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Es gibt schöne Träume, es gibt Träume, von denen man noch morgens erzählen kann - und

solche, die man besser gleich vergisst. Allerdings: Sie haben schon den Schlaf geraubt. Kann
man Träume manipulieren?

Vor 150 Jahren ist dem französischen Schlafforscher Alfred Maury Merkwürdiges passiert. Des
Nachts träumte er, unter einer Guillotine zu liegen. Im selben Moment, als das Fallbeil auf sein
Genick zusauste, wachte er schweißgebadet auf. Und stellte erleichtert fest, dass bloß ein Teil
des Bettgestells auf seinen Nacken gestürzt war.

Reptilien und Amphibien sind solche nächtlichen Horrorvisionen völlig fremd: Soweit man weiß,
träumen wechselwarme Tiere nie - was wahrscheinlich mit der verhältnismäßig geringen
Komplexität ihrer Gehirne zusammenhängt. Dagegen sprechen etliche Befunde und Indizien
dafür, dass warmblütige Säugetiere und Vögel samt und sonders träumen - vor allem der
Mensch, der geradezu exzessiv träumt.

Dieser Umstand lässt darauf schließen, dass es sich bei den Träumen nicht um nutzlose
Überbleibsel der Evolution handeln kann. Allerdings ist nach wie vor nicht geklärt, wofür sie
dienen sollen.

Es gibt die Hypothese, dass im Traum bedrohliche Situationen simuliert würden, damit das
Gehirn für die Gefahren der realen Welt besser gewappnet ist. Des Weiteren gibt es die
Vermutung, dass sich in jeder Traumphase eine Art Offline-Verarbeitung von gespeicherten
Informationen abspielen würde. Andere Wissenschaftler sind der Auffassung, dass man träumt,
damit im Gehirn aufgeräumt und es von unbrauchbaren synaptischen Verbindungen entrümpelt
werden kann.

Wieder andere Wissenschaftler vertreten die Ansicht, dass Träume in erster Linie
psychotherapeutisch wirken, indem sie es ermöglichen, traumatische Erlebnisse abgeschottet
von der Außenwelt zu bewältigen. Außerdem gibt es die Hypothese, dass man es beim
Traumzustand mit nichts anderem als einer Fortsetzung des Denkens im Wachzustand zu tun
hätte. Das würde bedeuten, dass es in den Träumen im Wesentlichen darum geht, Lösungen für
die vielfältigen Probleme auszubrüten, die die Alltagspraxis ständig hervorbringt.

In den Augen Sigmund Freuds hingegen erwachsen Träume aus tabuisierten sexuellen und
destruktiven Triebregungen, Vorstellungen, Wünschen und Affekten, denen der Zugang zum
Bewusstsein versperrt wird, um einen ungestörten Schlaf zu gewährleisten. Und schließlich gibt
es die Annahme, dass Träume einfach nur deswegen entstehen, weil das Gehirn der Neigung
nicht widerstehen kann, jedem chaotischen Feuern der Neuronen Sinn und Bedeutung
zuzuschreiben.

Bis vor Kurzem galt es als ausgemacht, dass Menschen ausschließlich während der REM-
Phasen, in denen das Gehirn auf Hochtouren läuft, träumen. Inzwischen hat sich gezeigt, dass
auch im Tiefschlaf immer wieder kurze Traumepisoden erlebt werden. Jeder Mensch träumt also
ungeheuer viel, auch wenn er sich immer nur an winzige Bruchteile erinnern kann. Aber wovon?

Die moderne empirische Traumforschung steckt in einem Dilemma. Zwar stehen ihr
umfangreiche elektronische Messgeräte und bildgebende Verfahren zur Verfügung. Aber nach
wie vor ist jeder Versuch zum Scheitern verurteilt, Träume direkt zu beobachten. Um
herauszufinden, ob ein schlafender Mensch träumt und wovon, muss er geweckt und befragt
werden. Selbst auf die Frage, ob im Traum nur Grautöne oder aber das gesamte Farbspektrum
wahrgenommen werden, gibt es bisher nur vorläufige Antworten. Unlängst ist die britische
Psychologin Eva Murzyn (Universität Dundee) zum Ergebnis gekommen, dass möglicherweise
ein einziger Umstand darüber entscheidet: ob man in der Ära des Schwarz-Weiß-Fernsehers
oder der des Farbfernsehers großgeworden ist.

Trotzdem: Allein dank der bildgebenden Verfahren ist die moderne Traumforschung ein großes
Stück vorangekommen. "Dadurch verstehen wir Träume zwar nicht besser, aber wir wissen
besser, was den Träumen auf biologischer Ebene zugrunde liegt", sagt Schlafmediziner Michael
Wiegand (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München).

Außerdem wurde ein fundamentaler Unterschied zutage gefördert: "Die Zentren, in denen
Gefühle, Erinnerungen oder das Gedächtnis sitzen, werden stark aktiviert. Gleichzeitig werden
die Bereiche, die vorne im Gehirn sitzen und für kritischen Verstand, Orientierung und rationales
Urteilen zuständig sind, fast ausgeknipst."

Könnte es je gelingen, Träume anderer Menschen mit technischen Mitteln sichtbar zu machen?
Der Freiburger Mediziner Dieter Riemann hält das für Zukunftsmusik. "Anzunehmen, dass man
das innerhalb der nächsten 50 Jahre schaffen könnte, ist Unsinn. Um das bewerkstelligen zu
können, müsste man bis zu den einzelnen Neuronengruppen und Neuronen vordringen und ihre
jeweiligen Funktionen genau entschlüsseln können. Davon sind wir weit entfernt. Erst recht ist es
völliger Quatsch, dass man irgendwann in fremde Träume eindringen und sie manipulieren
könnte." Das klappt nur in Hollywoodfilmen wie Christopher Nolans "Inception" oder in Science-
Fiction-Romanen.

Aber eines ist ohne Weiteres möglich: eigene Träume zu manipulieren, zu steuern. So lassen
sich Albträume mit Hilfe der "Imagery Rehearsal Therapy" bis zu einem gewissen Grad günstig
beeinflussen. Die Methode: die im Traum wiederholt erlebten traumatischen Szenen ins
Gedächtnis rufen, sich angemessene Bewältigungsstrategien einfallen lassen und deren
Anwendung immer wieder im Kopf durchspielen.

Erheblich leichter kann man in seine luziden Träume eingreifen und sie lenken. Für sie, die erst
vor 20 Jahren vom kalifornischen Psychophysiologen Stephen LaBerge entdeckt wurden, ist
charakteristisch, dass sich die Träumenden des Umstands zu träumen bewusst sind.

Kürzlich hat der Heidelberger Sportwissenschaftler Daniel Erlacher Athleten verschiedener


Disziplinen, für die Klarträume tägliche Erfahrungen sind, untersucht. Sie er erhielten die
Anweisung, in ihren Klarträumen regelmäßig eine Reihe von Übungen zu absolvieren. Mit
erstaunlichem Erfolg: Tatsächlich war am Ende eine Steigerung des Leistungsvermögens
nachzuweisen.