
Gesellschaft, zu deren Nutzen sie forscht. So ist solcher Prozesse, bei denen Systeme plÚtzlich
ein wesentlicher Teil der Aufgaben des Hauses ganz neue Ordnungsgebilde, dissipative Struktu-
Salomon der Ausarbeitung und Aufbereitung der ren, entwickeln kÚnnen. Bei der naturphiloso-
Forschungsergebnisse fÝr die ³ffentlichkeit ge- phischen Aufarbeitung seiner Erkenntnisse hat
widmet – wenn auch die Auswahl des zu publi- er dann stets Bergsons Grundthese »Die Zeit ist
zierenden Materials dabei den Forschern selbst Zeugung oder sie ist schlechthin nichts« in den
Ýberlassen bleibt. Mittelpunkt gestellt.
Wenn Bacon aus heutiger Perspektive demje- Bergson wurde am 18. Oktober 1859 in Paris
nigen Denken, das er seinem SelbstverstÈndnis geboren. Seine Ausbildung absolvierte er auf
entsprechend heftig bekÈmpft, in gewisser Hin- franzÚsischen Eliteschulen. Zweimal erhielt er
sicht doch noch verbunden ist, so wurde er Ehrenauszeichnungen, fÝr Mathematik und fÝr
trotzdem zum Wegbereiter der neueren Philoso- Rhetorik (Literatur). ZunÈchst war er vÚllig von
phie und der Naturwissenschaften. Seine in No- der positivistischen Philosophie Spencers und
va Atlantis entwickelten Ideen wurden durch die deren Suche nach prÈzisen %Begriffen einge-
vierzig Jahre nach seinem Tod erfolgte GrÝn- nommen. Ganz im Sinne dieses Ansatzes galt
dung der Royal Society gewissermaßen in die seine erste Arbeit der methodischen Reinigung
Tat umgesetzt. Durch die hohe WertschÈtzung, der psychologischen Grundbegriffe von allem,
die er der Erfahrung im wissenschaftlichen Er- was in ihnen nicht wirklich gegeben ist. Der Ti-
kenntnisprozess zuteil werden lÈsst, ebnete er tel Abhandlung Ýber die unmittelbaren Bewusst-
den Weg zur Entstehung des Empirismus. SpÈte- seinstatsachen (1889, deutsch 1911) will dies
re Kritiker (unter ihnen %Popper) stellen ihn je- zum Ausdruck bringen. •hnlich verfuhr er in
doch zu Unrecht in das Feld der von Bacon seiner zweiten Schrift Materie und GedÈchtnis
selbst als ›Ameisen‹ verspotteten Empiriker. (1896, deutsch 1908), in der er sich mit dem
Wenn Bacon auch fest von der MÚglichkeit der Problem des psychophysischen Zusammenhangs
Verifikation Ýberzeugt ist, so mutet doch das auseinander setzte. In seinem Hauptwerk SchÚp-
von ihm entwickelte und propagierte Prinzip der ferische Entwicklung (1908, deutsch 1912) hat er
Wissenserweiterung durch Irrtumsbeseitigung diese Ergebnisse in eine kosmologische Gesamt-
sehr modern an und auch seine Idolenlehre als konzeption eingebracht und vertieft. Von Anfang
altertÝmliche Fassung einer Theorie wissen- an metaphysischen Fragen nicht aus dem Weg
schaftlicher Paradigma ist nicht ohne AktualitÈt. gehend hat er schließlich eine neue %Metaphy-
sik entwickelt, die einerseits BezÝge zur neupla-
tonischen %Mystik nicht leugnete und anderer-
W. Frost, Bacon und die Naturphilosophie, MÝnchen seits sich keineswegs gegen die moderne %Wis-
1927
senschaft richtete. Am deutlichsten kommt die-
E. Siegl, Das Novum Organon von Francis Bacon, Inns
bruck 1983 ser Ansatz in der spÈten Aufsatzsammlung Den-
W. Krohn, Francis Bacon, MÝnchen 1987 ken und schÚpferisches Werden (1934, deutsch
G.T. G. 1948) zum Ausdruck.
80 Bergson, Henri Louis

Sicherlich ein HÚhepunkt in Bergsons Leben stÈndlich. WÈhrend ich die einzelnen TÚne im
war 1922 die Begegnung mit Albert Einstein. GedÈchtnis behalte, bringe ich sie zu den ande-
Aufgrund seiner Annahme eines kreativen Kos- ren in eine innere Verbindung. LÝckenlos dehnt
mos hat er noch im selben Jahr in der Abhand- sich hier das Vergangene in das Jetzige hinein,
lung Dauer und Gleichzeitigkeit eine Kontroverse nagt am ZukÝnftigen und schwillt im VorrÝcken
Ýber die naturphilosophische Bedeutung der ein- an. Wegen dieser LÝckenlosigkeit nennt Bergson
steinschen RelativitÈtstheorie in Gang gebracht, die ursprÝnglich erlebte Zeit Dauer (dur¹e). Zu
die viel Aufsehen erregte. 1928 erhielt Bergson einer anderen Zeiterfahrung kommt es aber,
wegen des literarischen Ranges seiner wissen- wenn wir bei sukzessiven Empfindungen aus
schaftlichen Prosa – als zweiter Philosoph nach dem direkten Erleben heraustreten. Das ist z. B.
Eucken – den Nobelpreis fÝr Literatur. Damit ge- der Fall, wenn wir nicht mehr nur dem ErtÚnen
wann er in Frankreich nationalen Rang. Offen- der GlockenschlÈge folgen, sondern uns vorneh-
sichtlich deswegen blieb er 1940 trotz seiner be- men, die GlockentÚne zu zÈhlen. Dann mÝssen
kannten jÝdischen Herkunft von den antisemiti- wir sie aus ihrer Verbindung lÚsen und damit
schen Maßnahmen der deutschen Besatzer ver- ihrer spezifischen QualitÈt entkleiden, die ja ih-
schont. Als er am 4. Januar des folgenden Jahres rer spezifischen Verschmelzung entspringt. Iso-
starb, wurde die Totenmesse – er hatte um ein lieren wir sie aber gegeneinander, sodass sie
christliches BegrÈbnis gebeten – in Notre Dame wie materielle Teilchen zu wohl unterschiede-
gelesen. nen, summierbaren Elementen werden, dann
Der deutsche Titel von Bergsons erster Schrift entstehen zwischen ihnen leere Intervalle, die
lautet Zeit und Freiheit (1911). TatsÈchlich gibt beharren, wÈhrend die TÚne vorÝbergehen. Da
dieser Titel wesentlich besser das eigentliche aber Zeitmomente nicht wirklich beharren kÚn-
Thema an. Bergson glaubte nÈmlich, dass sich nen, zeigt sich, dass der %Wille, psychische Zu-
das metaphysische Problem der %Freiheit bzw. stÈnde abzÈhlbar zu machen, nur realisiert wer-
der Streit zwischen den Deterministen und ih- den kann, wenn die ursprÝngliche Zeit, die rei-
ren Gegnern auflÚsen ließe, wenn man der Tat- ne Dauer, in den Raum projiziert wird. Die ur-
sache gerecht werden kÚnnte, dass jede freie sprÝngliche Zeit wird geometrisiert und er-
%Handlung sich in der ablaufenden Zeit voll- scheint als ein homogenes Medium, in dem wie
zieht und nicht in der abgelaufenen. Der An- in einem Raum alle psychischen ZustÈnde und
schein eines Determinismus tritt nach Bergson VorgÈnge als nebeneinander geordnet auftreten.
eben nur auf, wenn wir von fertigen Handlun- Das ursprÝngliche VermÚgen der Zeit, alles in
gen ausgehen und ihren Verlauf in der bereits einer stÈndigen Durchdringung zu wandeln und
abgelaufenen Zeit zu rekonstruieren versuchen. immer wieder Neues entstehen zu lassen, wird
Dann ist in der Tat der Vollzugs- und Kreativ- durch diesen ›Bastardbegriff‹ der Zeit allerdings
charakter der Handlung verschwunden, und die bis zur Unkenntlichkeit entstellt.
Zeit, in der sich die Handlung vollzogen hat, Die technische NovitÈt des Films, in dem
nimmt raumartige ZÝge an, als ob die einzelnen durch die schnelle Aneinanderreihung starrer
Zeitmomente gewissermaßen nebeneinander auf- Momentbilder Bewegung kÝnstlich rekonstruiert
gereiht bestÝnden. Wird aber die ursprÝngliche wird, war Bergson sozusagen der lebende Be-
Sukzession mit der Gleichzeitigkeit vermengt, weis fÝr die stÈndige Vermengung von ur-
kann das PhÈnomen spontaner Entwicklung sprÝnglicher, wandelnder Sukzession und
nicht mehr verstanden werden. Um den Grund Gleichzeitigkeit, von QualitÈt und QuantitÈt, von
dieser Vermengung aufzudecken, gilt es nach Dauer und Ausdehnung. In der kinematographi-
Bergson, das Psychische und Physische deutlich schen Methode hat er schließlich auch das Ge-
zu unterscheiden. Dabei geht er von dem Grund- heimnis der Physik erkannt. Das bedeutet aber,
phÈnomen aus, dass psychische ZustÈnde im di- dass diese gar nicht an der VerwandlungsfÈhig-
rekten Erleben sich nie Èußerlich zueinander keit der eigentlichen Zeit interessiert ist. Wenn
verhalten, sondern sich gegenseitig durchdrin- der Physiker den kÝnftigen Zustand eines physi-
gen und dabei in einem ununterbrochenen kalischen Systems nach Ablauf der Zeit berech-
Wandlungsprozess miteinander verschmelzen. net, so hindert ihn nichts an der Annahme, dass
Das ist uns beim HÚren einer Melodie selbstver- bis dahin dieses System entschwindet, um plÚtz-
Berkeley, George 81

lich wieder aufzutauchen. Einzig der Zeitpunkt t muss daher entweder ein Geist oder eine Idee
zÈhlt fÝr ihn, was aber wÈhrend des Intervalls sein. Berkeley zufolge sind sinnlich wahrnehm-
geschieht, nÈmlich die wandelnde, eigentlich bare Eigenschaften oder QualitÈten wie z. B. die
verÈndernde Zeit, geht in seine Rechnung nicht Farbe oder der Geruch eines Apfels Ideen. Wahr-
ein. nehmbare GegenstÈnde sind Ideen bzw. BÝndel
Das setzt der physikalischen Beschreibung von Eigenschaften (Ideen), die wir, weil sie so
des Universums allerdings eine wesentliche hÈufig gemeinsam auftreten, zusammenfassen
Grenze. Sie kann das Universum nicht in seiner und mit einem Namen wie z. B. ›Apfel‹ versehen.
schÚpferischen Potenz beschreiben. Diese wie- Eine materielle Substanz, der die sinnlich wahr-
derzuentdecken, bleibt Aufgabe der Philosophie. nehmbaren Eigenschaften inhÈrierten, wie es
Das Universum ist nicht ein fertig Entstandenes, dem in der abendlÈndischen Philosophie grund-
sondern war und wird auch zu allen Zeitpunk- legenden Modell von %Substanz und Modus
ten ein Entstehendes sein. »Das Universum dau- entsprÈche, gibt es nicht (Immaterialismus). Da
ert. Je tiefer ins Wesen der Zeit wir eindringen, eine Idee nur in einem Geist existieren kann,
desto tiefer begreifen wir, dass Dauer Erfindung, hÈngt die Existenz wahrnehmbarer Dinge davon
SchÚpfung von Formen bedeutet, ununterbroche- ab, dass sie wahrgenommen (perzipiert) werden
nes Hervortreiben von absolut Neuem.« (%Idealismus). (Berkeley bezeichnet einerseits
G. Deleuze, Henri Bergson zur EinfÝhrung, Hamburg
das sinnliche Wahrnehmen als Perzipieren, an-
1997 dererseits aber auch das Haben von Ideen im
C. St. Allgemeinen.)
Der Geist ist nach Berkeley gÈnzlich verschie-
den von den Ideen, die er perzipiert. WÈhrend
Berkeley, George (1685–1753): Geboren am die Ideen vollkommen passiv sind, ist der Geist
12.3. in Dysert Castle nahe der Ortschaft Kilken- aktiv. Er hat Ideen und wird auf verschiedene
ny in SÝdirland, gestorben am 14.1. in Oxford. Weise an ihnen tÈtig. Wir kÚnnen den Geist we-
Berkeley gehÚrte der anglikanischen Kirche an, der perzipieren, denn er ist keine Idee (und per-
war Priester und wurde 1734 zum Bischof von zipierbar sind nur Ideen), noch kÚnnen wir eine
Cloyne ernannt. Sein Werk ist in vielerlei Hin- Idee vom Geist haben, denn Ideen kÚnnen nach
sicht von theologischen Àberlegungen bestimmt Berkeley nur Ideen Èhneln – und jede Idee von
und als Reaktion auf weltanschauliche und na- etwas Èhnelt dem, wovon sie eine Idee ist. Zur
turwissenschaftliche Entwicklungen in der frÝ- Kenntnis des Geistes gelangen wir auf andere
hen %Neuzeit (A) zu interpretieren. Dennoch Weise: Wir sind uns unser selbst unmittelbar be-
sind seine philosophischen Schriften weit mehr wusst und erwerben in der Reflexion intuitives
als religiÚs motivierte Streitschriften. Auf beson- Wissen um die Existenz und Beschaffenheit un-
ders kenntnisreiche und scharfsinnige Weise seres Geistes. Auf diese Weise kÚnnen wir uns
kritisiert Berkeley die Grundlagen der Mathema- einen Begriff (notion) vom Geist machen, ohne
tik und der Naturwissenschaft seiner Zeit, erÚr- Ýber eine Idee des Geistes zu verfÝgen. Von der
tert viele heute noch aktuelle Probleme der Existenz anderer Geister wissen wir nur vermit-
%Erkenntnistheorie und entwickelt ein bemer- tels der Ideen, die sie in uns hervorrufen. Im
kenswertes philosophisches System, das ohne Falle endlicher Wesen erlaubt uns deren •hn-
die Annahme einer vom %Geist unabhÈngig lichkeit mit uns selbst einen %Analogieschluss
existierenden Materie auskommt. darauf, dass sie mit Geist begabt sind. Die Exis-
In seinem philosophischen Hauptwerk, dem tenz %Gottes offenbart sich uns hingegen in der
1710 erschienenen Treatise Concerning the Princi- systematischen Ordnung der Ideen sinnlich
ples of Human Knowledge, prÈsentiert Berkeley wahrnehmbarer Dinge, die Gott uns eingibt.
die zentrale These seiner Philosophie: Jedes Der Geist ist nach Berkeley eine unteilbare
%Sein besteht darin, wahrgenommen zu wer- Substanz, ein aktives Prinzip, dessen Existenz
den, wahrzunehmen oder etwas zu wollen. Nur im Denken, Wollen und Wahrnehmen besteht.
ein geistiges Wesen kann etwas wahrnehmen WÈhrend Berkeley also die materielle Substanz
oder wollen. Nur %Ideen kÚnnen vom Geist preisgibt, hÈlt er an der Existenz einer geistigen
wahrgenommen werden. Alles, was existiert, Substanz fest. Dies hat ihm vielfach den Vor-
82 Berkeley, George

wurf eingetragen, seine Position sei in sich wi- ten Blick scheint dies schwer mÚglich zu sein.
dersprÝchlich, da seine berechtigte Kritik am Wenn es keine materiellen GegenstÈnde gibt
Begriff der Substanz auch die geistige Substanz und wahrnehmbare Dinge nichts anderes sind
betreffe. Im Unterschied zum Begriff einer geis- als Ideen, dann scheint sich die Wirklichkeit auf
tigen Substanz ist der Begriff einer materiellen eine Art Traum oder Einbildung zu reduzieren.
Substanz laut Berkeley jedoch entweder leer Wer die Existenz des Wahrnehmbaren mit des-
oder selbstwidersprÝchlich. Die materielle Sub- sen Wahrgenommenwerden gleichsetzt, der
stanz soll der TrÈger sinnlich wahrnehmbarer scheint das Bestehen einer vom Menschen un-
Eigenschaften sein; sie soll etwas Nicht-Geisti- abhÈngigen physikalischen Welt zu leugnen und
ges sein, das gÈnzlich passiv ist und weder den- den Unterschied zwischen Schein und Sein auf-
ken noch fÝhlen oder wollen kann; etwas, das zuheben. Und doch versichert Berkeley, dass er
im Gegensatz zu den Eigenschaften, die ihr in- an die Wirklichkeit der Dinge nicht rÝhre und
hÈrieren, selbst nicht wahrnehmbar ist. Sie soll dass seine Philosophie dem gesunden Men-
dasjenige sein, was als Substrat Ýbrig bliebe, zÚ- schenverstand weniger zumute als die Auffas-
gen wir von einem wahrnehmbaren Ding alle sung derer, die eine materielle Substanz postu-
seine wahrnehmbaren Eigenschaften ab. Laut lieren. Obwohl wahrnehmbare Dinge Ideen(bÝn-
Berkeley bliebe nach diesem Abziehen jedoch del) sind, deren Existenz in ihrem Perzipiertwer-
nichts Ýbrig, auf das wir uns mit dem Ausdruck den besteht, hÚren sie Berkeley zufolge nicht
›materielle Substanz‹ beziehen kÚnnten. DarÝber auf zu existieren, wenn niemand auf Erden sie
hinaus sei die angenommene Beziehung, in der mehr wahrnimmt. Denn sie werden von Gott
die materielle Substanz zu ihren Modi stÝnde, wahrgenommen oder existieren in seinem Geist.
gÈnzlich unklar. Was kÚnne es denn heißen, Dem Einwand, dass die Gleichsetzung wahr-
fragt Berkeley, dass die Substanz der TrÈger nehmbarer Dinge mit Ideen es unmÚglich
wahrnehmbarer Eigenschaften sei oder dass die macht, zwischen wirklichen und bloß vorgestell-
Eigenschaften der Substanz inhÈrierten? In sich ten, halluzinierten oder getrÈumten Dingen zu
widersprÝchlich ist der Begriff der materiellen unterscheiden, begegnet Berkeley, indem er Fol-
Substanz nach Berkeley insofern, als eine wahr- gendes feststellt: Erstens gehorcht die Wirklich-
nehmbare Eigenschaft (Idee) nur in einem Geist keit den Naturgesetzen. Wirkliche Dinge weisen
existieren kann, der sie perzipiert, nicht aber in im Gegensatz zu imaginierten in sich und in ih-
etwas vollkommen Passivem. Weil wir etwas Wi- rer Abfolge eine große BestÈndigkeit, Ordnung
dersprÝchliches nicht denken kÚnnen, kÚnnen und einen inneren Zusammenhang auf. Zwei-
wir von einer materiellen Substanz ebenso we- tens hÈngen die wirklichen Dinge nicht in der
nig eine Idee gewinnen wie von einer geistigen. gleichen Weise von unserem Willen ab wie die
Der Begriff einer geistigen Substanz birgt Berke- nur vorgestellten. Insbesondere die Ideen sinn-
ley zufolge keinen Widerspruch in sich und lich wahrnehmbarer Dinge stellen sich unwill-
wÈhrend nichts in unserer Erfahrung auf die kÝrlich ein. Drittens schließlich affizieren die
Existenz einer materiellen Substanz hinweist, wirklichen Dinge den Geist stÈrker, wÈhrend
haben wir von der Existenz und Beschaffenheit bloß Vorgestelltes schwÈcher, matter, unbe-
unseres Geistes unmittelbar und intuitiv Kennt- stimmter und weniger lebhaft erscheint. Mit die-
nis. WÈhrend die Beziehung der TrÈgerschaft sen Thesen unterscheidet Berkeley zwischen
zwischen materieller Substanz und wahrnehm- zwei Arten von Ideen: Sinnesideen und Vorstel-
barer Eigenschaft unbegreiflich ist, steht jeder lungsideen. Tische und •pfel, TÚne und GerÝ-
Mensch zu seinen Ideen in der Beziehung einer che, alle die Dinge, die wir mit unseren Sinnen
geistigen Substanz zu ihren Ideen. Der Geist wahrnehmen, sind Sinnesideen. Einbildungen,
perzipiert Ideen. Diese Beziehung glaubt Berke- Erinnerungen usw. sind Vorstellungsideen. WÈh-
ley voraussetzen und seiner Philosophie zugrun- rend wir Vorstellungsideen selbst hervorbringen,
de legen zu kÚnnen. werden unsere Sinnesideen ausnahmslos von
Berkeley will seinen Immaterialismus und Gott verursacht. Sie rÝhren nicht, wie %Descar-
Idealismus mit einem %Realismus verbinden, tes oder %Locke dies angenommen hatten, von
dem zufolge es eine vom Menschen unabhÈngi- Èußeren GegenstÈnden her. Gott ist es, der die
ge Welt wahrnehmbarer Dinge gibt. Auf den ers- ObjektivitÈt der sinnlich wahrnehmbaren Welt
Berkeley, George 83

garantiert. Er gewÈhrleistet nicht nur die kon- schaften (Ideen) identifiziert, hebt er diesen
tinuierliche Existenz sinnlich wahrnehmbarer Schleier. Die Frage, ob die wahrgenommenen
GegenstÈnde, sondern auch deren intersubjekti- Dinge wirklich existieren, erÝbrigt sich ebenso
ve Beobachtbarkeit, indem er allen Menschen wie die Frage danach, welche Eigenschaften sie
zur passenden Gelegenheit und in systemati- wirklich besitzen – die Dinge sind ihre Eigen-
scher Reihenfolge die richtigen Ideen eingibt. schaften. Dem Skeptiker, der behauptet, dass
Wir nehmen diese Ideen, d. h. die sinnlich wahr- wir nicht wissen kÚnnen, wie die wahrgenom-
nehmbaren Dinge, unmittelbar wahr: Es gibt menen Dinge tatsÈchlich beschaffen sind, weil
nichts, das zwischen ihnen und uns vermittelte wir es stets nur mit ihren Erscheinungen bzw.
– keine weitere Idee oder ReprÈsentation, kein den von ihnen in uns hervorgerufenen Ideen zu
geistiges Bildchen, das in unserem Geist fÝr die tun haben, und dass wir genau genommen nicht
Dinge stÝnde oder sie reprÈsentierte. Sinneside- einmal wissen, ob die Dinge, die wir wahrzuneh-
en sind nicht Ideen von wahrnehmbaren Din- men meinen, tatsÈchlich existieren, ist damit
gen, sie sind die Dinge selbst. Auch fÝr Descar- die Grundlage seiner Argumentation entzogen.
tes war die Idee eines Gegenstands der Gegen- DafÝr scheint sich ein anderes Problem zu ver-
stand selbst in eben der Seinsweise, in der Ge- schÈrfen, das sich dadurch ergibt, dass Berkeley
genstÈnde im Geist sind. FÝr Berkeley ist das seine immaterialistische und idealistische Phi-
die einzige Seinsweise wahrnehmbarer Dinge. losophie mit dem Realismus des %common sen-
Berkeley leugnet die Existenz einer vom Geist se vereinbaren mÚchte. Es genÝgt nicht, RealitÈt
unabhÈngigen Materie mit dem Ziel, den und Fiktion voneinander zu unterscheiden um
%Atheismus und den %Skeptizismus zurÝck- die Wirklichkeit zu bewahren; auch Schein und
zudrÈngen. Mit den zunehmenden Erfolgen der Sein mÝssen im Rahmen einer realistischen
Naturwissenschaften hatte sich ein mechanisti- Konzeption der Welt voneinander unterscheidbar
sches Weltbild durchgesetzt, das nach Berkeleys bleiben. Wahrnehmbare Dinge scheinen oft Ei-
DafÝrhalten sowohl dem Unglauben als auch genschaften zu besitzen, die sie in Wirklichkeit
dem grundsÈtzlichen Zweifel an der Erkenntnis- nicht haben. Wenn die Dinge nichts anderes
fÈhigkeit des Menschen Vorschub leistete. Die sind als die jeweils perzipierten Ideen bzw. Ei-
Welt wurde mit einem gigantischen Uhrwerk genschaften, wie kÚnnen wir uns dann jemals
verglichen und die Funktion Gottes drohte auf Ýber die Natur wahrgenommener Dinge tÈu-
die des SchÚpfers einer Maschine reduziert zu schen? Berkeley vertritt die bemerkenswerte
werden, die, einmal in Gang gesetzt, auch ohne und konsequente Auffassung, dass dies nicht
sein Zutun funktioniert. Immer weniger der in mÚglich ist. Was rot aussieht, ist rot. Allerdings
der Natur beobachteten VorgÈnge wurden durch verleiten uns unsere Sinnesideen gelegentlich
das Wirken Gottes erklÈrt und stattdessen auf zu falschen Schlussfolgerungen. Dies geschieht
die Struktur, Beschaffenheit und Bewegung von beispielsweise dann, wenn wir annehmen, dass
Materieteilchen zurÝckgefÝhrt. Locke, an dessen ein zur HÈlfte ins Wasser getauchter und ge-
Theorie sich Berkeleys Kritik im Besonderen krÝmmt aussehender Stock sich auch gekrÝmmt
entzÝndet, hatte versucht, den in den Wissen- anfÝhlen wird. Wahrnehmungsfehler sind nach
schaften zugrunde gelegten Annahmen Ýber Ma- Berkeley falsche Urteile darÝber, welche Sinnes-
terie und Bewegung gerecht zu werden, indem ideen wir unter welchen UmstÈnden haben wer-
er die Existenz einer vom Geist unabhÈngigen, den. Vor solchen Fehlurteilen kÚnnen wir uns
materiellen Außenwelt annahm. Aber aus seiner durch besondere Vorsicht und durch die genaue
Auffassung, nach der wir die GegenstÈnde der Beobachtung und Erforschung der Natur schÝt-
Èußeren Welt niemals direkt, sondern nur ver- zen.
mittels der Ideen wahrnehmen, die sie in uns Mit seiner Lehre von einem unangreifbaren
hervorrufen, hatten sich uneinheitliche und Wahrnehmungswissen postuliert Berkeley ein si-
skeptische Konsequenzen ergeben. Wahrnehm- cheres Fundament menschlicher Erkenntnis,
bare GegenstÈnde bleiben im Rahmen dieser gleichzeitig zwingt ihn diese Lehre aber, sich
Auffassung fÝr uns grundsÈtzlich hinter einem weit von unserem alltÈglichen VerstÈndnis der
›Schleier der Ideen‹ verborgen. Indem Berkeley Dinge zu entfernen. Berkeley zufolge kÚnnen in
wahrnehmbare Dinge mit BÝndeln von Eigen- einem philosophisch strikten Sinn niemals zwei
84 Berkeley, George

Menschen gleichzeitig denselben Gegenstand umso wÈrmer an, je kÈlter die Hand ist, mit der
wahrnehmen und niemand kann denselben Ge- wir ihn betasten; er sieht auch umso kleiner
genstand mit verschiedenen Sinnen oder zu ver- aus, je weiter wir von ihm entfernt sind. Aber
schiedenen Zeitpunkten wahrnehmen. Zwar gibt genauso wenig, wie man dieser Beobachtung
Berkeley zu, dass die – in seinen Augen philoso- entnehmen kann, dass der Gegenstand gar nicht
phisch ungenaue – Art und Weise, in der wir warm oder kalt ist und die Temperatur nur vom
von wahrnehmbaren GegenstÈnden reden, fÝr Wahrnehmenden empfunden wird, kann sie als
unsere alltÈglichen Belange zweckmÈßig ist. Ob Beleg dafÝr gelten, dass der Gegenstand selbst
es ihm aber gelingt, seine Philosophie mit dem keine bestimmte GrÚße hat.
common sense zu vereinbaren, entscheidet sich Von der empiristischen Grundannahme aus-
nicht an diesem ZugestÈndnis, sondern daran, gehend, dass alle unsere Ideen letztlich der Er-
ob unsere Redeweise im Rahmen seiner Theorie fahrung entstammen, war Locke zu der Auffas-
auch gerechtfertigt und philosophisch untermau- sung gelangt, dass allgemeine AusdrÝcke wie
ert werden kann. ›Dreieck‹ oder ›rot‹ fÝr abstrakte Ideen stehen,
Wie Locke und %Hume ist Berkeley dem die jeweils das erfassen, was allen Dreiecken
%Empirismus verpflichtet, dem zufolge sich alle und allen Rotschattierungen, die uns in der Er-
Geistesinhalte auf die Erfahrung zurÝckfÝhren fahrung gegeben sind, gemeinsam ist. Locke hat-
lassen. Aber wÈhrend Berkeley glaubt, dass uns te angenommen, dass jedes Wort fÝr eine Idee
die Erfahrung lehrt, wie wahrnehmbare Dinge stehen mÝsse um sinnvoll verwendet werden zu
tatsÈchlich beschaffen sind – nÈmlich genau so, kÚnnen. Berkeley bestreitet sowohl diese kogniti-
wie sie uns erscheinen –, geht Locke davon aus, vistische These als auch die Existenz abstrakter
dass unsere Ideen den sie verursachenden Din- Ideen. Wir kÚnnen seiner Ansicht nach nicht
gen nur hinsichtlich ihrer primÈren, nicht je- von allem abstrahieren, was verschiedene Drei-
doch hinsichtlich ihrer sekundÈren QualitÈten ecke oder verschiedene Vorkommnisse von Rot
Èhneln. Zu den primÈren Eigenschaften rechnet voneinander unterscheidet. Die abstrakte Idee
er u. a. Gestalt, Bewegung und GrÚße der Dinge, eines allgemeinen Dreiecks, das weder spitz-
zu den sekundÈren u. a. Farbe, Geruch und Tem- noch stumpfwinklig, weder gleich- noch un-
peratur. Berkeley wendet ein, dass es unver- gleichschenklig ist oder diese Eigenschaften
stÈndlich sei, wie eine Idee Ýberhaupt etwas an- gleichzeitig besitzt, ist nach Berkeley ein Ding
derem als einer Idee Èhneln kÚnne, und weist der UnmÚglichkeit. Sprachliche AusdrÝcke ver-
auf die Unhaltbarkeit der Unterscheidung zwi- danken ihre Allgemeinheit nicht abstrakten Ide-
schen primÈren und sekundÈren Eigenschaften en, fÝr die sie stehen, sondern der Art und Wei-
hin. Weil primÈre Eigenschaften nur zusammen se, in der wir sie verwenden. Wir verwenden
mit sekundÈren Eigenschaften vorkommen (et- sie, um uns gleichermaßen auf jedes beliebige
was sichtbar Ausgedehntes muss immer auch ei- Element einer bestimmten Klasse von Einzeldin-
ne Farbe haben), sei es unsinnig zu behaupten, gen zu beziehen, z. B. auf jedes beliebige Drei-
die einen existierten in den GegenstÈnden und eck oder auf jedes beliebige Vorkommnis von
damit außerhalb und unabhÈngig vom Geist, die Rot. FÝr Berkeley ist auch die Idee eines wahr-
anderen aber nur im Geist des Wahrnehmenden. nehmbaren Gegenstands, der unabhÈngig von
Berkeley zeigt, dass die Argumente, die Locke seinem Wahrgenommenwerden existiert und
und andere zugunsten der These angefÝhrt hat- von allen seinen Eigenschaften verschieden ist,
ten, den Dingen selbst kÈmen keine sekundÈren eine abstrakte Idee, die zu bilden wir nicht in
Eigenschaften zu, sich auch gegen eine vom der Lage sind. Wir kÚnnen einen wahrnehm-
Geist unabhÈngige Existenz der primÈren Eigen- baren Gegenstand gedanklich nicht von allen
schaften anfÝhren ließen – wenn sie funktio- seinen wahrnehmbaren Eigenschaften trennen.
nierten. Denn die AbhÈngigkeit der Wahrneh- Berkeley leugnet nicht nur die Existenz mate-
mung von den Wahrnehmungsbedingungen, aus rieller GegenstÈnde, sondern auch das Bestehen
der sich der besondere Status der sekundÈren kausaler Beziehungen in der wahrnehmbaren
Eigenschaften ergeben soll, ist im Hinblick auf Welt. Wahrnehmbare Dinge sind nach seiner An-
alle wahrnehmbaren Eigenschaften gegeben. Ein sicht vollkommen passiv und unfÈhig etwas zu
Gegenstand fÝhlt sich beispielsweise nicht nur verursachen. Unser Begriff der Verursachung
Carnap, Rudolf 85

grÝndet sich auf die Erfahrung des willentlichen Kenntnis der Zeichen und grammatischen Re-
Hervorbringens von Ideen und kann von dieser geln der Sprache Gottes. Je mehr •ußerungen
Erfahrung nicht abstrahiert werden. In den Ab- wir verstehen, die in der ›universalen Sprache
folgen unserer Sinnesideen lÈsst sich nichts im der Natur‹ formuliert sind, desto besser kÚnnen
eigentlichen Sinn TÈtiges oder Hervorbringendes wir Krankheiten heilen, BrÝcken bauen oder
entdecken. Wir kÚnnen zwar beobachten, dass schnell und sicher reisen. Mit diesem semioti-
Ereignisse eines bestimmten Typs regelmÈßig schen Modell des Naturgeschehens will Berkeley
auf Ereignisse eines anderen Typs folgen, aber eine Alternative zum cartesischen Bild der Welt
nichts in unserer Erfahrung weist darauf hin, als gigantisches Uhrwerk geben. Er setzt dem
dass ein Ereignis notwendig auf ein anderes mechanistischen Weltbild ein deozentrisches
folgt. %Ursachen aber ziehen ihre Wirkungen entgegen, in dem sich Gottes Wirken, seine GÝte
notwendig und nicht nur regelmÈßig nach sich. und Kraft in jedem StÝck Natur offenbaren, das
Mit diesen Feststellungen nimmt Berkeley einen der Mensch erlebt und wissenschaftlich er-
Teil der Kritik vorweg, die nach ihm Hume am forscht. Vor dem Hintergrund dieses Bildes hofft
KausalitÈtsbegriff Ýben sollte. Anders als Hume Berkeley, eine NeubegrÝndung der Wissenschaf-
gelangt er zu dem Ergebnis, dass nur geistige ten nach streng empiristischen Prinzipien errei-
Substanzen etwas verursachen kÚnnen. Die Ver- chen und das richtige VerstÈndnis menschlicher
Ènderungen und VorgÈnge, die wir in der wahr- Erkenntnis wiederherzustellen zu kÚnnen, das
nehmbaren Welt beobachten, sind nach Berkeley mit dem Aufkommen der neuen Wissenschaften
keine kausalen Prozesse, sondern Abfolgen von und deren hastiger Rationalisierung verloren ge-
Ideen, die Gott in uns hervorruft. Zwischen die- gangen war.
sen Ideen bestehen keinerlei notwendige Ver- D. Berman, George Berkeley. Idealism and the Man,
knÝpfungen, denn Gott kÚnnte unsere Ideen Oxford 1994
auch in anderer Weise aufeinander folgen las- W. Breidert, George Berkeley 1685 1753, Basel 1989
sen. Darin, dass Gott unsere Sinnesideen in ei- A. Kulenkampff, George Berkeley, in: N. Hoerster (Hg.),
ner fÝr uns erkennbar geordneten Weise mit- Klassiker des philosophischen Denkens, Bd.1, MÝn
einander kombiniert und aufeinander folgen chen 1982, S. 321 350
G. S. Pappas, Berkeley’s Thought, Ithaca 2000
lÈsst, offenbart sich seine Existenz und GÝte: TÈ-
K. P. Winkler, Berkeley. An Interpretation, Oxford 1989
te Gott dies nicht, stÝnden wir dem Natur- K. S.
geschehen hilflos gegenÝber und wÝssten nicht,
wie wir uns verhalten mÝssen, um unsere Be-
dÝrfnisse zu befriedigen und unsere Ziele und Carnap, Rudolf (1891–1970): Einer der Haupt-
Zwecke zu erreichen. vertreter des logischen %Empirismus, einer phi-
Berkeley begreift das Naturgeschehen als •u- losophischen Richtung, die das traditionelle em-
ßerung Gottes. Die wahrnehmbare %Welt ist ein piristische Programm einer ZurÝckfÝhrung aller
System sprachlicher Zeichen, dessen Elemente Erkenntnisse auf Sinneserfahrungen mit einer
von Gott nach bestimmten Regeln in eben der Anwendung der modernen %Logik verbindet.
Weise miteinander kombiniert und verbunden Carnap hat bedeutende BeitrÈge zu den Gebieten
werden, in der die WÚrter einer %Sprache ver- der %Sprachphilosophie, %Wissenschaftstheorie
wendet werden, um die verschiedensten Dinge und Logik geleistet und die analytische Gegen-
mitzuteilen. Gott tut kund, welche Sinnesideen wartsphilosophie entscheidend geprÈgt. Charak-
wir unter welchen UmstÈnden zu erwarten ha- teristisch fÝr seine Arbeiten ist die logische
ben. Das Feuer, an dem wir uns verbrennen, ist Analyse der %Sprache der empirischen Wissen-
nicht die Ursache des empfundenen Schmerzes, schaften, sodass Carnap als typisches Beispiel
sondern ein Zeichen, das uns vor ihm warnt. fÝr die von großen Teilen der Philosophie des
Naturgesetze sind RegelmÈßigkeiten in den Ab- 20. Jhs. vollzogene sprachliche Wende (engl. lin-
folgen unserer Sinnesideen, und die Aufgabe guistic turn) angesehen werden kann.
der Naturwissenschaften besteht darin, die ge- Carnaps erstes grÚßeres Werk erschien im
ordnete Art und Weise zu erforschen, in der Jahre 1928 unter dem Titel Der Logische Aufbau
Gott in uns Ideen hervorruft. Wissenschaftlicher der Welt, eine erweiterte Fassung seiner Habili-
Fortschritt besteht in der Erweiterung unserer tationsschrift, die Moritz Schlick dazu veranlasst
86 Carnap, Rudolf

hatte, Carnap 1926 als Privatdozent nach Wien Existenz des Fremdpsychischen. Da diese meta-
zu holen, wo er bis zu seiner Auswanderung in physischen SÈtze, die ihrer Natur nach gerade
die USA im Jahre 1935 ein Mitglied des von die sinnliche Erfahrung Ýbersteigen sollen, nicht
Schlick etablierten %Wiener Kreises war. Der verifizierbar sind, sind sie als sinnlose Schein-
Logische Aufbau war der erste ernsthafte Ver- sÈtze zu verwerfen. In die gleiche Richtung ge-
such einer tatsÈchlichen DurchfÝhrung des em- hen Carnaps Argumente in dem Artikel Àber-
piristischen Programms einer ZurÝckfÝhrung al- windung der Metaphysik durch logische Analyse
ler %Begriffe auf sinnliche Erfahrungen. Um der Sprache (1932). Danach sind in der traditio-
dieses Ziel zu erreichen, stellte Carnap ein Kon- nellen Philosophie zwei Typen von ScheinsÈtzen
stitutionssystem der Begriffe auf, in dem jeder vorzufinden. Entweder kommen darin WÚrter
Begriff auf eine kleine Menge von Grundbegrif- vor, die keinen Erfahrungsbezug aufweisen und
fen in dem Sinne zurÝckfÝhrbar ist, dass jede damit gemÈß dem Programm des Logischen Auf-
Aussage Ýber ihn in Aussagen Ýber die Grund- baus ohne Bedeutung sind, oder bedeutungsvolle
begriffe Ýbersetzt werden kann. Als einzigen WÚrter sind auf eine Weise zusammengestellt,
Grundbegriff wÈhlte Carnap eine Relation zwi- die der logischen %Syntax widersprechen.
schen so genannten Elementarerlebnissen, die Da eine Verifikation nichts anderes ist als die
zum Bereich der eigenen Erlebnisse, zum Eigen- Ableitung eines Satzes aus bestimmten BasissÈt-
psychischen, gehÚren. Auf dieser Grundlage zen, die unmittelbare Erfahrungen beschreiben,
konstituierte er mit den Mitteln der relationalen stellt sich die Frage nach der Art dieser so ge-
Logik alle anderen Begriffe, welche sich z. B. auf nannten %ProtokollsÈtze. Carnap bevorzugte
physische GegenstÈnde und fremde Erlebnisse hier aufgrund der angenommenen erkenntnis-
(Fremdpsychisches) beziehen. Obwohl Carnap theoretischen Vorzugsstellung zunÈchst eine
eine eigenpsychische oder solipsistische Basis phÈnomenalistische Sprache, in der die Pro-
wÈhlte, um im Konstitutionssystem die Ordnung tokollsÈtze je eigene Erlebnisse beschreiben. Die
des Erkenntnisprozesses nachzubilden (der nach Diskussionen mit Neurath (Protokollsatzdebat-
empiristischer Àberzeugung von den jeweils ei- te) fÝhrten jedoch schließlich dazu, dass Carnap
genen Wahrnehmungen ausgeht), betonte er die die Idee einer Vorzugsstellung der phÈnomena-
metaphysische NeutralitÈt seines Systems. Die listischen Sprache aufgab und sich Neuraths
Wahl der Basis bedeutet dabei keine Auszeich- Physikalismus anschloss, nach dem aufgrund ih-
nung des Eigenpsychischen als einzig Existie- rer IntersubjektivitÈt eine physikalische Sprache
rendes – der %Solipsismus ist nur ein metho- vorzuziehen ist, die sich unter Verwendung me-
discher. Dementsprechend ließ Carnap auch die trischer Begriffe auf physikalische GrÚßen be-
MÚglichkeit offen, die Basis im Bereich der phy- zieht (Àber ProtokollsÈtze, 1932/33). Carnap
sischen GegenstÈnde anzusiedeln, falls dies aus schloss sich auch Neuraths Prinzip der Einheits-
methodischen GrÝnden vorzuziehen sei. wissenschaft an, nach dem alle empirischen
Charakteristisch fÝr die Philosophie des Wie- Wissenschaften letztlich eine Einheit bilden und
ner Kreises war die Annahme eines strengen die Unterteilung in verschiedene Disziplinen
empiristischen Sinnkriteriums, nach dem ein rein praktischer Natur ist. Bei Carnap nimmt
Satz nur dann eine Bedeutung hat, wenn er dieses Prinzip die Form der These an, dass die
durch die %Erfahrung zumindest prinzipiell als Gesamtsprache der Wissenschaft auf physika-
wahr erkannt (%verifiziert) werden kann. Ne- lischer Basis konstruiert werden kann (Die phy-
ben solchen empirisch verifizierbaren Erfah- sikalische Sprache als Universalsprache der Wis-
rungssÈtzen wurden lediglich rein logisch gel- senschaft, 1931).
tende SÈtze als sinnvoll anerkannt. Daraus er- In den folgenden Jahren konzentrierten sich
gab sich eine entschieden antimetaphysische Carnaps Arbeiten auf Grundlegungsfragen von
Haltung. So vertrat Carnap in Scheinprobleme Logik und Mathematik; das Ziel bestand in der
der Philosophie (1928) die These, dass metaphy- Konstruktion formaler Kunstsprachen, um grÚ-
sische Probleme stets Scheinprobleme darstel- ßere Klarheit bei der Formulierung philosophi-
len, was er am Beispiel zweier klassischer phi- scher Probleme zu erlangen. In der Logischen
losophischer Fragestellungen demonstrierte, der Syntax der Sprache (1934), dem Hauptwerk die-
Frage nach der RealitÈt der Außenwelt und der ser Periode, werden allgemeine Regeln fÝr die
Carnap, Rudolf 87

Konstruktion eines formalen Systems angegeben fizierbar sind, fÝhrt zur AblÚsung des Verifikati-
und zwei Modellsprachen untersucht, die ver- onskriteriums. Ein Satz wird nun als sinnvoll
schiedene Positionen zur Grundlegung der Ma- angesehen, wenn er an der Erfahrung graduell
thematik widerspiegeln. In diesem Zusammen- bestÈtigt werden kann, was auch fÝr AllsÈtze
hang formulierte Carnap sein bekanntes Tole- mÚglich ist. Zum anderen muss Carnap zugeste-
ranzprinzip, nach dem es die eine wahre Wis- hen, dass die frÝhere Annahme des Logischen
senschaftssprache nicht gibt; die Auswahl zwi- Aufbaus, jeder sinnvolle Begriff der Wissen-
schen verschiedenen Sprachformen ist keine schaftssprache mÝsse explizit durch einen Beob-
Frage von Wahrheit oder Falschheit, sondern le- achtungsbegriff definierbar sein, nicht durch-
diglich eine konventionelle Festsetzung. Auch gehalten werden kann, da dies fÝr als sinnvoll
von den verschiedenen Positionen im Grund- anzusehende Dispositionsbegriffe wie ›wasser-
legungsstreit ist damit nicht eine die einzig lÚslich‹ nicht gilt. Daher lÈsst er die MÚglichkeit
wahre, sondern sie spiegeln lediglich verschiede- zu, Begriffe auch durch so genannte Reduktions-
ne PrÈferenzen ihrer Vertreter wider und kÚn- sÈtze in die Wissenschaftssprache einzufÝhren,
nen gleichberechtigt nebeneinander bestehen. die logisch eine Verallgemeinerung von %Defi-
Von besonderer methodischer Bedeutung ist nitionen darstellen, aber anders als diese keine
die Unterscheidung zwischen der %Objektspra- Eliminierbarkeit der eingefÝhrten Begriffe mehr
che, die Gegenstand der Untersuchung ist, und gestatten. Die Forderung der Àbersetzbarkeit al-
der %Metasprache, in der die Regeln fÝr den ler SÈtze der Wissenschaftssprache in eine reine
Aufbau der Sprache formuliert sind; ihre SÈtze Beobachtungssprache musste damit aufgegeben
beziehen sich somit auf die AusdrÝcke der Ob- werden.
jektsprache und sind damit logischer Natur. Von Wird hier noch von einer einheitlichen, wenn
philosophischer Bedeutung ist diese Unterschei- auch erweiterten, empiristischen Wissenschafts-
dung, da nach Carnaps Ansicht in der Sprache sprache ausgegangen, so gelangt Carnap in sei-
der Philosophie viele SÈtze, die scheinbar der nem spÈteren Aufsatz The Methodological Cha-
Objektsprache angehÚren, bei nÈherem Hinse- racter of Theoretical Concepts (1956) zu einem
hen von sprachlichen AusdrÝcken wie WÚrtern Zweisprachenmodell. Danach besteht das Voka-
oder SÈtzen handeln und somit eigentlich zur ei- bular der Wissenschaftssprache aus Beobach-
ner syntaktischen Metasprache gehÚren. In die- tungsbegriffen und theoretischen Begriffen, wo-
sem Fall sind die SÈtze in der so genannten in- bei letztere zunÈchst nur durch ihre Stellung in
haltlichen Redeweise formuliert, kÚnnen aber in der Theorie eine Bedeutung haben. Die empiri-
eine syntaktische oder formale Redeweise Ýber- sche Signifikanz erhalten sie erst durch so ge-
setzt werden. Falls dagegen eine derartige Àber- nannte Korrespondenzregeln, durch SÈtze, die
setzung nicht mÚglich ist, handelt es sich entwe- sowohl theoretische als auch Beobachtungs-
der um echte ObjektsÈtze, die in die Fachwis- begriffe enthalten und so eine VerknÝpfung bei-
senschaften gehÚren, oder um metaphysische der Teilsprachen leisten. WÈhrend andere Auto-
ScheinsÈtze, die als sinnlos zu verwerfen sind. ren aus dieser weiteren Lockerung des Signifi-
FÝr eine neben den Fachwissenschaften beste- kanzkriteriums fÝr wissenschaftliche Begriffe
hende Philosophie bleibt als BetÈtigungsfeld da- den Schluss zogen, dass eine scharfe Abgren-
mit nur die syntaktische Analyse der Wissen- zung zwischen sinnvollen wissenschaftlichen
schaftssprache. und sinnlosen metaphysischen Begriffen unmÚg-
In den Jahren nach seiner Emigration in die lich ist, hielt Carnap an der MÚglichkeit einer
USA waren Carnaps Ansichten zu den Anforde- eindeutigen Abgrenzung fest.
rungen an eine empiristische Sprache in zweier- Entgegen seiner frÝheren Auffassung gelangte
lei Hinsicht einer •nderung unterworfen (Test- Carnap unter dem Einfluss der Schriften von
ability and Meaning, 1936/37). Zum einen nimmt Tarski zu der Ansicht, dass eine logische Ana-
das empiristische Sinnkriterium unter dem Ein- lyse der Sprache nicht rein syntaktisch verlau-
druck von Kritikern wie %Popper eine liberalere fen kÚnne, sondern durch eine semantische
Form an. Die Erkenntnis der Tatsache, dass die Analyse ergÈnzt werden mÝsse, die auch die Be-
in der Wissenschaft in Form von Naturgesetzen deutung der AusdrÝcke einbezieht. Seine Arbei-
gebrauchten %AllsÈtze niemals vollstÈndig veri- ten zur Semantik umfassen neben den Foundati-
88 Carnap, Rudolf

ons of Logic and Mathematics (1939) eine unter mit dem Wahrscheinlichkeitsbegriff identifiziert
dem Titel Studies in Semantics erschienene Reihe worden war. Ausgangspunkt von Carnaps Àber-
von drei Monographien, Introduction to Seman- legungen war die Einsicht, dass man zwischen
tics (1942), Formalization of Logic (1943) und zwei verschiedenen Wahrscheinlichkeitsbegrif-
Meaning and Necessity (1947), von denen die fen unterscheiden mÝsse (The Two Concepts of
dritte sprachphilosophisch von besonderem Ge- Probability, 1945). Die statistische Wahrschein-
wicht ist. Carnap rekonstruiert dort die semanti- lichkeit, interpretiert als relative HÈufigkeit, ist
sche Analyse von %Frege, die auf einer Unter- eine Beziehung zwischen Ereignisklassen, wÈh-
scheidung zwischen dem Sinn und der Bedeu- rend der BestÈtigungsgrad als logische oder in-
tung eines sprachlichen Ausdrucks beruht, und duktive Wahrscheinlichkeit aufzufassen ist, also
stellt dieser so genannten Methode der Namens- als Relation zwischen zwei SÈtzen, z. B. einer
relation seine eigene Methode gegenÝber, die %Hypothese und einem Satz, der relevante Be-
die Begriffe der %Extension und der %Intension obachtungen ausdrÝckt. Eine Untersuchung die-
verwendet (Sprachphilosophie). Schließlich wer- ses zweiten Wahrscheinlichkeitsbegriffs ist nach
den logische ModalitÈten wie Notwendigkeit und Carnap Aufgabe der induktiven Logik, sie steht
MÚglichkeit untersucht, deren Verwendung zu im Mittelpunkt der Werke Logical Foundations of
nichtextensionalen Kontexten fÝhrt. Probability (1950), The Continuum of Inductive
Einflussreich wurde auch Carnaps zuerst Methods (1952) und Induktive Logik und Wahr-
1950 erschienener Aufsatz Empiricism, Semantics scheinlichkeit (1959), bearbeitet von Wolfgang
and Ontology, in dem er die Àberlegungen zum StegmÝller). WÈhrend es Carnap in diesen
Toleranzprinzip wieder aufgreift. Ausgangspunkt Schriften noch um eine theoretische Beurteilung
ist das Problem der Existenz abstrakter EntitÈ- von Hypothesen geht, findet in seinen SpÈt-
ten in Mathematik oder Semantik. Carnap ver- schriften zum Thema der induktiven Wahr-
tritt die These, dass man zwei Arten von Fragen scheinlichkeit, die zu seinen Lebzeiten grÚßten-
bezÝglich der Existenz oder RealitÈt derartiger teils unverÚffentlicht blieben, eine Wende zu ei-
EntitÈten unterscheiden mÝsse. Die internen ner praktischen normativen Handlungstheorie
Fragen betreffen die Existenz von EntitÈten in- statt (siehe z. B. The Aim of Inductive Logic,
nerhalb eines vorgegebenen theoretischen oder 1962). Damit scheint der Gegensatz des carnap-
sprachlichen Rahmens (engl. linguistic frame- schen Induktivismus zum Deduktivismus Pop-
work). Diese Fragen sind rein logischer oder rein pers Ýberwunden zu sein.
empirischer Natur, ihre Wahrheit ist somit rein Dass heute die meisten carnapschen Positio-
logisch bedingt oder durch faktische Gegeben- nen Ýberwiegend kritisch beurteilt werden, stellt
heiten bestimmt. Die externen Fragen betreffen seine Bedeutung fÝr die Philosophie des 20. Jhs.
dagegen die Existenz des Systems von EntitÈten nicht in Frage. Ein großer Teil der Weiterent-
als Ganzes, und es sind diese Fragen, die oft als wicklungen der analytischen Philosophie ging
ontologische Fragen Ýber die RealitÈt der fragli- von einer affirmativen oder kritischen Auseinan-
chen %EntitÈten gedeutet werden. Nach Carnap dersetzung mit Carnaps Werk aus. Dass sein all-
handelt es sich bei diesen externen Fragen dage- gemeiner Bekanntheitsgrad nicht so hoch ist
gen um die Anerkennung eines bestimmten wie der von Denkern vergleichbaren Ranges,
sprachlichen Rahmens, und eine Antwort darauf hÈngt sicherlich mit der technischen Schwierig-
ist nicht theoretischer, sondern praktischer Na- keit seiner Werke zusammen, deren VerstÈndnis
tur und somit nicht wahr oder falsch, sondern fast immer eine gewisse Vertrautheit mit den
lediglich mehr oder weniger zweckmÈßig. Die Mitteln der formalen Logik erfordert. Es steht je-
Anerkennung eines bestimmten Rahmens kann doch außer Zweifel, dass ohne Carnaps Beitrag
nach diesen pragmatischen Kriterien beurteilt die analytische Gegenwartsphilosophie nicht vor-
werden, enthÈlt aber keinesfalls eine ontologi- stellbar wÈre.
sche Festlegung.
Nachdem Carnap den Begriff der Verifikation
Th. Mormann, Rudolf Carnap, MÝnchen 2000
durch den des BestÈtigungsgrades ersetzt hatte, W. StegmÝller, HauptstrÚmungen der Gegenwartsphi
stellte sich die Frage nach einer exakten logi- losophie, Band I, 7. Aufl. Stuttgart 1989
schen Behandlung dieses Begriffes, der hÈufig C. K.
Cassirer, Ernst 89

Cassirer, Ernst (1874–1945): Wurde als Sohn tÝmlichen geistigen Form zu erfassen«. Systema-
jÝdischer Eltern in Breslau geboren und starb tisch hÈlt er dabei am Ansatz der transzenden-
im New Yorker Exil. Obwohl ursprÝnglich eng talphilosophischen Fragestellung fest, deren An-
mit dem Kreis der Marburger Neukantianer ver- wendungsgebiet er aber nun auf den gesamten
bunden, grenzte er sich durch sein eigenes phi- Bereich der Kultur – im oben beschriebenen
losophisches Profil schon bald deutlich gegen je- Sinn verstanden – ausweitet: Seine Unter-
ne ab. Mit der Publikation der Schrift Substanz- suchung richtet sich auf die Bedingung der MÚg-
begriff und Funktionsbegriff (1910) gelang ihm lichkeit von Bedeutung Ýberhaupt. Den Aus-
ein Wurf, der ihn in der Folge zu einem der an- gangspunkt seiner Àberlegungen bildet dabei
gesehensten deutschen Philosophen vor dem 2. die Beobachtung, dass jede menschliche Wahr-
Weltkrieg werden ließ, seine ideengeschicht- nehmung immer schon in irgendeiner Weise
lichen Arbeiten zur Renaissance und zur AufklÈ- sinnbefrachtet ist. Das %Bewusstsein begnÝgt
rung gelten noch heute als Standardwerke und sich nicht damit, die EindrÝcke der Außenwelt
als Autor der Philosophie der symbolischen For- aufzunehmen, sondern es verknÝpft und durch-
men (%Symbole) war er der Philosophie seiner dringt jeden Eindruck mit einer freien TÈtigkeit
Zeit um etliche Jahre voraus. Hinter letztgenann- des Ausdrucks. So kann beispielsweise ein ein-
tem Titel verbirgt sich Cassirers Hauptwerk, der facher Linienzug je nach Wahrnehmungskontext
systematische Entwurf zu einer %Kulturphiloso- einmal als Fieberkurve, als Berggrat oder ein-
phie, welchem das hauptsÈchliche Interesse der fach als ›Gekritzel‹ verstanden werden. Wesent-
nachfolgenden Darstellung gilt. Es soll zuerst lich an diesem von Cassirer immer wieder be-
auf Cassirers spezifisches KulturverstÈndnis ein- mÝhten Beispiel ist die Tatsache, dass wir die-
gegangen werden. Darauf folgt die Darlegung sen Linienzug (wenn wir ihn wahrnehmen) im-
seines methodischen Ansatzes und die Diskussi- mer schon als ›etwas‹ wahrnehmen. Das heißt,
on der von ihm geprÈgten Begriffe der »symboli- dass wir nie die bewusste Wahrnehmung eines
schen PrÈgnanz« und der »symbolischen Form«. Sinnesdatums ohne die gleichzeitige Wahrneh-
FÝr Cassirer erklÈrt sich das Wesen und der mung einer Bedeutung haben. Dieses PhÈno-
Sinn von %Kultur aus ihrer %Funktion. Der ge- men, dass die menschliche Wahrnehmung nicht
nerelle %Zweck, auf den alle kulturellen Bestre- nur notwendig sinnlich, sondern offensichtlich
bungen hinzielen, besteht nach ihm darin, »die bis zu einem gewissen Grad immer auch schon
passive Welt der bloßen EindrÝcke« zu einer fÝr sinnvoll ist, stellt fÝr Cassirer ein echtes UrphÈ-
den Menschen verstehbaren %Wirklichkeit um- nomen dar: »Unter ›symbolischer PrÈgnanz‹ . . .
zuformen. Im Unterschied zum Tier, das instink- soll die Art verstanden werden, in der ein Wahr-
tiv auf gegebene SchlÝsselreize reagiert, muss nehmungserlebnis (als ›sinnliches Erlebnis‹) zu-
der %Mensch, um situationsadÈquat und also gleich einen bestimmten anschaulichen ›Sinn‹ in
sinnvoll handeln zu kÚnnen, die Situation ver- sich fasst und ihn zur unmittelbaren konkreten
stehen, in welcher er sich befindet und auf wel- Darstellung bringt.« Das Prinzip der symboli-
che er reagieren soll. Das heißt: Das Orientie- schen PrÈgnanz erinnert in gewisser Hinsicht
rungsvermÚgen des Menschen ist an %Bedeu- an den gestalttheoretischen Begriff der ›guten
tungen und BedeutungszusammenhÈnge gebun- Gestalt‹, wonach der Mensch die GegenstÈnde
den. Die Produktion von Bedeutung und der Um- nicht als unzusammenhÈngende BruchstÝcke
gang mit solchen Bedeutungssystemen ist das, wahrnimmt, sondern immer nur als sinnvolle
was Cassirer Kultur nennt. Diesem sehr weit ge- Ganzheiten. Der Ausdruck der symbolischen
fassten Begriff von Kultur entspricht ein ebenso PrÈgnanz dient Cassirer zur Bezeichnung der
weites VerstÈndnis der Kulturphilosophie. Ihr ursprÝnglichsten Weise des Zustandekommens
Gegenstand ist der Gesamtbereich menschlicher von Bedeutung Ýberhaupt. Als echtes Apriori
Wirklichkeitsdeutung, zu dem auch die Natur- liegt diese (im wahrsten Sinne des Wortes ›ur-
wissenschaften als spezifische Weisen des Welt- sprÝngliche‹) Bedeutungsfunktion auch den in
verstehens gehÚren. Cassirer sieht seine Auf- der Philosophie der symbolischen Formen ent-
gabe als Kulturphilosoph darin, all »die verschie- wickelten und erwÈhnten kulturellen Formen
denen Grundformen des %Verstehens der Welt des Bedeutens zugrunde. Wenn auch der Um-
gegeneinander abzugrenzen und in ihrer eigen- gang des Menschen mit der %Welt (wie der Ver-
90 Cassirer, Ernst

gleich mit den Tieren oben zeigte) in keiner be- systematische Ein- oder Zuordnung derselben.
stimmten Weise vorgegeben ist, so ist er doch WÈhrend Mythos und Wissenschaft als symboli-
auch nicht beliebig. Auf der Grundlage der Vo- sche Formen zeitlich getrennt werden kÚnnen,
raussetzung, dass die Wirklichkeit dem Men- muss die symbolische Form der Sprache als mit
schen nur durch ein kulturell geformtes Medi- jenen beiden zeitgleich existierend gedacht wer-
um zugÈnglich ist, haben sich bestimmte Grund- den. Das VerhÈltnis der Formen untereinander
formen des Weltverstehens herausgebildet, die kann somit weder hierarchisiert noch als Ord-
Cassirer »symbolische Formen« nennt. Dieser nung in der zeitlichen Folge verstanden werden.
Begriff wird von ihm in zweifacher Bedeutung Dass das permanente Wirken kultureller Ener-
verwendet, wobei zwar beide Male dasselbe PhÈ- gien nur als komplexes Wechselspiel bezie-
nomen bezeichnet, aber unterschiedlich akzen- hungsweise Zusammenspiel verschiedenster
tuiert wird. So definiert Cassirer symbolische symbolischer Formen sichtbar wird, sich an-
Form einmal als »jede Energie des Geistes . . ., sonsten aber jedem Versuch einer starren Fest-
durch welche ein geistiger Bedeutungsgehalt an legung auf eine bestimmte Ordnung entzieht,
ein konkretes sinnliches Zeichen geknÝpft und kommt im Àbrigen in jeder Hinsicht dem Ver-
diesem Zeichen innerlich zugeeignet wird«. Zum stÈndnis Cassirers von der ›Lebendigkeit‹ der
andern benutzt er den Begriff aber auch, um da- symbolischen Formen entgegen. Dieser wollte
mit das Produkt eines solchen Bedeutungsbil- mit der Philosophie der symbolischen Formen
dungsprozesses, nÈmlich die dabei entstandenen kein geschlossenes philosophisches System lie-
kulturellen Bedeutungs- bzw. Orientierungssys- fern, sondern eine systematische Perspektive
teme selbst zu bezeichnen. Neben %Sprache, entwickeln, unter der die kulturellen PhÈnome-
%Mythos und %Wissenschaft, deren Darstel- ne adÈquat zu betrachten sind. So gesehen hat
lung jeweils ein Band seines dreibÈndigen Wer- die Feststellung der Gleichberechtigung wohl
kes gewidmet ist, werden von Cassirer beispiels- auch mehr programmatischen als systemati-
weise auch %Kunst, %Technik, %Recht und schen Charakter. Vor allem zwei Punkte sollen
Wirtschaft als eigenstÈndige symbolische For- in diesem Zusammenhang noch einmal deutlich
men aufgefÝhrt. Alle diese symbolischen For- gemacht werden. Erstens: Nach Cassirer ist es
men stellen nach Cassirer gleichberechtigte Wei- das Bestreben jeder symbolischen Form, sich
sen der Wirklichkeitsdeutung dar. Wie Cassirer selbst absolut setzen zu wollen. Dieser An-
in einer aufwÈndigen, auf InterdisziplinaritÈt an- spruch muss relativiert werden. Die Darstellung
gelegten Untersuchung der Formen Sprache, des Mythos macht deutlich, dass das Wirklich-
Mythos und Wissenschaft (bzw. Erkenntnis) dar- keitsverstÈndnis, das einer symbolischen Form
legt, kann davon ausgegangen werden, dass die zugrunde liegt, zwar absolut gÝltig fÝr diejeni-
Ausbildung gewisser grundlegender Funktionen gen Menschen ist, die sie jeweils hervorbringen
in jeder symbolischen Form – wenn auch jeweils und tragen, dass es aber unabhÈngig davon kei-
unterschiedlich realisiert – gewÈhrleistet wird. ne ›wirkliche‹ Wirklichkeit gibt, die durch man-
Es handelt sich dabei um die %Kategorien von che Formen schlechter, durch andere besser er-
%Raum, %Zeit und %Zahl sowie die Entwick- schlossen beziehungsweise reprÈsentiert wird.
lung eines Bewusstseins, das zwischen Ich/ Wirklichkeit erschÚpft und erfÝllt sich jeweils in
Selbst und Außenwelt zu differenzieren vermag. ihrer Form. Somit sind der Mythos und das wis-
Stellt man Sprache, Mythos und Wissenschaft senschaftlich bedingte WeltverstÈndnis beide
als die von ihm hauptsÈchlich diskutierten For- nicht mehr und nicht weniger als ›wirklich‹ – al-
men der Welterschließung nebeneinander, so lerdings verschiedene Wirklichkeiten, die Unter-
zeigt sich allerdings, dass mit der Betonung ih- schiedliches leisten. Zweitens: Insofern der
rer Gleichberechtigung das VerhÈltnis der sym- Mensch Wirklichkeit nur als Kultur im Sinne
bolischen Formen untereinander noch keines- der symbolischen Formen hat, alle diese Bedeu-
wegs geklÈrt ist. Cassirers Hinweis darauf, dass tungs- beziehungsweise Orientierungssysteme
zwar alle symbolischen Formen ihren Ursprung aber allein aus seiner FÈhigkeit entstanden sind,
im Mythos haben, ihre Entstehung jedoch nicht Symbole (im Sinne von sinnlichen Bedeutungs-
als ein »Fortschreiten zum Besseren« verstanden trÈgern) zu verstehen, zu verwenden und zu
werden darf, bietet auch keine Hilfe fÝr eine produzieren, definiert Cassirer den Menschen
Cicero 91

als das animal symbolicum. Damit macht er deut- historisch-kritischen BemÝhen, alle Ýberlieferten
lich, dass der Zugang zur Welt Ýber die begriff- Texte auf ihre ursprÝnglichen Quellen zurÝck-
liche Form verstandesmÈßiger Erkenntnis, die zufÝhren und frÝhere, verloren gegangene Texte
dem animal rationale zukommt, nur eine von und damit frÝhere Epochen zu rekonstruieren,
verschiedenen mÚglichen Formen des Sinnver- sind seine Schriften von der Philosophie-
stehens darstellt. geschichtsschreibung als FundstÈtten hellenisti-
In seinen spÈteren Arbeiten wendet sich Cas- scher Lehrmeinungen ausgebeutet worden. Cice-
sirer (wohl auch durch biographische UmstÈnde ros Selbstdisziplin, die Vorlagen, die ihm noch
bedingt) vermehrt ethisch-politischen Fragestel- zur VerfÝgung standen, genau zu referieren und
lungen zu. So in dem 1946 posthum erschienen philosophische LehrstÝcke mÚglichst ›objektiv‹
Werk The Myth of the State, wobei auch die darin darzustellen, machten ihn dazu in besonderem
entwickelten Ideen dem Gedanken der philoso- Maße geeignet. In dem Maße aber, wie die Re-
phischen Formen verbunden bleiben. Cassirer konstruktion der Vorlagen gelang, erschien er
hinterließ keine direkten philosophischen Nach- als rÚmischer Epigone. Seine ZurÝckhaltung bei
folger. Neben Merleau-Ponty, Gurwitsch und eigenen Urteilen, ja bisweilen sein erklÈrter Wi-
Langer, die sich direkt auf ihn beziehen, fand derstand, eine eigene Meinung zu Èußern, und
sich niemand, die Cassirer’schen Ideen explizit sein Hang, die auftretenden WidersprÝche zwi-
aufzunehmen. GrÝnde hierfÝr liegen sicher in schen den einzelnen Lehrmeinungen zu mildern
der gewaltsamen Beendigung seines Wirkens im oder gar durch eine Synthese auszugleichen, lie-
deutschsprachigen Raum, wo die wÈhrend oder ßen ihn schließlich als unoriginellen Denker er-
unmittelbar nach der NS-Zeit auf die frei gewor- scheinen. Erst allmÈhlich erfÈhrt nunmehr die-
denen LehrstÝhle nachgerÝckten Professoren ses in mehrfacher Hinsicht falsche Bild eine Re-
wenig Interesse daran zeigten, die Studien und vision. Dabei wird verstÈrkt den spezifischen Be-
Gedanken des Vertriebenen aufzunehmen. Im dingungen des rÚmischen Philosophierens Rech-
Zuge der von den USA ausgehenden cultural stu- nung getragen.
dies steigt das Interesse an den von Cassirer Cicero war es freilich in der Tat nie eingefal-
entwickelten Ideen auch im deutschsprachigen len, wie in Griechenland Ýblich, ein ›reiner‹ Phi-
Raum zunehmend. Die vermehrte Aufmerksam- losoph werden zu wollen. Wer in der rÚmischen
keit, die dabei den Schriften Cassirers zuteil ³ffentlichkeit erfolgreich sein wollte, musste
wird, macht deutlich, dass er der Nachwelt zwar Redner und Anwalt werden. Griechische Bildung
keine treuen SchÝler und Nachfolger, wohl aber und gar Philosophie dienten hierbei lediglich
eine Unzahl von philosophisch ›in jeder Hinsicht zur UnterfÝtterung. Ciceros erster philosophi-
Inspirierten‹ hinterlassen hat. scher Lehrer wurde im Jahre 88 Philo von Laris-
D. Frede / R. SchmÝcker (Hg.), Ernst Cassirer. Werk
sa, das damalige Oberhaupt (princeps) der Neu-
und Wirkung, Darmstadt 1997 en Akademie, die unter Karneades gegenÝber
A. Graeser, Ernst Cassirer, MÝnchen 1994 der Alten Akademie, der Schule %Platons, eine
H. Paetzold, Die RealitÈt der symbolischen Formen. Die Wende zum %Skeptizismus vollzogen hatte. Phi-
Kulturphilosophie Ernst Cassirers im Kontext, lon musste in der Zeit der Anfangserfolge des
Darmstadt 1994 Mithridates zusammen mit den Rom treuen
: Ernst Cassirer Von Marburg nach New York,
Darmstadt 1995
athenischen Optimaten nach Rom fliehen und
G.T. G. nahm dort eine erfolgreiche LehrtÈtigkeit auf,
bei der er – ganz ungewÚhnlich fÝr Philosophen,
die zumeist aufgrund der sokratisch-plato-
Cicero (106–43): Nachdem er in allen Jahr- nischen Sophistenkritik rhetorikfeindlich waren
hunderten ein viel gelesener und geschÈtzter – auch rhetorische Àbungen einflocht. Cicero
philosophischer Autor gewesen war, wurde sein war, wie er spÈter im Brutus, seinem Werk Ýber
Ansehen im 19. Jh. in kurzer Zeit fast grÝndlich die Geschichte der rÚmischen Beredsamkeit, be-
zerstÚrt. Ungewollt dazu beigetragen hat das richtet hat, mit voller Begeisterung fÝr ihn und
Entstehen des so genannten geschichtlichen Be- seine Philosophie. Nach seinem ersten großen
wusstseins, wie es sich in der Philosophie- Erfolg als Redner und Anwalt verbrachte Cicero
geschichtsschreibung ausbreitete. Denn in dem 78/79 ein halbes Jahr in Athen bei Antiochos
92 Cicero

