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SCHRIFT

UND BUCHMALEREI
DER
MAYA-INDIANER

Insel-Bücherei Nr. 462


SCHRIFT
UND BUCHMALEREI
DER
MAYA-INDIANER

24 Tafeln

aus dem Codex Dresdensis

Herausgegeben von

Rolf Krusche

1965

IM INSEL-VERLAG
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Geleitwort
Seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts zählt eine auf Rin-
denpapier gemalte Handschrift aus Mittelamerika zu den bemer-
kenswertesten Kostbarkeiten der Sächsischen Landesbibliothek zu
Dresden. ›Entdecker‹ des seltenen Manuskripts war der Dresdner
Bibliothekar Johann Christian Götze, der das wertvolle indiani-
sche ›Buch‹ 1739 in Wien auffand und für die damalige Königliche
Bibliothek erwarb. Auf welchem Wege es zuvor nach Österreich
gelangt war, ist nicht bekannt. Sein Fund in der kaiserlichen Resi-
denzstadt läßt aber vermuten, daß die Verbindung des Hauses
Habsburg mit Spanien und den überseeischen Kolonien dabei eine
Rolle gespielt hat, der ja manche Sammlungen und Kunstkam-
mern dieser Zeit ihre mexikanischen Kostbarkeiten verdankten.
War man sich schon zur Zeit der Erwerbung bewußt, daß das soge-
nannte ›Mexicanische Buch‹ einen außerordentlich ›raren Schatz‹
darstellte, so blieb doch lange Zeit verborgen, zu welchem Volk die
Schreiber und Gelehrten gehörten, die es einst geschaffen hatten.
Hundert Jahre lang galt die Dresdner Handschrift als ein Zeugnis
für die Kunstfertigkeit der Indianer des Hochlandes von Mexiko,
unter denen die Azteken die bekanntesten sind. Auch Alexander
von Humboldt, der 1813 als erster eines seiner Werke mit der
Wiedergabe einiger Tafeln der Handschrift schmückte, hat sie als
›manuscrit azteque‹ bezeichnet.
So blieb es der im neunzehnten Jahrhundert einsetzenden mexi-
kanistischen Forschung vorbehalten, Klarheit zu bringen. Als man
daranging, die in den Archiven und Bibliotheken Europas bewahr-
ten indianischen Handschriften miteinander zu vergleichen, wurde
die Eigenart des ›Codex Dresdensis‹ offenbar. So zeigte sich unter
anderem, daß die unbekannten indianischen Schreiber ganz andere
Schriftzeichen als die Azteken verwendet hatten. Als dann der
Abbe Brasseur de Bourbourg den Nachweis erbrachte, daß die
Dresdner Handschrift ein Dokument der im sechzehnten Jahrhun-
dert untergegangenen Mayakultur sei, konnte er seine Stilver-
gleiche bereits mit Ergebnissen der Archäologie verknüpfen. In-
zwischen waren nämlich im mittelamerikanischen Dschungel die
steinernen Reste einer fremdartigen, wunderbaren Architektur
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und Kunst gefunden worden, die über und über mit bildlichen
Darstellungen und Hieroglyphen bedeckt waren. In den Ruinen-
Stätten erkannte man Kultplätze und ›Städte‹ eines altamerikani-
sehen Kulturvolkes – der Maya. Und es stellte sich heraus, daß
die Inschriften und Bilder auf den steinernen Stelen und Tempel-
wänden den Hieroglyphen und Illustrationen in der Dresdner
Handschrift sehr ähnlich waren.
Leider steht uns von dem umfangreichen Schrifttum der Maya
heute nur noch ein äußerst geringer Bruchteil zur Verfügung. Zur
Zeit der spanischen Eroberung soll es in allen größeren Städten
Yucatáns Buchlager gegeben haben. Allein aus diesem Hinweis
ist zu ersehen, wie umfassend das Vernichtungswerk der Eroberer
gewesen sein muß. 1562 fanden die ersten verhängnisvollen Bü-
cherverbrennungen statt, an denen der Bischof von Merida, Diego
de Landa, dem wir andererseits unschätzbare Aufzeichnungen über
die alte Kultur und Geschichte der Indianer Yucatáns verdanken,
führend beteiligt war. ›Wir fanden eine große Menge von Büchern,
und da sie nichts als Aberglauben und teuflische Lügen enthielten,
verbrannten wir sie alle…‹: So lautet der kurze, oft zitierte Pas-
sus in seinem Bericht, der den Untergang der dreizehn Jahrhun-
derte umspannenden Schrifttradition des Mayavolkes vermerkt.
Die Zahl der bekannt gewordenen echten Mayabücher ist daher
kleiner geblieben als die der Nachbildungen und Fälschungen, die
im Laufe der Zeit angefertigt wurden. Die drei bemalten Rinden-
papierstreifen, die sich heute in Dresden, Paris und Madrid befin-
den, gehören darum zum Wertvollsten, was Kunstsammlungen
und Bibliotheken in Europa aufweisen können.
Die Hüter dieser Schätze sind die Sächsische Landesbibliothek in
Dresden mit dem Codex Dresdensis, die Bibliotheque Nationale
in Paris mit dem Codex Peresianus und das Museo de America
in Madrid mit dem in zwei Teilen vorliegenden Codex Tro-Corte-
sianus. Die in Dresden aufbewahrte Handschrift gilt als die schön-
ste und älteste.
In der alten Kultur des Mayalandes waren indianische Gelehrsam-
keit und Kunst zu höchster Entfaltung gelangt.
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Zu diesem Urteil berechtigen vor allem die überraschenden Er-
gebnisse der archäologischen Forschung im nördlichen Mittelame-
rika. Wir kennen heute eine große Zahl alter Maya-›Städte‹, von
denen wir meist sagen können, um wieviel Jahre ihre Gründungs-
daten auseinanderliegen und wie lange sie mindestens bewohnt
