Sie sind auf Seite 1von 10

Phänomenal Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie 71

Kognitive Verhaltenstherapie und Gestalttheoretische


Psychotherapie - Ein Vergleich
Michael Prinz (Wien)

Zusammenfassung
Das landläufige Bild von Verhal-
tenstherapie ist immer noch vom
Behaviorismus und von der frühen
kognitiv behavioralen Therapie der
1970er und 80er Jahre geprägt. Oft
haften diesen Bildern noch ent-
sprechende Vorurteile an, die wohl
auch ihre Berechtigung hatten -
einst. Ein Blick in neuere Konzepte
kann aufklären und zeigt, mit wel-
cher Offenheit die KVT Ideen einge-
meindet hat, die nicht nur aus einer
stringenten Weiterentwicklung ko-
gnitiv behavioraler Konzepte stam-
men, sondern die auch einer eklek-
tizistischen Tradition zu verdanken
sind. Mitunter erstaunt es, wie
nahe sie heute den Ansätzen steht,
die sich in manchen Aspekten einst
als ihre Antagonisten verstanden.

Zwei Ansätze wie die der Verhal- genüberstellung kaum möglich ist, ellen naturwissenschaftlichen Pa-
tenstherapie und der Gestalttheo- ohne die Werdensgeschichte zu radigmas neu zu betrachten; ein
retischen Psychotherapie in Ver- berücksichtigen und sich bewusst Paradigma, das von Charakteristika
gleich zu stellen, ist ein Unterfan- zu sein, von welchem Punkt der gekennzeichnet war wie: Verifikati-
gen, das von viel Abwechslung ge- Entwicklung aus man das konzep- on durch das Laborexperiment, Be-
kennzeichnet ist. Einmal zeigen sich tuelle Inventar betrachtet. schränkung auf direkt und objektiv
Bilder von konträrer Gegensätzlich- Die wissenschaftlichen Ansät- Beobachtbares (empiristisch), ana-
keit, ein anderes Mal erscheinen ze, auf die sich die beiden Thera- lytisch-abstraktes, ursachenbezo-
Aspekte fast deckungsgleich. piemethoden berufen, waren ur- genes Denken und Rückgriff auf ge-
Das verwundert nicht, wirft man sprünglich als Erneuerungsbewe- sichertes Wissen im Sinne des Po-
nur einen Blick auf den Ausgangs- gung angetreten. Die Pawlow- sitivismus. Damit war auch ein Ver-
punkt, von dem aus sie jeweils ih- Bechterew´sche Reflexologie und such unternommen, die Psycholo-
ren Anfang genommen haben, so- der Watson-Skinner‘sche Behavio- gie aus der Domäne der Philoso-
wie auf die Kontinuität und den rismus können als Versuch angese- phie zu führen und als Naturwis-
Hintergrund ihrer Entwicklung. hen werden, die Psychologie auf ei- senschaft zu emanzipieren. Aller-
Klar wird jedenfalls, dass eine Ge- nem Fundament des damals aktu- dings war genau dieses Paradigma

Die Rubrik Begegnung und Diskussion dient dem „Blick über den Tellerrand“ der Gestalt­theoretischen Psychotherapie im
engeren Sinn. Sie ist Beiträgen zum Kennen lernen neue­rer Entwicklungen in anderen Psychotherapiemethoden und der
Diskussion von Gemein­sam­keiten, Unterschieden und Integrationsmöglichkeiten von Ansätzen der Gestalttheoreti­schen
Psychotherapie und anderen psychotherapeutischen Methoden gewidmet.
72 1-2/2013 Begegnung und Diskussion

