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Archäologie und Ritual

Auf der Suche nach der rituellen Handlung in


den antiken Kulturen Ägyptens und Griechenlands

herausgegeben von

Joannis Mylonopoulos † Hubert Roeder

Sonderdruck

Phoibos Verlag Wien 2006


Gedruckt mit der finanziellen Unterstützung des Sonderforschungsbereiches 619 „Ritualdynamik.
Soziokulturelle Prozesse in historischer und kulturvergleichender Perspektive“ und des Seminars für Alte
Geschichte und Epigraphik der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

BibliograWsche Information Der Deutschen Bibliothek


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Abbildungsnachweis zu Einband und Trennblättern S. 23 bzw. S. 123:


Ägyptisches Relief: Reliefblock aus dem Grab des Amen-em-inet, 18. Dynastie, Sammlung des
Ägyptologischen Instituts der Universität Heidelberg (Foto: Eva Hofmann)
Griechisches Relief: Weihrelief, ca. 350 v. Chr., Athen NM 1429 (DAI Neg. 1993/341; Foto: Klaus-
Valtin von Eickstedt)

Copyright # 2006, Phoibos Verlag, Wien. All rights reserved


www.phoibos.at; oYce@phoibos.at
Printed in Austria: Robitschek & Co. Ges.m.b.H., 1050 Wien
ISBN 3-901232-68-0
Archäologische Wissenschaften und Ritualforschung
Einführende Überlegungen zu einem ambivalenten Verhältnis

Joannis Mylonopoulos – Hubert Roeder

„Archäologie und Ritual“ ist eine Überschrift, unter die sich vieles subsumieren lässt, so dass eine
so allgemein gehaltene Vorgabe für eine Tagung und eine Publikation erläutert werden sollte.
Der Titel steht zunächst einmal für eine OVenheit gegenüber der Quellen- und Befundauswahl
und den individuellen Fragestellungen der Autoren. Es sollten keine Themen vorgegeben, son-
dern vorgestellt werden, keine Probleme vorformuliert, sondern aufgedeckt werden.
Der oVenen Auslegung des Tagungstitels steht aber eine dezidierte Intention gegenüber, so
dass er durchaus an Konkretheit gewinnt. Verstehen wir unter „Archäologie und Ritual“ nicht
einfach ein Sammelsurium unterschiedlichster Befunde, sondern eine übergeordnete methodische
Fragestellung, dann wird der Titel an Schärfe gewinnen. Anders als z. B. beim SFB-Symposium
„Trauerrituale“ 1 geht es hier nicht um die Hinterfragung eines besonderen Befundes oder einer
speziWschen kulturellen Thematik, sondern um die Beleuchtung einer Methodik und einer den
einzelnen Beiträgen übergeordneten Problematik. Selbstverständlich stehen auch hier die konkre-
ten Quellen und Befunde im Vordergrund, die alle einen unmittelbaren Bezug zu Ritualen auf-
weisen. Aber die gewollte Vielfalt der Beiträge sollte uns zu einer Fragestellung hinführen, die in
der Schlussdiskussion der Tagung behandelt wurde: die Möglichkeiten und Grenzen der Archäo-
logie im weiteren Sinne bzw. der archäologischen Feldforschung im engeren Sinne bei einer Ar-
beit mit Ritualen. Das war die Vorgabe, vor deren Hintergrund die Tagung konzipiert wurde
und vor dem diese Themenstellung verstanden werden sollte.
Die Verbindung ägyptologischer und klassisch-archäologischer Beiträge ergab sich aus SFB-
internen Erwägungen heraus und erwies sich wegen der kontextuell bedingten Eigenheiten und
Unterschiede im Gottesbild, in der Gesellschaftsstruktur, in der medialen Darstellung usw. zwi-
schen den antiken Kulturen Ägyptens und Griechenlands als interdisziplinär äußerst inspirierend.

Doch ging es uns bei der Konzipierung dieses Vorhabens im Rahmen des Sonderforschungsberei-
ches „Ritualdynamik“ um mehr, als ein einzelner Band und eine einzelne Tagung zu leisten ver-
mögen. Uns beschäftigte die Frage nach der Positionierung und nach einer – möglicherweise
neuen – Gewichtung archäologischer und allgemein altertumswissenschaftlicher Forschung inner-
halb der Fächer übergreifenden Ritualwissenschaft. 2 Der transdisziplinäre3 Blick über die Gren-

1 J Assmann † F Maciejewski † A Michaels logie in der transdisziplinären Forschung und deren Ein-
(Hrsg.), Der Abschied von den Toten. Trauerrituale im Kul- stufung als „ein Merkmal des postmodernen wissenschaft-
turvergleich, Göttingen 2005). lichen Diskurses“ s. A Loprieno, Interdisziplinarität und
2 Zur Ritualwissenschaft als einer sich aus einer For- Transdisziplinarität in der heutigen Ägyptologie, in: T
schungsrichtung entwickelnden eigenen Disziplin („ritual Hofmann † A Sturm (Hrsg.), Menschenbilder – Bilder-
studies“) s. D J Krieger † A Belliger, Einführung, in: menschen. Kunst und Kultur im Alten Ägypten, Norderstedt
dies (Hrsg.), Ritualtheorien. Ein einführendes Handbuch, 2003, 227 V. bes. 229 f. Ein solches transdisziplinäres Pro-
Opladen – Wiesbaden 1998, 7 V. jekt stellt auch das neue Forschungsvorhaben u. a. der Al-
3 Als „transdisziplinär“ wird hier der wissenschaftli- tertumswissenschaften in Heidelberg dar, s. T Ho¤lscher †
che Austausch zwischen Disziplinen verstanden, die in J Maran, Altertumswissenschaftliches Kolleg Heidelberg:
ihrer forschungspolitischen Zielrichtung, in ihrem metho- Ein Projekt des Landes Baden-Württemberg, Archäol.
dischen Ansatz und in ihrem Quellenbefund prinzipiell Nachr.bl. 10, 2005, 7 V.; 7: »Das Ziel ist eine Intensivie-
unterschiedlich einzustufen sind, anläßlich bestimmter Fra- rung der Forschung durch Brückenschläge über den Ge-
gestellungen jedoch zusammenWnden können, wie z. B. im sichtskreis und die Fragestellungen der traditionellen „klas-
SFB 619 die Medizinische Psychologie, die Germanistik sischen“ Altertumswissenschaften hinaus … Die so
und die Ägyptologie bzw. die Alte Geschichte. Zur Ägypto- vernetzten Fächer der antiken Kulturen treten in eine inten-

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Joannis Mylonopoulos – Hubert Roeder

zen methodisch verwandter Fächergruppen hinaus lässt ganz unterschiedliche Ansätze zu einer
DeWnition und Interpretation des Rituals erkennen. 4 Entsprechend einer wechselnden wissen-
schaftlich-öVentlichen Dominanz einzelner Fächer oder Fächerverbünde wird die jeweils eigene
Perspektive auf das Ritual schnell zum Präjudiz für andere DeWnitionsansätze, welche dementspre-
chend an SigniWkanz verlieren.
Die häuWge Rede von sog. „turns“ in den Kulturwissenschaften, wie z. B. vom performative
turn, ist zunächst einmal Ausdruck solcher methodischer und fachlicher Dominanzen bzw. Auf-
merksamkeiten, über deren absolute wissenschaftshistorische Datierung – auch wegen der gele-
gentlich zeitlich verschobenen Umsetzung solcher Präferenzen in den Einzeldisziplinen – noch
nicht einmal Übereinstimmung zu bestehen scheint. 5 Inwieweit sich hinter solchen turns tatsäch-
lich indigene „Realitäten“ einer Kultur verbergen oder eher von den Wissenschaften generierte
oder zumindest promovierte Befunde, muss daher immer wieder kritisch hinterfragt werden. 6
Die Problematik des Verhältnisses von kulturspeziWschem Befund und wissenschaftlicher
Behandlung betriVt im besonderen Maße das Ritual und die Ritualforschung. So ist festzuhalten,
dass speziWsche wissenschaftliche Diskurse nur ausgewählte Perspektiven auf das Ritual und nicht
den RitualbegriV einer Kultur in seiner Gänze abdecken können, dass sie nur einen von vielen
Aspekten desselben beleuchten. Ein konstruktives Relativieren der einzelnen RitualdeWnitionen
bzw. ihrer Ansätze mit Blick auf die unterschiedliche Selektion von Methoden und Quellen ver-
spricht der Ritualforschung insgesamt einen weit größeren Erkenntniswert als jede einseitige,
fach- oder methodenzentrierte Dominanz einzelner Fächer, die andere Perspektiven zwangsläuWg
aus dem Auge verliert. Dazu benötigt es allerdings intensiver Diskussionen und eines gegenseiti-
gen Kennenlernens insbesondere in transdisziplinärer Hinsicht. Hierzu bietet der Sonderfor-
schungsbereich (SFB) 619 „Ritualdynamik“ die besten Voraussetzungen, da in ihm die
sozialwissenschaftlich-empirischen und die historisch-archäologischen Disziplinen zusammen
Wnden. 7

