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Margitta Buchert

Landschaftsentwürfe in
der Architektur von SANAA

Ausgehend von der Betrachtung ausgewählter realisierter Projekte von


SANAA in Europa mit ihren unterschiedlichen Eigenschaften und Wirk-
qualitäten versuchen die folgenden Ausführungen, Spannweiten der Be-
rührung und Wechselwirkung von Architektur und Landschaftsarchitek-
tur aufzuzeigen. In der ästhetischen Theorie und Praxis von Kazuyo Sejima
und Ryue Nishizawa, die seit 1995 als SANAA zusammenarbeiten, spielen
Landschaft als anzuschauendes Bild und Landschaft als multimodal durch
die Bewegung in Raum und Zeit zu erlebendes Phänomen eine wichtige
Rolle. Ein weiteres wichtiges Motiv ist die „Landschaftlichkeit“, das als ein
Ideal für unterschiedliche Vorstellungsfelder und Ausdrucksintentionen
verstanden werden kann, die mit spezifischen Gestaltungen der Relatio-
nen von Innen und Außen sowie der sequentiellen Raumstrukturierung
und der Qualitäten von Materialität und Immaterialität verbunden sind.
Da zudem Antizipationen der Aneignung, des Erlebens und der mensch-
lichen Begegnung Konstanten in den Entwurfsprozessen dieser Architek-
turschaffenden bilden sowie Kooperationen mit Landschaftsarchitekten zu
finden sind, können Wechselwirkungen von Landschaftskonzeption und
baulich-räumlicher Interpretation in Entwürfen und in der physischen
Präsenz architektonischer Projekte und Freiräume beschrieben werden,
die Schnittstellen und Übergänge von Architektur und Landschaftsarchi-
tektur in unterschiedlicher Weise erkennen lassen und zudem die Ver-
ständnisebenen des Phänomens „Landschaft“ als relative Konstante in der
existentiellen und kulturellen Umwelterfahrung des Menschen erweitern.

Objekt und Ort

Eine naheliegende Variante der Relationen von Architektur und Land-


schaft und im Weiteren von Architektur und Landschaftsarchitektur findet
sich in der deutlichen Unterscheidung von Baukörper und Freiraum, von
umbautem Architekturraum und größerem Landschaftraum. Das erste in
Europa vollendete Projekt des japanischen Architekturbüros, der am süd-
östlichen Rand der UNESCO -Weltkulturerbestätte Zeche Zollverein in

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Essen gelegene, monumental wirkende Kubus, bildet auf den ersten Blick
ein typisches Beispiel dafür (Abb. 1). Als Solitär hebt sich die Architek-
tur wie ein Objekt markant von der Umgebung ab. Verbindung kann hier
gleichwohl als Ortsbezug wahrgenommen werden, der sich in der visuellen
Verknüpfung von Innenraum und Außenraum zeigt. 1 Wie vom Auftragge-
ber gewünscht und im Masterplan des niederländischen Architekturbüros
OMA (Rem Koolhaas) vorgesehen, bildet das Gebäude mit seiner monoli-
thischen Gestalt einen Attraktor an diesem Ort. 2 Dem vielfältigen Kontext
des historisch Gewachsenen aus irregulären natur- und baulich-räumli-
Abb. 1 Zollverein School of Management,
Außenansicht chen Strukturen der brachgefallenen industriellen Ruhrgebietslandschaft
und der städtischen Peripherie wird durch die Prägnanz des rundum frei-
1 Vgl. Buchert 2006; Dies.: 2013 a. gestellten Kubus eine gewisse Ordnung verliehen und eine zeitgenössische
2 Vgl. Alkemade 2006. Markierung hinzufügt.

Gleichwohl gibt es Anklänge an den Standort. Zur baulichen Erscheinung


der nahegelegenen Zeche Zollverein mit dem Industriebauensemble
Schacht XII, das 1928 bis 1932 von Fritz Schupp und Martin Kremmer
mit handwerklicher Präzision in geometrisch abstrakten Bauköperformu-
lierungen und symmetrischen, zum Teil zu monumentaler Größe gestaf-
felten Quadern in Backstein, Stahl und Glas erbaut wurde, korrespondiert
3 Zur Baugeschichte der Zeche und den der neuere Sichtbetonkubus mit seiner geometrischen Klarheit und Abs-
Bauten von Schacht XII vgl. Krau 2002;
Pehnt 2009: 64. traktion. 3 In seiner Höhe nimmt er zudem Bezug zum großen Riegel der
ehemaligen Kohlenwäsche. Der umbaute Architekturraum wird so in ei-
nem größeren Areal verortet. Im unmittelbaren Umfeld überragt der Ku-
bus alles, insbesondere die recht kleinteilige und heterogene Bebauung der
angrenzenden suburbanen Wohngebiete und Infrastrukturen. Mit ihnen
scheint er lediglich eine gewisse Schlichtheit gemein zu haben. Auf allen
Seiten wird das 2006 als Zollverein School of Management vollendete Ge-
bäude umfasst von einer nicht greifbaren Schicht aus Freiraumvolumen
über grasbewachsenen Flächen. Eine landschaftsarchitektonisch gestalte-
te Kontextualisierung fehlt fast vollständig, wodurch die objekthafte So-
litärwirkung der Architektur zusätzlich bestärkt wird. Es sind die Art der
Ausbildung und die Konfiguration der Öffnungen, die der Relation von
Architektur und Umgebung eine Spezifik verleihen ( Abb. 2 und 3 ). Unter-
schiedlich große quadratische Öffnungen, die wie zufällig gesetzt zu sein
scheinen, aber zu den Ecken hin dichtere Konfigurationen bilden, eröff-
nen beim Umrunden des Gebäudes nicht nur Einblicke in die in einigen
Bereichen weit zugeschnittenen Räume mit mehrgeschossigen Raumhö-
hen und übereinanderliegenden Öffnungen. Einige leiten die Blicke auch
von außen horizontal und diagonal über die Raumtiefe durch das Gebäu-
de hindurch zur Umgebung und bis zu den Wolken des Himmels. Beim
Eintreten durch den gestisch kaum hervorgehobenen Haupteingang wird
unmittelbar ein erstaunlich hoher, fast vollständig stützenloser Raum er-
fahrbar: Die sehr großen über- und nebeneinander angeordneten alumi-
Abb. 2 Zollverein School of Management,
Sichtbezüge zur Gesamtanlage niumgerahmten, festverglasten Öffnungen in unterschiedlichen Formaten

