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7/4/2020 Prioritäten für die COVID-19-Wirtschaft by Joseph E.

Stiglitz - Project Syndicate

Prioritäten für die COVID-19-


Wirtschaft
Jul 1, 2020 | JOSEPH E. STIGLITZ

NEW YORK – Auch wenn es scheint, als wäre es in grauer Vorzeit gewesen: Es ist
noch nicht lange her, dass unsere Volkswirtschaften weltweit in Reaktion auf die
COVID-19-Pandemie heruntergefahren wurden. Zu Beginn dieser Krise
erwarteten die meisten eine rasche, V-förmige Erholung; sie gingen davon aus,
dass die Wirtschaft lediglich eine kurze Erholungspause bräuchte. Nach zwei
Monaten liebevoller Pflege und haufenweise finanzieller Unterstützung würde sie
sich erholen und da weitermachen, wo sie vor der Krise stand.
Es war eine attraktive Vorstellung. Doch inzwischen ist es fast Juli, und eine V-
förmige Erholung dürfte eine Wunschvorstellung sein. Die postpandemische
Wirtschaftsentwicklung dürfte blutleer ausfallen, und das nicht nur in Ländern,
die bei der Steuerung der Pandemie versagt haben (namentlich den USA), sondern
selbst in solchen, die sich dabei bewährt haben. Der Internationale
Währungsfonds prognostiziert, dass die Weltwirtschaft Ende 2021 kaum größer
sein dürfte als Ende 2019 und dass die Volkswirtschaften der USA und Europas bis
dahin noch immer um rund 4% kleiner sein werden.

Man kann die derzeitigen wirtschaftlichen Aussichten auf zwei Ebenen


betrachten. Die Makroökonomie sagt uns, dass die Ausgaben aufgrund der
geschwächten Bilanzen der privaten Haushalte und der Unternehmen, einer
Organisations- und Informationskapital vernichtenden Konkursflut und eines
ausgeprägten, durch Unsicherheit über den Verlauf der Pandemie und die
politische Reaktion darauf bedingten Vorsorgeverhaltens sinken werden. Zugleich
sagt uns die Mikroökonomie, dass das Virus wie eine Steuer auf Aktivitäten wirkt,
die enge menschliche Interaktion erfordern. Insofern wird es weiterhin große
Änderungen bei den Konsum- und Produktionsmustern befeuern, und das
wiederum wird einen breit angelegten Strukturwandel herbeiführen.

Wirtschaftstheorie und Geschichte lehren uns, dass die Märkte allein nicht gut in
der Lage sind, einen derartigen Wandel zu bewältigen, insbesondere einen so
abrupten wie diesen. Es gibt keine einfache Methode, Fluglinienpersonal in Zoom-
Techniker zu verwandeln. Und selbst wenn wir das könnten: Die Sektoren, die
derzeit wachsen, sind viel weniger personalintensiv und deutlich
fertigkeitsintensiver als die, die sie ersetzen.

https://www.project-syndicate.org/commentary/covid-2020-recession-how-to-respond-by-joseph-e-stiglitz-2020-06/german 1/3
7/4/2020 Prioritäten für die COVID-19-Wirtschaft by Joseph E. Stiglitz - Project Syndicate

Wir wissen zudem, dass breit angelegte strukturelle Veränderungen tendenziell


ein traditionelles keynesianisches Problem hervorbringen. Das liegt an etwas, das
die Ökonomen als Einkommens- und Substitutionseffekte bezeichnen. Selbst
wenn Sektoren, in denen es keine menschliche Interaktion gibt, wachsen, was
eine Zunahme in ihrer relativen Attraktivität widerspiegelt, wird der damit
verbundene Anstieg der Ausgaben durch die durch sinkende Einnahmen in
schrumpfenden Sektoren bedingte Ausgabenreduzierung mehr als ausgeglichen.

Zudem wird es im Fall dieser Pandemie einen dritten Effekt geben: zunehmende
Ungleichheit. Weil Maschinen nicht von dem Virus infiziert werden können,
werden sie für die Arbeitgeber attraktiver. Dies gilt besonders für die
schrumpfenden Sektoren, die relativ gesehen mehr ungelernte Arbeiter
beschäftigen. Und weil einkommensschwache Gruppen einen größeren Teil ihrer
Einnahmen für grundlegende Güter aufwenden müssen als einkommensstarke,
hat jede automationsbedingte Erhöhung der Ungleichheit kontraktionäre Folgen.
Zusätzlich zu diesen Problemen gibt es zwei weitere Gründe für Pessimismus.
Erstens kann die Geldpolitik zwar einigen Unternehmen mit vorübergehenden
Liquiditätsengpässen helfen – wie sie das während der Großen Rezession der
Jahre 2008-2009 getan hat –, aber Solvenzprobleme kann sie nicht lösen, und auch
die Konjunktur kann sie angesichts in Nullnähe liegender Zinsen nicht ankurbeln.

