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DAS GEBET
Vortrag im Rahmen der "Arbeitsgemeinschaft Interreligiöser Dialog" am Fachbereich Evangelische Theologie der
Universität Hamburg

Das regelmäßige Gebet ist ein Grundbestandteil der religiösen Praxis und hat eine zentrale Stellung unter
den "5 Säulen des Islam" (Glaubenszeugnis, Gebet, Armenabgabe, Fasten, Pilgerfahrt) unmittelbar nach
dem Glaubenszeugnis. Im Qur'an wird wiederholt dazu aufgefordert:

Ihr, die ihr glaubt, suchet Hilfe in Geduld und Gebet. Gott ist mit den Geduldigen (Sura 2:154).

Und sucht Hilfe in Geduld und Gebet; und das ist freilich schwer, es sei denn für die Demütigen im
Geiste, die sich dessen sicher sind, daß sie ihrem Herrn begegnen und zu Ihm zurückkehren werden (Sura
2:46-47).

Und lade die Deinen zum Gebet ein und sei selbst ausdauernd darin ... (Sura 20:133).

Oft wird das Gebet in unmittelbarem Zusammenhang mit Zakât, der Armenabgabe, erwähnt:

Die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind untereinander Freunde. Sie fordern zum Guten auf
und verwehren das Bäse und verrichten das Gebet und geben die Zakât und gehorchen Gott und Seinem
Gesandten. Ihrer wird sich Gott erbarmen. Gott ist allmächtig, allweise (Sura 9:71).

Und die geduldig bleiben im Verlangen nach dem Angesicht ihres Herrn und das Gebet verrichten und
von dem, was Wir ihnen gegeben haben, heimlich und öffentlich spenden und das Böse durch Gutes
abwehren - sie sind es, die den Lohn der Wohnstatt erhalten (Sura 13:23).

In solchen Fällen steht Gebet auch für die beständige Pflege des spirituellen Lebens im allgemeinen,
während Zakât oder "spenden" für sozuales Engagement an sich steht. Dieses Begriffspaar finden wir
sehr häufig, ähnlich wie "glauben und Gutes tun". Wir wollen also den islamischen Gebetsbegriff bzw.
alle Begriffe, die mit "Gebet" übersetzt werden, einmal näher betrachten.

I - Das rituelle Gebet

Das regelmäßige tägliche Gebet wird als Salâh bezeichnet. Dieses Wort stammt von dem Verb salla,
yusalli mit der Grundbedeutung verbinden, wie im folgenden Vers:

Die den Bund brechen, nachdem sie ihn geschlossen haben, und trennen, was Gott zu verbinden gebot,
und Unheil auf Erden stiften, diese sind die Verlierenden.(Sura 2:28).

Salâh ist also von der Grundbedeutung her Verbindung, ähnlich wie lat. religio, und wird auf
verschiedenen Weise übersetzt:

1. wenn der Mensch (oder sonst ein Geschöpf) die Verbindung anknüpft: Gebet
2. wenn Gott die Verbindung anknüpft: Segen

Ihr, die ihr glaubt, gedenket Gottes in häufigem Gedenken und lobpreiset Ihn früh und spät. Er ist es, der

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euch segnet (yusalli 'alaykum), und Seine Engel beten für euch, daß Er euch aus den Finsternissen zum
Licht führe, und Er ist barmherzig gegen die Gläubigen (Sura 33:42-44).

Der Gedanke ist der einer Kommunikation zwischen Mensch und Gott, und so kommt es im Gebetsritual
zum Ausdruck, das ein Zwiegespräch zwischen Gott und Mensch darstellt. Das regelmäßige Gebet dient
der Erinnerung an Gottes Gegenwart und an unserer Verantwortung für uns selbst und unsere
Mitgschöpfe, der inneren Läuterung und der Orientierung und ist somit ein Mittel, Gott näherzukommen:

Siehe, Ich bin Gott. Es gibt keinen Gott außer Mir. Darum diene Mir und verrichte das Gebet zu Meinem
Gedächtnis (Sura 20:15).

Trage vor, was dir in der Schrift offenbart wurde, und verrichte das Gebet. Das Gebet hält ab von
Schändlichkeit und Unrecht, und das Gedenken Gottes ist das Größte. Und Gott weiß, was ihr tut (Sura
28:46).

Dabei ist dies nicht ein Privileg des Menschen allein, sondern alle Geschöpfe haben die Möglichkeit, die
Verbindung mit ihrem Schöpfer zu pflegen:

Siehst du nicht, daß es Gott ist, den alle lobpreisen, die in den Himmeln und auf Erden sind, und die
Vögel auch mit ausgebreiteten Schwingen? Jedes kennt sein Gebet und seine Lobpreisung, und Gott weiß
wohl, was sie tun (Sura 24:42).

An einer anderen Stelle werden wir darauf aufmerksam gemacht, daß wir von dem Gebet und den
Lobpreisungen anderer Geschöpfe wenig oder gar nichts verstehen, und ihre Beziehung zu ihrem
Schöpfer ist vielleicht auch eine ganz andere als unsere. Ähnliches gilt womöglich für die verschiedenen
Gebetsformen der Religionen über die wir uns allerdings im Dialog verständigen und gegenseitig
bereichern können.

Wenn in der Übersetzung auffällig oft steht: "das Gebet verrichten", dann soll damit das arabische
iqâmat as-Salâh wiedergegeben werden, was bedeutet: "das Gebet als Bestandteil des Lebens
aufrechterhalten". Damit soll betont werden, wie wichtig es ist, die Verbindung zu Gott durch das Gebet
mit entsprechender Übung der Konzentration und Selbstdisziplin zu pflegen. Dementsprechend werden
wir auch davor gewarnt, das Gebet zu vernachlässigen:

Sie gehören zu denen von den Propheten, denen Gott Gnade erwiesen hat unter den Nachkommen Adams
und derer, die Wir mit Noah (über das Wasser) trugen, und unter den Nachkommen Abrahams und
Israels und derer, die Wir geführt und erwählt haben. Wenn ihnen die Zeichen des Erbarmers vorgetragen
wurden, fielen sie nieder, anbetend und weinend. Dann kamen jedoch Nachfahren nach ihnen, die das
Gebet vernachlässigten und Leidenschaften folgten und darum dem Untergang entgegengehen (Sura
19:59-60),

denn dadurch wird das Bewußtsein von ethischen und spirituellen Werten geschwächt und durch
eigennützige Interessen in den Hintergrund gedrängt. Folglich ist das Gebet eine individuelle religiöse
Pflicht, die sowohl Geist und Körper des Einzelnen als auch das Gemeinschaftsleben umfaßt. Im
Normalfall gibt es also täglich fünf rituelle Gebete, die in den Tagesablauf eingebettet sind und diesem
einen bestimmten Rhythmus von Arbeit und Gebet geben:

1. das Morgengebet in der Morgendämmerung vor dem Sonnenaufgang


2. Das Mittagsgebet nach Überschreiten des astronomischen Mittags in der ersten Hälfte des
Nachmittags
3. das Nachmittagsgebet in der zweiten Hälfte des Nachmittags bis vor dem Sonnenuntergang

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4. das Abendgebet nach dem Sonnenuntergang in der Abenddämmerung


5. das Nachtgebet nach dem völligen Dunkelwerden.