von Askalon, dem Nachfolger Philons. Von die- um die politischen Sitten (mores civitatis) in ei-
sem Ýbernahm er die synoptische Auffassung, ner staatlichen Gemeinschaft grÝndlich zu kor-
dass die Unterschiede zwischen der Alten Aka- rumpieren.
demie (den Platonikern), dem %Peripatos (den Dies vor Augen hat sich Cicero immer wieder
Aristotelikern) und der %Stoa nicht so sehr in gegen Caesar gestellt. Ebenso oft begegnete ihm
der Sache als vielmehr in der Wahl der Termini dieser jedoch mit Noblesse und Milde, der be-
bestÝnde. rÝhmten clementia Caesaris. Die Begnadigung
Im Jahre 76 entschied sich Cicero, die Senato- im Jahre 46 muss Cicero freilich mit seiner end-
renlaufbahn, den cursus honorum (Quaestor, Ae- gÝltigen politischen Entmachtung bezahlen. Um
dil, Praetor, Consul) einzuschlagen. Bei dieser dem Gemeinwesen wenigstens indirekt, nÈmlich
Entscheidung muss er sich bewusst gewesen durch Belehrung, noch dienen zu kÚnnen, be-
sein, hÚchstens den Rang eines PrÈtors errei- ginnt er eine rege literarische TÈtigkeit. In
chen zu kÚnnen. Die NobilitÈt war immer be- schneller Folge verfasst er bis zu seiner Ermor-
mÝht gewesen, einen homo novus, einen Mann dung am 7. Dezember 43 durch die HÈscher des
aus dem niederen Adel (ordo equester), mÚg- Antonius etwa fÝnfzehn grÚßere Schriften, da-
lichst vom hÚchsten Amt fernzuhalten. Dennoch runter die philosophisch bedeutsamen Werke:
erreichte Cicero im Jahre 63 (suo anno) das Kon- De finibus bonorum et malorum (Àber das hÚchs-
sulat. Mit der Aufdeckung und Niederschlagung te Gut und das grÚßte Àbel), Tusculanae disputa-
der catilinarischen VerschwÚrung konnte er tiones (GesprÈche in Tusculum), De natura deo-
schließlich sein politisches Programm, immer rum (Àber das Wesen der GÚtter) und das nicht
wieder das Einvernehmen zwischen Ritter- und ganz vollendete Hauptwerk De officiis (Àber das
Senatorenstand (concordia ordinum) herbeizufÝh- rechte Handeln).
ren, verwirklichen. Wie sich hier schon zeigte, •ußerlich treten an die Stelle der politischen
huldigte Cicero zeit seines Lebens dem Konsens- ErÚrterungen solche zur persÚnlichen Lebens-
ideal. Und was fÝr den Politiker galt, sollte auch fÝhrung. Die immer wieder vorgenommene Fra-
fÝr den Philosophen gÝltig werden. Mit man- ge lautet: Ist die %Tugend das einzig wahrhaft
gelnder OriginalitÈt hat das nichts zu tun. %Gute im Leben und sind alle anderen GÝter –
Sein erstes bedeutsames literarisches Werk wie gesellschaftliche und politische Stellung,
De oratore schrieb Cicero im Jahre 55, bezeich- ›Reichtum‹ und ›Ehre‹ – nur scheinbare, nie
nenderweise wÈhrend des ersten Triumvirats, in wirklich gesicherte GÝter, auf die wir uns in un-
der Zeit, in der die republikanische Verfassung serem Streben nach einem glÝckseligen Leben
lahm gelegt und jede politische BetÈtigung fÝr auch nicht ausrichten sollten? Scheinbar ist in
ihn unmÚglich geworden war. Scheinbar bloß ei- dieser ethischen Fragestellung der ursprÝnglich
ne Schrift Ýber Rhetorik, enthÈlt sie bereits den politische Impuls von Ciceros Philosophie vÚllig
Leitgedanken seiner politischen Philosophie: Die untergegangen, und man hat geglaubt, diese
hÚchste Aufgabe des wahren Redners ist die Lei- Wende mit seiner damaligen existenziellen Si-
tung der staatlichen Gemeinschaft (gubernatio ci- tuation erklÈren zu mÝssen: dem plÚtzlichen
vitatis). Zur ersten Entfaltung kommt dieser Ge- Tod seiner geliebten Tochter, seiner endgÝltigen
danke mit der gleich nach Beendigung von De politischen Bedeutungslosigkeit, der Scheidung
oratore begonnenen, aber erst 51 fertig gestell- von seiner Frau, der finanziellen Dauermisere.
ten Schrift De re publica, eine Schrift Ýber den In Wirklichkeit sucht er fÝr sein politisch-phi-
bestmÚglichen Zustand der staatlichen Gemein- losophisches Programm eine ethisch-naturrecht-
schaft und Ýber den besten Staatsmann. Die phi- liche Verallgemeinerung. Ganz entsprechend zu
losophische Frage nach dem %Staat bleibt fÝr seiner Anfangsfrage nach dem bestmÚglichen
Cicero nie abstrakt, sondern verknÝpft sich so- Zustand der staatlichen Gemeinschaft galten sei-
fort mit der Frage nach dem Charakter der ne spÈteren Fragen dem bestmÚglichen Zustand
%Menschen, die den Staat tragen. Aus der Ge- des menschlichen Lebens Ýberhaupt.
schichte kÚnne man lernen, dass die Staaten GemÈß dieser BegrÝndungsabsicht schließt
stets so gut waren wie ihre fÝhrenden MÈnner. sich an die erste Frage als zweite die nach den
Das bedeute aber auch, dass bereits das unmo- ›Anforderungen‹ an, denen eine richtige FÝh-
ralische Verhalten weniger principes ausreicht, rung des Lebens entsprechen muss. Diese An-
Derrida, Jacques 93

forderungen nennt Cicero officia. Das Wort offici- Mensch aber mÝndig geworden ist, dann werden
um wurde zuvor selten verwendet. Es leitet sich diese instinktiv zweckmÈßigen, lebensnotwendi-
von opificium her, das aus opus (Arbeit, Werk, gen TÈtigkeiten zu officia, d. h. zu ausdrÝck-
Tun) und facio (handeln, machen, verfertigen) lichen Handlungen, in denen die Natur, die das
zusammengesetzt ist und das Anfertigen einer VernÝnftige selbst ist, zum einzigen Maßstab ge-
Arbeit oder das Verrichten eines Dienstes meint. nommen wird. Daher ist das allererste officium,
Erst indem Cicero dieses Wort als Terminus fÝr das in allen weiteren officia enthalten ist, das
ein Handeln verwendete, das aus der %Natur Handeln, das den Forderungen (Vorschriften)
der Sache erfolgt oder den vernÝnftigen Erfor- der Natur gemÈß ist, oder die Aufgabe, sein Le-
dernissen einer praktischen ›Angelegenheit‹ ben in Àbereinstimmung mit der – an sich ver-
(res) zu entsprechen versucht, erhielt es seine nÝnftigen – Natur zu fÝhren (convenienter na-
prÈgnante Bedeutung. Von dieser hat sich wie- turae vivere).
derum Notker Teutonicus bei seiner Àberset- In dieser Unterordnung unter das Naturgesetz
zung von officium mit %Pflicht bestimmen las- ist auch die %HumanitÈt begrÝndet. Keiner, der
sen. Das deutsche Wort ›Pflicht‹ leitet sich von wirklich naturgemÈß handelt, kann einem Mit-
dem Verb ›pflegen‹ ab. Dieses vereinigte ur- menschen schaden, nicht einmal dann, wenn es
sprÝnglich die Bedeutungsrichtungen ›sorgen darum geht, uns selbst, unsere Kinder, AngehÚ-
fÝr etwas‹, ›die Gewohnheit haben zu‹, ›verspre- rigen und Freunde vor einem Àbel zu bewahren.
chen, etwas zu tun‹, sodass sich so unterschied- Wer glaubt, man kÚnne in Kauf nehmen, dass ei-
liche Begriffe wie Pflege, Gepflogenheit und nem anderen Unrecht geschieht, wenn man da-
Pflicht ausdifferenzieren konnten. Ersichtlich be- durch Schaden fÝr sich selbst und seine NÈchs-
tont Pflicht im Unterschied zu officium mehr die ten abzuwenden vermag, der hebt im Menschen
Haltung als das effektive Handeln. Die eigentlich den Menschen auf. Ebenso scharf urteilt Cicero
verdoppelnde Àbersetzung von officium mit in einem parallelen Fall. Das Naturgesetz will
›pflichtgemÈßem Handeln‹ ist daher durchaus auch, dass jedem Menschen, wer es auch sei, al-
sinnvoll. so unabhÈngig davon, welcher Rasse, welchem
Die Pflichten sind Ausdruck des Naturgeset- Staat und welcher Religion er angehÚrt, einzig
zes. Die Natur ist bei Cicero die VerkÚrperung aus dem Grunde, dass er ein Mensch ist, Sorge
des %Logos, der gÚttlichen Allvernunft. In ihr zuteil wird. Wer dagegen glaubt, dass hierbei
ist daher alles zu einer erkennbaren, zweck- die eigenen StaatsbÝrger zuerst BerÝcksichti-
mÈßigen %Ordnung eingerichtet. Dem gemÈß gung zu finden hÈtten und dann erst die Aus-
hat sie auch die Vormundschaft fÝr alle ihre lÈnder, der beendet die universelle Gemeinschaft
%Wesen und deren Entwicklung Ýbernommen, der ganzen Menschheit.
fÝr den Menschen allerdings nur bis zu einem Auch wenn Cicero das politische Prinzipat,
bestimmten Zeitpunkt. Von diesem ab Ýber- auf das er nach dem Tode CÈsars noch einmal
nimmt der Logos in ihm die FÝhrung und der Anspruch erhoben hatte, bei der Bildung des
Mensch beginnt Ýber sein Tun und Lassen zweiten Triumvirats endgÝltig verloren hat, das
selbst zu entscheiden. Bis dahin leitet ihn die moralisch-pÈdagogische Prinzipat hat man ihm
Natur, indem sie ihm eine ›Selbstliebe‹ einge- nicht nehmen kÚnnen. Es reichte geschichtlich
pflanzt hat, d. h. die FÈhigkeit, das fÝr seine Ýber den Horizont hinaus, in dem ein rÚmischer
Selbsterhaltung Geeignete – das fÝr ihn persÚn- Staatsmann denken konnte. Cicero wurde einer
lich wie auch fÝr sein Leben in der Gemein- der GrÝndungsvÈter des europÈischen Humanis-
schaft Bedeutsame – instinktiv erkennen und mus (%A Renaissance – Humanismus).
wÈhlen zu kÚnnen. Wie wir unsere Glieder zur G. Gawlick / W. GÚrler, Cicero, in: Grundriss der Ge
Bewegung bereits benutzen kÚnnen, ohne ihre schichte der Philosophie, Bd. 4.2, Basel 1994,
volle NÝtzlichkeit und ZweckmÈßigkeit erkannt S. 991 1168
zu haben, so sind wir Glieder der natÝrlichen C. St.
Gemeinschaft, ohne dass wir den vollen Sinn
unserer Mitgliedschaft noch den der Gemein-
schaft, ihren Gesamtnutzen und ihre %Gerech- Derrida, Jacques (*1930): Geboren in El Biar,
tigkeit, bereits verstanden hÈtten. Wenn der Algerien; 1949–1956 Philosophiestudium in Pa-
94 Derrida, Jacques

ris (Lyc¹e Louis-le-Grand, œcole normale sup¹- Aus der von Derrida ebenso eigenstÈndig rezi-
rieure, seit 1968 zahlreiche regelmÈßige Semina- pierten Psychoanalyse Freuds kommen weitere
re an mehreren europÈischen und amerikani- Motive hinzu: NachtrÈglichkeit des Bewusst-
schen UniversitÈten (John Hopkins, Yale, Cornell seins, Aufschub der PrÈsenz (bzw. der Lust), die
u. a.) sowie viele Vortragsreisen, seit 1979 auch Spur eines nicht stattgefundenen Ereignisses,
nach Moskau, Afrika, Japan, SÝdamerika, Aust- das Original als Ergebnis der Reproduktion. Und
ralien. Aufgrund seiner freundschaftlichen und aus der nicht minder intensiven Auseinanderset-
kollegialen Verbindungen steht Derrida im Ge- zung mit dem Strukturalismus Saussures, ent-
flecht fast aller bekannten Namen der franzÚsi- faltet in Literaturtheorie und Ethnologie, ge-
schen Philosophie und Literatur seit 1950. Ab winnt Derrida das Motiv einer stets wirksamen
1970 wird seine Arbeit auch außerhalb Frank- Differenz sowie den Gedanken, dass jedes Sys-
reichs rezipiert, vor allem in den USA, in Eng- tem notwendig offen sei, strukturell unab-
land, Italien, Deutschland. Seine erste Publikati- schließbar, wesentlich unvollstÈndig. Wenn das
on von 1962 ist ein langer Kommentar zu einem Zentrum einer Struktur, ihr Ursprung bzw. Ziel,
Forschungsmanuskript des spÈten %Husserl leerer Ort eines unendlichen Austauschs oder
(Husserls Weg in die Geschichte am Leitfaden der Spiels von Signifikanten wie Signifikaten ist, so
Geometrie, MÝnchen 1987). Fast alle Texte sind genießt es kein Privileg. Die entschlossene Su-
mehrfach gedruckt und in zahlreiche Sprachen che nach einer letzten %Bedeutung, nach der
Ýbersetzt, bis ins Russische, Arabische, Chinesi- Sache selbst, gerÈt zu einem Prozess, in dem
sche. Ein definitives systematisches Hauptwerk jegliche Bedeutung wieder zu einem Bedeuten-
gibt es ebenso wenig wie eine lineare Entwick- den werden kann. FÝr einige Jahre der Gruppe
lung mit eindeutigen Phasen oder ZÈsuren. Viel- Tel Quel (Philippe Sollers, Julia Kristeva) verbun-
mehr entfaltet Derrida unaufhaltsam die in den den, findet Derrida weitere GewÈhrsleute in
Arbeiten der 1960er Jahre angelegten Keime. Zu- Blanchot und Mallarm¹; dieser etwa setzt dem
sammen mit einer fortlaufenden Selbstinterpre- platonischen Mimesisbegriff (›A mimt B‹) ein ›A
tation im steten Kreuzfeuer von Rezeption und mimt‹ entgegen: Spiegelung ohne Gespiegeltes.
Kritik fÝhrt dies zu einer Verdichtung oder Ver- KÝrzel, Quelle und Medium solcher Theoreme
netzung all seiner Texte. Derrida erreicht seine ist fÝr Derrida die ¹criture. Husserl zeigte, dass
entscheidenden Wirkungen durch LektÝren an- die Konstitution idealer ObjektivitÈten als all-
derer Autoren. In dem von PhÈnomenologie und zeitliche, universale Wahrheiten, etwa der geo-
Existenzialismus (%Sartre, Merleau-Ponty) be- metrischen Axiome, einzig durch die Schrift er-
herrschten intellektuellen Klima im Paris der mÚglicht wird. IdealitÈt entspringt einer beliebi-
1950er Jahre orientiert er sich an Husserls Tex- gen Wiederholbarkeit. Doch diese ist auf keine
ten selbst und an Interpreten wie %L¹vinas und Weise zu garantieren; die reine IterabilitÈt bleibt
%Heidegger. In den Vorlesungen zur PhÈnome- Programm, Postulat, Phantasma. Die Schrift ist
nologie des inneren Zeitbewusstseins entwickelt Instrument und Bedrohung des GedÈchtnisses
Husserl den augustinischen Gedanken einer un- zugleich. Insofern sie Archivierungen des Wis-
auflÚslichen Verkettung der Zeitmomente Ver- sens und RÝckfragen durch die Traditionen hin-
gangenheit, Gegenwart, Zukunft bzw. Retention, durch ermÚglicht, ist sie ein Segen, aber ein
»Urimpression« (Wahrnehmung), %Protention. Fluch, insofern sie mitsamt dem ihr Anvertrau-
Derrida fasst das radikaler. Das mittlere Mo- ten verbrennen kann. Damit ist ein ungeheurer,
ment, die PrÈsenz, ist niemals rein oder absolut, von der klassischen Philosophie kaum bedachter
sondern immer schon verknÝpft mit AlteritÈt Materialbestand thematisiert: Genese und Struk-
und affiziert durch Momente der Absenz. Diese tur des Zeichenbegriffs, der Schriften und Nota-
Verflechtung ist ein ›Text‹, in dem nichts irgend- tionen, der Schriftkulturen, des Buches, der En-
wo und irgendwann einfachhin anwesend oder zyklopÈdie, der Produktions-, Distributions- und
abwesend ist und der schlechthin alles ein- Dokumentationsapparate (Editions-, Bibliotheks-,
begreift. Damit wird eine FÝlle von Variationen Archivwesen), der Techniken und Medien der
und Applikationen erÚffnet: Das Selbe als Effekt Kommunikation (Telefon, Funk, Kinemato- und
des Anderen, der reine Selbstbezug als Produkt Phonographie, Fax, E-Mail, CD-ROM), der Be-
der Tradition, die Kontamination der UrsprÝnge. glaubigungspraktiken (Signatur, Datierung,
Descartes, René 95

Kryptierung) usw. Derrida nimmt die Genese wahre Bedeutung unter allen UmstÈnden ›unent-
und Struktur der gesamten abendlÈndischen schieden‹ bleibt: ¹criture, diff¹rance, trace, texte,
Tradition der %Metaphysik in den Blick. Trotz suppl¹ment, don, chÖra usw. ad infinitum. Kurz:
aller BrÝche und Verschiebungen, aller Umwege Dekonstruktion ein fÝr alle Mal zu definieren,
und Wiederaufnahmen erweist sich diese als ei- heißt sie zu vernichten. Von hier knÝpfen sich
nigermaßen kohÈrente Struktur, deren Zentrum, FÈden zu Derridas permanenter Frage nach der
Ziel oder Organisationsprinzip im Lauf der Ge- Àbersetzung, Àbertragung, translation. Diese
schichte nur verschieden benannt wurde: Eidos, gibt es auch innerhalb einer Sprache, sogar in-
Idee, Wesen, Logos, Parusie, PrÈsenz (Gegen- nerhalb eines Wortes, aber in jeder Àbersetzung
wart, Anwesenheit), Sache selbst, transzendenta- entbrennt ein Kampf zwischen dem Unersetzli-
les Signifikat usw. Davon abgeleitet erscheint ei- chen, Idiomatischen und dem Universalen, Wie-
ne in den Axiomen der Logik (Satz der IdentitÈt, derholbaren, zwischen dem Proprium (auch dem
des Widerspruchs, des ausgeschlossenen Drit- Eigennamen) und dem Allgemeinen der Bedeu-
ten, des zureichenden Grundes) formalisierte Bi- tung. Der restlos Ýbersetzbare Text verschwin-
naritÈt, eine offene Reihe von Oppositionen: Leib det, der restlos unÝbersetzbare stirbt. Das de-
– Seele, Gesetz – Natur, Selbes – Anderes, Ein- konstruktive Motiv der von Anfang an bereits
zelnes – Allgemeines, Eigenes – Fremdes, Leben kontaminierten UrsprÝnge macht Derrida vor al-
– Tod, usw. Derrida beschÈftigt sich immer wie- lem fÝr Ethik, Politik- und Rechtstheorie frucht-
der mit Themen, die von jener »Metaphysik der bar (Gesetzeskraft. Der »mystische Grund der Au-
PrÈsenz« (Logozentrismus, Ontologie, Theologie, toritÈt«, 1991). Derrida engagiert sich vielfÈltig
Teleologie usw.) scheinbar vergessen, marginali- wissenschaftlich, politisch und kulturell. Inso-
siert, hinausgeworfen wurden. Zwar klammert fern er unermÝdlich nach den Bedingungen der
er einen Teil dieser Metaphysik aus seinen Lek- MÚglichkeit fragt, die zugleich Bedingungen der
tÝren weitgehend aus, nÈmlich SpÈtantike, UnmÚglichkeit sind, ist Derrida gleichsam ein
%Mittelalter, Renaissance und Humanismus rationalistischer Transzendentalphilosoph, der
(%A Renaissance – Humanismus); doch vermag das Transzendente nur streicht, um es, realisti-
er ein scharf umrissenes und Èußerst detailliert scherweise, aufzuschieben. Im Zwischenraum
belegtes Modell zu liefern, das bis auf weiteres betreibt er subtil und umsichtig eine ebenso in-
einer gewissen Orientierung dienen kann. Das tensive wie generelle Kulturkritik, deren Wir-
auf den ersten Blick oft Paradoxe seiner in im- kungen noch kaum absehbar sind.
mer neuen Kontexten vorgebrachten und an G. Bennington / J. Derrida, Jacques Derrida. Ein PortrÈt,
praktisch allen Gebieten des Wissens und der Frankfurt/M. 1994
%Kultur erprobten Thesen hat nicht bloß pro- C. Malabou / J. Derrida, La contre all¹e, Paris 1999
vokatorische Funktionen. Es soll vor allem ein- H. D. Gondek / B. Waldenfels (Hg.), EinsÈtze des Den
gefahrene SelbstverstÈndlichkeiten aushebeln, kens. Zur Philosophie von Jacques Derrida, Frank
ungedachte oder verschwiegene %Aporien er- furt/M. 1997
H. Kimmerle, Derrida zur EinfÝhrung, 5. Aufl. Ham
kennbar und gewaltsame Grenzziehungen be-
burg 2000
fragbar machen. Das kann nicht frontal gesche- D. Thiel, Àber die Genese philosophischer Texte. Studi
hen, sondern nur aus genauer Kenntnis der je- en zu Jacques Derrida, Freiburg / MÝnchen 1990
weiligen Strukturen und Texte. Solche Tiefenlek- D. T.
tÝre nennt Derrida »Dekonstruktion«, und er hÝ-
tet sich, daraus eine Methode zu machen, die
bald zu einem Programm erstarrt, zu einer Tech- Descartes, René (1596–1650): Lat. Renatus
nik der Regulierung, die keinen Platz mehr frei Cartesius, frz. Philosoph und Mathematiker, ge-
hielte fÝr Unvorhersehbares, fÝr das ›Ereignis‹. boren am 31. 3. in La Haye (Touraine), gestorben
Wie die PrÈsenz immer schon gespalten ist, so am 11. 2. in Stockholm. Descartes wird im All-
prÈsentiert sich auch jeder Text als heterogenes gemeinen als Vater der modernen Philosophie
Ergebnis kontrÈrer KrÈfte. Gleichzeitiges Pro angesehen. Sein Denken wird von dem Bestre-
und Contra, Auf und Ab, Zickzack. Derrida kon- ben getragen, der KomplexitÈt der %Wirklich-
densiert die Oppositionen auf mÚglichst Úko- keit mit Hilfe weniger einfacher %Prinzipien
nomische Weise in einzelnen WÚrtern, deren und Regeln Herr zu werden. Um aber diese auf-
96 Descartes, René

stellen zu kÚnnen, bedarf es eines unumstÚß- Wirkungszusammenhang zu bringen. Denn der


lichen Fundaments, das die Sicherheit und Rich- Mensch ist beides: denkendes Ich und in der
tigkeit garantiert. Wie aber ist diese UnumstÚß- KÚrperwelt agierender %Leib. Um dieses Pro-
lichkeit zu gewinnen angesichts des Trugs der blem zu meistern, bedient sich Descartes einer
Sinne und der Verworrenheit unserer Gedan- physiologischen Spekulation. Um das Denkende
ken? Descartes bedient sich, um dieses Problem (%Seele) und den KÚrper (Leib) zu einer funk-
auszurÈumen, des methodischen %Zweifels. Sei- tionierenden Einheit zu machen, bedarf es eines
ne Vorgehensweise ist dadurch bestimmt, dass Mittlers, der die so verschiedenen Substanzen
er die ganze %Welt daraufhin befragt, was an zusammenschließt. So findet Descartes dasjeni-
ihr bezweifelt werden kann. Es zeigt sich, das ge Organ, das genau in der Mitte des mensch-
nichts dem Zweifel entgeht. Doch bleiben die lichen Gehirns seinen Ort hat: die ZirbeldrÝse.
Meditationen nicht bei einem %Skeptizismus Von ihr gehen die Lebensgeister (esprits ani-
stehen. Vielmehr entdeckt er, dass die Tatsache maux) aus, die als feinste KÚrperchen in alle
des Zweifelns ihrerseits nicht wieder bestritten Teile des KÚrpers eindringen kÚnnen, um als Bo-
werden kann. Das %Ich, das da zweifelt, ist das ten die Befehle der Seele weiterzugeben. Umge-
unumstÚßliche Fundament, d. h. das %Denken. kehrt melden sie Empfindungen des Leibes zu-
Mit diesem Gedankengang hat Descartes die rÝck an die Seele. Descartes denkt die Lebens-
Wurzel des neuzeitlichen Philosophierens freige- geister zwar als kÚrperlich, doch – einer Flamme
legt: das sich seiner selbst gewisse Ich mit sei- Èhnlich – nirgends anhaftend, sodass eine Ver-
nen %Vorstellungen. Die Formel, die sich dafÝr bindung mit anderen Teilen des Leibes entste-
eingebÝrgert hat, ist das bekannte cogito ergo hen kÚnnte. Damit ist die Grundlage fÝr ein me-
sum (je pense, donc je suis). Nun beginnt der chanistisches System gelegt, in dem alles nach
umgekehrte, konstruierende Weg, der die Welt – den Prinzipien von Druck und Stoß funktioniert.
vom archimedischen Punkt des cogito ausgehend Doch kann die Spannung zwischen strengem
– wieder aufbaut. Verbunden mit diesem Gedan- Dualismus und ebenso strengem Mechanismus
ken ist Descartes’ Auseinandersetzung mit der nur durch die EinfÝhrung von beobachtbaren
Existenz %Gottes. Die Vorstellung, einer all- kleinsten KÚrpern gelÚst werden. Der große Vor-
mÈchtigen, unendlichen und vollkommenen teil, der sich hier fÝr die Physik bietet, ist der
%Substanz kann nicht das Werk des unvollkom- gÈnzliche Verzicht auf Fernwirkungen, da bei
menen und begrenzten Menschen sein. Also diesen ja immer ein Medium zwischen den KÚr-
muss es einen Urheber geben, dessen RealitÈt pern angenommen werden muss. Descartes re-
ebenfalls unendlich ist. Die zweite %Argumenta- duziert die KomplexitÈt der Welt auf die Seele,
tion ergibt sich aus dem Begriff Gottes selbst. die mit ihren eingeborenen Ideen ausgestattet
Diese eingeborene Idee (%ideae innatae), die ist, und die KÚrper, die sich nach den Gesetzen
das vollkommenste %Wesen meint, kann ohne der Mechanik und der Optik richten. Um alles
das PrÈdikat der Existenz nicht gedacht werden, spannt sich Gott als unendliche Substanz. Die
da ja der Vollkommenheit kein Mangel anhaften Seele als eine der beiden begrenzten Substanzen
darf. So ist auch der Bestand der Außenwelt ge- hat gegenÝber den KÚrpern den Vorzug, unteil-
sichert, weil die GÝte Gottes nicht mit einem bar zu sein. WÈhrend der KÚrper durch seine
Trug Ýber die Dinge zusammen gedacht werden Ausdehnung (extensio) bestimmt wird, kommt es
kann. Mit dem Gedanken des sich selbst gewis- der Seele zu, Vorstellungen (ideae) zu haben.
sen Ich und der durch Gott garantierten KÚrper- Bei den unterschiedlichen Arten des Vorstellens
welt hat Descartes einen %Dualismus geschaf- (modi cogitandi) hat das Denken insofern den
fen, den er selbst mit den Begriffen %res cogi- Vorrang, als es die Selbstgewissheit des Ich und
tans und %res extensa gekennzeichnet hat. Die- den sicheren Bezug zur Außenwelt garantiert.
se wohl folgenschwerste Scheidung im Denken Allerdings unterliegt die Seele dem natÝrlichen
Descartes’ ist der anschaulichste Fall fÝr das Einfluss (influxus physicus) durch die KÚrper;
noch immer diskutierte Leib-Seele-Problem. FÝr sie selbst wirkt auf den Leib ein. (Diese von
die cartesianische Philosophie ergibt sich die Descartes aus der Tradition Ýbernommene Posi-
Schwierigkeit, die unausgedehnte denkende Sub- tion hat %Leibniz nachhaltig kritisiert.) Von
stanz mit der ausgedehnten Substanz in einen Hause aus sind die Vorstellungen dunkel und
Descartes, René 97

verworren. Um aber zur %Wahrheit zu gelan- nen Sinn fußen konnte. Verbunden damit ist die
gen, die ja nicht bei den unmittelbaren %Evi- Tendenz zur Mathematisierung der Philosophie,
denzen der eingeborenen Ideen endet, muss ei- da die rationalen ZahlenverhÈltnisse und geo-
ne Methode erfunden werden, die eine klare metrischen Figuren beispielhaft fÝr den effekti-
und deutliche Vorstellung (clara et distincta per- ven Umgang mit philosophischen Begriffen und
ceptio) ermÚglicht. Klar bedeutet das dem Geist Problemen stehen. Zum anderen erhÈlt Descar-
intuitiv Vorschwebende, deutlich das durchweg tes’ konsequenter Mechanismus dadurch seine
in sich Klare und fest Bestimmte. Nach PrÝfung Schlagkraft, dass er fÝr jede Bewegung und Ge-
der bereits vorliegenden wissenschaftlichen Ver- genbewegung eine gesicherte Regel angeben
fahren – %Logik, geometrische Analysis und Al- kann (zur mangelhaften Beachtung des Pro-
gebra – entscheidet sich Descartes, aus allen blems der Beschleunigung vgl. Leibniz).
das Brauchbare zu entnehmen und das Mangel- Die Folgerungen aus der strikten Trennung
hafte zu entfernen. Das Resultat seiner Àber- von denkender und ausgedehnter Substanz las-
legung sind vier Vorschriften an die er sich aus- sen auch gewissen HÈrten zu. So muss Descar-
nahmslos halten will: 1. Keine Sache darf als tes die Tiere – bei denen ja keine Seele zu beob-
wahr anerkannt werden, von der nicht evident achten ist – in den Bereich der res extensa ver-
erkannt werden kann, dass sie wahr ist. Deshalb weisen, was dazu fÝhrt, dass etwa der Hund
sind Àbereilung und Vorurteile zu vermeiden. 2. nichts weiter als eine Bellmaschine ist. Sein Ver-
Jedes Problem ist in so viele Teile zu zerlegen, halten – so wie auch das Wachsen und Schwin-
wie es nÚtig ist, um es leichter lÚsen zu kÚnnen. den der Pflanzen – kann einfach durch die bei-
3. Die rechte Ordnung ist so einzuhalten, dass den einzigen Bestimmungen der ausgedehnten
bei den einfachsten Dingen begonnen wird, um Substanz erklÈrt werden: Gestalt und Bewegung.
dann stufenweise zur %Erkenntnis der zusam- Doch die ganze Natur kann nun unterschiedslos
mengesetzten aufzusteigen. 4. Es mÝssen voll- nach diesen Bestimmungen erklÈrt werden, oh-
stÈndige AufzÈhlungen und allgemeine Àber- ne noch auf die vielen Elemente, Substanzen,
sichten aufgestellt werden, damit nichts verges- Formen, QualitÈten und QuantitÈten der Scholas-
sen wird. Diese Hauptregeln der %Methode sind tik RÝcksicht nehmen zu mÝssen. Die ganze
von Descartes zuvor noch nÈher auseinander- neue Physik hat es nur mit KÚrperchen (Korpus-
gelegt worden. Sie kÚnnen daher als eine Art keln) zu tun, die in ihrer Gestalt und Bewegung
von Kondensat der 21 Regeln zur Ausrichtung berechenbar sind. Mit der Berechenbarkeit geht
der Erkenntniskraft (Regulae ad directionem inge- aber auch ihre Beherrschbarkeit einher, denn
nii) angesehen werden, die in gewisser Weise das, von dem man weiß, wie es funktioniert,
noch von der Aufspaltung der wissenschaftli- kann man auch herstellen. Der %Mensch wird
chen Verfahren geprÈgt ist, obwohl es Descartes zum »Meister und Besitzer« (maÒtre et possesseur)
immer um die Einheit der %Wissenschaft geht. der wirklichen Welt. Von diesem Konstruktions-
Die bÝndige Abhandlung Ýber die Methode (Dis- gedanken ausgehend, entsteht die Grundlage ei-
cours de la m¹thode) schreitet von den Haupt- ner wissenschaftlich abgesicherten %Technik, die
regeln Ýber moralische Regeln und die Fun- sich von aller metaphysischen Spekulation der
damente der %Metaphysik fort zu den naturphi- Antike und des Mittelalters emanzipiert hat. Aber
losophischen Fragen. Das bedeutet den Àber- auch Descartes muss Ýber den Bereich des Beob-
gang von den Denkanleitungen fÝr die res cogi- achtbaren hinausgehen. Um seine Welt aus Kor-
tans zu den Prinzipien der res extensa. Descar- puskeln zu erklÈren, muss er sich das All als hy-
tes’ Anliegen der vollkommenen methodischen drodynamisches Kontinuum denken, d. h. als
GrÝndlichkeit steht dabei in Opposition zu den %Materie, die in ununterbrochenem Wirbelfluss
von ihm bekÈmpften Systemen der %Scholastik. begriffen ist. Descartes sieht die Sonne als Mittel-
Suchten diese durch ein kompliziertes Geflecht punkt des Universums an, um die sich alles umso
von Gesetzen ein einfaches Weltbild zu garantie- schneller dreht, je nÈher es ihr ist. In dieser Theo-
ren, geht es jetzt darum, mit mÚglichst wenige rie ist schon die Planetenentstehung vorwegge-
Regeln einer großen Mannigfaltigkeit von Din- dacht, wie sie spÈter von %Kant formuliert wer-
gen zu begegnen. Es ist der Beginn einer Denk- den sollte. Allerdings hÈlt sich die Materie fÝr
Úkonomie, auf der die Wissenschaft im moder- Descartes nicht von selbst in Bewegung, sondern
98 Descartes, René

ist auf Gott angewiesen. Er hat die Materie nicht In Wahrheit aber entflieht die Seele, wenn man
nur geschaffen, sondern hÈlt auch ihre Grund- stirbt, weil die WÈrme entschwindet und die Orga-
bestimmungen, Gestalt und Bewegung, stÈndig ne, die dem KÚrper die Bewegung ermÚglichen,
konstant. Was man heute als die ErhaltungssÈtze sich auflÚsen. Damit hat Descartes dem KÚrper
der Physik bezeichnet, hat Descartes theologisch (des Menschen) eine neue Bewertung gegeben,
begrÝndet. Die %Vollkommenheit der in sich krei- die ihn nicht mehr zum bloßen AnhÈngsel der al-
senden Natur ist ohne eine Ýberlegene Intelligenz, les fÝhrenden Seele macht. Vielmehr wird der
die zugleich erste Bewegungsursache wie auch KÚrper jetzt als Automat gedacht, d. h. als eine
gÚttlicher Mechaniker ist, nicht vorstellbar. So Maschine, die sich aus sich selbst bewegt. Jedoch
zeigt sich, dass die unendlich Substanz Garant fÝr muss Descartes eingestehen, dass er Ýber die
beide endlichen Substanzen ist: FÝr die res cogi- Anatomie des KÚrpers nicht hinaus gelangt, weil
tans steht Gott fÝr die wahre RealitÈt der Außen- ihm weder bekannt ist, in welcher Weise die Le-
welt und die EinprÈgung der evidenten eingebore- bensgeister zur Bewegung beitragen, noch worin
nen Ideen, fÝr die res extensa bedeutet er Ordnung das kÚrperliche Prinzip besteht, durch das sie
und StabilitÈt in den BewegungsverhÈltnissen der wirksam sind. Es bleibt bei der Konstatierung,
korpuskular gestalteten Materie. Der extreme dass das Herz eine bestÈndige WÈrme enthÈlt, die
Zweifel, der Descartes sogar die Annahme einer wie ein Feuer gedacht wird, das vom Blut der Ve-
bÚsen Intelligenz (genius malignus) hatte machen nen unterhalten wird. Dieses Feuer aber ist das
lassen, die den Denkenden Ýber alles betrÝgen kÚrperliche Prinzip aller Bewegungen der Glieder.
kann, mÝndet so in die Èußerste %Gewissheit Die Lebensgeister dringen bis in alle Muskeln und
(certitudo), dass alles klar und deutlich Erkannte bewirken deren Kontraktion bzw. Streckung; au-
auch tatsÈchlich wahr ist. Doch ist hier schon der ßerdem bewirkt die ungleiche Bewegung und die
PrioritÈtenwechsel zu erkennen, der die Philoso- Verschiedenheit ihrer Bestandteile, dass sich die
phie der %Neuzeit (A) kennzeichnet. Nicht die Lebensgeister ungleichmÈßig verteilen und so ei-
sich unverfÈlscht darbietende Wahrheit der Dinge nige Muskeln eher erreichen als andere, was
steht im Vordergrund, sondern das sich selbst ab- ebenfalls deren Spiel in Gang bringt. Die Seele
sichernde Denken mit seinem unerschÝtterlich nun hat Gedanken, die entweder TÈtigkeiten (acti-
gewordenen Methodenbewusstsein. Das Ideal, das ons) oder Leiden (passions) sind. Die aktiven Voll-
von hier ausgeht, lÈsst sich mit dem Dreischritt zÝge werden von Descartes als Willensakte (volon-
›archimedischer Punkt, komplettes Regelwerk, tez) bestimmt, die direkt der Seele entstammen,
vollstÈndige Erkenntnis‹ beschreiben. Dass sich die passiven sind entweder %Wahrnehmungen
die vollstÈndige Erkenntnis nicht auf die aus- (perceptions) oder Kenntnisse (conoissances), die
gedehnte Natur beschrÈnken kann, ist offenbar, die Seele von den vorgestellten Dingen empfÈngt.
da die res cogitans außer den klaren und deutli- Der %Wille kann entweder auf Gott und die ande-
chen Vorstellungen auch den Leidenschaften (pas- ren immateriellen GegenstÈnde gerichtet sein
sions) geÚffnet ist. GemÈß seinem mechanisti- oder aber auf den KÚrper mit seinen Bewegungen.
schen ErklÈrungsprinzip muss Descartes also ge- •hnlich verhÈlt es sich mit den Wahrnehmungen,
wissermaßen eine Physik der Seele annehmen, die sich sowohl auf die Willensakte und Vorstel-
die es ihm erlaubt, aus gewissen GesetzmÈßigkei- lungen der Seele beziehen kÚnnen, wie auch –
ten von EindrÝcken das Entstehen der Leiden- durch NerventÈtigkeit – auf den KÚrper. Die Lei-
schaften zu ersinnen. ZunÈchst kann er sich bei denschaften der Seele sind solche Gedanken, die
dieser Aufgabe auf seine Annahme der Lebens- ihr in besonderer Weise zugehÚren, wobei die Le-
geister stÝtzen. Die Mittler stehen durch ihre Èu- bensgeister als Ursache, UnterstÝtzung und Ver-
ßerste Feinheit zwischen dem Hirn und den grÚ- stÈrkung agieren. Diese Gedanken kÚnnen am
beren Teilen des KÚrpers. In schroffer Ablehnung besten als Emotionen (¹motions) bezeichnet wer-
gegen die Lehrmeinungen der Tradition teilt Des- den, da sie, empfindungshaft wie die Èußeren Ge-
cartes die Gedanken allein der Seele, alle WÈrme genstÈnde aufgenommen, die Seele stÈrker als alle
und alle Bewegungen, die nicht von Gedanken ab- anderen aufwÝhlen; d. h. dass sich die so verstan-
hÈngen, dem KÚrper zu. Damit rÈumt er die Irrleh- denen Leidenschaften zwischen den Empfindun-
re aus, die Abwesenheit der Seele sei die Ursache gen des •ußeren und des KÚrpers einerseits und
fÝr die Bewegungslosigkeit und KÈlte toter KÚrper. dem Willen andererseits befinden. Mit den Ers-
Dewey, John 99

teren haben sie den Erleidnischarakter gemein, schließlich auf seine pÈdagogischen Schriften.
mit Letzterem den Bezug auf die Seele selbst. Des- Die Diskussion der jÝngsten Zeit, vor allem aber
cartes kann die Leidenschaften also mechanisch das Erscheinen einiger lÈngst fÈlliger Àberset-
erklÈren: Die Wahrnehmung eines Dinges gelangt zungen lassen hoffen, dass das in Deutschland
von den Sinnesorganen Ýber die Lebensgeister neu erwachte Interesse am Pragmatismus – Èhn-
zum Hirn, in dessen Zentrum sie auf die Zirbel- lich wie bei James – auch zu einer verstÈrkten
drÝse konzentriert wird, welche unmittelbar auf BeschÈftigung mit der Philosophie John Deweys
die Seele einwirkt. Dort wird das Wahrgenom- fÝhren wird.
mene erkannt, und entsprechend seiner Eigen- Deweys philosophisches Werk ist sehr um-
schaften lÚst es die Leidenschaften aus. Ist es etwa fangreich; die seit 1969 erscheinende englische
schrecklich, was aus vorangegangenen Erfahrun- Gesamtausgabe umfasst mittlerweile 37 BÈnde.
gen mit •hnlichem abgeleitet wird, entsteht die Seine in Deutschland bis heute einflussreichste
Leidenschaft ›Furcht‹. Diese zieht, je nach Verfas- Schrift ist Democracy and Education (1916; dt.:
sung des KÚrpers und je nach Kraft der Seele bzw. Demokratie und Erziehung), in der er seine Auf-
nach der frÝheren Art des Umgangs mit dem fassung der Philosophie als einer allgemeinen
Schrecklichen, KÝhnheit oder Schrecken nach Erziehungstheorie darlegt. Es folgen einige stÈr-
sich. Aus dieser Erregung der Seele folgt auf um- ker philosophisch orientierte Arbeiten, in denen
gekehrtem Wege die Bewegung der Glieder. Der Dewey seine Variante des Pragmatismus, den so
Wille kann Herr Ýber die Leidenschaften werden, genannten Instrumentalismus, ausarbeitet; die
wenn er genau die Vorstellungen erzeugt, die mit wichtigsten sind: Reconstruction in Philosophy
den ihnen zugehÚrigen Leidenschaften verbunden (1920; dt.: Die Erneuerung der Philosophie), Expe-
sind. rience and Nature (1925; dt.: Erfahrung und Na-
E. Cassirer, Descartes: Lehre, PersÚnlichkeit, Wirkung,
tur) und The Quest for Certainty (1929; dt.: Die
Nachdruck Hildesheim 1978 Suche nach Gewißheit). Die Vorlesungsreihe Art
L. GÈbe, Descartes’ Selbstkritik, Hamburg 1972 as Experience (1934; dt.: Kunst als Erfahrung) ap-
W. RÚd, Descartes: Die Genese des cartesianischen Ra pliziert die pragmatistische Denkweise auf ein
tionalismus, MÝnchen 1982 scheinbar gÈnzlich ›unpragmatisches‹ Gebiet,
H. Rombach, Substanz, System, Strukturen, 2 Bde., die •sthetik. In Logic: The Theory of Inquiry
Freiburg / MÝnchen 1965
A. P.
(1938; dt.: Logik. Theorie der Forschung) fasst De-
wey seine Vorstellungen von der Logik des Er-
kenntnis- und Forschungsprozesses zusammen.
Am Anfang der philosophischen Entwicklung
Dewey, John (1859–1952): Amerikanischer Deweys stehen drei EinflÝsse: Er beginnt seine
Philosoph, geboren am 20. 10. in Burlington/Ver- Karriere als Vertreter des amerikanischen Neu-
mont, gestorben am 1. 6. in New York City, gilt Hegelianismus, lÚst sich von dieser Position
neben %Peirce und %James als dritter Haupt- aber unter dem Einfluss der Evolutionstheorie
vertreter des %Pragmatismus. Er teilt, vor allem von Charles Darwin und der naturwissenschaft-
was seine Reputation außerhalb der USA anbe- lich orientierten Psychologie von James. Gleich-
langt, das Schicksal seines Lehrers und Freun- wohl bleibt der Einfluss %Hegels erhalten, so et-
des James. Obwohl Dewey unbestritten zu den wa in Deweys Konzeption der %Wirklichkeit als
bedeutendsten Philosophen des 20. Jhs. zÈhlt – eines organischen Beziehungsgeflechts. Von Dar-
fÝr Rorty steht er in einer Reihe neben %Hei- win bzw. James stammt dagegen die Auffassung,
degger und %Wittgenstein –, ist er in Deutsch- dass sich diese Wirklichkeit in einem fortwÈh-
land bis heute weitgehend unbekannt. Der So- renden Prozess des Werdens befindet. Vor allem
ziologe Hans Jonas spricht sogar von einer »an- das Konzept einer stÈndigen Weiterentwicklung
haltenden Ignoranz« seiner Philosophie gegen- des Individuums auf der Grundlage der Inter-
Ýber und beklagt, dass kein Denker von Deweys aktion zwischen Organismus und Umwelt fÝhrt
intellektueller GrÚße in Deutschland kontinuier- Dewey zu einer Philosophie der Erziehung, die
lich so stiefmÝtterlich behandelt worden sei wie einen radikalen Bruch mit den seinerzeit gÈngi-
er. TatsÈchlich beschrÈnkte sich die deutschspra- gen Lehrmeinungen darstellt.
chige Rezeption bis vor kurzem beinahe aus- Deweys philosophische Position lÈsst sich in
100 Dewey, John

gewissem Sinn als Synthese der pragmatisti- die eine bestimmte Situation wahrnehmen und
schen AnsÈtze von Peirce und James verstehen, aufgrund von Ungewissheiten oder Zweifeln
insofern als Dewey sowohl die wissenschafts- Ýberhaupt erst die Notwendigkeit einer intellek-
theoretischen und forschungslogischen Motive tuellen Anstrengung erkennen. Im Gegensatz
von Peirce als auch die von James akzentuierten zur traditionellen %Logik, die die individuellen
Fragen der Moral und des Glaubens aufnimmt Interessen und BedÝrfnisse ausgeblendet und ei-
und in sein Konzept des Instrumentalismus in- ne Art objektiven und zeitlosen Wissens ange-
tegriert. Die Verbindung dieser beiden unter- strebt haben, bezieht Deweys Logik – darin Peir-
schiedlichen Aspekte kann jedoch auch als Re- ce folgend – die menschliche Komponente bei
aktion auf eine Reihe wissenschaftlicher Revolu- der Bildung von Àberzeugungen und Wissen
tionen angesehen werden, deren Zeuge Dewey mit ein.
wÈhrend seines langen Lebens wurde. Geboren Als notwendigen Ausgangspunkt eines Denk-
im Jahr der VerÚffentlichung von Darwins Entste- oder Untersuchungsprozesses bestimmt Dewey
hung der Arten, erlebte Dewey sowohl das Auf- deshalb eine Situation, die in Bezug auf zukÝnf-
kommen der Evolutionstheorie als auch der ein- tige Entwicklungen ungewiss, zweifelhaft und in
steinschen RelativitÈtstheorie sowie schließlich pragmatischem Sinn ›offen‹ ist. PersÚnliche Zu-
die ZÝndung der ersten Atombombe und die An- stÈnde des Zweifels, die nicht in einer solchen
fÈnge des kalten Krieges. Alle diese UmwÈlzun- existenziell relevanten Situation grÝnden, mÝs-
gen hatten ihren Ursprung in wissenschaftli- sen dagegen als pathologisch angesehen werden.
chen Entdeckungen; ihre nachhaltigsten Wir- Die erste Stufe der Untersuchung besteht zu-
kungen entfalteten sie jedoch in den Bereichen nÈchst in der Erkenntnis, dass ein Problem vor-
des sozialen Lebens und der moralischen Àber- liegt, das der LÚsung bedarf. Die genaue Identifi-
zeugungen. Vor diesem Hintergrund wird De- zierung und Formulierung des Problems be-
weys lebenslanges Interesse am VerhÈltnis von stimmt die Art der weiteren Untersuchung, se-
Wissenschaft und menschlichen Werten ver- lektiert also z. B. die Informationen oder Daten,
stÈndlich, das trotz mancher Wandlungen in sei- die als relevant fÝr die Untersuchung zugelas-
nen philosophischen Anschauungen sein gesam- sen werden. Der zweite Schritt besteht dann in
tes Werk bestimmt. der Bildung von Hypothesen, also von Aussagen
Deweys Auffassung, dass die oberste Aufgabe Ýber mÚgliche relevante LÚsungen des Problems.
der Philosophie in der ÀberbrÝckung der Kluft Diese Hypothesen werden in einem dritten
zwischen (Natur-)Wissenschaft und Moral, zwi- Schritt ÝberprÝft und schließlich – in einem
schen wissenschaftlicher Forschung und alltÈgli- vierten Schritt – einer Art experimentellem Test
chem Leben bestehe, bildet auch den Ausgangs- unterzogen. Kriterium fÝr den Erfolg eines Un-
punkt seiner Philosophie des Instrumentalis- tersuchungsprozesses ist, ob die gegebene Ant-
mus. Bereits James hatte %Vorstellungen, %Be- wort tatsÈchlich eine LÚsung des Problems dar-
griffe und %Theorien als ›Instrumente‹ auf- stellt, d. h. ob durch sie die ›zweifelhafte‹ Aus-
gefasst, deren Wert und Nutzen nach ihrer FÈ- gangssituation beseitigt wurde.
higkeit zu beurteilen war, den Menschen ›weiter Die Logik von %Zweifel und %Gewissheit,
zu bringen‹ und zukÝnftige Ergebnisse und Kon- die Einbeziehung von unterschiedlichen konkre-
sequenzen herbeizufÝhren. Deweys Instrumenta- ten Kontexten, durch die objektive und all-
lismus sollte eine genauere Beschreibung derje- gemein gÝltige Antworten unmÚglich gemacht
nigen Bedingungen liefern, unter denen %Den- werden – all dies fÝhrt auch Dewey auf das Pro-
ken und Forschen in dieser instrumentellen blem einer pragmatistischen (oder eben instru-
Weise funktionieren. GrundsÈtzlich gilt, dass mentalistischen) Wahrheitstheorie. Im Unter-
Denkprozesse, Untersuchungen, Forschung nie- schied zu James hat Dewey jedoch erkannt, dass
mals anhand von einzelnen, isolierten Objekten die pragmatistische Sicht weniger dazu angetan
stattfinden, sondern in der tatsÈchlichen %Er- ist, eine neue Theorie der %Wahrheit aufzustel-
fahrung immer in ein kontextuelles Ganzes, eine len, als vielmehr den Begriff der Wahrheit als
»Situation«, wie Dewey sagt, eingebettet sind. Zu solchen in seiner Relevanz einzuschrÈnken und
dieser Situation zÈhlen nicht zuletzt die Han- anderen, wichtigeren Begriffen unterzuordnen.
delnden dieses Prozesses, die Menschen also, Dewey vermeidet deshalb weitgehend den Be-
Dilthey, Wilhelm 101

griff Wahrheit und fÝhrt stattdessen das Kon- %Verstehen ist durchaus gelÈufig: dass wir fÝr
zept einer »gesicherten Behauptung« (warranted alle Naturerscheinungen %ErklÈrungen suchen,
assertion) ein. Das Ergebnis eines Denkprozes- bei allem Psychischen aber, allem Geschicht-
ses, sei es im alltÈglichen Leben oder in der wis- lichen, Gesellschaftlichen und bei allen Ausfor-
senschaftlichen Forschung, kann demnach im- mungen der %Kultur auf ein Verstehen dringen.
mer nur ein Garantieurteil sein, auf das man Schließlich ist, vermittelt durch %Heidegger
sich nur so lange verlassen kann, bis neue Er- und seine SchÝler, insbesondere durch %Gada-
fahrungen und Àberlegungen andere Ergebnisse mer, die %Hermeneutik – als Theorie des Ver-
hervorbringen. Dagegen ist die Frage, ob etwas stehens im Allgemeinen und der Auslegung als
objektiv und fÝr immer wahr bzw. falsch ist, methodischem Verstehen von Texten im Beson-
aus instrumentalistischer Sicht weder beant- deren – zu einem der Leitgedanken der Philoso-
wortbar noch relevant; es gibt lediglich unter- phie des 20. Jhs. geworden. Der geistes-
schiedliche Grade des Gesichertseins. geschichtliche Urheber all dieser Begriffsbestim-
In gewissem Sinn stellt Deweys Werk die mungen ist dagegen in der ³ffentlichkeit zu-
Quintessenz des amerikanischen Pragmatismus meist unbekannt geblieben.
dar, auch wenn er selbst eine andere Bezeich- Wilhelm Dilthey wurde am 19. November
nung fÝr seine Philosophie vorzog. In jedem Fall 1833 in Biebrich bei Wiesbaden als Sohn eines
ist es, was die aktuelle philosophische Debatte nassauischen Hofpredigers geboren. Er studierte
angeht, nicht immer leicht, im Einzelnen zu un- Theologie und Philosophie an der Berliner Uni-
terscheiden, welche der zahlreichen pragmatisti- versitÈt, damals eine Hochburg des geschicht-
schen Motive auf eine allgemeine Renaissance lichen Denkens. Hier hatte Niebuhr die his-
dieser Richtung und welche im besonderen auf torisch-kritische %Methode entwickelt, was ein
Dewey zurÝckzufÝhren sind. WÈhrend die allent- Meilenstein zur Konstituierung der Historie als
halben festzustellende Ablehnung traditioneller Geschichtswissenschaft war; und hier hatte Savi-
philosophischer Dualismen und die Hinwendung gny gelehrt, dass das %Recht nicht das Erzeug-
zu einem holistischen Weltbild sich sowohl bei nis einer zeitlosen %Vernunft ist, sondern dem
Dewey als auch (wenngleich weniger ausgearbei- Wandel der geschichtlichen KrÈfte eines Volkes
tet) bei James finden, scheint beispielsweise die unterworfen bleibt; und letztlich war hier immer
›Degradierung‹ – nicht die Ersetzung – des Be- noch das universalgeschichtliche Philosophieren
griffs der Wahrheit allein eine Konsequenz des des deutschen %Idealismus (%Fichte, %Hegel,
Instrumentalismus zu sein. Wenn demnach Ri- der spÈte %Schelling) in lebendiger Erinnerung;
chard Rortys Bezeichnung »Neu-Pragmatisten« Dilthey erlebte noch Jacob Grimm, Mommsen
tatsÈchlich auf Autoren wie %Quine, %Goodman und vor allem Ranke. Unter diesem allgemeinen
oder Davidson zutreffen sollte, dann ist dies si- Einfluss bildete sich bei ihm allmÈhlich der Ge-
cherlich eher auf den Einfluss Deweys als auf danke, dass fÝr alle Bereiche geistiger Erschei-
den von Peirce oder James zurÝckzufÝhren. nungen ein Verfahren verfehlt sein mÝsse, das
J. Dewey, Die Erneuerung der Philosophie, Hamburg
deren gegenwÈrtig gÝltige Formen als durch
1989 geographische, Úkonomische, nationale und kul-
: Erfahrung und Natur, Frankfurt/M. 1995 turelle UmstÈnde bedingte Variationen konstan-
: Die Suche nach Gewißheit. Eine Untersuchung des ter Grundformen (der Staat Ýberhaupt, die Reli-
VerhÈltnisses von Erkenntnis und Handeln, Frank gion Ýberhaupt, die Kunst Ýberhaupt usw.) an-
furt/M. 1998 sieht, um sich dann gezwungen zu sehen, diese
M. Suhr, John Dewey zur EinfÝhrung, Hamburg 1994
A. S.
wegen ihrer vermeintlichen Konstanz – wenigs-
tens hypothetisch – auf NaturkrÈfte zurÝck-
zufÝhren. Statt solcher Konstruktionen empfiehlt
sich nach Dilthey, vorurteilslos das ganze feine
Dilthey, Wilhelm (1833–1911): Dass man zwei Gewebe der in einer geschichtlichen Epoche be-
Arten von Wissenschaften – die Natur- und die stehenden Beziehungen zwischen den geistigen
Geisteswissenschaften – unterscheiden kann, Erscheinungen aufzuspÝren, um so eine sichere
gilt heute allgemein als selbstverstÈndlich. Auch Erfahrungsbasis zu gewinnen, die Entstehung
der methodische Dualismus von ErklÈren und und Wandel einer bestimmten Erscheinungsform
102 Dilthey, Wilhelm

zu verfolgen und so ihre geschichtliche Ein- einen Zusammenhang darstellen, sind sie Ganz-
maligkeit zu entdecken erlaubt. Die Erkenntnis heiten; als solche bezeichnen wir sie als Per-
des tatsÈchlichen Wirkungszusammenhangs ei- sonen. Ihre ursprÝngliche Ganzheit begrÝndet,
ner Epoche ermÚglicht dann wiederum ein Ver- dass %Personen nie in dem aufgehen, was sich
stÈndnis der Besonderheiten eines Autors und durch ihre Interaktionen aufbaut. Sie lassen sich
seiner Werke. Die AusfÝhrungen dieses Kon- in ihrer Konstitution nicht nach den verschiede-
zepts haben dafÝr gesorgt, dass der Name Dilt- nen %Systemen des gesellschaftlichen Lebens
heys sich fest mit dem Begriff ›Geistesgeschich- bzw. nach den in diesen Systemen erforderlichen
te‹ verbunden hat. BerÝhmte Beispiele sind das FÈhigkeiten aufteilen, sie sind im strengen Sinne
Leben Schleiermachers und die Jugendgeschichte Individuen. Die individuellen Personen dÝrfen
Hegels sowie die biographisch-literarischen Dar- daher nie betrachtet werden als gleich bleibende
stellungen Ýber Goethe und Novalis, vor allem Bestandteile (letzte Elemente), aus denen sich al-
in ihrer Ýberarbeiteten Form in der SpÈtschrift le LebenszusammenhÈnge durchsichtig zusam-
Das Erlebnis und die Dichtung, aber auch die mensetzen ließen. Personen sind immer nur
zahllosen LÈngsschnittuntersuchungen zu syste- Glieder der WirkungszusammenhÈnge des %Le-
matischen Problemen wie z. B. Die Entstehung bens; und als %Individuen kÚnnen sie den ein-
der Hermeneutik, Auffassung und Analyse des zelnen WirkungszusammenhÈngen wie Recht,
Menschen im 15. und 16. Jahrhundert, Das %Staat und sozialen Gemeinschaften sowie der
18. Jahrhundert und die geschichtliche Welt und Kultur nie endgÝltig unterworfen werden. Im Ge-
Die Funktion der Anthropologie in der Kultur des genteil, gerade als Individuen kÚnnen sie diesen
16. und 17. Jahrhunderts. ZusammenhÈngen stets Neues hinzufÝgen, so-
Einen zweiten Anstoß fÝr seine philosophische dass deren Weiterentwicklung nie wirklich ab-
Entwicklung hat Dilthey erst außerhalb Berlins brechen kann. Der universellste Wirkungs-
erfahren. Ab 1865 erhielt er Rufe nach Basel, zusammenhang des Lebens ist die Menschheit;
Kiel und Breslau; 1882 wurde er nach Berlin zu- in der Querschnittsbetrachtung wird diese als
rÝckberufen. In dieser Zeit lernte Dilthey die ver- %Gesellschaft (Kultur, Staat und soziales Leben),
schiedenen Forschungsrichtungen der modernen in LÈngsschnittuntersuchungen als %Geschichte
Psychologie kennen. Die Entdeckung der sinnes- bezeichnet. Das zweite Buch zeigt die Entste-
physiologischen Psychologie, dass selbst Empfin- hung und Herrschaft der %Metaphysik in der
dungen nicht bloß passiv die realen QualitÈten Antike und im %Mittelalter sowie ihren Verfall
abbilden, sondern nicht ohne die Mitwirkung in der Moderne. Die Verfallsgeschichte sollte die
des Erkenntnissubjekts zustande kommen, wur- UnmÚglichkeit einsichtig machen, die einzelnen
de bestimmend fÝr seine ›idealistische‹ Auffas- Geisteswissenschaften noch einmal auf Metaphy-
sung von der EigenstÈndigkeit des psychischen sik, d. h. letzte Wesenserkenntnisse, grÝnden zu
Lebens (%Bewusstsein, geistiges Leben) im Auf- kÚnnen. Die nicht erschienenen BÝcher 3 bis 5
bau jeder %Erkenntnis. Dementsprechend sollte sollten schließlich die erkenntnistheoretisch-psy-
die Psychologie die Funktion einer Grundwissen- chologische, die logische (kategoriale) und die
schaft fÝr den Aufbau der geisteswissenschaftli- methodologische Grundlegung der Geisteswis-
chen Erkenntnis Ýbernehmen. 1883 erschien der senschaften behandeln. An diesen systemati-
erste und einzige Band seines historisch-syste- schen BÝchern hat Dilthey unaufhÚrlich bis zu
matischen Hauptwerks Einleitung in die Geistes- seinem Tode (1.10.1911) gearbeitet. Die immer
wissenschaften. Versuch einer Grundlegung fÝr weiter zunehmenden Verzweigungen dieses sys-
das Studium der Gesellschaft und der Geschichte. tematischen Programms ließen einen Abschluss
Er enthielt die ersten beiden BÝcher des auf fÝnf der Arbeiten nicht mehr zu. Nur zweimal noch
BÝcher angelegten Werkes. Das erste, einleitende hat Dilthey einen Einblick in die Ausarbeitung
Buch zeigt zunÈchst, dass es auch fÝr die Geis- dieses Programms gegeben: in der einflussrei-
teswissenschaften einen universalen Wirklich- chen Abhandlung Ideen Ýber eine beschreibende
keitsbereich gibt. Dieser entsteht durch die Inter- und zergliedernde Psychologie (1894) und in der
aktionen psychophysischer Einheiten. Sofern die- nicht minder bedeutsamen Abhandlung Der Auf-
se Lebenseinheiten gemÈß ihrer internen Bezie- bau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissen-
hung des Psychischen auf ihr Physisches bereits schaften (1910). Die Dispositionen und Fragmen-
Dilthey, Wilhelm 103

te zum ›zweiten‹ Band sind schließlich erst vor stimmt und daher ihr allgemeines Kennzeichen
einigen Jahren aus dem Nachlass verÚffentlicht ausmacht, ist die in allen ihren Tatsachen ent-
worden (Bd.19 der Gesammelten Schriften). deckbare Trias von »Erleben, Ausdruck und Ver-
Diltheys Ausgangsproblem war die Frage stehen«. In allen diesen Wissenschaften, ob in
nach dem wissenschaftstheoretischen Status der Rechts- oder Literaturwissenschaft, geht es
derjenigen Erfahrungswissenschaften, die sich letztlich darum zu verstehen, warum sich Men-
zunÈchst einmal durch ihre Themen von den schen in bestimmten Situationen (Interaktionen)
klassischen Naturwissenschaften unterschieden: persÚnlich so oder so verhalten kÚnnen. Im Un-
Psychologie, Historie, Rechtswissenschaft, Staats- terschied zur Èußeren %Erfahrung, bei der un-
wissenschaften, Sozialwissenschaften, Literatur- ser Selbst gewissermaßen ausgeschaltet bleibt,
und Sprachwissenschaften. Der %Positivismus sind wir bei allem personalen Verhalten stets in-
hatte aber die mathematische Naturwissenschaft nerlich beteiligt. Wegen dieses lebhaften Interes-
zum Maßstab der Wissenschaftlichkeit einer je- siertseins bezeichnet Dilthey ein solches Verhal-
den Disziplin erhoben. Damit wurde der thema- ten als Erleben. Dieser Charakter ÝbertrÈgt sich
tische Unterschied der Disziplinen als vorder- auch auf die im Zuge solchen Verhaltens auftre-
grÝndig zurÝckgewiesen und ihre Wissenschaft- tenden LebensÈußerungen (Mienen, Gesten,
lichkeit allein von der BefÈhigung zu mecha- sprachliche AusdrÝcke, Gestaltungen und Taten),
nisch-kausaler ErklÈrung abhÈngig gemacht. sodass uns generell kein Ausdruck gÈnzlich
Dementsprechend hatte Comte beispielsweise fremd oder unverstÈndlich sein kann. NatÝrlich
die Soziologie als soziale Physik verstehen wol- geschieht es dem Einzelnen, dass ihn ein be-
len; die seit 1850 erhobenen Forderungen, die stimmter Ausdruck aufgrund des gegebenen Ho-
Psychologie und Historie endlich als Naturwis- rizontes seiner Lebenserfahrung befremdet. Er
senschaften zu behandeln, waren Èhnlich ge- mÚchte dann wissen, was dieser eigentlich be-
meint. Mit diesem Methodenmonismus unter- deutet. Solches Verstehen wÈre nun nach Dilt-
stellte der Positivismus freilich, dass alle psy- hey nicht mÚglich, wenn wir – was alle an der
chischen, kulturellen und sozialen Erscheinun- Naturwissenschaft orientierten %Erkenntnis-
gen letztlich auf Naturerscheinungen reduziert theorien fordern – unsere Interessiertheit aus-
werden kÚnnten. Auf diese Tendenz antwortete schalten wÝrden und in bloßer Betrachtung des
Dilthey mit der These von der thematischen und Ausdrucks seine %Bedeutung herausklauben
methodischen SelbstÈndigkeit der Geisteswissen- wollten. Vielmehr muss man seine allgemeine
schaften. FÝr ihn stand fest, dass in der Moder- menschliche Interessiertheit gerade einschalten;
ne eine humane Gestaltung unseres gesellschaft- es gilt, das ursprÝngliche Erleben selbsttÈtig
lichen Lebens nur gelingen kann, wenn sich die nachzubilden. Durch seinen lebendigen Bezug
hierauf bezogenen Disziplinen zu eigenstÈndi- zum Erleben gibt jeder Ausdruck, auch der be-
gen Wissenschaften auszubilden vermÚgen, und fremdliche, die Gelegenheit dazu, in ihm das ge-
dass dies wiederum nur ungestÚrt geschehen Èußerte (objektivierte) Erleben wieder nachzuer-
kann, wenn wir unser gesamtes Wissenschafts- leben. FÝr den Verstehenden ist dieses Nacherle-
system als ein dualistisches begreifen lernen. ben aber ein neues Erleben; der Horizont seiner
Die Bezeichnung ›Geisteswissenschaften‹ fÝr Lebenserfahrung erweitert sich, und darin be-
die zweite HÈlfte unseres Wissenschaftssystems steht der eigentliche Erkenntniseffekt.
war fÝr Dilthey selbst nicht zwingend. Ihm Die einzelnen Geisteswissenschaften kommen
schien nur, dass die Alternativen ›Kulturwissen- mit dieser Grundform des Verstehens – Nachbil-
schaften‹, ›Moralwissenschaften‹ (im Sinne von den von Erleben – selbstverstÈndlich nicht aus.
Verhaltenswissenschaften) ›Gesellschaftswissen- Sie erhalten ihre Themen ja dadurch, dass es
schaften‹ und ›Humanwissenschaften‹ (heute vor bei fortschreitender Ausdifferenzierung der all-
allem in Amerika die vorherrschende Bezeich- gemeinen Lebenserfahrung und einer damit ein-
nung) alle mit Einseitigkeiten behaftet wÈren, hergehenden Generalisation der ausdifferenzier-
der Titel ›Geisteswissenschaften‹ dagegen den ten Glieder zur Bildung verschiedener, sich ge-
Vorzug hÈtte, wenigstens einen zentralen Tatsa- genseitig abstoßender Systeme (Recht, Verwal-
chenkreis zu bezeichnen. tung, Wissenschaft, Wirtschaft, Verwandtschaft
Denn das, was alle diese Wissenschaften be- u. a.) kommt. Dem gemÈß mÝssen die einzelnen
104 Fichte, Johann Gottlieb