gewesen sind. Jede dieser Anlagen zeugt davon, daß die Maya
Meister der Steinbearbeitung waren, die durch Geduld und Kön-
nen über die Unzulänglichkeit ihrer technischen Mittel siegten.
Ebenso hoch sind die geistigen Leistungen dieses indianischen Kul-
turvolkes zu bewerten. Setzte doch ihre entwickelte Zeitrechnung
und ihr Kalender, dessen Präzision von keinem anderen Kultur-
volk erreicht worden ist, wesentliche astronomische Kenntnisse
bei den Mayagelehrten voraus, denen überdies zur Niederschrift
ihrer Beobachtungen und Berechnungen bereits eine eigene Hiero-
glyphenschrift und ein brauchbares Zahlensystem zur Verfügung
stand.
Da die Aussagekraft des archäologischen Materials Grenzen hat,
sind wir über Einzelheiten aus dem Leben der geheimnisvollen Be-
wohner dieser ›Städte‹ nur sehr einseitig unterrichtet. Beispiels-
weise wissen wir sicher, daß zur Zeit des europäischen Frühmit-
telalters indianische Mathematiker in einer solchen ›Stadt‹ am
Rio Motagua (Quiriguá in Guatemala) gelebt haben, die mit gigan-
tischen Zahlenreihen umgehen und eine Kalkulation mehr als
400 Millionen Jahre zurück führen konnten. Unser Wissen vom
Alltag der indianischen Bauern, die ja in der Nähe eines solchen
Kulturzentrums gelebt haben müssen, beruht dagegen fast aus-
schließlich auf den spanischen Berichten, die viele hundert Jahre
später niedergeschrieben wurden. Gleichfalls unbekannt sind zu-
mindest die Namen geblieben, die die einstigen Bewohner den
älteren ›Städten‹ gegeben hatten. Wir sind darum heute genötigt,
für die Fundstätten und Ruinenplätze im zentralen Mayagebiet
Bezeichnungen zu verwenden, die von der heutigen Indianer-
oder Mestizenbevölkerung gebraucht werden.
Das Land der Maya reichte ungefähr vom Gebiet der Landenge
von Tehuantepec im südöstlichen Mexiko bis in den westlichen Teil
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der heutigen Staaten Honduras und El Salvador. Sprache und Kul-
tur der Maya-Indianer waren somit über ein räumlich zusammen-
hängendes Gebiet verbreitet, das an Größe etwa den Britischen In-
sein gleichkam. Das flache, wasserarme Karstland von Yucatán
im Norden, das feucht-tropische Waldgebiet des nördlichen Guate-
mala und der angrenzenden Regionen im zentralen Teil und die
vulkanischen Hochebenen Guatemalas und Westsalvadors im Süden
machten es zu einem Land der Gegensätze, das den Bewohnern
dieser Lebensräume ganz unterschiedliche Existenzbedingungen
bot. Der geographischen Dreiteilung entsprach die Gliederung des
Landes in drei Kulturzonen, zwischen denen kulturelle und wirt-
schaftliche Beziehungen bestanden. Die Ausbildung eigener kultu-
reller Traditionen bei den Hochlandbewohnern einerseits und den
in der ›tierra caliente‹, dem Siedlungsgebiet der Tieflandstämme,
lebenden Indianern andererseits geht bis in vorklassische Zeiten
zurück. Die kulturelle Entwicklung im Mayalande vollzog sich
allerdings nicht isoliert von der in den benachbarten mexikani-
sehen Kulturlandschaften. Sowohl die Kultur aus dem Hochland
von Mexiko als auch die der mittleren und südlichen Golfküste
hat die Maya beeinflußt. Ihre Beziehung zu den reichen und frucht-
baren Küstenländern und den dort wohnenden kulturell hoch-
stehenden Menschen hat für die kulturelle Entwicklung im nörd-
lichen Mittelamerika entscheidende Bedeutung gehabt. Vielleicht
gehörten die Träger der geheimnisvollen Zivilisation an der Golf-
küste zu mehreren kulturverwandten Völkern, die in den mexika-
nischen Überlieferungen unter dem Namen ›Olmeca‹, ›Leute aus
dem Kautschukland‹, erscheinen. Die archäologische Wissenschaft
bezeichnet die Zeugnisse ihres Könnens nach einem der Haupt-
fundplätze im mexikanischen Bundesstaat Tabasco mit dem Aus-
druck ›die Kultur von La Venta‹. Monumentale Steinplastiken,
Meisterleistungen realistischer Kleinkunst in Jade und Ton und
die Erfindung von Schrift und Kalender sprechen noch heute von
ihrer Existenz. Auch die frühesten Belege für die von den Maya
bekannte Zeitrechnung werden als ›olmekische‹ Schöpfungen an-
gesehen. Die Maya-Indianer waren die genialsten Erben der Golf-
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küstenkultur. Mit den ›Stadt‹gründungen in der Landschaft El
Petén im Waldgebiet von Nord-Guatemala begann die Zeit der
kulturellen Blüte des Mayavolkes, die sogenannte Klassische Pe-
riode des vierten bis zehnten Jahrhunderts. Daß die Maya ihre
›Städte‹ im schwer zugänglich und menschenfeindlich erscheinen-
den Urwald aufbauten, verdient unsere Bewunderung ebenso wie
ihre anderen kulturellen und technischen Leistungen, die ohne
Kenntnis der wichtigen Kulturgüter altweltlicher Hochkulturen –
Pflug, Wagen, Rad, Zugtiere und Metallgeräte – vollbracht wurden.
Die Zivilisation der ›Städtebauer‹ verbreitete sich seit der Mitte
des fünften Jahrhunderts verhältnismäßig rasch über die anderen
Teile des Zentralgebiets und überlagerte die dort seit vielen hun-
dert Jahren bestehende archaische Maisbauernkultur. Neben den
alten ›Städten‹ Uaxactún und Tikal in El Petén entstanden andere,