in einigen der naturwissenschaft- sie sollten empirisch bewährt sein. Es war offenbar überfällig, dem In-
lichen Disziplinen selbst, vor al- Die Verhaltenstherapie verstand nenleben des Menschen eigen-
lem der Physik, bereits im Begriffe, sich also von da an als die Anwen- ständige Organisiertheit zuzuden-
durch neuere Modelle in Frage ge- dung psychologisch gesicherten ken. Der Behaviorismus hatte die-
stellt und abgelöst zu werden. Wissens, „alles, was nachweislich ses Innenleben als Black-Box abge-
wirkt“ (Frederick Kanfer). tan, weil es sich ja der direkten Be-
Die Gestalttheorie wandte sich teils
implizit, teils offen gegen das natur- Das Menschenbild der VT war an- obachtung entziehe.
wissenschaftliche Paradigma des fangs, also zu Beginn des 20. Jahr- Der nun mit individueller Kogniti-
19. Jahrhunderts in der Psycho- hunderts, vom ideologischen Be- on ausgestattete Mensch war nun
logie, das von Seiten der Gestalt- streben geprägt, alle psycholo- nicht mehr einer, der ausschließ-
theoretiker oftmals mit Attributen gischen Phänomene letztlich auf lich physiologisch auf Reize von au-
wie „atomistisch“, „mechanistisch“, physiologische Vorgänge zurück- ßen reagiert, sondern der die auf
„assoziationistisch“ belegt wurde. führen zu wollen. Die Folge war ein ihn einströmenden Reize auf der
Sie suchte eine konsistente Stellung Mensch als komplexer, von Refle- Grundlage seiner Kognition erst
zwischen der kategorischen Ableh- xen bestimmter Apparat, dem kei- einmal „interpretiert“ und dann in
nung des Experiments als Mittel ne wirkliche Selbstbestimmung zu- der Folge verschiedene Möglich-
der Erschließung des menschlichen erkannt wurde. keiten und damit Freiheiten hat, zu
Bewusstseins auf der einen Seite, Je radikaler der Mensch aber auf reagieren.
für die die Philosophen Edmund diese Weise betrachtet wurde, Plötzlich wurden nicht mehr „ob-
Husserl (1859-1938) und Wilhelm umso mehr verstrickte man sich in jektive“ Ereignisse aus der Umwelt
Windelband (1948-1915) standen, Widersprüchlichkeiten. Auch die als Auslöser eines menschlichen
und dem rigiden Allein-Geltungs- ethischen Implikationen führten in Reagierens angesehen, sondern
anspruch empirisch-experimen- bedenkliche Richtungen. Metzger vielmehr die kognitiven Repräsen-
tellen Wissensgewinns auf der an- fasste seine diesbezügliche Kritik tationen dieser Umwelt. Hand-
deren Seite, wie ihn der Behavio- am Behaviorismus mit den Begrif- lungsentscheidungen konnten als
rismus vertrat. So hätten die Aus- fen „Beliebigkeitssatz“ (Man kön- antizipatorisch kontrolliert ange-
gangspunkte für die später auf die- ne den Menschen beliebig formen sehen werden, d.h. das bewusste
sen Ansätzen gründenden Thera- bzw. dressieren, sofern man ihn nur Vorausbedenken der Konsequen-
pieverfahren VT und GTP nicht ge- entsprechend konditioniert) und zen des eigenen Handelns geht ins
gensätzlicher sein können. „Grundsatz der natürlichen Unord- Kalkül ein, kann Teil der Handlungs-
Die Verhaltenstherapie stellt sich in nung“ (Auf den Menschen müsse planung werden. Begriffe wie Be-
rückblickender Perspektive als eine Zwang ausgeübt werden, um ihn wusstheit, Einsicht, Zielsetzung,
Strömung dar, die immer wieder vor chaotischer Entwicklung zu be- Selbstbeobachtung, Selbststeue-
von tiefgreifenden Veränderun- wahren) in eine pointierte Form. rung und Selbstkontrolle hielten
gen geprägt war und die heute ein (Metzger 1945/2001, 96ff, 199ff) Einzug in die VT.
heterogenes Bündel von Behand- Schließlich fiel die Spitze der be- Die Tragweite dieser konzeptuel-
lungstechniken bildet. Das liegt si- havioristischen Betrachtungsweise len Veränderung ist kaum zu über-
cherlich zu einem Gutteil an einer des Menschen zeitlich mit der Ab- schätzen und entspricht einer weit-
Tradition des Umgangs mit der In- kehr vieler Psychologen von dersel- gehenden Annäherung an ein Men-
tegration von Methoden und Tech- ben zusammen. Burrhus Frederik schenbild, das der Selbstorganisa-
niken unterschiedlichster Prove- Skinner (1904-1990) unternahm im tion und dem Phänomenalen viel
nienz. Arnold Lazarus mag in den Jahr 1957 mit seinem Buch „Verbal höheren Stellenwert einräumt.
Siebziger Jahren des vorigen Jahr- Behavior“ den Versuch, die Ent-
hunderts mit seinem offen vertre- wicklung der menschlichen Spra- Für Hans-Jürgen Walter war dieser
tenen Postulat eines „technischen che behavioristisch zu erklären. Zeitpunkt des Abgehens der Ver-
Eklektizismus“ als Markstein dieser Ein darauffolgender Disput mit haltenstherapie vom Absolutheits-
radikalen Öffnung des ursprüng- dem Sprachwissenschaftler Noam anspruch des Behaviorismus der
lich doch sehr dogmatisch gepfleg- Chomsky (1928-), der vielen seit- Moment, ab dem eine ernsthafte
ten Behaviorismus stehen. Zum her als Widerleger des Behavioris- inhaltliche Diskussion zwischen der
Wohle des Patienten sollten fort- mus gilt, wird oft als Initialzündung VT und der Gestalttheorie möglich
an alle Techniken ungeachtet ihrer der sogenannten „kognitiven Wen- wurde. (Walter & Pauls 1981)
Herkunft zu Verfügung stehen, un- de“ angesehen.
