Sie sind auf Seite 1von 24

Manin Seel

Ästhetische und moralische


Anerkennung der Natur

Der Ruf nach einer Berücksichtigung der Natur im individuellen


und politischen Handeln ist heute selbstverständlich geworden.
Was dies jedoch theoretisch und praktisch bedeutet, darüber ist
weiterhin keine Einigung in Sicht. »Berücksichtigung der Natur«
kann nämlich sehr Verschiedenes heißen. Es kann auf der einen
Seite bedeuten, möglichst haushälterisch mit den natürlichen
Ressourcen umzugehen. Die Rücksicht auf Natur stellt sich dann
als ein technisches Problem dar - es kommt auf einen möglichst
klugen Gebrauch der mehr oder weniger knappen Materialien
und Mittel an, die zur Verwirklichung menschlicher Zwecke in
der Natur bereitliegen. Das richtige Verhältnis zur Natur erweist
sich hier als eine Sache ihrer umsichtigen Aneignung. Auf der
anderen Seite jedoch kann »Berücksichtigung der Natur« be­
deuten, Rücksicht auf Natur selbst zu nehmen - nicht im Sinn
eines Materials oder Mittels, sondern im Sinn eines Gegenübers,
das menschliche Achtung verdient oder verlangt. Hier, in die­
ser nicht-technisch oder nicht-instrumentell verstandenen Rück­
sicht auf Natur, wird häufig von einem Verhältnis der Anerken­
nung der Natur gesprochen. »Berücksichtigung der Natur« kann
also entweder umsichtige Aneignung oder achtende Anerken­
nung bedeuten.
Auch wer sich für eine Anerkennung der Natur entscheiden
möchte, wird sich nicht gegen ihre Aneignung entscheiden kön­
nen. Denn die technische Nutzung von Natur als einer Ressource
ist für die menschliche Lebensform ganz unverzichtbar. Die
Frage kann nur lauten, 'welche Technik der Naturaneignung im
Dienste welcher menschlichen Zwecke richtigerweise einz.uset-
zen ist. Dagegen ist es sehr wohl möglich, sich gegen einen aner­
kennenden Umgang mit der Natur zu entscheiden. Eine solche
Entscheidung beschreibt im großen und ganzen den heutigen
Zustand der industriellen Zivilisation; die modernen Industrie­
nationen haben einen Weg der eskalierenden Aneignung der Na­
tur eingeschlagen, der mit Umsicht kaum etwas, mit blinder Aus-
S-tung aber sehr sie! zu hin hat. 1 >aß dies - zumal im Blick auf
<»euerationcn moialisch vei weltlich ist, hat sich her-
u::^ctpr*Khcn, wenn auch soicixt ohne böigem es dürfte aber
n.ht einmal langer klug sein, einseitig zugunsten der Aneignung
jJ chu* Anerkennung der Natur zu verzichten. Eine umsichtige
A’KHgnung oder Nutzung der Natur nämlich wird auf län-
Suhl überhaupt nut innerhalb von Gesellschaften möglich
%cm,dic mkh zu unn mchtstnuegisJum/b/crGwzzo/ß der Natur
Jurshgerungen haben - m (jescllsch.itten, für die bestimmte Na­
turzustände nicht langer Material, Mittel oder Ressource, son­
dern selbst ein Zweck sind, etwas also, das auch »um seiner selbst
wdkn« geachtet und erhalten wird. Anerkennung der Natur
durfte schon mittelfristig eine Voraussetzung der erfolgreichen
Aneignung von Natur sein. Eine nicht auf den Nutzen sehende
Anerkennung der Natur, die in der Lage ist, der menschlichen
Nutzung Grenzen zu setzen, wird über kurz oder lang zur Be­
dingung ihrer erfolgreichen Nutzung werden.
Was aber ist unter einem Verhältnis der »Anerkennung« der
Natur im Unterschied zu ihrer Aneignung oder Ausbeutung zu
serstehen? - Es ist diese Frage, um die sich die gegenwärtige
philosophische Diskussion über das angemessene Naturverhält-
n*a letztlkh dreht. Ich möchte versuchen, auf diese Frage eine
Antwort zu geben. Dabei werden jedoch gleich mehrere Fragen
zu beantworten sein:
i Weiten Anerkennung ist eigentlich gemeint, wenn wir von
einer •Anerkennung der Natur« sprechen?
i Als was wird Natur in ihrer Anerkennung durch den Men-
uhen anerkannt?
) Warum ist cs empfehlenswert oder geboten, sich anerkennend
/ur Natur zu verhalten?
Ihcvc drei f ragen - und mit ihnen die übergreifende Frage, was
•Anerkennung der Natur« eigentlich heiße - können nur ge-
mcinurn beantwortet werden. Ich werde mich schrittweise einer
flehen Antwort nähern. Zu Beginn werde ich kurz den Begriff
<hrr Anerkennung erläutern und einige Thesen zum Verhältnis
4MhetHchcr und moralischer Anerkennung von Natur formulie-
frn Im zweiten, dem Uauptteil meiner Studie werde ich vier
Grundsätze einer angemessenen Ästhetik der Natur auistcllcn
m ihrer Bedeutung für die Aufklärung unserer moralischen
crpfluhtungen hinsichtlich der Natur entwickeln. Zum Schluf'
werde ich meine eigene Position mit einigen Einwänden kon­
frontieren, insbesondere mit dem Vorwurf, in einer Ästhetik und
Ethik (wie der hier vertretenen), die vom »Ganzen der Natur*
wenig Aufhebens macht, komme Natur eigentlich gar nicht \ or.

