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7/4/2020 Das Main-Street-Manifest by Nouriel Roubini - Project Syndicate

Das Main-Street-Manifest
Jun 24, 2020 | NOURIEL ROUBINI

NEW YORK – Die Massenproteste im Gefolge der Tötung von George Floyd durch
einen Polizisten in Minneapolis richten sich gegen systemischen Rassismus und
Polizeibrutalität in die USA, aber noch gegen so viel mehr. Die Demonstranten, die
in mehr als 100 amerikanischen Städten auf die Straße gegangen sind, verkörpern
eine breiter angelegte Kritik an Präsident Donald Trump und dem, wofür er steht.
Eine enorme Unterschicht zunehmend verschuldeter Amerikaner ohne soziale
Aufstiegsmöglichkeiten – Afroamerikaner, Latinos und immer öfter auch Weiße –
revoltiert gegen ein System, das sie im Stich gelassen hat.
Dieses Phänomen ist natürlich nicht auf die USA beschränkt. Allein 2019
erschütterten massive Demonstrationen Bolivien, Chile, Frankreich, Hongkong,
Indien, den Irak, den Iran, Kolumbien, den Libanon, Malaysia und Pakistan und
noch weitere Länder. Obwohl diese Episoden jeweils unterschiedliche Auslöser
hatten, spiegelten sie sämtlich Ressentiments über wirtschaftliche Malaise,
Korruption und einen Mangel an wirtschaftlichen Chancen wider.

Dieselben Faktoren helfen, die wachsende Unterstützung der Wähler für


populistische und autoritäre Politiker in den letzten Jahren zu erklären. Nach der
Finanzkrise von 2008 versuchten viele Unternehmen, ihre Gewinne durch
Kostensenkungen zu steigern – angefangen bei den Arbeitnehmern. Statt Personal
im Rahmen formeller Beschäftigungsverträge zu gutem Gehalt und mit
Arbeitgeberleistungen einzustellen, übernahmen die Unternehmen ein auf
Teilzeit-, stundenweiser, prekärer Kurzzeit-, freiberuflicher und Vertragsarbeit
beruhendes Modell und schufen so, was der Ökonom Guy Standing als „Prekariat“
bezeichnet. Innerhalb dieser Gruppe, so Standing, „haben interne Aufspaltungen
zur Verteufelung von Migranten und anderen schutzbedürftigen Gruppen
geführt, und einige sind anfällig für die Gefahren des politischen Extremismus“.

Das Prekariat ist die zeitgenössische Version von Karl Marx’ Proletariat: eine neue
Schicht entfremdeter, in Unsicherheit lebender Arbeitnehmer, die reif sind für die
Radikalisierung und Mobilisierung gegen die Plutokratie (oder was Marx als
„Bourgeoisie“ bezeichnete). Diese Schicht wächst nun erneut, da die
hochverschuldeten Konzerne auf die COVID-19-Krise reagieren, wie sie es nach
2008 taten: durch Inanspruchnahme von Rettungsgeldern und Erreichen ihrer
Gewinnziele durch radikale Senkung der Arbeitskosten.

Ein Segment des US-Prekariats umfasst jüngere, weniger gebildete weiße religiöse
Konservative in Kleinstädten und ländlichen Gebieten, die 2016 Trump gewählt

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7/4/2020 Das Main-Street-Manifest by Nouriel Roubini - Project Syndicate

haben. Sie hofften, er würde wirklich etwa gegen das wirtschaftliche „Gemetzel“
tun, das er in seiner Antrittsrede beschrieb. Doch während Trump als Populist
antrat, hat er wie ein Plutokrat regiert, die Steuern für die Reichen gesenkt, auf
Arbeitnehmer und Gewerkschaften eingeprügelt, den Affordable Care Act
(Obamacare) untergraben und auch anderweitig eine Politik verfolgt, die vielen
seiner Wähler geschadet hat.

Vor COVID-19 oder sogar vor dem Aufstieg Trumps starben jedes Jahr etwa 80.000
Amerikaner an einer Überdosis Drogen, und noch viel mehr wurden Opfer von
Suiziden, Depressionen, Alkoholismus, Fettleibigkeit und anderen mit dem
Lebensstil zusammenhängenden Erkrankungen. Wie die Ökonomen Anne Case
und Angus Deaton in ihrem Buch Deaths of Despair and the Future of Capitalism
zeigen, suchen diese Pathologien zunehmend verzweifelte, geringqualifizierte,
un- oder unterbeschäftigte Weiße heim – eine Kohorte, in der die Sterblichkeit im
mittleren Lebensalter im Steigen begriffen ist.
Doch umfasst das amerikanische Prekariat auch städtische, hochschulgebildete
weltliche Progressive, die sich in den letzten Jahren hinter linken Politikern wie
den Senatoren Bernie Sanders (Vermont) und Elizabeth Warren (Massachusetts)
gesammelt haben. Es ist diese Gruppe, die nun auf die Straßen geht, um nicht nur
Rassengerechtigkeit, sondern auch wirtschaftliche Chancen einzufordern
(tatsächlich sind diese beiden Sachverhalte eng miteinander verknüpft).

