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РЕЛИЗ ПОДГОТОВИЛА ГРУППА "What's News" VK.

COM/WSNWS

Nr. 6 / 2.2.2019
Deutschland € 5,10
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Polen (ISSN00387452) ZL 32,–
Portugal (cont) € 6,50
Norwegen NOK 82,–
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Griechenland € 7,–
Italien € 6,50

Das Narrenschiff
Frankreich € 6,50
Finnland € 8,–

GORCH FOCK: Einst Stolz der Marine,


heute Symbol für das Elend der Bundeswehr
Dänemark dkr 53,–
BeNeLux € 5,80

Feinstaub Putin-Freund Schröder Bio beim Discounter


Wo die wahren »Das ist mein Die Öko-Branche
Gefahren lauern Leben, nicht eures« verspielt ihr Image
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ch-
Mitma
Das deutsche Nachrichten-Magazin

Wett-
Hausmitteilung bewerb
Betr.: Rüstung, »New York Times«, Venezuela

Der deutsche Außenminister kam in je-


der Hinsicht zu spät. Als Heiko Maas
Mitte Januar zum Gespräch mit seinem
russischen Kollegen Sergej Lawrow in
Moskau eintraf, hatte sein Flugzeug PROBIER
OLE WITT / DER SPIEGEL
mehr als eine Stunde Verspätung. Dass
die Maschine des Ministers in Berlin zu-
erst enteist werden musste, beeindruckte
den Russen gar nicht, er konnte sich eine
MAL!
süffisante Bemerkung über die deutsche
SPIEGEL-Team in Berlin Pünktlichkeit nicht verkneifen. Auch für Mitmach-Wettbewerb
sein Anliegen, den INF-Vertrag über das
Verbot landgestützter Mittelstreckenwaffen zu retten, war Maas die Zeit davonge- PROBIER MAL!
laufen. Weder Russland noch die USA wollen sich weiter Beschränkungen auferlegen.
Wir suchen die besten Plakat-Ideen
Redakteurin Christiane Hoffmann recherchierte zusammen mit Kollegen aus dem
für gesundes Schulessen.
Berliner Hauptstadtbüro und dem Auslandsressort, wie es zum Zusammenbruch der
Rüstungskontrolle kommen konnte und was sie für Europa und die Welt bedeutet.
»Immerhin darin waren sich Maas und Lawrow in Moskau einig: Die Gefahr eines Darum geht’s:
neuen, weltweiten atomaren Wettrüstens ist sehr real«, sagt Hoffmann. Seite 22
Überzeugt andere davon, sich gesünder in der
Schule zu ernähren – mit einem Werbeplakat!
Was genau müsst ihr tun?
Als Arthur Gregg Sulzberger am 5. August 1980 auf die Welt kam, verkündete die
»New York Times« das freudige Ereignis im eigenen Blatt, als wäre ein Thronfolger Fragt euch zum Beispiel: Wie sieht die Welt aus
geboren: »Sulzbergers Have Son«. Seit gut einem Jahr ist der 38-Jährige der neue der Sicht eines gesunden Pausenbrotes aus?
Verleger der »Times«, und er bugsiert die 167 Jahre alte Zeitung so konsequent in die Oder: Wie ernähren sich Schüler im Jahre 2157
Zukunft wie keiner seiner Vorgänger. Sulzberger verantwortete den 2014 veröffent- gesund? Zeichnet, bastelt oder fotografiert es,
lichten »Innovation Report« der Zeitung – das Papier stand am Anfang einer bei- oder entwerft ein Bild am Computer. Überlegt
spiellosen digitalen Aufholjagd. Heute hat die »Times« weltweit vier Millionen Abon- euch noch einen einprägsamen Spruch – und
nenten, doppelt so viele wie vor fünf Jahren. fertig ist das Plakat.
Die SPIEGEL-Redakteure Isabell Hülsen und
Marc Pitzke trafen den Verleger zum Gespräch Wer kann teilnehmen?
CELESTE SLOMAN / DER SPIEGEL

in der »Times«-Zentrale in New York City.