i. Zweierlei Anerkennung
In moralischen und moralphilosophischen Zusammenhängen ist
von »Anerkennung« oft im Sinn wechselseitiger Anerkennung
die Rede. Für moralfähige Individuen ist es wesentlich, daß
sic einander Anerkennung als Personen zollen; aus dieser wech­
selseitigen Anerkennung ergeben sich grundlegende morali­
sche Rechte und Pflichten. Wer von »Anerkennung der Natur*
spricht, kann sich auf diese Bedeutung nicht stützen. Selbst wenn
man annimmt, Schimpansen, Delphine und einige andere Tierar­
ten seien - im Prinzip wenigstens - in der Lage, einander und
möglicherweise sogar Mitgliedern einer anderen Spezies so etwas
wie moralische Anerkennung entgegenzubringen, so könnte
dies erstens nicht die volle Wechselseitigkeit menschlicher Aner­
kennungsverhältnisse beinhalten und beträfe zweitens nur einen
winzigen Bereich dessen, was unter dem Stichwort »Anerken­
nung der Natur« angesprochen ist. »Anerkennung der Natur« ist
daher Anerkennung der Natur durch den Menschen auf eine
Weise, die nicht der moralischen Wechselseitigkeit-unter Perso­
nen entspricht.
Damit ist jedoch noch nicht ausgeschlossen, daß das Grund­
verhältnis einer Anerkennung der Natur im Kern ein morali­
sches Verhältnis ist. Denn moralische Anerkennung ist keines­
wegs notwendig auch wechselseitige Anerkennung. Kindern und
schwer kranken Menschen etwa bringen wir Anerkennung ent­
gegen und schreiben ihnen Rechte zu, ohne daß sie in der Lage
wären, diese Anerkennung überhaupt oder im selben Maß zu
erwidern. Ähnlich verhält es sich dort, wo wir Tieren mit morali­
scher Rücksicht begegnen; hier gilt unsere Anerkennung den 1 e-
hewesen, die leidensfähig sind wie wir selbst, ganz unabhängig
davon, ob sie diese Anerkennung zu erwidern vermögen. Diesem
nicht geringen Teil der Natur gegenüber ist also ein Verhältnis
moralischer Anerkennung möglich, jedoch ist auch dies nur
ein Teilbereich dessen, was wir meinen, wenn wir generell einen
miht instrumentellen Umgang mit der Natur empfehlen oder
fordern. Moialischc Anerkennung ist mir dm t überhaupt sinn­
voll. uo cm Bewußtseins’ und Icidenslähiges Gegenüber da ist,
dem cs selbst etwas ausmacht, ob es iucksichtsvoll oder rück­
sichtslos behandelt wird. Jenseits der tierischen Welt aber sind
keine Jemande mehr da, die aus direkten moralischen Grün­
den zu berücksichtigen waren, denen gegenüber wir moralische
Pflichten hatten. Pflanzen und Steine, Flüsse und Landschaf­
ten stellen kein denkbares Gegenüber einer direkten moralischen
Rücksicht dar; sie sind keine »Subjekte ihres Lebens« auch nicht
in der weitesten Verwendung des Wortes „Subjekt".1 Daraus aber
folgt: •/Xncrkcnnung der Natur" in genereller Bedeutung, kann
nicht in erster Linie moralische Anerkennung sein.
Sie kann jedoch ästhetische Anerkennung sein. Zum Inhalt die­
ser Anerkennung werde ich gleich noch mehr sagen. Die Form
dieser Anerkennung liegt in der Zuschreibung eines besonderen
Werts der Natur innerhalb einer besonderen Art der mensch­
lichen Begegnung mit ihr. In ästhetischer Einstellung können
bestimmte Zustände von Natur um ihrer selbst willen geschätzt
und gesucht werden. Eine nicht auf das höhere tierische Leben
eingeschränkte Anerkennung der Natur ist nur im Rahmen ei­
ner solchen ästhetischen Einstellung möglich. Meine These lautet
daher: Inne zugleich direkte und allgemeine Anerkennung der
Na tur ist nur als einseitige ästhetische Anerkennung (der Natur
durch den Menschen) möglich. Umfassende moralische Anerken­
nung der Natur setzt eine umfassende ästhetische Anerkennung
ton Natur voraus.
Ich mochte die zentralen Begriffe noch einmal hervorheben:
• Anerkennung der Natur* bedeutet zunächst einmal Anerken­
nung eines nicht-instrumentellen Werts von Natur. Eine solche
Anerkennung kann entweder ästhetische oder moralische Aner­
kennung sein.
Ah moralische Anerkennung gilt sie allen leidensfähigen We­
sen - sie ist Rücksicht auf das Wohlergehen dieser Wesen, und
zwar um dieser Wesen und ihres Wohlergehens willen. Ms ästhe­
tisch? Anerkennung gilt sie bestimmten Zuständen und Situatio­
nen von Natur, und zwar um der - allein für den Menschen
erfahrbaren - Gegenwart dieser Situationen willen.
i Zum -.Subjekt -eines-Lebens* vgl. T. Regan, The Case for Ani­
mal Kights, Berkeley 1983, Les. S. 243.
pO
Nur aus ästhetischer Einstellung, so werde ich zu zeigen versu­
chen, kann der Natur auch jenseits bewußten Lebens so etwas
wie ein »Eigen weit« zukommen (wobei auch das bewußte Le­
ben derliere in einem besonderen, zusätzlichen Wert erscheint).
Dieser Eigenwert aber kommt der Natur nicht absolut, sondern
allein innerhalb der ästhetischen Praxis des Menschen und ihres
Eigenwerts zu. Daraus folgt nun, daß die moralische Anerken­
nung der Natur über die leidensfähigen Individuen hinaus keine
direkte Anerkennung »der Natur« sein kann, sondern allein eine
Anerkennung der ästhetischen Anerkennung der Natur durch
den Menschen. Der moralische Respekt vor der xNatur, soweit er
ist, ist zugleich eine
Rücksicht auf die naturbezogene ästhetische Praxis des Men­
schen. Ohne dieses anthropozentrische Element, so meine ich,
muß die Ethik des richtigen Umgangs mit der Natur ihr 'Ihema
verfehlen. Diese vorausgreifenden Thesen machen zunächst vor
allem deutlich, wie wichtig es für unser Thema ist, sich darüber
zu verständigen, worin eine »ästhetische Anerkennung der Na­
tur« denn eigentlich besteht. Nur wenn wir uns hierüber Klarheit
verschaffen, gibt es eine Chance, einer mißlichen Alternative zu
entkommen, die uns dazu zwingt, das 1 feil eines ökologisch rich­
tigen Verhaltens entweder in einer Unterordnung der Natur un­
ter die Interessen des Menschen oder in einer Unterordnung des
Menschen unter die vermeintlichen Interessen der Natur zu se­
hen.2 Gerade die Ästhetik aber kann uns lehren, daß solche Alter­
nativen ebenso abwegig wie überflüssig .sind.

2. Grundsätze einer Ästhetik der Natur


Die Frage, was ästhetische Anerkennung der Natur heißen kann,
werde ich im folgenden so zu beantworten versuchen, daß ich
darlege, wie eine Ästhetik der Natur verfaßt sein muß, die in der
Lage ist, über die Gründe Auskunft zu geben, die es für die heute
Lebenden gibt, sich der äußeren Natur in ästhetischer Aufmcrk-
2 Vgl. zum Beispiel die kontroversen Positionen von P. Taylor, Respcct
for Xätitrey Princeton 1986, und I). Birnbacher, »Rechte des Men­
schen oder Rechte der Natur? Die Stellung der Freiheit in der öko­
logischen Ethik«, in: H. Holzhey/J.-P. Leyvranz (Hg.), Persönliche
Ireiheit. Stiidia Philosophien 49 (1980), S. 61-80.
wmkot ruzuwenJcn. Ich ssctde dabei über vier hrfordcr-
nmc einer angemessenen ’l heonc des Natutschonen sprechen.
|),c Anforderungen klingen .die recht einfach; ich bin aberzuver-
»khtikh.dali sie nu ht trix tat erscheinen werden. Die vier Grund­
sätze. die kB erläutern mochte, lauten:
i Die Ästhetik der Natur sollte eine Ästhetik sein,
n D;c Asthetik der Natur sollte eine Ästhetik der Natur sein,
in Die Ästhetik der Natur sollte Ieil einer Ethik des guten Le-
ben> sein
n Die indnidualcthischc - und durchaus anthropozentrische
Ästhetik der Natur sollte Teil einer pathozentrischen Ethik der
Anerkennung sein.
N h<*ndie Zusammenstellung dieser Sätze läßt zwei wichtige Vor­
aussetzungen erkennen. Erstens: Das Unternehmen der Ästhe­
tik, zumal das einer Ästhetik der Natur, ist von dem einer diffe­
renzierten i thik nicht zu trennen. Zweitens: Die Ästhetik-und
wiederum gerade die Naturästhetik - kann ihr Verhältnis zur
Hh;k nur klaren, wenn sie sich auf ihre genuinen Aufgaben be-
srnnt. Mit anderen Worten: Die ethischen oder politischen Kon­
sequenzen, die sich aus einer Ästhetik der Natur ergeben, dürfen
ihr nicht von außen aufgezwungen werden. Die Ästhetik der
Natur kann die i thik der Natur nur unterstützen (ersetzen kann
i:e Mt ohnehin nicht5), solange man ihr einen eigenständigen
Zugang laßt.

i Die Ästhetik der Natur sollte


eine Ästhetik sein

Thema der Ästhetik sind formen und Möglichkeiten einer voll-


/ugsoricjitieften Wahrnehmung. Sie handelt von Wahrneh-
munpwenen, deren Ausübung sich um ihrer selbst willen lohnt.
Dem entspricht die allgemeine Bedeutung des Wortes »schön*;
ah KhfMt gilt alle», was um seiner selbst wüten gefällt - ein schö­
ne» humtwetk, ein schöner Baum, schönes Wetter, ein schönes
Schtnu<»stuck, cm schönes Sofa oder auch ein schönes z\rgu-

) SuUunf »uhrtiuhrr Argumente in der ökologischen Ethik \gl.