ter einer einzigen Voraussetzung:
Phänomenal Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie 73
Als die drei bekanntesten Ausrich- nen Marvin Goldfried, Michael Ma- - eine Orientierung am Leitbild der
tungen der kognitiven Verhaltens- honey, Albert Bandura, Aaron T. integrativen psychologischen Psy-
therapie der 1970er Jahre gelten Beck, Donald Meichenbaum und chotherapie unter Überwindung
die kognitive Therapie von Aaron auch Albert Ellis - führte sukzessi- von Rivalität mit behavioristischen,
Beck (1979), die kognitive Verhal- ve in die Richtung einer integrati- humanistischen und psychodyna-
tensmodifikation nach Michael ven Psychotherapie. Im Zuge die- mischen Orientierungen.
Mahoney (1974) und Donald Mei- ser Entwicklung sind markante Ab- Vor allem die ersten drei Punkte
chenbaum (1977) und die Rational- stufungen auszumachen. Bergh verweisen auf Strömungen mit ei-
Emotive Therapie von Albert Ellis & Eelen sprachen 1984 von einer ner so genannten „narrativ-ent-
(1962)1. zweiten kognitiven Revolution zu- wicklungskonstruktivistischen“
In den folgenden Jahrzehnten der gunsten unbewusster kognitiver Grundlegung, die im Übrigen auch
1980er und 90er Jahre erfolgten Prozesse. Carmin & Dowd orteten auf andere Therapieschulen ihren
Weiterentwicklungen, deren Stel- schon 1988 ein sich abzeichnendes Einfluss ausübten und daher als ein
lenwert unterschiedlich gewichtet konstruktivistisches Paradigma. neues Paradigma in der Psychothe-
wird. Nach einer Übersicht von Scholz rapie gelten. Darauf wird noch zu-
Die Einbeziehung des „Prinzips der (2002, 31) kam es zu folgenden Ver- rückzukommen sein.
Achtsamkeit“ als Instrument der änderungstendenzen: Angesichts dieser vielen inhaltli-
sensibilisierten Selbstwahrneh- - eine neue Blickrichtung weg von chen Neuorientierungen der KVT
mung sowie der dialektische Zu- der Problemzentriertheit hin zu erscheint es tatsächlich schwierig,
gang zu einem Bedingungs- und Än- Entwicklungsförderung sich ein eindeutiges Bild von ihr zu
derungsgefüge, das auf dem „Prin- - ein Abwenden von rationalisti- machen. Grawe, Donati und Bern-
zip der Polarität“ basiert, brachten schen hin zu konstruktivistischen auer traten daher 1994 dafür ein,
die dialektisch-behaviorale The- Ansätzen die als anachronistisch angesehe-
rapie (DBT) hervor (Marsha Line- ne Bezeichnung „Verhaltensthera-
han, 1993). In Zusammenhang mit - ein Abgehen von einem logikorien- pie“ durch „kognitiv behaviorale
der schnellen Ausbreitung der DBT, tierten Informationsverarbeitungs- Therapien“ zu ersetzen und damit
nicht nur als Behandlungsmetho- ansatz zu einem narrativen Modell der Vielfalt der Ansätze Rechnung
de für Patienten mit der Diagno- kognitiver Prozesse, zu tragen. (Grawe et al. 1994)
se Borderline Personality Disorder, - eine Entwicklung von logozen- Es soll nun eine Gegenüberstellung
sondern auch weit darüberhinaus, trisch beschränkten Konzeptionen der kognitiv behavioralen Thera-
sprach man nach kurzem Zögern, zur Berücksichtigung von Verkörpe- pien und der Gestalttheoretischen
ob die DBT denn überhaupt als ver- rung und Leibhaftigkeit kognitiver Psychotherapie bezüglich verschie-
haltenstherapeutisch einzuordnen Prozesse (embodiment) sowie der dener therapiegestaltender Para-
sei, schließlich von einer „dritten Interaktion zwischen biologischen meter unternommen werden.
Welle“ der Verhaltenstherapie (Bo- und sozialen Einflüssen.
hus 2006, 229). So neu die oben- Weltbild und Menschenbild
- eine Zunahme der Bedeutung un-
genannten Aspekte der Achtsam-
bewusster Prozesse, Die durchgehende Betrachtung des
keit und des Polaritätsprinzips für
die VT waren, so konservativ griff - eine Aufwertung der Bedeutung Menschen als „lernfähiges Wesen“
Linehan das behavioristische Prin- von Emotionen und erlebnisorien- ist als Merkmal für sich genom-
zip der Verstärkung/Nicht-Verstär- tierten Methoden, men noch nicht hinreichend für
kung als konsequent durchgängige eine Definition eines Menschenbil-
- die Bedeutung der systemischen
Methode wieder auf (Scholz 2002, des. Sie verbindet jedoch viele un-
Einbettung des Selbst in Familie
24). terschiedliche Ansätze der kognitiv
und Kultur, persönliche Entwick-
behavioralen Therapien durch die
Die Weiterentwicklung der Arbeits- lungsgeschichte und therapeuti-
Stadien ihrer Entwicklung wie ein
stile bekannter Ikonen der kogniti- sche Beziehung,
roter Faden.
ven Verhaltenstherapie – unter ih- - die Beachtung der therapeuti-
In der behavioristischen Grün-
schen Beziehung als möglicher Mi-
dungsphase pflegte man, wie be-
1
Für die Rational-Emotive Therapie setzte sich krokosmos der Klientenprobleme,
später in Deutschland die Metzger-Schülerin reits oben erwähnt, gemäß dem
Lilly Kemmler stark ein. Siehe dazu ihren - die Abkehr von monomethodischen naturwissenschaftlichen Paradig-
Rückblick auf die Begegnung mit der VT unter Zentrierungen hin zu einer multimo-
http://www.dgvt-geschichte.de/Prof-Dr-Lilly-
ma des 19.Jh. eine reflexologische
Kemmler.2426.0.html dalen, integrativen Therapie Sicht, der Mensch wird als mani-
74 1-2/2013 Begegnung und Diskussion

