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Leserbriefe

2. Egle UT, Egloff N, von Känel R (2016) Stress-induced tients with fibromyalgia syndrome. Systematic
Korrespondenzadresse hyperalgesia (SIH) as a consequence of emotional review, meta-analysis and guideline. Schmerz
deprivation and psychosocial traumatization 26:291–296
Prof. Dr. med. W. Häuser childhood : Implications for the treatment of 7. Sluka KA, Clauw DJ (2016) Neurobiology of
Innere Medizin 1 (Gastroenterologie, Hepatolo- chronic pain. Schmerz 30:526–536 fibromyalgia and chronic widespread pain.
gie, Stoffwechsel- und Infektionskrankheiten, 3. Häuser W, Kosseva M, Üceyler N, Klose P, Sommer Neuroscience 338:114–129
Psychosomatik), Klinikum Saarbrücken GmbH C (2011) Emotional, physical, and sexual abuse 8. Van Oosterwijck J, Meeus M, Paul L, De Schryver M,
Winterberg 1, 66119 Saarbrücken, Deutschland in fibromyalgia syndrome: A systematic review Pascal A, Lambrecht L, Nijs J (2013) Pain physiology
whaeuser@klinikum-saarbruecken.de with meta-analysis. Arthritis Care Res (Hoboken) educationimproveshealthstatusandendogenous
63:808–820 pain inhibition in fibromyalgia: A double-blind
4. Häuser WB, Kühn-Becker H, Erdkönig R, Brähler E, randomized controlled trial. Clin J Pain 29:873–882
Interessenkonflikt. W. Häuser und K. Bernardy sind Glaesmer (2012) Is the association of self-reported 9. ÜçeylerN, BurgmerM, FriedelE, GreinerW, PetzkeF,
Mitglieder der Steuergruppe der S3-Leitlinie zum Fi- childhood maltreatments and adult fibromyalgia Sarholz M, SchiltenwolfM, Winkelmann A, Sommer
bromyalgiesyndrom (FMS) und haben Studien zur syndrome attributable to depression? A case C, HäuserW(2017)ÄtiologieundPathophysiologie
Bedeutung psychosozialer Faktoren sowie Metaana- control study. Clin Exp Rheumatol 30:59–64 des Fibromyalgie-Syndroms – Eine Analyse von
lysen zur Wirksamkeit psychotherapeutischer und 5. Kivimäki M, Leino-Arjas P, Virtanen M, Elovainio systematischen Übersichtsarbeiten und prospek-
medikamentöser Verfahren beim FMS durchgeführt. M, Keltikangas-Järvinen L, Puttonen S, Vartia tiven Kohortenstudien sowie eine Übersicht über
M, Brunner E, Vahtera J (2004) Work stress Studien zur Small Fiber Neuropathie beim FMS.
and incidence of newly diagnosed fibromyalgia: Schmerz 31 (im Druck)
Literatur Prospective cohort study. J Psychosom Res 10. You DS, Meagher MW (2016) Childhood ad-
57:417–422 versity and pain sensitization. Psychosom Med
1. Bernardy K, Klose P, Busch AJ, Choy EH, Häu- 6. Köllner V, Häuser W, Klimczyk K, Kühn-Becker 78:1084–1093
ser W (2013) Cognitive behavioural therapies H, Settan M, Weigl M, Bernardy K, Arbeitsge-
for fibromyalgia. Cochrane Database Syst Rev meinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen
10:CD009796 Fachgesellschaften (2012) Psychotherapy for pa-

Schmerz 2017 · 31:400–401 U. T. Egle


DOI 10.1007/s00482-017-0194-1 Dep. Psychosomatische Medizin, Klinik Barmelweid, Barmelweid/Aarau, Schweiz
Online publiziert: 13. Februar 2017
© Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. Published

