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BESONDERHEITEN FILMISCHEN ERZÄHLENS

BILDSPRACHE
In HOMEVIDEO spielen die Beziehungen Dabei bestimmt ein Regisseur, was der Der Regisseur legt aber auch fest, wie der
zwischen den Charakteren eine wichtige Zuschauer sieht, indem er den auf den Bil- Zuschauer das Gezeigte sieht, beispielsweise
Rolle. Dazu gehören zum Beispiel die Bezie- dern sichtbaren Raum mit Dekoration und durch Kamerabewegungen, die Veränderung
hungen von Jakob zu seiner Mutter und zu Requisiten ausstattet und die Anordnung der Fokussierung, verschiedene Kamerapers-
seinem Vater, die (zerrüttete) Beziehung sei- von Personen und Gegenständen gestaltet. pektiven und Einstellungsgrößen.
ner Eltern, Jakobs Beziehung zu Hannah, zu
seinen Freunden, Mitschülern und Lehrern.
In Beziehungen sind die Gedanken und
Gefühle, die Menschen sich und anderen
gegenüber haben, von großer Bedeutung.
Allerdings sind Gedanken und Gefüh-
le unsichtbar und ein Regisseur kann die
Zuschauer nicht einfach in den Kopf oder
das Herz einer Person schauen lassen.
Um in einem Film zu zeigen, was sich zwi-
schen Menschen abspielt, hat ein Regisseur
verschiedene Möglichkeiten: Zum einen
kann er die Personen in Dialogen oder
Monologen sprechen lassen, damit sie
sagen, was in ihnen vorgeht. Zum anderen
kann er Situationen und Bilder finden, mit
denen er Gedanken und Gefühle sichtbar
macht. Oft werden beide Varianten mitein-
ander kombiniert. Weil ein Film ein visuelles
Medium ist, steht aber die Vermittlung durch
Bilder im Vordergrund.

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Motive
In Geschichten und Filmen nennt man Bilder selbst in gewisser Weise wie einer fremden Abbild der Wirklichkeit erzeugt, die Wirklich-
oder Gegenstände, die besonders auffällig Person. Weil man mit einem Spiegel nicht in keit aber nie völlig erfasst, sondern immer
sind, weil sie im Verlauf immer wieder auf- das Innere blicken kann, kann es passieren, nur einen ganz bestimmten Ausschnitt von
tauchen, ein Motiv. Oft haben Motive eine dass das Bild, das man von sich im Spiegel ihr zeigt.
symbolische Bedeutung, sie stehen also stell- sieht, nicht mit der eigenen inneren Wahr-
vertretend für etwas, das sonst nur schwer nehmung übereinstimmt, so dass man sich Aus der symbolischen Bedeutung, die
gezeigt werden kann. Ein wichtiges Motiv im selbst fremd vorkommt. Das Abbild, das ein Spiegeln zugeschrieben wird, haben sich
Film HOMEVIDEO sind Spiegel und Spiege- Spiegel produziert, wird zusätzlich verzerrt, verschiedene Redewendungen entwickelt.
lungen unterschiedlichster Art. indem er alle Gegenstände seitenverkehrt So gelten die Augen einer Person vielen
zeigt. Menschen als „Spiegel der Seele“; man kann
„jemanden den Spiegel vorhalten“, um ihm zu
Ein besonderes Motiv – Spiegel und zeigen, wie gut oder schlecht er sich gerade
Spiegelungen verhält; jemand, der große Reden schwingt,
aber eigentlich nichts tut, vollzieht „Spie-
Ein Spiegel ist eine reflektierende Fläche, die gelfechterei“; wenn man „hinter den Spiegel
das Licht nach dem Prinzip von Einfallswin- blickt“, schaut man hinter die Oberfläche
kel gleich Ausfallswinkel zurückwirft, so dass einer Sache oder Person; und wenn man
ein Abbild entstehen kann. Wasseroberflä- sich eine Sache „hinter den Spiegel(rahmen)
chen sind ein Beispiel für natürliche Spiegel. steckt“, ist diese Sache für einen persönlich
Künstliche Spiegel sind schon seit dem Alter- so wichtig, dass man sie sich als wichtiges
tum bekannt. Erlebnis oder als besondere eigene Leistung
Spiegel kommen dem natürlichen Bedürfnis immer wieder ins Gedächtnis rufen möchte.
von Menschen entgegen, sich ein Bild von
sich selbst machen zu wollen. In einem Spie-
gel kann man sich selbst von außen betrach- Symbolisch kann ein Spiegel für Schönheit
ten und sich so sehen, wie einen die anderen und Arroganz, aber auch für Erkenntnis,
sehen. Man kann zum Beispiel sein Aussehen Wahrheit und Weisheit stehen. Früher glaub-
überprüfen oder schauen, wie man in einer te man, dass ein Spiegel die Seele eines Men-
bestimmten Umgebung wirkt. Durch einen schen gefangen nehmen könnte. Interessant
Blick in den Spiegel begegnet man sich ist der Gedanke, dass ein Spiegel zwar ein

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DER SPIEGEL ALS MOTIV
Der Spiegel ist ein wiederkehrendes Motiv in
HOMEVIDEO. Aber warum ist das so? Welche
wichtigen Themen aus HOMEVIDEO lassen
sich besonders gut mit Spiegeln zeigen?