Srd, /thuh tithrtiKbr \tndirnt Brankfurt am .Main 1996.
7. zum Verhahm» von I thik und Ästhetik siehe ebd . Studie 1.
ment. Daß etwas *uin seiner selbst willen gefällt«, bedeutet hier­
bei zugleich, daß sich die Wahrnehmung der betreffenden Sache
bzw. der Aufenthalt in der betreffenden Situation ohne weiteres
lohnt. »Schön« ist demnach ein Wort für alles, womit wir so
Umgang haben, daß cs uns dabei um diesen Umgang geht.
Jedoch ist diese Erläuterung für die Zwecke einer Ästhetik
noch zu allgemein. Die Ästhetik handelt nicht von schönen Be­
schäftigungen aller Art, sie handelt von den Formen eines selbst -
zweckhaft wabrnebmenden Tätigseins. Noch genauer muß es
heißen: Sie handelt von Formen sinnengeleiteter Wahrnehmung,
bei denen es - mit unterschiedlicher Gewichtung - um den sinn­
lichen, affektiven und imaginativen Vollzug dieser Wahrneh­
mung geht. Und sie handelt von den bevorzugten Objekten
solcher Wahrnehmung. Die bevorzugten Objekte ästhetischer
Wahrnehmung werden »schön« genannt (oder mit sonst einem
ästhetischen Vorzugswort bedacht), weil sie ausgezeichnete Ge­
legenheiten zur ästhetischen Anschauung sind. Der im engeren
Sinn ästhetische Gebrauch des Wertes »schön« (oder anderer
Prädikate) verweist aut Objekte oder Situationen, die eine Begeg­
nung unter Bedingungen sinnlich-imaginativer Aufmerksamkeit
lohnen. Im Unterschied zum schönen oder erhabenen Augen­
blick aber sind schöne (erhabene usw.) Objekte oder (legenden
bleibende Gelegenheiten einer vollzugsorientierten sinnengelei­
teten Wahrnehmung. Um den Sinn dieser Gelegenheiten zu ver­
stehen, muß man wiederum verstehen, wofür sie Gelegenheiten
sind - für eine Praxis der Wahrnehmung, die sich ihnen um ihrer
selbst willen zuwendet. Wenn die Ästhetik von der Schönheit
oder Erhabenheit der Natur spricht, spricht sie von der Natur als
einer ausgezeichneten Gelegenheit menschlicher W ahrnehmung.
Sie spricht von ihrer Schönheit (oder Erhabenheit usw.) für uns.
Schönheit »an sich« gibt es nicht. Vielleicht könnte die Ästhetik
auch von einer ästhetische Attraktion der Natur für andere I ebe-
wesen sprechen; auch dann aber spräche sie von ihrer Schönheit-
für-jemanden, der über bestimmte Möglichkeiten einer selbst-
zweckhaften sinnengcleiteten Empfindungstätigkeit verfügt? In
jedem Fall hängt die Wahrnehmung des Naturschönen wie dieje-

4 freilich wäre das keine Ästhetik im üblichen, rnensjienbczogrncn


Sinn: Sie könnte keine Rechenschaft über die (/twm/r geben, die cs für
die I finwendung zum Schonen gibt.
mgc alles Schonen aufs engste mit der sinnlichen Intelligenz der
jeweiligen Subjekte dieser Wahrnehmung zusammen. Die Sinn­
lichkeit intelligenter Lebewesen - ihre zugleich naturgegebene
und kulturell ausgeformte Sensibilität - entscheidet darüber, wel­
che Phänomene für sie überhaupt als Kandidaten des Schönen in
Frage kommen. Nur Phänomene kommen dafür in Frage, die
von ihnen in ihrer sinnlich prägnanten Besonderheit geschätzt
werden können.
Das bedeutet: Eine Ästhetik der Natur (soweit sie den ästheti­
schen Sinn des Menschen im Auge hat) muß von demjenigen
sprechen, was dem Menschen leiblich-sinnlich als Natur wahr­
nehmbar ist. Sic muß ihren Ausgang bei der lcbensweltlichen
Phänomenalität der Natur nehmen. Ihr Gegenstand sind die sin-
nentalligen Gestalten dessen, was alltäglich als Natur und natür­
liches Wirken im Unterschied zu menschlichem Werk und
menschlichem Handeln angesprochen wird. Die Besonderheit
dieser Gestaltungen ist ihr Thema. Eine Ästhetik der Natur muß
deutlich machen können, was es mit der Schönheit der Natur im
Unterschied zu allen anderen Arten der Schönheit (oder Erha­
benheit usw.) auf sich hat. Die Ästhetik der Natur kann nur
Ästhetik sein, wenn sie zugleich Ästhetik der Natur zu sein ver­
sucht.

//. Die Ästhetik der Natur sollte


eine Ästhetik der Natur sein

Eine Antwort auf die f rage, von welcher Natur eine Ästhetik der
Natur zu handeln habe, ergibt sich aus dem Vorangehenden un­
mittelbar. Diejenige Natur, aus der alles stammt, die alles durch­
wirkt und in die alles eingeht, ist kein ästhetisches Objekt im
Unterschied zu anderen Arten ästhetischer Objekte. Eine Be­
trachtung, die sich der Besonderheit natürlicher im Unterschied
zu künstlichen Gebilden widmet, hat keinen Anlaß, diesen Be­
griff der Natur zu ihrem Grundbegriff zu machen. Schauplatz
ästhetischer Wahrnehmung - und Thema der Naturästhetik - ist
vielmehr dasjenige Naturverhältnis, in dem wir einer Natur be­
gegnen, die wir erstens als Getier, Gewächs, Gestein oder Land-
Khaft indiuduicren können und die wir zweitens als mehr oder
weniger freie Natur im Unterschied zum menschlichen Artefakt
auffassen können. Die Natur, von der eine Ästhetik der Natur
handelt, ist ein gefährdeter Bereich innerhalb der menschlichen
Wirklichkeit.
Die Tatsache, daß der Unterschied zwischen Natur und Kultur
oder zwischen artifizieller und naturhaftcr Gegebenheit in der
heutigen Welt eine durch und durch graduelle Unterscheidung
ist, ändert daran nichts. Viele Unterscheidungen haben einen gu­
ten und präzisen Sinn, obgleich es sich um graduelle Unterschei­
dungen handelt - man denke nur an den Unterschied zwischen
Kindern und Jugendlichen, zwischen Türkis und Blau, zwischen
Tröpfeln und Nieseln oder zwischen analytischen und syntheti­
schen Sätzen. Entsprechend hindert uns das Wissen, daß das, was
wir als äußere Natur ansprechen, vielfach artifiziell geprägt ist,
nicht daran, die Gegenstände dieser Natur vom bloßen Arte­
fakt und das Geschehen dieser Natur vom zielgerichteten Han­
deln zu unterscheiden. Unser ästhetischer Sinn für die Schönheit
der Natur basiert auf dieser Unterscheidung - und .erst recht
unser Sinn für die Zerstörung ästhetisch attraktiver Natur.
Der Gesichtspunkt dieses Unterschieds läßt sich am besten wie
folgt angeben: Was wir in ästhetischer Absicht an der Natur su­
chen, sind Gebilde und Areale eines kontingenten Formlebens.
Ästhetisch interessant, mit anderen Worten, ist Natur wegen ih­
rer nicht vom Menschen bewirkten Prozessualität, wegen der
Selbständigkeit und Veränderlichkeit ihrer Gestaltungen, wegen
der ungelenkten Fülle der Erscheinungen, die sie unseren Sinnen
darbietet. In diesen Aspekten erscheint Natur anders als alles,
was vom Menschen vollbracht werden kann. Wegen dieser An-
dersheit ist sie eine eigene Quelle ästhetischer Attraktion.
In meiner Ästhetik der Natur habe ich zu zeigen versucht, daß
wir auf diese phänomenale Bewegtheit der Natur aut ganz ver­
schiedene Weise reagieren können und daß es gerade diese unauf­
hebbare Verschiedenheit unseres ästhetischen Reagierenkönnens
ist, was die Gebilde und den Raum einer freien Natur zu einer
einzigartigen Möglichkeit ästhetischer Erfahrung macht. Schöne
oder erhabene Natur tritt uns gleichzeitig als ein sinnfremdes
Spiel der Erscheinungen, ein gestaltgebender - und darin emi­
nent sinnhafter - Ort des Lebens und schließlich als ein bildhaf­
ter Raum der Kunst entgegen.5 Diese Analyse möchte ich hier

$ Martin Seel, Eine Ästhetik der Natur, Frankfurt am Main 1991.

