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GEORG LUKACS

DER RUSSISCHE REALISMUS IN DER


WELTLITERATUR

AUFBAU-VERLAG BERLIN
1952
INHALT
Vorwort zur ersten und zweiten Auflage.....,................. 5
Vorwort zur dritten Auflage.......................................... 12
I. DER KRITISCHE REALISMUS
Puschkin
Puschkins Platz in der Weltliteratur..................................21
„Boris Godunow"..............................................................50
Die revolutionären Demokraten
Die internationale Bedeutung der demokratisch-revolutionären Literaturkritik 67
Tschemyschewskijs Roman „Was tun?“...........................97
Dostojewskij....................................................................131
Tolstoi
Tolstoi und die Probleme des Realismus.........................151
Tolstoi und die westliche Literatur.................................235
II. DER SOZIALISTISCHE REALISMUS
Maxim Gorki
Der Befreier....................................................................261
„Die menschliche Komödie des vorrevolutionären Rußland“ 272
Gestalten und Probleme des Bürgerkrieges
Fadejew: „Die Neunzehn"...............................................3*3
Wirta: „Einsamkeit"........................................................342
Scholochow: „Der stille Don“........................................355
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen
Makarenko: „Der Weg ins Leben“..................................395
Scholochow: „Neuland unterm Pflug“............................449
Die Helden des Großen Vaterländischen Krieges
Beck: „Wolokolamsker Chaussee"..................................483
Kasakewitsch: „Frühling an der Oder"............................511
MAKARENKO: „DER WEG INS LEBEN"
... daß die Umstände eben von den Menschen verändert werden, und daß der Erzieher selbst
erzogen werden muß.
Marx, Thesen über Feuerbach
Dieses Buch Makarenkos gibt die Entwicklungsgeschichte, gewissermaßen die „ursprüngliche
Akkumulation" der sozialistischen Pädagogik. (Der Ausdruck: „ursprüngliche Akkumulation“ wird
hier natürlich ausschließlich gebraucht im Sinne der an Erschütterungen und Konflikten reichen
Vorgeschichte des Neuen: wie die Prinzipien des später allgemein-gesetzlich funktionierenden
Neuen entstanden, wie die Voraussetzungen für dieses gesetzliche Funktionieren aus dem-relativen
- „Chaos" einer revolutionären Übergangszeit geschaffen wurden.) Diese Pädagogik ist aber viel
mehr als bloße Pädagogik im engen fachgemäßen bürgerlichen Sinne. Es ist wahr: die bedeutenden
Denker und gesellschaftlich Handelnden, die in den Klassengesellschaften wirklich ernsthaft
bemüht waren, die Probleme der Pädagogik zu lösen, wurden stets über die Grenzen des nur
Fachlichen hinausgetrieben. Sie kamen dabei in manchen Einzelfragen zu bedeutenden
Ergebnissen. Befriedigende Resultate konnten sie jedoch unmöglich erringen.
Warum? Weil der antagonistische Charakter der Klassengesellschaften gerade in dieser Frage
keine positive Lösung zuläßt, sondern bestenfalls eine utopische Perspektive, deren Realisierung
ins Unendliche verschoben werden mußte, ohne daß wirkliche Wege auch nur zur Annäherung auf
gezeigt werden konnten. Der unauflösbare Gegensatz zwischen Mensch und Klassengesellschaft,
den zum Beispiel Kant als „ungesellige Geselligkeit“ der Menschen formulierte, macht eine
humanistische Erziehung, die zugleich eine Erziehung fürs Leben wäre, nicht möglich. Der im
Kapitalismus erzogene Mensch muß entweder zu einer Art von Barbarentum, zu einem brutal
rücksichtslosen Durchsetzen seiner egoistischen Interessen, verbunden mit der dazu gehörenden
Hypokrisie, zur Anpassung an den kapitalistischen „Kampf ums Dasein" herangebildet werden,
oder er wird infolge der humanistischen Handlungs-
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Der sozialistische Realismus
prinzipiell, die seine Persönlichkeit geformt haben, zum Leben ungeeignet. (Über die
verschiedenen Kompromißvorschläge zwischen diesen antagonistischen Extremen können wir hier
nicht sprechen.) Deshalb muß die bürgerliche Pädagogik der imperialistischen Periode, in der diese
Gegensätze ihre zugespitzteste Form erhalten, wenn sie nicht - wie in Hitlerdeutschland, wie in den
USA unserer Tage - offen Räuber, Mörder, Gangster ausbilden will, das Individuum in einen sozial
luftleeren Raum versetzen, in seinem Bewußtsein die reale Verbindung zur Gesellschaft, zu den
Mitmenschen auslöschen, Verstand und Vernunft, die diese Zusammenhänge widerspiegeln und
ausarbeiten, zur Ohnmacht degradieren, den Menschen selbst in ein Bündel unbeherrschbarer In-
stinkte verwandeln. All dies wird in der bürgerlichen Pädagogik Achtung vor der Individualität des
Kindes genannt. In Wirklichkeit bedeutet es Verzicht auf Erziehung, bestenfalls-ein Heranzüchten
von hysterischen Sonderlingen, die oft, auf diesem Umweg, ebenfalls Gangster werden.
Dieser Antagonismus kann nur von der proletarischen Revolution real aufgehoben werden. Die
Aufhebung ist aber kein einfacher Akt, kein geradliniger Prozeß. Nur die Übernahme der Macht
durch die Arbeiterklasse, die Diktatur des Proletariats, die Führung der Kommunistischen Partei
kann die seins- und bewußtseinsmäßigen Voraussetzungen für ein solches Aufheben des
Antagonismus zustande bringen: eine bewußte Leitung und Hilfe zur Entstehung und Entfaltung
des neuen sozialistischen Menschen. Jedoch das Zerschlagen des bürgerlichen Staates, die
Vernichtung der kapitalistischen Ausbeutung reichen dazu allein nicht aus. Ein allgemeiner
Umerziehungsprozeß der Menschen - weit über den Rahmen der Pädagogik im engeren Sinne
hinaus - ist vonnöten, damit die im Sieg der proletarischen Revolution enthaltenen Möglichkeiten
Wirklichkeit werden.
Marx hat dies den revolutionären Arbeitern bereits vor hundert Jahren klar gesagt: „Ihr habt 15,
20, 50 Jahre Bürgerkriege und Völkerkämpfe durchzumachen, nicht nur, um die Verhältnisse zu
ändern, sondern um euch selbst zu ändern ...“ Unter den konkreter entfalteten Bedingungen der
proletarischen Diktatur, als dieser Entwicklungsprozeß sich bereits in der großartigen Initiative der
„kommunistischen Samstage" („kommunistische Subbotniks") äußerte, formulierte Lenin die
Frage so: „Es ist das der Anfang einer Umwälzung, die schwieriger, wesentlicher, radikaler,
entscheidender ist als der Sturz der Bourgeoisie, denn das ist ein Sieg über die eigene Trägheit,
über die eigene Undiszipliniertheit, über den kleinbürgerlichen Egoismus, über die Gewohnheiten,
die der fluchbeladene Kapitalismus dem Arbeiter und Bauer als Erbe hinterlassen hat. Erst wenn
dieser Sieg verankert sein wird, dann
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und nur dann wird die neue gesellschaftliche Disziplin, die sozialistische Disziplin geschaffen sein,
dann und nur dann wird eine Rückkehr zum Kapitalismus unmöglich, wird der Kommunismus
wirklich unbesiegbar werden.“ In Stalins Lehre von der aktiven Rolle des Überbaus bei der
Vernichtung des Alten, beim Aufbau und bei der Festigung des Neuen erhält dieses Problem seine
endgültige theoretische Fassung.
Dieser allgemeine Erziehungsprozeß der neuen Menschheit umfaßt die gesamte
Entstehungsgeschichte des Sozialismus; von der Machtergreifung des Proletariats über den
Bürgerkrieg bis zum sozialistischen Aufbau, bis zur sozialistischen Umgestaltung des Dorfes, bis
zum Verschwinden-Lassen der Trennung zwischen geistiger und körperlicher Arbeit usw., mit
einem Wort: bis zum Hinüberwachsen des Sozialismus in den Kommunismus. In dieser allgemein
gesellschaftlichen Erziehung des Volkes spielt, nach Stalins Lehre, der Überbau eine wichtige,
aktive Rolle. Selbstverständlich ist und bleibt die Umwandlung der materiellen Grundlage des
Lebens Voraussetzung und Basis zur Umwandlung, zur Umerziehung der Menschen. Einerseits
aber ist diese Veränderung der Lebensumstände kein „objektiver", außermenschlicher Prozeß,
dessen passives Produkt der neue Mensch wäre. Es bedarf vielmehr eines hochgespannten, zähen
und ausdauernden Heroismus, einer ununterbrochenen, selbsttätigen, erfindungsreichen Initiative
der Massen und der Einzelnen, um diesen größten Wandel in der Weltgeschichte zu verwirklichen.
Andererseits entwickeln sich diese den Menschen bestimmenden gesellschaftlichen Umstände
selbst in ständiger Wechselwirkung mit den Menschen, die also gleichzeitig ihr Produkt und ihr
Produzent sind.
Nur im Rahmen einer solchen Erziehung und Selbsterziehung eines freigewordenen Volkes
gewinnt die Pädagogik im engeren Sinne, die Erziehung der Kinder, der zukünftigen neuen
Menschen ihre eigentliche Bedeutung; nur als Vorbereitung zu diesem allgemein
gesellschaftlichen Erziehungswerk lassen sich ihre Ziele, Aufgaben und Methoden klären und vom
schädlichen Erbe, von der Sinnlosigkeit, Heuchelei, Lebensfremdheit ihrer bürgerlichen, vor allem
der imperialistischen Traditionen endgültig loslösen.
I
Makarenkos „Pädagogisches Poem" - so ist der russische Originaltitel - gibt zuerst und als
unmittelbaren geistigen Gehalt die Entstehungsgeschichte einer solchen sozialistischen Pädagogik.
Das Werk beginnt mit einem Gespräch, das Makarenko mit dem Leiter des Volksbildungsamtes
führt:
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Der sozialistische Realismus
„.Richtig. Also muß man den neuen Menschen auf neue Weise schaffen.'
.Auf neue Weise, da hast du recht!'
.Und niemand weiß - wie.'
.Und du - weißt du es nicht?'
.Nein, ich auch nicht.“'
Es endet mit Makarenkos Bekenntnis zur Perspektive: „Und vielleicht wird man bei uns sehr
bald nicht mehr .Pädagogische Poeme' schreiben, sondern ein schlichtes, sachliches Buch:
.Methodik der kommunistischen Erziehung'.“
Die dazwischenliegende Erzählung zeigt den Weg, der zu diesen Erkenntnissen führt, die
Lebenstatsachen, die diese Erkenntnisse aus- lösen und bestimmen. Hier muß natürlich als zweiter
Gesichtspunkt hinzugefügt werden: das Entstehen, das Wachstum einer neuen Bewußtheit über die
Grundlagen des sozialistischen Lebens, über die Art, wie diese - in Wechselwirkung mit der
Entfaltung der Seinsgrundlage dieses Bewußtseins - den Menschen, seine Handlungen, Gefühle
und Gedanken bestimmen: das ist der wesentliche Inhalt eines jeden guten Werkes der
sozialistischen Literatur, das auch dem Gehalt nach Neues bringt.
Makarenkos Werk nimmt jedoch, von beiden Gesichtspunkten aus betrachtet, eine
Sonderstellung ein. Erstens ist die Geschichte der hier vor unseren Augen entstehenden neuen
Pädagogik tatsächlich ein wesentlicher Teil der objektiven Entstehungsgeschichte der sozialisti-
schen Erziehungslehre. Wir haben den äußerst seltenen Fall vor uns, daß ein künstlerisches
Gebilde selbst, unabhängig von seinem ästhetischen Gehalt, eine wichtige Etappe der gedanklichen
Entwicklungsgeschichte einer Wissenschaft gestaltet. Im allgemeinen pflegt ja die gedankliche
Originalität der literarischen Werke „nur“ darin zu bestehen - dieses „nur" bedeutet freilich nicht
wenig -, daß eine wichtige Etappe des gesellschaftlichen Lebens so reich, so individuell und so
typisch dargestellt wird, daß diese Gestaltungsfülle den generellen Ideengehalt nicht nur an einem
konkreten Fall illustriert, sondern, gerade infolge der tiefen und vielseitigen Gestaltung, auch ideell
neue Züge, neue Momente an ihm zur Erscheinung bringt. Es ist aber selbstverständlich, daß sogar
die besten Romane über den Bürgerkrieg nur im oben angedeuteten Sinne Beiträge zur Theorie
und Geschichte des Bürgerkriegs sein können. Die wirkliche Theorie, Strategie und Taktik wurden
von der Partei der Bolschewiki, von Lenin und Stalin ausgearbeitet.
Makarenkos Buch nimmt in dieser Hinsicht eine Sonderstellung in der Sowjetliteratur ein.
Freilich finden wir in den Werken der Klassiker
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 399
des Marxismus deutliche Umrisse für die Begründung und den Ausbau einer sozialistischen
Pädagogik; freilich haben nicht wenige Bolschewiki (es genügt auf Kalinin und Krupskaja zu
verweisen) an ihrer Konkretisierung gearbeitet, aber auch Makarenko spielt in der theoretischen
und praktischen Entfaltung der Pädagogik eine bedeutende Rolle. Er gestaltet also nicht die durch
die Praxis hervorgerufene Aneignung der Prinzipien, der Strategie und Taktik eines wichtigen
Tätigkeitsfeldes, sondern das Bewußtwerden und die Bewährung dieser Prinzipien in der eigenen
Praxis, durch die eigene Praxis. Man kann also, ein wenig zugespitzt, sagen: Makarenkos „Weg ins
Leben" ist die Geschichte der „ursprünglichen Akkumulation“ der Sowjetpädagogik.
Die Paradoxie einer solchen Formulierung reduziert sich ein wenig, wenn wir diese Frage noch
von dem oben erwähnten zweiten Gesichtspunkt aus betrachten. Dann kommt in erster Linie nicht
in Betracht, wieweit die pädagogischen Gedanken Makarenkos, die im Roman als entstehend, als
allmählich aus den beobachteten und erlebten Tatsachen herauswachsend gestaltet werden,
objektiv originell sind, was sie für die Entwicklung der Pädagogik als Wissenschaft bedeuten.
Diese Gedanken haben im Roman vielmehr eine vorwiegend dichterisch-dynamische Funktion: sie
erhellen den Weg, den Makarenkos Kollektiv geht; sie wachsen aus diesem Leben heraus, sie
beeinflussen die Formierung der neuen Menschen: diese sind - um bereits allgemein Gefaßtes
konkret zu wiederholen - zugleich Produzenten und Produkt des Lebens dieses Kollektivs.
Natürlich ist die hier um der Klärung willen vollzogene scharfe Trennung eine künstliche.
Wäre Makarenko — theoretisch und praktisch - kein großer Pädagoge gewesen, so hätte die zuletzt
geschilderte Wechselwirkung nie so plastisch werden können. Und andererseits: die Genesis und
das literarische Formen unwahrer, halbwahrer, oberflächlicher Gedanken könnte auch dichterisch-
erzählerisch nie eine solche mitreißende Wucht erlangen, wie wir sie ständig in diesem einzig-
artigen Buch erleben. Die Einzigartigkeit beruht ja nicht zuletzt darauf, daß das in diesem Buch so
sinnfällig gestaltete Leben aus seiner eigenen Dialektik objektiv wichtige, wissenschaftlich
bedeutende, vorwärtswei- sende Gedanken gebiert. Das allgemeine Wesen der sozialistisch-
realistischen Literatur, die tiefe, innige und intime Einheit des Ideellen und des Künstlerischen, des
Gedankens und der Gestaltung kommt hier in einer einzigartigen, spannungsvoll-einheitlichen
Verbundenheit zum Ausdruck.
Die historisch charakterisierende Bezeichnung des Gehalts als „ursprüngliche Akkumulation"
der sozialistischen Pädagogik hat aber in
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Der sozialistische Realismus
diesem Zusammenhang eine noch konkretere Bedeutung. „Der Weg ins Leben" spielt im
Bürgerkrieg, in der Zeit der Kämpfe um die ökonomische, politische und ideologische
Verteidigung, Begründung und Festigung des Sozialismus. Die sozialistische Pädagogik als
organischer Teil dieses Gesamtprozesses kann also weder theoretisch noch praktisch etwas bereits
Feststehendes sein, das einfach auf die Tatsachen des Lebens angewendet wird. Dabei muß man
freilich bedenken, daß das Leben stets einen Kampf zwischen Altem und Neuem zum Inhalt hat
und es deshalb Pflicht der marxistisch-leninistischen Theorie ist, stets von den neuen
Entwicklungstendenzen der Wirklichkeit zu lernen, sich an ihnen weiterzubilden. Hier aber handelt
es sich um etwas, das innerhalb dieser allgemeinen Wahrheit ein qualitativ Neues bedeutet.
Auch andere, wichtige Werke, die die Zeit des Bürgerkriegs darstellen, zeigen einen solchen
Prozeß, wie das sozialistische Neue aus dem reaktionären Wust und Chaos der
zusammenbrechenden bürgerlichen Gesellschaft, ihrer Ökonomie und Ideologie, allmählich, unter
Kämpfen und in Widersprüchen herauszuwachsen beginnt. Der Spezialfall bei Makarenko liegt
zuerst und unmittelbar in der äußersten Zuspitzung dieser Bestimmungen. Inmitten dieses Ringens
der neuen Ordnung mit der wilden Anarchie der alten soll unter denkbar zugespitztesten Bedin-
gungen eine denkbar zugespitzteste Aufgabe gelöst werden: aus verkommenen, vagabundierenden,
oft, ja in der Mehrzahl, zu Verbrechern gewordenen Kindern sozialistische Menschen zu erziehen.
Wir haben bereits angeführt, wie Makarenko zu seiner Aufgabe steht, als er an die
Durchführung herantritt. Er findet bei seinen Zöglingen
— naturgemäß — einen dumpfen, anfangs sogar offen feindlichen
Widerstand. Die Pädagogen, Makarenkos fachlich Vorgesetzte Behörde wollen an alle Fragen mit
den psychologistischen und pädologischen Methoden des dekadenten Imperialismus herantreten,
mit einem verweichlichenden Bourgeois-Individualismus. Sie hemmen also, soweit Makarenkos
Energie dies zuläßt, nach Möglichkeit das Erziehungswerk. Und die unmittelbare Umgebung —
ein Dorf unter Vorherrschaft der Kulaken
- verhält sich zu Makarenkos Kolonie ebenso feindlich wie zu allen
Versuchen, den Geist, die Organisation des Sozialismus aufs Land zu tragen. Die oberen
Sowjetorgane, die den richtigen Weg besser beurteilen, sind fern, mit anderen, damals objektiv
wichtigeren Aufgaben überlastet. Makarenko und seine allmählich entstehende Erzieher-
gemeinschaft sind deshalb vorerst auf sich selbst angewiesen.
All diese Umstände in ihrer Gesamtheit und Wechselwirkung machen aus dem „Pädagogischen
Poem" ein Epos der „ursprünglichen Akkumulation“ der sozialistischen Erziehung. Denn ihre
Verflechtung hat
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 401
zur Folge, daß das Erziehungswerk - materiell und ideell - auf einem Nullpunkt einsetzen muß.
Man kann sagen: weder die objektiven noch die subjektiven Vorbedingungen des Gelingens sind
sichtbar gegeben. Es werden nicht aus eventuell bereits vorhandenen, wenn auch noch höchst
unvollkommenen Voraussetzungen die notwendigen Folgerungen gezogen. Das Werk erzählt, wie
aus dem Erleben und Erkennen bestimmter Folgen der entarteten bürgerlichen Ideologie, des der
Vernichtung anheimgefallenen bürgerlichen Seins, durch die anfangs freilich weitgehend nur
instinktive Zielklarheit Makarenkos die Vorbedingungen, die Voraussetzungen des
Erziehungswerkes Schritt für Schritt zur Entfaltung gebracht werden. Die neue sozialistische
Pädagogik schafft ihre Theorie, ihre organisatorischen Voraussetzungen und Mittel gewissermaßen
aus sich selbst, um dann diesem selbst entstandenen Gebilde eine sozialistische Bewußtheit, eine
sozialistische Wegrichtung und Form zu geben, um sich, selbst reif geworden, als organischer
Bestandteil, in den heranreifenden Sozialismus einzugliedern.