ÎÎ Trage zunächst wichtige Eigenschaften


und Bedeutungen von Spiegeln aus
dem Einführungstext (vorherige Seiten)
zusammen. Schreibe jeden Begriff in ein
eigenes Notizkärtchen.

ÎÎ Rechts liegen Kärtchen mit Themen, die


in HOMEVIDEO eine Rolle spielen. Wäh-
le daraus fünf Themen aus, von denen
du glaubst, dass sie sich gut mit Hilfe
von Spiegeln zeigen lassen. Sortiere sie
auf der Skala nach ihrer Bedeutung für
die Geschichte (wichtig-unwichtig).

ÎÎ Ordne den fünf Themen die Eigenschaf-


ten und Bedeutungen von Spiegeln zu.
Manche Begriffe brauchst du vielleicht
mehrfach, lege deshalb je nach Bedarf
weitere Notizkärtchen an.

ÎÎ Vergleicht eure Ergebnisse in der Klas-


se und überlegt, an welchen Stellen im
Film überall Spiegel oder Spiegelungen
vorkommen und welche Bedeutung
sie haben könnten. Beispiele findet ihr
im interaktiven PDF „Jakobs Welt – real
oder medial“ und auf der folgenden
Seite.

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DER SPIEGEL ALS MITTEL


DER BILDSPRACHE
Die Spiegel gehören zur Dekoration des
Films HOMEVIDEO und sind Teil seiner Bild-
sprache. Ihre konkrete Bedeutung lässt sich
erst im Zusammenspiel mit der Handlung
klären.

ÎÎ Sieh dir die Filmausschnitte an und ach-


te dabei besonders auf den Einsatz der
Spiegel. Pausiere die Filmausschnitte an
einem Standbild, in dem der Spiegel zu
einem auffälligen Requisit wird.
◼◼ TIPP

ÎÎ Schreibe für jedes Bild die Namen der


beteiligten Personen in Notizkärtchen
und zwar so oft, wie sie im Bild zu sehen
sind. Bilde dann mithilfe der Notizkärt-
chen und der Spiegel die Anordnung
von Personen und Spiegeln für jeden
Ausschnitt schematisch nach. Du kannst
die Notizkärtchen und die Spiegel in
der Größe verändern, um noch genauer
zu arbeiten.

ÎÎ Stelle Vermutungen darüber an, wie die


Spiegel dabei helfen, die Beziehungen,
Gefühle und Gedanken der Personen
abzubilden.

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BILDSPRACHE – BUCH
UND FILM
Nicht nur in Filmen, auch in geschriebenen Sein Vater sagte: »Man schickt eine SMS und mehr ignorieren, dass seine Frau am Ende des
Texten wird mit Bildern gearbeitet. Wäh- dann kann man machen, was man will, ja?! Sprungbretts stand. Auf den Zehen balancie-
rend Filme die Bilder direkt zeigen können, Ohne Rücksicht auf Verluste? Das kotzt mich rend hatte sie in den letzten Monaten so lange
beschreiben Bücher ihre Bilder mit Worten. an!« gewippt, bis das Brett nun aus eigener Kraft
Seine Mutter sagte: »Ich hatte Wein getrun- schwang. Bald musste sie abspringen oder
ÎÎ Vergleiche die Filmausschnitte mit den ken, ich konnte nicht mehr fahren.« sie würde die Balance verlieren und stürzen.
zugehörigen Textstellen aus dem Buch. In beiden Fällen wäre sie weg. Selbst wenn sie
Wo gibt es Gemeinsamkeiten, wo Unter- Er sagte: »Du hast hier immer noch eine Fami-
gewollt hätte, hätte sie das Sprungbrett nicht
schiede? Nutze die Marker-Funktion des lie, wenn ich dich daran erinnern darf!«
mehr stoppen können.
Adobe Reader® um wesentliche Text- Sie sagte: »Nein, das darfst du nicht! Wer küm-
Aber sie wollte gar nicht. Das war es, was sei-
stellen direkt hervorzuheben. Gemein- mert sich denn hier um alles?! Ich krieg hier
nen Vater so aufwühlte.
samkeiten können gelb, Unterschiede keine Luft mehr!«
grün markiert werden. »Lass dieses Gebrülle vor den Kindern!«, brüllte
Er sagte: »Dann macht man das Fenster auf,
Was wurde im Film bzw. im Buch aus- er und flüchtete mit Jakob ins Bad.
aber man reißt nicht gleich das ganze Haus
gelassen oder ergänzt? Was meinst du: ab!« Dort schwenkte er die Hand vor seinen wässri-
Zeigen die Bildausschnitte alles, was im gen Augen und presste tonlos ein »Die spinnt«
Sie sagte ruhig: »Du willst es nicht verstehen.
Buch beschrieben wird, oder erzählen heraus.
Ich kann nicht mehr ...«
die bewegten Bilder vielleicht sogar Sein Vater verwechselte manchmal etwas. Er
mehr? Jakob schlich mit seinen Kopfhörern auf den
schwieg, wenn er glücklich war, und er schrie,
◼◼ TIPP Ohren aus seinem Zimmer und schob sich im
wenn er traurig war. Das hatte Jakob lan-
schmalen Schlauchflur an ihnen vorbei Rich-
Am Morgen ge Zeit verwirrt. Mittlerweile wusste er, wie
tung Bad. Eine Minute hätte er noch warten
er darauf zu reagieren hatte. Gar nicht. Das
sollen. Denn nun sah er seinen Vater, wie er
Gesicht auf neutral stellen, in Gleichgültigkeit
ihn nicht sehen wollte. Immer noch in Unter-
abdriften und unsichtbar werden. Das konnte
hosen und mit seiner dunkelblauen Uniform-
er inzwischen gut.
hose in der Hand, ein kräftiger, durchtrai-
nierter Mann, dessen Augenlider verdächtig Er erwiderte den Blick seines Vaters im Spiegel
zitterten. kurz, spuckte die Zahnpasta ins Waschbecken
und ging hinaus.
Als Kind hatte Jakob geglaubt, Polizisten
fürchteten sich vor nichts und hätten alles »Nicht mal ein Guten Morgen kriegt er raus.
im Griff. Aber jetzt wusste er es besser. Sogar Das ist doch nicht auszuhalten. Das ist Psy-
sein unerschütterlicher Vater konnte nicht choterror«, schimpfte seine Mutter im Flur

