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POLITIK MEINUNG

13. Januar 2011 DIE ZEIT No 3 9

WIDERSPRUCH

Die One-Man-Show
Die FDP, nicht der Liberalismus
ist in der Krise VON H. GRIMM-GEORGI

DAMALS: 8.12.1999 In seinem Leitartikel Hut ab vor der FDP


(ZEIT Nr. 2/11) verknüpft Bernd Ulrich die
Krise der FDP mit einer Krise des Liberalis-
mus. Er wirft Fragen auf, die eine scheinbare
Bluesrocker Unvereinbarkeit von Freiheiten konstruieren.
Etwa ob es liberal sei, alle Häuser fotografieren
Wieder Mützen, schwarze Mäntel. zu lassen – oder das Recht auf informationel-
Und im Gesicht haariges Ge- le Selbstbestimmung zu schützen. Oder ob ein
strüpp. Wieder mal haben sich Liberaler eher für das Aussäen von gentech-
die drei Herren in Szene gesetzt, nisch manipuliertem Raps eintreten oder Öko-
Gitarrist rechts, Gitarrist links, bauern vor frei umherfliegenden manipulier-
mittendrin der Mann fürs Schlag- ten Samen schützen soll. In diesen wie auch
zeug. Und, klar, ohne Sonnen- den weiteren Fragen scheint ein Widerspruch
brille kein Auftritt. Schon gar zu stecken.
nicht bei irgendwelchen Awards Doch das ist falsch. Liberal ist nicht das
in Las Vegas. Entweder-oder, sondern das Sowohl-als-auch.
Ach, ZZ Top! Wollt ihr wirklich Liberal sein bedeutet vor allem, dem Indivi-
immer noch auf Tournee gehen? duum ein größtmögliches Maß an Freiheit
Seit vier Jahrzehnten schrammelt zuzugestehen. Bei Google Street View muss,
ihr nun über die Bühnen, »Gim- um der informationellen Selbstbestimmung
me all your lovin«, »Legs«, das Genüge zu tun, mit den Mitteln des Rechts-
ganze Programm, immer weiter. staats die Möglichkeit eröffnet werden, einer
Harte Riffs, aufgemotzte Autos, Veröffentlichung zu widersprechen. Ein Un-
Mädels im Minirock, nebenbei ternehmen wie Google muss aber auch die

Fotos: SIPA/ullstein; action press (u.)


bei George W. junior zur Amts- Freiheit bekommen, sein Geschäftsmodell zu
einführung spielen. Und was ein realisieren. Beim genmanipulierten Raps lassen
echter Texaner ist, der behält seine sich über eine gezielte Flächennutzungspla-
fusselige Vermummung eben nung Korridore ausweisen, die durch hinrei-
auch, wenn ein Rasiererfabrikant chenden Abstand einen Schutz der Ökoland-
ihm eine Million Dollar fürs Bar- wirtschaft garantieren.
bieren bietet. Das ist ein Vollbart Nein, die Krise der FDP ist keine Krise
schon wert, die Inszenierung alle- des Liberalismus, sondern eine Krise der
mal. Und hoch die Gitarren! CHD Führungsspitze, die ihren Ursprung in der
mangelnden Akzeptanz bei den Wählern
hat. Ich bin mir völlig sicher, dass sich die
One-Man-Show der zurückliegenden Jahre
von Guido Westerwelle jetzt unerbittlich