sive Zusammenarbeit und Auseinandersetzung mit Diszi- 6 Eine transdisziplinäre, postmoderne Forschung, wie
plinen ein, die weit außerhalb des Gesichtskreises der Alter- sie A Loprieno versteht, kennzeichnet allerdings genau
tumswissenschaften liegen, etwa mit systematischen oder die bewusste Aufhebung zweier „Realitäten“, Loprieno,
gegenwartsbezogenen Geisteswissenschaften wie Soziologie a. O. (n. 3), 231f.: »Das zweite Merkmal der Postmoderne,
und Kommunikationswissenschaft, oder auch mit Natur- das auch in unserem Fach große Bedeutung beansprucht,
wissenschaften.« ist meines Erachtens neben der angesprochenen Privilegie-
4 Krieger † Belliger, a. O. (n. 2), 9: »Eines der rung globaler Darstellungen kultureller Zusammenhänge
auffallendsten Merkmale der heutigen Ritualforschung ist die Aufhebung einer strikten Opposition zwischen dem
die Vielfalt der Ansätze und Perspektiven.« referentiellen und dem selbstreferentiellen Diskurs auf
5 s. z. B. die Ausführungen von B Du¤cker, Ritus und der Ebene der wissenschaftlichen Metasprache.«
Ritual im öVentlichen Sprachgebrauch der Gegenwart, in: 7 Der Sonderforschungsbereich umfasst im Augen-
D Harth † G J Schenk (Hrsg.), Ritualdynamik. Kultur- blick sechzehn Teilprojekte aus fast genauso vielen Einzel-
übergreifende Studien zur Theorie und Geschichte rituellen disziplinen, beginnend mit der Assyriologie und anderen
Handelns, Heidelberg 2004, 223 – mit Bezug auf Erika altertumswissenschaftlichen Fächern über die Ethnologie
Fischer‡Lichte – zum linguistic turn der 1970er Jahre und Indologie bis hin zur Germanistik und der Medizini-
(„Kultur als Text“) und zur Gegenbewegung, dem perfor- schen Psychologie sowie weiteren sozialwissenschaftlichen
mative turn, in den 1990er Jahren mit der Aufmerksamkeit Disziplinen; die Fächerzusammenstellung Wndet sich auf
nun auf den Handlungsprozessen; vgl. dagegen die Rede der Homepage des SFB, s. u. (n. 15).
von der „performativen Wende“ – mit Verweis auf D Die im folgenden etwas vereinfachende Dichotomie von
Hymes, Breakthrough into Performance, Urbin 1973 – „sozialwissenschaftlich-empirisch“ und „historisch-archäo-
und der diesbezüglichen „ethnologischen Forschung der logisch“ verkennt nicht die Tatsache, dass sowohl Sozial-
letzten Jahrzehnte“ (Hervorhebung d. Verf.) bei K‡P Ko¤ pp‡ wissenschaften historisch arbeiten, als auch historische
ing, Ritual und Theater im Licht ethnologischer Theorien: Wissenschaften sozialwissenschaftliche Forschungen durch-
Interperformativität in Japan, in: Harth † Schenk führen können.
(Hrsg.), a. O., 343.

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Archäologische Wissenschaften und Ritualforschung

Archäologie und Ritual

In der Einführung zu einer Tagung über Religion und literarische Zeugnisse im antiken Rom an
der Stanford University Wndet sich folgender, für den Stand der archäologischen Disziplinen in-
nerhalb der Altertumswissenschaften in der Erforschung antiker Rituale charakteristischer Satz:
»Reconstruction of rituals is necessarily text-dependent, because without continuous practice
only those ancient rituals embedded in texts will have survived.«8
Fast wie eine Antwort hierauf wirken manche Sätze von Fernande und Tonio Ho¤lscher
im Vorwort des sechsten Bandes der Zeitschrift Archiv für Religionsgeschichte, der sich dem
Thema „Religion und Archäologie“ gewidmet hat: »Soweit archäologische Zeugnisse in der For-
schung zur antiken Religion berücksichtigt wurden, hat man sie zumeist entweder als Illustration
… oder zur Ergänzung von Lücken der schriftlichen Überlieferung … herangezogen. Archäologi-
sche Zeugnisse, sofern sie nach ihren eigenen Funktionen und daran orientierten Methoden be-
fragt werden, können jedoch Perspektiven eröVnen, die aus den schriftlichen Zeugnissen nur
unzulänglich oder auch gar nicht zu erkennen sind.«9
Obwohl die philologischen Wurzeln der Erforschung antiker Religionen und in diesem
Kontext auch Rituale nicht verschwiegen werden können, dürfen die Möglichkeiten der archäolo-
gischen Disziplinen, zum Verständnis antiker ritueller Handlungen auf der Basis ihrer materiel-
len Hinterlassenschaften bzw. ihrer bildlichen Wiedergabe beitragen zu können, nicht
unterschätzt werden. 10 Aber auch das Studium noch lebendiger Religionen und ihrer Rituale
kann von einer archäologisch orientierten Auseinandersetzung mit dem vorhandenen Material
nur proWtieren, wie das Beispiel des Judentums deutlich macht;11 denn nur mit Hilfe der archäo-
logischen Disziplinen können z. B. Bilder als religiöse Symbole oder architektonische Typen als
kultspeziWsche Bauten identiWziert werden. Dank der archäologischen Forschung ist rituelles Han-
deln in der Lage, einen materiellen Kontext und somit einen erfahrbaren, haptischen Fixpunkt zu
bekommen;12 hierdurch wird es möglich, der Gefahr entgegenzuwirken, dass die Beschäftigung
mit antiken Ritualen »sich in abstrakten Spekulationen« ergeht, »die mit der tatsächlichen Welt
der Religionen wenig zu tun hätten.«13
Im Tatsächlichen, im Dinglichen liegt also die besondere Stärke der archäologischen Diszi-
plinen: Sie erlauben uns aufgrund ihres Forschungsobjektes und ihrer Methodik eine visuelle Er-
fahrbarkeit des aus schriftlichen Quellen Bekannten; es handelt sich jedoch um eine
Erfahrbarkeit, welche die Grenzen der einfachen Illustration sprengt, da bereits die Auswahl und
die Form des Dargestellten weitere Informationen zum religiösen Selbstverständnis einer Kultur
verraten, die allein von den schriftlichen Quellen so nicht geliefert werden können. In schriftlo-
sen Kulturen der Vergangenheit stellt darüber hinaus die Archäologie und ihre Methoden den
einzig möglichen Zugang dar. 14

8 A Barchiesi et al. (Hrsg.), Rituals in Ink. A Confe- 1 1 s. z. B. R Hachlili, The Archaeology of Judaism,
rence on Religion and Literar y Production in Ancient Rome in: T Insoll (Hrsg.), Archaeology and World Religion,
held at Stanford University in February 2002, Stuttgart London 2001, 96 V.
2004, VII. 12 Zu diesem Themenkomplex s. zuletzt T Insoll,
9 F Ho¤lscher – T Ho¤lscher (Hrsg.), Religion und Archaeology, Ritual, Religion, London 2004 (ohne Ein-
Archäologie, Archiv für Religionsgeschichte 6, 2004, VII. schränkung auf die Antike).
10 s. z. B. Ch Guittard, Literary Sources and Ar- 13 K Hock, Einführung in die Religionswissenschaft,
chaeological Evidence in the History of Early Roman Reli- Darmstadt 2002, 54.
gion, in: P Pachis – L H Martin (Hrsg.), Theoretical 14 R Bradley, Ritual and Domestic Life in Prehistoric
Frameworks for the Study of Graeco-Roman Religions, Thessa- Europe, London 2005.
loniki 2003, 83 V.