wie Palenque, Piedras Negras, Yaxchilán und Bonampak im Strom-
gebiet des Rio Usumacinta oder Copán und Quiriguá im Mota-
guatal. Auch die Randgebiete wurden von dieser kulturellen Ex-
pansion erfaßt, wie die Auffindung datierter Inschriften des
fünften und sechsten Jahrhunderts aus Oxkintók und Tulum im
Norden von Yucatán und die Ausgrabung des Kultzentrums Ka-
minaljuyú im Hochland von Guatemala bewiesen haben.
Alles deutet darauf hin, daß diese ›Städte‹ nicht Wohnsiedlungen
in unserem Sinne, sondern in erster Linie Kultmittelpunkte und
Zentren der priesterlichen Herrschaft und Verwaltung waren, die
nur einer Elite zum ständigen Wohnsitz dienten. In dieser privi-
legierten Schicht von Priestern haben wir die Träger der bedeu-
tenden denkerischen und künstlerischen Leistungen zu sehen, an
denen die Hauptmasse der Bevölkerung, die außerhalb der Kult-
plätze siedelte, nur insofern beteiligt war, als sie die wirtschaft-
liche Grundlage für diese hohe materielle und geistige Kultur
lieferte. Für die indianischen Bauern, die sich in den ›Städten‹
einfanden, um den Göttern zu opfern und ihre Märkte abzuhal-
ten, waren die Hieroglyphen und heiligen Symbole wohl kaum
etwas anderes als unverständliche magische Zeichen.
Das Aufhören der Bautätigkeit im achten und neunten Jahrhun-
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dert zeigt den Niedergang der priesterlichen Macht und Kultur an.
Nur in wenigen ›Städten‹ der Zentralprovinz wurden um diese
Zeit noch Stelen mit datierten Inschriften aufgestellt, während an-
dere Anlagen wohl bereits aufgegeben waren. Das Problem der
›Verlassenen Städte‹ hat verschiedene scharfsinnige Deutungsver-
suche herausgefordert, die allerdings nicht ohne Widerspruch ge-
blieben sind.
Der Übergang vom achten zum neunten und frühen zehnten Jahr-
hundert war auch für die wesensverwandten ›theokratischen Kul-
turen‹ nördlich des Mayalandes eine Zeit des Zerfalls und der
politischen Wirren, wie die Ausgrabungen in der Ruinenstadt
Teotihuacan (nordöstlich von Mexiko-City) gezeigt haben. Soziale
Erhebungen gegen die Priesterherrschaft und der Ansturm kriege-
rischer Barbaren aus dem Norden Mexikos könnten auch im Maya-
gebiet zusammengewirkt und das Ende der klassischen ›Stadt‹-
Kultur herbeigeführt haben.
Während also im Bereich der klassischen Stätten ein kultureller
Rückgang zu verzeichnen ist, mit dem wahrscheinlich eine Abwan-
derung nach Norden einherging, entstand in Yucatán ein neues
Zentrum der Mayakultur. Diese Epoche wurde durch den Einfall
der mexikanischen Tolteken und das Auftreten des Kukulcán im
zehnten Jahrhundert eingeleitet. Kukulcán ist die Übersetzung des
mexikanischen Namens des Federschlangengottes Quetzalcoatl in
die Sprache der Maya von Yucatán. In diesem Falle dürfte damit
jedoch eine historische Persönlichkeit gemeint sein, die in der
mythischen Geschichte der Tolteken als fünfter König und Herr
der toltekischen Hauptstadt Tollan (des heutigen Tula im mexi-
kanischen Bundesstaat Hidalgo) bekannt ist. Wahrscheinlich trug
dieser mexikanische Führer, der in den Traditionen der Yucatán-
und Hochland-Maya als Reformator und Kulturheros erscheint,
den Gottesnamen als Titel. Auf das Wirken Kukulcáns wird die
Einsetzung der Itzá-Fürsten als Herren der Tempelstadt Chichén
Itzá und der Cocom als Herren Mayapáns zurückgeführt. In Chi-
chén Itzá und Mayapán, die sich im Jahre 1007 mit Uxmal und
einigen anderen Stadtstaaten zu einem losen Bündnis zusammen-
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schlossen, herrschte eine militärisch-adlige Oberschicht, die den
Einfluß des hohen Klerus einschränkte. In diesem Abschnitt der
Mayageschichte wurden viele Kunst- und Architekturelemente
aus Mexiko eingeführt. Mexikanisches Gedankengut machte sich
ferner in Religion und Kult durch Verehrung kriegerischer Astral-
götter (vor allem des Morgensterngottes) geltend, die neben die
alten Natur- und Regengottheiten der Maya traten. Auch die stär-
kere Betonung des Menschenopfers ist kennzeichnend für diese
Periode.
Mit dem Sturz des Itzá-Regimes, den Hunac Ceel, der Fürst von
Mayapán, 1204 mit Hilfe eines toltekischen Söldnerheeres her-
beiführte, kam es zur Vorherrschaft der Cocom-Dynastie. Damit
begann eine Periode, in der die herrschende toltekische Ober-
schicht weitgehend Sprache und Religion der Maya übernahm,
während die mexikanischen Kulte und Gottheiten an Bedeutung
verloren. Eine Erhebung der Mayafürsten unter Führung des
Adelsgeschlechts der Xiu beendete 1441 die Herrschaft von Maya-
pán, wodurch die Cocom ihre politische Macht einbüßten. In
Yucatán und im Hochland bestanden seitdem mehrere selbstän-
dige Fürstentümer, die untereinander ständig in Kämpfe verwik-
kelt waren. Im fünfzehnten Jahrhundert zerfiel auch das Reich der
Quiche in Südguatemala, das die Hochlandstämme vereinigt hatte.
Dennoch stieß Pedro de Alvarado, ein Mitstreiter des Cortes, der
1523 von Mexiko aufbrach, um das Hochland von Guatemala
zu erobern, bei den Stammesstaaten der Quiche, Cakchiquel und
Tzutuhil auf tapferen Widerstand. Nachdem deren Macht 1524/25