Stoppt die Regierung! gegen ihn selbst richten wird. Genauso si-
cher bin ich mir auch, dass dieser schmerzli-
che Prozess der Selbsterkenntnis dazu führt,
dass die FDP nach den anstehenden Land-
Das Parlament wird schwächer, die Exekutive in westlichen Staaten immer stärker – das gefährdet die liberale Demokratie VON SASKIA SASSEN tagswahlen mit einer besseren, geläuterten
Führungsmannschaft im Bund aufgestellt
Wir sind in die Epoche des dysfunktionalen weiterten und die Exekutiven intensiver par- men, um es sodann in ein globales Finanzsystem zu Exekutiven eine Frage auf: Wäre es nicht möglich, sein wird und damit den Liberalismus in
liberalen Staates eingetreten. Am deutlichsten lamentarischer Kontrolle unterwarfen. Zugleich transferieren. mithilfe dieser neuen internationalen Fähigkeiten seiner Komplexität widerspiegelt.
zeigt sich das in den Vereinigten Staaten, aber wurde in dieser Phase die soziale Ungleichheit Auf die Spitze getrieben, könnte diese strukturel- der Exekutiven würdigere Ziele zu verfolgen? Brau-
auch in einigen europäischen Staaten lässt sich zurückgedrängt. In vieler Hinsicht erlebte diese le Verschiebung eine neue Phase in der langen Ge- chen wir nicht zur Bekämpfung des Klimawandels,
Hartmut Grimm-Georgi, 52, ist Architekt und
die Entwicklung kaum übersehen. Dabei be- historische Periode den Triumph von Arbeitneh- schichte der liberalen Demokratie einläuten. In des Hungers, der Armut und vieler anderer Proble- FDP-Kreisvorstand in Delmenhorst
trifft der Niedergang des liberalen Staates nicht mern und Minderheiten. Ihnen gelang es, den dieser Phase verdankt sich der Machtzuwachs der me auf der Welt neue Formen eines Internationalis-
nur die Ebene des Wettbewerbs der politischen Staat zur Erfüllung ihrer langjährigen Forderun- Exekutiven teils dem Umstand, dass sie zunehmend mus der Staaten?
Parteien untereinander. Im Gegenteil, er geht gen zu bewegen. die globale Ökonomie der internationalen Groß- Die Antwortet lautet: Ja, das brauchen wir. Doch Jede Woche erscheint an dieser Stelle ein
weit über die Parteipolitik hinaus, denn er hat Die liberale Demokratie lebt aus der inneren unternehmen mitgestalten und unterstützen. Man im Gegenzug müssen wir uns dann wohl mit der »Widerspruch« gegen einen Artikel aus dem
strukturelle Gründe. Spannung zwischen der Privilegierung von Eigen- könnte das als eine Art von Internationalismus deu- Herrschaft autoritärer Machthaber und Caudillos politischen Ressort der ZEIT, verfasst von einem
Redakteur, einem Politiker – oder einem
Ein entscheidendes Element dieser struktu- tumsrechten einerseits und einem substanziellen ten. Bedauerlich ist nur, dass dieser Internationalis- abfinden – nicht gerade das ideale Szenario einer ZEIT-Leser. Wer widersprechen will, schickt
rellen Veränderung ist die wachsende Macht Begriff von Gleichheit andererseits, zu dem heute mus so unerfreuliche Zwecke verfolgt und neue in- funktionierenden Demokratie. seine Replik (maximal 2000 Zeichen) an
der Exekutive, und zwar gleichermaßen in auch die Menschenrechte gezählt werden. Diese ternationale Bündniskriege führt. Dennoch wirft widerspruch@zeit.de Die Redaktion behält sich
Präsidialsystemen wie in den USA wie in par- Spannung ist niemals aufgelöst worden. Die Ära der entstehende Internationalismus der nationalen Aus dem Englischen von TOBIAS DÜRR Auswahl und Kürzungen vor
lamentarischen Demokratien. Ich betrachte des Keynesianismus hat in vielen Staaten immer-
diesen Prozess, so unerfreulich er sein mag, hin die Bedingungen dafür geschaffen, dass eine
nicht als Abweichung von der Norm, ich halte wohlhabende Mittelschicht und eine aktive Ar-
ihn vielmehr für einen Bestandteil der histori- beitnehmerschaft entstehen konnten. Diese bei-
schen Entwicklung des liberalen Staates. Dabei den Bevölkerungsgruppen haben historisch die li-
muss die wachsende Macht der Exekutive un- berale westliche Demokratie getragen. Sie zu stär-
terschieden werden vom Begriff des »Ausnah- ken hätte ein Schritt auf einem liberalen Entwick-
mezustandes«. Dieser beschreibt eine außer- lungspfad in Richtung größerer Gleichheit sein

steigerung
ordentliche Lage, die sich in Normalität zu- können. Doch die sozioökonomische Periode, die
rückverwandelt, wenn der Notstand vorüber wir derzeit erleben, hat zur Verarmung der tradi-