3U
n:<ht wiederholen, sondern lediglich zwei Folgerungen ei wäh­
nen, die sich aus meiner dortigen Betrachtung ergeben:
Irrens: Der ästhetische Sinn für Natur ist ein Erzeugnis der
menschlichen I ebenstorm, aber ein durchaus paradoxes. Denn
das Gefallen am Naturschönen ist ein Gefallen daran, daß nicht
alles Menschenwerk, nicht alles menschliche Formung, nicht al­
les sinnhafte Setzung ist. Die Erfahrung des Naturschönen ist
eine Erfahrung positiver Kontingenz. Das ästhetische Interesse
ander Natur schließt dasjenige an einem Abstand zur menschlich
gemachten und menschlich gedeuteten Welt mit ein.
Zweitens: Darin, daß die Gegenwart des Naturschönen eine
mehrfache Freiheit gegenüber kulturellen Entwürfen und Sicht­
weisen eröffnet, erweist sich Natur als genuine Lebensmöglich­
keit Jes Menschen. Das Naturschöne ist ein Ort erfüllter Zeit.
Schone Natur, heilst das, ist kein Mittel zum Glück, sie ist eine
Form des Glücks. Sie ist denen, die sie aufsuchen, nicht zum
Zw eck, sie ist ihnen selbst ein Zweck - und zwar ein Zweck, den
sie nicht selbst bewirken können.

in. Die Ästhetik der Natur sollte


Teil einer Ethik des guten Lebens sein

^üienn das zuletzt Gesagte zutrifft, ist die Ästhetik der Natur
zugleich Teil einer Ethik der individuellen Lebensführung. Sie
klart über eine genuine Möglichkeit guten Lebens auf. Das kann
nicht weiter verwundern, ist doch die Ästhetik, da sie es mit
spezifischen Formen und Gelegenheiten vollzugsorientierten
Tatigseins zu tun hat, generell Teil einer Ethik des guten Lebens.
Von einer Ästhetik der Natur freilich gilt dies in besonderem
Maß; denn sie hat es direkt mit dem Verhalten zu einer wesentli­
chen Lebenswirklichkeit des Menschen zu tun, dem Leben in
-

und mit der äußeren Natur. Schöne oder erhabene Natur, so kann
7^"

die Ästhetik zeigen, ist ein unersetzlicher Ort eines nicht-instru-


mcntalisierten und nicht instrumentalisierenden Daseins. Die
Ethik kann diese Einsicht aufnehmen und ihrerseits deutlich ma­
chen, daß die Erfahrung von Freiheit im Raum des Naturschönen
exemplarischen Wert für die menschliche Lebensführung insge­
samt hat.6 Daraus ergibt sich: Es ist nicht nur für unser Verhältnis
6 V^cbd., Kapitel VI.
zur äußeren Natur, sondern für unsere Lebensweise überhaupt
besser, in und mit einer vielgestaltigen, nicht durchgehend von
uns beherrschten Welt zu leben.
Nun könnte man auch hierin noch eine Instrumentalisierung
sehen. Die Schönheit lcbcnsweltlichcr Natur werde in dieser Be­
trachtung eben doch von den Zwecken des Menschen her ver­
standen, nicht hingegen rein für sich selbst, in ihrem »Eigen­
wert«. »Schön« (»erhaben« usw.) in meiner Analyse bedeute nur
soviel wie »gut-für-den Menschen« in einer bestimmten, eben
ästhetischen Verwendung von »gut«. - So richtig diese Beobach­
tung ist, eine Instrumentalisierung vermag ich darin nicht zu
sehen.
Alles hängt daran, wie der Begriff eines »Eigenwerts« der nicht­
menschlichen Natur zu verstehen ist. Einen »Eigenwert«, so
könnte man sagen, hat alles, dem ein nicht-instrumenteller Wert
zukommt. Jedoch kann dies recht Verschiedenes bedeuten. Drei
Grundbedeutungen möchte ich unterscheiden.
Von der ersten Bedeutung habe ich bei der Erläuterung meines
ersten Satzes gesprochen, als ich sagte, die ästhetische Wahrneh­
mung wende sich einer Situation oder Sache um ihrer selbst wil­
len zu. Das »Um-seiner-selbst-willen« hat hier einen doppelten
Sinn: Es ist das Wahrgenommene, das ich um seiner selbst willen
wahrnehme, zugleich aber auch die Wahrnehmung, die ich um
ihrer selbst willen vollziehe. Im ästhetischen Kontext sind diese
beiden Komponenten strikt interdependent. Eine Situation oder
Sache um ihrer selbst willen wahrnehmen heißt hier, diese Wahr­
nehmung um ihrer selbst willen zu vollziehen - und vice versa.
Beides hat hier einen »Eigenwert«: sowohl die Wahrnehmungs­
handlung als auch das Wahrnehmungsobjekt. Die ästhetische
Hingabe an etwas ist von der Lust an dieser Hingabe nicht zu
trennen.
Eine zweite Bedeutung der Zuschreibung eines »Eigenwerts«
ist dort gegeben, wo sich diese beiden Komponenten trennen
lassen. So kann ich ein Lebewesen (ob Mensch oder Tier) um
seiner selbst willen respektieren, ohne notwendigerweise diese
Rücksicht um ihrer selbst willen auszuüben. Der nicht-instru­
mentelle Wert entspringt hier, daraus, daß diesen Lebewesen an
einer bestimmten Lebensweise liegt, zusammen mit einer Aner­
kennung des Werts, den diese Lebensweise für die anderen hat.
Wir respektieren die Betroffenen um ihret-, nicht um unsert­
willen. Anders als heim ästhetischen Respekt, wo der Wert eines
Wahrnchmungsobjckts vom möglichen Wert der auf cs bezo­
genen Wahrnehmungshandlung nicht zu trennen ist, können wir
in moralischer Perspektive den »Eigenwert« eines Lebewesens
wahrnchmen, ohne dieser Wahrnehmung einen Eigenwert zu
verleihen. Das bedeutet freilich nicht, daß cs nicht auch mora­
lisch erwünscht wäre, den Respekt gegenüber anderen um seiner
selbst willen zu vollziehen.7
In beiden so weit betrachteten Fällen hat »Eigenwert« stets
etwas mit einem »Wcrt-für-jemandcn« zu tun; in beiden Fällen
aber ist dies em nicht-instrumenteller Wert. Im ersten - ästheti­
schen - Fall gewinnt etwas einen Eigenwert zugleich mit dem
Eigenwert, den seine Wahrnehmung für jemanden gewinnt. Im
zweiten - moralischen - Fall hat etwas einen Eigenwert, weil es
für andere einen eminenten Wert hat. Es ist nun - Worte sind
geduldig - durchaus möglich, hiervon einen dritten Fall zu unter­
scheiden. Demnach hätte Eigenwert etwas, das »in sich selbst«
wertvoll wäre, ganz abgesehen davon, ob cs außerdem für jeman­
den von Wert sein könnte. Hier hätte der Terminus »Eigenwert«
nicht länger einen relationalen, sondern einen absoluten Sinn. Ich
muß jedoch gestehen, daß ich nicht wirklich weiß, was dies be­
deuten sollte. Denn es würde verlangen, von einem Wert zu spre­
chen, der nicht nur kein instrumenteller Wert für jemanden, son­
dern überhaupt kein Wert-für-jemanden wäre. Wie aber sollte
etwas von Wert sein, ohne - faktisch oder kontrafaktisch8 - für
jemanden ein Wert zu sein?
7 Auch das Zusammenfallen beider Komponenten aber hätte hier einen
anderen Sinn. Die selbstzweckhafte »Wahrnehmung« wäre hier als
folge der Wahrnehmung eines Selbstzwecks anzusehen, während im
ästhetischen Fall eine strenge Gleichursprünglichkeit vorliegt.
K Sobald zur Erläuterung dieses dritten Falls gesagt wird, es handle sich
hier um einen potentiellen Wert-für-jemanden, unabhängig davon, ob
(und wann) dieser Wert tatsächlich von jemandem erkannt werde, löst
sich die Differenz zu den ersten beiden Fällen auf. Auch potentieller
Wert für-jemanden ist Wert-für-jemanden. Die Entdeckung von Wer­
ten, die bis dahin von niemandem (an)erkannt wurden, ist ästhetisch
wie moralisch in der 'lat wichtig. Jedesmal aber ist dies zugleich die
Entdeckung des Werts einer Handlungsmöglichkeit - für das eigene
Handeln und/oder für das der andern. »Werte« sind Handlungsinög-
Ih hkenen, die einer bestimmten positiven Bewertung unterliegen. Ob
und inwiefern diese I landlungsmöglichkciten bestehen können, be-
Eines immerhin ist sicher: Um einen ästhetischen Wert, um eine
ästhetische Bedeutung von /»gut« oder »»schön* kann es sich hier­
bei nicht handeln. Denn eine Ästhetik des menschlichen Gefal­
lens an der Natur kann nun einmal von nichts anderem als dem
menschlichen Gefallen an der Natur handeln, das heißt von der
Attraktion, die das Naturschöne für uns hat, wenn wir sie als
schön, erhaben usw. empfinden. In ästhetischer Bedeutung »gut«
ist Natur für den Menschen, sofern er nichts mit ihr vorhat, außer
in ihrer vielgestaltigen, vielfarbigen, vielstimmigen Gegenwart zu
sein.
Ich halte fest: Die Natur, der wir uns in ästhetischer Absicht
zuwenden, ist für-uns und nicht für-uns in einem. Für uns ist sie
in einem epistemischen Sinn: Es ist unser Verständnis von und
unser Zugang zur Natur, worin sich die Dimension ihrer Schön­
heit eröffnet. Nicht für-uns ist die ästhetische Natur in einem
praktischen Sinn: Sie ist nicht für uns da und in wesentlicher
Hinsicht auch nicht von uns gemacht. Obwohl wir der Natur
notwendigerweise im Zeichen eines Für-uns begegnen, muß dies
keineswegs ein instrumentelles Für-uns sein. Im Gegenteil. Daß
Natur nicht für uns da ist und nicht mit uns rechnet, macht ihren
ästhetischen Wert für uns aus. Der Schluß von einem epistemi-
schen auf ein instrumentelles Für-uns ist ein Fehlschluß.
Diese Unterscheidung ist hilfreich auch in der Frage des na­
turphilosophisch zulässigen Anthropozentrismus. Ein epistemi-
scher Anthropozentrismus, so meine ich, ist ganz unvermeidlich.
Wir kennen Natur nur zusammen mit unseren Verhältnissen zur
Natur; wir können uns über Natur nur zusammen mit einer
Aufklärung dieser Verhältnisse Aufklärung verschaffen. Ein in­
strumenteller Anthropozentrismus jedoch, so meine ich, ist sehr
wohl vermeidbar. Wir müssen die äußere Natur nicht so auffas­
sen, als sei sie lediglich zur Erfüllung unserer Zwecke da. Die
ästhetische Erfahrung zeigt sogar, daß wir Natur überhaupt nicht
so auffassen müssen, als habe sie irgendwelche Zwecke im Sinn.