Geisteswissenschaften auch hÚhere, artifizielle Fichte gleichsam Ýber Nacht berÝhmt geworden
Formen des Verstehens entwickeln, Formen, die und wurde viel gelesen. Die Grundlegung der
der Logik des thematisierten Systems (z. B. des frÝhromantischen Philosophie und Dichtungs-
Normensystems bei der richterlichen Gesetzes- theorie wÈre ohne ihn nicht denkbar.
auslegung) entsprechen mÝssen. Dilthey hat Die Biographie Fichtes ist die eines Aufstiegs:
sich mit der Frage der spezifischen Hermeneu- »Ich glaube an eine Vorsehung, und ich merke
tik nicht mehr beschÈftigt. Er war aber der Mei- auf ihre Winke«, so schreibt er an seine Braut.
nung, dass auch diese komplexeren Formen zu- Gerade von der Vorsehung und ihren GlÝcksver-
letzt wieder auf die Grundform des Verstehens sprechen will der in Jena spÈter etablierte Phi-
zurÝckkommen mÝssen. losophieprofessor freilich nichts mehr wissen.
FÝr ihn war es genug, gezeigt zu haben, dass Doch kann er sich Ýber ihre FÝgung bis zu die-
alle geisteswissenschaftlichen Tatsachen einen sem Ziel durchaus nicht beklagen.
inneren Bezug von Erleben, Ausdruck und Ver- Fichte wurde am 19. Mai 1762 als erstes Kind
stehen aufweisen. Mit diesem Aufweis konnte des Bandwirkers Christian Fichte in Rammenau/
als gegeben gelten, dass der Objekts- und Wirk- Oberlausitz geboren. Durch einen Pfarrer erhielt
lichkeitscharakter des Ausdrucks ein ganz ande- er einige Jahre lang Unterweisung, bevor er mit
rer ist als der des Dinges in der Natur. Und hie- etwa zwÚlf Jahren kurze Zeit die Stadtschule
rauf konnte er wiederum seine Forderung nach von Meißen und seit Oktober 1774 die FÝrsten-
einer genuinen geisteswissenschaftlichen Metho- schule Schulpforta besuchte und sich damit auf
de grÝnden. Zur BekrÈftigung pflegte er sich den klassischen Bildungsweg eines Gelehrten
gern auf das Wort F. %Bacons zu berufen: Natu- im mitteldeutschen Raum begab.
ra parendo vincitur. Die Natur wird nur dadurch 1780 immatrikulierte sich Fichte in Jena als
besiegt, dass man ihr gehorcht, d. h. nach Dil- studiosus theologicae, besuchte aber bald – wie
they, dass sich unser Erkennen der Eigenart ih- so manche GrÚße der deutschen Geistes-
rer Objekte anschmiegt. Diesen Satz hat Dilthey geschichte des 18. Jhs. vor ihm – neben den
sinngemÈß verallgemeinert: Wenn die Natur der theologischen sehr interessiert altphilologische,
Objekte, wie das bei denen der allgemeinen Le- philosophische, aber auch juristische Vorlesun-
benserfahrung der Fall ist, eine andere ist als gen. 1781 wechselte Fichte an die Landesuniver-
die, auf welche die Naturerfahrung stÚßt, dann sitÈt Leipzig, wohl in der Hoffnung auf ein Lan-
bedarf es fÝr sie auch einer anderen Methode desstipendium. Der Wegfall einer ihm gewÈhrten
als in der Naturwissenschaft, um sich ihrer be- UnterstÝtzung ließ ihm die Geldsorgen Ýber den
grifflich bemÈchtigen zu kÚnnen. Diese wissen- Kopf wachsen und Fichte sah sich gezwungen,
schaftliche Methode ist die Hermeneutik. sein Studium abzubrechen, um als Hauslehrer
F. Fellmann, Symbolischer Pragmatismus, Hermeneutik
ein Auskommen zu finden.
nach Dilthey, Reinbek 1991 Im Jahre 1792 begab er sich nach KÚnigsberg,
M. Jung, Dilthey zur EinfÝhrung, Hamburg 1996 um Kant zu besuchen. Um sich angemessen
C. Strube, Diltheys Systemprogramm. Die allgemeine empfehlen zu kÚnnen, schrieb er innerhalb sehr
BegrÝndung der Geisteswissenschaften, Frank kurzer Zeit seinen Versuch einer Kritik aller Of-
furt/M. 2003 fenbarung nieder und schickte das Manuskript
C. St.
mit einem Begleitschreiben an Kant. Die Schrift
wurde von Kant zur VerÚffentlichung vor-
geschlagen, jedoch, da anonym erschienen, von
Fichte, Johann Gottlieb (1762–1814): »Die aller Welt als eine neue Kritik des KÚnigsberger
FranzÚsische Revolution, Fichtes Wissenschafts- Philosophen begeistert aufgenommen. Erst eine
lehre und Goethes Meister sind die grÚßten Ten- Úffentliche Richtigstellung Kants konnte die Le-
denzen des Zeitalters«, so Friedrich Schlegel serschaft davon Ýberzeugen, dass ein bis dahin
1798 im 216. Fragment des Athenaeum, der ›Pro- unbekannter junger Mann der Verfasser sei.
grammzeitschrift‹ der FrÝhromantiker. Den Zeit- Fichte wurde berÝhmt und erhielt bereits zwei
genossen dÝrfte diese Emphase nicht so unge- Jahre spÈter eine Berufung als Philosophiepro-
wÚhnlich geklungen haben: Seit der Verwechs- fessor nach Jena. Gewissermaßen als Antritts-
lungsgeschichte mit %Kant im Jahre 1792 war vorlesung erschien die erste Fassung der Wissen-
Fichte, Johann Gottlieb 105

schaftslehre mit dem Titel Àber den Begriff der er dann gegeben sei. Irgendein A kann jedoch,
Wissenschaftslehre oder der so genannten Philoso- so fÈhrt Fichte in seinem Argumentationsgang
phie. Die zweite Fassung wurde im Herbst des- fort, nicht anders als in einem Ich gegeben sein.
selben Jahres unter dem Titel Grundlage der ge- Nur fÝr ein urteilendes Ich kann ein Gegenstand
samten Wissenschaftslehre publiziert. existieren. Dieses Ich, das als Grundlage aller
1799 verließ Fichte Jena infolge des so ge- GegenstÈnde nicht selbst wiederum in etwas an-
nannten Atheismusstreites unter recht schmÈh- derem gegrÝndet sein kann, ist in sich selbst ge-
lichen UmstÈnden. Im Jahre 1798 hatte er im grÝndet. Es hat sein %Sein aus sich selbst. Das
Philosophischen Journal einer Abhandlung For- Ich setzt sich selbst und ist darum ein %absolu-
bergs mit dem Titel Entwicklung des Begriffs der tes d. h. vollkommen unabhÈngiges Subjekt. FÝr
Religion einen Aufsatz Àber den Grund unseres alles andere dagegen soll gelten: »Alles, was ist,
Glaubens an die sittliche Weltregierung voran- ist nur insofern, als es im Ich gesetzt ist, und
gestellt, in dem %Gott und eine notwendig zu außer dem Ich ist nichts.« Ergebnis dieses Sich-
glaubende moralische Weltordnung miteinander selbst-Setzens ist die %Kategorie der RealitÈt.
identifiziert, ein persÚnlicher Gott also wie auch Fichte geht es nun aber nicht allein darum zu
GlÝckseligkeitsverheißung oder der %Glaube an zeigen, dass alle GegenstÈnde nur in Beziehung
die Sakramente als AbgÚtterei diskreditiert wer- auf ein Ich RealitÈt haben. Diese Einsicht findet
den. Die kursÈchsische Regierung verbot darauf- sich bereits bei dem britischen Empiristen
hin das Journal und verlangte von der Weimarer %Berkeley. Sein idealistisches Projekt soll darÝ-
Regierung die Bestrafung Fichtes. Einer geplan- ber hinaus darstellen, wie sich sÈmtliche Kate-
ten formellen Verwarnung griff Fichte mit der gorien der RealitÈt auf systematische Weise aus
Drohung vor, bei BeschrÈnkung seiner LehrtÈtig- einem einzigen Grundsatz entwickeln lassen.
keit Jena sofort zu verlassen. Diese Drohung traf Fichte nimmt damit Kants Anregung auf, dass
die Weimarer Regierung empfindlich. Auch Goe- »die systematische Einheit dasjenige ist, was ge-
the riet zu hartem Durchgreifen und Fichte wur- meine Erkenntnis zur Wissenschaft macht«.
de entlassen. Er fand Unterschlupf in Berlin, SÈmtliche Erkenntnisse mÝssen, so Kant, ein
wurde 1805 ins preußische Erlangen berufen, System bilden. Fichte wÈhlt als Ausgangspunkt
ging 1806 nach KÚnigsberg und hielt in den Jah- dieses Systems das Ich.
ren 1807 und 1808 im Berliner AkademiegebÈu- Er nimmt an, dass sich das Ich negierend auf
de unter den Augen der franzÚsischen Besatzer sich selbst bezieht. Das Ich setzt sich ein Nicht-
die Reden an die Deutsche Nation, einen uto- Ich entgegen. Ergebnis ist die Kategorie der
pischen Entwurf zu einer »Epoche der Vernunft- %Negation. Von der Negation schreitet Fichte
wissenschaft« und der sozialen Gleichwertigkeit weiter zur EinschrÈnkung, der Kategorie der Li-
aller Menschen. 1809 wurde er Dekan der phi- mitation fort. Man kann sich diesen Vorgang an-
losophischen FakultÈt, 1810 erster gewÈhlter hand folgender Metapher vergegenwÈrtigen: Das
Rektor der von ihm mitbegrÝndeten Berliner Ich bildet zunÈchst eine alles umschließende To-
UniversitÈt. Am 29. Januar 1814 starb Fichte talsphÈre und beinhaltet alle RealitÈt, etwa so,
Ýberraschend an einer Infektionskrankheit. wie ein Kreis alle von seinem Umfang umschlos-
In seinem Hauptwerk, der Wissenschaftslehre, senen Punkte umfasst. Durch die einschrÈnken-
unternimmt Fichte den ehrgeizigen Versuch, die de TÈtigkeit des Nicht-Ich wird die GesamtsphÈ-
%Strukturen der %RealitÈt auf dem Boden des re in mehrere TeilsphÈren untergliedert.
%Ich bzw. des %Subjekts zu konstituieren. Ein Mit Hilfe der genannten Begriffe, der Begriffe
%System, das als Grundlage der RealitÈtskonsti- der RealitÈt, der Negation und der Limitation
tution das Ich wÈhlt, bezeichnet man als subjek- will Fichte nun auch noch alle weiteren Begriffe
tiven %Idealismus. Als Ausgangspunkt seiner entwickeln. ZunÈchst leitet er die Begriffe Han-
Àberlegungen wÈhlt Fichte den Satz der %Iden- deln und Leiden, und aus diesen die Kategorien
titÈt, welcher lautet A=A. Nach Fichte handelt es der %KausalitÈt und der Wechselbestimmtheit
sich bei diesem Satz um eine Konditionalaus- ab. Fichte nimmt an, im Ich sei absolute Totali-
sage, die behauptet »wenn A sei, so sei A«. Mit tÈt an RealitÈt gesetzt (das Ich ist voll mit Reali-
dem Satz der IdentitÈt wird somit gesagt, dass, tÈt, so etwa wie ein Krug voll mit Wasser ist).
wenn ein bestimmter Gegenstand A gegeben sei, Im Nicht-Ich dagegen herrscht TotalitÈt der Ne-
106 Fichte, Johann Gottlieb

gation. Bestimmung des Ich durch das Nicht-Ich demselben Modell erklÈrt, welches um die Ein-
heißt nun, dass die TotalitÈt der RealitÈt im Ich fÝhrung zweier Bewegungsrichtungen erweitert
aufgehoben wird. Dasselbe Quantum an RealitÈt, wird. Die %Bewegung zwischen den Punkten A
das im Ich aufgehoben wird, wird in das Nicht- und C kann einmal von A nach C erfolgen, ein
Ich gesetzt (etwa so, wie Wasser aus einem vol- andermal von C nach A. VerlÈuft die Bewegung
len in einen zweiten, leeren Krug – das Nicht- von A nach C, so heißt sie »zentrifugal«. StÚßt
Ich – gegossen wird). Fichte bezeichnet nun die die Bewegung bei C an und kehrt sie zu A zu-
TotalitÈt von RealitÈt im Ich als TÈtigkeit, die rÝck, so liegt eine »zentripedale« Bewegungs-
Verringerung des Quantums an RealitÈt dagegen richtung vor. Das Ich gelangt nunmehr zu
als Leiden. Die Synthese beider, also von TÈtig- Selbstbewusstsein, weil es auf die in ihm und
keit und Leiden, soll den Begriff der KausalitÈt durch es selbst gesetzten GegenstÈnde reflektie-
ergeben. Weil das Ich nicht in ein und derselben rend bezogen ist. Das Ich setzt nicht nur einen
Handlung tÈtig und leidend sein kann, wird der Gegenstand, das Nicht-Ich, es erfÈhrt auch noch
Begriff der Wechselbestimmtheit eingefÝhrt. von dieser Setzung, indem ein Strahl von dort
%Substanz und %Akzidenz, die beiden ersten auf das Ich zurÝckfÝhrt. Selbstbewusstsein ist
Begriffe der kantischen Relationskategorie, wer- somit Resultat der Reflexion des Ich auf die von
den wiederum unter RÝckgriff auf das SphÈren- ihm selbst gesetzten GegenstÈnde. Die von A
modell erklÈrt. Als schlechthin gesetztes ist das nach C fÝhrende zentrifugale Bewegung soll
Ich Substanz, als in eine bestimmte SphÈre ge- aber nicht nur das PhÈnomen der Anschauung
setztes dagegen Akzidenz. Substanz und Akzi- erklÈren. Fichte benutzt sie auch noch, um die
denz sind also in erster Linie Bestimmungen Reihe der %Ideale zu erklÈren. Neben dem an-
des Ich. Das Ich selbst ist die allen Bestimmun- schaulichen %Objekt, von dem oben die Rede
gen zugrunde liegende Substanz, Akzidenzien, war, setzt das Ich auch noch ein ideales Objekt.
d. h. bestimmte Eigenschaften, sind Eigenschaf- Anders als das anschauliche Objekt liegt dieses
ten dieser Ich-Substanz, und verdanken sich der jedoch im Unendlichen und entzieht sich somit
Untergliederung dieser Substanz in verschiedene der Erreichbarkeit. Mit Hilfe dieser Annahme
SphÈren. Bildlich gesprochen resultieren also al- will Fichte die Tatsache erklÈren, dass Ideale
le Eigenschaften aus der Tatsache, dass eine zu- nur nÈherungsweise, niemals aber vollstÈndig
vor unbestimmte TotalitÈt in einzelne Segmente, erreichbar sind.
begrenzte SphÈren untergliedert wird. Jeder die- RÝckblickend auf die eben gegebene Darstel-
ser SphÈren entspricht eine Eigenschaft. lung seines Hauptwerkes lÈsst sich zusammen-
Um die intellektuellen FÈhigkeiten der %An- fassend sagen, dass es Fichte darum geht, zu-
schauung und der geistigen %Reflexion erklÈren nÈchst die kategorialen Strukturen der Wirklich-
zu kÚnnen, muss Fichte auf ein anderes %Mo- keit und des Denkens aus dem Satz Ich–Ich ab-
dell zurÝckgreifen. Er wÈhlt hierzu eine Bewe- zuleiten. Dem folgt die Ableitung der geistigen
gung, welche zwischen zwei Punkten, einem FÈhigkeiten der Anschauung und des Selbst-
Punkt A und einem Punkt C verlÈuft. »Der Zu- bewusstseins zusammen mit den die Wirklich-
stand des Ich, insofern seine TÈtigkeit zwischen keit ausmachenden GegenstÈnden. Schließlich
A und C liegt, ist ein Anschauen.« Dabei ist der leitet Fichte auch noch die zum Bereich des Sol-
Gegenstand der Anschauung, das was ange- lens, d. h. der %Ethik gehÚrenden Ideale ab.
schaut wird, »notwendig ein Nicht-Ich«, welches Sein System lÈsst somit keinen Platz fÝr etwas,
nicht anders, als durch das Ich gesetzt vorstell- das außerhalb des Ich gelegen wÈre. Funktionen,
bar ist. Das Ich setzt sich also zuerst einen Ge- die vorher Gott zugeschrieben worden sind, wie
genstand, um sich dann darauf anschauend zu z. B. die Eigenschaft der RealitÈtsstiftung, wer-
beziehen. Weil der angeschaute Gegenstand den nun dem Ich zugeschrieben. Nicht Gott,
nichts außerhalb des Ich Gelegenes ist, kann sondern das sich selbst setzende Ich ist der Bo-
Fichte von einer Selbstaffektion sprechen. Da- den der RealitÈt. Die theologische Folge ist die
durch, dass es ein von ihm verschiedenes Nicht- Umwandlung Gottes in einen Gegenstand der
Ich setzt, gewinnt sein Anschauen einen Gegen- Moral, eine Konsequenz, die allerdings schon
stand. bei Kant vorgezeichnet war.
Reflexion und %Selbstbewusstsein werden in Obwohl wie die meisten seiner Zeitgenossen
Frege, Gottlob 107

ein begeisterter AnhÈnger der franzÚsischen Re- gleichgesetzten ursprÝnglichen Einheit, die in
volution und BefÝrworter der individuellen sich Unterschiede einzeichnet und dadurch den
%Freiheit, entwickelt Fichte in seiner im Jahre begrifflichen Rahmen der Welt erzeugt, wird
1800 erschienen Schrift vom Geschlossenen Han- von HÚlderlin und Novalis Ýbernommen und
delsstaat ein Staatsmodell mit unverkennbar so- sprachphilosophisch umgedeutet. Der negatori-
zialistischer AusprÈgung. So hat sich der Einzel- sche Akt, der die ursprÝngliche Einheit in Viel-
ne dem Wissen des %Staates zu fÝgen, wenn es heit verwandelt, wird von beiden Autoren mit
um Fragen der Berufswahl oder von Grund und der %Sprache, dem Wort gleichgesetzt. Im Be-
Boden geht. Gewerbefreiheit, freier Handel sowie nennen der Dinge geht die Einheit der Welt ver-
eine lÈnderÝbergreifende WÈhrung werden von loren und verwandelt sich in eine Vielheit des
Fichte verworfen und nur eine LandeswÈhrung Ausgesagten. Diese Einheit auf hÚherer Stufe zu-
zugelassen. Wie schon der Name sagt, handelt rÝckzugewinnen betrachten beide Dichterphi-
es sich bei dem geschlossenen Handelsstaat um losophen als Aufgabe der Dichtung und Ziel der
ein Úkonomisch vollkommen autarkes Gebilde, Geschichte, die als Geschichte des Ich verstan-
das, um sich selbst zu erhalten, auf keine Èuße- den wird.
ren Ressourcen zurÝckgreift und das den Einzel- Von Fichte inspiriert, sodass anfangs kaum
nen vollstÈndig in den Dienst des Ganzen stellt. Unterschiede zwischen dem Werk beider Auto-
Fichtes Religionsphilosophie setzt die mit ren bestehen, sind die frÝhen SystementwÝrfe
Kant eingeleitete Entwicklung der Suche nach des jungen %Schelling. Seine nur ein Jahr nach
einem angemessenen Platz der Person Gottes in- der ErstverÚffentlichung der Wissenschaftslehre
nerhalb einer aufgeklÈrten Welt fort. War fÝr erschienene Schrift mit dem Titel Vom Ich als
Kant noch ein Moralpostulat, d. h. eine notwen- Prinzip der Philosophie ist der Entwurf zu einem
dige Annahme, ohne die kein moralisches Han- Konstitutionssystem, das seinen Ausgangspunkt
deln mÚglich ist, erforderlich, so wird auch die- ebenfalls im Ich nimmt und von dort aus die
ser Gottesbegriff von Fichte preisgegeben und Strukturen der gesamten Wirklichkeit zu erzeu-
Gott als identisch mit der moralischen Weltord- gen versucht.
nung erklÈrt. B. Loheide, Fichte und Novalis: Transzendentalphiloso
In seiner %Geschichtsphilosophie geht Fichte phisches Denken im romantisierenden Diskurs, At
wie viele seiner Zeitgenossen von einer logi- lanta 2000
schen Aufeinanderfolge der einzelnen Abschnit- Ch. Asmuth, Das Begreifen des Unbegreiflichen: Phi
te der %Geschichte aus. Einzelne historische losophie und Religion bei Johann Gottlieb Fichte
Epochen folgen nicht planlos und zufÈllig auf- 1800 1806, Stuttgart 1999
G. J. Seidel, Fichte’s »Wissenschaftslehre« of 1794: A
einander. Ihrer Folge liegt eine Art Gesetz oder
Commentary on Part I, West Lafayette 1993
Plan zugrunde, etwas, das sich auf dem Wege P. Baumanns, Johann Gottlieb Fichte, Freiburg/Br. 1990
des reinen Denkens ermitteln lÈsst, ohne dass M. Oesch (Hg.), Aus der FrÝhzeit des deutschen Idea
man sich auf die Untersuchung von historischen lismus. Texte zur Wissenschaftslehre Fichtes 1794
Einzelheiten und ZusammenhÈngen einlassen 1804, WÝrzburg 1987
mÝsste. T. B.
Obwohl die Ausstrahlung Fichtes zeitlich eng
begrenzt war – die Kants reichte viel weiter und
hÈlt bis heute an – so war doch seine Wirkung Frege, Gottlob (1848–1925): Geboren am 8.
unter den Zeitgenossen gewaltig. Insbesondere 11. in Wismar, gestorben am 26. 7. in Bad Klei-
fÝr die beiden Dichterphilosophen Friedrich HÚl- nen. Versetzt man sich in das erste Viertel des
derlin und Friedrich von Hardenberg, genannt 20. Jhs. fÈllt es schwer, Freges Lebenswerk nicht
Novalis, war Fichte eine Art geistiger Vater, der als gescheitert anzusehen. Der zweite Band der
ihr Werk durch seine Philosophie nachhaltig be- Grundlagen der Arithmetik, die von ihm als KrÚ-
einflusste. Nicht nur, dass Fichte selbst in einer nung seiner jahrzehntelangen Forschungen Ýber
der Fassungen von HÚlderlins Hyperion als Er- die Grundlagen der Mathematik angesehen wur-
zieher auftritt, auch seine Philosophie, wie er de, war gerade fertiggestellt, als am 16. Juni des
sie in seiner Wissenschaftslehre entwickelt, ins- Jahres 1902 ein heute berÝhmter Brief von Rus-
besondere seine Konzeption einer mit dem Ich sell eintraf, in dem er Frege die Entdeckung ei-
108 Frege, Gottlob

nes Widerspruchs mitteilte, der sich aus dem im gestellten Systems unterscheidet sich von der
ersten Band der Grundlagen dargestellten Sys- von George Boole einige Jahre zuvor vorgelegten
tem herleiten lÈsst. Dieser heute als russellsche logischen Algebra dahingehend, dass die Be-
Antinomie bekannte Widerspruch untergrub die griffsschrift nicht nur zur symbolischen Notation
PlausibilitÈt des gesamten fregeschen Systems. logischer Gesetze, sondern zum exakten Aus-
Freges Versuche, den Fehler zu beheben, blie- druck eines (nichtlogischen) Inhalts dienen soll-
ben erfolglos. In den Jahren vor seinem Tod war te. In der heutigen Rezeption steht allerdings
Frege persÚnlich wie wissenschaftlich isoliert, nicht dieser inhaltliche Aspekt im Vordergrund,
seine Forschungen wurden, zumindest in sei- sondern der von Frege prÈsentierte KalkÝl. Fre-
nem unmittelbaren akademischen Umfeld an ge fÝhrte als primitive Operatoren die materiale
der UniversitÈt Jena, weder geschÈtzt noch ver- Implikation und die Negation zusammen mit ih-
standen und es dauerte mindestens bis zum En- rer formalen Interpretation ein (die spÈter von
de der fÝnfziger Jahre, bis auch in Deutschland Wittgenstein zu den heute bekannten Wahrheits-
das Interesse an Frege wieder erwachte. tafeln weiterentwickelt werden sollte). Einzige
Dennoch lÈsst sich ohne Àbertreibung be- Schlussregel auf dieser Ebene ist der modus po-
haupten, dass Frege neben %Wittgenstein und nens. Frege zeigte, wie sich mithilfe dieses Ma-
%Heidegger zu den einflussreichsten deutsch- terials neue Operatoren und Schlussregeln be-
sprachigen Philosophen gehÚrt. Er Ýbte nicht stimmen lassen. Dieser Teil der Begriffsschrift
nur einen bedeutenden Einfluss auf den frÝhen entspricht der klassischen %Aussagenlogik.
Wittgenstein und auf %Carnap aus (Letzterer Eine wesentliche Neuerung in Freges System
war zeitweilig sein SchÝler) und legte die ist die Tatsache, dass er die aristotelische Unter-
Grundlagen fÝr die formale %Logik in ihrer heu- scheidung von Subjekt und PrÈdikat Ýber Bord
tigen Gestalt, sondern fÝhrte auch Techniken wirft und SÈtze stattdessen durch die Kategorien
des philosophischen Argumentierens ein, die fÝr ›Funktion‹ und ›Argument‹ analysiert. Dies er-
die analytische Philosophie nach wie vor von mÚglicht einen eleganten Umgang mit AusdrÝ-
fundamentaler Bedeutung sind. cken wie ›alle‹, ›einige‹, ›kein‹ usw., die in der
Freges Leben, das er grÚßtenteils an der Uni- aristotelischen Logik dem PrÈdikat zugeschlagen
versitÈt Jena verbrachte – zuerst als außer- wurden. Frege bezieht sie jedoch auf den gan-
ordentlicher Professor, dann als ordentlicher Ho- zen Satz und bestimmt sie als Funktionen zwei-
norarprofessor fÝr Mathematik – verlief wenig ter Stufe, die Funktionen erster Stufe (nÈmlich
ereignisreich. Seine erste philosophisch bedeu- SÈtze ohne solche AusdrÝcke) als Argumente
tende Publikation legte er 1879 vor, einen nehmen. Hiermit hat Frege den %Quantor in
schmalen Band mit dem Titel Begriffsschrift. Ei- die Logik eingefÝhrt und die klassische %PrÈdi-
ne der arithmetischen nachgebildete Formelspra- katenlogik begrÝndet, die die AusdrucksmÚglich-
che des reinen Denkens. Dieses Buch nimmt in keiten sowohl der Syllogistik als auch der boo-
der Geschichte der Logik eine Èhnliche Sonder- leschen logischen Algebra Ýberschreitet. Im Fol-
stellung ein wie Aristoteles’ Erste Analytik und genden diskutiert Frege einige Anwendungen
ließ (einige verstÈndige) Zeitgenossen von Frege seines KalkÝls (das nie als bloßer KalkÝl, son-
als »dem grÚßten Logiker unserer Zeiten« spre- dern stets als Ausdruckshilfsmittel gedacht war),
chen. Das darin verfolgte Programm wird von insbesondere definiert er in der PrÈdikatenlogik
Frege selbst in die Tradition der leibnizschen zweiter Stufe das Prinzip der mathematischen
characteristica universalis gesetzt, also einer for- %Induktion, einen fÝr die BegrÝndung der
malen Kunstsprache, die Inhalte so exakt dar- Arithmetik essenziellen Begriff.
zustellen vermag, dass sich Denkfehler in ihr Der Natur mathematischer %Urteile und ins-
erst gar nicht formulieren lassen. Frege fÝhrte besondere der Definition des Anzahlbegriffes ist
eine (heute nicht mehr verwendete) zweidimen- Freges fÝnf Jahre spÈter erscheinendes Werk Die
sionale Notation ein, die es erlauben soll, mathe- Grundlagen der Arithmetik gewidmet. Noch
matische und allgemein wissenschaftliche %Kant war der Meinung, dass arithmetische Ur-
SchlÝsse »auf sicherste Weise zu prÝfen und je- teile %a priori, also vor aller Erfahrung gelten,
de Voraussetzung, die sich unbemerkt einschlei- jedoch nicht analytisch seien: das PrÈdikat eines
chen will, anzuzeigen«. Die Konzeption des dar- Urteils ist nicht in versteckter Form schon im
Frege, Gottlob 109

Subjekt enthalten. Freges Projekt ist der Nach- Kategorie bestimmter Objekte (z. B. Zahlen) zu
weis der analytischen Natur arithmetischer (und bestimmen, indem wir SÈtze Ýber diese Objekte
damit allgemein mathematischer) Urteile. ›Ana- analysieren. Anders als verschiedene Theorien,
lytisch‹ wird von ihm jedoch nicht im Sinne der die davon ausgingen, dass z. B. Zahlzeichen an
Begriffsinklusion verstanden, vielmehr gilt ein sich bedeutsam seien, soll fÝr Frege die Unter-
Urteil als analytisch, wenn zu seinem Beweis suchung des Zahlbegriffs bei der Analyse von
nur SÈtze der Logik sowie %Definitionen ver- arithmetischen SÈtzen ansetzen. Diese Forde-
wendet werden mÝssen. In diesem Sinne will rung nach der PrioritÈt der Untersuchung der
das fregesche logizistische Programm zeigen, Verwendung von AusdrÝcken, die Ýber eine be-
dass die gesamte Mathematik aus analytischen, stimmte Art von Dingen sprechen, vor inhalt-
d. h. aus auf die Logik zurÝckfÝhrbaren SÈtzen lichen Spekulationen Ýber diese Dinge hat Frege
besteht. Der DurchfÝhrung dieses Programms zu einem BegrÝnder der sprachanalytischen Me-
sind die Grundlagen gewidmet. Sie bauen auf thode in der Philosophie (mit dem fÝr sie cha-
der Begriffsschrift auf, verwenden aber nicht Fre- rakteristischen linguistic turn) gemacht.
ges Notation (ein ZugestÈndnis an eine breitere Frege unterscheidet zwischen GegenstÈnden,
Leserschaft), ohne dass dies jedoch der Strenge die durch Namen oder Kennzeichnungen be-
der %Argumentation Abbruch tut. Zu Beginn zeichnet werden (›Petrus‹, ›der japanische Kai-
der Grundlagen nennt Frege drei allgemeine ser‹) und Begriffen, denen wir normalerweise ei-
Prinzipien, von denen er im Lauf seiner Unter- nen unbestimmten Artikel voranstellen (›ein
suchungen ausgeht. Diese sind nicht nur von Schiff‹). Eigenschaften von GegenstÈnden identi-
wesentlicher Bedeutung fÝr ein VerstÈndnis von fiziert er mit Funktionen erster Stufe, Eigen-
Freges Werk, sondern auch fÝr die gesamte spÈ- schaften von Begriffen mit Funktionen zweiter
tere Entwicklung der %analytischen Philoso- Stufe. Es ist also in Freges System nicht mÚg-
phie. Es sind dies die Trennung von Logik und lich, zu sagen ›A existiert‹ wenn A einen Gegen-
Psychologie, das Kontextprinzip sowie die Unter- stand und nicht einen Begriff bezeichnet (unter
scheidung von %Begriff und Gegenstand. einen Begriff kann somit etwas fallen, nicht je-
In der Logik des 19. Jhs. wurde ein Urteil re- doch unter einen Gegenstand). Freges Kunst-
gelmÈßig als eine Verbindung von Vorstellungen sprache lÈsst nicht zu, bestimmte philosophi-
bezeichnet. Die Betrachtung arithmetischer Ur- sche Aussagen (wie z. B. die, dass Existenz eine
teile zeigt, wie problematisch diese Annahme Eigenschaft von GegenstÈnden ist, eine Voraus-
ist: Zahlen als Bestandteile von solchen Urteilen setzung mancher Formen des ontologischen Got-
mÝssten demnach Vorstellungen sein. Ein ma- tesbeweises) zu formulieren. Frege konstruiert
thematisches Objekt wie die Zahl fÝnf ist jedoch hier zum ersten Mal das Ideal einer philosophi-
nicht identisch mit der Vorstellung von ihm schen Sprache, die sozusagen aus sich heraus
(dann gÈbe es viele verschiedene FÝnfen, die das Denken in die richtige Richtung lenkt.
Zahl fÝnf wÈre vergÈnglich usw.), genauso we- Frege wollte eine Untersuchung des Anzahl-
nig, so argumentiert Frege, wie z. B. Helium begriffs durch Analyse von SÈtzen, in denen
identisch mit der Vorstellung von Helium ist. Zahlen vorkommen, durchfÝhren. Als besonders
Diese Unterscheidung zwischen dem Psychologi- wichtig erweisen sich in diesem Fall IdentitÈts-
schen der Vorstellungen und Denkprozesse und aussagen, also SÈtze wie ›die Anzahl der F ist
dem Logischen stellte eine wesentliche Voraus- gleich der Anzahl der G‹. Frege argumentiert,
setzung fÝr die Fortentwicklung der modernen dass diese wahr (also F und G gleichzahlig)
Logik dar. sind, falls die F und G einander ein-eindeutig
Das Kontextprinzip besagt, dass nach der zugeordnet werden kÚnnen (d. h. fÝr jedes F gibt
%Bedeutung von Worten nur im Satzzusammen- es genau ein G und umgekehrt). Die Annahme,
hang, nicht in ihrer Vereinzelung gefragt wer- dass die Anzahl der F gleich der der G genau
den darf. Auch wenn wir dies nicht als semanti- dann ist, wenn F und G gleichzahlig sind, wird
sche These (»Die Bedeutung eines Wortes wird als humesches Prinzip bezeichnet (da Frege es
vom Satzzusammenhang bestimmt«) auffassen, mit einem Zitat Humes einfÝhrt). Frege zeigt
formuliert es doch eine bestimmte philosophi- dann im Weiteren, wie sich ›gleichzahlig‹ rein
sche Methodik. Es schlÈgt vor, die ontologische logisch definieren lÈsst (fÝr die DurchfÝhrbar-
110 Frege, Gottlob

keit des logizistischen Programms eine entschei- allein abgeleitet werden kÚnnen (also ohne das
dende Tatsache). Aufgrund verschiedener Proble- problematische Grundgesetz V bemÝhen zu
me verwendet Frege jedoch am Ende ein ande- mÝssen). Weiterhin gibt Frege rein logische De-
res, etwas komplexeres Prinzip. Eine wichtige finitionen endlicher und unendlicher Anzahl
Schwierigkeit mit der obigen Bestimmung ist und beweist das KategorizitÈtstheorem (»Alle die
das so genannte Julius-CÈsar-Problem. Wenn F Axiome der Arithmetik erfÝllenden Modelle sind
und G einander eineindeutig zugeordnet werden isomorph«).
kÚnnen, ist es uns zwar mÚglich, IdentitÈtsaus- Viele fÝr das VerstÈndnis von Freges Arbeiten
sagen bestimmter Art zu entscheiden (wie z. B. zentrale Begriffe finden sich auch in seinen Auf-
›die Anzahl der F ist mit der der Anzahl der G sÈtzen, besonders sind hier Funktion und Begriff,
identisch‹), aber nicht andere (›die Anzahl der F Àber Sinn und Bedeutung sowie Der Gedanke zu
ist mit Julius CÈsar identisch‹). Wir scheinen nennen.
keine klare ontologische Trennlinie zwischen Seine Werke zur Grundlegung der Arithmetik
Anzahlen und anderen GegenstÈnden ziehen zu sind in der analytischen Philosophie viel rezi-
kÚnnen. piert worden, vielen gilt er sogar als ihr Vater
Frege bestimmt schließlich die Anzahl der F und BegrÝnder. Herauszuheben sind in diesem
als den %Umfang des Begriffes ›gleichzahlig mit Zusammenhang besonders die Werke Michael
dem Begriff F‹ (so ist dann z. B. die Anzahl der Dummetts, die Freges Arbeiten international be-
zwÚlf Apostel gleich der Menge aller zwÚlfele- kannt gemacht haben. Aufgrund der Inkonsis-
mentigen Mengen). Frege leitet das humesche tenz des fregeschen Programms konzentriert
Prinzip dann hieraus ab und kann nun die Zahl sich ein Großteil der gegenwÈrtigen systemati-
Null (gleichzahlig mit dem Begriff ›sich selbst schen Fregeforschung hauptsÈchlich auf das hu-
ungleich‹) sowie die Nachfolgerbeziehung und mesche Prinzip. Ließe es sich als rein logisches
weitere wichtige arithmetische Begriffe definie- Prinzip auffassen, wÈre dies (dank des fre-
ren. geschen Theorems) eine recht gute Rechtfer-
Allerdings benÚtigt Frege zur Ableitung des tigung des Logizismus. Allerdings wird diese
humeschen Prinzips das berÝhmt-berÝchtigte Annahme nicht von vielen geteilt. Crispin
Grundgesetz V aus den Grundgesetzen (»Die Um- Wright verteidigt in seinen Arbeiten die Auffas-
fÈnge zweier Begriffe sind gleich genau dann, sung, dass es sich beim humeschen Prinzip
wenn alles, was unter den einen fÈllt, auch un- zwar nicht um ein logisches Prinzip, aber doch
ter den anderen fÈllt«). Dies entpuppt sich als um eine ErklÈrung der Verwendung von Namen
entscheidende Schwachstelle des Systems. Ge- von Anzahlen handle. LÈsst sich hieraus die
nau hieraus lÈsst sich nÈmlich die russellsche Arithmetik gewinnen, so Wright, ist ein großer
Antinomie herleiten (da wir nun Ýber die Menge Schritt in einem neufregeschen Programm ge-
aller Mengen, die sich nicht selbst als Element tan. Die Forschung auf diesem faszinierenden
enthalten, sprechen kÚnnen; diese Menge ent- Gebiet dauert an.
hÈlt sich selbst genau dann, wenn sie sich nicht
selbst enthÈlt), sodass die Inkonsistenz von Fre-
ges System gezeigt ist. Alle seine Beweise sind M. Dummett, Frege’s Philosophy of Language, 2. Aufl.
eigentlich uninteressant, da sich in solchen Sys- London 1992 [1973]
G. Frege, Begriffsschrift. Eine der arithmetischen nach
temen sowieso jeder Satz beweisen lÈsst.
gebildete Formelsprache des reinen Denkens, Halle
Die 1893 und 1903 publizierten beiden BÈnde 1879 [Neudruck Darmstadt 1964]
der Grundgesetze der Arithmetik stellen im We- : Funktion Begriff Bedeutung, hg. von M. Textor,
sentlichen eine formale Fassung der Grundlagen GÚttingen 2002
dar. Allerdings enthalten sie auch eine Reihe : Die Grundlagen der Arithmetik. Eine logisch mathe
von eigenstÈndig interessanten Resultaten, die matische Untersuchung Ýber den Begriff der Zahl,
hier wenigstens kurz erwÈhnt werden sollen. Breslau 1884 [Neudruck Stuttgart 1987]
: Die Grundgesetze der Arithmetik, Bd. I, Jena 1893,
Wichtig ist zum einen das so genannte fregesche
Bd. II, Jena 1903
Theorem, das besagt, dass die der Arithmetik C. Wright, Frege’s Conception of Numbers as Objects,
zugrunde liegenden Axiome in der PrÈdikatenlo- Aberdeen 1983
gik zweiter Stufe aus dem humeschen Prinzip J. W.
Gadamer, Hans-Georg 111

Gadamer, Hans-Georg (1900–2002): Der Erkennen selbst ermÚglichende und fundieren-


deutsche Philosoph wurde am 11. 2. in Marburg de, dem Menschen ursprÝnglich zukommende
geboren und starb am 13. 3. in Heidelberg. Er existenziale Seinsart darstellt. Verstehen ist
studierte von 1918 bis 1922 in Breslau und Mar- demnach – neben der Befindlichkeit – ein
burg Philosophie, Germanistik, Geschichte und »Grundmodus des Seins« des menschlichen Da-
Kunstgeschichte (sowie von 1924–1927 Klassi- seins, d. h. ein »Existenzial«.
sche Philologie). 1922 Promotion (bei Natorp) In Gadamers philosophischer Hermeneutik
mit der Dissertation Das Wesen der Lust nach wird dieser von Heidegger in seiner Hermeneu-
den platonischen Dialogen. Habilitation 1929 (bei tik des Daseins entfaltete Begriff des Verstehens
%Heidegger) mit der Arbeit Interpretationen zum leitend. Dementsprechend verfolgt er – anders
platonischen Philebos. Gadamer lehrte in Mar- als die Èltere Hermeneutik – mit seinem Ent-
burg und Kiel, wurde 1937 a.o. Professor in Mar- wurf nicht die Absicht, eine »Kunstlehre des
burg und 1939 Ordinarius in Leipzig. Von 1947 Verstehens« vorzulegen; er entwirft keine Metho-
bis 1949 hatte er eine Professur in Frankfurt/M. dik der Geisteswissenschaften und leistet auch
inne, und von 1949 bis 1968 lehrte er (als Nach- keinen unmittelbaren Beitrag zur Erforschung
folger von Karl Jaspers) in Heidelberg. Nach der ihrer theoretischen Grundlagen. Stattdessen ist
Emeritierung nahm er zahlreiche Gastprofessu- sein Anspruch ein dezidiert philosophischer: Er
ren im Ausland wahr und Ýbte eine sehr aus- will das bewusst machen, was durch den Metho-
gedehnte Vortrags- und VorlesungstÈtigkeit im denstreit in den Geisteswissenschaften verdeckt
In- und Ausland aus. wird und aller modernen Wissenschaft voraus-
Gadamers umfangreiches Œuvre, das inzwi- liegt, d. h. sein Ziel ist der Versuch einer AufklÈ-
schen in einer zehnbÈndigen Ausgabe (Gesam- rung dessen, »was die Geisteswissenschaften
melte Werke, 1985–1995) und einigen ergÈnzen- Ýber ihr methodisches Selbstbewusstsein hinaus
den SammelbÈnden vorliegt, umfasst u. a. Arbei- in Wahrheit sind und was sie mit dem Ganzen
ten zur griechischen und zur neueren Philoso- unserer Welterfahrung verbindet«.
phie sowie zur •sthetik und Poetik. Im Mittel- Diesseits aller methodologischen Àberlegun-
punkt seines Werkes steht die BegrÝndung einer gen zum Verfahren des (philologischen) Verste-
philosophischen %Hermeneutik, die er mit sei- hens begreift Gadamer mit Heidegger das Ver-
nem 1960 erschienenen Hauptwerk Wahrheit stehen als eine Seinsweise des Daseins selber,
und Methode unternahm. und der Begriff der Hermeneutik bezeichnet ent-
Mit diesem Unternehmen schließt sich Gada- sprechend die »Grundbewegtheit des Daseins,
mer an das frÝhe Projekt einer »Hermeneutik die seine %Endlichkeit und %Geschichtlichkeit
der FaktizitÈt« seines Lehrers Heidegger an, das ausmacht«. Das Verstehen gehÚrt nach Gadamer
dieser in seinen Freiburger Vorlesungen zu Be- zur menschlichen Welterfahrung insgesamt und
ginn der zwanziger Jahre inauguriert und in sei- kann daher auch kein Gegenstand einer reinen
nem Hauptwerk Sein und Zeit von 1927 seinem MethodenerÚrterung sein. Da das Verstehen alle
Versuch einer Fundamentalontologie zugrunde WeltbezÝge des Menschen durchzieht und auch
gelegt hatte. Mit seiner »Hermeneutik der Fak- innerhalb der %Wissenschaft eine selbststÈndi-
tizitÈt‹« bzw. »Hermeneutik des %Daseins« radi- ge Geltung besitzt, widersetzt es sich dem Ver-
kalisiert Heidegger %Diltheys spÈte Philosophie such, als bloße %Methode der Wissenschaft auf-
des %Verstehens, die dieser im Kontext einer gefasst zu werden. Gadamers Hermeneutik
Theorie des »objektiven Geistes« entwickelt hat- schließt sich an diesen Widerstand gegen den
te. Heidegger wendet Diltheys Einsicht, dass universalen Anspruch der (neuzeitlichen) wis-
sich der Mensch »immer schon« in einer ver- senschaftlichen Methodik an und versucht dem-
standenen Welt vorfindet, die ihm zur Basis und entsprechend, »Erfahrung von Wahrheit, die den
zum Medium von Verstehensleistungen wird, zu Kontrollbereich wissenschaftlicher Methodik
der daseinsontologischen, d. h. quasi-anthropolo- Ýbersteigt«, freizulegen und hinsichtlich ihrer
gischen Grundaussage, wonach das Verstehen Legitimationsgrundlage zu befragen.
nicht mehr nur als Methode der Geisteswissen- Gadamer findet fÝr seine Grundintention ei-
schaften, also als eine spezifische Erkenntnis- ner Neubestimmung des Verstehens und der
form zu begreifen ist, sondern vielmehr eine das Hermeneutik in der Erfahrung der %Kunst ein
112 Gadamer, Hans-Georg

Modell, an dem sich eine angemessene Herme- der Unhintergehbarkeit von Tradition unabding-
neutik zu orientieren hat: sie vermag nÈmlich bar fÝr ein angemessenes Begreifen des Verste-
zu zeigen, dass das Verstehen als Teil des Sinn- hens und der geisteswissenschaftlichen For-
geschehens selbst zu denken ist, in dem sich schung. Verstehen ist daher fÝr ihn keine
der Sinn aller %Aussagen bildet und vollendet. »Handlung der SubjektivitÈt«, sondern vielmehr
Aufgrund dieser Einsicht in den Vorbildcharak- ein »EinrÝcken in ein Àberlieferungsgeschehen,
ter der Kunsterfahrung fÝr eine philosophische in dem sich Vergangenheit und Gegenwart be-
Hermeneutik charakterisiert Gadamer ihre Auf- stÈndig vermitteln«. Aus diesem Grunde ist der
gabe nicht als die einer »Rekonstruktion« (Schlei- so genannte ›hermeneutische Zirkel‹ auch kein
ermacher), sondern vielmehr mit %Hegel als »In- primÈr methodischer Zirkel, sondern beschreibt
tegration«, denn das Wesen des geschichtlichen ein »ontologisches Strukturmoment des Verste-
Geistes bestehe nicht in der Restitution des Ver- hens«.
gangenen, sondern vielmehr in der »denkenden Weiterhin betont Gadamer die produktive Be-
Vermittlung mit dem gegenwÈrtigen Leben«. deutung des »Zeitenabstandes«, denn dieser ent-
Diesen hegelschen Gedanken macht Gadamer hÝllt den wahren Sinn, der in einem Text liegt,
in seiner Auseinandersetzung mit der Èlteren und bildet das Fundament fÝr die Unterschei-
Hermeneutik (insbesondere Schleiermacher und dung von wahren und falschen Vorurteilen.
Dilthey) fruchtbar, die er als unzureichend kriti- Bedeutsam fÝr seine philosophische Herme-
siert. Die romantische, methodisch orientierte neutik ist außerdem das ›Prinzip der Wirkungs-
Hermeneutik reicht, wie er deutlich zu machen geschichte‹, d. h. das Postulat, die eigene Ge-
sucht, als Basis einer Historie nicht aus, und schichtlichkeit mitzudenken. Verstehen ist dem-
auch Diltheys Versuch, die geisteswissenschaftli- nach kein unmittelbares, gleichsam objektivie-
che ObjektivitÈt am Vorbild der Naturwissen- rendes Forschungsverhalten, sondern ein »wir-
schaften zu orientieren, ist zum Scheitern ver- kungsgeschichtlicher Vorgang«, denn im Verste-
urteilt, denn Dilthey denkt – so Gadamers These hen unterliegen wir nach Gadamer den Wirkun-
– die Erforschung der geschichtlichen Vergan- gen der Wirkungsgeschichte des zu verstehenden
genheit als »Entzifferung« und nicht als Erfah- historischen Gegenstandes. Verstehen ist inso-
rung und Ýbersieht, dass die geisteswissen- fern ein Vorgang der »Horizontverschmelzung«.
schaftliche Erfahrung eine andersartige, eigen- Als das zentrale Problem einer Hermeneutik
stÈndige ObjektivitÈt besitzt. bezeichnet Gadamer schließlich das Problem der
In Diltheys Philosophie der Geisteswissen- Anwendung, das nach seiner These von dem Ès-
schaften wird nach Gadamer die Geschichtlich- thetisch-historischen %Positivismus im Gefolge
keit der geschichtlichen Erfahrung nicht wirk- der romantischen Hermeneutik verdeckt wurde.
lich bestimmend. Dies geschieht erst in Heideg- Ausgehend vom Modell der juristischen und
gers hermeneutischer PhÈnomenologie und sei- theologischen Hermeneutik, bestimmt Gadamer
ner Analyse der Geschichtlichkeit des Daseins, die geisteswissenschaftliche Hermeneutik neu.
durch die ein neuer Ansatz zur Ausarbeitung ei- Auch diese hat eine »Leistung der Applikation«
ner historischen Hermeneutik mÚglich wird. Die- zu vollbringen, denn die Interpretation eines
sen neuen Ansatz legt Gadamer mit seiner Theo- Textes, das VerstÈndnis seines Sinns erfordert,
rie der hermeneutischen Erfahrung vor, deren dass der Text auf die aktuelle hermeneutische
GrundzÝge er im II. Teil von Wahrheit und Me- Situation des Interpreten bezogen und dadurch
thode entwickelt. Diese Theorie der hermeneuti- der Zeitenabstand Ýberwunden wird, der Inter-
schen Erfahrung steht zunÈchst unter dem Pos- pret und Text trennt. Diese Vermittlung von Da-
tulat einer »Anerkennung der wesenshaften Vor- mals und Heute bezeichnet Gadamer als »Appli-
urteilshaftigkeit alles Verstehens«. Darin drÝckt kation«; sie ist also keine nachtrÈgliche Anwen-
sich die Einsicht aus, dass es legitime Vorurteile dung, sondern das wirkliche VerstÈndnis eines
gibt, die als Bedingungen des Verstehens begrif- gegebenen Textes selbst.
fen werden mÝssen. Folglich fordert Gadamer ei- Gadamer befreit in seiner Hermeneutik das
ne Rehabilitierung des Begriffs des Vorurteils Verstehen vom erkenntnistheoretischen Zugriff
und der Tradition. Da der Verstehende stÈndig und zeigt die Grenzen einer bloß methodologi-
in Àberlieferungen steht, ist die Anerkennung schen Behandlung des Verstehens auf. Das Ver-
Goodman, Nelson 113

stehen ist nach Gadamer nicht so sehr eine Me- G. Figal / J. Grondin / D. J. Schmidt (Hg.), Hermeneuti
thode der Zuwendung zu einem historischen Ob- sche Wege. Hans Georg Gadamer zum Hundertsten,
jekt und der objektiven Aneignung seines Sinns, TÝbingen 2000
J. Grondin, Hans Georg Gadamer. Eine Biographie, TÝ
die der Kontrolle eines erkennenden Bewusst- bingen 1999
seins untersteht, sondern hat vielmehr ein »Da- J. Grondin, EinfÝhrung zu Gadamer, TÝbingen 2000
rinnenstehen in einem Àberlieferungsgesche- L. E. Hahn (Hg.), The Philosophy of Hans Georg Gada
hen« zu seiner Voraussetzung. Verstehen ist da- mer (The Library of Living Philosophers Volume
mit weniger ein vom Subjekt vollzogener zielge- XXIV), Chicago / La Salle, lllinois 1997
richteter Akt als ein Geschehen. Gadamers phi- H. U. L.
losophische Hermeneutik, die sich zu einer um-
fassenden hermeneutischen Philosophie weitet,
impliziert damit eine EntmÈchtigung der Subjek- Goodman, Nelson (1906–1998): »Zahllose
tivitÈt, erscheint doch der »Fokus der Subjektivi- Welten, durch Gebrauch von %Symbolen aus
tÈt« angesichts des geschichtlichen Lebens als dem %Nichts erzeugt – so kÚnnte ein Satiriker
bloßer »Zerrspiegel«. einige Hauptthemen im Werk Cassirers zusam-
Die hermeneutische Erfahrung grÝndet Gada- menfassen. Diese Themen – die Vielheit von
mer zufolge auf einer Dialektik von Frage und Welten, die Scheinhaftigkeit des ›Gegebenen‹,
Antwort. Das Verstehen muss daher als ein Ge- die schÚpferische Kraft des %Verstehens, die
sprÈch aufgefasst werden, in dem der Interpret Verschiedenartigkeit und die schÚpferische Kraft
einen Text zum Reden bringt; das Verstehen von Symbolen – sind wesentliche Bestandteile
vollzieht sich somit im Medium der %Sprache. auch meines Denkens.« Mit diesen AnfangssÈt-
Im abschließenden III. Teil von Wahrheit und Me- zen aus Ways of Worldmaking (1978; dt. Weisen
thode analysiert Gadamer in umfassenden, ge- der Welterzeugung) beschreibt Goodman (geboren
schichtlich ansetzenden Untersuchungen diese am 7. August 1906 in Somerville, Massachusetts;
Sprachlichkeit des Verstehens sowie die Sprach- gestorben am 25. November 1998 in Needham,
gebundenheit menschlicher Welterfahrung, d. h. Massachusetts) die Schwerpunkte seiner Phi-
das Faktum der Sprache als ein universales, um- losophie – eine durchaus Ýberraschende Selbst-
greifendes Geschehen. Er begreift die Sprache beschreibung fÝr einen Philosophen, der neben
als eine Mitte, in der sich Ich und Welt in ihrer %Quine als wichtigster Vertreter jener Richtung
ursprÝnglichen ZusammengehÚrigkeit darstel- innerhalb der %analytischen Philosophie gilt,
len. Da das menschliche WeltverhÈltnis schlecht- die philosophische Probleme (im Anschluss an
hin sprachlich und damit verstÈndlich ist, ist die Russell und %Carnap) mit Hilfe der modernen
Hermeneutik ein »universaler Aspekt der Phi- Logik beschreiben und lÚsen wollte. TatsÈchlich
losophie« und nicht nur die methodologische hat Goodmans philosophischer Werdegang, trotz
Grundlage der Geisteswissenschaften. aller HomogenitÈt und Folgerichtigkeit in seinen
Wahrheit und Methode hat eine Reihe von De- GrundÝberzeugungen, mehrfach fÝr Àber-
batten ausgelÚst. Zu den wichtigsten Diskussi- raschungen und damit Diskussionsstoff gesorgt.
onsrunden zÈhlen die Auseinandersetzung mit Seinen bis heute bekanntesten und meistdis-
Vertretern der so genannten ›traditionellen‹, d. h. kutierten Beitrag leistet er in Fact, Fiction and
methodisch orientierten Hermeneutik (insbeson- Forecast (1954; dt. Tatsache, Fiktion, Voraussage),
dere Betti und Hirsch), die Kontroverse um den einer Untersuchung des Problems der irrealen
»UniversalitÈtsanspruch der Hermeneutik« BedingungssÈtze und des Induktionsproblems.
(%Habermas) und das GesprÈch mit dem franzÚ- FÝr Goodman ergibt sich das »neue RÈtsel der
sischen Dekonstruktivisten %Derrida. Induktion« nicht aus der Frage, wie man zu si-
Durch die Entwicklung seiner philosophi- cherem Wissen gelangen kann (dies ist generell
schen Hermeneutik ist Gadamer zu einem der unmÚglich), sondern vielmehr aus dem Problem,
einflussreichsten Philosophen der Gegenwart ge- fÝr eine bereits bestehende induktive Praxis die-
worden. jenigen Regeln zu benennen, mit deren Hilfe ge-
setzmÈßige von akzidentellen Aussagen und d. h.
G. G. Figal (Hg.), Begegnungen mit Hans Georg Gada gÝltige von ungÝltigen %SchlÝssen unterschie-
mer, Stuttgart 2000 den werden kÚnnen. Er fÝhrt zu diesem Zweck
114 Goodman, Nelson

das PrÈdikat ›grot‹ (engl. grue) ein, das folgen- das heißt auch: Es gibt verschiedene ›Weisen der
dermaßen definiert ist: Ein Gegenstand (Good- Welterzeugung‹. Wenn sich diese Weisen im Ein-
mans Beispiel: ein Smaragd) soll genau dann zelnen auch sehr unterscheiden mÚgen (etwa
›grot‹ heißen, wenn er entweder vor dem Zeit- Wissenschaft und Kunst), so stehen sie doch
punkt t auf seine Farbe untersucht wurde und prinzipiell gleichberechtigt nebeneinander, oder
sich dabei als grÝn herausstellte oder wenn er anders gesagt: Keine hat einen absoluten episte-
nicht vor t untersucht wurde und rot ist. Das so mologischen Vorrang vor den anderen. Wissen-
genannte ›Goodman-Paradox‹ besteht nun darin, schaften und KÝnste unterscheiden sich nÈmlich
dass dieselben Beobachtungen, bei denen Sma- in der Art des Symbolgebrauchs, nicht aber in
ragde fÝr grÝn befunden werden, zwei verschie- der Richtigkeit oder gar Wahrheit ihres Zugangs
dene %Hypothesen Ýber die Farbe zukÝnftig ge- zur Welt: Da Welten Ýberhaupt nur in ›symboli-
fundener Smaragde bestÈtigen, nÈmlich sowohl scher Vermittlung‹ und niemals ›an sich‹ zu ha-
die Hypothese, dass alle Smaragde grÝn, als ben sind, fehlt jeder Maßstab der Beurteilung
auch die Hypothese, dass alle Smaragde ›grot‹ fÝr die Richtigkeit einer Weltversion in Bezug
sein werden. Goodmans LÚsungsvorschlag lÈuft auf die Welt an sich. Beide – Wissenschaften
darauf hinaus, die Bilanz der bisherigen Projek- und KÝnste – mÝssen demnach als Mittel der
tionen der jeweiligen PrÈdikate und d. h. die Ver- Erkenntnisgewinnung betrachtet werden. Die
ankerung der PrÈdikate im allgemeinen Sprach- Theorie der Kunst ist deshalb – ebenso wie die
gebrauch in Rechnung zu stellen. Demnach Theorie der Wissenschaften – Teil einer umfas-
mÝssen Projektionen von PrÈdikaten wie ›grot‹ senden Erkenntnis- bzw. Symboltheorie.
dann verworfen werden, wenn sie mit sprachlich In seinem 1968 erschienenen Hauptwerk
besser verankerten PrÈdikaten wie ›grÝn‹ oder Languages of Art (dt. Sprachen der Kunst) unter-
›rot‹ konkurrieren. sucht Goodman die unterschiedlichen Formen
Von Anfang an war Goodmans Philosophie symbolischer Bezugnahme am Beispiel der ver-
von einer – wie er selbst sagt – skeptischen, schiedenen KÝnste. Sein Anliegen in diesem
analytischen und konstruktivistischen Orientie- Buch ist von dem traditioneller •sthetiken aller-
rung geprÈgt. Die Darlegung seiner erkenntnis- dings denkbar weit entfernt: Es geht ihm weder
theoretischen Position in Weisen der Welterzeu- um eine – womÚglich einheitliche – %Definition
gung ist denn auch weniger eine Ýberraschende der Kunst, noch spielen Probleme der Wertung
Wende zum %Skeptizismus und %Relativismus oder der Festlegung von Kriterien fÝr Èstheti-
als vielmehr eine zusammenfassende Bestands- sche QualitÈt eine Rolle. FÝr Goodman sind Fra-
aufnahme immer schon vorhandener Àberzeu- gen der SchÚnheit und des Genusses in der
gungen. Dieser Position liegt die Annahme zu- Kunstphilosophie zweitrangig gegenÝber solchen
grunde, dass es so etwas wie ›die eine Welt‹ nach den Symbol- und letztlich Erkenntnisfunk-
nicht gibt, deren Abbildung die Aufgabe der Er- tionen der KÝnste. DarÝber hinaus erfolgt die
kenntnis – womÚglich nur der wissenschaftli- Untersuchung quasi stellvertretend fÝr die Pro-
chen – wÈre. Vielmehr wird die Welt in einem zesse symbolischer Bezugnahme in anderen Be-
konstruktiven Erkenntnisprozess erst geschaffen reichen, etwa in der Wissenschaft oder der all-
oder gemacht. In diesem Prozess verschwindet tÈglichen Wahrnehmung.
freilich ›die eine Welt‹, und an ihre Stelle treten Goodman unterscheidet verschiedene Formen
verschiedene Sichtweisen oder ›Weltversionen‹. der symbolischen Bezugnahme. Die ReprÈsenta-
Die ›Welterzeugung‹ erfolgt mit Hilfe von %Sym- tion oder Abbildung in den pikturalen KÝnsten,
bolen, wobei der Symbolbegriff Èußerst all- die musikalische Notation und die verbale Be-
gemein gefasst wird: Er umfasst Buchstaben, schreibung fasst er als Formen der Denotation,
WÚrter, Texte, TÚne, Bilder, Diagramme, Karten, d. h. als extensionale Bezugnahme. Diese Deno-
Modelle und vieles andere mehr. Die Symbole, tation kann buchstÈblich sein (etwa wenn ein
mit deren Hilfe ›Versionen‹ der Welt angefertigt Bild Churchill darstellt oder ein Ausdruck sich
werden, werden Symbolsystemen zugeordnet. auf einen realen Gegenstand bezieht) oder fiktiv
Hierzu zÈhlen z. B. die %Wissenschaften, die (z. B. das Bild eines Einhorns oder der Name
Philosophie oder die KÝnste. Es gibt demnach Don Quichotte). WÈhrend bei der Denotation die
viele verschiedene solcher Symbolsysteme, und Richtung der Bezugnahme vom Symbol (einem
Goodman, Nelson 115

Bild oder einem Ausdruck) zum Gegenstand Philosophie«. Die Autoren regen an, die philoso-
oder Referenten verlÈuft, wird das Symbol bei phisch zentralen Begriffe %Wahrheit, Gewiss-
der Exemplifikation von einem PrÈdikat deno- heit und Wissen durch Richtigkeit, Àbernahme
tiert, das auf dieses Symbol zutrifft; die Bezug- (adoption) und Verstehen zu ersetzen. WÈhrend
nahme verlÈuft also in die umgekehrte Rich- Wahrheit streng genommen nur auf verbale SÈt-
tung. Die Symbolfunktion der Exemplifikation, ze und dort auch nur auf Aussagen (und nicht
die Goodman erstmals ausfÝhrlich analysierte etwa auf Aufforderungen, Fragen usw.) zutreffen
und die zum Gegenstand umfangreicher Diskus- kÚnne, bilde Richtigkeit ein multidimensionales
sionen geworden ist, wird definiert als »Besitz Kriterium, das auf alle mÚglichen sprachlichen
plus Bezugnahme«: Ein Symbol (z. B. ein Bild) und auch nichtsprachlichen Symbole zutreffe.
exemplifiziert eine Eigenschaft (z. B. eine be- Die Wahrheit ist nur einer der Faktoren, die Ein-
stimmte Farbe), wenn es diese sowohl besitzt fluss auf die Richtigkeit des Gesagten oder Dar-
als auch auf sie Bezug nimmt. Goodmans hÈufig gestellten haben kÚnnen; sie ist – gelegentlich,
herangezogenes Beispiel fÝr die Exemplifikation aber nicht notwendigerweise – Bestandteil der
ist die Stoffprobe im Musterbuch eines Pols- Richtigkeit. In Èhnlicher Weise soll Gewissheit
terers: So eine Probe besitzt eine Reihe von Ei- bzw. ihre Alternativen wie Wahrscheinlichkeit
genschaften, die auch der Stoffballen besitzt, fÝr oder Àberzeugung, die allesamt ebenfalls nur
den sie ein Muster ist. Auf diese Eigenschaften auf Aussagen zutreffen kÚnnen, durch den wei-
– etwa Farbe, Textur usw. – verweist die Probe, ter gefassten Begriff der Àbernahme ersetzt wer-
sie stellt jedoch kein Muster fÝr alle seine Ei- den. Und schließlich ist auch der Begriff des
genschaften dar (beispielsweise nicht fÝr seine Wissens zu eng fÝr die angeregte Neufassung,
GrÚße). Bloßer Besitz stellt demnach noch keine denn Wissen bedarf der Wahrheit und der Àber-
Exemplifikation dar, ebenso wenig wie Bezug- zeugung. Dagegen bietet es sich an, den vielsei-
nahme ohne Besitz. Die Stoffprobe exemplifiziert tigeren Begriff des Verstehens zu verwenden,
nur diejenigen Eigenschaften, die sie einerseits der sich auch beispielsweise auf Bitten oder Fra-
besitzt und auf die sie andererseits Bezug gen, auf GemÈlde oder TÈnze erstreckt, die we-
nimmt. – Im Gegensatz zur buchstÈblichen Be- der wahr noch falsch sind, weder dem Beweis
zugnahme der Exemplifikation handelt es sich noch der Widerlegung unterliegen und von de-
beim Ausdruck um eine Form der metaphori- nen man weder Ýberzeugt sein noch sie bezwei-
schen Bezugnahme, genauer: der metaphori- feln kann.
schen Exemplifikation, insofern als ein Bild, das
beispielsweise Trauer zum Ausdruck bringt, die- N. Goodman, Fact, Fiction and Forecast, Cambridge/
se Trauer nicht buchstÈblich besitzt, sondern Mass. 1954 [dt.: Tatsache, Fiktion, Voraussage,
eben metaphorisch. – Ausdruck und Exemplifi- Frankfurt/M. 1975]
: Languages of Art. An Approach to a Theory of Sym
kation sind Symbolfunktionen, die besonders in
bols, Indianapolis 1968 [dt.: Sprachen der Kunst.
den KÝnsten eine Rolle spielen. Vor allem die Entwurf einer Symboltheorie, Frankfurt/M. 1995]
Exemplifikation erlaubt es, auch solchen Kunst- : Ways of Worldmaking, Indianapolis / Cambridge
werken, die in traditioneller Redeweise gar keine 1978 [dt.: Weisen der Welterzeugung, Frankfurt/M.
Symbolfunktion mehr aufweisen (wie beispiels- 1984]
weise abstrakte GemÈlde), noch eine symbolisie- : C. Z. Elgin, Reconceptions in Philosophy and Other
Arts and Sciences, Indianapolis 1988 [dt.: Revisio
rende und damit erkenntnisfÚrdernde Funktion
nen. Philosophie und andere KÝnste und Wissen
zuzuschreiben. schaften, Frankfurt/M. 1989]
Die in Sprachen der Kunst am Beispiel der D. Sturma, »Nelson Goodman«, In: Philosophie der Ge
KÝnste entworfene Symboltheorie und ihre er- genwart in Einzeldarstellungen von Adorno bis v.
kenntnistheoretische Entfaltung in Weisen der Wright. Hg. v. J. Nida RÝmelin, Stuttgart 1991,
Welterzeugung fÝhren Goodman in dem gemein- S.193 198
sam mit Catherine Z. Elgin verfassten Band Re- Symposium zu Nelson Goodman: Sprachen der Kunst,
In: Deutsche Zeitschrift fÝr Philosophie 43 (1995),
conceptions in Philosophy and Other Arts and Sci-
S. 711 749
ences (1988; dt.: Revisionen: Philosophie und an- C. Z. Elgin (Hg.), The Philosophy of Nelson Goodman.
dere KÝnste und Wissenschaften) zu einem Vor- Selected Essays. 4 Bde., New York / London 1997
schlag fÝr eine grundsÈtzliche »Neufassung der A. S.
116 Habermas, Jürgen

Habermas, Jürgen (*1929): Heute der renom- Rationalisierung« (die als Modernisierung be-
mierteste Gesellschaftstheoretiker der so ge- wertet wird). Und sie ist drittens eine kritische
nannten Frankfurter Schule. Theorie: ein nichtspekulatives (»nachmetaphysi-
Geboren am 18. Juni 1929 in DÝsseldorf, stu- sches«), sprachpragmatisch begrÝndetes Rah-
dierte Habermas von 1949 bis 1954 Philosophie, men-Konzept, innerhalb dessen eine empirische
Geschichte, Psychologie und Deutsche Literatur- und »interdisziplinÈr angelegte Erforschung des
wissenschaft an den UniversitÈten GÚttingen, . . . Musters der . . . Modernisierung wieder auf-
ZÝrich und Bonn. 1954 wurde er dort mit einer genommen werden kann« (1982). Diese For-
Dissertation Ýber Das Absolute und die Geschich- schung ist mit der Theorie des kommunikativen
te. Von der ZwiespÈltigkeit in Schellings Denken Handelns, so der Anspruch, in die Lage versetzt,
promoviert. Von l956 bis 1959 arbeitete Haber- die von uns erzeugte Welt, in der wir leben, als
mas (nach TÈtigkeiten bei verschiedenen Zeitun- das Resultat eines ambivalenten (Fortschritte
gen) als Forschungsassistent im Bereich empiri- wie RÝckschritte einschließenden) Geschichts-
scher Sozialforschung am Frankfurter Institut prozesses zur Geltung zu bringen: als das Resul-
fÝr Sozialforschung, dem Zentrum der %kriti- tat einer »deformierenden Verwirklichung von
schen Theorie (%Adorno, Horkheimer). Zwi- Vernunft in der Geschichte« (1985). Die Theorie
schen 1959 und 1961 entstand die (1962 erschie- des kommunikativen Handelns knÝpft an die
nene, 1990 nach 17 Nachdrucken neu aufgeleg- von ihr begrÝndete Forschung zugleich die prak-
te) Habilitationsschrift Strukturwandel der ³ffent- tische Absicht, einen Beitrag zur Aufhebung der
lichkeit, mit der Habermas in Marburg (gefÚrdert Deformationen zu leisten.
von W. Abendroth) habilitierte. 1962 folgte er ei- In wenigstens zwei Hinsichten geht die neue
nem Ruf als Professor fÝr Philosophie an die kritische Theorie Ýber die Èltere hinaus: Sie
UniversitÈt Heidelberg, 1964 einem Ruf als Pro- sucht nicht mehr bloß dem Eindruck Rechnung
fessor fÝr Philosophie und Soziologie an die Uni- zu tragen, dass ›etwas zutiefst schief ist‹ in der
versitÈt Frankfurt/M., die er 1971 nach heftigen modernen Gesellschaft, sondern auch dem Ein-
Auseinandersetzungen mit den Studierenden druck, dass auch (wenigstens seit 1945) ›etwas
verließ. 1971 bis 1983 war er Direktor des neu besser geworden ist‹ und in ihr heute so etwas
gegrÝndeten Max-Planck-Instituts zur Erfor- wie praktische Vernunft aufscheint. Demgegen-
schung der Lebensbedingungen der wissen- Ýber haben Horkheimer und Adorno, so Haber-
schaftlich-technischen Welt in Starnberg. 1983 mas 1985, »alle gesellschaftlichen Institutionen
kehrte er fÝr mehr als zehn Jahre an die Univer- und auch die Alltagspraxis vollkommen entleert
sitÈt Frankfurt zurÝck. gesehen von allen Spuren der Vernunft . . . Die
Im Mittelpunkt des umfangreichen und viel- Vernunft war fÝr sie im wÚrtlichen Sinne uto-
fach preisgekrÚnten habermasschen Werks pisch geworden, hatte jeden Ort verloren« bzw.
stand – und steht – das BemÝhen um der Er- war ihnen nur in verkÝrzter Weise in ihren
neuerung der kritischen Gesellschaftstheorie, Blick geraten, nÈmlich reduziert auf kognitiv-in-
wie sie von Horkheimer und Adorno (in einem strumentelle RationalitÈt oder theoretische Ver-
durch Hegel sowie %Marx vorgezeichneten kon- nunft. Im Zusammenhang theoretischer Ver-
zeptuellen Rahmen) entworfen worden ist. Neu nunft kÚnnen wir zwar (auf der Basis erfah-
begrÝndet wurde die kritische Gesellschaftstheo- rungswissenschaftlichen Wissens) in praktischer
rie von Habermas 1981, in einem ersten Umriss Hinsicht ›technische‹ Empfehlungen geben, wie
als eine Theorie des kommunikativen Handelns, sich (zu Àberlebenszwecken) die Welt beherr-
die wenigstens drei Dimensionen hat: Sie ist ers- schen lÈsst (theoretische Vernunft als ›instru-
tens eine Theorie der geschichtlichen Situation, mentelle Vernunft‹, d. h. als Zweck-Mittel-Ratio-
in der sie formuliert wird, nach Habermas: eine nalitÈt). Nicht aber lassen sich Antworten auf
»Theorie der Moderne«. Sie ist zweitens (und genuin moralisch-praktische Fragen geben, die
dies vor allem) eine Theorie der %Vernunft, die ein humanes Miteinander betreffen, in dem
in die %Gesellschaft ›eingebaut‹ ist, sowie der nach Habermas die »einzige Alternative zur
Vernunftentwicklung (Vernunftverwirklichung) mehr oder minder gewaltsamen Einwirkung der
in der %Geschichte, nach Habermas: eine »Theo- Menschen aufeinander« liegt. Indes: Mit der
rie der %RationalitÈt und der gesellschaftlichen praktischen Vernunft war der Èlteren kritischen
Habermas, Jürgen 117