In den islamischen Ländern wird i.d.R. am Anfang dieser Zeiten zum Gebet gerufen, und unmittelbar im
Anschluß daran findet das Gemeinschaftsgebet in der Moschee statt. Daran nehmen aber zumindest
tagsüber nur wenige und meist ältere Menschen teil, die anderen beten da, wo sie gerade sind, und
irgendwann innerhalb des Zeitraums, der für das jeweilige Gebet vorgesehen ist, wie sie es am besten
einrichten können, denn nicht immer kann der Arbeitsprozeß zum Gebet unterbrochen werden.
Außerdem hat der Dienst am Menschen Vorrang. Ein Gebet kann man ggf. nachholen, nicht aber
bestimmte Tätigkeiten in der Krankenpflege, als Fluglotse oder in anderen Bereichen, wo große
Aufmerksamkeit notwendig ist. Wer nicht am Gemeinschaftsgebet teilnimmt, betet allein oder bildet mit
den Menschen in seiner Umgebung eine Gebetsgemeinschaft. Im Islam gibt es kein Priestertum, und
jeder geistig gesunde Muslim kann theoretisch ein solches gemeinsames Gebet leiten. In einigen Ländern
ist es unüblich, daß Frauen am Gebet in der Moschee teilnehmen - sie beten dann zu Hause, auch mit den
Kindern, gemäß der Weisung des Propheten (s), "die Häuser nicht in Gräber zu verwandeln", wobei
Frauen dies manchmal sogar als besonderen Ausdruck weiblicher verinnerlichter Spiritualität sehen und
auf diese Weise gelegentlich auch zusätzliche eigene Andachtsformen entstanden sind. Allerdings hat der
Prophet (s) ausdrücklich verboten, Frauen am Besuch der Moschee zu hindern.

Die Moschee ist aber nicht ausschließlich dem Gebet vorbehalten, sondern Unterrichtsveranstaltungen,
Vorträge (vor allem zu religiösen Themen), theologische Diskussionen sowie Gespräche über aktuelle
Probleme der Gemeinschaft haben seit jeher in der Moschee stattgefunden, und viele Initiativen, von der
Armenspeisung bis zur politischen Widerstandsbewegung, sind aus solchen Gesprächen entstanden. Auf
lange Sicht ist also jemand, der an dieser Form des Gemeinschaftslebens nicht teilnehmen kann,
benachteiligt, und das gilt auch für Frauen, die von einem solchen Rollenschema betroffen sind,
abgesehen davon, daß es der Sunna (der Praxis des Propheten (s) und seiner Gefährten und Gefährtinnen)
widerspricht, einen Teil der Gemeinschaft von den Aktivitäten in der Moschee auszuschließen.

Die Moschee ist auch kein "geweihter Ort", sondern masjid, der Ort, an dem man sich niederwirft und
der dementsprechend saubergehalten und gereinigt wird, sowohl von äußerlichem Schmutz (daher zieht
man z.B. die Schuhe aus) als auch von ablenkenden Faktoren und schädlichen Einflüssen (darum gibt es
z.B. keine Bilder von Menschen und Tieren, sondern ruhige Farben und Muster, die die Konzentration
fördern). Sie ist auch Jâ:mi', Versammlungsort, und diese Bezeichnung wird vor allem für größere
Moscheen verwendet, in denen das Freitagsgebet stattfindet und Unterrichtsveranstaltungen gehalten
werden. Viele der ca. 30 Hamburger Moscheen sind kleine Gebetsräume, die knapp für die täglichen
Gebete und den grundlegenden Qur'anunterricht ausreichen und Freitags völlig überfüllt sind. Dann legt
man Teppiche oder Matten auf den Korridor oder gelegentlich bis auf die Straße, so daß sich die übrigen
Teilnehmer dem Gebet anschließen können. Voraussetzung ist nämlich nicht eine "Moschee" im Sinne
eines Gebäudes, sondern ein Stück saubere Fläche, und in diesem Sinne ist nach einer Aussage des
Propheten (s) "die ganze Erde eine Gebetsstätte".

Abgesehen von der Sauberkeit des Gebetsortes sollen auch Körper und Kleidung des Betenden sauber
und rituell rein sein; die rituelle Reinigung vor dem Gebet verbindet hygienische Sauberkeit mit dem
inneren Streben nach reinen Gedanken und Absichten und Lauterkleit der Wünsche und Zielsetzungen.

Eine weitere äußere Voraussetzung ist die Gebetsrichtung. Man wendet sich nach Mekka, der Stadt, in
der der Islam seinen Anfang nahm, indem der Prophet Muhammad (s) dort die ersten Offenbarungen
bekam, in der aber auch (nach arabischer Überlieferung) viel früher schon Abraham (a) und Ismail (a) das
erste Gebetshaus der Menschheit bauten, das dem Einen Gott geweiht war. Alle mit dem Gebet
verbundenen Handlungen haben eine symbolische Bedeutung. So machen wir, indem wir uns diesem
Zentrum zuwenden, einen großen Kreis um die Welt, zu dem man auch dann dazugehört, wenn man

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irgendwo "allein" betet. Jenes erste Gebetshaus der Menschheit, die Ka'ba, ein leeres würfelförmitges
Gebäude, symbolisiert das menschliche Herz, das leer sein muß von allen "Götzen" (Anhaftungen an
irdische Phänomene oder idolisierte Ideen), um "Haus Gottes" sein zu können. Zur Gebetsrichtung heißt
es im Qur'an:

Und jeder hat ein Ziel, dem er sich zuwendet. Wetteifert darum miteinander zu guten Handlungen. Wo
immer ihr seid, Gott wird euch zusammenführen, und Gott hat Macht über alle Dinge. Und woher immer
du kommst, richte dein Antlitz auf die Heilige Moschee (in Mekka), denn dies ist die Wahrheit von deinem
Herrn, und Gott ist nicht achtlos dessen, was ihr tut. Und woher immer du kommst, richte dein Antlitz auf
die Heilige Moschee; und wo immer ihr seid, richtet euer Antlitz auf sie, damit die Menschen kein
Argument gegen euch haben, abgesehen von den Ungerechten unter ihnen - doch fürchtet nicht sie,
sondern fürchtet Mich, damit Ich Meine Gnade gegen euch vollenden kann und auf daß ihr rechtgeleitet
werdet (Sura 2:149-151).

In der Moschee wird die Gebetsrichtung durch eine Nische (Mihrâb) angezeigt. Wenn man an einem
unbekannten Ort betet, orientiert man sich anhand des Sonnenstandes oder mit einem Kompaß - ein Gag
aus moderner Zeit ist ein Gebetsteppich mit eingebautem Kompaß. Sonst kann man die Richtung auch
einfach schätzen, und das Wichtige ist ohnehin die innere Ausrichtung:

Nicht darin besteht Tugend, daß ihr euer Antlitz nach Osten oder Westen wendet, sondern tugendhaft ist
derjenige, der an Gott glaubt und den Jüngsten Tag und die Engel und die Schrift und die Propheten und
aus Liebe zu Ihm Vermögen aufwendet für die Angehörigen und für die Waisen und Bedürftigen und den
Reisenden und die Bittenden und zum Loskauf von Sklaven, und der das Gebet verrichtet und die Zakât
zahlt; sowie diejenigen, die ihr Versprechen halten, wenn sie etwas versprochen haben, und die in Armut
und Krankheit und Furcht geduldig sind: sie sind es, die sich als redlich bewähren, und sie sind die
Achtsamen (Sura 2:178).