gebrochen war, begann Francisco de Montejo 1527 mit der Erobe-
rung von Yucatán, die aber erst in den Jahren 1546/47 durch sei-
nen Sohn zum Abschluß kam. Ein letztes Rückzugsgebiet der alten
Mayakultur war das Urwaldgebiet von El Petén, wo ein kleiner
Staat der Itzá mit der Hauptstadt Tayasal noch bis 1697 seine
Selbständigkeit behaupten konnte.
Die Berichte der Spanier über die von ihnen eroberten Länder
vermerken mit Erstaunen und Bewunderung, daß die indianischen
Bewohner Bücher besaßen.
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Diego de Landa, der bis ins einzelne ›die Dinge aus dem Lande
Yucatán‹ schildert, hat die illustrierten Hieroglyphentexte, die er
zu Gesicht bekam, sehr anschaulich beschrieben: ›Die Indianer
konnten Buchstaben und Schriftzeichen lesen und schreiben, und
Zeichnungen illustrierten die Bedeutung dessen, was sie schrie-
ben … ihre Bücher waren auf große Papierbogen geschrieben, die
in der Hälfte gefaltet und zwischen Deckel eingeschlossen wur-
den, die sie mit Mustern versahen, und sie schrieben auf beiden
Seiten des Papiers in Spalten, in der Reihenfolge der Faltung …‹
Eine andere, von Pater de Avendano herrührende Schilderung
beweist, daß die alte Schreibkunst auch nach dem Untergang der
Mayakultur Yucatáns nicht gänzlich verlorenging, sondern noch
hundertfünfzig Jahre danach bei den Itzá von Tayasal gepflegt
wurde. Er schrieb 1696, kurz vor der Einnahme des letzten Maya-
Staates: ›… das alles wird in bestimmten Büchern berichtet, …
die aus der Rinde von Bäumen gemacht sind; sie wurden von einer
Seite zur anderen wie ein Fächer gefaltet; jedes Blatt hat die Stärke
einer mexikanischen Acht-Real-Münze (etwa 2 mm). Sie sind auf
beiden Seiten mit einer Fülle von Figuren und Schriftzeichen be-
malt …‹
Diese und andere Angaben der spanischen Chronisten entsprechen
dem Aussehen der drei erhaltenen Maya-Codices. Wir lesen nir-
gends, daß Leder oder Baumwollstoff als Schreibmaterial verwen-
det worden sei wie bei vielen mexikanischen Handschriften.
Wahrscheinlich war den Maya die Herstellung von Rindenpapier
schon vor dem neunten Jahrhundert bekannt. Das dazu nötige
Rohmaterial lieferte eine wildwachsende Feigenbaumart, deren
Bastschicht durch Schlagen in eine brauchbare Schreibgrundlage
verwandelt wurde. Die Indianer bearbeiteten die in Wasser auf-
geweichten Rindenstücke, von denen sie zuvor die äußere Schicht
entfernt hatten, mit Klopfern, so daß sich die Fasern verfilzten und
eine dünne Lage Rindenstoff bildeten. Darauf wurden die Stücke
mit Stärke versteift und erhielten durch eine dünne Schicht von
kohlensaurem Kalk zuletzt noch eine glatte, beschreibbare Ober-
fläche. Die Mayabücher waren nach Art eines Leporelloalbums
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gefaltet: Jedes Blatt der Handschriften besteht aus einem Streifen
Rindenpapier, der durch dünne Falze mit den nächsten Blättern
verbunden ist.
Den spanischen Berichten zufolge soll es in Yucatán viele Bücher
gegeben haben, die Aufzeichnungen über Gesetze, Riten, Opfer,
Heilmittel, Seuchen, Überschwemmungen, Astronomie und land-
wirtschaftliche Dinge enthielten. Auch Landkarten und historische
Aufzeichnungen sollen vorhanden gewesen sein.
Mit dieser Aufzählung verglichen, stellen die drei heute noch exi-
stierenden Handschriften eine sehr zufällige und einseitige Aus-
wahl aus einem auch inhaltlich wesentlich umfangreicheren Schrift-
tum dar.
Die Pariser Handschrift wird als eine Art Ritualkalender ange-
sehen, der wahrscheinlich nicht sehr lange vor der spanischen Er-
oberung entstanden ist. Noch jünger dürfte die Madrider Hand-
schrift sein, deren Ursprung in das nordöstliche Yucatán der Spät-
zeit verlegt wird. Dieser Codex gilt als Zauber- und Horoskop-
buch, das astronomische oder kalendarische Aufzeichnungen ver-
missen läßt. Er ist aber ein interessantes ethnographisches Doku-
ment, denn er enthält Bilder von Handwerk und Feldbestellung,
ferner ausführliche Darstellungen der Jahresschlußzeremonien, die
die Schilderungen de Landas gut ergänzen, und den sogenannten
›Kalender für Jäger‹.
Wertvolle Aufschlüsse über das Niveau der Mayagelehrsamkeit
geben dagegen die astronomischen Tafeln des Codex Dresdensis.
Bei dieser Handschrift handelt es sich um eine Sammlung von ver-
schiedenen illustrierten Texten, die als eine im zwölften oder drei-
zehnten Jahrhundert erschienene ›Neuauflage‹ älterer Originale
charakterisiert worden ist. Das Vorkommen von Daten, die mit
den Jahreszahlen 1178 bzw. 1232 unseres Kalenders gleichgesetzt
worden sind, die Bedeutung der Venus-Gottheit, die Abbildung
des ihr geweihten Menschenopfers sowie andere ikonographische
und stilistische Details lassen die Abfassung dieses ›Sammel-
werkes‹ im mexikanisch beeinflußten Yucatán glaubhaft erschei-
nen. Andererseits weisen viele Einzelheiten auf eine ältere Tradi-
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tion aus der Klassischen Zeit hin, die den Autoren der ›Neu-
bearbeitung‹ in Yucatán vorgelegen haben muß.