Wenn Makarenko, wie wir bereits angeführt haben, zu Beginn seiner Tätigkeit davon spricht,
daß er nichts darüber wisse, wie er seine Aufgabe zu erfüllen habe, so meint er natürlich nicht ein
theoretisches Nihil, sondern ungefähr das, was Lenin beim Beginn der NÖP über den
Staatskapitalismus auf dieser Stufe gesagt hat: „... aber es existiert kein Buch, das über den
Staatskapitalismus geschrieben worden wäre, der unter dem Kommunismus vorkommt. Nicht
einmal Marx kam auf den Gedanken, auch nur ein einziges Wort darüber zu schreiben, und ist
gestorben, ohne ein einziges exaktes Zitat und unwiderlegliche Hinweise hinterlassen zu haben.
Wir müssen also jetzt versuchen, uns selber zu helfen.“ Und Makarenko versucht tatsächlich, sich
in einer ähnlichen Lage mit dieser Leninschen Methode zu helfen.
Freilich ist all dies - mag es als unmittelbare Erscheinungsweise ästhetisch und ideell noch so
wichtig sein, mag es gerade dadurch die poetische Einzigartigkeit dieses Werks begründen - doch
nur Erscheinungsform. Das Wesen, die bewegende und letzten Endes formende Kraft ist: der Sieg
des Sozialismus im Großen Oktober, seine Selbstbehauptung gegen alle inneren und äußeren
Feinde im Bürgerkrieg, die Zielklarheit der Bolschewiki über diesen Weg. Mag die Verbindung
der Gorki-Kolonie Makarenkos mit dem sozialistischen Leben der Städte, mit dem langsamen
widerspruchsvollen Vordringen des Sozialismus in den Dörfern noch so locker sein, mag die
Verständnislosigkeit jener, die damals in der pädagogischen Administration führende Posten
innehatten, noch so störend einwirken, die wirklich bestimmende Umwelt dieses Heldenlebens,
dieser Heldentaten ist eben doch der schwer erkämpfte,
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Der sozialistische Realismus
schwer sich konsolidierende Sozialismus. Mag diese Umwelt anfangs scheinbar wenig wirksam in
Erscheinung treten, mag zuweilen der Schein entstehen, als ob der „einsame“, „auf sich selbst
gestellte“ Pionier Makarenko seine Ziele in sich und in seiner Umgebung ideell und reell
erkämpfen würde, die wirkliche Grundlage eines jeden Gedankens, eines jeden glücklichen und
folgenreichen Einfalls, einer jeden praktischen Wendung zum Besseren im Leben der Gorki-
Kolonie ist doch immer: die sozialistische Gesellschaftsordnung des Landes, der bolschewistische
Geist der führenden und leitenden Partei.
Erst durch die Einsicht in diese prinzipiell einfachen und durchsichtigen, in der alltäglichen
Praxis, in der Festigung der Theorie jedoch äußerst verwickelten Zusammenhänge wird die
Einzigartigkeit dieses Werkes und der ihm zugrunde liegenden Lebenstatsachen wirklich
verständlich. Makarenkos Originalität und Entschlossenheit hat nichts mit einer bürgerlichen
„Genialität“ oder gar „genialen Einsamkeit“, sonderlingshaften Eigenbrötelei zu tun. Seine
Genialität - diesmal ohne Anführungszeichen — besteht eben darin, daß er die Erziehungsziele der
sozialistischen Gesellschaft früher sieht und praktisch verwirklicht als die meisten seiner Kollegen,
die noch im Nebel der bürgerlichen Pseudotheorien herumtappen und seine epochemachenden
Ergebnisse auch dann noch benörgeln, als Makarenko an der Spitze seiner Zöglinge bereits stolz
auf der breiten Straße des Sozialismus marschiert. Diese „Einsamkeit“ besteht also nur so lange,
bis Makarenkos praktische Erkenntnisse in den Strom der allgemeinen Praxis der sozialistischen
Gesellschaft münden. Dieser Strom umspült aber in einer immer sichtbareren Weise alle
Geschehnisse, alle Taten und Gedanken der einzelnen Menschen, selbstverständlich, ja in erster
Linie, auch die Makarenkos; diese Gegenwart, diese Einwirkung ist die wahre Grundlage aller
Taten und Gedanken. Makarenkos wirkliche Genialität - ohne Anführungszeichen - besteht so also
vor allem darin, daß er imstande ist, in der allgemeinen Bewegung zum Sozialismus zwar einige
Schritte vor seinen unmittelbaren Mitarbeitern zu tun, aber Schritte, die von der allgemeinen
Entwicklung, von der Theorie und Praxis bestätigt werden konnten.
So wird Makarenko zu einem sozialistischen Helden; sein Werk zu einer sozialistischen
Autobiographie. Denn die Aufhebung der antagonistischen Widersprüche der Klassengesellschaft -
nicht der Widersprüchlichkeit als Grundlage des Lebens, sondern ihres antagonistischen Cha-
rakters — zeigt sich auch in der Beziehung der vorbildlichen, die Zeitgenossen überholenden
Persönlichkeit zu ihren Mitmenschen. Der Antagonismus der Widersprüche schaffte dort einen
mehr oder weniger unaufhebbaren Gegensatz: man lebt in den Klassengesellschaften fast
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 403
ausnahmslos nur dann beispielgebend, wenn man seine Tat gegen die Zeitströmungen,
unerschüttert von ihnen durchsetzt.
Den auch hier entscheidenden Unterschied zwischen der wirklichen, für die Menschheit
bedeutsamen Persönlichkeit und den nur subjektiven Schrullen der individualistischen, eventuell
interessanten und geistreichen Sonderlinge setzt erst die Geschichte, zumeist post festum. Daraus
leitet — auch hier zu Unrecht - die dekadente bürgerliche Ideologie den Heldentypus der
„einsamen“ großen Individualität ab, den angeblich unaufhebbaren Gegensatz zwischen wahrer
Persönlichkeit und Masse. Wir wiederholen: auch hier zu Unrecht. Denn dauernde historische
Größe beruht, auch in den Klassengesellschaften, darauf, daß das Wesen der objektiven
Wirklichkeit das wirkliche Objekt der individuellen Gedanken und Taten ist, daß sie jene Momente
zum Begriff erheben oder in Taten umsetzen, die im dialektischen Kampf zwischen Altem und
Neuem noch unerkannt, aber objektiv aktuell geworden sind. Schon Hegel sagt von den
„welthistorischen Individuen“: „Ihre Berechtigung liegt nicht in dem vorhandenen Zustande,
sondern es ist eine andere Quelle, aus der sie schöpfen. Es ist der verborgene Geist, der an die
Gegenwart pocht, der noch unterirdisch, der noch nicht zu einem gegenwärtigen Dasein gediehen
ist und heraus will, dem die gegenwärtige Welt nur eine Schale ist, die einen anderen Kern in sich
schließt als der zur Schale gehörte.“
Mit der Aufhebung des Antagonismus der bewegenden Widersprüche, mit der Tatsache, daß
die Menschen beginnen, ihre Geschichte mit einem richtigen Bewußtsein zu leiten - diese beiden
Fakten stellen zwei Seiten derselben prinzipiellen, qualitativen Änderung in der Geschichte der
Gesellschaft dar-, ändert sich auch dieses Verhältnis prinzipiell, qualitativ. In den
Klassengesellschaften war es mehr oder weniger ein bloßes Bild, die so Handelnden „Beauftragte“
zu nennen, denn in ihnen bleibt vom Individuum aus gesehen immer eine unaufhebbare
Zufälligkeit zwischen subjektiver Bestrebung und objektiv gesellschaftlicher Leistung bestehen;
sowohl die objektive Notwendigkeit der Geschichte als auch die des persönlichen Berufen-Seins
können sich nur von derartigen Zufälligkeiten vermittelt durchsetzen. Natürlich enthält die Tat-
sache, daß das Individuum Makarenko so und so beschaffen ist, ebenfalls Momente des Zufalls.
Der Makarenko jedoch, der in diesem Buch auf- tritt, der die Begebenheiten dieses Buches lenkt
und bewußt macht, ist gerade in seinen Bestrebungen Produkt derselben von der Partei der
Bolschewiki bewußt geführten Entwicklungstendenzen der Gesellschaft, die später seine
Erkenntnisse produktiv ergänzen und weiterführen. Seine Größe, das Faszinierende seiner Person
liegen gerade darin, daß
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Der sozialistische Realismus
er einer Masse, die den gleichen Zielen wie er zustrebt, voraneilt und den von ihr weniger bewußt
gesuchten, der Richtung nach aber gleichen Weg weist. Momente der Einsamkeit, des Gefühls:
verlassen, ganz auf sich selbst angewiesen zu sein, müssen deshalb auch hier nicht fehlen. Sie
haben jedoch einen völlig anderen Akzent: den des ausgesprochen Temporären, Vorübergehenden;
sie offenbaren keinen Gegensatz, keinen Widerstreit wie in den Klassengesellschaften, sondern nur
einen Tempounterschied in der Entwicklung von Gleichstrebenden.
Deshalb beherrscht die Persönlichkeit Makarenkos dieses Werk so stark, wie es in der Literatur
selten vorkommt, und dennoch wird er für keinen Augenblick ein Held alten Typus. Der
vehemente Marsch eines unlängst befreiten Volkes bestimmt den Ton des Ganzen, einerlei ob
diese Vehemenz - in der Gorki-Kolonie selbst - unmittelbar gestaltet wird oder nur in oft weit
verwickelten Einwirkungen der immer sozialistischer werdenden Umgebung zum Ausdruck
kommt. Diese entscheidende Änderung der Atmosphäre mindert aber keineswegs die überragende
Bedeutung der selbstgestalteten Figur Makarenkos. Im Gegenteil. Sie erwächst gerade in diesen
Zusammenhängen - ohne ihre betonte rationelle Nüchternheit einzubüßen - zu der eines wahren
Volkshelden.
Dies rückt auch das Autobiographische des „Pädagogischen Poems“ in eine neue Beleuchtung.
Das Entstehen von Makarenkos Gedanken und Werk als das zentrale Thema, bei der überragenden
Bedeutung der Ich-Figur des Autors, muß notwendigerweise bestimmte Züge des Auto-
biographischen hervorbringen. Freilich schon im Thema mit dem besonderen Kennzeichen, daß
Makarenko im Roman zwar als reife (vom Sozialismus gereifte) Persönlichkeit auftritt, daß aber
doch das, was ihn wirklich historisch bedeutsam macht, allmählich vor uns zur Entfaltung gelangt
und insofern in der Form einer Autobiographie geschildert wird. Diese Autobiographie ist nun
einerseits eine glänzende Weiterentwicklung der großen Gorkischen Tradition. Das Leben wird
zwar in der Ich-Form erzählt, das wirkliche Gewicht der Darstellung liegt aber darauf: welche
Umstände und Menschen diesem Ich begegnen, wie sie es formen, beziehungsweise von ihm
geformt werden; wie jene Gedanken und Gefühle, Erlebnisse und Kenntnisse, deren bewegte Tota-
lität das erzählende Ich ausmacht, aus diesem Seinsboden, ihn zugleich modifizierend,
herauswachsen. Es war bereits für Gorki charakteristisch, daß seine Persönlichkeit nicht
unmittelbar zur Darstellung gelangte, sondern als Subjekt und Objekt dieser Wechselwirkung einer
historisch bedeutungsvollen Umwandlungsperiode. Es überrascht nicht, daß dieses Vorherrschen
der gesellschaftlichen Umwelt bei Makarenko noch viel
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 405
stärker hervortritt als bei Gorki. So entsteht eine qualitativ gesteigerte Polemik gegen den
bürgerlichen Individualismus, in der gerade zum Ausdruck kommt, daß die echte Persönlichkeit
nur durch ihre gesellschaftliche Wirksamkeit, durch ihr Aufgehen in den großen fortschrittlichen
Strömungen der Zeit entstehen und sich bewähren kann. Mit anderen Worten: daß erst der
Sozialismus jene Epoche der Menschheitsentwicklung ist, in der sich wirkliche Persönlichkeiten
wirklich entfalten können. Je bewußter die subjektivistischen Besonderheiten, Nuancen und
Feinheiten verschwinden, vermittels derer das bürgerliche Individuum sich zur „Persönlichkeit"
aufbläht, desto stärker, desto hinreißender treten die Züge der echten, der volksverbundenen
Persönlichkeit hervor.
Andererseits ist der bereits erwähnte Zug - daß diese autobiographische Erzählung nur den
historisch ausschlaggebenden Lebensabschnitt bringt, nicht aber, wie die sich vor unseren Augen
bewährende Persönlichkeit wird, was sie ist - ebenfalls ein Charakteristikum ihres gefestigten
sozialistischen Wesens. Gorkis Autobiographie zeigt den Weg des Verfassers bis zur Aneignung
der sozialistischen Weltanschauung. Hier ist jedes Detail, jede anscheinend zufällige Begegnung
von größter Wichtigkeit, denn gerade solche Zufälle machen sinnfällig, wie dornenreich, wie
bedroht der Weg zum Sozialismus in der kapitalistischen Gesellschaft für jeden ehrlich dahin
strebenden Menschen ist, welche Ausnahmeerscheinung Gorki sein mußte, um solche Hindernisse
siegreich zu überwinden. Makarenkos autobiographische Schrift ist dagegen ein Zeugnis von der
Persönlichkeitsentwicklung in einer bereits sozialistischen Umgebung, im Zusammenhang mit dem
weiteren Ausbau des Sozialismus, als Teil seiner allmählichen Entfaltung. Hier ist bereits das Was
der Persönlichkeit das Ausschlaggebende, nicht das Wie ihrer Formation. Die Bewährung und
nicht die Genesis. (Es ist natürlich auch in der sozialistischen Gesellschaft, auch für sozialistische
Autoren möglich, Autobiographien des Gorkischen Typus zu schreiben. Dann ist aber auch in
diesen - wie in den schönen Büchern von Fedin - der persönliche Weg zum Sozialismus das
thematisch Entscheidende. Und mit dem Erstarken der revolutionären Arbeiterbewegung entsteht
auch im Kapitalismus die Möglichkeit für eine Selbstdarstellung des Makaren- koschen Typus: das
Erzogen-Sein durch die Kommunistische Partei schafft für Fugik die Grundlage, sein Leben und
seine große Persönlichkeit in der Darstellung der Kerkererlebnisse, in der Bewährung eines
standhaften kommunistischen Helden autobiographisch zu offenbaren.)
Der sozialistische Realismus
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II
Es gehört ideell wie künstlerisch zu den bedeutendsten Zügen Makarenkos, daß man bei ihm
auch nicht die Spur romantischer Stimmungen oder Ausdrucksmittel findet. Wohl ist sein ganzes
Unternehmen im landläufigen Sinne höchst romantisch; wohl würden kleinere Schriftsteller viele,
ja die meisten der geschilderten Personen oder Begebenheiten romantisch betrachten. Makarenkos
Größe besteht nicht zuletzt darin, daß er jede Lebenstatsache nüchtern betrachtet, an ihr mit schar-
fem Blick jene Momente erkennt, bejaht und hervorhebt, die tatsächlich in die Zukunft, in die
Richtung des sozialistischen Aufbaus, der Entstehung des neuen sozialistischen Menschen weisen,
oder jene Tatsachen, die diese Entwicklung hemmen. Der nüchterne, die wirklichen Ent-
wicklungstendenzen und nicht die leeren utopischen Träume respektierende unerschütterte und
kämpferische Optimismus Makarenkos ist für sein Werk - im doppelten Sinne: für die
pädagogische wie für die schriftstellerische Leistung - von höchster Wichtigkeit. Er hat mit so-
genannten abnormalen Kindern, mit Vagabunden und Verbrechern zu tun; sie will er zu normalen
Sowjetmenschen erziehen. Es läge nun pädagogisch nahe, in dieser Abnormalität eine besondere
„romantische“ Aufgabe zu sehen und von einem solchen Gesichtspunkt an sie heranzutreten.
Makarenko ist weit von solchen Auffassungen entfernt. Im Gegensatz zu den Pädologen und
Psychologen, mit denen er zu seinem steten Ärger amtlich zu tun hat, die eine bürgerlich-
romantische Linie vertreten, sieht er die Sache gerade umgekehrt an. „Normale Kinder“, führt er
am Schluß seines Werkes aus, „oder Kinder, die man in normalen Zustand gebracht hat, sind am
schwersten zu erziehen. Ihre Naturen sind feiner, ihre Bedürfnisse komplizierter, ihre Kultur höher
und ihre Beziehungen mannigfaltiger. Sie verlangen von uns keine starken Demonstrationen des
Willens, keine ins Auge fallende Emotion, sondern eine überaus differenzierte Taktik.“
Diese Betrachtung zeugt nicht nur von der außerordentlichen Feinheit der pädagogischen
Beobachtungsgabe Makarenkos, sondern auch von seinem steten Gericht et-Sein auf das - im
sozialistischen Sinne — Normale. Er betrachtet, nüchtern und richtig, bei den Kindern, die er zu
erziehen hat, ihre abnormale physische, geistige und moralische Beschaffenheit als eine von den
Umständen (vom Bürgerkrieg und seinen Folgen) verursachte, vom Standpunkt der
Gesamtentwicklung eines jeden Menschen vorübergehende, episodische Lage, die möglichst rasch,
möglichst radikal liquidiert werden muß, damit die normalen physischen, geistigen und
moralischen Kräfte der Kinder, die von diesen Umständen
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 407
verdeckt, verborgen, ja auch verdorben wurden, wieder freigesetzt, zur Entfaltung gebracht werden
können. Das Abnormale ist also für Maka- renko stets nur ein Übergang zum Normalen.
Diese pädagogische Auffassung bestimmt auch die Gestaltungsweise des Schriftstellers
Makarenko. Er ist hier, ohne Gorki in den Details der Darstellungsweise auch nur entfernt zu
kopieren, sein würdiger Schüler. Bei dieser Nachfolge muß freilich ebenfalls hervorgehoben
werden, daß Makarenko die Möglichkeit besaß und reichlich ausnutzte, vom reifen Gorki zu
lernen. Gorki selbst — er stellt dies in seinen Erinnerungen an Korolenko fest — mußte anfangs
seine Neigung überwinden, die Vagabundenwelt romantisch zu verklären. Diese von unerbittlicher
Selbstkritik beschleunigte Entwicklung trägt dazu bei, daß der Schriftsteller Makarenko gleich bei
der objektiven Wiedergabe einer reich gesehenen Wirklichkeit einsetzen kann.