Das Gebet selbst faßt verschiedene Bestandteile in sich zusammen, die teilweise außerdem eine eigene
Existenz und Funktion außerhalb des Rituals haben. Hier zunächst eine Übersicht über den Ablauf des
rituellen Gebets:

1. Stehen Wir stehen der Gebetsrichtung zugewandt, heben die Hände und sprechen: Allâhu akbar (Gott
ist der Größte oder Gott ist größer, nämlich als alles, was uns gerade beschäftigt). Wir machen uns
bewußt, daß wir in Gottes Gegenwart stehen wie bei der Auferstehung und konzentrieren uns auf unser
Gespräch mit Ihm. Mit der Konzentration hat es zu tun, daß religiöse Musik ihren Platz in einem anderen
Rahmen hat als diesem, und daß beim Gemeinschaftsgebet i.d.R. Männer und Frauen nicht durcheinander
stehen, sondern je nach den örtlichen Gegebenheiten in voneinander getrennten Reihen.

2. Rezitation Wie wir einem menschlichen Gesprächspartner zuhören würden, so hören wir nun Gottes
Wort aus dem Qur'an, indem wir es entweder selbst rezitieren oder der Rezitation des Imam zuhören. Die
Rezitation erfolgt grundsätzlich in der arabischen Originalsprache. Sie beginnt mit der Sura al-Fâtiha (der
1. Sura des Qur'an):
Alles Lob gebührt Gott, dem Herrn der Welten, dem Erbarmer, dem Barmherzigen, dem Meister des
Gerichtstages. Dir allein dienen wir, und Dich allein rufen wir um Hilfe an. Führe uns den rechten Weg,
den Weg derer, denen Du Gnade erweist, nicht den Weg derer, die Zorn auf sich laden, und nicht den
Weg der Irregehenden.
Dann folgt ein weiterer Text nach eigener Wahl, z.B. durchaus einer von denen, die zuvor erwähnt
wurden. Beliebt ist auch der folgende:
Er ist Gott, außer dem es keinen Gott gibt, der das Verborgene und das Sichtbare kennt. Er ist der
Erbarmer, der Barmherzige. Er ist Gott, außer dem es keinen Gott gibt, der König, der Heilige, der
Friede, der Spender der Sicherheit, der Beschützer, der mächtige Freund, der Verbesserer, der

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Majestätische. Hoch erhaben ist Gott über alles, was man Ihm zur Seite stellt. Er ist Gott, der Schöpfer,
der Gestalter, der Bildner. Sein sind die schönsten Namen. Ihn verherrlicht, was in den Himmeln und auf
der Erde ist, und Er ist der mächtige Freund, der Weise (Sura 59:23-25).

3. Beugung Wir verbeugen uns mit auf die Knie gestützten Händen wie ein Lastträger, der bereit ist,
seine Last aufzunehmen - in diesem Fall ist es unsere menschliche Verantwortung für unsere eigene
Entwicklung, unsere Gesellschaft und unsere Mitgschöpfe. In der Beugung sprechen wir dreimal: "Preis
sei meinem Herrn, dem Großen."

4. Aufrichten mit Lobpreisungen Dabei sagt der Imam: "Gott hört den, der Ihn lobt," und die
Gemeinschaft antwortet im Geradestehen: "Unser Herr, Dir sei Lob." Wenn man allein betet, spricht man
beides selbst. Das Lob Gottes, hier in Worten ausgedrückt und im Alltagsleben in Handlungen, durch die
Gutes verwirklicht wird, gibt unserem Leben einen Sinn und erhält uns aufrecht.

5. Zweifache Niederwerfung Wir knien nieder und berühren mit Händen und Stirn den Boden. Diese
Haltung ähnelt der eines ungeborenen Kindes im Mutterleib: in Gottes Gegenwart sind wir ebenso
abhängig und geborgen. Dabei sprechen wir Lobpreisungen und Bitten aller Art. Zwischen beiden
Niederwerfungen richten wir uns kurz zu einer sitzenden Haltung auf, in der wir um Vergebung bitten.
Die Niederwerfung erfolgt zweimal und erinnert uns an unseren Zustand vor der Geburt, dieses Leben
(Sitzen) und den Tod mit der Aussicht auf Auferstehung. Sie erfolgt auch zweimal aus Dankbarkeit:
einmal für alles Gute, das wir erhalten und erlebt haben, und einmal für alle guten Anlagen, die wir noch
entfalten dürfen. (Damit ist die erste Gebetseinheit beendet, und wir stehen auf zur zweiten, die genauso
verläuft.)

6. Sitzen Nach der zweiten Gebetseinheit und zum Schluß des Gebets bleiben wir in respektvoller
Haltung sitzen als Gäste Gottes wie Prophet Muhammad (s) auf seiner Himmelsreise. Dabei sprechen
wir Grußworte, das Glaubensbekenntnis, Segenswünsche und ggf. eigene Bitten und Fürbitten für
andere.

7. Der Friedensgruß Zum Abschluß wenden wir uns nach rechts und links und sagen: "Friede sei mit
euch und Gottes Barmherzigkeit." Damit grüßen wir unsere Mitgeschöpfe, wenn wir nach dieser eigenen
individuellen "Himmelsreise" ins Alltagsleben zurückkehren.

Gelegentlich höre ich den Einwand, das rituelle Gebet könnte leicht zur Gewohnheit werden, so daß es
automatisch verrichtet wird und den Sinn verliert. In diesen Bereich gehört eine Geschichte, die der
bekannte Mystiker Nizâmuddîn Awliyâ' Anfang des 14. Jahrhunderts in einem Vortrag über die geistige
Gegenwart erzählte, nach der ein Sufi namens Hasan Afghani zufällig in Multan an einer Moschee
vorbeikam, in der gerade zum Gebet gerufen wurde: Auch er betrat die Moschee und stellete sich hinter
dem Imam in die Reihe. Als aber das Gebet vorbei und die Leute weggegangen waren, ging Hasan auf
den Imam zu und sagte: "Am Anfang des Gebets stand auch ich in der Reihe hinter dir. Dann bist du im
Gebet von hier aus nach Delhi gereist und hast dort Sklavinnen gekauft. Dann bist du von dort
zurückgekommen und hast diese Sklavinnen nach Khorasan gebracht und dort weiterverkauft. Danach
bist du wieder nach Multan zurückgekommen und hast diese Moschee betreten. Ich mußte die ganze Zeit
hinter dir herreisen. Das war aber ein anstrengendes Gebet!"

Tatsächlich gibt es immer wieder Zeiten, in denen die Konzentration schwierig und das Gebet eher eine
Pflichtübung ist. Dieses Problem wird auch von al-Ghazzâli in seinem Werk Ihya 'Ulûm ad-Dîn
behandelt, wo er verschiedene Maßnahmen vorschlägt, damit umzugehen, indem man etwa die Augen
schließt, um ablenkende Sinneseindrücke zu vermeiden, den Text beim Rezitieren langsamer und
deutlicher ausspricht als gewohnt, eine geringfügig andere Haltung einnimmt, sich auf verschiedene
Weise (durch Wiederholen des Gebetsrufes, einleitendes Bittgebet usw.) einstimmt und dergleichen. Es

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gibt aber andererseits durchaus Zeiten - mit zunehmendem inneren Training und bewußter
Lebenshaltung auch immer öfter und intensiver - in denen das Gebet tatsächlich eine Himmelsreise und
eine Begegnung mit dem Schöpfer wird. Diese wechselnden Zustände kommen aus unserem eigenen
Inneren, und so ist das Gebet ein Maßstab, den wir an uns selbst anlegen können und so allmählich
lernen, in jeder Lage das innere Gleichgewicht wiederzufinden, vorausgesetzt, wir stellen uns aufrichtig
dieser Situation. Vor Unaufrichtigkeit im Gebet und in der Beziehung zwischen diesem und dem
Alltagsleben werden wir im Qur'an eindringlich gewarnt:

Siehst du nicht den, der die Religion unglaubwürdig macht? Das ist der, der die Waise zurückstößt und
nicht dazu anregt, die Armen zu speisen. Wehe darum den Betenden, die ihres Gebets uneingedenk sind,
sondern nur gesehen werden wollen, die kleinen mitmenschlichen Dienste aber verweigern (Sura 107)!