pulierbare Apparatur gesehen, er örtlichen Nähe zu steuernden Rei- kung eines Gegenübers, sei es die
ist einseitig von Außenreizen de- zen oder Konsequenzen). Damit physische Umgebung, sei es der
terminiert, die Umwelt prägt das erlangt er auch die Fähigkeit, ak- Therapeut, seien es andere soziale
Verhalten, der Mensch müsse ge- tiv und bewusst die Umwelt zu ge- Interaktionspartner. Dieses Gegen-
führt, manipuliert und kontrolliert stalten, die ihrerseits auf den Men- über wird zum „Ko-Konstrukteur“.
gesteuert werden, sonst falle er ins schen (zurück-)wirkt. Die Gestalttheoretische Psychothe-
Chaos. Die Psyche des Menschen Man kann feststellen, dass sich das rapie pflegt eine ganzheitlich-dyna-
ist Folge seiner physiologisch be- Menschenbild der KVT deutlich ei- mische Sicht des Menschen. Dieser
gründeten Konditionierbarkeit. ner humanistischen Sichtweise an- erscheint einerseits als selbstorga-
Die kognitive VT sieht dagegen im genähert hat. Mensch und Umwelt nisierend und selbstregulierend,
„sozial-kognitiven Ansatz“ eine beeinflussen sich gegenseitig (rezi- die Ordnung seiner Wahrnehmung,
komplexere Mensch-Verhalten- proke Determinierung). Man folgt seines Erlebens und Verhaltens er-
Umwelt-Relation. Es geht um je ei- einem „transaktionalen, system- gibt sich aus dem Wirken innerer
gene Systeme, die sich aber ent- orientierten Paradigma“ (Ma- Kräfte gemäß der Tendenz zu einer
sprechend kognitionspsychologi- derthaner 2011). seinem Wesen und seinen Existenz-
schen und neuropsychologischen bedingungen entsprechenden Prä-
Im narrativ-entwicklungskonstrukti-
Erkenntnissen wechselseitig be- gnanz. Er ist nicht autark, sondern
vistischen Ansatz findet der Mensch
einflussen (reziproker Determinis- soziales Wesen und als solches mit
den Bezug zu seiner Welt durch
mus). seinem Erleben und Verhalten in
„narrative Konstruktionen“ bzw.
umfassendere Zusammenhänge
Konditionierung ist weiterhin ein durch sogenannte „Ko-Konstruk-
eingebettet, die mithilfe von psy-
wichtiges Agens. Sie ist aber kogni- tionen“ gemeinsam mit seinem Ge-
chologischen Feldbegriffen erfass-
tiv vermittelt. Das heißt: der Orga- genüber.
bar werden (Lebensraum & Kraft-
nismus reagiert eher auf die eigene Der Mensch als Erzähler seiner Ge- feld nach Kurt Lewin). Der Mensch
kognitive Repräsentation der Um- schichte ist als Schöpfer von Be- kann so als sowohl abhängig von
weltreize, als auf die Umwelt selbst. deutung und Sinn zu verstehen. der äußeren Umwelt, als auch
Als Voraussetzung wird jedoch ein Sein narratives Denken ist der Pro- selbstbestimmt gesehen werden.
bewusstes Erkennen der Korrela- zess, aus welchen diese Bedeu-
tion mit bedingenden Ereignissen Die Psyche des Menschen und sei-
tung entspringt, sich entwickelt
oder Konsequenzen gesehen, was ne Körperlichkeit werden im Sin-
und verändert. Narrative Gedan-
ein anspruchsvoller Schritt ist. Dort ne einer psychophysischen Ein-
ken sind wesentlich metaphorisch
wo der Behaviorismus jegliche Ein- heit, einer monistischen Identität
und imaginativ. Die Steuerung von
wirkung einer Bewusstheit auf die gleichgesetzt. Sie werden als un-
Gedanken ist diesem Ansatz zu-
Selbstbestimmung außer Betracht terschiedliche Erscheinungsfor-
folge eine intentionale Sinnsuche
lässt, verlangt die KVT „bewusstes men ein und derselben Sache auf-
und die „Wirklichkeit“ ist als Men-
Erkennen“, also sprachliche Fass- gefasst.
ge schlecht strukturierter Proble-
barkeit der Interpretation der von me zu sehen, welche durch herme-
außen kommenden Reizstruktu- neutische und narrative Operatio- Erkenntnistheorie und
ren. Hier scheint kein Platz für das nen zugänglich werden. Forschungsprogrammatik
Einflussnehmen von intuitiven, an-
Dabei ist es nicht ausschlaggebend, John B. Watson (1878-1958), der als
mutungshaften, vorbewussten Ein-
ob die Geschichten faktisch stich- Begründer des Behaviorismus gilt,
drücken zu sein.
haltig oder fiktional sind, sondern orientierte sich in seinem Manifest
Handlungsentscheidungen ste- ob eine kohärente Verifizierbarkeit, von 1913, seiner „Psychologie, wie
hen für die Vertreter der KVT un- eine innere Konsistenz möglich ist, der Behaviorist sie sieht“ am natur-
ter antizipatorischer Kontrolle, ein mit anderen Worten, ob sie ein be- wissenschaftlichen Paradigma des
Planen und Bedenken von Konse- ständiges inneres Bezugsystem bil- 19. Jahrhunderts, für das wieder-
quenzen wird möglich. Mit zuneh- den können. Erkenntnisprozes- um der Positivismus des französi-
mender Bewusstheit wächst auch se können nach dieser Auffassung schen Mathematikers und Philoso-
die Fähigkeit zu Selbststeuerung also zu sehr individuellen („idio- phen Auguste Comte (1798-1857)
und –kontrolle: der Mensch ist fä- synkratischen“, d.h. nur für die Per- maßgeblich war.
hig zu autonomen Zielsetzungen, son selbst voll verständlichen) Kon- Comtes Positivismus mit seiner
und zwar unabhängig von gege- strukten führen. Die Konstruktion Orientierung am „tatsächlich Ge-
benen Kontingenzen (der zeitlich/ erfolgt dabei immer unter Mitwir- gebenen, sicher Bestimmbaren,
Phänomenal Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie 75
