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Systemunrecht und Unrechtssysteme

Von Professor Dr. Ernst-Joachim Lampe, Bielefeld

I. Einleitung
Unrechtssysteme sind der Strafrechtsdogmatik wohlbekannt. Es gibt sie
hauptsächlich in viererlei Gestalt: als zweckgerichtete Verbindung krimineller
Personen; als kriminell ausgerichtete Vereinigung; als kriminell anfälliges
Wirtschaftsunternehmen und als kriminell pervertierten Staat (bzw. staatliche
Institution). Isoliert hat die Strafrechtsdogmatik sie schon bisher untersucht;
deshalb haben wir von jedem einzelnen relativ gute Kenntnis. Eine einheitliche
Theorie des Systemunrechts und eine einheitliche Theorie der Verantwortung
innerhalb von Unrechtssystemen hat sie bisher nicht entwickelt. Die folgende
Untersuchung enthält hierzu daher einen ersten Ansatz.
Was hat die Strafrechtsdogmatik bisher gehindert, eine Theorie des
Systemunrechts zu entwickeln? Der Hauptgrund war wahrscheinlich, daß
sie bisher (ebenso wie in ihrem Gefolge die Kriminologie ) ausschließlich
vom auf eigene Faust handelnden Täter ausging und daß sie somit primär auf
Individual- und nicht auf Systemstrukturen des Unrechts traf. Zwar entging
ihr nicht, daß sich ein Täter mit Gesinnungsgenossen zu einem mehr oder
weniger streng organisierten System zusammenschließen kann; doch zog sie
daraus weder den Schluß, daß er seine Verantwortung an das soziale System
verliere, noch daß ihm aus dem System heraus Verantwortung zuwachse.
Unser Straftrecht ist, so erkannte sie, Individualstrafrecht: Der typische
Täter des Strafgesetzbuches sei das Individuum, das nur für eigenes persona-
les Unrecht und nur für eigene personale Schuld (§ 29 StGB) einzustehen
hat. Ein Zusammenschluß mit anderen könne zwar zur erhöhten Gefähr-
dung des Opfers und deshalb zu verschärfter Haftung führen (vgl. § 223a
StGB); eine Zusammenrottung mit anderen könne eine Gefahr für die öf-
fentliche Ordnung begründen und dadurch ein weiteres Rechtsgut verletzen
(vgl. § 125 StGB) - die subjektive Verantwortlichkeit ausschließlich des in-
dividualen Täters für das eigene individuale Unrecht berühre das nichlr.

1
Vgl. aber Eisenberg, Kriminologie, 3. Aufl. 1990, § 57 (S. 906 ff.).
2
In der vorliegenden Untersuchung werden Probleme des § 14 StGB grundsätzlich aus-
geschieden. Vollständig ist das freilich nicht möglich, schon gar nicht bei der Behand-
lung der Verantwortung für systemisches Unrecht. Maßgeblich für die Ausscheidung
waren praktische Bedenken: Der Umfang der Untersuchung wäre sonst zu sehr ange-
schwollen.

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Immerhin deutete unser Strafgesetzbuch beim Landfriedensbruch (§ 125


StGB) und bei den übrigen Rottendelikten (§§ 121, 124 StGB) schon bisher
an, daß auch einem System, nämlich der „Menschenmenge", in beschränk-
tem Maße eigene Unrechtsqualität zukommen kann. Die Rottendelikte set-
zen nämlich einen (obschon lockeren) organisatorischen Hintergrund vor-
aus, welcher die individuelle Tat auch als Tat eines Systems, als „Systemun-
recht", erscheinen läßt: Die Menge (oder wenigstens ein wesentlicher Teil
von ihr) muß subjektiv „durch eine feindselige Haltung die Basis für Aus-
schreitungen abgeben ; die Ausschreitungen müssen objektiv aus ihr her-
aus „mit vereinten Kräften begangen werden". Gemeinsame Aktionen, die
nicht Ausdruck der kriminellen Haltung der Menge sind, sowie spontane
Einzelaktionen, selbst wenn sie der Grundstimmung in der Menge entspre-
chen, sind keine Rottendelikte, weil ihnen dieser organisatorische Hinter-
grund und ihrem Unrecht somit der systemische Charakter fehlt.
Ferner erkannte unser Strafgesetzbuch als systemische Ausnahmeerschei-
nung schon bisher die Bande an, die Verbindung mehrerer Personen zwecks
Verübung von im einzelnen noch unbestimmten Verbrechen4. Es regelt sie
ausdrücklich als Unrechtssystem, wenngleich, trotz ehrwürdigem Alter5,
nicht allgemein, sondern beschränkt auf Diebstahl, Raub und Schmuggel
(§§ 224 Abs. l Nr. 3,250 Abs. l Nr. 4 StGB, § 373 Abs. 2 Nr. 3 AO).
Seit neuestem schließlich erscheint unserem Strafrecht die systemisch or-
ganisierte Kriminalität als besonders gefährlich und regelungswürdig. Es
stellt deshalb zu ihrer Verfolgung eine erhebliche Zahl von Spezialnormen
bereit, die sich sowohl auf das materielle als auch auf das prozessuale Recht
erstrecken. Die materiellrechtlichen Normen richten sich außer gegen die
Bildung krimineller oder terroristischer Vereinigungen (§§ 129, 129a StGB)
vor allem gegen die bandenmäßige Begehung von Diebstahl und Raub

AG Tiergarten NJW 1988,3218,3219. Ferner Lenckner, in: Schönke/Schröder, 24. Aufl.


J 99i, § 125 .RJ/r. 10: „Nur wcirrr \j?rc Gd*räiitäCfgk.cic€rt von crrrcr crtCspn^Acnokxi, m der
Menge vorhandenen Grundstirnmung getragen sind, ist... die [in § 125] vorausgesetzte
besondere Gefährlichkeit gewalttätiger Aktionen gegeben, während andernfalls der
Landfriedensbruch nicht mehr wäre als eine durch den besonderen Tatort gekennzeich-
nete Gewalttätigkeit, an der mehrere beteiligt sind."
Vgl. dazu schon Feuerbach, Lehrbuch des gemeinen in Deutschland gültigen Rechts,
13. Aufl. 1840, § 47; ferner RGSt. 66, 236, 242; BGHSt. 8, 209. Ausführlich Schild, G A
1982, 55.
Der Begriff „Bande" dient seit dem 12. Jahrhundert als Bezeichnung für Scharen von
Soldaten, die sich anwerben ließen, gegen Geld für jede Sache fochten und dann plün-
dernd durchs Land zogen; vgl. Schild, GA 1982, 55, 57.

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(§§ 244 Abs. l Nr. 3,244a, 250 Abs. l Nr. 4 StGB), gegen die bandenmäßige
Hehlerei (§§ 260 Abs. l Nr. 2, 260a StGB), die Geldwäsche (§ 261 Abs. 7
Satz 3 StGB), das Glücksspiel (§ 284 Abs. 3 Nr. 2 StGB), die Geld- und
Wertzeichenfälschung (§ 150 StGB), den Menschenhandel und die Zuhälte-
rei (§ 181c StGB), schließlich gegen gewisse Formen der Betäubungsmittel-
delinquenz (§§ 29 Abs. 3 Nr. 2, 30 Abs. l Nr. l BtMG).
Damit ist das strafgesetzlich anerkannte Systemunrecht allerdings auch
erschöpft; weitere Unrechtssysteme kennen unsere Strafgesetze nicht. So-
weit sie dafür staatliche Institutionen namhaft machen müßten, verwundert
dies nicht; denn deren Ausscheren aus der staatlichen Rechtsordnung gilt als
so unwahrscheinlich und als mit außerstrafrechtlichen Mitteln so gut zu be-
kämpfen, daß keine ernste Gefahr droht. Mögliche Ausnahmen sind die Vor-
bereitung eines Angriffskrieges (§ 80 StGB), die Herstellung friedensgefähr-
dender Beziehungen (§ 100 StGB) und der Völkermord (§ 220a StGB), die
kaum anders als von „höherer", staatlicher Ebene aus geplant und nur von
dort her befohlen werden können. Doch selbst in diesen Ausnahmefällen
richten sich die Strafrechtsnormen lediglich an einzelne; die Beteiligung
staatlicher Behörden sehen sie nicht einmal als Strafschärfungsgrund vor.
Praktisch war das bisher unschädlich, weil die Normen ohnehin kaum ange-
wandt wurden.
Praktische Mängel traten bisher lediglich im Wirtschaftsstrafrecht auf.
Hier setzen unsere Strafrechtsnormen Wirtschaftsbetriebe zwar als Adres-
saten von Rechtspflichten voraus (§14 StGB), doch machen sie für die
Verletzung der Pflichten statt der Betriebe natürliche Personen, nämlich
die „Organe" der Wirtschaftsbetriebe (und, in beschränktem Maße, ihre
gewillkürten Vertreter) verantwortlich. Das System selbst bleibt außer-
halb der strafrechtlichen Haftung; es haftet lediglich über die Hilfskon-
struktion einer Ordnungswidrigkeit (§ 30 OWiG) - wenngleich für sehr
empfindliche Geldbußen. Insgesamt erscheint diese Regelung als dogma-
tisch wenig folgerichtig; sie ist deshalb von Anfang an umstritten gewe-
sen.
Auch eine zahlenmäßige Erweiterung der Unrechtssysteme im Ge-
setz würde indessen die strafrechtsdogmatischen Probleme nicht erheb-
lich reduzieren. Denn die eigentliche Crux liegt darin, daß die Strafrechts-
dogmatik bisher auf jede systemische Delinquenz mit einem auf Einzeltä-
ter zugeschnittenen Instrumentarium reagiert. Dessen grundlegende Kate-
gorien aber - individuale Handlung, sozialer Erfolg und verbindende
Kausalität - sind, gemessen an der Komplexität der zu beurteilenden Sach-

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verhalte, bemerkenswert schlicht. Die Kausalität beispielsweise wird mei-


stens schlicht physikalisch-physiologisch, als linearer Wirkungszusam-
menhang zwischen Handlung und Erfolg, verstanden. Die Kausalverläufe
sollen schlicht gleichwertig sein (Äquivalenztheorie); statt des Satzes „cau-
sa aequat effectum" soll gelten, daß auch „kleine" Ursachen „große" Wir-
kungen haben können und dann zu entsprechend „großer" Tatverantwor-
tung führen. Warum das so ist, bleibt im Dunkel des Wertgefühls. Für
den Einzeltäter mag es ja stimmen: Wer eine Lawine los t ritt und mit ihr
ein Dorf verschüttet, ist ebenso verantwortlich wie derjenige, der in müh-
samer Kleinarbeit die Häuser einzeln dem Erdboden gleichmacht und die
Bewohner massakriert. Doch für das Verhältnis mehrerer Tatbeteiligter
untereinander ergeben sich Unstimmigkeiten; denn die angenommene
Gleichwertigkeit aller kausalen Beiträge erschwert, daß das Maß der Ver-
antwortung unter den Tatbeteiligten gerecht aufgeteilt wird6. Und voll-
ends für das Systemunrecht bieten Handlungen, lineare Kausalverläufe
und die Fiktion ihrer Gleichwertigkeit keine geeigneten Zurechnungskate-
gorien mehr.
Schon bei der Mittäterschaft ist weitgehend anerkannt, daß die gerechte
Aufteilung der Verantwortung vom sozialen Gewicht der (kausalen) Tat-
beiträge abhängt: Je gewichtiger ein Tatbeitrag ist, desto gewichtiger ist
auch die Verantwortung dessen, der ihn geleistet hat7. Die Gründe für die-
se Gerechtigkeitsregel sind leicht einzusehen: Der Mensch schreibt sich
(aufgrund eines psychischen Rückkoppelungsmechanismus ) Verantwor-
tung nach dem Maße zu, wie er Erfolge willentlich verursacht. Mit den
willentlichen Ursachen vervielfältigen sich demnach die Verantwortun-
gen. Steht das gesamte Tatgeschehen in einem einzigen Systemzusammen-
hang, dann verschlingen sich Ursachen und Verantwortungen zu einem
„Netz". Und das soziale Gewicht des einzelnen Tatbeitrags sowie der dar-
aus folgenden individuellen Verantwortung kann dann nur noch im Zu-

6
Schon im vorigen Jahrhundert beklagte Mittermaier, Archiv des Criminalrechts n. F.
1839,165, die Ungerechtigkeit eines Gesetzes, das jeden Mittäter mit der Strafe des Ur-
hebers belegt, und forderte eine geringere Strafe für denjenigen, dessen Tatanteil gering
ist.
7
Diese Auffassung liegt nicht nur der materiell-objektiven, sondern auch der subjektiven
Theorie zugrunde, wenn diese auf die „Über-" und „Unterordnung" des Willens der
Beteiligten und somit auf das funktionale Gewicht psychischer Faktoren abstellt.
8
Dazu im einzelnen Lampe, Gedächtnisschrift für Armin Kaufmann, 1989, S. 189,197 ff.

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sammenhang des „Netzes" bestimmt werden, das die Tatbeteiligten ver-


knüpft9.
Vollends gilt das für komplexe Systeme. So lassen sich z. B. bei der Bande
die individuellen Tatbeiträge nur im steten Hinblick auf deren kriminelle
Zielsetzung und funktionale Organisation richtig würdigen. Und bei der or-
ganisierten Kriminalität tritt der systemische Charakter des Tatgeschehens
gar derart in den Vordergrund, daß den Beiträgen der Mitglieder in erster Li-
nie Symptomwert für die Asozialität des Verbandes zukommt: Sie sind Aus-
druck des überindividuellen Zwecks, den der Verband als Ganzer verfolgt
und an dem seine Mitglieder lediglich teilhaben können.
Insgesamt läßt sich daher mit Küper konstatieren, daß „das Zusammen-
wirken mehrerer Personen bei einer Straftat offenbar in Dimensionen des
Unrechts führt, denen das ^inzeltäter-Paradigma* einer individuellen Ver-
haltenspflichtverletzung des jeweiligen Beteiligten nicht gerecht wird .
Die Dogmatik der Unrechtshandlungen bedarf der Ergänzung durch eine
Dogmatik der Unrechtssystemel

II. Unrechtssysteme im Strafrecht


Zunächst: Was sind Unrechtssysteme? Wegen der Sozialbezogenheit des
Unrechts sind sie Sozialsysteme, genauer noch soziale Gebilde, in denen Be-
ziehungen von Elementen auf ein asoziales Ziel hin organisiert sind. Ihre
Elemente sind die Individuen, die mittels Kommunikation und Interaktion
miteinander in Beziehung stehen. Deren interne Kommunikationen und In-
teraktionen folgen relativ konstanten Mustern, die ihre Organisation ausma-
chen11. Ihr asoziales Ziel ist die desintegrative Gestaltung ihres Verhältnisses
zur Umwelt. Unrecht kann dieses Ziel nur sein, weil es das Außenverhältnis
menschlicher Sozialsysteme ist12.
Die Definition lautet also: Strafrechtliche Unrechtssysteme sind auf Un-
rechtsziele hin organisierte Beziehungen von Menschen.

Lampe (Anm. 8), S. 206 ff.


Küper, ZStW 105 (1993), S. 445,482.
Daneben gibt es emotional stabilisierte Sozialsysteme, zu denen insbesondere die Le-
bensgemeinschaften (Ehe, Familie) und die kleineren Gemeinschaftsformen (Freund-
schaften, Kameradschaften) zählen. Sie werden hier vollständig ausgeblendet.
Die Allgemeine Systemtheorie (Bertalanffy) geht hierüber ebenso hinaus wie die uni-
versale Organisationslehre (Bogdanow).

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1. Einfache Unrechtssysteme, insbesondere die Mittäterschaft


Einfache Sozialsysteme werden funktional durch den Willen der in ihnen
zusammengeschlossenen Individuen auf ein gemeinsames Ziel hin organi-
siert . Strafrechtliches Hauptbeispiel ist die Mittäterschaft. Die folgende
Untersuchung beschränkt sich auf sie.
Objektiv ist Kennzeichen der Mittäterschaft eine Vervielfältigung der re-
levanten Kausalbeziehungen: Diese verlaufen nicht nur, wie bei der Einzel-
täterschaft, zwischen Täter und Opfer, sondern zusätzlich zwischen den
mehreren Mittätern. Es besteht somit eine kausale Wechselbeziehung zwi-
schen der Außenwelt einerseits und der Innenwelt des Systems der Mittäter
andererseits, aufgrund deren die Bedeutung oder Funktion der system-
externen Kausalbeziehungen jeweils nur unter Berücksichtigung der sy-
stem-interfien Kausalbeziehungen voll erfaßt und gewürdigt werden kann -
und umgekehrt.
Im einzelnen: Die Mittäterschaft erfordert die Mitverursachung eines De-
likts durch mehrere Täter. Geht man von der „objektiven" Theorie aus, müs-
sen die Mitursachen externe Beiträge sein, die sich als wesentlich darstellen.
Wann aber sind externe Tatbeiträge wesentlich? Relativ leicht läßt sich die
Frage für einen Beitrag bejahen, der einen Straftatbestand ganz oder teilwei-
se „erfüllt". Hält beispielsweise ein Täter das Opfer fest, während der andere
ihm die Brieftasche entwendet, dann haben beide den Raubtatbestand des
§ 249 StGB je teilweise „erfüllt", und allein unter Berücksichtigung der ex-
ternen Kausalität läßt sich sagen, daß die Beiträge beider wesentlich sind. Im
Fall der vollständigen „Erfüllung" hält die herrschende Lehre einen Beitrag
gar für so wesentlich, daß der ihn Leistende Täter sein muß. „Wer alle objek-
tiven ... Merkmale des Tatbestandes in eigener Person verwirklicht, ist ...
[objektiv] Täter" . Indessen ist diese Annahme nicht zwingend. Der Bun-

13
Die Vielfalt der Organisationsbegriffe läßt zwei Grundkategorien hervortreten (dazu
etwa Hoffmann, Entwicklung der Organisationsforschung, 2. Aufl. 1976, S. 58 ff.):
a) Organisation ah d/c planmäßige Zusammenfassung von Menschen und Sacnen im
Hinblick auf ein bestimmtes Ziel: die Organisation hat funktionalen Charakter (funk-
tionaler Organisationsbegriff); b) Organisation als das Ergebnis von (a), nämlich als in-
tegrative Struktur eines Systems: die Organisation hat institutionellen Charakter (insti-
tutionaler Organisationsbegriff). Daneben wird der Begriff „Organisation" auch für
eine Vereinigung als ganze verwendet: Die Vereinigung „ist" eine Organisation - z. B. in
§ 84 Abs. l Satz 2 StGB („Ersatzorganisation einer verbotenen Partei"). Da dieser
Sprachgebrauch es erlaubt, von der Organisation einer Organisation zu sprechen, kann
er zu Mißverständnissen führen. Er wird daher im Text vermieden.
14
Vgl. dazu Lampe (Anm. 8), S. 198 ff.
15
OLG Stuttgart NJW 1978, 715.

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desgerichtshof hat sie denn auch mit dem Vorbehalt versehen, daß sie nur die
Vermutung der Richtigkeit für sich hat und daß in Ausnahmefällen eine an-
dere Wertung Platz greifen kann .
Denkbar ist ein solcher Ausnahmefall, wenn man zusätzlich zu den exter-
nen auch die internen kausalen Beziehungen („Interdependenzen") zwi-
schen den Beteiligten berücksichtigt. Dann kann die Bedeutung der externen
Tatausführung unter Umständen kompensiert werden durch die interne Un-
bedeutendheit dessen, der die Tat ausführt. Dies traf nach Ansicht des Bun-
desgerichtshofs auf den Fall BGHSt. 17, 87 zu 17: Dort hatte im Auftrag des
sowjetischen Geheimdienstes ein Agent namens Staschynskij zwei Exilpoli-
tiker mit einer Gaspistole getötet; da der Agent nur ausführendes Organ
ohne eigene Bedeutung innerhalb der Entscheidungshierarchie des Systems
war, sah ihn der Bundesgerichtshof nicht als Täter, sondern nur als Gehilfen
an. Die Entscheidung ist umstritten geblieben; ich komme auf sie zurück
(siehe unten S. 743). Nahezu unumstritten ist dagegen, daß für das Problem
von Täterschaft und Teilnahme die interne Verteilung der Verantwortung
unter den Beteiligten entscheidend sein kann. Beispielsweise verliert ein li-
near wesentlicher Tatbeitrag seine Bedeutung dann, wenn reflexiv haupt-
sächlich ein anderer für das Ob der Tat zuständig ist18: Hat nur einer der Be-
teiligten die vom Gesetz geforderte Pflichtenstellung inne, weil allein ihm
die Fürsorge für das geschädigte Vermögen obliegt, dann ist allein er Täter
der Untreue (§ 266 StGB), auch wenn er extern die veruntreuende Handlung
nicht vorgenommen, sondern sie z. B. lediglich durch Untätigkeit unter-
stützt hat . Der nicht Fürsorgepflichtige dagegen, der den Tatbestand ex-
tern allein verwirklicht hat, ist bloßer Gehilfe.

16
BGH NStZ 1987, 224, 225.
17
Es traf dagegen nicht zu im vielfach zum Vergleich herangezogenen Badewannen-
Fall (RGSt. 74, 84): Dort hatte sich die Schwester der unehelich gebärenden Frau ledig-
Ü£.h d^ren „jDteresse" am Tod des Neugeborenen untergeordnet, ohne daß sie in ein or-
ganisatorisches System mit hierarchischen Befehlsstrukturen eingebunden war. Vgl. zur
Differenz beider Entscheidungen auch/*fco£s, Allg. Teil, 2. Aufl. 1991, 21/31.
18
Vgl. Roxin, in: LK StGB, 11. Aufl. 1992, § 25 Rdn. 111 ff. und Rdn. 36: „Auch ist die
Tatherrschaft kein Universalprinzip, das ausnahmslos bei sämtlichen Tatbeständen zur
Bestimmung der Täterschaft herangezogen werden könnte. Man muß vielmehr bei zwei
Gruppen von Tatbeständen die Täterschaft von vornherein nach anderen Gesichts-
punkten beurteilen: bei den ,Pflichtdelikten' und bei den »eigenhändigen* Delikten.";
Herzherg, Die Unterlassung im Strafrecht und das Garantenprinzip, 1972, S. 315 ff.;
Bloy, Die Beteiligungsform als Zurechnungstypus im Straf recht, 1985, S. 213 ff.
19
Vgl. BGHSt. 9, 203,217 f.

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Halten wir also fest, daß es für die Mittäterschaft sowohl auf die Gemein-
samkeit externer Erfolgsverursachung als auch auf ein Mindestmaß an Ega-
lität im Verhältnis zueinander und auf eine im wesentlichen gleiche Rechts-
stellung in der sozialen Umwelt ankommen kann und daß keiner dieser Fak-
toren schon für sich allein die Mittäterschaft Begründer . Daraus folgt die
Erkenntnis, daß Mittäterschaft mehr ist als eine Addition von Einzeltäter-
handeln: sie ist ein funktional organisiertes Unrechtssystem. Ein solches Sy-
stem schafft eine „neue Qualität" des Handelns, das „Solidarahandeln, wel-
ches „über isoliertes Einzelhandeln hinausgeht". Ein solches System be-
gründet eine neue Qualität des Unrechts, das „Systemaunrecht, welches
über isoliertes Verhaltensunrecht hinausgeht. Und ein solches System hat - im
Wege der Rückkoppelung - eine neue Art der Verantwortung zur Folge, die
„System"verantwortung, die, über die Verantwortung für das eigene Tun
hinaus, das Verhalten der anderen, systemisch verbundenen Mittäter ein-
schließt - etwa die Verantwortung für den strafbaren Versuch des Systems22,
für die Vollendung der strafbaren Tat durch das System usf.

