Sie sind auf Seite 1von 4

7/4/2020 Welche Konjunkturimpulse funktionieren? by Joseph E.

Stiglitz & Hamid Rashid - Project Syndicate

Welche Konjunkturimpulse
funktionieren?
Jun 8, 2020 | JOSEPH E. STIGLITZ, HAMID RASHID

NEW YORK – Regierungen in aller Welt ergreifen derzeit kraftvolle Maßnahmen


in Bezug auf die COVID-19-Krise. Schon jetzt belaufen sich die fiskal- und
geldpolitischen Maßnahmen auf 10% des globalen BIP. Doch laut der jüngsten
globalen Einschätzung der Abteilung für Wirtschaft und Sozialwesen der
Vereinten Nationen werden diese Konjunkturmaßnahmen Konsum und
Investitionen womöglich weniger stark ankurbeln als von der Politik erhofft.
Das Problem ist, dass ein beträchtlicher Anteil des Geldes direkt in Kapitalpuffer
fließt, was zu einem Anstieg vorsorgebedingter Rücklagen führt. Die Situation
ähnelt der „Liquiditätsfalle“, die John Maynard Keynes während der Großen
Depression Sorgen machte.

Die heutigen Konjunkturmaßnahmen wurden verständlicherweise in Eile – fast


schon in Panik – umgesetzt, um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie
einzudämmen. Und während dieser „Feuerwehreinsatz“ weder zielgerichtet noch
präzise erfolgte, würden viele Kommentatoren argumentieren, dass eine
derartige Vorgehensweise damals die einzige Möglichkeit war. Ohne massive
Notliquiditätsspritzen hätte es vermutlich weit verbreitete Konkurse, Verluste an
Unternehmenskapital und einen noch steileren Pfad hin zu einer Erholung
gegeben.

Doch inzwischen ist klar, dass die Pandemie deutlich länger dauern wird als ein
paar Wochen, so wie das bei der Umsetzung dieser Notmaßnahmen zunächst
angenommen wurde. Daher müssen diese Programme sämtlich einer
sorgfältigeren Überprüfung unterzogen werden, wobei man die langfristige
Entwicklung im Auge behalten muss. In Phasen tiefgreifender Unsicherheit
steigen normalerweise die Vorsorgeansparungen, weil Haushalte und
Unternehmen aus Furcht vor kommenden Entwicklungen ihr Geld
zusammenhalten.

Die aktuelle Krise ist dabei keine Ausnahme. Ein großer Teil des Geldes, das
Haushalte und Unternehmen zur Stützung der Konjunktur erhalten, dürfte
bedingt durch Zukunftssorgen und eine allgemeine Verringerung der
Möglichkeiten zum Geldausgeben untätig auf ihren Bankkonten liegen bleiben.
Zugleich werden die Banken vermutlich auf überschüssiger Liquidität sitzen

https://www.project-syndicate.org/commentary/stimulus-policies-must-benefit-real-economy-not-financial-speculation-by-joseph-e-stiglitz-and-ham… 1/4
7/4/2020 Welche Konjunkturimpulse funktionieren? by Joseph E. Stiglitz & Hamid Rashid - Project Syndicate

müssen, weil es ihnen an kreditwürdigen Darlehensnehmern fehlt, die bereit


sind, frische Kredite aufzunehmen.

Es überrascht nicht, dass sich die bei US-Banken geparkten überschüssigen


Rücklagen von Februar bis April fast verdoppelt haben (von 1,5 Billionen auf 2,9
Billionen Dollar). Zum Vergleich: Während der Großen Rezession erreichten die
bei Banken gehaltenen überschüssigen Rücklagen nur eine Billion Dollar. Diese
enorme Zunahme legt nahe, dass die bisher umgesetzten konjunkturpolitischen
Maßnahmen einen geringen Multiplikatoreffekt hatten. Bankguthaben allein
werden uns eindeutig nicht aus dem gegenwärtigen wirtschaftlichen Stillstand
heraushelfen.
Was die Lage noch verschlimmert: Die heutigen Liquiditätsüberschüsse könnten
hohe gesellschaftliche Kosten nach sich ziehen. Über die üblichen Ängste über
Schulden und Inflation hinaus gibt es gute Gründe zur der Befürchtung, dass das
überschüssige Geld bei den Banken für Finanzspekulationen genutzt werden
wird. Die Aktienmärkte schwanken schon jetzt täglich wie wild, und diese
Volatilität könnte das Klima erhöhter Unsicherheit verschärfen, so zu einem noch
stärkeren Vorsorgeverhalten führen und sowohl vom Konsum als auch von den
zur Befeuerung einer Erholung nötigen Investitionen abschrecken.

In diesem Fall werden wir es mit einer Liquiditätsfalle und einem


Liquiditätsproblem zu tun bekommen: einer massiven Erhöhung der Geldmenge
bei nur begrenzten Einsatzmöglichkeiten für das Geld aufseiten der Haushalte
und Unternehmen. Gut konzipierte Konjunkturmaßnahmen könnten helfen,
wenn COVID-19 erst einmal unter Kontrolle gebracht ist. Doch solange die
Pandemie wütet, kann es keine Rückkehr zur Normalität geben.