Wenn es die Situation auf einer Reise, im Arbeitsleben oder in einem Notfall erfordert, kann man das
Mittags- und das Nachmittagsgebet zusammenlegen, z.B. in die Mittagspause, ähnlicherweise auch das
Abend- und das Nachtgebet, und ggf. kann man einige Gebete abkürzen. Wenn es bei Krankheit,
Behinderung u.dgl. nicht möglich ist, die Gebetsgesten körperlich durchzuführen, führt man nur die
tatsächlich durch, die möglich sind, und vollzieht die anderen innerlich nach. Ich habe schon so manchen
Rollstuhlfahrer in der Moschee in den Reihen der Betenden sitzen sehen.

Abgesehen von den fünf täglichen Gebeten kann man zusätzliche rituelle Gebete verrichten:

 Das Gemeinschaftsgebet am Freitag, dem muslimischen Wochenfeiertag (entsprechend dem "6.


Schöpfungstag", an dem der Mensch erschaffen wurde), das dann anstelle des Mittagsgebets
verrichtet wird, und an den beiden Festtagen (Fest des Fastenbrechens nach dem Ramadan und
Opferfest), jeweils mit einer Ansprache des Imam.
 Individuelle Gebete am Vormittag und nach Mitternacht, wodurch sich die Anzahl der Gebete auf
sieben erhöht. Dies tun vor allem ältere Menschen, die aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind.
 Gebete bei Finsternis, Dürre, Erdbeben und anderen Katastrophen, individuell oder in
Gemeinschaft, mit leicht abgewandeltem Verlauf.
 Das Tarawîh-Gebet nach dem Nachtgebet im Ramadan, bei dem ggf. im Verlauf dieses Monats
allmählich der ganze Qur'an vorgetragen wird.
 Individuelle Gebete der Dankbarkeit und Lobpreisung oder bei besonderen Anliegen, a.B. Bitte
um Vergebung, Fürbitte für anderen Suche nach einer Entscheidung usw., wenn man mehr als nur
ein spontanes, formloses Gebet sprechen möchte.
 Das Totengebet vor einer Beerdigung, das ausschließlich im Stehen gesprochen wird und außer
der 1. Sura, dem Glaubenszeugnis und Segenswünschen auch allgemeine Fürbitten und Fürbitten
für den Verstorbenen enthält.

Das rituelle Gebet verbindet die Muslime - von geringfügigen Abweichungen abgesehen, die aber im
Gemeinschaftsgebet keine Rolle spielen - übr Kontinente, Kulturen und Zeitalter hinweg, d.h. man kann
sich auch in einem fremden Land, dessen Sprache man nicht versteht, leicht in irgendeiner Moschee dem
Gemeinschasftsgebet anschließen und darüber Kontakte zu den Menschen dieser Gemeinschaft
anknüpfen. Es ist für Muslime das "Gebet an sich", die Gemeinsamkeit, an der man bei allen
Meinungsverschiedenheiten doch immer wieder zusammenfinden kann. Auch wenn das deutsche Wort
"Gebet" viele Formen des Gebets, der Andacht, der Meditiation usw. bezeichnet, wird ein
deutschsprachiger Muslim, wenn er es hört, dabei zuerst an das rituelle Gebet denken, nicht zuletzt
deswegen, weil es - richtig ausgeführt - alle diese Formen auf vollkommene Weise in sich vereint, also
Rezitation und Hören, Meditation, Bewußtwerden der Gegenwart Gottes, Lob und Dank, Bitte um
Vergebung und Segen, ggf. Klage, Fürbitte usw., die später noch einzeln erörtert werden sollen. Speziell
das rituelle Gebet, wird denn auch als Gottesdienst ('Ibâdah) im engeren Sinne empfunden.

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Dies muß deutlich sein, wenn man von der Möglichkeit eines Gebets oder Gottesdienstes spricht, an dem
Angehörige verschiedener Religionen beteiligt sind. Dabei gibt es folgende Möglichkeiten:

1. Die Teilnahme von Nichtmuslimen am rituellen islamischen Gebet. Voraussetzung dafür ist, daß
die Teilnehmer den Ablauf kennen und sich mit Formen und Inhalten identifizieren können.
Probleme könnte es dabei z.B. für Polytheisten und Atheisten mit dem ersten Satz des
Glaubensbekenntnisses geben ("Es gibt keinen Gott außer dem Einzigen Gott") und für Juden und
Christen ggf. mit dem zweiten Satz ("Muhammad ist Gottes Gesandter").
2. Die Teilnahme von Muslimen an nichtmuslimischen Gottesdiensten, Gebeten und Meditationen.
Hier wird es nicht möglich sein, an Symbolhandlungen aktiv teilzunehmen, die man nicht kennt
oder nicht mit der eigenen Einstellung in Einklang bringen kann (vorausgesetzt, daß von seiten der
betreffenden Religionsgemeinschaft kein Hindernis besteht). Eine passive Teilnahme (Anwesenheit)
hängt von der Fähigkeit des Einzelnen ab, sich auf die damit verbundenen Eindrücke einzulassen
und damit umzugehen. Islamische Beiträge zu einem ansonsten christlichen Gottesdienst o.ä. sind
ggf. nach Absprache möglich.
3. Eine multireligiöse Andacht oder Gebetsrunde, zu der also Angehörige verschiedener Religionen
ihren Anteil nach Absprache beitragen, etwa in Form von Mediatations- und Gebetstexten,
Liedern, kurzen Ansprachen usw. Voraussetzung ist die Fähigkeit der Teilnehmenden, sich
aufeinander einzustellen und gegenseitige Verletzungen zu vermeiden. Solche Andachten und
Gebete hat es im Hinblick auf Frieden und Verständigung unter den Völkern vor allem angesichts
von Kriegen und Spannungen gegeben, wo sie mehr bewirkt haben als alles Reden. Sie können
auch durchaus zu einer regelmäßigen Einrichtung werden und sehr bereichernd sein. Für Muslime
sind sie aber ebensowenig ein Ersatz für das regelmäßige rituelle Gebet wie andere islamische
Andachtsformen.

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II - BEISPIELE ISLAMISCHER ANDACHTSFORMEN

Während das rituelle Gebet immer wieder auf die Einheit der Muslime zurückführt, bringen die anderen
Andachtsformen die Vielfalt der islamischen Welt zum Ausdruck. Sie bilden wie gesagt Bestandteile des
rituellen Gebets, existieren aber darüberhinaus seit jeher auch eigenständig und haben sich zu unzähligen
Formen entwickelt, die ich hier nicht alle erfassen kann. Ich kann nur versuchen, eine Übersicht und
einige Beispiele zu geben, wobei ich mich weitgehend an die Reihenfolge halte, die im rituellen Gebet
gegeben ist.