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und Höhenniveaus bilden entsprechend der Jahres- und Tageszeiten im
Innern variierende Licht-und Schattenbereiche. Sie vor allem modulieren
Raumwirkungen in dem hallenartigen Raum des unteren Geschosses, der
lediglich durch ein von einem Glaskubus umgebenes Auditorium und drei
Kernen leicht strukturiert wird. Die Raumwirkungen ändern sich graduell
in den vier Geschossen durch verschiedene Raumhöhen, Helligkeitsgrade
oder etwa das eher dichte Heranrücken von Baumkronen oder die Wei-
te des Horizonts, die durch die ebenfalls leicht anderen Konfigurationen
der Wandöffnungen dargeboten werden. Auch im rundum geführten Er-
schließungsgang im vierten Obergeschoss mit verglasten Arbeitsräumen
Abb. 3 Zollverein School of Management,
unterschiedlicher Größe und Eigenschaft um mehrere innenliegende qua- Innenraum

dratische Patios öffnen sich Blicke in die Umgebung. Über die kleinen Pa-
tios wird dort zudem das nicht (mehr) betretbare Dachterrassengeschoss
wahrnehmbar, das von teils geschlossenen, teils offenen Wand- und De-
ckenscheiben umfasst wird, die über rechteckigen Öffnungen Aussichten
zum Himmel und in die unterschiedlichen Richtungen ermöglichen.

Bündig an der Innenseite der Wände gelegen, rahmen die großen quadra-
tischen Öffnungen mit eineinhalb bis zu drei Metern Kantenlänge in den
Innenräumen die Umgebung, zeigen Ansichten der Bäume und Pflanzen,
der Industrielandschaft und der Himmelsformationen in verschiedenen
Graden von Nähe und Ferne. Malerischen Landschaftsbildern vergleich-
bar können Besonderheiten des Standortes, seiner Vegetation, seiner Ar-
chitektur- und Ingenieurbaugeschichte und der Alltagsarchitekturen und
-räume um das Zechengelände herum erfahren werden. Der über eine
fenstergroße Wandöffnung in die Umgebung gelenkte Blick ist ein bekann-
ter Topos der Architektur, der sich beispielsweise in dem 1436 bis 1472 er-
bauten Palazzo Ducale in der italienischen Stadt Urbino ebenso findet wie
in der Villa Savoye und anderen Bauten von Le Corbusier aus den 1920er-
4 Zu Urbino vgl. Blum 2015: 178 – 190;
und 1930er- Jahren, bei denen die oberen Gebäudebereiche und die Dach- zu Le Corbusier vgl. Casali 2004: 70 – 72.

terrasse, Umgebungsinszenierungen gleichend, entworfen wurden. 4

Bei dem Zollvereinsgebäude ist es nicht nur eine Ansicht. Durch das un-
gewöhnliche Arrangement der Fenster sind es viele. Je nach Standpunkt,
Blickwinkel und Aufmerksamkeit werden gerahmte Ausschnitte, Elemente
und Elementgruppen des Außenraums in unterschiedlichen Wirkqualitä-
ten wahrnehmbar. So wird ein mehrschichtiges Erleben der Umgebung
angeregt. In der körperlich-leiblichen Wahrnehmung kann sich im Zusam-
menhang mit der Großzügigkeit der Raumzuschnitte und den bodentiefen,
großen Öffnungen über das Anschauen hinaus ein körperliches Spüren der
Präsenz der baulichen, der natürlichen und der räumlichen Umgebung so-
wie der Verbindungen von Innen und Außen vermitteln. In der Relation
von Architektur und industrieller Landschaft überwiegt die Erfahrung ei-
ner Differenz, von Distanz und Nähe, von Hier und Dort, von Innenraum
und Außenraum. Die optische Erscheinung, das Bild, bleibt vorrangig.

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Außen – Innen

Bei dem von SANAA konzipierten temporären Pavillon der Serpentine


Gallery in den Kensington Gardens im Zentrum von London von 2009 gab
es ebenfalls starke bildhafte Wirkqualitäten, trotz einer deutlich anderen
architektonischen Artikulation. Klare Unterscheidungen von Außenraum
und Innen, Freiraum und Architektur lösten sich in verschiedenen Raum-
abstufungen nahezu auf. ( Abb. 4 bis 6) Die Architektur erzeugte neue Er-
fahrungsebenen der Parkwirklichkeit. Ziel des Museums für moderne und
zeitgenössische Kunst ist es, mit dem Pavillon-Programm internationale
5 Zum Programm der Serpentine Summer zeitgenössische Architekten in London bekanntzumachen. Für die jeweils
Pavilions vgl. Jodidio ; Peyton-Jones ; Obrist
2011. dreimonatige Präsentation sollen sie dies mit einer ihre Grundkonzeption
ausdrückenden Pavillonarchitektur ermöglichen. 5

