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Modul – Pflegetherapeutisches Handeln bei Menschen mit

Einschränkungen des Bewegungssystems


Kaum etwas fördert unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden so sehr wie Bewegung und Sport.
Durch die Bewegung bleiben Muskeln und Gelenke beweglich, Atmung, Herz und Kreislauf werden
gefördert und der Stoffwechsel kommt damit in Schwung. Aber was ist, wenn unser Bewegungsystem,
der sog. Stützapparat aus Knochen, Knorpel, Gelenke und Bänder, und die Skelettmuskulatur nicht
mehr so mitmacht? Wenn Muskeln reißen, Gelenke sich chronisch entzünden oder sich nicht mehr
bewegen lassen oder Krankheiten wie Arthrose oder Osteoporose zu schmerzhaften Deformierungen
führen?
Das erste Leitsymptom ist die Bewegungseinschränkung. Die Menschen können sich nicht mehr frei
und ist je nach Einschränkung der Mobilität auch in seiner Lebensqualität eingeschränkt. Die
Betroffenen können Arbeitsplatz, Freunde oder soziale Kontakte verlieren. Die Wohnung muss
möglicherweise umgestaltet werden. Die Menschen leiden unter Schmerzen und häufig psychisch an
den Folgen der körperlichen Beeinträchtigung und dem Verlust der Selbständigkeit.
Die Ursachen der Erkrankungen des Bewegungssystems können vielfältig sein.

Erkrankungen des Bewegungssystems


Die drei häufigsten Erkrankungen des Bewegungssystems bei geriatrischen Patienten/Klienten sind:

1. Arthrosen
2. Osteoporose
3. Frakturen

Aus allen Erkrankungen folgen bestimmte Funktionen bzw. Probleme, die der Patient/Klient im
täglichen Leben bewältigen muss.

• Schmerz
• Bewegungseinschränkung
• Gangunsicherheit
• Sturzgefahr ist erhöht
• Immobilität
• Kraftverlust

Die Entwicklung dieser Beeinträchtigungen ist progredient (fortschreitend). Die Beeinträchtigungen


(Probleme) haben den Ursprung in der Erkrankung. Der Klient verliert körperliche und/oder geistige
Fähigkeiten und damit seine Selbständigkeit. Die Selbständigkeit in seiner Lebensführung und die
soziale Kompetenz des Klienten sind stark bedroht und gefährdet. Das bedeutet, dass die
Selbstbestimmung und Autonomie, die menschliche Intimität und Würde, die individuelle Freizügigkeit
und Selbstachtung, verloren gehen.

Folgende Ursachen und begünstigende Faktoren sind für die Erkrankungen des Bewegungssystems, als
auch für das Fortschreiten der Erkrankungen verantwortlich:

• Fehlhaltung/Fehlbelastung
• Immobilität/Bewegungsmangel
• Fehl- und/oder Mangelernährung
• Hormonumstellung
• Medikamente
• Depressionen

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Krankheitsbilder:
(1) Arthrose

Definition (lat.): Arthrosis deformans/Arthrose/deformiertes Gelenk


• degenerative-rheumatische Gelenkerkrankung/„Gelenkverschleiß“
• fehlende Dämpfungsfunktion und allmähliche Zerstörung des Gelenkknorpels
• später kommt es zu einer schmerzhaften Gelenksentzündung (Arthritis), die bis zur
Verformung und völligen Einsteifung des Gelenks führen kann

Bei der degenerativen Gelenkerkrankung handelt es sich um eine Entartung des Knochengewebes. Sie
wird begleitet von einer sekundären Knochenläsion und entzündlich bedingter Schrumpfung der
Gelenkkapsel.