Makarenkos Nüchternheit, auf die wir wiederholt hingewiesen haben, ist ein wichtiges Moment
der in ihm lebendig wirksamen besten marxistischen Tradition. Sie bedeutet niemals ein
empiristisches Steckenbleiben in den gegebenen Tatsachen, noch den Verlust des Sinns für die
Perspektiven der individuellen und der mit ihr unzertrennlich verknüpften gesellschaftlichen
Entwicklung. Im Gegenteil. Wir werden gleich sehen, welche entscheidende Rolle die Perspektive,
objektiv und als subjektives Bewußtwerden, in der Pädagogik Makarenkos spielt. Perspektive ist
jedoch für Makarenko stets die realistisch voraussehbare Konsequenz einer real vorhandenen
Entwicklungstendenz. Es handelt sich also bei der Gegenüberstellung von Perspektive und
Gegenwart, bei der aktivierenden und mobilisierenden Macht der Perspektive stets um zwei
Realitäten, um eine gegenwärtige und um eine kommende, künftige, niemals aber um den Kontrast
von Wirklichkeit und Ideal oder Sollen. Makarenkos praktische und schriftstellerische Tendenz
entspricht ganz genau jener Bestimmung von Marx, die dieser, die Erfahrungen der Pariser
Kommune verallgemeinernd, bereits 1871 über die Art der sozialistischen revolutionären Tätigkeit
im Gegensatz zur bürgerlichen so formulierte: „Die Arbeiterklasse... hat keine fix und fertigen
Utopien durch Volksbeschluß einzuführen ... Sie hat keine Ideale zu verwirklichen; sie hat nur die
Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoß der zusammen-
brechenden Bourgeoisgesellschaft entwickelt haben.“
Durch diese echt marxistische Auffassung der Perspektiven wird deren praktische Bedeutung
keineswegs herabgemindert, sondern im Gegenteil energisch gesteigert. Makarenko betrachtet mit
Recht die Perspektive als eine zentrale Frage des Lebens, des Sich-Formierens,
408
Der sozialistische Realismus
der Erziehung des Menschen. Die Zusammenstellung dieser Aspekte ist für das Spezifische seiner
Auffassung ebenfalls charakteristisch. Niemals betrachtet er die Erziehung als ein „Sondergebiet“,
das Kind als ein vom Erwachsenen prinzipiell unterschiedenes Wesen, mit sogenannten eigenen
Gesetzlichkeiten. (Hier ist einer der entscheidenden Punkte, wo er stets mit den Pädologen
zusammenstößt.) Die Perspektive ist also objektiv eine Grundtatsache des gesellschaftlichen und
individuellen Lebens aller Menschen und deshalb ein Grundproblem auch der richtig aufgefaßten
Pädagogik. „Der Mensch“, sagt Makarenko, „kann auf Erden nicht leben, wenn er nicht Freudiges
vor sich sieht. Das eigentliche Stimulans im Leben des Menschen ist die kommende Freude, die
Freude von morgen. In der pädagogischen Technik ist die Freude von morgen eines der
wichtigsten Arbeitsobjekte. Zunächst muß die Freude selbst geschaffen werden, man muß sie ins
Leben rufen und sie zur Realität machen. Ferner muß man beharrlich danach streben, die ein-
facheren Formen der Freude in differenziertere und menschlich bedeutendere zu verwandeln. Hier
gibt es eine interessante Linie: von der primitiven Befriedigung durch einen Pfefferkuchen bis zum
höchstentwickelten Pflichtgefühl... Einen Menschen erziehen, heißt in ihm die Perspektiven eines
Lebensweges gestalten, an dem die Freuden des morgigen Tages liegen.“
Man sieht: die Perspektive, die Zukunftsentwicklung gelangt dadurch zu einer so
ausschlaggebenden Bedeutung, weil sie als (noch nicht verwirklichte) Realität der Gegenwart
gegenübersteht, nicht als ein Ideal oder Sollen dem Sein. Diese perspektivische Zukunft, die der
Mensch, das Kind durch eigenes Handeln aus einer Möglichkeit in Wirklichkeit verwandelt,
erweckt alle Fähigkeiten des Menschen, des Kindes, bringt sie in Bewegung, mobilisiert sie. Und
zwar sämtliche Kräfte, nicht nur die des Verstandes und der Vernunft, nicht nur die des Willens,
sondern auch die der Phantasie, des Träumens. Auch hier geht Makarenko die Wege der Klassiker
des Marxismus. Man meint eine Paraphrase der berühmten Gedanken Lenins über das Träumen
vor sich zu haben, wenn man diese Betrachtungen liest. Die Pädagogin Warwara Bregel macht
Makarenko (wie die Menschewiki Lenin) den Vorwurf: „Makarenko, was erziehen Sie? Träumer?“
Makarenko erwidert:
„Meinetwegen Träumer. Ich bin nicht gerade entzückt von dem Wort .Träumer'. Es erinnert an
einen schwärmerischen Backfisch, wenn nicht an Ärgeres. Aber es gibt verschiedene Träumer. Es
ist doch ein großer Unterschied, ob man von einem Ritter auf weißem Roß träumt oder von
achthundert Kindern in einer Kolonie. Als wir noch in den engen, kleinen Kasernen wohnten,
träumten wir da nicht von hohen, hellen
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 409
Zimmern? Als wir um unsere Füße Lumpen wickelten, träumten wir von menschenwürdigem
Schuhzeug. Wir träumten von der Arbeiterfakultät, vom Kommunistischen Jugendverband, wir
träumten von unserem Molodez (ein gutes Pferd der Gorki-Kolonie, G.L.) und von einer
Simmentaler Herde. Als ich in einem Sack zwei englische Ferkel in die Kolonie brachte, da saß
auch so ein Träumer, der kleine Wanjka Schelaputin, mit ungeschorenem Kopf, die Hände unter
dem Hintern, auf einer hohen Bank, baumelte mit den Beinen, sah zur Decke hinauf und sagte: ,
,Das sind nur zwei Ferkel. Aber die werden Junge kriegen, und die Jungen auch wieder Junge.
Und in ... fünf Jahren werden wir hundert Schweine haben. Hoho, haha! Hörst du, Toskja, hundert
Schweine!'
Der Träumer und Toskja lachten ungewöhnlich laut und störten die Verhandlung in meinem
Büro. Doch jetzt haben wir über dreihundert Schweine und keiner denkt mehr daran, wie
Schelaputin einst geträumt hat.“
Und es ist keineswegs zufällig, daß Makarenko gerade hier den Unterschied zwischen
bürgerlicher und sozialistischer Erziehung sieht: in dieser steten Möglichkeit einer immer
lichteren, immer freudigeren Perspektive, einer Perspektive, die von den - bewußt gelenkten -
Verhältnissen ununterbrochen als Wirklichkeit produziert und dieser dialektischen Bewegung
entsprechend, ununterbrochen als höhere, zu verwirklichende Perspektive reproduziert wird.
Die Opposition der Pädologen gegen Makarenko beruht nicht zuletzt darauf, daß ihnen, die im
bürgerlichen Horizont eingesperrt bleiben, dieser Zusammenhang zwischen Wirklichkeit und
Perspektive ein Buch mit sieben Siegeln ist. Sie sehen keine aus der Realität herauswachsende,
reale, schönere Zukunft vor sich und wollen deshalb - wenn sie guten Glaubens sind - dem Kind in
dieser bösen Welt wenigstens sein ,,Kindheitsparadies“ retten. Man vergesse aber nicht, daß ein
solches Ideal des „Kindheitsparadieses“ erst entstand, als die gesellschaftliche Entwicklung den
Bürgern die realen Zukunftsperspektiven verbaut hatte. In den tragischen Übergangszeiten, bei
wichtigen Zwischengestalten wie Dickens, Baudelaire, Raabe usw., erscheint es als Flucht vor der
Perspektivenlosigkeit des gesamten Lebens selbst. In der Pädo- logie ist daraus ein Erziehungsideal
für die reaktionäre Bourgeoisie geworden: „das Kindheitsparadies“, der Respekt vor der „Eigenart"
des Kindes wird zum Mittel, wohlbehüteten Bourgeoiskindern die Möglichkeit zu geben, ihre
Instinkte hemmungslos entwickeln zu lassen; aus einer solchen Hemmungslosigkeit machen die
Psychologie und Pädologie der bürgerlichen Dekadenz ein Vorbild für Erziehung und Lebens-
4io
Der sozialistische Realismus
führung. Die anfangs verzweifelte Flucht endet in einer selbstgefälligen Verherrlichung der
Dekadenz und es hat eine zuweilen Molieresche Komik, wenn solche Pädologen Makarenko im
Namen einer „sozialistischen Erziehung“ belehren wollen.
Doch solche komischen Kontraste bilden nur ein Nebenmotiv, bleiben episodisch. Wesentlich
ist dieser nüchterne Wirklichkeitssinn Maka- renkos, sein Verständnis für die Realität der
Gegenwart und für die aus ihr notwendig und wirklich herauswachsende Zukunft. Dadurch ist er
ein echter und tätiger Sohn seiner Zeit, der die Wirklichkeit mit der Arbeit seiner Hände und seines
Kopfes erobern will, und gerade, indem er eigenes Handeln und objektive Wirklichkeit so eng
verknüpft, wird er sich dessen bewußt, daß diese Verknüpfung erst durch den Großen Oktober,
durch den Eintritt in das „Reich der Freiheit“ möglich geworden ist. In seinem zweiten Roman
„Flaggen auf den Türmen" beschreibt Makarenko ein Fest in der späteren, entwickelteren Kolonie.
Er knüpft daran die folgenden charakteristischen Betrachtungen: „Das Schönste an einem solchen
Tage ist der Triumph der Logik. Es zeigt sich, daß es gar nicht anders sein konnte, daß alle
Voraussicht genau berechnet und auf Wissen gegründet war, auf dem Sinn für wirkliche Werte.
Das war gar kein Optimismus, sondern reale Gewißheit, die man aus Schüchternheit Optimismus
nannte.“
Es kann unmöglich der Zweck dieser Betrachtungen sein, auch nur einen skizzenhaften Abriß
des Systems und der Methode von Makaren- kos Pädagogik zu geben; ganz abgesehen davon, daß
der Verfasser sich dazu auch fachlich nicht kompetent fühlt. Wenn wir im weiteren das bisher
Angedeutete ein wenig zu konkretisieren versuchen, so geschieht es, um Stoff und Gehalt dieses
Werkes so weit klarzulegen und zu konkretisieren, daß wir seine daraus wachsende literarische
Form in ihrer spezifischen Eigenart erfassen können.
III
An Makarenkos pädagogischer Methode fällt sofort auf, daß er weder in der „Abnormalität“
der seiner Obhut anvertrauten Kinder, noch in ihrer physischen, geistigen und moralischen
Unentwickeltheit ein Motiv erblickt, das die Absonderung dieser Pädagogik von der allgemeinen
Sowjetpraxis irgendwie rechtfertigen könnte. Die Erziehung „abnormaler“ Kinder ist in seinen
Augen - auch pädagogisch - ein organischer Bestandteil des sozialistischen Aufbaus; ihre
Prinzipien und Methoden können nur daraus abgeleitet werden, welchen Platz das jeweilige
Moment in diesem Zusammenhang einnimmt. Diese feste Verankerung
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 411
im Gesamtsystem des sozialistischen Aufbaus bedeutet jedoch keineswegs ein Außer-acht-Lassen
der spezifisch pädagogischen Probleme. Diese gewinnen vielmehr ihre eigentliche richtige
Bedeutung dadurch, daß sie in solchen Zusammenhängen an den ihnen zukommenden Platz gesetzt
werden.
Am deutlichsten ist dieser Zusammenhang - mit Betonung der besonderen Eigenart — darin zu
sehen, wie Makarenko und das von ihm erzogene Kollektiv sich zur Vergangenheit eines jeden
Neueintretenden und später zu eventuell Rückfälligen verhalten. Es ist auffallend (und es hat
Makarenko unzählige Konflikte mit den Vorgesetzten pädagogischen Behörden gekostet), daß er
die Akten, in denen das Vorleben seiner Zöglinge registriert ist, einfach beiseite schiebt, überhaupt
nicht berücksichtigt. „Unsere Stellung zu dieser Frage war vom ersten Tage an die gleiche:
Oberster Grundsatz der Umerziehung jugendlicher Rechtsverletzer war für mich die völlige
Ignorierung der Vergangenheit und ganz besonders der begangenen Verbrechen. Es fiel mir selbst
nicht leicht, diesen Grundsatz konsequent zu verwirklichen; neben anderen Hindernissen galt es,
auch mit der eigenen Natur fertig zu werden.“
Die hier zum Ausdruck kommende Tendenz erscheint noch gesteigert in der unter Makarenkos
Einfluß sich entfaltenden Erziehungspraxis der Kolonie. Im Laufe der Entwicklung entstehen eine
Reihe von Organen (Rat der Kommandeure, Kameradschaftsgericht), die über Disziplin und
Sittlichkeit des Kollektivs wachen, die durch Kritik und wenn nötig durch Strafen verirrte
Kameraden wieder in die richtige Richtung lenken. Wir möchten zur Charakteristik dieser
Methode zwei Momente hervorheben. Erstens die rücksichtslose Härte, mit der die gewählten
Organe des Kollektivs Verfehlungen aufdecken und ahnden. Zweitens - und dies führt zu unserer
ursprünglichen Frage zurück — das ebenso radikale, bewußte Vergessen-Lassen der Strafe,
nachdem sie einmal vollzogen wurde, nachdem ihre Härte eine innere Wandlung, ein verändertes
Verhalten beim Abgeirrten oder Rückfälligen ausgelöst hat.
Makarenko erzählt, wie Ushikow, ein Zögling, der sich schon lange schlecht verhielt, seine
Kameraden bestiehlt. Er wird vor ein Kameradschaftsgericht gestellt, das ihn - trotz entschiedenen
Einspruchs der eigens zugereisten Vorgesetzten Pädagogen - zu einem Monat völligen Boykotts
verurteilt; mit Ausnahme seines Vorgesetzten und im Krankheitsfall eines Arztes darf er mit
niemandem sprechen; bei der Arbeit, im Alltagsleben wird er isoliert. Die Wirkung ist
überraschend schnell und gründlich: nur einige Tage geht er hochmütig herum, dann beginnt er zu
arbeiten und zeigt dabei, was ihm bis jetzt gefehlt hat, Eifer und sogar Initiative und
Kameradschaft. Eine Vorgesetzte Pädagogin besucht
412
Der sozialistische Realismus
eigens die Gorki-Kolonie, um Klagen des „Mißhandelten“ zu erhaschen; dieser aber weist sie,
ohne sich mit ihr auf ein Gespräch einzulassen, an seinen Vorgesetzten, der seinerseits keine
Erlaubnis zu einer Unterredung gibt. Es ist nun für den Geist der Kolonie charakteristisch, daß
angesichts dieser Diszipliniertheit Ushikows schon am nächsten Tag einstimmig der Erlaß der
weiteren Strafe beschlossen wird und, als Ushikow zu Tränen gerührt danken will, der Vorsitzende
der Versammlung (in strengem Ton) sagt: „Vergiß es!“
Auch hier verwirklicht Makarenko - unter den besonderen Bedingungen der Gorki-Kolonie -
ein wichtiges Gebot der sozialistischen Moral. Die Verzerrungen der menschlichen Verhältnisse in
den Klassengesellschaften lassen bei den meisten Menschen, mit ganz seltenen Ausnahmen
verzerrte moralische Kategorien entstehen; diese werden von den herrschenden Klassen, von ihren
ideologischen Handlangern ethisch und religiös verallgemeinert und dadurch weiter versteift. Eine
solche teils asketische, teils sehr oft heuchlerische Kategorie der verzerrten Moral ist die Reue. Ob
ein transzendenter Gott oder ein transzendentales Gewissen oder ein „tiefenpsychologisches“
Uber-Ich das Bewußtsein des Menschen an eine begangene Tat bindet, es durch das Peren- nieren
der Reue an der Weiterentwicklung, an dem Loskommen vom einmal begangenen Fehler (oder
sogar Verbrechen) hindert, das läuft aufs gleiche hinaus. Denn überall entsteht dadurch ein
unfreies, ein sklavisches Bewußtsein, ein Verhalten, das den Menschen in eine unwürdige
Abhängigkeit von der Klassengesellschaft bringt, seine konsequente Auflehnung gegen sie
verhindert. Nicht umsonst haben wirklich freie Geister, wie Spinoza oder Goethe, die Reue stets
verworfen. Nicht umsonst ist das einzige, was der junge Marx an Eugene Sues Roman lobend
hervorhebt, das die Reue ablehnende Verhalten Fleur de Maries: „Endlich spricht sie im Gegensatz
zur christlichen Reue über die Vergangenheit den zugleich stoischen und epikureischen, den
menschlichen Grundsatz einer Freien und Starken aus: ,Enfin ce qui est fait, est fait.' “ Es wäre ein
grober Irrtum, die Ablehnung der Reue, das „Vergessen" eines begangenen Vergehens
gleichzusetzen mit einem Ablehnen der Möglichkeit, daß die Menschen über die moralische
Entwicklungsstufe, die ihr Vergehen hervorgebracht hat, hinauszugehen vermögen. Ganz im
Gegenteil. Wenn bedeutende Humanisten die Reue verachtet haben, so beruht es wesentlich
darauf, daß sie in dem theologischen und krypto- theologischen Charakter der Reue ein Hindernis
für die wirksame moralische Höherentwicklung des Menschen erblickt haben. Im Vergehen, im
Verbrechen, ja allgemein gesprochen in den Fehlern, die ein Mensch begeht, drückt sich stets ein
intellektuelles und moralisches Zurück-
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 413
bleiben hinter seiner gesellschaftlichen Umgebung aus, einerlei welche Ursachen dieses
Zurückbleiben herbeigeführt haben. Das Gefühl der Reue fixiert nun einerseits die seelischen
Energien des Menschen auf das Vergangene, auf das prinzipiell Unveränderbare, Nicht-gut-zu-Ma-
chende, statt darauf, die Ursachen der Fehler aufzudecken und auszumerzen, wobei die Richtung
der Konzentration der Zukunft, dem kommenden Handeln zugewendet ist. Wenn der Mensch den
Kurs darauf nimmt, Fehler dieses Typus künftig nicht mehr zu begehen - dies mag auf einmal oder
sukzessiv gelingen -, verschwindet für ihn die Bedeutung des begangenen Fehlers, ebenfalls auf
einmal oder sukzessiv. Andererseits beinhaltet die Reue eine Überbetonung des rein individuellen
Bewußtseins. Die moralische Propaganda der Reue seitens der Ideologen der herrschenden Klassen
will isolierte, auf sich selbst gestellte, nirgends in der Gesellschaft Stützen findende Untertanen
erziehen: sich erniedrigend, sich selbst beschuldigend und deshalb bedingungslos unterwürfig.
Dazu ist der Kult der Reue ein hervorragendes Mittel. Der reuige Mensch verkennt, in welcher
Proportion sein Wesen und seine Tat ein Produkt seiner Wechselwirkung mit der Gesellschaft war,
wieweit ihn das Bewußtwerden, die bewußte Förderung solcher Wechselwirkungen über jene
Beschaffenheit seines Ichs hinausführen könnte, die den Fehler verursachte. Er starrt auf die
isolierte, begangene Tat, auf jene seiner eigenen künstlich isolierten Eigenschaften, die diese Tat
ausgelöst haben, und kann aus solcher moralischen Sackgasse keinen Ausweg finden.
Im Rahmen der Klassengesellschaften ist tatsächlich ein Ausweg kaum zu finden. Manche
Moralisten, die die verderblichen menschlichen Folgen der Reue deutlich empfanden, bemühten
sich, einen Ausweg zu suchen. So schon im Mittelalter Meister Eckhart, der, um dem Dilemma zu
entgehen: die Reue moralisch zu verwerfen und doch die Ethik des thomistischen Katholizismus
nicht frontal anzugreifen, zwischen ordentlicher und unordentlicher Reue unterscheidet. Er
übersieht freilich, daß die von ihm verworfene unordentliche Reue: eben die Reue im christlichen
(und später im bürgerlichen) Sinne ist, während die bejahte ordentliche Reue einen Versuch
darstellt, über den beengenden Horizont der theologischen Ethik hinauszugehen, den Begriff der
Reue zu verwerfen — wobei die theologische Fassung des Problems der sachlichen Lösung überall
hindernd im Wege steht.
Dieser Hinderungsgrund ist die metaphysische, die transzendente Fassung der wahren, der
eigentlichen Persönlichkeit, die deshalb-im Mittel- alter als „unsterbliche Seele“ - als etwas
letzthin Unveränderliches verstanden wird. Der wirkliche Kampf zwischen dem Guten und Bösen,
Der sozialistische Realismus
4I4
zwischen dem Hohen und Niedrigen im Menschen spielt sich nach einer solchen Auffassung nicht
in der irdischen Entwicklung des Menschen selbst ab; er ist nicht ein dialektischer Widerstreit
entgegengesetzter, aber gleicherweise aus dem Leben der Menschen herauswachsender Tendenzen,
ihre innere Entwicklung oder Rückentwicklung, sondern jeweils ein kreatürlicher Abfall von der
transzendenten Urbestimmung des Menschen ; infolge der - ebenfalls ewigen - Minderwertigkeit
des irdischen, des wirklichen Menschen, infolge der „Erbsünde“. Die Reue ist in einem solchen
System die bußfertige Feststellung eines Abfalls, das Bestreben, die transzendente Integrität der
„unsterblichen Seele“ wiederherzustellen. Deshalb ist sie auf die Vergangenheit, auf die isolierte
Verfehlung, auf das realiter Nicht-gut-zu-Machende gerichtet; deshalb erstrebt sie nur ein
Wiedergutmachen, ein Wiederherstellen und nicht eine Höherentwicklung der inneren Kräfte, die
nicht so sehr die Verfehlung selbst als die Fehlerquelle moralisch liquidiert. Man vergesse aber
nicht, daß jede idealistische Ethik, soweit sie nicht relativistisch, also letzten Endes nihilistisch ist,
nur das theologische Gewand abgelegt, nicht das theologische Wesen überwunden hat. So schon
das Kantsche „intelligible Ich“, so auch heute die „Authentizität“ Heideggers.