dem Positiven“, seinem „Wissen, se auf epistemologische Vorannah- struktivisten…leugnen nicht die
um vorherzusehen“, reicht weit ins men, die dazu einladen, die kogni- Existenz und den Einfluss einer un-
20. Jahrhundert hinein und hält tiv interpretierte Umwelt der KVT erkennbaren, aber unvermeidlich
sich hartnäckig bis in die Gegen- in die Nähe der „phänomenalen wirklichen Welt. Sie sind hingegen
wart. Verbunden damit ist seine Welt“ des kritischen Realismus zu kritische oder hypothetische Reali-
Abwendung von Metaphysik oder rücken. Beide haben zumindest im sten, die zugeben, dass das Univer-
der Frage nach dem hinter der Er- weiteren Sinn Abbildcharakter, bei- sum mit Entitäten bevölkert ist, die
scheinung liegenden Wesen. de bestimmen das individuelle Er- wir Objekte nennen, aber leugnen,
Die Forschungsprogrammatik des leben und ziehen eine klare Gren- dass wir diese jemals direkt erken-
Behaviorismus klammert in dieser ze zur physikalischen, transphäno- nen können…“
Denktradition alles aus, was sich menalen Welt. Sowohl in der KVT Mit diesen Bekenntnissen ist nicht
nicht direkt beobachten lässt, da- als auch in der GTP ist die Erschlie- nur eine Nähe zum der GTP zu-
runter auch das reflexive Bewusst- ßung der phänomenalen/kogni- grundeliegenden „kritischen Rea-
sein und die Introspektion. Das La- tiv interpretierten Welt ein unver- lismus“ angesprochen, sondern
borexperiment (insbesondere das zichtbares Element der Therapie. In ebendieser namentlich angeführt.
Tierexperiment) und der Verifika- der KVT jedenfalls in der Phase der Es macht also den Anschein, als
tionismus sind gängige Werkzeuge. diagnostischen Problem- und Be- würde die neuere KVT die selbst-
dingungsanalyse. In der GTP ist sie organisierende Wahrnehmung
Der kognitiven Verhaltenstherapie im Zuge des phänomenologischen
eine einheitliche Erkenntnistheorie und Kreation der „phänomenalen
Vorgehens („Phänomenologie trei- Welt“ auf gleicher epistemologi-
zuzuordnen ist aufgrund der gro- ben“) durchgängige Ebene thera-
ßen Heterogenität schwierig. La- scher Grundlage konzipieren wie
peutischen Arbeitens. auch die Gestalttheorie.
zarus´ Forderung nach einem tech-
nischen Eklektizismus lässt bereits In den Weiterentwicklungen der Eine Parallele, die sich ebenfalls
ahnen, dass es keine epistemologi- KVT in die narrativ-entwicklungs- zum Vergleich anbietet, betrifft die
sche Kohärenz sein soll, die die un- konstruktivistische Richtung lässt therapeutische Wirksamkeit von
terschiedlichen Konzepte zu einem sich eine weitere diesbezügliche Erlebnisorientierung/erhöhter Er-
Therapieansatz zusammenkom- Annäherung an gestalttheoreti- lebnisintensität. Auf der Seite der
men lässt, sondern ein pragmati- sche Auffassungen erkennen. GTP wird diese aktivierte Intensität
scher, zielgerichteter Zweck. Laza- Die Konstruktion der erlebten Welt mit der Kategorie des „Anschau-
rus ist Praktiker, nicht Dogmatiker. passiert unter Mitwirkung – also lich-Angetroffenen“ in einen er-
Insofern hinken ganz allgemein die unter „Ko-Konstruktion“ - und in kenntnistheoretischen und techni-
theoretischen Fundierungen in der Interdependenz mit den sozialen schen Begriff gefasst. Im Zuge des
KVT der Fülle an praktischen Kon- und physischen Umgebungen. phänomenologischen Vorgehens,
zepten hinterher. Auch die Lehr- Die Validierung von Erkenntnis, in der lebendigen Begegnung in
barkeit angesichts der zunehmen- also die Feststellung ihrer Gültig- der therapeutischen Sitzung trifft
den Fülle an technischem Inventar keit, vollzieht sich nicht wie tra- der Patient seine Wirklichkeit ohne
wurde in Zweifel gestellt und auch ditionell durch eine „Korrespon- eine intendierte vergegenwärti-
in der eigenen Community beklagt. denz“, also eine „wahrheitsgemä- gende Bestrebung ganzheitlich an.
Das Kriterium: „Alles, was nach- ße Zuordnung“ zwischen Kognition Dieses Phänomen hat die Kraft, die
weislich wirkt“ verweist dabei im- und „realer Welt“, sondern durch Emotion des Patienten besonders
merhin auf den Anspruch der em- die Kohärenz „viabler“, also gang- zu involvieren und kann durch be-
pirischen Absicherung der Wirk- barer, bewährter Handlungen und stimmte Interventionen des The-
samkeit, nicht aber auf eine be- Begriffe, die sich als intern konsi- rapeuten begünstigt und induziert
stimmte Art der Betrachtung der stent erweisen und über die sozi- werden. Der Vorzug besteht in ei-
Wirkungsweise. aler Konsens besteht. ner besonderen Gegenwart des im
Die wesentliche Gemeinsamkeit, Scholz (2002, 46) bemerkt dazu, Hier und Jetzt Erlebten.
nämlich das Einbeziehen der Kogni- dass „…die meisten Vertreter kon- Auch in der traditionellen VT wird
tion als „interpretierende Instanz“, struktivistischer Konzeptionen in dem Gegenwärtigen ein besonde-
die den Reizen der Außenwelt vor der KVT keine radikalen Konstruk- res Augenmerk geschenkt. Zwar
verschiedenen Hintergründen un- tivisten, sondern kritische Kon- besteht dazu keine (mir bekann-
terschiedliche Bedeutung zuordnen struktivisten sind.“ Und Mahoney te) erkenntnistheoretische Katego-
kann, birgt aber zumindest Hinwei- (1991, ebd. zitiert): „Kritische Kon- rie, aber es scheint die Empirik dem
76 1-2/2013 Begegnung und Diskussion