Der SANAA-Pavillon, der als öffentlicher Raum, als Café und Vortrags-
raum genutzt wurde, war der neunte in der 2000 begonnenen Reihe. In
seiner sich zwischen dem Baumbestand entwickelnden ondulierenden
Formation wirkte das architektonische Objekt auf den ersten Blick wie
eine schwebende reflektierende Oberfläche eines buchtenreichen Sees
oder Teichs. Von zahlreichen unregelmäßig angeordneten und extrem
schlanken Stahlstützen getragen war es als Schutzdach aus rundum alumi-
niumüberzogenem Sperrholz gebildet. 6 Ohne seitliche Umfassungswände
markierte die Überdachung vor allem mit ihrer reflektierenden Materia-
Abb. 4 Serpentine Gallery 2009 lität ein immaterielles Raumvolumen, ein spezifisches Areal im größeren
Umgebungsraum des Parks. Als Element der Abschirmung, die bei einer
weitergehenden Annäherung ein von allen Seiten offenes, frei begehbares
6 Zu den Konditionen und Materialien
vgl. auch Jodidio 2011: X.05–X.31 Innen von einem Außen unterscheidbar macht, wirkte eine lichtgraue Be-
tonbodenfläche, die in leicht vergrößerter Ausdehnung mit den Umrissen
der Dachflächenformation korrespondierte und in Teilen zusätzlich von
einer hellen Kiesumrandung umgeben war. Das so zwischen Boden und
Dach gebildete Raumareal wurde nur an wenigen Stellen durch weitere
architektonische Elemente weiter unterteilt, beispielsweise durch zwei un-
terschiedlich große rund geschwungene Wandscheiben aus transparentem
Acrylglas, die eine von Wind, Wetter und Geräuschen geschütztere Innen-
räumlichkeit erzeugten, oder durch einen von der Pavillonstruktur über-
spannten Parkweg. In seiner Ausdehnung reichte das durch seine filigrane
Schlankheit charakterisierte Dach an einer Stelle bis zu 60 Zentimeter Tiefe
zum Boden hinunter, an anderen über die Baumkronen bis zu dreieinhalb
Metern hinauf. Es war die Wirkung einer Auflösung der Oppositionen von
Außenraum und Innenraum, Architektur und Standort, bebauten Berei-
chen und nicht bebauten Bereichen, die eine hervorgehobene spezifische
Eigenschaft dieses temporären Pavillons und öffentlichen Raums prägte.

Mit der Öffnung zum Park und mit seiner Leichtigkeit bildete diese archi-
tektonische Struktur ein außergewöhnliches Beispiel eines freistehenden

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Gartenpavillons. Die Reflektionen in den Dachflächen, die sich je nach
Sonneneinfall verstärkten oder abschwächten, intensivierten die Wirkung
ephemerer Leichtigkeit. Sie konnten an die Wirkqualitäten verspiegelter
barocker Räume oder an kleine Pavillons des 17.und 18. Jahrhunderts er-
innern, deren Wände vor allem zur Vergrößerung des Raumes gestaltet
worden waren und die die hineinschauenden Menschen selbst teils frag-
mentiert und überlagert reflektierten. 7 Gebautes Ding und gesehene Phä-
nomene vermischten sich dabei in der Wahrnehmung der Spiegelbilder.
Abb. 5 Serpentine Gallery 2009

Im Londoner Pavillon von SANAA wurde so der Außenraum in den Innen-


raum, der Park in die Architektur einbezogen. Teile der Architektur der na-
7 Vgl. hierzu die Ausführungen von
hegelegenen 1934 erbauten Serpentine Gallery und insbesondere die Bäu- Marie Theres Stauffer (2008) am Beispiel
der Amalienburg im Nymphenburger Park
me, Sträucher, Rasen- und Bodenflächen sowie die von SANAA zusätzlich von François de Cuvillés von 1739.

aufgestellten Kübel mit Sträuchern wurden umgekehrt reflektiert, je nach


Standpunkt und Bewegungsmodus des Beobachtens mit subtil wechseln-
dem Charakter in mehr oder weniger präziser oder unbestimmter Kontur.
Die unregelmäßig angeordneten, sehr schlanken Stützen konnten in der
Spiegelung zusammen mit dem ebenfalls reflektierten Blattwerk bisweilen
als organische Formationen, Weinstöcken oder Spalierpflanzen vergleich-
bar, erscheinen. Die Besuchenden erlebten das Geschehen am Ort im Sinne
einer Teilhabe zudem in der Anschauung an der so aus realen und reflek-
tierten Umweltaspekten entstandenen Parkwirklichkeit. Die Umgebung
rückte in graduell verfremdeter Weise nahe, selbst dort, wo das Dach tief
heruntergeführt war und die Reflektionen von Himmel, Wolken und Laub-
werk von oben zu betrachten waren. Orientierung und Umgebungsbezug
konnten verunklart werden, wie das zuweilen im Kontext spiegelverglaster
Abb. 6 Serpentine Gallery 2009,
Bürogebäude geschieht. 8 Insbesondere trug die bewirkte Vervielfachung Grundriss und Außenraumgestaltung

der Situation im Londoner Pavillon bei zur Wahrnehmung von unvorher-


sehbaren Verbindungen und Konfrontationen von Innen und Außen, Ar-
chitektur und Parklandschaft, die mit der Dauer der gelebten Präsenz und
mit dem je Augenblicklichen dieser Parkwirklichkeit zusammentrafen. Ob 8 Zu den Parallelen zu spiegelverglasten
Büro- und Hochhauskomplexen
mit der Verschleifung von Realität und Bild, von Ähnlichkeit und Differenz vgl. Wigley 2009: 38 –39.

in der Simultaneität und mit der Evokation von Sehen, Blicken, Beob-
achten und Beobachtetwerden zugleich eine Analogie zu Wahrnehmungs-
formen virtueller Realität und den zeitgenössischen Medienwirklichkeiten
gegeben war, bleibt eine offene Frage.

Park und Landschaft als Architekturideal

Die Architekten hatten mit dieser Gestaltung der  Serpentine Gallery die
Intention verbunden, eine Assimilierung zu erreichen, einer Mimese ver-
gleichbar, die den Pavillon selbst wie einen Teil der Natur erscheinen
ließe. 9 In Vorträgen und Interviews betonen sie wiederholt, mit ihren 9 Vgl. dazu die Aussagen der Architekten
im Interview mit Hans Ulrich Obrist:
Projekten einen Ausdruck für zeitgenössische Erfahrungsqualitäten von Nishizawa; Obrist; Sejima 2012: 63 – 72.