1. Rezitation bzw. Hören (Qirâ'a und Samâ')

Im Vordergrund steht hierbei der Qur'ân (wörtl. das zu Lesende), der aus islamischer Sicht Offenbarung
im Sinne von Mitteilung Gottes ist; dementsprechend werden die einzelnen Verse als Âyât, Zeichen,
bezeichnet (vgl. Schriftzeichen, Verkehrszeichen usw.), die eine Mitteilung ausdrücken sollen. Im Qur'an
wird dieses Wort auch auf Phänomene und Gesetzmäßigkeiten der Natur, historische Erfahrungen,
Stimmen und Regungen im eigenen Inneren u.dgl. verwendet, die wir aufgefordert sind zu studieren,
daüber nachzudenken und für uns wichtige Mitteilungen herauszulesen. Die Heiligen Schriften,
namentlich der Qur'an, gelten als Schlüssel dazu. Wir sollen Gottes Wort hören und verstehen:

Eine Schrift, die Wir zu dir hinabgesandt haben, voller Segen, damit sie ihre Zeichen begreifen, und
damit die Verständigen ermahnt seien (Sura 38:30).

Rezitation und Hören sind also gottesdienstliche Handlungen und sollen bewußt geschehen, daher auch
die Ratschläge für ein würdevolles äußeres Verhalten, das sie gegen andere Handlungen abgrenzt und die
Aufmerksamkeit fördert, wie z.B. der respektvolle Umgang mit dem geschriebenen Text, langsames und
deutliches Lesen, kurze Gebete vorher und nachher usw. Das Verstehen geschieht auf drei Ebenen:

a. der Ebene des Herzens. Ausschließlich auf dieser Ebene liegt das Verständnis, wenn der
sprachliche Zugang nicht vorhanden ist; die Rezitation wirkt dann auf die unbewußten Schichten
des Zuhörers.
b. die intellektuelle Ebene. Hier ist sprachliches Verstehen oder zumindest eine Übersetzung
notwendig. Dabei kann der Qur'an, zumindest für das persönliche Verstehen, im Zusammenhang
mit der unmittelbar eigenen Lebenserfahrung gelesen werden, während für den Umgang damit in
der Theologie, Rechtswissenschaft u.dgl. darüberhinaus bestimmte wissenschaftliche Methoden
angezeigt sind.
c. der Ebene der Verwirklichung - denn was nützen die schönsten theoretischen Kenntnisse, wenn
es an der Umsetzung mangelt?

Im Idealfall liest man den Qur'an auf allen drei Ebenen. Dabei werden wir vor Dingen gewarnt, die das
Verständnis beein- trächtigen, z.B. (nach al-Ghazâli) Wortklauberei, Haarspalterei, blinder Glaube an
Kommentatoren und bestehende Auslegungsweisen, Egoismus, Unaufrichtigkeit, Ungerechtigkeit, ein
lasterhafter Lebenswandel und ideologische Voreingenommenheit.

In den Bereich des Vortragens und Hörens gehören aber auch - wenn auch nicht im gleichen Maße,
andere Dinge als der Qur'an. Im Zusammenhang mit dem rituellen Gebet gehört dazu die Ansprache beim
Freitags- und Festtagsgebet, ursprünglich eigentlich auch mit der intellektuellen Auseinandersetzung
damit. Das Zuhören ist dabei ein Bestandteil des betreffenden Gebets.

Umstrittener ist das Hören von Gedichten und Musik. Der Prophet (s) sagte: "In Poesie kann viel

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Weisheit liegen;" gleichzeitig lehnte er jedoch Poesie ab, die Unrecht anpreist oder deren Spott andere
verletzt oder Werte in den Schmutz zieht. Im islamischen Kulturbereich gibt es in allen Sprachen einen
großen Schatz religiöser Dichtung. Sie hat ihren Platz allerdings nicht im rituellen Gebet und meist auch
nicht in der Moschee, sondern in eigenen Zusammenkünften bei der Feier einer Hochzeit, der Geburt
eines Kindes, eines Studienabschlusses, einer Einweihung, bei Trauer- oder Gedenkveranstaltungen, bei
Zusammenkünften in Ordensgemeinschaften und dergleichen. Dazu gehören u.a.

 Gedichte zum Lob Gottes, auch als Lieder (hamd, türk. ilahi). Ein Beispiel von Yunus Emre
(Anatolien, gest. 1321 n.C.):

Mit Bergen, mit Steinen, Dich rufe ich, Herr.


Mit Vögeln im Frühlicht, Dich rufe ich, Herr.
Mit Fischen im Bachgrund, Gazellen der Steppe,
Mit Einfalt stammelnd, Dich rufe ich, Herr.
Mit Jesus im Himmel, mit Mose am Dornbusch,
Den Stab in den Händen, Dich rufe ich, Herr.
Mit Hiobs Leiden, Mit Jakobs Tränen,
Mit Muhammads Liebe, Dich rufe ich, Herr.
Da liegt sie, die Welt, ich ließ ihre Trümmer,
Nacktfüßig, barhäuptig, Dich rufe ich, Herr.
Mit Yunus' Stimme, mit Nachtigallzungen,
Mit allen Getreuen, Dich rufe ich, Herr.

 Gedichte zum Lob des Propheten Muhammad (s), ebenfalls auch als Lieder (naat), wie
beispielsweise das folgende vom indischen Subkontinent:

O Prophet, Friede sei mit dir! O Gesandter, Friede sei mit dir! O Geliebter, Gottes Segen sei mit
dir!
Stolz Adams, Stolz Evas,
Stolz Noahs und Johannes',
Stolz Abrahams und Moses,
Stolz Ismails und Jesu.
O Prophet, Friede sei mit dir! O Gesandter, Friede sei mit dir! O Geliebter, Gottes Segen sei mit
dir!
Träger der Krone der Barmherzigkeit,
König der beiden Welten,
Reisender zu Gottes Thron,
Ehrenretter der Sünder.
O Prophet, Friede sei mit dir! O Gesandter, Friede sei mit dir! O Geliebter, Gottes Segen sei mit
dir! .......

Es gibt ganze Abfolgen aus Qur'anrezitation, Gedichten, Liedern, Fürbittgebeten usw., bei denen
die Geburt oder das Leben des Propheten (s) im Vordergrund steht (mawlûd), die an Festtagen wie
dem Geburtstag des Propheten (s) oder seiner Himmelsreise oder bei Familienfeiern u.dgl.
vorgetragen werden. Verbreitet sind auch Gedichte und Lieder zum Lob von Menschen, die Gott
nahestehen ("Heilige"), vor allem auch die Begründer mystischer Traditionen.

 Mystische Liebesgedichte, die gelegentlich mehrdeutig sind, indem sie auf den ersten Blick wie ein
"gewöhnliches" Liebesgedicht erscheinen, das den oder die Geliebte besingt (durchaus nicht nur
ihre Schönheit, sondern vor allem ihre Unerreichbarkeit), im Grunde aber von der mystischen
Liebe handeln.