20
Deshalb ist die gesetzliche Definition der Mittäterschaft (§ 25 Abs. 2 StGB) ungenau.
Die „gemeinsame Begehung" einer Straftat (was immer im einzelnen man darunter ver-
steht) ist nur die notwendige, nicht schon die hinreichende Bedingung der Mittäter-
schaft. Zusätzlich bedarf der Mittäter-Begriff ideologischer Bestimmung; vgl. dazu
Herzberg, ]Z 1991, 856, 860.
21
Küper, Versuchsbeginn und Mittäterschaft, 1978, S. 53 f. Grundsätzlich a. A. Schilling,
Der Versuchsbeginn des Mittäters und des mittelbaren Täters, 1975. Nach ihm erliegt
die Auffassung, es gebe ein „Gesamtsubjekt", einen „Gesamtwillen" und eine „Gesamt-
handlung", einer Fiktion; a. a. O., S. 64, 73. So prononciert auch Nagler, Teilnahme am
Sonderverbrechen, 1903, S. 77: „Davon, daß ein ,Gesamtwille' als ein neues, über das
Aggregat der Einzelwillen sich erhebendes, zu einem selbständigen Dasein berufenes
Wesen zur Erscheinung komme, kann keine Rede sein. Eine solche Fiktion würde -
konsequent durchgeführt - die weitere Fingierung einer ideellen, die Urheberschaft tra-
genden Personeneinheit erzwingen." Im Gegensatz zu Schilling und Nagler geht jedoch
die Auffassung des täglichen Lebens davon aus, daß es soziale Gebilde gibt, die mehr
sind als die Summe ihrer Elemente. Diese Auffassung wird gestützt von der modernen
Soziologie, die sich mit der Erforschung solcher sozialen Gebilde, ihrer internen SiruJf -
tureigentümlichkeiten und ihres Verhältnisses zur Umwelt befaßt; vgl. dazu unten II. l
und III. 1; zu Fiktion und Realität speziell von Verbänden bei Anm. 123.
22
Vgl. Küper (Anm. 21), S. 18: Die Handlung eines Mittäters bedeutet nur dann den
Versuchsbeginn, wenn sie, „bildlich gesprochen, gleichsam die über die Vorberei-
tungsgrenze hinausragende ,Speerspitze' der aus den Tatbeiträgen aller Mittäter be-
stehenden ,Gesamthandlung' ist"; ferner a. a. O., S. 21 f. Aus der Rechtsprechung
vgl. RGSt. 9, 3, 6 f.
23
Zum Ganzen auch Olson, The Logic of Collective Action, 1971, S. 15 f., 53 ff.; Nunner-
Winkler, in: Lampe (Hrsg.), Verantwortlichkeit und Recht, 1989, S. 169 ff. Vgl. ferner
Sherif, Social Psychology, 1969, S. 131 ff.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 691

Im einzelnen ist die Erklärung für die systemtypisch „neuen Qualitäten" bis heute
umstritten. Nach einer modernen Fassung der Systemtheorie (Theorie der auto-
poietischen Systeme) „besteht ein differenziertes System nicht mehr einfach aus
einer mehr oder weniger großen Zahl von Teilen (= Elementen) und Beziehungen
zwischen Teilen; es besteht vielmehr aus einer mehr oder weniger großen Zahl von
verwendbaren System-Umwelt-Differenzen, die jeweils an verschiedenen Schnitt-
linien das Gesamtsystem als Einheit von Teilsystem und Umwelt rekonstruie-
ren"24. Umwelt erhält ihren Sinn vom System her. Treffen mehrere sinnkonstituie-
rende Systeme aufeinander, entsteht „doppelte Kontingenz"25: Sozialer Kontakt
zwischen ihnen ist nur möglich, wenn beide offen sind für die Konditionierung des
eigenen Verhaltens durch das des anderen und für den Aufbau einer „freischwebend
konsolidierten Realität"26. Das sie verbindende soziale System ist dann ein „emer-
gentes", d. h. nicht allein auf sie zurückführbares Phänomen. Es konstituiert sich
durch „Interpenetration" der Subsysteme. Handlungen, die (auch) durch das sozia-
le System konditioniert sind, erhalten durch dieses einen neuen, „emergenten" Sinn:
der gemeinsame Raub also den Sinn, den die Gewaltanwendung und die Wegnahme
in ihrem Bezug aufeinander und auf die Umwelt haben27.
Eine weitere Erklärung liefert die psychoanalytische Theorie. Ihr zufolge bewältigt
Solidarität die individuelle Angsr8, mit einem eigenen Vorhaben zu scheitern.
Kriminellem Solidarverhalten kommt zwar geringeres (individual-)moralisches Ei-
gengewicht, dafür aber höhere soziale Gefährlichkeit zu als kriminellem Einzelver-
halten. Konsequenz ist, daß eine Erhöhung der Sozialverantwortung die individual-
moralische „Diffusion der Verantwortung"30 kompensieren muß: Mitläufer sind
Mittäter31!

24
Luhmanriy Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, 1984, S. 22.
25
Vgl. Parsons^ in: Parsons/Shils (Hrsg.), Toward a General Theory of Action, 1951, S. 3,
16.
26
Luhmann (Anm. 24), S. 172.
27
Ob die Erklärung mittels der Allgemeinen Systemtheorie einen Erkenntnisgewinn dar-
stellt, bleibt zweifelhaft. Nach Hanssmann, Einführung in die Systemforschung, 1978,
S. 144, sorgt der der Systemtheorie zugrunde liegende Abstraktionsprozeß „schon per
se für eine zu große Entfernung von spezifischen Systemen, um für deren Untersuchung
noch viel Interessantes bieten zu können".
28
So ausdrücklich Anselmy Angst und Solidarität, 1985, passim.
29
!>«?? entspricht es, weaa Mitglieder von Gruftpeo dbaJim tendieren, gemeinsam riskan-
tere Entscheidungen zu fällen als unter alleiniger Verantwortung.
30
Falls es sie überhaupt gibt - vgl. dazu im einzelnen Sader, Psychologie der Gruppe,
1991, S. 217, 12 ff.; Brigham, Social Psychology, 2. Aufl. 1991, S. 306, 235 f., jeweils
m. w. N. Beachtenswert ist, daß jedenfalls eine Masse, nach den Mechanismen des sozia-
len Zwangs, dem Individuum Gesetzmäßigkeiten auferlegen kann, welche dessen eigene
moralische Instanz für das Verhalten bedeutungslos werden lassen (beispielhaft Egen-
dorf, Journal of Social Issues 31, 1975, S. Ill ff.). Gerade dann müssen Sozialethik und
Recht die Verantwortung jedoch autochthon begründen („Du kannst, weil du sollst!").
31
Besonderes gilt für eine auf Dauer angelegte Gruppenbildung. Der Wille, sich mit ande-
ren zur fortgesetzten Begehung von Straftaten zusammenzuschließen, beinhaltet sozial-

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Subjektiv ist Mittäterschaft der überindividuelle Wille, in funktionaler Sy-


stemverbundenheit zu handeln. Dieser Wille kann sich in straff organisierter
gemeinsamer Tatausführung ausprägen; er kann aber auch zu gleichrangigen
(„akephalen") Wir-Gemeinschaf ten führen ; und er kann schließlich Ge-
meinschaften bilden, die lediglich auf dem Bewußtsein funktionaler Verbun-
denheit kraft gemeinsamer Verantwortung beruhen33. Werden beispielswei-
se aus einer Menschenmenge heraus Steine auf Polizisten geworfen, dann ist
dies eine mittäterschaftlich begangene gefährliche Körperverletzung (§ 223a
StGB), gleichgültig ob die Beteiligten im „gewollten Zusammenwirken"
oder nur im Bewußtsein ihrer funktionalen Verbundenheit handeln. Wird
von mehreren Vorstandsmitgliedern einer Aktiengesellschaft die Ausliefe-
rung einer gesundheitsgefährlichen Ware teils veranlaßt, teils geduldet, dann
handeln die Vorstandsmitglieder als Mittäter, auch wenn sie ihr Verhalten
nicht miteinander abstimmen.
Die Rechtsprechung, die (in Übereinstimmung mit der herrschenden Lehre) für
vorsätzliches mittäterschaftliches Handeln auf einem „bewußten und gewollten Zu-
sammenwirken" besteht, kommt zum selben Ergebnis - aber nur, weil ihr das Be-
wußtsein jedes Mitwirkenden genügt, „daß neben ihm noch ein anderer oder andere
mitwirken und diese von dem gleichen Bewußtsein erfüllt sind . Sie sieht hierin
eine stillschweigende, durch schlüssiges Handeln bekundete Willensübereinstim-
mung35. In Wahrheit begnügt sie sich mit einem überindividuellen (systemischen)
Gesamtplan, dem sich die Einzelwillen einfügen.
Ganz und gar aus dem Ruder läuft der Rechtsprechung die Mittäterschaft zur fahr-
lässigen Tat. Als Beispiel mag ein Entscheid des Schweizerischen Bundesgerichts36
dienen, der zwei Personen (A und B) betrifft, welche auf einer Straße oberhalb eines
Flußufers Felsbrocken entdeckt und sich entschlossen hatten, diese über die Bö-
schung hinunterzurollen. Einer der Brocken tötete den am Ufer angelnden C; wer
ihn gerollt hatte, ließ sich nicht ermitteln. Das Gericht verurteilte A und B wegen

moralisch die Übernahme der Mitverantwortung für die gemeinsamen Taten. Denn mag
auch zweifelhaft sein, ob wirklich „der Täter der Bandendelikte einen bereits gefestigten
Willen hat, der so stark ist, daß er sich mit Gleichgesinnten zusammenschließt" (Schild
[Anm. 4], S. 77) - er weiß doch immerhin, daß sein Zusammenschluß mit kriminell Ge-
sinnten für ihn eine Verantwortung begründet, die weit über die bei der einfachen Mit-
täterschaft hinausgeht.
32
Vgl. RGSt. 58, 279; 66, 236, 240; Kohlravsch/Lange, 43. Aufl. 1961, § 47 Anm. I; Dre-
her/Tröndle, 46. Aufl. 1993, § 25 Rdn. 8.
33
Siehe auch Newcomb, Sozialpsychologie, 1959, S. 549, nach dem „das Verhalten von
Gruppenmitgliedern, die gemeinsame Bezugssysteme haben, nur als gegenseitig abhän-
giges Verhalten verstanden werden kann**.
34
RGSt. 58, 279; vgl. auch BGH StV 1981, 275.
35
BGHSt. 37, 289, 292.
36
BGE113IV58.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 693

fahrlässiger Tötung mit der Begründung, daß „Kausalität zwischen der gemeinsam
vorgenommenen Gesamthandlung und dem eingetretenen Erfolg" bestehe. Ob es
damit das Problem auf die Kausalitätsfrage reduziert oder ob es inzident eine Mit-
täterschaft von A und B anerkennt, bleibt offen.
Auch die wissenschaftliche Diskussion hat die Erklärungslücke bisher nicht ge-
schlossen. Otto bejaht das Ergebnis der Entscheidung; denn „wer in Vollzug eines
gemeinsamen Planes arbeitsteilig mit anderen pflichtwidrig Gefahren für Rechtsgü-
ter begründet, ist für die Verletzung dieser Rechtsgüter (mit-)verantwortlich, wenn
sich in der Verletzung der Rechtsgüter die spezifischen von ihm mitgesetzten Gefah-
ren realisieren"37. Roxin hält die Entscheidung ebenfalls für richtig, Ottos Konstruk-
tion jedoch für unnötig. Als Begründung genüge, daß jeder der Handelnden die
durch den anderen geschaffene Gefahr „mitgesetzt" hat38. Doch wann hat ein Betei-
ligter die durch den anderen geschaffene Gefahr „mitgesetzt"? Reicht hierfür, wie
das Schweizerische Bundesgericht anzunehmen scheint, die bloß kausale Verknüp-
fung mit dem tödlichen Ereignis aus? Den „Erfordernissen objektiver Zurechnung"
genügt, wie Otto mit Recht einwendet, eine solche Verknüpfung nicht39. Erforder-
lich ist vielmehr der Eintritt in ein organisiertes System, welches den Schaden pflicht-
widrig verursacht; denn nur die Zugehörigkeit zu einem solchen System läßt (mittel-
bar) eine Verantwortungszuschreibung auch für fremde Tatbeiträge zu - dies freilich
unabhängig davon, ob der Beitritt zum System vorsätzlich oder fahrlässig erfolgte.
Resümieren wir also, daß Mittäterschaft nicht mehr, aber auch nicht weni-
ger erfordert als allseits bewußtes Solidarverhalten in einem funktionalen Sy-
stem, von dem Verletzungen oder Gefährdungen für die Rechtsgüter Dritter
ausgehen. Vorsätzlich ist das mittäterschaftliche Verhalten, wenn sich der in-
dividuelle Wille auf die Verwirklichung eines überindividuellen kriminellen
Willens (eines „gemeinsamen Tatplans") richtet; fahrlässig ist es, wenn der
Mittäter pflichtwidrig nicht erkennt, daß das bewußte funktionale Zusam-
menwirken im System nicht der verkehrserforderlichen Sorgfalt entspricht.

2. Verfaßte Unrechtssysteme
Die funktionale Organisation eines Unrechtssystems kann ihre dauerhafte,
institutionelle Gestalt in einer Verfassung (oder Satzung) gewinnen. Ein sol-
ches verfaßtes Unrechtssystem ist nicht nur, wie das einfache, „mehr als die
Summe seiner Teile"40, sondern als Institution auch vom Wechsel seiner Tei-
le unabhängig. Man bezeichnet es infbigecfessen gern a/s „formeffes u System
(z. B. „formell organisierte" Gruppe). Ich bevorzuge den Ausdruck „verfaß-

37
Otto, Jura 1990,47, 49.
38
Äojci»,in:LK,$25Rdn.221.
39
Otto, Die Strafbarkeit von Unternehmen und Verbänden, 1993, S. 13.
40
Vgl. Aristoteles, Metaphysik, 1023b. Hierzu Driesch, Das Ganze und die Summe, 1921,
S. 8 f.; Bertalanffy, General System Theory, 4. Aufl. 1973, S. 55, 67.

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tes System", weil stets eine (formelle oder informelle) Verfassung Ziele und
Mittel des Systems und damit sein Unrecht bestimmt.
Während das einfache Unrechtssystem regelmäßig auf dem persönlichen
Sich-Kennen seiner Mitglieder beruht, beruht das verfaßte Unrechtssystem
auf Zugehörigkeitsmerkmalen, die von der Person seiner Mitglieder unab-
hängig sind und deshalb nur eine reduzierte Kenntnis erfordern. Das verfaß-
te Unrechtssystem kann mithin aus einer größeren Zahl von Mitgliedern be-
stehen als das einfache41.
Wegen der großen Zahl seiner Mitglieder weist das verfaßte Unrechtssy-
stem typischerweise einen höheren Grad an Komplexität auf als das einfa-
che. Regelmäßig umfaßt es mehrere Subsysteme, zu denen nur einige Mit-
glieder Zugang haben. Kommunikation und Interaktion werden dann ge-
zielt, und zwar meistens hierarchisch, selektiert. Um dennoch den Zusam-
menhalt des Ganzen zu gewährleisten, bestehen zwischen den Subsystemen
Informationskanäle, welche einerseits Anweisungen von der hierarchisch
höheren Ebene (als normgebender Instanz) zu den mit Unteraufgaben be-
faßten Ebenen und von da zu denjenigen Personen leiten, die mit der Erfül-
lung von Elementaraufgaben betraut sind, und in denen andererseits Rück-
meldungen aus den hierarchisch niederen Regionen in umgekehrte Richtung
fließen. Es besteht also ein Informationsaustausch in Form eines Regelkrei-
ses. Ein derart hierarchisch organisiertes System arbeitet wegen der Redu-
zierung der Kommunikationen und Interaktionen effizienter als ein heterar-
chisch organisiertes und ist daher bei krimineller Ausrichtung oder auch nur
Anfälligkeit besonders gefährlich.

In der Sozialpsychologie unterscheidet man Kleingruppen, deren Mitglieder sich unter-


einander kennen und miteinander in Kontakt stehen, von Großgruppen, deren Mitglie-
der nur selektiv miteinander bekannt sind und in denen man oft nur über vermittelnde
Instanzen miteinander kommuniziert.
Der Begriff der Komplexität - der schillerndste in der Systemtheorie (vgl. Willcke, Sy-
stejnthe&rje, J 9Ä2, S. 10 ff.) - & sieh Juw» hinreichend bestimmen. N*ch Ropke^ Die
Strategie der Innovation, 1977, S. 21, wird ein Beobachter ein System dann als komplex
einstufen, wenn er „es nicht mehr vollständig beobachten und beeinflussen, d. h. seinen
Zustand determinieren und die für Vorhersagen des Verhaltens des Systems notwendi-
gen Rechenvorgänge zu Ende führen kann". Nach Luhmann, (Anm. 24), S. 46, ist ein
System komplex, wenn aufgrund immanenter Beschränkungen der Verknüpfungskapa-
zität der Elemente nicht mehr jedes Element jederzeit mit jedem anderen vernküpft sein
kann und somit Selektionszwang besteht. In der Sozialpsychologie wird der Begriff
„meist als unscharfe Sammelbezeichnung für Undurchsichtigkeit, zu große Vielfalt,
Nichtvorhandensein von augenscheinlichen Ordnungsprinzipien benutzt"; Sader
(Anm. 30), S. 114.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 695

Die Zugehörigkeit zu einem verfaßten Unrechtssystem wird durch for-


mellen Akt begründet, wenn das System einen eigenen Rechtsstatus auf-
weist . Es gibt dann eine förmliche Mitgliedschaft (z, B. in einem betriebli-
chen Unternehmen, in einer staatlichen Behörde), an die sich typische Er-
wartungen knüpfen (z. B. daß die Organisationsziele anerkannt und daß die
durch die Organe des Systems definierten Pflichten erfüllt werden ). Be-
sitzt ein System keinen eigenen Rechtsstatus (wie etwa die kriminelle Verei-
nigung), dann begründet die formelle Mitgliedschaft die Zugehörigkeit noch
nicht45, und umgekehrt ist sie in solchen Fällen auch nicht unbedingt erfor-
derlich. Vielmehr ist Mitglied (z. B. der kriminellen Vereinigung), wer sich
subjektiv einigen der zentralen Auffassungen über die Ziele des Zusammen-
schlusses und die Wege zu ihrer Erreichung verpflichtet fühlt und dies ob-
jektiv durch Teilnahme an einigen Aktivitäten zu erkennen gibt.
Wie einleitend erwähnt, erfassen die deutschen Strafgesetze Unrechtssy-
steme nur in bescheidenem Maß. Unter Einbeziehung von Überlegungen de
lege ferenda lassen sich drei Erscheinungstypen verfaßter Unrechtssysteme
unterscheiden: (a) kriminell ausgerichtete Systeme (z. B. kriminelle Vereini-
gungen), (b) kriminell anfällige Systeme (z. B. Wirtschaftsunternehmen mit
„krimineller Attitüde") und (c) kriminell pervertierte Systeme (z. B. staatli-
che Unrechtsinstitutionen). Die Inkrimination dieser Systeme kann sowohl
an ihren externen Wirkungen als auch an ihrer internen Verfassung ansetzen.
Dazu im einzelnen:

a) Kriminelle Vereinigungen
Unter einer Vereinigung versteht die Rechtsprechung eine „auf eine gewisse
Dauer berechnete organisatorische Vereinigung einer Anzahl von Personen,
die bei Unterordnung des Willens des einzelnen unter den Willen der Ge-
samtheit gemeinsame Ziele verfolgen und unter sich derart in Beziehung ste-

43
Das ist der Fall bei den Juristischen Personen des privaten und des öffentlichen Rechts,
zu denen noch die beschränkt rechtsfähigen Personenhandelsgesellschaften hinzutreten
(vgl. etwa Art. 19 Abs. 3 GG). Weitergehend (aufgrund eines zu weiten Rechtsbegriffs)
Sorokin, in: Hirsch/Rehbinder (Hrsg.), Studien und Materialien zur Rechtssoziologie,
1967, S. 87,114 ff.
44
Vgl. F. X. Kaufmann, in: Lampe (Hrsg.), Verantwortlichkeit und Recht, 1989, S. 209,
213. Aus der Anerkennung der Organisationsziele und der zu ihrer Erreichung dienen-
den Pflichten resultiert das viel beschriebene „Rollenverhalten" von Systemmitgliedern;
vgl. dazu etwa Mayntz, Soziologie der Organisation, 1963, S. 81 ff.
45
BGHSt.29,114,121.

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hen, daß sie sich untereinander als einheitlicher Verband fühlen"46. Diese
Begriffsbestimmung ist zu eng; denn sie bezieht sich lediglich auf die in der
Vereinigung zusammengeschlossenen Personen, nicht auch auf die sachli-
chen Mittel, die zur dynamischen Verfolgung des Verbandszwecks verwen-
det werden. Da das Strafrecht an die Gefährlichkeit der Vereinigung an-
knüpft und diese wesentlich davon herrührt, daß Sachmittel zur Verfolgung
krimineller Ziele verwendet werden, ist die Definition um das technische Sy-
stemelement zu ergänzen. Die „auf eine gewisse Dauer berechnete organisa-
torische Vereinigung" betrifft dann drei verfahrenstechnische Bereiche: den
Humanbereich; die Integration von Sachmitteln; die Integration von Men-
schen und Sachmitteln in ein sozio-technisches System.
Banden sollen sich von kriminellen Vereinigungen dadurch unterschei-
den, daß bei ihnen „zwar auch ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl
gefordert wird, jedoch eine lose Zusammenfügung ohne besondere Organi-
sationsform ausreicht"47. Auch diese Begriffsbestimmung ist ungenau; denn
ohne eine funktionale Organisation, die ihr Wirken auf bestimmte Ziele fest-
legt, kommt keine Bande aus. Banden unterscheiden sich von kriminellen
Vereinigungen lediglich dadurch, daß ihnen trotz einer gewissen Dauer die
feste institutionelle Organisation fehlt.
Ziel institutionell organisierter krimineller Vereinigungen ist die Bege-
hung von Straftaten. Dieses Ziel ist sowohl ihr Charakteristikum („label")
als auch das Bildungselement ihres Systems; es bestimmt sowohl den inter-
nen Aufbau ihrer Organisation als auch ihr Erscheinungsbild nach außen.
Infolgedessen ist die kriminelle Vereinigung extern, d. h. gegenüber ihrer le-
galen Umwelt, faktisch und rechtlich weitgehend abgeschottet; intern resul-
tiert daraus die Erpreßbarkeit ihrer Mitglieder zu Loyalität und Solidari-
tät . Ihren Bestand sucht sie - zumindest in der modernen Form des orga-

46
BGH NJW 1975, 985 (unter Bezugnahme auf RG JW 1931, 3667); ferner BGH NJW
1978, 433, u. cv ÄJmlirb A^Jal/du, Festschnh für Bmns, 1973, S. 215, 320. N*ch BGH
NStZ 1982,68, stimmt der Begriff der Vereinigung mit dem des Vereins überein. Soweit
die Rechtsprechung hieraus die Folgerung zieht, daß „ein vom aktuellen Willen des
einen oder anderen unabhängiger organisierter Gesamtwille auf Dauer maßgeblich und
verbindlich sein muß" (a. a. O., S. 69), ist ihr zuzustimmen. Dennoch unterscheiden sich
Verein und Vereinigung durch ihre unterschiedliche Dynamik wesentlich voneinander.
47
BGHSt. 31, 202, 205; BGH NStZ 1982, 68; BGH bei Holtz, MDR 1977, 282. Nach
Schild, GA 1982, 72, 75, soll die Organisation kein Erfordernis der Bande sein.
48
Das gilt insbesondere für terroristische Vereinigungen; vgl. hierzu McCawley/Segal,
Review of Personality and Social Psychology 9 (1987), S. 231 ff.; Baeyer-Katte/Claes-
sens/Feyer/Neidhardt, Gruppenprozesse, 1982, S. 395 ff.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 697

nisierten Verbrechens (Mafia o. ä.) - einerseits durch Anpassung an die ille-


galen Bedürfnisse der Außenwelt zu sichern, etwa indem sie Waren liefert
oder Dienstleistungen erbringt, die auf dem legalen Markt nicht erhältlich
sind (z. B. Rauschgift, Waffen, Kunstgegenstände); andererseits tendiert sie
dazu, die Umwelt in die eigenen kriminellen Ziele einzupassen, etwa indem
sie legale Wirtschaftsunternehmen gründet oder die Staatsgewalt so weit
korrumpiert, daß sie ihrer Verfolgungsaufgabe nicht mehr gerecht wird .
Trotz Abschottung werden die meisten kriminellen Vereinigungen von
der Struktur sowie von den Werten und Normen der Gesellschaft beein-
flußt. Der Einfluß verstärkt sich, je mehr Mitglieder einer kriminellen Verei-
nigung in legale Gruppen und Systeme eingebunden werden . Deshalb ver-
sucht die Staatsgewalt, in die kriminellen Systeme einzubrechen, indem sie
deren Mitgliedern „goldene Brücken" in die Legalität baut (Kronzeugenre-
gelung) oder indem sie eigene Funktionäre als Mitglieder bei ihnen ein-
schleust.

b) Kriminell anfällige Wirtschaftsunternehmen


Der Begriff „Wirtschaftsunternehmen" wird im Strafgesetzbuch zwar gele-
gentlich verwendet (z. B. in §§ 9 Abs. 2 Satz 2,14 Abs. 2 Satz 2; 264 Abs. 6,
264a, 265b, 303b StGB), jedoch nirgends definiert. Außerhalb des Strafrechts
ist er rechtsformüb ergreif end anerkannt . Man definiert ihn dort als orga-
nisatorische Einheit, die von einem Rechtssubjekt getragen wird und einem
wirtschaftlichen Zwecke dient . Kriminell anfällig können sowohl die Or-

49
Nach h. M. unterscheidet sich das organisierte Verbrechen von der kriminellen Vereini-
gung zum einen durch seine Imitation legalen Verhaltens - insbesondere im kaufmänni-
schen Planen und Handeln, welches auf die Befriedigung von Bedürfnissen der Bevöl-
kerung oder einzelner Kreise nach illegalen oder sonst am Markt nicht erhältlichen
Waren zugeschnitten ist - und zum anderen durch seine Verschränkung mit legalen In-
stitutionen des Handels und der Politik, um die Gewinne aus seiner Tätigkeit zu sichern
und eine finänzieife Grundlage für küiifiige JcrJjmiodJc1 Tätigkeit zu srJbaffen; vgL dazu
im einzelnen Kaiser, Kriminologie, 3. Aufl. 1993, § 28/4.1; Kerner; Professionelles und
organisiertes Verbrechen, 1973, S. 219 ff., jeweils m. w. N.
50
Eine solche Integration wird daher bei einigen Gruppen strikt ausgeschlossen: Als Ter-
rorist beispielsweise, aber auch als Sektenmitglied, darf man nur der eigenen Gruppe an-
gehören - was zu enormer Kontaktdichte, entsprechend starkem Gruppenbewußtsein,
aber auch zu emotionalen Problemen führt.
51
K. Schmidt, Gesellschaftsrecht, 2. Aufl. 1991, § 32 II1.
52
VgL K. Schmidt, Handeisrecht, 3. Aufl. 1987, § 4 I 1; Hueck/Nipperdey, Lehrbuch des
Arbeitsrechts, Bd. I, 7. Aufl. 1963, S. 97. Eine eingehende Darstellung aus organisati-
onstheoretischer Sicht gibt Raiser, Das Unternehmen als Organisation. Kritik und Er-