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Kontinuen und Übergängen zu suchen, wie sie insbesondere im Zusam-
menhang mit der zunehmenden Relevanz von Informations- und Kom-
munikationsmedien auftreten. Andererseits heben sie als primäres Ziel
hervor, Architektur entwerfen zu wollen, die wie ein Park sein und wirken
10 Vgl. u. a. Nishizawa; Sejima; Zaera 2000; soll. 10 In beiden Leitideen findet sich eine Nähe zu Aufgaben und Ebenen
Cortés; Nishizawa; Sejima 2007; Nishizawa;
Sejima 2011; Nishizawa 2011; Sejima 2014. des Entwerfens von Landschaftsarchitektur. Doch mehr noch: In spezi-
fischeren Beschreibungen der Architekten zur Grundkonzeption, die ihr
Denken und Schaffen leitet und begleitet, lassen sich Bezüge zu sozialen
Optionen von Freiraumqualitäten sowie zu phänomenaler Lanschaftlich-
keit als Architekturideal finden. Für Kazuyo Sejima liegt dabei das Haupt-
gewicht auf der programmatischen Flexibilität und Vielfalt, wie sie insbe-
sondere in städtischen Parks zu finden seien, in der offenen Begegnung
verschiedener Menschen und in ihren unterschiedlichen individuellen und
kollektiven Aktivitäten. Die Metapher des Parks steht für die Öffnung von
Möglichkeiten durch spezifische Eigenschaften der Freiraumgestaltung
und Konfigurationen des öffentlichen Raums. Bereits im Zusammenhang
11 Vgl. Feireiss; Nishizawa; Sejima 2006: 62. mit dem Kubus in Essen beschrieben die Architekten ihre Intention, mit
der Architektur Räume zu schaffen und Situationen zu ermöglichen, in de-
nen unterschiedliche Menschen sich frei bewegen und begegnen können. 11

In diesem Zusammenhang interpretierten sie zudem öffentliche Gebäude


metaphorisch als Berge in der Landschaft. Vor allem im Selbstverständnis
von Ryue Nishizawa bildet die Idee von Landschaft eine Möglichkeit und
Metapher, sein Architekturideal etwas differenzierter zu umreißen. Dieses
ist vorrangig auf Eigenschaften phänomenaler Park- und Naturerfahrung
bezogen und wird von ihm spezifischer verbunden mit weichen Forma-
tionen und natürlichen Lichtqualitäten, mit Leichtigkeit und mit Konti-
nuitäten und Ähnlichkeiten von Innen und Außen. Das architektonische
Konzept solle dabei den Maßstab eines Bauwerks überschreiten, um eine
größere landschaftsähnliche (Um-)Welt zu gestalten und der Wahrneh-
12 Vgl. Anmerkung 10;
Nishizawa 2015: 9 – 11. mung darzubieten. 12 In diesem Ziel werden ein Architekturideal, das mit
verschiedenen Erfahrungsebenen von Landschaftlichkeit verbunden ist,
und die mimetische Ambition des Architekten erneut erkennbar.

Als Valerio Olgiati die beiden Architekten gebeten hatte, für eine Installa-
tion auf der Architekturbiennale in Venedig 2012 bis zu zehn wichtige Bil-
der zu schicken, die als Fundament ihrer Architekturentwürfe verstanden
werden können im Sinne einer Essenz ihrer Haltung, sandten beide Archi-
tekten jeweils ausschließlich Fotographien anonymer landschaftlicher Sze-
nerien in verschiedenen Maßstäben, als Nahaufnahme eines Wasserstru-
dels beispielsweise, als Blick auf eine wilde Wiese oder als Panorama. Von
diesen sind einige durch geographische Charakteristik und Zusammen-
hänge, beispielsweise zu einem kleineren Gebäude in japanischer Baut-
13 Abbildungen unter Nishizawa 1/5–5/5; radition oder im Kontext von Inselgruppen, als japanische Landschaften
Sejima 1/4–4/4 o. S. und das Vorwort von
Valerio Olgiati , in: Olgiati 2013: o. S. erkennbar. 13 Es scheint, als sei das eher Unspektakuläre und Schlichte der

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selbstverständlichen Eingebundenheit, in eine vor allem durch naturnahe
Kontexte geprägte Umwelt, die im Schaffen dieser Architekten grundle-
gend mitschwingende Komponente. Die spezifischen architektonischen 13 Abbildungen unter Ryue Nishizawa
1/5–5/5 und Kazuyo Sejima 1/4–4/4 o. S.
Gestaltungsebenen einzelner Projektkonzeptionen sind darauf gerichtet, sowie das Vorwort von Valerio Olgiati , in:
Olgiati 2013: o. S.
den mit den beschriebenen Vorstellungen von Park und Landschaft ver-
bundenen Aspekten immer wieder Ausdruck zu verleihen im Sinne von
Annäherungen an dieses Ideal. Wiederkehrend wird dabei die Erzeugung
von Kontinuitäten und Korrespondenzen von Architektur und Umgebung,
Architektur und Freiraum, Mensch und Umwelt zu einem herausragenden
Thema.

Kontinuen

Das 2010 vollendete, unweit des Genfer Sees gelegene Gebäude der École
Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) in der Schweiz kann als si-
gnifikantes Beispiel für einen Versuch gesehen werden, entsprechende
Qualitäten im Innenraum, mit einem Wechsel von Freiräumen und um-
schlossenen Raumgefügen sowie im Ortsbezug architektonisch zu artiku-
lieren. Dabei wird über die visuelle Wahrnehmung hinaus die multimodale
Bewegungswahrnehmung in besonderer Weise motiviert und damit eine
architektonische Gestaltungsebene angesprochen, die im Entwerfen von
Architektur und von Landschaftsarchitektur gleichermaßen von hoher Be-
deutung ist. 14 Die EPFL wünschte ein Campuszentrum für ihre verstreu-
Abb. 7 Rolex Learning Center,
ten, physisch, inhaltlich und sozial voneinander getrennten Institute eines Gesamtaufsicht

