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Die Puszta bebte

Warum alle Welt die ungarische Pressefreiheit in Gefahr glaubt


von Sven Matis, Januar 2010

Die rechtskonservative Regierung Ungarns hat mit dem 1. Januar das Zepter der
Ratspräsidentschaft übernommen und – so scheint es – auch die Schere der Zensur.
Befürchtungen zufolge „kontrolliert“ fortan eine unheimliche Behörde Fernseh- und
Radiosender, Gedrucktes und Gebloggtes. Die Aufregung ist übertrieben, der
Flurschaden für das Land hingegen enorm.

Manche sahen den Ministerpräsidenten Viktor Orbán „im Rausch der Macht“, rückten
ihn in die Nähe von Diktatoren, andere wähnten gar Ungarn auf dem „Marsch in den
Führerstaat“. Journalisten sowie linksliberale Politiker und Publizisten starteten ein
Tremolo der Kritik an dem neuen Mediengesetz. So groß der Wirbel zum
Jahreswechsel war, so groß war auch das Unverständnis für die Neuregelung der
Medienaufsicht.

Worum geht es?


Das neue Mediengesetz ordnet den öffentlich-rechtlichen Rundfunk neu und
institutionalisiert die Aufsicht über den Kommunikationsmarkt sowie über bestimmte
Inhalte aller Medien. Es erstreckt sich auf TV, Radio, Druck- und Online-Presse, aber
nicht auf Blogs, private Webseiten oder Videoportale.
Bereits im ersten Gesetzesentwurf hieß es, „nur eine starke Behörde ist dazu in der
Lage, die Regeln eines sauberen Wettbewerbs, auf dem sich nach der digitalen
Umstellung erweiternden Markt durchzusetzen“. Dieser Entwurf stammt aus dem
November 2008 – und damit aus der Feder der sozialistischen Regierung von Ferenc
Gyurcsány. Die neue „Nationale Medien- und Infokommunikationsbehörde“ ist kein
Solitär in Europa. In Großbritannien, Italien und Finnland finden sich Pendants.
Die NMHH arbeitet laut Statut als „eine von anderen Behörden unabhängige
Einrichtung“, sie ist allerdings dem Parlament rechenschaftspflichtig. Die erste
Leiterin der NMHH, Annamária Szalai, wurde vom Ministerpräsidenten ernannt. Sie
steht zwar der FIDESZ nahe, hat bereits 2007 in einem überparteilichen Gremium
die Grundlinien des Gesetzes erarbeitet – im Auftrag der damals regierenden
Sozialisten. Szalai steht der Behörde wie auch dem Kontrollgremium (Medienrat) vor.
Die vier Mitglieder des Medienrats sind nicht wie vielfach berichtet von „der
Regierung ernannt“. Die Medienfachleute werden jeweils vom Parlament für neun
Jahre gewählt.
Auf den ersten Blick gebärdet sich diese Behörde als „Staat im Staate“. Sie kann
Verordnungen selbstständig erlassen, deren Einhaltung überwachen und
drakonische Strafen aussprechen. Dennoch hebelt sie die „check and balances“
nicht aus. Gegen Strafen kann an den Verwaltungsgerichten eine Überprüfung
beantragt werden. Die Gerichte entscheiden dann binnen einer kurzen 30-Tage-Frist.

Was ist „ausgewogen“?