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ganisation des Unternehmens sein als auch sein Ziel und dessen Verfolgung
in der sozialen Umwelt.
Die wirtschaftlichen Ziele des Unternehmens werden entweder autoritär
vorgegeben oder in einem Verhandlungsprozeß erzeugt. Im zweiten Fall
bringen die Mitglieder ihre Ziele für das Unternehmen als Forderungen in
einen Verhandlungsprozeß ein; am Ende werden die Ziele des Unterneh-
mens dann durch die in der Verfassung legitimierte Person oder Gruppe als
für alle Mitglieder verbindlich festgestellt. Formuliert werden die Ziele des
Unternehmens meist nur allgemein und vage, damit möglichst viele Mitglie-
der ihnen zustimmen können. Dadurch verringert sich die Möglichkeit, die
Zielerreichung zuverlässig zu kontrollieren. Da zudem die Hierarchisierung
des Zielsystems mittels Dezentralisierung des Unternehmensgefüges ein
übriges tut, um die einzelnen Entscheidungsträger nur an eine begrenzte An-
zahl von Zielen zu binden, sind die Unternehmensziele meist relativ offene
Beschränkungen des Handlungsspielraums. Sie erlauben infolgedessen die
Integration auch „krimineller Attitüden . Diese gedeihen um so besser, je
mehr das Unternehmen durch eine Binnenmoral gegen normative Außen-
einflüsse abgeschottet ist.
Zum arbeitsfähigen Ganzen wird das Unternehmen durch die Organisati-
on seiner betrieblichen Produktion54, insbesondere durch die Aufgliederung
in Produktions- (oder Projekt-)Einheiten und durch die Aufstellung von
verbindlichen Mustern oder Normen für Arbeitsabläufe55. Abweichendes
Verhalten wird auf dieser Grundlage festgestellt; es wird entweder informell

neuerung der juristischen Unternehmenslehre, 1969, insbes. S. 93 ff., 111 ff. Aus der so-
ziologischen Literatur sind zu nennen Hoffmann (Anm.13), S. 57 ff.; Enärnweit, Orga-
nisationssoziologie, 1981; aus der betriebswirtschaftlichen Literatur Hill/Fehlhaum/
Ulrich, Organisationslehre I, 4. Aufl. 1989, S. 20 ff.; Remer, Organisationslehre, 1989,
S. l ff.; ferner Krüger, Organisation der Unternehmung, 1984, S. 13, 71 ff.
53
Der Begriff stammt von Schünemann, Unternehmenskriminalität und Straf recht, 1979,
S. 22 U- ex, der unifr ihn ejjsfji „den Untcrtzckirtensträgern &nid$tb&FCtt Orrencierungs-
mangel" faßt; a. a. O., S. 253. Ein solcher Mangel kann insbesondere in der Einstellung
zur sozialen Verantwortung des Unternehmens und zu den vom Unternehmen ausge-
henden Risiken sichtbar werden. Siehe auch Müller, Die Stellung der juristischen Person
im Ordnungswidrigkeitenrecht, 1985, S. 22 ff.
54
Zu den Unternehmenszielen gehören ferner die Finanzierung der Produktion und ihre
kommerzielle Verwertung; vgl. dazu Gutenberg, Grundlagen der Betriebswirtschafts-
lehre, Bd. I, 20. Aufl. 1984, S. l f.
55
Zwischen Verhaltensmustern und Verhaltensnormen besteht keine klare Trennungsli-
nie: Normen sind in der Regel explizit gemachte Muster, jedoch von höherer Verbind-
lichkeit; vgl. näher Witte, Sozialpsychologie, 1989, S. 473 ff.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 699

korrigiert oder, falls erforderlich, formell sanktioniert. Die Koordination der


betrieblichen Arbeitsabläufe und die betriebliche Effektivität insgesamt be-
dingen eine weitgehend hierarchische Struktur, kraft deren „Vorgesetzte"
normgebende Instanzen für das Verhalten der nachgeordneten „Mitarbei-
ter" sind. Doch bleiben organisatorische Lücken bestehen, die einerseits der
Neutralisation von Zielkonflikten dienen, andererseits für unterschiedliche
Mittelentscheidungen bei der Verfolgung der vorgegebenen Ziele genutzt
werden können. Soweit dem Unternehmen Ziele aus der sozialen Umwelt
normativ vorgegeben sind (z. B. kraft Gesetzes zum Schutz für sozial rele-
vante Güter), besteht infolgedessen die Gefahr, daß sie in die organisatori-
schen Lücken fallen und dann von Mitarbeitern aus Solidarität mit dem Un-
ternehmen mißachtet werden. Verwirklicht sich diese Gefahr, dann ist die
Unternehmensorganisation defizient.
Die Verbindung zur Umwelt erfordert vom Unternehmen sowohl die ei-
gene Anpassung an deren Bedürfnisse, besonders an deren ökonomische
und juristische Vorgaben, als auch deren Einpassung in die eigenen Bedürf-
nisse, besonders das der Gewinnmaximierung56. Während die Einpassung
im allgemeinen nur schwach reglementiert ist, z. B. nur wenige Werbebe-
schränkungen für Unternehmensprodukte bestehen, ist die Anpassung an
die soziale Umwelt Gegenstand umfangreicher, heute meistens auch juristi-
scher Normen. Sie ist daher eine soziale Leistung des Unternehmens, für
deren Erfüllung das Unternehmen verantwortlich haftet.
Die Haftung trifft primär das Rechtssubjekt, das Träger des Unterneh-
mens ist, z. B. die Aktiengesellschaft. Die Verantwortung dagegen wird in
größeren Unternehmen in der Regel auf die einzelnen betrieblichen Bereiche
organisatorisch aufgeteilt. Eigenverantwortlich haben dabei leitende und
ausführende Mitglieder für die Erfüllung der sie selbst treffenden Aufgaben
einzustehen. /re^i/verantwortlich haben sie Handlungen von Mitarbeitern
zu vertreten, die ihrer Leitung unterstehen und deren Handlungen sich auf
die Erfüllung von Leitungsnormen oder -befehlen beziehen. Zu diesem
Zweck müssen Kontrollen in den betrieblichen Ablauf integriert uno dabei
aufgedeckte Mängel („kriminelle Attitüden", „authority leakages") beseitigt
werden. Verbleibende Verhaltensmängel werden dem Unternehmen als
Ganzem zugerechnet. Die strafrechtliche Kontrolle trifft hier auf sozial vor-

56
Zur Begrifflichkeit vgl. Lampe, Genetische Rechtstheorie, 1987, S. 33 f. Mayntz
(Anm. 44), S. 45 f., spricht allgemeiner von einer „Wechselwirkung mit der Umwelt".

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gegebene Zurechnungsstrukturen , an die sie anknüpfen kann (und muß),


wenn strafbewehrte Gesetze sich an das Unternehmen als organisatorische
Einheit richten58.

c) Kriminell pervertierte Staaten und staatliche Gebilde


Auch der Staat ist ein verfaßtes System. Er ist in soziologischer Betrach-
tungsweise eine Organisation aller (inländischen) Organisationen , in juri-
stischer Betrachtungsweise eine rechtlich organisierte Wirkungseinheit60.
Die Bedeutung des Rechts für die staatliche Organisation kann man heute
kaum überschätzen. Speziell der moderne „Rechtsstaat" ist derart organi-
siert, daß rechtsfreie Räume gleichzeitig auch staatsfreie Räume sind. So-
wohl Staat als auch Recht sind hierarchisch aufgebaut. Man unterscheidet:
die Verfassung, zu der insbesondere die Staatszielbestimmungen sowie die
grundlegenden Normen über die Staatsorganisation gehören; die Gesetze,
die aufgrund der Verfassung ergehen und inhaltlich von ihr begrenzt wer-
den; und die Rechtsakte (Verwaltungsakte, Richtersprüche), die die Staatsge-
walt auf der Grundlage der Gesetze erläßt und die inhaltlich von den Geset-
zen gedeckt sein müssen.
Art. 20 Abs. 3 GG bindet die Rechtsakte nicht nur an die Gesetze, son-
dern auch an das Recht. Und da man unter den Gesetzen allgemein sämtliche
Rechtsnormen, einschließlich des Gewohnheitsrechts, versteht (vgl. etwa
Art. 2 EGBGB, § 12 EGZPO, § 7 EGStPO)61, bringt die Erwähnung des
Rechts neben den Gesetzen offenbar zum Ausdruck, „daß sich Gesetz und
Recht zwar faktisch im allgemeinen, aber nicht notwendig und immer dek-
ken"62. Infolgedessen sieht die herrschende Meinung es als Aufgabe der

57
Allgemein zur Vorgegebenheit der Organisation als Grundform sozialer Gebilde Hen-
kel, Einführung in die Rechtsphilosophie, 2. Aufl. 1977, S. 281 ff.; zur Bedeutung der
dort herrschenden Gesetzlichkeiten für das Richtige Krawietz, Das positive Recht und
seine Funktion, 1967, S. 16 u. ö.
58
Schroth* Unternehmen als Normadressaten und Sanktionssubjekre, J993, ins)>es.
S. 97 ff.
59
Str.; wie hier z. B. Plenge, Drei Vorlesungen über die Allgemeine Organisationslehre,
1919, S. l ff.; vgl. ferner Simmel, Soziologie, 5. Aufl. 1968, S. 512 ff.; von Wiese, System
der Allgemeinen Soziologie, 4. Aufl. 1966, S. 540 ff.; M. Weber, Wirtschaft und Gesell-
schaft, 5. Aufl. 1976, S. l ff.
60
Heller, Staatslehre, 1934 (Neudruck 1963), S. 228 ff., 242 ff.; Petev, Festschrift für Scu-
pin, 1983, S. 391 ff.
61
Aus der Literatur Maunz/Dürig/Herzog, Grundgesetz, 1993 (Lieferung 1980), Art. 20,
Rdn. VI 53.
62
So BVerfGE 34, 269,286 f.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 701

vollziehenden Gewalt und der Gerichte an, die gesetzliche Ordnung ständig
auf ihre Übereinstimmung mit dem Recht zu überprüfen und eventuell auf-
tretende Differenzen entweder zu beseitigen oder so weit zu verkleinern,
daß sie tragbar erscheinen63. Indessen stehen im Rechtsstaat nicht nur die
Gesetze, sondern auch die Verfassung, aufgrund deren sie erlassen wurden,
sowie die Staatsakte, die auf ihrer Grundlage ergehen, unter der Rechtsidee.
Deshalb sind auch sie von den staatlichen Organen, aber auch vom einzelnen
Bürger auf ihre Vereinbarkeit mit dem überpositiven Recht zu überprüfen.
Denn die Möglichkeit einer der Rechtsidee widersprechenden Staatsverfas-
sung sowie zwar gesetzestreuer, aber offensichtlich rechtswidriger Staatsak-
te ist so wenig von der Hand zu weisen wie die ungerechter Gesetze.
In den folgenden Ausführungen wird es um pervertierte staatliche Syste-
me gehen, Systeme also, die rechtswidrig verfaßt sind, deren Gesetze Un-
recht beinhalten oder deren Akte den Makel der Rechtswidrigkeit auf der
Stirn tragen, ohne daß dies in einem systemkonformen Verfahren berichtigt
werden könnte. Man nennt sie „staatliche Unrechtssysteme" bzw. spricht
von „staatlicher Unrechtsgewalt". Ihre Perversion beruht entweder auf einer
der Idee des Rechts widersprechenden Staatsphilosophie („Ideologie") oder
auf einer den Grundsätzen der Rechtsstaatlichkeit widersprechenden Staats-
organisation. Die Staatsphilosophie formuliert das Leitbild der Staatstätig-
keit. Sie enthält die Zielvorstellungen, denen das gesellschaftliche Zusam-
menleben im Staat sowie das Verhältnis zu anderen Staaten angenähert wer-
den soll. Sie gibt somit dem Staat sein ideelles Gepräge. Gleichzeitig enthält
sie jedoch auch Soll-Vorgaben für die Organisation des gesellschaftlichen
Handelns. Sie begründet Erwartungshaltungen an die staatlichen Gesetzge-
bungsorgane sowie an das Verhalten der Staatsfunktionäre, denen diese im
institutionellen Rahmen Rechnung tragen müssen. Enttäuschen sie die Er-
wartungen, dann wird das nicht nur ihnen selbst, sondern auch der Organi-
sation des Staates zugerechnet. Denn das ihnen entgegengebrachte Vertrauen
ist „gleichzeitig ein Stück Systemvertrauen, d. h. Vertrauen in die Fähigkeit
einer fbrmafen Organisation, ihre Mitgfiecfer insoweit zu kontrof/ieren, cfalS

63
BVerfGE 3, 225, 233, übernimmt zu diesem Zweck die sog. Radbruchsche Formel, daß
das positive Gesetz dann unanwendbar werde, wenn sein Widerspruch zur Gerechtig-
keit „ein so unerträgliches Maß erreicht, daß das Gesetz als unrichtiges Recht der Ge-
rechtigkeit zu weichen hat" (Rechtsphilosophie, 7. Aufl. 1970, S. 353). Zur Kritik dieser
- der alten Evidenztheorie entsprechenden - Formel vgl. Lampe, in: ders. (Hrsg.), Die
Verfolgung von Regierungskriminalität der DDR nach der Wiedervereinigung, 1993,
S. 15,21 f.

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702 Ernst-Joachim Lampe

die Leistungen, die von ihnen erwartet werden, im Sinne der von der Orga-
nisation verbürgten Zielsetzung und Funktionszuweisungen erbracht wer-
den«64.
Staaten oder staatliche Institutionen sind kriminell pervertierte Systeme,
wenn ihre Funktionäre Straftaten begehen, die Ausdruck der Staatsphiloso-
phie sind oder durch einen bewußten Mangel an rechtlicher Kontrolle ver-
anlaßt oder begünstigt werden. Als Staaten sind sie extern, d. h. gegenüber
der Völkergemeinschaft, in der Regel weitestgehend isoliert, intern fast im-
mer totalitär organisiert. Als staatliche Organisationen sind sie gegenüber
anderen Institutionen regelmäßig abgeschottet und auf unbedingte Loyalität
ihrer Mitglieder angewiesen.
Nicht kriminell pervertiert sind nach heute allgemein akzeptierter Auffassung staat-
liche Institutionen, die sich bewußt mit der Vornahme gewisser krimineller Hand-
lungen gegen fremde Staaten befassen - insbesondere die Nachrichten- bzw. „Ge-
heimdienste fremder Mächte" (§ 99 StGB), die vorwiegend politisch-militärische,
aber auch wirtschaftliche Spionage betreiben. Ihre Aufgabe ist es, im Ausland
„Nachrichten systematisch und unter Anwendung konspirativer Methoden zu
sammeln, um vor allem die politische Lage fremder Mächte und deren militärisches
wie wirtschaftliches Potential abzuklären"65. Ihr Wirken wird völkerrechtlich ge-
duldet. Sie sind auch keine kriminellen Vereinigungen i. S. v. § 129 StGB66, weil sie
lediglich im Heimatland, wo sie legal arbeiten, nicht aber am Ort ihrer illegalen Tä-
tigkeit, d. h. im Ausland, organisiert sind.

III. Das Unrecht sozialer Systeme


Kennzeichen von Unrechtssystemen ist, wie der Name sagt, ihr Systemun-
recht. Dieses tritt, als spezifische Unrechtsform, neben dessen strafrechtliche
„NormaP'form, das Beziehungsunrecht.
Zur „Normarform des strafrechtlichen Unrechts habe ich mich wieder-
holt geäußert und dabei auch dessen Charakterisierung als Beziehungsun-
recht begründet . Die Begründung basiert, um dies in Kürze zu wiederho-
len, zum einen auf dem Charakter sozialer Prozesse: Diese sind Interaktio-
nen zwischen Personen (oder zwischen Personen und sozidien Institutio-
nen). Sie basiert zum anderen auf dem Charakter des Rechts: Dieses steuert
und überwacht das Beziehungsgefüge sozialer Prozesse. Die im Zentrum der

64
Kaufmann (Anm.44),S. 213.
65
Dreher/Tröndle, § 99 Rdn. 3.
66
Dreher/Tröndle, § 129 Rdn. 3; vgl. auch Krehl, DtZ 1992,113.
67
Am ausführlichsten in meiner Habilitationsschrift über „Das personale Unrecht", l967,
S. 211 ff., 223 ff.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 703

strafrechtsdogmatischen Aufmerksamkeit stehenden Handlungs- und Er-


folgsunrechte sind lediglich Komponenten des Beziehungsunrechts: Das Be-
ziehungsunrecht hat ihnen gegenüber eine eigenständige, limitative wie kon-
stitutive Bedeutung, d. h., es umfaßt sie weder vollständig noch läßt es sich
vollständig aus ihnen herleiten.
Stärker noch abgehoben von Handlungs- und Erfolgsunrecht, zusätzlich
abgehoben aber auch vom Beziehungsunrecht, ist das Systemunrecht. Daß
ein soziales System überhaupt Unrechtscharakter erlangen kann, beruht al-
lerdings darauf, daß es durch seine Mitglieder zur sozialen Umwelt in Bezie-
hung treten kann : daß seine Mitglieder als Funktionäre einerseits die Um-
welt in das System hereinbringen und andererseits die Innenwelt des Sy-
stems in die Umwelt hinaustragen können. Geschieht dabei ein Unrecht,
dann erlangt es zusätzlich zu seiner relationalen eine „systemische" Bedeu-
tung. Genauer geschieht ein Doppeltes: Zum einen konstituiert das Bezie-
hungsunrecht, weil systemfunktional, den Unrechtsgehalt des Systems. Zum
anderen konstituiert das Unrecht des Systems, weil handlungsbestimmend,
den Unrechtsgehalt der Beziehung. Systemunrecht und Beziehungsunrecht
stehen, mit anderen Worten, in einer Wechselwirkung.
Gegenüber dem Unrecht der in das System integrierten individualen Be-
ziehungen ist das Systemunrecht einerseits limitativ^ weil es die täterspezifi-
schen Komponenten des Beziehungsunrechts, das ausschließlich „personale"
Unrecht, nicht umfaßt. Ob z. B. jemand bei einem Raub in persönlicher Zu-
eignungsabsicht handelte oder nicht, ist systemisch irrelevant. Andererseits
erschöpft sich das Systemunrecht nicht im Beziehungsunrecht seiner Ele-
mente, sondern hat in bezug auf die Umwelt konstitutive Bedeutung. System-
unrecht enthält nämlich jenes Mehr an Unrecht, das den konkreten Bezie-
hungsdyaden aus ihrer Verbindung im System zuwächst: das Unrecht der
Ziele, die das System als Ganzes verfolgt, und das Unrecht der Organisation,
mittels deren es sie verfolgt - ob z. B. innerhalb eines auf Dauer angelegten,
streng organisierten Verbandes, einer kurzzeitig eingegangenen Zweckge-
meinschafa oder einer Zufattsgemeinschaft ohne strafrechtlich relevantes Ziel

1. Das Unrecht einfacher Systeme


Die einerseits limitative, andererseits konstitutive Bedeutung des Systemun-
rechts sei am Beispiel der Mittäterschaft verdeutlicht.

68 Dazu eingehend Gehert, Organisation und Umwelt, 1978, passim.

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704 Ernst-Joachim Lampe

Mittäter begründen (bei Vorsatzdelikten) durch die Organisation ihrer


Beziehungen auf einen „gemeinsamen Tatplan" hin ein System, worin sie
sich wechselseitig ihre „Rollen" zuschreiben. Das Unrecht dieses Systems
entsteht, sobald (mindestens) einer von ihnen, gemäß seiner „Rolle", zur so-
zialen Umwelt in eine Unrechtsbeziehung tritt. Seine Unrechtsbeziehung
wird dem System zugerechnet, weil er nicht (nur) „in eigener Sache" handelt,
sondern (auch) als Funktionär des Systems. Setzt er zur Ausführung des Tat-
plans unmittelbar an, dann begründet er für das System das Unrecht der ver-
suchten Tat (§ 22 StGB) . Führt er den Tatplan zu Ende, dann begründet er
für das System das Unrecht der Tatvollendung. Das Systemunrecht wird
weiterhin den einzelnen Mitgliedern des Systems zugerechnet, weil diese die
Urheber des Systems sind und daher auch die Verantwortung für es tragen
(siehe dazu näher unten S. 716 f.). Deshalb können Mittäter, obwohl sie ar-
beitsteilig vorgehen und daher in eigener Person weniger Unrecht verwirk-
lichen, ebenso bestraft werden wie Alleintäter. Ergebnis: Das durch system-
funktionales Verhalten begründete Systemunrecht wirkt für sämtliche Mit-
glieder des Systems konstitutiv.
Allerdings konstituiert nicht jedes Unrechtsverhalten von Systemmitglie-
dern das Systemunrecht. Konstitutiv wirkt vielmehr nur ein Verhalten, das
erstens von einer individuellen Persönlichkeit des Systemmitglieds abgelöst
werden kann und zweitens systemkonform bzw. „rollengerecht" ist. Per-
sönliche Eigenschaften der Mitglieder dagegen sowie Handlungen, mit de-
nen sie ausschließlich systemfremde Zwecke verfolgen („Exzeßtaten"), blei-
ben außerhalb. Zu Systemunrecht wird, was im Verhältnis der Mitglieder zu-
einander so allgemein ist, daß die anderen daran teilnehmen (i. w. S.) kön-
nen , und woran sie gemäß ihrem Tatplan teilnehmen wollen. Ergebnis: Das
Unrecht eines Systems ist auf das rollengerechte, Impersonale Unrecht sei-
ner Mitglieder beschränkt bzw. limitiert.
Daraus scheint zu folgen, daß Mittäterschaft dort ausgeschlossen ist, wo
subjektive Unrechtselemente das Bild einer Tat mitprägen. Eine solche Fol-
gerung wäre 'inaessen unrichtig. Praktisch muß sie unrichtig sein, weil sonst
sämtliche Delikte mit subjektiven Unrechtselementen (einschließlich der all-
gemeinen Unrechtselemente Vorsatz und Fahrlässigkeit!) von der Mittäter-
schaft ausgeschlossen blieben. Logisch ist sie unrichtig, weil der Satz, daß
personales Unrecht nicht gleichzeitig Systemunrecht sein kann, lediglich das

69
Sog. „Gesamtlösung"; vgl. BGHSt. 11,268,271 f.; 36, 249,250; tf«per (Anm. 21).
70
Vgl. dazu ausführlich Lampe, ZStW 77 (1965), S. 262, 272 ff.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 705

Unrecht eines Subjekts (= Individuums) meint, nicht aber das subjektive


(= psychische) Unrecht eines Systems.
Richtigerweise folgt hingegen daraus, daß zwar der individuale Vorsatz
vom Systemunrecht ausgeschlossen bleibt, nicht aber dessen Verallgemeine-
rung im gemeinsamen Tatplan. Denn der gemeinsame Tatplan ist zwar sub-
jektiv-psychisch, aber nicht psychisch-individuell. Er ist insbesondere nicht
identisch mit der Summe der individuellen Vorsätze - was sich schon daran
zeigt, daß es zu seiner Entstehung nicht der Mitwirkung aller Mittäter be-
darf: „Nicht einmal eine stillschweigende, der Verübung der strafbaren
Handlung vorausgehende Einigung ist erforderlich; wohl aber ein, wenn
auch erst während der Tat entstandenes [stillschweigendes] Einverständ-
nis."71 Selbst die Unterwerfung unter einen von anderen ausgearbeiteten
Tatplan schafft ein mittäterschaftliches Unrechtssystem. Auch Absichten
können auf diese Weise in das Systemunrecht einbezogen werden : Wer ge-
meinsam mit anderen eine fremde Sache wegnimmt, die nach dem Tatplan
der Gemeinschaft zugute kommen soll, macht sich des Diebstahls schuldig,
unabhängig davon, ob er für sich selbst Zueignungsabsicht hegt.
Bei Fahrlässigkeitsdelikten tritt an die Stelle der Außerachtlassung individu-
ell-möglicher Sorgfalt konsequent die Außerachtlassung System-möglicher
Sorgfalt im Verkehr. Die oben zitierte Lehre Ottos ist deshalb wie folgt zu prä-
zisieren: daß nicht jeder Mittäter für sich, sondern daß der Vollzug des ge-
meinsamen Tatplans - durch wessen Verhalten auch immer - eine Gefahr be-
gründet haben muß, die sich bei sorgfältigem Zusammenwirken aller hätte
vermeiden lassen .

2. Das Unrecht verfaßter Sozialsysteme


Im Hinblick auf die verfaßten Unrechtssysteme beschränke ich mich darauf,
die konsumtive Bedeutung des Systemunrechts aufzuzeigen. Ich gehe zu-
nächst auf jene drei typischen Formen ein, auf die sich meine Untersuchung

71
RGSt. 8, 42, 43. Dazu, daß das Einverständnis auch stillschweigend zustande kommen
kann, vgl. RGSt. 49, 239, 241; 54, 271, 272; BGHSt. 37, 289, 292. Siehe auch oben
Anm. 21.
72
Zu eng daher BGH StV 1986, 61; BGH NJW 1987, 77; BGH, wistra 1987, 253: Beim
„Sich-zueignen" gehe es um ein bestimmtes Verhältnis des Täters zur Sache, das nur der
Täter in eigener Person herstellen könne.
73
Vgl. auch Cramer, in: Schönke/Schröder, § 25 Rdn. 94: „Hält sich die Durchführung der
Tat im Rahmen des gemeinsamen Planes, dann kommt es nicht darauf an, ob jeder Mit-
täter die konkreten Umstände der Tat, wie sie tatsächlich durchgeführt wird, kennt."

