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25. Mai 1869


Die Wiener Hofoper am Ring wird eröffnet
25.05.2020 von Bernhard Neuhoff

Wien, 25. Mai 1869, am frühen Abend. Auf der Ringstraße, dem monumentalen Boulevard
im Bau, der von der Macht und Herrlichkeit der K.u.K.-Monarchie künden soll, wogt eine
kaum übersehbare Menge von Schaulustigen. Die meisten der Palais und Luxushotels, der
Repräsentationsbauten und Kulturtempel sind noch Baustellen. Doch das eigentliche Herz
der Donaumonarchie, da sind sich zumindest die Opern-Narrischen unter den Wienern einig,
schlägt in der nagelneuen Hofoper, und die wird an diesem Abend eröffnet.

Bildquelle: picture-alliance/dpa

AUDIO (02:42)

4.000 Gasflammen beleuchten zusammen mit der Abendsonne das neu errichtete
Operntheater. Die von rundbogigen Fenstern gegliederte Fassade trumpft mit einer
monumentalen Loggia auf. Es ist die Zeit des Historismus, an der Ringstraße werden munter
die Epochen und Stile gemischt. Hier steht französische Gotik neben griechischen Säulen, bei
der Oper hat man sich für florentinische Renaissance entschieden.
Kaiser und Kaiserin geben sich die Ehre

Um kurz vor sieben brandet Beifall auf. Von der Hofburg nähert sich, begleitet von einer
Ehrenformation, die prunkvolle Kutsche des Kaisers. Wenige Minuten später betreten Franz
Joseph und Elisabeth die Mittelloge. Der gesamte Zuschauerraum ist bereits bis auf den
letzten Platz gefüllt. Als alle sitzen, hebt Kapellmeister Heinrich Esser den Taktstock und
dirigiert eine eigens von ihm komponierte Ouvertüre. Anschließend steht eine
Festaufführung des "Don Giovanni" auf dem Programm.

Prunkvolle Innenausstattung, gute Akustik

Der Kaiser, der, anders als die meisten seiner Vorfahren, durch und durch unmusikalisch war,
mag sich eher gelangweilt haben, sagt aber danach, es habe ihn sehr gefreut. Die Wiener
Gesellschaft ist berauscht. Die prunkvolle Innenausstattung der Oper begeistert. Doch auch
die Akustik erweist zur allgemeinen Überraschung als gut. Damit hatte niemand gerechnet.

Postumer Sieg für die Architekten

Für die beiden Architekten wäre es ein später Triumph gewesen. Während der
siebenjährigen Bauzeit hatte die Wiener Presse ein bösartiges Kesseltreiben veranstaltet.
Man werde in dem unförmigen Bau weder hören noch sehen, hatte man prophezeit. Der
eine Architekt, Eduard von der Nüll, hatte im Zuge dieser Kampagne Selbstmord begangen,
der andere, August von Siccardsburg, sein Partner im Leben und in der Kunst, war kurz
darauf einem Schlaganfall erlegen. Den Tag, der ihr größter geworden wäre, haben beide
nicht mehr erlebt.

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am-ring-wird-eroeffnet-100.html