Eine Kontinuität der Überlieferung über viele hundert Jahre ist
dadurch erwiesen, daß in Yucatán die alte Priesterweisheit und
-spekulation der Klassischen Zeit weiterlebte. Wahrscheinlich hat-
ten die gelehrten Männer, die aus der Zentralprovinz nach Yuca-
tan gezogen waren, ihre Aufzeichnungen mit sich geführt. Dasselbe
haben sie auch später getan, als Mayapán zerstört wurde, wie de
Landa überliefert hat: ›Das wichtigste Besitzgut, das die Edlen,
die Mayapán verließen, mit sich in ihre Provinzen nahmen, waren
die Bücher ihres Wissens.‹ Die Priester aus dem Süden mögen für
die Renaissance der Mayakultur in Yucatán eine ähnliche Bedeu-
tung gehabt haben wie die Künstler und Gelehrten aus Byzanz
für die Renaissance der griechischen Antike in Europa. Der Besitz
und Gebrauch von Büchern war der zahlenmäßig kleinen herr-
sehenden Schicht vorbehalten.
Die Priesterschaft der Maya von Yucatán setzte sich aus verschie-
denen ›Spezialisten‹ zusammen: den Propheten (Chilam), den
Opferpriestern (Nacom), ihren vier Helfern (den Chac), die beim
Menschenopfer assistierten, den Medizinmännern (Ahmen) und
anderen. An der Spitze der Priesterhierarchie stand der auch poli-
tisch einflußreiche Hohepriester, der den Titel ›Schlangenherr‹
trug. Er hatte die Kenntnisse der Priesterkandidaten zu prüfen
und stand den Schulen vor, in denen die gelehrte Priesterschaft
ausgebildet wurde. Den Ritual- und Wahrsagebüchern galt eine
alljährlich durchgeführte Zeremonie, zu der sich die Priester, Me-
dizinmänner und Zauberer im zweiten Monat des Maya-Jahres
versammelten. Im Verlauf dieses Festes wurden die Bücher rituell
gereinigt, ehe sie für die Prophezeiungen über Ereignisse des kom-
menden Jahres benutzt wurden.
Die Auslegung der Wahrsagebücher hatte nach der Vorstellung
der Maya grundlegende Bedeutung für die menschliche Existenz.
Sie glaubten, daß der Mensch in eine Auseinandersetzung von
kosmischen Gewalten hineingezogen sei, die ihm wohlwollend
oder feindlich gegenüberstehen konnten. Ihre Götter waren zwei-
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gesichtig. Darum werden sie auch vielfach in den Handschriften
in verschiedener Gestalt abgebildet und können dann als junge
oder alte, als männliche oder weibliche Gottheit entgegengesetzte
Aspekte zum Ausdruck bringen. Sogar Chac, der den Menschen
im allgemeinen freundlich gesinnte Regen- und Wachstumsgott,
der von der bäuerlichen Bevölkerung als wichtigste Gottheit an-
gesehen und vor allen anderen Göttern verehrt wurde, hatte ein
zweites, gefährliches Antlitz. Das offenbarte sich, wenn er Was-
ser zur unrechten Zeit oder als ungebändigte, zerstörerische Flut
sandte.
Dem ungünstigen Einfluß suchten die Maya durch Rituale und
Opfer, durch Fasten und Enthaltung zu begegnen. Es galt, dafür
den richtigen Zeitpunkt zu wissen, das heißt, die betreffenden
Tage und Kalenderabschnitte möglichst genau zu bestimmen. Da-
von waren die Voraussagen der Priester über die Haltung der
Gottheiten, die Macht über die verschiedenen Tage hatten, und
über die in dieser Situation wirkungsvollen Maßnahmen abhän-
gig. So gehörten zu den wichtigen agrarischen Tätigkeiten wie
Aussaat und Ernten, die der Unberechenbarkeit der Natureinflüsse
besonders unterworfen waren, Rituale und Opfer, um die regen-
bringenden Mächte günstig zu stimmen. Besondere Vorgänge, wie
Sonnen» und Mondfinsternisse oder Katastrophen, mußten sorg-
fältig verzeichnet werden, denn die Maya glaubten, daß sich das
Geschehen einer bestimmten Zeitepoche wiederholen oder ähn-
lieh gestalten werde, wenn der Name dieser Periode wieder er-
schien. Das entwickelte Kalenderwesen der Maya und ihr astro-
nomisches Wissen, das auf der sorgfältigen Beobachtung und
Überlieferung vieler Gelehrtengenerationen beruhte, diente also
in erster Linie magisch-religiösen und kultischen Zwecken.
Ihr Zahlensystem läßt erkennen, daß es seine Entstehung den Be-
dürfnissen der Kalenderrechnung verdankte. Die Maya konnten
sehr große Zahlen mit Hilfe weniger Punkte und Striche aus-
drücken, wobei ein Strich oder Balken den Wert fünf, ein Punkt
den Wert eins hatte. Durch drei Balken und vier Punkte wurde
beispielsweise 19 als höchste einstellige Zahl ausgedrückt. Lange
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bevor Stellenwert und Null im orientalisch-indischen Raum ver-›
wendet wurden, konnten sich die Maya dieser beiden Erfindungen
bedienen. Im Gegensatz zu unserem Positionssystem schrieben
sie aber ihre Zahlen nicht hinter-, sondern untereinander, wobei
unten mit den niederen Einheiten begonnen wurde. Außerdem be-
ruhte ihre Rechenkunst nicht auf dem dezimalen, sondern auf dem
Zwanziger- oder Vigesimalsystem. Die Zahlen mit größerem Stel-
lenwert drückten also nicht ein Vielfaches von zehn, sondern von
zwanzig Einheiten aus. Das Zeichen für ›Vollendung‹, das bei der
Bezeichnung des Stellenwertes die Funktion der Null hatte, glich
einer geschlossenen Muschel.
Die Bindung dieses Zahlensystems an den Kalender wird durch
den Ausdruck Kin (= Sonne, ein Tag) als Bezeichnung für die