vor jemand sie ergriffen hat (ob also von »potentiellen Werten« nicht
nur ex post, sondern auch ex ante geprochen werden kann), bedürfte
einer eigenen Diskussion. Für ästhetische Orientierungen lautet die
Antwort vermutlich nein, für moralische möglicherweise ja.
n Dte inihiidualetbischc Ästhetik der Natur sollte
'.burnHs leit einer Ethik der Anerkennung sein

Ma der Zurückweisung eines instrumentellen Anthropozentris­


mus ist tedovh der praktische Anthropozentrismus keineswegs
bereis als solcher verworfen. Ein reflektierter praktischer Ar.-
thrnpozentnsmus nämlich macht deutlich, wie sehr es im Inter­
esse Jes Menschen liegt, ein Verhältnis zur Natur zu entwickeln,
das durch einen Verzicht auf aneignendc Bewältigung gekenn­
zeichnet ist. I riese ästhetische Anerkennung der Natur aber liegt
wiederum in einer Möglichkeit menschlicher Praxis begründet.
I>cr mdividualcthische Grund für eine ästhetische Rücksicht auf
Natur bleibt ein anthropozentrischer Grund. Dieser Anthropo­
zentrismus hat jedoch nur wenig mit seinem instrumentalisti-
ichcn Doppelgänger gemein, für den das Verhältnis des Men­
schen zur Natur allein das zu einem Mittel, nicht hingegen das zu
einem eigenen Zweck menschlichen Existierens ist.
Individualethisch - im Rahmen einer Ethik des guten Lebens-
gibt cs also zu einer anthropozentrisch begründeten Anerken­
nung der Natur keine sinnvolle Alternative. Das bedeutet aber
nun nicht, daß sich alle im engeren Sinn moralische Rücksicht auf
Natur auf eine anthropozentrische Basis stützen könnte. Wieder
Übergang von einer notwendigerweise anthropozentrischen äs­
thetischen Anerkennung der Natur zu einer nicht allein anthro­
pozentrisch gedachten moralischen Anerkennung der Natur aus­
sieht, möchte ich im folgenden deutlich machen.
Wenn es zulrifft, daß das Naturschöne eine ausgezeichnete Le-
bcnsmöglichkeit des Menschen darstellt, hat jeder Mensch
Grund, einen nicht-instrumentellen Umgang mit der Natur zu
pflegen. Dieser ästhetische Grund gesellt sich zu den anderen-
zum Beispiel ökologischen - Gründen, die jeder einzelne schon
im längerfristigen eigenen Interesse hat, für die Erhaltung oder
Gewinnung einer möglichst freien Natur einzutreten.
Der Schutz der Natur ist aber kein Gebot der individuellen
I ebrmklugheit allein. Er ist auch ein Gebot der Rücksicht auf
andere. In einer möglichst erträglichen oder bekömmlichen Um­
welt /u leben ist eine allgemeine Bedingung guten menschlichen
Lebens, tyenn nun das Naturschöne eine genuine Lorrn gu­
ten mcniJilidicn Lebens darstellt, gehört auch sein Schutz zur
Rücklicht auf die Entfaltungsmöglichkeit aller anderen Men-
sehen. Er ist ein Kernpunkt einer universalistischen Moral. Die
Ethik der Lebensführung tritt an dieser Stelle in den Kontext
einer Ethik der personalen Anerkennung.
Die wechselseitige Anerkennung der Menschen als Individuen,
die ein gleiches Recht auf eine freie, ertragreiche und bekömmli­
che Natur haben, ist aber wiederum nur eine erste Stufe der An­
erkennung. Schließlich sind die Menschen nicht die einzigen Le­
bewesen, denen an einer solchen Natur liegt. Auch die Tiere
gehören dazu - jedenfalls diejenigen Tiere, die u ir als Icidensfahi-
ge Geschöpfe verstehen. Basis dieser Anerkennung ist die Wahr­
nehmung einer kreatürlichen Kontinuität zwischen Mensch und
Tier: die Anerkennung des Umstands, daß sie Icidensfahig sind
wie wir und wir leidensfähig sind wie sie. In dieser I linsicht
besteht eine Symmetrie zwischen Mensch und Tier. Ganz gleich,

ist moralischer Grund genug. Eine Moral, die sich als Schutz
elementarer Bedingungen guten individuellen l ebens versteht,
darf das tierische Leben nicht ausschließen. Sie muß eine Moral

der Qualität tierischen Lebens, durch die eine anthropozentri­


sche Ethik der Natur zu einer »pathozcntrischen« wird - die
Anerkennung tierischer Lebensformen erfolgt hier nicht allein
darum, weil ihre Vielfalt für uns eine schöne Sache ist, sondern
vor allem darum, weil ihnen - ebenso wie uns - an gedeihlichen
Lebensmöglichkeiten gelegen ist.
Es könnte nun naheliegend erscheinen, auch noch eine dritte
Form der moralischen Anerkennung einzuführen: nicht nur
der Menschen und Tiere, sondern auch der Pflanzen und Steine,
möglicherweise sogar aller menschlichen Artefakte, die ia eben­
falls aus Stoffen und Kräften der Natur gewonnen sind. Dies
würde einen weiteren Übergang von einer pathozentrischen
zu einer biozentrischen und schließlich einer physiozentri-
schen Ethik nahelegen.9 Die Frage ist allerdings, was '»Anerken­
nung* hier heißen kann. Zur moralischen ^Anerkennung gehört
eine spezifische Hinsicht der Gleichheit, die respektiert zu wer­
den verdient; moralische oder gerechte Behandlung ist Gleichbe­
handlung in einer wesentlichen Hinsicht. Da nun der Gcsichts-
9 Für einen solchen Übergang plädiert K. M. Mcycr-Abich, Aufwand
far die Xatur, München 1990.
punkt *icr Lcidcnsfahigkcit bet Pflanzen und Steinen ausfällt, ist
nuhr zu sehen. ihnen gegenüber die Basis einer direkten
moralischen Anerkennung sein so Iltc.And ers als im Fall der Tie­
re mochte uh hier mit Kant sagen: Wir haben keine Verpflich­
tung gegenüber Pflanzen und Steinen (usw.), wohl aber »in An­
sehung« ihrer, das heißt mit Bezug auf sie. Unsere Rücksicht

Pfun/cn und Steine mit ein.