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706 Ernst-Joachim Lampe

schon bisher konzentriert hat: kriminell ausgerichtete Vereinigungen, krimi-


nell anfällige Wirtschaftsunternehmen und kriminell pervertierte staatliche
Gebilde.

a) Das Unrecht krimineller Vereinigungen


Relativ einfach stellt sich das Systemunrecht der kriminellen Vereinigung
dar. Der Gesetzgeber hat es selbst aufgezeichnet: Kriminell ist gemäß § 129
StGB eine Vereinigung, weil „deren Zweck oder deren Tätigkeit darauf ge-
richtet ist, Straftaten zu begehen". Die weitere Frage, warum die Vereini-
gung bereits durch ihren kriminellen Zweck zur kriminellen Vereinigung
wird, beantwortet die Literatur unterschiedlich: Lenckner sieht den
Grund in der Gefährdung der allgemeinen Sicherheit und des öffentlichen
Friedens durch die Existenz des Systems75. Für Rudophi76 dagegen steht die
Gefahr von kriminellen Handlungen im Vordergrund: Der kriminelle Cha-
rakter der Mitgliedschaft ergebe sich zum einen „aus der Tatsache, daß die
einzelnen von den Mitgliedern drohenden Straftaten auf Grund ihrer ge-
meinschaftlichen Begehungsweise besonders gefährlich sind", zum anderen
und vor allem „daraus, daß diese Vereinigungen in der Regel eine auf die Be-
gehung der beabsichtigten Straftaten hindrängende Eigendynamik entfalten,
die das persönliche Verantwortungsgefühl ihrer einzelnen Mitglieder beein-
trächtigt oder gar ausschließt". Was Rudolphi als unrechtsbegründend an-
sieht, gilt genauso für viele mittäterschaftliche Verbindungen ohne institu-
tionelle Organisation. Dagegen lenkt die Gefahr, die Lenckner benennt, den
Blick auf ein selbständiges Unrecht: auf das Unrecht eines institutionellen
Gebildes bzw. eines verfaßten Systems. Lenckners Ansicht erscheint mir
daher als zutreffend.
Fragen wir noch genauer nach, dann stoßen wir auf vier Faktoren, die den
Unrechtsgehalt einer kriminellen Vereinigung konstituieren: 1. das zur Pla-
nung und Ausführung von Straftaten zur Verfügung stehende menschliche
und technische Potential; 2. die feste äußere Organisation, welche dieses Po-
tential unter die Herrschaft eines gemeinsamen Willens zwingt; 3. den sy-
stembildenden kriminellen Zweck, den die Beteiligten mit Hilfe des Poten-
tials verfolgen (Verbands„philosophic"); 4. das innere Wir-Gefühl der Betei-

74
Lenckner, in: Schönke/Schröder, § 129 Rdn. 1.
75
Ähnlich BGH NJW 1975, 985.
76
Rudolphi (Anm. 46), S. 317.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 707

ligten, das sie auf Dauer zu einer kriminellen Zweckgemeinschaft zusam-


menschmiedet.
Wie und wann dieses Unrecht entsteht, ist zweifelhaft und bisher insbe-
sondere für Vereinigungen diskutiert worden, deren krimineller Zweck we-
der bei ihrer Gründung eindeutig formuliert noch später durch Taten ein-
deutig bestätigt wird. Nach herrschender Ansicht genügt es subjektiv nicht,
daß der Zweck der Vereinigung nur gelegentliche oder beiläufige Straftaten
beinhaltet (vgl. dazu § 129 Abs. 2 Nr. 2 StGB) oder daß es nur zu einer be-
stimmten kriminellen Einzelaktion (z. B. einer „Hausbesetzung") kommen
soll , Straftaten müßten vielmehr, heißt es, die „innere Struktur der Verei-
nigung" prägen (oder jedenfalls mitprägen) . Objektiv können allerdings
nur solche Straftaten die Struktur der Vereinigung prägen, die ihrerseits
durch den Zweck der Vereinigung ihr Gepräge erhalten , nicht dagegen sol-
che, mit denen die Vereinigung lediglich sympathisiert oder für die sie den
geistigen Nährboden bildet . Man wird mithin zu verlangen haben, daß die
Vereinigungsstruktur und die geplanten oder ausgeführten Straftaten zuein-
ander in Wechselwirkung stehen und daß das Systemunrecht aus dieser
Wechselwirkung heraus entsteht.

b) Das Unrecht kriminell anfälliger Wirtschaftsunternebmen


Am zweckbestimmten Systemunrecht fehlt es jenen Wirtschaftsunterneh-
men, die den zweiten Typus eines Unrechtssystems exemplifizieren. Wirt-
schaftsunternehmen, deren Zweck darin besteht, Brandsätze für inländische
Terrorgruppen oder Giftgas zum Export ins Ausland zu produzieren, kön-
nen wir noch dem ersten Unrechtstypus, den kriminellen Vereinigungen,
zuordnen . Wirtschaftsunternehmen dagegen, von denen vorsätzliche oder
fahrlässige Rechtsverstöße ausgehen, die nicht von ihrem Zweck gedeckt
sind - Boden-, Luft- oder Gewässerverunreinigungen, Verstöße gegen Aus-

77
DreberJTröndk, J 129 RniL 3; Lenckner, in: Schönke/Schröder, § 129 Rdn. 7a, jeweils
m. w. N.; a. A. BGH NJW 1975, 985.
78
Rudolphi (Anm. 46), S. 322; Lenckner, in: Schönke/Schröder, § 129 Rdn. 7.
79
BGHSt. 27, 325, 328; vgl. auch oben II. 2a.
80
Vgl. BGHSt. 27, 325,328; Fürst, Grundlagen und Grenzen der §§ 129,129a, 1989, S. 83;
Maurach/Schroeder, Bes. Teil 2, 6. Aufl. 1981, S. 300; a. A. Lenckner, in: Schönke/
Schröder, § 129 Rdn. 7a.
81
Vgl. dazu BGHSt. 31,202,206: „Die Gründung einer Einzelfirma oder einer Personen-
oder Kapitalgesellschaft zur Beteiligung am Wirtschaftsleben stellt - auch wenn die Mit-
glieder am Betrieb eines solchen Unternehmens Straftaten begehen wollen - regelmäßig
für sich allein noch nicht die Bildung einer kriminellen Vereinigung dar. Eine solche

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708 Ernst-Joachim Lampe

fuhrbeschränkungen -, bilden Unrechtssysteme einer neuen Art: Systeme,


für die kriminelles Unrecht nicht essentiell, sondern lediglich akzidentell ist.
Wir unterscheiden genauer zwischen kriminellem Unrecht, das aus-
schließlich dem Betriebsbereich, und solchem, das zusätzlich dem Organisa-
tionsbereich oder der Philosophie des Unternehmens zuzurechnen ist.
Soweit ausschließlich betriebliche, in der Regel technische Möglichkeiten
zur Begehung strafbarer Handlungen ausgenutzt werden, ergeben sich ge-
genüber individuellen Straftaten keine Besonderheiten. Ein Techniker, der
aus Verärgerung über seine Entlassung die Ventile der betrieblichen Kläran-
lage öffnet und infolgedessen das Flußwasser vergiftet, schädigt nicht anders
als der Einzelgänger, der eine Stadt durch Bombenanschläge in Schrecken
versetzt. Allein der Umstand, daß er gefährliche Mittel seines Betriebs ein-
setzt und möglicherweise Sicherheitsvorkehrungen durchbricht, verleiht
seiner Tat keine systemische Dimension. Vom Unternehmen her gesehen
handelt es sich um ein Sonderdelikt.
Soweit dagegen zusätzlich die Lücken einer defizienten Organisation des
Unternehmens zu Straftaten ausgenutzt werden, entsteht Unrecht, das ne-
ben seiner individuellen auch eine systemische Dimension aufweist. Deutli-
cher tritt diese Dimension noch hervor, wenn organisatorische Defizite für
sich allein, ohne Verschulden der handelnden Personen, zu rechtswidrigen
Folgen führen: wenn beispielsweise jemand Handlungen vornimmt, die
zwar normalerweise harmlos verlaufen, infolge ihres Zusammenspiels mit
anderen, normalerweise ebenfalls harmlosen Handlungen jedoch verletzen-
de Folgen haben.
Auch eine kriminogene Unternehmensphilosophie kann dem Hand-
lungsunrecht eine systemische Dimension hinzufügen, etwa wenn sie die

muß - über den Zusammenschluß zur Begehung bestimmter einzelner Straftaten hinaus
- eine gewisse organisatorische Selbständigkeit aufweisen. Es ist erforderlich, daß aus ei-
ner fest organisierten Vereinigung heraus Straftaten geplant oder begangen werden."
Unter einer Unternehmensphilosophie verstehe ich die Gesamtheit der grundsätzlichen
Wert- und Zielvorstellungen der Unternehmensleitung hinsichtlich des Unternehmens
selbst sowie hinsichtlich seiner Stellung im ökologischen, ökonomischen und gesellschaft-
lichen Umfeld; vgl. dazu Steiner^ Top Management Planung, 1971. Neuerdings wird statt
dessen auch der Begriff „Unternehmenskultur" („corporate culture") verwendet; vgl.
Scholzy Personalmanagement, 3. Aufl. 1993, S. 488 ff. Heinen/Dill, in: Simon (Hrsg.), Her-
ausforderung Unternehmenskultur, 1990, S. 12 ff., 17, definieren diesen Begriff als
„Grundgesamtheit gemeinsamer Wert- und Normvorstellungen sowie geteilter Denk-
und Verhaltensmuster" für die Entscheidungen, Handlungen und sonstigen Aktivitäten
von Organisationsmitgliedern.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 709

Hemmschwelle zum rechtswidrigen Tun herabsetzt oder die „kriminelle At-


titüde" begünstigt. Heiligt in einem Unternehmen der Erfolg die dafür einge-
setzten Mittel („management by results") und setzt daraufhin jemand sozial
gefährliche Mittel ein - läßt er etwa als gefährlich erkannte Produkte ausliefern
oder Umweltschutzbestimmungen bei ihrer Herstellung mißachten -, dann
ist das nicht nur ihm selbst, sondern auch dem System als Ganzem anzulasten.
Systemunrecht sind mithin insgesamt diejenigen rechtsgutsverletzenden
Verhaltensweisen, die mit der Philosophie eines Unternehmens verträglich
sind oder von seiner Organisation begünstigt werden. Kein Systemunrecht,
sondern Exzeßtaten sind dagegen solche strafbaren Verhaltensweisen, die
dem Unternehmen lediglich zugute kommen oder für die es den äußeren
Anreiz bildet. Genauer noch sind es wiederum vier Gründe, die das System-
unrecht im Unternehmensstrafrecht konstituieren: 1. das gefährliche Be-
triebspotential, das mechanisch oder logistisch zur Leistungserstellung
eingesetzt wird; 2. die defiziente Organisationsstruktur, welche die abstrak-
te Gefährlichkeit dieses Potentials nur mangelhaft neutralisiert; 3. die krimi-
nogene Unternehmensphilosophie, welche die Unternehmensangehörigen
der Versuchung zu kriminellen Handlungen aussetzt; 4. die Erosion des
Konzepts individueller Handlungsverantwortung, die auf der Regelungs-
ebene zur Abkoppelung der Verantwortung vom konkreten Geschehen, auf
der Handlungsebene aber zur Abkoppelung der Verantwortung von den
Folgen des Regelgehorsams führt.

c) Das Unrecht kriminell pervertierter Staaten und staatlicher Gebilde


Der dritte Typus eines verfaßten Unrechtssystems ist der kriminell perver-
tierte Staat bzw. die kriminell pervertierte staatliche Institution. Im Unter-
schied zur kriminellen Vereinigung und zum kriminell anfälligen Wirt-
schaftsbetrieb fehlt es in diesem Typus am Verstoß gegen staatliche Gesetze.
Weder der Staat noch in der Regel seine Institutionen sind illegal; sie folgen
vielmehr den Gesetzen, nach denen sie angetreten sind: der nationalsoziali-
stische Staat den ideologischen Überzeugungen seiner Führer („Recht ist,
was dem Volke nützt"), die kommunistischen Staaten den vermeintlichen
Gesetzmäßigkeiten des dialektischen Materialismus („Recht ist der Wille der
jeweils herrschenden Klasse") und die Diktaturen in vielen Ländern der Er-
de dem omnipotenten Willen ihrer Herrscher („sie volo, sie iubeo, ita ius
esto"). Dennoch - oder gerade deshalb - können sie ins Unrecht hineinge-
raten, und zwar so tief, daß ihre Existenz insgesamt oder ein Großteil ihrer
Akte uns als strafwürdig erscheint. Ihr Unrecht liegt in der Illegitimität ent-

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710 Ernst-Joachim Lampe

weder ihrer Verfassung, ihrer abstrakten Gesetze oder ihrer konkreten ho-
heitlichen Maßnahmen. Reicht diese Illegitimität aus, um strafbares
Systemunrecht zu begründen?
Jakobs hat die Frage verneint. Unrecht sei Rechtsverstoß, und Rechtsver-
stöße könnten nur dort vorkommen, wo Recht existiert - nicht nur auf dem
Papier, sondern auch in der staatlich gestalteten Realität. In einem Staat, der
kriminell pervertiert ist, existiere Recht bereichsweise nicht. Denn die staat-
lichen Gesetze hätten vor dem Forum einer überstaatlichen Gerechtigkeit
keinen Bestand; und der überstaatlichen Gerechtigkeit fehle es an einer Ver-
ankerung im Staatswillen. Ein staatlicher Geltungswille sei aber für Strafnor-
men - wegen des Grundsatzes „nullum crimen sine lege" - konsumtiv .
Jakobs3 Auffassung erscheint mir aus zwei Gründen unrichtig. Zum einen
halte ich es für unrichtig, die Geltung von Rechtsnormen an den staatlichen
Willen zu binden (etatistischer Rechtsbegriff). Da staatlicher Wille, selbst
unter den Machtverhältnissen einer Diktatur, keine normative Geltung be-
anspruchen kann, wenn er sich gegen elementare Rechtsgrundsätze stellt, ist
er keine hinreichende Voraussetzung für Recht. Umgekehrt ist er dort, wo
eine Gesellschaft sich Recht schaffen will, hierfür keine notwendige Voraus-
setzung. Vielmehr können sowohl Gruppen (z. B. als Tarifvertragsparteien)
als auch Individuen (z. B. als Vertragsparteien) Recht setzen, wenn sie es zur
Regelung ihrer Beziehungen brauchen. Darüber hinaus kann ein ganzes
Volk elementare Rechtsnormen anerkennen, die für das Verhalten aller gel-
ten sollen - auch wenn sie vorübergehend von der staatlichen Macht nicht
durchgesetzt werden. Das gilt selbst für Normen des Strafrechts; denn so-
weit sie Greueltaten verbieten, ist deren Sühne ein so elementares gesell-
schaftliches Bedürfnis, daß ein soziales System, sobald es sich von den Fes-
seln diktatorischer Herrschaft befreit hat, die hierfür Verantwortlichen nicht
einfach reaktionslos integriert, sondern von ihnen Sühne verlangt. „Ohne
Strafverfahren [bliebe] das Feld willkürlicher Vergeltung, Rache und Selbst-
justiz überlassen."84 Zum anderen halte ich es für unrichtig, den Grundsatz
„nuttum crimen sine lege scripta" aaiür zu bemühen, ddß ein rechcsim-
williger Staat sich strafrechtsfreie Räume erhalten kann. Soweit der Grund-
satz überhaupt rechtsstaatlich anerkannt ist (nicht also z. B. für Rechtferti-

83
Jakobs, G A 1^94, l, 9 ff.
84
/äger,KritV 1993, 259, 270.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 711

gungs-85 und Entschuldigungsgründe86), steht er vielmehr einer Bestrafung


dort nicht entgegen, wo die Strafwürdigkeit einer Tat soziokulturell feststeht
und daher staatlich nicht erst festgesetzt werden muß .
Die Frage nach der Strafbarkeit staatlich-legalen Systemunrechts wäre ob-
solet, wenn das Völkerrecht eindeutig illegitimes Systemunrecht für illegal
erklären und damit seine strafrechtliche Verfolgbarkeit begründen könnte.
Doch ein allgemein anerkanntes (und somit nach Art. 25 GG auch in
Deutschland unmittelbar geltendes) Völkers£ra/recht gibt es noch nicht ;
es befindet sich erst im Werden. Seine Ausbildung wird zwar durch eindeu-
tig menschenrechtswidrige Verhältnisse (wie z. B. derzeit im ehemaligen Ju-
goslawien) vorangetrieben. Seine Normen sollen eingreifen, wenn staatliche
Maßnahmen unmittelbar Rechtsgüter der Völkergemeinschaft verletzen
oder gefährden; seine beiden wichtigsten Tatbestände sollen Angriffskrie-
ge und Kriegsverbrechen betreffen. Darüber hinaus sollen auch schwerste
innerstaatliche Verbrechen, die mittelbar Frieden und Sicherheit der Völker-
gemeinschaft gefährden, unter Strafe stehen; Beispiele sollen die Mensch-
lichkeitsverbrechen sein, die mit staatlicher Rückendeckung vorgenommen
werden . Aber dies ist - bis auf Ausnahmen, etwa die Ausrottung von
Volksgruppen („Völkermord") oder Unterdrückung von rassischen Min-
derheiten („Apartheid") - erst Zukunftsmusik.

85
Dazu Krey, Studien zum Gesetzesvorbehalt im Straf recht, 1977, S. 233 ff.-Jakobs, Allg.
Teil, 4/44.
86
Dazu Lampe, JuS 1989, 610, 613, m. w. N.
87
So schon Lampe (Anm. 63), S. 25 f.
88
Der Begriff wird heute überwiegend akzeptiert; vgl. etwa Ipsen, Völkerrecht, 3. Aufl.
1990, § 38 Rdn. l;Jescheck, Die Verantwortlichkeit der Staatsorgane nach Völkerstraf-
recht, 1952, S. l ff.; «fers., Allg. Teil, 4. Aufl. 1988, § 14. Ablehnend jedoch Oehler, In-
ternationales Strafrecht, 2. Aufl. 1983, S. 606.
89
Vgl. Schwarzenberger, in: Mueller/Wise, International Criminal Law, 1965, S. 3, 23
(„There is not yet any international penal law recognized by all nations.")-, Jescheck,
Festschrift fur Mauradr, f 972, 5. 579, 588 #.; Oebkr (Anm. SS)7 S. 607 ^ Jf>**>
(Anm. 88), § 38 Rdn. 32.
90
Sie sind normiert im Londoner Abkommen vom 8. 8. 1945, das die Bestrafung der
Hauptverantwortlichen für den 2. Weltkrieg regelt und aufgrund dessen der Kriegsver-
brecherprozeß vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg stattfand; dazu
Heydecker/Leeb, Der Nürnberger Prozeß, 1979.
91
Dazu Graven, in: Recueil des Cours 76 (1950), Bd. I, S. 433 ff.
92
Vgl. dazu die Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes vom
9. 12. 1949 (BGB1. 1954 II S. 730) und das Internationale Übereinkommen über die Be-
kämpfung und Ahndung des Verbrechens der Apartheid vom 30.11.1973 (United Na-
tions Juridical Yearbook 1973, S. 70).

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712 Ernst-Joachim Lampe

Adressaten der völkerstrafrechtlichen Normen sollen die Staaten selbst


sein, so daß die systemische Dimension des staatlichen Unrechts auch straf-
gesetzlich anerkannt sein wird. Art. 5 des Draft Code of Crimes Against the
Peace and Security of Mankind von 199l93 lautet in diesem Sinne: „Prosecu-
tion of an individual for a crime against the peace and security of mankind
does not relieve a State of any responsibility under international law for an
act or omission attributable to it." Individuelle Verbrechen gegen das Völ-
kerstrafrecht sollen allerdings unabhängig von staatlicher Verantwortlich-
keit verfolgt werden.
Solange völkerstrafrechtliche Normen noch nicht in Kraft sind, müssen
naturrechtliche Normen den Mangel an Illegalität bei schwersten Verbre-
chen kompensieren. Solche Normen sind - kulturunabhängig - dort anzu-
nehmen, wo eine Nichtbestrafung die Strafgerechtigkeit insgesamt aufs Spiel
setzen würde94. Das ist m. E. nur der Fall bei (1) Akten, welche der Zerstö-
rung von Gemeinschaften dienen, wie z. B. dem Völkermord; (2) Akten,
welche die Lebensbedingungen der Völker gefährden, wie z. B. dem Freiset-
zen von Kernenergie; (3) Akten, welche die menschliche Persönlichkeit gei-
stig oder kulturell auslöschen, wie z. B. der „Gehirnwäsche". Außerhalb
dieses engen Kernbereichs besteht nur ein schwächeres kriminalpolitisches
Schutzbedürfnis gegen rechtswidrige Staatsakte, so daß die weitere Strafbar-
keit positiv-rechtlich (mit-)konstituiert werden muß95.
Als Vorgaben für eine solche Positivierung sind wiederum vier Faktoren
zu nennen: erstens das im Staat angehäufte Machtpotential; zweitens der
Staatsapparat, der seine Macht ohne immanente Korrekturmechanismen zur
Gesetzmäßigkeit erheben kann; drittens eine Staatsideologie, welche die
Rechte anderer Völker, Volksgruppen oder einzelner mißachtet; viertens ei-
ne Herrschaftsclique, die sich an das über ihr stehende Natur- oder Völker-
recht nicht gebunden wähnt.
Staatliches Unrecht haben wir in Deutschland seit 1933 fast permanent er-
lebt. Über sein Ausmaß freilich besteht lediglich in Ausschnitten Einigkeit.
Zu diesen Ausschnitten gehört der Holocaust an den Juden und an den Zi-
geunern. Schon bei der Erschießung von Zivilisten in den eroberten Gebie-
ten teilen sich die Meinungen: Waren sie zulässig, um den Anschlägen der im

93
Die derzeit geltende Fassung ist abgedruckt in: Report of the International Law
Commission on its 43rd Session, 29 April - 19 July 1991, A/46/10 (GAOR 46th Sess.,
Suppl. 10).
94
Schiinemanny Festschrift für Bruns, 1978, S. 233, 242. Vgl. auch oben bei Anm. 63.
95
Dazu Lampe (Anm. 63), S. 24 f.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 713

Untergrund kämpf enden Organisationen zu begegnen? Noch schwerer sind


die Flächenbombardements gegen zivile Wohnviertel zu bewerten. Die Ver-
nichtung großer Teile Dresdens durch die alliierten Luftstreitkräfte wird
heute wohl allgemein als Unrecht angesehen. Weniger spektakuläre Angriffe
auf weniger bedeutende Städte mit weniger Toten und Verwundeten unter
der Zivilbevölkerung werden indessen auch heute noch als notwendige
Kampfmaßnahme betrachtet.
Noch schwieriger einzuschätzen ist das Verhalten der DDR-Behörden.
Unrecht waren sicherlich die Einsperrungen von ideologisch mißliebigen
Personen. Bei den „Schüssen an der Mauer" sind die Meinungen geteilt. Der
Bundesgerichtshof hat sie als Unrecht eingestuft96; doch hat auch die gegen-
teilige Ansicht Vertreter gefunden .

3. Grundlinien einer systemorientierten Unrechtslehre


Versuchen wir nunmehr, die Gemeinsamkeiten eines Systemunrechts her-
auszuheben, das die phänomenologisch so unterschiedlichen Gebilde der
kriminellen Vereinigung, des kriminell anfälligen Wirtschaftsunternehmens
und des kriminell pervertierten Staates konstituiert. Vier Faktoren sind zu
nennen:
Erstens gewahren wir überall ein erhebliches Risikopotential, das in den
Systemen angehäuft ist. Das Potential umfaßt zum einen konfliktbereite
Personen, zum anderen technische Mittel, die zur Austragung von Konflik-
ten arbeitsteilig hergestellt bzw. gebraucht werden können. Die Addition
der einzelnen Potentiale ergibt ein Mehr an Wirkung, als ihrer Summe an
sich entspricht. Beispielsweise können Mitglieder einer kriminellen Vereini-
gung Bomben einsetzen, die nicht sie selbst, sondern andere Mitglieder her-
gestellt haben. Mitglieder eines kriminell anfälligen Unternehmens vermö-
gen (vorsätzlich oder fahrlässig) Giftstoffe freizusetzen, auf die sie nur im
Unternehmen Zugriff haben. Der Staat schließlich verfügt über Rüstungsfa-
briken, deren Produkte nach außen nicht nur zur Verteidigung, sondern
auch zu einem Angriffskrieg, nach innen z. B. gegen oppositionelle Bevölke-
rungsteile einsetzbar sind.

96
Vgl. BGHSt. 39,1; übereinstimmend KG NJW 1991,2653; LG Berlin JZ 1992,691,692.
97
Grünwald, StV 1991, 31, 35 ff.; Polakiewicz, EuGRZ 1992,177; Rittstieg, DuR 91,404;
Renzikowski, NJ 1992, 152; Arnold/Kühl, JuS 1992, 991; Koggemann, DtZ 1993, 10;
Wolf, in: Lampe (Hrsg.), Die Verfolgung von Regierungskriminalität der DDR nach der
Wiedervereinigung, 1993, S. 67 ff. Weitere Nachweise sowie allgemein zum Meinungs-
stand Lackner, StGB, 20. Aufl. 1993, § 2 Rdn. 16; Dreher/Tröndle, vor § 3 Rdn 52.