Theorie auch der Maßstab verloren gegangen, theoretische Ansatz wird in der zweiten HÈlfte
der es erlaubt, kritische Gesellschaftstheorie zu der 70er Jahre in einem evolutionstheoretischen
betreiben: Gesellschaftstheorie, wie sie schon Ansatz weitergefÝhrt (Zur Rekonstruktion des his-
von Horkheimer/Adorno als »%Kritik der instru- torischen Materialismus, 1976). Zugleich arbeitet
mentellen Vernunft« angelegt war. Diese Kritik Habermas – in Auseinandersetzung (u. a.) mit
kann nach Habermas nur aus Richtung prakti- der Sprachpragmatik (nach Searle und Austin) –
scher Vernunft erfolgen. In der Rehabilitierung entscheidende Argumentationen fÝr die spÈtere
der praktischen Vernunftdimension und der da- Theorie des kommunikativen Handelns aus.
mit einhergehenden RÝckgewinnung eines Maß- Die Theorie des kommunikativen Handelns
stabs der Kritik, der jedermann sollte zugÈng- steht nun allerdings nicht fÝr eine einfache Fort-
lich sein, geht die jÝngere kritische Theorie setzung dieser Arbeiten, vielmehr ist in ihr an
Ýber die Èltere hinaus. die Stelle der »erkenntnistheoretischen Rechtfer-
Habermas entfaltet die Auseinandersetzung tigung der kritischen Gesellschaftstheorie« der
mit der Èlteren kritischen Theorie explizit und »Versuch einer direkten sprachpragmatischen
systematisch erstmals 1981 in der Theorie des BegrÝndung« getreten, so Habermas 1999. Im
kommunikativen Handelns, in der auch die ihr Gefolge dieser Wendung von »der Erkenntnis-
vorgehenden Arbeiten einen gewissen Zusam- theorie« (und Methodologie) zur »Kommunikati-
menhang erhalten. Bis dahin lassen sich (im An- onstheorie«, oder allgemeiner: vom Primat der
schluss an H. Gripp) vier Schaffensphasen unter- (in der Sprache angelegten) theoretischen zu
scheiden: Die Arbeiten aus der ersten HÈlfte der dem der praktischen Vernunft erhalten folgende
60er Jahre sind dem Theorie-Praxis-Problem ge- Begriffe den Status von Grundbegriffen: »Le-
widmet, sei es, dass einzelne Facetten dieses Pro- benswelt«, »kommunikatives Handeln« (schon
blems behandelt werden (so in der Habilitations- 1968 expliziert) sowie »kommunikative Rationa-
schrift), sei es, dass (in Gestalt von problem- litÈt« (ein Begriff, der schon in den 70er Jahren
geschichtlichen Untersuchungen) der Status ei- ausgearbeitet wurde). Kommunikative Rationali-
ner an Marx anschließenden kritischen Theorie tÈt ist eine empirisch rekonstruierbare »Potentia-
der Gesellschaft Ýberhaupt (anderen Theorie- litÈt« (H. Gripp), die in der menschlichen FÈhig-
typen gegenÝber) zu klÈren versucht wird (so in keit, sich mit jemanden Ýber etwas in einer Welt
Theorie und Praxis, 1963). In der zweiten HÈlfte sprachlich verstÈndigen zu kÚnnen, angelegt
der 60er Jahre nimmt Habermas das Theorie-Pra- und mit dem kommunikativen Handeln ver-
xis-Problem aus erkenntnistheoretischer, aller- knÝpft ist. Denn kommunikativ oder verstÈndi-
dings zunÈchst erneut problemgeschichtlicher gungsorientiert zu handeln – Habermas hÈlt es
(und noch nicht systematischer) Perspektive in in der Theorie des kommunikativen Handelns fÝr
den Blick (so vor allem in Erkenntnis und Interes- »anthropologisch fundamental« – zeichnet sich
se, 1965). In dieser Zeit entstehen aber auch nach Habermas dadurch aus, dass man selbst
schon systematisch orientierte Abhandlungen, gesetzte Zwecke im Lichte der Bereitschaft reali-
die sich – in Auseinandersetzungen mit wirk- siert, im Konfliktfall miteinander zu sprechen
mÈchtigen philosophischen Positionen (kritischer und die HandlungsplÈne aufeinander abzustim-
Rationalismus, philosophische Hermeneutik, Sys- men. Anders als im rein erfolgsorientierten, te-
temtheorie nach N. Luhmann) – mit methodologi- leologischen Handeln geht man also hier nicht
schen Fragen kritischer Gesellschaftstheorie be- planmÈßig vor. Tritt nun aber jemand im Hand-
fassen, (Zur Logik der Sozialwissenschaften, 1967). lungszusammenhang mit einem anderen in ei-
In der ersten HÈlfte der 70er Jahre unternimmt nen VerstÈndigungsprozess ein, so kann er, wie
Habermas den ersten Versuch einer systemati- Habermas plausibel macht, nicht umhin, genau
schen NeubegrÝndung der kritischen Gesell- vier GeltungsansprÝche zu erheben: Er muss
schaftstheorie: Sie hat die Form einer »Theorie erstens fÝr seine •ußerung VerstÈndlichkeit,
der kommunikativen Kompetenz« (hierher gehÚ- zweitens fÝr den behaupteten (propositionalen,
ren die Abhandlungen: Vorbereitende Bemerkun- d. h. in Form von Aussagen darstellbaren) Gehalt
gen zu einer Theorie der kommunikativen Kom- der •ußerung Wahrheit, drittens fÝr die von
petenz, 1971; Wahrheitstheorien, 1973; Was heißt ihm gleichzeitig geÈußerte Intention Wahrhaftig-
Universalpragmatik, 1976). – Dieser kompetenz- keit und viertens fÝr die mit dem Sprechakt an-
118 Habermas, Jürgen

gebotene interpersonale Beziehung Richtigkeit nimmt Habermas die fÝr die %politische Phi-
(im Sinne der Àbereinstimmung mit geltenden losophie der %Neuzeit (A) Ýberhaupt charakte-
Normen) beanspruchen. Diese GeltungsansprÝ- ristische Differenzierung zwischen vertikaler ge-
che enthalten rationale BegrÝndungsverpflich- nossenschaftlicher Dimension des politischen
tungen, von denen die GeltungsansprÝche der Bereichs und horizontaler Herrschaftsdimension
(Aussagen-)Wahrheit und der (normativen) Rich- auf. Er knÝpft daran aber die These, dass die
tigkeit mit den Mitteln der argumentativer Rede, »Hegel-Marxistische Gesellschaftstheorie« in der
genauer: im (einerseits theoretischen, anderer- Differenz die Einheit, d. h. die Vernunft nicht
seits praktischen) Diskurs einlÚsbar sind. Die sah, die die GesellschaftssphÈren der Lebenswelt
formale Idee der VerstÈndlichkeit und die mate- und des Systems zusammenhÈlt, und dass sie
rialen Ideen der Wahrheit, der Richtigkeit (ei- daher selbst in Handlungs- und Systemtheorien
gentlich Gerechtigkeit) sowie der Wahrhaftigkeit auseinander fiel. Die Theorie des kommunikati-
kennzeichnen die verschiedenen Dimensionen ven Handelns hat daher zugleich die Aufgabe,
der kommunikativen RationalitÈt. Diese Ver- diese TheorieansÈtze zusammenzufÝhren – auf
nunft, die primÈr eine praktische Vernunft ist, eine Weise, die die empirische »Erforschung des
ist Habermas zufolge der Lebenswelt, genauer: Musters der Modernisierung« in die Lage ver-
der Gesellschaft als %Lebenswelt immanent, in- setzt, die Ambivalenzen der geschichtlichen Ent-
sofern diese sich im Medium des kommunikati- wicklungsprozesse, insbesondere sozialpatholo-
ven Handelns reproduziert und durch Reproduk- gische PhÈnomene, bemerken zu kÚnnen. Der-
tion erhÈlt (»symbolische Reproduktion« der Le- artige Ambivalenzen und PhÈnomene verdanken
benswelt). Die Lebenswelt verdankt dieser Ver- sich nach Habermas nÈmlich in concreto dem
nunft bzw. ihrer Entfaltung die Ausdifferenzie- Umstand, dass – wie vermutungsweise gerade
rung in die drei Wissens-, Handlungs- und/oder heute – Geld und administrative Macht in der
Aufgabenbereiche der %Kultur (mit %Wissen- Lebenswelt einen derartigen Einfluss gewinnen,
schaft, %Moral und %Kunst), der Gesellschaft dass zwischenmenschliche Beziehungen »kon-
im engsten Sinne des Worts (d. h. dem Úffent- sumistisch« umgedeutet und LebensverhÈltnisse
lichen Raum zwischenmenschlicher Beziehun- nur noch bÝrokratisch interpretiert werden. Sol-
gen, in dem VerstÈndigung als ein »Mechanis- che Àbergriffe des Systems in die Lebenswelt
mus« der Handlungskoordinierung fungiert), so- sind, folgt man Habermas weiter, Resultat des
wie der (Bildung der) »PersÚnlichkeit« (d. h. der Erfolgs des Kapitalismus, der unter Gesichts-
Sozialisation nachwachsender Generationen). Al- punkten der materiellen Reproduktion zwar
lerdings ist Gesellschaft im weitesten Sinne bei durchaus als positiv zu bewerten ist, aber mit
Habermas nicht nur kommunikativ strukturierte einem negativ zu bewertenden ungezÝgelten
Lebenswelt, sondern immer auch noch grenzer- Wachstum des »monetÈr-bÝrokratischen Komple-
haltendes System (im Sinne Luhmanns), das xes« einhergeht, in dessen Effekt die System-Im-
heute in zwei Formen auftritt: als »kapitalistisch perative in die Lebenswelt eindringen und fÝr
verselbststÈndigtes Wirtschafts- und . . . bÝrokra- die Deformierung der kommunikativen Struktu-
tisch verselbststÈndigtes Herrschaftssystem«, ren sorgen. Eine (mÚgliche) »Pathologisierung
d. h. als Staat. In diesen Handlungszusammen- der Lebenswelt« in diesem Sinn verlangt nach
hÈngen, in denen das positive Recht Ordnungs- Habermas jedoch nicht etwa die Aufhebung des
funktion besitzt, Ýbernehmen »Steuerungs- »kapitalistisch verselbststÈndigten Wirtschafts-
medien«, vor allem »Geld« und »administrative und . . . bÝrokratisch verselbststÈndigten Herr-
Macht«, die Funktion der Handlungskoordinie- schaftssystems«. Erforderlich wird im gegebenen
rung, die in der Lebenswelt die VerstÈndigung Fall vielmehr eine basis- oder radikaldemokrati-
innehat. Wirtschaft und Staat dienen dem Àber- sche VerÈnderung der Gesellschaft, durch die ih-
leben der Menschen (der »materiellen Reproduk- re Bereiche – deren EigenstÈndigkeit und Diffe-
tion« der Gesellschaft). Sie sind beherrscht von renziertheit die »großartige« »Signatur der Mo-
der kognitiv-instrumentellen RationalitÈt (als derne« ausmachen, allerdings auch »Probleme
»funktionalistischer Vernunft«). der Vermittlung« erzeugen – sich wieder aus-
In der Unterscheidung zwischen Lebenswelt balancieren. Anzuzielen (freilich nicht technisch
und System (und hier insbesondere Staat) machbar) ist ein Gleichgewicht, in dem die »Pro-
Habermas, Jürgen 119

duktivkraft Kommunikation« die »Àbergriffe der sich wohl von jenem Vernunftbegriff her auswei-
Systemimperative auf lebensweltliche Bereiche« sen ließe, der expliziter Gegenstand der haber-
eingedÈmmt, sich »gegen die ›Gewalten‹ der bei- masschen Theorie ist: dem Begriff der nur noch
den anderen Steuerungsressourcen, Geld und formal (als Prozedur) bestimmten kommunikati-
administrative Macht«, durchgesetzt hat und so ven Vernunft. Als problematisch gilt aber auch
»die . . . Forderungen der Lebenswelt zur Geltung das VerhÈltnis des Konzepts zur Empirie: Ein
bringen kann«, so Habermas 1985. Auf nicht- Nachweis steht noch aus, ob sich die interdiszip-
technischem Wege eine Demokratisierung zu be- linÈr angelegte Forschung des habermasschen
fÚrdern, in deren Verlauf »ein immer dichter, im- Rahmenkonzepts als gewinnbringend bedienen
mer feiner gesponnenes Netz« sprachlich ver- kann (H. Gripp). Dass das Konzept, das die ver-
mittelter und vernunftgegrÝndeter, »humaner« schiedenen empirischen Wissenschaften in einer
Formen des Zusammenlebens entsteht, in denen »Erforschung des . . . Musters der . . . Modernisie-
Gegenseitigkeit und Distanz, Entfernung und ge- rung« verbinden soll, zumindest einer his-
lingende, nicht verfehlte NÈhe, »Autonomie und torisch-empirischen Wissenschafts- und Philoso-
AbhÈngigkeit in ein befriedetes VerhÈltnis tre- phie- oder Theoriegeschichtsschreibung, die sich
ten« und Konflikte, die sich zwischen Menschen an dem in Texten Gesagten orientiert, nur wenig
nicht ausschließen lassen, auf diese Weise Ýber- Gewinn bringen dÝrfte, weil es offensichtlich
lebbar werden (Habermas, ebd.), ist die prakti- Textinterpretationen fÚrdert, die, hermeneutisch
sche Absicht, die sich an die Theorie des kom- gesehen, problematisch sind, darauf hat Haber-
munikativen Handelns knÝpft – wie auch an die mas selbst aufmerksam gemacht: »Auch wenn
zahlreichen Schriften, die auf sie gefolgt sind. ich viel zitiere und andere Terminologien Ýber-
Diese waren in den 90er Jahren zunÈchst vor nehme«, sagte er 1985 einmal auf eine Frage
allem der PrÈzisierung praktischer – ethischer, hin, die sich auf seine (große) Bereitschaft zur
moralischer, rechtlicher – Grundfragen und der Rezeption Èlterer und neuerer, in- und auslÈn-
PrÈzisierung der Vorstellung von den humanen discher Philosophen und Theoretiker bezog,
Formen des Zusammenlebens gewidmet (vgl. »weiß ich genau, dass mein Gebrauch mit dem,
vor allem FaktizitÈt und Geltung, 1992; Die Ein- was die Autoren gemeint haben, manchmal we-
beziehung des Anderen, 1996). Ende der 90er nig zu tun hat«, und »glaube, dass ich mir die
Jahre aber nahm Habermas unter Voraussetzung fremden Zungen, hermeneutisch gesehen, auf
der mit der Theorie des kommunikativen Han- brutale Art und Weise zu eigen mache.« Dies
delns vollzogenen Wende »von der Erkenntnis- nimmt dem habermasschen Konzept, das theo-
zur Kommunikationstheorie« auch wieder er- retisch so sehr auf %Argumentation setzt, ein
kenntnistheoretische Fragestellungen auf (vor al- wenig an Àberzeugungskraft.
lem in Wahrheit und Rechtfertigung, 1999).
J. Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns,
Das mit der Theorie des kommunikativen
Bd.1: HandlungsrationalitÈt und gesellschaftliche
Handelns vorgelegte ›zweistufige‹ Gesellschafts- Rationalisierung; Bd. 2: Zur Kritik der funktionalisti
konzept, in dem die Kritik der instrumentellen schen Vernunft, Frankfurt/M. 1981
Vernunft der frÝhen Frankfurter Schule nun die : Zur Logik der Sozialwissenschaften, Neuausgabe
Form einer Kritik der funktionalistischen Ver- Frankfurt/M. 1982
nunft erhÈlt, besticht nicht nur durch seine gro- : Nachmetaphysisches Denken. Philosophische Auf
sÈtze, Frankfurt/M. 1988
ße begriffliche Differenziertheit und die vielfÈlti-
: Dialektik der Rationalisierung. JÝrgen Habermas im
gen DifferenzierungsmÚglichkeiten (z. B. zwi- GesprÈch mit Axel Honneth, Eberhard KnÚdler Bun
schen Lebenswelt und Welt, Sittlichkeit und Mo- te und Arno Widmann, in: Die Neue UnÝbersicht
ral, Moralfragen und Wertfragen), sondern auch lichkeit, Kleine politische Schriften V, Frankfurt/M.
durch seine auf Methodenpluralismus abzielen- 1985, 167 208
de Anlage sowie die Programmatik, kritische Ge- H. Gripp, ›JÝrgen Habermas‹. Und es gibt sie doch
sellschaftstheorie einem interdisziplinÈren empi- Zur kommunikationstheoretischen BegrÝndung von
Vernunft bei JÝrgen Habermas, Paderborn /
rischen Forschungsprogramm offen zu halten.
MÝnchen / Wien / ZÝrich 1984
Problematisch ist indes vielleicht dies: dass Ha- W. Reese SchÈfer, JÝrgen Habermas, 4. Aufl. Frank
bermas von einer Vernunftentwicklungslogik furt/M. / New York (1991) 1994
Gebrauch macht, bei der man sich fragt, wie sie P. K.
120 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1770–1831): und wieder in den Anfang zurÝckkehren, und
Geboren am 27. 8. in Stuttgart, gestorben am 14. nur dieses Ganze sei auch die %Wahrheit. Das
11. in Berlin. Hegel gilt als der systematische philosophische %System erscheint somit als ein
Philosoph schlechthin. Er erhebt den Anspruch, in sich geschlossenes Universum, das allumfas-
die Philosophie in einem Wissen des %Absolu- send auch in dem Sinne ist, dass es zugleich die
ten abschließend begrÝndet, sie von diesem Wis- Gedankenbestimmungen der %Wirklichkeit
sen aus in ihrem ganzen systematischen Um- Ýberhaupt in sich enthÈlt. Dem liegt die Annah-
fang dargestellt und in ihren GrundzÝgen voll- me zugrunde, dass die Wirklichkeit als Wirk-
endet zu haben. DurchgefÝhrt hat Hegel dieses lichkeit der %Vernunft auch nur durch die Ver-
Programm in der EnzyklopÈdie der philosophi- nunft zu begreifen sei. Aber auch die Vernunft
schen Wissenschaften im Grundrisse, die 1817 ist kein Erstes, das unmittelbar vorausgesetzt
erstmals erschien und 1827 und 1830 noch zwei werden kann, sondern eine immanente Voraus-
Neuauflagen erlebte, wobei die erste stark erwei- setzung der erscheinenden Wirklichkeit selbst.
tert war und auch inhaltliche VerÈnderungen Die Wirklichkeit der Vernunft kann daher auch
aufwies. Sie gliedert sich in drei Teile: die Logik, nur im Durchgang durch die %Empirie erwiesen
die Naturphilosophie und die Philosophie des werden, weshalb Hegel auch den %Empirismus
Geistes. Den ersten Teil hatte Hegel bereits 1812 ausdrÝcklich aufwertet und seine Philosophie,
bis 1816 in drei BÈnden als Wissenschaft der Lo- wie kaum eine andere, die Verfahren und Resul-
gik vorgelegt, deren erster Band posthum 1832 tate der besonderen, empirischen Wissenschaf-
in einer noch von ihm selbst vollendeten, stark ten zu integrieren versucht. Hegel beansprucht
verÈnderten Neuauflage herauskam; aus dem jedoch nicht, sie vollstÈndig aufgehoben zu ha-
Bereich der Geistesphilosophie erschienen 1821 ben, vielmehr ist philosophisch allein ihre be-
die Grundlinien der Philosophie des Rechts oder griffliche Gestalt von Interesse. Er setzt kritisch
Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse. dort an, wo der Gebrauch grundlegender, all-
Eine Sonderstellung nimmt die PhÈnomenologie gemeiner %Begriffe nach seiner Auffassung auf
des Geistes (1807) ein, deren Thema die Entwick- unreflektierten Annahmen beruht. Indem er ih-
lung der Gestalten des %Bewusstseins vom re Voraussetzungen und Konsequenzen deutlich
sinnlichen Bewusstsein bis zum absoluten Wis- macht, bezieht er diese Begriffe auf den Zusam-
sen ist. Sie bildete ursprÝnglich den ersten Teil menhang der logischen Gedankenbestimmungen
des Systems, wurde dann aber durch den An- und stellt damit zugleich die einzelnen Wissen-
fang mit der Logik ersetzt. Im Unterschied zur schaften in einen systematischen Zusammen-
PhÈnomenologie und Logik sind die EnzyklopÈdie hang.
und die Rechtsphilosophie LehrbÝcher zum Ge- Das kritische Verfahren Hegels knÝpft an die
brauch in Vorlesungen, die deshalb nur den von %Kant durchgefÝhrte Unterscheidung von
›Grundriss‹ der Gedankenentwicklung enthalten. %Verstand und Vernunft an, wobei Vernunft die
So fand das vollstÈndige System seine Darstel- hÚhere, spekulative ErkenntnistÈtigkeit bezeich-
lung auch erst in den Vorlesungen, wo Hegel net, die sich auf das %Unbedingte bzw. Absolute
u. a. Ýber %Logik und %Metaphysik, %Natur- richtet. Im Unterschied zu Kant, dem er vor-
philosophie, Philosophie des Geistes, Rechtsphi- wirft, die Vernunft dem Verstand zu unterwer-
losophie, Philosophie der Weltgeschichte, %•s- fen und dadurch zu begrenzen, mÚchte Hegel
thetik, %Religionsphilosophie und Geschichte umgekehrt den Verstand in die Vernunft auf-
der Philosophie las. Dabei blieb das System je- heben, indem er dessen BeschrÈnkungen auf-
doch im Einzelnen in einer bestÈndigen Ent- lÚst. Die Vernunft geht aus einer immanenten
wicklung begriffen. Kritik des Verstandesdenkens hervor, das zwar
Dass die Philosophie ein systematisches Gan- das VermÚgen der Begriffe sei, diese jedoch nur
zes sei, verdeutlicht Hegel mit dem Bild eines abstrakt auffasse. In polemischer Abgrenzung
Kreises, der wiederum aus einzelnen Kreisen gegenÝber dem gewÚhnlichen Sprachgebrauch,
bestehe. Darin gebe es kein Erstes und kein der das %Abstrakte einem %Konkreten als der
Letztes, sondern alles halte und trage sich ge- schon immer vertraut erscheinenden Wirklich-
genseitig. Man mÝsse daher, um es angemessen keit gegenÝberstellt, spricht Hegel von »ab-
zu begreifen, das Ganze vollstÈndig durchlaufen strakt« dann, wenn etwas gegenÝber seinen Zu-
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich 121

sammenhÈngen isoliert wird. Diese Zusammen- selbst im positiven Resultat des Widerspruchs
hÈnge entzÚgen sich jedoch dem sinnlichen Be- bezeichnet Hegel auch als die »positiv-vernÝnfti-
wusstsein ebenso wie den formallogischen Prin- ge« bzw. »spekulative« Seite der Philosophie. Sie
zipien des Verstandes, der die ›Dinge‹ als mit betrachtet den Widerspruch in seiner Wahrheit,
sich identische fixiere und dadurch gegeneinan- die selbst die Form des Widerspruchs hat. Das
der verselbststÈndige. Die AuflÚsung solcher Absolute muss, nach einer Formel Hegels, als
%IdentitÈten und damit der BeschrÈnktheit des »IdentitÈt der IdentitÈt und der NichtidentitÈt«
Verstandes erfolge dort, wo der Verstand sich begriffen werden.
mit sich selbst notwendig in %WidersprÝche Hegel behandelt den Widerspruchsbegriffs
verstricke, ohne dass ein formallogischer Argu- nicht als rein formale Denkbestimmung, son-
mentationsfehler begangen worden sei. dern ontologisiert ihn, weil er, wie %Platon, die
Nach Kant, der solche WidersprÝche unter ganze Wirklichkeit als durch FormverhÈltnisse
dem Stichwort einer »transzendentalen Dialek- strukturiert ansieht und nicht durch feststehen-
tik« behandelte, war dies bei dem Gebrauch der de, mit sich identische ›Dinge‹. Wenn daher die
Vernunft in Beziehung auf das Unbedingte der Wissenschaft der Logik die Formen und Bestim-
Fall. Hieran knÝpft Hegel an, wenn er die imma- mungen des Denkens zum Thema macht, so
nente Kritik und AuflÚsung des Verstandesden- wird nach Hegels Auffassung zugleich mit ver-
kens durch die Entwicklung von WidersprÝchen handelt, was der Gebrauch der logischen Gedan-
als %Dialektik bezeichnet. Dabei grenzt Hegel kenbestimmungen inhaltlich bedeutet. Die Logik
sich von allen Auffassungen ab – auch von der als die Wissenschaft des reinen Denkens ist so-
platonischen Dialektik als Kunst der mit zugleich Metaphysik. Sie gliedert sich in
GesprÈchsfÝhrung –, die in der Dialektik nur ei- zwei Teile, die objektive Logik und die subjekti-
ne subjektive %Methode erblicken, um zur ve Logik bzw. die Lehre vom Begriff. Die objekti-
Wahrheit zu gelangen. Die dialektischen Wider- ve Logik umfasst in zwei BÝchern die Seinslogik
sprÝche beruhten nÈmlich nicht auf UnzulÈng- und die Wesenslogik. In der Seinslogik erschei-
lichkeiten des %Denkens, sondern darauf, dass nen die Begriffe zunÈchst noch als feststehende
die ›Dinge‹ an sich selbst widersprechend seien. Bestimmungen in Bezug auf ein Sein. Die %Kri-
In Bezug auf die endliche Wirklichkeit bedeutet tik dieser Vorstellung ist wesentlich auch eine
dies, dass sie nicht als mit sich identische fest- Kritik der vormaligen allgemeinen Metaphysik,
gehalten werden kÚnnen, sofern sie das, was sie der %Ontologie. Diese Kritik und damit den
sind, nur durch ihre Beziehungen auf anderes Àbergang von der traditionellen Ontologie des
sind. Die Entwicklung der WidersprÝche ist da- Seins zur Ontologie von FormverhÈltnissen voll-
her die Entwicklung der Beziehungen bis hin zieht das zweite Buch der objektiven Logik, die
zur Ganzheit (TotalitÈt) der erscheinenden, end- Lehre vom Wesen. Unter den %Wesenheiten ver-
lichen Wirklichkeit. Hier wird, Hegel zufolge, steht Hegel die reinen Formbestimmungen; hier
deutlich, dass die endlichen ›Dinge‹ ihr Bestehen werden u. a. auch die Bestimmungen IdentitÈt,
nur im Absoluten haben oder ihr Nichtsein das Unterschied, Widerspruch und %Grund behan-
Sein des Absoluten ist. Die Dialektik, die diesen delt und bis zum Begriff der Wirklichkeit als
Nachweis fÝhrt, bezeichnet Hegel auch als die Wirklichkeit des Absoluten entwickelt. Diese ist
»negativ-vernÝnftige« Seite der Philosophie; ihr reine SelbstbezÝglichkeit der Denkbestimmun-
Resultat ist die AuflÚsung der endlichen Ver- gen und damit absolute SubjektivitÈt. Der zweite
standesbestimmungen. Der entwickelte Wider- Teil der Wissenschaft der Logik, die Subjektive Lo-
spruch hat aber nicht nur ein negatives Ergeb- gik, behandelt demgemÈß die Selbsterfassung
nis, sondern fÝhrt auf eine positive Bestim- des Begriffs durch den Begriff. Hier findet die
mung, die Einheit der entgegengesetzten Seiten. traditionelle Logik mit der Begriffs-, Urteils- und
Dies wird durch den zur Charakteristik der he- Schlusslehre ihren Ort, ebenso aber auch die im
gelschen Dialektik immer wieder bemÝhten gewÚhnlichen VerstÈndnis in Bezug auf die ob-
Dreischritt von These, Antithese und Synthese jektive %Natur gebrauchten Bestimmungen der
bzw. Position, Negation und Negation der Nega- Mechanik, Chemie und %Teleologie als die Leh-
tion zum Ausdruck gebracht. Das Zusammen- re von den %Zwecken. Beide Seiten fassen sich
gehen der entgegengesetzten Seiten mit sich zusammen in der Lehre von der %Idee, in der
122 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich

sich die absolute Idee als absolute %Freiheit be- gemeinen, die einzelne SubjektivitÈt Ýbergrei-
stimmt. In ihr findet die Philosophie ihre Voll- fenden %Strukturen des Rechts, der MoralitÈt
endung, weil es von hier aus keinen notwendi- und der Sittlichkeit umfasst. Sofern deren Ge-
gen Àbergang in weitere Bestimmungen mehr staltungen den Individuen als Èußerliche Vo-
gibt. raussetzungen und MÈchte gegenÝbertreten, er-
Das VerhÈltnis der absoluten Idee zur Natur scheinen sie als natÝrlich, obwohl sie aus Objek-
sei daher auch kein Àbergehen, sondern die tivierungen bzw. VerÈußerlichungen der Subjek-
Idee entschließe sich aus freien StÝcken, sich in te hervorgehen. Diese zweite Natur erscheint
die Natur zu entlassen und darin die Form des vor allem in dem »System der BedÝrfnisse«, der
Andersseins, der •ußerlichkeit anzunehmen. SphÈre der ³konomie, in der die WillkÝr subjek-
Dass die Natur EntÈußerung der Idee sei, bedeu- tiver BedÝrfnisse und der Interessen der Privat-
te auch, dass sie sich zu sich selbst nur Èußer- eigentÝmer herrsche, deren ungehemmte Frei-
lich verhalte. Sie habe keine innere Entwick- setzung das sittliche Allgemeine zerstÚren wÝr-
lung, sondern sei als ein System von Stufen zu de. In ihr kommt fÝr Hegel jedoch das Freiheits-
betrachten, die allein aus dem Begriff hervor- prinzip der neuzeitlichen SubjektivitÈt zur Gel-
gehen, welcher das Innere der Natur bilde. Der tung; sie ist daher auch nicht zu beseitigen, son-
Gedanke einer natÝrlichen Evolution wird daher dern nur in ihren negativen Folgen zu beschrÈn-
von Hegel verworfen; der Natur selbst kommt ken. Dies geschieht letztlich in der politisch-sitt-
fÝr ihn keine Geschichte zu. Auf der Stufe des lichen Einheit des %Staates, der Wirklichkeit
animalischen Organismus trete die SubjektivitÈt der sittlichen Idee, welcher seine Legitimation
wieder hervor, aber diese SubjektivitÈt kÚnne nicht aus der Vergesellschaftung partikularer In-
sich innerhalb der Natur nicht selbst erfassen, teressen, sondern aus der vernÝnftigen All-
die als bloße •ußerlichkeit pure NegativitÈt und gemeinheit selbst bezieht, wie sie in den Gestal-
daher »Unangemessenheit zur Allgemeinheit« ten des »absoluten Geistes« zum Vorschein
sei. Erst indem der Geist durch den Tod des Na- kommt. VernÝnftige Allgemeinheit im Sinne des
tÝrlichen als Wahrheit der Natur erscheine, wer- absoluten Geistes ist daher in der gesellschaft-
de die •ußerlichkeit zurÝckgenommen und eine lich-geschichtlichen Wirklichkeit nicht zu reali-
IdentitÈt mit dem %Allgemeinen erreicht. sieren; die VersÚhnung mit der zerrissenen
Die Entwicklung des Geistes stellt sich auf Wirklichkeit gelingt nur als Einsicht in die Not-
dieser Grundlage als ein fortschreitendes Hin- wendigkeit ihres So-Seins, die darin zugleich
wegarbeiten des NatÝrlichen dar. Dies vollziehe weiß, dass die GegensÈtze im Absoluten ver-
sich in den Gestalten des »subjektiven Geistes« sÚhnt sind. Dieser VersÚhnung im Absoluten
(%Anthropologie, PhÈnomenologie, Psychologie), aber werden wir nur kontemplativ inne, sei es
des »objektiven Geistes« (%Recht, MoralitÈt, Èsthetisch, sei es religiÚs oder im wissenschaftli-
%Sittlichkeit) und des »absoluten Geistes« chen Erkennen der Philosophie.
(%Kunst, %Religion, Philosophie). Im Unter- In seiner Rechtsphilosophie hat Hegel die Phi-
schied zur Natur handelt es sich hierbei um ein losophie des objektiven Geistes in ihrem ganzen
Hervorgehen dieser Gestalten auseinander. Der Umfang am ausfÝhrlichsten dargestellt. Seine
subjektive Geist ist unmittelbar als %Seele oder Option fÝr einen konstitutionell-monarchischen
»Naturgeist« Gegenstand der Anthropologie, die StÈndestaat, verbunden mit der Ablehnung eines
Ýber die Empfindung in das Bewusstsein Ýber- sich aus der %Gesellschaft zurÝckziehenden li-
geht, das sich in der PhÈnomenologie von seiner beralen »NachtwÈchterstaates«, ist immer wieder
NatÝrlichkeit befreit und vom sinnlichen Be- so verstanden worden, als habe er sich kritiklos
wusstsein zur Vernunft entwickelt. Die Psycho- den restaurativen Tendenzen des damaligen
logie vollendet die Selbsterfassung des subjekti- preußischen Staates unterworfen. TatsÈchlich
ven Geistes als theoretischen, praktischen und kritisiert Hegel die bloße Negation von AbhÈn-
freien Geist, der sich die Wirklichkeit als sein gigkeit als abstrakte Freiheit; konkrete Freiheit
Werk objektiv machen kann. sei erst dort, wo der Geist im Anderen bei sich
Diese Objektivierung erscheint zunÈchst als selbst sei und das Andere in seiner Notwendig-
Gewohnheit, als eine »zweite Natur«. Sie bildet keit anerkennen kÚnne. Ihr Begriff hÈngt fÝr He-
die Basis des objektiven Geistes, der die all- gel wesentlich an einer Erkenntnisdimension:
Heidegger, Martin 123

Sie ist Einsicht in die Notwendigkeit. Damit ge- zur Anschauung gebracht werde. Die Gattungen
raten aber auch umgekehrt die sittlichen Ver- und Formen der Kunst treten in den geschicht-
hÈltnisse einschließlich der Formen und Institu- lichen Epochen auf unterschiedliche Weise do-
tionen des Staates unter den Zwang, sich als minierend hervor. WÈhrend die Architektur als
notwendig, d. h. vernÝnftig, legitimieren zu mÝs- symbolische Kunst in der orientalischen Welt
sen, um als solche auch eingesehen werden zu herrschte, ist die Skulptur Kennzeichen der grie-
kÚnnen. Hegels verankert die Freiheit in der All- chisch-rÚmischen Antike. In der ›romantischen‹
gemeinheit des Rechts und stellt sich ausdrÝck- Kunst der christlichen Epoche hingegen seien
lich der damaligen preußischen Restaurations- Malerei, Musik und Poesie die bestimmenden
politik entgegen, indem er auf einem Verfas- Formen. Mit dieser Stufe sei die Entwicklung
sungsstaat beharrt. Hierin sieht er das bleibende der Kunst insofern zum Abschluss gebracht, als
Resultat der von ihm zeitlebens trotz aller Kritik das Absolute nun im Reich des Gedankens
am jakobinischen Terror bewunderten FranzÚsi- selbst angemessen zur Darstellung gebracht
schen Revolution. Hegels gesellschaftliche und werden kÚnne. Dies trifft auch fÝr das VerhÈlt-
politische Positionen entspringen aus der Ableh- nis der zweiten Gestalt des absoluten Geistes,
nung eines Moralismus des Sollens zugunsten der Religion, zur Philosophie zu. Das protestan-
der Einsicht in die objektiven Bedingungen ge- tisch verstandene Christentum als die vollendete
sellschaftlichen Handelns. Religion habe dieselbe Wahrheit wie die Philoso-
Die Rechtsphilosophie geht vom VerhÈltnis phie, stelle sie aber in einer uneigentlichen,
der VÚlker und Staaten zur allgemeinen Welt- %exoterischen Weise dar. Um sich seines wah-
geschichte, die Hegel als Fortschritt im Bewusst- ren Inhalts zu vergewissern, mÝsse sich das
sein der Freiheit charakterisiert. In ihr gestalte fromme Selbstbewusstsein dem philosophischen
sich der Geist als Weltgeist geschichtlich zur Begriff zuwenden. Die Philosophie kÚnne dieses
Allgemeinheit; er bediene sich der Individuen, BedÝrfnis befriedigen, weil sie selbst ihren ge-
VÚlker und Staaten als Mittel, um seinen End- schichtlichen Lauf vollendet und das Absolute
zweck zu verwirklichen, worin Hegel die »List vollstÈndig erkannt habe. Der Gang der Ge-
der Vernunft« erblickt. Die jeweilige Entwick- schichte der Philosophie entspreche dabei im
lungsstufe des Weltgeistes werde durch einen Großen und Ganzen der Entwicklung der logi-
besonderen Volksgeist reprÈsentiert und voll- schen Gedankenbestimmungen, sodass sie sich
streckt, der als TrÈger des Weltgeistes ein abso- in der Wissenschaft der Logik zusammenfasse.
lutes Recht gegenÝber anderen VÚlkern habe, Damit schließt sich der Kreis: das Ende des Sys-
aber schließlich selbst einem hÚheren Prinzip tems ist die RÝckkehr in seinen Anfang.
weichen mÝsse. In diesem Sinne sei die Welt- A. Gulyga, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Frank
geschichte zugleich das »Weltgericht«. In den furt/M. 1974
aufeinander folgenden Epochen der Welt- O. PÚggeler (Hg.), Hegel. EinfÝhrung in seine Philoso
geschichte (orientalisches, griechisches, rÚmi- phie, Freiburg / MÝnchen 1977
sches und germanisches Reich) vollziehe sich V. HÚsle, Hegels System, 2 Bde., Hamburg 1988
ein Fortschritt von der Freiheit des Einzelnen, Ch. Taylor, Hegel, Frankfurt/M. 1983
H. SchnÈdelbach, Hegel zur EinfÝhrung, Hamburg 1999
des orientalischen Despoten, Ýber die Freiheit
A. A.
einiger in der griechisch-rÚmischen bis hin zur
Freiheit aller in der christlich-germanischen
Welt. Auf diese Weise bestÈtige sich die Herr-
schaft der Vernunft in der Geschichte und die Heidegger, Martin (1889–1976): Eine treffen-
Geschichtsphilosophie sei zugleich %Theodizee. de Kennzeichnung des Lebens des %Aristoteles,
Im Anschluss an die Weltgeschichte sind so Heidegger in einer seiner Vorlesungen, lautet
auch die Gestalten des absoluten Geistes – »Er wurde geboren, arbeitete und starb«. Sicher
Kunst, Religion und Philosophie – wesentlich ge- hÈtte es Heidegger nicht ungern gesehen, dass
schichtlich aufzufassen. Die Kunst stehe als Pro- diese Beschreibung auch auf ihn angewandt
dukt des menschlichen Geistes hÚher als die Na- wÝrde. Genauso wie Aristoteles aber der Lehrer
tur; im KunstschÚnen reprÈsentiere sich die eines Alexander war, genauso wollte Heidegger
Wahrheit selbst, indem die Idee des Absoluten der Lehrer eines anderen FÝhrers sein. Diesem
124 Heidegger, Martin

Wunsch nicht widerstanden zu haben, brachte zum Rektor der Freiburger UniversitÈt wÈhlen.
ihm spÈter den Entzug der Lehrbefugnis ein. Seine Teilnahme an der messianischen Auf-
Dennoch gehÚren seine Schriften, neben denen bruchsstimmung dieser Zeit bekundet die be-
von %Wittgenstein, in den Kreis der wichtigsten rÝhmte Rektoratsrede Ýber die Selbstbehauptung
philosophischen Werke des 20. Jhs. der deutschen UniversitÈt vom Mai 1933. Obwohl
Heidegger wurde am 26. September 1889 in Heidegger relativ bald seinen Irrtum einsah und
Meßkirch als Sohn des KÝfermeisters und Mess- im April 1934 sein RÝcktrittsgesuch als Rektor
dieners Friedrich Heidegger und dessen Frau Jo- einreichte (gleichwohl aber Professor blieb),
hanna geboren. Die einfachen VerhÈltnisse wa- wurde ihm dieser ›SÝndenfall‹ nach Kriegsende
ren auf einen langen Bildungsweg nicht aus- nur schwer verziehen. Bis 1951 hatte Heidegger
gelegt, sodass fÝr einen talentierten Jungen im Unterrichtsverbot, konnte sich aber bezeichnen-
Grunde nur das FÚrderstipendium der katho- derweise niemals zu einer ErklÈrung oder gar
lischen Kirche mit dem Ziel der Priesterausbil- zu einem Schuldbekenntnis durchringen. Als er
dung in Aussicht stand. Diesen Weg hat Heideg- wieder lehren durfte, zeigte das große Interesse
ger dann zunÈchst auch beschritten und besuch- der Studenten wie auch der internationalen
te das Jesuitengymnasium in Konstanz, dann Fachwelt bis nach Japan, dass Heidegger keines-
das Gymnasium in Freiburg, bevor er sich im wegs vergessen worden war. Als er am 26. Mai
Wintersemester 1909/10 an der Theologischen 1976 starb, war er bereits ein Mythos geworden.
FakultÈt der UniversitÈt Freiburg immatrikulier- Wenn es so etwas wie einen SchlÝssel fÝr das
te. Neben seinen theologischen Studien betrieb Gesamtwerk Heideggers gibt, dann ist das si-
er jedoch auch umfangreiche philosophische cherlich der Gedanke eines Ursprunges oder Ur-
Studien und las u. a. %Husserls Logische Unter- grundes, einer Tatsache jedenfalls, auf der alles,
suchungen. Nach vier Semestern brach Heideg- was es in der Welt gibt, die Handlungen der
ger das theologische Studium vollends ab und Menschen eingeschlossen, beruht. Der Gedanke
wechselte zur naturwissenschaftlich-mathemati- eines solchen Urgrundes lÈsst sich zurÝckverfol-
schen FakultÈt, wo er 1914 Ýber Die Lehre vom gen bis in Heideggers Habilitationsschrift Ýber
Urteil im Psychologismus promovierte und sich die Kategorienlehre des mittelalterlichen Scho-
1916 zur Kategorien- und Bedeutungslehre des lastikers Duns Scotus. Besonders deutlich tritt
Duns Scotus habilitierte. Als Husserl 1916 eine dieser Gedanke in der Zeit nach dem Ersten
Professur in Freiburg erhielt, wurde Heidegger Weltkrieg hervor. Da nÈmlich richtet Heidegger
1917 sein Assistent. seine Aufmerksamkeit auf impersonale SÈtze
1923 erhielt Heidegger den Ruf als außer- wie z. B. ›Es regnet‹ oder ›Es blitzt‹. Er ist der
ordentlicher Professor an die UniversitÈt Mar- Meinung, dass SÈtze dieser Art auf ein Ur-Etwas
burg, wo im Kreis seiner HÚrer und SchÝler Na- und eine von diesem ausgehende, subjekt- und
men zu finden sind, die spÈter große Bedeutung objektlose TÈtigkeit verweisen, weil ja, so Hei-
erlangten: u. a. %Gadamer, Horkheimer, LÚwith, degger, mit derart geformten SÈtzen weder auf
Ritter – und Hannah Arendt. Hier in Marburg einen Akteur noch auch auf einen Gegenstand
begann er mit den Vorarbeiten zu Sein und Zeit, der TÈtigkeit Bezug genommen wird. Ganz im
seinem Hauptwerk. Im FrÝhjahr 1926 war die Gegenteil sind solche SÈtze Ausdruck einer ur-
Niederschrift abgeschlossen. Ein Jahr nach der sprÝnglichen Bewegung, die Heidegger spÈter
VerÚffentlichung wurde Heidegger 1928 als Pro- mit der Zeit, noch spÈter mit der Sprache identi-
fessor fÝr Philosophie in der Nachfolge seines fizieren wird.
Lehrers Husserl auf dessen Lehrstuhl berufen. In seinem 1927 erschienenen philosophischen
Ab 1933 wurde, vor allem in den Augen der Hauptwerk mit dem Titel Sein und Zeit ist es
Nachwelt, sein Wirken an dieser UniversitÈt von dann nicht mehr ein Ur-Etwas, das allen Dingen
seiner zeitweiligen Begeisterung fÝr die natio- und TÈtigkeiten zugrunde liegt, sondern das
nalsozialistische Bewegung Ýberschattet. WÈh- %Sein. Seine kategoriale %Struktur ist die
rend z. B. Hannah Arendt als JÝdin nach Frank- %Zeit. Heidegger beginnt Sein und Zeit mit der
reich und weiter in die USA emigrieren musste, Frage, an wen man sich denn richten mÝsse,
ließ sich Heidegger im April 1933 im Zuge der wenn man erfahren will, worum es sich bei dem
Gleichschaltung der deutschen UniversitÈten Sein, welches das Thema der Abhandlung bildet,
Heidegger, Martin 125

denn Ýberhaupt handelt. Die Antwort lautet, tÈglichen HandlungszusammenhÈngen beschrei-


dass nur das menschliche Dasein Aufschluss ben, ohne aufhÚren zu mÝssen, Philosoph zu
Ýber das Sein gewÈhren kann, und zwar aus sein? Eine Beschreibung dessen, was jemand all-
zweierlei GrÝnden: Zum einen zÈhlt es mit zu tÈglich tut, kÚnnte z. B. darin bestehen, seinen
den Dingen, die sind. Das allein zeichnet es je- Tagesablauf nachzuzeichnen. Am Ende erhielte
doch noch nicht gegenÝber den anderen Dingen man eine Aufreihung von Ereignissen, die,
aus, die ja ebenfalls sind. Was das Dasein den wenngleich nicht uninformativ, so doch kaum
anderen Dingen voraus hat und wodurch es fÝr als Philosophie zu bezeichnen wÈren, denn der
den Philosophen interessant wird, ist sein Seins- Philosoph hat es genauso wenig wie der Natur-
verstÈndnis. Heidegger bezeichnet dieses nur wissenschaftler mit dem Einzelnen zu tun oder
dem Dasein eignende SeinsverstÈndnis als wenn, dann nur insofern, als es Ausdruck eines
%Existenz. Will man etwas Ýber das Sein erfah- allgemeinen %Prinzips oder einer allgemeinen
ren, so muss man folglich beim menschlichen GesetzmÈßigkeit ist. Das %Allgemeine an Hand-
Dasein ansetzen, da nur dieses ist und zugleich lungen sind die Strukturen der Handlung. Folg-
ein VerstÈndnis seines Seins besitzt. lich muss die philosophische BeschÈftigung mit
Menschliches Dasein lÈsst sich nun auf zwei- Handlungen deren Strukturen thematisieren.
erlei Weise thematisieren: Einmal als erkennen- Eine philosophische Methode, welche die Struk-
des, zum anderen als handelndes. Heidegger turen einer Sache in den Mittelpunkt ihrer Be-
wÈhlt die zweite Zugangsart und begrÝndet das trachtungen rÝckt, nennt man %transzendental.
damit, dass Erkennen selbst nur auf dem Boden Zusammengenommen ergibt sich fÝr Heideggers
einer vorgÈngigen %Praxis mÚglich sei. Damit Philosophie die Methode einer transzendentalen
ist die Antwort auf die nÈchste Frage vorweg- %PhÈnomenologie.
genommen. Diese lautet, auf welche Weise das Worin bestehen nun aber die Strukturen von
Dasein als praktisches zu thematisieren ist. Soll Handlungen? ZunÈchst gilt es das oben entwor-
man sein Handeln physikalisch beschreiben, in- fene Bild aufeinander folgender Ereignisse zu re-
dem man Berechnungen Ýber seine KÚrperbewe- vidieren. Zwar ist es richtig, dass eine Handlung
gungen anstellt, oder soll man es vielleicht als auf die andere folgt und dass die einzelnen
funktionalen Mechanismus beschreiben, dessen Handlungen eines Menschen eine Art von Ereig-
Bestandteile auf dem Wege der Evolution gewis- niskette bilden. Das allein macht sie aber Hei-
se Funktionen herausgebildet haben? Keine die- degger zufolge noch nicht zu Handlungen. Wo-
ser Zugangsarten hÈlt Heidegger fÝr angemes- rauf es bei Handlungen vor allem ankommt, ist
sen, weil damit das %Dasein zum Gegenstand ihr Verweisungscharakter. Klassisch drÝckt man
einer theoretischen Disziplin gemacht werden diese Tatsache dadurch aus, dass man sagt, ein-
wÝrde, und das heißt fÝr ihn, dass es nur mehr zelne Handlungen stÝnden in einer Zweck-Mit-
aus einer bestimmten Perspektive und mit ei- tel-Beziehung. Etwas ist Mittel zu einem
nem bestimmten Erkenntnisziel in den Blick kÈ- %Zweck. Das Gehen zum KÝhlschrank hat sei-
me. Heidegger ist nun aber der Meinung, dass nen Zweck im Holen der Milch. Was Zweck ist,
es eine allen diesen Perspektiven vorgÈngige kann in eine weitere Zweck-Mittel-Beziehung
und zugrunde liegende Zugangsweise zum eintreten: Das Holen der Milch dient zum Stillen
menschlichen Dasein gibt, die darin besteht, das des Durstes. Und was fÝr Handlungen gilt, gilt
Dasein in seinen alltÈglichen Handlungszusam- ebenso auch fÝr die GegenstÈnde der Handlun-
menhÈngen zu beschreiben, und zwar so, wie gen. Der Stift, sofern man ihn nicht zum Gegen-
sie sich von sich selbst her zeigen. Die %Metho- stand naturwissenschaftlicher Betrachtung
de, etwas so zu beschreiben, wie es sich von macht, ist kein bloßes Ding. Der Stift dient zu
sich selbst her zeigt, ohne dass dabei schon be- etwas, nÈmlich zum Schreiben. Um den Ge-
stimmte theoretische Annahmen eine Rolle spie- brauchsaspekt der Dinge zu betonen, mit denen
len wÝrden, bezeichnet Heidegger als »phÈnome- wir alltÈglich umgehen, bezeichnet sie Heideg-
nologische Methode«. ger als »Zeug«. Der Stift ist also beispielsweise
Die Wahl einer vortheoretischen Zugangsart ein Zeug zum Schreiben, ein Schreibzeug. Zu-
wirft sogleich das nÈchste Problem auf. Dieses sammengenommen stellt das Zeug, mit dem das
lautet: Wie kann man das Dasein in seinen all- Dasein tagtÈglich konfrontiert ist, ein Verwei-
126 Heidegger, Martin

sungssystem dar. Das Werkzeug des Schuhma- Weg zu dem, was Heidegger als den Sinn von
chers verweist auf das, was man damit herstel- Sein bezeichnet. Wesentlich an der Sorgestruk-
len kann, nÈmlich Schuhe, diese wiederum ver- tur sind die zeitlichen Implikationen der einzel-
weisen auf einen TrÈger usw. Das Gesamtsystem nen Aspekte. In den AusdrÝcken »vorweg«,
von Verweisungen, das die Dinge des Alltags »schon« und »sein-bei« kÝndigen sich zeitliche
charakterisiert, bezeichnet Heidegger als »Be- Bestimmungen an, deren Erarbeitung im We-
wandtniszusammenhang«. sentlichen der Schlussteil von Sein und Zeit ge-
Die Herausarbeitung der allgemeinen Struktu- widmet ist. Ohne auf Details einzugehen, lÈsst
ren der alltÈglichen HandlungsvollzÝge ist der sich der weitere Argumentationsgang von Sein
erste Schritt auf dem Wege zu den Strukturen und Zeit wie folgt zusammenfassen: Der Sorge
des Seins. Die Explikation der Grundstrukturen als Ganzer liegt die Zeit, den Aspekten der Sor-
des menschlichen Daseins erschÚpft sich nun ge liegen jeweils zeitliche Aspekte zugrunde.
aber nicht in der Charakterisierung des Bezugs- Dem Sich-vorweg entspricht die Zukunft, dem
charakters menschlicher Praxis. Zu dem, was Schon-sein-in die Vergangenheit, dem Sein-bei
Heidegger als das Dasein bezeichnet, gehÚren die Gegenwart. Allerdings darf man sich das
weitere grundlegende Eigenschaften, die einen nicht so vorstellen, als ob ein Teil der Handlun-
weiteren Untersuchungsschwerpunkt von Sein gen, deren Struktur die Sorge bildet, vergangen
und Zeit bilden. Hierzu zÈhlen solche Dinge wie ist, ein anderer gerade aktuell vollzogen wird
%Sprache, aber auch die Tatsache, dass die und ein weiterer bevorsteht. Zeit bei Heidegger
Menschen GefÝhle haben, weiter, dass sie die heißt in erster Linie Gerichtetheit, Intentionali-
Dinge, mit denen sie alltÈglich konfrontiert sind, tÈt. Ebenso wie sein Lehrer Husserl ist Heideg-
verstehen, außerdem SozialitÈt, von Heidegger ger der Meinung, dass, damit es so etwas wie
als »Mitsein« bezeichnet und Weltbezogenheit, Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit geben
von Heidegger »In-der-Welt-Sein« genannt. Be- kann, das %Bewusstsein (Husserl) bzw. das Da-
stimmungen wie die genannten tragen bei Hei- sein (Heidegger) eine dreifache zeitliche Aus-
degger den Namen %Existenzialien. richtung auf jeden dieser drei Aspekte besitzen
Heidegger wÈre nun kein Philosoph, gÈbe er muss. Heidegger nennt diese zeitlichen Ausrich-
sich mit einer Liste derartiger Existenzialien zu- tungen »Ekstasen«; ihre Einheit bezeichnet er
frieden. Worum es ihm in Sein und Zeit geht, ist, als »Zeitlichkeit«.
die allgemeinsten Strukturen des Seins zu er- In Heideggers SpÈtwerk, das sich einer ge-
mitteln. Eine Liste von unverzichtbaren Bestim- nauen Interpretation nur noch teilweise er-
mungen kann diesem Vorhaben nicht genÝgen. schließt, verschiebt sich der Akzent der Àber-
Aus diesem Grunde nimmt Heidegger an, dass legungen von der Zeit auf die Sprache. Heideg-
sich alle Existenzialien zu einem Strukturgan- ger knÝpft damit an die sich in den dreißiger
zen zusammenbringen lassen. Jede der genann- Jahren vor allem im englischsprachigen Raum
ten Bestimmungen ist Ausdruck einer noch ab- vollziehende sprachphilosophische Wende an,
strakteren Grundstruktur, als das die Strukturen wobei er sich aber auf Unterscheidungen be-
von Handlungen schon waren. Heidegger nennt zieht, die ihren Ursprung in der mittelalterli-
dieses Strukturganze »Sorge« und definiert die- chen Debatte um die Frage nach dem Sein ha-
sen Begriff als »Sich-vorweg-schon-sein-in-(der ben. Was den zuletzt genannten Punkt angeht,
Welt) als Sein-bei-(innerweltlich begegnendem so orientiert sich Heidegger in seinem SpÈtwerk
Seiendem)«. Heidegger will mit dieser Formulie- an der Differenz von Sein und Seiendem, wie
rung deutlich machen, dass das Dasein als prak- sie sich beispielsweise bei %Thomas von Aquin
tisch handelndes EntwÝrfe macht – »Sich-vor- findet. Diese auch als ›ontologische‹ bezeichnete
weg« –, dabei stets Ýber einen bestimmten Spiel- Differenz besagt zunÈchst soviel, wie dass zu ei-
raum von MÚglichkeiten verfÝgt – »Schon-sein- nem Seienden noch das Sein hinzutreten muss,
in« (der Welt) – und es dabei mit bestimmten damit es zu existieren beginnen kann. Traditio-
GegenstÈnden zu tun hat als »Sein-bei« (inner- nell kam %Gott als der Quelle allen Seins die
weltlich begegnendem Seiendem). Funktion der Seinsgabe zu. Heidegger ÝbertrÈgt
Auch die dreifach untergliederte Sorgestruk- diese Aufgabe zunÈchst einem anonymen Ereig-
tur ist wieder nur ein Zwischenschritt auf dem nis. »Die Gabe von Anwesen«, so schreibt Hei-
Heraklit von Ephesos 127

degger in seiner Schrift Zeit und Sein, »ist das re dem ganzen Volk.« Oft ist das Schweigen das
Eigentum des Ereignisses.« In einem Ereignis Weiseste, was der Mensch ersinnen kann. Dioge-
wird also an ein Ding das Sein Ýbertragen, so- nes Laertius berichtet, dass Heraklit, als er ein-
dass es existieren oder – wie Heidegger sich mal gefragt wurde, warum er schweige, erwidert
ausdrÝckt -»anwesen« kann. haben soll: »Damit ihr plappern kÚnnt.« Der
Heidegger verbindet den Gedanken der Seins- Marktplatz, auf dem die Vielen Worte machen,
gabe, und das rÝckt sein SpÈtwerk ein in den taugte nicht fÝr Heraklit. Seine Worte sind karg.
Kreis der %Sprachphilosophie, mit der Sprache, Sie sind wie FelsblÚcke, philosophische Brocken
indem er Ereignis und Sprache miteinander von lapidarer Wucht. Die auf uns gekommenen
identifiziert. In seinem Aufsatz Der Weg zur Fragmente sind hart gefÝgt. In der Fuge zeigt
Sprache schreibt Heidegger: »Das erbringende sich die Harmonie des kunstvollen Baus. Weit
Ereignen, das die Sage (Heideggers Bezeichnung gefehlt, wenn %Hegel im Anschluss an %Aristo-
fÝr Sprache bzw. sprachliche VollzÝge) als die teles Heraklit »vernachlÈssigte WortfÝgung und
Zeige (Heideggers Bezeichnung fÝr sprachliche unausgebildete Sprache« unterstellt. Wie in der
Bezugnahme) in ihrem Zeigen regt, heiße Ereig- Sprache der Dichtung als aufgehobenem Schwei-
nen.« Umgangssprachlich ausgedrÝckt besagt gen ist bei Heraklit auf das zu achten, was er
diese Passage etwa, dass sprachliche AusdrÝcke durch das Nicht-Sagen sagt. In Fragment 93 –
Sinn und Bedeutung haben und damit auf etwas »Der Herrscher, dem das Orakel in Delphi ge-
verweisen. Zugleich hebt mit dem Ausgespro- hÚrt, sagt nicht und verbirgt nicht, sondern gibt
chensein das entsprechende Ding zu existieren Zeichen (Winke)« – wird Apoll bezeichnet, ohne
an. Damit wird %Existenz, auf ganz andere Wei- ihn zu nennen. Wie Apoll spricht Heraklit nicht
se allerdings als in der analytischen Sprachphi- aus, er sagt nicht und doch sind seine Bilder
losophie, an Sprache gebunden. Sprache fÝhrt und Gleichnisse nicht nichtssagend, sondern
gewissermaßen dazu, dass etwas existieren stillschweigend beredt. Wo er trivial erscheint,
kann. Ohne Sprache keine Dinge. ist der eine oft doppelspurige Weg seines Den-
R. Safranski, Ein Meister aus Deutschland. Heidegger
kens verfehlt. Man muss genau zusehen. Das
und seine Zeit, MÝnchen 1994 Tiefste ist an der OberflÈche versteckt: eine ver-
Th. Kisiel, The Genesis of Heidegger’s Being and Time, Ènderte Betonung und die Sache steht anders.
Berkeley / Los Angeles / London 1993 Es ist naiv, Heraklit als naiv anzusehen, wie seit
O. PÚggeler, Neue Wege mit Heidegger, Freiburg / Hegel immer wieder geschehen.
MÝnchen 1992 Schon die Alten gaben Heraklit den Beinamen
Th. Rentsch, Martin Heidegger. Das Sein und der Tod,
›der Dunkle‹. %Cicero meint, Heraklit sei ab-
MÝnchen / ZÝrich 1989
H. Ott, Martin Heidegger, Frankfurt/M. / New York sichtlich dunkel gewesen. Hegel hÈlt diese Mei-
1988 nung zu Recht fÝr »sehr platt« und schließt sich
K. LÚwith, Heidegger Denker in dÝrftiger Zeit. Zur wie Hamann der EinschÈtzung des %Sokrates
Stellung der Philosophie im 20. Jahrhundert, Stutt an, der, als ihm Euripides die Schrift des Hera-
gart 1984 [1953] klit zum Lesen Ýberreichte und ihn fragte, wie
T. B.
er darÝber denke, erwidert haben soll: »Was ich
davon verstanden habe, zeugt von hohem Geist;
und wie ich glaube, auch was ich nicht verstan-
Heraklit von Ephesos (um 540–480): Stammt den habe; nur bedarf es dazu eines delphischen
aus Ephesos an der kleinasiatischen Mittelmeer- Tauchers« – eines Tauchers wie der Delphin, das
kÝste und stand um 500 v. Chr. in der BlÝte sei- heilige Tier des delphischen Apoll, das eintaucht
ner Jahre. Themistokles erzÈhlt, dass die an das ins Dunkle des Meeres und auftaucht an die
Wohlleben gewÚhnten Epheser einstmals berie- Sonne?
ten, was zu tun sei, um den Lebensunterhalt in Diogenes Laertius Ýberliefert ein Epigramm
der von den Persern belagerten Stadt zu si- auf Heraklit: »Nicht schnell wende die BlÈtter
chern. »Als sie darÝber alle versammelt waren, des Heraklitischen Buches. / Steil und schroff
nahm ein Mann namens Heraklit GerstengrÝtze, ist der Pfad, den zu erklimmen es gilt. / Finster-
mischte sie mit Wasser und aß sie unter ihnen nis herrscht und dÝsteres Dunkel; doch fÝhrt
sitzend und dies war eine stillschweigende Leh- ein Geweihter / Dich durch das Buch, so
128 Heraklit von Ephesos

strahlt’s heller als Sonnenschein dir.« Zu den klits Denken ist ein Denken der Sprache, ein
zahlreichen Klagen Ýber die Dunkelheit des he- Nachdenken dessen, was uns die Sprache immer
raklitischen Stils sagt %Nietzsche: »Wahrschein- schon vorgedacht hat. WÈre es auch zuviel ge-
lich hat nie ein Mensch heller und leuchtender sagt, Heraklits Denken der Sprache schon die
geschrieben. Freilich sehr kurz, und deshalb fÝr erste Philosophie der Sprache zu nennen – wie
die lesenden SchnellÈufer dunkel.« Er beruft Lassalle es tat –, so ist doch hier die Spur auf-
sich auf die Bemerkung Jean Pauls: »Im Ganzen zunehmen, die zur Grundschrift des grie-
ist es recht, wenn alles Große . . . nur kurz und chischen Denkens Ýber die Sprache fÝhrt, nÈm-
(daher) dunkel ausgesprochen wird, damit der lich zu dem platonischen Dialog, der nach dem
kahle Geist es lieber fÝr Unsinn erklÈre als in Herakliteer Kratylos benannt ist. Als ein Denker,
seinen Leersinn Ýbersetze. Denn die gemeinen der mit der Sprache denkt, mit der Sprache mit-
Geister haben eine hÈßliche Geschicklichkeit, im geht, hat Heraklit die rhythmischen Elemente
tiefsten und reichsten Spruch nichts zu sehen des Altgriechischen in seinen Logos hinein-
als ihre eigne alltÈgliche Meinung.« Nicht zu geholt. So ist seine NÈhe zur Lyrik – insbeson-
verwechseln ist das Gegensinnige mit dem Un- dere zu Aischylos – denen, die ein feines Ohr
sinnigen, das Paradoxe mit dem Paralogischen. haben, nicht entgangen. Die Bildlichkeit der poe-
Heraklit lesen erfordert, es ganz genau zu neh- tischen Prosa Heraklits ist durchaus nicht ge-
men. Oft steckt das Entscheidende im Detail. waltsam, wie J. Burckhardt meint, vielmehr wÈ-
Vorschnelle Vergleiche, um auf die Heeresstraße re sie eher gewaltig zu nennen. HÈufig liegen
der alltÈglichen Meinung einzuschwenken, sind den Fragmenten, wie zum Beispiel den Harmo-
verfehlt. Etwa mit %Popper zu wÈhnen, Heraklit niefragmenten (Vgl. zum Beispiel Fragment 8,
stelle sich die Welt nicht als Gesamtheit der wo vom »Zusammengehen des Widerspenstigen«
Dinge, sondern als Gesamtheit der Tatsachen die Rede ist und dabei von bestimmten Formen
vor, hieße, Heraklits Sentenzen zu einer Art der Holzbearbeitung auszugehen ist) ganz kon-
›Prototractatus‹ und Heraklit zum VorlÈufer des krete Bilder zugrunde. Schon Bernays hat er-
frÝhen %Wittgenstein zu machen. Das ist nicht kannt, dass Heraklit gerade bei seinen bild-
die Welt Heraklits. Sein Denken ist keine ›ora- lichen AusdrÝcken hÈufig auf Homer Bezug
kelnde Philosophie‹ im schlechten Sinn, obgleich nimmt – eine Erkenntnis, der man hinsichtlich
man seine Winke von alters her verglichen hat der fÝr den Harmonie-Begriff entscheidenden
mit denen Apolls, der Herrscher des Manteion Fragmente 8, 10, 51 und 54 bisher zu wenig Be-
(Orakel) in Delphi ist, der nicht enthÝllt und achtung geschenkt hat. Heraklit stÚßt sich von
nicht verhÝllt, sondern bedeutet. Mantik und Se- Homer ab – von ihm war er angezogen. Wie in
mantik, Doppelsinn und Sinn sind hier zusam- einem Palimpsest, das heißt in einer alten, von
mengebracht. Hat Heraklit auch nicht den Tief- neuem beschriebenen Handschrift, erblickt man
sinn des Wortspiels entdeckt, wie %Gadamer plÚtzlich sozusagen unter dem heraklitischen
meint – dies Verdienst kommt Homer zu –, so Logos die mythischen Bilder Homers. Man sieht:
ist doch hier zuerst die philosophische Bedeu- »Bevor gedacht wird, muss schon gedichtet wor-
tung des doppelsinnigen Wortes erfasst, das den sein« (Nietzsche). Eingedenk der PrÈgnanz
Sinn und Gegensinn in sich vereint. Es kann – der Sprache Heraklits wÈre das hegelsche Wort
wie Hegel treffend sagt – »dem Denken eine »das Wahre ist konkret« das rechte Motto fÝr die
Freude gewÈhren, auf solche WÚrter zu stoßen Arbeit am Heraklit-Text. Das %Konkrete bei He-
und die Vereinigung Entgegengesetzter . . . schon raklit ist das %Allgemeine. Die beiden StÈmme
lexikalisch als Ein Wort (mit) entgegengesetzten der menschlichen %Erkenntnis, %Sinnlichkeit
Bedeutungen vorzufinden«. (Vgl. Fragment 48: und %Verstand, sind in der denkenden %An-
»Nun ist der Bogen dem Namen nach Leben, in schauung Heraklits noch zusammengewachsen.
der Tat aber Tod.« (Àbersetzung von B. Snell), Erstaunlich ist Heraklits NÈhe zur Lebenswelt.
wo Heraklit den Doppelsinn der griechischen Heraklit war kein Metaphysiker – was ihm zum
Sprache bedenkt, die ein Wort hat fÝr das, was Beispiel FrÈnkel unterstellt hat. Bei allen Bildern
– verschieden akzentuiert – sowohl ›Bogen‹ als Heraklits ist von einer ganz plastischen, zu-
auch ›Leben‹ bedeutet. %Vernunft ist %Sprache, nÈchst keineswegs rÈtselhaften %Bedeutung
%Logos – Entsprechung im Widerspruch. Hera- auszugehen. Zuerst ist daher immer wieder zu
Hobbes, Thomas 129