Hochschulgeländes mit einem Bestand aus den 1960er- und 1970er-Jah-


ren, einen öffentlichen und identitätsstiftenden Lern-, Kommunikations- 14 Zur Relevanz von Bewegung für den
Architekturentwurf und den Landschafts-
und Begegnungsort, in der Verbindung einer Bibliothek mit verschiedenen architekturentwurf vgl. Tschumi 1981: 9–11;
Buchert 2013b; Weidinger 2014: 27–29.
zusätzlichen Bereichen für ein Lernlabor, ein Auditorium, eine Cafeteria,
ein Restaurant, einen Buchladen, ein Jobcenter und eine Bank. 15 Damit 15 Zur Geschichte der EPFL und der
Baugeschichte des Campus
waren Eigenschaften eines innovativen Repräsentationsbaus mit einem vgl. Della Casa 2010: 37, 45–59.

vielfältigen Nutzungsangebot zu  konzipieren, der ebenfalls Qualitäten eines
öffentlichen Raumes integriert. Die Antwort der Architekten kann als eine
ruhige zurückhaltende Interpretation charakterisiert werden, die in einer
ungewohnten Weise Landschaftlichkeit als Erfahrungspotential darbietet.
Der Entwurf integrierte die programmatischen Ziele in einer einzigen on-
dulierenden Raumgestalt (Abb. 7 und 8). Bei der Annäherung zeigt sich
das Gebäude als flach gelagerter und teilweise vom Terrain gelöster einge-
schossiger Rechteckkörper, gebildet mit teilweise geschwungenen Boden-
und Deckenplatten aus Sichtbeton. Eine nahezu vollständige Verglasung
der Außenwände und kreisähnlich geformte Lichthöfe verstärken durch
die unterschiedlich eröffneten Blickachsen und Verbindungen von inne-
ren Bereichen, Baukörper und Umgebungsraum, von Nähe und Ferne und
Überlagerung die Anmutung einer spezifischen Beweglichkeit. Neben dem
visuellen Aspekt wird die körperliche Bewegung durch architektonische Abb. 8 Rolex Learning Center, Ansicht

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Gesten motiviert, beispielsweise in der Gestaltung des Zutritts (Abb. 9). In-
nerhalb einer noch ungestalteten Grünfläche auf dem Gelände des Stand-
orts bildet ein terrakottafarbiger Bodenbelag eine Art Plattform für das
Lernzentrum. 16 Durch diese und mittels informell verteilten Sitzmobiliars
sowie weißen Pflanzkübeln mit Buschwerk wird ein Areal markiert, das
gleichzeitig von allen Seiten öffentlich zugänglich bleibt. Wenngleich von
der Stadt, von den umliegenden Wohnarealen und vom bestehenden Cam-
Abb. 9 Rolex Learning Center,
pus aus einzelne Teile des Gebäudes durch kleinere Nebentüren betreten
Außenraum unterhalb des Gebäudes werden können, wird ein Bewegungsimpuls angeregt, durch das sich in
seiner dynamischen Gestaltung ausbreitende Ensemble aus modulierten
Baukörper- und Freiraumbildungen hindurchzugehen. Über dunklere Be-
reiche unter den organisch aufschwingenden mächtigen stahlbewehrten
16 2010 waren ein großer Park unter
Verwendung von Baum-, Strauch- und Bodenplatten und über kleinere hellere Lichthöfe wird ein größerer, einer
Buscharten, wie sie auf dem vorhandenen
Campus bereits zu finden sind, sowie ein Platz Lichtung vergleichbarer Innenhof erreicht. Hier befindet sich der zentra-
geplant. Seit 2014 ist auf der Freifläche östlich
des Gebäudes ein Medienkomplex für Radio le Gebäudeeingang, der zu einem Foyerbereich führt, in dem verschiedene
Télévision Suisse (RTS) nach einem Entwurf
des Brüsseler Büros Kersten Geers David van
Servicenutzungen zu finden sind sowie ein abstraktes Architekturmodell
Severen im Bau. Vgl. Della Casa 2010: 202 steht, das anstelle eines Lageplans die Orientierung erleichtert und einzel-
und Reese; Svirski 2015: 184.
ne Areale ausweist.

Die Innenraumstruktur aus sich sanft und unregelmäßig hebenden und


senkenden Bodenformationen, zu denen die Deckenführung korrespon-
diert, erzeugt eine kontinuierliche Verknüpfung verschiedener Raumbe-
reiche (Abb. 10 und 11). Ein abgestuftes Auditorium, geschlossene gläserne
Arbeitsräume, Podeste mit Arbeitsplätzen und andere Funktionen sind in
verschiedenen Arealen angeordnet. In anderen Bereichen finden sich Ti-
sche und Sitzmöbel in freier Organisation informell, verteilt mit Ansamm-
lungen in manchen Bereichen und teilweise weiten Zwischenräumen. Die
Abb. 10 Rolex Learning Center, Innenraum scheinbar überall offenen Raumfolgen motivieren nicht nur zu vom Ge-
brauch gelösten Bewegungen durch das Gebäude, sondern in verschiede-
nen Arealen auch zur flexiblen Verortung durch Aneignung.

Abb. 11 Rolex Learning Center, Grundplan

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Es gibt eine Vielzahl von Handlungsmöglichkeiten, welche die Menschen
ergreifen können. Die Fachabteilung Architektur und Kunst erreicht man
durch Aufstieg zu einem der höchstgelegenen Bereiche des Gebäudes. Ver-
traut und fremd zugleich wirkt die Nutzung beispielsweise der Bücher
in den Regalen, wenn man körperlich-leiblich auf einer schrägen Fläche
steht. Hier vor allem wird deutlich, wie die Raumwahrnehmung auch si-
tuativ geprägt wird. In die beiläufige Raumwahrnehmung integrieren sich
Beobachtungen der Bewegungstakte der anderen Menschen, wie sie beim
Schreiten, Schlendern, Flanieren und Wandern zu finden sind und sich
vom durchschnittlichen Lauftempo unterscheiden, oder auch von Situati-
onen des Anhaltens, Stehens, Verweilens, Meditierens und Kommunizie-
rens. Es scheint, als könne die Raumkonfiguration dem schnellen Durch-
queren eine entschleunigte Daseinsweise zur Seite stellen, als würde sie
einladen zu einer Langsamkeit und Ruhe körperlich-leiblicher Erfahrung
ebenso wie zur freien Aneignung. Darin finden sich rekreative Potentiale
wie in einem städtischen Park oder in einer nicht zerstörten und nicht be-
drohlichen, mit positiven Eigenschaften verbundenen Landschaft.