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714 Ernst-Joachim Lampe

Seine konkrete Gefährlichkeit entwickelt das menschliche und technische


Risikopotential freilich zweitens erst aufgrund seines organisierten Einsatzes
gegen Rechtsgüter oder aufgrund seiner mangelhaft organisierten Einbin-
dung in ein sozial kompatibles Schutzkonzept für die gefährdeten Rechtsgü-
ter. Insoweit bestehen Analogien bzw. Homologien einerseits zu den Hand-
lungs- und andererseits zu den Unterlassungsdelikten: Bei der kriminellen
Vereinigung sowie beim kriminell pervertierten Staat führt der Einsatz des
Risikopotentials im Rahmen der Organisation zur konkreten Gefährdung
oder Verletzung; beim kriminell anfälligen Unternehmen führt umgekehrt
die Nichteinbindung oder die mangelhafte Einbindung in die betriebliche
Organisation zum konkreten Gefährdungserfolg.
Ergänzt werden die beiden objektiven Faktoren des Systemunrechts
durch zwei subjektive. Der dritte Faktor ist das Wir-Gefühl bzw. das
mangelhafte Verantwortungsbewußtsein der im Unrechtssystem organisa-
torisch verbundenen Personen. Vom Wir-Gefühl wird vor allem die krimi-
nelle Vereinigung geprägt. Im rechtlich pervertierten Staat ist es haupt-
sächlich bei der Herrschaftsclique, im übrigen aber schwächer oder gar
nicht vorhanden und läßt sich dann nur propagandistisch erzeugen - wo-
zu etwa Hinweise auf die Überlegenheit der gemeinsamen Rasse, Her-
kunft oder Kultur dienen können. Doch gleichgültig, ob sich dadurch ein
Wir-Gefühl einstellt oder nicht - wir alle wissen und haben es teilweise
nach 1945 noch selbst erfahren, daß der Staat für uns eine Verantwor-
tungsgemeinschaft darstellt, innerhalb deren wir das Handeln der verbre-
cherischen Staatsclique so weit zu vertreten haben, wie wir es (z. B. durch
politische Wahl) hätten steuern können und müssen. Ganz auf der Verant-
wortungsebene liegen schließlich die Mängel in kriminell anfälligen Wirt-
schaftsunternehmen. Dort führt die Erosion des Konzepts individueller
Handlungsverantwortung auf der Regelungsebene zur Abkoppelung der
Verantwortung vom konkreten Geschehen und auf der Handlungsebene
zur Abkoppelung der Verantwortung von den Folgen des Regelgehor-
sams.
Aufgrund des vierten Unrechtsfaktors wird das im Verband organisato-
risch zusammengefaßte Risikopotential entweder, dem Vorsatz bei den
Verhaltensdelikten (Handlungs- und Unterlassungsdelikten) entspre-
chend, unter einen der Rechtsordnung widersprechenden Zweck gestellt,
oder aber, der Fahrlässigkeit bei den Verhaltensdelikten entsprechend, der
Sorglosigkeit preisgegeben. Ersteres ist der Fall bei der kriminellen Verei-
nigung und beim kriminell pervertierten Staat, die beide rechtswidrige

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 715

Zwecke verfolgen - wenngleich sich nur die kriminelle Vereinigung außer-


halb der gesetzlichen Ordnung bewegt, die der Staat als Urheber der Ge-
setze regelmäßig einhält. Letzteres finden wir im Wirtschaftsleben, etwa
wenn eine kriminogene Unternehmensphilosophie das Wohl des Betriebs
über das Wohl der Allgemeinheit oder das einzelner Dritter stellt.
Treten die vier genannten Faktoren zusammen, so entsteht Systemun-
recht. Dieses ist ein Unrecht, das an sich keiner externen Manifestation
durch Handlungen bedarf: Die kriminelle Vereinigung ist ein Unrechtssy-
stem, sobald sie als solche ins Leben tritt; der kriminell pervertierte Staat
ist ein Unrechtssystem, noch bevor er seine kriminellen Absichten in die
Tat umsetzt; und das kriminell anfällige Wirtschaftsunternehmen ist ein
Unrechtssystem schon allein um seiner kriminogenen Philosophie bzw.
defizienten Organisationsstruktur willen. Systemunrecht ist also an sich
ein Unrechtszttstand, der sich in Handlungen bestätigen kann, aber nicht
muß. Er entspricht der Unrechtsbereitschaft des Einzeltäters beim Verhal-
tensdelikt. Doch während die Unrechtsbereitschaft noch kein Unrecht ist,
weil dem „System", worin sie vorhanden ist, dem personalen Charakter,
die unmittelbare Asozialität fehlt, ist die Bereitschaft eines Gemeinschafts-
systems zu kriminellen Taten, sein asozialer „Charakter", selbst schon
Unrecht. Kommt es zur Unrechtstat, ist deshalb
- beim einzelnen die Bereitschaft hierzu Schuld, deren Resultat, die Un-
rechtshandlung, Handlungsunrecht und dessen Resultat, die Rechtsgutsver-
letzung, Erfolgsunrecht;
- beim Gemeinschaftssystem die Bereitschaft hierzu Systemunrecht und
dessen Resultat, die Unrechtshandlungen von Systemmitgliedern (nebst ih-
ren Folgen), Erfolgsunrecht.
Systemunrecht ist strafbares Unrecht, nicht unbedingt jedoch strafwür-
diges und straibedürftiges Unrecht. Wann es strafwürdig und strafbedürf-
tig ist, hängt vielmehr von seiner sozialethischen Wertwidrigkeit und von
seiner sozial destabilisierenden Wirksamkeit ab. Beide Faktoren sind für
kriminelle Vereinigungen grundsätzlich zu bejahen und werden auch posi-
tiv-rechtlich in § 129 StGB bejaht - außer „wenn die Begehung von Straf-
taten nur ein Zweck oder eine Tätigkeit von untergeordneter Bedeutung
ist" (Abs. 2 Nr. 2), d. h., wenn von der Vereinigung keine erhebliche Ge-
fahr für die öffentliche Sicherheit ausgeht98. Für die Strafbarkeit von kri-
minell anfälligen Wirtschaftssystemen reicht dagegen das Systemunrecht

98
BGHSt.31,202,207.

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716 Ernst-Joachim Lampe

allein nicht aus. So wie die fahrlässige Handlung regelmäßig erst dann
strafbar ist, wenn sie zu einer konkreten Rechtsgutsverletzung oder -ge-
fährdung geführt hat, so erreicht auch der Fahrlässigkeitscharakter einer
Unternehmensphilosophie oder -organisation erst dann die Schwelle zur
Strafwürdigkeit und Strafbedürftigkeit, wenn aus dem Unternehmen her-
aus Handlungen vorgenommen wurden, in denen sich seine sozial uner-
trägliche Gefährlichkeit dokumentiert. Tatsächlich sehen daher nirgend-
wo geltende Gesetze Strafandrohungen bereits für den Betrieb eines Wirt-
schaftsunternehmens als solchen vor, ohne daß dessen hohe Gefährlich-
keit sich in rechtsgutsverletzenden oder -gefährdenden Handlungen doku-
mentiert haben müßte. Der kriminell pervertierte Staat schließlich er-
scheint mir zwar als strafwürdig, sobald er sich etabliert hat, jedoch nicht
als strafbedürftig, solange sich seine Funktionäre nicht kriminell betäti-
gen. Sanktionen werden im internationalen Bereich jedenfalls stets nur
aufgrund konkreter Menschenrechtsverletzungen oder friedensfeindlicher
Maßnahmen erwogen ; strafrechtlich verfolgt werden Einzelpersonen
nur, wenn sie völkerrechtlich geschützte Rechtsgüter tatsächlich verletzt
haben.

IV. Strafrechtliche Verantwortung innerhalb von Unrechtssystemen


Verantwortlich für Systemunrecht (im Sinne von zuständig für die Straf-
folgen) können entweder das System selbst oder seine Mitglieder sein,
diese wiederum für das Systemunrecht selbst (Zielrichtung, Organisa-
tion) oder für dessen Erfolgsunrecht. Im folgenden untersuche ich dies
getrennt für einfache (informelle) und für verfaßte (formelle) Unrechts-
systeme.

l. Verantwortung innerhalb einfacher Unrechtssysteme


Bereits innerhalb einfacher Unrechtssysteme folgt die Verantwortungszu-
schreibung für Systemunrechr anderer Kriterien als die Verantwortungszu-
schreibung für Beziehungsunrecht. Verantwortung für Beziehungsunrecht
wird aufgrund handlungsmäßiger Kausalität oder, wo solche (wie bei den
Unterlassungen) real nicht vorhanden ist, aufgrund zuvor übernommener

99
Dagegen finden sich schon vorher Hinweise auf das Bestehen eines völkerrechtswidri-
gen Zustands in Gerichtsentscheidungen oder „views" von Ausschüssen; vgl. etwa den
Fall Hendriks ./. Niederlande, views v. 27. 7. 1988, GAOR 43rd Sess., Suppl. No. 40
(A/43/40), S. 230 (238 Nr. 11).

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 717

Fürsorgeverantwortung zugeschrieben. Bei mehreren Beteiligten nimmt die


herrschende Dogmatik Abstufungen auf der Ebene der handelnden Perso-
nen vor: Sie sieht zwar die Kausalität der Beiträge als äquivalent an, kreidet
den Beteiligten aber ihr unterschiedliches Maß an Tatherrschaft an. Dieses
Maß soll zum einen vom gestaltenden Einfluß auf die Tat abhängen, also ent-
weder von der organisatorischen Bedeutung des Beitrags für die Tatplanung
oder von der physischen Wirkung des Beitrags auf die Tatausführung. Zum
anderen werden soziale Maßstäbe herangezogen: Es komme, heißt es, nicht
nur darauf an, welche Raffinesse ein Mitwirkender bei der Tatplanung ent-
faltet oder welche Kraft er bei der Tatausführung aufgewendet hat, sondern
auch darauf,· wie sich sein Beitrag im sozialen Werturteil darstellt .
Fehlen kausale Beiträge (wie etwa bei den Unterlassungstaten), so scheidet
eine Gewichtung nach dem Maße der Tatherrschaft aus ; in diesem Fall
soll das soziale Gewicht der Fürsorgeverantwortung das Maß auch für die
Unrechts Verantwortung abgeben102.
An dieser Konstruktion ändert sich nach allgemeiner Meinung selbst dann
nichts, wenn eine große Anzahl von Beteiligten die Identifizierung der Tat-
beiträge schwierig macht. Werden beispielsweise bei einer gewaltsamen De-
monstration Steine auf die Polizisten geworfen, dann soll gleichwohl jeder
Teilnehmer nur nach Maßgabe seines Beitrags zur Verletzung verantwortlich
zu machen sein. Da kaum je nachweisbar ist, wessen Stein getroffen hat,
führt diese Konstruktion dazu, daß die Beteiligten lediglich deshalb bestraft
werden können, weil sie die Verletzung der Polizisten versucht, nicht aber,
weil sie sie tatbestandlich vollendet haben. Anderes soll lediglich dann gel-
ten, wenn die mehreren Beteiligten sich aufgrund eines zuvor oder während
der Ausschreitungen gefaßten gemeinsamen Plans am Steinewerfen gegen
die Polizisten beteiligt haben. Dann sollen auch die, denen nicht nachgewie-
sen werden kann, daß sie getroffen haben, als Mittäter der gefährlichen Kör-
perverletzung (§ 223a StGB) bestraft werden können.
Das unterschiedliche Ergebnis ist als unbefriedigend empfunden worden.
Warum soil, wenn viele Steinwurfe sich zu einem Steinhagef verbinden, nicfit
jeder Mitwirkende wegen des vollen Erfolgs bestraft werden - vorausge-
setzt, er wußte um den Tatbeitrag, den er zu dem der anderen Steinewerfer
leistet? Erhält nicht eine Tat, bei der sich die Verantwortungssphären vermi-
schen, ein anderes Gesicht als diejenige, bei denen die Verantwortungssphä-
100
Vgl. im einzelnen etwa Roxin, in: LK, § 25 Rdn. 179 ff., 189 ff.
101
Jescbeck, in: LK, 11. Aufl. 1992, § 13 Rdn. 58; allgemeine Meinung.
102
Jakobs, M\S. Teil, 29/102.

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718 Ernst-Joachim Lampe

ren getrennt bleiben? Man hat in einigen Fällen mit unterschiedlichen Be-
gründungen versucht, Abhilfe zu schaffen103.
Man hat zum einen die Fälle der sog. additiven Mittäterschaft gesondert
behandelt. Wenn bei einem Attentat zwanzig Verschwörer gleichzeitig auf
das Opfer schießen, ohne daß sich hinterher feststellen läßt, wer den tödli-
chen Schuß abgegeben hat, dann müsse jeder der Verschwörer auch ohne
Kausalitätsnachweis als Mittäter der Tötung bestraft werden . Doch gegen
eine solche Lösung spricht, daß nach den Grundsätzen unseres Prozeßrechts
(insbesondere „in dubio pro reo") für die individuelle Erfolgs Verantwortung
ein Verursachungsnachweis geführt werden muß. Wenn Mittäterschaft ein
Sonderfall von einzeltäterschaftlichem Verhalten ist, dann kommt man um
den Nachweis, daß das Verhalten eines Mittäters den tatbestandlichen Erfolg
mitverursacht hat, nicht herum .
Man hat zum anderen bei nachträglichem Beitritt zu einer bereits begon-
nenen Tat den Hinzutretenden auch für die vor seinem Beitritt begangenen
Akte verantwortlich gemacht (sukzessive Mittäterschaft). Wer aus dem von
anderen bereits aufgebrochenen Kiosk gemeinsam Waren entwendet, der er-
kläre sein Einverständnis mit dem verbrecherischen Gesamtplan, und dieses
Einverständnis habe „die Kraft, daß ihm auch das einheitliche Verbrechen als
solches strafrechtlich zugerechnet wird"106. Doch dagegen spricht, daß kein
Mittäter eine Handlungsherrschaft über bereits abgeschlossene Tatteile be-
gründen kann. Wenn Mittäterschaft ein Sonderfall einzeltäterschaftlichen
Verhaltens ist, dann kann sie Verantwortung nur für die Zukunft, nicht aber
dafür begründen, was im Zeitpunkt des vorgeworfenen Verhaltens bereits
der Vergangenheit angehört1 °7.
Aber Mittäterschaft ist eben kein Sonderfall von einzeltäterschaftlichem
Verhalten. Sie kann es nicht sein, weil der Anteil jedes Mittäters an der Tat
den gleichgerichteten Anteil aller anderen Mittäter ausschließt. Das hatte
schon Schröder erkannt, als er das Prinzip der Tatherrschaft für die Erklä-
rung mittäterschaftlicher Verantwortung verwarf: Tatherrschaft, sagte er, hat

103
Vgl. zum folgenden Roxin, Täterschaft und Tatherrschaft, 5. Aufl. 1990, S. 648 ff.; ders.,
JA 1979, 519, 524; Herzberg, Täterschaft und Teilnahme, 1977, S. 58; den., ZStW 99
(1987), S. 49, 55 ff.; Bloy (Anm. 18), S. 372 ff. Anders Stein, Die strafrechtliche Beteili-
gungsformenlehre, 1988, S. 327; Jakobs, Allg. Teil, 21/55.
104
Herzberg, Täterschaft und Teilnahme, S. 58; den., ZStW 99 (1987), S. 55 f.
105
So denn zuch Jakobs, Allg. Teil, 21/55.
106
BHGSt. 2, 344, 346.
107
In diesem Sinne Roxin, in: LK, § 25 Rdn. 195, m. w. N.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 719

jeder Beteiligte nur über seinen Anteil an der Tat108. Wenn Roxin dem heute
entgegenhält, er habe doch immerhin Miherrschaft über die Gesamttat,
dann ist das zwar richtig, aber nur in dem negativen Sinn, daß jeder Mittäter
die Tat scheitern lassen kann, wenn er seinen Tatanteil nicht erbringt . Sol-
che bloß „negative" Tatherrschaft reicht aber als Erklärungsgrundlage für
die „positive" Zurechnung der Gesamttat nicht aus.
Daß Mittäter die volle Tatverantwortung tragen, läßt sich dagegen aus ih-
rer Mitherrschaft über das System rechtfertigen, das die Tat i. S. v. § 25 Abs. 2
StGB „begeht" und sie zur Tat aller Systemmitglieder macht - gleichgültig
welchen externen Anteil der einzelne leistet. Genauer noch ist den Mitglie-
dern des Systems Verantwortung entsprechend ihrer Stellung im System zu-
zuschreiben bzw., da das System funktional organisiert ist, entsprechend ih-
rem funktionalen Beitrag zum Unrecht des Systems. Man könnte daher mit
Roxin davon sprechen, daß die Mitglieder gemäß ihrer funktionalen Tatherr-
schaft strafrechtlich verantwortlich seien. Doch dadurch erweckte man den
Anschein, jeder Mittäter müsse „durch seinen Tatanteil gleichzeitig die Ge-
samttat beherrschen . Und genau das ist nicht der Fall - wie das von Ro-
xin gebrachte Beispiel beweist, daß die Tat auch ohne den als Wachtposten
aufgestellten Mittäter gelungen wäre. Vielmehr ist „allein [!] entscheidend,
ob von der Planung her der Aufpasser eine sachlich bedeutende Funktion
ausübte, so daß es auf sein »Funktionieren* ggf. hätte ankommen kön-
nen . Statt von der funktionalen Tatherrschaft ist die Verantwortung von
Mittätern vielmehr von ihrer funktionalen Systemherrschaft abhängig.
Unabhängig dagegen ist die Verantwortung der Mittäter von einer Zu-
rechnung fremder Tatbeiträge. Eine solche Zurechnung muß schon am straf-
rechtlichen Grundsatz der Eigenverantwortlichkeit scheitern, wonach jeder
nur für das verantwortlich ist, was er selbst verbrochen hat (vgl. § 29 StGB).
Lediglich mittelbar kommt es dennoch zur Zurechnung: Weil der (funktio-

108
Schönke/Schröder, StGB, 18. Aufl. 1976, vor § 25 Rdn. 66; übereinstimmend Küper, JZ
1979, 775,786; Stratenwerth, Allg. Teil, 3. Aufl. 1981, Rdn. 807 („Keiner der Beteiligten
übt die Herrschaft über die Tat als ganze aus. Die Tatherrschaft liegt vielmehr in den
Händen des »Kollektivs* als solchem.").
109
Roxin, in: LK, §25 Rdn. 157. Eine allein auf der Kausalität für den Erfolg beruhende
Tatherrschaft hätte im übrigen jeder Beteiligte, also auch der Gehilfe, der in untergeord-
neter Systemposition am Tatgelingen mitwirkt.
110
Roxin, Täterschaft und Tatherrschaft, 5. Aufl. 1990, S. 275 ff.; den., in: LK, §25
Rdn. 154. Vgl. dazu Küper (Anm. 108), S. 786.
111
So mit Recht Roxin, in: LK, § 25 Rdn. 154.

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720 Ernst-Joachim Lampe

riale ) Tatbeitrag von Mittäter A Erfolgsunrecht des mittäterschaftlichen


Systems ist, ist für ihn auch Mittäter B verantwortlich. Beginnt z. B. A mit
der Ausführung des gemeinsamen Tatplans, so ist mittelbar auch B dafür
verantwortlich, weil ihm zwar nicht das Verhalten des A, wohl aber das hier-
durch begründete Versuchsunrecht des mittäterschaftlichen Systems zuge-
rechnet wird.
Strafrechtliche Verantwortlichkeit für Systemunrecht schließt Eigenver-
antwortlichkeit für personales Verhaltensunrecht nicht aus, das im organisa-
torischen Rahmen des mittäterschaftlichen Systems begangen wurde. Wer
innerhalb eines mittäterschaftlichen Systems eine so untergeordnete Rolle
spielt, daß er als Gehilfe einzustufen ist, kann als eigenverantwortlich han-
delnde Person dennoch Täter sein. Voraussetzung ist, daß er - wenn auch im
organisatorischen Rahmen des Systems - sämtliche einzeltäterschaftlichen
Merkmale erfüllt, also entweder die Herrschaft über ein konkretes Tatge-
schehen ausübt oder hierfür die Fürsorgeverantwortung trägt. Es ensteht
dann unter Umständen jene Konstellation, daß ein Täter (kraft Herrschaft
im organisatorischen Apparat) „hinter" einem Täter (kraft Handlungsherr-
schaft) steht. Darauf komme ich zurück (unten S. 743).
An dieser Stelle bleibt lediglich noch anzumerken, daß es zu einer straf-
rechtlichen Verantwortung des Systems anstelle oder neben der Verantwor-
tung seiner Mitglieder nicht kommen kann. Denn das einfache System be-
sitzt keine Organisation, die über das Ziel der Tatbegehung hinausweist. Es
ist - anders als das sogleich noch zu behandelnde verfaßte System - nicht „an
sich" böse, sondern nur relativ zu seinem Zweck. Deshalb entfällt es als Un-
rechtssystem mit seiner Zweckerreichung - und damit entfällt auch die
Möglichkeit, es zu bestrafen.

112
Anders steht es beim Exzeß eines Mittäters. Dieser kann den übrigen Beteiligten nicht
einmal mittelbar zugerechnet werden - es sei denn, daß er von der Zielsetzung des Sy-
stems oder von der Organisation der einzelnen Beiträge her voraussehbar war und somit
eine Fahrlässigkeitshaftung begründet.
113
Es ist allerdings zu beachten, daß Rechtsordnungen mit weniger individualisierter Ver-
antwortung der Systemeinbindung einen höheren Stellenwert zuweisen können. Dar-
über hinaus mag eine extreme Unterordnung unter die Macht eines Systems auch inner-
halb unserer Kulturordnung vorkommen und dann zum Zurücktreten der Eigenverant-
wortung führen - so etwa bei Mitgliedern gewisser religiöser Sekten, die von ihren an-
geblich begnadeten Führern zu Straftaten verleitet werden.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 721

2. Verantwortung innerhalb verfaßter Unrechtssysteme


Die erste und bis heute fortwirkende Anregung zur Herausarbeitung von
Verantwortungsstrukturen innerhalb verfaßter Unrechtssysteme stammt
von Roxin . Verbrechen, die nicht von einem Einzeltäter oder von weni-
gen Personen aufgrund eigener Initiative, sondern die im Rahmen organisa-
torischer Machtapparate verübt werden, ließen sich, so meinte er, unter dop-
peltem Aspekt strafrechtlich erfassen: zum einen als Kollektiwerbrechen
und zum anderen als Einzeltaten. Keiner der beiden Gesichtspunkte schöpfe
für sich allein den Unrechtsgehalt solcher Verbrechen voll aus: die Betrach-
tung als Kollektiwerbrechen nicht den der konkreten Taten, die Betrach-
tung als Einzeltaten nicht die Verantwortung für den verbrecherischen Be-
trieb der Organisation als solcher.
Gleichwohl beschränkte sich Roxin auf die Betrachtung der Einzeltat und
da genauer noch auf die Frage, ob an irgendeiner Stelle des Organisationsge-
füges Beteiligte Täter, Anstifter oder Gehilfen seien. Insoweit ist für ihn ein-
deutig, daß „der vorsätzlich und ungenötigt eigenhändig die Tat Ausführen-
de immer Täter" ist115. Daneben könne aber auch der Hintermann - der
Funktionär, Auftraggeber, Zwischenträger, Planer oder Berater - Täter sein,
weil „der verantwortliche Wille des Aufgeforderten, der sich sonst als un-
überspringbare Mauer zwischen den Hintermann und die Tat schiebt und
den Auffordernden in die Randzone der Teilnahme abdrängt", im Rahmen
organisatorischer Machtapparate seine Wirkung nicht zu entfalten vermö-
ge . Seine Eigenschaft als Täter hänge, meint Roxin, von seiner Stellung im
Organisationsapparat ab: ob er untergebenen Personen Befehle erteilen kön-
ne und diese Befugnis zur Durchführung strafbarer Handlungen einsetze117.
Die von Roxin gewählte Beschränkung auf die Einzeltat ist bedauerlich,
wenn auch im Hinblick auf den damaligen Stand der Dogmatik verständlich.
Läßt man sie fallen, eröffnet sich ein weiterer Horizont. Roxin deutet ihn
selbst an, wenn er aus der Verteidigungsrede des Eichmann-Verteidigers Ser-
vatius zitiert,
„daß eine Gehorsamsverweigerung Eichmanns ohne Wirkung auf die Durchfüh-
rung der Judenvernichtung geblieben und daher sein Opfer bedeutungslos gewesen
wäre. Der Befehlsapparat würde weitergearbeitet haben... Hier liegt der Unter-
schied zum Individualverbrechen. Dort kann der Täter zurücktreten, er kann die

114
Zum folgenden Roxin, G A 1963,193 ff.
115
&m>z,GA1963,S. 197.
116
7tocm,GA1963,S.201.
117
Äcm>z,GA1963,S.203.

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722 Ernst-Joachim Lampe

Fortsetzung der Tat verhindern. Gegenüber dem Befehl des übermächtigen Kollek-
tivs wird das Opfer sinnlos. Hier ist das Verbrechen nicht die Tat der Einzelperson;
es ist der Staat selbst der Täter."
Kann der Machtapparat selbst Täter sein, dann fragt es sich, ob er auch
selbst verantwortlich sein kann: Kann ein Unrechtssystem strafrechtlich
zur Rechenschaft gezogen werden? Eine Verneinung der Frage finden
wir, mit knapper Zusammenfassung der Gründe, bei Jescheck . An die
Spitze seiner Begründung stellt er ein positivistisches Argument: „Das gel-
tende deutsche Recht kennt keine Strafbarkeit von juristischen Personen
und Personenvereinigungen." Der positive Rechtszustand erscheint ihm
darüber hinaus aus zwei metajuristischen Gründen richtig: Zum einen
müsse die Strafe an eine Handlung anknüpfen; juristische Personen und
Personenvereinigungen aber seien handlungsunfähig (ontologisches Argu-
ment). Zum anderen setze die in der Strafe liegende sozialethische Mißbil-
ligung die Fähigkeit zu persönlicher Verantwortung voraus; juristische
Personen oder Personenvereinigungen aber besäßen diese Fähigkeit nicht
(ethisches Argument).
Jeschecks Argument de lege lata ist zweifellos richtig: Das geltende deut-
sche Strafrecht steht in der kontinentaleuropäischen Tradition des Satzes
„societas delinquere non potest" und kennt folglich keine Strafbarkeit juri-
stischer Personen. Die in § 30 OWiG angedrohte Geldbuße ist allerdings ein
erster Schritt dahin.
Jeschecks Argumente de lege ferenda legitimieren jedoch das Ergebnis
de lege lata nicht.
Das ontologische Argument fehlender Handlungsfähigkeit enthält eine
petitio principii: Nur eine Strafe, die Fehlverhalten treffen oder ihm vorbeu-
gen soll, setzt Handlungsfähigkeit voraus. Doch soll Strafe stets Fehlverhal-
ten treffen oder ihm vorbeugen? Das würde zunächst voraussetzen, daß der
Grund für Strafe allein im Handlungsunrecht liegen kann. Die vorstehend
untersuchten Typen des Systemunrechts haben aber gezeigt, daß es außer
dem Handlungsunrecht noch anderes strafwürdjges Unrecht gJbt Daß aie-
ses Unrecht gegenüber dem Verhaltensunrecht andersartig ist, darf im Ver-