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Joannis Mylonopoulos – Hubert Roeder

Ritualdynamik – zwischen ModiWkation und Tradition von Ritualen

Das Untersuchungsthema des Sonderforschungsbereichs 619 ist einem speziWschen Gesichts-


punkt des Rituals gewidmet: „Ritualdynamik. Soziokulturelle Prozesse in historischer und kultur-
vergleichender Perspektive“. 15 Es geht nicht einfach um Rituale, sondern um die Veränderungen,
denen Rituale unterliegen und die das Wechselspiel zwischen den Ritualen und ihrem kulturell-
historischen Umfeld prägen. „Dynamik“ hat die vielfältigen, häuWg spannungsgeladenen Prozesse
der Veränderung im Blick, in denen Rituale aktiv oder passiv eine Rolle spielen. Der SFB nimmt
also von vornherein eine speziWsche Perspektive ein: weg von der gängigen Meinung, Rituale
seien etwas Starres, Unveränderliches und häuWg Inhaltleeres,16 hin zur Fokussierung der Kräfte
und Ergebnisse der Veränderung.
Dynamik spielt allerdings nicht einfach oder ausschließlich auf Veränderung an, sondern
berücksichtigt das reziproke Verhältnis von Konstanz und Varianz der Rituale unter dem EinXuss
dieses Umfeldes. Dynamik innerhalb einer Ritualentwicklung ist nicht ohne die Dynamik zwi-
schen dem Ritual und seinem kulturell-historischen Kontext zu denken, die Befunde einer Ritual-
dynamik sind nur mit dessen Hilfe zu interpretieren. 17 Das meint nicht, dass rituelle
Handlungen als Zeichen nur über ihren jeweiligen kulturellen Kontext verstehbar und bei wan-
delndem Kontext dementsprechend womöglich unterschiedlich zu interpretieren sind. Es meint
vor allem, dass die einzelnen Komponenten des Rituals – Texte, Objekte, Akteure usw. – im se-
mantisch-funktionalen Austausch mit dem ritualexternen Umfeld stehen. 18 Dieser Austausch
trägt maßgeblich zur Dynamik hinter ModiWkationen und Traditionen von Ritualen bei.
Bereits jetzt lässt sich alleine durch den Perspektivenwechsel ein anderes – oder sagen wir
besser: ein weiteres – Bild von den Ritualen gewinnen. Wohin man blickt, lassen sich plötzlich
Dynamik und Prozesse ausmachen: Innovationen, Variationen und mehr oder weniger bewusste
Spannungen, GegenläuWgkeiten oder gar Widersprüchlichkeiten zwischen einer Verneinung von
Ritualen und ihrer gleichzeitigen, oft unbewussten Bejahung. 19 Hierfür ist es jedoch unverzicht-
bar, sich ein terminologisches und phänomenologisches Regelwerk von Formen und Maßstäben
der Veränderung zu erarbeiten, um die transdisziplinäre Rede von Ritualdynamik nicht im Unbe-
stimmten und Beliebigen verhallen zu lassen. 20 Bevor man in der Zukunft vielleicht zu einer um-

1 5 Zum Anliegen des SFB im Hinblick auf die „Ritua- leerlaufender Wiederholung, der Verwaltung des Still-
ldynamik“ und zur Ritualforschung generell s. D Harth † stands, mangelnder EVektivität (es passiert nichts) und
A Michaels, Grundlagen des SFB 619: Ritualdynamik. fehlender situationsbezogener Handlungsmöglichkeit, weil
Soziokulturelle Prozesse in historischer und kulturvergleichen- die Akteure an vorgegebene, eingeschliVene Handlungs-
der Perspektive, Forum Ritualdynamik 1, Heidelberg 2003; strukturen gebunden seien.«
vgl. A Michaels, Zur Dynamik von Ritualkomplexen, Fo- 17 Zum Phänomen der Ritualdynamik in diesem Zu-
rum Ritualdynamik 3, Heidelberg 2003, 7 V. und insbeson- sammenhang s. die Beiträge in J Kreinath † C Hartung
dere G J Schenk, Einleitung: Tradition und Wiederkehr † A Deschner (Hrsg.), The Dynamics of Changing Rituals.
des Rituellen, in: Harth † Schenk (Hrsg.), a. O. (n. 5), The Transformation of Religious Rituals within their Social
11V. and Cultural Context, Toronto Studies in Religion 29, New
Die Beiträge in der Reihe Forum Ritualdynamik sind ent- York 2004.
weder über die Homepage des SFB 619 (www.ritualdyna- 18 So stehen z. B. Ritualtexte unter dem stilistischen,
mik.uni-hd.de) oder direkt über die Universitätsbibliothek thematischen oder sprachlichen EinXuss der Text- und
abrufbar: archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/por- Sprachgestaltung einer Kultur insgesamt, oder sie können
tal/ritualdynamik sich einer solchen auch bewusst entziehen, was – als Gegen-
16 Zur diesbezüglichen, insbesondere öVentlichen Mei- reaktion darauf – ebenfalls als EinXuss zu bewerten ist.
nung über Rituale s. Du¤ cker, a. O. (n. 5), 219 V.; 250: 19 Vgl. D Harth, Leib und Gedächtnis. Über die Be-
»Von religiösen, pädagogischen und medizinischen Kontex- deutung rituellen Handelns für die Konstruktion und Inter-
ten abgesehen, wird Ritual in der öVentlichen Sprache der pretation symbolischer Ordnungen, Forum Ritualdynamik 4,
Medien vor allem für Handlungssequenzen verwendet, die Heidelberg 2003, 10.
als deWzient und veränderungsbedürftig bewertet werden. 20 Mit Bezug auf die Dynamik von Ritualtexten s. die
Mit diesem BegriV werden Gegenpositionen signalisiert Anmerkungen von H Roeder, Rituelle Texthandlungs-
und aufgebaut. Hinter Ritual verbirgt sich der Vorwurf klassen und RitualdeWnition aus altägyptischer Perspek-

12
Archäologische Wissenschaften und Ritualforschung

fassenden und stringenteren Beurteilung von Ritualen kommen kann, bahnt sich bereits jetzt die
Einsicht den Weg, dass man zunächst einmal relativieren sollte: Rituale sind keineswegs nur
starre, unveränderliche Kreationen eines konservativen, ausschließlich auf Tradition beharrenden
Systems. Rituale können vielmehr zahlreichen Veränderungen unterliegen. Und die Fokussierung
der Ritualdynamik bringt uns dem Wesen des Rituals zumindest einen Schritt näher.

Ritualforschung – zwischen Performanz- und kulturell-historischer Perspektive

Eine besondere Relevanz erhält der Blick auf die Ritualdynamik durch die Performanzforschung,
die unterschiedliche Fachrichtungen involviert. 21 Sie widmet sich den internen und den externen
Bedingungen von cultural performances, 22 die neben TheaterauVührungen, Festen, Wettkämpfen
usw. auch Rituale umfassen. 23 Dabei steht sie umgekehrt wiederum unter dem EinXuss der eth-
nologischen Ritualforschung. 24 Es sind diese Bedingungen der Performanz, die einerseits die auf
Struktur und Form Wxierte Konstanz und Beharrlichkeit des Rituals herausfordern und anderer-
seits permanent Veränderungen provozieren und durchsetzen. Letztere vollziehen sich sowohl im
Detail, z. B. mit Variationen bei den Opferzutaten, der Auswahl der Ritualgemeinschaft oder der
Ausstattung, als auch im großen Entwurf, z. B. mit Änderungen bei der Inszenierung, dem Textre-
servoir oder den Lokalitäten. 25
Mit Performanz verbinden sich die Ereignishaftigkeit26 und die Inszenierung von Handlun-
gen und damit eine Alltagsenthobenheit, die eben auch rituelle Handlungen (in einer Perfor-
manz) kennzeichnet. 27 Ein Ritual als Performanz ist eine multimediale Aufführung, in der