»Sulzberger will beweisen, dass es für Qualitäts- Kinder im Alter von 8 bis 11 Jahren und Jugend-
journalismus im Netz ein zukunftsfähiges Ge- liche im Alter von 12 bis 16 Jahren. Ihr könnt
schäftsmodell gibt«, sagt Hülsen. Auch mit einer allein teilnehmen oder als Gruppe von maximal
Familientradition hat er gebrochen. Die Geburt fünf Freunden.
seiner Tochter vor acht Monaten wurde nicht
in der Zeitung vermeldet. Sulzberger hat statt- Und das könnt ihr gewinnen:
dessen Elternzeit genommen. Seite 70 Pitzke, Hülsen mit Sulzberger 1. Preis: eine Reise nach Hamburg inklusive
Kochkurs in der SPIEGEL-Kantine und
Besuch im Miniatur Wunderland

In einem Hörsaal der Universität von Caracas traf Jens Glüsing, Lateinamerika- 2. Preis: jeweils ein Bücherpaket aus der
korrespondent des SPIEGEL, am Donnerstag den selbst ernannten »Interimspräsi- »Dein SPIEGEL«-Bestenliste
denten« Venezuelas zum Interview. Seit Sonntag hatten dessen Leute immer wieder 3. Preis: ein großes ROSSMANN-Überraschungs-
ein Treffen in Aussicht gestellt, doch Juan Guaidós Tagesablauf ist aus Sicherheits- paket mit gesunden Snacks
gründen unvorhersehbar: Er schläft jeden Tag an einem anderen Ort. Der Mann, der
Machthaber Nicolás Maduro herausfordert und von den USA und dem EU-Parlament
Wie kann man sich bewerben?
bereits als Übergangspräsident anerkannt wird, steht zwar unter gewaltigem Druck –
im Gespräch gab er sich dennoch locker, scherzte Alle Informationen zum Wettbewerb und die
auch immer wieder. Als er zuvor die Universität be- Teilnahmebedingungen findet ihr unter:
treten hatte, begrüßten ihn Tausende Studenten, die www.deinspiegel.de/wettbewerb
EMIN ÖZMEN / DER SPIEGEL

kreischten und Selfies mit ihm machen wollten. Glü-


sing, der Venezuela viele Male bereist hat, empfand
die Stimmung in der Hauptstadt diesmal als bedrü-
ckend, die Repression habe stark zugenommen:
»Nach 18 Uhr ist Caracas eine Geisterstadt, niemand
traut sich aus Angst vor den Greiftrupps der Polizei
Guaidó, Glüsing in Caracas auf die Straße.« Seiten 76, 78

DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019 3


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Inhalt
73. Jahrgang | Heft 6 | 2. Februar 2019

Titel Handel Chinesische


Investoren wollen einen
rheinland-pfälzischen
Bundeswehr Im Sanierungsfall Ort zum »Headquarter der
der »Gorch Fock« spiegelt Weltfabrik« machen . . . . . . . . 44
sich der marode Zustand der
Truppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Mafia Das Deutschland-
geschäft der italienischen
’Ndrangheta . . . . . . . . . . . . . . . . 46
Deutschland

Leitartikel Europa muss sich Gesellschaft


gegen eine technische
Dominanz Chinas wehren . . . 6 Früher war alles schlechter:
Kriegstote und Bericht-
Meinung Der schwarze Kanal / erstattung / Wohin mit
So gesehen: Die ganze der Wut? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
Wahrheit über Schokolade,
Nikotin und Ehebruch . . . . . . . 8 Eine Meldung und ihre

MARK WRIGHT / AP
Geschichte Ein Froschmänn-
CDU-Frauen fordern Gleich- chen findet ein Weibchen –
stellung in Parlamenten / mithilfe einer Dating-
Schärfere Abschieberegeln in plattform . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
rechtlicher Grauzone / Polizei
erwartet neue Räumung Auf Kollisionskurs Traumata Warum
im Hambacher Forst . . . . . . . . 18 der Bürgerkrieg für einen
Washington will den INF-Vertrag kündigen, alten Kommunisten nie
Verteidigung Nach der Kün- der landgestützte Mittelstreckenwaffen verbietet. zu Ende geht . . . . . . . . . . . . . . . . 52
digung des russisch-amerikani-
Damit ist die Kontrolle von Atomraketen,
schen Raketenabkommens Homestory Wie ein Rentner
droht ein neues Wettrüsten 22 die jahrzehntelang für Stabilität sorgte, Geschichte. Schülern das Rechnen
Nun beginnt ein gefährlicher Rüstungswettlauf. Seite 22 beibringt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
Brexit Zerbricht die
Allianz der EU-Staaten? . . . . 30
Wirtschaft
Proteste Streikende Schüler
vernetzen sich weltweit – und Rettungsschirm-Chef will
planen einen globalen Eurobonds / Woher die
Aktionstag zur Klimapolitik 32 Milliarden für den Kohle-
ausstieg kommen sollen . . . . . 58
Fahrverbote In der
WINNI WINTERMEYER / DER SPIEGEL