fragen: Was heißt das ganz konkret? Erst wenn die erste Philosophie des SchÚnen im Abendland
man so der Sache auf den Grund gegangen ist, – was bisher nur wenig beachtet wurde. Mag
beginnt man die DoppelbÚdigkeit Heraklits zu Nietzsches Heraklit-PortrÈt auch stellenweise
ermessen. zum SelbstportrÈt missraten sein: Durch seine
Noch ein Wort zu den Schwierigkeiten beim Wiedergewinnung des antiken Bodens, insbeson-
Lesen: Das Elend der Heraklit-Interpretation ist, dere durch seinen RÝckgang zu Heraklit, hat
dass es sich bei den Fragmenten um Zitate aus Nietzsche den Anlauf genommen, der zur Errei-
einem Text handelt, dessen Kontext uns weit- chung der postmodernen Spitze der ModernitÈt
gehend unbekannt ist. Jedes Wort aber ist Vor- in Sachen •sthetik heute nÚtig ist. Vor Nietz-
wort und Nachwort. Hier ist Mut zur Mutma- sche erkannte wohl sein Lieblingsdichter aus
ßung erforderlich, aber auch Mut zur LÝcke. Zu der Jugendzeit, HÚlderlin, die zentrale Bedeu-
begegnen ist der faulen Vernunft, die etwas die tung des %SchÚnen fÝr Heraklit, den großen
cusanische coincidentia oppositorum als Passe- AnfÈnger der Philosophie. Wie Hegel von Pla-
partout zur TextentschlÝsselung missbraucht. tons Àberlieferung des Fragments 51 aus-
Zu begegnen ist auch dem schlechten Herakliti- gehend, sagt HÚlderlin in seinem Hyperion: »Das
sieren derer, die noch heraklitischer – sprich große Wort, . . . (das Eine in sich selber unter-
tiefsinniger – sein wollen als Heraklit selbst. Die schiedne) des Heraklit, das konnte nur ein Grie-
Wirkungsgeschichte Heraklits reicht in der Phi- che finden, denn es ist das Wesen der SchÚn-
losophie von %Platon und Aristoteles Ýber die heit, und ehe das gefunden war, gab’s keine Phi-
%Stoa bis in die %Neuzeit (A) zu Nietzsche und losophie.«
%Heidegger, die als Àberwinder der %Metaphy- Heraklit Fragmente, Griechisch und Deutsch, hg. v.
sik beziehungsweise als Postmetaphysiker an B. Snell, 8. Aufl. MÝnchen / ZÝrich 1983
den Praemetaphysiker Heraklit anknÝpften und G. S. Kirki / J. E. Raven, The Presocratic Philosophers,
ihn vereinnahmen. »Hier sehen wir Land; es ist Cambridge 1957
kein Satz des Heraklit, den ich nicht in meine M. Marcovich, Heraclitus, Greek Text with a Short
Logik aufgenommen« – sagt schon der Herakli- Commentary, Editio Maior, Merida 1967
Ch. H. Kahn, The Art and Thought of Heraclitus, Cam
teer Hegel. »Von ihm ist der Anfang der Existenz
bridge 1979
der Philosophie zu datieren – es ist die bleiben- J. Ballack / H. Wismann, H¹raclite ou la s¹paration, Pa
de Idee, welche in allen Philosophen bis auf den ris 1972
heutigen Tag dieselbe ist.« Als das ›Prinzip des G. W.
Heraklit‹ versteht Hegel Platons Version von
Fragment 51: »Das Eine von sich selbst unter-
schiedne, eint sich mit sich selbst.« Heraklit Hobbes, Thomas (1588–1679): Der englische
fasst nach Hegel das Absolute als %Dialektik Philosoph wurde durch seine These, der zufolge
auf, als die Einheit Entgegengesetzter. Zwar sich der Mensch nichts denken kÚnne, was nicht
kann von einem Absoluten bei Heraklit auch in zuvor (als Ganzes oder in seinen Teilen) in den
Fragment B 108 wohl noch nicht die Rede sein, Sinnen gewesen sei, zu einem der Wegbereiter
aber in der Tat kann man mit Schadewaldt sa- des %Empirismus. Bekannt und berÝhmt jedoch
gen, dass hier die ganze kÝnftige Dialektik machten ihn seine Schriften zur Rechts- und
schlummert. Staatslehre, worin er die Idee des %Gesell-
». . . die Welt braucht ewig die Wahrheit, also schaftsvertrags entwickelt. Seine Werke, worun-
braucht sie ewig Heraklit«, ruft der Herakliteer ter als die wichtigsten der Leviathan (1651) und
Nietzsche aus. In der Auffassung, dass die Welt seine dreiteilige Elementa philosophiae
ein gÚttliches Spiel ist, und jenseits von Gut (1642–1658) zu nennen sind, zeugen von einem
und BÚse, erblickt er in Heraklit seinen VorgÈn- regen Interesse an den wissenschaftlichen und
ger. In dem viel umstrittenen Fragment 52 (»Das politischen Belangen seiner Zeit. Das Aufkom-
Leben ist ein spielender Knabe, ein Brettspiel men der exakten Wissenschaften, die politisch
spielend. Des Knaben (ist das) KÚnigreich«) instabilen VerhÈltnisse seiner Zeit und die Aus-
sieht Nietzsche schon zur Zeit seiner Baseler einandersetzung mit der Philosophie %Descar-
Vorlesungen »eine rein Èsthetische Weltbetrach- tes’ haben sein philosophisches Denken nach-
tung«. In der Tat steckt in Heraklits Fragmenten haltig geprÈgt. Hobbes erklÈrtes Ziel bestand da-
130 Hobbes, Thomas

rin, ein philosophisches Gesamtsystem zu ent- durch Lust, und das Objekt, das diese Reaktion
werfen, unter dessen methodischen Àberbau bewirkte, wird als gut empfunden. Dabei werden
sich alle Bereiche des %Seins einordnen lassen. niemals die Dinge selbst, sondern immer nur
In Ablehnung jeglicher %Metaphysik sollte die- die von den Dingen mechanisch erzeugten Vor-
ses »Weltsystem« den modernen Naturwissen- stellungen zum Inhalt mÚglicher %Erfahrung.
schaften wie den Realwissenschaften gleicher- So setzt Hobbes in seinem Verfahren metho-
maßen gerecht werden. Hobbes’ Begeisterung disch zwar erklÈrtermaßen bei der Erfahrung
fÝr Mathematik und vor allem fÝr die Geo- bzw. bei der Sinnesempfindung an – und kann
metrie, die in seinen Augen als Einzige zu si- dadurch zu einem Vorbild fÝr die Empiristen
cherer Erkenntnis fÝhren kann, lÈsst ihn diese werden –, doch der unmittelbare Gegenstand
zum methodischen Vorbild fÝr sein philosophi- der Philosophie sind immer nur Vorstellungs-
sches GebÈude nehmen und seine Theorie auf inhalte. Diese sollen mittels philosophischer
Begriffen der Kinematik und Mechanik begrÝn- Analyse in ihre elementaren Bestandteile zerlegt
den. Ausgehend von der Basis eines streng ma- bzw. auf die ihnen zugrunde liegenden ersten
terialistischen Weltbildes werden alle AblÈufe allgemeinen %Prinzipien zurÝckgefÝhrt werden.
und VorgÈnge in der Welt nach dem Prinzip rein Insofern die Aufgabe der Philosophie somit in
mechanistischer BewegungsablÈufe erklÈrt. der Suche nach den allgemeinen GrÝnden eines
Gleich dem Bild eines KÚrpers, der durch den Sachverhalts liegt, ist sie Ursachenforschung.
Anstoß eines andern in Bewegung versetzt wird, Das Analyseverfahren, welches einen Vorstel-
ist fÝr Hobbes die causa efficiens einzige %Ursa- lungsinhalt durch ZurÝckverfolgen der Kausal-
che aller VorgÈnge in einem Universum, in wel- kette bis auf die ihn konstituierenden Prinzipien
chem es nur noch ›KÚrper‹ gibt (wobei er darun- bestimmt, nennt Hobbes »genetische Definition«.
ter nicht nur physikalische KÚrper versteht, son- Er benutzt diesen Weg zur Darstellung seiner
dern beispielsweise auch die Menschen und den Staatslehre, indem er die Entstehung des von
Staat darunter zÈhlt). Philosophie wird so zur ihm favorisierten Staatsmodells »genetisch« bis
Lehre von den anorganischen, organischen und auf die ihm zugrunde liegenden Universalien
sozialen KÚrpern, die sowohl den Ablauf sozialer zurÝckverfolgt. Insofern er dabei das Prinzip der
Prozesse als auch das Zustandekommen Bewegung als erste Ursache fÝr die Bildung von
menschlicher %Erkenntnis nach dem %Modell %Staaten Ýberhaupt erweist, fÝgt sich seine
der Bewegungslehre erklÈrt. So kommt zum Bei- Staatslehre nahtlos in sein mechanistisches Na-
spiel die Sinnesempfindung nach Hobbes da- tursystem ein und erweist sich durch das ge-
durch zustande, dass die Èußeren Objekte, wel- meinsam zugrundliegende »kinetische« Prinzip
che unabhÈngig von unserem Geist existieren, als mit allen anderen Teilen systematisch ver-
die Sinnesorgane des Menschen auf mecha- bunden – gewissermaßen ›kompatibel‹. Insofern
nische Art reizen, worauf wiederum die »inne- Hobbes sein Modell eines Staates solchermaßen
ren Lebensgeister« des Menschen reagieren, in- kausal-mechanistisch direkt aus ersten unbe-
dem sie %Vorstellungen im Gehirn erzeugen, zweifelbaren Prinzipien ableitet, fÝhrt er zudem
welche dem Èußeren Objekt entsprechen, von den Nachweis, dass die von ihm dargestellte
welchem die ›mechanischen‹ Reize ursprÝnglich Staatsform keineswegs zufÈllig oder kÝnstlich
ausgingen. Der gesamte Inhalt der sinnlichen entstanden ist, sondern das notwendige Produkt
Wahrnehmung kann somit als das Ergebnis der eines kausal-mechanistisch determinierten Ent-
Einwirkung von bewegender und bewegter Mate- wicklungsprozesses bildet. Wie ist diese Ent-
rie auf die menschlichen Sinnesorgane verstan- wicklung nach Hobbes zu denken und wodurch
den werden. In analoger Weise erklÈrt Hobbes zeichnet sich das von ihm entwickelte Modell
die Entstehung von %Affekten, %Werten und aus?
Willensakten in seiner Theorie. Sie werden Die erste Voraussetzung fÝr menschliches Le-
durch vom Objekt ausgehende Reize im %Sub- ben Ýberhaupt sieht Hobbes in der Bewegung
jekt mechanisch erzeugt und gelten deshalb als der bereits erwÈhnten Lebensgeister gegeben,
determiniert. Wieder spielen dabei die so ge- deren Steigerung um der damit zusammenhÈn-
nannten »Lebensgeister« eine wesentliche Rolle. genden Lust willen erstrebt wird. Umgekehrt
Wird ihre Bewegung gesteigert, so entsteht da- wird eine SchwÈchung der »Vitalgeister« als Un-
Hume, David 131

lust wahrgenommen, ihr vÚlliger Stillstand be- Titels gibt Hobbes dem Staat den Namen des
deutet den Tod. Auf der Grundlage dieser Bewe- biblischen Ungeheuers Leviathan. Der Staat als
gungsstruktur erscheint menschliches Leben Leviathan wird beschrieben als kÝnstlicher KÚr-
durch zwei Triebe beherrscht: Durch das Stre- per, in welchem das Funktionieren der einzel-
ben nach Selbsterhaltung und das Streben nach nen Glieder, die wie mechanische (!) RÈdchen
Lust. Im Gegensatz zu Aristoteles definiert Hob- ineinander greifen, das Funktionieren des gan-
bes den Menschen somit nicht als von %Natur zen Organismus gewÈhrleistet. Nicht umsonst
aus ›geselliges‹ Wesen, sondern geht in seiner nennt Hobbes den Staat ein Ungeheuer: Nur er
Staatslehre von einer egoistischen Motivations- bestimmt Recht und Unrecht, trennt Glauben
struktur desselben aus. In ›vorstaatliche‹ Zeiten von Aberglauben, herrscht mit absoluter Macht
zurÝckschauend, entwirft er das Bild eines Ýber alles – und kann schließlich als einziger
%Naturzustandes, wo der Krieg aller gegen alle Sicherheit gewÈhren und Krieg verhindern.
herrscht. Jeder sucht nach MÚglichkeit das eige- Auch wenn Hobbes’ BemÝhungen, den monar-
ne Leben zu bewahren und nimmt, um dieses chischen Absolutismus theoretisch zu stÝtzen
zu schÝtzen, keine RÝcksicht auf das Leben der und auf diese Weise auf die Politik seines von
anderen. Aus diesem Grund ist nach Hobbes je- BÝrgerkriegswirren erschÝtterten Landes Ein-
der Mensch des andern Menschen Feind (homo fluss zu nehmen, nicht von großem Erfolg ge-
homini lupus). Es herrscht natÝrliches %Recht krÚnt waren, so zeitigte doch die von ihm (wenn
in dem Sinne, dass alle Anspruch auf alles ha- auch nicht erfundene, so doch in dieser Weise
ben und es jedem freigestellt ist, welche Mittel zum ersten Mal) formulierte Theorie des Sozial-
er zur Sicherung seines Lebens und zur Befrie- vertrags, die spÈter nicht nur von %Locke und
digung seines Luststrebens anwendet. In dieser Rousseau aufgenommen wurde, eine nachhaltige
von Mord und Totschlag geprÈgten Situation Wirkung.
kann keiner hoffen, sein Leben in Ruhe, Sicher- W. Kersting, Thomas Hobbes zur EinfÝhrung, Hamburg
heit, ja Wohlstand zu fÝhren, da alle gleicherma- 1992
ßen bedroht sind. Die einzige Chance, diesem H. MÝnkler, Thomas Hobbes, Frankfurt/M. 1993
Zustand zu entkommen, bietet ein »Vertrag aller R. Tuck, Hobbes, Freiburg 1999
mit allen«, in welchem die Individuen auf einen G.T. G.
Großteil ihrer natÝrlichen Rechte verzichten und
sich somit gegenseitige Sicherheit voreinander
zusichern. Das natÝrliche Recht des StÈrkeren Hume, David (1711–1776): Das 18. Jh. gilt
soll durch das bÝrgerliche Recht auf persÚnliche nicht nur als Zeitalter der AufklÈrung (%A Neu-
Sicherheit ersetzt werden. Um die Einhaltung zeit – AufklÈrung), sondern auch als BlÝte der
dieses Vertrages zu garantieren, mÝssen sich al- %Anthropologie. Nachdem durch die neuzeitli-
le der Gewalt eines einzigen %Willens, dem che Physik von Galilei bis Newton die Èußere
SouverÈn, unterordnen. Durch den vertraglichen Natur erforscht worden war, rÝckte nun die ›Na-
Zusammenschluss und die Abtretung der Macht tur des Menschen‹ in den Mittelpunkt des phi-
an den SouverÈn, der durch eine Person oder ei- losophischen Interesses. So insbesondere bei Da-
ne Versammlung reprÈsentiert werden kann, vid Hume, der in seiner ersten umfangreichen
konstituieren die Individuen den Staat. Die Schrift Ein Traktat Ýber die menschliche Natur
Àbernahme der Macht durch den Inhaber der den nicht gerade unbescheidenen Anspruch er-
Staatsgewalt verpflichtet jenen im Gegenzug da- hob, zum Newton einer neuen ›Wissenschaft
zu, das Volk zu beschÝtzen und Frieden, Recht vom Menschen‹ zu werden. Diese Wissenschaft
und Ordnung im Staat aufrecht zu erhalten. Die- sollte wiederum die gesicherte Grundlage fÝr ei-
se Aufgabe kann er nach Hobbes jedoch nur er- ne neue Moralphilosophie bilden. Zum einen
fÝllen, wenn ihm die absolute Macht im Staate wollte Hume damit die Beliebigkeit antiker Ethi-
unumschrÈnkt, unverÈußerlich und unteilbar zu- ken Ýberwinden; zum andern setzte er sich wie
kommt. Eine Bedingung, die Hobbes in der abso- auch andere AufklÈrer zum Ziel, die %Ethik un-
luten Monarchie erfÝllt sieht, aus welchem abhÈngig von der %Religion zu begrÝnden. In
Grunde er sie als die zweckmÈßigste Staatsform dieser Aufgabe bestand das ursprÝngliche Motiv
vorzuziehen scheint. In seinem Buch gleichen Humes, das ihn zunÈchst in eine persÚnliche
132 Hume, David

Krise stÝrzte und spÈter den Aufbau seines phi- wehrt. Seine BemÝhungen um einen Lehrstuhl
losophischen Werkes bestimmte. in Edinburgh scheiterten am Widerstand der
WÈhrend seiner Kindheit hatte Hume, der am Geistlichen. Hume wurde schließlich Bibliothe-
26. April 1711 in Edinburgh geboren wurde, die kar und nutzte diese Gelegenheit zur Abfassung
religiÚse Erziehung seiner Mutter und den einer vierbÈndigen Geschichte Englands, die in
streng calvinistischen Einfluss seines Pfarr- den Jahren 1754 bis 1762 erschien und ihn be-
bezirks erfahren. Am College in Edinburgh lern- rÝhmt gemacht hat. Den grÚßten Ruhm konnte
te er hingegen eine andere geistige Welt ken- Hume indessen in Frankreich genießen, als er
nen, die %Erkenntnistheorie %Lockes und die 1763 als SekretÈr an die englische Botschaft
Naturwissenschaft Newtons sowie die profane nach Paris ging und im Kreise der EnzyklopÈ-
Grundlegung der Moral von Joseph Butler. Nach disten begeistert empfangen wurde. Von 1767
dem ersten Abschluss 1725 sah sich Hume ge- bis 1769 war Hume noch im Londoner Außen-
zwungen, einen bÝrgerlichen Beruf zu ergreifen, ministerium fÝr die diplomatische Korrespon-
da das vÈterliche Erbe aus dem schottischen denz zustÈndig. Mittlerweile recht wohlhabend,
Landadel nicht groß genug war, um davon leben kehrte er nach Edinburgh zurÝck, wo er am 25.
zu kÚnnen. Doch das Jurastudium gab er bald August 1776 starb.
wieder auf, um sich dem Studium der Philoso- Die Essays zu moralischen, politischen und
phie zu widmen. Durch diese Entscheidung ge- Úkonomischen Themen vermitteln den sozialen
riet er offenbar in einen inneren Konflikt mit Kontext, in den Hume seine Moralphilosophie
der Religion, an dem er psychisch und physisch zu stellen beabsichtigt. Er distanziert sich nicht
schwer erkrankte. Nachdem auch eine Anstel- nur von der Religion, sondern ebenso von den
lung in einem Handelshaus gescheitert war, Resten absolutistischer Regierung und von der
reiste Hume 1734 nach Frankreich und lebte bis merkantilistischen Wirtschaftspolitik. Indem er
1737 in Reims und hauptsÈchlich in La Flche. fÝr autonome politische Parteien, fÝr Freihandel
In dieser Zeit entstand der erwÈhnte Traktat, sowie fÝr Meinungs- und Pressefreiheit eintritt,
der 1739 und 1740 in London erschien. erweist er sich als AnhÈnger des %Liberalismus.
Aber die Hoffnung auf Erfolg erfÝllte sich Dieses Engagement fÝhrt zu der sozialphiloso-
nicht; wie sich Hume selbst eingestehen musste, phisch bedeutsamen Erkenntnis, dass die bÝr-
»fiel der Traktat als Totgeburt von der Presse«. gerliche Gesellschaft ein sich selbst nach eige-
So besann sich Hume auf eine andere StÈrke nen Gesetzen regulierendes System ist.
und verÚffentlichte schon im Jahr 1742 seine Es- Auf analoge Weise konzipiert Hume die »Mo-
says Ýber Moral und Politik, mit denen es ihm ral als Úffentliche Meinung«, die gleichsam na-
gelang, den Publikumsgeschmack durch The- turwÝchsig aus den einzelnen Handlungen und
menwahl und brillanten Schreibstil besser zu deren Beurteilungen hervorgeht. Aus dem wech-
treffen als im schwerfÈlligen FrÝhwerk. 1752 selseitigen Spiel der Beteiligten, in dem jeder
folgte eine weitere Sammlung politischer und Handelnder und Beobachter zugleich ist, soll ei-
Úkonomischer Essays. Durch diese Erfahrung ne Art Gemeinsinn entstehen, der die wÝn-
klug geworden, arbeitete Hume seinen Traktat schenswerten Tugenden wie Wohlwollen, Zunei-
vÚllig um; 1748 erschien das Ýberarbeitete und gung oder Menschenliebe erst ermÚglicht. Ten-
gekÝrzte erste Buch, das seit 1758 als Unter- denziell tritt an die Stelle eines gÚttlichen Gebo-
suchung Ýber den menschlichen Verstand be- tes, einer staatlichen Vorschrift oder eines abso-
kannt ist; und 1751 publizierte Hume eine modi- lut geltenden Vernunftgesetzes die gesellschaftli-
fizierte Version des dritten Buches unter dem Ti- che Kommunikation. Es liegt daher nahe, Hume
tel Untersuchung Ýber die Prinzipien der Moral. und die schottische Moralphilosophie insgesamt
Gleichzeitig entstanden auch zwei Schriften zur als Wegbereiter der modernen Soziologie zu be-
%Religionsphilosophie, die Naturgeschichte der trachten.
Religion und die erst posthum 1779 heraus- Die Grundlage oder – wie es im Titel der
gekommenen Dialoge Ýber natÝrliche Religion. Ýberarbeiteten Fassung heißt – die »Prinzipien«
Trotz des schriftstellerischen Erfolgs und der einer solchen Moral sieht Hume also nicht mehr
wachsenden Reputation als originÈrer Philosoph primÈr in der menschlichen %Vernunft. Das ist
wurde Hume eine akademische Laufbahn ver- schon kÝhn genug, wenn man sich vergegenwÈr-
Hume, David 133

tigt, dass seit der Antike und seit dem %Mittel- Wenn sich Hume vor allem als Skeptiker in
alter (A) bis zum %Rationalismus des 17. Jhs. der Philosophiegeschichte einen Namen gemacht
die Vernunft als diejenige Instanz galt, der al- hat, so ist zu prÈzisieren, dass er dabei einen
lein zugetraut wurde, die egoistischen Affekte ›gemÈßigten‹ %Skeptizismus vertritt. Gegen je-
der Menschen im Zaum zu halten. Wenn nun den radikalen Zweifel, der die Existenz Èußerer
Hume die Vernunft als Moralprinzip ausschließt, GegenstÈnde oder das Eintreten erfahrungs-
dann stellt er nicht nur dieses klassische Modell gemÈßer Folgen in Frage stellt, macht Hume die
der TriebbewÈltigung in Frage, weil er die Ver- alltÈgliche Praxis geltend. Vor dem Hintergrund
nunft dafÝr viel zu schwach hÈlt; vielmehr ver- seiner eigenen Lebenskrise argumentiert er,
deutlicht er, dass er die Moral dem Bereich der dass die Menschen gar nicht Ýberleben kÚnnten,
Lebenspraxis zuordnet. In moralischen %Urtei- wenn sie nicht wie selbstverstÈndlich annÈh-
len geht es nicht um ›wahr und falsch‹, sondern men, dass die Sonne am nÈchsten Tag aufgeht
um ›gut und schlecht‹, d. h. um praktische Stel- oder das verzehrte Brot sie ernÈhrt.
lungnahmen in bestimmten Situationen sozialen Was Hume hingegen grundsÈtzlich bezweifelt,
Handelns. Dazu bedarf es nach Hume anstelle ist letzte %Gewissheit im Bereich der %Erfah-
der kÝhlen und teilnahmslosen Vernunft be- rung. Weder lÈsst sich mit mathematischer oder
stimmter Emotionen, aus denen erst konkrete logischer Stringenz beweisen, dass die wahr-
Handlungsmotive hervorgehen kÚnnen. Nicht genommenen GegenstÈnde vorhanden sind und
die Vernunft, sondern das %GefÝhl gehÚrt dem- auf unsere Sinnesorgane einwirken, noch lÈsst
nach zu den Prinzipien der Moral. sich ein solcher Beweis fÝr die VerknÝpfung von
Aber welche Art Emotion kommt zur Grund- %Ursache und Wirkung erbringen. Besonders
legung der Moral in Frage, wenn doch frÝher ge- fÝr den Fall der Kausalverbindung ist Humes
rade bestimmte Affekte wie Begierden und Lei- %Argumentation bedeutsam geworden. Wenn
denschaften als unmoralisch galten? Zur LÚsung zwei Billardkugeln aufeinanderprallen – so Hu-
dieses Problems knÝpft Hume an Anthony Shaf- mes Beispiel –, dann erwartet der menschliche
tesbury und Francis Hutcheson an, die neben Beobachter, dass diese Kugeln sich so bewegen
den eigennÝtzigen Affekten einen speziell mit- werden, wie es die bisherige Erfahrung gezeigt
menschlichen oder sozialen Affekt postuliert ha- hat. Aber weil hier keine ›innere Kraft‹ wahr-
ben. Hume spricht in diesem Zusammenhang nehmbar ist und weil niemals alle FÈlle eines
von einem besonderen »moralischen GefÝhl«; es solchen Vorgangs bekannt sein kÚnnen, lÈsst
ist synonym mit ›Sympathie‹, d. h. mit der FÈhig- sich die erwartete Folge nicht mit Notwendigkeit
keit, sich in die Lage eines anderen Menschen voraussagen. Die Beobachtung erlaubt nur den
hineinzuversetzen und sich dessen Perspektive Erfahrungsschluss, dass von gleichartigen Ursa-
zu eigen zu machen. WÈhrend jedoch Shaftesbu- chen gleichartige Wirkungen mit einer bestimm-
ry den moralischen Affekt als irgendwie angebo- ten Wahrscheinlichkeit zu erwarten sind. Letzt-
ren unterstellte, der gleichberechtigt neben dem lich ist es nach Hume die Macht der Gewohn-
Egoismus fungieren sollte, entwickelt Hume die- heit, die den Menschen nÚtigt, alle Erfahrung
sen Ansatz zu einer %Sozialphilosophie mora- nach dem Muster regelmÈßiger vergangener Er-
lischer Urteile und %Handlungen. fahrung zu interpretieren.
Im zweiten Buch des Traktats hatte Hume In dieser psychologischen Wendung der Er-
noch versucht, die Sympathie aus den Ýbrigen kenntnistheorie zeigt sich eine Parallele zur Mo-
Affekten abzuleiten, ohne einen plausiblen ralphilosophie, in der ja auf Èhnliche Weise an-
Grund fÝr das »moralische GefÝhl« angeben zu stelle einer Vernunftwahrheit bestimmte Emotio-
kÚnnen, sodass er in seiner spÈter erschienenen nen zu Grunde gelegt werden. Auf jeden Fall
Moralphilosophie auf die Affekttheorie ganz ver- hat Humes Skepsis die Augen fÝr ein Grundpro-
zichtete. Diese skeptische Position bildet denn blem menschlicher Erkenntnis geÚffnet: Die
auch den Kern seiner Untersuchung Ýber den Menschen kÚnnen auf dem Feld der Tatsachen
menschlichen Verstand. UrsprÝnglich diente die- nicht mehr wissen, als sie aus ihren Wahrneh-
se Untersuchung dem Ziel, die Affekttheorie mungen und Erfahrungen gelernt haben. Mit
und Moralphilosophie erkenntnistheoretisch zu dieser Einsicht stellte sich Hume in die Traditi-
untermauern. on des englischen Empirismus seit John Locke.
134 Husserl, Edmund

WÈhrend Hume bei den franzÚsischen AufklÈ- Hauptwerk Sein und Zeit erstmals abgedruckt
rern als konsequenter Empirist gefeiert wurde, wurde. 1916 ging Husserl als Nachfolger Ri-
hat in Deutschland %Kant eher den skeptischen ckerts nach Freiburg im Breisgau und zÈhlte
Aspekt aufgegriffen. BerÝhmt geworden ist dort nicht wenige spÈtere BerÝhmtheiten zu sei-
Kants Bekenntnis, Hume habe ihn aus dem nen SchÝlern und Assistenten, so u. a. Heidegger
»dogmatischen Schlummer« erweckt. UnabhÈn- und Edith Stein. 1928 wurde der fast SiebzigjÈh-
gig von solchen Selbstdeutungen sahen sich alle rige emeritiert, doch blieben ihm aufgrund sei-
Erkenntnistheoretiker nach Hume gezwungen, ner jÝdischen Abstammung KrÈnkungen durch
sich mit dessen Problematik auseinander zu set- die Nationalsozialisten nicht erspart: 1933 wur-
zen, auch wenn sie spÈter andere LÚsungswege de er vom akademischen LehrkÚrper aus-
vorschlugen. geschlossen, 1937 wurde ihm das Betreten der
D. Hume, Eine Untersuchung der Grundlagen der Mo
UniversitÈt grundsÈtzlich untersagt – wÈhrend
ral, hg. von K. Hepfer, GÚttingen 2002 sich sein ehemaliger SchÝler und Assistent Hei-
D. Hume, Eine Untersuchung Ýber den menschlichen degger als Rektor in der philosophischen FÝh-
Verstand, hg. von R. Richter, Hamburg 1964 rungsrolle erprobte. Im Jahre 1936 erschien,
J. Kuhlenkampff, David Hume, MÝnchen 1989 nach den Ideen zu einer reinen PhÈnomenologie
G. Streminger, David Hume. Sein Leben und sein Werk, und phÈnomenologischen Philosophie von 1913,
Paderborn 1995
J. R.
Husserls drittes grundlegendes Werk, die Krisis
der europÈischen Wissenschaften und die trans-
zendentale PhÈnomenologie. Am 27. April 1938
starb Husserl in Freiburg. Sein ausgesprochen
Husserl, Edmund (1859–1938): Geboren am umfangreicher Nachlass, der bis heute nicht
8. April in Proßnitz/MÈhren als Sohn jÝdischer vollstÈndig aufgearbeitet ist, konnte vor der Ver-
Eltern. Nach dem Abitur in OlmÝtz studierte er nichtung durch die Nationalsozialisten gerettet
von 1876 bis 1878 in Leipzig Astronomie, Mathe- werden.
matik und Philosophie, betreut von einem SchÝ- Husserl ist in gewisser Hinsicht der Vollender
ler des Philosophen Franz von Brentano, dem einer von %Descartes, Ýber %Leibniz und
spÈteren ersten StaatsprÈsidenten der Tschecho- %Kant bis auf %Fichte und %Schelling reichen-
slowakei, Tomas G. Masaryk, der auch Husserls den idealistischen Tradition, welche die %Er-
Konversion zum Protestantismus mit veranlass- kenntnis und Konstitution der Welt aus den Er-
te. Auf Leipzig folgte als weitere Station Berlin, kenntnisleistungen eines %Ich oder %Bewusst-
wo Husserl bei Weierstraß Mathematik und bei seins erklÈren will. Schon in seinem ersten
Paulsen Philosophie studierte. Nach der Promoti- Hauptwerk, den Logischen Untersuchungen zielt
on mit dem Thema Variationsrechnung wurde er Husserls BemÝhen darauf, %Begriffen der Be-
Assistent bei Weierstraß, ging aber 1884 nach deutungstheorie wie %Sinn, %Bedeutung und
Wien, um bei Franz Brentano Philosophie zu %Wahrheit ein Fundament in den kognitiven
studieren. Von diesem spÈter weiter nach Halle Leistungen eines %Subjekts zu geben. Semanti-
zu Carl Stumpf geschickt, habilitierte er sich sche Begriffe bekommen psychische Entspre-
hier Àber den Begriff der Zahl (1887) – ein Buch, chungen zur Seite gestellt. Dass ein Ausdruck
das durch den Logiker und Mathematiker %Fre- etwas bedeutet, wird von Husserl dadurch be-
ge sehr kritisch rezensiert wurde. grÝndet, dass wir in einem Akt unseres Be-
Vierzehn Jahre lang, bis 1901, war Husserl wusstseins auf einen Gegenstand oder Sachver-
Privatdozent in Halle, bevor er mit den Logi- halt gerichtet sind. Das Gerichtetsein auf einen
schen Untersuchungen gleichsam Ýber Nacht be- Gegenstand nennt Husserl »intendieren«. In Hin-
rÝhmt wurde und einen Ruf nach GÚttingen er- blick auf den vom Bewusstsein intendierten Ge-
hielt, wo er ab 1906 als ordentlicher Professor genstand unterscheidet er zwischen dem Gegen-
lehrte. In GÚttingen grÝndete Husserl mit eini- stand, der intendiert wird und der Art und Wei-
gen SchÝlern das Jahrbuch fÝr Philosophie und se, wie er intendiert wird. Husserl schafft damit
phÈnomenologische Forschung, Sprachrohr der eine bewusstseinsmÈßige Entsprechung zu den
neuen, phÈnomenologischen Art des Philoso- semantischen Begriffen der Intension oder Be-
phierens, in dem beispielsweise %Heideggers deutung eines Ausdrucks und der %Extension
Husserl, Edmund 135

oder der Bezugnahme eines Ausdrucks. Als be- alle Merkmale der Bedeutungsintention auf-
wusstseinsmÈßiges Korrelat der propositionalen weist. Das Urteil ›Der Rabe ist schwarz‹ ist ge-
Einstellung, der Einstellung also, die wir zu dem nau dann wahr, wenn es eine entsprechende An-
einnehmen, was ein Satz ausdrÝckt (man kann schauung von einem schwarzen Raben gibt. Der
einen Satz behaupten, als Frage formulieren, im Àbereinstimmung von Urteil und Anschauung
Zweifel darÝber sein usw.), fÝhrt Husserl den entspricht subjektiv ein Evidenzerlebnis. Dass
Begriff der AktqualitÈt ein und benennt als Ge- ein Urteil wahr ist, hat seine Entsprechung da-
genbegriff den Begriff der Aktmaterie. Dass wir rin, dass ein Subjekt die evidente (lat. »offen-
uns auf denselben Sachverhalt beziehen, wenn bare, einleuchtende«) ErfÝllung der Bedeutungs-
wir einen Satz als Behauptung, Frage, Wunsch intention, ihre Àbereinstimmung mit einem an-
und dergleichen formulieren, wird dadurch er- schaulich gegebenen Sachverhalt erfÈhrt.
klÈrt, dass die Materie des Aktes, durch den wir Zeitgleich zur Erarbeitung der Logischen Un-
uns auf einen Gegenstand beziehen, gleich tersuchungen beginnt Husserl Ýber die Konstitu-
bleibt, wÈhrend sich seine QualitÈt Èndert. Be- tion der %Welt auf den Boden der SubjektivitÈt
haupten wir, um ein Beispiel zu nennen, dass nachzudenken. Sein Interesse gilt zunÈchst dem
Paul raucht, fragen wir in einer anderen Situati- Zustandekommen der %Zeit. Husserl nimmt an,
on, ob Paul raucht und wÝnschen wir in einer dass es die objektive oder Weltzeit nur darum
dritten Situation, dass Paul rauche, so bleibt die gibt, weil das Subjekt Ýber bestimmte Eigen-
Materie der Akte, die diesen SÈtzen entspricht, schaften verfÝgt, nÈmlich das VermÚgen der Er-
das Rauchen von Paul, dieselbe, wÈhrend sich innerung, von Husserl als %Retention bezeich-
mit der Einstellung gegenÝber dem Rauchen net, das VermÚgen der augenblicklichen Wahr-
von Paul die QualitÈt der Akte, das Behaupten, nehmung, von Husserl mit dem Namen »Urim-
Fragen und WÝnschen Èndert. pression« bezeichnet und das VermÚgen der Er-
Der Begriff der Wahrheit, von Husserl als wartung, von Husserl %Protention genannt. Da-
Àbereinstimmung von Denken und Sein inter- durch finden die drei zeitlichen Dimensionen,
pretiert, bekommt als bewusstseinsmÈßiges Ge- Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Er-
genstÝck den Begriff der ErfÝllung zur Seite ge- klÈrung. Außerdem aber vollzieht sich im Sub-
stellt. Dem Inhalt eines %Urteils entspricht eine jekt ein fortwÈhrender Wandel der erwarteten
Bedeutungsintention. Indem man ein Urteil Èu- zeitlichen Phasen in gegenwÈrtige und der ge-
ßert, ist man auf einen Gegenstand oder Sach- genwÈrtigen zeitlichen Phasen in vergangene.
verhalt gerichtet. Der Sachverhalt muss aller- Auf diese Weise wird zeitliche Aufeinanderfolge
dings nicht bestehen. Es ist z. B. mÚglich, Urteile erklÈrt.
Ýber EinhÚrner zu bilden, ohne dass es dazu Von der Zeit wird weiter angenommen, dass
EinhÚrner geben mÝsste. Die Tatsache, dass der sie die Form aller Erlebnisse eines Subjekts bil-
Gegenstand, Ýber den man in einem Urteil de. Alle Erlebnisse eines Subjekts sind entweder
spricht, nicht zu existieren braucht, wird seit gleichzeitig oder folgen aufeinander. Die zeitli-
Brentano als »intentionale Inexistenz« des Ge- che Form bildet die Grundlage von Gleichzeitig-
genstandes bezeichnet. Husserl deutet diese In- keit und Aufeinanderfolge der Erlebnisse. Die
existenz so, als wÝrden wir uns mit jedem Urteil zeitliche Form ist aber auch dafÝr verantwort-
auf etwas beziehen. Wir richten uns quasi mit lich, dass die Erlebnisse, wenn sie einmal erlebt
dem Geist auf etwas, ohne dass es dieses Etwas worden sind, in der richtigen Reihenfolge erin-
wirklich geben mÝsste. Vergleichbar ist dieses nert werden kÚnnen. Beim Durchgang durch die
geistige Intendieren mit dem Streben nach ei- zeitliche Phase der Urimpression, so nimmt
nem %Ideal, das ja auch nicht als verwirklichter Husserl an, erhalten die Erlebnisse so etwas wie
Sachverhalt in der Welt zu existieren braucht. einen zeitlichen Index angehÈngt, der ihre spÈ-
Dem Streben um das Erreichen eines Ideals im tere Re-Identifikation mÚglich macht. Schließlich
Praktischen entspricht im Theoretischen die Su- ist die zeitliche Form des Bewusstseins auch fÝr
che nach Wahrheit. Wahrheit liegt Husserl zufol- die KontinuitÈt des Àbergangs von einem Erleb-
ge dann vor, wenn sich die Bedeutungsintention, nis zum anderen zustÈndig. Einzelne Erlebnisse,
das also, worauf wir uns richten, wenn wir ein ebenso wie die Phasen einzelner Erlebnisse, fol-
Urteil Èußern, in einer Anschauung erfÝllt, die gen nie sprunghaft aufeinander. Zwischen den
136 Husserl, Edmund

Erlebnissen gibt es stets einen Àbergang. Klingt gelangen, entwirft Husserl in seinen Ideen zu ei-
ein Ton in dem einen Augenblick an und ist er ner reinen PhÈnomenologie und phÈnomenologi-
im nÈchsten Augenblick verklungen, so gibt es schen Philosophie das Verfahren der phÈnomeno-
zwischen beiden Augenblicken einen weiteren logischen %Reduktion. ›PhÈnomenologische Re-
Moment, in dem der Ton fast verklungen ist duktion‹ heißt, dass die Geltung unserer Urteile,
usw. Ihren Grund hat die KontinuitÈt des Àber- besonders derer, welche die Existenz der Welt
ganges in der stetigen Abfolge der zeitlichen betreffen, aufgehoben wird. Im Stadium der phÈ-
Phasen des Bewusstseinsstromes und ÝbertrÈgt nomenologischen Reduktion sieht man es nicht
sich von dort auf den Inhalt, der in diese Pha- mehr als selbstverstÈndlich an, dass die Welt
sen eintritt. existiert, sondern fragt sich, worauf sich ihre
Neben der Zeit bildet der %Raum eine wei- Existenz Ýberhaupt grÝndet. Husserls Antwort
tere Grundform der Erlebnisse eines Subjekts. auf diese Frage lautet: Die Welt erweist sich als
Erlebnisse besitzen nicht nur zeitliche Erstre- abhÈngig von einem Bewusstsein und seinen
ckung; manche von ihnen sind außerdem Erleb- weltkonstitutiven Leistungen. Die Welt, wie sie
nisse von rÈumlich ausgedehnten GegenstÈnden. uns alltÈglich begegnet, ist in Wirklichkeit Er-
Wie bei der Zeit geht Husserl auch beim Raum gebnis von %Strukturen, die ihren Grund im
davon aus, dass der objektiven RÈumlichkeit von Bewusstsein eines Subjekts haben.
GegenstÈnden eine subjektive Konstitutionsleis- Das Bewusstsein ist auch der Ort, an dem
tung zugrunde liegt. Beim Raum sind es einzel- nach Husserl die Grundlegung der %Wissen-
ne Stellen, die zu einer Stellenmannigfaltigkeit, schaften erfolgt. Wie Ýberhaupt alles, was exis-
dem subjektiven Raum, verschmelzen, der wie- tiert, seinen Ursprung im Bewusstsein hat, so
derum die Grundlage des objektiven Raumes bil- verdankt sich auch die wissenschaftliche Grund-
det. Der sich auf dem Boden der SubjektivitÈt begrifflichkeit einem Bewusstsein. Aus diesem
vollziehende zeitliche Wandel und die Ver- Grunde ist es mÚglich, sich dem Bewusstsein zu-
schmelzung der Raumstellen zu einer Stellen- zuwenden, wenn man etwas Ýber die in den
mannigfaltigkeit werden von Husserl als »passi- Wissenschaften verwendeten Begriffe erfahren
ve Synthesen« bezeichnet, Verschmelzungsleis- will. Das dabei zur Anwendung kommende Ver-
tungen, die sich ohne Zutun des Ich, dennoch fahren trÈgt bei Husserl den Namen »eidetische
aber auf dem Grunde der SubjektivitÈt vollzie- Variation«. Dabei handelt es sich um eine Art
hen. Die formalen %Synthesen von Raum und Wesensschau, bei der man %Vorstellungen von
Zeit bilden die Grundlage aller weiteren Synthe- Dingen, die mit demselben Ausdruck bezeichnet
sisleistungen, die zusammengenommen auf dem werden, nacheinander aufruft. Man fÝhrt sich al-
Boden der SubjektivitÈt das %konstituieren, was so beispielsweise Vorstellungen verschiedener
wir normalerweise als ›die Welt‹ bezeichnen. Tische vor Augen. Husserl glaubt, dass im
Die hÚherstufigen Konstitutionsleistungen bilden Durchlaufen einer gewissen Anzahl solcher Vor-
ein Thema von Husserls Schriften der mittleren stellungen plÚtzlich das Wesen dieser mit dem-
Schaffensperiode. Ein weiteres Thema bilden selben Ausdruck bezeichneten Dinge aufzuschei-
methodologische Reflexionen Ýber die richtige nen beginnt. Rufen wir uns nacheinander eine
Art des Philosophierens. Husserl bezeichnet die Reihe von Tischvorstellungen vor Augen, so
von ihm vertretene philosophische Methode als mÝsste, wenn Husserl Recht hÈtte, irgendwann
%PhÈnomenologie. Der Begriff steht dabei zu- das Wesen des Tisches, das, was alle mit dem
nÈchst fÝr ein Methodenideal und bedeutet, dass Wort ›Tisch‹ bezeichneten GegenstÈnde gemein-
die GegenstÈnde philosophischer Forschung so sam haben, aufleuchten – eine Annahme, die je-
erfasst werden mÝssen, wie sie tatsÈchlich sind. der einmal selbst an Hand seiner Vorstellungen
FÝr Husserl ist aber klar, dass eine unverstellte ÝberprÝfen kann.
und irrtumsfreie Erkenntnis nur in Bezug auf die In Husserls SpÈtschriften rÝckt u. a. die Frage
Inhalte des Bewusstseins mÚglich ist. Die PhÈno- der Konstitution der %IntersubjektivitÈt in den
mene, die den Gegenstand der PhÈnomenologie Mittelpunkt seiner Àberlegungen. FÝr Husserl,
bilden, sind die Inhalte des Bewusstseins, ge- der in erkenntnistheoretischer und ontologischer
nauer: seine weltkonstitutiven Leistungen. Hinsicht die Position eines methodischen %So-
Um in das Gebiet irrtumsfreier Erkenntnis zu lipsismus vertritt, muss die Beantwortung der
James, William 137

Frage nach Erkenntnis und Existenz der Gegen- bannt. Die Welt wird als »Universum der bloßen
stÈnde der Welt ihren Ausgangspunkt bei einem Tatsachen« begriffen, Tatsachen also, die gesche-
einzelnen Erkenntnissubjekt nehmen. Die Welt hen, aber an sich selbst weder sinnvoll noch
ist eine Konstitutionsleistung der SubjektivitÈt, sinnlos sind. Durch ihre einseitige Ausrichtung
jedoch nicht der eines einzelnen Subjekts, son- auf Tatsachenwissen und ihr Streben nach einer
dern aller Subjekte. Es gilt daher zu erklÈren, immer vollkommeneren mathematischen Erfas-
wie sich auf dem Boden eines einzelnen Sub- sung der Natur sind die europÈischen Wissen-
jekts die Konstitution der anderen Subjekte voll- schaften in eine Krisis geraten, die Husserl zu-
zieht. Husserl wendet sich dieser Aufgabe in sei- folge nur durch eine radikale RÝckbesinnung
nen Cartesianischen Meditationen zu, einer auf das Bewusstsein und seine weltkonstitutiven
Schrift, die die von Descartes eingeschlagene Leistungen, durch Selbsterkenntnis also, beho-
Richtung einer in den Erkenntnisleistungen des ben werden kÚnnen.
Subjekts grÝndenden %Erkenntnistheorie voll- R. Cristin (Hg.), Edmund Husserl, Martin Heidegger
enden will. Nach der dort gegebenen Darstellung PhÈnomenologie, Berlin 1999
folgt die Konstitution der anderen Subjekte, wel- H. H. Gander, SelbstverstÈndnis und Lebenswelt, Frank
che die Grundlage einer intersubjektiven Welt furt/M. 2001
bildet, folgenden Schritten: Zuerst grenzt das Ch. Jamme (Hg.), PhÈnomenologie im Widerstreit,
Subjekt, von Husserl in Anlehnung an Descar- Frankfurt/M. 1989
S. Rinofner Kreidl, Zeitlichkeit und IntentionalitÈt, Frei
tes’ Meditationen als »Ego« bezeichnet, unter
burg 2000
den von ihm wahrgenommenen KÚrpern einen H. R. Sepp (Hg.), Metamorphose der PhÈnomenologie,
bestimmten KÚrper als seinen Leib aus. Sodann Freiburg 1999
deutet es andere KÚrper aufgrund ihrer •hnlich- T. B.
keit mit dem eigenen KÚrper ebenfalls als mit
Bewusstsein begabte Leiber. Husserl nennt die-
sen sich vollkommen passiv vollziehenden James, William (1842–1910): Obwohl James,
%Analogieschluss eine »analogisierende Auffas- geboren am 11. Januar in New York, gestorben
sung«. Schließlich begreift das Ego die anderen am 26. August in Chocorua, New Hampshire, all-
ebenfalls als wahrnehmende, sich auf eine Welt gemein zu den wichtigsten amerikanischen Den-
beziehende Subjekte. Es gelangt zu der Einsicht, kern gezÈhlt wird, ist gerade seine philosophi-
dass der Andere es selbst, also das Ego, aus sei- sche Reputation doch nicht unumstritten. WÈh-
ner Perspektive ebenfalls als einen anderen er- rend seine 1890 erschienenen Principles of Psy-
fÈhrt. Die wechselseitige Beziehung der Subjekte chology bis heute zu den Klassikern der natur-
aufeinander, ihr Begreifen des Anderen als An- wissenschaftlich orientierten Psychologie ge-
deren bezeichnet Husserl als »transzendentale zÈhlt werden, ist seinen philosophischen Schrif-
IntersubjektivitÈt«;. ten – insbesondere außerhalb der Vereinigten
Einen weiteren Themenschwerpunkt des hus- Staaten – nie die Beachtung zugekommen, die
serlschen SpÈtwerkes bildet die RÝckbesinnung sie verdient hÈtten. FÝr viele gilt James als der-
auf die %Lebenswelt, die Welt unseres Alltags jenige, der den %Pragmatismus seines Freundes
und unseres vorwissenschaftlichen VerstÈndnis- %Peirce in unzulÈssiger Weise verkÝrzte, ver-
ses. In seiner Schrift Die Krisis der europÈischen grÚberte und popularisierte. Erst in neuerer Zeit
Wissenschaften und die transzendentale PhÈnome- hat ein wieder erstarktes Interesse am Pragma-
nologie gelangt Husserl zu der Einsicht, dass es tismus allgemein auch zu einer erneuten Be-
mit den sich herausbildenden Naturwissenschaf- schÈftigung mit James gefÝhrt. Mittlerweile wird
ten am Beginn der %Neuzeit (A) und der damit er sogar zu den BegrÝndern der so genannten
einhergehenden Mathematisierung der %Natur postmodernen Philosophie gezÈhlt.
zu einer zunehmenden Sinnentleerung der uns James kam erst verhÈltnismÈßig spÈt zur Phi-
umgebenden Welt kommt. Alle PhÈnomene der losophie; der Schwerpunkt seines Forschens lag
Natur werden von den Naturwissenschaften nur zunÈchst im Bereich der Psychologie. Auf die-
noch unter dem Gesichtspunkt ihrer Messbar- sem Gebiet suchte er den Ausweg aus dem von
keit betrachtet. Spezifische Menschheitsfragen ihm diagnostizierten Dilemma zwischen einem
werden aus den positiven Wissenschaften ver- religiÚs begrÝndeten %Glauben an den freien
138 James, William

%Willen auf der einen Seite und einem wissen- Konsequenzen fÝr das Handeln klar zu machen,
schaftlich begrÝndeten, deterministischen Welt- die aus den verschiedenen Auffassungen resul-
bild auf der anderen. Auf rein naturwissen- tieren. Begriffliche Unterscheidungen, die nicht
schaftlichem Weg ließ sich das PhÈnomen des zu Unterschieden im praktischen Handeln fÝh-
spontanen freien Willens nicht erklÈren. Auf der ren, kÚnnen anhand dieses Kriteriums als sinn-
Grundlage seiner funktionalistischen Psycho- los aussortiert werden. Diese Vorgehensweise
logie, die auch EinflÝsse der Evolutionstheorie impliziert einen Verzicht auf abschließende Ur-
Darwins erkennen lÈsst, konnte James aber den teile, denn die das Handeln leitenden Interessen
psychischen Leistungen des Menschen eine kÚnnen VerÈnderungen unterliegen; das von
Funktion fÝr die BewÈltigung der Umwelt und James gegebene Kriterium ist also ein variables
somit fÝr das Àberleben des Organismus zuspre- oder dynamisches, kein statisches.
chen. In der 1897 erschienenen Aufsatzsamm- In der Formulierung der pragmatistischen
lung The Will to Believe and Other Essays in Po- Methode stimmt James noch weitgehend mit der
pular Philosophy tritt dieses Problem zum ersten Position von Peirce Ýberein, die dieser bereits
Mal als James’ zentrales philosophisches Anlie- 1878 in seiner »pragmatischen Maxime« zusam-
gen in Erscheinung: die Verbindung oder gar mengefasst hatte. James geht jedoch Ýber Peirce
VersÚhnung des moralischen und religiÚsen Le- hinaus, indem er den Pragmatismus zum Zwei-
bens und damit auch des Glaubens an %Gott ten auch zur BegrÝndung einer Theorie des
mit den Erkenntnissen der %Wissenschaft, die %Denkens, des Handelns, der %Bedeutung und
diesen Glauben in Frage zu stellen scheinen. nicht zuletzt auch der %Wahrheit benutzt. FÝr
James vertritt die These, dass in vermeintlich James besteht die Aufgabe des Denkens nicht in
rein rationale Entscheidungen des Menschen im- der %Erkenntnis ein fÝr allemal gegebener
mer auch Vorlieben, Interessen und Glaubens- Sachverhalte, sondern vielmehr in der Orientie-
vorstellungen eingehen. Daraus leitet er eine rung in einer %Welt, Ýber deren objektive oder
Rechtfertigung des Glaubens ab, also das Recht, absolute Gestalt wir keine verlÈsslichen Aus-
sich in religiÚsen Fragen auf den Standpunkt sagen treffen kÚnnen. Das Denken dient dem-
des Glaubens und nicht der Wissenschaft zu nach ebenso wie das Handeln eher der Verwirk-
stellen, auch wenn dies den Ergebnissen des lo- lichung bestimmter Interessen und der Errei-
gisch denkenden %Verstandes zu widersprechen chung bestimmter Ziele als der Erkenntnis im
scheint. Bereits die Formulierung dieses Pro- traditionellen VerstÈndnis. Vor diesem Hinter-
blems, vor allem aber die von James gebotene grund wird auch das philosophisch zentrale Pro-
philosophische LÚsung, trÈgt deutlich pragmatis- blem der Wahrheit angegangen. Zwar bestimmt
tische ZÝge, wenn er auch den Ausdruck selbst James ›Wahrheit‹ zunÈchst ganz konventionell
erst ein Jahr spÈter auf seine Philosophie an- als Àbereinstimmung eines Gedankens, einer
wendet. Vorstellung oder einer Aussage mit der Wirklich-
In den Vorlesungen Pragmatism: A New Name keit; die pragmatistische Definition der Begriffe
for Some Old Ways of Thinking von 1907 (dt.: ›Àbereinstimmung‹ und ›Wirklichkeit‹ fÝhrt je-
Pragmatismus: Ein neuer Name fÝr einige alte doch zu einer vollstÈndigen Umdeutung dieser
Denkweisen) gibt James eine Zusammenfassung korrespondenztheoretischen Wahrheitsauffas-
seiner Philosophie des Pragmatismus, die zwar sung. Wenn nÈmlich Àbereinstimmung mit der
an Peirce anschließt, jedoch weit Ýber dessen Wirklichkeit bedeutet, dass man ein realistisches
ursprÝngliches Ziel hinaus geht. James stellt Bild eines Gegenstands oder eines Sachverhalts
zwei Aspekte heraus: Zum einen liefere der besitzt, so kann dies streng genommen nur auf
Pragmatismus eine %Methode zur Schlichtung solche GegenstÈnde zutreffen, die einer unmit-
philosophischer und wissenschaftlicher Streitig- telbaren Verifikation durch direkte Wahrneh-
keiten und damit letztlich eine Methode zur KlÈ- mung offen stehen. Wie aber steht es mit dem
rung philosophischer und wissenschaftlicher realistischen Bild bei abstrakten Vorstellungen
%Begriffe. Die Anwendung dieser Methode be- wie beispielsweise der ElastizitÈt einer Uhr-
steht darin, sich angesichts unterschiedlicher feder? Solche Vorstellungen lassen sich nach
Ansichten Ýber die Welt bzw. divergenter Be- James nur durch die Untersuchung der prakti-
griffsauffassungen die jeweiligen praktischen schen Konsequenzen verifizieren, die diese Vor-
Kant, Immanuel 139

stellungen mit sich bringen. Wenn eine nicht des Handelns stets neu geformt wird, deutet
auf direktem Wege zu verifizierende Vorstellung James die Welt (oder das Universum) nicht als
›funktioniert‹, wenn sie uns also in intellektuel- Einheit, sondern als Vielheit, nÈmlich als »Multi-
ler oder praktischer Hinsicht ›weiter bringt‹ und versum«. Dieser Begriff beschreibt fÝr James ei-
unseren anderen Vorstellungen und Àberzeu- ne Vielheit von Dingen, Eigenschaften, Erfah-
gungen nicht widerspricht, so gilt sie als wahr. rungen usw., die nicht durch ein gemeinsames,
Diese an bestimmten SonderfÈllen gewonnene ewiges oder universales Grundprinzip zusam-
Wahrheitsauffassung ÝbertrÈgt James auf die mengehalten werden, sondern eigenstÈndig und
Wahrheit im Allgemeinen. Wahrheit kann dem- unabhÈngig voneinander existieren und in viel-
nach nicht als statische Relation zwischen einer fÈltige Beziehungen zueinander gesetzt werden
Vorstellung oder einer Aussage und der Wirk- kÚnnen. Zwar kennt auch James’ pluralistische
lichkeit aufgefasst werden, sondern vielmehr als »Philosophie des UND« durchaus den Begriff der
ein dynamischer Prozess, als Prozess der Verifi- %Einheit; allerdings wird diese Einheit nicht als
kation nÈmlich, in dessen Verlauf bestimmte gegebene, sondern als zu suchende aufgefasst,
Vorstellungen ›wahr gemacht‹ werden. sodass auch hier das pragmatistische Motiv des
Insbesondere in James’ Rede vom cash-value praktischen Handelns gegenÝber dem passiven
(»Barwert«) der Wahrheit zeigt sich ein Zug, der Erkennen in den Vordergrund tritt.
eine vor allem außerhalb der USA verbreitete W. James, Das pluralistische Universum. Vorlesungen
Grundsatzkritik am Pragmatismus als Ganzem Ýber die gegenwÈrtige Lage der Philosophie, Ins
begÝnstigte. Demnach stellt der Pragmatismus Deutsche Ýbertragen von J. Goldstein. Mit einer
eine typisch amerikanische ›Finanzphilosophie‹ neuen EinfÝhrung hg. von K. Schubert und U. Wil
dar, in der die Gesetze des Marktes auf Fragen kesmann, Darmstadt 1994 [Nachdruck der Ausgabe
der Wahrheit und %Moral Ýbertragen wurden; Leipzig 1914]
: Pragmatismus. Ein neuer Name fÝr einige alte
marxistische Kritiker sahen im Pragmatismus
Denkweisen, [1906], Àbersetzt und hg. von K. Schu
gar einen »integrierenden Bestandteil der Ideo- bert und A. Spree, Darmstadt 2000
logie des amerikanischen Imperialismus«. Aus H. Putnam, Pragmatismus. Eine offene Frage,
heutiger Sicht erweist sich James’ metaphorische Frankfurt/M. / New York 1995
Gleichsetzung von Geld und Wahrheit – wenn R. Diaz Bone / K. Schubert, William James zur EinfÝh
man von ihren zweifelhaften ›moralischen‹ Impli- rung, Hamburg 1996
The Cambridge Companion to William James, Hg. von
kationen absieht – durchaus als modern und dis-
Ruth Anna Putnam, Cambridge 1997
kussionswÝrdig; die Àbereinstimmung mit aktu- A. S.
ellen Auffassungen der Wahrheit, die nicht an
sich und absolut existiert, sondern immer im Zu-
sammenhang symbolischer Interaktionsprozesse Kant, Immanuel (1724–1804): Seine Lebens-
und gekoppelt an Interessen, Vorlieben und Ziele zeit fÈllt geistesgeschichtlich in die Epoche der
gesehen werden muss, rÝckt James fÝr manche europÈischen AufklÈrung (%A Neuzeit – AufklÈ-
Autoren in die NÈhe postmodernen Denkens. Die rung), deren Ziel es war, den Menschen als
Wahrheit Ýber James’ Wahrheitstheorie dÝrfte selbstdenkendes Vernunftwesen zu begreifen
freilich irgendwo in der Mitte zwischen diesen und in einem groß angelegten Befreiungsprozess
extremen Deutungen zu suchen sein. alle Spielarten Ýberlieferter AutoritÈt sowohl im
FÝr die »bleibende AktualitÈt William James’« Bereich der Erkenntnismethoden als auch im
(H. %Putnam) sind nicht zuletzt auch die plura- Feld des menschlichen Handelns ins Licht einer
listischen Konsequenzen verantwortlich, die methodisch abgesicherten Vernunftkritik zu rÝ-
James selbst in seinen Vorlesungen A Pluralistic cken.
Universe (1909; dt. Das pluralistische Universum) Die Stichworte des Zeitalters der FranzÚsi-
zog und die heute beispielsweise in politikwis- schen Revolution (etwa 1770–1815): %Kritik,
senschaftlichen ZusammenhÈngen zunehmend %Vernunft und %Freiheit, sind zugleich die
eine Rolle spielen. Aufbauend auf der Grund- SchlÝsselbegriffe der drei Hauptschriften Kants,
position des Pragmatismus, dass nÈmlich die die zwischen 1781 und 1790 erschienen sind,
Wirklichkeit nicht absolut und unabÈnderlich der Kritik der reinen Vernunft (1781), der Kritik
ist, sondern entsprechend den Erfahrungen und der praktischen Vernunft (1788) und der Kritik
140 Kant, Immanuel

der Urteilskraft (1790). Indem Kant die aufklÈre- funktionale Konstruktion einer Welt gemÈß den
rische Frage nach der LegitimitÈt von Geltungs- Bedingungen der %Endlichkeit der Vernunft, die
ansprÝchen auf die Philosophie selbst anwendet, auf sinnliche %Anschauung in %Raum und
gelingt ihm eine fundamentale Kritik und Umge- %Zeit angewiesen ist. Nur wenn die aller %Er-
staltung der dogmatischen %Metaphysik, die fahrung vorausliegenden (apriorischen) Grund-
sich als Wissen vom Seienden im Ganzen auch formen des menschlichen %Denkens, die %Ka-
im Besitz der %Erkenntnis des Weltengrundes, tegorien, die MÚglichkeit erhalten, sinnlich in
also des GÚttlichen und Ewigen, wÈhnte. Raum und Zeit gegebene %Vorstellungen in ih-
Den Leitfaden fÝr seine Suche nach einem au- ren konkreten %QuantitÈten, %QualitÈten, %Re-
tonomen, wissenschaftlichen %Prinzipien genÝ- lationen und Modi (%ModalitÈt) begrifflich zu
genden Philosophieren, das von allen Ýber- bestimmen, gewinnen sie »objektive RealitÈt«,
menschlichen Anmaßungen der endlichen Ver- sodass der in ihnen gefasste Sachgehalt als
nunft Abstand nimmt, hat Kant in seiner Logik- Sachgehalt eines Gegenstandes zur Erkenntnis
vorlesung in vier berÝhmt gewordenen Fragen wird.
zusammengefasst: »Was kann ich wissen? Was Die Bindung der Erkenntnis an die Formen
soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der der sinnlichen Anschauung hat im Hinblick auf
Mensch?« die AnsprÝche der dogmatisch verfahrenden
Die diesem Fragenkatalog beigegebene ErlÈu- Vernunft eine weitreichende Konsequenz. Wenn
terung, dass die letzte Frage alle anderen umfas- uns als Menschen die GegenstÈnde nÈmlich nur
se, sodass man deren Beantwortung »im Grunde so erscheinen kÚnnen, wie es unsere endlichen
zur Anthropologie rechnen« kÚnne, macht deut- Anschauungs- und Denkformen in ihrem syn-
lich, dass es Kant auf die RÝckbindung des me- thetische %Urteile ermÚglichenden Zusammen-
taphysischen Entwurfs der Philosophie an die spiel erlauben, dann gerÈt mit dieser Grenzzie-
spezifisch menschlich-endliche %SubjektivitÈt hung fÝr legitime Erkenntnisse der hÚchste me-
ankommt. In diesem Sinne eines alle GegenstÈn- taphysische Gedanke, der Gottesgedanke, in eine
de der Erkenntnis Ýbersteigenden RÝckstiegs in grundsÈtzliche Krise, denn der Begriff eines
das %Subjekt der menschlich-endlichen Ver- Ýbersinnlichen Wesens vermag unmÚglich in
nunft als dem maßgeblichen Bezugsbereich fÝr Raum und Zeit zu erscheinen. Aus transzenden-
eine legitime Auslegung des Seienden (%Sein) tal-kritischer Sicht kÚnnen deshalb die Lehren
ist die kritische Metaphysik Kants eine %Trans- vom Immerseienden und von der Unsterblich-
zendentalphilosophie, die dadurch, dass sie nach keit der menschlichen Seele keine Themen der
den Bedingungen der MÚglichkeit menschlicher theoretischen Philosophie mehr sein.
Erkenntnis und menschlichen Handelns fragt, Das von Kant vorgelegte Angebot zur Rettung
die LeistungsfÈhigkeit und die prinzipiellen des Vertrauens in die Vernunft als einem Ort
Grenzen der menschlichen Zugangsweisen zum der Suche nach der %Wahrheit Ýber das Seien-
Seienden in den Mittelpunkt des Erkenntnisinte- de im Ganzen besteht darin, dass er die Er-
resses rÝckt. kenntnis des Weltengrundes zur Glaubenssache
Das von Kant entwickelte Programm der Ver- der praktischen Vernunft erklÈrt. Um praktische
nunftkritik sprengt die dem ursprÝnglichen Be- Ziele setzen zu kÚnnen, wo sicheres Wissen
dÝrfnis der Vernunft entsprechende Einheit des nicht mÚglich ist, macht Kant den Begriff der
Wahren, Guten und %SchÚnen und analysiert Freiheit zum Fundament der transzendentalen
die unterschiedlichen Gesetzgebungen der ver- Metaphysik. Alle endlichen Naturdinge unterste-
schiedenen Vernunftarten im Hinblick auf ihre hen dem Gesetz der %KausalitÈt aus Wirkursa-
je besondere Reflexionskompetenz. Indem sie chen. Infolgedessen kennen sie keine Selbst-
das dogmatische Vernunftinteresse nach Einheit bestimmung. Nur der menschliche %Wille ist,
und Absolutheit des Erkennens einer vernÝnfti- sofern er sich als vernÝnftig begreift, in der La-
gen Kritik unterzieht, entfaltet die transzenden- ge, aus sich selbst heraus zu bestimmen, was
tale %Erkenntnistheorie ihr aufklÈrerisch-res- moralisch gut ist; denn es steht ihm frei, ob er
triktives Potenzial: Erkenntnis wird nicht mehr sich zu jener Verpflichtung aller Vernunftwesen
verstanden als Ideenschau oder als Spiegelung bekennen will, die es erfordert, dass er die
einer objektiv vorhandenen RealitÈt, sondern als GrundsÈtze (%Maximen) seines Handelns dem
Kant, Immanuel 141