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 Im Zusammenhang damit ist eine vielfältige Musiktradition entstanden, die allerdings mit den
lokalen Sprachen und Kulturen verbunden ist. Vor allem mystische Liebesgedichte werden oft mit
Instrumentalbegleitung vorgetragen, und es sind verschiedene Musiktheorien entstanden, die sich
auch damit befassen, wie die Temperamente aller Lebensformen aus Tönen zusammengsetzt sind
und durch Musik beeinflußt werden können.

Dichtung und Musik sind wie gesagt umstritten. Die Gegner berufen sich darauf, daß sie
Zeitverschwendung und eine Ablenkung von der menschlichen Verantwortung darstellen; heutige Gegner
lehnen gelegentlich Dichtung und Musik pauschal ab, nicht nur das, was ggf. Gleichgültigkeit und
Aggressivität fördert oder als "Droge" mißbraucht wird, in Unkenntnis der islamischen Musiktradition
und der damit verbundenen Erörterungen, die in der Regel auf einen differenzierten Umgang damit
hinauslaufen. In den mystischen Traditionen wird Dichtung und Musik ganz gezielt eingesetzt, um Mut
und Hoffnung zu wecken, Harmonie zu empfinden, die Gemeinschaft zu stärken und die Liebe zu Gott
und den Mitmenschen anzuregen, gelegentlich sogar mit meditativem Tanz.

2. Lobpreisung (Tasbîh)

Während Tasbîh im heutigen Sprachgebrauch mehr ein terminus technicus für die Lobpreisungen im
oder nach dem rituellen Gebet geworden ist, umfaßt er in der Sprache des Qur'an alle Aspekte der
Verherrlichung:

 Mit Worten, vom einfachen Dankgebet für die Fähigkeiten und Möglichkeiten, die Gott uns
gegeben hat, auch wiederholt (am bekanntesten: 33 x subhânAllâh, Preis sei Gott, 33 x al-hamdu
lillâh, Lob sei Gott, 33 x Allâhu akbar, Gott ist am größten), bis hin zum kunstvollen Lobgedicht.
 Mit Handlungen, in denen gute Anlagen und Fähigkeiten sichtbar werden: durch mitmenschliche
Fürsorge, Erarbeitung und Vermittlung von Wissen, schöpferische Tätigkeiten in Handwerk und
Kunst usw.

In diesem Sinne wird im Qur'an darauf hingewiesen, daß alle Geschöpfe Gott preisen:

Was in den Himmeln ist und was auf Erden ist preist Gott, den König, den Heiligen, den Allmächtigen,
den Weisen (Sura 62:2),

d.h. bewußt oder unbewußt, mit Worten oder im Lebensvollzug durch Entfaltung und Einsatz der
Fähigkeiten.

3. Anrufung (Du'â)

Unter Anrufung (du'â) versteht man ein nicht an Sprache oder äußere Form gebundenes Gebet, obgleich
es dabei meist üblich ist, die Handflächen zu heben, wie wenn man eine Gabe in Empfang nimmt, und es
kann spontan formuliert werden, obwohl viele Muslime auch gern auf vorformulierte Gebete aus dem
Qur'an oder aus Überlieferungen vom Propheten (s) oder anderen Gott nahestehenden Menschen
zurückgreifen. Allgemein ausgedrückt heißt es im Qur'an:

Und wenn Meine Diener dich nach Mir fragen: Ich bin nahe. Ich antworte dem Ruf des Rufenden, wenn
er Mich anruft. Darum sollen sie auch auf Mich hören und auf Mich vertrauen, damit sie rechtgeleitet
werden (Sura 2:187).

Euer Herr spricht: "Rufet Mich an; Ich will euch erhören ... (Sura 40:61).

"Rufen" bedeutet hier nicht lautes Rufen, denn, wie der Prophet (s) sagte: "Gott ist nicht schwerhörig

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oder weit weg," und es wird darauf hingewiesen, daß Gott auch unausgesprochene Anliegen hört.

Gebete aus dem Qur'an und aus den Überlieferungen sind oft, nach verschiedenen Anlässen und mit
Erläuterungen versehen, in Handbüchern gesammelt. Dort finden wir kurze Gebete vor und nach dem
Essen, vor dem Einschlafen, beim Aufstehen, beim Verlassen des Hauses und vor einer Reise, beim
Fastenbrechen, bei Gewitter, bei Sturm und Wind, beim Anblick der ersten Früchte einer Jahreszeit, beim
Betreten und Verlassen der Moschee, beim Anziehen eines neuen Kleidungsstückes und beim Blick in
den Spiegel, beim Besteigen eines Reittieres, Fahrzeuges oder Flugzeuges, bei störenden schlechten
Gedanken, Zorngefühlen oder Angst, um Schutz vor Krankheit und Heilung, um Klarheit und innere
Ruhe beim Reden usw., aber auch ganz allgemeine Bitten um Vergebung, um Gutes in dieser Welt und
im zukünftigen Leben, um Wissen und Weisheit oder um innere Führung. Solche Gebete sind oft sehr
kurz, werden aber bei verschiedenen Anlässen miteinander und/ oder mit Qur'anrezitiation, Gedichten
und Gesängen, einer kurzen Ansprache usw. verbunden. Einige Beispiele:

 Allgemeine Bitte um Vergebung: O Gott, ich habe gegen mich selbst großes Unrecht getan, und
niemand vergibt die Sünden außer Dir. Darum gewähre mir Deine Vergebung und Barmherzigkeit.
Du bist doch der Vergebende, der Barmherzige.
 Zufluchtnahme: O Gott, ich suche Zuflucht bei Dir vor Wissen, das nichts nützt, vor einem
Herzen, das keine Ehrfurcht hat, vor einer Bitte, die nicht erhört wird, und vor einem Selbst, das
unersättlich ist.
 Beim Aufwachen: Lob sei Gott, der uns Leben gegeben hat, nachdem Er uns hatte sterben lassen,
und zu Ihm ist die Heimkehr.
 Nach dem Essen: Lob sei Gott, der uns Speise und Trank gegeben und uns zu Ihm Ergebenen
gemacht hat.
 Beim Besteigen eines Schiffes (oder Flugzeuges u.dgl.): Im Namen Gottes geschieht seine Reise
und seine Landung. Mein Herr ist doch vergebend, barmherzig (Gebet Noahs (a) beim Besteigen
der Arche).
Lob sei Gott; Preis sei Ihm, der uns dies dienstbar gemacht hat, denn wir hätten es sonst nicht
bändigen können, und zu unserem Herrn ist die Rückkehr.
 Bei Gewitter: Preis sei Ihm, dessen Lob der Donner verkündet und den auch die Engel in
Ehrfurcht loben.
 Bei Angst vor Tyrannen und politischer Verfolgung: O Gott, sei unsere Genüge gegen sie nach
Deinem Willen. O Gott, ich setze Dich als Schild gegen sie und suche Zuflucht bei Dir vor ihren
Übeln.
 Um Klarheit und innere Ruhe beim Reden: Mein Herr, weite mir meine Brust und erleichtere
meine Aufgabe und löse den Knoten meiner Zunge, damit sie meine Rede verstehen (Gebet Moses
(a) nach Erhalt des Auftrages, Pharao zu ermahnen).
 Friedensgebet: O Gott, Du bist Friede. Von Dir kommt der Friede, zu Dir kehrt der Friede zurück.
Belebe uns, Herr, durch Deinen Frieden, und führe uns in den Garten, die Stätte Deines Friedens.
Segensreich bist Du, Herr der Majestät und Gnade.