Primäre (idiopathische) Arthrose


• Minderwertigkeit des Knorpelgewebe
• Ursachen sind unbekannt

Sekundäre Arthrose
• verursacht durch eine vorangegangene Erkrankung (z.B. Frakturen im Gelenk, Entzündungen,
metabolische Erkrankungen, endokrine Erkrankungen u.a.) bzw. durch Über- oder
Fehlbelastung des Gelenks
• Ursachen und Risikofaktoren: Übergewicht, schwere Arbeit, Fehlstellungen z.B. O-Beine,
Stoffwechselerkrankungen z.B. Gicht etc.

Symptome einer Arthrose:


• Schmerz
• Schwellungen
• Muskelverspannungen
• Bewegungseinschränkung
• zunehmende Deformität

Die Krankheitszeichen werden im Verlauf der Krankheit in Stadien eingeteilt:

Stadium I belastungsabhängiger Schmerz und Muskelverspannung

Bewegungsschmerz, bei Passivität spürt der Betroffene einen Schmerz direkt im


Gelenk und bei Bewegung in der Muskulatur, Einlaufschmerz/ bei Beginn der
Stadium II
Bewegung treten Schmerzen in der unteren Extremität auf – er bildet sich nach
kurzer Laufstrecke zurück
Ruheschmerz, das Gelenk versteift zunehmend, Deformation des Gelenkes →
Stadium III es kann zu einer Achsenfehlstellung und Instabilität des Gelenkes mit
Muskelatrophie führen

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Diagnostik:
• Anamnese
• Tastbefund am Gelenk
• Schmerzbeschreibung
• Schmerz beim Gehen, Sitzen und Liegen
• Punktion des Gelenkerguss, erst spät sind die degenerativen Veränderungen im Röntgenbild
zu sehen

Therapie und Pflege:


Ziel der Therapie ist der Erhalt der Gelenkfunktion und die Schmerzreduzierung. Die Therapie erfolgt
symptomatisch und gemeinsam mit den Betroffenen wird das Behandlungskonzept erstellt.

Die Therapie und Pflege umfasst folgende Schwerpunkte:


• Patientenbeobachtung: Schmerzen → chronisch oder akut, Bewegungseinschränkungen, z.B.
beim Gehen, Schonhaltungen oder Schonatmung, Durchblutung, Motorik und Sensibilität =
DMS-Kontrollen, Infektionszeichen
• Schmerzlinderung und medikamentöse Therapie (z.B. Analgetika z.B. NSAR wie Ibuprofen,
Antiphlogistika, Kortison, Antazida)
• Lagerung/Positionierung des Patienten: Hochlagerung oder Ruhigstellung kann
schmerzlindernd als auch therapeutisch wirken, Vorsicht Ruhigstellung: so kurz wie möglich,
denn Muskeln bilden sich relativ schnell zurück und kann auch zu Kontrakturen führen → so
viel wie nötig, so wenig wie möglich
• Mobilisation: gezielte aktive und passive Bewegungsübungen fördern die Durchblutung und
kräftigen die Muskulatur, Prophylaxe für Thrombose oder Kontrakturen
• Orthopädische Maßnahmen (z.B. Schuheinlagen, Gehhilfen, Sitzerhöhung)
• Physiotherapie
• physikalische Maßnahmen und Massagen, z.B. Wärmeanwendung bei chronischen Schmerzen
und Kälteanwendung in der akuten Schmerzphase)
• Operative Maßnahmen: z.B. Gelenkersatz (Endoprothese), Gelenkversteifung (Arthrodese)

Prävention und Gesundheitsförderung:


• Tägliche Übungen zur Beweglichkeitsförderung durchführen
• Gesunde Ernährung, z. B. Gewichtsreduktion
• Vernünftige Lebensweise, Alkohol und Rauchen meiden
• Sichere Einnahme der Schmerzmedikation → Schmerzlinderung verbessert die Beweglichkeit
• Erkennen und akzeptieren der Leistungsgrenzen, Gelenke nicht überfordern
• Ein erfülltes Leben ist für die Lebensqualität wichtig!

