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1.

3 Semiotische Grundlagen der fachsprachlichen Kommunikation

Im Rahmen jedwelcher semiotischen Analyse gilt als Anhaltspunkt


Peirce' Typologie der Zeichen (symbolische, indexikalische und
Ikonische), auf die ich im folgenden kurz eingehen werde:

„Ikon ist ein Zeichen, das in seinem Objektbezug ein Beziehung


der Ähnlichkeit, der Abbildung oder der Gemeinsamkeit von
Merkmalen aufweist" (Pierce, zit. nach Nöth 1985: 111).

Index verweist unmittelbar ohne Ähnlichkeit auf ein


tatsächliches vorhandenes, singulares Objekt, zu dem es einen
zeitlichen oder räumlichen Bezug aufweist. Indices sind
hinweisende Zeichen. Sie zeigen entweder direkt auf ein
konkretes Objekt, zu dem sie einen physikalischen Konnex
aufweisen [...,d.A.), oder sie verweisen indirekt durch ein
konventionelles Zeichen (ein Symbol) auf ihr Objekt [...d.A.J."
(Pierce, zit, nach Noth 1985:39)

Als Symbol verweist ein Zeichen unabhängig von Ähnlichkeit


oder unmittelbarer Determination infolge einer
Gesetzmäßigkeit oder einer Konvention auf das Objekt. Es sind
Zeichen, die wie Sprachzeichen durch Arbitrarität und
Konventionalität gekennzeichnet sind." (Pierce, zit. nach Nöth
1985:40)

Die symbolischen und ikonischen Zeichen gehören verschiedenen


semiotischen Systemen / Kodes / Medien an, so die Sprache dem
verbalen Medium, die Bilder dem nonverbalen. Aus diesem Grund
wurden sie auch bis vor kurzem sowohl von der Semiotik als auch
von der Psychologie getrennt betrachtet. Die ersten Ansätze zur
semiotischen Analyse Text-Bild-Kombinationen stammen zwar aus
den 60er Jahren, beziehen sich aber auf Werbetexte, Comics und
verschiedene literarische Texte (wie z.B. die „konkrete Pösie"). Im
Bereiche der Sachtextanalyse bedarf es noch eingehender

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Untersuchungen, da heute, so Kalverkämper (1993: 218), noch keine
operationale Methode" entwickelt wurde, die die höchst komplexen
Wechselwirkungen (im Sinne von semantischen Beziehungen)
zwischen Text und Bild erläutern könnte.

Ein anderer semiotischer Begriff und zwar die Ikonizität, der für mein
Anliegen höchst relevant ist, wurde als Maß der Similarität zwischen
dem Ikon und seinem Referenzobjekt" von Morris ([1946] 1971, zit.
in Noth 1985: 113) geprägt, aber die Ikonizitätsgrade wurden von
späteren Autoren gedeutet, so z. B. durch Wallis (1975) oder Moles
(1972, beide zit, in Noth 1985: 113). Moles hat eine elaborierte
Ikonizität Skala für visuelle Zeichen entwickelt: Zeichen, die ihren
Referenten realistisch abbilden, sind am Pol der maximalen Ikonizität
situiert, während die sprachlichen Zeichen oder algebraischen
Formeln sich am Pol ohne Ikonizität befinden. Die 12 Ikonizitätsgrade
dieser Skala sind nach dem Kriterium der abnehmenden Ikonizität
bzw: abnehmenden Abstraktion geordnet.

Es gibt mehrere Versuche, Taxonomien fachlicher Bilder nach dem


Kriterium der Ikonizität“ aufzustellen. Obwohl Schröders Taxonomie
der Zeichenträger multimedialer Texte",d.h. der verbalen und
nonverbalen Vertextungsmittel (Schröder 1993b: 203), nach eigener
Aussage, keinen Anspruch auf Ausschließlichkeit und Vollständigkeit
erhebt, ist sie trotzdem ein lobenswerter Versuch, die komplexen
Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Zeichen bzw.
Zeichenträgern (im Sinne von Peirce) aufzuzeigen.