Hilfsmittel, um phänomenales Erle-


ben im Hier und Jetzt zu erschlie-
ßen und lebendig zu machen.
Der Aspekt Erlebnisorientierung
wird in neueren Strömungen der
KVT - wie oben erwähnt - vermehrt
einbezogen. Mit der Aufwertung
der Bedeutung von Emotion als
konstitutivem Element von Kogni-
tion und mit der Berücksichtigung
von erlebnisorientierten Ansätzen
bewegt sich die KVT noch weiter
auf humanistische Ansätze zu.
Ein Aspekt, in dem sich GTP und
KVT wesentlich unterscheiden, ist
der Aspekt der Ganzheitlichkeit. In
der GTP geht man davon aus, dass
© Kim Schneider - Fotolia.com

sich in der Therapie an der Welt-


und Selbstsicht des Patienten auf
fundamentale Weise Veränderun-
gen ereignen (Walter 1981), also
der Patient eine Entwicklung als
ganze Person durchläuft.
Demgegenüber war die KVT lan-
Aspekt seinen Stellenwert gegeben sungskompetenz ins Selbstbild und ge Zeit in ihren Zielsetzungen auf
zu haben: In der VT begegnet der Selbstbewusstsein eingeht. eine Bewegung von einem Ist-Zu-
Patient im Probehandeln schwieri- stand auf einen Sollzustand hin ori-
Ebenso verhält es sich beim Trai- entiert. Daraus ist ein Hang zur Par-
gen, herausfordernden Situationen ning sozialer Kompetenz. Eine Auf-
sowohl mit der Vorstellungskraft, tikularität, zur Ablösung eines Teils
gabenstellung kann in der Vorstel- aus der Ganzheit der Person zu er-
als auch in der realen Welt, und das lung, im Rollenspiel und in der All-
in verschiedenen Abstufungen. Ge- sehen. Das bringt einerseits eine
tagsrealität trainiert werden. Auch Klarheit für das Therapieziel, wel-
meint sind dabei Techniken wie z.B. hier wird die größere Realitäts-
Expositionstraining, Training sozi- ches sich sodann auch leicht für
nähe mit höherer Erlebnisintensi- eine Effizienzprüfung operationali-
aler Kompetenz, Modelllernen. Im tät in Verbindung gebracht und in
Expositionstraining kann z.B. nach sieren ließ. Andererseits wird diese
der Folge als nachhaltiger und wir- Einengung insofern auch kritisiert,
stufenweiser Heranführung an ein kungsvoller erachtet.
Objekt der Angst (über Vorstellung, als ein Erwirken einer Symptom-
Betrachten von Abbildungen,…) Beim Modelllernen gibt es eben- verbesserung zwar als positiver
die reale Begegnung mit der Spin- falls die Möglichkeit zu imaginie- Therapieerfolg verzeichnet wer-
ne, Schlange, Maus etc. zur Auf- ren, ein Video anzusehen oder ein den könne, jedoch eine eventuel-
gabe stehen. Dieser „Exposition in Verhaltensmodell „in vivo“ mitzu- le Symptomverschiebung gar nicht
vivo“ wird die höchste Erlebnisin- erleben, mit analoger Abstufung erst erfasst werde. In den letzten
tensität und damit auch die höch- der Wirksamkeit wie oben. Jahren hat die KVT allerdings ei-
ste dafür erforderliche Überwin- Der Umgang und der Nutzen die- nen Schwenk von der Problemzen-
dungskraft zugeschrieben. Gleich- ser angetroffenen Gegenwärtig- trierung hin zur Entwicklungsför-
zeitig geht man davon aus, dass keit mit erhöhter/veränderter Er- derung vollzogen und ist weit mehr
bei erfolgreicher Bewältigung auch lebnisintensität unterscheiden sich an Ganzheitlichkeit orientiert.
das höchste therapeutische Poten- also wieder bei traditioneller VT In der Gestalttheorie schlug sich
tial zum Tragen kommt, dass dar- und GTP. In der VT wirkt die Erleb- der Aspekt der Ganzheitlichkeit
über hinaus nicht nur die konkre- nisorientierung wie ein Katalysator unter anderem in der Forschungs-
te Angst vermindert wird, sondern für die Wirkung therapeutischer In- methodik nieder, nämlich mit dem
auch neuerworbene Problemlö- terventionen, in der GTP ist sie ein Feldexperiment, der Feldstudie
Phänomenal Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie 77
und der Aktionsforschung, die das ken down) und ihre Leben keinen Neben behavioristischen Verfah-
beobachtete Phänomen weitge- oder wenig Sinn (purpose) zu haben ren, die auf den Prinzipien des be-
hend in seiner ganzheitlichen Ein- scheinen, oder sie den Sinn als bloc- dingten Reflexes, positiver und ne-
bettung belassen. kiert oder bedroht wahrnehmen“. gativer Verstärkung sowie Bestra-
In der Folge erscheinen die Narra- fung beruhen, wie z.B.: Konditio-
Diagnostik und Krankheits- tionen der Klienten als Gegenstand nierung (klassisch, operant), Ge-
begriff der therapieinhärenten Diagnostik. genkonditionierung, systematische
Narration wird dabei sehr weit ge- Desensibilisierung, Expositions-
Das Symptom wird in der behavio-
fasst als Aktivität definiert, den Er- training, Angstbewältigungs- und
ristischen Verhaltenstherapie meist
eignisfluss in einer sinnvollen Se- Selbstbehauptungstraining sowie
als „erlerntes malignes Verhalten“
quenz symbolisch zu repräsentie- der große Bereich des Selbstma-
aufgefasst, das auch wieder ver-
ren. nagements, kommen nach der ko-
lernt werden kann. Die Diagnostik
gnitiven Wende neu geartete Vor-
ist an deskriptiven Systemen der Die Gestalttheoretische Psycho- gangsweisen hinzu, die oft ande-
gängigen Diagnoseschlüssel ICD therapie stellt der deskriptiven ren Therapieverfahren entlehnt
und DSM orientiert. In aristoteli- Diagnostik einen fortwährenden sind. Hier wird nach der Erschlie-
scher Tradition (Lewin 1931/1981) Prozess der Erschließung der phä- ßung und Aufdeckung destruktiver,
wird eine Systematik in Klassifika- nomenalen Welt bzw. des Lebens- manchmal automatisierter Denk-
tionen gepflegt, eng angelehnt an raums des Klienten im Wege der weisen, Annahmen, Leitsätze, Be-
das gängige medizinisch-diagnosti- „Kraftfeldanalyse“ bei. Dabei wer- wertungen, sog. „belief systems“,
sche Modell. den nicht Eigenschaftsinventare, versucht, diese dem Bewusstsein
In der KVT wird v.a. der Anteil der sondern Probleme der dynami- zugänglich zu machen und sie mit-
interpretativen Tätigkeit der Ko- schen Organisation und der dyna- hilfe verschiedener Techniken un-
gnition als dysfunktionales Muster mischen Bedingungskonstellatio-
wirksam zu machen und abzuän-
konzeptualisiert, etwa Lazarus´ nen erfasst („galileische Herange-
dern. Dazu gehören beispielsweise
simple Formulierung des Krank- hensweise“ nach Lewin 1931). Dia-
argumentative Methoden wie der
heitskonzepts des „Irrtums“ von gnostischer Entdeckungs- und the-
„sokratische Dialog“, das „Modell-
verinnerlichten Leitsätzen (Laza- rapeutischer Veränderungsprozess
lernen“, übende Verfahren in vivo
rus/Fay, 1977), und geht somit in sind nicht voneinander zu tren-
oder in sensu, z.B. soziales Kompe-
die Diagnose ein. nen (Stemberger 2005). Gemäß
tenztraining, Rollenspiele & Haus-
der „Wechselseitigkeit des Gesche-
Komplexere Modelle bilden das aufgaben, Selbstinstruktion, An-
hens“ (Metzger 1962) entwickelt
„bio-psycho-soziales Verständnis wendung von Skills, Coping-Strate-
sich dies im Zuge eines gemein-
von Krisen“ sowie das „Vulnerabili- gien wie z.B. Imaginationen, Selbst-
schaftlichen Entdeckungsverfah-
täts-Stress-Coping Modell“. rens unter Beteiligung des Patien- beobachtung & Protokollierung.
Der österreichische Verhaltensthe- ten und des Therapeuten. Im Para- In der Rational-Emotiven Therapie
rapeut Erwin Parfy betont, dass in digma des sogenannten. „erziehe- werden auch der emotionale Aus-
der KVT die präsentierte Sympto- rischen Modells“ wird in Abgren- druck, der Humors und das Ge-
matik immer vor dem Hintergrund zung zu einem auf das Abnorme fo- schichtenerzählen gefördert und
der individuellen Persönlichkeit kussierten medizinischen Modell bilden zusammen mit einer ent-
und emotionale Prozesse immer der störungsfreie Ablauf psychi- wicklungsorientierten Zielrichtung
vor dem Hintergrund der lebensge- scher Prozesse zur Referenz von Er- vielleicht schon eine Brücke zu nar-
schichtlichen Erfahrung in die Dia- wägungen über Krankheit und Ge- rativ-entwicklungskonstruktivisti-
gnostik einfließen und dass weiters sundheit. schen Ansätzen.
die Qualität der therapeutischen In narrativ-entwicklungskonstruk-
Beziehung als diagnostische Quel- Methodik tivistischen Ansätzen der KVT be-
le ersten Ranges unverzichtbar sei. Die KVT versteht sich methodenin- steht die Aufgabe des Therapeu-
(Parfy, 2005) tegrativ, technisch eklektizistisch, ten darin, Klienten dabei zu helfen,
In den neueren narrativ-entwick- bezieht also mit dem Kriterium der ihre alten Geschichten zu revidie-
lungskonstruktivistischen Ansätzen nachgewiesenen Wirksamkeit alle ren und neue zu konstruieren, die
beschreibt Meichenbaum (1995, zu Verfügung stehenden Behand- von größerer Relevanz und Sinn für
zit in Scholz 2002, S.21): „Klien- lungstechniken mit ein, sofern ihre ihr gegenwärtiges und zukünftiges
ten gehen in Psychotherapie, weil Wirksamkeit als belegt gilt. Leben sind. (Machado und Goncal-
ihre Geschichten ‚kaputt‘ sind (bro- ves 1999 in Scholz 2002, 232). Da-
78 1-2/2013 Begegnung und Diskussion

