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Das Konzept der Funktionalen Gesundheit

Für eilige Leserinnen und Leser - kurz und bündig


Informationen für Eltern, Geschwister, Freunde, Bekannte, Beiständinnen und
Beistände der Menschen, die in der Stiftung Tannacker arbeiten und wohnen.

Das Konzept der Funktionalen Gesundheit


Die International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) ist eine Klassifikation der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Beschreibung des funktionalen Gesundheitszustandes, der
Behinderung, der sozialen Beeinträchtigung sowie der relevanten Umweltfaktoren von Menschen.
Da die WHO erkannte, dass Zusammenhänge zwischen Körper, Aktivität und Umwelt bestehen und
sich diese Faktoren gegenseitig beeinflussen, entwickelte sie das Modell der Funktionalen Gesund-
heit. Prof. Dr. Daniel Oberholzer ist es zu verdanken, dass das Konzept der Funktionalen Gesundheit
in Organisationen, die erwachsene Menschen mit einer Beeinträchtigung begleiten, als Instrument
zur Prozessgestaltung und zur Weiterentwicklung der Teilhabe einsetzbar ist.

Warum braucht es ein Konzept?


Erwachsene Menschen mit einem Hilfebedarf sind weder Kinder noch grundsätzlich krank! Ihr Hilfe-
bedarf begründet sich weder mit dem Alter noch mit dem gesundheitlichen Zustand. Die professio-
nellen Begleitpersonen sollen daher weder erziehen noch vorschnell helfen. Ihre Begleitung soll sich
vielmehr auf agogische Grundsätze abstützen. Mit dem Konzept der Funktionalen Gesundheit erhält
die Agogik die Bedeutung, die ihr in der professionellen Begleitung von Menschen mit einem
Hilfebedarf zusteht. Die beiden traditionellen Bereiche medizinische und pflegerische Begleitung
erhalten mit der Agogik ein drittes, gleichwertiges Standbein.

Das Ziel oder die gewünschte Wirkung – dabei sein, so wie andere auch
Wer in der Stiftung Tannacker lebt, soll möglichst kompetent und möglichst gesund an normali-
sierten Lebenssituationen teilhaben können. In den Lebenssituationen, in denen die Menschen mit
einer Beeinträchtigung einbezogen sind, also teilhaben, sollen und können sie mitwissen, mitent-
scheiden, mittun und miterleben. Damit das möglich wird, muss das Umfeld sich entsprechend
verhalten, muss ein Klima schaffen, in dem das Teilhaben, das Dabeisein gefördert und begünstigt
wird. Aber auch die Bewohnerinnen und Bewohner selber müssen durch eine stetige Entwicklung
ihren Teil dazu beitragen. Um diese Entwicklung zu ermöglichen, schenken wir elf Bereichen
besonders grosse Beachtung.
Verstehen, nicht urteilen
Mit dem Konzept der Funktionalen Gesundheit sind die Probleme, die nur durch eine Verhaltens-
änderung gelöst werden können, nicht einfach verschwunden. Zuerst erfassen wir die gesamte
Lebens- und Entwicklungssituation eines Menschen. Mit der Landkarte lassen sich zentrale Aspekte
der menschlichen Entwicklung und ihr Zusammenwirken abbilden und beschreiben. Landkarte
nennen wir sie, weil sich so eine aktuelle Lebens- und Entwicklungssituation wie auf einer Landkarte
ausbreiten lässt. Um dann im wahrsten Sinne des Wortes auf Entdeckungsreise zu gehen. Die Arbeit
mit der Landkarte eignet sich zum Analysieren, Ergründen und Beeinflussen von unerwünschtem
Verhalten oder Entwicklungen.

Kommunikation
Die professionellen Begleitpersonen der Stiftung Tannacker achten darauf, dass sie mehr mit als über
die Bewohnerinnen und Bewohner reden. Damit bekommt die Kommunikation eine noch grössere
und zentralere Bedeutung, als sie ohnehin schon immer hatte. Das Kommunizieren, in welcher Form
auch immer, ermöglicht einem Menschen, seinen Willen und seine Gefühle auszu-drücken und
mitzuteilen. Ist der Wortschatz genügend gross und die Sprache verständlich, gelingt dies auch. In
allen anderen Fällen wird eine Kommunikation, die aus verschiedenen Kommunika-tionsformen
besteht und damit die Abhängigkeit von einer Form verringert, angestrebt.

Das Recht auf ein möglichst normales Leben


Organisationen, die Menschen mit einer Beeinträchtigung Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten bieten,
sind seit der Entstehung so etwas wie Inseln. Diese weisen, im Vergleich zur Umgebung – für die
Stiftung Tannacker ist dies Moosseedorf oder Bäriswil –, etwas andere Regeln und Strukturen auf. Es
entwickelten sich im Laufe der Zeit Regeln, Strukturen und Traditionen, die bei der Entstehung Sinn
machten, diesen Sinnbezug jedoch möglicherweise verloren haben. Darum ist das Prinzip der
Normalisierung ein wichtiges Element des Konzepts. Es geht immer wieder darum, zu fragen, was für
Menschen (unter Berücksichtigung des Lebens- und Entwicklungsalters) in der näheren Umge-bung
normal ist.