%kategorischen Imperativ und damit den Ein- die fÝr alle BÝrger verbleibenden Freiheitsspiel-
sichten der praktischen Vernunft unterstellt. rÈume das vertretbare Maximum erreichen, oh-
Wenn sich der menschliche Wille unabhÈngig ne dabei wechselseitige BeeintrÈchtigungen her-
von Naturursachen, natÝrlichen BedÝrfnissen vorzurufen. Kants Rechtsdefinition zeigt, dass
und von außen an ihn herangetragenen Geboten das in den republikanischen Verfassungen Ame-
aus Achtung vor dem %Sittengesetz zur Tat ent- rikas und Europas verankerte Menschenrecht
schließen kann, beweist er durch sein Handeln auf Freiheit seinen ideellen Ursprung einem
auch in der Sinnenwelt zumindest punktuell ein Menschenbild verdankt, dem es darauf an-
wirkliches Freisein von den Bedingungen der kommt, das Ýber Jahrhunderte tradierte Paradig-
%Natur. Dies heißt aber zugleich auch, dass der ma von der Gottesherrschaft Ýber Mensch und
Mensch sich immer erst zu dem machen muss, Natur durch die Vorstellung von einer mora-
was er seiner Bestimmung nach ist. Der Fort- lischen WÝrde und Unsterblichkeit des Men-
schritt zu mehr %HumanitÈt folgt keinem Auto- schen zu ersetzen.
matismus. Der in das Reich freier Selbstgesetz- Es lÈsst sich unschwer erkennen, dass zentra-
gebung entlassene, moralisch handelnde Mensch le Begriffe und Probleme der Philosophie Kants
darf nach Kant hoffen, dass ihn der kategorische – ungeachtet aller Kritik an einzelnen LÚsungs-
Imperativ, der ihm die Achtung vor der PersÚn- strategien – bis heute Ýberall dort die philoso-
lichkeit des Anderen gebietet, nicht zu einer phische, ja sogar die verfassungsrechtliche Dis-
Zielsetzung verpflichtet, fÝr deren Erreichen die kussion bestimmen, wo das Programm einer
Bedingungen ausbleiben. Angesichts der Unzu- von der Vernunft selbst gesteuerten Vernunftkri-
lÈnglichkeit und Todesverfallenheit seines Lei- tik weiter verfolgt wird, ohne dass das grund-
bes, der ihn dazu verurteilt, das Reich der Frei- sÈtzliche Vertrauen in die Vernunft dabei zur
heit immer nur als ein erstrebtes, niemals aber Disposition steht. In der auf Kant zurÝckgehen-
als ein an und fÝr sich vollbrachtes zu erfahren, den zeitgenÚssischen Vernunftkritik lassen sich
erweist sich fÝr den Menschen auf Grund seines zwei transzendentalphilosophische Konzepte un-
praktischen Vernunftinteresses der Glaube an terscheiden, deren gemeinsamer Nenner in der
einen gerechten %Gott als ein unverzichtbares Hervorhebung der Sprachlichkeit aller mensch-
%Postulat, eine »nÝtzliche Idee«, die theoretisch lichen Erkenntnis liegt. Die Theoretiker der kom-
weder beweisbar noch widerlegbar ist, der aber munikativen Vernunft ergÈnzen Kants Analyse
als Bindeglied zwischen dem vom guten Willen der Bedingungen der MÚglichkeit von %Erfah-
Gesollten als dem Projekt naturunabhÈngig han- rung durch eine Untersuchung der Bedingungen
delnder Individuen und der durch Sinnlichkeit der MÚglichkeit zwischenmenschlicher VerstÈn-
und Tod bestimmten existenziellen Wirklichkeit digung Ýber das Erkannte. Die von Apel und
des Menschen im endlichen Bewusstsein eine %Habermas entwickelten EntwÝrfe einer Theo-
bedeutsame Vermittlungsfunktion zukommt. rie der Kommunikationsgemeinschaft vollziehen
Da Kant sich darÝber im Klaren ist, dass die eine Wendung vom transzendentalen Selbst-
moralische Freiheit ohne die Èußere Freiheit in bewusstsein als der entscheidenden Instanz fÝr
der gesellschaftlichen RealitÈt nicht wirksam- die Stiftung von ObjektivitÈt der Erkenntnis zur
werden kann, befasst er sich nach dem Ab- idealen Kommunikationsgemeinschaft, die argu-
schluss seiner grundlegenden Arbeiten zur mentativ die Bedingungen von Wissenschaft, die
transzendentalphilosophischen Transformation Richtigkeit von Handlungen und deren Maximen
der Metaphysik in der 1797 erschienenen und die Angemessenheit sprachlicher AusdrÝcke
Schrift zur Metaphysik der Sitten auch mit dem festlegen soll.
Vernunftbegriff des %Rechts, dessen Entfaltung Andere Richtungen der heutigen Vernunftkri-
nicht zuletzt Einspruch gegen die tendenziell to- tik sehen im AufklÈrungskonzept Kants insofern
talitÈre Forderung erhebt, Recht und Staat hÈt- die Gefahr einer »Vernunftverwirrung« (Lyotard)
ten die MoralitÈt ihrer BÝrger zu befÚrdern. angelegt, als trotz aller Unterscheidungen der
Kant versteht die Rechtsgemeinschaft als Ge- Vernunftinteressen die Einheit der Vernunft
meinschaft von freien, zur Selbstbestimmung fÈ- letztlich doch gewahrt bleibe, weshalb die theo-
higen Subjekten, die den Èußeren Gebrauch der retische Vernunft auch dazu tendiere, auf die
einem jeden zustehenden Freiheit so regelt, dass moralischen, politischen und Èsthetischen Ord-
142 Kierkegaard, Sören

nungen in der Welt Ýberzugreifen. Die Grund- phischen aber unter verschiedenen Pseudony-
einsicht Kants, dass fÝr den Menschen nur das men publiziert hat. Beide Schriftengruppen wi-
Gegenstand der Erkenntnis sein kann, was dersprechen sich nicht, doch bilden die Letzte-
durch die spezifischen Weisen seines Zugangs ren (quasi %exoterischen) die argumentierende
zur Welt konstruiert wird, bleibt fÝr %Cassirers HinfÝhrung zu den Ersteren (bloß erbaulichen
semiotische Transformation der kantischen und quasi %esoterischen). Kierkegaards Denken
Transzendentalphilosophie ebenso konstitutiv enthÈlt auch und wesentlich unphilosophische
wie fÝr die verschiedenen Varianten des Kons- Aspekte. Nur im Blick auf das Unphilosophische
truktivismus oder das postmoderne Konzept ei- (ReligiÚse) und das Ziel seines Denkens (den
ner pluralen transversalen Vernunft (Welsch). christlichen Glaube) ist Kierkegaards Philoso-
Die SelbsteinschÈtzung Kants, die Bedingungen phie unverstÝmmelt in ihrem Kern und als Gan-
menschlicher Erkenntnis Ýberhaupt analysiert zes zu begreifen. Diese Philosophie versteht sich
zu haben, weicht in diesen philosophischen Ent- in der Abgrenzung von der klassischen Sub-
wÝrfen allerdings der Hypothese, dass Kant nur stanzmetaphysik und der Spekulationsmetaphy-
die Bedingungen eines bestimmten, nÈmlich ei- sik %Hegels als eine Existenz-Anthropologie, de-
nes naturwissenschaftlichen Typs von Rationali- ren Hauptbegriffe %Existenz, Innerlichkeit und
tÈt formuliert habe. %Glaube sind. Im Zentrum steht dabei nicht der
Wenn es sich tatsÈchlich als Aufgabe einer Mensch Ýberhaupt (die Gattung Mensch), son-
zukÝnftigen kritischen Philosophie herausstellen dern das %Individuum, der konkrete Einzelne.
sollte, alle symbolischen Darstellungsleistungen Dessen spezifische Seinsweise ist die Existenz.
des Menschen – auch die mythischen und Èsthe- Nur der konkrete Einzelne existiert. Existenz
tischen – als gleichberechtigte Umgangsweisen meint a), dass das %Wesen nicht von seinem
mit der Welt ernst zu nehmen, dann stÝnde das Dasein getrennt werden kann und b), dass das
rationalistische Bewusstsein der Moderne vor ei- Dasein dem Wesen sogar vorangeht, das Wesen
ner neuen fundamentalen Krise, deren Ausmaße (des Einzelnen) erst durch das Dasein konstitu-
denen des Àbergangs von der dogmatischen zur iert wird, woraus c) folgt, dass alle Existenz sich
kritischen Metaphysik durchaus entsprÈchen. in einem bestÈndigen Werden und Bestimmen
I. Kant, Werke in sechs BÈnden, Studienausgabe. Hg.
seines Wesens befindet. Das Medium dieses
von Wilhelm Weischedel, Darmstadt 1998 »Werdens zu sich selbst« ist die Gattungs-
G. BÚhme, Philosophieren mit Kant. Zur Rekonstrukti bestimmtheit des Menschen: %Geist.
on der Kantischen Erkenntnis und Wissenschafts Aus der Ablehnung der Substanz-Ontologie
theorie, Frankfurt/M. 1986 fÝr den Einzelnen folgt, dass dessen Wesen kei-
O. HÚffe, Immanuel Kant, 3. Aufl. MÝnchen 1992 ne unverÈnderliche GrÚße ist, sondern eine tÈg-
G. Schulte, Immanuel Kant, Frankfurt/M. 1991
lich in und durch Geist zu bestimmende Leis-
K. H. Volkmann Schluck, Kants transzendentale Meta
physik und die BegrÝndung der Naturwissenschaf tungsvariable. Das Wesen des Einzelnen ist kei-
ten, Hg. von L. Koch / I. Strohmeyer, WÝrzburg ne %Substanz, sondern Innerlichkeit. Sein
1995 Seinswesen macht der Einzelne sich selbst, und
H. P. nur er selbst. Das bloße Wissen und das Sein
sind in Bezug auf den Einzelnen (auf Existenz)
grundverschieden, z. B.: das Wissen, was (objek-
Kierkegaard, Sören (1813–1855): Empfand tiv) Angst bedeutet, und (subjektiv) sich zu
sich nicht als Philosoph, sondern als ›religiÚsen Èngstigen, d. h. Angst zu sein. Existenz und
Schriftsteller‹. Dennoch ist sein Denken so radi- ExistenzphÈnomene sind durch bloße %Theorie
kal, spezifisch und hoch reflektiert, dass es uneinholbar; diese ist in Bezug auf jene prinzi-
ebenso wie das von %Pascal oder Rousseau piell insuffizient. Es muss (und kann) dem Ein-
auch philosophisch gesehen werden kann und zelnen in Bezug auf sich selbst nach Kierke-
muss, zumal es in der Philosophie von großer, gaard nicht um bloßes Wissen von sich gehen,
wenn auch spÈter Wirkung war. Kierkegaard sondern um (sein) Existieren. Aus dem objekti-
selbst erleichtert uns dies, da er nur die im en- ven Denker hat hier ein subjektiver zu werden,
geren Sinne religiÚsen Schriften unter seinem dessen Aufgabe es ist, sich selbst existenziell zu
eigenen Namen, die literarischen und philoso- verstehen; d. h. der Einzelne kann sein %Dasein
Kierkegaard, Sören 143

nur verstehen, indem er es vollzieht (gestaltet), der Struktur des Individuums. Dieses ist kein
und sein Dasein gestalten kann er nur, indem %Ich, sondern ein %Selbst, d. h. ein VerhÈltnis
er dies versteht. Sein und Dasein kann (bloß) (von Unendlichkeit / Endlichkeit, Freiheit / Not-
gedacht werden; Existenz und ExistenzphÈnome- wendigkeit, Zeitlichem / Ewigem), das sich zu
ne aber sind durch bloßes Denken nicht ange- sich selbst verhÈlt, also ein VerhÈltnis, das (fak-
messen zu erfassen, sondern nur durch freien, tisch und immer schon) um sich weiß, das in
verstehenden Daseinsvollzug, eine %Handlung, sich reflektiert ist. Nach Kierkegaard kann ange-
die man Existenzialisierung (Verwandlung von sichts der Leidensformen des Menschen sich
%Verstehen in Existenz durch Geist) nennen dieses VerhÈltnis (das Selbst) nicht selbst ge-
kann: Beim geforderten subjektiven Denken schaffen haben. Vielmehr ist das Sich-zu-sich-
kommt es also darauf an, dass der Einzelne selbst-Verhalten des VerhÈltnisses die Signatur
»handelnd in seinem Denken Ýber seine eigene der GrÝndung des Selbst in einem (gegenÝber
Existenz sich selbst durcharbeitet; dass er also dem reflektierten, gedoppelten VerhÈltnis:) Drit-
wirklich das Gedachte denkt, indem er es ver- ten und zugleich die Geistbestimmtheit des
wirklicht.« Die »Doppelreflexion des subjektiven Menschen. Das Dritte, in dem der Mensch grÝn-
Denkers« ist so die %Reflexion seiner Innerlich- det, ist %Gott. Dass der Mensch bloß geist-
keit: indem er sein wirkliches Dasein (als Ein- bestimmt (nicht ausschließlich Geist) ist und in
zelheit) und Denken (als begrifflich Allgemei- einem anderen grÝndet, ist dasselbe und der
nes) zu Existenz integriert. Dies aber kann nicht Grund fÝr die prinzipielle Nicht-IdentitÈt des In-
vÚllig objektiviert und unmittelbar doziert, son- dividuums mit sich selbst, die Kierkegaard als
dern nur indirekt mitgeteilt werden: durch Aus- wesenhafte Defizienz sieht: Jeder Mensch – ob
druck in Existenz. Kierkegaard gibt ausdrÝcklich er das weiß und will oder nicht – ist verzweifelt
keine bloße Lehre, sondern »Existenzmitteilung« (des Menschen ›Krankheit zum Tode‹).
als Appell zu einer bestimmten Existenzform. Diesem Konzept fÝgt sich ein anderes ein,
Die Integration von Verstehen und Dasein zu mit dem das Werden des vollgÝltigen Menschen
Existenz ist identisch mit der Konkretisierung (des Einzelnen) durch Schuld und SÝndenfall
des Einzelnen; je mehr Geist, desto mehr Inner- dargestellt wird. Der Mensch wird hierbei gese-
lichkeit, desto mehr Existenz, desto mehr (indi- hen als die vom ewigen Geist gesetzte Synthese
vidueller) konkreter Mensch, und umgekehrt. Ist von Seele und Leib. In Adam (als dem ersten
nun einerseits das bloße Wissen des Einzelnen Menschen) ist die vÚllige Unschuld totale Unwis-
von sich selbst oft genug falsch, so wird ande- senheit, in der der Geist die Synthese noch
rerseits der Einzelne in der Existenzialisierung nicht gesetzt hat, sondern noch trÈumt und da-
seines eigenen Verstehens nicht nur konkret, rin seine Wirklichkeit als Unwissenheit von
sondern (in der genannten Integration von Ver- %Nichts spiegelt, das (als die reine MÚglichkeit)
stehen und Dasein) auch wahr. Die ursprÝng- %Angst erzeugt. Diese ist die gefesselte %Frei-
liche (konkrete) Wahrheit ist diese existenzielle heit oder der Schwindel der Freiheit, der auf-
SubjektivitÈt (Innerlichkeit), die auch die Basis steigt, wenn der Geist die %Synthese setzen will
der bloßen GÝltigkeit objektiver Urteile ist. Kon- und die Freiheit hinab blickt in ihre eigene
krete Wahrheit ist immer die von Existenz; sie MÚglichkeit und sich im Schwindel an der
kann von keiner Vermittlung und Abstraktion %Endlichkeit festhÈlt; die wieder zu sich kom-
(beides Werkzeuge aller spekulativen Philoso- mende Freiheit erkennt, dass der ewige Geist
phie, z. B. der Hegels) erreicht werden. sich zum Einzelnen verendlicht hat und damit
Der Einzelne macht sich (faktisch, nolens vo- schuldig ist. •hnlich der SÝndenfall: Gottes Ver-
lens) erst zu dem, was er ist (was auch immer bot erzeugt in dem unwissenden (und das Ver-
das ist). Und insofern der Mensch einerseits als bot gar nicht verstehenden) Adam jene MÚglich-
physische %Natur endlich, andererseits als keit der Freiheit (als KÚnnen) und Angst, in der
geistbestimmtes Wesen Ýber-endlich ist, haben (nicht: durch die) die SÝnde entsteht. Die in
alle ExistenzphÈnomene einen nichtdefinitiven, Angst entstehende Schuld und SÝnde ist als
mehrdeutigen, dialektischen Charakter (der qualitativer Sprung letztlich unerklÈrbar und
auch die ›Theorie‹ Ýber Existenz dialektisch unableitbar. Mit der %Individuation durch
prÈgt). Den Grund dafÝr sieht Kierkegaard in Schuld und (nicht mehr absolute) Freiheit entste-
144 Kierkegaard, Sören

hen auch die Geschlechtlichkeit und die %Ge- Das %Èsthetische Stadium ist die wahl- und
schichte, in der es (gegen Hegel) keine Notwen- reflexionslose Indifferenz. Erst im zweiten,
digkeit gibt, denn das Notwendige ist nur (wird %ethischen Stadium ermÚglicht Reflexion die
nicht), und das Wirkliche ist nicht notwendiger Entdeckung eines (vom Einzelnen und seiner Si-
als das MÚgliche; alles Werden geschieht durch tuation gelÚsten) Allgemeinen (das Sollen; Freud
Freiheit, nicht notwendig; Wirklichkeit ist so die wird es das Àber-Ich nennen) jenseits der sinn-
Einheit von MÚglichkeit und Notwendigkeit. lich-unmittelbaren Einzelheit und des darin zer-
Von der angesprochenen Angst und Verzweif- streuten Ichs. Dadurch entsteht allererst die
lung gibt es keine Heilung, aber Linderung. Der MÚglichkeit einer Wahl (zwischen Existenzfor-
Mensch kann seine angeborene Defizienz nicht men: »Entweder/Oder«), die der ethische Einzel-
aufheben, sich darin aber stabilisieren, indem er ne auch wahrnimmt: Er wÈhlt sich selbst als
seiner Struktur entsprechend existiert, d. h.: in PersÚnlichkeit, die durch die Konkretisierung
Freiheit seine Existenz (sein Leben) so gestaltet, des Ethisch-Allgemeinen und die reflektierte
dass sie der dem Menschen wesentlichen Struk- Distanzierung vom bloß Sinnlich-Unmittelbaren
tur entspricht. Auch dies geschieht durch Exis- und dessen Dunkelheit entsteht. Der ethische
tenzialisierung (die Kierkegaard hier pathetisch- Mensch kennt sich selbst, ist anderen (als das,
dialektisch nennt): Der Mensch muss (soll) dazu was er ist) offenbar und drÝckt seine Innerlich-
a) seine Geistbestimmung als GrÝndung seiner keit in Èußerer Lebenshaltung (besonders der
in Gott verstehen (dialektisch, denkend) – wo- Ehe) aus, d. h. er lebt erkennbar ethisch.
durch er sich seine faktische GrÝndung in Gott Das Ethisch-Allgemeine gibt jedoch nur ge-
›nur‹ durchsichtig macht – und b) dieses Verste- meinschaftliche und deshalb fÝr den Einzelnen
hen existenziell (leidenschaftlich) umsetzen, d. h. letztlich relative Ziele. Das absolute, nur ihm ei-
verwirklichen: im religiÚsen Glauben. Diesen gene Ziel seiner selbst erreicht das Individuum
versteht Kierkegaard weder mystisch oder klÚs- dadurch, dass es (wie oben beschrieben) seine
terlich noch als blinde Gedankenlosigkeit. Er ist GrÝndung in Gott versteht und dieses Verstehen
vielmehr ›Produkt‹ eines durch Reflexion und existenziell umsetzt: im religiÚsen Glauben, wo-
Lebenserfahrung erarbeiteten Weges in drei mit es in das dritte Stadium (%religiÚses Stadi-
bzw. vier Stadien (die zugleich Stufen steigender um tritt. Im religiÚsen Glauben entspricht die
Innerlichkeit sind). Im ersten, Èsthetischen Existenz des GlÈubigen seinem Seinsgrund und
(sinnlichen) Stadium ist der Mensch unmittel- neutralisiert Angst und Verzweiflung. Die reli-
bar, reflexionslos dem sinnlichen Leben verfal- giÚse Innerlichkeit ist – da sie nur entsteht in
len. Sein Ausdruck ist Genuss. Seine eigentliche der BemÝhung des Individuums um sein urei-
Bestimmung und Kraft erhÈlt das Sinnliche aber genstes (absolutes) Ziel – nicht mehr im Èuße-
erst von einem spÈteren und ihm entgegen- ren Leben auszudrÝcken und bleibt den anderen
gesetzten Stadium aus: dem Geist. Im Griechen- verborgen. Da ihr der Èußere Ausdruck fehlt
tum war die Sinnlichkeit seelisch (nicht geistig) und das absolute Ziel in diesem Leben uner-
bestimmt und in Harmonie mit dem Geist; erst reichbar bleibt, ist der einzige Ausdruck des
das Christentum hat Sinnlichkeit und Geist ei- echt ReligiÚsen das (geistige) Leiden als die le-
nander opponiert, damit das Sinnliche und Ero- benslange BemÝhung, sich (durch Glauben) als
tische als Prinzip gesetzt und so erst die Musik Einzelner ›vor Gott‹ zu bringen.
ermÚglicht. Im Gegensatz zur %Sprache als dem Philosophisch geht es bei Kierkegaard darum,
konkretesten Medium ist die Musik Ausdruck das ontologische Problem der Einheit von Den-
und Medium der abstraktesten %Idee: die durch ken und Sein (die Kierkegaard ablehnt) anthro-
Geist zwar bestimmte, aber dadurch gerade dem pologisch zu ›lÚsen‹. Das reine Denken kann sei-
Geist entgegengesetzte, reine sinnliche Unmittel- nen eigenen Grund nicht angemessen denken, –
barkeit (sinnliche GenialitÈt als absoluter Gegen- es sei denn im existenziellen Vollzug: als religiÚ-
stand der Musik). Der Geist als Prinzip des ser Glaube. »Glauben ist Sein.« Die wirkliche
Christentums hat auch das Tragische verÈndert, RealitÈt ist deshalb fÝr Kierkegaard die Inner-
das im Griechentum noch mehr Trauer als lichkeit, in welcher »das Individuum die MÚg-
Schmerz war; spÈter kehrte sich dies VerhÈltnis lichkeit aufhebt und sich mit dem Gedachten
durch ethische Schuldreflexion um. identifiziert, um darin zu existieren. Das ist
Kierkegaard, Sören 145

Handlung.« Die existenziell wichtigste Handlung physikers, der durch logisch-quantitative Speku-
ist die in Bezug auf sich selbst als auf seinen lations-Dialektik und Abstraktion vom Dasein
Grund: auf Gott. Gott ist aber gerade das (vom mit bloßen Verstandes-Vermittlungen ein theo-
Menschen) absolut Verschiedene, ganz Andere retisches System entwirft (Hegel), tritt bei Kier-
und Unerkennbare. Er ›ist‹ (fÝr mich) nicht im kegaard der konkrete, ebenso reflektierte wie
bloßen Denken, sondern indem ich mit Hilfe des leidenschaftliche GlÈubige, der durch qualitative
%Verstandes aus dem Verstand herausspringe Existenz-Dialektik das Absurd-Paradoxale mit
in den Glauben. Dieser entsteht nur in diesem seinem faktischen Dasein im/durch Glauben in
Sprung: in dem Paradox, dass der Verstand dazu Existenz umsetzt. Ist die Ironie das Inkognito
gebraucht wird zu verstehen, dass er Gott nicht des Ethikers (%Sokrates) und Humor das der
denkend (mit Verstand) erfassen kann und lei- ReligiositÈt A, so ist die ReligiositÈt B der hÚchs-
denschaftlich gegen dieses Paradox anrennen te Lebensernst: die im Glauben an Christus ab-
soll, ohne es begreifen zu wollen. Der Sprung in sichtsvolle AbsurditÈt der paradoxalen Existenz
den Glauben ist quasi das Pendant zum Sprung und das Leiden, dies gegen den Verstand aushal-
in die SÝnde; und wie erst %Ethik die Schuld ten zu mÝssen, – eine Haltung, die beim spÈten
entdeckt, so der Glaube erst die SÝnde. Kierkegaard in einen aggressiv-radikalen, irra-
Um nun zu verhindern, dass dieser Gott als tionalen %Solipsismus mit wahnhaften ZÝgen
bloß philosophischer gedacht wird, radikalisiert fÝhrt und damit diese Denkphase als eben das
Kierkegaard (im engen Anschluss an Pascal) sei- bloßstellt, wogegen er sich in seinen Hauptwer-
nen Ansatz und trennt das dritte, religiÚse Sta- ken wandte: eine unlebbare Theorie.
dium nochmals in das ethisch- bzw. immanent- Kierkegaards Werk stellt nicht nur fÝr Phi-
religiÚse (ReligiositÈt A) und das paradox- bzw. losophen eine Herausforderung dar: mit seinen
christlich-religiÚse (ReligiositÈt B). Im letzten, beiden Werkgruppen; dem Ineinander von Phi-
hÚheren Stadium ist mit Christus das Paradox losophie, Psychologie, Literatur, romantischer
aufs hÚchste gesteigert. Der bloß immanente •sthetik und kompromisslos subjektiver Religio-
Gott (nur fÝr mich, bloß in meiner Immanenz) sitÈt; seinen zahlreichen, teils negativ gebroche-
ist Ýberwunden dadurch, dass Gott (als das Ewi- nen EinflÝssen und Anspielungen; seiner an die
ge und Unerkennbare) sich dennoch verzeitlicht Grenze zur Hyperreflexion getriebenen, pseudo-
und sichtbar gemacht hat. Erst in Christus als dialektischen Methode im Verein mit der Nei-
dem totalen Paradox und (Verstandes-)•rgernis gung zu artistischen Formulierungen und der
hat der Glaube seinen eigentlichen (allen Ver- FÝlle faszinierender, aber verstreuter Einsichten.
stand Ýbersteigenden) letzten Sinn. Dieser radi- Seine philosophisch-psychologische Gedanken-
kale, reine Glaube fÝhrt dann auch zur teleologi- tiefe kontrastiert hart mit seiner kleinbÝrgerlich
schen Suspension des Ethisch-Allgemeinen: So reaktionÈren Weltanschauung.
wie Christus ›hÚher‹ (glaubenswÝrdiger) ist als Das konkrete Individuum erfÈhrt bei %Marx
der bloß immanente (philosophische) Gott, ist seine antireligiÚse Fassung, die Gotteskategorie
die Kategorie ›der Einzelne‹ und seine %Pflicht ihre antimetaphysische Umwandlung in den
gegenÝber Gott ›hÚher‹ als ethisch-allgemeine Àbermenschen bei %Nietzsche; beiden geht
Pflichten (Abraham-Isaak-Geschichte), – was Feuerbach vorher, der (zeitgleich mit Kierke-
nicht selbst wieder ethisch als Dispens von der gaard) Religion und Gottesbegriff radikal anthro-
Regel gesehen werden darf, sondern als Statuie- pologisch auflÚst: Das Geheimnis der Theologie
rung einer paradoxen Existenz, deren ureigenste ist nach ihm die %Anthropologie. Gott ist nichts
und wichtigste Probleme nicht ethisch lÚsbar anderes als das Wesen des Menschen selbst,
sind. Philosophisch ist die Christus-Figur der aber als sehnsÝchtig vervollkommnetes, vom
letztmÚgliche Ausdruck fÝr das unbegreiflich Pa- Menschen aus ihm herausprojiziert und ihm
radoxale des Gottes (als unserem, durch Denken selbst als etwas anderes entgegengesetzt; der
unfassbaren Grund), an den wir nur glauben menschgewordene Gott (Christus) nur die Er-
kÚnnen, aber auch mÝssen (schon weil es dies scheinung des gottgewordenen Menschen; Reli-
Paradox gibt). Dass die Vernunft dies als das gion die Entzweiung des Menschen mit sich
Unbegreifliche begreifen soll, ist die AbsurditÈt selbst. Kierkegaards »Verzweiflung« ist hier der
des christlich GlÈubigen. An die Stelle des Meta- Zwiespalt des Menschen mit seinem eigenen
146 Leibniz, Gottfried Wilhelm

Wesen, das er mit Gott und Religion sich zu ver- sich am physikalischen Begriff des Atoms und
schweigen bzw. zu heilen sucht. Oft sind SÈtze ÝbertrÈgt ihn auf den metaphysischen der Sub-
von Feuerbach und Kierkegaard sehr Èhnlich, stanz. Neben der Einfachheit (simplicit¹) kommt
haben jedoch einen vÚllig anderen Sinn. es den Monaden zu, vereinzelt zu sein, keine
Philosophisch bedeutsam und wirkmÈchtig Fenster zu haben. Das bedeutet, dass es keine
bei Kierkegaards Denken sind neben zahlrei- Einwirkung oder VerÈnderung von außen geben
chen einzelnen Thesen und Topoi (z. B. das Ero- kann, die die Monade bestimmen. Das dritte
tische in der •sthetik oder der Daseins-Ekel) vor Charakteristikum ist ihre Einzigartigkeit: Jede
allem die Entdeckung der Kategorie ›Existenz‹ Monade muss von jeder anderen verschieden
(womit er als BegrÝnder der Existenzphilosophie sein, weil es in der Natur nie zwei identische
gilt) und der Kritik der LeistungsfÈhigkeit jeder %Wesen gibt. Leibniz setzt voraus, dass jedes
diesbezÝglichen Theorie Ýberhaupt, auch einer geschaffene Wesen dem Wandel unterworfen ist
›nur‹ philosophischen. Gerade damit hat Kierke- und dass dieser sich kontinuierlich vollzieht. Da-
gaard die Philosophie aber vor neue Aufgaben raus folgt aber, dass dieser auf einem inneren
gestellt, die z. B. Jaspers, %Heidegger und Ca- %Prinzip beruht, da der Èußere Einfluss (influ-
mus (unter starker Aufnahme sÈkularisierter xus physicus) ja – in deutlichem Unterschied zu
Elemente von Kierkegaards Denken) bestimmen. Descartes – verworfen wurde. Neben den drei
H. Diem, Die Existenzdialektik von SÚren Kierkegaard,
Charakteristika macht Leibniz ebenfalls drei
Zollikon ZÝrich 1950 VermÚgen der Monaden aus, die das Wesentliche
H. H. Schrey (Hg.), SÚren Kierkegaard, Darmstadt 1971 seiner Metaphysik ausmachen: 1. Die %Perzepti-
W. Dietz, SÚren Kierkegaard. Existenz und Freiheit, on (perception) ist der momentane Zustand, der
Frankfurt/M. 1993 eine Vielheit in der Einheit, d. h. in der ein-
K. P. Liessmann, Kierkegaard zur EinfÝhrung, Hamburg fachen Substanz einbegreift und vorstellt. Dass
1993
es eine Vielheit in der Einheit geben kann, er-
R. A. Bast, ›Innerlichkeit‹ bei Kierkegaard, In: Rationali
tÈt und Innerlichkeit. Hg. von H. B. Gerl Falkovitz lÈutert Leibniz geometrisch, indem er zeigt, dass
u. a., Hildesheim 1997, S.121 138 in einem Punkt unendlich viele Winkel zusam-
R. A. B. menlaufen kÚnnen, ohne dass dabei verschiede-
ne Teile des Punktes gedacht werden mÝssen. 2.
Das Streben (l’appetition) ist die TÈtigkeit des in-
Leibniz, Gottfried Wilhelm (1646–1716): neren Prinzips, das den Àbergang von einer Per-
Deutscher Philosoph und Universalgelehrter, zeption zur nÈchsten bewirkt. Nicht immer wird
geb. am 1. 7. in Leipzig, gest. am 14. 11. in Han- die ganze Perzeption vollstÈndig erreicht, aber
nover. Leibniz’ Philosophie ist in erster Linie auch ein teilweises Erreichen genÝgt, um zu
von dem Gedanken getragen, die %Metaphysik, neuen Perzeptionen zu gelangen. Entscheidend
die seit %Descartes am naturwissenschaftlichen fÝr das Streben ist der kontinuierliche Àber-
Methodenideal orientiert ist, zu verbessern. gang. 3. Die %Vorstellungen der %Welt (reprae-
Kern der Auseinandersetzung – vor allem in der sentatio mundi) meint, dass eine Vielheit in der
Monadologie – ist dabei die Bestimmung dessen, einfachen Substanz erfahren wird. Aus jedem
was die %Substanz sei. Leibniz geht davon aus, noch so kleinen Gedanken kann die Mannigfal-
dass sie einfach sein mÝsse, d. h. ohne Teile. Die tigkeit der Welt entwickelt werden, sodass jede
einfache Substanz nennt er %Monade (Einheit). Monade gleichsam deren Spiegel ist. Leibniz
Da die Monaden keine Teile haben, so fehlt ih- wehrt den mechanistischen Gedanken ab, die
nen auch Ausdehnung, Gestalt und Teilbarkeit. Perzeptionen seien aus Gestalt und Bewegung
Auf diese Weise sind sie die wahren Atome der erklÈrbar. Die Monade hat nur innere TÈtigkei-
%Natur und somit die Elemente der Dinge. FÝr ten, was ein VerhÈltnis wie das von Druck und
die einfachen Substanzen gibt es also keine Auf- Stoß ausschließt, denn dieses beruht ja auf der
lÚsung, da sie sich nicht in StÝcke zerlegen las- Annahme von Zusammengesetztem. Folglich
sen kÚnnen. Die Monaden entstehen und ver- kann Leibniz die Monaden als unkÚrperliche Au-
gehen nur mit einem Schlag (tout d’un coup), tomaten bezeichnen, da sie eine Art von Selbst-
wÈhrend das Zusammengesetzte dem Wachsen genÝgsamkeit (%Autarkie) besitzen, von sich
und Schwinden ausgesetzt ist. Leibniz orientiert her tÈtig sind. Nun haben zwar alle Monaden
Leibniz, Gottfried Wilhelm 147

Perzeptionen und Streben gemein, doch gibt es Èußere, d. h. nicht wesenhafte Beschaffenheiten
zwischen ihnen Unterschiede: Die bewusste darstellen. Die Monade erweist sich also als end-
Wahrnehmung (sentiment) ist distinkter als die liche, dem stetigen Wandel unterworfene Sub-
einfache Perzeption und zudem auch von Erin- stanz. Das Problem, das sich daraus ergibt, lau-
nerung begleitet. Die Monaden, die so aus- tet: Wie kÚnnen sich die Charaktere der wahren
gezeichnet sind, kÚnnen als %Seelen bezeichnet Einheit im Wandel bewÈhren? Die kritischen
werden. Auf diesem Wege kommt Leibniz zur Punkte, die Leibniz zu klÈren hat, sind: 1. Wie
Entdeckung des Unterbewussten. Im tiefen, entspricht das Wandelbare der Wesensbestim-
traumlosen Schlaf gibt es nur schwache und un- mung des Vereinzeltseins? 2. Wie kann das
deutliche Perzeptionen (petites perceptions). Doch Wandelbare dem Anspruch der IndividualitÈt ge-
kann man aus dem Schlaf geweckt werden und nÝgen? 3. Wie entspricht ein monadologisch
sich seiner gehabten Perzeptionen bewusst wer- Wandelbares dem Anspruch der SimplizitÈt?
den, woraus folgt, dass es einen Strom von un- Zum einen ist die Monade in sich wandelbar, da
terbewussten Perzeptionen geben muss, den der ihre Perzeptionen von sich her stÈndig im Fluss
Aufweckvorgang zu Bewusstsein und Deutlich- sind, im Àbergang von einer Vorstellung in die
keit emporreißt. Aus der jeweiligen Distinktheit andere (l’¹tat passager). Das %Subjekt wandelt
der Perzeptionen ergibt sich auch die Rangord- sich zwar bezogen auf seine Vorstellungen, doch
nung der Lebewesen. Der Mensch verfÝgt Ýber bleibt es ein und dasselbe im StrÚmen von einer
die deutlichsten Perzeptionen, sodass seine See- Perzeption zur anderen. Zum anderen ist das
le zur %Erkenntnis (anima intellectiva) fÈhig ist. Prinzip der IndividualitÈt die Weise, wie jeder
Tiere haben ihre eigenen Perzeptionen, die sie Einzelne die Welt reprÈsentiert. Die Welt wird
in die Lage versetzen, bestimmte Sinnesempfin- als Horizont verstanden, der je zur Vorstellung
dungen (anima sensitiva) zu erhalten, wÈhrend gebracht wird; die IndividualitÈt bedeutet also
die der Pflanzen so verworren sind, dass ihnen die einzigartige und unÝberholbare Weise der
nur die pure Lebewesenhaftigkeit (anima vegeta- Perzeption als ReprÈsentation der Welt. Das
tiva) zuteil wird. Doch obwohl die Monaden in Streben erfÝllt dabei das Kriterium des Verein-
den Graden der Deutlichkeit ihrer Perzeptionen zeltseins, da es als inneres Prinzip keinen Èuße-
so verschieden sind, stellt jede in ihrer Weise ren %Ursache unterliegt. Das dritte Problem lÚst
das Universum vor. Daraus entwickelt Leibniz Leibniz, indem er zeigt, dass es neben der Per-
den Gedanken der PerspektivitÈt. Dadurch dass zeption noch die %Apperzeption gibt, nÈmlich
jede Monade ihr jeweils eigenes Abbild der Welt das Mitdazuerfassen; dass es das Individuum
ist, ist sie auch ihr individueller Ausdruck. Leib- ist, das etwas erfasst, d. h. dasjenige, was in je-
niz gewinnt dadurch das Prinzip der %IdentitÈt der Perzeption mit hinzukommt. Doch dehnt
des Ununterscheidbaren (principium identitatis Leibniz die Apperzeption, d. h. die Einheit des
indiscernibilium). Denn zwei Wesen, die sich in Ich, nicht auf die ganze Natur aus. Sie ist ledig-
allem gleichen, sind ›umsonst‹. Die Natur aber lich der hÚchste Grad des monadisch verfassten
macht nichts umsonst: Also gibt es in der Natur Seienden (%Sein), das sich kontinuierlich in sei-
nicht zwei Dinge, die ununterscheidbar sind. ner jeweiligen Deutlichkeit des Weltbezuges von-
Beispielgebend sind etwa die BlÈtter eines Bau- einander unterscheidet. Das lebendig Seiende –
mes, zwischen denen sich keinerlei Gleichheit und jede Monade lebt – stuft sich nach einem
finden lÈsst. Da aber alle Erscheinungen in der Gesetz ohne SprÝnge; es handelt sich um kon-
Natur nur der Èußere Vorschein der mona- tinuierliche Unterschiede (Gesetz der Kontinui-
dischen Grundbestimmung sind, kann die phÈ- tÈt / lex continui). Aber die Monaden, gleich wel-
nomenhafte Unvergleichlichkeit nur auf eine chen Grades, verdanken sich nicht ihrer eigenen
monadische Unvergleichlichkeit gegrÝndet sein. Kraft, sondern sind geschaffene Wesen der Mo-
Leibniz rÈumt damit die traditionelle Vorstellung nade der Monaden (monas monadum), d. h.
aus, die Unterscheidungsmerkmale des Men- %Gottes. Da alle besonderen Bestimmungen auf
schen seien Haut und Knochen (materia sig- andere vorhergehende fÝhren, die zu ihrer Be-
nata), wenigstens jedoch die unterschiedliche grÝndung wieder einer solchen Bedingtheit un-
Stelle in Raum und Zeit. Monadologisch gesehen terliegen, muss es einen zureichenden %Grund
sind diese Merkmale unwesentlich, da sie nur geben, der außerhalb des Zusammenhangs der
148 Leibniz, Gottfried Wilhelm

natÝrlichen Dinge steht. Leibniz denkt die Ur- hat, jedoch leidend, sofern diese verworren sind.
monade Gott als unbedingte Vollkommenheit, Da es aber keinen physischen Einfluss der ge-
d. h. die GrÚße der positiven RealitÈt, die sich er- schaffenen Substanzen untereinander gibt, kann
gibt, wenn alle Grenzen beiseite getan werden. es nur einen idealen Einfluss durch die Vermitt-
Die geschaffenen Monaden verdanken ihre rela- lung Gottes geben. Um also die Fensterlosigkeit
tiven Vollkommenheiten der Urmonade, ihre Un- der Monaden zu kompensieren, setzt Leibniz die
vollkommenheiten jedoch ihrer eigenen Natur, schaffende Urmonade an die Stelle des Welt-
da sie ja endlich, nicht schrankenlos sind. Doch zusammenhang stiftenden Prinzips. Sie ist der
ist Gott nicht nur der Ursprung der Existenz, Einheitsgrund fÝr die unendliche Menge von
sondern auch der %Wesenheit, sofern sie real Welten, die dadurch entsteht, dass jede geschaf-
ist bzw. dessen, was es in der MÚglichkeit schon fene Monade ihre eigene Perspektive des Uni-
an Realem gibt. Der gÚttliche %Verstand, der als versums hat. Gott ist der SchÚpfer der %prÈsta-
Sitz der ewigen %Wahrheiten (%Ideen) begrif- bilierten Harmonie (l’harmonie pr¹¹tablie), die es
fen wird, von dem sie abhÈngig sind, garantiert, erlaubt, dass die Seelen, die nach den Gesetzen
dass es in den MÚglichkeiten Reales und Existie- der Zweckursachen (causes finales) wirken, und
rendes gibt; ja ohne ihn gÈbe es nicht einmal die KÚrper, die sich nach den Gesetzen der
das MÚgliche. Aber die AbhÈngigkeit der ewigen Wirkursachen (causes efficientes) bewegen, ein
Wahrheiten von Gott bedeutet nicht, dass sie und dasselbe Universum sind. Somit denkt Leib-
willkÝrlich sind, von seinem Willen bestimmt niz die Emendation (Verbesserung) der Meta-
werden. Dies gilt nur fÝr die zufÈlligen Wahrhei- physik gegenÝber Descartes geleistet zu haben,
ten, deren Prinzip die Angemessenheit (conven- da er die sich aus dem cartesianischen Dualis-
ance), die Wahl des Besten, ist. Die notwendigen mus von denkender und ausgedehnter Substanz
Wahrheiten hÈngen allein vom gÚttlichen Ver- entstandenen Schwierigkeiten ausgeschaltet hat.
stand ab, sind dessen innerer Gegenstand. Da- DarÝber hinaus kann Leibniz so seinen philoso-
raus lÈsst sich das VerhÈltnis zwischen Gott als phischen Optimismus rechtfertigen: Da Gott
ursprÝnglicher Einheit (l’unit¹ primitive) und nicht willkÝrlich schafft, sondern gemÈß seinen
den abgeleiteten Monaden (monades d¹rivatives) inneren GegenstÈnden – den ewigen Wahrheiten
genauer bestimmen: Alles Geschaffene ist Her- – kann er bei der SchÚpfung nur derjenigen
vorbringung Gottes und entsteht durch sein kon- Welt den Vorzug geben, die von allen mÚglichen
tinuierliches Aufblitzen (fulgurations continuel- KompossibilitÈten (das Zusammen-bestehen-KÚn-
les) von Moment zu Moment. Die Grenzen der nen der Monaden) die beste ist. Damit ist das
geschaffenen Monaden liegen in ihrer wesenhaft Theodizeeproblem (Rechtfertigung Gottes ange-
beschrÈnkten AufnahmefÈhigkeit (r¹ceptivit¹). sichts des Àbels in der Welt) fÝr ihn gelÚst, weil
Gott ist also sowohl die Macht (puissance), die das Geschaffene von keiner Unvollkommenheit
die Quelle von allem ist, als auch die Erkenntnis der Urmonade berÝhrt wird. Des Weiteren ergibt
(connoissance), welche die einzelnen Ideen ent- sich aus dem monadologischen Denken ein neu-
hÈlt, und auch der %Wille (volont¹), der die Ver- er Ansatz fÝr die LÚsung des Bewegungs- bzw.
Ènderungen oder SchÚpfungen nach dem Prinzip Energieproblems. Hatte Descartes versucht, alle
des Besten bewirkt. Auf Seiten der geschaffenen Bewegung durch den Druck und Stoß aneinan-
Monaden entsprechen diese drei Momente dem derfließender Korpuskeln (KÚrperchen) zu erklÈ-
Subjekt bzw. dem Fundament (le sujet ou la ba- ren, deren StabilitÈtsgarant Gott ist, entwickelt
se), dem PerzeptionsvermÚgen (facult¹ percepti- Leibniz die Idee der lebendigen Kraft. Er wendet
ve) und dem BegehrungsvermÚgen (facult¹ app¹- sich gegen den seit Aristoteles gelÈufigen Be-
titive). In Gott sind alle KrÈfte absolut unendlich, griff der %Dynamis, der soviel besagt wie ru-
wÈhrend sie in den geschaffenen Monaden hende Disposition der VerÈnderung. Mit Dyna-
Nachahmungen je nach dem Grad (mesure) ihrer mis wird nur gesagt, dass in einem Subjekt der
Vollkommenheit sind. Die Urmonade ist also die VerÈnderung bestimmte passive Bedingungen
reine TÈtigkeit, da sie alle VermÚgen besitzt, oh- vorhanden sind, die den Èußeren EinflÝssen, die
ne Kraft durch etwas anderes außer ihr zu er- an das Subjekt herantreten und die es allein zur
langen. Dementsprechend ist die geschaffene TÈtigkeit bestimmen, eine Richtung der Wirk-
Monade tÈtig, sofern sie deutliche Perzeptionen samkeit vorschreiben. Leibniz akzentuiert dage-
Lévinas, Emanuel 149

gen auf monadologische Weise die AktivitÈt oder die Berechnung einer Durchschnittsgeschwindig-
Kraftbegabtheit. Die Subjekte befinden sich dem keit. WÈhrend die Tradition in reiner Phorono-
gemÈß in einem Zustand, aus dem, wenn er mie (Bewegungslehre) verharrt, macht Leibniz
nicht durch Èußere UmstÈnde gehemmt wird, den Weg zur Dynamik frei. Kraft ist eben nicht
unmittelbar eine VerÈnderung erfolgt. Das heißt, bloß das Produkt von Masse und Geschwindig-
dass in den materiellen Dingen etwas enthalten keit (tote Kraft), sondern lebendig, was bedeutet,
ist, was Ýber die bloße Ausdehnung hinausgeht: dass die Geschwindigkeiten fallender KÚrper
die natÝrliche Kraft, die Gott den Dingen einge- nicht den durchlaufenen RÈumen proportional
pflanzt hat. Leibniz folgert daraus, dass das Wir- sind. Die lebendige Kraft ist der physikalische
ken das eigentliche Charakteristikum der Sub- Ausdruck des monadologisch gefassten Prinzips
stanzen ist, wÈhrend die Ausdehnung die bloß des Strebens.
stetige Wiederholung der strebenden Kraft ist. A. Blank, Der logische Aufbau von Leibniz’ Metaphysik,
Die tÈtige Kraft oder Wirksamkeit (virtus) stellt Berlin 2001
sich in doppelter Art dar: Zum einen ist sie pri- P. DÚring, Die Philosophie Gottfried Wilhelm Leibniz’,
mitive Kraft, die jeder kÚrperlichen Substanz in- Leipzig 1999
newohnt – es gibt keine durchaus ruhenden M. Th. Liske, Gottfried Wilhelm Leibniz, MÝnchen 2000
KÚrper –, zum anderen als derivative (abgeleite- K. Nowak / H. Poser (Hg.), Wissenschaft und Weltge
staltung, Hildesheim 1999
te) Kraft, die sich aus der wechselseitigen Ein-
A. P.
schrÈnkung der primitiven Kraft durch die
Wechselwirkung der KÚrper ergibt. Und auch die
passive Kraft stellt sich in dieser Zweigeteiltheit
dar: Die primitive Kraft des Leidens (die Kraft Lévinas, Emanuel (1906–1995): Geboren in
des Widerstands) bewirkt, dass ein KÚrper nicht Kaunas, Litauen, gestorben in Paris: Kind zweier
von einem anderen durchdrungen wird, d. h. mit Kulturen, die in seiner Philosophie einen Aus-
einer gewissen TrÈgheit behaftet ist, sodass die gleich suchen. Sohn jÝdischer Eltern, hat er Zeit
Wirkung anderer KrÈfte, die er erhÈlt, abge- seines Lebens der jÝdischen Religion die Treue
schwÈcht wird. Die derivative Kraft des Leidens gehalten. Zugleich suchte er das Ghetto des ost-
meint soviel wie Masse, insofern der endliche europÈischen Judentums zu durchbrechen: Das
ausgedehnte KÚrper als Produkt von einfachen Judentum musste den Geist Europas und der
Massenpunkten verstanden wird. Leibniz’ Haupt- Philosophie in sich aufnehmen, aber dennoch
interesse gilt in diesem Zusammenhang den de- seine jÝdische IdentitÈt bewahren. L¹vinas such-
rivativen KrÈften, da sich auf sie die Wirkungs- te eine Stellung zwischen Isolation und Assimi-
gesetze beziehen. Die derivative Kraft wird stets lation. 1923 Àbersiedlung nach Frankreich, Stu-
in Zusammenhang mit der Ortsbewegung ge- dium der Philosophie, Promotion in Straßburg
dacht bzw. mit der Fortsetzung der Ortsbewe- mit einer Arbeit Ýber %Husserl. Annahme der
gung. Sie allein ist der ErklÈrungsgrund fÝr alle franzÚsischen StaatsbÝrgerschaft, Teilnahme am
materiellen Erscheinungen. Bewegung aber Krieg als Soldat und in deutscher Kriegsgefan-
kann nur als kontinuierliche VerÈnderung des genschaft. Die Familie L¹vinas’ wurde Opfer der
Ortes begriffen werden, bedarf also der %Zeit. Judenverfolgungen in Litauen. Nach dem Krieg
So ergibt sich aus der Verbindung von Bewe- in Paris Direktor der jÝdischen Lehrerausbil-
gung und Zeit das Moment der Geschwindigkeit. dungsanstalt fÝr das Ústliche Mittelmeer. 1961
Diese ist ein %Streben (conatus), bei dem eine Habilitation mit dem Buch TotalitÈt und Unend-
Richtung mitgedacht wird, der Antrieb (impetus) lichkeit, danach UniversitÈtsprofessor.
hingegen ist das Produkt aus Masse und Ge- Einsatzpunkt fÝr L¹vinas’ Philosophie ist eine
schwindigkeit eines KÚrpers (Impuls). Leibniz fundamentale Zweideutigkeit des europÈischen
erÚffnet damit den Weg zur Entdeckung der Be- %Rationalismus. Einerseits ist die Philosophie
schleunigung. Die Bewegung, die sich Ýber eine eine Bewegung der Befreiung der Menschen. Sie
bestimmte Zeit erstreckt, erfÈhrt unendlich viele identifiziert den Menschen nicht mehr mit sei-
Antriebe, wodurch eine VerÈnderung der Bewe- ner materiellen Existenz, sondern trennt %Leib
gungsgrÚße erklÈrbar wird. Der bloße Blick auf und %Seele. Die %Wahrheit des Menschen liegt
die nur momentane Bewegung erlaubt lediglich im Geistigen (%Idealismus). So entwickelt sie
150 Lévinas, Emanuel

das Konzept des Menschen, der eine eigene se vorhergehen; es muss an ein passives Subjekt
WÝrde hat unabhÈngig von den materiellen, ras- herantreten. Die PassivitÈt des Subjekts ist die
sischen oder sozialen Bedingungen, unter denen Bedingung fÝr die Andersheit des anderen. L¹vi-
er lebt. Aus der mythischen Bindung an ein ano- nas spricht gelegentlich von einer PassivitÈt, die
nymes Schicksal tritt der Mensch in die %Frei- passiver ist als jede PassivitÈt. Er grenzt damit
heit des %Geistes. Anderseits droht die Ent- die PassivitÈt als Bedingung fÝr den Empfang
deckung des Ideellen ihrerseits zu einer neuen des anderen ab von dem, was %Kant z. B. als
Tyrannei zu werden, zum Totalitarismus einer %RezeptivitÈt bezeichnet hat. So sehr Kant die
%Vernunft, die nichts anderes anerkennt. Die to- RezeptivitÈt, nÈmlich das VermÚgen der %An-
tale Herrschaft des %Subjekts Ýber das %Ob- schauung, vom %Begriff unterscheidet, so ist ih-
jekt bannt das einsame Subjekt in eine ab- nen doch gemeinsam, dass sie beide Formen der
strakte Existenz und schneidet es vom %Sein Synthesis sind. PassivitÈt ist nicht RezeptivitÈt.
ab. Daher die Frage %Heideggers nach dem Die PassivitÈt, in der das andere empfangen
Sein des Subjekts. Die Abstraktheit des Subjekts wird, kommt nach L¹vinas den Sinnen zu. Der
scheint nur Ýberwunden werden zu kÚnnen, andere hat einen Zugang zum Subjekt kraft der
wenn der Gegensatz von Subjekt und %Objekt %Sinnlichkeit. Aber auch hier wiederum unter-
eingeebnet wird, wenn das Subjekt wiederum scheidet L¹vinas die Sinnlichkeit im traditionel-
im Sein aufgeht und damit den Bann des Idea- len Sinne, etwa die %Wahrnehmung bei Kant,
lismus bricht. In diese Richtung weist das %Be- Husserl oder Merleau-Ponty, von dem, was bei
wusstsein vom Weltzerfall und dem Weltenende ihm Sinnlichkeit meint. Seine Studien zum Be-
in der ersten HÈlfte des 20. Jhs. So ist das euro- griff der Empfindung bei Husserl zielen auf eine
pÈische Denken in zwei Weisen vom Totalitaris- Empfindung, eine Sinnlichkeit, vor aller %Inten-
mus bedroht: von der totalen Herrschaft des tionalitÈt.
Subjekts Ýber das Objekt, des Seienden Ýber Steht demnach der andere und die Beziehung
das Sein, einerseits und vom Totalitarismus der zu ihm im Mittelpunkt, so wandelt sich doch im
mythischen Welt oder der Herrschaft des Seins Laufe der Zeit der Begriff, den sich L¹vinas von
Ýber das – individuelle – Seiende andererseits. dieser Beziehung macht. In der frÝhen Philoso-
Aus dieser %Aporie sucht L¹vinas einen Aus- phie ist es die %Liebe, die den Zugang zum an-
weg. Er findet ihn im Gedanken des Anderen. deren Úffnet, in der spÈten hingegen die %Ver-
Das Denken des Anderen bricht die TotalitÈt auf. antwortung. ReprÈsentativ fÝr die frÝhe Philoso-
Der oder das Andere hebt die Einsamkeit des phie sind die BÝcher Vom Sein zum Seienden
Subjekts auf und lÈsst ihm doch seine UnabhÈn- und Die Zeit und der andere, fÝr die spÈte Phi-
gigkeit, seine »Getrenntheit« (s¹paration). Von losophie Jenseits des Seins oder anders als Sein
nun an wird der Gedanke des anderen zum Mo- geschieht. TotalitÈt und Unendlichkeit ist ein
tor fÝr L¹vinas’ Philosophieren. Werk des Àbergangs. Wie sieht nun jeweils die-
Es kommt freilich darauf an, das Andere als se Beziehung aus?
Anderes und nicht wiederum als Objekt zu den- Der junge L¹vinas, der Husserl und Heidegger
ken. Unter einem Objekt oder Gegenstand des in Freiburg begegnet war, hat mit Enthusiasmus
Denkens verstehen wir etwas, das ein Eines ist, Heideggers Buch Sein und Zeit begrÝßt. Er teilt
etwas, das mit sich selbst identisch ist und da- insbesondere die Kritik an der traditionellen
her als es selbst verharrt, auf das wir zurÝck- Philosophie, die seit %Parmenides das Sein nur
kommen und das wir anderen mitteilen kÚnnen. als Seiendes versteht. Damit hat sie es unter
Diese Einheit des Gegenstandes mit sich selbst, den Zwang der Einheit gebracht und das andere
seine %IdentitÈt, ist das Resultat der identifizie- aus der Philosophie eliminiert. Es kommt darauf
renden TÈtigkeit der Vernunft. Was die Vernunft an, einen neuen Begriff vom Sein zu entwickeln
auch immer ergreift, ist eines und als solches und noch einmal jenen symbolischen Vatermord
Resultat einer %Synthese. Daher ist dem Den- zu versuchen, an dem schon %Platon geschei-
ken, soweit es ein Tun ist, das andere nicht zu- tert ist. Es geht um eine neue %Ontologie, um
gÈnglich. Das Objekt des Denkens hat als sol- ein Sein, das aus der parmenideischen Einheit
ches schon seine Andersheit verloren. Das ande- herausgedreht ist, um ein »plurales Sein«. Den
re muss vielmehr dem Denken in gewisser Wei- Begriff eines pluralen Seins entwickelt L¹vinas
Lévinas, Emanuel 151

im Ausgang vom PhÈnomen der sinnlichen Lie- ist der erste Schritt aus dem Mythos der Ein-
be des Mannes zur Frau. In der Liebe begegnet bruch des Schuldbewusstseins. Das Bewusstsein
der Mann dem anderen. Das andere ist weiblich. der Schuld wirft das Subjekt auf sich zurÝck
Das Weibliche lÈsst sich nicht eigentlich fassen, und lÚst es zugleich aus dem bisherigen Zusam-
begreifen, %konstituieren. Es entzieht sich je- menhang mit dem Ganzen. Historischer Aus-
dem solchen Versuch. Wenn der Mensch seine druck dieses Geschehens ist die griechische Tra-
ganze Welt konstituiert und sein intentionales gÚdie. Erst jetzt wird die TotalitÈt gegenstÈnd-
Wesen darin besteht, in die Welt zu expandie- lich. Das Innewerden der Schuld ist in eins der
ren, so ist das Weibliche jenseits der Welt. Die Ursprung des Ichbewusstseins und des theoreti-
Liebe ist kein BedÝrfnis (besoin), das der Mann schen Abstandes von der TotalitÈt. Aber wÈh-
befriedigen kÚnnte, sondern ein unendliches Be- rend in der frÝhen Philosophie die Verhaftung
gehren (d¹sir). Dem Subjekt, das sein KÚnnen im Sein ein anonymes Geschehen war, ist nun
ausspielt und das in die Welt expandiert, ent- der neue Gedanke, dass Schuld andere Men-
zieht sich das Weibliche. Nur dem radikal passi- schen voraussetzt, fÝr die das Subjekt die Ver-
ven Subjekt gibt es sich. Aber in der erotischen antwortung hat. Also ist es das moralische Be-
Liebe widerfÈhrt dem Mann eine neue Produkti- wusstsein, das den Menschen aus dem selbst-
vitÈt, nicht die des technischen KÚnnens und je- vergessenen Schlaf der animalischen Existenz
ner VermÚgen, kraft derer wir die Welt konstitu- weckt.
ieren, sondern die Begegnung mit dem weibli- Wie erfÈhrt das Subjekt den anderen? Der Ap-
chen anderen befÈhigt ihn, ein Kind zu zeugen, pell des anderen an die Verantwortung des Sub-
den Sohn. Die PassivitÈt des Subjekts in der Lie- jekts wird vom Subjekt erlebt als Anspruch,
be nennt L¹vinas auch ein »Sich-Zusammenzie- dem anderen einen Platz einzurÈumen. In der
hen« (crispation) oder ein Sterben. So wie nach Gegenwart des anderen ist der Umgang mit den
der jÝdischen %Mystik %Gott sich zusammen- Dingen und der Welt nicht mehr selbstverstÈnd-
ziehen muss, um Platz fÝr die Welt zu schaffen, lich, sondern fordert RÝcksicht. Das Subjekt darf
so ist die PassivitÈt des Subjekts, der Tod seines nicht mehr alles, was es kann. Der andere
KÚnnens, die Bedingung fÝr seine Fruchtbarkeit. macht dem Subjekt die alleinige VerfÝgung Ýber
In der Vaterschaft realisiert sich das gesuchte die Welt streitig; er entzieht ihm gewissermaßen
plurale Sein. Denn einerseits ist der Sohn ein die Welt. Der andere manifestiert sich in der
Fremder, ein anderer. Andererseits gilt: »Ich Forderung, den Besitz loszulassen.
›bin‹ auf gewisse Weise mein Kind. Nur haben Der Gedanke der Verantwortung fÝr den an-
die Worte ›ich bin‹ hier eine von der eleatischen deren und der unvermeidlichen Schuld, die mit
oder platonischen verschiedene Bedeutung.« der Existenz als solcher gegeben ist, tritt so sehr
In der Folge tritt der erotische Ansatz zurÝck in den Mittelpunkt, dass der Begriff des Weibli-
zugunsten eines ethischen VerstÈndnisses: Die chen und der erotischen Liebe ganz verschwin-
Verantwortung tritt in den Vordergrund. Damit det. Zwar stehen in TotalitÈt und Unendlichkeit
nimmt L¹vinas ein Motiv auf, das bisher nur ei- beide Formen des anderen noch nebeneinander.
ne untergeordnete Rolle gespielt hatte, das aber In Jenseits des Seins aber geht es nur noch um
nun in den Mittelpunkt seiner Àberlegungen die Verantwortung des Subjekts fÝr den ande-
drÈngt: sein ethischer Begriff von Freiheit. Seine ren. FÝr L¹vinas ist die Verantwortung fÝr den
bisherige Philosophie beschreibt L¹vinas als ei- anderen so zentral, dass fÝr ihn das Menschsein
nen »Weg, der vom Sein zum Seienden und vom Ýberhaupt erst damit beginnt. Die Verantwor-
Seienden zum anderen«, oder, in anderen Wor- tung fÝr den anderen ist das humanum schlecht-
ten, vom Mythos zum %Logos und vom Logos hin.
zum Eros fÝhrt. Die Philosophie als Àbergang Aber wiederum kommt hier alles darauf an,
vom Mythos zum Logos befreit den Menschen die Andersheit des Anderen zu bewahren und
aus den mythischen Bindungen. Befreiung aber ihn nicht zum alter ego oder gar zum Objekt zu
heißt bei L¹vinas ErlÚsung von %Schuld. Der machen. Diese Nichtobjektivierbarkeit des An-
Mensch ist unfrei, soweit er in seiner Vergan- rufs des Anderen und seines VerhÈltnisses zum
genheit verhaftet ist und sich von frÝheren Ta- Subjekt wird von L¹vinas auf drei Weisen nÈher
ten und alter Schuld nicht befreien kann. Dabei bestimmt, nÈmlich in Bezug auf die Ontologie,
152 Lévinas, Emanuel

die %Sprache und die %Zeit. Im VerhÈltnis zur spricht nicht nur unserem Ýblichen VerstÈndnis
heideggerschen Ontologie ist der andere meta- von Sprache, sondern auch unserem Zeitver-
ontologisch. Heidegger unterscheidet zwar das stÈndnis. Zudem kommt der Unterschied zwi-
Sein und das Seiende. Und das Sein ist ›etwas schen dem Sagen und dem Gesagten erst dank
anderes‹ als das Seiende. Es teilt mit dem l¹vi- der zeitlichen Verschiedenheit zur Klarheit.
nasschen Anderen die Eigenschaft, sich jeder Nach den phÈnomenologischen Analysen zur
Objektivierung zu entziehen. Aber im Unter- Zeit greift die Gegenwart immer schon auf die
schied zum Anderen besteht die Wahrheit des Zukunft vor und ist VergegenwÈrtigung von Zei-
Seins darin, sich in die Welt, in die Bestimmun- ten, die bereits vergangen sind. Das Bewusst-
gen des Logos zu entfalten und zu sammeln. In- sein, so wie es die PhÈnomenologen beschrieben
sofern ist das Sein doch wiederum nirgends an- haben, kennt keine unmittelbare Gegenwart, al-
ders als im Seienden; es ist das Seiende und ist so ein Bewusstsein des im unbedingten Sinne
es nicht. Das Seiende ist das Telos des Seins gegenwÈrtigen Eindrucks. Damit ein Eindruck
und selbst das Sein. Diese IdentitÈt, die zugleich ins Bewusstsein trete, muss er minimal vergan-
Differenz ist, nennt L¹vinas die »Amphibologie gen sein, sonst kann er nicht gegenstÈndlich
des Seins und des Seienden«. Gegen diese Am- werden. Bewusstsein ist eine Relation. Nun soll
phibologie ist der Andere immun. Das Sein geht der Anruf des Anderen jedem Begreifen voraus-
in der Welt auf. Der Andere entzieht sich defini- gehen. Also ereignet er sich in der Unmittelbar-
tiv der Welt. Insofern ist er vor- oder meta-onto- keit einer Gegenwart, die erst post festum zu Be-
logisch. wusstsein kommt. Im VerhÈltnis zum Anderen
Der Andere ist auch – in einem gewissen Sin- kommt das Bewusstsein immer schon zu spÈt.
ne – vorsprachlich. Die Grundelemente der Spra- Das ist der Grund, warum L¹vinas das Bewusst-
che sind das %Zeichen, die %Bedeutung, der sein vom Subjekt unterscheidet. Das Bewusst-
Gegenstand. Das Zeichen weist vermittelst der sein ist ontologisch, sprachlich, zeitlich. Das
Bedeutung oder des Begriffs auf einen Gegen- Subjekt dagegen in seiner Beziehung zum Ande-
stand. Die Sprache ist prÈdikativ, sie hat die ren ist meta-ontologisch, vorsprachlich, vorzeit-
Struktur des Satzes, weil in ihr das Sinnliche, lich (diachron) in dem erlÈuterten Sinne.
der Gegenstand, als etwas aufgefasst wird. Was Damit gibt L¹vinas eine erste Antwort auf die
das Jeweilige ist, wird ihm vom Begriff vor- Frage, die seine ganze Philosophie dominiert:
geschrieben. Da nun der Begriff ein subjektives Wie lÈsst sich das Denken in Kategorien der Ein-
Konstitut ist, hat der begriffene Gegenstand heit und TotalitÈt sprengen? Seine bisherige
schon seine Andersheit verloren. Zugleich bÝßt Antwort lautet: Die Ausgangssituation ist nicht
er seine IndividualitÈt ein, sofern der Begriff die die Einheit, sondern die DualitÈt von Subjekt
Sache nur in ihrer Allgemeinheit fasst. Von die- und Anderem; dem gegenÝber ist die TotalitÈt
ser signifikativen Sprache unterscheidet L¹vinas des Bewusstseins schon ein Konstitut, Resultat
die ethische Sprache, ein Sagen (dire), das nicht einer Synthese. Aber darin erschÚpft sich nicht
in seinen Bedeutungen, im Gesagten (dit) auf- die Antwort. Vielmehr findet L¹vinas nun auch
geht. Deutete man den Anruf des Anderen nach die Mittel, die fundamentale Zweideutigkeit der
dem Ýblichen Sprachmodell, so mÝsste man ihn europÈischen Philosophie, des europÈischen
als das Zeichen verstehen, das mir eine be- Idealismus zu erklÈren. Zwar ist die Verantwor-
stimmte Bedeutung gegenwÈrtig macht – eine tung fÝr den NÈchsten der tiefste Punkt, von
Aufforderung zur Hilfe – und schließlich meine dem wir ausgehen mÝssen. Aber tatsÈchlich
Hilfe, meine ³ffnung fÝr den Anderen als den sind wir ja nie mit dem NÈchsten allein, son-
bedeuteten Gegenstand. Die ethische Sprache dern mit einer Vielzahl von Menschen, von de-
hingegen kennt diese Unterscheidungen nicht. nen jeder der NÈchste ist. Auch der Dritte ist
Die PrÈsenz des Anderen ist selbst der Appell unser NÈchster, und umgekehrt ist der NÈchste
und meine Antwort – eine Antwort freilich, die uns nicht nÈher als der Dritte. Angesichts der
ich widerrufen kann. Im Bedeuten des Anderen Knappheit der Mittel muss das Subjekt die An-
sind Zeichen, Bedeutung und Gegenstand eins. sprÝche des NÈchsten und des Dritten gegen-
Diese Unmittelbarkeit lÈsst sich mit unseren einander in ihrer Dringlichkeit abwÈgen. Es be-
tÈglichen %Kategorien nicht fassen. Sie wider- darf eines gemeinsamen Maßes, dem sie unter-
Locke, John 153

worfen werden und das fÝr alle gilt. Das gemein- sendi, sondern um dem Anspruch der univer-
same Maß kann aber nur etwas Ideelles sein, salen Verantwortung zu genÝgen. Der positive
das der Vielzahl konkreter FÈlle Einheit gibt, so- Sinn der europÈischen Philosophie und des eu-
dass mit dem Vergleich der Anfang der Begriff- ropÈischen Denkens, das L¹vinas nie aufgehÚrt
lichkeit und des Allgemeinen gesetzt ist. Von hat zu verteidigen und hoch zu halten, liegt in
hier aus werden nun allgemeine Kategorien ent- dem RÝckbezug auf die ethische Grundlage. Die-
stehen, und zwar nicht nach dem Prinzip der se ethische Orientierung der griechischen Phi-
unmittelbaren NÈchstenliebe (amour), die keine losophie sieht L¹vinas als jÝdisches VermÈchtnis
Grenzen kennt, sondern der verteilenden %Ge- an das europÈische Denken an. Die Philosophie
rechtigkeit (justice). Die Verantwortung nicht versteht er als Explikation des JÝdischen ins All-
nur fÝr den NÈchsten, sondern fÝr alle ist es, gemeine – das JÝdische griechisch sagen, wie
aus der sich die Forderung nach Gerechtigkeit L¹vinas fordert –, so wie umgekehrt das JÝdi-
und nach einem Organ, das die Gerechtigkeit si- sche des Griechischen bedarf, um politisch und
chert, nÈmlich dem %Staat, erhebt. Die Ratio geschichtlich wirksam zu werden.
und die Konstitution der menschlichen Welt B. Taureck, Emmanuel L¹vinas zur EinfÝhrung, 2. Aufl.
folgt dem Appell an eine universale Verantwor- Hamburg 1997
tung. Weder darf die Gerechtigkeit den unmittel- W. N. Krewani, Der versteinerte Augenblick, in: E. L¹vi
baren Anspruch des NÈchsten vergessen ma- nas, Vom Sein zum Seienden, Freiburg / MÝnchen
chen noch hat umgekehrt der NÈchste einen un- 1997, S.127 171
bedingten Vorrang vor dem Dritten und dem : Emmanuel L¹vinas, Denker des anderen, Freiburg /
MÝnchen 1992
Fernsten. Gerechtigkeit und NÈchstenliebe, das
P. Delhom, Der Dritte. L¹vinas’ Philosophie zwischen
Allgemeine und das Individuelle, korrigieren Verantwortung und Gerechtigkeit, MÝnchen 2000
sich gegenseitig; beide sind gleich notwendig, W. N. K.
ohne dass das eine auf das Andere reduziert
werden kÚnnte. Wir verstehen nun auch, dass
das Allgemeine, wenn es seine Herkunft aus der Locke, John (1632–1704): Geboren am 29. 8.
Liebe verleugnet, den Charakter einer TotalitÈt in Wrington, Somerset; gestorben am 28.10. in
annehmen kann, die den Einzelnen ignoriert. Oates, Essex: Locke wird gemeinhin (nehmen
Dies geschieht immer dann, wenn die Ontologie wir die Epoche) als einer der bedeutendsten
sich als erste Philosophie gebÈrdet, ihren Ur- Denker der AufklÈrung (%A Neuzeit – AufklÈ-
sprung in der %Ethik verleugnet und damit den rung) bezeichnet, dessen Lehre (beziehen wir
Einzelnen tendenziell vernichtet. War L¹vinas uns auf seine Position) als Ausgangspunkt des
ausgegangen von der Zweideutigkeit der AufklÈ- neuzeitlichen %Empirismus bzw. %Sensualis-
rung (%A Neuzeit – AufklÈrung), die dem Indi- mus gilt. Diese klassische EinschÈtzung hÈlt je-
viduum zwar Befreiung verheißt, es aber zu- doch der differenzierten Quellenanalyse der heu-
gleich mit %Entfremdung und Nichtigkeit be- tigen Forschung nur bedingt stand. Die Existenz
droht, sodass der europÈische %Rationalismus so verschiedenartiger PersÚnlichkeiten wie La
immer in der Versuchung des RÝckfalls in das Mettrie und Herder, Marquis de Sade und Locke
mythische Sein war, so vermag L¹vinas’ Philoso- im Zeitalter der AufklÈrung hat zu der These ge-
phie diese Zweideutigkeit nun zu erklÈren: So- fÝhrt, dass der ihnen gemeinsame Nenner in
lange der Rationalismus sich selbst absolut der AblÚsung des traditionellen metaphysischen
setzt, ist er nur das Gegenbild des mythischen Begriffs der %Substanz durch den der %Funk-
Denkens und lÈuft Gefahr, in es umzukippen. tion besteht. Der Wandel von der Vorstellung
Erst ein Rationalismus, der sich seiner ethi- des %Geistes als einer unverÈnderlichen %Enti-
schen Voraussetzungen erinnert, ist vor dem tÈt zu der einer genetisch zu begreifenden Akti-
RÝckfall in sein Gegenteil gefeit; denn er er- vitÈt betrifft nicht nur die AuflÚsung des Intel-
kennt, dass SubjektivitÈt ihrem Ursprung nach lekts, sondern die gesamte VermÚgenshierar-
Entfremdung ist; er betreibt die Entfaltung der chie: der Abwertung des Seelischen entspricht
Ratio und des Allgemeinen, die Entwicklung eine Aufwertung des KÚrperlichen. Die dadurch
dessen, was L¹vinas das Politische nennt, nicht mÚglich gewordenen Verflechtungen von empiri-
zum Zwecke der Selbsterhaltung, des conatus es- schen und rationalistischen Theorieanteilen ha-
154 Locke, John

ben Auswirkungen auf die theoretische und die ven %Prinzipien, mit der Locke die Ýber %Hob-
praktische Philosophie. bes und Gassendi begrifflich vermittelte Kritik
FÝr die TragfÈhigkeit dieser Àberlegungen ist an %Descartes fortfÝhrt. Die Lehre von angebo-
Locke ein bestechendes Beispiel, der schon auf renen Ideen (%ideae innatae), die im Àbrigen
der biografischen Seite eine ›gelebte‹ Einheit von die ZwiespÈltigkeit von Descartes’ eigenem
%Theorie und %Praxis verkÚrpert: Sein weit ge- %Rationalismus offen legt, hat ihre UrsprÝnge
spanntes Studium (Logik, Sprachen, Metaphy- bereits in der Antike und wurde in der %Re-
sik), sein großes Interesse an Fragen der Chemie naissance (A) aktualisiert. Das rationale Element
und Medizin, seine umfangreichen TÈtigkeiten in Lockes Empirismus kommt hier in der Span-
als Dozent, Schriftsteller, Arzt, Erzieher, Politiker ne zwischen einem Empirismus der %Ideen und
und GeschÈftsmann fanden ihren Niederschlag einem der Aussagen zum Vorschein. Jener ent-
in einer Publikationsbreite, die sich von der hÈlt die These, dass alle unsere Ideen aus der
Theologie und Philosophie Ýber den Weinbau bis %Erfahrung stammen; gleichgÝltig, ob sie theo-
zur Finanzpolitik erstreckt. Aber erst die begrif- retischen oder moralischen Ursprungs sind: Der
fene Einheit von Theorie und Praxis, die Locke Geist gleicht bei seiner Geburt einem unbe-
im aristotelischen Sinne versteht, ist es, die Lo- schriebenen Blatt; erst durch Erfahrung kann er
ckes philosophischen Rang legitimiert. Seine er- Ideen enthalten. Diese selbst liefert aber ledig-
kenntnistheoretische Hauptschrift Essay Concer- lich das Material fÝr das %Denken, das entwe-
ning Human Understanding (1690) ist nicht nur der als Produkt Èußerer Wahrnehmung (sensati-
in dieser Kategorie sein wirkungsmÈchtigstes on) oder innerer Beobachtung geistiger Operatio-
Werk: Auf ihr fußt auch seine moralische, d. h. nen (reflection) auftritt. Die Ideen der sensation
vor allem seine politische Philosophie. stellen den weitaus grÚßten Anteil; zu jenen ge-
Diese Einreihung jedoch darf nicht missver- hÚren Ideen wie Erkennen, Wahrnehmen, Glau-
standen werden, wofÝr schon spricht, dass sich ben oder Wollen. Weil nicht die Wahrnehmung,
Locke lieber als philanthropus (Menschenfreund) sondern der %Verstand die logischen Beziehun-
denn als ›moderner Aristoteles‹ bezeichnen las- gen zwischen den verschiedenen Sinneserfah-
sen wollte. Von der Sache her gesprochen: Auch rungen herstellen kann, ist Lockes Empirismus
wenn die Geltung der praktischen Philosophie der Ideen mit einem Rationalismus der Erkennt-
in der (erkenntnis-)theoretischen fundiert ist, nis verknÝpft, und der erwÈhnte Empirismus
gilt dies nicht fÝr ihre Genese. Der Anstoß zur der Aussagen kommt hier ins Spiel, weil er die
%Erkenntnistheorie liegt im praktisch begrÝn- behauptete LegitimitÈt einer Erkenntnis auf eine
deten Interesse: Was fÝr uns von Nutzen sein frÝhere Wahrnehmung zurÝckfÝhrt.
kann, was wir mit Aussicht auf Erfolg unterneh- Von den zahlreichen Einzelstudien des Essay
men kÚnnen. Deshalb ist das grundlegende Mo- sollen nur zwei erwÈhnt werden, die einen be-
tiv des Essay nicht die LÚsung der Aufgabe, wie sonders großen Einfluss auf die Philosophie-
wir mÚglichst alle Dinge dieser Welt begreifen geschichte verraten. Mit der Àberzeugung, dass
kÚnnen, sondern lediglich diejenigen, die unser Erkenntnistheorie notwendig %Sprachphiloso-
mÚgliches Verhalten angehen: Unser Geist erhÈlt phie im Sinne von Sprachkritik zu sein habe,
seine ureigene Funktion fÝr unsere %Handlun- weil unbestimmt oder falsch verwendete %Be-
gen. An der Existenz %Gottes zweifelt Locke griffe die Philosophen dazu verfÝhren, die
nicht, weil wir es schließlich ihm zu verdanken Macht langer Gewohnheit fÝr Gelehrsamkeit zu
haben, dass der Weg zu einer besseren Lebens- halten und mit wahrer Erkenntnis zu verwech-
fÝhrung in den Bereich unserer Erkenntnis ge- seln, hat Locke den zentralen Ansatz der sprach-
stellt wurde. Vor dieser Folie befasst sich Lockes analytischen Philosophie des 20. Jhs. und mit
Hauptwerk mit der Unterscheidung von Ur- der These von der Zeichenhaftigkeit der %Spra-
sprung, %Gewissheit und Umfang der mensch- che das GerÝst der %Semiotik vorweggenom-
lichen %Erkenntnis. men. Diese Wirkung auf das moderne Denken
Die Verbindung von empirischen und rationa- gilt auch fÝr Lockes Untersuchung des Begriffs
len Elementen wird deutlich in der ersten Ein- der %QualitÈt. WÈhrend eine QualitÈt allgemein
zelanalyse des Essay, der Auseinandersetzung die Kraft eines Gegenstandes definiert, eine Idee
mit der Lehre von den angeborenen spekulati- in unserem Geist zu erzeugen, sind primÈre
Locke, John 155