Dagegen konnte eingewandt werden, daß doch Pflanzen und
Steine alle Abkömmlinge der Natur seien, wie der Mensch auch.
Nicht nur die Formen bewußten Lebens, alles Lebendige und
sei der Ge-
sichtspunkt der Gleichheit, mit dem eine umfassende ökologi­
sche Ethik anfangen müsse. Jedoch kann dieses Argument nicht
halten, was cs verspricht. Es gibt nämlich keine spezifische Hin­
sicht der .Anerkennung an; nur eine solche aber kann die morali­
sche Orientierung leiten. Der Hinweis darauf, daß alles, was ist,
von Natur oder aus Natur hervorgegangen ist, hat keine norma­
tive Kratt. Wo alles allem gleicht oder alles mit allem verwandt
ist. gleicht auch das Richtige dem Falschen und das Gute dem
Schlechten. Natur »als solche* ist kein denkbarer Maßstab des
Guten oder Schlechten. Maßstäbe setzen ein reflexions- und kor-
rckturtahiges I fandlungsinteresse von Lebewesen voraus, die
sich mit ihrer Hilfe orientieren wollen. Die Natur im ganzen aber
hat kein solches Interesse - jedenfalls solange wir es vermeiden,
sie mit unterer Natur gleichzusetzen.
Mn einem Wort: Nur unsere Maßstäbe können für uns Maß­
stab sein. Das ist wiederum die Position eines epistemischen An­
thropozentrismus. Aber unsere Maßstäbe müssen den Menschen
nicht ins Zentrum alles Seienden stellen, sie müssen nicht alles so
tehen, alt sei es auf den Menschen ausgerichtet und für ihn einge­
richtet - sie müssen keinen durchgehenden und erst recht keinen
praktischen Anthropozentrismus vertreten (und genausowenig
in einen durchgehenden .Anthropomorphismus verfallen, worin
das Schicksal fast aller phy siozentrischen Positionen liegt). Die
menschlichen Maßstäbe müssen nicht den Menschen zum Mali
aller Dinge machen. Daran wird deutlich: Nur ein reflektierter
und in Sachen Moral zum Pathozcntrismus hin erweiterter An-
thropo/cntrismus kann dem mißratenen Bruder erfolgreich Ein­
halt gebieten.
Das wird nirgends deutlicher als bei der Rücksicht auf die na­
türliche Welt über die höheren Tiere hinaus. Alles das nämlich,
was sich die Position einer direkten moralischen Anerkennung
dieser Wirklichkeit erhofft, kann bereits - und ich meine: kann
angemessener - auf der Basis einer erweiterten anthropozentri­
schen Ethik formuliert werden. Das wird deutlich, wenn wir uns
nochmals das Spektrum der Objekte einer moralischen Anerken­
nung der Natur vor Augen führen.
Ein wesentlicher Teil der Rücksicht auf die nicht-bewußte Na­
tur ist bereits im Respekt vor der Lebensform der Tiere inbegrif­
fen; am Zustand der Vegetation, des Wassers, der Luft, der Erde
usw. entscheidet sich der Zustand ihrer Lebenswelt.
Das gilt kaum anders für den Respekt unter Menschen; der
Schutz ihrer personalen Freiheit schließt die Schonung der orga­
nischen und anorganischen Natur mit ein.
CT’ •

In den beiden soweit genannten Punkten handelt es sich um


Formen der indirekten Verpflichtung; aus der d irek ten Verpflich­
tung gegenüber Menschen und Fieren ergeben sich starke Ver­
pflichtungen »in Ansehung* der übrigen Natur. Obwohl es aber
keine direkte Verpflichtung gegenüber der nicht-empfindenden
Natur geben kann, gibt es dennoch direkte Gründe zu ihrer
Schätzung und Achtung. Das sind die ästhetischen Gründe. So­
wenig es eine moralische Anerkennung der Natur über Mensch
und Tier hinaus geben kann, eine ästhetische Anerkennung kann
es dennoch geben. Für diese ästhetische Wertschätzung bedarf cs,
wenn ich recht habe, keiner spezifischen Symmetrie zwischen
Mensch und Natur. Denn ihre Pointe ist ja gerade die Anerken­
nung der Natur als einer nicht-menschlichen Sphäre mensch­
lichen Lebens. In der ästhetischen Anschauung erkennen und
bejahen wir Natur als ein kontingentes, nichtintentionales Ge­
schehen, das im Kern weder von uns bestimmt werden kann noch
von uns bestimmt werden soll. Wär erkennen Natur nicht in ihrer
Gleichheit, sondern in ihrer Andersheil an. In der ästhetischen
Anerkennung der Natur schauen die Menschen zu ihrem Glück
über ihren Kulturkreis hinaus. In ihr sind sie frei davon, alles,
was sie umgibt, auf sich zu beziehen. In ihr sind sie frei für die
Fremdheit der Natur. Wegen dieser Freiheit für die Natur ver­
dient die ästhetische Anerkennung der Natur unsere moralische
Anerkennung.
j. Teil und Ganzes

Was damit gesagt ist, wird vielleicht deutlicher, wenn ich zum

immer »reflektierte« und »erweiterte" anthropozentrische Äs­


thetik und Ethik der Natur vorbringen lassen. Die drei Einwän­
de, auf die ich kurz eingehen möchte, protestieren in zunehmend
schatlerer l’ortn gegen den Versuch, unseren Sinn und unsere
Verantwortung für die Natur ohne eine Subjektivierung oder
Anthropomorphisierung der Natur zu denken. Sie lauten10:

L Das von mir gezeichnete Bild ästhetischer Naturerfahrung un­


terschlage die »Mitbeteiligung der Natur« an ihrem Prozeß.
ll. Ancrkcnnungder Natur sei zuallererst Anerkennung des Men­
schen als eines Teils der Natur. Die Gemeinsamkeit von Mensch
und Natur müsse deshalb im Vordergrund einer Naturästhetik
stehen.
in. Das Ganze der Natur - und damit das, was Natur im Grunde
sei - komme in dieser Betrachtung nicht vor.

ad L Ästhetische Anerkennung der Natur, so hatte ich anfangs


gesagt, könne nicht als wechselseitige, müsse vielmehr als einsei­
tige Anerkennung der Natur durch den Menschen verstanden
werden. Es gibt jedoch Stimmen, die gerade das ästhetische Na­
turverhältnis im Sinn einer wechselseitigen Anerkennung inter­
pretieren möchten - da die Natur durch ihr Werden und Wach­
sen, Sichzeigen und Sichverbergen gleichsam von sich aus an
ihrer ästhetischen Wahrnehmbarkeit beteiligt sei. Hartmut Böh­
me spricht in diesem Zusammenhang von einer »Mitaktivität«
und »Mitsprache« der Natur, Gernot Böhme sogar von einer
»Partnerbeziehung« zwischen Mensch und Natur.11 Für die Äs­
thetik der Natur soll daraus folgen, daß sie eine Theorie der
Interaktion zu sein habe. »Die ästhetische Theorie der Natur ist
diejenige Theorie der Natur, die ihren Grundzug des Hervortre-