Diese Frage ist aber in den Klassengesellschaften allgemein unlösbar. Die Stoiker und die
Epikureer, Spinoza und Goethe vermochten zwar exzeptionelle individuelle Lösungen für die
Lebenshaltung außergewöhnlicher moralischer Persönlichkeiten auszudenken und diese in ihrem
individuellen Leben - teilweise, eventuell - durchzusetzen. Für den Durchschnittsmenschen der
Klassengesellschaften geht von der Ablehnung der idealistisch-theologischen Moral im
allgemeinen der Weg zum nihilistischen Zynismus, zur Abkehr von einer jeden ethischen
Regulierung des Handelns. In den Klassengesellschaften, insbesondere in Niedergangszeiten wie
der imperialistischen Periode, bewegt sich das moralische Verhalten der meisten zwischen den
beiden falschen Extremen von Nihilismus und Unterwürfigkeit, in der Wirklichkeit freilich in
vielen Mischungen und Übergangsformen.
Nur die Ethik des Sozialismus als Teil, als Moment des gesellschaftlichen Handelns wirklich,
das heißt ökonomisch-sozial von der Ausbeutung befreiter Menschen hebt dieses falsche Dilemma
von zerknirschter Reue und nihilistischem Zynismus endgültig auf. Der Weg dazu ist ein
gesellschaftlicher: der der Kritik und Selbstkritik. Diese haben die Funktion, die Fehler, die
Zurückgebliebenheit der Mitglieder der Gesellschaft mit ihren sozialen und individuellen Wurzeln
auszumerzen, den Individuen damit - ohne Selbsterniedrigungen, ohne ein die Seele be-
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 415
schmutzendes Wühlen in der abstrakt isolierten Innerlichkeit - zur Höherentwicklung, zur
Harmonie mit sich selbst und mit den progressiven Tendenzen der Gesellschaft zu verhelfen. Das
ist eine Umgestaltung der gesamten Persönlichkeit des Menschen. Es wäre mehr als oberflächlich
zu glauben, daß sie, weil ihre Form die helle Vernünftigkeit selbst ist, nicht sämtliche Kräfte der
Menschen, ihre Gefühle, ihre Erlebnisse, ihre Phantasie usw. umfassen und in Bewegung bringen
würde.
Da hier aus diesem großen Komplex nur das hervorgehoben werden kann, was unser
moralisches Problem unmittelbar angeht, muß zusammenfassend gesagt werden: Kritik und
Selbstkritik befassen sich nur insofern und nur insoweit mit der Vergangenheit eines Menschen, als
diese Vergangenheit (das aus ihr entsprungene unrichtige Verhalten) in der gegenwärtigen Praxis
des Betreffenden noch ein aktiv wirksamer Faktor ist. Sobald das tatsächliche Bestimmt-Werden
der Gegenwart durch diese Momente der Vergangenheit aufhört — und daß das radikal und
endgültig geschehe, ist der Zweck einer richtigen Kritik und Selbstkritik —, kann sie im Sinne
Makarenkos „vergessen" werden. Jedoch, auch wenn dies noch nicht eingetreten ist, weist die
Richtung der Kritik und Selbstkritik nicht in die Vergangenheit, fixiert diese nicht, sondern hat im
Gegenteil die Tendenz, sie aufzuheben.
Bei unserem Sonderbeispiel der Welt Makarenkos ist dieser Charakter der Kritik und
Selbstkritik noch ausgeprägter; es bedarf ja keines Kommentars, daß der — aus einer Reihe von
vielen ausgewählte - Fall Ushikows typisch für die richtig durchgeführte Kritik und Selbstkritik ist.
Das Spezifische liegt darin, daß es sich bei Makarenko um Kinder handelt, und zwar um Kinder,
deren Verfehlungen, deren moralische Abnormalitäten überwiegend von den Umständen
geschaffen wurden. Bei ihnen wirkt die harte Kur der unnachsichtigen Kritik und Selbstkritik
dahin, die von den Umständen verbogenen Charaktereigenschaften, das durch die Umstände der
Vergangenheit verdeckte und verzerrte eigene wirkliche Wesen mit Hilfe des Kollektivs aus
eigener Kraft wiederzugewinnen. Auch hier ist der Unterschied zu den Erwachsenen, der
Unterschied zwischen Ethik und Pädagogik nur graduell. Denn die Verzerrung des Wesens ist ja
auch bei den Erwachsenen ein seelischmoralischer Überrest der kapitalistischen Gesellschaft.
Natürlich geht aber dieser graduelle Unterschied oft ins Qualitative über, denn die Überreste des
Kapitalismus sitzen bei erwachsenen Menschen zumeist viel tiefer, sind mit der ganzen inneren
Struktur der Individuen weit stärker verwachsen, als es jene Gewohnheiten sind, die heimatlose
Kinder in ihrem Vagabundenleben erworben haben.
416
Der sozialistische Realismus
Die grundlegend neue Bedeutung von Kritik und Selbstkritik in der moralischen Erziehung der
Menschheit, d. h. sowohl in der Ethik als auch in der Pädagogik im engeren Sinn, beruht nicht
zuletzt darauf, daß die Wechselbeziehung zwischen Individuum und Gesellschaft, die objektiv —
wenn auch den Theoretikern und den handelnden Menschen oft nicht bewußt - jeder Ethik und
Pädagogik zugrunde lag, erst hier mit vollem und richtigem Bewußtsein in den Mittelpunkt gerückt
wird. Ansätze dazu sind sowohl in der antiken Ethik der Stadtstaat-Republiken als auch in der
Lehre vom „vernünftigen Egoismus“ der revolutionären Demokratie usw. vorhanden. Sie können
aber nie zu theoretisch und praktisch befriedigenden Resultaten führen. Denn das Kollektiv, auf
das die - unaufhebbare — individuelle Seite der Ethik bezogen werden muß, hat hier überall
notwendig einen antagonistischen Charakter. Dadurch entstehen in allen wichtigen Konfliktfällen
zwischen Entwicklungsbestrebungen der Individuen und Existenznotwendigkeiten der
Gesellschaften unlösbare Gegensätze, die bei voller Ehrlichkeit und Folgerichtigkeit der
Individuen zu Tragödien führen, in den durchschnittlichen Fällen Hypokrisie, Zynismus oder
zerknirschte Reue bei den sich der Gesellschaft unterwerfenden Menschen erzeugen. Damit in
jedem Fall eine Harmonie zwischen dem konkreten Kollektiv und der konkreten Einzelperson
entstehen könne, damit also in jedem Konfliktfall die objektive Möglichkeit eines sowohl für das
Individuum als auch für das Kollektiv befriedigenden Auswegs gegeben sei, müssen die gesell-
schaftliche Notwendigkeit, die aus ihr entspringenden Pflichten und Gebote und die inneren und
die äußeren Interessen des Individuums letzten Endes konvergieren, ja zusammenfallen. Dies wird
aber erst in der sozialistischen Gesellschaft Wirklichkeit. Auch hier - besonders im
Anfangsstadium des sich formierenden Sozialismus, in der Zeit der schärfsten Klassenkämpfe der
Geschichte - nicht unmittelbar, nicht spontan, nicht ohne Konflikte. Die große politische Weisheit
Lenins und Stalins zeigt sich darin, daß sie stets Institutionen und Maßnahmen auch mit der
Absicht einführen, diese Konvergenz zu fördern, sie auch den zurückgebliebenen Individuen
bewußt zu machen, in der Avantgarde eine heroische Initiative zur Schaffung objektiv höherer und
bewußterer Formen dieser Konvergenz zu entfachen. Diese objektive Entwicklung, die sich immer
stärker auf die gesteigerte Annäherung der persönlichen Interessen an die öffentlichen zu bewegt,
wird subjektiv durch Kritik und Selbstkritik, durch die Überführung der individuellen Entwicklung
ins Sozialistische bewußt gemacht und beschleunigt.
Betrachtet man das Werk Makarenkos von der Warte einer solchen Einsicht, so kommt man
aus dem Staunen nicht heraus, mit welcher
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 417
nachtwandlerischen Sicherheit er in jeder seiner Handlungen, in jeder seiner Reaktionen auf die
spontanen Geschehnisse diese Hauptstraße der moralischen Entwicklung zum Sozialismus
einschlug. Mit demselben Scharfblick betrachtet er jeden Zögling als einmaliges Individuum und
als Mitglied des Kollektivs und weiß, daß die wirkliche Persönlichkeit nicht jene angenommene
oberflächliche Besonderheit ist, die der Anarchismus des Vagabundentums hervorgebracht hat,
sondern sich nur im Kollektiv finden, auf sich selbst besinnen und entfalten kann. Für Maka- renko
ist auch das Kollektiv kein abstrakter Begriff, keine idealisierte Sentimentalität wie für die meisten
noch sehr verbürgerlichten Pädagogen dieser Zeit, vielmehr das konkrete und disziplinierte, auf der
Arbeit beruhende kameradschaftliche Zusammenwirken nicht nur von Lehrern und Zöglingen,
sondern auch des Kollektivs selbst mit den umgebenden, dem Sozialismus zueilenden anderen
Kollektiven.
IV
Wir wiederholen: es kann unmöglich die Aufgabe dieser Betrachtungen sein, die Entwicklung
von Makarenkos Erziehungswerk, der sich stets breiter und höher entfaltenden Gorki-Kolonie auch
nur skizzenhaft zu schildern; zu zeigen, wie die eben angedeuteten sozialistischen Prinzipien, die
Arbeit und ihre Organisation, die Verschmelzung von Demokratie und Disziplin, das spontane
Entstehen des Wettbewerbs usw. als Formungskräfte immer stärker und bewußter in Erscheinung
traten. Aus dem fast unübersehbar reichen Material dieser pädagogischen Erfahrungen greifen wir
nur eines heraus, weil es in engster Beziehung zu den auch bisher in den Vordergrund gerückten
moralisch-pädagogischen Problemen steht. Wir meinen jene Methode, die Makarenko in seinem
späteren Roman die Methode der Explosion nennt, die er während seiner pädagogischen Tätigkeit
zuerst spontan, von den Umständen erzwungen, dann immer bewußter und differenzierter
anwendet, anfangs nur persönlich, später immer stärker durch das Selbsterhaltungsbewußtsein des
Kollektivs vermittelt.
Wir sagten: diese Methode entstand spontan und sogar - nach allen herkömmlichen Begriffen
der Pädagogik — gesetzwidrig. Makarenko erzählt : die ersten Zöglinge waren eingetroffen, weder
er noch seine Mitarbeiter fanden einen rechten Zugang zu ihnen, die träge, widerspenstig und frech
herumlungerten. Da fand die gespannte Lage ihre Lösung, als der bereits in helle Verzweiflung
getriebene Makarenko einen der Zöglinge für eine besondere Unverschämtheit wütend ohrfeigte.
Und merkwürdigerweise folgte darauf weder eine Auflehnung noch ein erschrok-
418
Der sozialistische Realismus
kenes Sich-Fügen; zu letzterem war nicht der geringste Grund, denn Makarenko konnte weder,
noch wollte er eine Prügeldisziplin einführen, und die eben erst aus dem Vagabundenleben
kommenden Zöglinge hätten sich einer solchen auch nicht unterworfen. Der Grund der plötzlichen
Wandlung war ein anderer: in den Zöglingen hatte die neue Lebenslage, die unbewußt wirkende,
überragende Persönlichkeit Maka- renkos den Anfang einer inneren, einer moralischen Krise
ausgelöst; in ihrem widerspenstigen Auftreten war zwar teils eine dumpfe Revolte gegen das
unbekannte und unübersichtbare neue Leben enthalten, teils aber auch eine ebenfalls dumpfe
Sehnsucht, das alte Leben zu verlassen und einen neuen Lebensweg einzuschlagen.
Makarenkos Auftreten hat unter solchen Umständen den Zöglingen nun unmittelbar imponiert,
besser gesagt: das Gefühl — wenn auch noch so dumpf - zum Bewußtsein gebracht, daß ihr altes
Verhalten in der neuen Lage eine Sackgasse ist. Diesen Klärungsprozeß beschleunigt Makarenko,
indem er sofort nach dieser Szene mit den Zöglingen an die Arbeit, zum Holzschlagen geht. Die
Jungen haben dazu Äxte genommen, sie könnten sich also sehr leicht an Makarenko rächen. Sie
denken aber nicht daran, arbeiten im Gegenteil ganz gut. Und als sie sich in einer Pause Zigaretten
rauchend mit Makarenko unterhalten, bricht Sadorow, der geohrfeigte Junge plötzlich in Gelächter
aus: „Das war prima! Ha-ha-ha!“ Und als Makarenko dies auf die Arbeit bezieht, korrigiert ihn
Sadorow: „Die Arbeit - ja, die auch. Nein, ich meine, wie Sie mir eins versetzt haben!“ Und nach
dem Mittagessen kommt er auf Makarenko zu und sagt mit dem aller ernstesten Gesicht: „Wir sind
nicht so schlecht, Anton Semjonowitsch! Alles wird gut gehen. Wir verstehen ...“
Natürlich darf dieser Fall nicht als Paradigma der Erziehungsmethode Makarenkos genommen
werden. Er ist zwar ein weittragender, folgenschwerer Akt, aber im Wesen doch ein Akt der
Verzweiflung. Und Makarenko ist sich dessen genau bewußt. Diese Tat ist aber zugleich ein
Ausdruck dafür, was wir eben die „ursprüngliche Akkumulation“ der sozialistischen Pädagogik
nannten. Freilich unter außerordentlichen Umständen. Daß dieser Prozeß jedoch bei aller
einmaligen Eigentümlichkeit dennoch der einer „ursprünglichen Akkumulation" der sozialistischen
Pädagogik ist, erweist sich darin, daß schon seine ersten, wenig bewußten, spontanen Folgen
Keime und Spuren des Richtigen, des Zukunftsträchtigen enthalten. Denn hierin ist die von uns
geschilderte „ursprüngliche Akkumulation" geradezu das Gegenteil der kapitalistischen. In dieser
wurden ungezählte Massen seßhafter werktätiger Bauern zu Vagabunden gemacht, in jener besteht
die zentrale Aufgabe
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 419
eben darin, aus zu Vagabunden gewordenen Kindern bewußte Mitarbeiter des sozialistischen
Aufbaus zu formen.
In dem von uns geschilderten Fall zeigen sich allerdings nur die ersten Spuren. Vor allem die
Entschlossenheit Makarenkos, um jeden Preis die Disziplin durchzusetzen, ein Prinzip, das auch
im sozialistischen Aufbau das revolutionär-proletarische Prinzip war, im Gegensatz zu den ge-
schwollenen Phrasen eines kleinbürgerlich-intellektualistischen Anarchismus. (Makarenko hat
auch später einen ununterbrochenen Kampf gegen die Pädagogen zu führen, deren Vertreter seine
Methode als die der „Kaserne“, der „Kadettenanstalt“ usw. verspotten.) Disziplin abstrakt
genommen ist aber sicher nicht ausreichend. Sie muß einen klaren Inhalt besitzen und dieser Inhalt
ist bei Makarenko sofort sichtbar: nämlich die Arbeit. Erst aus der produktiven, vernünftigen
Arbeit können dann die höheren, konkreteren Inhalte der Disziplin herauswachsen : der kollektive
Geist, die Kameradschaft der Arbeitenden, die Wechselbeziehung zu den entstehenden Kollektiven
der Umwelt, der Wettbewerb, das gegenseitige Geben und Nehmen von Erfahrungen, die
gegenseitige sozialistische Erziehung durch Kritik und Selbstkritik, die individuelle Entfaltung der
einzelnen Kollektivmitglieder durch die Arbeit, das Lernen, das gemeinsame zielstrebige Leben,
das spontane und das bewußte Herauswachsen von Aufgaben höherer Ordnung und von
lichtvolleren Perspektiven aus der immer mehr gefestigten Wirksamkeit der Kollektivdisziplin.
Wie diese stets wachsende Höherentfaltung des Lebens der Gorki- Kolonie vor sich geht, ist
der Inhalt von Makarenkos Werk, den wir, wie betont, hier unmöglich reproduzieren können.
Dieser Inhalt mußte jedoch wenigstens angedeutet werden, wenn wir jene Episode in ihrem
richtigen Zusammenhang als Keim und Spur des Kommenden, als Keim und Spur der Methode
Makarenkos richtig verstehen wollen. Betrachten wir vor allem die in diesem Anfangsfall noch
verzweiflungsvoll spontane Entschlossenheit Makarenkos. Am Ende seines Werkes, als er bereits
Jahre reicher Erfahrung und vergeblicher Versuche, seine pädagogischen Kollegen und
Vorgesetzten zu überzeugen, hinter sich hat, sagt er: „Wie soll ich ihnen klarmachen, daß man ein
Kollektiv nicht an die Spannungen gewöhnen darf, die die Folgen unklaren Handelns und
öffentlicher Ohnmacht sind ...?“ Und in denselben Betrachtungen bekennt er: „Wie soll ich ihnen
klarmachen, daß meine Arbeit aus einer ununterbrochenen Kette von Operationen besteht, die
mehr oder weniger langwierig sind, sich zuweilen über Jahre erstrecken...?“ Makarenko weist hier
mit Recht darauf hin, daß die Spannungen zwischen Erzieher und Zögling zweierlei Gründe haben
können: einerseits Konflikte, die
420
Der sozialistische Realismus
aus den Entwicklungsbedingungen des Kollektivs selbst, aus den Charakteren der Zöglinge
objektiv notwendig entspringen, für deren Lösung also eigene Methoden, sowohl streng prinzipiell
als auch genau individualisiert, den Spezialfällen genau angepaßt, herausgearbeitet werden
müssen. Andererseits Konflikte, die daraus entstehen, daß die idealistisch ausgeklügelten
utopistischen Projekte der Erzieher mit der Wirklichkeit zusammenstoßen, sich praktisch als nur
Verwirrungen stiftend erweisen. Es ist klar, daß Konflikte dieses zweiten Typus zu eliminieren
sind - und das ist die Generallinie Makarenkos, der Inhalt seiner Kämpfe innerhalb wie außerhalb
des Kollektivs.
In diesem Zusammenhang wird das Problem der Disziplin aufgeworfen und zwar genau so, wie
Lenin häufig darüber spricht, als das der bewußten Disziplin. Makarenko gibt der Disziplin eine
richtige, mit der Auffassung Lenins völlig übereinstimmende Deutung: „Jeder vernünftige Mensch
wird in diesen Worten einen einfachen, verständlichen und praktisch notwendigen Gedanken
finden: wer Disziplin übt, muß ihre Notwendigkeit, Nützlichkeit, Verbindlichkeit und ihren
Klasseninhalt begreifen." In der Pädologie der Zeitgenossen Makarenkos verwandelt sie sich
jedoch in die falsche idealistische Lösung einer „Selbstdisziplin“, wobei der - an sich unbedingt
notwendige - Anteil der subjektiven Bewußtheit des Individuums nicht als Moment der Disziplin
genommen, sondern ihren wirklichen Bestimmungen als feindlich gegenübergestellt wird.
Makarenko verknüpft nicht nur die Disziplin mit der Einsicht in wesentlich richtige Verfügungen,
sondern sieht auch klar und verwirklicht zielbewußt, daß aus einer solchen diszipliniert
durchgeführten Arbeit, aus einem disziplinierten Lernen eine neue Qualität im kollektiven
Handeln, ja in der Lebensführung eines jeden einzelnen Kollektivmitglieds entspringt.
Er spricht dabei sehr richtig von „Stil“ und „Ton" des Kollektivs. „Stil entsteht sehr langsam,
weil er ohne Tradition undenkbar ist, das heißt ohne Grundsätze und Gewohnheiten, die nicht vom
reinen Bewußtsein angenommen werden, sondern in bewußter Achtung vor den Erfahrungen
älterer Generationen und vor der großen Autorität des ganzen Kollektivs, das ein Gebilde der Zeit
ist.“
Wer die innere Geschichte, Wachstum und Blüte der Gorki-Kolonie aufmerksam verfolgt, kann
sehen, daß die eben zitierten Bemerkungen Makarenkos die Essenz dieser Entwicklung auf den
Begriff bringen. Aus jeder richtig gelösten Aufgabe entspringt nämlich eine andere, höhergeartete.