Es geht uns nicht um


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Fibromyalgie

Erwiderung zeichnisses und der anschließenden Ver- bromyalgie befasst. Eine solche ist gerade
ankerung im Text – eine Literaturstelle in der 8. Auflage des „Uexküll“, des Stan-
Zum Leserbrief von Häuser W, Bernardy K verloren gegangen ist: Es handelt sich dardwerks der psychosomatischen Me-
(2017) Stressinduzierte Hyperalgesie. um die Ergebnisse einer prospektiven dizin, von uns [2] publiziert worden.
Schmerz. doi:10.1007/s00482-017-0193-2
Studie der im Fibromyalgiebereich re- Unser Anliegen bei der Übersichtsarbeit
nommierten Manchester-Arbeitsgruppe in Der Schmerz war es, anhand neuerer
Originalpublikation um John McBeth [1], die – wie im Text tierexperimenteller sowie am Menschen
korrekt referiert – ein 20-fach erhöhtes durchgeführter Studien als dritten we-
Egle UT, Egloff N, von Känel R (2016) Stress-
induced hyperalgesia (SIH) as a consequence Risiko für das Auftreten eines Fibromy- sentlichen Mechanismus – neben neuro-
of emotional deprivation and psychosocial algiesyndroms in einem 15-monatigen pathisch und nozizeptiv determinierten
traumatization in childhood: Implications for Beobachtungszeitraum bei definierter bi- Schmerzen – stressinduzierte Schmerzen
the treatment of chronic pain. Schmerz opsychosozialer Ausgangslage feststellte bei den in der schmerztherapeutischen
30:526–536
(„We have demonstrated that psychoso- Versorgung im deutschsprachigen Raum
cial factors including multiple physical Handelnden bekannt zu machen. We-
Wir danken Häuser u. Bernardy für den symptoms, help-seeking for health prob- sentlich an diesem Modell ist, dass da-
Hinweis, dass in unserer Publikation bei lems, sleep problems and adverse life bei neurobiologische Forschungsergeb-
den Ausführungen zur Bedeutung einer events increase the likelihood of the nisse aus der Stressforschung mit sol-
anhaltend belastenden Stresssituation im onset of CWP in the next 15 months 20- chen aus der Schmerzforschung in Ver-
Vorfeld des Auftretens einer chronischen fold in a community sample“, S. 669). bindung gesetzt werden. Ein Bezug zur
Schmerzsymptomatik ohne nachweisba- Zu den weiteren inhaltlichen Ausfüh- zentralenSensibilisierung wurde bewusst
re Gewebeschädigung (S. 527, mittlere rungen von Häuser u. Bernardy muss nicht hergestellt, da ein solcher wieder in
Spalte) – ganz offensichtlich bei der jedoch betont werden, dass unsere Über- der etablierten Schmerzforschung gefan-
Durchnummerierung des Literaturver- sichtsarbeit sich nicht mit dem Thema Fi- gen geblieben und damit einem solchen

