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Die Novelle

1. Bedeutung:
 ein Gesetz novellieren = neu formulieren oder ergänzen
eine Novelle zu einem Gesetz = ein Nachtragsgesetz
 in der Literatur: epische Textsorte
lat. novellus = Verkleinerungsform von novus = neu,  kleine Neuigkeit

2. Merkmale der Novelle:


 Die Länge ist nicht ausschlaggebend.

 In einer Novelle wird von einer merkwürdigen oder unerhörten (= noch nie da gewesenen)
Begebenheit erzählt. Häufig wird eine außergewöhnliche Begegnung, ein außergewöhnliches Ereignis
durch den Einbruch schicksalhafter Mächte in scheinbar geordnete Lebensverhältnisse verursacht. In
diesem Ereignis, dieser Begegnung enthüllt sich dann schlaglichtartig das Schicksal einer Person oder
die Tendenz einer Epoche.

 Novellen sind häufig zu einem Zyklus (Novellenkranz) vereint, der oft nicht nur den äußeren Rahmen
für die Erzählsituation, sondern auch den gesellschaftlichen und geschichtlichen Bezugsrahmen für die
Einzeltexte abgeben kann. Häufig lauscht das Publikum in einer Rahmenerzählung einer Geschichte,
die ein fiktiver Erzähler aus seiner Mitte in Form einer Binnenerzählung vorträgt. Das Erzählte
erscheint dann aus der Distanz objektiviert und kann belehrend reflektiert werden.

 Der Aufbau der Novelle ist dem des geschlossenen Dramas ähnlich: Nach einer knappen Einführung (=
Exposition) wird auf den oft unerwarteten Höhe- und Wendepunkt hingeführt, danach fällt die
Handlung ab und klingt aus. Die Darstellung ist äußerst straff und verdichtet: Die Handlung ist
einsträngig, es gibt keine Nebenhandlungen, 1 Vorgang ist auf ein krisenhaftes Ereignis zugespitzt,
breite Schilderungen und Gemälde wie im Roman gibt es nicht.
Der Höhe- und Wendepunkt ist klar herausgearbeitet, die Handlung nimmt eine entscheidende
Wendung, entweder zum glücklichen Ausgang oder zur Katastrophe. Die Schicksalswendung ist
manchmal mit dem Wunderbaren verbunden.

 Ein Gegenstand (Dingsymbol) oder ein Sachverhalt (Leitmotiv) kann eine besondere Rolle spielen (Paul
Heyse: Falkentheorie).
Dingsymbol: ein Gegenstand, Tier, Mensch, Lied, Spruch, etc. Das Dingsymbol erscheint an
wesentlichen Stellen immer wieder als verbindendes Aufbaumittel.
Leitmotiv: eine immer wiederkehrende Wortfolge, ein Bild, eine Gestalt; das Leitmotiv stellt größere
Zusammenhänge her, es kann zurück- oder vorausweisen. Es wirkt durch sein mehrfaches Auftreten
gliedernd.

3. Autoren:
 Als Begründer der Novelle gelten Giovanni Boccaccio („Il Decamerone“, 14.Jh.) und der Engländer
Geoffrey Chaucer („Canterbury Tales“, 14.Jh.).
 18. Jh. : Heinricht von Kleist: „Michael Kohlhaas“, „Die Marquise von O …“
Ludwig Tieck, ETA Hoffmann, Clemens Brentano, Joseph von Eichendorff
 2. Hälfte 19. Jh. : Blütezeit der Novelle im Realismus: Jeremias Gotthelf, Adalbert Stifter, Annette von
Droste-Hülshoff, Theodor Storm, Gottfried Keller, Conrad Ferdinand Meyer, Theodor Fontane.
 20. Jh. : Stefan Zweig, Arthur Schnitzler, Hermann Hesse, Thomas Mann, Franz Kafka. Die strenge
geschlossene Form löst sich auf und wird zur Erzählung.