Andererseits jedoch bringt jedes Ringen mit einer Schwierigkeit, jedes Überwinden einer solchen
eine neue Bereicherung, Festigung und Verfeinerung der seelischen Eignung zu höheren
Lösungen: die
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 421
Reproduktion des Stils auf höherer Stufenleiter. Und gerade in diesem Stil verwirklicht sich die
sozialistische Synthese von konkreter, entfalteter individueller Entwicklung und von zielbewußter
disziplinierter Kollektivarbeit. Denn dieser Stil ist seinem Wesen nach zugleich und untrennbar ein
Prinzip der Einheit und der Mannigfaltigkeit: der lebendige Stil des Kollektivs schleift die
anarchistisch-subjektivistischen, sonderlingshaften Eigenschaften eines jeden Einzelnen ab,
gleichzeitig jedoch, da jede zu lösende Aufgabe einen Komplex individueller Anstrengungen,
Einfälle, des individuellen Einsatzes benötigt, entfalten sich in jedem die vorhandenen Fähigkeiten
zur größten Höhe eines freien, abgestuften, jederzeit disponiblen Gebrauchs, wird der Einzelne zur
ausgeprägten Individualität gerade im Sinne der immer erneuten Bewährung innerhalb der eigenen
Praxis. Es wäre einseitig und deshalb falsch zu sagen, daß eine solche Formierung von starken
Persönlichkeiten ein einfaches Produkt des Kollektivs sei. Es ist eine Wechselwirkung, in welcher
freilich der Stil des Kollektivs zum übergreifenden Motiv wird. Es darf aber auch dabei nicht
vergessen werden, daß dieser Stil selbst seine Existenz und Qualität der Zusammenarbeit und dem
Einsatz gerade solcher Individualitäten verdankt, daß die Anstrengungen der Einzelnen zwar im
Stil des Kollektivs aufgehoben werden, diese Aufhebung jedoch durchaus auch im Sinne des
Aufbewahrens, des Auf- eine-höhere-Stufe-Erhebens verstanden werden muß.
Wirft man nur einen flüchtigen Blick auf die Aktionsweise der Gorki- Kolonie, so werden
diese abstrakten Feststellungen sogleich leicht und konkret verständlich. Der Stil, zu dem
Makarenko jeden seiner Schüler erhob, dessen Ausbildung er oft unsichtbar und unhörbar leitete,
war ein harter Stil, angespannte Arbeit und Hingebung fordernd, zugleich aber von derbem Humor
erfüllt, rücksichtslos, zuschlagend wenn notwendig, zugleich aber scharfäugig jeden Keim der
zukünftigen Entwicklung zum Richtigen respektierend. Ich möchte dabei besonders den Humor
hervorheben, denn gerade darin kommt jener unerschütterliche optimistische Glaube Makarenkos
an die Verbesserbarkeit der Menschen zum Ausdruck, der allmählich auch seine ganze
Gefolgschaft durchdringt.
Auch hier möge ein Beispiel genügen. Zu der wirtschaftlichen Entwicklung der Gorki-Kolonie
gehört, eine Mühle in Betrieb zu setzen. Die Mühle arbeitet für die gesamte Umgebung. Um nun,
neben der materiellen Hilfe, die Bauern auch sozial zu erziehen, verlangt die Leitung, daß man die
Mühle nicht einzeln, sondern in kollektiven Gruppen beanspruchen soll. Dabei ergeben sich mit
den Mittelbauern große Schwierigkeiten. Formell treten sie zwar organisiert auf, bei der prak-
422
Der sozialistische Realismus
tischen Durchführung entsteht aber stets - nach reichlichem Genuß von „Selbstgebranntem“ — ein
Kampf aller gegen alle, so daß die Kolonie jedesmal Verwundete solcher „Auseinandersetzungen"
verbinden muß.
Sehr bald aber wehrten sich die Gorki-Kolonisten entschieden und humorvoll gegen diese
bäuerliche Anarchie. Ein Kolonist, Ossadtschij, war der „Professor“, der andere, Lapotj, sein
„Assistent“. Sie verordnten den Renitentesten eine Wasserkur. Das heißt, die Kolonisten führten
die betreffenden Bauern rücksichtsvoll-energisch zum Fluß und begossen sie so lange eimerweise
mit Wasser, bis sich die Betrunkenen beruhigt hatten. Und so wurde nicht nur die Ordnung
wiederhergesteilt, die ruhige Arbeit in der Mühle gesichert, sondern die humorvolle Ent-
schlossenheit und Überlegenheit der Gorki-Kolonisten machte auch einen tiefen, erzieherischen
Eindruck auf die Mittelbauern. Sie wälzten sich vor Lachen, wurden aber zugleich nachdenklich.
„Wenn in jedem Dorf nur einer von der Sorte wäre, keiner würde mehr in die Kirche gehen“, sagte
einer der Bauern; „trinkt einer über den Durst, so heißt es jetzt bei uns: ,Hol den Wasserdoktor aus
der Kolonie, er soll ja auch ins Haus kommen' “, der andere.
V
Wir haben an zwei Beispielen - am Kameradschaftsgericht über Ushi- kow und jetzt an der
„Wasserkur" - gezeigt, wie Makarenkos Stil sich in der Gorki-Kolonie in die Praxis umsetzt. Wir
können also jetzt auf das Makarenkosche Prinzip der Explosion etwas näher eingehen. Aus seiner
Betrachtung über die Führung des Kollektivs und über seinen Gegensatz zu der damals
herrschenden pädologischen Anschauung haben wir bereits einige seiner wichtigen Aussagen
angeführt. Jetzt ist es an der Zeit, auch die entscheidende Formulierung zu geben. Wenn
Makarenko dort über die „ununterbrochene Kette von Operationen" spricht, die sich oft über Jahre
erstrecken, fügt er hinzu, daß diese „stets die Form von Kollisionen haben, bei denen die Interessen
des Kollektivs einerseits und der Einzelpersonen andererseits kaum entwirr bare Knäuel bilden“.
Als echter Dialektiker hebt Makarenko dabei nicht nur diese gemeinsame, immer wiederkehrende
Form der Kollision hervor, sondern zugleich, „daß es in den sieben Jahren meiner Tätigkeit nicht
zwei völlig gleiche Fälle in der Kolonie gegeben hat“.
Und daß es sich hier nicht nur um ein Programm handelt, sondern um wirkliche Prinzipien der
Praxis, zeigt das Gespräch mit den Pädagogen nach der uns bereits bekannten Verurteilung
Ushikows: „Natürlich ist
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 423
Boykott ein gefährliches Mittel, er ist nicht als allgemeine Maßnahme zu empfehlen, doch in
diesem Fall wird er von Nutzen sein ... Sehen Sie, dieser Ushikow ist in der Kolonie sehr
unbeliebt, er wird verachtet. Der Boykott legt zunächst einmal für die Dauer eines Monats eine
neue, obligatorische Form der Beziehungen fest. Hält Ushikow den Boykott aus, so muß er in der
Achtung der anderen steigen. Für ihn eine würdige Aufgabe.“ Makarenko differenziert also sehr
genau in der Anwendung seines Prinzips, er richtet seine ganze Aufmerksamkeit auf den
Einzelfall, auf die Individualität des jeweiligen Zöglings und seines Schicksals.
Dem widerspricht nicht, daß die Explosion, die bewußt, rechtzeitig ausgelöste oder, sofern
spontan ausgebrochen, entsprechend bewertete Kollision ein durchgehendes Erziehungsprinzip
wurde. Sie konnte dies werden, weil die ihr zugrunde liegenden gesellschaftlich-menschlichen
Tatsachen ein uraltes Erbe der Ethik bilden und deshalb unter den veränderten Bedingungen der
entstehenden neuen Sittlichkeit des Sozialismus - entsprechend verändert - als Erbe angetreten
werden können. Hier, wo es sich um Ethik handelt, pflegt man sehr selten und sehr zögernd von
Erbe zu sprechen. Verständlicherweise. Denn in der vor unseren Augen verfaulenden
Klassengesellschaft ist gerade auf diesem Gebiet die Fäulnis am grauenerregendsten, am
widerwärtigsten, so daß man sich schwer vorstellen kann, in der Ethik der Klassengesellschaften
ein wirkliches Erbe entdecken zu können. Man lasse sich aber auch hier nicht von der
Unmittelbarkeit verführen. Die altgriechische Ethik oder die der revolutionären Periode des
Bürgertums ist vom zynischen Nihilismus eines Gide oder Burnham sicher ebensoweit entfernt wie
Homer von Faulkner wie Shakespeare von Sartre. Lenin hat stets die - kritische - Aneignung auch
des ethischen Erbes ins Auge gefaßt. Wenn er zum Beispiel am Vorabend des Großen Oktober
über die menschlichen Zustände einer klassenlosen Gesellschaft spricht, betont er, daß man dort
„die elementaren, von alters her bekannten und seit Jahrtausenden in allen Vorschriften
gepredigten Regeln des Zusammenlebens... ohne Gewalt, ohne Zwang, ohne Unterordnung“
einhalten werde.
Nun glauben wir, daß die von Makarenko in den Mittelpunkt gestellte Kollision ebenfalls ein
solches uraltes ethisches Erbstück auffindet und sozialistisch erneuert. Wir meinen das Prinzip, das
seit Ari- ■ stoteles in der Tragödie und ihrer Theorie als Katharsis, als Reinigung der
Leidenschaften eine zentrale Rolle gespielt hat. Wenn hier an dieses Erbe erinnert wird, so kommt
es natürlich in erster Linie nicht auf die ästhetischen und dramaturgischen Probleme an, auf die
Wandlungen ihrer Bedeutung im Laufe zweier Jahrtausende. Ausschlaggebend ist für
424
Der sozialistische Realismus
uns die all diesen Problemen zugrunde liegende moralische Lebenstatsache: die Veränderung des
menschlichen Charakters durch jene Erschütterung, die eine radikal zu Ende geführte Kollision
(eventuell: die Betrachtung einer solchen) auslöst. Die rein ästhetischen Gesichtspunkte treten also
für uns zurück; das bedeutet aber keineswegs die Vernachlässigung jener moralischen
Erfahrungen, die in den tragischen Gebilden der Kunst und ihrer philosophischen Auslegung
aufgespeichert sind. Hat doch schon Aristoteles die Tragödie und ihr in seinen Augen wichtigstes
Moment, eben die Katharsis, als ein Problem der öffentlichen Moral angesehen. Und als Lessing
daranging, die Theorie des Aristoteles in ihrer unverfälschten Reinheit wiederherzustellen,
formulierte er das Wesen der Frage wieder rein ethisch, sogar volkspädagogisch. Die Katharsis von
Aristoteles besteht seiner Ansicht nach wesentlich „in der Verwandlung der Leidenschaften in
tugendhafte Fertigkeiten“. Entscheidend ist also nicht, was im Helden der Tragödie vor sich geht,
sondern das, was die dadurch hervorgerufene Erschütterung in den Zuschauern — moralisch -
auslöst. Damit ist von Lessing die Sendung der Tragödie als „moralische Anstalt" (Schiller)
trefflich umschrieben. Es ließe sich natürlich darüber streiten - und in der Dramaturgie geht diese
Diskussion seit Jahrhunderten vor sich -, wie die Katharsis, die Reinigung der Leidenschaften, sich
im Zuschauer abspielt, wie sie mit der dramatischen Kollision der Tragödie selbst zusammenhängt,
ob sie, wenn sie in den Zuschauern wirklich wirksam werden soll, nicht ebenfalls einen
Reinigungsprozeß bei den Personen des Dramas voraussetzt.
Ohne hier auf diese dramaturgischen Fragen näher eingehen zu können, muß doch bemerkt
werden, daß die ursprüngliche Parallelität vielleicht sogar gefühlsmäßiger Identifikation zwischen
den Personen des Dramas und den Personen des Zuschauerraums sicher enger und intimer war, als
es sich die späteren Theoretiker, insbesondere der Aufklärer Lessing, dachten. Denn es kann
unmöglich ein Zufall sein, daß von allen ursprünglich öffentlichen Kunstgattungen der Literatur
einzig die par excellence Kollisionen gestaltende Tragödie (und in ihrer spezifischen Weise auch
die Komödie) die Bewahrung der Öffentlichkeit genremäßig gebieterisch erfordert, während Epik
und Lyrik ohne an ihrer Substanz wesentlich Schaden zu nehmen, freilich mit äußerst wichtigen
Modifikationen, den allein lesenden — privaten - Aufnehmer dulden konnten. Und alle Versuche,
dem Drama diese unmittelbare Öffentlichkeit zu nehmen, die besonders in der bürgerlichen Zeit
häufig auftraten, mußten in einer inhaltlichen und formellen Entartung des Dramas enden. Das
beweist, daß der wesentliche Lebensstoff des Dramas - und jede echte Form ist nur die
Widerspiegelung solcher allgemeinsten und deshalb
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 425
immer wiederkehrenden Bestimmungen des Lebensstoffes eben die Kollision, ihrem Wesen nach
unzertrennbar mit der Öffentlichkeit verbunden ist.
Warum? Mit der Beantwortung dieser Frage können wir unseren dramaturgischen Exkurs
verlassen und uns wieder dem Leben selbst zuwenden: weil jene Leidenschaften, die in ihrer
extremen Entfaltung miteinander, mit der Gesellschaft kollidieren, in deren Konflikt der Kampf
des Absterbenden mit dem Entstehenden sich zuspitzt, Öffentliche Angelegenheit von höchster
Bedeutung sind. Jede Gesellschaft muß sich - als Gesellschaft - mit diesen Problemen
auseinandersetzen. Will sie es nicht oder kann sie es nicht, so ist diese Unfähigkeit ein Symptom
ihrer moralischen Fäulnis, die ihrerseits natürlich eine Folgeerscheinung entscheidender
ökonomischer Umwälzungen der Gesellschaft selbst ist. Diese Kollisionen muß jede Gesellschaft
Öffentlich austragen - Tragödie und Komödie sind nur eine der vielen Formen dieses Austragens
—, wenn ihre führende Klasse sich zur Klarheit darüber durchringen will, wie sich ihre Mitglieder
in entscheidenden Konfliktsfällen zu verhalten haben und sich tatsächlich verhalten.
Betrachtet man dieses Problem in den Klassengesellschaften, so fällt dabei dreierlei auf.
Erstens, daß diese Kollisionen zumeist spontan in Erscheinung treten. Es ist natürlich, daß
herrschende Klassen, deren Suprematie auf Ausbeutung und Unterdrückung der werktätigen Mas-
sen begründet ist, sehr oft eine Scheu davor haben, die Widersprüchlichkeit zwischen dem von
ihrer gesellschaftlichen Lage diktierten tatsächlichen Handeln und der von ihnen verkündeten
Moral Öffentlich zu erörtern. Durch Verschweigen oder ideologisches Verschmieren lassen sich
unbequeme Entwicklungstendenzen aber nicht aus der Welt schaffen. Es entstehen unvermeidlich
Explosionen im buchstäblichen Sinne, wenn bestimmte Widersprüche dieser Art den nötigen Grad
der Zuspitzung erlangen. Es genügt vielleicht, auf die Dreyfus-Affäre zu Ende des vorigen
Jahrhunderts hinzuweisen, die nicht nur Frankreich für Jahre in Atem hielt, sondern auch für ganze
Generationen der französischen Intelligenz von Zola und Anatole France bis zu Jean Richard
Bloch eine lebensentscheidende Katharsis bildete.
Zweitens muß hervorgehoben werden, daß sich die Reinigung der Leidenschaften in jeder
Gesellschaft naturgemäß nur auf dem ihr eigenen ideologischen Niveau abspielen kann; in den
Klassengesellschaften also nur mit falschem Bewußtsein. Das schließt natürlich nicht an und für
sich aus, daß eine Katharsis unter solchen Bedingungen die für die betreffende Gesellschaft
wichtigen und notwendigen Inhalte, Richtungen usw. der moralischen Klärungen erziele. Wenn
sich jedoch eine herr-
426
Der sozialistische Realismus

sehende Klasse im Niedergang, ja im Zustand der moralischen Auflösung befindet, entstehen


gesellschaftlich zwangsläufig Methoden einer moralisch irreführenden Pseudokatharsis. Das heißt,
die Ideologie der herrschenden Klasse erfindet für die wirklich vorhandenen, sich stets
verstärkenden moralischen Krisen ihrer Mitglieder (und erst recht für ihre Verbündeten und
Feinde) Verfahren, welche diese Krisen inhaltlich und richtungsmäßig in falsche, die tatsächlichen
Kollisionen nicht lösende, ja ihnen ausweichende, von ihnen wegführende Geleise lenken. Ein
solches Verfahren war die Ketzer- und Hexenverfolgung des späten Mittelalters, ein solches stellen
in unseren Tagen die Lehre Freuds und die anderen Abarten der „Tiefenpsychologie“ dar. Viele
Mitglieder auch der herrschenden Klasse erleben, um Freuds Worte zu gebrauchen, ein Unbehagen
an der Kultur, das sich nicht selten zu einer den ganzen Menschen erfassenden moralischen Krise
steigert, zu einer Krise der bürgerlichen Moral überhaupt, zum Zweifel an der Möglichkeit, weiter
der eigenen Klasse zugehören zu dürfen. Der Freudismus „löst" diese Krisen mit einer
Pseudokatharsis. Durch die Vorspiegelung falscher Ursachen der real vorhandenen moralischen
Krise, die freilich sehr geschickt so gewählt und geordnet sind, daß sie sich der unmittelbaren
Erlebniswirklichkeit der Bürger anpassen, dem unmittelbaren Vorherrschen rein subjektiver,
erotischer, sexueller Motive. Durch eine solche Pseudokatharsis wird die Krise des Einzelnen —
angeblich - gelöst und zwar so, daß der Betreffende nach der „Reinigung seiner Leidenschaften“
mit gutem Gewissen in den Reihen der Bourgeoisie verbleiben kann. Die gegen Makarenko
auftretenden Pädologen standen ausnahmslos, freilich oft, ohne es zu wissen, unter dem Einfluß
solcher Ideologien der imperialistischen Bourgeoisie.
Dieses Problem der Pseudokatharsis enthält aber noch eine andere wichtige Bestimmung, die in
jeder solchen dekadenten Verzerrung eine ausschlaggebende Rolle zu spielen pflegt: nämlich die
bewußte Verwandlung der notwendig Öffentlichen Kollision in eine rein private, völlig
individuelle. Das bedeutet, wie wir es am Beispiel des Freudismus sehen konnten, eine qualitative
Änderung des Inhalts und der Struktur der Kollisionen. Denn ihr gesellschaftlicher Charakter ist
nicht ein bloßer Zusatz zu jenen Bewußtseinstatsachen, die beim Konflikt im Individuum
entstehen, sondern darin kommen die realen und konkreten Wechselwirkungen des Menschen zu
seinen Mitmenschen und dadurch vermittelt zur Gesellschaft zum Ausdruck. Werden nun letztere
auf eine dinghafte, fetischisierte „Umwelt“, auf eine leblose Kulisse reduziert, vor welcher sich
angeblich ein Drama der auf sich selbst angewiesenen Individualität abspielen soll, so werden
damit entscheidende Be-
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 427
Stimmungen auch der in Frage stehenden Persönlichkeit entfernt, wird diese selbst inhaltlich
verarmt und in ihrer wesentlichen Struktur verzerrt. Natürlich ist gerade dies der soziale Auftrag
der dekadenten Bourgeoisie an die Vertreter der verschiedenen pseudokatharsischen
Verfahrensweisen: die für die Bourgeoisie als Klasse gefährlich heran- wachsende Kollision
entsteht ja unmittelbar gerade aus dem spontanen Problematisch-Werden der menschlichen
Beziehungen. Gelingt es, diese gesellschaftliche Problematik aus dem Bewußtsein der betreffenden
Menschen zu entfernen, so hat die Kollision bereits ihren - für die Bourgeoisie - drohenden
Charakter verloren. Man könnte sagen: sie hat vom Standpunkt der Bourgeoisie aus eine günstige
Lösung gefunden, einerlei worin der konkrete Inhalt einer solchen Pseudokatharsis im gegebenen
Fall bestehen mag.