Aus der Perspektive der vorliegenden Arbeit ist die Fachlichkeit eng
mit dem Begriff der Ikonizität bzw. Abstraktion verbunden.
Fachlichkeit in Zusammenhang mit Bildern ist nach Kalverkämper
(1993: 220 ff) nicht eine angeborene" Eigenschaft des fachlichen
Bildes, sondern entsteht im Wechselspiel mit dem dazugehörigen
sprachlichen und fachlichen Kontext, was nicht bedeuten soll, daß
der Text immer eine übergeordnete Funktion

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innehat. In der Auffassung Kalverkampers gibt es dreierlei
semantische Beziehungen von Bild und Text:

a) die „textintegrierende" dann, wenn Bilder den Textinhalt mit


den spezifischen Mitteln eines anderen Kodes
veranschaulichen;
b) die „textdominierende" dann, wenn Bilder mehr Information
als der eigentliche Text bieten und
c) die „textergänzende" dann, wenn Bilder nur eine
schmückende Funktion haben und für das Textverständnis nicht
unentbehrlich sind.

Diese letztgenannte Kategorie ist, so Kalverkämper (ebenda). nur


selten in Fach- und Wissenschaftstexten anzutreffen. Ich schließe
mich dieser Auffassung an, da in solchen Texten die Funktionalität"
im Sinne von Hoffmanns, kommunikativer Angemessenheit"
(1987a:96ft), s. Kap. 2.2., eine bedeutende Rolle spielt, so d aß sich
auch Bilder, als „Teile" der Texte, diesem Prinzip unterordnen
müssen3.
In die gleiche Richtung argumentiert auch Picht (1991:1):

„die Gesamtanalyse eines Kommunikats [ kann sich] nicht nur


auf sprachliche Phänomene beschränken, wenn ganz
offensichtlich andere Faktoren wie zB Bilder im weitesten
Sinne, Grafiken, Symbole, Piktogramme u.ä. ebenfalls zum
Zustandekommen der Kommunikation beitragen und oft ein
notwendiger Bestandteil des Kommunikats sind”

Für die semiotische und (fach) textlinguistische Forschung bleiben


noch viele Fragen offen, die in Zukunft eingehender

untersucht werden sollten. Kalverkämper (1993:224) nennt einige


davon:
3
Auf das Problem des Informationsaustausches bzw. suf die semantisch Beziehungen
zwischen Text und fachlichem Bild werde ich in Kapitel 4.1. alter eingehen

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 die Bindung des Bildes an den verbalen Teil des (Fach)textes;

 die Abhängigkeit des Bildes von der(Fach)textsorte, der der


Text angehört;

 die Abhängigkeit des Text-Bild-Verhältnisses von der


Zielgruppe/den Rezipienten;

 die Abhängigkeit des Bildes von den fachlich wissenschaftlichen


Inhalten, also vom Thema des Textes.

2. (Fach)text-(Fach)textsorte

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2.1. Erweiterung des Textbegriffs

Was ist ein Text? Brinker (1988:171) definiert den Text als eine
begrenzte Folge von sprachlichen Zeichen, die in sich kohärent ist
und die als Ganzes eine erkennbare kommunikative Funktion
signalisiert. Diese begrenzte Folge" werfe, so Brinker, das Problem
der Textbegrenzung" auf und implizit der Textbegrenzung Signale",
sowohl der sprachlichen (wie z.B. Überschriften, Buchtitel sowie
bestimmte Einleitungs- und Schlußformeln), als auch der
nichtsprachlichen (bestimmte Druckanordnung Konventionen oder
im Falle der mündlichen Texte die Sprechpausen).

Andere Sprachwissenschaftler (Pfeiffer/Strouhal/Wodak 1987)


betrachten Sprache bzw. Text aus der Perspektive ihrer Einbettung in
sozialpsychologische und sozialpolitische Kontexte, also abhängig
von Gesellschaft, der Gegenwart und ihrer Vorgeschichte. Ich
schließe mich der Meinung von Slama-Cazacu (s.w.o.) sowie
derjenigen von Dressler/Wodak (1989:1) an, insofern Texte nur im
Kontext verständlich sind. Ob Kontext4 oder Kotext 5genannt, handelt
es sich meiner Meinung nach mehr oder weniger um die gleiche
Umgebung" des Textes, mit der dieser in komplexer Wechselwirkung
steht.