(2) Arthritis
• Gelenkentzündung
• Entzündung meistens mit Überwärmung, Gelenkergussbildung, Schwellung und Rötung
• Unterscheidung zwischen eitriger Arthritis, die durch Bakterien hervorgerufen wird, und
nichtbakterieller Arthritis bei rheumatischen Erkrankungen

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(3) Osteoporose
• Osteoporose ist eine häufige Knochenerkrankung (ca. 8 Millionen Menschen in Deutschland)
• krankhafter Knochenschwund, bei dem mehr Knochensubstanz abgebaut als neugebildet wird
• die Anzeichen im Knochen sind die Senkung der Knochendichte und eine poröse
Knochenstruktur → Frakturrisiko steigt massiv, oft ohne große Gewalt (Trauma)
• am häufigsten sind ältere Frauen betroffen, in Deutschland sogar jede 3. Frau über 60 Jahre

Formen der Osteoporose


Primäre Osteoporose
• 95% der Fälle, Ursachen sind unbekannt
• steht im engen Zusammenhang mit dem Alter und dem Hormon- und Kalziumstoffwechsel
Typ I (postmenopausale Osteoporose)
• beruht auf dem Östrogenmangel in den Wechseljahren, ca. 30% der Frauen erkranken nach
der Menopause daran
Typ II (senile Osteoporose)
• tritt gleichermaßen bei Männern und Frauen über 70 Jahre auf
• beruht auf dem natürlichen Alterungsprozess
• der Alterungsprozess kombiniert mit dem Mangel an Kalzium, Vitamin D, Fehlen von
Sonnenlicht und/oder Mangel an Bewegung
Bekannte Risikofaktoren:
• Weibliches Geschlecht
• Höheres Lebensalter
• Helle Hautfarbe
• Schlanke Figur (Fehlernährung, Untergewicht)
• Geringe Sonnenexposition (Vit-D-Mangel)
• Bewegungsmangel, Immobilität
• Rauchen und Alkohol
• Kalziumarme Ernährung

Sekundäre Osteoporose
• seltene Form, tritt als Folge von Erkrankungen auf
Bekannte Risikofaktoren:
• Schilddrüsenüberfunktion
• Entzündlich-rheumatische Erkrankungen
• Diabetes mellitus
• Maligne Tumoren
• Langzeitbehandlung mit Kortikoiden
• Lange Immobilität
• Chronische Nierenerkrankungen mit Kalziumverlust oder chron. Pankreas- bzw.
Darmerkrankungen
• Alkoholismus und Nikotinabusus

Symptome der Osteoporose:


• oft haben die Betroffenen keine Beschwerden
• chronische und stärkere akute Rückenschmerzen sind wichtige Symptome
• chronische Rückenschmerzen treten durch die Fehlbelastung der Wirbelsäule auf, die zu
Muskelverspannungen führen

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• wenn es im fortgeschrittenen Stadium zu Frakturen und Wirbelkörperverformungen kommt,
zeigen die Patienten deutliche, äußerlich sichtbare Veränderungen
• Frakturen (Knochenbrüche) entstehen oft ohne großes Trauma
• typische Stellen sind Oberschenkelhals, Wirbelsäule, Handgelenke und Rippen
• mit Fortschreiten der Osteoporose steigt die Gefahr der Fraktur
➔ Entwicklung eines Rundrückens durch Deformierung der Wirbelsäule (Kyphose) oder
Kugelbauch
➔ der Körperrumpf schrumpft, wodurch der Mensch kleiner wird und es zu
Muskelverspannungen, Atembeschwerden und Verdauungsbeschwerden kommt
➔ durch Größenverlust kommt es zu charakteristischen Hautfalten, die vom Rücken zu den
Flanken ziehen (Tannenbaumphänomen)

Diagnostik:
• Labordiagnostik (Werte des Hormon- und Knochenstoffwechsels)
• Messung der Knochendichte (Osteodensitometrie)
• Röntgenuntersuchungen geben erst Ergebnisse bei einem Verlust der Knochendichte über
30%
• Skelettszintigrafie
• Computertomografie (CT)