Drittens entsteht vor dem Sieg des Sozialismus die gesellschaftliche Notwendigkeit der
Katharsis stets im engsten Zusammenhang mit der Verschärfung der Klassenkämpfe. Da die
Kollisionen einen solchen Ursprung haben, neigen sie zu einem Ausgang, der unlösbar ist, den wir
gewöhnlich mit dem Ausdruck tragisch bezeichnen; obwohl bedeutende Theoretiker des
Tragischen, wie Lessing, es als ein Vorurteil bezeichnen, „daß eine Tragödie notwendig eine
unglückliche Katastrophe haben müsse“, und große Kunstwerke vom „Ödipus auf Kolonos“ des
Sophokles bis zu Kleists „Prinz von Homburg“ bestätigen diese Aussage. Immerhin ist diese Form
der tragischen Katastrophe in den Klassengesellschaften nicht zufällig für die wirklich vollendeten
Tragödien typisch. Denn die „Versöhnung“ der Gegensätze kann unter den Bedingungen der
antagonistischen Widersprüchlichkeit der gesellschaftlichen Bestimmungen nur in seltenen
Ausnahmefällen rein zum Ausdruck gelangen, sich so durchzusetzen, daß die kämpfenden, in
Kollision geratenen Gegensätze nicht abgeschwächt, nicht ihrer extremen Zuspitzung beraubt
werden, wodurch die Kollision und mit ihr die Katharsis ihre Allgemeingültigkeit als
Zusammenfassung und Losung von Widersprüchen in ihrer höchsten, alle wichtigen
Bestimmungen enthaltenden Entfaltung verlieren muß. Es ist also ebensowenig zufällig, daß echte
Kollisionen in den Klassengesellschaften innerlich vollendet zumeist nur in der tragisch
katastrophalen Weise ausgetragen werden können, wie, daß auch solche Klassenverhältnisse selten
sind, in denen sich die Menschen zu einem konsequenten Austragen ihrer Kollisionen moralisch
aufschwingen können.
Mit der Einsicht in diese typischen Eigentümlichkeiten der Kollisionen und ihrer kathartischen
Wirkung innerhalb der Klassengesellschaften, die wir freilich hier nur in ihren rohesten Umrissen
skizzieren
428
Der sozialistische Realismus
konnten, gewinnen wir erst den Zugang zur Explosionsmethode Maka- renkos. Denn unsere
Betrachtungen haben durch Aufzeigen des Gegensatzes erwiesen, daß die Kollisionen im
Sozialismus nicht immer notwendig spontan entstehen, sondern - in zunehmendem Maße - bewußt
ausgelöst, oder wenigstens, wenn spontan entstanden, bewußt zu Ende geführt werden können; daß
dieses leitende Bewußtsein auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus ein richtiges
Bewußtsein sein kann und sein soll; daß dieses richtige Bewußtsein nicht nur an sich inhaltlich ge-
geben ist, sondern man vielmehr zu seinem praktischen Geltend-Machen über neue, ausgebildete
Methoden verfügt (es genügt, wenn wir an das oben Ausgeführte über Kritik und Selbstkritik
erinnern); daß endlich die Bedingungen des sozialistischen Lebens jede Möglichkeit bieten,
Kollisionen mit der äußersten Schärfe bis zum extremsten Entfalten all ihrer Bestimmungen
auszutragen, ohne daß dabei ein tragischkatastrophaler Ausgang notwendig oder typisch wäre.
Natürlich kann ein solcher unmöglich a limine ausgeschlossen werden. Das Neue ist nur, daß
ein tragischer Ausgang nicht mehr die typisch notwendige Lösung von extrem zugespitzten,
radikal zu Ende geführten Kollisionen darstellt. Auch Makarenko berichtet über Zöglinge, deren
Charakteranlagen durch die Lebensumstände so gründlich verzerrt waren, daß sie das Kollektiv
freiwillig oder unfreiwillig verlassen mußten. (Sogar ein Fall von Selbstmord kommt vor.) So zum
Beispiel beim Zögling Mitjagin, bei dem das Stehlen fast zu einer Weltanschauung geworden ist.
Und an dieser „Weltanschauung“ hält er fest, obwohl er das Kollektiv liebt und achtet und deshalb
seine Diebereien nur außerhalb der Gorki-Kolonie ausübt. Makarenko beobachtet diese Tatsachen
mit tiefem Bedauern: „Ich sah voraus, daß wir uns von Mitjagin würden trennen müssen. Es war
schmerzlich, sich der eigenen Ohnmacht bewußt zu werden; um Mitjagin selbst tat es mir leid. Er
war wohl auch selbst der Meinung, daß er in der Kolonie nicht bleiben konnte, doch es fiel ihm
schwer, die Kolonie zu verlassen, weil er hier ziemlich viele Freunde gefunden hatte und die
Kleinen an ihm klebten wie Fliegen an Zucker."
Dennoch mußte es zum Bruch kommen. Ein Teil der Jungen raubt unter Mitjagins Einfluß
systematisch die Bauern aus; sie plündern die Melonenfelder, sie stehlen einen ganzen
Bienenstock. Hier kommt es zur endgültigen Entscheidung. Mitjagin muß aus dem Kollektiv
entfernt werden. Die Gründe, die weitaus nicht nur Mitjagin allein betreffen, setzt Makarenko
detailliert auseinander und gibt daran anschließend ein so umfassendes Bild über die Motive seines
pädagogischen Handelns, daß wir diese Ausführungen trotz ihrer Länge zitieren müssen:
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 429
„Mitjagin mußte so schnell wie möglich entfernt werden. Mir war klar, daß ich diese
Entscheidung unverzeihlich lange hinausgeschoben und übersehen hatte, daß sich schon seit
langem in unserem Kollektiv ein Prozeß der Fäulnis bemerkbar machte. Vielleicht waren diese
Melonengeschichten oder die Plünderung des Bienenstandes an sich noch nicht das schlimmste;
daß jedoch die Gedanken der Zöglinge stets auf diese Dinge gerichtet waren, daß die Tage und
Nächte immer von den gleichen Taten und Eindrücken erfüllt waren, bedeutete völligen Stillstand
in der Entwicklung unseres Lebensstils, bedeutete also Stagnation. Und von dem Hintergrund
dieser Stagnation zeichneten sich für den aufmerksamen Beobachter bereits sehr wenig anziehende
Erscheinungen ab; eine vorlaute Dreistigkeit der Zöglinge, ein für die Zöglinge spezifisch-vulgärer
Ton in ihrem Verhalten zur Kolonie und zur Arbeit, ermüdende und hohle Witzeleien, Elemente
eines nicht zu leugnenden Zynismus. Ich sah, daß selbst Jungen, wie Beluchin und Sadorow, die
sich niemals an kriminellen Dingen beteiligten, allmählich den früheren Glanz verloren, als hätten
sich ihre jungen Seelen mit Rost bedeckt. Unsere Pläne, die Lektüre eines interessanten Buches,
die Erörterungen politischer Fragen, wurden in unserer Gemeinschaft auf einen bescheidenen Platz
an die Peripherie gedrängt, während im Mittelpunkt üble und billige Abenteuer sowie endlose
Gespräche über diese Abenteuer standen. All das spiegelte sich auch im Äußeren der Zöglinge und
der ganzen Kolonie wider: träge, schlaffe Bewegungen, ein unsauberer und oberflächlicher Drang,
witzig zu sein, eine liederliche Art, die Kleidung zu tragen und in die Ecken gekehrter Schmutz."
Die Entfernung Mitjagins geht nicht ganz glatt vor sich. Karabanow, ein älteres, sonst
vielversprechendes Mitglied der Kolonie, schließt sich ihm an. Dennoch war die von Makarenko
bewußt hervorgerufene Kollision heilsam. Nicht nur für die allgemeine Lebensführung der
Kolonie, sondern auch für Karabanow. Vor die Wahl gestellt, schließt er sich zwar zuerst Mitjagin
an, trennt sich jedoch bald von ihm; geht zu seinem Vater, der in der Nähe ein Bauerngut
bewirtschaftet, hält es aber auch dort nicht aus, und erscheint „plötzlich" in der Kolonie. Es kommt
zu einem Gespräch zwischen Karabanow und Makarenko. „Semjon (Karabanow, G.L.) sprang
vom Stuhl auf und zitterte vor verhaltener, heißer Leidenschaft. ,Ich kann nicht - verstehen Sie -
ich kann nicht! In den ersten Tagen ging es noch, aber dann - nun ich kann einfach nicht! Ich gehe,
arbeite, und wenn ich dann beim Mittagessen... an alles denke, manchmal hätte ich am liebsten
geheult... Ich sag’s Ihnen: ich hänge so an der Kolonie - hab’s selbst nicht gewußt; ich dachte, das
gibt sich wieder, und dann: Na, gehst mal hin und schaust nach
43°
Der sozialistische Realismus
Aber nun, wie ich herkam und sah, was hier alles los ist ... es ist ja so gut hier bei Ihnen ...'“ Nach
all dem ist es selbstverständlich, daß Makarenko ihn nicht nur mit Freude aufnimmt, sondern auch
auf Karabanows Selbstvorwürfe nur erwidert: „Schon gut ... Laß das ruhen.“ Und Karabanow wird
im weiteren Verlauf eine aktive Hauptstütze des kollektiven Geistes, des Stils der Gorki-Kolonie.
Wir glauben, daß nach diesen wenigen, beliebig vermehrbaren Beispielen das Wesen der
Makarenkoschen Explosionsmethode klar vor uns steht, auch ihr innerer Zusammenhang mit der
kritischen Aneignung des ethischen Erbes, das in der Menschheitserfahrung bezüglich der
individuellen und sozialen Auswirkungen von Kollisionen aufgespeichert ist. Die kritischen
Gesichtspunkte, die qualitativen Unterschiede zwischen Kollisionen in den Klassengesellschaften
und im Sozialismus haben wir ebenfalls kurz berührt: den Gegensatz zwischen überwiegender
Spontaneität und Vorherrschen des Bewußtseins, den zwischen falschem und richtigem
Bewußtsein, zwischen der öffentlichen und privaten Wesensart der Kollisionen, den Gegensatz im
typischen Charakter ihrer katastrophalen oder günstigen Lösung.
Betrachten wir nun die Anwendung dieser Methode bei Makarenko, so fällt zuerst die
Untrennbarkeit des individuellen und kollektiven Gesichtspunktes auf. Makarenko hilft nur dann
eine solche Kollision auszulösen, wenn die falsche Entwicklung eines Zöglings auf das ganze
Leben des Kollektivs einwirkt. Der eben behandelte Fall Mitjagins zeigt klar, von welchen
Erwägungen Makarenko sein Handeln bestimmen läßt. Die mehr oder weniger bewußt zur
Explosion gebrachte Kollision ist in Makarenkos Augen nur dann sinnvoll und heilsam, wenn die
Katharsis allgemein ist: die Kollision spitzt sich zwar unmittelbar auf einen Zögling oder auf eine
beschränkte Gruppe zu, die Reinigung der Leidenschaften vollzieht sich jedoch im ganzen
Kollektiv, vollbringt eine Änderung des menschlichen Verhaltens aller seiner Mitglieder. Und dies
nicht nur dann, wenn, wie im Fall Mitjagin, eine moralische Ansteckung verhältnismäßig breiter
Schichten des Kollektivs vorliegt, sondern auch, wenn die öffentliche Meinung des bereits
gefestigten Kollektivs einmütig gegen den Übeltäter Stellung nimmt. So zum Beispiel in dem von
uns bereits angeführten Fall Ushikows. Auch hier bringt die Lösung der Kollision eine Reinigung
der Leidenschaften im ganzen Kollektiv hervor. Makarenko berichtet: „Sowohl die Kolonie als
auch Ushikow machten sich mit Hingabe an den Boykott. Die Zöglinge brachen wirklich jeden
Umgang mit Ushikow ab, aber zugleich waren ihr Zorn und ihre Verachtung gegen diesen
nichtsnutzigen Menschen verschwunden. Es war, als hätte das Urteil des Gerichts dies
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 431
alles auf sich genommen. Mit großem Interesse beobachteten die Zöglinge Ushikow von weitem,
führten endlose Gespräche über das Geschehene und über alles, was Ushikow in Zukunft zu
erwarten hatte.“ Die positive Lösung, über die wir schon berichtet haben, ist also nicht nur bei
Ushikow, sondern auch bei seinen Kameraden durch die konsequente Austragung der Kollision
seelisch vorbereitet.
Ein weiteres, wichtiges Kennzeichen der Besonderheit Makarenkos in der Durchführung dieser
Methode liegt einerseits darin, daß die Auslösung und Austragung der Kollision nur dann wirklich
(dauernd wirksam sein kann, wenn sie die gesamte Persönlichkeit der jungen Menschen erfaßt. Das
nur intellektuelle Überzeugen bildet zwar ein unerläßliches Moment des normalen
Erziehungswerks, wenn jedoch durch die Erschütterung der Kollision der Einzelne und das
Kollektiv zu einem — langsam herangereiften - qualitativen Sprung veranlaßt werden sollen, muß
sich die Katharsis immer auf den ganzen Menschen, auf seine Gefühle, Phantasie, Leidenschaften
usw. erstrecken, um in der Zukunft einen festen Halt, eine unzweideutige Richtung für seinen
Willen abgeben zu können. Andererseits und im engsten Zusammenhang damit kann eine solche
Erschütterung infolge der Kollision nur dann diese dauerhaften Ergebnisse erzeugen, wenn der
durch sie ausgelöste qualitative Sprung tatsächlich den Knotenpunkt einer kürzeren oder längeren,
sorgfältig beobachteten allmählichen Entwicklung bildet, wenn in der Kollision tatsächlich die
allmählich heranreifenden Bestimmungen einer moralischen Krise zur Explosion gelangen. Und
endlich wäre es ein grobes Mißverständnis der Methode Makarenkos, wenn man in der hier
angedeuteten Kritik am nur bewußtseinsmäßigen Überzeugen auch nur den Schatten einer
Unterschätzung der Rolle der Bewußtheit erblicken würde. Ganz im Gegenteil. Makarenko
verankert die Ergebnisse der Kollisionen bewußtseinsmäßig ebenso wie die der „friedlichen“ Ent-
wicklung. Als Leninist weiß er jedoch, daß Massen (und Einzelne) am gründlichsten durch eigene
Erfahrungen lernen. Diese bewußt zu machen, ist eine der Zentralaufgaben der Kollisionen;
deshalb spielen dabei Kritik und Selbstkritik eine so ausschlaggebende Rolle. Was aber als
Abschluß eines krisenhaften Prozesses die endgültige Entscheidung herbeiführt, kann ohne diese
Verankerung in den eigenen Lebenserfahrungen der Individuen sehr leicht von oberflächlicher,
vorübergehender Wirkung sein.
Bei der Übersiedlung nach Kurjash, wo ein völlig verkommenes pädagogisches Unternehmen
mit der alten Gorki-Kolonie verschmolzen werden soll, gelingt es den Kolonisten gleich am ersten
Tag die Kur- jasher Kollegen durch humorvolle Entschlossenheit gleichsam zu über-
432
Der sozialistische Realismus
rennen und sie zur freiwilligen Vereinigung zu überreden. Dies war freilich nur deshalb möglich,
weil die Kurjasher, so selbstbewußt sie äußerlich auftraten, in der Tiefe der Seele mit den
Umständen ihres Lebens, mit ihrer eigenen Lebensführung schon längst unzufrieden waren, weil
die Anwesenheit Makarenkos und seiner wenigen Begleiter aus der Gorki-Kolonie vor der
allgemeinen Übersiedlung diese Unzufriedenheit noch mehr an die Oberfläche gebracht hatte.
Makarenko beschreibt diesen Zustand vor der Ankunft der ganzen Gorki-Kolonie plastisch und
sehr deutlich auf unser Problem zugespitzt, auf das Heranreifen der Kollision:
„Ich lernte mit geheimer Schadenfreude beobachten, mit welchen Schwierigkeiten die
Kurjasher jetzt zu kämpfen hatten, um in den Speiseraum zu gelangen und dann nach der
Nahrungsaufnahme ihren Geschäften nachzugehen: auf ihrem Weg gerieten sie mit Balken,
Gräben, Sägen, erhobenen Äxten, Lehmgruben und Mörtelhaufen und ... mit ihren eigenen Seelen
in Konflikt. Allem Anschein nach waren in diesen Seelen Tragödien im Entstehen, und durchaus
nicht Tragödien in scherzhaftem Sinn, sondern richtige Shakespearische Tragödien. Ich bin
überzeugt, daß damals so mancher Kurjasher für sich deklamierte: .Sein oder Nichtsein, das ist hier
die Frage ...‘
Sie schlenderten erneut auf den Hof, drückten sich in der Nähe der Arbeitsplätze herum,
konnten sich aber aus falscher Scham vor den Kameraden nicht entschließen, die weiße Fahne zu
hissen und um Erlaubnis zu bitten, wenigstens irgendeinen Gegenstand von einer Stelle zur
anderen tragen zu dürfen.“
Erst auf solcher Grundlage ist das spielerisch leichte Uberrennen aller Widerstände sofort nach
Ankunft der Gorki-Kolonie möglich geworden. Der Sieg scheint vollständig zu sein, Makarenko
beobachtet aber mit Sorge, daß die Kollision und mit ihr die Katharsis nicht breit und tief genug
waren. Er sagt: „Die Masse der Kurjasher wurde an einem Tag davon überzeugt, daß die
eingetroffenen Abteilungen ihr ein besseres Leben bringen, daß Menschen mit Erfahrung
gekommen sind, um zu helfen, und daß man mit diesen Menschen weiter Zusammengehen
müsse... Aber es war eben nur ihr Bewußtsein, das ich gewonnen hatte, und das war schrecklich
wenig. Gleich am folgenden Tage wurde das in seiner ganzen Tragweite klar.“ Es mußten noch
weitere Schritte unternommen werden, teils in der Alltagspraxis, um den Stil der Gorki- Kolonie in
allen Fragen des Lebens, von der Reinlichkeit bis zur Arbeitsdisziplin, zur Geltung zu bringen;
teils entstanden aus den so erwachsenen Widersprüchen neue Kollisionen, deren Austragen dazu
verhalf, das vorerst nur bewußtseinsmäßig Erworbene zum seelischen Besitz des
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 433
ganzen Menschen, zur Grundlage seines richtigen Handelns und Verhaltens in der Zukunft zu
machen.
Der Grund ist unschwer einzusehen. Solange in einzelnen Mitgliedern des Kollektivs zwar
Neigungen, Überzeugungen usw. vorhanden sind, die zum Stil des Kollektivs in Widerspruch
stehen, diese Widersprüche sich jedoch in der Alltagspraxis abstumpfen oder nur zu episodischen
Reibereien führen, können solche Widersprüche nie wirklich aufgehoben werden, sofern sie etwas
für das Individuum und für das Kollektiv Wesentliches betreffen und nicht nur für beide Teile
Vorübergehendes, von selbst Verschwindendes darstellen. Das Stumpf-Werden solcher
Widersprüche im Alltagsleben ist bloßer Schein. In Wirklichkeit gleitet der Einzelne einer
moralischen Sackgasse zu, und im Kollektiv schwelt eine verborgene moralische Fäulnis. Die
Kollision nun, die in dem Offenbar-Wer den, in der Explosion solcher lange latent gebliebenen
Widersprüche zum Ausdruck kommt, kann nur dann befriedigend gelöst werden, wenn einerseits
das Kollektiv rücksichtslos auf den Forderungen seines Stils besteht und wenn andererseits das mit
ihm in Widerspruch geratene Individuum ebenso rücksichtslos dazu gezwungen wird, alle
Konsequenzen seines Verhaltens zu ziehen; alles, was dieses Verhalten beinhaltet, zu Ende zu
denken und zu erleben, zu verstehen, daß es mit dem Weiterleben im Kollektiv unvereinbar ist, daß
für den Einzelnen, solange er dabei beharrt, kein Weg in ein sinnvolles Leben möglich ist.
Makarenkos pädagogisches Ausnutzen der uralten Kollisionserfahrungen, die
Explosionsmethode - einerlei ob die Explosion bewußt hervorgerufen, in ihrem Ausbruch
beschleunigt oder gar spontan hervorgetreten und nur bewußt verwertet wurde - besteht also
wesentlich darin, daß die Kollisionen radikal zu Ende geführt werden, bis zum Biegen oder
Brechen des Individuums; daß in ihrer Durchführung sämtliche moralischen Bestimmungen des
Konfliktes zu Ende gedacht, zu Ende geführt werden und an die Oberfläche des Lebens treten; daß
der im Mittelpunkt der Kollision stehende Mensch vor eine unerbittliche kompromißlose Wahl
gestellt ist. Erst, indem er sowohl gedanklich als auch lebensmäßig dazu gezwungen wird, alle
Konsequenzen seines Verhaltens zu sehen, zu begreifen, sie praktisch auf sich zu nehmen, kann
eine klare Wahl entstehen: entweder seinem bisherigen Verhalten treu zu bleiben und aus der
Gemeinschaft ausgestoßen zu werden oder innerlich eine vollständige Umkehr zu vollziehen, sich
selbst moralisch umzukrempeln, ein anderer Mensch zu werden.