118
Jescheck, Allg. Teil, § 23 V 1; dort auch Hinweise auf den Stand der internationalen Dis-
kussion.
119
Dieses Argument machen sich u. a. Cramer, in: Schönke/Schröder, vor § 25 Rdn. 113;
Roxin, Allg. Teil, Bd. I, 1992, S. 154; Schmitt, Strafrechtliche Maßnahmen gegen Ver-
bände, 1958, S. 181 ff., zu eigen.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 723

antwortungsbereich gewiß nicht verwischt werden - selbst nicht um des


Vorteils einheitlicher ontologischer Grundlegung willen. Doch gibt es auch
keinen Anlaß, es zu verwischen; denn die für die Verantwortungszuschrei-
bung maßgebliche Kategorie der Kausalität lenkt den Blick nicht nur auf
handelnde Menschen zurück, sondern auch auf soziale Systeme. Und es
zeigt sich, daß beiden aus dem gleichen Grunde Verantwortung zukommt:
weil sie einen Charakter haben . Gewiß bestehen auch insoweit wieder
Unterschiede: Individuale Menschen haben einen personalen Charakter,
verfaßte Systeme einen sozialen. Der Charakterverfall hat daher jeweils un-
terschiedliche Konsequenzen: Beim sozialen System begründet er soziales
Unrecht, beim individualen Menschen personale Schuld. Dennoch kann bei-
der Charakter infolge seiner willentlichen Veränderlichkeit zusätzlich
Zweck der Strafe sein. Strafe nämlich bezweckt die Besserung des Charak-
ters. Und die kann sie hinsichtlich seiner Handlungen („operari sequitur
esse") nicht nur beim individualen Menschen bewirken, sondern hinsichtlich
seiner Ziele und seiner Organisation auch beim sozialen System .
Es bleibt noch der ethische Einwand mangelnder persönlicher Verant-
wortlichkeit von Verbänden. Ihm ist zuzugeben, daß ein System aus Perso-
nen allenfalls in einem übertragenen Sinne selbst eine Person sein kann.
Knüpft daher eine ethisch begründete Strafe an das Vorhandensein einer Per-
son im ontologischen Sinne an, dann kann sie gegen Verbände nicht verhängt
werden. Aber wiederum gilt es einerseits, den Unterschied zwischen einem

120
Das geschieht, wenn die strafrechtliche Verantwortlichkeit von Sozialgebilden immer
wieder auf das Argument gestützt wird, sie könnten mittels ihrer Organe nach außen
handelnd tätig werden und seien daher auch selbst mittelbar handlungsfähig; so z. B.
Hirsch, Die Frage der Straffähigkeit von Personenverbänden, 1993, S. 9 ff.; Otto
(Anm. 39), S. 15; Brender, Die Neuregelung der Verbandstäterschaft im Ordnungswid-
rigkeitenrecht, 1989, S. 54 ff. Für die Strafbarkeit der Mitglieder einer kriminellen Ver-
einigung beispielsweise sind außenwirksame Handlungen nicht der ausschlaggebende
Grund; ihre Handlungen können auch in - für sich gesehen - rechtlich neutralen inter-
nen Tätigkeiten, z. B. in der Ausärbehung von Rechtferiigungsschjrihen oder von Stra-
tegiepapieren, bestehen; vgl. BVerfGE 56,22,33 f.; BGHSt. 29,114,116; OLG Karlsru-
he NJW 1977, 2222, 2223; Fleischer, NJW 1979, 1337, 1338; Lenckner, in: Schönke/
Schröder, § 129 Rdn. 13. Unrechts- und verantwortungsbegründend für sie ist, daß sie
den organisatorischen Zusammenhalt der Vereinigung und ihre Ausrichtung an krimi-
nellen Zielen stärken, mit anderen Worten: Systemunrecht perpetuieren.
121
Zum Begriff des Charakters und zu unserer moralischen Verantwortung für den als
„sittliche Eigenart" begriffenen Charakter vgl. Lampe, in: Fehige/Meggle (Hrsg.), Zum
moralischen Denken, 1994, Bd. I, S. 89, 91 ff.
122
Übereinstimmend Hirsch (Anm. 120), S. 17 f.; Ehrhardt, Unternehmensdelinquenz
und Unternehmensstrafe, 1993, S. 204 f., 156 ff.

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724 Ernst-Joachim Lampe

Sozialsystem und einer Einzelperson nicht einzuebnen, andererseits, die


Personqualität nicht unbesehen als unabdingbare Prämisse für die Strafe zu
akzeptieren. Wir können vielmehr die Behauptung dagegensetzen, daß straf-
rechtliche Verantwortlichkeit jeder Einheit zukommt, die sich im sozialen
Leben betätigt - mag sie Individualperson sein oder ein aus Personen (als
Elementen) organisiertes soziales Gebilde123. Und wir können unsere Be-
hauptung damit begründen, daß die Rechtsstrafe so wenig wie andere
Rechtsfolgen auf einen zW^zW^/ethischen Vorwurf angewiesen ist. Viel-
mehr geht es dem Strafrecht, soweit überhaupt, um den Schutz sozialeun-
scher Güter und Werte124. Sozialethisch aber kann auch dem sozialen Sy-
stem der Vorwurf mangelnder Richtigkeit gemacht werden. Denn als human
oder sozial notwendige Institution vermag es, in sich selbst ethische Pflich-
ten zu erzeugen, anzunehmen und zu realisieren (so z. B. die Familie, die an-
tike Polis, eingeschränkt auch der moderne Staat); und als rationaler Zweck-
verband vermag es, seine Leitziele ethischen Anforderungen zu unterstellen
und sich danach zu organisieren (so z. B. das Wirtschaftsunternehmen, die
politische Partei). Gibt es aber eine sozialethische Verantwortlichkeit von
Systemen, die nicht auf Handlungen, sondern auf ihr Sein - auf die Philoso-
phie ihrer Zielsetzung, auf die Organisation ihrer Zielverfolgung - bezogen

123
Ein solches Gebilde mag zwar als juristische „Person" eine Fiktion sein („Fiktionstheo-
rie"), nicht aber ist sie es als soziales System („Theorie der realen Verbandsperson"). Die
amtliche Begründung zu § 19 OWiG, die juristische Person sei „als fiktives Wesen einer
sozialethischen Mißbilligung nicht zugänglich" (BT-Drucks. V/1269 S. 58), enthält da-
her eine petitio principii.
124
Auf die Problematik dieser Unterscheidung kann ich hier nicht eingehen. Zur Klärung
hebe ich immerhin hervor: „Individualethik" bezieht ethische Forderungen auf den ein-
zelnen Menschen. Sie nimmt ihn dabei allerdings nicht aus seiner Rolle als soziales In-
dividuum heraus, um ihn in eine Welt voneinander isolierter Monaden zu versetzen. In-
dividualethik ist vielmehr regelmäßig auch Sozialethik. „Sozialethik" umgekehrt be-
zieht ethische Forderungen auf alle Teilnehmer am sozialen Leben. Dabei stößt sie zum
einen auf den einzelnen Menschen, zum anderen auf die sozialen Institutionen. Soweit
sie den einzelnen Menschen in den Blick bekommt, Jsr sie stets jMf.b Individuakthik. Al-
lerdings betrachtet sie den einzelnen nur in seiner Rolle als „Mitmensch", d. h. innerhalb
seiner (institutionell geordneten!) Beziehungen zu anderen. Sie ist mithin eine Ethik nur
seiner sozialen Beziehungen, nicht auch (wie die Individualethik) eine Ethik seines Ver-
hältnisses zu sich selbst oder (wie die religiöse Ethik) zu transzendenten Mächten. Da-
gegen ist sie, soweit sie soziale Institutionen in den Blick bekommt, nur Sozialethik. Sie
ist dies allerdings mit der Besonderheit, daß sie die Institutionen ausschließlich in ihrer
auf den Menschen bezogenen Verpflichtungskraft begreift: Alle Institutionen sollen, so
fordert sie, so ausgestaltet werden, daß sie ihren Zweck für das - als oberster ethischer
Richtpunkt geltende - gemeine Wohl des Menschen erfüllen können. Vgl. dazu auch
Alwart9 ZStW 105 (1993), S. 752, 764.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 725

ist, dann kann es auch eine sozialethische Mißbilligung geben, wenn sie ihrer
Verantwortung nicht nachkommen. Und die sozialethische Mißbilligung
kann überdies, wenn die sonstigen Voraussetzungen erfüllt sind, in einer so-
zialethisch verstandenen Strafe zum Ausdruck kommen. Daß die Strafe dem
sozialen System nicht nach Maßgabe einer persönlichen, sondern ausschließ-
lich seiner sozialen Schuld zugemessen werden kann, ist dann ebenso richtig
wie letztlich für das Ob der Bestrafung bedeutungslos. Lediglich deren Wie
hängt davon ab.

a) Unrechtsverantwortung innerhalb krimineller Vereinigungen


Die kriminelle Vereinigung scheint dasjenige System zu sein, an dem sich die
vorstehenden Überlegungen am besten exemplifizieren lassen. Sozialethisch
wäre eine Bestrafung der kriminellen Vereinigung als solcher auch zweifellos
gerechtfertigt; denn ihre Existenz verstößt gegen fundamentale Prinzipien
menschlichen Zusammenlebens, insbesondere gegen das Fundamentalprin-
zip des inneren Friedens. Deshalb muß die soziale Gemeinschaft hierauf mit
eindeutiger Mißbilligung reagieren - etwa mit sozialer Ächtung, mit Ver-
nichtung ihres Andenkens, mit dem Verbot ihrer Symbole usf. Äec/?£sethisch
sieht die Sache anders aus. Die kriminelle Vereinigung hat rechtlich niemals
existiert125: Ihre Gründung war nichtig (§ 134 BGB); sie wurde in kein Ver-
einsregister eingetragen; ihre Tätigkeit widersprach den Gesetzen. Gegen ei-
ne Vereinigung, die von Rechts wegen nicht existiert, kann das Recht aber
keine Maßnahmen ergreifen: Es kann sie weder de iure auflösen noch man-
gels Eintragung im Vereinsregister löschen. Und es kann an ihr selbst weder
die Rechtswidrigkeit ihrer Gründung noch die ihrer Betätigung mit Strafe
ahnden; denn der Strafe würde jeglicher Zweck fehlen - was von Rechts we-
gen nicht existiert, kann von Rechts wegen auch nicht gebessert werden.
Daher konzentriert sich die Verantwortung für die kriminelle Vereinigung
auf ihre Gründer und Mitglieder: Sie tragen Systemverantwortung dafür,
daß die Vereinigung faktisch bestand und Straftaten verübte. Den Umfang
dieser Systemverantwortung umgrenzt § 129 Abs. I StGB so: Strafbar ist,
wer eine kriminelle Vereinigung „gründet", sich an ihr „als Mitglied betei-
ligt, für sie wirbt oder sie unterstützt". An dieser Umgrenzung ist zum Teil
Kritik zu üben.

125
Ausnahmen bilden solche Vereinigungen, die ihren kriminellen Zweck anfangs ver-
schleiert oder ihren ursprünglich rechtmäßigen Zweck kriminell abgeändert haben.

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726 Ernst-Joachim Lampe

Richtig ist, daß das Gründen einer kriminellen Vereinigung Systemverant-


wortung begründet. Denn das Gründen gibt der kriminellen Vereinigung so-
wohl ihr (kriminelles) Ziel als auch ihre hierauf ausgerichtete Organisation.
Gründer ist folglich, wer beim Zusammenschluß von Personen zu kriminel-
len Zwecken oder bei der Bildung ihrer Organisation richtungweisend mit-
wirkt126.
Richtig ist ferner, daß die mitgliedschaftliche Tätigkeit in der kriminellen
Vereinigung Systemverantwortung begründet. Erforderlich ist hierfür die
Verstärkung des Systemunrechts durch eine auf Dauer gerichtete Eingliede-
rung in die kriminelle Dynamik des Verbandes127, genauer noch „die ver-
bindliche Zusage, sich an den von der Vereinigung geplanten Straftaten
selbst in strafbarer Weise, d. h. als Täter oder Teilnehmer, zu beteiligen"128.
Kommt es zu den geplanten Straftaten, dann konsumieren diese nicht etwa
das Systemunrecht der mitgliedschaftlichen Beteiligung. Dieses bildet viel-
mehr für jene (als sein Erfolgsunrecht) die Basis; es hat, mit anderen Worten,
selbständige Bedeutung.
Fälschlich verselbständigt § 129 StGB darüber hinaus die Unterstützung
einer kriminellen Vereinigung zur Täterschaft. Die wichtigste Konsequenz,
daß nunmehr auch die versuchte Beihilfe zur Straftat wird, beseitigt es zwar,
indem es ausdrücklich nur den Versuch, eine kriminelle Vereinigung zu
gründen, nicht auch den, sie zu unterstützen, mit Strafe bedroht (§ 129
Abs. 3 StGB). Doch entfällt im übrigen der Zwang zur Strafmilderung (§§ 27
Abs. 2 Satz 2,49 Abs. l StGB), ohne daß hierfür kriminalpolitisch zwingen-
de Gründe ersichtlich wären.
Fälschlich stellt das Gesetz ferner den Versuch, eine kriminelle Vereini-
gung zu unterstützen, unter Strafe, wenn er durch Werbung für die kriminel-
le Vereinigung begangen wird. Dies hat die widersinnige Folge, daß derjeni-
ge, der einen anderen zur versuchten Unterstützung einer kriminellen Ver-
einigung veranlaßt, wegen Werbens strafbar ist, während der andere selbst
nicht bestraft werden kann .
Neben der Systemverantwortung trifft die Mitglieder einer kriminellen
Vereinigung Eigenverantwortung (bzw. mittäterschaftliche Systemverant-
wortung), wenn sie im Rahmen ihrer Organisation Straftaten begehen. Ob-

126
BGHSt. 27, 325, 327; BGH NJW 1954,1254; Rudolphi, in: SK StGB, § 129 Rdn. 14.
127
BGHSt. 29,114,122 f.
128
Rudolphi, in: SK StGB, § 129 Rdn. 16.
129
Rudolphi, in: SK StGB, § 129 Rdn. 18.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 727

wohl der organisatorische Zweck oder die Tätigkeit der Vereinigung auf die
Begehung solcher Straftaten gerichtet ist, sieht die allgemeine Meinung kei-
nen Anlaß, die Systemverantwortung hinter die Handlungsverantwortung
zurücktreten zu lassen. Das ist um so erstaunlicher, als im Hinblick auf die
Bestrafung von Wirtschaftsverbänden wiederholt der Einwand vorgebracht
wurde, daß der schuldige Individualtäter doppelt, nämlich sowohl mit der
gegen ihn als auch anteilig mit der gegen den Verband ausgesprochenen Stra-
fe, bestraft werde . Den an einer kriminellen Vereinigung Beteiligten, so
ließe sich entsprechend einwenden, treffe ebenfalls doppelte Strafe: sowohl
wegen seiner Straftat als auch deshalb, weil er sie der kriminellen Organisa-
tion vorher zugesagt hatte. Dennoch ist für eine Konsumtion der Systemver-
antwortung durch die Handlungsverantwortung (und vice versa) kein
Raum; denn das Unrecht der systemischen Existenz liegt in der dauernden
Bedrohung des Rechtsfriedens der Gemeinschaft, das der individualen
Handlung aber in der Rechts guts Verletzung oder -gefährdung. Beides kann
und muß kumulativ verantwortet werden.
Es bleibt lediglich die Frage, ob zwischen der Mitgliedschaft in einer kri-
minellen Vereinigung und den als Mitglied begangenen Straftaten Tateinheit
oder Tatmehrheit besteht. Die herrschende Meinung bejaht TatemÄefi131.
Ihr wird entgegengehalten, daß nunmehr alle mitgliedschaftlich begangenen
Handlungen tateinheitlich verschmelzen müßten - mit den entsprechenden
strafprozessualen Folgen. Diesen Folgen entgeht sie jedoch, indem sie den
Grundsatz, eine sachlich-rechtlich einheitliche Handlung sei stets auch eine
prozessual einheitliche Straftat, für § 129 StGB aufgibt. Zur Begründung
führt der Bundesgerichtshof an, daß § 129 StGB mit anderen Dauerstrafta-
ten nicht vergleichbar sei, weil er als „Organisationsdelikt" über Jahre hin-
weg ganz verschiedenartige Verhaltensweisen gesetzlich zu einer rechtlichen
Handlungseinheit zusammenfasse . Das ist richtig, weil das Organisati-
onsdelikt eine andere Unrechtsnatur hat als die Dauerstraftat: Es basiert
nicht auf Handlungen individualer Menschen, sondern auf der Existenz ei-
ncs sozialen Systems. Grundsätze für Dauerstrafteten können deshalb auf
das Organisationsdelikt weder unmittelbar noch mittelbar angewandt wer-
den.
130
Engisch, in: Verhandlungen des 40. DJT 1953, Bd. II (Sitzungsberichte), S. E 7,36; Hei-
nitz, in: Verhandlungen des 40. DJT 1953, Bd. I (Gutachten), S. 65, 90.
131
So vor allem BGHSt. 29,288,290; BGH NJW 1980,2029,2030; BGH bei Holtz, MDR
1980, 988; BGH NStZ 1982, 517, 518. Aus der Literatur Rieß> NStZ 1981, 74; Kranth,
Festschrift für Kleinknecht, 1985, S. 219; Kröpil, DRiZ 1986,448, 449.
132
BGHSt. 29, 288, 294.

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728 Ernst-Joachim Lampe

b) Unrechtsverantwortung innerhalb kriminell anfälliger


Wirtschaftsunternehmen
Wie wir sahen, können aus einem Wirtschaftsunternehmen heraus Straftaten
begangen werden, weil entweder die Philosophie des Unternehmens oder sei-
ne Organisationsstruktur dies begünstigt. Der doppelte Grund für System-
unrecht hat zwei unterschiedlich strukturierte Verantwortungsbereiche zur
Folge: die Verantwortung für die Unternehmensphilosophie und die Verant-
wortung für die betriebliche Organisation. Ich behandle sie im folgenden ge-
trennt.
aa) Eine Unternehmensphilosophie ist systemisches Unrecht, wenn sie
Straftaten von Unternehmensangehörigen erzeugt oder begünstigt . De
lege lata trägt das Unternehmen selbst für dieses Unrecht keine Verantwor-
tung. De lege ferenda jedoch sollte ihm, wie es die heute wohl überwiegende
Meinung verlangt, Verantwortung zugeschrieben werden. Die Begründung
hierfür ist hoch umstritten.
Das Bundesverfassungsgericht hat durch seinen Bertelsmann-Lesering-Beschluß134
allgemein die Möglichkeit eröffnet, das Handeln natürlicher (Organ-)Personen ei-
nem Unternehmen als eigenes Handeln zuzurechnen. Eine Begründung dafür ist es
freilich schuldig geblieben. Richtig bemerkt es zwar, daß der Unternehmensträger,
wenn er eine juristische Person ist, Rechtsfähigkeit besitzt. Jedoch schon der Folge-
satz „Sie [die juristische Person] nimmt gleichwertig mit den natürlichen Personen
am Rechtsleben teil" ist nur noch teilweise richtig; denn die aktive Teilnahme einer
natürlichen Person am Rechtsleben wird allein durch ihre Geschäftsfähigkeit be-
dingt, die der juristischen Person dagegen zusätzlich durch das Vorhandensein eines
Vertreters als „Organ". Ob dann noch die weitere These richtig ist, daß die juristi-
sche Zurechnung das Verhalten des Organs zum „eigenen" Verhalten der juristi-
schen Person mache (obwohl diese - wie das Gericht selbst betont - „als solche
nicht handlungsfähig" ist), ist mehr als fraglich; sie hätte begründet werden müssen.
Und erst recht ist die letzte These begründungsbedürftig, daß Unrecht und Schuld
des Organs „eigenes" Unrecht und „eigene" Schuld des Unternehmens sind .
Tiedemann sieht das Problem der Verhaltenszurechnung allerdings durch § 30
OWiG als gelöst an; denn § 30 OWiG sei eine „ausdrückliche Zurechnungsnorm"
für fremdes Verhalten. Die Probleme der Unrechts- und Schuldzurechnung dage-

133
Die genauere Umgrenzung der Straftaten wird einesteils Branchen-, andernteils unter-
nehmensspezifisch zu erfolgen haben, wobei der Vergleich mit branchengleichen Un-
ternehmen die pathologischen Abweichungen am ehesten hervortreten läßt; vgl. dazu
Volk, JZ 1993, 429,432 f., m. w. N.
134
BVerfGE 20, 323, 335 f.
Im konkreten Fall verneinte das Bundesverfassungsgericht die Zurechenbarkeit der
Handlungen einer „Betreuungsfirma** an die juristische Person - daher wohl die große
Sorglosigkeit seiner Begründung.
136
Tiedemann, NJW 1988,1169,1172.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 729

gen stellen sich nach seiner Meinung nicht; denn den Verband treffe ein eigenes
„Organisationsverschulden". Wörtlich schreibt er: „Die Individualtaten (Anknüp-
fungstaten) werden deshalb und insoweit als Verbandsdelikte angesehen, weil und
soweit der Verband - durch seine Organe oder Vertreter - Vorsorgemaßnahmen zu
treffen unterlassen hat, die erforderlich sind, um einen ordentlichen, nicht delikti-
schen Geschäftsbetrieb zu gewährleisten."
Kritik: Ob § 30 OWiG die positiv-rechtliche Entscheidung enthält, einer juristi-
schen Person das Handeln ihrer Organe als „eigenes" zuzurechnen, kann dahinste-
hen. Denn zumindest ist die Tatsache einer gesetzlichen Regelung noch kein hinrei-
chender Grund für deren Richtigkeit. Neu ist indessen Tiedemanns Gedanke eines
„Organisationsverschuldens". Daß er zu eng ist, weil er lediglich die fehlerhafte
Umsetzung unternehmenspolitischer Entscheidungen betrifft, nicht die fehlerhafte
Unternehmenspolitik selbst, stört nur in zweiter Linie. Wesentlicher ist seine Un-
klarheit: ob er das persönliche Verschulden der „Organe oder Vertreter" meint, also
etwa das Verschulden des Geschäftsführers einer GmbH, oder das Verschulden des
Unternehmens selbst. Sollte persönliches Verschulden gemeint sein, bleibt nach wie
vor zu fragen, warum es der juristischen Person zugerechnet werden und zu deren
Strafbarkeit führen kann. Die Antwort erscheint mir schwierig, weil schon nach
Bürgerlichem Recht zwar eine Person für die Schuld der anderen haften, nicht aber
die Schuld der anderen schulden kann. Erst recht muß das für die stärker sittlich ge-
prägte Schuld des Straf rechts gelten (vgl. § 29 StGB). Versteht Tiedemann unter
„Organisationsverschulden" dagegen ein Eigenverschulden des Unternehmens,
bleibt nach dessen Entstehungsgrund zu fragen. Zwar kann Tiedemann insoweit auf
einen Verstoß gegen Pflichten hinweisen, die das Unternehmen als solches treffen,
mit anderen Worten auf ein Organisations „unrecht". Doch worin darüber hinaus
die „Schuld" des Unternehmens besteht, bleibt im dunkeln. Gibt es eine eigene
Schuld ohne eigene Handlungsfähigkeit? Hinzu kommt, wie erwähnt, daß nicht nur
organisatorische Mängel die Begehung von Straftaten veranlassen oder begünstigen
können, sondern auch Mängel in der Unternehmens „philosophic", wenn deren
Zentrum z. B. die Gewinnmaximierung auch auf Kosten der ökologischen oder so-
zialen Umwelt ist. Insoweit kann die Frage nach der Verantwortung nicht mit dem
Hinweis auf ein „Organisationsverschulden" beantwortet werden.
Wenig Neues bringt die derzeit umfassendste Untersuchung des Problemkreises
von Schroth . Sie geht von der allgemein üblichen Straftatdefinition aus als tatbe-
standsmäßiger, rechtswidriger und schuldhafter Handlung138 und prüft auf ihrer
Grundlage die Handlungs- und Schuldfähigkeit der juristischen Person. Sie ver-
neint sie als „natürliche" Handlungsfähigkeit139. Doch reiche eine solche Vernei-
nung nicht aus, um dem Unternehmen strafrechtliche Handlungsfähigkeit abzu-
sprecnen. Diese umfasse nämlich auch cfie abge/eitete HanctfungsfaTrigjkeft , d. h.
die Fähigkeit, Handlungen von Vertretern und sonstigen handlungsberechtigten
Personen als „eigene" zugerechnet zu erhalten . Solche zugerechneten Unterneh-
menshandlungen bildeten „einen neuen Handlungstypus als Gegenstück zur Indi-

1137
Schroth (Anm. 58), insbes. S. 173 ff.
1138
Schroth (Anm. 58), S. 173.
1139
Schroth (Anm. 58), S. 178 f.
1M0
Schroth (Anm. 58), S. 184.
1141
Schroth (Anm. 5S\ S. 188.