Ziel der Therapie:


• Reduktion des Knochenabbaus und die Senkung des Frakturrisikos
• präventiver Charakter
• ohne Therapie kommt es zu dauerhaften Veränderungen und Einschränkungen

Therapiemaßnahmen:
• Schmerztherapie: bei fortgeschrittener Osteoporose und starken Schmerzen wird der
Betroffene mit Analgetika, Antirheumatika und lokalen Infiltrationen (aus einen
Lokalanästhetikum-Kortikoid-Gemisch) behandelt
• Physiotherapie/physikalische Therapie: z.B. Massagen, Wärmebehandlung bei
Muskelverspannungen/Kälteanwendungen zur Reduktion der Entzündung,
Bewegungstherapie (auch im Wasser, Entspannungsübungen, Gymnastik)
• Operative Verfahren: bei schmerzhaften Osteoporose bedingten Wirbelkörperfrakturen wird
eine minimalinvasive Operation durchgeführt, die perkutane Vertebroplastie
(VP)=Wirbelwiederherstellung → fehlende Knochenmasse wird durch das Einspritzen von
Knochenzement ersetzt, damit stabilisiert der Wirbelkörper von innen
• Verhaltensrichtlinien: ausreichende körperliche Aktivität und Belastung erreichen, z.B.
Schwimmen, Wandern, leichte Gartenarbeit, regelmäßige Teilnahme an
physiotherapeutischen Maßnahmen, z.B. Funktionstraining, Rehabilitationssport,
Sturzprophylaxe/Sturzrisikobewertung
• Medikamente zur Hemmung des Knochenabbaus und Förderung des Knochenaufbaus:
➢ Kalziumpräparate zur Substitution/100mg pro Tag
➢ Vitamin D: 800-1.000 IE (internationale Einheiten) pro Tag
➢ Bisphosphonate (z.B. Alendronat, Risedronat): Hemmung der knochenabbauenden
Zellen (Osteoklasten), Tabletten oder Injektionen (Verabreichung laut AO tgl.,
wöchentlich oder monatlich)

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➢ Parathormone: Regulierung des Kalzium- und Knochenstoffwechsels, tgl. subkutane
Injektion
➢ Strontiumranelat: Stimulierung vom Knochenaufbau und Hemmung vom Abbau
➢ Calcitonin: Entgegenwirkung des Knochenabbaus mit analgetischer Wirkung, als
Injektion oder Nasenspray
➔ Dosierung der Medikamente setzt der Arzt je nach der Knochendichte und dem
Beschwerdebild fest
• Ernährung:
➢ Ausreichende Kalziumzufuhr: Milchprodukte, Eier, kalziumangereichertes Mineralwasser,
grünes Gemüse (Brokkoli, Grünkohl, Lauch, Fenchel), Nüsse, Kräuter
➢ Verzicht auf Phosphate: „Kalziumräuber“, verhindern die Kalziumaufnahme, Cola, Wurst,
Fleisch, Schmelzkäse, Schokolade, Hefe, Chips
➢ Verzicht auf Oxalsäuren: verringert die Aufnahme von Kalzium in den Stoffwechsel, da die
Oxalsäure Kalzium und Spurenelement bindet, Spinat, Mangold, Rhabarber
➢ Verzicht auf Nikotin + Alkohol + Kochsalz

Beobachtungskriterien:
• Überwachung und Kontrolle der Medikamenteneinnahme und Beobachtung der Wirkung und
Nebenwirkungen (bei Bedarf VZ-Kontrolle)
• Überwachung der Schmerzmedikation, regelmäßiges Erfragen der Schmerzen und
Veränderungen zeitnah an den Arzt weitergeben
• Bei Frakturen müssen Gipsverbände kontrolliert werden und nach der korrekte Sitz überprüft
werden
• Bewegung und Haltung des Patient beobachten: Probleme und Ressourcen beobachten,
werden Hilfsmittel benötigt? Wie hoch ist die Sturzgefahr?