Was also in den tragischen Konflikten durch den katastrophenhaften Untergang des Helden für
die meisten Menschen verdeckt ist, wird hier
434
Der sozialistische Realismus
offenbar. (Die falschen bürgerlichen Theorien von der „tragischen Schuld“ über die „Versöhnung"
bis zum „Pan-Tragismus" haben hier ihre theoretischen Wurzeln.) Die Kollision bedeutet für den
Einzelnen — ähnlich wie die Revolution für die Völker, wie die Tragödie in der Kunst daß das
Leben selbst alle seine Tendenzen und Bestimmungen aufs äußerste zuspitzt und daß dadurch das
Wesen der Menschen, der Parteien, der Klassen, all ihre Gesinnungen und Überzeugungen an der
zu Ende geführten Praxis, an ihrer Erprobung oder an ihrem Versagen gewogen und damit für alle
ins wahre Licht gestellt werden. Lenin gibt wiederholt solche Beschreibungen vom Wesen der
Revolution. Die erste Revolution (1905), sagt er: „hat alle Klassen (und alle wichtigen Parteien)
der russischen Gesellschaft einander — und der ganzen Welt - gezeigt, in ihrer wirklichen Natur,
in dem wirklichen Wechselverhältnis ihrer Interessen, ihrer Aktionsmethoden, ihrer nächsten und
ferneren Ziele.' ‘ Oder an anderer Stelle, ebenfalls über die erste Revolution: „Alle Klassen treten
offen auf. Alle programmatischen und taktischen Anschauungen werden durch die Aktion der
Massen erprobt... Jeder Monat dieses Zeitraums brachte den Massen wie den Führern, den Klassen
wie den Parteien nicht weniger Kenntnisse der Grundelemente der politischen Wissenschaft bei als
ein Jahr .friedlicher', .konstitutioneller' Entwicklung.“
Der Sieg der Revolution, der Aufbau des Sozialismus bringt hier freilich fundamentale
Veränderungen. In seinen Aufsätzen über Sprachwissenschaft bestimmt Stalin diese Unterschiede
endgültig und mit größter Schärfe gegen jene, die nicht imstande sind, die grundlegenden
Gegensätze zwischen „Vorgeschichte" und „Geschichte“ der Menschheit zu sehen. Das
Umschlagen von Quantität in Qualität bleibt zwar seinem inneren Wesen nach ein revolutionärer
Prozeß, da er jedoch unter den Bedingungen des Sozialismus nach Stalins Worten eine
„Revolution von oben" ist, muß die alte Konzeption der Explosion verworfen werden. Stalin zeigt
dies außerordentlich klar an der Agrarentwicklung im Sozialismus, die, wie er sagt, eine
Revolution vorstellt, ohne sich - aus den eben angegebenen Gründen - in der Form einer Explosion
zu vollziehen.
Die Wichtigkeit dieses entscheidenden Unterschiedes soll aber nicht die Tatsache verdunkeln,
daß die Kollision ihr wesentlichstes Kennzeichen, das Umschlagen eines gesellschaftlich-
moralischen Widerspruchs aus dem Quantitativen ins Qualitative, die theoretisch-praktische
Radikalität im Austragen der Gegensätze und dadurch das Aufdecken aller Bestimmungen bewahrt
hat. Wenn die „Revolution von oben“ in der Agrarwirtschaft der Sowjetunion ohne Explosion vor
sich ging, so war sie doch nicht nur ökonomisch eine grundlegende und zu
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 435
Ende geführte Umwälzung, sondern alle ihre Probleme wurden theoretisch wie praktisch mit
größter Schärfe ausgetragen; es traten die mannigfaltigsten Kollisionen auf - man denke an Stalins
Artikel über die Leute, die vor lauter Erfolgen den Kopf verloren hatten -, in deren Zu-Ende-
Führen es natürlich keinerlei Abstumpfung oder Milderung der Gegensätze geben konnte. Denn
gerade Stalin lehrte uns, daß der dialektische Gegensatz zwischen Altem und Neuem,
Absterbendem und Entstehendem die Grundlage für die Entwicklung der ganzen Mensch-
heitsgeschichte bildet. Die Formen ändern sich sogar qualitativ (der Antagonismus der
Widersprüche stirbt ab), aber der bewegende Widerspruch bleibt.
Aus unseren bisherigen Darlegungen geht hervor, daß diese sozialistische Umwandlung der
Explosion auch in Makarenkos Theorie und Praxis vorhanden ist. Wir verweisen dabei erneut auf
seine äußerst wichtige Feststellung des Unterschiedes in der Erziehung normaler und nicht-
normaler Kinder. Was bedeutet dieser Unterschied nun vom Standpunkt der Makarenkoschen
Methode? Vorerst: Makarenko faßt das Normale stets in seiner gesellschaftlichen Bedeutung auf
und nicht psychologisch wie die bürgerlichen und unter bürgerlichem Einfluß stehenden
Pädagogen. Die Periode des Bürgerkriegs hat sehr viele Kinder heimatlos gemacht und dadurch in
ihnen, obwohl sie im Sinne der Psychopathologie in der überwältigenden Mehrheit völlig normal
waren, asoziale, antisozialistische Gewohnheiten, Verhaltungsweisen usw. entstehen lassen.
Makarenkos Methode setzt sich zum Ziel, dies auszumerzen, die Kinder in gesellschaftlicher
Hinsicht zu normalen, d. h. zu sozialistischen Menschen zu erziehen. Die Reinigung der
Leidenschaften durch die Kollision muß in solchen Fällen gewaltsam, explosionsartig eingreifen.
Denn nur so ist es möglich, diesen Kindern den sozialen Scheideweg, auf den sie zumeist
unverschuldet geraten sind, wirklich sinnfällig zu machen, in ihnen die zur Umkehr notwendige
Erschütterung hervorzurufen.
Indessen kann jeder Leser Makarenkos beobachten, wie diese Kollisionen mit der Entwicklung
der Mehrzahl der Zöglinge zu einem lebensfähigen Kollektiv ihren Charakter, ihren Ton
verändern. Natürlich geht dies mit vielen Krisen und Rückfällen vor sich; natürlich muß, wenn
verwilderten, abnormal gebliebenen Kindern der Stil der Gorki-Kolonie beigebracht werden soll,
vielfach noch mit den alten Mitteln gearbeitet werden. Je mehr jedoch die Traditionen der Kolonie
zu lebendiger und steter Wirksamkeit erstarken, desto weniger ist dies nötig. (Der Ton von
Makarenkos zweitem Roman ist durch diese qualitative Änderung bestimmt.)
436
Der sozialistische Realismus
Bedeutet dies nun, daß Kollisionen (mitunter sogar explosiven Charakters) bei normalen
Kindern völlig ausgeschlossen sind? Makarenko sagt nichts dergleichen. Er spricht von einer
„überaus differenzierten Taktik“. Also von einer verbesserten und verfeinerten Verfahrensweise
bei normalen Kindern, nicht aber von einer prinzipiellen Änderung der Methode. Er begründet es
damit, daß die unter normalen Umständen normal heranwachsenden Kinder „keine starken
Demonstrationen des Willens, keine ins Auge fallende Emotion" brauchen, eben weil ihr normales
Leben bereits die Anlagen zum sozialistischen Verhalten entwickelt. Kurz gefaßt kann man diesen
Entwicklungsgegensatz an seinen Polen so zusammenfassen: in der Anfangszeit handelt es sich
darum, aus einem praktischen Nichts, aus „abnormalen" Kindern, aus theoretisch wie praktisch
nicht vorbereiteten Erziehern inmitten einer noch lange nicht sozialistischen Umgebung ein
sozialistisches Kollektiv entstehen zu lassen, jedes seiner Mitglieder krisenhaft durch Kollisionen
zu einem das ganze Leben bestimmenden sozialistischen Bewußtsein zu erheben. Bei der
Erziehung normaler Kinder ist diese äußere und innere Umwelt inner- und außerhalb der Schule
infolge der machtvollen Aufwärtsentwicklung des Sozialismus vorhanden. In der Theorie und
Praxis der Pädagogik herrschen jetzt die entfalteten Bestimmungen des sozialistischen Lebens.
Makarenko mußte diese Bestimmungen mit Hilfe der im Kollektiv wachgerufenen Energien, mit
Hilfe des sozialistischen Staates und der Kommunistischen Partei in der Gorki-Kolonie erst zum
Leben erwecken, zur Entfaltung bringen. Deshalb glaubten wir, das Recht zu haben, sein Werk als
„ursprüngliche Akkumulation" der sozialistischen Pädagogik zu bezeichnen.
VI
„Der Weg ins Leben" ist ein großes Kunstwerk. Das ist das unmittelbare Erlebnis eines jeden
Lesers. Soll man jedoch über dieses Erlebnis Rechenschaft erstatten und den Kunstwert des
Buches ästhetisch darlegen, so entsteht bei manchen eine gewisse Verlegenheit, sogar Ratlosigkeit.
Warum? Dieses Werk Makarenkos läßt sich schwer in irgendeine literarische Gattung
einordnen. („Flaggen auf den Türmen" ist ein ausgezeichneter Roman. In dieser Hinsicht gibt es da
überhaupt keine Probleme.) Und warum hier? Sollte man nicht sagen: hier ist uns ein völlig neuer
Lebensstoff dargeboten worden, wir haben ihn von der ersten bis zur letzten Seite mit
angespanntem Interesse, fasziniert aufgenommen - was geht es uns an, mit welchen Mitteln diese
Wirkung erzielt wurde?
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 437
Was gehen uns die Formen an, wenn der Lebensstoff selbst durch seine inhaltliche, ideelle Neuheit
und Tiefe auf uns wirkt? Solche Fragen klingen fürs erste sehr überzeugend. Sie enthalten aber
doch nur Halbwahrheiten, und deshalb muß über sie hinausgegangen werden.
Vorerst: es ist richtig, daß in der Wirkung des Buches die Fülle des originellen und
überzeugenden Lebensstoffes unmittelbar das entscheidende Moment ist. Es fragt sich aber: ist es
wirklich gleichgültig, was für ein literarisches Medium, was für ein Medium der Worte diese Wir-
kung des Stoffes vermittelt? Ist es wirklich wahr, daß jeder echte und inhaltsvolle Lebensstoff, wie
immer er auch vorgetragen wird, eine solche Wirkung auslöst? Es genügt, die Frage zu stellen, um
sogleich einzusehen, daß dem nicht so ist. Jede Literatur, insbesondere wenn ihr Interesse auf einen
wirklich neuen Lebensstoff gerichtet ist, kennt massenhaft Kunstwerke, durch die wir uns mühsam,
mit Langerweile kämpfend durcharbeiten müssen, obwohl wir während und nach der Lektüre - rein
verstandesmäßig - immer wieder feststellen, daß wir es mit einem neuen Gehalt zu tun haben, daß
das, was der Schriftsteller uns mitteilen will, wichtig, bedeutsam ist, ja daß wir das Auf-
genommene anderwärts theoretisch wie praktisch nutzbringend verwerten können. Der Lektüre
selbst aber fehlt dennoch alles Packende und Mitreißende.
Man sieht: hier liegt doch ein Problem vor. Wir können sogar feststellen, daß jene Werke, in
denen ein Lebensstoff als solcher ganz rein auf uns wirkt, durch die wir zu Betrachtern des Lebens
selbst zu werden scheinen, weit seltener sind als solche bedeutenden Kunstwerke, die zwar
ebenfalls die reiche Fülle der Menschen weit darstellen, bei denen man aber, auch wenn man sich
nicht ununterbrochen darüber Rechenschaft gibt, immer fühlt, daß man von einer bewußten Kunst
geleitet wird, in denen man die führende Hand des Künstlers ständig empfindet. Daß also die
Darstellungsweise sich in einen reinen Spiegel der Welt verwandelt, daß der Schriftsteller wie der
Teufel bei Lesage nur das Dach von den Wohnstätten der Menschen entfernt, damit wir ihr Leben,
so wie es ist, unmittelbar wahrnehmen können, daß er - um den berühmten Ausspruch Schillers
umzudrehen -, die Form durch den Stoff vertilgt, gehört zu den größten Seltenheiten der
Literaturgeschichte.
Obwohl diese Zweiteilung nur einen Unterschied der künstlerischen Wirkung beschreiben und
keinesfalls eine ästhetische Rangordnung statuieren soll, spricht sie doch das Vorhandensein eines
ästhetischen Problems aus. Dieses Problem wird insbesondere in solchen Zeiten brennend, in
denen die Neuheit eines qualitativ anders gewordenen Lebens auf uns einstürmt. Jede wirkliche
Form ist stets die eines konkreten Gehalts.
438
Der sozialistische Realismus
Ihre Vollendung und die Kriterien dieser Vollendung findet sie aber niemals als Form an sich,
sondern ausschließlich darin, was und wieviel sie aus den entscheidenden Bestimmungen des
Gehalts herausholt und wie sie es tut, um diese Bestimmungen in die ihre besondere Lebens-
bedeutung ausdrückende und gestaltende Form zu verwandeln. Je mehr nun eine Zeit von neuen
Inhalten schwanger ist, desto stärker wird Kunst und Kunstbetrachtung von zwei falschen
Extremen bedroht. Einerseits kommt es leicht zu einer ästhetischen Überschätzung des bloß
mitgeteilten, rohen, ungestalteten, neuen Inhalts und die Wichtigkeit der künstlerischen Gestaltung
wird vernachlässigt. Andererseits - und dieser Gefahr sind vor allem die Kritiker ausgesetzt - geht
man von Formkonzeptionen aus, die den alten Gehalt vergangener Perioden ausdrücken, liest aus
ihnen den ästhetischen Maßstab für die Beurteilung einer jeden Kunst ab, was dann zwangsläufig
eine völlige Blindheit für das künstlerische Neue, zuweilen bahnbrechend Neue an solchen Werken
zur Folge hat.
Wir haben bereits das autobiographische Element in Makarenkos Buch hervorgehoben. Damit
ist ein wichtiges Moment der Gestaltungsweise bezeichnet. Freilich nur für jene, die aus der
Betrachtung der größten autobiographischen Schriften gelernt haben, daß Selbstdarstellung
keineswegs ein Vorherrschen, ein In-den-Vordergrund-Stellen jener Persönlichkeit ist, die Subjekt
und Objekt der Autobiographie abgibt. Ganz im Gegenteil. Die klassischen Autobiographien haben
zwar stets die Entwicklung einer bedeutenden Persönlichkeit zum unmittelbaren Gegenstand. Ein
wirklich hervorragendes Individuum verdankt aber sein Gewicht und seine Durchschlagskraft vor
allem der Fähigkeit, von den heranwachsenden wichtigen Tendenzen seiner Epoche fruchtbar zu
lernen, sie der Entwicklung seiner Fähigkeiten einzuverleiben und auf solcher Grundlage diesen
Fähigkeiten seinerseits zur stärkeren Entfaltung zu verhelfen. In diesem Sinne berichteten Goethe
und Gorki über ihren Lebensweg: bei beiden - und dies ist ein typischer, kanonischer Zug - macht
die Darstellung der Außenwelt, der wichtigsten Zeitströmungen die Hauptmasse der Werke aus;
das Selbst des Künstlers erscheint erst in Wechselwirkung mit diesen Strömungen, als von ihnen
Hervorgebrachtes. Das Sich-Formieren einer bedeutenden Persönlichkeit wird so zu einem
historischen Ereignis; gerade die Betonung, die breite und tiefe Schilderung der gesellschaftlich-
geschichtlichen Umwelt läßt die Persönlichkeit des Autors selbst als das, was sie in Wahrheit ist,
als welthistorische Individualität hervortreten.
Wir sprachen von den autobiographischen Elementen im Werk Makarenkos. Daraus folgen:
sowohl eine Ähnlichkeit mit dem eben geschilder-
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 439
ten Typus der Selbstdarstellung als auch wesentliche Unterschiede. Die Ähnlichkeit besteht darin,
daß auch Makarenko seine Entwicklung nicht von „innen“, nicht psychologisch analysierend zum
Ausdruck bringt, sondern durch Gestaltung des Lebens und Wachstums der Gorki-Kolonie : deren
Entwicklungsetappen bestimmen und umreißen die Konturen seiner Entfaltung als Persönlichkeit.
Und zwar vor allem als Pädagogen. Und hier beginnt bereits der Unterschied: während in den
klassischen Autobiographien die Gesamtpersönlichkeit des Autors den zentralen Gegenstand
bildet, will Makarenko nur seine Entwicklung als Erzieher, als Organisator und Theoretiker der
sozialistischen Erziehung schildern. Als Resultat steht zwar die kluge und starke, scharfsinnige und
warmherzige, rücksichtslos harte und humorvolle Persönlichkeit Makarenkos vor uns; dies wurde
jedoch nicht direkt, sondern auf einem solchen Umweg erzielt und deshalb drückt dieser
Unterschied dem gesamten Aufbau und Stil des Werkes seinen Stempel auf.
Noch wichtiger ist der Unterschied in der Gesamtkonzeption. Goethe oder Gorki - um bei
diesen Beispielen zu bleiben - schildern ihre Entwicklung als die exzeptioneller Persönlichkeiten in
einer Umwelt, die der Entfaltung mehr oder weniger Hindernisse in den Weg stellt. Die Dramatik,
die Spannung solcher Autobiographien besteht nicht zuletzt darin, wie diese großen Männer aus
dem feindlichen Element entwicklungsfördernde Elemente herauszulösen und sich anzueignen
vermögen. Daraus folgt erstens, daß der Prozeß der Rezeptivität der Wirklichkeit im Vordergrund
steht, zweitens — und im engsten Zusammenhang damit —, daß als innerer und äußerer
Formationsprozeß der Persönlichkeit die Kindheits- und Jugendgeschichte das Hauptthema bildet;
sobald die Persönlichkeit ihre welthistorisch bedeutsamen Konturen erhalten hat, schließt die
Autobiographie folgerichtig ab.
In seinem zweiten Roman faßt Makarenko diese Unterschiede klar zusammen. Er sagt über
Sacharow, der deutlich die Züge des Autors trägt: „Diesen bescheidenen Abschnitt der
revolutionären Front hat eine kleine, zufällig zusammengewürfelte Gruppe alltäglicher anständiger
Pädagogen besetzt. An ihrer Spitze stand Sacharow, ebenfalls ein alltäglicher Mensch. Nur eines
gab es in diesem Unternehmen, das ungewöhnlich, das überraschend war: die Oktoberrevolution
und die neue Perspektive. Daher war Sacharow und seinen Freunden die Aufgabe klar: die
Erziehung des neuen Menschen." Diese Erklärung und die bereits angeführten Schlußworte des
ersten Werkes, daß an die Stelle des „Pädagogischen Poems" bald wissenschaftliche Werke über
die Methodik der kommunistischen Erziehung treten werden, bezeichnen den Unterschied der
Aufgabe und der Atmosphäre ihrer Lösung.
44°
Der sozialistische Realismus
Der Inhalt der Autobiographie ist deshalb nicht das menschliche Sich-Formieren des
Verfassers, sondern sein Weg zur theoretischen und praktischen Klarheit in den zentralen Fragen
seines Berufs. Er tritt also in das Werk zugleich als fertiger Mensch und als Anfänger, als
Werdender in der Zentralfrage seines Lebens, und das Erlangen einer solchen Reife ist das einzige
Thema der Autobiographie. Dies würde, dem Anschein nach, Makarenkos Werk eher den
„Erziehungsromanen" nähern, wenn bei diesen nicht auch das Hauptgewicht auf dem Sich-
Formieren des Menschen, also wieder auf Kindheit und Jugend läge. Die bloße Tatsache also, daß
nur eine - freilich ausschlaggebende - Entwicklungsstufe und nicht die Entwicklung der ganzen
Persönlichkeit in ihrer Genesis geschildert wird, schafft hier eine entscheidende Abgrenzung.
Diese drückt sich auch darin aus, daß das Uberwiegen der Außenwelt in beiden Fällen etwas völlig
Verschiedenes bedeutet: in den klassischen Autobiographien ist die Welt ein unübersehbares Feld
der fruchtbaren Rezeptivität, bei Makarenko dagegen ebenso überwiegend das Objekt des
Handelns, und das Lernen von den Ereignissen ist nur ein selbstverständlich innewohnendes
Moment der fruchtbaren Tätigkeit.