Aufbauend auf die türen Erkenntnisse der Kognitionspsychologie,


mißt auch die Sprachwissenschaft (s.ua. Beaugrande/ Dressler 1981)
den mentalen Prozessen

eine große Bedeutung bei der Realisierung der Sprachproduktion


bzw. Sprachproduktion bei, was durchaus die Betrachtung des Textes
im Sinne eines dynamischen" und nicht eines statischen" Begriffs
4
Zur Definition von Kontext und zu seiner Vielschichtig keit siche das Kommunikationsmodell von Slama-
Cazacu in Kap. 1.1.
5
Der Begriff Kontext stammt von Catford (1965:31, apud Göpferich 1995:49. Fußn. 41) und bezeichnet
Textkonstituenten, wie Überschriften, Untertitel, Zwischen-überschriften, Paragraphen, (Unter)sektionen,
Kapitel I u.a. "By co-text we mean items in th e text which accompany the items un der discussion: hence co-
textual.

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rechtfertigt. So z.B. muß der Autor des Textes den Wissensstand des
Lesers antizipieren, während der Leser imstande sein sollte, den
Kontext des Autors zu erkunden, um die Textbotschaft erfassen zu
konnen (s. auch Dahl 2001:34).

Beziehen wir uns ausschließlich auf die schriftliche Kommunikation,


so erkennen wir, dass sie nicht immer „unimedial" verlauft. Spillners
Definition ,multimedialer Texte"/ semiotisch komplexer Texte"
(1982: 96f) führt die wichtigsten Charakteristika solcher Texte an:
a) die wechselseitige Determination der beiden Zeichensysteme
ist sehr vielfältig:
b) die Textbedeutung konstituiert sich aus der spezifischen
Bedeutung jedes einzelnen Zeichensystems;
c) der sprachliche und bildliche Text wird erst durch den
Gesamttext verständlich.

Diese Kennzeichnung trifft auch für Fachtexte zu, (in Fachbüchern


und Fachzeitschriften) sowie für fachbezo gene
(populärwissenschaftliche Vermittlungstexte Zeitschriftenartikel und
Technische Dokumentation).

Auch Hoffmann (HKS:576) plädiert fur einen w eitgefassten


Textbegriff Text indem er behauptet, der Text sei

„als komplexe, höhere Einheit sprachlicher und ikonischer


Äußerungen zu behandeln, um gerade die wechselseitige
Bedingtheit, die Ergänzung in den Funktionen und die
Gesamtwirkung richtig beurteilen zu können“

Somit können wir heute mit einer Erweiterung des Textbegriffs


rechnen. Durch den verstärkten Einsatz der Computer in allen
Bereichen der menschlichen Tätigkeit rücken die sog Hypertexte ins
Zentrum des Interesses sowohl der Textproduktion als auch der

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rezeption. Hypertexte sind Kombinationen von mehreren Kodes, die
miteinander stark interagieren.

Während der gedruckte Text sich aus einer konventionellen Abfolge


von Teiltexten konstituiert, so dass sein Aufbau (Text Bauplan)
einigermassen voraussagbar ist - indem der Leser bei
fortschreitender Lektüre den Sinnzusammenhang immer eindeutiger
erfasst-, sei die Reihenfolge im Hypertext mehr oder weniger beliebig
oder zumindest vielfach und letztlich der Wahl des Lesers aberlassen
(Rothkegel 2001:21). Diese nonsequential Lektüre Art, die durch den
Hypertext eingeleitet wurde, könnte man als interaktiv bezeichnen,
da der Leser selbst entscheiden muss, welche Route" er beim Lesen
einschlägt (s. auch Dahl 2001:33 und Rothkegel 2001:21).

Die Spezifik des elektronischen Mediums bedingt, so Rothkegel


(ebenda:21f). die Interaktivität der Lektüre und die Polylinearität der
Textorganisation. Letztere sei nicht mehr vom Autor vorgegeben,
sondern werde vom Leser selbst konstituiert", so dass die
herkömmlichen Begriffe Textkohärenz, Textkohäsion (s.w.u.) und
Struktur neu definiert werden sollten (s. auch Dahl 2001:33).

Was den Fachtext anbelangt, so treffen zwar alle we sentlichen


Merkmale der allgemeinen Textdefinition auf ihn zu (Hoffmann
HKS:471), aber zunächst sollte er als Mit teilung in einer
außersprachlichen, gesellschaftlich bedingt ten Arbeitssituation
betrachtet werden, denn nur so ließen sich sein Inhalt und seine
Funktion, der Zusammenhang zwischen fachlicher und sprachlicher
Tätigkeit, erfassen (Hoffmann 1988:26).