bei spiegelt die narrativ heraufbe- davon aus, dass der Patient alle gung eines definierten Problems
schworene erzählte Welt des Kli- Voraussetzungen zur Erkenntnis entwicklungsanstoßend zu wirken
enten eine Weltsicht mit Leitmo- und Einsicht in sich trägt. Der The- und die Fertigkeit zur Problemlö-
tiven, persönlichen und kollekti- rapeut greift nicht vor, gemäß dem sung allgemein zu trainieren.
ven Mythen, moralischen Grund- Leitsatz der „Gestaltung aus inne- Zum anderen Teil werden bestimm-
haltungen, etc., auf die der The- ren Kräften“ (Metzger 1962). te Ansätze als gezielt problemori-
rapeut empathisch und reflektiert entiert angesehen, z.B. wird Becks
eingeht, um dann „ko-konstruktiv“ Entwicklungsförderung vs. kognitive Therapie als strukturier-
zu helfen, die Geschichte zu verän- Problemorientierung te, zeitbeschränkte, problemorien-
dern. tierte Psychotherapie beschrieben
Die KVT besticht und verführt mit
Auch die GTP versteht sich grund- sehr ausdifferenzierten, praxisori- (Clark 1995, zitiert in Scholz 2002,
sätzlich methodenintegrativ mit entierten Leitfäden, die störungs- S.33)
dem Kriterium, dass das Vorgehen bildspezifisch inhaltliche und stra- Offenbar greifen Entwicklungsför-
gestalttheoretisch kohärent be- tegische Anregungen bieten. Da- derung und Problemorientierung
gründbar ist. Die Arbeit folgt dem durch können sich Therapeut und bis zu einem gewissen Grad inein-
prozess- und erlebnisorientierten Klient an erprobten Routinen und ander, dennoch liegt das Augen-
Pfad. Zur Erschließung des Lebens- an vordefinierten Zielsetzungen merk üblicherweise auf einer der
raumes dient das phänomenologi- orientieren. Scholz weist allerdings beiden Seiten.
sche Vorgehen („Phänomenologie darauf hin, dass die standardisier-
treiben“), z.B. in der Traumarbeit, Die neueren Ansätze der KVT set-
ten Module mit zunehmender Rou-
in Imaginationen, in der Arbeit mit zen jedenfalls den Fokus bewusst
tine des Therapeuten nicht mehr
stärker auf nachhaltige Entwick-
dem leeren Stuhl, in künstlerisch- wortwörtlich genommen werden
lungsförderung als auf Problem-
kreativer Arbeit und der Einbezie- und die Praxis, die in Publikationen
orientierung. Dabei werden ent-
hung von Ausdrucksmitteln aller zu Forschungszwecken beschrie- wicklungspsychologische Theorien
Art, Psychodrama, Beziehungsklä- ben wird, sich von der Praxis, in die oder entsprechende Adaptierun-
rung, Rollenspiel,… man bei Supervisionen Einblick ge- gen von Piagets Entwicklungstheo-
Dabei sieht auch die Gestalttheo- winnt, unterscheidt. rie bzw. neopiagetianische Per-
rie den Menschen als lernendes Bereits die frühen Verfahren der spektiven für die Entwicklung von
Wesen, das dementsprechend z.B. KVT, wie die Problemlösungsthe- Erwachsenen, Bowlbys Bindungs-
auch destruktive Erlebens- und rapie von Goldfried und d´Zurilla, theorie oder Vygotskis Konstrukt
Verhaltensweisen verlernen und nehmen teilweise für sich in An- der „Zonen proximaler Entwick-
umlernen, aber auch völlig neue spruch, durch konkrete Bewälti- lung“ einbezogen.
Lösungswege entwickeln
kann. Im Unterschied
zum Behaviorismus alter
Prägung sieht die Gestalt-
theorie das Wesen der
Lernvorgänge des Men-
schen allerdings nicht in
„Versuch und Irrtum“ und
Konditionierung – typisch
ist nach gestalttheore-
tischer Auffassung viel-
mehr das Lernen durch
Einsicht, beim Umlernen
und Verlernen selbst-
schädigender Erlebnis-
und Verhaltensweisen
genauso wie bei der Ent-
deckung neuer schöpferi-
scher Lösungen von Pro-
blemen. Man geht also
© katyspichal - Fotolia.com
Phänomenal Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie 79
Michael Mahoney geht in seiner individuellen Fähigkeiten zur Reor- flexibler Variabilität des Therapie-
Kognitiven Entwicklungstherapie ganisation übersteigen (vgl. Maho- stils und Wechsel zwischen Akzep-
von Grundannahmen aus wie z.B.: ney 1990, 1994 zit. In Scholz 2002) tanz und Konfrontation, Verstehen
- Die Macht idiographischer/idio- Darin kommt zum Vorschein, dass und Infragestellen.
synkratischer/persönlicher Prozes- mit der Perspektive der Entwick- Die Problemorientiertheit ist mit
se bei der Adaption lungsförderung auch eine thera- der Intention verbunden, den Kli-
- Bedeutsame psychische Verän- peutische Haltung gefordert wird, enten zu gewünschtem Verhalten
derung ist mit Veränderung in der die auf den Beziehungsaspekt in der zu führen oder unerwünschtes Ver-
persönlichen Sinngebung verbun- Therapie in weit höherem Maße be- halten abzuwenden.
den dacht nimmt, als das früher in der In der KVT mit narrativ-entwick-
traditionellen VT der Fall war. lungskonstruktivistischem Hinter-
- Erkundung ist die Schlüsselaktivi-
tät für erfolgreiche Adaptation Die GTP arbeitet im Wesentlichen grund muss die frühere Haltung,
prozessorientiert und versteht ihr wie oben bereits angedeutet, ei-
- Von einer sicheren, stabilen und Tun als entwicklungswirksam. Die nem reflektierten, empathischen,
fürsorglichen Allianz zwischen The- methodischen Konzepte greifen auf Beziehungsdynamik bedachten
rapeut und Klient aus können ver- nicht so sehr ins inhaltlich Konkre- Bild weichen.
gangene, gegenwärtige und mög- te, sondern betreffen vor allem An-
liche Wege der Erfahrungen des „Der Prozess des Helfens reflek-
gebote zur phänomenalen Selbst- tiert Dynamiken von Erfahrungsre-
Selbst, der Welt und ihrer dynami- erforschung - schöpferische Pro-
schen Beziehungen erkundet wer- organisation in den verbundenen
zesse sollen im therapeutischen Kontexten von einer (a) sicheren
den Rahmen begünstigt werden. Da- und fürsorglichen Beziehung, (b) ei-
- Der Klient ist aktiv, aber oft unbe- durch entstehen Freiräume, die nes… „Rationales“ für Möglichkei-
wusst und in seiner einzigartigen der Entwicklung Gestaltungsspiel- ten oder Fortschritt und (c) aktiver
Weise an dynamischen und kon- raum geben. Das Gewahrsein der Beteiligung an Ritualen, die persön-
tinuierlichen Ordnungsprozessen „Gefordertheit der Lage“ gibt Ori- liche Sinngebungen und starke Ge-
beteiligt entierung im „Hier und Jetzt“ vor. fühle mit sich bringen.“ (Mahoney
- Veränderungswiderstand wird 2000 zit. In Scholz 2002, S.42)
als wichtiger selbstschützender Therapeutische Haltung
Drei Regeln gibt Mahoney dem
Prozess anerkannt, der die Kohä- Die kognitive Verhaltenstherapie Helfer noch mit auf den Weg:
renz des lebendigen Systems sowie hat im Laufe ihrer Entwicklung der
Kernordnungsprozesse (Selbstor- therapeutischen Beziehung sukzes- „a.) Widme Dich zunächst Themen
ganisationsprozesse) erhält, wenn sive mehr Bedeutung eingeräumt. der Sicherheit und Dringlichkeit
Veränderungen als zu viel oder zu Auf diesen Aspekt wird in der Lite- b.) Sanfte und beständige Hege-
schnell erlebt werden ratur immer wieder deutlich hinge- weisen sind ihren kontrastierenden
- Interpersonale Beziehungen, die wiesen, haften ihr doch aus beha- Gegenstücken vorzuziehen
mit starken Gefühlen behaftet vioristischen Zeiten entsprechen- c.) Sei geduldig: das optimale Tem-
sind, sind machtvolle Kontexte für de Vorurteile ihrer Vernachlässi- po von Veränderung wird determi-
psychologische Entwicklung. gung an. niert durch Kernordnungsprozesse
- Neue Herausforderungen bringen Das Selbstverständnis des The- der behandelnden Person.“ (eben-
das Individuum aus der Balance in rapeuten aus der frühen Phase da)
eine relative Unordnung. Das Stre- der KVT entspricht dem Vermitt- Darin klingen Aspekte an, die an
ben nach Balance erfolgt oft in Zy- ler, Trainer, Mentor oder Coach wachstumsorientierte, humanisti-
klen der Verfestigung und Locke- mit Vorsprung an Urteilskraft über sche Prinzipien erinnern, z.B.: an
rung Sinn & Unsinn, der als Experte auf- die gestalttheoretischen „Merk-
tritt, der Können und Wissen zu male der Arbeit am Lebendigen“
- Episoden intensiver Desorganisa- vermitteln hat. Die Haltung ist ge-
tion bergen das Potential für Ver- (Metzger 1962), denkt man nur an
prägt von Verständnis, Wertschät- die Gestaltung aus „inneren Kräf-
änderungen der Kernordnungspro- zung, gerichtet auf Förderung der
zesse in sich ten“ die wohl in den „Kernord-
Selbstverantwortung, Selbstkon- nungsprozessen“ ihre Entspre-
- Chronische Desorganisation, Dys- trolle und Selbstbestimmung, Ei- chung findet, oder an die Nichtbe-
funktionalität und Leiden resultie- genaktivität und Selbsthilfekompe- liebigkeit von Arbeitszeit und der
ren, wenn Herausforderungen die tenz. Das Vorgehen ist direktiv mit
80 1-2/2013 Begegnung und Diskussion