Zudem werden in den USA und einigen anderen Ländern „konservative“


Einwände gegen steigende Defizite und Schuldenniveaus den notwendigen
fiskalischen Impulsen im Weg stehen. Natürlich waren dieselben Leute gern
bereit, 2017 die Steuern für Milliardäre und Konzerne zu senken, 2008 die Wall
Street zu retten und in diesem Jahr Großkonzernen eine helfende Hand zu
reichen. Doch Arbeitslosenunterstützung, Krankenversicherung und zusätzliche
Hilfen für die Schwächsten der Gesellschaft zu bewilligen ist etwas ganz anderes.

Die kurzfristigen Prioritäten sind seit Beginn der Krise klar. Am offensichtlichsten
ist, dass etwas gegen den Gesundheitsnotstand getan werden muss (etwa durch
Bereitstellung von ausreichend persönlicher Schutzausrüstung und
Krankenhausbetten), weil es ohne Eindämmung des Virus keine wirtschaftliche
Erholung geben kann. Zugleich sind Maßnahmen, um die Bedürftigsten zu
schützen, Liquidität zur Verhinderung unnötiger Konkurse bereitzustellen und
die Verbindung zwischen Arbeitnehmern und ihren Firmen aufrechtzuerhalten,
unverzichtbar, um wenn es soweit ist ein schnelles Wiederhochfahren der
Wirtschaft zu gewährleisten.

Doch selbst mit diesen offensichtlichen Essentials auf der Agenda sind harte
Entscheidungen zu treffen. Wir sollten keine Unternehmen – wie traditionelle
Einzelhändler – retten, die sich bereits vor der Krise im Niedergang befanden;
dies würde lediglich „Zombie-Unternehmen“ schaffen und letztlich Dynamik und
Wachstum beschränken. Auch sollten wir keine Unternehmen retten, die bereits
zu verschuldet waren, um einer Erschütterung zu widerstehen. Die Entscheidung
der US Federal Reserve, mit ihrem Programm zum Ankauf von Wertpapieren den
Markt für Schrottanleihen zu stützen, ist fast mit Sicherheit ein Fehler. Tatsächlich

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ist dies ein Fall, wo Anreize zu systemischem Fehlverhalten (Moral Hazard) ein
echtes Problem sind; Regierungen sollten Unternehmen nicht vor ihrer eigenen
Torheit schützen.

Weil es aussieht, als würde uns COVID-19 noch lange erhalten bleiben, haben wir
Zeit, dafür zu sorgen, dass unsere Ausgaben unsere Prioritäten widerspiegeln. Zu
Beginn der Pandemie war die amerikanische Gesellschaft zerrissen von rassischer
und wirtschaftlicher Ungerechtigkeit, sinkenden Gesundheitsstandards und einer
zerstörerischen Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Angesichts der
derzeitigen massiven staatlichen Ausgaben kann die Bevölkerung zu Recht
verlangen, dass Unternehmen, die Hilfe erhalten, zu sozialer und rassischer
Gerechtigkeit, gesundheitlichen Verbesserungen und einem Wandel hin zu einer
grüneren, stärker wissensgestützten Wirtschaft beitragen. Diese Werte sollten sich
nicht nur in der Weise widerspiegeln, wie wir öffentliche Gelder zuweisen,
sondern auch in den Bedingungen, die wir den Empfängern auferlegen.

Wie meine Mitautoren und ich in einer aktuellen Studie zeigen, können
zielgerechte öffentliche Ausgaben, insbesondere Investitionen in die grüne
Wirtschaft, zeitnah, personalintensiv (was zur Lösung des Problems steil
steigender Arbeitslosigkeit beiträgt) und stark konjunkturfördernd sein – sie
haben pro aufgewandtem Dollar eine deutlich größere Wirkung als etwa
Steuersenkungen. Es gibt keinen wirtschaftlichen Grund, warum Länder,
einschließlich der USA, keine großen, nachhaltigen Wiederaufbauprogramme
auflegen können, die bestätigen, dass sie die Art von Gesellschaften sind, die sie
zu sein behaupten, oder die sie zumindest in diese Richtung führen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

JOSEPH E. STIGLITZ
Joseph E. Stiglitz, a Nobel laureate in economics and University Professor at
Columbia University, is Chief Economist at the Roosevelt Institute and a former
senior vice president and chief economist of the World Bank. His most recent
book is People, Power, and Profits: Progressive Capitalism for an Age of Discontent.

https://prosyn.org/pE3Y9Zxde

© Project Syndicate - 2020

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