Das Recht auf ein möglichst selbstbestimmtes Leben


In der UNO-Behindertenrechtskonvention ist das Recht auf selbstbestimmte Lebensführung in Artikel
19 festgeschrieben. Auch das Behindertenkonzept des Kantons Bern stellt dieses Recht nicht in Frage.
Personen und Organisationen, die sich für das Konzept der Funktionalen Gesundheit entschieden
haben, also auch die Stiftung Tannacker, unterstützen die Selbstbestimmung und
Eigenverantwortung der Menschen mit einer Beeinträchtigung. Damit ist auch gesagt, dass wer über
sein Leben, oder Teile davon, selber bestimmt, auch Verantwortung übernehmen muss. Auf dem
Weg in ein selbstbestimmteres Leben brauchen Menschen mit einer Beeinträchtigung Begleitung.

Aktivitäten
Aktivitäten sind von zentraler Bedeutung. Sie brauchen stets einen Ort, an dem sie durchgeführt
werden können. Möglichst kompetent bei möglichst normalisierten Lebenssituationen dabei zu sein,
setzt in den meisten Fällen Aktivitäten voraus. Diese können sehr unterschiedlich sein (vom
Einschalten eines Fernsehgerätes bis zur Teilnahme an einem Marathonlauf). Weil Aktivitäten von
grosser Bedeutung sind, müssen wir alles tun, um diese nicht zu verhindern, oder, noch besser, alles
dafür tun, um diese zu ermöglichen. Wer sich eine Aktivität zutraut, erhält von uns das Ver-trauen.
Wir suchen nach Lösungen, diese zu ermöglichen. Das kann durch Hilfe beim Üben oder auch durch
Anpassungen im Raum sein.
Räume - Ort der Aktivität und Teilhabe
Aktivitäten sind von zentraler Bedeutung. Sie brauchen stets einen Ort, wo sie durchgeführt werden
können. Diese Orte nennen wir Räume oder noch präziser Teilhaberäume. Dabei sind nicht nur die
Räume in Häusern gemeint. Auch andere Räume wie zum Beispiel der Teilhaberaum „Wald“. Es ist
nicht damit getan, Räume benutzen zu können. Entscheidend ist
- welche Aktivitäten Räume zulassen, zu welchen Aktivitäten sie die Bewohnerinnen und Bewohner
einladen;
- welches Wissen und welche Fähigkeiten für eine sinnvolle und kompetente Nutzung der Räume
wichtig sind;
- welche differenzierte und individuelle Hilfe zur Verfügung steht respektive durch die Professio-
nellen geleistet wird.

Gestaltung der Prozesse


Prozessgestaltung ist die zeitgemässe Form der früheren Förderplanung respektive Hilfe- oder
Entwicklungsplanung. Die Professionellen planten die Hilfe oft ohne Einbezug ihrer Schützlinge. Die
Prozessgestaltung in der Funktionalen Gesundheit wird, wenn immer möglich, mit den betreffen-den
Menschen mit Beeinträchtigungen geplant, realisiert, beurteilt und bewertet. Es geht um den Weg
von dem, was jetzt ist, zu dem, was einmal möglich sein soll. Der Weg wird so gewählt, dass er für die
betreffende Person genau der Richtige ist. Das Konzept der Funktionalen Gesundheit kennt zwei
Formen der Prozessgestaltung. Eine komplexe (grosse) so wie eine einfache, die sich auf die
Alltagsgestaltung bezieht.

Dokumentation als Dienstleistung – eine Vergangenheit haben


Die Dokumentation in der Arbeit mit dem Konzept der Funktionalen Gesundheit versteht sich
hauptsächlich als Dienstleistung. Es wird in erster Linie mit und vor allem für die betreffende Person
dokumentiert. Neben diesem teilhabeorientierten Aspekt ist die Dokumentation aber auch ein
wichtiges Informationsmittel in der Arbeit der professionellen Begleitpersonen. Die Dokumentation
muss demnach verschiedenen Ansprüchen gerecht werden. Aus diesem Grund wird sie sinnvoller-
weise in drei Teile aufgegliedert: biografische Bewusstheit, Abbildung der Hilfestellung und
professionsspezifische Informationen.