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730 Ernst-Joachim Lampe

vidualhandlung"14 . Auf dieser Basis sei auch die „eigene" Schuld der Unterneh-
men zu bejahen, „die sich jedoch auf Grund der Organisationsstruktur von Unter-
nehmen nur im schuldhaften Verhalten der für die Unternehmen verantwortlich
handelnden natürlichen Personen äußern" könne14^ und somit ebenfalls durch Zu-
rechnung entstehe144.
Kritik: Die Beweisführung Schroths besteht aus zwei Zirkelschlüssen145: Das Un-
ternehmen ist rechtlich handlungsfähig, weil ihm Handlungen seiner Funktionä-
re rechtlich als eigene zugerechnet werden können; und es ist schuldfähig, weil glei-
ches auf der Schuldebene möglich ist. Wodurch solche Zurechnungen begründet
werden und wieso sie zu eigenen Handlungen und eigener Schuld juristischer Per-
sonen führen, bleibt unklar. M. E. können Handlungen niemals allein durch Zu-
rechnung von Handlungen begründet werden, weil sonst der Handlungsbegriff un-
eindeutig wird146. Handlungen setzen vielmehr als ontisches Substrat eigene Hand-
lungsfähigkeit voraus. Und eigene Schuld kann ebenfalls niemals durch Zurech-
nung fremder Schuld entstehen, weil Schuld „Zurechenbarkeit" bedeutet und somit
als sittliches Substrat eigene Schuldfähigkeit voraussetzt . Unternehmensschuld
ist somit entweder Zurechnung eigenen fehlerhaften unternehmerischen „Geprä-
ges" (entsprechend der „Charakterschuld" beim Individuum) oder aber die Zurech-
nung eigenen fehlerhaften unternehmerischen Handelns - was dann freilich Hand-
lungsfähigkeit voraussetzt. Zwischen diesen Alternativen gilt es zu wählen; ein
Drittes gibt es nicht.
Schünemann*^ geht davon aus, daß es im Strafrecht keine Gleichstellung von na-
türlichen und juristischen Personen geben kann, weil zwar „Ahndungsmaßnahmen
gegenüber natürlichen Personen vom Schuldprinzip her legitimiert werden kön-
nen", dies aber bei juristischen Personen „von vornherein nicht möglich" sei149.
Deshalb sucht er nach einer anderen Legitimationsbasis für die strafrechtliche Inan-
spruchnahme juristischer Personen. Er findet sie teils im Rechtsgüternotstand: Die-
ser bestehe dann, wenn ein Organisationsmangel im Betrieb zum Beweisnotstand
für die Staatsanwaltschaft führt, indem er die Begehung einer Straftat alternativ
durch mehrere Personen ermöglicht oder erleichtert oder nach der Tat die Verfol-
gung des individuellen Täters vereitelt oder wesentlich erschwert150. Er findet sie
zum anderen in der zivilrechtlich anerkannten Veranlassungshaftung für Unterneh-
menstätigkeit . Der Rechtsgüternotstand rechtfertige eine Unternehmenssank-
tion, „wenn die Erhaltung der gefährdeten Rechtsgüter schwerer wiegt als die dem

142
Schroth (Anm. 58), S. 190.
143
Srbratb (Anm. 5* S 203.
144
Schroth (Anm. 58), S. 204.
145
So auch die Kritik von Otto (Anm. 39), S. 19 f.
146
Vgl. Engisch (Anm. 130), S. E 24: Die Zurechnung einer Handlung sei etwas anderes als
die Handlung selbst.
147
Vgl. Arthur Kaufmann, Das Schuldprinzip, 2. Aufl. 1976, S. 174 ff.
148
Schünemann (Anm. 53), S. 232 ff.
149
Schünemann (Anm. 53), S. 235.
150
Vgl. genauer noch Schünemann (Anm. 53), S. 237 ff.; ders., in: Schünemann/Tiedemann
(Hrsg.), Bausteine eines europäischen Wirtschaftsstrafrechts, 1993, III 5c.
151
Schünemann (Anm. 150), III 5a.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 731

Verband zugefügte Einbuße"152. Das Veranlassungsprinzip rechtfertige die Sankti-


on, weil die Verbandsmitglieder die Vorteile der Unternehmenstätigkeit genössen
und es somit „nicht unbillig erscheint, sie im Notstandsfall auch mit den Risiken der
von ihnen initiierten Organisation zu belasten .
Kritik: Der Absage Schünemanns an eine organschaftlich begründete Handlungs-
schuld des Unternehmens ist uneingeschränkt zuzustimmen. Deren Ersetzung
durch das Prinzip des Rechtsgüternotstandes ist jedoch - unter welchen Vorausset-
zungen auch immer - inadäquat, weil damit die Urheber des Strafunrechts aus dem
Blick geraten und Verbandssanktionen statt dessen allein militaristisch durch ihre
Vorteile für den Rechtsgüterschutz legitimiert werden. Von dieser Grundlage aus
würden sogar Verdachtssanktionen gegen Unternehmen zulässig sein! Das zusätz-
lich eingeführte Veranlassungsprinzip reicht nicht aus, um die Weite der Verantwor-
tung sinnvoll zu begrenzen. Denn es ist entweder nur ein Hinweis auf das Kausal-
prinzip, oder es führt zivilrechtliche Gründe der Schadensverteilung in das Straf-
recht ein und ersetzt damit strafrechtliche Schuld durch zivilrechtliche Haftung.
Auch bleibt unbegründet, warum es gerade strafbare (und nicht schlechthin rechts-
widrige) Handlungen sein müssen, welche den Rechtsgüternotstand auslösen und
nach dem Veranlasserprinzip dem Wirtschaftsunternehmen zugerechnet werden.
Entstehen doch gerade durch die Unmöglichkeit des Nachweises, daß strafbare
Handlungen verübt wurden, die von Schünemann mit Recht beklagten Verfol-
gungsprobleme154.
In Übereinstimmung mit Schünemann vertrete ich die Auffassung, daß es
widersprüchlich ist, einem nicht handlungfähigen Subjekt fremde Handlun-
gen „als eigene" zuzurechnen. Die Verantwortlichkeit von Wirtschaftsun-
ternehmen kann daher nicht auf fremdes Handlungsunrecht gestützt wer-
den, sondern nur auf eigenes Systemunrecht. Solches Systemunrecht ist, wie
gezeigt, die kriminogene Philosophie des Unternehmens (Schünemann:
„kriminelle Verbandsattitüde"). Sie hat ihr Analogen in der Unrechtsleicht-
fertigkeit. Die Analogie geht noch weiter: So wenig innere Leichtfertigkeit
ausreicht, um strafrechtliche Verantwortung zu begründen, sondern erst
durch äußere Handlungen betätigt werden muß155, so wenig reicht eine kri-
minogene Unternehmensphilosophie aus, sondern bedarf der Realisation
durch das normverletzende Verhalten von Unternehmensangehörigen. Die
strafrechtliche Verantwortung für eine kriminogene Unternehmensphiloso-
phie setzt also stets zusätzlich ein Erfolgsunrecht voraus.
Die strafrechtliche Verantwortung muß de lege ferenda primär die Unter-
nehmen treffen - jedenfalls soweit sie eine eigene Rechtsform gefunden ha-

152
Scbiinemann (Anm. 53), S. 236 f., mit dem Zusatz, daß eine derartige Verfolgung des
höherrangigen auf Kosten des geringerwertigen Interesses nicht gegen sonstige rechts-
ethische Prinzipien verstoßen darf.
153
Schünemann (Anm. 53), S. 241.
154
SchUnemann, wistra 1982, 40, 44 f.
155
Dazu Lampe (Anm. 67), S. 253 ff.

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732 Ernst-Joachim Lampe

ben. Denn wenn sich ihr Systemunrecht kausal in normverletzendes Verhal-


ten umgesetzt hat, dann erfordert es die Gerechtigkeit, daß reflexiv das Ver-
halten primär ihnen zugerechnet wird. Die rechtliche Haftung muß die Un-
ternehmensfrager treffen, denen der normverletzend Handelnde angehört,
insbesondere die in § 14 Abs. l Nr. l und 2 StGB und § 30 Abs. l
Nr. l OWiG genannten Juristischen Personen und Personenhandelsgesell-
schaften. Völlig neuartig wird deren Haftung nicht sein. Denn bereits heute
macht nach EU-Strafrecht eine Untemehmenshandlung - die von einem
Mitglied des Unternehmens für das Unternehmen begangen wurde - den
Rechtsträger für die Rechtsfolge der Geldbuße haftbar156. De lege ferenda
wird diese Haftung lediglich genauer an die Unternehmensphilosophie anzu-
knüpfen sein, deren kriminogener Charakter im normverletzenden Verhal-
ten eines Unternehmensmitglieds zum Ausdruck gekommen ist157. Der
Wandel gegenüber § 30 OWiG liegt darin, daß dem Unternehmen das norm-
verletzende Verhalten seines Mitglieds nun nicht mehr als personales Hand-
lungs-, sondern als unternehmerisches £r/o/gsunrecht zugerechnet und die
Zurechnung mit dem Rechtswidrigkeitszusammenhang begründet wird, der
zwischen der kriminogenen Philosophie des Unternehmens und dem norm-
verletzenden Verhalten des Mitglieds besteht. Der Nachweis des Rechtswid-
rigkeitszusammenhangs kann nach den allgemeinen Regeln für den Nach-
weis einer rechtswidrigen „Risikoerhöhung" beim Fahrlässigkeitsdelikt ge-
führt werden.
Zusätzliche ScÄWi/probleme ergeben sich nicht. Der Inhalt der Schuld
hängt vom Inhalt des Unrechts ab, das zu verwirklichen Schuld bedeutet158.
Da das Unrecht einer kriminogenen Unternehmensphilosophie im sozial-
ethischen Bereich liegt, liegt dort auch die Schuld des Managements (wohl-
gemerkt: als Teil des Systems, nicht als diese oder jene Persönlichkeit!). Die
Schuld eines Täters besteht darin, daß er es zum Unrecht hat kommen lassen.
Die Schuld eines Unternehmens bzw. seines Managements besteht entspre-
chend darin, daß es eine solche Philosophie geschaffen oder aufrechterhalten
(^kultiviert") hat. Schuld ist immer auch dJe PoJge eines schlechten

156
Art. 17 ff. VO Nr. 11 des Rates der EG vom 27. 6.1960; Art. 15 VO Nr. l/des Rates der
EG vom 6. 2.1962 (Kartell-VO). Dazu näher Schroth (Anm. 58), S. 136 f. mit Fn. 23. Zu
Strafsanktionen i. e. S. hat sich auch das EU-Recht nicht entschließen können.
157
Vgl. auch Ehrhardt (Anm. 122), S. 205 ff., 247 ff. Entgegen Stratenwerth, Festschrift für
Schmitt, 1992, S. 295, 298, beinhaltet diese Haftung kein Mehr an Zufälligkeit als die
Haftung für Unrechtserfolge generell.
158
Ausführlich dazu Lampe (Anm. 67), S. 238 ff.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 733

ters. Gleiches gilt für die Unternehmensschuld: Sie ist die Folge eines
schlechten Unternehmenscharakters. Und wie niemand sich mit der Be-
hauptung entlasten kann, daß er für seinen schlechten Charakter nichts kön-
ne, ist dies auch dem Unternehmen verwehrt: Daß es dieses schlechte Ma-
nagement (und daher diesen Unrechtscharakter) hat, dafür muß es ohne Ent-
lastungsmöglichkeit einstehen.
Geschuldet wird primär die dem Unrecht entsprechende Sühne. Im Un-
ternehmensstrafrecht besteht sie folglich in sozialethisch relevanten Leistun-
gen, etwa in der Zahlung einer Geldstrafe oder in einer anderen Ausgleichs-
leistung (z. B. im Ausrichten der Unternehmensorganisation an gemein-
wohlorientierten Zielen, in der Entlassung rechtsuntreuer Organe). Die
Sühne muß präventiv erforderlich sein. Im Unternehmensstrafrecht ist sie es,
wenn der Betrieb in der Vergangenheit schwere Rechtsgutsverletzungen zur
Folge gehabt hat, die auf einer (betriebsinduzierten) fehlerhaften Einstellung
seiner Mitarbeiter zur sozialen Verantwortung beruhten, und wenn anders
als durch die Auferlegung der Sühne eine Revision dieser Einstellung nicht
zu erwarten ist.
Neben dem Wirtschaftsunternehmen muß die strafrechtliche Verantwor-
tung diejenigen Unternehmensangehörigen treffen, deren Wirken die Un-
ternehmensphilosophie insgesamt oder einzelne Unternehmens „attitüden"
kriminell geprägt hat. Ihre Feststellung wird schwierig sein, weil die Philo-
sophie eines Unternehmens in der Regel nicht identisch ist mit der seiner
Manager. Sie ist vielmehr der überindividuelle Geist („corporate culture"),
der das Unternehmen beherrscht und der sich seiner Mitarbeiter, von den
unteren Ebenen bis hinauf in die Leitungsebene, oft mehr bemächtigt, als
daß er von ihnen gemacht würde - zumal wenn er nicht nur das Unterneh-
men selbst, sondern auch die ganze Branche (z. B. Baubranche) durchzieht
und kriminell ansteckend wirkt („Sogwirkung")159. Verantwortlich, sollte
man daher lieber sagen, sind diejenigen Unternehmensangehörigen, die kraft
ihrer Stellung im Unternehmen aufgerufen waren, den Geist des Unterneh-
mens zu prägen und ihn - insgesamt oder in einzelnen Bereichen - notfaffs
gegen Widerstände durchzusetzen bzw. vor krimineller Infiltration zu be-
wahren („Garantenhaftung"). Das können einzelne sein, z. B. wer (wie es in
§ 14 StGB heißt) „als vertretungsberechtigtes Organ einer juristischen Per-
son oder als Mitglied eines solchen Organs, als vertretungsberechtigter Ge-

159
Dazu auch Busch, Grundfragen der strafrechtlichen Verantwortlichkeit der Verbände,
1933, S. 165,185.

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734 Ernst-Joachim Lampe

sellschafter einer Personenhandelsgesellschaft" dem Unternehmen Ziele und


Werte vorzugeben hat. Das kann aber auch eine Gruppe von Persönlichkei-
ten sein, die das Management bilden, zur „brain area" gehören oder in wech-
selnden Funktionen für die Anpassung des Unternehmens an die ökologi-
schen, ökonomischen und gesellschaftlichen Anforderungen seiner Umwelt
zu sorgen haben. Alle Mitglieder dieser Gruppe haften mittäterschaftlich160;
Einzelheiten müssen hier dahinstehen.
Schließlich sind für konkrete Straftaten auch die sie unmittelbar ausfüh-
renden Personen verantwortlich. Sind sie mit den Verantwortlichen für das
Systemunrecht identisch, dann tritt keine ihrer Verantwortlichkeiten hinter
die andere zurück; sie konkurrieren vielmehr (wie schon bei der kriminellen
Vereinigung) ideell miteinander.
bb) Die Organisationsstruktur des Unternehmens ist systemisches Un-
recht, wenn sie Straftaten von Unternehmensangehörigen begünstigt, z. B.
indem sie Kontrollen vernachlässigt oder individuelle Verantwortung aus-
schließt, beschränkt oder verwischt. Kommt es aus Gründen defizienter Or-
ganisation zu Rechtsgutverletzungen, dann ist dafür, aus den gleichen Grün-
den wie für die kriminogene Unternehmensphilosophie, in erster Linie das
Unternehmen selbst verantwortlich, und zwar wegen eigenen Unrechts und
eigener Schuld. De lege ferenda ist daher wiederum die Ausdehnung der
Strafbarkeit auf das Unternehmen zu befürworten.
Daneben sollte strafrechtliche Verantwortung nach wie vor diejenigen
Unternehmensangehörigen treffen, zu deren Leitungs- bzw. Kontrollbe-
reich die Unternehmensorganisation gehört. Ihre Feststellung wird wieder-
um erhebliche Schwierigkeiten bereiten, weil die Unternehmen mehr und
mehr dazu übergegangen sind, sich nicht in der herkömmlichen Weise hier-
archisch zu gliedern, sondern eine prozeßorientierte Organisation locker
verbundener Subsysteme aufzubauen. Resultieren daraus organisatorische
Lücken („organisierte Unverantwortlichkeit"), dann sind diese - im sozial-
pflichtigen Bereich des Unternehmens - rechtsethisch untragbar, sobald sie
strafbare Handlungen zur Folge haben. Deshalb haben die leitenden Funk-
tionäre des Unternehmens die Rechtspflicht („Garantenhaftung"), bei aller
Freiheit in der Organisation jedenfalls für die Anpassung des Unternehmens
an die soziale Umwelt klare Aufgabenbereiche zu schaffen und für eine aus-

160
Vgl. BGHSt. 37,106,129 f. Die Möglichkeit fahrlässiger Mittäterschaft ist deshalb auch
innerhalb verfaßter Systeme relevant; vgl. Otto (Anm. 39), S. 13. Zur „collective-
knowledge"-Doktrin in den USA vgl. Ehrhardt (Anm. 122), S. 244. Zur Anwendbarkeit
von § 14 StGB auf Unternehmensmitglieder vgl. oben Anm. 2.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 735

reichende Kontrolle der Aufgabenerfüllung zu sorgen. Erfüllen sie diese


Pflicht nicht, dann tragen sie neben dem Unternehmen - und neben den un-
mittelbar handelnden Personen - Verantwortung161.

c) Unrecbtsverantwortung innerhalb kriminell pervertierter Staaten und


staatlicher Institutionen
Als letztes ist die strafrechtliche Verantwortung für staatliches Unrecht ab-
zuhandeln. Sie kann nach heute herrschender Ansicht nur Einzelpersonen
treffen. Denn „alles Kriminalrecht basiert auf dem Prinzip der individuellen
Zurechnung. Das kann auch in einem Völkerkriminalrecht nicht anders sein.
Mag auch die Bestrafung von juristischen Personen, Verbänden, Organisa-
tionen weiterhin in der Diskussion sein - Strafen, die sich gegen Gruppen,
Völker, Staaten, Machtapparate richten, erscheinen ausgeschlossen." So
heißt es noch neuestens bei Herbert Jäger162. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts
war man indes anderer Meinung. Die Lehrbücher jener Zeit erkannten fast
ausnahmslos die Strafbarkeit von Städten, Gemeinden und Gilden an, und
die Praxis handelte danach163. Solches Rechtsdenken ist in der breiten Öf-
fentlichkeit bis heute lebendig geblieben. Beispielsweise spricht man allge-
mein nicht Individuen, sondern Staaten oder staatlichen Machtapparaten die
„Schuld" am Ausbruch eines Krieges, an „ethnischen Säuberungen", an ei-
nem Massaker oder an der Verwendung nuklearer Kampfstoffe zu - wohl
eingedenk der Tatsache, daß die Kraft eines einzelnen nicht ausreicht, um
solche Verbrechen zu begehen. Die „Schuld" versteht man dabei im sozial-
ethischen Sinne; denn man spricht von der Ehre der Nationen, und „die ne-
gative Seite, die Unehre, zeigt deutlich, daß dabei auch ethische Maßstäbe
angelegt werden"164. An der strafrechtlichen Verantwortung der Staaten
selbst läßt also die öffentliche Meinung keinen Zweifel. Lediglich das Völ-
kerrecht läßt solche Zweifel aufkommen; denn seinen gegen Staaten gerich-
teten Sanktionen fehlt der Strafcharakter - sie erfüllen zwar gewisse Funk-
tionen der Strafe, insbesondere deren Wiedergutmachungs- und Präven-
161
Zur hochumstrittenen Problematik vgl. Schünemann, wistra 1982, 43 ff.; ders., in: LK,
11. Aufl. 1993, § 14 Rdn. 65 f.; Brammsen, GA 1993, 97, 110 ff.; Bottke, Haftung aus
Nichtverhütung von Straftaten Untergebener in Wirtschaftsunternehmen de lege lata,
1994, S. 34 ff. Speziell zur Produktverantwortlichkeit Kassel· ohm/Malorny, BB 1994,
1361, m. w. N.
162
Jäger (Anm. 84), S. 262. Ähnlich Verdross-Drossberg, öst. ZöR l (1948), S. 388, 392.
163
Vgl. von Gierke, Das deutsche Genossenschaftsrecht, Bd. III, 1881 (Neudruck 1954),
S. 738 ff.; Heinitz (Anm. 130), S. 69 ff.; Schmitt (Anm. 119), S. 16 ff.; Ehrbardt
(Anm. 122), S. 26 ff.
164
Hirsch (Anm. 120), S. 14.

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tionsfunktion, können aber wegen ihrer Anknüpfung an ungenau definierte


Situationen und wegen ihrer unbestimmten Ausgestaltung nicht als Krimi-
nalstrafen gewertet werden.
Einige Beispiele: Nach Art. 39 VN-Charta können Maßnahmen gegen Staaten er-
griffen werden, wenn „eine Bedrohung oder ein Bruch des Friedens oder eine An-
griff shandlung vorliegt". Zweck der Maßnahmen muß sein, „den Weltfrieden und
die internationale Sicherheit zu wahren oder wiederherzustellen". Anlaß und
Zweck der Maßnahmen bleiben hier relativ unbestimmt. Vollends trifft das auf die
Art der Maßnahme zu: Sie folgt lediglich aus deren Zweck; nur beispielhaft zählt
Art. 41 VN-Charta „die vollständige oder teilweise Unterbrechung der Wirt-
schaftsbeziehungen, des Eisenbahn-, See- und Luftverkehrs, der Post-, Telegra-
phen- und Funkverbindungen sowie sonstiger Verkehrsmöglichkeiten und den Ab-
bruch der diplomatischen Beziehungen" auf. Erweisen sich die Maßnahmen als un-
zureichend, so können allerdings militärische Mittel eingesetzt werden (Art. 42
VN-Charta). Doch dienen auch sie nicht strafrechtlichen, sondern ordnungspoliti-
schen Zwecken ; denn sie können sich - unabhängig von der Kriegs „schuld" -
gegen beide kriegführenden Parteien richten mit dem Ziel, ihre Truppen zu trennen
und dadurch den Frieden wiederherzustellen .
Dem Strafrecht käme das Völkerrecht näher, wenn es ein Sanktionsrecht des Ver-
letzten gegen den völkerrechtswidrig handelnden Staat anerkennte. Aber das ist
umstritten. Unbestritten ist lediglich eine Wiedergutmachungspflicht des Verletzer-
staates - „a principle of international law, and even a general conception of law"167.
Lediglich die ältere Doktrin nahm darüber hinaus an, daß es völkerrechtliche Sank-
tionen mit strafähnlichem Zwangscharakter gebe; daher konnte sie zwischen der
Wiedergutmachungspflicht einerseits und dem Sanktionsrecht andererseits eine
klare Trennungslinie ziehen. Heute ist sie auf dem Rückzug. Die heute herrschende
Doktrin unterscheidet nicht mehr zwischen „zivilrechtlichem" und „strafrechtli-
chem" Unrecht, sondern kennt nur noch ein einheitliches völkerrechtliches Un-
recht . Allerdings sieht sie sich zu Zugeständnissen genötigt: Neben den völker-
rechtlichen Delikten erkennt sie noch völkerrechtliche Verbrechen („international
crimes") an, die den handelnden Staat erga omnes, d. h. gegenüber der gesamten
165
Übereinstimmend Cavare, Revue generale de droit international public 54 (1950),
S. 647, 666 ff.
166
Frowein, in: Simma (Hrsg.), Charta der Vereinten Nationen, 1991, An. 43 Rdn. 13, 21.
167
Chorzow Factory Case (merits), in: Permanent Court of International Justice, Ser. A,
No. 17 (1928), S. 29. Zum Umfang der Wiedergutmachung vgl. a. a. O., S. 47: „The re-
p&rai'ion must, as far as p&ssibk, wipe ex; t all the consequences of cne itfegaf ace ancf
reestablish the situation which would, in all probability, have existed if that act had not
been committed." Das entspricht unserer Schadensersatzregelung in § 249 BGB.
168
Ipsen (Anm. 88), § 35 Rdn. 15: „Die völkerrechtliche Verantwortlichkeit ist eine eigen-
ständige Kategorie des Völkerrechts, die nicht mit Begriffen der zivilrechtlichen oder
strafrechtlichen Haftung des innerstaatlichen Rechts zu erfassen ist. Daher ist der Streit
um die »strafende* oder »strafähnliche' Funktion der völkerrechtlichen Verantwortlich-
keit eine vom Ansatz her fehllaufende und hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Pra-
xis zudem müßige Diskussion." Ausführliche Diskussion der widerstreitenden Stand-
punkte bei Epiney, Die völkerrechtliche Verantwortlichkeit von Staaten für rechtswid-
riges Verhalten im Zusammenhang mit Aktionen Privater, 1992, S. 44 ff.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 737

Staatengemeinschaft, verantwortlich machen169. Da sie hierfür aber keine spezifi-


schen Strafsanktionen vorsieht, bleibt die Unterscheidung im wesentlichen folgen-
los.
Kompliziert wird die Situation noch dadurch, daß die völkerrechtliche Unterschei-
dung zwischen Delikten und Verbrechen unausgesprochen auch die Menschen-
rechtskonventionen und den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische
Rechte (IPbpR) vom 19.12. 1966170 durchzieht. Dort gibt es neben deliktischen
Tatbeständen solche, die eindeutig Verbrechenscharakter tragen - etwa Mord, Fol-
ter, Sklaverei und Zwangsarbeit (z. B. Art. 2 ff. EMRK). Darüber hinaus begründen
die genannten Kodifikationen nach h. M. Rechtsfolgen, die, obgleich sie ebenfalls
nicht Strafen sind, doch deren wesentliche Funktionen erfüllen: z. B. das Aner-
kenntnis des verantwortlichen Staates („either expressly or in substance"172), einen
Rechtsverstoß begangen zu haben; die Verpflichtung zur Bestrafung der verant-
wortlichen Organe bzw., wenn das nicht (mehr) möglich ist, zur objektiven Unter-
suchung und Offenlegung des Falles; die Verpflichtung, organisatorische Maßnah-
men zwecks Verhinderung künftiger Verstöße zu ergreifen . Diese Rechtsfolgen
würde man ohne weiteres als strafrechtlich einstufen, wenn sie, leicht abgewandelt,
gegen delinquente Wirtschaftsunternehmen verhängt werden könnten (im Unter-