Dies sollte keine Überraschung sein, bedenkt man, dass die Ungleichheit der
Einkommen und Vermögen seit Jahrzehnten steigt, bedingt durch viele Faktoren,
darunter die Globalisierung, den Handel, Migration, Automation, die Schwächung
der Gewerkschaften, den Aufstieg eines Marktes, auf dem es nur Gewinner und
Verlierer gibt, sowie die Rassendiskriminierung. Ein auf rassischer und sozialer
Ausgrenzung beruhendes Bildungssystem fördert den Mythos von der
Meritokratie, während es die Position der Eliten konsolidiert, deren Kinder
konsequent Zugang zu den führenden akademischen Einrichtungen erhalten und
dann die besten Arbeitsplätze in Beschlag nehmen (und die dabei normalerweise
untereinander heiraten und so die Bedingungen reproduzieren, von denen sie
selbst profitiert haben).

Diese Trends haben derweil durch Lobbyismus, Wahlkampfspenden und andere


Formen der Einflussnahme politische Rückkoppelungsschleifen geschaffen und so
ein Steuer- und Regulierungssystem weiter verfestigt, das den Reichen
zugutekommt. Es ist kein Wunder, dass, wie Warren Buffett bekanntermaßen
äußerte, der Grenzsteuersatz von Buffets Sekretärin höher ist als Buffets eigener.

Oder dass eine satirische Überschrift in The Onion kürzlich spottete: „Kritik an
Protestierenden, weil sie Unternehmen geplündert hätten, ohne zuerst eine
Private-Equity-Firma zu gründen“. Plutokraten wie Trump und seine Amigos
plündern die USA seit Jahrzehnten aus und nutzen dafür Hightech-Finanztools,
Schlupflöcher im Steuer- und Konkursrecht und andere Methoden, um der Mittel-
und der Arbeiterschicht Vermögen und Einkommen zu entziehen. Unter diesen
Umständen ist die Empörung, die die Kommentatoren von Fox News angesichts

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von ein paar Fällen von Geschäftsplünderungen in New York und anderen
Städten an den Tag legen, der Gipfel der Scheinheiligkeit.

Es ist kein Geheimnis, dass was der Wall Street nutzt der Main Street schadet –
was auch der Grund ist, warum die großen Aktienindizes neue Rekordstände
erreicht haben, während die Mittelschicht ausgehöhlt wurde und immer tiefer in
Verzweiflung verfiel. Da die reichsten 10% 84% aller Aktien halten – und die
untersten 75% gar keine –, tun steigende Aktienkurse für das Vermögen von zwei
Dritteln der Amerikaner absolut gar nichts.

Wie der Ökonom Thomas Philippon in The Great Reversal zeigt, verschärft die
Konzentration oligopolistischer Macht in den Händen der großen US-Konzerne die
Ungleichheit weiter und führt zur Marginalisierung der Normalbürger. Ein paar
Einzelfälle vom Glück begünstigter Vorzeigeunternehmen (Start-ups mit einer
Bewertung von einer Milliarde Dollar oder mehr), die von ein paar vom Glück
begünstigten Twens geführt werden, ändern nichts an der Tatsache, dass die
meisten jungen Amerikaner zunehmend in prekären Verhältnissen leben, mit
Kurzzeitbeschäftigungen, die nirgendwo hinführen.

Natürlich war der Amerikanische Traum stets mehr Wunschtraum als Realität.
Wirtschaftliche, soziale und intergenerationale Mobilität sind schon immer hinter
dem zurückgeblieben, was man in Anbetracht des Mythos vom Selfmademan oder
der Selfmadefrau erwarten könnte. Doch angesichts der nun abnehmenden
sozialen Mobilität bei gleichzeitiger Zunahme der Ungleichheit sind die heutigen
jungen Leute zu Recht wütend.

Und jetzt revoltiert das neue Proletariat – das Prekariat. In Anlehnung an Marx
und Engels’ Formulierung im Kommunistischen Manifest kann man sagen: „Mögen
die plutokratischen Klassen vor einer Revolution des Prekariats zittern. Die
Prekarianer haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu
gewinnen. Prekarianer aller Länder, vereinigt euch!”

Aus dem Englischen von Jan Doolan

NOURIEL ROUBINI
Nouriel Roubini, Professor of Economics at New York University's Stern School of
Business and Chairman of Roubini Macro Associates, was Senior Economist for
International Affairs in the White House’s Council of Economic Advisers during
the Clinton Administration. He has worked for the International Monetary Fund,
the US Federal Reserve, and the World Bank. His website is NourielRoubini.com.

https://prosyn.org/ALDu3Vmde

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