niederste Einheit unterstrichen. Weitere Einheiten waren Uinal
(20 Kin oder Tage), Tun (18 [!] Uinal, das sind 360 Tage), Katun
(Perioden von 20 Tun, das sind 7 200 Tage), Baktun (Zyklen von
20 Katun, das sind 144 000 Tage) und schließlich die großen
Zyklen Piktun, Kaiabtun, Kinchiltun und Alautun (23 040 000 000
Tage), die wohl nur theoretischen Berechnungen dienten. Durch
die Unterbrechung des sonst konsequent durchgeführten Vigesi-
malsystems in der dritten Stelle von unten (18 statt 20 Uinal,
also 360 statt 400 Tage) sollte der Dauer des Sonnenjahres ent-
sprochen werden, wobei die weitere Angleichung des Mayajahres
an den wirklichen Sonnenumlauf durch Einfügen einer fünftägi-
gen Schaltperiode (Uayeb) hergestellt wurde.
Die Maya kannten also ein Jahr, das aus achtzehn 20tägigen
Monaten (Uinal) bestand und vor allem für die Landwirtschaft
wichtig war. Daneben gab es eine zweite priesterliche Kalender-
rechnung, die unabhängig von den Bewegungen der Gestirne funk-
tionierte. Dieses kultische ›Jahr‹ (Tzolkin), das nur aus 260 Tagen
bestand, lag den Ritual- und Wahrsagebüchern in den Codices
zugrunde. Seine Tage wurden durch 20 verschiedene Symbole
gekennzeichnet, die in einer festen Reihenfolge standen und in
dieser mit den Zahlen 1 bis 13 kombiniert wurden, bis nach 260
Tagen die gleiche Kombination wieder erschien und damit der
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nächste Zyklus begann. Beide Zeitzählungen bestanden nebenein-
ander, ähnlich wie man bei uns die Tage sowohl nach dreißigtägi-
gen Monaten als auch nach siebentägigen Wochen zählen kann.
Daneben konnten die Maya ihre Dateninschriften durch viele
zusätzliche Angaben präzisieren, die auf genauen Beobachtun-
gen der Venus und des Mondes beruhten. Die sogenannte ›Lange
Rechnung‹ auf den Stelen und Tempelwänden der Klassischen Zeit
verwendete zur genauen Bezeichnung eines bestimmten Tages
nicht weniger als zehn einzelne Elemente. Die Zeitrechnung der
Maya hatte jedenfalls einen festen Ausgangspunkt: Sie bezog sich
auf ein mythisches Datum, das wahrscheinlich 3113 Jahre vor dem
Ausgangspunkt unserer Kalenderzählung liegt. An die Stelle die-
ser komplizierten Datierung trat in Yucatán später eine verkürzte,
weniger genaue Form, die nur die Katun-Perioden bezeichnete.
Diese waren nach dem Namen des letzten der 20 einen Uinal bil-
denden Tage, ›Ahau‹, der jeweils mit einer der Zahlen 1 bis 13
kombiniert wurde, benannt. Der Umstand, daß diese Kombination
nach 256 Jahren wieder erscheint, erschwert die Synchronisierung
der Mayadaten mit unserer Zeitrechnung.
Wesentlich problematischer als das Verständnis der kalendari-
schen Angaben ist die Deutung der Textabschnitte in den Hand-
Schriften der Maya. Während die Elemente des Kalenders leicht
zu erkennen sind, konnte bisher nur etwa ein Drittel der viel
zahlreicheren Schriftzeichen sicher identifiziert werden. Bei den
lesbaren Hieroglyphen handelt es sich meist um Symbole von
Göttern, Tieren, Monaten, Tagen, Zahlen, Himmelsrichtungen
und Farben.
Die Tatsache, daß die zahlreichen Entzifferungsversuche darüber
hinaus kaum nennenswerte Erfolge erbrachten, hatte auch bei
hervorragenden Mayaforschern zu der Überzeugung geführt, daß
eine vollständige und befriedigende Entzifferung der Hierogly-
phen wohl nie gelingen werde. Diese Skepsis dürfte erst in jüng-
ster Zeit überwunden worden sein. Dafür sprechen mehrere neue
Untersuchungen, die Häufigkeit und Kombination der einzelnen
Schriftelemente verzeichnen und durch diese Übersichten neue
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Voraussetzungen für eine systematische Gesamtentzifferung der
Hieroglyphenschrift schaffen. Der erste, 1959 von sowjetischen
Linguisten und Mathematikern in Nowosibirsk unternommene
Versuch, den Wortlaut der Schaltzeichen mit Hilfe der Elektronen-
rechenmaschine zu finden, hat dagegen nicht die erwünschten Auf-
schlüsse bringen können.
Die Entzifferung wird dadurch erschwert, daß wir nichts Sicheres
über den Aufbau dieser Schrift wissen. Wahrscheinlich handelt es
sich um ein System, das neben bilderschriftartigen Zeichen auch
phonetische Elemente, vielleicht Silben, enthält; der Anteil dieser
Elemente ist jedoch umstritten. Außerdem ist zu bedenken, daß der
Inhalt der uns bekannten Mayahandschriften fast ausschließlich
dem Bereich des Kultes und der priesterlichen Spekulation ange-
hört, der durch eine bloße Wort-für-Wort-Übersetzung sicher
ebensowenig erschlossen werden kann wie der Sinn der Alchi-
mistenbücher und der astrologischen Texte des ausgehenden Mit-
telalters mit ihrer Fülle von konventionellen Bildern, Planeten-
symbolen und Tierkreiszeichen. Die Tatsache, daß die priesterliche
Wissenschaft und Religion der Maya nicht im Volke wurzelte, er-
klärt den raschen Verlust der jahrhundertealten Gelehrsamkeit
nach der spanischen Eroberung, während der Bestand der heute
zwei bis drei Millionen zählenden Mayabevölkerung und das Wei-
terleben ihrer Sprache in Mexiko und Guatemala auch durch die
vierhundertjährige Fremdherrschaft nicht in Frage gestellt wurde.