Vielleicht noch wichtiger ist Makarenkos Ausspruch über die Bedeutung der eigenen
Persönlichkeit. Es handelt sich nicht darum, ob diese Selbstbewertung objektiv zutrifft. (Gorki legt
ja seine Autobiographie ebenfalls nicht als die einer außergewöhnlichen Individualität an.) Un-
abhängig von jedem Urteil der Autoren über sich selbst besteht hier ein objektiver Gegensatz. Ob
Gorki es will oder nicht: seine Selbst darstel- lung erhält infolge des heroischen Kampfes mit der
Ungunst der Umwelt doch den Akzent des Außergewöhnlichen, während dieser Akzent bei
Makarenko darauf gelegt wird, daß der Autor in der unübersichtbar großen Front des
sozialistischen Aufbaus, des Ringens um den neuen Menschen als Soldat in den Reihen der
organisiert Kämpfenden steht. Diesen Unterschied statuiert nicht das persönliche Gewicht der
Schriftsteller, sondern der Unterschied zwischen dem Handeln im Kapitalismus und im
Sozialismus. Gorki ist auch als Selbstdarsteller nicht weniger bescheiden als Makarenko, und die
Gesamtheit des Erziehungswerks von Makarenko läßt die Bedeutung seiner Persönlichkeit
strahlend erscheinen. Aber unabhängig davon geht es im ersten Fall um die Bewahrung und
Formierung einer bedeutenden Persönlichkeit im Kampf gegen ihre Umgebung, im zweiten um die
systematische Rettung und Erziehung Hunderter von Kindern durch einen starken und
zielbewußten Willen, der aber - bewußt - Kämpfer innerhalb eines sozialen Kollektivs ist, der seine
wirkliche Bedeutung erst im Wechselverhältnis zu den Kollektiven des sozialistischen Aufbaus
erhält.
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 441
Dieser Unterschied verändert den gesamten Aufbau, die gesamte Struktur des Werkes. Die
Gestalten und Begebenheiten der sozialen Umwelt bestimmen zwar in beiden Fällen die Entfaltung
der Persönlichkeit des Selbstdarstellers. Diese Wechselwirkung erhält jedoch jeweils eine
qualitativ verschiedene Beschaffenheit: in den klassischen Autobiographien ist sie - trotz dieses
gewichtsmäßigen Überwiegens der Umwelt - auf den Autobiographen zentriert, das heißt jeder
Mensch und jedes Ereignis erhält sein Gewicht durch den Einfluß, den er oder es auf den Autor
ausüben; bei Makarenko dagegen bildet die Umwelt wirklich den Mittelpunkt: an ihrem Wachstum
wächst auch Makarenko selbst.
Dies hat kompositionell zur Folge, daß eine Masse den Hauptgegenstand der Gestaltung abgibt.
Natürlich erscheint die Masse sehr oft als Beziehung von Einzelnen zu Einzelnen. Während die
klassischen Autobiographien aber dabei stehenbleiben, sind hier solche in den Vordergrund
gerückten menschlichen Beziehungen Einzelner stets nur Kristallisationen einer bestimmten
Entwicklungsstufe der Masse selbst, die Einzelnen nur Repräsentanten der Strömungen innerhalb
dieser konkret vor uns gestalteten Masse (und nicht nur Repräsentanten von gesellschaftlich
wichtigen Schichten oder Tendenzen, was natürlich auch in den großen Autobiographien der
Vergangenheit der Fall ist). Dadurch rückt auch die Persönlichkeit Makarenkos in anderer Weise
in den Mittelpunkt: sie ist das Kraftzentrum, von dem jene Impulse ausgehen, die die
Höherentwicklung der Masse, des Kollektivs und darin jedes Einzelnen bewußt leiten; das hilft, die
klärenden Kollisionen auszulösen und richtig zu Ende zu führen.
Mit alledem ist eine völlig neue kompositioneile Aufgabe gestellt, die sich sowohl von der der
Autobiographie als auch von der der Romane unterscheidet. Den ersten Unterschied haben wir
bereits klargelegt. Von der normalen Komposition des Romans trennt den „Weg ins Leben“, daß
der Stoff und die Gestaltungsart keine individuelle Handlung, keine Fabel zulassen. Man glaube
nicht, daß es sich dabei um irgendeine „schriftstellerische“ Eigenart Makarenkos handelt. Sein
zweites Buch ist ein normaler - und zwar sehr guter - Roman, mit einer ganz normalen
individuellen Fabel, mit einem normalen, klar übersichtlichen epischen Aufbau, in dem das
Schicksal, die Umerziehung der ins Vagabundentum verirrten Gruppe Igor-Wanja-Wanda-
Ryshikow dargestellt wird; das Kollektiv der Kolonisten und Zöglinge mit Sacharow- Makarenko
an der Spitze bildet ebenfalls normal romanmäßig die Umgebung im inneren wie äußeren Sinne: es
wird erzählt, wie diese „Neuen“ (mit Ausnahme des tief verkommenen, zum wirklichen
Verbrecher ge-
442
Der sozialistische Realismus
wordenen Ryshikow) dem im wesentlichen völlig ausgebildeten Kollektiv einverleibt werden.
Ganz anders in „Der Weg ins Leben”. Hier besteht das Thema darin: wie das Kollektiv selbst
entsteht, wie die Prinzipien seines Aufbaus, des menschlichen Zusammenhalts seiner Mitglieder
aus einer chaotischen Wirklichkeit herauswachsen und von Makarenko bewußt gemacht werden;
wie sich das Kollektiv trotz aller Krisen und Rückfälle ständig zu einer höhergearteten Festigkeit
entfaltet, und zwar so - und dies ist kompositioneil sehr wichtig —, daß die entwickeltsten
Zöglinge die Kolonie verlassen, um nach weiterer Ausbildung ins Leben selbst einzutreten, daß
ununterbrochen neu hinzukommende Elemente assimiliert werden müssen, ohne die
Aufwärtsbewegung zu hemmen. Für ein solches Thema kann also unmöglich die individuelle
Fabel eines Romans den zusammenhaltenden Faden abgeben. Das in ununterbrochenem Wechsel
der Einzelnen wachsende und erstarkende Kollektiv, die Masse der Gorki- Kolonisten, ist der
eigentliche „Held" des Werkes.
Es wäre aber ebenfalls falsch, den „Weg ins Leben" nun als Roman eines „Gegenstandes“,
eines Milieus zu betrachten, so wie dies seit dem Zolaschen Naturalismus in der bürgerlichen
Literatur zur Wirksamkeit kam und bis in die tastenden Anfänge der sozialistischen Literatur einen
gewissen Einfluß auch auf diese ausübte. Eine solche Fassung des Themas stammt aus den
fetischisierenden Tendenzen der kapitalistischen Gesellschaft, wonach man in den Gegenständen
der menschlichen Tätigkeit nicht Vermittlungen der menschlichen Beziehungen erblickt, sondern
den eigentlichen dichterischen Gegenstand selbst; es wird dabei, wie Julius Hay richtig bemerkte,
der Themenkreis mit dem konkreten literarischen Thema verwechselt. Makarenko hat mit allen
derartigen Bestrebungen nichts zu schaffen. Sein literarischer Blick ist, wie der eines j eden großen
Schriftstellers, alles andere als fetischisierend: er sieht nicht nur überall und sofort die konkreten
gesellschaftlich-menschlichen Beziehungen und stellt jedes sachliche Vermittlungsglied
dichterisch spontan an die richtige, der gesellschaftlichen Wirksamkeit und Wirklichkeit
entsprechende Stelle, sondern vermag auch, wie wir oben ausführlich gezeigt haben, aus der
Menschenbetrachtung jedes fetischisierende Moment radikal auszumerzen. Makarenkos Kollektiv
hat also nichts mit jenen Fabriken, Markthallen usw. Zolas zu tun, die zwar nachträglich - bis zu
einem gewissen Grade - mit menschenähnlichen Figuren „bevölkert“ werden, die jedoch in solchen
schriftstellerischen Konzeptionen eine gestalterische Priorität vor den Menschen erlangen.
Makarenkos Kolonie ist auf jeder Stufe der Entwicklung die verwickelte, sich ständig wandelnde,
widerspruchsvolle Einheit verwickelter, sich ständig wan-
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 443
delnder, widerspruchsvoller Beziehungen von konkret gesehenen und lebendig gestalteten
Menschen. Die Kolonie erlangt, auch darstellerisch, nie eine von diesem, sie bildenden Komplex
aus Menschen und menschlichen Beziehungen unabhängige dichterische Existenz; es fehlen ihr da-
her auch alle Elemente jenes romantischen Symbolismus, mit dem die begabteren Naturalisten den
prosaischen Charakter der „Dinghaftig- keit" ihres Themas zu überwinden, besser gesagt zu
verdecken trachteten.
Der „Held“ von Makarenkos Buch ist also die konkrete und lebendige Masse der Gorki-
Kolonisten. Diese Bestimmung bedarf aber ebenfalls einer Konkretisierung, damit sie nicht etwa
mit allerhand falsch modernen Tendenzen verwechselt wird. Auch in solchen Fällen geht in der
bürgerlichen Literatur der Niedergangszeit eine Fetischisierung vor sich: der Masse wird ein
selbständiges, von den sie bildenden einzelnen Menschen unabhängiges Sein zugeschrieben und
die einzelnen Menschen, ihre Schicksale lösen sich völlig in der Masse auf, werden ihr gegenüber
sekundär, ja nichtig. Makarenkos Masse ist zwar stets eine fühlbare, erlebte Wirklichkeit, sie ist
zwar mehr als die bloße Summe ihrer Mitglieder. (Es genügt, wenn wir auf den bereits erörterten
Stil der Kolonie hinweisen, um diesen konkreten Zusammenhang der Einzelnen mit der Masse zu
verdeutlichen.) Jedoch diese ständige und ununterbrochen wirksame Allgegenwart der Masse im
Leben eines jeden Kolonisten bedeutet noch lange nicht, daß sie in der Gestaltung der einzelnen
Begebenheiten ständig konkret und literarisch als herrschend vergegenwärtigt wäre. Im Gegenteil.
Im überwiegenden Teil der von Makarenko erzählten Ereignisse steht eine konkrete Persönlichkeit
oder eine Gruppe von konkreten Einzelpersönlichkeiten im Vordergrund; ihr individuelles
Schicksal ist das, was jeweils entschieden wird.
Wie entsteht aber doch dieses künstlerische Erlebnis der Allgegenwart der Masse? Erstens aus
ihrer aktiven Teilnahme an allen wichtigen Einzelereignissen. Die Masse ist nicht einfach
begleitender oder kommentierender Chor, sondern mithandelnd, im dramatischen Geschehen
selbst. Zweitens - und zwar mit dem Wachstum des Kollektivs parallel, also auf immer höherer
Stufenleiter -, weil der Einzelne, auch wenn er individuell handelt, auch wenn unmittelbar sein
persönliches Geschick im Vordergrund steht, sich stets als Teil der Masse empfindet und in jeder
Tätigkeit von diesem Zusammenhang bestimmt wird. Drittens, weil das Verhältnis zwischen
Einzelnen und Masse künstlerisch ununterbrochen relativiert wird: das heißt, es sind immer
Einzelne aus der Masse, auf die infolge bestimmter Begebenheiten die scharfe Beleuchtung des
Vordergrundes fällt; ist jedoch ihre Angelegenheit erledigt, so verschwinden sie
446
Der sozialistische Realismus
Entwicklungsfähigkeit der Masse nicht mehr an einem - notwendigerweise - stets mehr oder
weniger zufälligen Exempel, sondern an der in Einzelpersönlichkeiten gegliederten Masse selbst
erprobt wird. Zweitens ist bei jeder der Gestalten Makarenkos das Erheben aus der Dumpfheit des
früheren Alltags nicht von einem exzeptionellen Ereignis ausgelöste, exzeptionelle Einzeltat - die
deshalb ebenfalls unaufhebbare Momente des Zufälligen in sich trüge -, sondern ein notwendiger
Teil des gesellschaftlich notwendig auftretenden und erstarkenden neuen Lebens. Deshalb führen
Krisen, Kollisionen, moralische Erhebungen, die darauf folgen, nicht mehr in das Grau-in-Grau
des alten Lebens zurück, sondern bilden notwendige Stufen zu einem immer höher gearteten
Dasein. Drittens wird die eben geschilderte, oft krisenhafte Entwicklung hier bewußt, sozialistisch
bewußt geleitet. Auch die auslösenden Begebenheiten verlieren dadurch viel von ihrer Zufälligkeit,
denn selbst, wenn sie sich unmittelbar spontan, zufällig ereignen, verwandelt die bewußt
pädagogische Behandlung diese Zufälligkeit in die Notwendigkeit der sozialistischen
Lebensführung.
Wir haben also in „Der Weg ins Leben“ einerseits eine lose Kette von einzelnen interessanten
Begebenheiten, Abenteuern vor uns wie in den bedeutenden Romanen des 17. und 18.
Jahrhunderts. Während aber andererseits in diesen-im Gegensatz zum Roman des 19. Jahrhunderts
- die konkret verbindende Einheit einer gestalteten Umwelt fehlt, ist bei Makarenko, allerdings in
einer ganz eigenartigen Weise, gerade diese das zusammenhaltende Medium (die Gorki-Kolonie
umgeben vom sozialistischen Aufbau), und zwar ist sie künstlerisch noch viel stärker wirksam als
bei den großen kritischen Realisten. Balzac hat, gerade als er diesen kompositionellen Unterschied
zwischen seinen Vorgängern und seinen eigenen Bestrebungen bestimmen wollte, den Roman des
17. und 18. Jahrhunderts als Literatur der Ideen bezeichnet. Mit vollem Recht, da in dieser
Literatur, deren Stoff eine noch nicht völlig ausgebildete bürgerliche Gesellschaft war, die „Ideen“
das geistige Ferment abgeben mußten für den künstlerischen Zusammenhalt kompositionell lose
verbundener einzelner Abenteuer. Mit der Festigung der bürgerlichen Gesellschaft als real
zusammenfassendes und vereinheitlichendes, seins- haftes Prinzip aller Begebenheiten entsteht als
literarische Widerspiegelung der moderne bürgerliche Roman im eigentlichen Sinne, den Balzac in
richtiger Erkenntnis der späteren Tendenzen schon bei seinen Zeitgenossen (Victor Hugo usw.) mit
Literatur der „Bilder" (images) bezeichnet. Balzac selbst betrachtet seine Kunst als eine
„eklektische“ Synthese dieser zwei Richtungen: einerseits der Literatur der „Ideen“, andererseits
jener Tendenzen, die die neuen Lebenstatsachen künstlerisch
Der sozialistische Aufbau und die Entstehung des neuen Menschen 447
unmittelbar (malerisch usw.) widerzuspiegeln trachten. So ungenau und ungerecht dieser Ausdruck
„eklektisch" als Bezeichnung der künstlerischen Leistung Balzacs sein mag, so kommt darin die
Problematik von „Idee“ und Wirklichkeit in jenen Lösungen, zu denen der bürgerliche Realismus
infolge seiner sozialen Schranken gelangen konnte, doch klar zum Vorschein. Erst in der
sozialistischen Gesellschaft, gerade infolge des von Marx festgestellten richtigen Verhältnisses von
Idee und Wirklichkeit, ist der Traum Balzacs, eine Literatur der „Ideen“ auf konsequent gestalteter
universaler Realitätsbasis zu geben, erfüllbar geworden. Ähnlichkeit und Unterschiede zwischen
Makarenko und seinen bedeutenden Vorgängern, das Verhältnis der realistischen Tradition zum
qualitativ Neuen wird uns durch diese Einsicht noch klarer.
„Der Weg ins Leben“ ist aus Begebenheiten aufgebaut, die sich als solche nicht zu einer Fabel
verknüpfen und doch eine organische Einheit bilden; es ist ein Werk von gewaltigem Realismus
aller Details und seinem Wesen nach doch eine typische Verkörperung der Literatur der „Ideen".
Ist doch das wesentlichste Ergebnis der von Makarenko gestalteten Welt gerade die Geburt einer
„Idee“: der Idee der sozialistischen Pädagogik. Hier kann man wieder die originelle Künstlerschaft
Makarenkos bewundern. Sein Werk ist, wie gezeigt wurde, aus solchen einzelnen Begebenheiten
zusammengesetzt, die zumeist als Kollisionen auftreten. Aus diesen wird im Werk die
sozialistische Pädagogik geboren, aber nicht etwa als „Endziel“. Vielmehr ist der künstlerische
Gang des Werkes, daß in den einzelnen Kollisionen Widersprüche einer bestimmten
Entwicklungsstufe ausgetragen werden; die daraus entstehende höhere Stufe erzeugt nun
Widersprüche höherer Art und ihnen entsprechend durchgeführte Kollisionen und Lösungen usw.
So geht durch das ganze Werk, obwohl ihm die einheitlich individuelle Fabel fehlen muß, eine
einheitliche Linie der entstehenden, aufgelösten und sich wieder setzenden Widersprüche
hindurch, und als Krönung entsteht das Kollektiv mit seinem gefestigten Stil, entsteht sein Zum-
Be- griff-Erheben: die sozialistische Pädagogik Makarenkos.
Es ist eine klassische Gestaltung des dialektischen Verhältnisses von Idee und Wirklichkeit.
Der Idee als Produkt der gesellschaftlichen Seinsbestimmungen und Prozesse und zugleich als
Motor ihrer Veränderung, als Beschleuniger ihrer Wandlung; des Widerspruchs als bewegendes
Prinzip der Wirklichkeit in Sein und Bewußtsein. Wenn wir hier das Wort klassisch gebraucht
haben, so taten wir es im Sinne von Marx und Engels, die in diesem Wort zuallererst eine
Bezeichnung realer Zusammenhänge erblickt haben, für die also der ästhetische Gebrauch etwas
Abgeleitetes sein mußte, nur dann gerechtfertigt, wenn Gehalt und Form
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Der sozialistische Realismus
ästhetisch richtige Widerspiegelungen eines im Leben der Gesellschaft klassisch zu nennenden
Tatbestandes sind. So ist für Marx die Entwicklung des englischen Kapitalismus klassisch, und
Engels spricht allgemein von der logischen Behandlungsweise als „korrigiertem Spiegelbild" der
Wirklichkeit, „aber korrigiert nach Gesetzen, die der wirkliche geschichtliche Verlauf selbst an die
Hand gibt, indem jedes Moment auf dem Entwicklungspunkt seiner vollen Reife seiner Klassizität
betrachtet werden kann". Diese Bestimmung von Engels gilt - mit den Variationen, die aus der
Eigenart der künstlerischen Widerspiegelung der Wirklichkeit folgen - auch für die Ästhetik.
In diesem Sinne glauben wir, Makarenkos Werk klassisch nennen zu dürfen. Es stellt einen
bedeutsamen Lebensprozeß so dar, daß alle Stufen in voller und entfalteter Reife erscheinen, daß
alle entscheidenden Bestimmungen sich in der Bewegung ihrer wirklichen Widersprüche
entwickeln: die entstehende sozialistische Gesellschaft gebiert vor unseren Augen ein wichtiges
Vehikel ihres höheren Wachstums. Der klassische Charakter dieses Stoffes bestimmt die originelle
Klassizität seiner Form. Denn, wenn ein bedeutender Schriftsteller einen echten und deshalb neuen
Lebensstoff entdeckt, entsteht immer eine echte Form, mag sie auch noch so wenig unseren Form-
Vorurteilen entsprechen. Hier wurde die „ursprüngliche Akkumulation" der sozialistischen
Pädagogik gestaltet. Nicht zufällig streift also diese Form von fern solche Formgebungen, die
ebenfalls erst Entstehendes widerzuspiegeln trachteten. Da aber die Entstehung des Sozialismus
auf welchem Gebiet immer in den entscheidenden Bestimmungen etwas prinzipiell, qualitativ
Neues ist, muß sich auch die künstlerische Form, in der dieser Prozeß erscheint, von allen früheren
entsprechend unterscheiden. Klassizität ist also keineswegs, wie die formalistische
Betrachtungsweise meint, ein Gegensatz zur wirklichen Originalität, der Originalität des neuen Ge-
halts und der aus ihr organisch entstehenden neuen Form, sondern, im Gegenteil, ihre künstlerische
Erfüllung.