2.2. (Fach)textsorte- (Fach)texttyp

Da sich der Text als solcher in der Textsorte konkretisiert (Brinker


1988: 118), rücken die Textsorten bzw. Fachtextsorten heute immer

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mehr in das Sentrum des Interesses der Linguisten. Wie im Falle des
(Fach)textes gibt es auch hier keine allgemein akzeptierte Definition
der Textsorte (vgl. Knoblauch HKS:449f). Der Begriff als solcher wird
übrigens in der Literatur ganz unterschiedlich benannt: Textsorte"
„Texttyp", „Textklasse". ,,Textkategorie" oder ,Genre", ein in der
angelsächsischen Textlinguistik am häufigsten anzutreffender Begriff.
K.-D. Baumann (1985:142) betrachtet die ,exakte Differenzierung von
Fachtextsorten" als eine der wichtigsten Aufgaben der
Fachsprachenforschung.

Eine klare und vollständige Definition der Textsorten gibt Brinker


(1988: 124)

[sind, d. A.] „konventionell geltende Muster für komplexe


sprachliche Handlungen [...,d.A.) [die sich] als jeweils typische
Verbindungen von kontextüllen (situativen), kommunikativ-
funktionalen strukturellen und (grammatischen und
thematischen Merkmalen beschreiben [lassen, d.A.). Sie haben
sich in der Sprachgemeinschaft historisch entwickelt und
gehören zum Alltagswissen der Sprache Teilhabe; sie besitzen
zwar eine normierende Wirkung, erleichtern aber zugleich den
kommunikativen Umgang, indem sie den Kommunizierenden
mehr oder weniger feste Orientierungen für die Produktion und
Rezeption von Texten geben".

Swales (1990: 88), als Bergründer und Verfechter der „genre


analysis", betrachtet genre als:

"a class of communicative events, the members of which share


some set of communicative purposes. These pur poses are
recognized by the expert members of the pa-
rent discourse community, and thereby constitute the ra
rationale for the genre [...,d.A.)"

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Nach Hoffmann (1990:11) seien Fachtextsorten eine spe ziele Klasse
von Textsorten, für deren Produktion und Rezeption zusätzlich zum
Alltagswissen noch Fachwissen nötig sei.

Somit ist beiden Definitionen ein sogenanntes „Text(sorten)-wissen"


gemeinsam, das mit neüren Erkenntnissen der Kognitionspsychologie
in Beziehung gebracht werden kann. Das ist u.a. der Tatsache
zuzuschreiben, daß beide Wissenschaftszweige den Textsorten eine
fundamentale Bedeutung in der Kommunikation beimessen.

Aus der Sicht der Kognitionspsychologie wird das Wissen über die
Textstruktur und die Textsorten in Form von „mentalen Schemata 6"
sowohl beim Produzenten als auch beim Rezipienten während des
Produktions-bzw. Verstehensprozesses aktiviert, was zur
Erleichterung beider Prozesse beträchtlich beiträgt (vgl. Muhr 1985:
32; Heinemann/Viehweger 1991: 129-130). Die Forscher sind sich
darüber einig, daß die Gesamtorganisation (globale organisation)
eins Textes einen starken Einfluß auf dessen Verarbeitung ausübt.
Eine gute Textorganisation die mest als kanonisch“ betrachtet wird,
erleichtere die Verarbeitung bzw. das Verständnis des Textes
(Kintsch/Yarbrough 1982). Aus psychologischer Sicht würde das
bedeuten, daß beim Lesen im Langzeitgedächnis ein Schema aktiviert
würde, das der spezifischen Struktur des Textes entspreche
(Benoit/Fayol 1989:72).

Daraus geht m. E. auch die große praktische Bedeutung der


Textsorten für den Lehr-/Lernprozeß im Allgemeinen und für den
Fremdsprachenunterricht im Besonderen (s.w.u.) hervor.

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Die Begriffe Schemas" und „Frames" zur Bezeichnung von Wissens repräsentationen (.Textwissen".
Weltwissen" u.a.) wurden von Rumelhart und Minsky in den 70er Jahren eingeführt und später von der
Textlinguistik wiederentdeckt.