169
Art. 19 des Konventionsentwurfs der ILC über die Staatenverantwortlichkeit - Erster
Teil - (YILC 1980II2, S. 30 ff.) lautet: „l. An act of a State which constitutes a breach of
an international obligation is an internationally wrongful act, regardless of the subject-
matter of the obligation breached. 2. An internationally wrongful act which results from
the breach by a State of an international obligation so essential for the protection of fun-
damental interests of the international community that its breach is recognized as a
crime by that community as a whole constitutes an international crime. 3. Subject to pa-
ragraph 2, and on the basis of the rules of international law in force, an international
crime may result, inter alia, from: (a) a serious breach of an international obligation of
essential importance for the maintenance of the international peace and security, such as
that prohibiting aggression; (b) a serious breach of an international obligation of essen-
tial importance for safeguarding the right of selfdetermination of peoples, such as that
prohibiting the establishment or maintenance by force of colonial domination; (c) a se-
rious breach on a widespread scale of an international obligation of essential importance
for safeguarding the human being, such as those prohibiting slavery, genocide and apart-
heid; (d) a serious breach of an international obligation of essential importance for the
safeguarding and preservation of the human environment, such as those prohibiting
massive pollution of the atmosphere or the seas. 4. Any internationally wrongful act
which rst not an international crime rn accordance wiih paragraph 2 constitutes an //Tier-
national delict."
170
GAOR 21st Sess., Suppl. No. 16 (A/6316), S. 52 ff.
171
Nachweise bei Traßl, Die Wiedergutmachung von Menschenrechtsverletzungen im
Völkerrecht, 1994, S. 42 ff.
172
EGMR, Fall Eckle, Urt. v. 25. 7.1982, ECHR Ser. A, Vol. 51, No. 66.
173
IAGHMR, Fall Velasquez Rodriguez, EuGRZ 1989, 157, 171 (Nr. 166): Aus der Ver-
pflichtung zur Sicherung der Menschenrechte nach Art. l der Amerikanischen Men-
schenrechtskonvention folge, „daß der Staat jede Verletzung der in der Konvention
anerkannten Rechte verhindern, untersuchen und bestrafen muß und darüber hinaus,
wenn möglich, versuchen muß, das verletzte Recht wiederherzustellen, und die erfor-

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nehmensstrafrecht hält ja die Suche nach geeigneten Strafmaßnahmen noch an bzw.


hat sie nicht einmal richtig begonnen174). Auch dort nämlich würden sie alle we-
sentlichen Funktionen der Strafe erfüllen: Schuldfeststellung, Sühneleistungen für
die Vergangenheit, Besserung und Sicherung für die Zukunft. Deshalb meine ich,
daß man die genannten Sanktionen auch dann als Strafmaßnahmen ansehen kann,
wenn sie gegen einen Staat gerichtet sind, der - aufgrund verderblicher Indoktrina-
tion oder mangelhafter Kontrolle öffentlicher Gewaltausübung - schwere Verbre-
chen (mit-)verschuldet hat. Die Anerkennung, daß sie Strafmaßnahmen sind, wird
sich freilich so bald nicht erreichen lassen. Denn eindeutig als Strafmaßnahmen de-
klarierte Rechtsfolgen würden, wegen ihrer stigmatisierenden Wirkung, einen Staat
oder eine staatliche Organisation aus der Gemeinschaft „zivilisierter Staaten" oder
„zivilisierter Organisationen" ausgrenzen. Und diese Konsequenz will man poli-
tisch derzeit vermeiden.
Wenn, wie der Gesetzentwurf der ILC es vorsieht, schwerste staatliche
Verbrechen künftig nur diejenigen völkerstrafrechtlich verantwortlich ma-
chen sollen, die sie persönlich verübt oder angeordnet haben, dann ist das
ungerecht. Denn eine Strafe, welche nur Personen trifft, sühnt nicht das Un-
recht des Systems, das die Verbrechen provozierte und sich die Handlanger
dafür schuf. Sie reagiert erfolgsbezogen auf rechtswidrige Auswüchse, ohne
zu berücksichtigen, daß diese im „geistigen Klima" eines staatlichen Systems
gediehen sind, daß mangelnde Kontrolle verbrecherischer Randgruppen,
imperialistische Politik und anderes mehr sie produziert oder doch wenig-
stens begünstigt haben. Statt dessen spiegelt sie vor, daß der rechtsethische
Verfall des Systems lediglich den Hintergrund der individuellen Taten gebil-
det habe, die auch ohne Indoktrination und ohne organisatorische Unter-
stützung von staatlicher Seite so geschehen wären oder zumindest so hätten
geschehen können. Doch sollen wirklich die großen Fußstapfen der Ge-
schichte im Straf recht keine Spuren hinterlassen? Sollen wirklich die Men-
schen sich damit abfinden, daß die wahren Greuel der Geschichte, jene, die
öffentlich im Namen von Politik und Religion begangen werden, strafrecht-
lich sich nicht erfassen oder jedenfalls nicht aburteilen lassen?175 Die Beja-
hung der Fragen fällt schwer.
Im Falle lediglich individueller Verantwortung müssen wir zudem mit ei-
ner doppelten Selektion rechnen: Zum einen lassen sich nur wenige der staat-

derliche Entschädigung für Schäden, die aus der Verletzung herrühren, zur Verfügung
stellen muß".
174
Jedenfalls in Deutschland. Über die US-amerikanische Diskussion berichtet Volk, JZ
1993, 431 f.
175
So aber Becker, Festschrift für Garcon Valdes, 1992, S. 17, 28. Gegen die „weitgehende
Ausblendung von Staats- und Völkerrechtsverbrechen aus der Kriminologie" eindring-
r, StV 1988,172 ff.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 739

lieh angeordneten oder geförderten Verbrechen ermitteln. Die meisten wer-


den insgeheim ausgeführt, mit einer Nachrichtensperre nach außen abge-
schirmt und können nach Jahr und Tag kaum noch zuverlässig aufgeklärt
werden. Zum anderen sind die an den bekannten Verbrechen mitwirkenden
Personen im nachhinein nur mit großen Schwierigkeiten und Unsicherhei-
ten feststellbar. Denn der Staat tut in der Regel alles, um die Spuren zu ver-
wischen. Bei kriegführenden Parteien beispielsweise bleibt oft lange und
manchmal sogar für immer unklar, welche der Parteien gemordet, gebrand-
schatzt und geplündert hat. Gerechtigkeit läßt sich infolgedessen nur in den
seltensten Fällen und meist viel zu spät verwirklichen. Auch ist die Schuld
des einzelnen, seine Motivationslage, der äußere Handlungsdruck in der Re-
gel nicht mehr festzustellen. Wem ist unter solchen Umständen noch ge-
dient, wenn es nach Jahrzehnten gelingt, wenigstens einen oder wenige der
Beteiligten zu entlarven und abzuurteilen? Allenfalls kann es darum gehen,
Sündenböcke zu finden und an ihnen Exempel zu statuieren176.
Der Gerechtigkeit entspricht es vielmehr, wenn sich die Strafe zuvörderst
gegen das System wendet, das die Verbrechen hervorgebracht hat. Denn eben-
so wie ein Wirtschaftsunternehmen, das Giftgas hergestellt und ans Ausland
geliefert hat, als solches zur Rechenschaft gezogen werden muß, muß auch die
organisierte staatliche Macht als solche verfolgt werden, wenn der Einsatz des
Giftgases ihren Interessen diente und ihrem Willen entsprang177. Gewiß, die
Sanktions/o/gew werden vor allem das Staatsvolk treffen. Doch dies schadet
der Gerechtigkeit nicht - nicht mehr jedenfalls, als wenn die Folgen von Sank-
tionen gegen ein Wirtschaftsunternehmen vor allem dessen Anteilseigner tref-
fen. Zum einen nämlich stützt sich jedes politische System - auch das skru-
pelloseste - auf ein gewisses Maß an Akzeptanz bei der Bevölkerung; sonst
würde es zerfallen. Und zum anderen befinden sich auch diejenigen seiner
Mitglieder, die seine verbrecherischen Taten oder darüber hinaus das System
insgesamt ablehnen, in einer durch das System organisierten Solidargemein-
schaft, welche die „Folgenverantwortung" einschließt178. Aus diesen Grün-
de/2 haben wir es beispielsweise niemals als ungerecht empfunden, daß wir
nach dem Ende der Nazidiktatur insgesamt für das von Staats wegen began-
176
So denn auch/4ger (Anm. 84), S. 266.
177
Nach Triffterer, in: Lampe (Hrsg.), Die Verfolgung von Regierungskriminalität der
DDR nach der Wiedervereinigung, 1993, S. 137, wird die strafrechtliche Verantwort-
lichkeit von Staaten heute „nicht grundsätzlich, etwa aus dogmatischen Erwägungen,
abgelehnt, sondern bleibt lediglich aufgrund politischer Erwägungen ausdrücklich einer
künftigen Entwicklung vorbehalten".
178
Vgl. zum einen Kriele, Einführung in die Staatslehre, 1975, S. 24 f.; zum
Die Schuldfrage, 1946, S. 56 ff.

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gene Unrecht die Folgenverantwortung tragen und an die Opfer Wiedergut-


machung leisten mußten. Gleichwohl muß bei der Zumessung von Strafsank-
tionen gegen einen Staat selbstverständlich berücksichtigt werden, wen die
Folgenverantwortung trifft: Gegen einen Staat, dessen verbrecherische Herr-
schaft sich auf eine fremde Militärmacht stützt, sollten keine Strafmaßnahmen
ergriffen werden, unter deren Folgen das Volk zu leiden hat. Und ganz all-
gemein sollten darüber hinaus Unschuldige (und schon gar die Verbrechens-
opfer!) von der Folgenverantwortung ausgenommen werden179.
Was gegen die strafrechtliche Verantwortlichkeit von staatlichen Syste-
men spricht, sind hauptsächlich praktische Bedenken. Sie sind gravierend
und unübersehbar. Aber sie werden weniger wichtig, wenn es einer Unter-
suchung nicht um politische Durchsetzbarkeit, sondern „nur" um Gerech-
tigkeit geht. Einige Andeutungen sollen deshalb hier genügen:
aa) In der Vergangenheit verlautete der Ruf nach völkerrechtlichen Straf-
tatbeständen vor allem dann, wenn international schwerste Verbrechen ver-
übt wurden und nationale Gerichte sie nicht aburteilen konnten. Höhe-
punkt der Entwicklung im Völkerstrafrecht war deshalb die Zeit nach dem
2. Weltkrieg. Die damals für die Nürnberger und Tokioter Kriegsverbre-
cher-Tribunale geschaffenen Straftatbestände sind trotz mancher Bemühun-
gen internationaler Juristenkommissionen später nicht zum Völkergewohn-
heitsrecht erstarkt180. Und heute besteht wenig Hoffnung, daß sich die Staa-
tengemeinschaft auf einen von der ILC vorgelegten Entwurf verständigen
wird, der die damals erreichte Entwicklung nachzuvollziehen sucht.
Dabei sieht dieser Entwurf noch nicht einmal Organisationsverbrechen
vor (damals eine revolutionäre Neuerung!), sondern begnügt sich mit der
völkerrechtlichen Strafbarkeit von Individualverbrechen: Anders als im
Nürnberger Prozeß soll es in absehbarer Zeit nicht möglich sein, staatlich le-
gale, aber völkerrechtlich kriminelle Organisationen (wie die SS und die Ge-
stapo) zu brandmarken (vgl. Art. 9 und 10 IMT-Statut) und die daran Betei-
ligten schon allein um ihrer Mitgliedschaft willen strafrechtlich zur Rechen-
schaft zu ziehen (entsprechend § 84 StGB). Darin bestünde jedoch m. E.
derzeit eine der besten Chancen zur effektiven Strafverfolgung; denn inner-
halb des Netzwerks staatlich organisierter Kriminalität individuelles Verhal-

179
All das sind Überlegungen, die bereits frühneuzeitlichem Rechtsdenken geläufig waren
und damals von der Rechtspraxis berücksichtigt wurden - obgleich oft nur ungenügend;
vgl. von Gierke (Anm. 163), S. 743 f.
180
Vgl. dzzujescheck, GA 1981, 49, 51 ff.

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 741

tensunrecht beweismäßig zu erfassen, ist nahezu illusionär und als einzige


Reaktion angesichts des Ausmaßes der Kriminalität auch inadäquat.
bb) Für die Verfolgung von staatlichem Unrecht fehlt derzeit ein interna-
tionaler Strafgerichtshof181. Nur er aber könnte staatliche Organisationen
für „verbrecherisch" erklären und die daran Beteiligten aburteilen182. Selbst
wenn er bestünde, bedürfte er für seine Ermittlungen, für die Durchführung
seiner Verhandlungen und für die Durchsetzung seiner Urteile allseitiger
Unterstützung durch die souveränen Staaten. Zu hoffen, daß sie ihm auch
von jenen zuteil würde, die selbst Gefahr laufen, abgeurteilt zu werden, ge-
hört wiederum in das Reich der Illusionen.
cc) Wahrscheinlich bedarf es somit der Einsetzung einer Weltregierung,
um zwischen den Völkern Strafgerechtigkeit zu verwirklichen. Hierfür ist
unsere Zeit nicht reif - obwohl schon Kant vor zweihundert Jahren danach
verlangte, damit die Völker gleich den Bürgern nach öffentlichen Zwangsge-
setzen leben und miteinander umgehen können183, und er dabei die Strafge-
setze als die stärksten Garanten öffentlichen Wohlverhaltens gewiß nicht
ausschließen wollte. Wenn aber die Einsetzung einer Weltregierung erfor-
derlich ist, um Strafgerechtigkeit in der Welt durchzusetzen, dann muß der
Jurist sie von den Politikern anmahnen - selbst wenn er weiß, daß seine
Mahnung aufgrund der überkommenen Souveränitätsrechte der Völker ge-
genwärtig kein Gehör finden wird.
Selbstverständlich darf über der Eigenverantwortung des Systems die Ver-
antwortung der Funktionäre, jener oft allzu willfährigen Handlanger des
Bösen, nicht übersehen werden184. Da sie meistens im staatlichen Interesse
tätig sind und staatliches Recht nicht verletzen185, läßt sich ihre Verantwor-
tung strafgesetzlich meistens nicht begründen. Insbesondere sind sie gegen
rückwirkende staatliche Strafnormen durch den Grundsatz „nullum crimen
181
Über die Bemühungen um die Schaffung eines solchen Gerichtshofs berichtet ebenfalls
Jescheck, GA 1981,59 ff. Vgl. ferner Weigend, ZStW 105 (1993), S. 774,795 ff., m. w. N.;
Bassiouni, Draft Statute International Tribunal, 1993, S. 3 ff.
182
Ein Strafgetichtshof für die im ehemaligen Jugoslawien begangenen Verbrechen soll
nach einem Beschluß des UN-Sicherheitsrates vom Mai 1993 in Den Haag eingerichtet
werden (vgl. dazu Roggemann, ZRP 1994,297 ff., m. w. N.). Ob er je seine Arbeit auf-
nehmen wird? Oder wird die Aufmerksamkeit der Welt bald von anderen Greueltaten
absorbiert sein? Auch ein Tribunal für die in Rwanda begangenen Verbrechen wird
schon gefordert!
183
Kant, Zum ewigen Frieden, 2. Aufl. 1796, S. 37 f.
184
Dazu im einzelnen Gornig, NJ 1992,4; Triffterer (Anm. 177), S. 131 ff., jeweils m. w. N.
185
Selbst wenn ein Staat es gegenüber der Völkergemeinschaft vertraglich übernommen
hat, ein Rechtsgut umfassend strafgesetzlich zu schützen, begründet er damit noch keine
Verantwortlichkeit für jedermann nach nationalem Strafrecht.

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sine lege" gefeit. Deshalb brauchen sie sich in der Regel nur zu verantworten,
wenn sie Strafnormen des überstaatlichen Rechts - des Naturrechts oder des
Völkerrechts - übertreten haben.
Innerstaatliche Strafrechtsnormen werden Handlungen von Staatsfunk-
tionären lediglich ausnahmsweise verletzen. Das deutsche Recht kennt der-
zeit hauptsächlich zwei Tatbestände, deren Verwirklichung staatlicher Ziel-
setzung entspringen kann: die Vorbereitung eines Angriffskriegs (§ 80 StGB)
und den Völkermord (§ 220a StGB). Das Völkerrecht wird demnächst mög-
licherweise den Straftatbestand der Menschenrechtsverletzung hinzufü-
gen186. Das Naturrecht schließlich begründet nach hier vertretener Auffas-
sung autochthone Strafsanktionen nur bei der Verletzung elementarer Werte
des menschlichen Gemeinschaftslebens, die anders als durch Strafen nicht
geschützt werden können187. Der Normenbestand ist also insgesamt dünn.
Innerhalb dieses Normenbestandes ist grundsätzlich jedermann für Ver-
brechen verantwortlich - sowohl nach inländischem Recht (§§ 80, 220a
StGB) als auch nach Völkerrecht188 und nach Naturrecht. Staatliche Funk-
tionäre insbesondere werden durch ihre Immunität nicht von der Verfol-
gung ausgenommen189.
Wenig geklärt ist, wofür die staatlichen Funktionäre Rechenschaft schul-
den: ob (kraft Garantenstellung) für die vom Staat ausgehende Verletzung
des Völkerrechts bzw. des Naturrechts oder für ihr individuelles Fehlverhal-
186
Art. 21 des Draft Code von 1991 formuliert ihn wie folgt:
„Systematic or mass violations of human rights
An individual who commits or orders the commission of any of the following viol-
ations of human rights:
- murder
- torture
- establishment or maintaining over persons a status of slavery, servitude or forced
labour
- persecution on social, political, racial, religious or cultural grounds
in a systematic manner or a mass scale, or
— deportation or forcible transfer of population
shall, on conviction thereof, be sentenced ..."
187
Vgl. dazu oben II 2c.
188
Ipsen (Anm. 88), S. 488 f. Gelegentlich werden allerdings Bedenken geäußert, ob staat-
liches Unrecht in ein solches der Regierungsmitglieder umgewandelt werden darf und
ob eine Bestrafung nicht vorheriger Transformation in das nationale Recht bedarf; vgl.
etwa Gornig (Anm. 184), S. 13. Zum internationalen Streitstand vgl. Triffterery ZfRV
1989,83, 118, m. w. N.
189
So hieß es bereits in Art. 7 der Statuten für Nürnberg, daß die amtliche Stellung eines
Angeklagten seine Verurteilung nicht hindere. Ebenso heißt es jetzt in Art. 13 des Draft
Code: „The official position of an individual who commits a crime against the peace and

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 743

ten. M. E. trifft sie die Verantwortung für beides: für das Systemunrecht, an
dem sie kraft ihrer Stellung im Machtapparat teilhatten, und für ihr persön-
liches Handlungsunrecht. Das entspricht den schon bei der kriminellen Ver-
einigung und beim kriminell anfälligen Wirtschaftsunternehmen herausgear-
beiteten Grundsätzen. Diese Grundsätze verdienen auch im Völkerstraf-
recht und im Naturrecht Anerkennung.
Was die Verteilung der Verantwortung anbelangt, sieht die schon oben
dargestellte Lehre von Roxin die unmittelbar Handelnden als unmittelba-
re, die Hintermänner als mittelbare Täter kraft Beherrschung eines organi-
satorischen Apparates an. Die Untergebenen trifft nach dieser Lehre die
volle strafrechtliche Verantwortung also auch für ein Handeln auf Befehl
- es sei denn „a moral choice was in fact not possible to the perpetrator"
(Art. 11 Draft Code)190. Willfährigkeit gegenüber einem totalitären Re-
gime entlastet sie nur in Notstandsfällen; die Staschynskij-Entscheidung
des Bundesgerichtshofs (vgl. oben S. 689) erscheint daher als unrichtig.
Die Lehre Roxins ist m. E. auch der konkurrierend vertretenen (aber zu
gleichen Ergebnissen führenden) Lehre, daß alle Beteiligten Mittäter sei-
en191, vorzuziehen192. Denn dem hierarchischen Aufbau totalitärer Un-
rechtssysteme entspricht die Rechtsfigur eines „Täters hinter dem Täter"
besser.

3. Grundlinien einer Theorie der Verantwortung innerhalb strafrechtlicher


Unrechtssysteme
Abschließend sei wiederum versucht, die für die unterschiedlichen Typen
von Unrechtssystemen herausgearbeiteten Verantwortungsstrukturen zu ei-
ner einheitlichen Theorie der Systemverantwortung zusammenzufassen, an

security of mankind, and particularly the fact that he acts as head of State or Govern-
ment, does not relieve him of criminal responsibility. * Die Geftung (fieser Norm sol)
zwar auf die im Draft Code selbst geregelten Tatbestände beschränkt sein; sie gibt aber
darüber hinaus der allgemeinen Tendenz Ausdruck, für schwerste internationale Ver-
brechen eine auch persönliche Verantwortung zu begründen. Vgl. dazu im einzelnen
Triffterer (Anm. 176), S. 143 L'Jescheck, Verantwortlichkeit (Anm. 88), S. 8 f.; Hoff-
mann, Strafrechtliche Verantwortung im Völkerstrafrecht. Zum gegenwärtigen Stand
des völkerrechtlichen Straf rechts, 1962, S. 22 f., 33 ff.; Gornig, NJ 1992,13 f.
190
Zu Einzelheiten vgl. Triffterer (Anm. 177), S. 148, m. w. N.
191
Sojescheck, Allg. Teil, § 62 II 8; Samson, in: SK StGB, § 25 Rdn. 16'Jakohs, Allg. Teil,
21/103.
192
Überzeugende Begründung bei Küpper/Wilms, ZRP 1992, 91, 94 f.

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der sich die Auslegung geltenden und die Setzung künftigen Rechts auszu-
richten hat.
Ist ein soziales System im Unrecht, dann trifft die strafrechtliche Verant-
wortung hierfür in erster Linie das Unrechtssystem selbst. Hat allerdings
entweder das Unrechtssystem keine institutionelle Form oder seine institu-
tionelle Form keine gültige Rechtsform gefunden, dann ist seine strafrecht-
liche Haftung ausgeschlossen. Strafrechtlich haftbar sind deshalb nur „per-
sonhafte" Sozialgebilde, die sich gestalthaft aus der Vielzahl systemisch un-
verbundener sozialer Beziehungen herausheben und sowohl tatsächlich als
auch rechtlich so dauerhaft sind, daß rechtliche Verantwortung an ihnen zu
„haften" vermag. Begründet wird die Verantwortung eines sozialen Systems
einesteils durch eine den sozialethischen Anforderungen nicht genügende
Existenz, insbesondere durch eine kriminogene Philosophie bzw. Ideologie
oder durch eine defiziente Organisationsstruktur, andernteils durch Hand-
lungen seiner Mitglieder bzw. Funktionäre, die auf seiner Philosophie bzw.
Ideologie beruhen oder durch seine defiziente Organisation begünstigt wer-
den. Diese Handlungen, die selbst nicht vorwerfbar zu sein brauchen (so daß
Beweisschwierigkeiten insoweit ausscheiden), werden dem sozialen System
als Erfolgsunrecht zugerechnet, sofern ein RechtswidrigkeitsZusammen-
hang sie mit dessen Systemunrecht verbindet.
Neben dem sozialen System (oder, wo dieses keine anerkannte Rechtsform
besitzt, an seiner Stelle) haben seine Mitglieder (Funktionäre) Unrechtsver-
antwortung zu tragen, ferner die Gründer von kriminell ausgerichteten Un-
rechtssystemen. Die Verantwortung bezieht sich zum einen auf das System-
unrecht selbst, also auf die kriminelle Zielrichtung oder Organisation des Sy-
stems, zum anderen auf das Erfolgsunrecht, also auf die vom System veran-
laßten oder begünstigten Straftaten. Im einzelnen ist zwischen den Typen von
Unrechtssystemen allerdings zu differenzieren: Mittäter tragen mangels in-
stitutioneller Organisation Verantwortung nur für das Erfolgsunrecht ihres
Systems, also nur für die vom System verübten Straftaten, nicht dagegen für
das System als solches. Mitglieder einer kriminellen Vereinigung haben sich
dagegen neben ihrer Beteiligung an einzelnen Aktionen des Systems auch für
ihre aktive Systembeteiligung zu verantworten. Mitgliedern von kriminell an-
fälligen Wirtschaftsunternehmen ist Systemverantwortung zuzuschreiben,
soweit sie in leitender Position (als Angehörige der „brain area") für die kri-
minogene Philosophie des Unternehmens oder für Defizite in der Unterneh-
mensorganisation zuständig sind (Rechtsgedanke des §14 StGB). Ein straf-

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Systemunrecht und Unrechtssysteme 745

würdiges Ausmaß erreicht ihre Systemverantwortung allerdings erst dann,


wenn ihnen darüber hinaus hinsichtlich der Straftaten ihrer Untergebenen
mindestens Fahrlässigkeit zur Last fällt. Mitglieder von staatlichen Unrechts-
systemen schließlich sind für im staatlichen Auftrag oder Interesse begangene
Verbrechen verantwortlich, wenn sie aufgrund ihrer führenden Stellung für
die ideologische Vorbereitung oder die Organisation der Verbrechen zustän-
dig waren. Mangels Kriminalisierung im staatlichen Strafrecht trifft sie die
Verantwortung allerdings nur für Verbrechen, die gegen das Völkerstrafrecht
oder gegen das Naturrecht verstoßen.
Verantwortung tragen schließlich alle Systemmitglieder für ihr eigenes Un-
recht, auch wenn sie es im Interesse des sozialen Systems oder unter Ausnut-
zung der von ihm gebotenen Möglichkeiten begangen haben. Dieses Unrecht
verdrängt weder das gleichzeitig begangene Systemunrecht noch wird es von
ihm verdrängt. Der eigenhändig die Tat ausführende Mittäter oder Angehö-
rige einer kriminellen Vereinigung ist daher als Täter zu bestrafen, auch wenn
er im Rahmen des Systems nur ein „kleines Licht" war.
Für die Verwirklichung der Systemverantwortung fehlt es derzeit außer-
halb krimineller Vereinigungen an hinreichenden straf gesetzlichen Normen.
Insbesondere im Bereich der Unternehmenskriminalität und der Staatskri-
minalität besteht infolgedessen derzeit ein erhebliches Defizit an Strafgerech-
tigkeit.

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