Pflegemaßnahmen:
• Je nachdem, wie stark der Patient eingeschränkt ist, benötigt er mehr oder weniger
Unterstützung bei den ABEDL´s
• Bei allen Maßnahmen muss das hohe Risiko des Sturzes im Auge behalten werden
• Größe und Gewicht: regelmäßige Kontrolle, da bei Kachexie der Körper die Kalziumreserven
im Knochen nutzt
• Lagerung: bei Möglichkeit wird der Patient angehalten sich selbst zu positionieren, so wenig
wie möglich Lagerungsmaterialien sollen genutzt werden
• Mobilisation: langsame Mobilisation und Anleitung zur Mobilisation, Mobilisation möglichst
schmerzfrei oder unter wenig Schmerzen ermöglichen
• Ernährung: Unterstützung bei der Ernährung und Beratung zu einer Kalzium- und Vit. D-
reichen Kost
• Prophylaxen: wesentliche Aufgabe in der Pflege ist die Sturzprophylaxe mit der Planung von
individuellen Maßnahmen, aufgrund des Bewegungsmangels sind die Pneumonie- und bei
bettlägerigen Patienten auch die Dekubitusprophylaxe essentiell
• Informieren, Schulen und Beraten: enorm wichtig ist die Sturzprävention und die
Ernährungsberatung, da es sich um eine chronische Erkrankung handelt, ist häufig auch eine
psychische Belastung vorhanden → Möglichkeit der Vermittlung von Selbsthilfegruppen

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(4) Frakturen
Definition:
Fraktur (lat.): Knochenbruch
• Kontinuitätsunterbrechung des Knochens
• Zwei (oder auch mehrere) Knochenbruchstücke (Fragmente) sind durch eine (oder mehrere)
Frakturlinien voneinander getrennt
• Ist die Kontinuität nur teilweise unterbrochen → unvollständige (inkomplette) Fraktur, z.B. bei
einer Fissur im Kindesalter

Symptome:
Sichere Frakturzeichen:
• Fehlstellungen durch Verschiebung der Fraktur
• Abnorme Beweglichkeit
• Fühl- oder hörbares Knochenreiben (Krepitation)
• offene Frakturen mit Durchspießung der Haut (sichtbare Knochenfragmente)

Unsichere Frakturzeichen:
• Bewegungs- und Funktionseinschränkung
• (Druck-) Schmerzen
• Schwellung/Hämatome/Sensibilitätsstörungen

Traumatische Frakturen:
• wenn Gewalteinwirkung die Belastungsgrenze des Knochens überschreitet → Wirkung als
Biegungs-, Dreh-, Schub-, oder Scherungskräfte
• direkte Gewalt kann zu Abriss- oder Kompressionsfrakturen führen

Pathologische Frakturen:
• Frakturen, die ohne besondere Gewalt oder spontan entstehen sind
• Vorliegen einer Vorschädigung (z.B. Osteoporose) oder eine krankhafte Veränderung (z.B.
Knochentumore oder Metastasen)

➔ Es entstehen auch Begleitverletzungen bei Frakturen, Verletzungen von Muskeln, Sehnen,


Nerven und Gefäße
➔ Achten auf motorische Störungen und Sensibilitätsstörungen im betroffenen Bereich
➔ Frakturen mit Gefäßverletzungen können mit einem hohen Blutverlust einhergehen → z.B.
Oberarmfraktur bis zu 1 Liter, Oberschenkelfrakturen bis zu 2 Liter, Beckenfrakturen bis zu
4 Liter → lebensbedrohlicher Volumenmangelschock (hypovolämischer Schock)

Diagnostik:
• Röntgenbild in zwei Ebenen
• Computertomografie
• Knochenszintigrafie zur OP-Vorbereitung
• Kernspintomografie