Für den Moment besteht der Schlüssel daher darin, Risiken abzubauen und
Anreize zum Geldausgeben zu schaffen. Solange die Unternehmen Angst haben,
dass die Konjunktur auch in sechs Monaten oder einem Jahr noch schwach sein
wird, werden sie Investitionen zurückstellen und so die Erholung verzögern. Nur
der Staat kann diesen Teufelskreis durchbrechen. Die Regierungen müssen es
übernehmen, die heutigen Risiken zu versichern, indem sie Unternehmen für den
Fall, dass sich die Wirtschaft bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht erholt,
Entschädigungen anbieten.

Es gibt bereits ein Modell hierfür: „Arrow-Debreu-Papiere“ (so benannt nach den
Wirtschaftsnobelpreisträgern Kenneth Arrow und Gérard Debreu) würden unter
bestimmten, vorab festgelegten Bedingungen zur Auszahlung kommen. So könnte
die Regierung zum Beispiel garantieren, dass, wenn ein Haushalt heute ein Auto
kauft und die Infektionskurve in sechs Monaten immer noch an einem
bestimmten Punkt verharrt, die monatlichen Kreditraten für das Auto ausgesetzt
würden. In ähnlicher Weise könnten einkommensabhängige Kredite und
Hypothekendarlehen genutzt werden, um zum Kauf eines breiten Spektrums an
langlebigen Konsumgütern einschließlich von Wohnimmobilien zu ermutigen.
Ähnliche Bestimmungen könnten auf von den Unternehmen getätigte
Realinvestitionen Anwendung finden.

https://www.project-syndicate.org/commentary/stimulus-policies-must-benefit-real-economy-not-financial-speculation-by-joseph-e-stiglitz-and-ham… 2/4
7/4/2020 Welche Konjunkturimpulse funktionieren? by Joseph E. Stiglitz & Hamid Rashid - Project Syndicate

Die Regierungen sollten zudem die Ausgabe von Gutscheinen in Betracht ziehen,
um den privaten Konsum anzukurbeln. In China, wo derzeit die
Kommunalregierungen von 50 Großstädten digitale Gutscheine ausstellen, die
innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens zum Kauf verschiedener Waren und
Dienstleistungen genutzt werden können, geschieht dies bereits. Das Ablaufdatum
macht diese Gutscheine zu wirkungsstarken Konsumanreizen, die die
Gesamtnachfrage kurzfristig befeuern – also in der Phase, in der dies am
nötigsten ist.

Da die Pandemie vermutlich sehr viel länger dauern wird als zunächst
angenommen, werden noch weitere Konjunkturimpulse erforderlich sein.
Obwohl etwa die USA bereits drei Billionen Dollar für unterschiedliche
Unterstützungsmaßnahmen ausgegeben haben, wird das Geld ohne weitere – und
hoffentlich besser konzipierte – Maßnahmen das Leben vieler Unternehmen bloß
um ein paar Monate verlängert haben, statt sie tatsächlich zu retten.

Ein Ansatz, der in einer Reihe von Ländern funktioniert hat, besteht darin,
Unternehmen unter der Bedingung zu unterstützen, dass sie ihren
Arbeitnehmern nicht kündigen, und sie bei der Lohnfortzahlung und anderen
Kosten im Verhältnis zum Rückgang ihrer Einnahmen zu unterstützen. In den USA
hat die Kongressabgeordnete Pramila Jayapal aus dem Bundesstaat Washington
einen entsprechenden Gesetzesvorschlag eingebacht, und mehrere Senatoren
haben ähnliche Vorschläge unterbreitet.

Schlecht konzipierte Konjunkturprogramme sind nicht nur ineffektiv, sondern


potenziell gefährlich. Ein schlechte Politik kann zur Ungleichheit beitragen,
Instabilität säen und die politische Unterstützung für die Regierung genau dann
untergraben, wenn sie benötigt wird, um zu verhindern, dass das Land in eine
langwierige Rezession abstürzt. Zum Glück gibt es Alternativen. Doch ob die
Regierungen diese ergreifen, bleibt abzuwarten.

Die hier geäußerten Ansichten spiegeln nicht die Sichtweise der Vereinten Nationen
oder ihrer Mitgliedsstaaten wider.

JOSEPH E. STIGLITZ
Joseph E. Stiglitz, a Nobel laureate in economics and University Professor at
Columbia University, is Chief Economist at the Roosevelt Institute and a former
senior vice president and chief economist of the World Bank. His most recent
book is People, Power, and Profits: Progressive Capitalism for an Age of Discontent.

HAMID RASHID
Hamid Rashid, a former director-general for multilateral economic affairs at the
Ministry of Foreign Affairs in Bangladesh and senior adviser at the UNDP's Bureau

https://www.project-syndicate.org/commentary/stimulus-policies-must-benefit-real-economy-not-financial-speculation-by-joseph-e-stiglitz-and-ham… 3/4
7/4/2020 Welche Konjunkturimpulse funktionieren? by Joseph E. Stiglitz & Hamid Rashid - Project Syndicate

for Development Policy, is Chief of Global Economic Monitoring at the United


Nations Department of Economic and Social Affairs.

https://prosyn.org/tm61CKwde

© Project Syndicate - 2020

https://www.project-syndicate.org/commentary/stimulus-policies-must-benefit-real-economy-not-financial-speculation-by-joseph-e-stiglitz-and-ham… 4/4

Das könnte Ihnen auch gefallen