tive, in: B Du¤ cker † H Roeder (Hrsg.), Rituelle Text- der Performance aufgenommen haben, Wnden sich Victor
handlungsklassen. Interdisziplinäre Betrachtungen zum Ver- Turner, der vom „sozialen Drama“ spricht, Erving GoV-
hältnis von Text und Ritual, Forum Ritualdynamik 8, Heidel- man, der die zeremoniellen Aspekte vieler unauVälliger
berg 2004, 25. J Kreinath, Theoretical Afterthoughts, in: Alltagshandlungen aufzeigt, CliVord Geertz, Stanley Tam-
Kreinath † Hartung † Deschner (Hrsg.), a. O. (n. 17), biah, Richard Schechner und andere, welche die Idee der
267 V. führt mehrere hilfreiche „distinctions“ an, unter „kulturellen Performance“ als Darstellung und zugleich als
anderem die zwischen „modiWcations“ und „transformati- Reproduktion kultureller Sinn- und Handlungsmuster aus-
ons“: »ModiWcations are minor changes, which do not gearbeitet haben.«
aVect the identity of the ritual, whereas transformations 23 Zum „Ritual als Performance“ s. die Ausführungen
challenge the ritual’s identity. To put it diVerently, a mo- von Krieger † Belliger, a. O. (n. 3), 9 V.
diWcation is a change in ritual, whereas a transformation is 24 K‡P Ko¤pping † U Rao, Die „performative
a change of ritual. There is, however, no sharp boundary Wende“: Leben – Ritual – Theater, in: dies (Hrsg.), Im
between these two kinds; rather, they form the extremes of Rausch des Rituals. Gestaltung und Transformation der Wirk-
a wide spectrum of how rituals can possibly change.« lichkeit in körperlicher Performanz, Hamburg 2000, 1: »Es
2 1 Einen guten Überblick über die Breite der Perfor- ist gerade die Rezeption eines ethnologischen RitualbegriVs
manzforschung geben die in U Wirth (Hrsg.), Perfor- in anderen wissenschaftlichen Disziplinen – von der Lin-
manz. Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaf- guistik und Folklore bis zur Theater-Ethnologie – ebenso
ten, Frankfurt 2002, gesammelten, grundlegenden Texte wie seine Verwendung im Sprachgebrauch von Künstlern,
mit weiterführender Literatur. Für eine kritische Darstel- Kunstkritikern und Medienexperten, die bewirkt haben,
lung der wichtigsten Performanztheorien s. zuletzt R L dass das Ritual heute in einem größeren Rahmen der Per-
Grimes, Performance Theory and the Study of Ritual, in: formanztheorien diskutiert wird.«
P Antes et al. (Hrsg.), New Approaches to the Study of 25 Beachte hierzu die instruktiven Vorschläge von J
Religion, Vol. 2: Textual, Comparative, Sociological, and Cog- Kreinath zur terminologischen und kategoriellen Klärung
nitive Approaches, Berlin – New York 2004, 109 V. In solcher Veränderungen, s. Anm. 13.
seinem Beitrag stellt Grimes kurz einige der bedeutend- 26 s. die Beiträge in E Fischer‡Lichte et al. (Hrsg.),
sten Vertreter der Performanztheorie vor, bevor er sich Performativität und Ereignis, Tübingen – Basel 2003; Ko¤ pp‡
mit der Kritik von C Bell und ihrer »practice theory« ing † Rao, a. O. (n. 24), 2.
(C Bell, Ritual Theory, Ritual Practice, New York 1992; 27 Ko¤pping † Rao, a. O. (n. 24), 2 f. In der Forschung
dies., Ritual: Perspectives and Dimensions, New York 1997) werden „zwei große Klassen“ rituellen Handelns unterschie-
intensiv auseinander setzt. den: das alltagsakzessorische Handeln und das alltagstrans-
22 Zur Verwendung des BegriVes der „cultural perfor- zendierende Handeln, Harth † Michaels, a. O. (n. 15),
mance“ in der Forschung vgl. Krieger † Belliger, a. O. 15 f. mit Verweis auf Soeffner und Bretschneider/Pa‡
(n. 2), 10: »Unter den Autoren, welche die BegriZichkeit sternack.

13
Joannis Mylonopoulos – Hubert Roeder

Personen, Texte, Bilder, Artefakte und Lokalitäten eine komplexe, inszenierte Einheit bilden, und
in der die Sinne der Rezipienten vielfältig bedient werden. Im Fokus der Performanz steht jedoch
die Körperlichkeit bzw. der Körper als maßgebliches Medium ritueller Transformation. 28 Durch
ihn werden Texte verlautbart und gehört, Bilder gezeigt und gesehen, Artefakte behandelt usw.
Wir können prinzipiell zwei Parteien als Adressaten einer rituellen Performanz unterschei-
den:29 den primären Ritualadressaten, der mittels eines konkreten performativen Handlungsak-
tes – oft eines performativen Sprechhandlungsaktes30 – eine Statusänderung erfahren soll: ein
Verstorbener, der verklärt werden soll, eine Gottheit, die herbeigerufen, besänftigt usw. werden
soll, ein Kranker, der geheilt, oder ein Widersacher, der abgewehrt werden soll. Aber auch Krö-
nungen, Amtseinsetzungen und mit einer Statusänderung verbundene Auszeichnungen gehören
hierher. 31
Doch die ereignishafte und inszenierte Aufführung dieser einzelnen rituellen Handlungs-
akte, also deren Performanz, soll noch weitere, nun sekundäre Adressaten ansprechen: die anwe-
sende Ritualgemeinschaft insgesamt. Die Performanz als solche richtet sich an Partizipianten und
Zuschauer, aber auch an nicht anwesende Gruppen oder an die Gesellschaft insgesamt. Sie soll
Identität stiften, Gemeinschaft fördern, Hierarchien bestärken usw., also Wirkungen entfalten
und Transformationen erzeugen, die weit über die der einzelnen performativen Handlungsakte an
einem primären Ritualadressaten hinausgehen. 32 Hier wäre zu überlegen, ob man entsprechend
der Adressaten nicht auch zwischen einer primären und einer sekundären Leistung bzw. Wirksam-
keit des Rituals unterscheiden sollte.
Wir haben es bei der Leistung und der Wirksamkeit der rituellen Performanz mit der – im
weitesten Sinne – sozialen Dimension des Rituals zu tun, mit der auf einen sekundären Adressa-
ten – ein Kollektiv, eine Gesellschaft, eine Kultur – abzielenden Außenwirkung der einzelnen ri-
tuellen Handlungsakte an einem primären Ritualadressaten. Erst die alltagstranszendierende
Performanz macht das Ritual zu einem Ereignis, das durch seine multimediale Inszenierung ge-
zielt eine breit gestreute, in der Regel auf Sinnlichkeit, Emotion und ReXexion beruhende (sekun-
däre) Wirksamkeit entfaltet, und das erst auf diesem Weg seine kulturellen Sinn- und
Handlungsmuster darstellenden und reproduzierenden Funktionen als cultural performance erfül-
len kann. Über ihre Performanz werden die einzelnen rituellen, d. h. performativen Handlungs-

28 Ko¤pping † Rao (Hrsg.), a. O. (n. 24). (n. 24), 7: »Turner (1989) beschreibt Rituale als speziWsche
29 Diese lassen sich natürlich weiter diVerenzieren. Phasen im Leben einer Gesellschaft, durch die Transforma-
30 Zur DeWnition des performativen Sprechhandlungs- tionen sowohl der gesamten Gesellschaft als auch einzelner
aktes mit Blick auf die altägyptischen Befunde s. Roeder, Individuen herbeigeführt werden. Im Anschluss an van
a. O. (n. 20), 27 V. Zu griechischen Epigrammen als per- Gennep (1986, franz. Orig. 1909) formuliert er ein Drei-
formative Sprechakte s. J W Day, Interactive OVerings: phasenmodell für diesen Übergang, das durch Ablösung,
Early Greek Dedicatory Epigrams and Ritual, HSPh 96, Liminalität und Wiedereingliederung charakterisiert ist.
1994, 37 V. In Bezug auf die römische Kultur s. zu dieser Indem Kulturteilnehmer im Ritual diese Phasen durchlau-
Thematik zuletzt J Ru¤pke, Acta aut agenda: Relations of fen, erfahren sie eine Veränderung, die ihren Status betriVt
Script and Performance, in: Barchiesi et al. (Hrsg.), a. O. und deshalb als Transformation zu verstehen ist.«
(n. 8), 23 V. 32 Vgl. allgemein Krieger † Belliger, a. O. (n. 2),
3 1 Zu letzteren vgl. die Beiträge im SFB-Symposions- 10 V. Diese Zusammenhänge und die wichtige Unterschei-
band von M Steinicke † St Weinfurter (Hrsg.), Inve- dung zwischen den performativen Leistungen eines konkre-
stitur- und Krönungsrituale. Herrschaftseinsetzungen im kul- ten (Sprech-)Handlungsaktes und denen einer Performanz
turellen Vergleich, Köln 2005, bes. den Beitrag von A werden ausgeführt in H Roeder, Performanz und perfor-
Chaniotis, Griechische Rituale der Statusänderung und mativer Handlungsakt. Zur DeWnition und Archäologie des
ihre Dynamik (S. 43 V.). Rituals anhand altägyptischer Fallbeispiele, Forum Ritualdy-
In den Ritualdiskussionen wird oft nicht klar gesagt, auf namik (voraussichtlich 2006).
welche konkreten Handlungsakte welche konkreten Verän- Solche sozialen Funktionen kommen nicht nur der Perfor-
derungen zurückgehen, bzw. wird nicht zwischen den (per- manz, sondern bekanntlich auch der Monumentalarchitek-
formativen) Handlungsakten und ihrer Performanz unter- tur und der Großkunst zu, wie es z. B. in der Forschung des
schieden, so dass übergreifend nur von „transformative(n) „Altertumswissenschaftlichen Kollegs Heidelberg“ themati-
Performanzen“ gesprochen wird, so Ko¤pping † Rao, a. O. siert wird, s. Ho¤lscher † Maran, a. O. (n. 5), 8.