Darüberhinaus gibt es Sammlungen von Gebeten bekannter islamischer Persönlichkeiten, z.B. As-Sahîfat
as-Sajjâdîya des Prophetenurenkels Ali Zainul-'Âbidîn mit Gebeten für die verschiedenen Tage der
Woche, spezielle Monate und Feiertage usw., und Sammlungen von anderen Familienangehörigen des
Propheten (s); von Abdul-Qâdir al-Jilâni, Ibn al-Arabi und vielen anderen.

Besonders empfohlen wird die Fürbitte für andere. Es wird gesagt, daß hinter jedem, der Fürbitte für
einen anderen einlegt, ein Engel steht und sagt: "Amen; und dasselbe noch einmal für diesen Betenden,"
d.h. die Fürbite bringt jedenfalls auch Segen für den Betenden selbst. Es hat allerdings wenig Sinn, für
jemanden um Vergebung zu bitten, der selbst gar nicht daran interessiert ist oder nicht daran glaubt.
Insofern ist es umstritten, ob ein Muslim für nicht- oder andersgläubige Menschen beten darf. Gegner

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berufen sich auf einen Text in Sura 9:113-114 (Hinweis auf die Sinnlosigkeit der Bitte um Vergebung für
Nichtinteressierte), den sie verallgemeinern. Demgegenüber heißt es in einem Gedicht von Rumi (Übers.
Annemarie Schimmel):

Ein Prediger, sobald er vorgetreten,


begann, für alle Räuber nur zu beten.
Er hob die Hände: "Herr, hab doch Erbarmen
mit jenen bösen, widerspenst'gen Armen,
mit jenem Volk, durch das die Guten leiden,
mit Christenmönchen und mit allen Heiden."...
"Ich sah von ihnen so viel Haß und Zwang,
daß ich vom Bösen hin zum Guten drang;
denn immer, wenn ich mich zur Welt gewandt,
da traf mich Schlag und Schmerz von ihrer Hand,
und hilfesuchend bin ich Gott genaht -
die Wölfe wiesen mir den rechten Pfad.
So wurden sie zur Quelle für mein Heil,
und mein Gebet wird ihnen drum zuteil."

Vom Propheten (s) selbst und zahlreichen Gelehrten und Mystikern wird berichtet, daß sie durchaus auch
für ihre Feinde und Verfolger beteten.

Eine besondere Stellung hat das Gebet um Segen für den Propheten (s) und seine Angehörigen. Die
bekannteste Form ist wohl die, die auch im rituellen Gebet vorkommt:

O Gott, schenke Muhammad und seinen Angehörigen Heil, so wie Du Abraham und den Seinen Heil
geschenkt hast, und segne Muhammad und seine Angehörigen, so wie Du Abraham und die Seinen
gesegnet hast. Du bist der Gelobte, der Erhabene.

Aber im Laufe der Zeit sind zahlreiche weitere kürzere oder längere Formen entstanden. Man sagt, daß
die Bitte um Segen für den Propheten (s) immer auf den Betenden selbst reflektiert und Trost, Kraft und
innere Ruhe gibt; sie wird daher auch bei starken emotionalen Regungen empfohlen oder zur
Bewältigung einer kritischen Situation.

Diese Fülle vorformulierter Anrufungen darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß das ganz persönliche,
frei formulierte Gebet für den Einzelnen in seiner speziellen Situation und seiner eigenen Sprache von
großer Bedeutung ist. Dabei kommen mit eigenen Worten alle menschenmöglichen Anliegen zum
Ausdruck und in einer Sprache, die genau dem jeweiligen inneren Zustand des Betenden entspricht. Es
kann also durchaus vorkommen, daß solche Gebete, wenn sie den Bereich des Privaten verlassen, einen
Skandal auslösen, wie z.B. Iqbals berühmtes Gedicht Shikwa (Klage), in dem er Gott vorwirft, die
Muslime - speziell des indischen Subkontinents - im Stich gelassen zu haben:

... Gott, leihe unserer Klage ein Ohr,


wo wir erprobte und aufrichtige Diener sind.
Du bist an Loblieder gewöhnt;
nun aber höre auch einmal Protest ....

... Alles, was uns geblieben ist,


ist Spott von Fremden, Schande und Armut -
ist diese Schmach unser Lohn dafür,
daß wir unser Leben für Dich gegeben haben? ...

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... Es mag ja sein, daß vielleicht die sanften Umgangsformen der Liebe nicht mehr gepflegt werden,
und daß der Pfad der Hingabe
nicht mehr zum Herzensfrieden führt;
vielleicht wurde auch der Herzenskompaß
aus der Gebetsrichtung abgelenkt,
und das alte Gesetz der Treue
hat seine Verbindlichkeit verloren.
Aber, o weh! Auch Du veränderst Dich
und schenkst mal uns, mal jenen Deine Gunst.
Entsetzlich, es sagen zu müssen,
aber Deine Liebe ist eine unzuverlässige Angelegenheit ...

Eine Reihe von solchen Klagegebeten wird vor allem auch aus der Mystik überliefert und dort bis auf
Abrahams Diskussion mit Gott über das Schicksal der "lasterhaften Städte" (Sodom und Gomorrha)
zurückgeführt.

4. Das Gottgedenken (Dhikr)

Das arabische Wort Dhikr bedeutet soviel wie Erinnerung, Gedenken, aber auch Erwähnen, als
Gegenmittel zur menschlichen Achtlosigkeit und Vergeßlichkeit, die im engen Zusammenhang mit der
Ichbezogenheit steht, durch die der Blick auf personenübergreifende Zusammenhänge und damit auf
Vernunft, Gerechtigkeit und Gotteserkenntnis verstellt wird. Durch Dhikr, in welcher Form auch immer,
soll das Herz von solchen Einflüssen gereinigt werden. Dabei werden auch verdrängte Regungen wie
Ängste, Habgier u.dgl. bewußt gemacht und bisher nicht erkannte gute innere Anlagen entdeckt. Darum
hat Dhikr einen zentralen Platz im Hinblick auf die Selbsterziehung und den mystischen Weg, denn, wie
der Prophet (s) sagte: "Wer sich selbst erkennt, der erkennt seinen Herrn."

Die Erinnerung geschieht durch verinnerlichtes Gebet, durch Nachdenken, durch Rezitation und Studium
des Qur'an und im engeren Sinne durch verschiedene Meditationsformen. Im allgemeinen unterscheidet
man

a. Dhikr jalli, das laut und oft in der Gruppe geübt wird. Meist wird dabei das Glaubenszeugnis, ein
kurzes Gebet, eine Lobpreisung, die Bitte um Segen für den Propheten (s) oder die Anrufung eines
oder mehrerer Gottesnamen (von den überlieferten "99 Schönsten Namen Gottes") wiederholt oder
gemeinsam eine bestimmte Zusammenstellung aus Qur'antexten und anderen solchen Bestandteilen
(wird) rezitiert, wobei die Abfolge innerhalb einer Ordenstradition oder ähnlichen Gruppierungen
überliefert bzw. auch von kompetenten Lehrern der Tradition modifiziert oder den Umständen
entsprechend neu zusammengstellt wird.
b. Dhikr khafi, eine stille Meditation, die meist individuell geübt wird. Dhikr jalli gilt als Vorstufe
hierzu, indem lautes Aussprechen der Texte es erleichtert, die Aufmerksamkeit immer wieder
zurückzuholen, wenn die Gedanken abschweifen, während Dhikr khafi schon mehr Übung und
Disziplin erfordert, andererseits aber auch eine Vertiefung ermöglicht. Auch hier bilden kurze
Qur'antexte, das Glaubenszeugnis, ein Gottesname usw. den Inhalt, oft verbunden mit einer
bestimmten Atemtechnik oder der Beobachtung des Atems oder des Herzschlages. Die Übungen
sind dann meist individuell auf die betreffende Person abgestimmt und werden ggf. ihrer
Entwicklung entsprechend verändert, sind daher also nicht übertragbar.
c. Dhikr Qalbi, das "Dhikr des Herzens", ist eine weitere Verinnerlichung, wenn unabhängig von
äußeren Übungen und absichtlichen Bemühungen ständig das Bewußtsein vorhanden ist, in Gottes
Gegenwart zu leben und in allen Gedanken, Worten und Handlungen mit Ihm verbunden zu sein.
Diese Erkenntnis beschreibt Rumi in folgendem Gedicht (Übers. Annemarie Schimmel):