Therapie:
3 R-Grundsätze der Frakturtherapie

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• Reposition: Einrichtung der Fraktur, d.h. die Enden der Fraktur müssen eine physiologische
Stellung haben
• Retention: Ruhigstellen der Fraktur, kann konservativ oder operativ erfolgen
• Rehabilitation: Wiederherstellen der funktionellen Beweglichkeit

Konservative Retention:
• Bei Frakturen möglich, die geschlossen sind und die gerade stehen oder geschlossen reponiert
werden können
• Methoden, die die Knochenfragmente halten oder stabilisieren bis eine Heilung erfolgt
➔ Gipsverbände, Schiene oder Castverband (Kunststoffgips)
➔ Extension
➔ Fixateur externe

Indikationen:
• Repositionsgips als Notfallbehandlung bei nicht möglicher Operation
• Ruhigstellung mit und ohne Extension bis zur OP
• Klassische konservative Maßnahme zur Ruhigstellung und Lagerung nach Verletzungen von
Weichteilen und Gelenken
• Postoperative Lagerungsmaßnahme

Überwachung und Pflege nach Gipsanlage:


• Regelmäßige DMS-Kontrolle (Durchblutung-Motorik-Sensibilität) durchführen
➔ Kontrolle der Hautfarbe/Hauttemperatur/Druckstellen
➔ Schmerzempfinden
➔ Beweglichkeit/Schwellungen
• nach 24 Stunden: Kontrolle durch den Arzt, Informationsmaterial bekommt der Betroffene
schon in der Rettungsstelle mit Notfalltelefonnummer
• Extremität lagern und ggf. kühlen
• keine Armschlinge bei Armgipsen
• Finger und Zehen regelmäßig bewegen
CAVE: sobald der Patient ein Druckgefühl oder Schmerzen angibt, muss der Gips kontrolliert und ggf.
neu angelegt werden
Grundregel → der Patient im Gips hat immer recht!

Pflege nach Gipsanlage:


• Pflege der Umgebungshaut und auf Druckstellen achten
• Beweglichkeit der anliegenden Gelenke trainieren
• Vor Nässe schützen
• Hilfe bei den ABEDLs

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Operative Retention:
Definition Osteosynthese:
• Osteosynthesen sind operative Verfahren zur Stabilisierung der Fraktur mithilfe eines
Implantats (intramedulläre oder extramedulläre Kraftträger), in der Regel aus Metall, in die
richtige Stellung

Verschiedene Osteosyntheseverfahren:
• Schraubenosteosynthese
• Plattenosteosynthese
• Marknagel
• etc.

Indikation für das jeweilige Verfahren:


• Art der Fraktur
• Lokalisation der Fraktur
• Anzahl der Fragmente
• Offene oder geschlossene Fraktur
• Kontamination/Infektionszeichen
• Begleitverletzungen
• Alter
• Nebendiagnosen
• Erwartung an die Compliance

Intramedulläre Kraftträger:
• Verriegelungsnägel
• Federnägel
• Bündelnägel
• Rush-Pins
• Endoprothetik
In der Regel wird die Bruchstelle nicht eröffnet!

Extramedulläre Kraftträger:
• Platten/Schrauben
• Drähte/Cerclagen
• Stifte
• Kunststoffbänder
• Fixateure/Spanner

Präoperative Maßnahmen:
• Einwilligung zur OP nach Aufklärung durch den Arzt
• Bildgebende Verfahren, Laborparameter, EKG
• Rasur der betroffenen Extremität (wenn nötig)
• Nahrungskarenz ca. 4 Stunden
• OP-Kleidung
• ATS-Strümpfe (Antithrombosestrümpfe)
• Anästhesie, Medikamente evtl. auch am Vorabend

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Postoperative Maßnahmen:
• Postoperative Überwachung (Vitalwerte, Monitoring)
• Überwachung der Infusionen
• Wundversorgung
• Überwachung der Drainage
• Überwachung der Ausscheidungen (mögliche Probleme: Darmparalyse/Darmlähmung,
Harnverhalt), Ein- und Ausfuhrkontrolle
• Schmerzanamnese/Schmerztherapie
• Lagerung/Positionswechsel
• Mobilisation
• Unterstützung bei der Selbstpflege
• Durchführung der jeweiligen Prophylaxen