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Archäologische Wissenschaften und Ritualforschung

akte an einem konkret zu benennenden, primären Adressaten zu einem alltagstranszendierenden


Geschehnis, das sich an eine oft diVuse Ritualgemeinschaft bzw. ÖVentlichkeit wendet.
Es sind die Sozialwissenschaften, die diesen Aspekt des Rituals im Blick haben und mit ih-
rer empirischen Feldforschung einen direkten Zugang zur Performanz erlangen. Sie erschließen
die performativen und transformativen Mechanismen, die von einer konkreten Performanz ausge-
hen und auf die Ritualgemeinschaft und die ÖVentlichkeit gerichtet sind, die aber auch die indi-
viduelle Durchführung der Performanz selbst beeinXussen können. 33
Diese Möglichkeit einer beobachtenden oder gar teilnehmenden Forschung an Ritualperfor-
manzen ist den historischen und den altertumswissenschaftlichen Disziplinen naheliegenderweise
verwehrt. Dementsprechend verläuft die Performanz orientierte Ritualforschung hauptsächlich
über sozialwissenschaftlich ausgerichtete Disziplinen, welche wiederum mit der Performanzthema-
tik die Ritualdiskussionen insgesamt im großen Maße bestimmen. In dem Zusammenspiel von
ethnologischer, auf den „rituellen Prozess“ und „die transformative Kraft von Ritualen“ konzen-
trierten Ritualforschung und von Performanzforschung generell ist die Rede von dem performa-
tive turn. 34 Doch hier muss die bereits oben gestellte kritische Frage wiederholt werden,
inwieweit diese „performative Wende“ tatsächlich eine dementsprechend zu verabsolutierende,
neue „Realität“ der indigenen Befunde und Quellen aufdeckt, oder ob sie nicht zu allererst die
fachspeziWsche, methodische Umorientierung reXektiert. Der Gewinn solcher heuristisch durch-
aus notwendigen Standortwechsel oder turns eben auch in der Ritualdiskussion vollzieht sich je-
doch leicht auf Kosten anderer wissenschaftlicher Perspektiven, welche – infolge abweichender
Quellensituationen, Fragestellungen und Methodenorientierung – von den Vertretern dieser
turns schnell aus dem Auge verloren werden.
Hier erscheint ein kritisches und konstruktives Abwägen der jeweiligen Quellen- und Be-
fundauswahl und der individuellen Methodik angemessen, um zu einer Relativierung der manch-
mal zu einseitigen Ritualdiskussionen zu gelangen. So legen eben keineswegs alle
Ritualuntersuchungen ihr Augenmerk auf gleiche oder vergleichbare Quellen und Befunde, und
die unterschiedlichen Methoden schließen sich dementsprechend nicht aus. Man sollte von sich
zu einem Gesamtbild ergänzenden Ansätzen ausgehen, die allerdings hinsichtlich ihrer jeweiligen
Tragweite für eine speziWsche Ritualfrage abgewogen werden müssen. 35
Auch wenn die Performanz, als die Aufführung ritueller Handlungsakte, den unmittelbar-
sten Zugang zur Natur des Rituals ermöglicht, stellt sie doch nur eine von mehreren Perspekti-
ven auf das Ritual. Die Performanzperspektive beleuchtet das Ritual in seiner auszuführenden,
pragmatischen Seite, in der aktuellen aber auch potentiellen Gegenwart einer speziWschen Situa-
tion. Das Ritual als aufzuführende Handlung oVenbart sich am eindrücklichsten in der Perfor-
manz selbst, während deskriptive Bilder und Texte einer solchen diesen Eindruck nicht
wiedergeben können.
Doch eine DeWnition und Interpretation des Rituals muss weitere Blickwinkel berücksichti-
gen, um dem Stellenwert von Ritualen in einer Kultur gerecht zu werden. Hierzu gehört die kon-
zeptionelle Verankerung z. B. des religiösen Rituals, als performative Handlung an und mit den
Göttern, im religiösen System einer Kultur oder Epoche. In ihm kann das Ritual über das Wech-
selspiel mit dem religiösen Diskurs, d. h. der „Theologie“ bzw. der „Rede vom Göttlichen“,36 und
mit der individuellen religiösen Erfahrung, d. h. der Frömmigkeit, Spiritualität oder Mystik, ver-

33 Letzteres ist Thema insbesondere der Theaterwis- 35 s. die Ausführungen unten zur Ritualdynamik.
senschaft, die dieses Potential der sich z. T. selbst generie- 36 J Assmann, Politische Theologie zwischen Ägypten
renden Performanz vor allem an Beispielen des experimen- und Israel, Bonn 1992, 25: »Inzwischen hat sich aber ein
tellen Theaters aufzeigt, s. z. B. E Fischer‡Lichte, religionswissenschaftlicher BegriV von Theologie herausge-
Performativität und Ereignis, in: dies et al. (Hrsg.), a. O. bildet, der auch auf andere Religionen einschließlich der
(n. 26), 11V. altägyptischen anwendbar ist. Theologie ist argumentative,
34 Ko¤pping † Rao, a. O. (n. 24). lehrhaft entfaltete Rede vom Göttlichen.«

15
Joannis Mylonopoulos – Hubert Roeder

standen werden. Prinzipiell Vergleichbares gilt natürlich auch für säkulare Rituale und ihre kon-
zeptionelle Einbettung in politischen und gesellschaftlichen Systemen. 37
Bekanntlich sind es gerade die religionswissenschaftlichen, historischen und altertumswis-
senschaftlichen Disziplinen, die sich diesem Gesichtspunkt bzw. dieser Perspektive des Rituals
widmen und damit der historischen Tiefe und der breit angelegten kulturellen Verankerung des
Rituals in Glaubens-, Herrschafts- und Gesellschaftssystemen nachgehen. Diese Forschungen
stellen neben ihrer speziWschen Ausrichtung auch ein unverzichtbares Regulativ für die Perfor-
manzforschung dar, da sie z. B. die Spannung zwischen Konstanz und Varianz, d. h. die Ritualdy-
namik, vor dem Hintergrund einer longue durée und nicht einzelner Performanzen thematisieren.
Damit wird der eher punktuellen, situationsbezogenen Perspektivierung des Rituals durch die
Performanzforschung und allen daraus resultierenden Schlussfolgerungen eine relativierende Per-
spektivierung entgegengestellt.
Bei der Kontrastierung dieser beiden Perspektiven geht es nicht um die Opposition von Va-
rianz und Konstanz, ModiWkation und Tradition. Solche Dichotomien sind jeder Perspektive ei-
gen bzw. inhärent. Es geht vielmehr um die unterschiedliche Fokussierung, um eine eng bzw.
weit eingestellte Linse auf die Ritualdynamik dieser Dichotomien. Erstere hat die ritualdynami-
schen Bedingungen der Performanz, letztere die der Historie und Kultur bzw. Kulturgeschichte
im Blick. Die historische Perspektive verliert leicht die Bedingungen und Veränderungen in und
durch eine Performanz aus dem Blick, da die Distanz zur einzelnen RitualauVührung zu groß
wird. Der Performanzperspektive geht dagegen leicht die Weite des historischen und kulturellen
Horizontes verloren, da ihr umgekehrt diese Distanz fehlt. Eine in die historische Tiefe und in
die kulturelle Breite gehende Performanzforschung, wie sie durchaus gelegentlich praktiziert wird,
würde daher den Anforderungen einer Ritualforschung gerechter werden als die Fokussierung aus-
schließlich einzelner Perspektiven.
Allerdings gibt es eben gegensätzliche Einschätzungen einer Ritualdynamik, die aus der Do-
minanz der jeweiligen Disziplin und Methode herrühren. Der nahe Blick auf die Ritualperfor-
manz oVenbart zahlreiche ModiWkationen gerade im Detail, der ferne Blick auf die Ritualhistorie
und –kultur zeigt oft lange Traditionen auf. Aus dieser Perspektive oVenbaren sich Veränderun-
gen häuWg eher in größeren Umbrüchen, während die ModiWkationen der Performanzperspektive
im Vergleich dazu eher marginal erscheinen und noch im Rahmen einer Ritualtradition zu liegen
kommen. Somit müssen Behauptungen zur Ritualdynamik vor dem Hintergrund der jeweiligen
Perspektive gesehen werden und können erst nach einer eingehenderen Relativierung der Be-
funde und ihrer Interpretation verabsolutiert werden. Das betriVt auch die wissenschaftshistori-
sche Einschätzung kulturwissenschaftlicher turns, deren Relevanz für die Änderung einer
einzelnen Perspektive außer Zweifel steht, deren gelegentlicher Absolutheitsanspruch aber in
Frage gestellt werden muss. Anders als die ritualdynamischen Bedingungen einer Performanz kön-
nen die dementsprechenden historischen und kulturellen Bedingungen für das Ritual gerade von
den historischen und altertumswissenschaftlichen Fächern erarbeitet werden, natürlich unter der
Voraussetzung einer – von Fach zu Fach verschieden – genügenden Quellenlage. 38
Aber auch der interpretative Anspruch der Performanzforschung auf den oben angesproche-
nen Handlungsaspekt des Rituals muss relativiert werden. Die rituelle Handlung ist nicht nur un-
ter der Perspektive ihrer AuVührung zu betrachten. Eine weitere Aufmerksamkeit muss dem
einzelnen, konkreten rituellen Handlungsakt als solchen gelten, dem so genannten „performati-
ven Handlungsakt“, der uns in Gestalt des performativen Sprechhandlungsaktes seit Austin ge-
läuWg ist und – im übertragenen Sinne – zur funktionalen DeWnition der Performanz bemüht