Abb. 12 Rolex Learning Center, Innenraum

Überall gibt es einen großzügigen Tageslichteinfall und damit eine Modu-


lation der Lichtqualitäten, die vorwiegend durch die Tages- und Jahres-
zeiten geprägt wird (Abb. 12 und 13). Die Wahrnehmung des Kontinuier-
lichen wird durch die Sparsamkeit gestalterischer Details und eine relativ
homogene und helle Farbpalette unterstützt. Sie wird vorrangig durch
weiße Decken, Wände, Einbauten und Mobiliar sowie helle und teilweise
reflektierende Grautöne und transparente Materialien gebildet. Das En-
semble erinnert damit an Landschaften, die weniger von Unterbrechun-
gen und Vielgestaltigkeit des Terrains und der Vegetation und mehr durch
eine gewisse Homogenität geprägt sind, wie begrünte Berghänge oder
Landschaften unter Schnee. Das Blindenleitsystem ist ebenso in leichten
Schwingungen integriert, und die in Zickzack geführten Rampen für mo-
bilitätseingeschränkte Menschen mit Eckrundungen sind geschwungenen
Bergpfaden vergleichbar.

Dieser Beschreibungsmodus mit Landschaftsmetaphern impliziert eine


Charakterisierung der Architektur im Sinne einer architektonisch gestal-
teten Mimese, die – trotz der verfremdenden Abstraktion – in der Evoka-
Abb. 13 Rolex Learning Center, Innenraum
tion von Erinnerungen an bereits erfahrene vergleichbare landschaftliche mit Innenhof

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Qualitäten, an Hügel- und Dünenlandschaften beispielsweise, begründet
liegt. In Verbindung mit der eigenen körperlichen Bewegung hinauf und
hinab verändern sich die Eindrücke in leichter Variation. Der Wechsel von
Patios und Innenraum, die ondulierende Baukörper- und Raumformati-
on sowie die vielfältig möglichen Ausblicke in die Weite begründen das
Potential, über die visuelle und die multimodale körperliche Bewegung in
den räumlichen Konstellationen einem Landschaftserlebnis nachzuspü-
ren. In verschiedenen Kontexten, aus der Perspektive der Auftraggeber,
der Nutzenden wie auch der beteiligten Architekten und Ingenieure sowie
der nachfolgenden Architekturtheorie und -kritik, rief dieses bauliche En-
17 Vgl. u. a. Della Casa 2010: 37 und
147 – 163; Jauslin u. a. 2010: 22, 41; semble vergleichbare Wirkungen hervor: Es wird immer wieder als Land-
Kuckelkorn 2011: 15; Nishizawa; Obrist;
Sejima 2012: 78; Nishizawa 2015: 8 – 10. schaft und als innere Landschaft beschrieben und bezeichnet. 17 Die Ana-
logien können ortsspezifisch erfahren werden. In der weiteren Umgebung
sind in verschiedenen Richtungen konkrete hügelige Landschaften zu er-
kennen, die Alpenkette des Jura, die Weinberge der Region Lavaux und
die Mineralienhügel vor dem Genfer See. Die konstruierten Topologien
der Innenräume im Wechsel mit den kleineren, intimeren und größeren,
öffentlicheren Freiräumen der Patios zeigen Analogien zu diesen Umge-
bungstopographien. Der Wechsel in der Position und Verortung verändert
auch die Wahrnehmung des Raumes und der Korrespondenzen von In-
nen- und Außenraum sowie die Erfahrung einer vielfältigen Verknüpfung.

Programm, Kontext und architektonische Formation wurden hier zu ei-


ner gleichermaßen zurückhaltenden wie reichen Ausdrucksqualität ver-
bunden im Sinne einer potentiell identitätsstiftenden Wirksamkeit dieses
Bewegung und Aneignung evozierenden spezifischen Innen- und Außen-
raumgefüges. Die Eigenschaft des Kontinuums kennzeichnet dabei sowohl
die Mimese als Referenz zu hügeliger und wellenförmiger Morphologie
unterschiedlicher Landschaftstypen wie auch als Korrespondenz im Sinne
einer Entsprechung zu ortstypischen topographischen Formationen und
zu von tages- und jahreszeitlichen sowie klimatologischen Bedingtheiten
geprägten Licht-und Raummodulationen. Diese Erfahrungsqualitäten, die
weniger mit bildhaften als mit multimodal erlebten räumlichen und raum-
zeitlichen Wahrnehmungsebenen verbunden sind, können als Landschaft-
lichkeit beschrieben werden. Die bewusste, intentionale Bewegungsevoka-
tion kann als eine gestalterische Ebene wirken, die für das Entwerfen von
Architektur und Freiraum Qualitäten einer multivalenten Verortung der
Menschen in der Welt fördern kann. Die sequentielle Raumdisposition, die
Charakteristiken des Kontinuierlichen erfahrbar macht, ist eine Möglich-
keit in diesem Feld der Raumartikulationen. In welcher Weise die Unmit-
telbarkeit des Erlebens im Hier und Jetzt sich überlagert mit Erinnerun-
gen unterschiedlichster Art, bleibt noch weitergehend zu untersuchen.