iq Einwande dieser Art formuliert Hartmut Böhme in seiner Rezension


von Martin Seel, Ästhetik der Natur, in: Zeitschrift fiirphiloso­
phische lorschung 46 (1992;, S. 319 ff.
11 Ebd., S. 314 f.; Gernot Böhme, »Eine ästhetische Theorie der Natur;
I m Zwiuhcnbericht*, in: ders.,Natürlich Natur, Frankfurt am iMain
<9‘P»S. ff., S. 133»
tens bzw. des Aussichheraustretcns der Naturdingc herausarbei­
tet und zum Leitprinzip der Naturentdeckung macht.*12
Nun ist cs gewiß richtig, daß die ästhetische Wahrnehmung die
Erscheinungsvielfalt der Natur nicht von sich aus, aus eigenen
Kräften, konstituiert; was durch die ästhetische Naturbegegnung
allein konstituiert wird, sind Modi der Begegnung mit und der
Aufmerksamkeit für die Mannigfaltigkeit und Veränderlichkeit
naturhaften Geschehens, Modi der Aufmerksamkeit freilich, in
denen das von Natur Gegebene eine jeweils andere Gegenwärtig­
keit gewinnt. Auch ist cs richtig, daß sich eine Wahrnehmung von
Natur, der es gleichermaßen um das Wahrgenommene und seine
Wahrnehmung selbst geht, in ganz anderer Weise auf das Wahr­
genommene einläßt, als dies etwa im instrumentellen Umgang
mit Natur der Fall ist. Ihr geht es um die verschiedenen Modi
der leiblich-sinnlich spürbaren Artikuliertheit naturhaftcr Phä­
nomene, und zwar um des sinnenbewußten Aufenthalts bei oder
unter diesen Phänomenen willen. Dennoch ist der Schluß von
der eminenten Artikuliertheit ästhetisch wahrgenommener Na­
tur auf eine eminente, zum Menschen hin heraustretende, ihn
ansprechende Artikulation der Natur verkehrt. Die Phänomene
der Natur sind ästhetisch nicht deswegen von Interesse, weil sie
sich uns gegenüber artikulieren, sondern weil wir sie auf sehr
unterschiedliche Weise artikuliert finden. Das interaktive, dem
intersubjektiven Austausch entliehene Vokabular, das Hartmut
und Gernot Böhme bemühen, beschreibt die Wechselwirkung
zwischen Mensch und Natur auf eine irreführende Weise.
Die Erscheinungen der Natur sind nicht adressiert - jedenfalls
nicht an uns. Die Farbe von Blumen mag für Insekten Hin­
weise enthalten, und es mag für die Reproduktion dieser
Pflanzen wichtig sein, daß diese Informationen auch empfangen
werden - auf dieses lebensdienliche Aufeinanderabgestimmtsein
kommt es im ästhetischen Naturverhältnis des Menschen gerade
nicht an. Im Raum einer schönen oder erhabenen Natur erfährt
der Mensch vielmehr seine wie immer bescheidene Freiheit ge­
genüber solchem »von Natur* festgelegten Verhalten. Der uns
lebensweltlich bekannten Natur ist unser ästhetisches Interesse
gleichgültig; und eben wegen dieser Gleichgültigkeit, so möchte
ich behaupten, haben wir ein besonderes Interesse am (mehr oder
weniger) ungelenkten Geschehen der äußeren Natur. Wer die
u Gernot Böhme, ebd., S. 132.
Kommen/. NiJitmtcmionalitat, Absichtslosigkeit weiter Bc-
r< u he »U s nat m h üten 1 ebens mit der These einer Sprachähnlich-
keit ihrer ( icstahungcn ubeideckcn will1 \ verdeckt den letztlich
ents Jn-idcnden ästhetischen Grund, den es für eine Anerken­
nung namr haftet im Unterschied zu artifiziellen Umgebungen
gibt. \<»ii einigen domestizierten Tierarten abgesehen, spricht die
tth htmensK bliche Natur keine Sprache zum Menschen hin: nicht
zuletzt deswegen ist ihre Erhaltung lür den heutigen, mit Spra­
che. Kommunikation und Zeichen aller Art reichlich überlaste­
ten Menschen so wichtig.

ad ii- Warum aber, so lautet der zweite Einwand, sollte die ästhe­
tische Anerkennung der Natur nicht auch als Anerkennung der
Kontinuität / wischen Natur und Kultur zu verstehen sein - nicht
zuletzt unter den Gesichtspunkten der Natalitat und Mortalität,
das heilst des menschlichen Anteils am übergreifenden Prozeß
der Natur? Ist nicht doch die Zugehörigkeit des Menschen zu
einer Natur, die nicht nur eine ihm »äußere« ist, sondern ihn und
sein ganzes geschichtliches Lebensverhältnis umfaßt, der Kern
ästhetischer Naturerlahrung? Muß »Anerkennung der Natur«
deswegen nicht immer auch heißen: Anerkennung des Menschen
als eines Teils der Natur?
Teil der Natur ist der Mensch zunächst einmal als eine biologi­
sche Spezies unter anderen, die viele Merkmale wie Geborenwer­
den, Sterblichkeit, Bewußtsein, Leidensfähigkeit usw. mit ande­
ren I ebewesen teilt. Zum anderen ist er Teil der Natur in der Art,
wie et aufgrund seiner Natur mit der ihm äußeren Naturverbun­
den ist: vor allem durch sinnliche Ausstattung seines Leibes. Da­
von war oben die Rede, als von der »sinnlichen Intelligenz« eines
l cbcwcscns die Rede war, von der abhänge, was ihm überhaupt
als ästhetisches ()b|ekt begegnen kann, In seiner Leiblichkeit ist
der Mensch Iril der Natur, durch seine Leiblichkeit hat er einen
bestimmten, für ihn unhintergehbaren Zugang zu ihr, einen Zu­
gang, der auch und gerade seine ästhetischen Verhaltensmöglich-
kcitcn gegenüber der Natur prägt. Soviel ist an dem genannten
I inwand richtig - die Präge ist nur, oh es sich insoweit wirklich
urn einen Einwand handelt.
H gl Hartmut Bohmc, »Aussichten einer ästhetischen Theorie der
Natur», m ] HuhCr Gig.), U\ihrnchnittng von (regenwart, frank’
tun am Mam <972, S. p H., besonders S. 49 fL
Der Einwand nämlich zick darauf, derGegenstandästhetischer
Anerkennung der Natur sei falsch lokalisiert, wenn gesagt werde
(wie ich cs in Abschnitt 2.11 getan habe), das ()bjekt dieser Aner­
kennung seien Zustande der äußeren Natur als eines Teilbereichs
der menschlichen Wirklichkeit. Gegenstand dieser Anerkennung
müsse vielmehr eine wie immer prekäre Verbindung /wischen
innerer und äußerer Natur sein. Wiederum ist daran richtig, daß
zur ästhetischen Erfahrung der Natur auf Seiten des Menschen
eine Miterfahrung seines Leibes gehört; das I.eibbewußtscin,
das alle Erfahrung von Natur grundiert und begleitet (jedenfalls
dort, wro es sich um einen größeren Raum der Natur handelt), ist
immer auch ein Bewußtsein der eigenen Natur.14 Die ästhetische
Erfahrung der Natur ist somit immer auch Erfahrung unserer
Natur. Jedoch ist sic stets zugleich eine Erfahrung der Andersheit
unserer Natur gegenüber derjenigen, die wir außer uns finden,
und ist somit die Erfahrung einer kategorialen Andersheit derje­
nigen Natur, die Objekt und Gegenüber unserer vollzugsorien­
tierten ästhetischen Wahrnehmung ist.
Unsere Natur besteht nicht allein in einer wie immer komple­
xen sinnlichen Rczeptivität, sondern in einem seinerseits kom­
plexen Verhältnis zu unseren sinnlichen Vermögen, für das 1 lei­
der seinerzeit den Terminus »Besonnenheit* geprägt hat.ls Fs
gehört zu unserer Natur, und gerade auch zur Natur unserer
sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit, in einem kulturell geform­
ten, geschichtlich gewordenen und geschichtlich revidierbaren
Verhältnis zu unseren sinnlichen wie geistigen Möglichkeiten zu
stehen, kurzum: einen Spielraum von Verhaltcnsmöglichkci-
ten zu vielen unserer Verhaltcnsmöglichkciten zu haben. Dieses
durch einen Spielraum der Freiheit gekennzeichnete, gleichwohl
zu einem wesentlichen Teil sinnliche Selbstverhältnis ist tatsäch­
lich in aller ästhetischen Naturerfahrung mit thematisch - was
dabei aber immer auch thematisch ist, ist wiederum gerade die
Differenz zwischen unserem Leben und dem l eben oder Be­
stehen der übrigen Natur. Der Mensch ist ein Teil der Natur,
gewiß - aber, wie man mit Plessner sagen kann, ein unausweich­
lich »exzentrischer« Teil.
14 Zum leiborientierten ästhetischen Raumbcwußtscin vgl. Seel, l tnc
Ästhetik der \atur, a.a.O., S. 107 ff., S. 1 s2 iE, S. 198 ft.
t $ Johann Gottfried I lerder, Abhandlung uber den Ursprung der Spra­
che, feil I, 2. Abschnitt.
Die ästhetische Hlahtimg der * Verwandtschaft'* mit Natur
vnth.ili daher iminci die Erfahrung einet Fremdheit ihr gegen­
über Und gerade diese Fremdheit muß anerkannt und be­
jaht werden können, wenn es zu einer nicht-instrumentellen und
doch nicht illusionären Anerkennung der Natur kommen soll.
1 Jas erste Medium einer solchen Anerkennung ist die ästhetische
Wahrnehmung von Natur - ist eine bestimmte Form der Wahr­
nehmung derjenigen Natur, die wir nicht selbst sind und die
nicht selbst so ist, wie wir sind. Daß wir hierbei unsere eigene
Natur mitwahrnehmen, bedeutet nicht, diese sei der eigentliche
Gegenstand unserer Zuwendung. Dieser naturästhetische Nar­
zißmus müßte den entscheidenden Punkt der Differenz verfeh­
len. Nur indem wir uns der äußeren, nicht von unserer Kultur
durchgcformten Natur zuwenden, nur wenn wir ihrem kontin­
genten Geschehen ästhetische Anerkennung zollen, können wir
erkennen, wie wichtig ihr Fortbestehen für unsere eigene, von
Natur getragene, aber nicht als Natur zu bestimmende Lebens­
form ist. Um frei f iir die Anerkennung der Natur zu sein, müssen
wir ein stück weit frei von der Natur sein - von derjenigen Natur,
an deren Leben und Bestehen wir keinen ungebrochenen Anteil
haben.
Für eine genauere Analyse des ästhetischen Naturverhältnisses
folgt daraus, daß das Interesse am ästhetischen Einssein mit Na­
tur nur vom ästhetischen Uneinssein mit Natur her zu verstehen
ist, stärker noch: von einem ganz unverdächtigen menschlichen
Interesse an dieser Uneinigkeit: nämlich an Formen individuel­
ler und gesellschaftlicher Freiheit. Das ästhetische Einssein mit
Natur (verstanden als wichtiger Aspekt der Naturerfahrung) ist
selbst eine Qualität des menschlichen Nicht-Einsseins mit ihr:
ein Aspekt ihrer Fremdheit zu aller Kultur.16 Die ökologische
Würde einer Kultur bemißt sich nicht nach der Einebnung oder
Verdrängung, sondern vielmehr nach der Anerkennung und Po-
sitivierung dieser Differenz.17