QualitÈten (Ausdehnung, Gestalt, Zahl) Eigen- wird explizit die Judikative als dritte Gewalt in
schaften, die den KÚrpern unmittelbar selbst zu- die politische Philosophie eingefÝhrt), welche
gesprochen werden, welche in uns jene eben- Locke empfiehlt, soll zur Vermeidung von Kon-
bildlichen einfachen Ideen erzeugen. SekundÈre flikten beitragen.
QualitÈten (Farbe, Geschmack) hingegen sind le- Die Entscheidung Ýber die endgÝltige politi-
diglich Dispositionen zu Wirkungen, die keine sche Form eines Gemeinwesens beruht fÝr
klare und deutliche Erkenntnis zulassen. Locke auf einer Mehrheitsentscheidung der BÝr-
Der sinnliche Quell unseres Wissens und sei- ger. Greift der von ihnen gewÈhlte Herrscher wi-
ne aus diesem Grunde notwendige BeschrÈnkt- dergesetzlich in die das Gemeinwesen zusam-
heit ist der Leitfaden, der auch Lockes prakti- menhaltende Legislative ein, fehlt eine oberste
sche Philosophie durchzieht. Anlass zum Berufungsinstanz. Das natÝrliche Widerstands-
%Skeptizismus ist gleichwohl nicht gegeben, da recht lebt auf, weil das ursprÝngliche Verbre-
wir durchaus Einsicht in die richtigen Handlun- chen in jener widerrechtlichen AufkÝndigung
gen erlangen kÚnnen, wozu uns Erziehung ver- der bÝrgerlichen Ordnung, die Staatszweck ist,
hilft (Some Thoughts Concerning Education, 1693; liegt. Von seinem VorgÈnger Hobbes grenzt sich
Of the Conduct of the Understanding, 1706). Als diese Konstruktion deshalb ab, weil bei ihm kei-
sittliche Erziehung ist unser Lernen EinÝbung ne Rechtsbeziehungen zwischen den Individuen
in menschliches Verhalten, Verabschiedung von und dem Herrscher bestehen, die ein Recht auf
Vorurteilen, Konzentration auf Prinzipien anstatt Widerstand legitimierten; auch bei Lockes Nach-
auf Sachen, auf abgewogene %Urteile und nicht folger Rousseau werden im Gesellschaftsvertrag
auf Leidenschaften. alle natÝrlichen Rechte aufgegeben.
Der durch Erziehung beeinflussbaren Ent- Lockes Nachwirkungen in der %politischen
wicklung individueller %Vernunft korrespon- Philosophie werden am augenfÈlligsten an dem
diert der Àbergang vom %Naturzustand zum Vorwurf, der an Thomas Jefferson gerichtet wur-
%Gesellschaftsvertrag. Anders als in Hobbes’ de und besagt, er habe in der nordamerikani-
bellum omnium contra omnes ist Lockes Urzu- schen UnabhÈngigkeitserklÈrung von 1776 und
stand ursprÝnglich als friedlich konzipiert; freie, Verfassung von 1789 Locke schlichtweg plagi-
gleiche und Eigentum besitzende Individuen or- iert. Schlegel hingegen nannte Locke einen »Vor-
ganisieren sich jedoch politisch (Two Treatises of Rousseau«. Was die theoretische Philosophie an-
Government;1690), weil Habgier und Konkurrenz geht, hat Locke in der angelsÈchsischen Welt –
diesen Frieden bedrohen. Wichtigstes Motiv so- stÈrker als %Berkeley oder %Hume – den Be-
wohl des Vertragsschlusses als auch des Staats- griffsapparat und Richtungen wie die erwÈhnte
zwecks ist der Schutz des persÚnlichen Eigen- %analytische Philosophie und den logischen
tums unter gesetzlichen Regelungen. Empirismus beeinflusst; in Frankreich hat %Vol-
Dies bedeutet jedoch nicht, dass der bÝrgerli- taire Lockes Gedanken zum Durchbruch verhol-
che %Staat das in ihn eingebrachte Eigentum fen, die in Condillacs Sensualismus dann ihren
neu verteilt. Weil privates Eigentum durch %Ar- differenzierten Niederschlag gefunden haben. In
beit am eigenen Leibe erworben wird, bedarf Deutschland sind hauptsÈchlich Thomasius,
seine Aneignung weder der Erlaubnis durch an- Wolff, %Kant und %Husserl zu erwÈhnen, deren
dere noch der Zuteilung des Staates. In Lockes Deutungen der Erkenntnislehre Lockes als Phy-
liberalistischem Konzept hat er lediglich Gesetze siologie (Kant) bzw. Psychologismus (Husserl)
zum Schutz des %Eigentums zu erlassen, durch jedoch den Blick auf ihre fruchtbaren rationalis-
welche die Rahmenbedingungen fÝr den Tausch- tischen AnsÈtze verstellen.
handel verbessert werden. Dieser ermÚglicht Ei-
gentumsdifferenzen, die aber letztlich dem R. Specht, John Locke, MÝnchen 1989
Wohlstand aller zugute kommen. Die bÝrgerliche Th. Schneider, John Locke, in: Metzler Philosophen Le
Gewalt ersetzt ferner das natÝrliche Recht zur xikon. Hg. von B. Lutz, 2. Aufl. Stuttgart / Weimar
1995, S. 512 517
Selbstjustiz; sie darf Ýber Krieg und Frieden ent-
R. Woolhouse, John Locke, in: The Oxford companion to
scheiden und den BÝrgern exekutive %Pflichten philosophy. Hg. von T. Hondrich, Oxford, New York
auferlegen – die Gewaltenteilung zwischen Exe- 1995, S. 493 496
kutive und Legislative (erst bei Montesquieu J. C.
156 Marx, Karl

Marx, Karl (1818–1883): Marx wurde am 5. 5. zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts bekannt
in Trier geboren und ist am 14. 3. in London ge- geworden sind.
storben. Die GrundzÝge seiner Philosophie las- In seiner eigentlichen TÈtigkeit, in der der
sen sich in Verbindung mit drei Namen darstel- Mensch sich und seine Welt produziert, in der
len: %Hegel, Feuerbach und Engels. Von Hegel %Arbeit, ist der Mensch entfremdet. Die Entfrem-
hatte Marx gelernt, dass der %Mensch ein ge- dung zeigt sich in seinem VerhÈltnis zur %Natur,
schichtliches Wesen ist. Seine %Geschichte ist im VerhÈltnis zur Arbeit als seiner wesentlichen
die Geschichte der Produktion seines Wesens, TÈtigkeit und zum Produkt dieser Arbeit und
das sich in Hegels Philosophie durch die Arbeit schließlich in seinem VerhÈltnis zur mensch-
des %Begriffs hervorbringt. FÝr Ludwig Feuer- lichen Gattung und zu seinem Mitmenschen.
bach zeigt sich im Hinblick auf Hegel, dass ge- »Die Natur ist der unorganische Leib des
rade der vollendete Begriff die %Entfremdung Menschen, nÈmlich die Natur, soweit sie nicht
des Menschenwesens ist: »So entÈußert und ent- selbst menschlicher KÚrper ist. Der Mensch lebt
fremdet die absolute Philosophie dem Menschen von der Natur, heißt: Die Natur ist sein Leib, mit
sein eigenes Wesen, seine eigene TÈtigkeit!« Das dem er in bestÈndigem Prozess bleiben muss,
wahre Wesen des Menschen hingegen ist das um nicht zu sterben. Dass das physische und
sinnliche Wesen. Friedrich Engels, der Barmer geistige Leben des Menschen mit der Natur zu-
Fabrikantensohn und scharfsinnige Beobachter sammenhÈngt, hat keinen anderen Sinn, als
und Kritiker des FrÝhkapitalismus, fÝhrt Marx dass die Natur mit sich selbst zusammenhÈngt,
sowohl theoretisch wie auch praktisch in das denn der Mensch ist ein Teil der Natur.« In der
Zentrum der Sache ein, die er zur Unterschei- industriellen Produktion wird die Natur nicht
dung bringen sollte, nÈmlich in die ³konomie mehr bearbeitet, vielmehr wird die Natur aus-
des Kapitalismus. gebeutet und als Rohstoff verarbeitet. Die Arbeit
In respektvoller aber kritischer Auseinander- ist so von der Natur als seinem anorganischen
setzung mit Hegel stellt Marx die Entfremdung Leib entfremdet. Der Arbeiter ist aber noch in
des Menschen in der Entfremdung der %Religi- anderer Weise der Natur entfremdet, denn in
on, des %Rechts und der %Politik dar. »Die Kri- dem Maße, als er sie durch seine Arbeit ausbeu-
tik der Religion«, fÝhrt er in der Einleitung Zur tet, vernichtet er sein Lebensmittel, das dadurch
Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie aus, »ist aufhÚrt, »Mittel fÝr die physische Subsistenz des
im Wesentlichen beendet, und die Kritik der Re- Arbeiters zu sein«.
ligion ist die Voraussetzung aller Kritik.« An an- Auch dem Produkt seiner Arbeit ist der Arbei-
derer Stelle heißt es: »Das religiÚse Elend ist in ter entfremdet, denn die »Arbeit produziert
einem der Ausdruck des wirklichen Elends und Wunderwerke fÝr die Reichen, aber sie pro-
in einem die Protestation gegen das wirkliche duziert EntblÚßung fÝr den Arbeiter«. »Die Ent-
Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrÈng- fremdung des Arbeiters in seinem Gegenstand
ten Kreatur, das GemÝt einer herzlosen Welt, drÝckt sich . . . darin aus, dass, je mehr der Ar-
wie sie der Geist geistloser ZustÈnde ist. Sie ist beiter produziert, er umso weniger zu konsumie-
das Opium des Volks. Die Aufhebung der Religi- ren hat, dass je mehr Werte er schafft, er um so
on als des illusorischen GlÝcks des Volkes ist wertloser, umso unwÝrdiger wird, dass, je ge-
die Forderung seines wirklichen GlÝcks.« Nach- formter sein Produkt, umso missfÚrmiger der
dem die Entfremdung zwischen irdischem Men- Arbeiter . . . wird.«
schen und jenseitiger Religion, zwischen dem Die Arbeit als TÈtigkeit bleibt dem Arbeiter
privaten BÝrger und dem StaatsbÝrger oder an- Èußerlich. Er befriedigt in ihr nicht ein BedÝrf-
ders gesagt, zwischen dem konkreten BÝrger nis, sondern er leistet sie, um ein BedÝrfnis au-
und dem abstrakten Staat, aufgedeckt ist, muss ßer ihr (die Subsistenz seines physischen Le-
die Entfremdung in ihrer konkreten gesellschaft- bens) zu befriedigen. Die Entfremdung zwischen
lichen, d. h. Úkonomischen Wirklichkeit freige- dem Arbeiter und seiner Arbeit tritt vor allem
legt werden. Das geschieht in den AufsÈtzen dadurch zutage, dass in der industriellen Arbeit
bzw. Fragmenten, die unter dem Namen ³ko- nicht der Arbeiter, sondern nur seine Arbeits-
nomisch-Philosophische Manuskripte von Marx kraft gefragt ist. Der Arbeiter verkauft seine Ar-
1844 in Paris geschrieben, aber erst in den beitskraft als Ware.
Marx, Karl 157

Die Welt der Gattung Mensch ist die durch Diese 11. Feuerbachthese erÚffnet ein Pro-
die Arbeit produzierte Welt. In dieser Welt ist blem, das fÝr jede Geschichtsphilosophie einer-
der Mensch seiner Gattung und dann seinem seits und jede politische Theorie andererseits
Mitmenschen entfremdet, weil sein VerhÈltnis bestimmend geblieben ist. In der allgemeinsten
zur Gattung und zum Mitmenschen durch das Formulierung ist es das rational scheinbar un-
entfremdete VerhÈltnis zu seiner Arbeit be- lÚsbare VerhÈltnis von %Theorie und %Praxis.
stimmt ist. Der vollendete Ausdruck der Ent- Hegel hatte schon behauptet, dass das Zusam-
fremdung liegt jedoch im Wesen des Geldes. menwirken vieler auf falsche Interessen gerich-
»Das Geld, indem es die Eigenschaft besitzt, al- teter Einzelwillen dennoch das VernÝnftige als
les zu kaufen, indem es die Eigenschaft besitzt, das Wahre bewirke. Dieses Thema ist unter dem
alle GegenstÈnde sich anzueignen, ist also der hegelschen Titel »List der Vernunft« bekannt ge-
Gegenstand in eminentem Besitz. Die Universali- worden. (Die alte religiÚse Formel dafÝr hieß:
tÈt seiner Eigenschaft ist die Allmacht seines Gott schreibt gerade auch auf krummen Zeilen.)
Wesens; es gilt daher als allmÈchtiges Wesen.« Bei Marx hat dieses Dilemma zwei Seiten, eine
Das gilt insbesondere, wie noch zu zeigen ist, philosophische und eine biographische. Die phi-
fÝr das Geld, insofern es ›Kapital‹ ist. losophische lÈsst sich mit der Frage ausdrÝcken:
Feuerbach hat den Menschen als rein sinn- Wie kann »die UmwÈlzung der Produktionsver-
liches Wesen erklÈrt und die Philosophie des hÈltnisse als ein vom Gang der Geschichte Er-
%Idealismus als die Entfremdung des Menschen- zwungenes und dennoch als ein nur durch eine
wesens dargestellt. 1844 schreibt Marx: »Von Feu- von der Geschlossenheit des Systems qualitativ
erbach datiert erst die positive humanistische verschiedene Aktion HerbeizufÝhrendes«
und naturalistische Kritik.« Doch schon ein Jahr (%Adorno) gedacht werden? Wenn die Geschich-
spÈter unterzieht er Feuerbach einer scharfen te der ProduktionsverhÈltnisse ihren notwendi-
Kritik. Denn fÝr Feuerbach wie fÝr alle anderen gen Gang nimmt, warum bedarf sie dann des re-
deutschen Philosophen, mit denen sich Marx in volutionÈren Handelns der unterdrÝckten Klas-
Die Deutsche Ideologie auseinandersetzt, bleibt se? Biographisch zeigt dieser Widerspruch (von
die Philosophie Theorie, die das Wesen des Men- allen individuellen Charaktermerkmalen abge-
schen objektiv betrachtet. Das betrachtende %Be- sehen) dann, dass die theoretische Einsicht
wusstsein ist jedoch kein von der materiellen Pro- Marx nicht vor politisch-praktischen Fehlein-
duktion des Menschen unabhÈngiges Bewusst- schÈtzungen der Situation vor allem der Jahre
sein. »Die Frage, ob dem menschlichen Denken von 1847–49 bewahrte. Wer indessen auf diesen
gegenstÈndliche Wahrheit zukomme, ist (daher) MissverhÈltnissen eine Kritik des marxschen
keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Denkens grÝndet, hat die Dialektik von Theorie
Frage.« FÝr Marx ist die feuerbachsche Kritik der und Praxis nicht begriffen. Wenn Marx an der
religiÚsen Entfremdung unzureichend. Feuerbach hegelschen Philosophie kritisiert, dass in ihr die
fÝhrt die Entstehung der ›religiÚsen Welt‹ auf die Sachen der Logik gehorchen mÝssen, so gilt fÝr
Projektionen unbefriedigter BedÝrfnisse des sinn- die marxsche Theorie gerade, dass die bzw. eine
lichen Menschen zurÝck, ohne den realen ge- Analyse der Ursachen der UnterdrÝckung nicht
schichtlichen Grund fÝr die Zerrissenheit des frei sein kann von den WidersprÝchen ihres Ge-
sinnlichen Menschen aufgezeigt zu haben. »Aber genstandes. Das VerhÈngnisvollste, das daher
dass die weltliche Grundlage sich von sich selbst dem marxschen Denken widerfahren ist, liegt
abhebt und sich ein selbststÈndiges Reich in den darin, dass es als Dogmatik missbraucht wurde.
Wolken fixiert, ist nur aus der Selbstzerrissenheit Das hier angesprochene Dilemma Èußert sich
und dem sich Selbstwidersprechen dieser welt- auch aktuell in dem MissverstÈndnis, das bÝr-
lichen Grundlage zu erklÈren.« Die Thesen Ýber gerlichen Theorien der Industriegesellschaft zu
Feuerbach, in denen der Gegensatz zwischen dem Grunde liegt: Aus der nicht zu leugnenden Tat-
alten ›theoretischen‹ und dem neuen ›prakti- sache, dass die Arbeiterschaft in der gegenwÈrti-
schen‹ Materialismus zum Ausdruck kommt gip- gen Industriegesellschaft kein Klassenbewusst-
felt in der berÝhmten 11. These: »Die Philosophen sein hat, wird der Schluss gezogen, dass die
haben die Welt nur verschieden interpretiert; es marxsche Klassengesellschaft Ýberwunden und
kÚmmt darauf an, sie zu verÈndern.« so die marxsche Philosophie insgesamt obsolet
158 Marx, Karl

geworden wÈre. Bei Marx wird die Arbeiterklas- kraft geschaffenen Arbeitsprodukte hÚher liegt
se jedoch nicht durch ihr Klassenbewusstsein als der Arbeitslohn, den der Arbeiter fÝr die
bestimmt, sondern durch ihre Stellung innerhalb Subsistenz und Reproduktion seiner Arbeitskraft
der ProduktionsverhÈltnisse. Wenn auch die Ver- erhÈlt, schafft die Arbeitskraft fortwÈhrend
elendung des Proletariats (bis heute) in der von ›Mehrwert‹. Im strengen Sinn wird Geld erst
Marx vorausgesagten Weise nicht eingetreten dann zu ›Kapital‹, wenn damit mehrwertschaf-
ist, so wird man kaum sagen kÚnnen, dass Un- fende Arbeitskraft gekauft wird (variables Kapi-
freiheit und UnterdrÝckung in der ›modernen tal).
Industriegesellschaft‹ aufgehoben wÈren. Das Geld bekommt nun ein anderes Wesen,
In seinem Hauptwerk Das Kapital stellt Marx ein anderes Ziel. War Geld zuvor TauschÈquiva-
zunÈchst die Entstehungsgeschichte der proleta- lent fÝr den Tausch von Arbeitsprodukten, so
rischen Arbeiterklasse dar. Jedes Arbeitsprodukt liegt das immanente Ziel des Kapitals nicht im
wird schon auf einer sehr frÝhen Stufe der Úko- Erwerb von Waren, sondern in der Vermehrung
nomischen Entwicklungsgeschichte zur Ware. Es des Kapitals. Die »historischen Existenzbedin-
hat nunmehr nicht nur einen Gebrauchswert, gungen (des Kapitals) sind (daher) durchaus
sondern auch einen Tauschwert. Im Austausch nicht da mit der Waren- und Geldzirkulation. Es
der Waren wird der gesellschaftliche Charakter entsteht nur, wo der Besitzer von Produktions-
der Arbeit sichtbar. »Indem (die Menschen) ihre und Lebensmitteln den freien Arbeiter als Ver-
verschiedenartigen Produkte einander im Aus- kÈufer seiner Arbeitskraft auf dem Markt vorfin-
tausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre det, und diese eine historischen Bedingung um-
verschiedenen Arbeiten einander als mensch- schließt eine Weltgeschichte.«
liche Arbeit gleich. Sie wissen das nicht, aber Marx begnÝgt sich indessen nicht mit der
sie tun es. . . . Der Wert verwandelt jedes Ar- Darstellung der Entstehungsgeschichte der pro-
beitsprodukt in eine gesellschaftliche Hierogly- letarischen und der kapitalistischen Klasse und
phe.« FÝr die spÈtere kapitalistische Entwick- der Aufdeckung ihrer Prinzipien. Vielmehr zeigt
lung ist festzuhalten, dass der Tauschwert nicht er ebenfalls auf, warum die Epoche des Kapita-
additiv zum Gebrauchswert hinzukommt. Viel- lismus notwendig zu Grunde gehen muss. Mit
mehr wird der Tauschwert gerade als »Nicht-Ge- dem Kapitalismus, der die letzte Epoche von
brauchswert, als die unmittelbaren BedÝrfnisse Entfremdung und UnterdrÝckung ist, geht zu-
seines Besitzers Ýberschießendes Quantum von gleich alle bisherige Geschichte zu Grunde. Der
Gebrauchswert« bestimmt. Erst unter Absehung Kapitalismus geht zu Grunde an seinen inneren
vom Gebrauchswert der Ware kann als Tausch- WidersprÝchen. Sein immanentes Ziel ist die
Èquivalent das Geld in Funktion treten. Aus der Vermehrung des Kapitals durch die Schaffung
Zirkulation Ware – Geld – Ware ergeben sich je- von Mehrwert. Nun kann nicht jedes neue Kapi-
doch keine Úkonomischen Bedingungen fÝr die tal zum Kauf von Mehrwert schaffender Arbeits-
Entstehung einer unterdrÝckten gesellschaftli- kraft verwandt werden. Nutzungsdauer und
chen Klasse. Denn selbst wenn Ware billig ein- LeistungsvermÚgen menschlicher Arbeitskraft
gekauft und teuer verkauft wird, kann keine ge- sind begrenzt. Will ein Unternehmer seinen
sellschaftliche Klasse entstehen, weil jeder Ver- Konkurrenten ÝberflÝgeln, so muss er, um seine
kÈufer zugleich auch KÈufer ist, die Verkaufs- Ware kostengÝnstiger produzieren zu kÚnnen,
gewinne niemals absolut einseitig verteilt sind einen Teil des Kapitals (konstantes Kapital) in
und der Gesamtwert der Waren letztlich gleich leistungsfÈhigere Produktionsanlagen stecken.
bleibt. Eine gesellschaftliche Klasse kann nur Gleichzeitig muss er stÈndig bemÝht sein, die
unter solchen Úkonomischen Bedingungen ent- ProduktionsablÈufe zu optimieren. Sowohl die
stehen, in denen VerkÈufer eine Ware verkaufen, fortschreitende technische Verbesserung der
die beim KÈufer einen Wertzuwachs schafft, von Produktionsmittel als auch die Optimierung ih-
dem der VerkÈufer ausgeschlossen bleibt. Die rer Ausnutzung haben jedoch immer umfangrei-
Úkonomische Bedingung dafÝr ist, dass die wert- chere ›Freisetzungen‹ von menschlicher Arbeits-
schaffende Arbeitskraft zur Ware wird. Die Ar- kraft zur Folge. Diese Entwicklung wird aus-
beitskraft ist die einzige Ware, die neue Werte gedrÝckt in dem Gesetz des tendenziellen Falls
schafft. Da der Gewinn der durch die Arbeits- der Profitrate. »Da die Masse der angewandten
Mill, John Stuart 159

lebendigen Arbeit stets abnimmt im VerhÈltnis erkennen, dass in seinem Werk nicht nur
zu der Masse der von ihr in Bewegung gesetzten fruchtbare Fragestellungen fÝr volkwirtschaft-
vergegenstÈndlichten Arbeit, der produktiv kon- liche Theorien zu finden sind, sondern dass
sumierten Produktionsmittel, so muss auch der durch seine Philosophie die Frage nach der Be-
Teil dieser lebendigen Arbeit, der unbezahlt ist stimmung des Menschen im Ganzen, nach dem
und sich in Mehrwert vergegenstÈndlicht, in ei- Sinn seiner Arbeit, nach der Freiheit seines
nem stets abnehmenden VerhÈltnis stehen zum Schaffens, nach seinem gemeinschaftlichen
Wertumfang des angewandten Gesamtkapitals. GlÝck gestellt ist.
Dieses VerhÈltnis der Mehrwertmasse zum Wert
E. Braun, Aufhebung der Philosophie, Stuttgart 1992
des angewandten Gesamtkapitals bildet aber die
St. Engels, Àber die AktualitÈt der Lehren von Karl
Profitrate, die daher bestÈndig fallen muss.« Der Marx, Essen 1994
bei fallender Profitrate stÈndig wachsende Kon- H. F. B.
kurrenzdruck fÝhrt zu einer immer grÚßeren
Akkumulation von Kapital (die Àbernahme klei-
nerer Produktionseinheiten durch immer grÚße-
re fÝhrt zur Expropriation der Expropriateure). Mill, John Stuart (1806–1873): Geboren am
Auf der anderen Seite fÝhrt die immer umfang- 20. 5. in London, gestorben am 3. 5. in Avignon.
reichere Freisetzung lebendiger Arbeitskraft Mill war einer der vielseitigsten Denker des 19.
schließlich zur Verelendung der Arbeiterklasse. Jhs., dessen Arbeiten zur theoretischen und
Die Revolution beendet die bisherige Geschichte praktischen Philosophie sowie zum politischen
und fÝhrt zum Beginn einer qualitativ neuen %Liberalismus bereits zu seinen Lebzeiten gro-
Zukunft. Diese Zukunft, zu der alle bisherige ßen Einfluss gewonnen haben. Das Hauptpro-
Geschichte nur Vorgeschichte war, bedeutet die blem seiner theoretischen Philosophie ist das In-
Aufhebung der Entfremdung und konsequenter- duktionsproblem, das sich aus einem Methoden-
weise die Aufhebung jeder UnterdrÝckung. Pro- und einem BegrÝndungsproblem zusammen-
duktive Arbeit bleibt zwar notwendig, aber der setzt. Die zentrale Fragestellung seiner prakti-
Mensch verkauft seine Arbeitskraft nicht mehr schen Philosophie besteht in der Frage nach
als Ware, sondern er verfÝgt Ýber sie in freier, dem Kriterium, anhand dessen der moralische
schÚpferischer Weise. Die Menschen werden %Wert von %Handlungen und Handlungsregeln
nicht mehr durch unterschiedliche Beziehungen beurteilt werden muss. Die leitende Fragestel-
zu den ProduktionsverhÈltnissen bestimmt. Der lung seiner %politischen Philosophie liegt in
Besitz der Produktionsmittel ist gemeinschaft- der Frage nach der Grenze der rechtmÈßigen
lich und ebenso ist das VerhÈltnis zu den Pro- MachtausÝbung der %Gesellschaft Ýber das
dukten der Arbeit ein gemeinschaftliches, denn %Individuum.
sie werden nicht nur gemeinschaftlich her- Zur theoretischen Philosophie: Mill entwickelt
gestellt, sondern auch gemeinschaftlich genos- seine theoretische Philosophie hauptsÈchlich in
sen. Die menschliche Gesellschaft verwandelt seinem System der Logik (1843). Im Unterschied
sich in die menschliche Gemeinschaft, das heißt zum gegenwÈrtig gÈngigen LogikverstÈndnis,
in den Kommunismus. wonach zur formalen %Logik im engeren Sinne
Auch entschiedene Gegner des Marxismus be- nur Quantoren- und Junktorenlogik gehÚren, ver-
wundern an Marx, dass er »meisterhaft zu fra- steht Mill unter Logik eine »Logik der For-
gen verstand. . . . Von seinen Fragen leben wir schung«, zu der neben den Gesetzen der forma-
heute noch. Mit seiner genialen Fragestellung len Logik auch alle erkenntnis- und bedeutungs-
hat er der Úkonomischen Wissenschaft fÝr ein theoretischen sowie methodologischen Konzep-
Jahrhundert die Wege fruchtbarer Forschung ge- tionen gehÚren, die von den %Wissenschaften
wiesen. Alle SozialÚkonomen, die sich diese Fra- vorausgesetzt werden. Zudem fasst er Logik als
gestellungen nicht zu eigen zu machen wussten, %empirische Wissenschaft auf, die als Teildis-
waren zur Unfruchtbarkeit verdammt.« (Som- ziplin der Psychologie diejenigen Bewusstseins-
bart) prozesse untersucht, die beim Schließen stattfin-
Entscheidend fÝr die Auseinandersetzung mit den, und die auf der Grundlage solcher empiri-
dem Denken von Karl Marx bleibt jedoch anzu- scher Untersuchungen logische %Gesetze auf-
160 Mill, John Stuart

stellt. FÝr Mills Logikkonzeption ergibt sich da- prinzipiell nicht wissen, ob es Dinge an sich
raus die Anforderung, den prÈskriptiven Gel- gibt, die das Auftreten von SinneseindrÝcken
tungsanspruch logischer Gesetze auf der Grund- verursachen. Mit dieser Theorie behauptet Mill
lage empirischer Untersuchungen zu erklÈren. nicht, dass wir unsere Redeweise von Dingen
Von Mills bedeutungstheoretischen Konzeptio- und Eigenschaften aufgeben sollen, sondern
nen ist insbesondere seine Unterscheidung zwi- dass unser Reden Ýber sie im Grunde in nichts
schen der Denotation (Umfang) und der Kon- anderem als dem Sprechen Ýber SinneseindrÝ-
notation (Inhalt) von %Begriffen wichtig. Deno- cke und die Reihenfolge ihres Auftretens be-
tative Begriffe wie beispielsweise Eigennamen steht. Dinge sind danach MÚglichkeiten, be-
besitzen nur eine Denotation, aber keine Kon- stimmte SinneseindrÝcke zu haben.
notation. Das heißt, dass sie sich zwar auf Ob- Mill vertritt die empiristische Position, dass
jekte beziehen aber keinen Inhalt haben. Der Ei- alles %Wissen auf %Erfahrung beruht und dass
genname ›Richard‹ kann sich zum Beispiel auf es damit kein apriorisches Wissen geben kann.
eine bestimmte Person beziehen, aber mit der Diese These beruht auf seiner Konzeption induk-
Zuschreibung dieses Eigennamens erhalten wir tiven und deduktiven Schließens, wonach aus-
keine Information Ýber die Beschaffenheit der schließlich induktive SchlÝsse vom Besonderen
betreffenden Person. Im Unterschied dazu ver- auf das Allgemeine wirkliche %SchlÝsse sind,
fÝgen konnotative Begriffe wie zum Beispiel wÈhrend deduktive SchlÝsse vom Allgemeinen
%PrÈdikate sowohl Ýber eine Denotation als auf das Besondere lediglich scheinbare SchlÝsse
auch Ýber eine Konnotation, wobei gilt, dass die darstellen. Dieser Unterscheidung liegt das Kri-
Denotation durch die Konnotation festgelegt terium zugrunde, ob bei einem Typ von SchlÝs-
wird. Beispielsweise richtet sich die Denotation sen das Wissen von der Konklusion bereits im
des konnotativen Begriffs ›rot‹ in diesem Sinne Wissen von den PrÈmissen enthalten ist. Mill
nach dessen Konnotation, weil nur solche Objek- zufolge kÚnnen nur solche SchlÝsse als wirk-
te unter diesen Begriff fallen, die rot sind. Die liche SchlÝsse angesehen werden, die zu neuem
Bedeutung von %Aussagen lÈsst sich Mill zufol- Wissen fÝhren. Da dies nur auf induktive
ge unter Bezugnahme auf die Denotationen und SchlÝsse zutreffen soll, betrachtet er nur diese
Konnotationen derjenigen Begriffe bestimmen, als wirkliche SchlÝsse. Die empiristische Positi-
aus denen Aussagen zusammengesetzt sind. on, dass alles Wissen auf Erfahrung beruht, er-
Demnach richtet sich die %Bedeutung von Aus- gibt sich aus den beiden Annahmen, dass wirk-
sagen, die konnotative Begriffe enthalten, nach lichen Aussagen nur induktive SchlÝsse zugrun-
deren Konnotationen. Hingegen wird die Bedeu- de liegen kÚnnen, weil dies der einzige Typ
tung von Aussagen, die nur aus denotativen Be- wirklicher SchlÝsse ist, und dass %Induktionen
griffen zusammengesetzt sind, durch deren De- ihren Ausgang stets von der Erfahrung nehmen.
notationen bestimmt. Weiterhin differenziert Den Unterschied zwischen Naturwissenschaf-
Mill zwischen verbalen und wirklichen Aus- ten wie der Physik und Formalwissenschaften
sagen und behauptet, dass im Unterschied zu wie der Logik betrachtet Mill nicht als prinzi-
den verbalen Aussagen, bei denen es sich um pielle Differenz zwischen empirischen und nicht
Explikationen von %Definitionen handelt, allein empirischen Wissenschaften, von denen Letzte-
die wirklichen Aussagen empirischen Gehalt be- re allein auf Definitionen gestÝtztes Wissen in
sitzen und damit Aussagen Ýber Dinge und Ei- Anspruch nehmen. Statt dessen versteht er die-
genschaften sind. sen Unterschied als graduelle Differenz zwi-
Alle Aussagen Ýber Dinge und Eigenschaften schen empirischen Wissenschaften, die er als
sind Mill zufolge prinzipiell in Aussagen Ýber experimentelle und deduktive Wissenschaften
SinneseindrÝcke und deren Auftreten Ýbersetz- anhand des Kriteriums unterscheidet, ob und in
bar. Dieser These liegt Mills sensualistische welchem Umfang sie zur %ErklÈrung bislang
Theorie der »RelativitÈt des Wissens« zugrunde, nicht untersuchter PhÈnomene Experimente
wonach uns ausschließlich SinneseindrÝcke di- durchfÝhren mÝssen. Solche Wissenschaften,
rekt zugÈnglich sind und es daher nur Wissen die dafÝr Experimente benÚtigen, bezeichnet er
von PhÈnomenen im Sinne von SinneseindrÝ- als experimentelle Wissenschaften. Hingegen
cken geben kann. Hingegen kÚnnen wir danach nennt er die Wissenschaften deduktiv, die ErklÈ-
Mill, John Stuart 161

rungen fÝr neue PhÈnomene aus bereits vorlie- gen, die von zuverlÈssigen induktiven SchlÝssen
genden Theorien ableiten kÚnnen. Mill vertritt erfÝllt werden mÝssen.
damit die naturalistische Position, dass alle Wis- Zur praktischen Philosophie: Die Hauptschrift
senschaften empirisch sind und die Tendenz be- Mills praktischer Philosophie ist der Aufsatz Der
sitzen, sich im Zuge der Verbesserung ihrer Utilitarismus (1861), in dem er sein utilitaristi-
Theorien von experimentellen zu deduktiven sches »NÝtzlichkeitsprinzip« aufstellt, wonach
Wissenschaften zu entwickeln. Die Unterschei- sich der moralische Wert von Handlungen und
dung zwischen diesen Typen von Wissenschaf- Handlungsregeln nach deren Nutzen fÝr das
ten beschreibt daher keine prinzipielle Diffe- %GlÝck der von den Folgen der Handlungen
renz, sondern lediglich verschiedene Entwick- bzw. der Anwendung der Handlungsregeln be-
lungsstadien. troffenen Personen richtet. Mill versteht sein
Das fÝr Mills theoretische Philosophie zentra- NÝtzlichkeitsprinzip als »Maßstab fÝr Recht und
le Induktionsproblem besteht zum einen in der Unrecht« im moralischen Sinne, mit dem er die
Frage nach den Methoden, durch die induktive Beurteilung von Handlungen und Handlungs-
SchlÝsse angeleitet und ÝberprÝft werden mÝs- regeln davon abhÈngig macht, in welchem Maß
sen, damit sie im Allgemeinen zu wahren Kon- sie dazu beitragen, das kollektive GlÝck der be-
klusionen fÝhren. Da Mill die Auffassung ver- troffenen Personen zu realisieren. Dieses Prinzip
tritt, dass alle ErklÈrungen kausale ErklÈrungen setzt sich aus vier Teilprinzipien zusammen: 1.
sind, stellt er zur Beantwortung dieser Frage dem Konsequenzenprinzip: Handlungen und
Methoden auf, deren Funktion darin liegt, die Handlungsregeln werden nicht als solche, son-
induktive Suche nach kausalen Beziehungen zu dern hinsichtlich ihrer praktischen Folgen be-
kontrollieren. Zum anderen besteht Mills Induk- wertet; 2. dem Nutzenprinzip: fÝr die Beurtei-
tionsproblem darin, die Voraussetzungen seiner lung ihrer Folgen ist nur deren Nutzen relevant;
Methoden zu bestimmen und zu rechtfertigen. 3. dem hedonistischen Prinzip: diese Beurtei-
Seiner Theorie zufolge wird von allen Methoden lung bezieht sich allein auf den Nutzen, den
wesentlich die ontologische UniformitÈtsannah- Handlungen und Handlungsregeln fÝr das
me vorausgesetzt, dass sich alle PhÈnomene menschliche GlÝck besitzen; 4. dem universalis-
nach uniformen Kausalgesetzen ereignen. Zur tischen Prinzip: FÝr die Entscheidung des mora-
Rechtfertigung dieser UniformitÈtsannahme un- lischen %Wertes von Handlungen und Hand-
terscheidet Mill erstens zwischen zwei Typen in- lungsregeln sollen nicht allein die Folgen in Be-
duktiven Schließens: der methodisch kontrollier- tracht gezogen werden, die sich auf das GlÝck
ten wissenschaftlichen Induktion und der durch des handelnden %Subjektes beziehen. Vielmehr
keine Methoden kontrollierten aufzÈhlenden In- mÝssen die Folgen fÝr das GlÝck aller betroffe-
duktion. Zweitens argumentiert er dafÝr, dass nen Personen berÝcksichtigt werden. Das NÝtz-
die UniformitÈtsannahme nur von der wissen- lichkeitsprinzip hat zwei Funktionen. Erstens ist
schaftlichen, aber nicht von der aufzÈhlenden es ein Kriterium zur Auswahl von Handlungen
Induktion vorausgesetzt wird und dass daher und Handlungsregeln aus einer Reihe von Alter-
die Letztere zur zirkelfreien induktiven Rechtfer- nativen, wobei derjenigen Handlung oder Hand-
tigung der UniformitÈtsannahme in Anspruch lungsregel der Vorzug gegeben werden muss,
genommen werden kann. Indem Mill die aufzÈh- die den Nutzen fÝr das kollektive GlÝck der be-
lende Induktion als unproblematisches Verfah- troffenen Personen maximiert. Zweitens kÚnnen
ren voraussetzt, wird einerseits deutlich, dass er anhand dieses Kriteriums Handlungen und
in dem Sinne eine naturalistische Position ver- Handlungsregeln danach beurteilt werden, ob
tritt, dass er die MÚglichkeit radikaler %Skepsis sie das kollektive GlÝck befÚrdern und ob sie
an unserem ErkenntnisvermÚgen im Sinne daher moralisch positiv bewertet werden sollen
%Descartes’ ablehnt. Andererseits zeigt sich da- oder nicht. Das NÝtzlichkeitsprinzip wird damit
durch, dass es ihm nicht wie %Hume um die zur »Norm der Moral«. Das VerhÈltnis von NÝtz-
Frage geht, ob die allgemeine GÝltigkeit des in- lichkeit und %Gerechtigkeit wird von Mill in
duktiven Schließens gerechtfertigt werden kann. zwei Hinsichten untersucht. Zum einen argu-
Vielmehr setzt er diese bereits voraus und fragt mentiert er, dass alle nach gÈngigen Auffassun-
stattdessen nach den methodischen Bedingun- gen gerechten Handlungen und Handlungs-
162 Mill, John Stuart

regeln nÝtzlich sind, da ihnen das »wohlverstan- Auf dieser Grundlage argumentiert er dafÝr,
dene Eigeninteresse« handelnder Subjekte zu- dass fÝr den Einzelnen dessen eigenes GlÝck
grunde liegt, das kollektive GlÝck und damit und fÝr die Gesamtheit das kollektive GlÝck er-
auch ihr eigenes GlÝck zu befÚrdern. Zum ande- strebenswert ist. Wenn man diese %Argumenta-
ren macht er deutlich, dass nicht alle Handlun- tion als strikten Beweis der obigen These inter-
gen und Handlungsregeln, die fÝr das kollektive pretiert, dann trifft der von Moore erhobene Ein-
GlÝck nÝtzlich sind, nach herkÚmmlichen Vor- wand zu, dass Mill einen naturalistischen Fehl-
stellungen auch gerecht sind. Dies spricht laut schluss begeht, indem er die Geltung normativer
Mill aber nicht gegen das NÝtzlichkeitsprinzip, Aussagen unter Bezug auf deskriptive Aussagen
da es auch die kritische Funktion besitzt, den zu rechtfertigen versucht. BerÝcksichtigt man je-
Bereich moralischer Gerechtigkeit neu zu be- doch Mills Hinweise auf den lediglich plausibili-
stimmen. sierenden Charakter seiner Àberlegungen, dann
Mills naturalistische Konzeption von Wissen- liegt ein solcher Fehlschluss nicht vor.
schaft, wonach es nur empirische Wissenschaf- Zur politischen Philosophie: Im Mittelpunkt
ten geben kann, findet sich in seiner prakti- von Mills politischem Liberalismus, der von ihm
schen Philosophie wieder, die von ihm als empi- hauptsÈchlich in dem Aufsatz Àber die Freiheit
rische Theorie verstanden und zur induktiven (1859) entwickelt wird, steht das VerhÈltnis des
Schule der %Ethik gerechnet wird. Er lehnt des- Individuums zur Gesellschaft. Ausgangspunkt
halb apriorische Rechtfertigungen ethischer Nor- seiner Àberlegungen ist die These, dass sowohl
men ab und bemÝht sich stattdessen um eine die politischen als auch die moralischen Freihei-
BegrÝndung, die ausschließlich auf Erfahrung ten des Individuums insbesondere in Demokra-
Bezug nimmt. In Àbereinstimmung damit argu- tien der Gefahr ausgesetzt sind eingeschrÈnkt
mentiert Mill fÝr einen ethischen Naturalismus zu werden, weil diese im Unterschied zu ande-
in dem Sinne, dass er Wertbegriffe der %Moral ren Regierungsformen nicht nur die MÚglichkeit
durch deskriptive Begriffe definiert und norma- zur politischen UnterdrÝckung von Minderhei-
tive Aussagen der Moral durch deskriptive Aus- ten, sondern darÝber hinaus auch zur sozialen
sagen rechtfertigt. In Orientierung an diesen MachtausÝbung besitzen sollen. Um die politi-
methodologischen Vorgaben entwickelt er als schen und moralischen Freiheiten des Individu-
Grundlage seines NÝtzlichkeitsprinzips eine he- ums zu schÝtzen – zu denen er die Gewissens-
donistische Position, die sich erstens dadurch und Diskussionsfreiheit, die Freiheit der Lebens-
auszeichnet, dass der Begriff des GlÝcks durch fÝhrung und die Vereinigungsfreiheit zÈhlt –
den Begriff der Lust definiert wird. Dabei unter- und die Grenzen der rechtmÈßigen Machtaus-
scheidet sich Mills Ansatz von dem seines Vor- Ýbung der Gesellschaft Ýber das Individuum zu
gÈngers Bentham darin, dass Mill nicht nur bestimmen, stellt Mill das »Freiheitsprinzip« auf.
quantitative, sondern auch qualitative Differen- Danach dÝrfen die Freiheiten des Individuums
zen zwischen verschiedenen Typen von Lust be- nur unter der Bedingung eingeschrÈnkt werden,
schreibt, denen bei der Maximierung des kollek- dass dies zum Selbstschutz der Gesellschaft
tiven GlÝcks Rechnung getragen werden soll. bzw. zum Schutz anderer Personen erforderlich
Zweitens behauptet Mill, dass GlÝck im Sinne ist. Mill begrÝndet das Freiheitsprinzip unter
von Lust der einzige %Zweck ist, der um seiner Bezugnahme auf seinen Utilitarismus, indem er
selbst willen angestrebt wird, und dass alle an- dafÝr argumentiert, dass die genannten Freihei-
deren Handlungsziele nur Mittel zur Realisie- ten Bedingungen des gesellschaftlichen Fort-
rung dieses obersten Zwecks sind. Den Einwand, schritts und damit der allgemeinen Wohlfahrt
dass neben GlÝck auch andere Zwecke wie zum sind.
Beispiel Tugend oder Gesundheit um ihrer
selbst willen erstrebt werden, versucht Mill da- U. GÈhde / W. H. Schrader (Hg.), Der klassische Utilita
mit zu entkrÈften, dass er diese Zwecke als Be- rismus. EinflÝsse Entwicklungen Folgen, Berlin
1992
standteile des GlÝcks bestimmt. Die These, dass
O. HÚffe (Hg.), EinfÝhrung in die utilitaristische Ethik.
alles Streben im Grunde Streben nach GlÝck ist, Klassische und zeitgenÚssische Texte, TÝbingen
rechtfertigt er ausgehend von der Beobachtung, 1992
dass es Personen gibt, die nach GlÝck streben. P. Rinderle, John Stuart Mill, MÝnchen 2000
Nietzsche, Friedrich Wilhelm 163

R. Schumacher, John Stuart Mill, Frankfurt/M. / New dikalsten Dialektiker der AufklÈrung (%A Neu-
York 1994 zeit – AufklÈrung). Seine Stilmittel sind Frag-
J. Skorupski, John Stuart Mill, London / New York ment und Aphorismus. Daraus und aus der dem
1989
R. Sch.
Geist der Musik verpflichteten expressiven Spra-
che Nietzsches dÝrfte sich der Reiz seines Wer-
kes erklÈren. Er benutzt Sprache nicht als In-
Nietzsche, Friedrich Wilhelm (1844–1900): strument, sondern gebraucht sie als Akt der
Geboren am 15. 10. in RÚcken bei LÝtzen; von Vermittlung seiner ›Lehren‹. Wie bei Hamann,
1858 bis 1864 Gymnasium in Schulpforta; 1864 dem ersten Metakritiker der Kritik der reinen
bis 1867 Studium in Bonn und Leipzig; 1869 au- Vernunft, ist Nietzsches Werk Zeugnis einer ›Au-
ßerordentlicher, 1870 ordentlicher Professur fÝr torhandlung‹. Die vorgebrachten Lehren sind
klassische Philologie in Basel, Umgang mit deshalb von der Art ihres Erscheinens nicht zu
Burckhardt und Overbeck; seit 1869 enge Bezie- lÚsen und manches MissverstÈndnis entsteht
hung zu, 1878 Bruch mit Richard Wagner und durch ein buchstÈbliches VerstÈndnis von aus
Cosima von BÝlow; 1879 Niederlegung der Pro- ihrem meist polemischen Zusammenhang gelÚs-
fessur; am 3. Januar 1889 geistiger Zusammen- ten SÈtzen.
bruch in Turin, in Weimar am 25. August 1900 Grundlegend fÝr Nietzsches Werk und Phi-
gestorben. – Das in einem relativ kurzen Zeit- losophie ist die Geburt der TragÚdie aus dem
raum entstandene Werk Nietzsches lÈsst sich in Geiste der Musik. Die Geburt der TragÚdie ist die
drei Phasen gliedern. Die erste ist die der Geburt genealogische Deutung ihres Ursprungs in My-
der TragÚdie. Die UnzeitgemÈßen Betrachtungen, thos und Kultus. Nietzsche deutet mittels dieses
Menschliches, Allzumenschliches, MorgenrÚte und dionysischen PhÈnomens die TragÚdie als Aus-
die FrÚhliche Wissenschaft bilden den Àbergang druck und als jenen Akt »tragischer Erkennt-
zum Hauptwerk Zarathustra. Dem schließen sich nis«, in dem Dionysisches und Apollinisches zu-
in einer dritten Phase Jenseits von Gut und BÚse sammengehÚren. Es sind zwei Aspekte ein- und
als das Vorspiel einer Philosophie der Zukunft derselben kulturgeschichtlichen Entwicklung,
und in immer gedrÈngterer Folge Zur Genealogie die mit der dithyrambischer Begeisterung ent-
der Moral, Der Fall Wagner, die GÚtzen-DÈmme- wachsenden TragÚdie einsetzt. Die ›plastische‹
rung, Nietzsche contra Wagner, Ecce homo, Der Erscheinungsform (der schÚne Schein) des Apol-
Anti-Christ – die einzige realisierte Schrift des linischen und der ›musikalische‹ Grund des Dio-
Projekts einer »Umwertung aller Werte« – und nysischen sind weder zwei verschiedene Kunst-
die Dionysos-Dithyramben an. Begleitet wird formen, noch folgen sie in zeitlicher Hinsicht
Nietzsches Werk von 1869 bis 1889 von einer aufeinander. Sie gehÚren vielmehr wesentlich
Vielzahl von Aphorismen, die den philosophi- zusammen. Nietzsche erlÈutert das am Mythos
schen Nachlass bilden. Aus diesen Nachlass- von Dionysos-Zagreus, der aus seiner ZerstÝcke-
Fragmenten wurde zu Beginn des 20. Jhs. der lung und Zerrissenheit von Apollo wieder zu-
Wille zur Macht – fÝr Nietzsche selbst kein abge- sammengesetzt wird. Apollo (als VergÚttlichung
schlossenes Buch, sondern ein programmati- des principium individuationis) und Dionysos (als
sches Stichwort – kompiliert. Diese Kompilation Gott des Rausches, des Leidens und des Leiden-
ist beispiellos verfÈlschend. Aber sie hat die Re- kÚnnens, des Selbstverlustes) sind die beiden ei-
zeption Nietzsches nachhaltig beeinflusst. Erst nander bedingenden Momente dessen, was
seit dem Erscheinen der Kritischen Gesamtaus- Nietzsche als die eigentlich metaphysische TÈ-
gabe (1967 ff.) – und fÝr die breitere ³ffentlich- tigkeit des Menschen denkt. Nicht die %Moral,
keit seit dem Erscheinen der Kritischen Studien- d. h. die Bildung einer intelligiblen Hinterwelt,
ausgabe (1980) – liegt eine befriedigende Editi- sei die eigentlich metaphysische TÈtigkeit, son-
on der Nachlassfragmente und damit eine zuver- dern die %Kunst. Vor dem Hintergrund dieser
lÈssige philologische Basis fÝr die Auseinander- %Metaphysik der Kunst ist auch der zweideuti-
setzung mit Nietzsche vor. ge Satz zu verstehen, dass nur als Èsthetisches
Nietzsche, der sich als »letzten JÝnger des PhÈnomen das Dasein der Welt »ewig gerechtfer-
Philosophen Dionysos« bezeichnete, ist Seismo- tigt« ist – ein Satz, der zeigt, dass Nietzsches
graph und Kritiker seiner Zeit und einer der ra- Philosophie dem Denken und der Epoche des Ju-
164 Nietzsche, Friedrich Wilhelm

gendstils wesentlich angehÚrt. Die Geburt der wen‹, der gegen dieses niederdrÝckende Jenseits
TragÚdie ist Nietzsches erster Versuch, die moralischen Sollens protestiert und der die Posi-
%Wissenschaft unter der Optik des KÝnstlers zu tion des ›Ich will‹ markiert, um schließlich zum
sehen und die Kunst unter der des %Lebens. ›Kind‹ zu werden, mit dem das heilige Ja-Sagen
Damit hÈngt die ›antisokratische Tendenz‹ des zum Spiel des Werdens gemeint ist. Die Rede
Buches zusammen, die das wissenschaftliche vom Àbermenschen als dem Sinn der Erde
Denken nicht als LÚsung, sondern selbst als Pro- meint dieses Ja-Sagen und bedeutet keine Àber-
blem sieht. Philosophischer Kronzeuge dieser steigerung des Wollens, sondern dessen Selbst-
antisokratischen »Artisten-Metaphysik« ist %He- erkenntnis. Das ist der springende Punkt nicht
raklit. Auf ihn, insbesondere sein Fragment B nur des programmatischen Stichworts ›Wille zur
52, in dem die weltbildende Kraft mit einem Macht‹, sondern auch grundlegend fÝr den Ge-
Kind verglichen wird, das spielend Steine hin- danken der ewigen Wiederkunft. Dieser lÈsst
und hersetzt und Sandhaufen aufbaut und zer- sich als die ewige Wiederkehr des Gleichen in
stÚrt, beruft sich Nietzsche, indem er das Auf- dem Sinn verstehen, dass Welt als ein perpetu-
bauen und ZertrÝmmern der Individualwelt als um mobile des Immergleichen zu denken ist. Die
den Ausfluss einer Urlust – an ihre Stelle wird Pointe des Gedankens ewiger Wiederkunft liegt
die Formel vom Willen zur Macht treten – aber darin, dass jeder Augenblick in seiner Ein-
denkt. Die (Be-)Deutung dieses Fragments von zigartigkeit und VergÈnglichkeit jedem anderen
Heraklit bleibt grundlegend fÝr Nietzsches Werk gleich ist. »In jedem Nu beginnt das Sein.« Es
bis zum Ende. sind diese vorÝbergehenden »Augen-Blicke«,
Das gilt insbesondere fÝr sein Hauptwerk Al- durch die das »Rad des Seins« als Prozess des
so sprach Zarathustra mit den kontrovers dis- Werdens lÈuft. Sie kehren ›ewig‹ wieder. Der Ge-
kutierten Lehren von der »ewigen Wiederkunft«, danke der ewigen Wiederkunft ist der schÚpfe-
vom »Àbermenschen« und vom »Willen zur risch gedachter Ewigkeit. Ewigkeit ist das, was
Macht«. Insbesondere die magische Formel des sich in der Zeit, im %Werden und Vergehen
›Willen zur Macht‹ ist zugleich eine der missver- und der dionysischen ›Zerrissenheit‹ der Dinge
stÈndlichsten. Denn sie steht nicht fÝr den zeigt und wiederholt. Die Lust des Wollens ist
hÚchsten Willen eines %Subjekts, das sich der das Ja-Sagen zu dieser ewigen Wiederkunft. Ihre
Dinge bemÈchtigt. Der ›Wille zur Macht‹ meint Zeitform ist das Heute, in dem jeweils der große
vielmehr ein »heiliges Ja-Sagen«: jenen Gedan- »Erden- und Menschenmittag« erscheint und die
ken, den Nietzsche in der FrÚhlichen Wissen- Welt vollkommen scheint. Mittag und Ewigkeit
schaft als das »grÚßte Schwergewicht« bezeich- lautete der ursprÝngliche Titel des Zarathustra.
net. Es ist ein Ja-Sagen zum Werden der zeitlich Nietzsches SpÈtwerk ist Kritik. Seine Schwer-
verÈnderlichen %Welt und das seiner selbst be- punkte bilden erstens die Kritik der Moral, zwei-
wusste, sich selbst durchschauende Wollen, dass tens die Kritik an der Fiktion, dass es – im Ge-
diese Welt des Werdens unendlich viele Inter- gensatz zur scheinbaren Welt – eine ›wahre‹ gÈ-
pretationen einschließt. Nietzsches %Kritik der be und drittens die Kritik am Glauben an letzte
»zweitausendjÈhrigen abendlÈndischen Philoso- (z. B. naturwissenschaftliche) Tatsachen und des
phie« ist eine Kritik bedeutungsplatonistischer Aberglaubens an das %Ich mit seinem Willen.
»Hinterweltlerei«, die jenseits dieser Welt und Hinzu kommt die Erkenntnis, dass ›Welt‹ nichts
ihres prozesshaften Werdens eine wahre und Vorgegebenes, sondern etwas Produziertes ist:
unverÈnderliche Welt des Intelligiblen und der Erfahren und interpretieren fallen zusammen.
%Wahrheit (%Ideen) ansetzt: Was Nietzsche als Die Welt ist Interpretation. Die FaktizitÈt der
%Moral bzw. %Nihilismus kritisiert, sind For- Welt ist Produkt der Perspektiven jeweiliger
men solcher Hinterweltlerei. Prototypisch fÝr Auslegung und Interpretation. Aus dieser Ein-
diese Kritik ist das StÝck Von den drei Verwand- sicht in die jeweils mit zu beachtende Perspekti-
lungen im Zarathustra. Beschrieben wird die Ge- vitÈt des Erkennens ergibt sich Nietzsches Kri-
nealogie des sich durch selbst produzierte Hin- tik der »Misch-Masch-Philosophie« der Positivis-
terwelten und selbst verschuldete UnmÝndigkei- ten wie seine Kritik der Reduktion von Philoso-
ten abarbeitenden Geistes: ZunÈchst wird er phie auf Erkenntnistheorie. In seiner Kritik der
zum ‹Kamel‹, das die Moral trÈgt, dann zum ›LÚ- Moral macht Nietzsche klar, dass die Behaup-
Nikolaus von Kues 165

tung ›objektiver‹ Wahrheit (und letztlich der KrÈfte der Welt des Werdens, die von dem, was
Grund der Moral) tatsÈchlich die willentliche wir als Subjekt denken – wie Dionysos von
Verbergung von Interessen durch intelligible Apoll –, zu temporÈrer IdentitÈt zusammenge-
Hinter- oder Àberwelten ist und damit Heuche- fÝgt werden. Mit seiner Artisten-Metaphysik
lei. Die Versuchung, den Sinn der Welt jenseits geht es Nietzsche um ein ›Ja-Sagen‹ zu dieser
dieser zu suchen und nicht in dieser Welt als ei- dionysischen Welt und – als rÝckhaltlose Er-
nen Akt der Sinngebung zu erkennen, ist die kenntnis – nicht um ein Weniger, sondern um
»Circe der Philosophen«. Jenseits von Gut und BÚ- ein Mehr an Erkenntnis.
se heißt damit die Perspektive, die moralischen G. Abel, Die Dynamik der Willen zur Macht und die
Werte und Tugenden als Wertsetzungen und Mo- ewige Wiederkehr, Berlin / New York 1984
ral als Geschichte der Umwertung von %Werten T. Borsche / F. Gerratana / A. Venturelli (Hg.), ›Centau
selbst zu erkennen. ren Geburten‹. Wissenschaft, Kunst und Philosophie
Nietzsches Kritik der Moral ist fundamentale beim jungen Nietzsche, Berlin / New York 1994
Ideologiekritik, die es unternimmt, die Geschich- G. Figal, Nietzsche. Eine philosophische EinfÝhrung,
Stuttgart 1999
te des Denkens als eines Organs der Herrschaft
V. Gerhardt, Vom Willen zur Macht, Berlin / New York
im Sinne der Dialektik der AufklÈrung dar- 1996
zustellen. Polemischer Hauptbezugspunkt ist der M. Horkheimer / Th. W. Adorno, Dialektik der AufklÈ
Platonismus fÝrs Volk, als dessen Tradition die rung, jetzt in: Max Horkheimer, Gesammelte Schrif
Geschichte ›des‹ Christentums – Nietzsche greift ten Bd. 5, Frankfurt/M. 1987
hier eine auf %Augustinus zurÝckgehende For- G. Wohlfart, »Also sprach Herakleitos«. Heraklits Frag
ment B 52 und Nietzsches Heraklit Rezeption,
mulierung auf – gedeutet wird. Es sind dabei
Freiburg / MÝnchen 1991
eminent christliche Motive, die Nietzsche in sei- J. K.
ner Verurteilung des Christentums und als sein
empfindlichster Seismograph mit Pathos gegen
dessen geschichtliche Erscheinungsform wendet. Nikolaus von Kues (1401–1464): Geboren in
Die ›wahre Welt‹ ist kein Jenseits, das auf diese Kues an der Mosel, gestorben am 11. 8. in Todi
Welt folgen wÝrde. Aber nicht nur die ›KruditÈt‹ in Umbrien, auch genannt Nicolaus Cusanus,
einer Trennung zwischen wahrer (jenseitiger) Nicolaus de Cusa, Familienname Chryfftz oder
und scheinbarer (diesseitiger) Welt wird der Kri- Krebs. Er war Kardinal und pÈpstlicher Legat,
tik unterworfen, sondern auch der »Subjekt- und hinterließ ein umfangreiches Werk von philoso-
Ich-Aberglaube«, d. h. die Vorstellung vom freien phisch-theologischen, kirchen- und staatstheo-
Willen, Ýber den ein Ich wie Ýber das Wollen retischen, mathematisch-naturwissenschaftli-
selbst zu Zwecken der Herrschaft verfÝge. Schon chen Schriften sowie ca. 300 Predigten. Haupt-
aus diesem Grund ist Nietzsches Formel vom themen seines philosophisch-theologischen Den-
Willen zur Macht nicht als Postulat hÚchster Ge- kens, das in hohem Maße vom Platonismus ge-
walt zu verstehen, auch wenn dieses Missver- prÈgt ist, sind %Gott, Universum, %Mensch. Die
stÈndnis, das den ›Willen zur Macht‹ als Èußers- Existenz Gottes und die TrinitÈt werden voraus-
te Zuspitzung eines Beherrschenwollens deutet, gesetzt; sie kÚnnen nicht Gegenstand rationaler
durch manch berÝhmt-berÝchtigtes Fragment %Argumentation sein. Unser gesamtes BemÝ-
nahe gelegt wird. Ein Ego als %Substanz eines hen um %Erkenntnis beruht auf der Vorausset-
freien (oder unfreien) Willens und als dessen zung, dass das uns Bekannte zu dem Unbekann-
Subjekt zu denken, ist eine notwendige Projekti- ten zwar nicht in einem messbaren VerhÈltnis,
on. Sie ist dem Glauben an die Grammatik, an aber doch in einem solchen Bezug steht, dass
das sprachliche Subjekt mit seinen TÈtigkeits- das Unbekannte in %Analogie zum Bekannten
worten und deren Objekten verpflichtet. Was annÈherungsweise bestimmt werden kann. Hier-
Nietzsche mit Wille bezeichnet, meint aber kei- bei handelt es sich nicht um das Kennenlernen
nen Singular und hat kein Subjekt. Der hÚchste %empirischer Fakten, sondern um den Versuch
Wille ist ein Wollen ohne Wille. Die KrÈfte (Inte- der Wesenserkenntnis. AdÈquat erkennbar ist et-
ressen, BedÝrfnisse und Wille), die hierbei im was nur durch den Intellekt, dem es das %Sein
Spiel sind und zum jeweiligen Handeln motivie- verdankt. Das Mathematische ist eine SchÚpfung
ren, gilt es zu erkennen. Denn es sind diese des menschlichen %Geistes, der als lebendiges
166 Nikolaus von Kues

%Abbild des gÚttlichen Geistes dessen SchÚpfer- fellos Fortschritte in der Erkenntnis; aber keine
tÈtigkeit nachahmt, und ist daher fÝr den Erkenntnis ist so genau, dass sie nicht noch ge-
menschlichen Geist vollstÈndig erkennbar; dem- nauer sein kÚnnte. Mit dieser Feststellung be-
zufolge hat jedes Suchen nach Wesenserkennt- gnÝgt Nikolaus von Kues sich nicht. Das ein-
nis vom Mathematischen auszugehen. Erkennen fachhin GrÚßte gestattet keinen vergleichenden
vollzieht sich im Fortschreiten vom Bekannten Bezug zu anderem, es steht Ýber jedem Gegen-
zum Unbekannten; der Erkenntnisprozess ist satz; es ist alles, was sein kann und was es sein
Setzen von vergleichenden Beziehungen, wobei kann. Hieraus folgt: Das einfachhin GrÚßte ist
Deckungsgleichheit des Verglichenen nie in ei- das, demgegenÝber nichts GrÚßeres sein kann.
nem Verfahren erreicht werden kann, das zwar Des Weiteren kann es selbst nicht grÚßer sein
vom Mathematischen ausgeht, aber nicht im als es ist, weil es alles ist, was es sein kann und
Mathematischen endet. Folglich ist jede ange- was sein kann; aus demselben Grund kann es
strebte Wesenserkenntnis durch zweierlei cha- auch nicht kleiner sein. Das aber, was nicht
rakterisiert: 1. HÚchste Genauigkeit des Erken- kleiner sein kann, ist das uneingeschrÈnkt
nens ist unmÚglich, Erkennen ist letztlich Nicht- Kleinste. Somit ist das absolut GrÚßte ineins
wissen (ignorantia); 2. die hÚchste erreichbare auch das absolut Kleinste. Der Zusammenfall
Genauigkeit der Erkenntnis oder des Wissens ist des absolut GrÚßten mit dem Kleinsten ist ein
dann gegeben, wenn der erkennende Geist ein- Beispiel fÝr den von Nikolaus behaupteten Zu-
sieht, dass alles Wissen Unwissen ist (aus- sammenfall aller mÚglichen kontrÈren und kon-
genommen hiervon ist die Mathematik), und tradiktorischen GegensÈtze im uneingeschrÈnkt
dann ist sein Unwissen belehrte Unwissenheit GrÚßten. Diese Lehre vom Zusammenfall der Ge-
(docta ignorantia). Belehrte Unwissenheit ist gensÈtze (%coincidentia oppositorum) im ein-
Ausgangspunkt einer mystischen Theologie, die fachhin GrÚßten oder aktual Unendlichen besagt
fortwÈhrendes BemÝhen um Erkenntnis erfor- keineswegs, dass in Gott das Endliche mit dem
dert und zu dem Wissen gelangt, dass Gott Unendlichen koinzidiere in der Weise, dass das
nicht gewusst werden kann. Besteht schon im Endliche selbst Unendliches oder das Unend-
Bereich der uns umgebenden KÚrperwelt die Un- liche Endliches werde; das Verursachte ist nicht
mÚglichkeit genauer Wesenserkenntnis, so vor- in seiner Vielheit und GegensÈtzlichkeit in der
nehmlich dann, wenn das Erkennen im Ausgang %Ursache, sondern insofern, als die eine Ursa-
von gesetzten Zeichen (dem Mathematischen), che das viele Verursachte in sich schließt, ohne
die immer endlich sind, zu Gott als dem aktual etwas von dem Verursachten zu sein oder zu
Unendlichen vordringen will. Das aktual Unend- werden. Hier offenbart sich kein Mangel an logi-
liche ist unerkennbar, weil es sich jedem Ver- schem Denken, sondern ein Philosophieren, das
gleich entzieht; denn das Unendliche steht in schwierigste GedankengÈnge in immer neuen
keinem messbaren VerhÈltnis zum Endlichen. AnsÈtzen verdeutlichen will und auf ein nicht
Hieraus ergibt sich die Regel der belehrten Un- begreifendes Sehen oder Schauen Gottes hin
wissenheit: Wo es Àberschreitendes und Àber- tendiert, das Ýber jedes %Wissen hinausgeht.
schrittenes, Mehr oder Weniger gibt, gelangt Der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch ist
man nicht zum einfachhin GrÚßten, da Àber- kein universales Seins- oder Erkenntnisprinzip;
schreitendes und Àberschrittenes, Mehr oder er gilt nur fÝr den Bereich des %Verstandes (ra-
Weniger endliche GrÚßen sind. FÝr die Wahr- tio); die %Vernunft (intellectus) erhebt sich Ýber
heitsfindung ergibt sich: Die %Wahrheit lÈsst den Verstandesbereich zur Koinzidenz der Ge-
kein Mehr oder Weniger zu – es geht hierbei gensÈtze. Ihre %Methode ist das ›Erforschen im
vornehmlich um die ontologische Wahrheit (re- Symbol‹ (symbolice investigare). Ausgangspunkt
rum veritas), welche die %Wesenheit der Dinge sind gezeichnete mathematische Figuren wie Li-
ist –, daher ist die Wahrheit und Wesenheit des nie, Dreieck, Kreis und Kugel. Ein erster Àber-
Seienden als einfachhin GrÚßtes identisch mit stieg (transcensus) ist von den gezeichneten Fi-
dem aktual Unendlichen, das von keinem end- guren zu den nur denkbaren mathematischen
lichen Geist erfassbar ist. Menschliches BemÝ- Gebilden zu vollziehen, deren Eigenschaften und
hen um Erkenntnis ist zwar ein bestÈndiger An- Wesensbeschaffenheiten zu untersuchen sind.
nÈherungsprozess an das Gesuchte, es gibt zwei- Alsdann wird in einem zweiten transcensus das
Nikolaus von Kues 167