Metallentfernung:
Absolute Indikation zur Entfernung:
• Infizierte Osteosynthese
• Symptomatische Metallallergie
• Funktionelle Störung

Relative Indikation zur Entfernung:


• Bei Wunsch des Patienten
• Kirschnerdraht/Zuggurtungen nach ca. 6 Wochen
• Extramedulläre Kraftträger (3-24 Monate)
• Intramedulläre Kraftträger können bleiben, Entfernung nach 1 Jahr

Vorteil der operativen Frakturtherapie:


• eine feste Verbindung der Bruchteile entsteht, die eine frühfunktionelle und schmerzfreie
Übungsbehandlung ermöglicht

Totalendoprothetik (häufige Frakturtherapie bei älteren Menschen):


• Arthrose, Osteoporose und Frakturen sind meist die Ursachen
• ist eine konservative Therapie nicht mehr wirksam und operative Therapie wird gewählt
➔ Schmerzen und Bewegungseinschränkungen beeinflussen die Lebensqualität stark
• Vor allem sind Kniegelenke (Gonarthrose) und Hüftgelenke (Koxarthrose) betroffen
• OP-Methoden werden an die Veränderungen der Gelenke angepasst
• Teilersatz (Hemiendoprothesen) oder vollständiger Ersatz (Totalendoprothesen) des Gelenkes
ist möglich

Totalendoprothese (TEP):
• vollkommene Erneuerung des Gelenkes (Gelenkkopf und Gelenkpfanne)

Beispiel: Operation am Hüftgelenk


• Gelenkpfanne (Hüftknochen) und Gelenkkopf (Oberschenkel) werden ersetzt
• künstliches Hüftgelenk muss eine gute Gleitfähigkeit mit minimaler Reibung haben und ca. 10-
20 Jahre funktionieren
• künstlicher Gelenkkopf besteht aus Metallen, Gelenkpfanne aus Keramik

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• die Gelenkpfanne kann in den Hüftknochen eingeschraubt werden
• der Gelenkkopf wird mit seinem Schaft in den Oberschenkelknochen eingetrieben
• die Endoprothese kann auch zementiert werden, damit kann postoperativ der
Bewegungsapparat voll belastet werden

Postoperative Pflege:
• engmaschige Überwachung der Vitalfunktionen
• DMS-Kontrolle am OP-Tag
• Schmerzerhebung und Schmerztherapie (z.B. durch eine PCA-Pumpe = patient controlled
analgesia)
• Wundbeobachtung (Kontrolle der Wundnaht, Beurteilung des Wundgebiets, Kontrolle der
Redondrainage
• Beobachtung auf Komplikationen (akute Blutung, Luxation, Infektion der Prothese u.a.)
• Thrombose-, Pneumonie- und Dekubitusprophylaxe (Risiko ist hoch, da meist ältere Menschen
mit Begleiterkrankungen eine Endoprothese erhalten)
• Lagerung des operierten Bein in die Abduktion
Cave: Keine Innen- oder Außenrotationsbewegungen
• Frühmobilisation und Physiotherapie
• Erhöhte Sitzposition (Stuhl, Sessel, Toilette)
• Keine einseitige Belastung beim Tragen (Rucksack)
• Hilfsmittel: Unterarmgehhilfen, Rollator (das operierte Bein 3 Monate entlasten)
• Sturzprophylaxe
• Unterstützung bei der Selbstpflege und Anwendung der aktivierenden Pflege

Rehabilitation bei TEP:


• Rehabilitation nach einer endoprothetischen Operation ist eine wichtige pflegetherapeutische
Aufgabe sowie Beratungsinhalt für den Patienten/Klienten
• Ziel: Selbständigkeit und die schmerzfreie oder schmerzarme Beweglichkeit
• die Rehabilitation ist stationär, in einer Rehabilitationsklinik, oder ambulant, durch die
Physiotherapie in der Wohnumgebung, möglich
• der Betroffene kann mitentscheiden → Form der Rehabilitation ist von der Beweglichkeit und
der möglichen Selbstversorgung des Betroffenen abhängig
• der Betroffene wird über längere Zeit vom Orthopäden betreut, da häufig nicht nur ein Knie
oder Hüfte betroffenen ist
• Fehlbelastungen vor und nach der Operation belasten die nicht operierte Seite

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(5) Alterstraumatologie
• unfallchirurgische Subdisziplin, die sich im Besonderen mit der Therapie, Rehabilitation
und Prophylaxe von älteren Patienten befasst
• spezieller Therapieansatz für alte Menschen mit Frakturen oder Operationen am
Bewegungsapparat = Alterstraumatologie

Schwerpunkte der Alterstraumatologie:


• Operative Herausforderungen
• Anästhesieanforderungen
• Interdisziplinäre Zusammenarbeit (Internist, Pulmologe, Facharzt für Geriatrie,
Rheumatologe, Psychologe)
• Multimorbidität der Patienten → Nicht jeder ältere Patient ist ein geriatrischer Patient!!
• Nachbehandlung
• Sekundärprophylaxe

Demografische Entwicklung:
• 2006: über 65-jährigen → 41 % der Akutversorgungsfälle in deutschen KH aus (Statist.
Bundesamt)
• hüftgelenksnahe Femurfraktur ist die häufigste typische Altersfraktur
→ Inzidenz liegt bei 141 Frakturen pro 100 000 Personen (Saß et .al. 2010)
• 1/3 der Patienten kehrt nicht in das häusliche Umfeld zurück
• Direkte Kosten für das Gesundheitssystem: ca. 2,7 Mrd. Euro bei ca. 2,2 Mio.
Krankenhaustagen, ca. 20 Tage pro hüftgelenksnahe Fraktur

Therapeutisches Vorgehen:
• Ganzheitlicher Behandlungsansatz: Assessment, Checklisten zur Erhebung in allen
Fachbereichen
• Unfallchirurgie: OP-Technik sollte an der Vollbelastbarkeit unter Berücksichtigung des
osteoporotischen Knochens ausgerichtet sein
• Möglichst nur eine Operation
• Geriatrie: Verbesserung der Lebenssituation, Erhalt der Selbständigkeit, Wahrung von
Selbstbestimmung und Würde
• Pflege: aktivierende und therapeutische Pflege, Wiederherstellung der
Selbstpflegefähigkeit
• Physiotherapie: krankengymnastische Mobilisation, frühe Rehabilitation, Lymphdrainage,
Atemtraining, Koordinationstraining u.a.
• Ergotherapie: individuelle Handlungskompetenz im täglichen Leben wird angestrebt
• Logopädie: Schlucktraining, Sprech- und Sprachtherapie
• Sozialdienst:
➔ Einleitung von Rehabilitationsmaßnahmen (Kostenklärung)
➔ Beratung und Unterstützung bei Beantragung von Hilfen nach den
Pflegeversicherungsgesetz (SGB XI) oder Sozialgesetzbüchern V und XII (z.B.
Zuzahlungsbefreiung, Erhebung eines Pflegegrades, Hilfe zur Pflege)
➔ Beratung zum Schwerbehindertenrecht (SGB IX)
➔ Beratung zur Erstellung von Vorsorgevollmachten, Betreuungs- und Patientenverfügungen
u.a.

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Literatur
I care Pflege (2015), 2. Auflage Thieme Verlag.

Menche (Hrsg.) (2019), Pflege heute, Große Ausgabe, 7. Auflage, Elsevier Verlag.

Thiemes Pflege, Schewior-Popp, Sitzmann, Ullrich (2017), 13. Auflage, Thieme Verlag.

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