Auch diverse „Gummiparagraphen“ werden angeprangert. Künftig sollen laut Gesetz
Medien eine „ausgewogene Berichterstattung“ bieten. Ungarische Journalisten
fürchten daher, die Regierung werde künftig „Listen veröffentlichen, was heute
wichtig ist“. Drei Punkte relativieren dieses Untergangsszenario.
Erstens: Der ungarischen Medienlandschaft nichts mehr zu wünschen als
„Ausgewogenheit“. Gerade der Tageszeitungsmarkt beweist sich durch „politisch
zuverlässige“ Berichterstattung: die Blätter „Magyar Nemzet“ (Ungarische Nation)
und „Magyar Hírlap“ (Ungarisches Nachrichtenblatt) stehen Fidesz nahe,
„Népszabadság“ (Volksfreiheit) und „Népszava“ (Volksstimme) eher den Sozialisten.
Beim Fernsehen dominiert „RTL Klub“ der Bertelsmann Gruppe, die öffentlich-
rechtlichen Sender MTV 1, MTV 2 und Duna TV fristen bei zehn Prozent ein
Nischendasein, sie sind zudem hochverschuldet und hängen von staatlichen
Zuschüssen ab.
Zweitens: „Inhaltliche Ausgewogenheit in der Berichterstattung“ ist seit den 1960er
Jahren in Deutschland höchst gerichtlich festgeschrieben. In den 1980er Jahren hat
das Bundesverfassungsgericht nochmals präsiziert, dass „ein Mindestmaß an
inhaltlicher Ausgewogenheit, Sachlichkeit“ zu gewährleisten ist. Das Recht der freien
Meinungsäußerung findet seine Grenzen in allgemeinen Straftatbeständen wie
Beleidigung, übler Nachrede und Landesverrat. Genau das schreibt das neue
ungarische Mediengesetz fest.
Und drittens: Die Abwägung darüber, wann Journalisten ihre Quellen offenzulegen
haben, weil die Information beispielsweise die „nationale Sicherheit“ gefährden,
übernehmen die Gerichte. Somit liegt hier „keine Verschärfung“, sondern vielmehr
eine „Klarstellung“ in Verbindung mit „größerer Rechtssicherheit“ vor, wie der
Budapester Think-Tank Nézöpont urteilt.

Was ging schief?

Wenn aber, wie Orbán stets beteuert, dass alle Passagen aus dem Gesetz
europäischen Standards entsprechen, woher rührt das mediale Erdbeben? Ursache
sind die tektonischen Verschiebungen der ungarischen Parteienlandschaft. Durch die
„Revolution in den Wahlkabinen“ (Orbán), die den Konservativen eine satte Zwei-
Drittel-Mehrheit einbrachte, können die Jungdemokraten seit April 2010 das Land im
Eiltempo umgestalten. Das Fehlen einer vernehmbaren Opposition sorgte
europaweit für Unverständnis und Unbehagen. Somit rieben sich die zwei
tektonisches Platten – machtvolle Regierung und besorgtes Ausland – so lange
aneinander bis das Mediengesetz für einen Ausbruch sorgte.

Woher kommt das Beben?

Warum das Beben zum Jahreswechsel vorprogrammiert war, lässt sich mittels der
Kommunikationswissenschaft erklären. Sie kennt den Begriff des Nachrichtenwerts,
der vier Kriterien für mediale Aufmerksamkeit nennt: Nähe, Prominenz,
Überraschung und Konflikt. All diese Punkte erfüllte Ungarn: Die anstehende
Ratspräsidentschaft setzte das Land auf die Agenda der Journalisten, der europaweit
einzigartige Stimmenvorsprung verwunderte weite Teile der Bevölkerung und das
Gesetz wurde von kritischen Medien als Frontalangriff auf ihre Selbstständigkeit
gewertet.

Offenbar mangelt es der ungarischen Regierung an Seismographen. Es fehlt die


Einsicht in Grundsätze der öffentlichen Meinungsbildung. Ende Dezember waren
viele Journalisten gezwungen, tagesaktuell über etwas zu berichten, was sie weder
en detail noch en gros kannten: Das Gesetz wurde erst zwei Wochen nach
Verabschiedung übersetzt; es wurde versäumt, die zentralen Punkte leicht
verständlich und komprimiert aufzubereiten oder Journalisten in
Hintergrundgespräche zu briefen. So entstand der Eindruck von Intransparenz, was
wiederum Angriffsfläche für Kritik bot. Verstärkt wurde die mediale Ablehnung durch
einen Eiertanz des Ministerpräsidenten nach Verabschiedung des Gesetzes.
Zunächst verteidigte er es vehement, wies alle Kritik zurück, um dann doch
gewunden eine Überprüfung einzugestehen.

Ein Ausweg
Eine Rahmenerzählung hätte einen Ausweg bedeutet. Diese hätte sich an Fragen
abarbeiten müssen, wie: Warum braucht Ungarn dieses Gesetz, warum machen wir
uns jetzt dafür stark? Gerade der Diskurs dieses Vorhabens mit den Betroffenen
(eben den Journalisten) hätte geholfen, den Imageschaden zu verhindern. Dieser
hätte die Chance geboten für eine inhaltliche Auseinandersetzung oder zumindest für
Kulissenmalerei.

Journalisten fühlen sich zur Darstellung der Realität verpflichtet. Sie sammeln Fakten
und berichten darüber. Daher gilt: Wer nicht über sich spricht, lässt andere für sich
sprechen.