40
Bemerkungen zu den Tafeln

Das in der Sächsischen Landesbibliothek zu Dresden aufbewahrte


Faltbuch besteht aus 39 beidseitig beschriebenen Blättern, die
20,5 cm hoch und 9 cm breit sind. Die Tafeln dieses Bändchens
geben sie also etwas verkleinert wieder. Die hier in eckigen Klam-
mern beigefügte Nummer entspricht der ursprünglichen Reihen-
folge der Blätter und weicht von der Zählung Ernst Förstemanns,
des Herausgebers der ersten Faksimileausgaben des Codex Dres-
densis aus den Jahren 1880 und 1892, ab.
Die Tafeln 1 bis 9 [3 bis 11] gehören zu einem Teil der Hand-
schritt, den man als eine Art Almanach für die Rituale und Prophe-
zeiungen der Priester bezeichnen könnte. Derartige Kalender be-
fragte man, um zu erfahren, ob die von Schicksalsmächten be-
herrschten Tage für bestimmte Vorhaben der Menschen günstig
oder ungünstig seien. Außerdem glaubte man in ihnen Auskunft
über den Verlauf von Krankheit, Schwangerschaft und Geburt zu
finden.
Die Tafel 1 zeigt die Abbildung eines Herzopfers, das von vier
Gottheiten umgeben ist. Der Geopferte wird mit geöffneter Brust
auf einem Opferstein liegend dargestellt. Wahrscheinlich handelt
es sich um eine Opferung zu Ehren der Venus-Gottheit als des
›Herrn der Morgendämmerung‹.
Auf den folgenden Tafeln 2 bis 9 erscheinen viele Götter und
mythische Tiere. In diesen Gestalten erblickt man die Regenten
des Mondumlaufs, die als mächtig und wirksam gedacht wurden,
wenn der Mond in die von ihnen beherrschte Phase getreten war.
Diese Regenten werden ebenso durch die beigefügten Hierogly-
phen wie durch die Symbolik ihres Bildes charakterisiert. So ist
der auf mehreren Tafeln, zum Beispiel 6 (links oben), 8 (links
unten) und 9 (rechts oben), dargestellte Todesgott mit den grauen-
haften Symbolen des Sterbens und der Vernichtung (Knochen und
schwarzen Totenflecken) ausgestattet.
Als höchste Gottheit des Mayapantheons galt Itzamna, der alte
Himmelsgott, der in den Handschriften als Mann mit greisenhaf-
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tem Gesicht, kräftiger gebogener Nase und zahnlosem Mund ab-
gebildet ist, zum Beispiel in der Mitte des unteren Feldes der
Tafeln 2 und 3. Auch die Gestalt des Chac, zu erkennen an der
rüsselartigen Nase und der heraushängenden Zunge, erscheint
häufig in den Maya-Codices, so als die Figur links im mittleren
Feld der Tafel 8 und auf Tafel 9 rechts unten. Diese Gottheit, die
als Verkörperung der Himmelsrichtungen auch in vielfältiger Ge-
stalt auftreten kann, verkörpert Wachstum, Regen, Donner und
Wind. Das Bild des reptilartigen Ungeheuers, in dessen Rachen
auf Tafel 2 und 3 das Gesicht des Itzamna sichtbar ist, war ein
Symbol für die regenbringenden Gewalten.
Es folgen darauf die astronomischen Tafeln der Handschrift, die
Berechnungen von Konstellationen der Gestirne und von Sonnen-
und Mondfinsternissen enthalten.
Tafel 10 [24] zeigt sowohl Zahlenreihen, die der Berechnung der
Umläufe des Planeten Venus dienten, als auch die Hieroglyphen
von Gottheiten, die mit diesem Umlauf in Verbindung gebracht
wurden. Unter den Hieroglyphen auf der linken Seite dieser Tafel
erscheint häufig ein kreuzähnliches Zeichen, das Venussymbol.
Auf der rechten Seite sind unter anderem Balken und Punkte, die
Zahlenzeichen der Maya, zu unterscheiden: Ein Balken bezeichnet
den Wert fünf, ein Punkt den Wert eins. Mehrfach erscheint das
Symbol für Null; es ist hier in roter Farbe ausgeführt und hat
ungefähr die Form einer Muschel.
Unter den Symbolen entdeckt man die stilisierte Wiedergabe eines
Gesichts von vorn; es ist das Zeichen ›Ahau‹, das ›Herr‹ oder
›Herrscher‹ bedeutet. Mit einer Zahl kombiniert bezeichnet es den
Tag, nach dem die Katuns (die Perioden von 7200 Tagen oder 20
Jahren) benannt wurden.
Die Tafel 10 leitet die sogenannte ›Venustafel‹ ein – Tafeln 11 bis
15 [25 bis 29] –, in der Überlegungen und Beobachtungen der
Mayaastronomen über die Bewegung des Planeten verarbeitet
wurden. Die Seiten enthalten Angaben über das Erscheinen der
Venus als Morgen- und Abendstern im Laufe von 312 Jahren.
Dem Auftreten des Morgensterns wurde also große Beachtung
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geschenkt. Davon sprechen auch die Bilder, die sich auf der rech-
ten Hälfte dieser Tafeln neben den kalendarischen Angaben fin-
den. Bei den auf dem Himmelsthron sitzenden Gestalten, die in
den oberen Feldern abgebildet sind, handelt es sich immer um eine
Darstellung des herrschenden Morgenstern-Regenten. Die auf
diese Weise versinnbildlichten kosmischen Kräfte hatten nach der
Vorstellung der Maya wesentlichen Einfluß auf das irdische Leben.
Die im unteren Feld abgebildeten Gestalten zeigen durch ihre Hal-
tung an, in welchem Falle sich die Herrschaft der Regenten positiv
oder negativ auswirken sollte. Auch die symbolische Farbgebung
der unteren Felder weist auf positive und negative Aspekte hin:
die rote Farbe findet sich auf den Tafeln 11 und 13 mit günstiger
Wirkung, während die blaugrüne Farbe bei den Bildern und
Hieroglyphen mit ungünstigen Aussagen (Tafel 12 und 14) er-
scheint. Vieles auf diesen Tafeln hat verborgene symbolische Be-
deutung, wie die mit der Speerschleuder schießenden Gottheiten
der mittleren Felder, die man wohl als die Strahlen des Morgen-
sterns deuten muß.
An die ›Venustafel‹ schließen sich Tabellen zur Berechnung von
Sonnen- und Mondfinsternissen an, die als ›Finsternistafel‹ be-
kannt sind. Zu ihr gehören die Tafeln 16,17 und 18 [32, 33 und
37]. Die Dauer einer Finsternis wurde als Zeit allgemeiner Not
und Gefährdung angesehen, deren Auswirkung die Maya durch
Opfer und Ritual abzuwenden suchten. Die Voraussage einer Ver-
finsterung hatte darum wesentliche kultische Bedeutung. Auf
Tafel 16 ist eine am Strick hängende Frau zu sehen, die wahr-
scheinlich Ixtab, die ›Herrin des Seils‹, darstellen soll. Sie war die
Göttin der Selbstmörder, die nach dem Glauben der Maya direkt
ins Paradies eingingen.
Tafel 19, die letzte Tafel auf der Vorderseite des Codex Dresdensis
[39], zeigt Kampfszenen, durch die das Verhältnis von Sonne,
Mond und Planeten in bestimmten Phasen symbolisiert werden
soll. Die Vorstellung vom Kampf zwischen den Himmelskörpern
bestand bei vielen Völkern in Mexiko und Mittelamerika. Auf
mexikanischen Einfluß weist die Abbildung von Rundschild und
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Speerschleuder, also von Waffen, die erst von den Tolteken ein-
geführt wurden.
Mit den Tafeln 20 und 21 [40 und 41] beginnen mythologisch-
astrologische Kalender auf der Rückseite des Faltbuches, die Vor-
aussagen über Witterung und Ernte enthalten und bei Regen-
beschwörungen gebraucht wurden.
Diese beiden Tafeln fallen durch die sogenannten ›Schlangen-
zahlen‹ auf. Es handelt sich dabei um außerordentlich lange Zah-
lenreihen, die bis in eine weit zurückreichende Vergangenheit
reichen.
Die Tafel 22 [53] gibt das dramatische Geschehen einer kosmischen
Katastrophe wieder. Das Bild bezieht sich auf die bei allen mittel-
amerikanischen Völkern anzutreffende Vorstellung von der mehr-
maligen Schöpfung und Vernichtung der Welt. Nach den Über-
lieferungen der Maya gingen der bestehenden Welt, die auch der-
einst einmal zerstört werden würde, bereits drei andere Weltzeiten
voraus.
Die entfesselten verderbenbringenden Gewalten, die eine Art
›Sintflut‹ herbeiführen, werden durch drei furchterregende Figu-
ren repräsentiert. Unter der Hieroglyphenreihe ist der Himmels-
drache zu sehen, der hier nicht den lebenspendenden Regen
sendet, sondern zerstörende Wasserfluten speit. An dem Vernich-
tungswerk ist außer einem schwarzen, mit Speeren und Wurf-
brett bewaffneten Gott auch eine weibliche Gestalt beteiligt, deren
feindlicher Charakter durch den Schlangenkopfputz und die ge-
kreuzten Knochen auf ihrem Kittel betont wird. Die ›alte Göttin
mit den Tigerklauen‹ ist sicher ein Bild der Ixchel, der Gottheit
der Fluten, aber zugleich der Schwangerschaft und der Geburt. Sie
tritt auch in anderen Partien der Dresdner Handschrift als alte,
feindliche Wassergöttin auf.
Die Tafeln 23 [56] und 24 [63] geben Einblick in die Durchfüh-
rung verschiedener Zeremonien. Die Maya sahen in ihren Göttern
Wesen, die für die Gewährung von Nahrung, Wohlstand und
Gesundheit Gaben von den Menschen verlangten und die besänf-
tigt werden mußten, wenn sie erzürnt waren. Opfer waren be-
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sonders wichtig in den Perioden und Tagen, die unter dem Ein-
fluß feindlicher Gewalten standen. Als solche Krisenzeit wurden
die letzten fünf Tage des Mayajahres angesehen, die die Funk-
tion von Schalttagen hatten, also die Zeitrechnung mit den astro-
nomischen Gegebenheiten in Übereinstimmung bringen sollten.
Tafel 23 gehört zu einer Reihe von Bildern und Texten, die sich
auf die Zeremonien beim Beginn eines neuen Jahres beziehen. Die
Darstellung von zwei Opferszenen zeigt unter anderem ein Räu-
chergefäß zum Verbrennen von Kopalharz in der Bildmitte und
verschiedene Opfergaben im unteren Teil der Tafel.
Ethnographisch aufschlußreich ist auch der obere Teil der Tafel 24.
Er zeigt eine religiöse Zeremonie zu Ehren des Maisgottes, an der
Musiker mit Rasselstab, Pauke, Rassel und Flöte teilnehmen. Wie
in den mexikanischen Codices werden die aufsteigenden Töne und
Gesänge durch eine Art Ranken dargestellt.