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„Blick über den schmerztherapeutischen taanalyse zur Wirksamkeit von CBT bei pain: Results from a prospective population-based
study. Rheumatology 46:666–671
Tellerrand“ eher abträglich gewesen wä- chronischem Schmerz einer britischen 2. Egle, Nickel (2016) In: Köhle K et al (Hrsg) Uexküll,
re. Obwohl es uns natürlich freut, wenn Arbeitsgruppe [4] aus der Datenanaly- Psychosomatische Medizin. Theoretische Modelle
unsere Übersicht zu diesen noch neuen se ausgeschlossen worden. Auch wäre und klinische Praxis. Elsevier, München, S 809. ISBN
978-3437218330
Aspekten der Schmerzgenese bei einzel- vor dem Hintergrund der o. g. patho- 3. Bernardy et al (2010) Efficacy of cognitive
nen Lesern „Appetit auf mehr“ gemacht genetischen Heterogenität in der Meta- behavioral tharapies for fibromyalgia A systematic
haben sollte, konnten die Wünsche von analyse von Bernardy et al. eine Inter- review and metaanalysis of randomized controlled
trials. J Rheumatol 37:1991–2005
Häuser u. Bernardy hinsichtlich inhaltli- pretation dieser Ergebnisse durch Selek- 4. Eccleston et al (2009) Psychological therapies
cher Erweiterungen nicht erfüllt werden, tionseffekte bei jeweils vergleichsweise for the management of chronic pain (excluding
da Übersichtsarbeiten in Der Schmerz Li- kleinen Stichprobengrößen der einzel- headache) in adults (Review). Cochrane Database
Syst Rev 2:CD007407. doi:10.1002/14651858
mits hinsichtlich Umfang haben und es nen Studien naheliegend gewesen. Un- 5. van Oosterwijck et al (2013) Pain physiology
eigentlich unter die Zuständigkeit von abhängig davon bleibt die Frage, ob eine educationimproveshealthstatusandendogenous
Reviewern fällt, ggf. inhaltliche Erweite- „Verbesserung“ der „schmerzbezogenen pain inhibition in fibromyalgia: a double-blind
randomized controlled trial. Clin J Pain 29:873–882
rungen zu empfehlen oder zu verlangen. Selbstwirksamkeit“ in irgendeiner Wei-
Möglicherweise hatten Häuser u. Ber- se etwas mit dem Anliegen der betref-
nardy beim Lesen unserer Arbeit in erster fenden Patienten zu tun hat, sich einer
Linie die von ihnen federführend mit- schmerztherapeutischen Behandlung zu
verfasste Leitlinie zum Fibromyalgiesyn- unterziehen.
drom vor Augen. Bei einer sehr großen Die von Häuser u. Bernardy kritisierte
Subgruppe dieserPatientenspieltderMe- Studie von van Osterwijck et al. [5] unter-
chanismus einer stressinduzierten Hy- scheidet sich nicht zuletzt dadurch wohl-
peralgesie tatsächlich eine wesentliche tuend von CBT-Studien, dass explizit von
Rolle, ohne dass er in den bisher vorlie- Veränderungen durch (eine neurobiolo-
gendenFassungenderLeitlinie auftaucht. gisch fundierte) Edukation und nicht von
Trotz der von Häuser u. Bernardy kon- Therapie gesprochen wird und dass die-
zedierten pathogenetischen Heterogeni- se die Grundlage für eine sich anschlie-
tät erfolgt bei den Therapieempfehlungen ßende Physiotherapie darstellt. Die re-
keinerlei Differenzierung nach zugrunde duktionistischen Verhaltenstherapiepro-
liegenden Mechanismen, vielmehr wird gramme aus den Anfängen der kogniti-
so getan, als ob es sich um ein pathogene- ven Wende können vor dem Hintergrund
tisch homogenes Krankheitsbild handeln pathogenetischer Heterogenität und dif-
würde, für das pauschal evidenzbasier- ferenzierter neurobiologischer Erkennt-
te Therapieempfehlungen erstellt werden nisse weder bei chronischen Schmerz-
können. zuständen noch beim Fibromyalgiesyn-
Deutlich wird dies bei der von Häuser drom dem Anspruch einer Therapie tat-
u. Bernardy publizierten Metaanalyse zur sächlich genügen. Dies gilt insbesonde-
Wirksamkeit von CBT (Cognitive Beha- re für stressinduzierte Schmerzsyndro-
vioral Therapy) beim Fibromyalgiesyn- me. Man darf gespannt sein, wann sich
drom [3]. Es erfolgt eine pauschale Emp- das in Curricula für Schmerzpsychothe-
fehlung, obwohl für fast alle Parameter im rapeuten und in einschlägigen Leitlinien
Follow-up keine relevanten Effektstärken niederschlagen wird.
nachweisbar sind („There was no signi-
ficant effect on pain, fatigue, sleep, and Korrespondenzadresse
HRQOL (Health Related Quality of Life)
Prof. Dr. med. U. T. Egle
at posttreatment and at follow-up“). Nur Dep. Psychosomatische Medizin, Klinik
bei der schmerzbezogenen Selbstwirk- Barmelweid
samkeit habe sich im Mittel ein signi- 5017 Barmelweid/Aarau, Schweiz
fikanter Wirkeffekt ergeben, auf den sie ulrich.egle@barmelweid.ch
jetzt auch in ihrem Leserbrief hinweisen.
Unsere genauere Betrachtung bei der Interessenkonflikt. U.T. Egle gibt an, dass kein Inter-
essenkonflikt besteht.
Abfassung unserer Arbeit erbrachte, dass
dieser auf ungewöhnlich hohen Effekt-
stärken (von >2) in 2 Studien dersel- Literatur
ben Autorin zurückzuführen ist. Auf-
grund qualitativer Mängel waren diese 1. Gupta et al (2007) The role of psychosocial factors
in predicting the onset of chronic widespread
beiden Studien in einer Cochrane-Me-

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