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"O Gott!" rief einer viele Nächte lang,


und süß ward ihm der Mund von diesem Klang.
"Viel rufst du wohl," sprach Satan voller Spott.
"Wo bleibt die Antwort 'Hier bin Ich!' von Gott?
Nein, keine Antwort kommt vom Thron herab!
Wie lange schreist du noch 'O Gott!'? Laß ab!"
Als er betrübt, gesenkten Hauptes, schwieg,
sah er im Traum, wie Khidr niederstieg
und sprach: "Warum nennst du Ihn denn nicht mehr?
Was du ersehnt - bereust du es so sehr?"
Er sprach: "Nie kommt die Antwort: 'Ich bin hier!'
So fürchte ich, Er weist die Türe mir."
"Dein Ruf 'O Gott!' ist Mein Ruf: 'Ich bin hier!'
Dein Schmerz und Flehn ist Botschaft doch von Mir,
und all dein Streben, um Mich zu erreichen -
daß Ich zu Mir dich ziehe, ist's ein Zeichen!
Dein Liebesschmerz ist Meine Huld für dich -
im Ruf 'O Gott!' sind hundert 'Hier bin Ich!'"

Im Laufe der Zeit haben sich verschiedene Traditionen und Theorien herausgebildet, je nach dem
kulturellen Hintergrund und den Erfordernissen der Zeit. Sicherlich hat auch eine gegenseitige
Beeinflussung mit Gebets- und Meditationsformen anderer Religionen stattgefunden, etwa mit dem
christlichen Herzensgebet oder mit indischen Yoga-Praktiken. Muslimische Kritiker kommen meist mit
zwei Einwänden:

a. "Dhikr ist eine Flucht vor der Alltagsrealität." In der Tat können dadurch bisweilen ekstatische
Zustände ausgelöst werden, ebenso wie beim Musikhören (s.o.) und beim meditativen Tanz, wie er
in einigen Traditionen gepflegt wird. Man spricht dann vom "Geschmack" eines
außergewöhnlichen Zustandes, und ein kompetenter Leiter wird Hilfestellung geben können, mit
dieser Erfahrung umzugehen, und dafür sorgen, daß sie nicht zum Selbstzweck oder gar zum
Ärgernis wird. Wenn Dhikr benutzt wird, um eine bestimmte Stimmung zu schaffen, ohne jede
Beziehung zum Alltag, zur ethischen Orientierung, zur Selbstkritikfähigkeit oder zur intellektuellen
und spirituellen Entwicklung des Menschen, dann liegt eindeutig ein Mißbrauch vor. Der Mensch
ist eine Einheit, und Dhikr soll gerade diese Einheit fördern und zur Verbindung mit dem
transzendenten Einen beitragen.
b. "Dhikr ist eine Neuerung (bid'a), die keine Grundlage in Qur'an und Sunna hat." In der Tat ist,
wie gesagt, die heutige Vielfalt der Formen das Ergebnis einer langen Entwicklung. Der Begriff
"Dhikr" ist jedenfalls qur'anisch, auch wenn er sich nicht auf äußere Formen und "Techniken"
bezieht:

In der Schöpfung der Himmel und der Erde und im Wechsel von Nacht und Tag sind in der Tat
Zeichen für die Verständigen, die Gottes gedenken im Stehen und Sitzen und wenn sie auf der Seite
liegen und nachsinnen über die Schöpfung der Himmel und der Erde: "Unser Herr, Du hast dies
alles nicht sinnlos erschaffen; heilig bist Du ....." (Sura 3:191-192).

Darum gedenket Mein, Ich will euer gedenken, und danket Mir und seid nicht undankbar (Sura
2:153).

Ihr, die ihr glaubt, gedenket Gottes in häufigem Gedenken und lobpreist Ihn früh und spät ... (Sura
33:42-44; vgl. auch oben die Ausführungen zum Begriff "Gebet").

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... Sie, die glauben und deren Herzen Trost finden im Gedenken Gottes. Ja, im Gedenken Gottes
finden die Herzen Trost (Sura 13:29).

Dies ist ganz allgemein gehalten und bezieht sich auf alles, was die Erinnerung an Gottes
Gegenwart wachruft und vertieft. Gelegentlich hat der Prophet (s) auch Anweisungen gegeben,
bestimmte Qur'antexte oder Anrufungen zu wiederholen, jedoch nicht als allgemeinverbindliche
Praxis. Dies war wahrscheinlich auch deswegen nicht notwendig, weil der Eindruck der neuen
Offenbarung und seiner Anwesenheit noch frisch war und die Aufmerksamkeit der Menschen
seiner Zeit auf ganz andere Weise anzog als die Lehren einer etablierten Religion. In dem Maße,
wie einerseits die islamische Praxis zur Gewohnheit und die Lehre zur intellektuellen Struktur oder
gar zur Ideologie wird, während andererseits kulturelles Wachstum auf jedem Gebiet stattfindet, ist
es nur legitim, Mittel und Wege zu entwickeln, die eine Vergegenwäritigung und Wiederbelebung
der unmittelbaren religiösen Erfahrung bewirken können. Die traditionellen Formen des Dhikr
unterliegen nicht derselben Beständigkeit wie das rituelle Gebet und sind nicht verbindlich wie
dieses, und es werden sicher noch viele Wege entdeckt werden, dasselbe Ziel zu erreichen.

Aus den Bereichen Rezitation, Lobpreisung, Anrufung und Gottgedenken werden in der Regel die
Beiträge von Muslimen zu multireligiösen Andachten kommen, wie etwa beim Friedensgebet von
Assisi, bei Kirchentagen, im Zusammenhang mit Dialogveranstaltungen, in Krisenzeiten usw. Wie
gesagt wird dadurch nicht das rituelle Gebet ersetzt, das für Muslime eine religiöse Pflicht ist. Es
ist auch zu überlegen, ob man hier von einem "multireligiösen Gottesdienst" sprechen kann, denn
in jeder Religion hat der Begriff "Gottesdienst" im engeren Sinne womöglich seine eigene
spezifische Bedeutung. Ein Gottesdienst im weiteren Sinne ist eine multireligiöse Andacht jedoch
m.E sehr wohl, denn sie entspricht unserer realen Erfahrung, als Angehörige verschiedener
Religionen vor Gott zu stehen und unsere menschliche Verantwortung tragen zu müssen,
gemeinsam oder in konstruktiver Konkurrenz.

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