zusätz liche A bsa tz


25%
ist. Viele Kommentare und Analysen deuten tionellen Kleinbürger- und Arbeiterschichten in
den aktuellen Aufstieg der exekutiven Macht den älteren liberalen Demokratien geführt. Und
als Folge des Ausnahmezustandes, der in Reak- sie hat damit ein Dilemma verschärft, das zu über-
tion auf terroristische Angriffe winden der Liberalismus nie ver- es Modelling?
durch ökonometrisch
eingetreten sei; als Beispiele ge- mocht hat. Das Bürgertum des
.
Das könnt’ ich auch noch
SASKIA SASSEN
nannt werden der USA Patriot Industriezeitalters und die Indus-
Act oder die Antiterrorgesetze triearbeiterschaft wurden in recht-
in der Europäischen Union. licher Hinsicht als völlig ungleiche
Die neue Macht der Exekutive Akteure definiert. Ihre Ungleich-
muss aber vom klassischen Aus- heit ist weder Anomalie noch Ab-
nahmezustand unterschieden weichung. Sie hat ihren Grund in
werden: Wir müssen die Mög- der Gesetzmäßigkeit, in dem
lichkeit in Betracht ziehen, dass Grundwiderspruch der liberalen
die größere Macht der Exekuti- Demokratie.
ve ein Bestandteil unserer »neu- lehrt Soziologie an der Nun tritt dieser fatale Defekt
en Normalität« ist. Diese Un- Columbia University in des Liberalismus mit aller Macht
terscheidungen sind bedeut- New York. Ihr jüngstes wieder in den Vordergrund, nach-
sam, weil sich in den Vereinig- Buch erschien 2008 dem er während der Periode des
ten Staaten ebenso wie in ver- unter dem Titel »Das Keynesianismus teilweise zurück-
schiedenen europäischen Staa- Paradox des Nationalen« gedrängt worden war. Während
ten die Regierungen aktiv da- (Suhrkamp) die Mittelschichten in Indien und Sam, Fitnesstrainer
rangemacht hat, das Wohlerge- China dank der raschen Expan-
hen ihrer Bürger zu opfern, um sion der verarbeitenden Industrien
das Finanzsystem zu retten und einen wach- und der industrienahen Dienstleistungen wach-
senden Anteil der Ressourcen ihrer Länder in sen, hat der Aufstieg der globalen Unternehmens-
den privaten Sektor zu überführen. und Finanzökonomie große Teile der Arbeiter-
Kurz gesagt: Die Exekutive arbeitet daran, klasse, des liberalen Bürgertums wie auch natio-
unsere liberalen Staaten verarmen zu lassen. nale Firmen im Westen geschwächt, und zwar so
Griechenland und Irland, Großbritannien sehr, dass die beiden Bevölkerungsgruppen als
und die Vereinigten Staaten könnten sich als politische Akteure weithin ausfallen. Zugleich hat
Avantgarde eines großen Abgleitens in Rich- dieselbe Entwicklung die Exekutive, die Regie-
tung öffentlicher Armut und privaten Wohl- rungen der Nationalstaaten, mit zusätzlicher
stands erweisen. Diese Rutschbewegung wird Macht ausgestattet.
durch die Politik der Regierungen ermöglicht Diese strukturellen Machtverschiebungen sind
und in Gang gehalten. nicht immer leicht zu erkennen – sie vollziehen
Die Exekutive ist in den westlichen Demo- sich zu guten Teilen innerhalb der ziemlich abge-
kratien seit Langem die mächtigste der drei schotteten Exekutive. So wurden die Billionen,
Gewalten. Aber in der Vergangenheit waren die für die Bankenrettung aufgewendet wurden,
die Parlamente noch weitaus besser als heute in von vielen Kommentatoren als Beleg für die »Wie-
der Lage, den Einfluss der Exekutive im Zaum derkehr des starken Staates« begriffen. Aber das ist
zu halten. So gab es beispielsweise in den sech- eine viel zu allgemeine Interpretation, die weder
ziger und siebziger Jahren des vergangenen der Bankenrettung in den Vereinigten Staaten ge-
Jahrhunderts eine ganze Reihe starker und tat- recht wird noch dem 750 Milliarden schweren
Nee, das wird nix ! Mediaagenturen.
kräftiger Volksvertretungen. Damals stärkten europäische Rettungsfonds, der in Not geratenen
die Parlamente die Rechte von Arbeitnehmern, Regierungen helfen soll, ihre Bankschulden zu be-
Das können nur wir. Die
r-wir.de
sie bauten die Informationsfreiheit aus, erwei- gleichen. Was diese Maßnahmen vielmehr deut- www.media-koennen-nu
terten die Bürgerrechte und erließen Gesetze lich gemacht haben, ist die wachsende Macht der
zum Schutz der Umwelt. Hinzu kamen viele Exekutive, mithilfe von nationalem Recht an das
andere Normen, die die Rechte der Bürger er- Geld ihrer nationalen Steuerzahler heranzukom-