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Die sogenannten Gattungssignale" nähern sich begrifflich den oben
erwähnten ,mentalen Schemata", da sie laut Kalverkämper (19836:
92 ff) als ,Meta-Informationen" oder metakommunikative Hilfen"
kodifiziert, durch Texterfahrung gelernt und als Textkompetenz für
beide [Kommunikations]partner eine gewisse memorierte
Gewohnheit (sind, dA.]". Darauf beruhe die fundamentale des
Klassifizierens7', die sowohl für die Textrezeption charakteristisch ist.

Die ersten Textklassifizierungsversuche, die wir aristoteles und Horaz


verdanken, entspringen wahrscheinlich demselben Klassifizierung
Bedürfnis. Die verschiedenen Dichtungsarten (,Gattungen") und
besonders die ,Genres", die die Literaturwissenschaft bzw.
Gattungspoetik im engeren Sinne unterscheiden, sind voneinander
nicht immer scharf zu trennen. Wir beabsichtigen hier aber weder
über Norm und Normverstoß noch über das ideale Verhältnis
zwischen ihnen zusprechen (für eine ausführliche Diskussion s.
Kalverkämper 1983b: 94-95).

Die heutige Textsortenlinguistik", wie sie von Gülich/Raible (1975)


definiert wird, hat einen anderen Gegenstand als die Gattungspoetik,
da sie den Textbegriff auch auf den nichtliterarischen Text erweitert
und sich mehr für diesen interessiert. Dabei sind die Begriffe
„Gattung" und ,Textsorte" nicht scharf voneinander zu trennen,
sondern konvergieren vielmehr (vgl. auch Weinrich 1975: 161).

Daß es ein „Textsortenwissen" bzw,eine „Textsortenkompetenz" im


Sinne einer „Sprachkompetenz“

der Sprecher/Hörer einer Sprachgemeinschaft gibt, ist allgemein


akzeptiert (Brinker 1988, Glaser 1990, Heinemann/Viehweger 1991),
obwohl das Repertoire an Textsorten z.Z nicht genau bestimmbar ist.
Glaser (1990:27) spricht sogar von einer Textsorte Performanz" (als
produktiver Umgang mit Texten" definiert), die im Rahmen des
muttersprachlichen Unterrichts und der Berufsausbildung
7
Siehe auch Benoit/Fayol (1989) und Petitjean (1989), die das Klassifizieren" selbst als eine „metate xtuelle"
Aktiv itt betrachten.

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systematisch entwickelt werden soll. Das entspricht durchaus meiner
These der Bewußtmachung von Regularitāten bzw. „Konventionen"
verschiedener Fachtextsorten als Teil des Lektüre Trainings im
Rahmen des FSU (DaF), s. Ghenghea (2000:44ff und 130ff).

Es stellt sich nunmehr die Frage, inwieweit die obengenannten


Alltagskonzepte mit einem „vor theoretischen" Status für eine
allgemein linguistische Textsorten Theorie 120) sollten verwertbar
sind. Nach Brinker (1988:20) sollten diese Konzepte geklärt die
Klassifizierungskriterien auf ein textlinguistisches
Beschreibungsmodell bezogen werden:

Immerhin scheint in der Textsorten-Diskussion der letzten Jahre


Meinung Konsens zu herrschen. So werden laut Heinemann/
Viehweger (1991: 144) die Begriffe ,,Textsorte" und „Textklasse" als
Alltagskonzepte betrachtet, die von einer Sprachgemeinschaft
geprägt wurden und die weil zeitlich bedingt - Veränderungen
unterliegen. Hingegen sei „Texttyp" eine theoretische Kategorie, die
der Textklassifikation diene. Demzufolge würden Sprecher/ Hörer
einer Gemeinschaft zwar über ein Textsortenwissen bzw. Wissen
über globale Textstrukturen", aber nicht über ein „Texttyp Wissen"
verfügen. Dabei handelt es sich aus der Sicht der
Kognitionspsychologie im Grunde genommen um dasselbe
Phänomen, d.h. um den schemageleiteten Verstehensprozeß, wohin
m.E. auch dieses

„Textmusterwissen" gehört, egal ob es „Textsorten-" 8oder


„Texttypenwissen" heißt.

