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EIN PALÄSTINISCHER REPRÄSENTANT DER TANZIMAT-PERIODE:

YUSUF DIVA 'ADDIN AL-HALIDI (1842-1906)

von Alexander Schölch, Essen

Yüsuf al-Hälidi war Sproß einer der beiden alteingesessenen NotabelnfamUien


Jerusalems, die sich im 19. Jahrhundert gegenseitig Rang und Einfluß streitig
machten, der Hälidis und der Husainis. Der Einfluß der Hälidis in der Stadt war
institutionell verankert in der Position des BäSkätib und Nä*ib des Sarl'^-Gerichts,
welche die Familie das 18. und 19. Jahrhundert hindurch kontinuierlich besetzte.

Nach dem Erlaß des osmanischen Reformedikts von 1856 wurde der junge Yüsuf
Effendi nachdrücklich vom Tanzimat-Geist beeinflußt und insbesondere von der

Notwendigkeit einer gründlichen, an europäischen Vorbildern ausgerichteten Aus¬


bildung überzeugt. Auf der Suche nach anderen als den traditionellen BUdungsquel-
len lief er von zuhause weg und studierte nacheinander am Protestant College in
Malta, an der Kaiserlichen Medizinischen Lehranstalt in Konstantinopel und am
amerikanischen Robert College in Bebek.
Ein Jahrzehnt lang, vom Ende der sechziger bis zum Ende der siebziger Jahre,
nahm Yüsuf Effendi, wie andere Mitglieder seiner FamUie als Anhänger der „Re¬
form-Partei" (hizb al-isläh) bekannt, dann verschiedene administrativ-politische
Aufgaben wahr, in denen er seine Reform-Vorstellungen zu realisieren versuchte,
vor aUem als Präsident der Munizipalität von Jerusalem und als Mitglied der osma¬
nischen Deputiertenkammer (1877/78). Gerade seine Exponierung als „Liberaler"
in dieser Vertretungskörperschaft führte nach der Auflösung der Kammer und im
Zuge der repressiven Maßnahmen Abdülhamids zur Entmachtung der Hälidis in
Jerusalem (1879). Yüsuf Effendi blieb aUerdings bis zum Ende des Jahrhunderts
als Distrikt-Gouverneur in osmanischen Diensten.

Yüsuf al-yälidl war neben seinem Neffen Rühi zweifellos einer der gebüdetsten,
inteUigentesten und aufgeklärtesten Köpfe, die Jemsalem im 19. Jahrhundert her¬
vorgebracht hat. Seine literarische Bildung, seine Sprachgelehrsamkeit und seine
praktischen sprachlichen Fähigkeiten wurden von aUen unvoreingenommenen
Zeitgenossen übereinstimmend hervorgehoben. Der Kern seines Denkens und seiner
Überzeugungen war nicht muslimisch-theologischer, sondern philosophisch-huma¬
nistischer Natur. Seine erste Frage war nicht etwa, wie er Reformer werden und
guter Muslim bleiben könne, sondern was seine Aufgabe als gebUdeter, vorurteUs-
loser, freier Mensch sei. Die schlimmste Sünde war Unbildung, gleich danach kam
die Anhäufung belanglosen, nutzlosen Wissens. Seine religiöse Toleranz ging so weit,
daß Zeitgenossen sogar über ein Liebäugeln mit dem Christentum berichteten. Dies
war zweifellos unzutreffend ; das religiöse Bekenntnis war ihm einfach in keinerlei
Hinsicht eine Trennungslinie innerhalb der menschlichen Gesellschaft.
Tanzimat-Politik mußte nach den VorsteUungen Yüsuf Effendis vor aUem fünf

XX. Deutscher Orientalistentag 1977 in Erlangen


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Ziele haben: 1. Aufbau eines an europäischen Vorbildern orientierten Bildungs¬


systems; 2. Beseitigung administrativer Ineffektivität und Willkür; 3. Verwirklichung
religiöser Toleranz; 4. Sicherung konstitutioneller Rechte und Freiheiten; 5. infra¬
strukturelle Verbesserungen. Beim Versuch der Verwirklichung dieser Ziele blieb
Yüsuf ein loyaler Osmane. Wir haben keinen Hinweis darauf, daß sich seine Haltung
nach den Enttäuschungen vom Ende der siebziger Jahre etwa grundlegend geändert
hätte. Die Loyalität gegenüber Konstantinopel wurde in Palästina wie anderswo erst
infolge der Turkifiziemngspolitik nach 1908 grundsätzlich erschüttert.
So war Yüsuf Effendi ein palästinischer Repräsentant der Tanzimat-Periode, aber
er war nicht etwa ein Prototyp der sozialen und intellektuellen Elite Jerusalems
oder gar Palästinas seiner Zeit. Er war als Individuum ein im wörtlichen Sinne
außergewöhnlicher Vertreter der sozialen Schicht, der er entstammte. Doch sein
Werdegang und sein Wirken machen zweierlei deutlich:
Auf der einen Seite zeigen sie, daß die Politik der Reform und Erneuerung in den
sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts zumindest bei einzelnen Ange¬
hörigen der muslimischen Oberschicht Palästinas, hier der Famüie al-IJälidr, auf
fruchtbaren Boden fiel. Yüsuf Effendi versuchte sie sogar mit größerem Elan zu ver¬
wirklichen als manche türkische Reformer ihn an den Tag legten. Einer kontinuier¬
hchen, umfassenden Tanzimat-Politik hätte somit vielleicht eine „progressive"
integrative Funktion für den Zusammenhalt des Reiches zukommen können. Statt¬
dessen setzte Abdülhamid seit 1878 aber auf Repression und Panislamismus. Wenn
nach den Hälidis die konservativen Husainis in Jemsalem die Oberhand gewannen,
so entsprach das durchaus dem politischen Kurswechsel in Konstantinopel.
Im palästinischen Rahmen dokumentiert die Rolle Yüsuf Effendis aber noch ein
Zweites, nämlich den Aufstieg Jerusalems, ja der städtischen Eliten Palästinas über¬
haupt, und den korrespondierenden Niedergang der ruralen Machtzentren. Seit der
Mitte der sechziger Jahre waren es nicht länger die Scheichs von "-Arräha, Qaryat
al-'-Inab und Dürä im nördlichen, mittleren und südlichen Teil des palästinischen
Berglandes, die das lokale Geschehen bestimmten und das Interesse der europäi¬
schen Beobachter ganz für sich in Anspmch nahmen. In den siebziger Jahren war an
üire Stelle u.a. der Bürgermeister und Parlamentsabgeordnete von Jerusalem getre¬
ten, ein dem Tanzimat-Geist verpflichteter Gelehrter, Politiker und Administrator.
Indem wir uns im Detail mU seinem Werdegang, seinen Aktivitäten und seinen An¬
schauungen befassen, können wir einen punktuell vertiefenden Einblick in den
sozio-politischen Transformationsprozeß in Palästina während jener entscheidenden
Periode gewüinen.