16 Zur ästhetischen Abkünftigkeit eines identifikatorischen Umgangs


mit Natur vgl. Seel, Fine Ästhetik der Natur, a.a.O., S. 222 ff.
17 Im Gegensatz hierzu sieht Gernot Böhme in der Überwindung der
Uihrrenz von Natur und Kultur das Wahrzeichen ökologisch-ästhe­
tischen Bewußtseins; ders., Natürlich Natur, a.a.O., zum Beispiel
5. #7 und S. 123.
ad in. Gegen diese Konsequenz nun protestiert der drille l'in-
wand mit der Mahnung, doch das Ganze der Natur nicht unbe­
dacht zu lassen, I’iir eine bthik und Ästhetik der Natur komme
es darauf an, der Stellung des Menschen im (-ranzen der Natur
Rechnung zu tragen.
Auch das ist zunächst einmal richtig. Jedoch ist die Charakteri­
sierung des Menschen als eines exzentrischen Teils der Natur eine
Bestimmung, die dieses Desideratum ohne weiteres erfüllt. Das
Ganze der Natur läßt sich denken, ohne eine im engeren Sinn
»holistische« Ästhetik oder Ethik der Natur zu vertreten. Und cs
läßt sich viel plausibler so denken. Im übrigen muß man sich
klarmachcn, daß die Rede vom Ganzen der Natur weit proble­
matischer ist, als sie sich anhören mag. Denn wo immer wir einen
genauen Begriff von diesem Ganzen zu bilden versuchen,stoßen
wir auf menschliche Naturverhältnisse, die uns diesen oder je­
nen Begriff eines Naturganzen nahelegen. Die Naturbegriffe der
Phvsik (einmal angenommen, die moderne Physik hätte einen
solchen) oder der Ökologie etwa erweisen sich als sehr allgemei­
ne, gleichwohl aber spezielle Begriffe von Natur, die keineswegs
zu »dem« Naturbegriff hochgerechnet werden dürfen. In der
physikalisch beschreibbaren Welt kommt so etwas wie eine »ge­
fährdete« Natur nicht vor - und kann dort nicht vorkommen;
ähnlich steht cs mit der Ökologie (als deskriptive Wissenschaft
verstanden), die zwar von Gleichgewichten und Ungleichge­
wichten handelt, die aber nicht selbst den normativen Gesichts­
punkt formulieren kann, aus dem etwa von ethischer Warte eine
Rücksicht auf das »Ganze« der Natur gefordert wird. Dieses
Ganze nämlich ist, wenn cs für den ästhetischen und praktischen
Umgang mit der Natur überhaupt eine Bedeutung haben soll, ein
normativer Begriff. Was er im Grunde vorgibt und allein vorge­
ben kann, ist die Richtlinie eines mit Rücksicht auf menschliches
und tierisches Leben angemessenen Verhältnisses zu den Verhält­
nissen zu »Natur«., in denen menschliche Gesellschaften histo­
risch stehen. Die Frage nach dem Ganzen der Natur ist daher
immer die Frage, wie die Menschen ihre unterschiedlichen Na­
turverhältnisse ordnen können und ordnen sollen. Das Ganze ist
nur als ein Verhältnis von Teilen zu bestimmen: von Teilbedcu-
tungen dessen, was wir pauschal »Natur« nennen, von Teilen
unserer Praxis, in der wir so oder so - und auf irgendeine Weise
immer - mit Natur zu tun haben.
D as bedeutet zum einem Eine Berufung auf das »Ganze« der
Natur ist nicht dazu angetan, dem oben so genannten »epistemi-
schcn Anthropozentrismus« zu entkommen. Denn dieser Begriff
kann über die menschliche Stellung in der Natur nur Aufschluß
geben, wenn er es vermag, an das Gegebensein diverser mensch­
licher Naturverhältnisse anzuschließen. Eine plausible Berufung
auf dieses Ganze führt auch nicht über einen moralisch zum
Pathozentrismus hin erweiterten praktischen Anthropozentris­
mus hinaus; ihre normative Kraft nämlich entspringt aus nichts
anderem als einer kritischen Reflexion auf unsere Verhältnisse zu
und mit Natur. Nicht von sich aus, allein von uns aus - von dem
her, was wir im Zusammenhang unserer Praxisformen vernünf­
tigerweise wollen können, bezieht die Orientierung an diesem
Ganzen ihre normative Kraft.
An der Abwesenheit eines übergreifenden, irgendwie von sich
aus'normativ bedeutsamen Ganzen zeigt sich zum andern noch­
mals, daß sich die Praxis ästhetischer Naturwahrnehmung nicht
aus einem Bezug auf ein solches Ganzes verstehen läßt. Die äs­
thetische Einstellung zur Natur ist eine unter anderen naturbe­
zogenen Einstellungen. Die ästhetische Anerkennung der Natur
ist Anerkennung des Werts bestimmter Bereiche und Zustände
der lebensweltlich bekannten Natur. Natur als solche ist kein
denkbarer ästhetischer Gegenstand: sie ist möglicher Gegenstand
einer theoretischen, nicht aber einer ästhetischen Anschauung
von Natur. Nicht Natur »überhaupt« ist das ästhetisch Anzie­
hende, sondern diejenigen bedrohten Zustände von Natur sind
es, in denen der Mensch eine besondere, unersetzliche Möglich­
keit seines Lebens finden kann. Diese besondere Wirklichkeit der
Natur ist es, worum es in der ästhetischen und moralischen Aner­
kennung von Natur geht. Diese Natur kann zerstört werden und
wird zerstört - im Unterschied zum Naturganzen, das dadurch
lediglich ärmer werden wird: ärmer für den Menschen, der ein
solches Ganzes seiner Stellungen zu dem, was er »Natur« nennt,
zu denken - und der seine Reduzierung zu beklagen und zu
bekämpfen vermag.