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Korrespondenzen

Das Beispiel der 2012 eröffneten Louvre - Dependance im nordfranzösi-


schen Lens, mit dem der Wandel der ehemaligen Steinkohlebergbauregi-
on durch Tourismus befördert werden soll, kann eine weitere Ebene skiz-
zenhaft verdeutlichen. Das im Kontext zurückhaltend wirkende Gebäude
sowie der in diesem Zusammenhang entstandene Park befinden sich auf
der renaturierten Fläche einer 1960 geschlossenen Kohleabbaustätte über
einem leicht erhöhten und langgestreckten, 62 Hektar großen Plateau aus
Abraumschüttungen, umgeben von inhomogener Bebauung mit kleinen
Backsteinhäusern und von Grünräumen aus Baumbeständen und Wiesen
( Abb. 14). Ziel des japanischen Architektenteams, das seit dem Wettbe-
werb 2005 mit der französischen Landschaftsarchitektin Catherine Mos-
bach und den Museumsexperten Tim Culbert aus New York zusammenar-
beitete, war es, die Kapazität eines neuen öffentlichen Raums anzubieten
durch ein offenes Haus für die Besucher, aber auch für die Bewohner der
18 Vgl. Mosbach 2012;
Stadt sowie eine Wirkungstendenz zu artikulieren, bei der sich Architektur Nishizawa; Sejima; Obrist 2012: 27 – 55.

und landschaftsarchitektonisch gestaltete Umgebung vermischen. 18

Abb. 14 Louvre Lens, Aussen

Fünf aneinandergereihte niedrige Ausstellungshallen bestimmen die Bau-


körperbildung und Raumorganisation aus geometrischen Formen. Die
verglasten oder in gebürstetem Aluminium gefassten niedrigen Pavillons
wirken in ihrem Feinheitsgrad und ihrer geometrischen Präzision nahezu
gewichtslos, insbesondere durch die Einheitlichkeit der Oberfläche, die in
leichten Nuancen die Farbigkeit des Himmels, der Freiraumgestaltung und
der weiteren Umgebung reflektiert und sich so, einer Mimese vergleichbar,
nur zurückhaltend von der Umgebung unterscheidet. Im Innern treffen die
Raumgefüge in einer mittig angeordneten, großen fast quadratischen Ein-
gangshalle mit leichter von sehr schlanken Rundstützen getragener Decke
und poliertem Betonfußboden zusammen ( Abb. 15). In diesem großen zen-
tralen Raum, der aus mehreren Richtungen von der Stadt her betreten und
durchquert werden kann, wurden mehrere, einander nicht berührende, Abb. 15 Louvre Lens, Innenraum

transparente runde Körper ähnlich einer stadträumlichen Komposition als


Raum im Raum eingestellt. Ihre Nutzungen als Bibliothek, Shop, Lounge,
Information und Cafeteria sind öffentlich und können auch ohne Bezug
zum musealen Zusammenhang erfolgen.

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Das Ausstellungszentrum des Komplexes bildet ein großer fensterloser Ga-
lerieraum, in dem entlang einer Zeitlinie von 3.500 vor Christus bis zum
19. Jahrhundert, die in zurückhaltender graphischer Markierung an einer
der beiden Längswände zu finden ist, unterschiedliche künstlerische Wer-
ke frei im Raum auf Podesten und Stellwänden ausgestellt werden. Die
Kunstwerke können so in Relation zueinander erfahren werden, beispiels-
weise mit der Aufmerksamkeit auf Eigenschaften, die sie gemeinsam ha-
ben. Mit einer Tageslichtdecke wird dieser Raum in seiner Wirkung durch
seine enorme Länge, die leichte Modulation des der Geländemorphologie
angepassten Bodens und insbesondere durch die homogene, diffus reflek-
Abb. 16 Louvre Lens, Innenraum tierende Oberflächenqualität der leicht gebogenen seitlichen Wände aus
anodisiertem Aluminium geprägt ( Abb. 16). Es entsteht der Eindruck ei-
ner Umhüllung durch den Raum, und gleichzeitig wird eine Analogie zu
den Qualitäten des Außenbaus und der durch die Tages- und Jahreszeiten
geprägten natürlichen Umgebung evoziert. Individuelle und kollektive Be-
wegungsparcours durch den Raum sind vielfältig möglich wie auch Bewe-
gungsabläufe in die anderen teils transparent teils geschlossen gehaltenen
Ausstellungsbereiche und in das weitere Räume und Werkstätten beher-
bergende Untergeschoss.

Abb. 17 Louvre Lens,


Grundriss und Außenraumgestaltung

Neben dem zentralen Pavillon sind auch die Flanken als transparente
Glaspavillons ausgeführt und öffnen in verschiedene Richtungen den Blick
auf die landschaftsarchitektonische Gestaltung und die weitere Umge-
bung ( Abb. 14 und 17). Die Landschaftsgestaltung von Catherine Mosbach
korrespondiert in der longitudinalen Erstreckung zur Konfiguration des
Museumsensembles. Wie viele Freiraumgestaltungen, die mit Vegetation
arbeiten, wird sich die Ausdruckqualität zukünftig noch modifizieren. Sie
kann als Synthese aus unterschiedlichen Wegen, Bodenmodulationen und
noch im Wachsen befindender Pflanzenwelt wahrgenommen werden. Gro-
ße, relativ lineare Wegeformationen und kleinere geschlängelte Wege ver-
binden die angrenzenden Stadtteile mit dem Gebäude und untereinander.

244 | Buchert
Als Besonderheit zeigt sich die Anordnung und Schichtung der Bodenma-
terialien. Sie besteht aus dem Materialbestand aus Kohleabraum, alten
Schienenführungen, Rasenflächen und aus hellem Beton, der sich von ei-
ner flächigen Ausformung vom Zentrum des Gebäudeensembles ausge-
hend nach Osten und Westen hin wie fließendes Material in kreisförmigen
Formationen auflösend über das Gelände ausbreitet. Zum Teil von Moos-
ringen und Rasenflächen durchzogen und durch grasbewachsene niedri-
ge Hügel bereichert, die einzeln oder in Gruppen angeordnet sind, wird
das am Rand zu den Stadtteilen abfallende Gelände mit dem Gebäude als
besonderer Ort ausgezeichnet. Der in den Randbereichen ebenfalls vor-
handene Baum-und Buschbestand wurde einbezogen und ergänzt durch
viele Baum-, Busch- und Strauchplanzungen aus bereits am Ort vorhande-
nen und historischen Pflanzen, von denen auch einige nahe am Gebäude
entlang wachsen und wie die Lichtverhältnisse und die weitere Umgebung
in der Gebäudehülle reflektiert werden. Potentiell kann die Überlagerung
in der Materialbehandlung der Freiraumgestaltung als Zeitschichtung in
Analogie zum Ausstellungskonzept erkannt werden, und auf die Vergan-
genheit und die jüngste Transformation des Standorts verweisen, wie es
Intention in dem landschaftsgestalterischen Konzept war. 19 In der Wahr- 19 Vgl. a. a. O.: 47 – 49.