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immer noch vor sich hin. »Was ›ah‹?« »Was ist das für eine Party hier, warum stehen
Sie drückte ihrem Großen Amelie in die Arme. »Nichts. München. Auch schick.« da Bierflaschen auf dem Tisch?!«, wandte er
sich an Jakob.
»Kannst du mal bitte, Jakob. Ich muss mich »Hab den aber auf Malta kennengelernt.«
fertig machen.« Der schwieg.
»Verstehe. Jetsetmäßig.«
Ihre Stimme klang erstickt. Sie sah ihm nicht »Wir haben gerade ein Feierabendgetränk zu
»Genau. Hab da Sprachferien gemacht. Wir
in die Augen und eilte in die Küche. uns genommen«, erklärte Henry beschwichti-
waren zwei Jahre zusammen.«
gend.
Jakobs kleine Schwester wimmerte. Hannah war näher getreten. Jakob musterte
»Hä? Wer bist du?«
(HOMEVIDEO, S.14–16) sie im Spiegel, wie sie ihren Exfreund betrach-
tete, der immer noch in ihrem Zimmer hauste. Der Messdiener sprang auf und streckte ihm
Bei Hannah die Hand entgegen. »Henry. Freut mich.«
Er tat so, als wollte er sich gegen die Kommo-
de lehnen und schob sich in ihr Blickfeld. Doch die Hand blieb in der Luft hängen. Claas
»Und habt ihr euch wenigstens einmal gese- war kein höflicher Mensch. Er wandte sich
hen in den zwei Jahren?« Sein Lächeln war wieder an Jakob.
übertrieben. »Wieso verteilst du mein Bier hier? Was soll
Außer dem Partyfoto schenkte Hannah ihm das?!«
nichts. Sie wandte sich ab und ging ein paar Jakob hasste es, wenn sein Vater sich an Klei-
Schritte auf Distanz. nigkeiten festbiss, weil ihm irgendeine Laus
»Nö. Öfter. Und wir haben telefoniert. Und uns über die Leber gelaufen war. Es ging hier um
regelmäßig geschrieben.« mehr. Alles war durcheinander geraten. Er
wusste nicht, wem er zuerst das Maul stopfen
(HOMEVIDEO, S. 57–58)
Über einer Kommode hing ein Spiegel, an wollte, der falschen Kröte, dem verstummten
dessen Rahmen allerlei Notizzettel, Postkarten Unliebsamer Besuch Mitläufer oder seinem Vater, der ein Gespür
und Kinotickets klemmten. Auch das kleine dafür hatte, wenn etwas nicht stimmte, aber
Portrait aus einem Fotofixautomaten entging leider keine Worte.
ihm nicht. »Die haben sich selbst bedient«, nuschelte
»Und wer ist der da?« Jakob deshalb einfach nur.
»Mein Exfreund.« »Was? Red mal lauter! Was haben die
»Kenn ich gar nicht, den Typen.« gemacht?« Claas beugte sich dicht an ihn
heran, die Verhörtaktik eines Kommissars, der
»Kannst du auch nicht. Der kommt aus Mün-
nicht genügend Beweise hatte.
chen.«
(HOMEVIDEO, S. 96–97)
»Ah.«

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