Mathematische verlassen; die Beschaffenheiten entsteht bei der Ausfaltung der unendlichen Ein-
der mathematischen Gebilde werden auf aktual heit die Vielheit der abgestuften Einheiten, der
unendliche Figuren Ýbertragen. Das geschieht GeschÚpfe. Ohne die unendliche Einheit sind die
beim Dreieck in der Weise, dass die Winkel und GeschÚpfe nichts; die Vielheit der Dinge entsteht
die Seiten als unendliche gesetzt werden; denn dadurch, dass Gott im %Nichts ist, was unbe-
jeder Teil des Unendlichen ist selbst unendlich. greiflich ist; denn das Nichts hat kein Sein.
Die Peripherie des unendlichen Kreises ist die Zweifellos existieren die GeschÚpfe, aber wir ha-
aktual unendliche Gerade; Mittelpunkt und ben keine MÚglichkeit, ihr Sein, das AbhÈngig-
Durchmesser des unendlichen Kreises sind mit sein ist, zu erkennen. Ausfaltung ist zugleich
der unendlichen Geraden identisch. Das Ergeb- »EinschrÈnkung« (contractio): Jedes %Individu-
nis dieses Verfahrens ist eine aktual unendliche um ist EinschrÈnkung der Seinsstufe, zu der es
Linie, die zugleich Dreieck, Kreis und Kugel ist. gehÚrt; dasselbe gilt jeweils fÝr die untergeord-
Nun erfolgt in einem dritten transcensus die neten Seinsstufen im Hinblick auf die Ýberge-
Àbertragung der Beschaffenheiten der unend- ordneten; und keine Ýbergeordnete Seinsstufe
lichen Figur auf das aktual Unendliche selbst in wird in dem ihr Untergeordneten zu dem, was
seiner GelÚstheit von allem FigÝrlichen. Hieraus sie selbst ist. Erste Ausfaltung der unendlichen
ergeben sich Nikolaus von Kues zufolge Einsich- Einheit oder des uneingeschrÈnkt GrÚßten ist
ten in das Wesen des Mathematischen. Das das Universum; es ist in eingeschrÈnkter Weise
durch den zweiten transcensus erreichte unend- Sein und Wesenheit aller Dinge. WÈhrend Gott
liche Gebilde ist alles in %Wirklichkeit, was die als das uneingeschrÈnkt GrÚßte ohne die Ge-
endlichen mathematischen Figuren sein kÚnnen, schÚpfe sein kann, kann das Universum nicht
und zwar so, dass die %MÚglichkeit der end- ohne die erschaffenen Seienden sein; denn diese
lichen Figuren aus der Wirklichkeit der unend- sind Teile des Universums. Mit dem Universum
lichen Figur hervorgeht, die aber aufgrund ihrer erlangten also auch seine Teile Sein, und das
Unendlichkeit von den endlichen Figuren durch Universum als erste EinschrÈnkung der unend-
einen unendlichen Abstand getrennt ist. Ent- lichen Einheit ist in allen seinen Teilen in ein-
scheidend sind indessen die Einsichten in der geschrÈnkter Weise das, was jedes Einzelne in
Weise des »nicht begreifenden Erkennens«, die eingeschrÈnkter Weise ist. Aufgrund dessen
sich durch den Àberstieg zum nicht figÝrlichen schließt jedes Seiende alle EinschrÈnkungen in
Unendlichen ergeben: Es ist in unendlicher Wei- sich ein und ist auf diese Weise alles. Die Ein-
se alles in Wirklichkeit, was das Endliche in heit des Universums besteht aus MÚglichkeit,
endlicher Weise ist; es ist Wesensgrund von al- Wirklichkeit und VerknÝpfung; diese drei sind
lem und somit das Sein der Seienden. Das Sein immer miteinander verschrÈnkt und in der Ver-
der endlichen Dinge ist auf eine fÝr uns unbe- schrÈnkung sind sie eine allgemeine Seinsweise.
greifliche Weise vom absoluten Sein verursacht. Die Anwendung der Regel der belehrten Unwis-
Verdeutlicht wird dies durch das der Schule von senheit auf die %Kosmologie ergibt: Weder die
Chartres entnommene Begriffspaar »Einfaltung Erde noch sonst ein Planet oder Fixstern kann
– Ausfaltung« (complicatio – explicatio) und Mittelpunkt der Welt sein. Da die Welt keinen
durch die Lehre von den vier Einheitsregionen. Mittelpunkt hat, kann sie auch nicht kugel-
Gott als das Sein der Seienden und als unend- gestaltig sein; sie ist zwar nicht aktual unend-
liche Einheit schließt alles in sich zur Einheit lich, hat aber keine Grenzen, innerhalb deren
zusammen. Das wird von Nikolaus »Einfaltung« sie eingeschlossen wÈre. Die Erde ist ein Stern
genannt und durch Beispiele erklÈrt: Die Eins unter Sternen; sie kann nicht kugelfÚrmig sein,
als Prinzip der Zahl ist »Einfaltung der Zahl«; wenngleich sie sich der Kugelgestalt nÈhert. Des
der Punkt ist Einfaltung von Linie, FlÈche und Weiteren kann sie nicht ohne Bewegung sein;
KÚrper. Wie beim ZÈhlen die Eins in Vielheiten denn nichts in der Welt befindet sich in absolu-
ausgefaltet wird und zugleich die Vielheiten zu ter Ruhe. Bewegung ist immer nur als relative
neuen Einheiten zusammengefasst werden und Bewegung erkennbar. Die Auffassung, dass es
wie entsprechend der Dimensionenfolge die Li- Lebewesen auf anderen Sternen gibt, wird ak-
nie erste Ausfaltung des Punktes ist, FlÈche und zeptiert. Dieses alles versteht Nikolaus als »Aus-
KÚrper zweite und dritte Ausfaltungen sind, so sagen, die an der Wahrheit, wie sie ist, in An-
168 Parmenides von Elea

dersheit teilhaben«. – In der Selbstreflexion be- Mitteilungen und ForschungsbeitrÈge der Cusanus Ge
greift der menschliche Geist (mens) sich als vier- sellschaft, Mainz [spÈter Trier] 1961 ff.
fache Einheit; er umgreift alles in der Weise des E. Meuthen, Nikolaus von Kues 1401 1464, 7. Aufl.
MÝnster 1992
uneingeschrÈnkten Schauens (visio absoluta), in H. G. Senger, Nikolaus von Kues, in: Theologische Real
der Weise der Vernunft, des Verstandes und der enzyklopÈdie 24, 1994, S. 554 564
Sinne. Den vier Erkenntnisweisen entsprechen : Ludus sapientiae: Studien zum Werk und zur Wir
vier Abstufungen der Wahrheit: 1. Die absolute kungsgeschichte des Nikolaus von Kues, Leiden /
Wahrheit (veritas) ist bezÝglich der nicht von un- Boston / KÚln 2002
serem Geist geschaffenen Seienden unerreich- K. Bormann, Nikolaus von Kues, in: Großes Werklexi
kon der Philosophie hg. von F. Volpi, 1090 1099,
bar. 2. Vernunfterkenntnis ist die hÚchste Weise
Stuttgart 1999
der AnnÈherung an die bewusstseinsunabhÈngi- M. de Gandillac, Nikolaus von Cues, Studien zu seiner
gen Dinge; sie erkennt die Koinzidenz der Ge- Philosophie und philosophischen Weltanschauung,
gensÈtze und erfolgt »in wahrer Weise« (vere). 3. DÝsseldorf 1953
Verstandeserkenntnis ist an den Satz vom aus- K. B.
geschlossenen Widerspruch gebunden und voll-
zieht sich »in einer dem Wahren Èhnlich Weise«
(verisimiliter). 4. Am weitesten von der Wahrheit
entfernt ist die Sinneswahrnehmung, die das Parmenides von Elea (um 515–445): Wohl
VerÈnderliche jeweils in seinem Hier und Jetzt der bedeutendste und einflussreichste Vorsokra-
erfasst und der die GrÝnde der PhÈnomene nie tiker; hinterließ eine Schrift in Hexametern, in
prÈsent werden. Den vier Erkenntnisbereichen der er %Wahrheit und %Schein scharf abgrenzt.
entsprechen vier metaphysische Einheitsregio- Die Lehre von der Wahrheit ist zu einem be-
nen: Gott, Intelligenz, Seele, KÚrper. Unterschei- trÈchtlichen Teil erhalten, wÈhrend die AusfÝh-
dungsprinzip ist die Andersheit (alteritas), die rungen Ýber den Schein sehr lÝckenhaft tradiert
indessen kein Seinsprinzip ist und kein Seins- sind. Das ProÚmium stellt die Auffahrt des Dich-
prinzip hat; sie ist gleichsam der Schatten des terphilosophen aus dem Dunkel ins Licht zu ei-
Nichts, der Ýber die drei geschaffenen Einheits- ner namenlosen GÚttin dar, von welcher er Ýber
regionen ausgebreitet ist und in jeder hÚheren Wahrheit und Irrtum belehrt wird. Soweit das
Einheit schwÈcher wird. Gott selbst ist frei von Verlangen reicht, wird der Mensch auf dem von
Andersheit. der Gottheit festgesetzten Weg dahingetragen,
Die Welt als das eingeschrÈnkt GrÚßte er- auf welchen ihn Streben nach %Erkenntnis so-
reicht ihre gesamte WesensfÝlle weder in Gott, wie gute FÝgung, gÚttliche Satzung und gÚtt-
weil sie dann nicht mehr Welt, sondern Gott wÈ- liches Recht gebracht haben. GegenstÈnde der
re, noch in den einzelnen Seienden, weil diese Belehrung sind die Wahrheit Ýber das Seiende
EinschrÈnkungen von Welt sind. Somit erfordert (%Sein) und die Inhalte menschlicher Meinung.
die Welt etwas, das ineins eingeschrÈnkt und Lediglich drei Forschungswege kÚnnen gedacht
nicht eingeschrÈnkt, endlich und unendlich ist. werden: 1. Seiendes ist, das Nichtsein ist un-
Dieses ist der Gottmensch, der als Gott die abso- mÚglich. Dieser Weg ist der Pfad der Àberzeu-
lute Einheit selbst ist, als Mensch aber in der gung und folgt der Wahrheit/Wirklichkeit. 2.
Welt ist. In ihm erlangt die Welt ihre SeinsfÝlle. Der zweite Weg ist gÈnzlich unerforschbar und
Dieser Ansatz fÝhrt zu einer philosophisch be- fÝhrt zu nichts: Nichtsein ist mit Notwendigkeit.
grÝndeten Christologie. 3. Sein und Nichtsein sind identisch und ver-
schieden, von allem gibt es eine gegenwendige
Nicolai de Cusa opera omnia iussu et auctoritate Aca Bahn. Dass die Meinungen, Nichtseiendes sei
demiae Litterarum Heidelbergensis ad codicum fi oder Seiendes und Nichtseiendes seien identisch
dem edita, Leipzig [spÈter Hamburg] 1932 ff. und verschieden, als Forschungswege bezeichnet
Schriften des Nikolaus von Kues in deutscher Àberset werden, ist durch methodische Reflexion be-
zung, Leipzig [spÈter Hamburg] 1936 ff.
dingt: Wenn die %Methode, die bei der ErÚrte-
Acta Cusana, Quellen zur Lebensgeschichte des Niko
laus von Kues, im Auftrag der Heidelberger Aka rung der %RealitÈt anzuwenden ist, bedacht
demie der Wissenschaften hg. v. E. Meuthen / H. wird, ergeben sich drei MÚglichkeiten, von de-
Hallauer, Hamburg 1976 ff. nen zwei ausscheiden. Bezug der beiden abge-
Parmenides von Elea 169

lehnten Forschungswege auf andere Philosophen in erster Linie gemeint ist, dass das Seiende
muss angenommen werden, weil andernfalls nicht entsteht und nicht vergeht – es hat keine
nicht erklÈrt werden kann, weshalb Parmenides Grenzen in der Zeit –, sodann aber auch, dass
sich nicht mit einer kurzen Abweisung des zwei- es sich in keiner Weise verÈndert. »VerÈnde-
ten und dritten Wegs begnÝgt, sondern diesbe- rung« umfasst bei Parmenides wie spÈter bei
zÝglich von einer viel umstrittenen %Argumen- %Aristoteles Entstehen und Vergehen, Orts-
tation spricht. Mit der Ablehnung des zweiten wechsel, qualitative und quantitative VerÈnde-
Wegs werden Lehren zurÝckgewiesen, die aus rung. Die aus ›seiend‹ deduzierten ›Merkzei-
der Sicht des Parmenides dem %Nichts Sein zu- chen‹ sind Grundlage direkter und indirekter
sprechen, wie z. B. %Anaximanders Ansatz ei- Beweise. Seiendes ist nicht aus Nichts entstan-
nes quantitativ und qualitativ unbestimmten Ur- den, denn aus dem Nichts kann nichts werden,
stoffes und Anaximenes’ Lehre von der unvor- was generell altgriechische Àberzeugung ist.
stellbar weit ausgedehnten Luft. Der dritte Weg WÈre das Seiende aus Nichts entstanden, dann
charakterisiert die Meinungen »unwissender ist es nicht; weil es nicht aus Nichts entstand,
Menschen«, die VerÈnderungsprozesse fÝr sei- ist es ohne EinschrÈnkung. Das heißt in den
end halten und hierdurch Sein und Nichtsein Worten des Parmenides: »So muss es entweder
identifizieren und zugleich unterscheiden; an- ganz und gar sein oder gar nicht.« Die Argu-
scheinend wird %Heraklit hierzu gezÈhlt. In Be- mentation gegen Werden aus Nichts gelangt also
tracht kommt nur der erste Weg: Seiendes ist. zu der Alternative: Das Seiende ist – das Seien-
Nur Seiendes kann als Reales erfasst werden de ist nicht, womit der Beweis gegen die Her-
(›als Reales erfassen‹ heißt zur Zeit des Parme- kunft aus dem Nichts auf die Position der bei-
nides noein, ›denken‹). Dieser Satz ist konver- den Forschungswege zurÝckgefÝhrt ist. Das Sei-
tierbar: Nur das, was als Reales erfasst werden ende kann auch nicht aus Seiendem entstanden
kann, ist seiend. Das bedeutet: ›Dasselbe kann sein; wÈre es das, dann gÈbe es ein zweites Sei-
gedacht werden und kann sein.‹ %MÚglichkeit, endes; das bedeutete, dass ihm die aus ›seiend‹
%Wirklichkeit und %Notwendigkeit sind im Sei- deduzierten Merkmale fehlten, was zur Folge
enden zur Einheit verbunden: Das, was sein hÈtte, dass es mit dem Nichts identisch wÈre.
kann, ist mit Notwendigkeit, weil nichts es hin- Das aber ist ausgeschlossen; der zweite For-
dern kÚnnte zu sein. FÝr das Denken gilt Ent- schungsweg, der dem Nichts Sein zuspricht, ist
sprechendes: Es gibt nichts, wodurch das von ungangbar. Somit bleibt nur die Position des
der Gottheit belehrte Denken gehindert werden ersten Wegs: Das Seiende ist; es ist unentstan-
kÚnnte, Kenntnis des Seienden zu sein. Das den, als Unentstandenes ist es unvergÈnglich
Wort ›Sein‹ wird innerhalb der parmenideischen und in jeder Hinsicht mit sich selbst identisch.
Seinslehre weder kopulativ noch als Existenz- Aus der %IdentitÈt des Seienden mit sich selbst
aussage verwendet, sondern bedeutet ›unver- folgt, dass es an keiner Raumstelle ein Mehr
Ènderlich bestehen‹ im Gegensatz zu Entstehen, oder Weniger von Seiendem geben kann; das
Vergehen, VerÈnderung. Der Weg der Wahrheit Seiende ist gleichmÈßig von sich selbst erfÝllt,
schließt alles andere als das Seiende aus. Außer- d. h. es gibt nichts in ihm, das nicht das eine
halb des Seienden existiert nichts, d. h. das Sei- Seiende wÈre. Das sich selbst absolut gleiche
ende ist die alles andere ausschließende Ganz- Seiende ist unverÈnderlich, womit primÈr der
heit. Hiermit ist auch gesagt, dass es innerhalb Ortswechsel verneint ist. Weil Ortswechsel der
des Seienden nichts geben kann, das von der ElementarkÚrper Grundlage jeder VerÈnderung
Ganzheit verschieden wÈre. Das Seiende kann ist, wird dem Seienden auch jede andere Weise
also keine Teile haben, weil sie vom Seienden der VerÈnderung abgesprochen. Das Seiende ist
als der Ganzheit verschieden und folglich nicht- in rÈumlichen Grenzen eingeschlossen; eine Lo-
seiend wÈren. Das Seiende ist ganz es selbst; ckerung dieser als »Fesseln« beschriebenen
hieraus ergibt sich, dass es einzig ist. Weiterhin Grenzen wÝrde bedeuten, dass das Seiende sich
besagt Ganzheit des Seienden, dass dem Seien- Úrtlich bewegen kÚnnte, womit der Beginn der
den nichts mangelt, dass es autark und vollkom- VerÈnderung und auch des Entstehens und Ver-
men ist und sich deshalb in Ruhe befindet. Hier- gehens gegeben wÈre, was bedeuten wÝrde, dass
durch ist jede Bewegung ausgeschlossen, womit das Seiende nicht mehr vollkommen, nicht au-
170 Parmenides von Elea

tark und nicht absolut mit sich identisch wÈre; von gÚttlichem und menschlichem Wissen ist
es wÈre nichtseiend. Werden und Vergehen sind schon in den homerischen Epen ausgeprÈgt und
nicht seiend; sie bestehen nicht unverÈnderlich, wird von Xenophanes, Heraklit und Alkmaion in
weil sie Prozesse sind, und deshalb ist sowohl das philosophische Denken Ýbergeleitet. Parme-
in der Gegenwart als auch in der Zukunft eine nides ist jedenfalls der Erste, welcher eine Ant-
Vielheit von Seiendem unmÚglich. Hieraus ergibt wort auf die Frage erteilt, weshalb menschliches
sich, dass alles, was die von der Gottheit nicht Wissen ohne gÚttliche Offenbarung %Schein ist
belehrten Menschen als real bezeichnen, nÈm- und woher der Schein stammt. Die Menschen
lich VerÈnderliches, ›Namen‹ ohne %Bedeutung halten das, was ihnen in der %Wahrnehmung
sind, Bezeichnungen, denen im Bereich des Sei- erscheint, fÝr das Seiende; hierdurch wenden
enden nichts entspricht. Hinsichtlich seiner Ge- sie sich vom unverÈnderlichen Seienden ab und
stalt und seines inneren Zusammenhangs ist kehren sich dem Schein zu. Der Schein besteht
das Seiende vollkommen; daher ist die Gestalt darin, dass VerÈnderliches, Entstehendes und
des Seienden absolut ebenmÈßig. Absolutes Vergehendes durch die Wahrnehmung als real
Ebenmaß der Gestalt kommt nur der Kugel zu: erfasst wird und hierdurch den Schein des Seins
Das Seiende ist kugelgestaltig. Nicht zu verken- erregt. VerÈnderliche Dinge aber sind nicht, weil
nen ist, dass die Argumentation oft kreisfÚrmig sie nicht unverÈnderlich bestehen. Weil es den
verlÈuft und die Kugelgestalt des Seienden nach- Menschen unmÚglich ist, sich ohne gÚttliche Of-
ahmt. Die Frage, was außerhalb des rÈumlich fenbarung zum Seienden zu erheben, sind Mei-
begrenzten Seienden sei, ist fÝr Parmenides nen und Irrtum die notwendige Weise mensch-
sinnlos: Außerhalb des Seienden gibt es nichts, lichen Denkens. Die Wahrheit ist gÚttliches Wis-
auch nicht den leeren Raum, den Parmenides sen; sie wird den Menschen als Geschenk zuteil.
anscheinend mit dem Nichts identifiziert. Diese Somit steht der Mensch nicht »je schon in der
nach modernem VerstÈndnis vielleicht befrem- Wahrheit und Unwahrheit«, sondern als Mensch
dende Auskunft wird von %Platon und Aristote- in der Unwahrheit; der Irrtum ist die notwendi-
les akzeptiert; die FixsternsphÈre als Grenze des ge Form menschlichen Denkens. Menschlicher
%Kosmos ist kugelfÚrmig, außerhalb ihrer exis- Natur entspricht das Ansetzen einer Mehrheit
tiert nichts. Entsprechend allem, was Parmeni- von obersten Prinzipien anstelle des einen Sei-
des ausfÝhrt, ist das Seiende ein stereometri- enden. Dieses stellt Parmenides im zweiten Teil
sches Gebilde, ein homogener KÚrper, der den seines Lehrgedichtes dar. Die Menschen setzen
gesamten %Raum ausfÝllt, nicht durch die Sin- zwei Prinzipien fÝr den Bereich des VerÈnderli-
ne fassbar ist und auch nicht durch mensch- chen an, Licht und Nacht (Feuer und Erde in
liches %Denken erkannt werden kann, sofern es aristotelischer Diktion) und halten sie fÝr die
nicht von der Gottheit belehrt wurde; mensch- RealitÈt. Hierdurch spalten sie die eine Wirklich-
liches Denken ist immer an die Sinneswahrneh- keit des Seienden in eine Zweiheit. Das Ergebnis
mung gebunden und kann sich ohne gÚttliche der Spaltung ist nicht eine abbildhafte Welt ge-
Hilfe nicht von ihr lÚsen. Weil transzendente genÝber dem %Urbild des Seienden, sondern
Seinsregionen wie Platons Bereiche der hÚchsten die scheinbare RealitÈt, welche in keinem onto-
%Prinzipien, der %Ideen und des mathemati- logischen Zusammenhang mit dem Seienden
schen Seienden fÝr Parmenides noch nicht in steht. Von der Wahrheit des Seienden her be-
Betracht kommen, kann das unverÈnderliche trachtet ist die Spaltung illegitim, von mensch-
Seiende nur das Weltall sein, dieses aber nicht licher Erkenntnisweise aus erfolgt sie mit Not-
gemÈß seiner wahrnehmbaren %Erscheinung in wendigkeit. Aus den beiden Prinzipien, welche
Vielheit, Vereinzelung und VerÈnderung, son- als ElementarkÚrper aufzufassen sind, bestehen
dern geschaut als zusammenhÈngende, homoge- alle verÈnderlichen Dinge.
ne und unteilbare Einheit. Zu dieser Schau ver- Die wenigen Fragmente des zweiten Teiles
mag menschliches Denken sich nur zu erheben, lassen erkennen, dass nach der ErÚrterung der
wenn ihm die Seinswahrheit von einer Gottheit beiden ElementarkÚrper die Entstehung der ein-
geoffenbart wird; unbelehrtes Denken sieht statt zelnen Dinge behandelt wird; im Einzelnen kom-
des einen unverÈnderlichen Seienden die Viel- men zur Sprache das Werden des %Kosmos ein-
heit der verÈnderlichen Dinge. Diese Trennung schließlich der Sonne, des Mondes, der Sterne
Pascal, Blaise 171

und der Erde sowie das System der »StoffkrÈn- Pascal, Blaise (1623–1662): FranzÚsischer
ze«, Ýber das jedoch nichts Sicheres gesagt wer- Philosoph und Mathematiker, geb. am 19. 6. in
den kann. Auf die %Kosmogonie folgte vielleicht Clermont, gest. am 19. 8. in Paris. Pascal ist
die Lehre von der Entstehung der GÚtter, von wohl der Denker, bei dem scharfsinnigste %Ra-
der ein Vers erhalten ist; an sie schloss sich die tionalitÈt und tiefe christliche FrÚmmigkeit am
%Anthropologie an, von der einige Zeilen Ýber- nachhaltigsten zusammengekommen und auf-
liefert sind, die unter anderem Aufschluss Ýber einandergeprallt sind. Seine Ýberragenden geo-
die Bedeutung der beiden ElementarkÚrper fÝr metrischen Entdeckungen stehen gleichrangig
menschliches Denken geben. Der menschliche neben seinen Betrachtungen Ýber das VerhÈltnis
Leib ist eine Mischung der ElementarkÚrper; des %Menschen zu %Gott und zur Unendlich-
veranlasst wird die Mischung durch die alles keit. In philosophischer Hinsicht hat sich Pascal
lenkende GÚttin, die ihren Sitz inmitten der vor allem zwei wichtige Aufgaben gestellt: die
StoffkrÈnze hat und nicht mit der offenbarenden Verteidigung des modernen Augustinismus in
GÚttin identisch ist. Entsprechend der bei den der AusprÈgung des Jansenismus und die Apolo-
einzelnen Menschen jeweils verschiedenen Mi- gie des Christentums Ýberhaupt. In den Provin-
schung gestaltet sich das Denken, das keines- ciales Ýbernimmt er die doppelte Arbeit, rational
wegs TÈtigkeit einer unstofflichen Geistseele, und bisweilen ironisch, die jansenistische Positi-
sondern Funktion des Leibes ist. GrÚßerer Anteil on ihren Gegnern – vor allem Dominikanern
des Lichtelements bewirkt grÚßere Klarheit des und Jesuiten – darzulegen, um dann aber zum
Denkens, ohne dass hierdurch jemals eine Be- Angriff auf das in seinen Augen laue Christen-
freiung vom Irrtum, dem menschliches Denken tum der Opponenten Ýberzugehen. Die Stoßrich-
verhaftet ist, ermÚglicht wÝrde. Hiermit bietet tung Pascals ist durch die unterschiedliche In-
Parmenides eine physiologische Deutung eines terpretation der gÚttlichen Gnade bestimmt. Er
PhÈnomens, das in archaischer Zeit Gegenstand vertritt den Standpunkt der augenblicklichen
der Reflexion wurde: Die Menschen sind nicht Gnade (grÅce actuelle): Der Mensch kann zwar
nur unfÈhig, ihr Èußeres Geschick zu bestim- fÝr eine %Handlung mit der gÚttlichen Gnade
men, sondern sie kÚnnen nicht einmal in ihrem versehen sein, fÝr eine andere kann sie ihm
Denken eine gerade Linie einhalten, weil sie der aber versagt bleiben. Daraus ergibt sich das fÝr
jeweils ohne ihr Zutun entstandenen Situation ihn prÈgende Menschenbild des gerechten SÝn-
hilflos ausgeliefert sind. ders (jÃste pecheur) der, auch wenn er Gott wohl-
gefÈllig sein will, sÝndigt, weil er handelt. Damit
steht Pascal der herrschenden Lehrmeinung ent-
Die Fragmente der Vorsokratiker, hg. von H. Diels / W. gegen, der Mensch sei im Stande der andauern-
Kranz, Bd.1, 1989 [Nachdr. der 6. Aufl. Berlin 1952] den Gnade (grÅce habituelle), er sÝndige manch-
J. Mansfeld, Die Vorsokratiker (Auswahl), Bd.1, Stutt
mal, was aber dem Prinzip keinen Abbruch tue.
gart 1983
The Presocratic Philosophers. A Critical History with a Aufgrund dieser Position kann Pascal die laxe
Selection of Texts, hg. von G. S. Kirk / J. E. Raven / %Moral – vor allem der Jesuiten – kritisieren.
M. Schofield, 2. Aufl. Cambridge 1983 [dt. von K. Sein empfindlichstes Ziel ist dabei die Kasuistik,
HÝlser, Stuttgart 1994] die es gestattet, alle SÝnder zu entschuldigen.
W. RÚd, Geschichte der Philosophie: Die Philosophie Mit ihrem ausgeklÝgelten Probabilismus, dem
der Antike 1. Von Thales bis Demokrit, 2. Aufl.
die AutoritÈt eines einzigen Gelehrten genÝgt,
MÝnchen 1988
K. Bormann, Parmenides. Untersuchungen zu den
um eine Meinung zu billigen, probabel zu ma-
Fragmenten, Hamburg 1971 chen, entgehen die AnhÈnger der Kasuistik je-
H. FrÈnkel, Wege und Formen frÝhgriechischen Den der Pflichtenkollision. Letztlich geht es Pascal
kens, MÝnchen 1955 darum, die so mÚglich scheinende Àberlistung
O. Gigon, Der Ursprung der griechischen Philosophie Gottes und seines Gerichtes abzuweisen. (Wir-
von Hesiod bis Parmenides, 2. Aufl. Basel 1968 kungsgeschichtlich haben die Provinciales fÝr
U. HÚlscher, Parmenides, Vom Wesen des Seienden,
die kirchliche Verurteilung der kasuistischen
Frankfurt/M. 1969
J. Mansfeld, Die Offenbarung des Parmenides und die Theologie mit den Ausschlag gegeben, ebenso
menschliche Welt, Assen 1964 fÝr das Verbot des jesuitischen Ordens durch
K. B. den Papst.)
172 Pascal, Blaise

Zentral fÝr Pascals Gedankengang ist die un- Pascal gibt dem Glauben die zunÈchst seltsam
geheure AbstÈndigkeit des Menschen von Gott, anmutende Gestalt einer Wette. Er, der sich
dessen %Wille nicht in einer bloßen %Analogie selbst als Roulettetheoretiker hervorgetan hat,
zum begrenzten menschlichen gedacht werden zeigt, dass man sich dieser Wette gar nicht ent-
kann. Kein Christ soll sich vormachen, er kÚnne ziehen kann, da es nur die beiden MÚglichkeiten
durch kluges oder gar moralisches Handeln die gibt, darauf zu setzen, Gott als existent oder
Gnade herbeizwingen. Diese GrundÝberzeugung nicht-existent anzunehmen. Das Risiko besteht
ist es, die die ganzen Gedanken (Pens¹es), Pas- in dem, was eingesetzt werden muss, und in der
cals philosophisches Hauptwerk, durchzieht. Sie Ungewissheit des Ausgangs. Der Mensch hat
kÚnnen in all ihrer Vielschichtigkeit unter vier zweierlei zu verlieren: das Wahre und das %Gu-
Themenkreise gebracht werden: 1. Der Mensch te, und zweierlei einzusetzen: Vernunft / Wille
ist ohne Gott elend (misre). 2. GlÝckseligkeit und %Erkenntnis / Seligkeit. Pascals These ist,
des Menschen mit Gott. 3. Dass unsere %Natur dass bei einem Verlust der Wette nichts verloren
verderbt ist. 4. Dass es einen Heiland (r¹para- geht, bei einem Gewinn jedoch alles gewonnen
teur) gibt. Pascal kritisiert den Menschen in sei- wird. Seine Argumentation, die eine Mischung
ner Durchschnittlichkeit auf mehreren Ebenen: aus mathematischer Kalkulation und bekeh-
Im gesellschaftlichen Leben ist er den HinfÈllig- rungshaftem Appell ist, lÈuft daraus hinaus,
keiten der Eigenliebe, des Stolzes und der Eitel- dass es nur eine endliche Zahl von VerlustmÚg-
keit ausgesetzt. Beim Betreiben der Wissen- lichkeiten gibt, die einer Gewinnchance gegen-
schaften enthÝllt sich deren eigene Nichtigkeit. Ýberstehen, die die Unendlichkeit eines unend-
In der Philosophie sind lauter IrrtÝmer, da sie lich glÝcklichen Lebens bedeutet.
die Frage nach der Natur des Menschen nicht Das Paradoxon der GedankenfÝhrung liegt da-
zu lÚsen vermocht hat. rin, dass mit Hilfe der Vernunft dargelegt wer-
So verfolgt Pascal seine These: Nach seinem den soll, auf eben diese Vernunft zu verzichten
Zweck (Gott) ist der Mensch groß und unver- und auf den Glauben zu setzen. Pascal treibt die
gleichlich, nach seinen Lebensgewohnheiten Formulierung auf die Spitze, indem er die zum
(Verwirklichung) ist er verworfen und nichtig. wirklichen Glauben Gekommenen als dumm be-
Es entsteht eine Welt zwischen zwei Extremen, zeichnet. FÝr die moralische Seite der Bekeh-
die sich in der Natur spiegelt im VerhÈltnis des rung wird reklamiert, der GlÈubige werde treu,
unendlich erweiterbaren Raums einerseits und ehrbar, demÝtig, dankbar, wohltÈtig und ein auf-
der unendlichen Teilbarkeit der %Materie ande- richtiger Freund sein; die aber, die weiterhin auf
rerseits. Der Mensch befindet sich in einem Zwi- die Kraft ihrer begrenzten Vernunft setzen, ver-
schen von All und %Nichts, von GrÚße und fallen der Ruhmsucht und den GenÝssen. Bei
Elend. Dabei macht es gerade die GrÚße des der Untersuchung dieser GenÝsse macht Pascal
Menschen aus, dass er in der Lage ist, sein die Entdeckung, dass sie eine gemeinsame Quel-
Elend zu erkennen. Das Elend ist entstanden le haben: die Langeweile (ennui). Um sich ihr zu
durch die ZerstÚrung der Einheit von KÚrper entziehen, geben sich die Menschen der Zer-
und %Geist als Folge des biblisch gedachten streuung (divertissement) hin. Die Langeweile ist
SÝndenfalls. Die Konsequenz, die Pascal daraus der unertrÈglichste aller ZustÈnde, da in ihr das
ziehen muss, lautet: Die Wiedervereinigung der Nichts des Menschen, seine Verlassenheit, seine
menschlichen Extreme kann nur durch Gott ge- UnzulÈnglichkeit, seine AbhÈngigkeit, seine
schehen. Zum Problem wird dabei, dass Gott ra- Ohnmacht, seine Leere empfunden wird. Aus
dikal verborgen bleibt. Die %Vernunft kann hier der Tiefe der Seele steigt die Langeweile unab-
nicht helfen, da sie die Grenzen der natÝrlichen lÈssig auf und mit ihr die Verzweiflung. Poin-
%Ordnung nicht Ýbersteigen kann. Also, so fol- tiert stellt Pascal fest: Das ganze UnglÝck der
gert Pascal, muss der %Glaube als intuitive Menschen beruht auf einer einzigen Ursache:
Kraft eingesetzt werden, um die LÝcke auszufÝl- nicht ruhig in einem Zimmer bleiben zu kÚn-
len. Die MerkwÝrdigkeit bei diesem Unterfangen nen. Um sich aus diesem elenden Zustand he-
ist, dass der Glaube durch Vernunft als notwen- rauszureißen, zerstreuen und verstreuen sie sich
dig bewiesen werden soll. Es muss zunÈchst be- in die verschiedensten AktivitÈten. Alle divertis-
stimmt werden, was der Glaube eigentlich ist. sements werden nicht um der Erreichung eines
Pascal, Blaise 173

angestrebten Zieles wegen gesucht, sondern es Ausdehnung gebunden findet, ohne zu wissen,
ist allein die Buntheit ihres Durcheinanderwir- warum er gerade an diesen Ort gestellt ist, noch
belns, die es erlaubt, Ýber sich nicht nachden- warum die kurze Zeitspanne des Lebens gerade
ken zu mÝssen. diesem Punkt der Ewigkeit zugeordnet ist. Eine
Pascal kritisiert zwar vordergrÝndig das Le- Ewigkeit ist schon voraufgegangen, eine andere
ben der hÚfischen Gesellschaft, die sich in Jagd- wird folgen. Pascal sieht auf allen Seiten nur
vergnÝgen und Billardspielen ergeht, meint aber Unendlichkeiten, die ihn umschließen wie ein
alle Menschen, auch wenn die Zerstreuung bei Atom und einen Schatten, der einen Augenblick
den niederen StÈnden nicht so deutlich zu Tage dauert und nicht wiederkehrt. Einzig gewiss ist
tritt. Doch die Kritik bleibt nicht bei dieser Kon- die Tatsache, einen %Tod sterben zu mÝssen,
statierung stehen. Pascal wendet sich auch ge- von dem man am allerwenigsten weiß, außer
gen die Philosophen, die auf ihre Art versucht dass er unabwendbar ist. Und auch damit ist
haben, sich dem Problem zu stellen. Dazu be- kein Festpunkt erreicht, denn keiner kann im
dient er sich einer von %Augustinus entlehnten Voraus bestimmen, ob er beim Verlassen der
Dreiteilung der Begehrlichkeiten: des Fleisches, Welt ins Nichts oder in die HÈnde eines erzÝrn-
der Augen und des Stolzes, die dem Leib, dem ten Gottes fÈllt. Pascal nimmt die kopernikani-
Geist und dem Willen korrespondieren. Die Stoß- sche Wende ernst, versucht ihr sogar im christli-
richtung der Kritik geht gar nicht so sehr gegen chen Sinne etwas abzugewinnen. Die Abwehr-
die Fleischlichkeit, da sie als Gegner des Glau- haltung der dogmatischen Kirche hatte im helio-
bens nicht fÝr so wichtig erachtet wird. Pascal zentrischen Weltbild eine Verzerrung des gÚtt-
zielt mehr auf den Geist, der der Erkenntnis- lichen SchÚpfungsgedankens gesehen, die den
gegenstand der Neugierigen und der Gelehrten Menschen aus seiner ihm zukommenden Mitte
ist, und auf den Willen, das VermÚgen, das die des Alls vertreibt.
Weisen fÝr ihre Suche nach %Gerechtigkeit in Der Rationalist Pascal kann sich trotz aller
Anspruch nehmen. Denn die Zerstreuungen sind FrÚmmigkeit nicht den Argumenten der neuen
nur ein Weg der Flucht vor der eigenen Leere. Astronomie verschließen. Doch er sieht in der
Auch das In-sich-Gehen der Philosophen – be- EntrÝckung der Erde mit ihren Bewohnern in ei-
sonders der Stoiker – ist nur ein Irrweg, da der ne beliebige Weltgegend gerade eine BestÈtigung
Mensch nicht die StÈrke hat, Ruhe in sich selbst seiner eigenen religiÚsen Àberzeugung. Die aris-
zu finden. Pascal empfindet die BemÝhung der totelisch-ptolemÈische Konstruktion des Geozen-
Philosophen, ein selbst gestaltetes Leben zu fÝh- trismus hatte dem konservativen Klerus inso-
ren, nicht nur als zu schwierig, sondern auch fern in die HÈnde gespielt, als es hier stabile
als eitel und anmaßend. Daraus folgt, dass das WeltverhÈltnisse gibt, die den Menschen zum
GlÝck allein in Gott ist. Genauso unbefriedigt Konzentrationspunkt der gÚttlichen Aufmerk-
zeigt sich Pascal bei der Betrachtung der mathe- samkeit machen. Von daher war es nicht
matischen Wissenschaften, die er selbst so schwer, die Lehre von der andauernden Gnade
grÝndlich wie kaum ein Zweiter studiert hat. zu etablieren, da ein so ausgezeichnetes Wesen
Sie sind dem Menschen nicht gemÈß und dieje- wie der Mensch von vornherein der Zuneigung
nigen, die sich darin auskennen, haben fast kei- des SchÚpfers sicher sein konnte. Hier verklam-
ne MÚglichkeit der Mitteilung. mert Pascal sein von Augustinus bestimmtes
Was bleibt, ist die Erkenntnis der Wider- Denken mit der modernen Naturwissenschaft:
sprÝchlichkeit des Menschen: Einerseits blickt Wenn der Mensch schon in einem Irgendwo des
er in die UnergrÝndlichkeit seiner selbst, ande- unendlichen Universums lebt, warum soll dann
rerseits vermag ihn seine Vernunft nicht aus gerade er die Gewissheit gÚttlicher Gnade besit-
dem Elend seiner Verlassenheit zu ziehen. Ja, je zen? Die Beliebigkeit des Ortes und der Zeit-
mehr Einsicht man hat, desto mehr GrÚße und spanne in der doppelten Unendlichkeit von
Niedrigkeit werden sichtbar. Besonders deutlich Raum und Ewigkeit macht Gott nicht zu einem
wird dies bei der Betrachtung des %Kosmos. berechenbaren Richter, dessen Gnade erwirkt
Pascal erschaudert beim Anblick der furcht- werden kann, sondern bestÈtigt gerade den bib-
baren RÈume des Weltalls, die ihn umschließen, lischen Ausdruck vom ›verborgenen Gott‹ (deus
da er sich an einen Winkel der unermesslichen absconditus). Diesem kann der Mensch mit sei-
174 Peirce, Charles Sanders

ner Vernunft so wenig abringen, dass es einer und SÝnder erlÚsungsbedÝrftig sind. Die Ver-
anderen Instanz bedarf, um nicht in der unend- wirklichung seiner Befreiung besteht in Selbst-
lichen Ausgedehntheit des Alls und der unend- hass und Nachfolge in Leiden und Kreuzestod.
lichen Leere der zerstreuenden AktivitÈten zu In seiner Herzensgewissheit folgert Pascal wei-
ertrinken. Durch die Verborgenheit ist Gott aller ter, dass der Mensch ohne Jesus notwendiger-
metaphysischen Spekulation entzogen. Die Logik weise in Laster und Elend lebt, mit ihm aber da-
der Vernunft reicht nicht hin; so setzt Pascal ihr von frei sei. In seiner radikalen Abkehr von der
die »Logik des Herzens« entgegen, d. h. die uner- Vernunft erklÈrt er, Jesus sei gekommen, um die
schÝtterliche %Gewissheit des Glaubens. Das in Klarsehenden zu verblenden und die Blinden se-
seinem Rockfutter aufgefundene Memorial – ein hend zu machen, die SÝnder zu rechtfertigen
einzelnes Blatt – sagt deutlich, was ihm diese und die Gerechten in ihren SÝnden zu belassen.
bedeutet. Wider alle Vernunft bekennt sich Pas- Die einzige MÚglichkeit, die wahre Ordnung wie-
cal zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. der herzustellen, ist das Mysterium der Buße.
Nicht der bewiesene Gott der Philosophen und Die schroffe Einteilung in Hass gegen sich selbst
Gelehrten ist der Gegenstand seiner Anbetung, und Liebe gegenÝber Gott fÝhrt zu einer Welt-
sondern der sich durch die Schrift bekundende abgewandtheit, wie sie von demjenigen verlangt
Gott, der ihm die Glaubensgewissheit gibt, die wird, der es ertragen muss, allein in seinem
alle Unruhe im Herzen auslÚscht. Zimmer zu sitzen. Pascals unerbittliche Strenge
Der Mathematiker und Rationalist Pascal wird Ýbertrifft jede moralistische %Skepsis gegen-
so zum Interpreten und Kommentator der Bibel. Ýber der %Tugend, wie sie von vielen Philoso-
Dabei argumentiert er historisch: WÈhrend die phen – ob von Augustinus beeinflusst oder nicht
Philosophen sich in die verschiedensten Sekten – vorgetragen worden ist. Der forschende Blick
gespalten haben, finden sich in einem Winkel ins eigene %Ich verfÈllt dem Verdikt der neugie-
der Welt Menschen, die erklÈren, dass die ganze rigen Selbstbespiegelung und ist deshalb nicht
Welt im Irrtum ist, dass Gott ihnen die %Wahr- besser als andere Formen der Zerstreuung. Inso-
heit geoffenbart hat und dass diese Wahrheit fern ist es nicht richtig, in Pascal einen Weg-
immer gÝltig sein wird. Das jÝdische Volk ist so- bereiter der Psychologie zu sehen. Sein Ansatz
mit der Verwalter der Wahrheit, zumal Pascal ist von vornherein schon so auf eine bestimmte
annimmt, dass es sich um das Èlteste der Welt Auslegung der christlichen Lehre gerichtet, dass
handelt. Doch ist damit noch nicht das Ziel er- es ihm fern liegt, die feinen VerÈstelungen der
reicht: Pascal versucht, den unÝberbietbaren menschlichen Seele zu beleuchten. Ihm geht es
Vorrang des Christentums gegenÝber dem jÝdi- allein um das Faktum der inneren Leere, die
schen Glauben und dem Islam darzulegen. Dreh- notwendigerweise der FÝlle der gÚttlichen Gnade
und Angelpunkt wird Jesus in seiner Einzig- bedarf. Die ReligiositÈt wird so zur einzig aner-
artigkeit. Er befreit die Menschen nicht als kennenswerten Lebensweise ohne Ansehung al-
mÈchtiger Herrscher, der in seinem Reiche der ler Tugendhaftigkeit.
Heiligkeit glÈnzt, sondern als ein besonderer KÚ- L. Brunschvicg, Blaise Pascal, Paris 1953
nig: mit dem Glanze seiner Ordnung. Diese Ord- M. Heess, Blaise Pascal, MÝnchen 1977
nung ist die der %Liebe, die unendlich hÚher H. Loeffel, Blaise Pascal, Basel 1987
steht als alle KÚrper, Geister und deren Hervor- E. Montier, Blaise Pascal, DÝsseldorf 1949
bringungen. Aus allen KÚrpern zusammen kann W. Schmidt Biggemann, Blaise Pascal, Paris / MÝnchen
man nicht den kleinsten Gedanken hervorbrin- 1999
A. P.
gen, denn das ist unmÚglich und steht in einer
anderen Ordnung. Genauso wenig kann man
aus allen KÚrpern und Geistern eine Regung der
wahren Liebe erzeugen; das ist unmÚglich und Peirce, Charles Sanders (1839–1914): Gebo-
steht in einer anderen Ordnung. Die Konsequen- ren am 10. 9. in Cambridge/Mass., gestorben am
zen, die Pascal daraus zieht, sind hart: Jesus hat 19. 4. in Milford/Pa. Peirce gilt als einer der
die Menschen darÝber aufgeklÈrt, dass sie in Ei- wichtigsten Philosophen seiner Zeit. Zwar ist er
genliebe verstrickt sind, als Sklaven ihrer Lei- hauptsÈchlich als BegrÝnder des philosophi-
denschaften leben, und daher als Blinde, Kranke schen %Pragmatismus bekannt geworden, aber
Peirce, Charles Sanders 175

er hat daneben auch bedeutende physikalische reichbar ist. Der Grund dafÝr liegt in Peirces
und logische Untersuchungen durchgefÝhrt. Bei- Fallibilismus, wonach sich jede fÝr wahr gehal-
spielsweise befasste er sich mit der %empiri- tenen Aussage im Zuge weiterer Untersuchun-
schen Bestimmung der Gravitationskonstanten, gen als falsch herausstellen kann. Es kann da-
fÝhrte Morgans Relationenlogik weiter und ent- her keine Aussagen geben, deren %Wahrheit ab-
wickelte unabhÈngig von %Frege ebenfalls die solut gesichert ist, und die mit Recht als gewiss
Quantorenlogik. Im Mittelpunkt von Peirces phi- angesehen werden kÚnnen. Aus diesem Grund
losophischem Interesse stehen erkenntnistheo- ist es prinzipiell nicht mÚglich zu entscheiden,
retische Fragen, die die Erkennbarkeit der ob man die wahre Gesamttheorie erreicht hat
%RealitÈt und die allgemeine GÝltigkeit des syn- oder nicht. Peirce wendet sich damit gegen Des-
thetischen Schließens betreffen. cartes’ Auffassung, dass %Wissen %Gewissheit
In den Illustrations of the Logic of Science voraussetzt. Stattdessen vertritt er im Rahmen
(1877/78) unterscheidet er zwischen %Zweifel seines kritischen commonsensism die Position,
und Àberzeugung als den beiden GrundzustÈn- dass wir nicht nach Wissen streben sollen, an
den, in denen sich Erkenntnissubjekte befinden dem kein Zweifel mÚglich ist, sondern dass wir
kÚnnen. Der Zweifel ist Peirce zufolge der Aus- uns um Àberzeugungen bemÝhen sollen, die un-
gangspunkt jeder Untersuchung. Die Funktion sere gegenwÈrtigen Zweifel beseitigen, die wir
des %Denkens soll darin bestehen, diesen Zu- aber jederzeit erneuten Tests unterziehen und
stand zu beenden und den Zustand der Àberzeu- kritisch reflektieren kÚnnen.
gung herbeizufÝhren. Allerdings kann laut Peir- Die Konzeption der wahren Gesamttheorie
ce nur ein wirklicher und lebendiger Zweifel der RealitÈt als idealem Konvergenzpunkt aller
zum Anlass fÝr Untersuchungen werden. Er ForschungsbemÝhungen wird von Peirce zum ei-
lehnt daher die von %Descartes mit der Theorie nen dazu verwendet, um das Kriterium fÝr die
des methodischen Zweifels vertretene Auffas- Wahrheit von %Aussagen zu definieren. Danach
sung ab, dass dazu bereits die bloße MÚglichkeit ist eine Aussage genau dann wahr, wenn sie Be-
des Zweifels ausreichen soll. standteil der idealen Gesamttheorie ist. Da Peir-
Peirce untersucht verschiedene Methoden zur ce ein kumulatives Modell des wissenschaftli-
Festlegung von Àberzeugungen und kommt zu chen Fortschritts zugrunde legt, wird mit die-
dem Ergebnis, dass ein Verfahren, das er als sem Kriterium nicht ausgeschlossen, dass wir
»Methode der Wissenschaft« bezeichnet, am bes- bereits in der Gegenwart Ýber wahre Aussagen
ten geeignet ist, weil allein diese %Methode da- verfÝgen kÚnnen. Zum anderen zieht er die Kon-
zu in der Lage sein soll, langfristig stabile Àber- zeption der idealen Gesamttheorie auch zur Be-
zeugungen einzurichten. Das Hauptmerkmal der stimmung des RealitÈtsbegriffs heran. Demzufol-
Methode der Wissenschaft besteht darin, dass ge ist eine %EntitÈt genau dann real, wenn ihre
Àberzeugungen an der RealitÈt getestet werden. RealitÈt im Rahmen der idealen Gesamttheorie
Diese Methode ist daher dadurch gekennzeich- behauptet wird. Peirces %Erkenntnistheorie ist
net, dass sie die Annahme einer von den Àber- unter anderem in dem Punkt von den Theorien
zeugungen einzelner Erkenntnissubjekte unab- %Berkeleys und %Kants beeinflusst, dass er
hÈngigen und prinzipiell erkennbaren RealitÈt ebenso wie sie die Annahme prinzipiell uner-
voraussetzt. Da es Peirce zufolge keine vernÝnf- kennbarer realer EntitÈten ablehnt. Indem er die
tige Alternative zur Methode der %Wissenschaft Annahme einer prinzipiell erkennbaren RealitÈt
gibt, folgert er, dass man die mit ihr verbundene als notwendige Voraussetzung der Methode der
RealitÈtskonzeption akzeptieren muss. Weiterhin Wissenschaft rechtfertigt, verfÝgt er Ýber ein Ar-
argumentiert Peirce dafÝr, dass die Anwendung gument gegen die Annahme solcher unerkenn-
der Methode der Wissenschaft langfristig zur barer Dinge an sich.
Konvergenz der Àberzeugungen einzelner Er- Peirce unterscheidet beispielsweise in den
kenntnissubjekte fÝhrt und dass der Konver- Harvard- und Lowell-Vorlesungen (1865/66) drei
genzpunkt dieser Entwicklung die wahre Ge- Schlussformen, die er als %Deduktion, %Induk-
samttheorie der RealitÈt ist. Diese Theorie ist al- tion und %Abduktion (bzw. Hypothese) bezeich-
lerdings ein Ideal, an das man sich zwar belie- net. Von diesen sind vor allem die beiden letzt-
big annÈhern kann, das aber selber nicht er- genannten synthetischen Schlussformen fÝr die
176 Peirce, Charles Sanders

empirischen Wissenschaften von Bedeutung, ves Schließen auf lange Sicht selbstkorrigierend
weil nur mit ihrer Hilfe Wissen Ýber die RealitÈt ist.
erworben und begrÝndet werden kann. Induktio- Die zentrale Fragestellung der ontologischen
nen sind %SchlÝsse von singulÈren Aussagen Àberlegungen von Peirce ist die Frage nach den
wie zum Beispiel ›x ist ein Schwan und weiß‹ metaphysischen Grundlagen der Naturwissen-
und ›y ist ein Schwan und weiß‹ auf allgemeine schaften. Mit der Frage, welche metaphysischen
Aussagen wie ›Alle SchwÈne sind weiß‹. Beim Annahmen zugrunde gelegt werden mÝssen, da-
abduktiven Schließen wird ausgehend von einer mit naturwissenschaftliche Forschung als ein
einzelnen Beobachtung wie beispielsweise ›So- sinnvolles Unternehmen angesehen werden
krates kann sprechen‹ und einer allgemeinen kann, befasst er sich besonders ausfÝhrlich in
GesetzmÈßigkeit wie ›Alle Menschen kÚnnen einer Reihe von AufsÈtzen in der Zeitschrift The
sprechen‹ auf einen hypothetischen Grund (oder Monist (1891/92). Er argumentiert dort dafÝr,
eine Ursache) wie zum Beispiel ›Sokrates ist ein dass empirische Untersuchungen beispielsweise
Mensch‹ geschlossen. Abduktion ist also das, die RealitÈt allgemeiner GesetzmÈßigkeiten und
was in der Wissenschaftstheorie als ›Schluss auf natÝrlicher Arten implizit voraussetzen und
die beste ErklÈrung‹ bezeichnet wird. dass daher die RealitÈt solcher abstrakter Gegen-
Im Unterschied zu deduktiven SchlÝssen, die stÈnde bzw. Universalien angenommen werden
nicht gehaltserweiternd und daher wahrheits- muss.
konservierend sind, gilt fÝr induktive und ab- Peirces ontologische Position ist wesentlich
duktive SchlÝsse, dass sie gehaltserweiternd durch die Auseinandersetzung mit der scholasti-
sind (d. h. die Konklusionen solcher syntheti- schen Philosophie und insbesondere mit der
scher SchlÝsse machen Aussagen Ýber grÚßere Konzeption von Duns Scotus geprÈgt, von dem
Gegenstandsbereiche als die ihnen zugrunde lie- er die These Ýbernimmt, dass zwischen Univer-
genden PrÈmissen) und daher nicht wahrheits- salien und konkreten, individuellen EntitÈten
konservierend sein kÚnnen. Induktive und ab- kein realer, sondern ein formaler Unterschied
duktive SchlÝsse kÚnnen deshalb auch dann zu besteht. Das heißt, die Unterscheidung zwischen
falschen Konklusionen fÝhren, wenn sie formal Universalien und Individuen beschreibt keine
korrekt durchgefÝhrt werden. Damit stellt sich Differenz zwischen grundsÈtzlich verschiedenen
fÝr Peirce die Frage, auf welche Weise gerecht- Typen von EntitÈten. Stattdessen wird Peirce
fertigt werden kann, dass es trotzdem rational und Duns Scotus zufolge mit dieser Unterschei-
ist, induktive und abduktive SchlÝsse zum Er- dung beschrieben, in welcher Beziehung be-
werb und zur BegrÝndung empirischen Wissens stimmte EntitÈten zum menschlichen Geist ste-
in Anspruch zu nehmen. Im Unterschied zu hen. Wenn sie aktuell GegenstÈnde der Erkennt-
%Hume, der sich allein mit dem induktiven nis sind und in diesem Sinne als ›im Geist be-
Schließen befasst, geht es Peirce nicht um die findlich‹ angesehen werden, dann existieren En-
Frage, ob es einen Grund fÝr die allgemeine titÈten nur als etwas %Allgemeines bzw. als
GÝltigkeit der synthetischen Schlussformen In- Universalien. Denn laut Peirce kann der %Geist
duktion und Abduktion gibt. Vielmehr setzt er nur Allgemeines vorstellen, weil er ausschließ-
voraus, dass es einen solchen Geltungsgrund lich mit allgemeinen %Zeichen operiert. Mit Be-
gibt, und es geht ihm allein darum, diesen zug auf Eigenschaften bedeutet dies, dass bei-
Grund zu identifizieren. Die Frage nach diesem spielsweise Eigenschaften als vorgestellte Eigen-
Geltungsgrund wird von Peirce allerdings in ver- schaften nur als etwas Allgemeines wie ›RÚte‹
schiedenen AnsÈtzen unterschiedlich beantwor- existieren kÚnnen. Wird bei EntitÈten hingegen
tet. WÈhrend er sich dazu in den frÝheren und von ihrer Beziehung zum Geist abstrahiert, und
mittleren Arbeiten hauptsÈchlich auf seine Rea- existieren sie in diesem Sinne ›außerhalb des
litÈtskonzeption stÝtzt und behauptet, dass wir Geistes‹, dann kÚnnen sie nur als Individuen
im Zuge der Anwendung der Methode der Wis- real sein. Außerhalb des Geistes kÚnnen Eigen-
senschaft gar nicht umhin kÚnnen, eine mit Hil- schaften demnach nur als konkrete Instanzen
fe der synthetischen Schlussformen erkennbare wie beispielsweise als ein individuelles Rot real
RealitÈt anzunehmen, stÝtzt er sich in spÈteren sein. Peirces universalienrealistische Ontologie
Arbeiten vor allem auf die These, dass indukti- steht daher nicht nur in Beziehung zu seinen
Peirce, Charles Sanders 177

Àberlegungen Ýber die metaphysischen Voraus- zung mÚglich ist. Aus diesem Grund behauptet
setzungen der Wissenschaften, sondern ihr lie- Peirce, dass Kopien zwar bestimmte PrÈdikate
gen ebenfalls Annahmen seiner Theorie des konnotieren, aber keine bestimmten Dinge deno-
Geistes zugrunde. tieren. Kopien sind daher Zeichen, die hinsicht-
Seine zeichentheoretische Konzeption des lich der ersten Grundrelation degeneriert sind.
Geistes entwickelt Peirce in kritischer Auseinan- b) Indexikalische Zeichen sind ReprÈsentatio-
dersetzung mit der Position von Descartes. Ers- nen, die nur aufgrund konventioneller Fest-
tens bestreitet Peirce die MÚglichkeit jeder Form legung Objekte reprÈsentieren. Zu diesen Zei-
introspektiven Wissens Ýber die eigenen menta- chen zÈhlt Peirce beispielsweise intensionslose
len ZustÈnde. Stattdessen vertritt er die These, Individuenkonstanten wie Eigennamen. Indexi-
dass generell Annahmen Ýber mentale EntitÈten kalische Zeichen denotieren daher Objekte, aber
und ZustÈnde ausschließlich als %Hypothesen sie konnotieren keine %PrÈdikate. Sie sind da-
zur %ErklÈrung intersubjektiv zugÈnglicher her hinsichtlich der zweiten Grundrelation dege-
PhÈnomene wie beobachtbarem Verhalten auf- neriert. c) %Symbole sind begriffliche ReprÈsen-
gestellt werden dÝrfen. Im Unterschied zu Des- tationen, zu denen Peirce %Begriffe, %Aus-
cartes behauptet Peirce daher, dass empirisches sagen und %Argumente rechnet. Symbole zeich-
%Selbstbewusstsein nicht auf Introspektion, nen sich gegenÝber den beiden anderen Zei-
sondern auf der Beobachtung des eigenen Ver- chentypen dadurch aus, dass bei ihnen alle drei
haltens beruht. Zweitens lassen sich laut Peirce Grundrelationen voll entwickelt sind. Sie reprÈ-
alle kognitiven Prozesse als Folgen von SchlÝs- sentieren Objekte, indem durch ihre Bedeutung
sen beschreiben. Drittens soll alles Denken an (%Intension) festgelegt wird, welche Objekte zu
Zeichen gebunden sein. Da sich Zeichen nach ihrem Umfang (%Extension) gehÚren.
Peirces Konzeption prinzipiell nur durch die Zum BegrÝnder des Pragmatismus wurde
Vermittlung anderer Zeichen: ihrer Interpretan- Peirce durch die »pragmatische Maxime«, die er
ten, reprÈsentierend auf Objekte beziehen kÚn- zum ersten Mal in dem Aufsatz How to Make
nen, folgt daraus, dass sich auch das Denken Our Ideas Clear (1878) formulierte. Bekanntheit
grundsÈtzlich nicht direkt, sondern nur vermit- erlangte diese Maxime vor allem durch die po-
telt auf die bewusstseinsexterne Wirklichkeit be- pulÈre Interpretation von %James. Peirce stellt
ziehen kann. mit der pragmatischen %Maxime ein Kriterium
Jedes Zeichen bzw. jede ReprÈsentation weist zur Identifikation der Bedeutung von Begriffen
nach Peirce (in degenerierter oder nicht degene- auf, das allerdings mehrdeutig ist. Es ist am
rierter Form) die folgenden drei Grundrelationen plausibelsten, die erste Version der pragmati-
auf: 1. Jedes Zeichen steht fÝr bestimmte ReprÈ- schen Maxime im Sinne eines empiristischen
sentationsobjekte. 2. Jedes Zeichen reprÈsentiert Bedeutungskriteriums zu interpretieren, wonach
Objekte in inhaltlich bestimmter Hinsicht. 3. Je- man die Bedeutung eines Begriffes vollstÈndig
des Zeichen bezieht sich auf ein anderes Zei- erfasst hat, wenn man weiß, auf welche sinnlich
chen, das sein Interpretant ist. Aufgrund dieser wahrnehmbaren Eigenschaften er sich bezieht.
drei Grundrelationen ist ReprÈsentation eine In spÈteren Versionen vertritt Peirce die Positi-
dreistellige Relation: Ein Zeichen reprÈsentiert on, dass man gemÈß der pragmatischen Maxime
ein Objekt (1) als etwas Bestimmtes (2) fÝr ein die Bedeutung eines Begriffs vollstÈndig kennt,
interpretierendes Zeichen bzw. Interpretanten wenn man weiß, welche Handlungsregeln dieser
(3). Peirce unterscheidet grundsÈtzlich drei Ty- Begriff involviert. Aber auch hier gibt es zwei
pen von Zeichen: a) Kopien sind bildhafte bzw. konkurrierende Interpretationen. Diese unter-
ikonische ReprÈsentationen, die ihre Objekte scheiden sich hinsichtlich der Beschreibung der
aufgrund von •hnlichkeitsrelationen reprÈsen- betreffenden Handlungsregeln. GemÈß der ope-
tieren, die zwischen der ReprÈsentation und rationalistischen Interpretation bestehen die
dem ReprÈsentationsobjekt bestehen. Kopien re- Handlungsregeln in experimentellen Anleitun-
prÈsentieren kein bestimmtes Objekt, sondern gen zur Herstellung wahrnehmbarer PhÈnome-
alle mÚglichen Objekte, weil alle in unterschied- ne. Um die Bedeutung eines Begriffs P zu identi-
lichem Grad in •hnlichkeitsbeziehungen zuei- fizieren, ist es danach erforderlich, als Hand-
nander stehen und damit keine scharfe Abgren- lungsregeln konditionale Aussagen des folgen-
178 Platon von Athen

den Typs aufzustellen: Wenn man auf den Ge- GesprÈche enden in der %Aporie, wenngleich
genstand x, auf den das PrÈdikat P zutrifft, eine Hinweise auf die richtige LÚsung nicht fehlen.
Handlung vom Typ H ausÝbt, dann kann als Fol- An manchen Stellen zeigt sich, dass nicht Weni-
ge dieser Handlung wahrgenommen werden, ges im Ansatz vorweggenommen ist, was spÈter
dass p. (p bezeichnet in diesem Zusammenhang ausgestaltet wird. Das gilt auch fÝr die Ideenleh-
ein wahrnehmbares Ereignis, dessen Eintreten re, die fÝr alle seine Schriften charakteristisch
als Folge bestimmter Handlungen erwartet ist. Breiten Raum nimmt in Platons frÝhen Dia-
wird.) Man kennt demnach zum Beispiel die Be- logen die Auseinandersetzung mit den %Sophis-
deutung des Begriffs ›hart‹, wenn man weiß, ten ein. Da diese sich fÝr ihre LehrtÈtigkeit be-
welche Effekte beobachtet werden kÚnnen, wenn zahlen lassen, wirft Platon ihnen vor, sie seien
man harte GegenstÈnde bestimmten HÈrtetests eine Art von HÈndlern und verkauften GÝter,
unterzieht. Hingegen muss man nach der prakti- von denen sich die %Seele nÈhrt; das angeb-
kalistischen Interpretation zur Identifikation der liche Wissen, das sie ihren SchÝlern vermitteln
Bedeutung eines Begriffs P als Handlungsregeln wollten, sei Scheinwissen; zudem hÈtten die So-
konditionale Aussagen der folgenden allgemei- phisten kein Interesse an der Wahrheitsfindung,
nen Form aufstellen: Wenn man will, dass p, seien deshalb zu einem philosophischen Ge-
dann muss man mit einem Gegenstand x, auf sprÈch untauglich und verwendeten die Rhetorik
den das PrÈdikat P zutrifft, eine Handlung vom ausschließlich zum persÚnlichen Vorteil. Philoso-
Typ H ausÝben. (p bezeichnet hier einen inten- phie hingegen bedeutet Streben nach Einsicht in
dierten Sachverhalt.) Danach kennt man die Be- das, was ist. Unter dem, was ist, oder dem Sei-
deutung des Begriffs ›hart‹, wenn man weiß, enden sind nicht die GegenstÈnde der Sinnes-
welche Ziele mit Hilfe harter GegenstÈnde reali- wahrnehmung zu verstehen; %Sein bedeutet bei
siert werden kÚnnen. Die Bedeutung von Begrif- Platon ebenso wie bei %Parmenides ›unver-
fen lÈsst sich nach dieser Interpretation auch Ènderlich bestehen‹. Zu diesem unverÈnderlich
unter Bezug auf Handlungsregeln bestimmen, Bestehenden dringen wir niemals mit Hilfe der
die fÝr die LebensfÝhrung relevant sind. Sinneswahrnehmung vor, sondern nur durch in-
C. Hookway, Peirce, London / New York 1985
tuitive Vernunfteinsicht, die sich von der Sin-
F. Kuhn, Ein anderes Bild des Pragmatismus, Frank neswahrnehmung und allen Begierden und Af-
furt/M. 1996 fekten des Leibes freimacht. Befreiung der Seele
K. Oehler, Charles Sanders Peirce, MÝnchen 1993 vom %Leib ist Sterben. Philosophie als Streben
R. Sch: nach Seinserkenntnis ist also Streben nach dem
%Tod. Solange die Seele mit dem Leib verbun-
den ist, sind wir zwar der %Erkenntnis des Sei-
Platon von Athen (427 bis 348/347): Schloss enden am nÈchsten, wenn die Seele soweit wie
sich wohl 407 %Sokrates an, der mit Ausnahme mÚglich die Gemeinschaft mit dem Leib aufgibt;
der Gesetze in allen Werken Platons am Ge- aber die mit dem Leib vereinigte Seele kann
sprÈch mehr oder weniger beteiligt ist. Die sich, solange sie mit dem Leib vereinigt ist, nie
Schriften, zu denen die Referate Ýber Platons in- so auf sich zurÝckziehen, dass die Gemeinschaft
nerakademische VortrÈge (= Ungeschriebene Leh- mit dem Leib nicht mehr besteht. VÚllige Er-
ren) eine wichtige ErgÈnzung darstellen, weil sie kenntnis des Seienden ist erst dann mÚglich,
Aufschluss Ýber Platons Prinzipienlehre gewÈh- wenn die Seele nicht mehr mit dem Leib ver-
ren, wenden sich an ein gebildetes Publikum einigt ist, d. h. nach dem physischen Tod. Hie-
und wollen zur philosophischen Problematik raus darf nicht gefolgert werden, der Philosoph
und Lebensweise hinfÝhren, was mit sich bringt, solle sich selbst umbringen, um die erstrebte
dass Platon von seinen Lehren jeweils nur soviel Vernunftschau mÚglichst schnell zu erlangen.
vortrÈgt, wie fÝr sein Vorhaben erforderlich ist. Dass die Seele in den Leib gleichsam eingeker-
Die Hauptthemen der frÝhen Schriften bilden kert ist, beruht auf einer Ýbermenschlichen, ei-
Fragen nach dem Wesen der ethischen Vortreff- ner gÚttlichen VerfÝgung; daher muss sie so lan-
lichkeit (arete) und ihrer Lehrbarkeit. Zu einer ge im KÚrper verweilen, bis die GÚtter verfÝgen,
positiven Beantwortung kommt es nicht; falsche dass sie aus ihm befreit wird. Philosophie als
Begriffsbestimmungen werden abgelehnt, die Streben nach dem Tod ist zugleich Streben nach