nehmung der spezifischen reale und virtuelle Beweglichkeit initiierenden


Raumartikulation, die sich im Innern ebenso findet wie im Außenraum,
verändern sich in der kinästhetischen Aktivität der körperlichen Bewe-
gung der Menschen die Eindrücke in leichten Nuancen. Die relativ hier-
archielose Verbindung der verschiedenen Raumbereiche motivieren nicht
nur Bewegungen durch die scheinbar überall offenen Raumfolgen und die
weichen Übergänge, sondern auch die flexible Verortung, die in beiden
Raumgestaltungen an Landschaftserfahrungen erinnern kann. Als korres-
pondierend kann ebenfalls die Bedeutung wirken, die den Maßstäben und
ihrer Wahrnehmbarkeit gegeben wird, vom Detail, über Verknüpfungen
und Sequenzen bis hin zum konzeptuellen Einbezug einer zeitlichen Di-
mension. Die Korrespondenzen finden sich in geteilten Entwurfsintenti-
onen und in der Aufmerksamkeit, die dabei der Gestaltung von Möglich-
keitsräumen für die multivalente Wahrnehmung dieses neugestalteten
Ortes geschenkt wird.

Landschaftlichkeit als Architekturkonzept

Zwischen Architektur und Landschaftsarchitektur gibt es ein Netz sich


kreuzender Ähnlichkeiten und Analogien. Ausgehend von den Verständ-
nisebenen, die durch die hier charakterisierten Projekte aufgezeigt werden
konnten, bildet das vielfältige Aneignungspotential öffentlicher Räume in
Verbindung mit der Vorstellung von Landschaft und Freiraum als univer-
sellem und gemeinschaftlichem Gut und bilden insbesondere gestaltungs-
und wahrnehmungsbezogene Interpretationen von Landschaftlichkeit im-

Wolkenkuckucksheim | Cloud-Cuckoo-Land | Воздушный замок 20 | 2015 | 34 Buchert | 245


pulsgebende Potentiale. Indem sie zur Balance von Oppositionen zwischen
Architekturentwurf und Landschaftsarchitekturentwurf beitragen, wirken
die Ideen und gestalterischen Ansätze, die mit diesen Projekten verbunden
waren, auch stimulierend für die Entwicklung einer Umweltästhetik, bei
der zeitgenössische Landschaftsinterpretation zwischen modernem Kon-
text, Überlieferung und sinnlich - sinnhafter Erfahrungsqualität changiert.
Landschaftlichkeit kann dann auch als gestalterisches Ziel verstanden wer-
den und als Synthese von Wirkqualitäten, die das menschliche Sich-Veror-
ten in der Welt ebenso wie das entwerferische Sich-Verorten ermöglichen.

Zur Person

Prof. Dr. Margitta Buchert, Leibniz Universität Hannover, ist Professorin für Archi-
tektur und Kunst 20. und 21. Jahrhundert am Institut für Geschichte und Theorie der
Architektur an der Fakultät für Architektur und Landschaft seit 2000. Lehrinhalte
fokussieren Architekturtheorie, Entwurfstheorie, Grundlagen der Gestaltung sowie
Spannweiten der Moderne. Forschungsschwerpunkte bilden Reflexives Entwerfen,
Urbane Architektur sowie Ästhetik und Kontextualität von Architektur, Kunst, Stadt
und Natur. Zu ihren Buchpublikationen zählen unter anderem: Reflexives Entwerfen.
Entwerfen und Forschen in der Architektur (2014).

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Abbildungen

Abb. 1 Buchert, Margitta


Abb. 2 Dies.
Abb. 3 Hanzlová, Alena (2007): Kategorie: Zollverein School of Management and
Design. In: Wikimedia Commons. https://commons.wikimedia.org/wiki/
File:Sanaa_Zollverein_school_1.jpg?uselang=de [24.08.2015].
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Wikimedia Commons. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sanaa_
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Abb. 7 Baan, Iwan (2015): In: AV Monografías: SANAA Sejima & Nishizawa
2007 – 2015. Issue 171  / 172, p. 40.
Abb. 8 Buchert, Margitta
Abb. 9 Dies.
Abb. 10 Schaefer, H. P. (2013): Kategorie: Rolex Learning Center. In: Wikimedia
Commons. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lausanne-sannaa-
rolex-learning-center_innen.jpg?uselang=de [24.08.2015].
Abb. 11 SANAA (2015): In: AV Monografías: SANAA Sejima & Nishizawa
2007 – 2015. Issue 171  / 172, p. 41.
Abb. 12 Buchert, Margitta
Abb. 13 Dies.
Abb. 14 Suzuki, Hisao (2013): Integrative Durchlässigkeit. Louvre Lens von Sanaa.
In: Detail. http://www.detail.de/architektur/news/integrative-durchlaessig-
keit-louvre-lens-von-sanaa-020367.html [05.06.2013].
Abb. 15 Buchert, Margitta
Abb. 16 Schittich, Christian (2013): Integrative Durchlässigkeit. Louvre Lens von
Sanaa. In: Detail. http://www.detail.de/architektur/news/integrative-
durchlaessigkeit-louvre-lens-von-sanaa-020367.html [05.06.2013].
Abb. 17 SANAA (2015): In: AV Monografías: SANAA Sejima & Nishizawa
2007 – 2015. Issue 171  / 172, p. 50.

Zitiervorschlag

Buchert, Margitta (2015): Landschaftsentwürfe in der Architektur von SANAA. In:


Wolkenkuckucksheim, Internationale Zeitschrift zur Theorie der Architektur.
Jg. 20, Heft 34. www.cloud-cuckoo.net/fileadmin/hefte_de/heft_34/artikel_buchert.
pdf [31.12.2015], S. 231 – 248.

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