37 Diese Perspektive der konzeptionellen Erklärung öVentlicher Entschuldigung, in: Harth † Schenk (Hrsg.),
nimmt z. B. F Maciejewski bei der Beurteilung von Ritua- a. O. (n. 5), 179 V.
len öVentlicher Entschuldigung ein, F Maciejewski, Der 38 Vgl. hierzu die Beiträge in Steinicke † Weinfur‡
Kotau der Mächtigen: Zur Globalisierung des Rituals ter (Hrsg.), a. O. (n. 31).

16
Archäologische Wissenschaften und Ritualforschung

wird. Der performative Handlungsakt, der hier als ritueller Handlungsakt deWniert wird, ist als
eine eigene Entität unbedingt von der Performanz zu unterscheiden, die als AuVührung dieses –
sowie weiterer, anders zu deWnierender – Handlungsakte zu verstehen ist. Beide besitzen eine
prinzipiell unterschiedliche Form von Performativität bzw. von performativer Wirksamkeit und
Leistung. Doch erst beide zusammen und in gegenseitiger Bedingung konstituieren das Ritual. 39
Handlungsakte generell sind nicht nur über die Kategorie der Performanz zu verstehen, sondern
auch über die Kriterien der Semantik, der Semiotik, der Sprache – für die Sprechhandlungsakte –
u.v.m. zu deWnieren. Die Merkmale des speziWsch Rituellen sind also keineswegs ausschließlich
über die Performanz als eine „AuVührung von Handlung“ zu ermitteln.
Es sind vor allem die sprach- und textwissenschaftlichen Forschungen, die uns die Perspek-
tive des rituellen Handlungsaktes zu erschließen helfen, und die wiederum in historischen und al-
tertumswissenschaftlichen Disziplinen in Gestalt der philologisch-historischen Forschung eine
Rolle spielen können. Sprechhandlungen, und eben auch performative Sprechhandlungen, gene-
rieren funktional deWnierte Textgattungen. Über tiefgreifende und diVerenzierte Textanalysen las-
sen sich weitreichende Erkenntnisse zu den rituellen Sprechakten, ihrer Genese, ihren
Funktionen, Semantik und Stilistik sowie zu ihrem Kontext gewinnen. 40 Und dennoch haben
sich zahlreiche ritualbezogene Texte als „steingewordener“ Teil der materiellen Kultur erhalten
und zeugen von der engen Verbindung zwischen Bild und Text, die, obwohl sie gleichberechtigte
und doch in ihrer „Textur“ unterschiedliche Elemente einer Gesamtheit darstellen, nur als seman-
tische Entität vollständig nachvollziehbar sind: Die philologisch orientierte Auseinandersetzung
mit einem Ritualtext ohne Berücksichtigung des begleitenden Bildes vernachlässigt die visuelle In-
terpretation des beschriebenen Rituals durch die Akteure, und die Analyse eines Bildes ohne den
es erklärenden Text führt zwar zu einer wertvollen kunsthistorischen Interpretation, koppelt aber
zugleich das Bild von seinem Kontext ab. Hierbei dürfen weder die Bilder als bloße Illustration
noch die Texte als einfache Deskription aufgefasst werden. 41

Die Perspektiven der Ägyptologie und der Klassischen Archäologie


auf das Ritual

Zur Relativierung der eigenen, in den altertumswissenschaftlichen Forschungen vorherrschenden


Standpunkte haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, die Perspektive der Performanz einzuneh-
men und Fragen zur Auf- und Durchführung ritueller Handlungen anhand selektiver und gewollt
disparater Quellen anzugehen. Im Zentrum stehen die Bedingungen der archäologischen Feldfor-
schung und deren Beitrag für eine Rekonstruktion altägyptischer und antiker griechischer Ri-
tuale. Es geht darum, welche Hinweise uns topographische, architektonische, keramologische,
ikonographische und auch textuelle Befunde für die Erschließung von Ritualen liefern.
Dabei werden Texte allerdings nur am Rande erwähnt, obwohl sie – entgegen geläuWger Pra-
xis – nicht nur unter textwissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden dürfen, sondern
auch und gerade unter der Perspektive eines „archäologischen Befundes“. Der Text ist über den
Textträger ein archäologisches Artefakt und zunächst als solches zu behandeln. Das heißt, er ist
im Hinblick auf seinen Fundkontext zu bewerten, um seine Bedeutung als Zeuge einzuordnen
und diese für eine angemessene Interpretation seines Zeugnisses fruchtbar machen zu können.
Doch die besondere Aufmerksamkeit, die in der Regel dem Textinhalt entgegengebracht werden

39 Zu dieser Argumentation s. Roeder, a. O. (n. 32). 4 1 Ein solches Verständnis der Entität Bild-Text war
40 z. B. zu den altägyptischen Hymnen s. J Assmann, das Thema der im Februar 2006 stattgefundenen Tagung
Ägyptische Hymnen und Gebete 2 , Friburg – Göttingen1999, Ikonotexte – Duale Mediensituationen am Institut für Alter-
2 V. tumswissenschaften der Justus-Liebig-Universität Gießen.

17
Joannis Mylonopoulos – Hubert Roeder

muss und die schnell von den archäologischen Fragestellungen ablenkt, ließ es angebracht erschei-
nen, Texte bzw. Textträger nicht in den Vordergrund zu stellen.
Doch müssen wir kurz auf den Text als Ritualzeugen eingehen. Rituale bzw. konkreter ritu-
elle Handlungen lassen sich aus den unterschiedlichsten Quellengattungen erschließen. Ritual-
texte – im weiteren Sinne – erlauben dabei mehrere Blickwinkel auf die Handlungen:42
Deskriptive Texte schildern die rituelle Performanz und ihren Kontext, deliberative, berat-
schlagende Texte behandeln die Vorbereitung des Rituals, die auf möglicherweise einzigartige
Umstände und Kausalitäten der Durchführung Rücksicht nehmen muss, präskriptive Texte geben
mehr oder weniger konkrete Anleitungen zur korrekten Ausführung der Handlung selbst, opera-
tive Texte schließlich sind die unmittelbarsten Zeugen der rituellen Handlung, genauer gesagt der
rituellen Sprechhandlung, da sie die im Ritual verlautbarten Worte repräsentieren. Weitere „ritu-
elle Texthandlungsklassen“ sind identiWzierbar, bleiben hier aber unberücksichtigt. 43