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Die Beschreibung und Deutung der vorgelegten Tafeln stützt sich
auf Monographien und Aufsätze von F. Anders, Wien (1963),
Th. S. Barthel, Tübingen (1952), K. A. Nowotny, Wien (1961 und
1963)r J. E. Thompson, Saffron-Walden (i960) und G. Zimmer-
mann, Hamburg (1933 und 1956). Eine Zusammenstellung der
zahlreichen Schriften, die auf den Inhalt der Dresdner Handschrift
Bezug nehmen, enthält die Arbeit von H. Deckert, Dresden:
Mayahandschrift der Sächsischen Landesbibliothek Dresden –
Codex Dresdensis: Geschichte und Bibliographie, die als Beilage
zur Faksimileausgabe des Codex Dresdensis im Akademie-Verlag,
Berlin, 1962, erschienen ist.
Im Unterschied zur Faksimileausgabe, die nach den Förstemann-
schen Wiedergaben hergestellt wurde, zeigen die Reproduktionen
in diesem Band den jetzigen Zustand der Tafeln, von denen etwa
ein Drittel durch Kriegseinwirkung hervorgerufene Zerstörungen
oder Verfärbungen aufweist.
Die indianischen und spanischen Eigennamen sind in der ge-
bräuchlichen spanischen Schreibweise wiedergegeben. Z und c vor
e oder i ist wie stimmloses s, x wie sch, ch wie tsch und qu vor e
oder i wie k zu sprechen.

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Die Wiedergabe erfolgt mit Genehmigung
der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden

Insel-Verlag Anton Kippenberg, Leipzig


Lithographie und Druck der Tafeln
von H. F. Jütte VOB in Leipzig
Satz und Druck des Textes
von den Druckwerkstätten Stollberg VOB,
gebunden von Paul Altmann in Leipzig
Jenson-Buchschrift
Lizenz Nr. 351/260/56/65