Agogik - die wichtigen Konzepte


Die Agogik erhält die Bedeutung, die ihr in der professionellen Begleitung von Menschen zusteht. Die
Konzepte der kooperativen Agogik, des Empowerments und des dreifachen Kompetenzbegriffs sind
zentral. Kooperation meint, dass verschiedene Personen gemeinsame Ziele verfolgen und sich im
gemeinsamen Handeln mit diesen Zielen und verschiedenen Standpunkten, Perspektiven und
Vorstellungen auseinandersetzen. Den Kern des Empowerment-Denkens bildet das unbedingte
Vertrauen in die Stärken und Potentiale eines jeden Menschen, Lebenssituationen in eigener Regie
produktiv gestalten zu können. Der dreifache Kompetenzbegriff unterscheidet raumbezogene,
personbezogene und hilfebezogene Kompetenzbereiche.

Helfen schon, aber differenziert


Menschen mit einer Beeinträchtigung sollen möglichst normal wohnen, ihre Freizeit gestalten und
arbeiten können. Die professionellen Begleitpersonen sollen nur die Hilfe leisten, die die Menschen
mit einem Hilfebedarf auch tatsächlich brauchen. Es liegt auf der Hand, dass dieser Hilfebedarf bei
jedem Menschen verschieden ist. Darum ist es sehr wichtig, dass je nach Situation und je nach
Bewohnerin oder Bewohner von Kulturvermittlung (Mediation) über Beratung, Begleitung,
Betreuung bis zur Fürsorge alle Stufen der professionellen Dienstleistungen erbracht werden
können. Als professionelle Begleitperson ist es wichtig, zu erkennen, welche Art der Dienstleistung
der Situation am ehesten gerecht wird.

Wertschätzung und Anerkennung, das bedeutet auch Rechte und Pflichten


Im Rahmen des Konzeptes der Funktionalen Gesundheit, also in der Begleitung von Menschen mit
einer Beeinträchtigung, wird der Wert der Anerkennung und Wertschätzung bewusst wahrge-
nommen. Damit ist nicht gesagt, dass Menschen mit einem Hilfebedarf zuvor keine Wertschätzung
erfahren haben. Es geht aber darum, die Wertschätzung als Wert in der menschlichen Entwicklung
zu erkennen und auch einzusetzen. Wir dürfen davon ausgehen, dass eine Wechselwirkung zwischen
Wertschätzung und Selbstwert besteht. Wenn wir diesen Faden weiterspinnen, so stellen wir fest,
dass Selbstwert, wenn er nicht narzisstische Formen annimmt, die Entwicklung eines Menschen
unterstützt.

Die gemeinsame Haltung der professionellen Begleitpersonen


Das Konzept der Funktionalen Gesundheit schafft und bedingt eine gemeinsame Haltung der Pro-
fessionellen. Diese Haltung ist das wichtigste Element für eine gelingende Umsetzung des Konzepts.
Ist diese einmal entstanden, so wird vieles einfacher und zum Teil auch selbstverständlich. Für das
Umfeld der Bewohnerinnen und Bewohner ist die Frage, an was diese gemeinsame Haltung der
Professionellen zu erkennen ist, von Bedeutung. Nur wer die Antwort auf diese Frage kennt, kann
beurteilen, ob diese Haltung in der Stiftung Tannacker tatsächlich entstanden ist. Wenn die nach-
folgenden, mit einem gekennzeichneten Punkte beachtet und gelebt werden, ist gemeinsame
Haltung tatsächlich vorhanden.

 Die Menschen mit einer Beeinträchtigung sollen nicht geheilt werden. Sie sind nicht krank, sie
sind anders.
 Sie sollen die Möglichkeit haben, sich zu entwickeln.
 Ihre Lebens- wie auch das Entwicklungsalter werden berücksichtigt.
 Willensäusserungen werden ernst genommen.
 Es wird mehr mit ihnen, als über sie gesprochen.
 Die Kommunikation ist wichtig.
 Rechte und Pflichten sind selbstverständlich.
 Sie wohnen und leben in der Stiftung Tannacker, nicht die Professionellen.
 Die privaten Räume werden als solche geachtet.
 Wertschätzung ist nicht nur ein Wort, sie wird gelebt.
 Selbstbestimmung und Eigenverantwortung werden unterstützt.
 Es wird Wert auf gemeinsames Tun gelegt.
 Die agogischen Dienstleistungen sind nicht an Beziehungen gebunden.
 Agogik ist somit nicht in erster Linie Beziehungsarbeit. Agogik ist Aktivitätsarbeit, in der Aktivität
entsteht die Beziehung zwischen den Menschen mit einer Beeinträchtigung und den Professio-
nellen.
 Die Professionellen sind nicht zuständig für die Aktivität, sondern für die Hilfe, die es braucht,
damit die Aktivität für Menschen mit einer Beeinträchtigung möglich wird.
 Nicht der Mensch mit einer Beeinträchtigung wird „normalisiert“, sondern die Umgebung so
gestaltet, dass er ein möglichst normales Leben führen kann.

Moosseedorf, im April 2014