Ägyptologie
Aus Ägypten sind uns insbesondere Tausende operativer Ritualtexte überliefert, die uns die Gat-
tungen und Funktionen von Sprechhandlungen zu erschließen helfen. Auch präskriptive Texte
oder besser Textpassagen sind in großer Anzahl auf uns zugekommen, während deliberative Texte
– zumindest aus pharaonischer Zeit – unseres Wissens nicht nachzuweisen sind. Die relativ weni-
gen, deskriptiv auszuwertenden, wenn auch nicht unbedingt in funktionaler Hinsicht als deskrip-
tiv zu bezeichnenden „Ritualtexte“ thematisieren nur sehr abrißhaft selektive Aspekte ritueller
Handlungen oder Performanzen.
Auch Bilder geben solche verschiedenen Blickwinkel auf das Ritual wieder. Der altägypti-
schen Vorliebe für eine fast schon exzessive Bemalung oder RelieWerung von Grab- und Tempel-
wänden, von Stelen, Papyri usw. haben wir zahlreiche Informationen zu Ritualen zu verdanken.
Auch bei den Bildern können wir zwischen deskriptiven, präskriptiven und operativen Ritualbil-
dern unterscheiden. Hier ist jedoch die Überlieferungssituation umgekehrt: Wir haben zahlrei-
che deskriptive Bilder zur Verfügung, wobei diese jedoch in der Regel nicht die einmalige,
einzigartige Ritualperformanz oder Ritualhandlung abbilden, sondern nur den abstrahierten und
verkürzten Typus einer solchen wiedergeben. Dagegen sind operative Bilder, denen im performa-
tiven Handlungsakt des Zeichnens und Malens eine ähnliche Wirkung und Funktion zukommt
wie dem Text im performativen Sprechhandlungsakt, nicht so zahlreich überliefert und zudem –
wenn auch nicht ausschließlich – auf die Rituale der Heilung und des Schutzes konzentriert.
Demgegenüber Wndet sich eine Reihe präskriptiver Bilder, wobei jedoch die Grenze zu den de-
skriptiven Bildern nicht immer klar zu ziehen ist und man nicht immer eindeutig sagen kann, ob
eine Darstellung eher anleitend oder bloß abbildend gedacht ist.
Die Architektur liefert mit ihrer Raumstruktur und -funktion und mit den Details ihrer Be-
nutzbarkeit wichtige Hinweise auf in ihr ausgeübte Rituale.
Schließlich sind noch die zahlreichen Artefakte wie Statuen, Gebrauchsgegenstände, Kera-
mik usw. zu nennen, die – oft im Abgleich mit Bildern und Texten – uns Aufschlüsse über ihre
Verwendung in den Ritualen und über deren Performanz geben.
Die Behandlung dieser Quellengattungen geschah und geschieht immer noch häuWg unter
stilistischen, typologischen, gattungsspeziWschen und anderen Kriterien. Doch erklären sich ihre
Befunde auch aus ihrer Ritualrelevanz. Umgekehrt erlaubt eine kohärente Sichtung dieser Quel-
lengattungen und Befunde viele Erkenntnisse zu den altägyptischen Ritualen. Dabei kommt ih-
rer Zeugenschaft und damit ihrem archäologischen Kontext eine besondere Bedeutung zu. Leider
haben die archäologischen Feldforschungen in der Vergangenheit häuWg eine diesbezügliche Auf-
merksamkeit missen lassen, was in einigen der Beiträge des vorliegenden Bandes zur Sprache

42 Zur folgenden Terminologie s. Roeder a. O. (n. 43 Dazu s. Du¤ cker – Roeder (Hrsg.), a. O. (n. 20).
20), 20 V.

18
Archäologische Wissenschaften und Ritualforschung

kommt und sich insbesondere für die Rekonstruktion ritueller Handlungen als verhängnisvoll er-
weist.

Klassische Archäologie
In der griechisch-römischen Antike wurden Rituale von den Akteuren nur selten minutiös be-
schrieben und fast nie erklärt. 44 In den meisten Fällen sehen wir uns mit Ritualbeschreibungen
von unbeteiligten Beobachtern oder von späteren Autoren konfrontiert, die aus einem antiquari-
schen, fast wissenschaftlichen Interesse versuchen, den Ablauf viel älterer Rituale wiederzugeben,
ohne immer in der Lage zu sein, den Inhalt der Rituale verstehen zu können. Ein doch unmittel-
bares Zeugnis stellen in dieser Hinsicht die zahlreichen sog. leges sacrae dar, die den Ablauf von
Ritualen, ihre performativen Bestandteile oder das Verhalten der beteiligten Akteure zu reglemen-
tieren versuchen. 45 Und doch reichen Texte nicht immer aus, um ein weitgehend vollständiges
Bild antiker griechischer Rituale zu rekonstruieren, denn rituelle Handlungen sind keineswegs ab-
strakte Ideen, sondern eng mit der materiellen Kultur verbunden: Sie benötigen eine adäquate ri-
tuelle Kulisse, man könnte sogar behaupten, sie brauchen ihre eigene kultische Theaterbühne,46
und bei ihrer Ausführung stellt das Kultgerät einen unabdingbaren Bestandteil dar. Sie werden
keineswegs nur mit Hilfe der Sprache, sondern auch durch Bilder kommunikativ vermittelt. 47
Die Klassische Archäologie als eine traditionsreiche Bildwissenschaft ist in der Lage, sich
mit der direkten, optischen Wiedergabe bzw. mit der visuellen Interpretation von Ritualen ausein-
ander zu setzen. 48 Vor allem Darstellungen auf Vasen oder in der Relief kunst stellen wertvolle
Informationsträger zu fast allen antiken Ritualen dar und erlauben einen Blick auf die Rezeption
ritueller Handlungen durch die Akteure selbst, denn die Wahl des darzustellenden rituellen Mo-
mentes erscheint immer bewußt und nie zufällig. Am deutlichsten macht sich dies in der Wieder-
gabe des griechischen Opferrituals bemerkbar. Kein anderes Ritual der griechischen Antike wird
so häuWg bildlich wiedergegeben, und doch scheint der eigentliche Moment der Tötung als nicht
zumutbar bzw. zeigbar zu gelten. Die auf Ästhetik und Performanz zielende Vorbereitungsphase,
in der reich geschmückte Tiere zum Altar geführt werden oder die Zubereitung des identitätsstif-
tenden gemeinsamen Mahls gehören zu den typischen Momentaufnahmen einer einzigen Se-
quenz aus dem gesamten Opferritual. 49 Wie in der antiken griechischen Tragödie wird der
omnipräsente Tod visuell nicht thematisiert. Eine einzige, aber aussagekräftige Ausnahme exi-
stiert doch: Das Sphagion-Opfer unmittelbar vor dem Beginn einer militärischen Auseinanderset-
zung wird in seiner ganzen Brachialität in der Tat gezeigt, denn bei dieser speziellen Form des
Opferrituals spielen performative Aspekte oder die Stiftung gemeinsamer Identität keine Rolle;
die SigniWkanz des Rituals beginnt und endet mit der Tötung des Tieres und genau dies wird
auch in der Bildkunst thematisiert. 50

44 In dieser Hinsicht stellt die äußerst detailreiche munication in Ancient Greece, 16. Suppl. Kernos, Liège
Beschreibung der Prozession des Ptolemaios II. in Alexand- 2006 (im Druck).
rien bei Athenaios eine interessante Ausnahme dar, vgl. E 48 Zu der ambivalenten Verbindung zwischen Reli-
E Rice, The Grand Procession of Ptolemy Philadelphus, gion und Kunst (ohne Einschränkung auf die Antike) s.
Oxford 1983. zuletzt J R Hinnells, Religion and the arts, in: ders.
45 F Sokolowski, Lois sacrées de l’Asie Mineure, Paris (Hrsg.), The Routledge Companion to the Study of Religion,
1955; ders., Lois sacrées des cités grecques, Supplément, Paris London 2005, 509 V.
1962; ders., Lois sacrées des cités grecques, Paris 1969; E 49 H Laxander, Individuum und Gemeinschaft im
Lupu, Greek Sacred Law. A Collection of New Documents Fest. Untersuchungen zu attischen Darstellungen von Festge-
(NGSL), EPRO 152, Leiden 2005. schehen im 6. und frühen 5. Jahrhundert v. Chr., Münster
46 I Nielsen, Cultic Theatres and Ritual Drama. A 2000; J Gebauer, Pompe und Thysia. Attische Tieropferdar-
Study in Regional Development and Religious Interchange stellungen auf schwarz- und rotWgurigen Vasen, EIKON 7,
between East and West in Antiquity, Aarhus Studies in Medi- Münster 2002.
terranean Antiquity 4, Aarhus 2002. 50 s. unter anderem M H Jameson, SacriWce before
47 J Mylonopoulos, Greek Sanctuaries as Places of battle, in: V D Hanson (Hrsg.), Hoplites: The Classical
Communication through Rituals. An Archaeological Per- Greek Battle Experience, London 1991, 197 V.
spective, in: E Stavrianopoulou (Hrsg.), Ritual and Com-