Eines der fundamentalen Probleme der (Fach)textlinguistik ist die


Aufstellung von (Fach)texttypologien; darüber sind sich die meisten
Linguisten einig. Es stellt sich aber die Frage, wie eine
(Fach)textklassifizierung zustandekommen soll?

8
In der vorliegenden Arbeit verwende ich hauptsächlich den Textsorten"-Begriff, da er laut Isenberg (1983:
308) den Begriff des Textes" cinschließt.

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Nach Isenberg (1983: 309 ff) ist die Schaffung einer einheitlichen
Typologisierung Basis" eine wesentliche Voraussetzung für den
Aufbau einer adäquaten (Fach)texttypologie. Die Anforderungen für
eine solche (Fach)texttypologie seien Homogenität, Monotonie,
Striktheit und Exhaustivität, wobei für Isenberg die erste als
Grundanforderung zählt. Nach dem gleichen Autor wird nur Werlichs
integratives Modell dem Homogenitätsprinzip gerecht. ,Text" stellt
den allgemeinsten Begriff dar, worauf in hierarchischer Reihenfolge
die Texttypen", „Textformen", die und ,,Textform Varianten"
,,Testexemplare" folgen (vgl. Werlich 1975: 44f). Obwohl ich auf
diese Begriffe nicht näher eingehe, möchte ich hervorheben, daß
Werlichs Auffassung über Texttypen (Deskription, Narration,
Exposition, Argumentation und Instruktion) mit derjenigen von
Heinemann/ Viehweger (1991) übereinstimmt, wobei aber die
„Textformen"(so z.B. ,,Bericht" als objektive Textform der Narration
oder ,,Erzählung" als ihre subjektive) nicht unbedingt mit den
,,Textsorten" gleichzusetzen sind. Außerdem unterscheidet Werlich
(ebenda: 73ff) auch „Kompositionsmuster", die traditionsgebunden
sind (z.B. das Layout) und die seiner Meinung nach besonders bei
fiktionalen Texten an das Vorwissen des Lesers bzw. an seine
„Leseerfahrung" anknüpfen.

Ein anderer wichtiger Ansatz von Brinker (1988) ist, daß er sich in
seiner Analyse von Textsorten auf die Textfunktion als Basiskriterium
für eine Textsortendifferenzierung stützt.
Danach werden Informations-, Appell-, Obligations, Kontakt- und
Deklarationstexte unterschieden (ebenda:125), wobei die Textsorten
weiter durch kontextuelle (Kommunikationsform und
Handlungsbereich) und strukturelle Kriterien (Art des Textthemas
und Form der thematischen Entfaltung) voneinander abzugrenzen
sind.

Brinker (1988: 124) betrachtet sein Modell als besonders gut


geeignet für die Analyse von Gebrauchstexten: die einen sind klar

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normiert (Wetterbericht, Kochrezept, Vertrag, Todesanzeige,
Testament) und somit in hohem Maße manchmal bis auf die
Wortwahl - voraussehbar, während die anderen weniger normiert
sind, indem den Vertretungsmöglichkeiten (hauptsächlich in
struktureller Hinsicht) mehr Spielraum gelassen wird (zB. Werbetext,
Zeitungskommentar, populärwissenschaftlicher Text usw.). Eine
Schwäche dieses Analysemodells ist m.E. das Fehlen der
sprachinteren (lexikalischen, syntaktischen u.a.) Kriterien, die ciner
eingehenden Beschreibung von Textsorten dienen.

Hoffmann (1987a: 96ft) stellt in seiner kumulativen Textanalyse" ein


nuanciertes Analysera ster auf, das sowohl textinterne Kriterien (der
Textstruktur auf all ihren Ebenen angehören) als auch textexterne
(bzw. solche, die sich auf die kommunikative Situation beziehen)
berücksichtigt. „Funktionalität" ist hier das zentrale Konzept, im
Sinne der „kommunikativen Angemessenheit" der einzelnen
Textkomponenten, da die kommunikative Absicht" die
Textkomponenten determiniert. Hoffmanns Textanalyse" versucht
mit Hilfe zweier Matrizen die signifikanten Unterschiede zwischen
den Fachtextsorten zu ermitteln. Es wird eine Hierarchie von
Merkmalen aufgestellt, die nicht einfach katalogisiert, sondern auch -
im Unterschied zu den oben erwähnten Klassifizierungsversuchen
statistisch registriert werden.

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