Arbeitsgeschwindigkeit sowie die Zurechtgemachtem, Gekanntem, Literatur


Duldung von Umwegen, die in Ma- Behauptetem. Bohus, Martin (2006): Editorial: Achtsamkeits-
honeys selbstregulatorischer Auf- Der Gestaltzusammenhang zeigt
basierte Psychotherapie, die dritte Welle der
Evolution der Verhaltenstherapie? Zeitschrift
fassung von Widerstandsphäno- sich, bevor die Teile in ihrem logi- für Psychiatrie, Psychologie und Psychothera-
menen anklingt. Das Sorgetragen schen Gefüge sichtbar werden. pie, 54(4), 229.
Grawe, Klaus; Donati, Ruth & Friederike Bern-
für gedeihliche Rahmenbedingun-
auer (1994): Psychotherapie im Wandel: Von
gen in den genannten „Hegewei- Damit vertritt die GTP einen kon-
der Konfession zur Profession. Göttingen: Ho-
sen“ erinnert an die für die GTP struktiven Zugang zu Irrationalität grefe.
kennzeichnende Sorge um die Rah- im phänomenalen Erleben, der in Kriz, Jürgen (2007): Grundkonzepte der Psycho-
therapie. 6.Auflage. Weinheim: Beltz.
menbedingungen von Therapie als der KVT damals noch nicht mög- Lazarus, Arnold & Allen Fay (1977/2011): Ich
Ort schöpferischer Freiheit. lich war. kann, wenn ich will - Anleitung zur psycholo-
gischen Selbsthilfe. Stuttgart: Klett-Cotta.
Nach den obengenannten Entwick- Lewin, Kurt (1931/1981): Der Übergang von der
Selbstbestimmung und lungen der KVT scheint nun die da- aristotelischen zur galileischen Denkweise in
Biologie und Psychologie. 1931: Erkenntnis
schöpferische Freiheit malige Kritik die neueren Konzep- 1(1), 421-466; Wiederabdruck 1981 in: Kurt
te der KVT nicht mehr zu treffen, Lewin Werkausgabe, Bd.1 Wissenschafts-
Walter und Pauls verfassten 1981 theorie I, Stuttgart-Bern: Huber, Klett-Cotta,
weil sowohl der Begriff des Unbe-
ihre Arbeit über den Vergleich der 233-278.
wussten Einzug in der KVT gehal- Linehan, Marsha M. (1993): Cognitive Behavior-
Menschenbilder der KVT und der
ten hat, als auch der Rationalismus al Treatment of Borderline Personality Disor-
GTP unter dem Aspekt der Selbst- der. New York – London: Guilford Press.
als Leitprinzip teilweise von kon-
bestimmung. Maderthaner, Maria (2011): Klassische und ko-
struktivistischen Konzepten abge- gnitive Verhaltenstherapie. In: G. Stumm
Grundlage der Selbstbestimmung löst worden ist. (Hrsg.), Psychotherapie - Schulen und Metho-
in der frühen KVT ist das bewus- den, 3.Auflage, Wien: Falter Verlag, 143-167.
Metzger, Wolfgang (1962): Schöpferische Frei-
ste, verbal abrufbare Wissen, die Ausblick heit. Frankfurt: Verlag Waldemar Kramer.
verfügbare Information, die in Be- Metzger, Wolfgang (1945/2001): Psychologie -
zug auf ein Verhalten in Erwägung Die KVT verändert und verbrei- Die Entwicklung ihrer Grundannahmen seit
tert sich seit der kognitiven Wen- der Einführung des Experiments. 6. Auflage:
gezogen werden kann. Walter und Wien: Krammer.
Pauls weisen darauf hin, dass „… de in einer enormen Geschwindig- Parfy, Erwin (2005): Verhaltenstherapie – Wie
bei einer solchen rationalistischen keit und bewegt sich mit hoher In- sich die VerhaltenstherapeutInnen in der
tegrationsfreudigkeit auf ein Ideal- Diagnostik-Leitlinie des BMGF wiederfinden
Betrachtungsweise das Unbewus- könnten. In: H. Bartuska et al. (Hrsg.), Psy-
ste im Bewusstsein auf der Strec- bild einer integrativen psychologi- chotherapeutische Diagnostik. Leitlinien für

ke (bleibt)“. schen Psychotherapie zu. Gleich- den neuen Standard. Wien: Springer, 179-
184.
zeitig findet sie laufend mehr Aner- Scholz, Wolf-Ulrich (2002): Neuere Strömungen
Bei der schöpferischen Freiheit kennung und Bestätigung aus der und Ansätze in der Kognitiven Verhaltens-
ist überdies auch das Unbewus- Forschung, sodass eine Auseinan- therapie. Konzepte – Methoden – Beispiele.
ste, das Nicht-Fokussierte Quelle dersetzung und Standortbestim-
Stuttgart: Verlag Pfeiffer bei Klett Cotta.
Stemberger, Gerhard (2005): Gestalttheore-
der Selbstbestimmung. Das Zulas- mung aus der Perspektive der Ge- tische Psychotherapie. In: H. Bartuska et
sen von Unklarheit und Verwirrung stalttheoretischen Psychothera- al. (Hrsg.), Psychotherapeutische Diagno-
stik. Leitlinien für den neuen Standard. Wien:
sei für den Therapieprozess wich- pie immer wieder neu zu führen Springer, 105-116.
tig, andernfalls würde der Mensch sein wird. Einerseits kann dabei in- Stemberger, Gerhard (2011): Gestalttheoreti-
zum „logischen Macher“ reduziert. haltlich Gewinn für die GTP anfal- sche Psychotherapie. In: G. Stumm (Hrsg.),
Psychotherapie - Schulen und Methoden,
(ebenda) len, können Techniken und Ansatz- 3.Auflage, Wien: Falter Verlag, 218-227.
Unverfügbares kann zwar nicht punkte der KVT die eigene Arbeit Walter, Hans-Jürgen P. & Irene Pauls (1981): Ko-
gnitive Verhaltenstherapie und gestalttheo-
verfügbar „gemacht“ werden, aber bereichern, andererseits wird eine retische Psychotherapie – ein Vergleich un-
es kann sich unter günstigen Be- Grenzziehung immer diffiziler und ter dem Aspekt „Selbstbestimmung“. Gestalt
notwendiger, um die gestalttheo- Theory 3(3/4, 207-206.
dingungen zu Verfügung stellen: Walter, Hans-Jürgen P. (1985): Gestalttheo-
durch das sich Einlassen und Lei- retischen Qualitäten im Feld der rie und Psychotherapie. 3.Auflage. Opladen:
ten-lassen von der Gefordertheit therapeutischen Ansätze zu expli- Westdeutscher Verlag.
Zabransky, Dieter & Marianne Soff: Einführung
der Lage, der Bereitschaft, Anmu- zieren und zu behaupten. in die Grundlagen der Gestalttheoretischen
tungen zu folgen, dem Zulassen Psychotherapie. Wien: ÖAGP.
von Unklarheit, dem Loslassen von