19
Joannis Mylonopoulos – Hubert Roeder

Die Auseinandersetzung mit der historischen Entwicklung von heiligen Stätten kann einen
wertvollen Beitrag zum besseren Verständnis antiker Rituale und ihrer engen Verknüpfung mit
dem Heiligen Ort, dem Ort der rituellen Performanz leisten. 51 Die Klassische Archäologie trägt
durch die Erforschung architektonischer Hinterlassenschaften in den Kultstätten der griechisch-
römischen Antike entscheidend dazu bei. Die gesteigerte Ästhetisierung des rituellen Lebens
und die Betonung performativer Aspekte vor allem ab der hellenistischen Zeit spiegeln sich
oVensichtlich in dem enormen Stellenwert wider, den gerade Säulenhallen in dieser Zeit als Rah-
men für den Kultbau oder für die Prozessionsstraße bekommen. Die Einführung neuer Kulte
mit ihren Ritualen in altehrwürdigen Heiligtümern oVenbart sich in der geänderten Topographie
dieser Kultstätten. 52
Am wertvollsten sind die archäologischen Disziplinen, wenn es darum geht, das rituelle Le-
ben in frühen Kultplätzen zu erforschen, zu denen jegliche schriftlich Wxierte Informationen feh-
len. Schichten von Asche vermischt mit Tierknochen und zerbrochenem Eßgeschirr zeugen z. B.
in den großen Heiligtümern von Olympia, Nemea oder auch Isthmia von großen Opfern und ge-
meinsamen Kultmählern in den hypäthralen Heiligtümern der Frühzeit und bezeugen die bereits
zu jenem Zeitpunkt identitäts- und normstiftende Funktion von rituellen Handlungen. Darüber
hinaus macht die archäologische Erforschung antiker Kultstätten mittels Grabungen das in den
schriftlichen Quellen meistens erwähnte, aber nicht beschriebene Kultgerät plötzlich greif bar: Ri-
tuelle Waschungen vor dem Eintritt in ein Heiligtum verlassen mit der AuYndung von Perirrhan-
terien die Sphäre der Abstraktion und werden reell. 53 Das Eiopfer an den heiligen Schlangen des
Asklepios, das in Bildern vom Heilheros selbst vollzogen wird, verpXanzt sich durch die Entdek-
kung von Eierphialen in den haptisch nachvollziebaren rituellen Alltag eines Heiligtums.
Allerdings bleibt die Vorstellung, eine einzige Disziplin würde für die Erforschung von anti-
ken Ritualen ausreichen, eine manchmal sogar störende Utopie. Zu manchen Fragen kann die
Klassische Archäologie keine Antworten liefern: Wie vollzog sich z. B. die Orakelbefragung im
Heiligtum des Heros Trophonios im böotischen Lebadeia ? Hier darf man von der Klassischen Ar-
chäologie keinen Beitrag erwarten, denn das Heiligtum ist immer noch nicht ausgegraben. Alle
Informationen über die endlosen rituellen Waschungen, die Übernachtung in einer speziellen
Herberge, die Opferungen an Trophonios und seine Söhne, das nächtliche Schlachtopfer zu Eh-
ren des Agamedes, das Anziehen spezieller Kleider zur Demonstration der Reinheit des Anfragen-
den, die rituelle katabasis in die Orakelhöhle des Trophonios müssen wir den literarischen
Quellen entnehmen. 54
In anderen Fällen führt das Zusammenwirken verschiedener Quellengattungen zu einem
weitgehend vollständigen Bild antiker Rituale: Die schriftlichen Quellen berichten ausführlich
über den heilenden Schlaf in den Heiligtümern des Asklepios oder des Amphiaraos in speziellen
Räumen, die architektonischen Hinterlassenschaften erlauben uns diese sog. Inkubationshallen in
etwas Reales zu verwandeln, und die Darstellungen auf Reliefs geben einen wertvollen Einblick
in die wundersamen Traumheilungen, die wiederum noch detaillierter in literarischen Texten und
auf Inschriften beschrieben werden. 55
Und schließlich gibt es auch diejenigen rituellen Handlungen in der griechisch-römischen
Antike, die uns deutlichst die Grenzen unserer Disziplinen vor Augen führen. Was geschah z. B.

5 1 Hiermit ist allerdings nicht die Auseinandersetzung 53 H Pimpl, Perirrhanteria und Louteria, Berlin 1997.
mit dieser Thematik mit den Methoden und Fragestellun- 54 P Bonnechere, Trophonios de Lébadée. Cultes et
gen der Religionsgeographie gemeint, obwohl eine solche mythes d’ une cité béotienne au miroir de la mentalité anti-
Vorgehensweise bei der Untersuchung antiker sakraler que, Religions in the Graeco-Roman World 150, Leiden
Landschaften absolut sinnvoll wäre. 2003.
52 J Mylonopoulos, The Dynamics of Ritual Space 55 J Riethmu¤ ller, Asklepios. Heiligtümer und Kulte,
in the Hellenistic and Roman Times: Some Case Studies, Heidelberg 2005.
Kernos 20, 2007.

20
Archäologische Wissenschaften und Ritualforschung

rituell genau bei den Mysterien in Eleusis ?56 Die antiken Quellen schweigen demonstrativ und
die materiellen Hinterlassenschaften reichen für eine klärende Antwort nicht aus.

Als Altertumswissenschaftler können wir zwar keine Interviews führen, Akteure ritueller Hand-
lungen befragen oder sie sogar auf Video aufnehmen, aber wir dürfen rätseln und spannende Hy-
pothesen aufstellen, immer in dem vollen Bewußtsein, dass weder die archäologischen
Disziplinen, noch die Alte Geschichte, noch die Klassische Philologie trotz aller intellektueller
Anstrengung die deWnitive Antwort liefern werden. Und genau dies ist auch das Besondere, ja
das Wunderbare an antiken Ritualen: Einen Teil ihrer Geheimnisse werden sie immer bewahren
können.

56 s. dazu unter anderem K Clinton, Myth and Cult. Greek Mysteries. The Archaeology and Ritual of Ancient
The Iconography of the Eleusinian Mysteries, Stockholm Greek Secret Cults, London 2003, 50 V.; Chr Sourvinou‡
1992; ders., Stages of Initiation in the Eleusinian and Inwood, Festival and Mysteries: Aspects of the Eleusinian
Samothracian Mysteries, in: MB Cosmopoulos (Hrsg.), Cult, in: ebenda 25 V.

21
Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

Archäologische Wissenschaften und Ritualforschung. Einführende Überlegungen zu einem


ambivalenten Verhältnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Joannis Mylonopoulos – Hubert Roeder

Ägypten
Der Kult im frühen Satet-Tempel von Elephantine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
Richard Bußmann
Archäologische Relikte kultischer Aktivitäten in Umm el-Qacab/Abydos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
Vera Müller
Die Prozession des Osiris in Abydos. Zur SigniWkanz archäologischer Quellen für die
Rekonstruktion eines zentralen Festrituals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
Andrea Kucharek
Relikte kultischer Mahlzeiten in Auaris/Tell el-Dabca . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
Vera Müller
Deponierungen von Balsamierungsmaterial und Topfnester im spätzeitlichen Theben (Ägypten).
Befund, Kontext und Versuch einer Deutung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
Julia Budka
Der Tierfriedhof von Tuna el Gebel in frühptolemäischer Zeit. Zwischenergebnisse der
Untersuchungen zur Ausstattung des Ibiotapheions . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
Katrin Maurer

Griechenland
Das minoische Stierspringen. Zur Performanz und Darstellung eines altägäischen Rituals . . . . . 125
Diamantis Panagiotopoulos
Votive als Gegenstände des Rituals – Votive als Bilder von Ritualen. Das Beispiel der
griechischen Weihreliefs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
Anja Klöckner
Das Göttliche im Menschenbild. Religiöse Elemente im griechischen Grabrelief . . . . . . . . . . . . 153
Katja Sporn
Architektur und Ritual. Architektur als funktionaler Rahmen antiker Kultpraxis . . . . . . . . . . . . 167
Torsten Mattern
Das Heiligtum des Zeus in Dodona. Zwischen Orakel und venatio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
Joannis Mylonopoulos
Die Schwester des Orakelgottes. Zum Artemiskult in Didyma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
Helga Bumke