Auseinandersetzung um die Wettbewerb Airbus als


Schadstoffmesswerte Vorbild: die riskante
droht ein Zahlenchaos . . . . . . 33 Rückkehr der Industrie-
politik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
Essay Die deutsche Seele
brennt: der Streit ums Konsum Bio-Offensive der
Tempolimit . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 Discounter . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64

AfD Die schwierige Energie Die Neuaufstellung


Abgrenzung vom Rechts- Neuerfindung des Rades von E.on und RWE
extremismus . . . . . . . . . . . . . . . . 36 dürfte die Strompreise
In den chronisch verstopften Straßen von San steigen lassen . . . . . . . . . . . . . . . 66
SPD Altkanzler Schröder im Francisco probieren die Bewohner aus, wie sie mit
SPIEGEL-Gespräch über die Mikromobilität Wie die Bürger
Krise seiner Partei und
neuen, manchmal ziemlich kleinen Gefährten von San Francisco elektrische
die außenpolitischen Ziele vorankommen: elektrischen Skateboards, E-Einrädern, Roller, Skateboards
Putins . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 E-Scootern. Ein Spielplatz der Mobilität. Seite 68 und Onewheels nutzen . . . . . 68

4 DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019


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Medien Wissenschaft

Presse SPIEGEL-Gespräch mit Sechs Tage scheintot –

JULIEN LIENARD / CONTOUR BY GETTY IMAGES


dem Verleger der »New York woran starb Alexander der
Times«, Arthur Gregg Sulz- Große? / Die Erfindung
berger, über seinen Kampf für des Aquariums / Das Problem
den Qualitätsjournalismus 70 mit der Psychotherapie . . . . 100

Gesundheit Herzinfarkt,
Ausland Asthma, Diabetes, Krebs –
Feinstaub ist eine
Die Glitzerfassaden von Abu unterschätzte Gefahr . . . . . . 102
Dhabi kaschieren ein hartes
Regime / Frankreich holt seine Klimawandel Meteorologen
IS-Kämpfer zurück . . . . . . . . . . 74 Die Furchtlose prognostizieren ein neues
Warmjahr . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
Venezuela Die USA und Die französische Schauspielerin Juliette Binoche,
die EU helfen Parlaments- Jurypräsidentin der diesjährigen Berlinale, Architektur Hyggelige Hütten –
präsident Juan Guaidó im vom weltweiten Boom der
Kampf gegen den Autokraten
erklärt im SPIEGEL-Gespräch die Vorteile des Alterns, Holzhochhäuser . . . . . . . . . . . 108
Nicolás Maduro . . . . . . . . . . . . . 76 die Schwächen von Präsident Macron und ihre
Abwehrstrategien gegenüber Männern. Seite 112
Juan Guaidó erzählt, wie Kultur
er das Militär auf seine Seite
ziehen will . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 Streit um neuen Nike-Turn-
schuh / Bildband über Thomas
Österreich Wofür steht die von Alles Dreck Bernhard / Kolumne: Besser
der FPÖ nominierte Außen- weiß ich es nicht . . . . . . . . . . . 110
ministerin Karin Kneissl? . . . 80 Diesel verpesten die Städte mit Stickoxiden,
Benziner stoßen gefährlichen Feinstaub aus und beide Legenden SPIEGEL-Gespräch
Afghanistan Die USA wollen mit Juliette Binoche, der
CO , was den Klimawandel beschleunigt – die
ihre Truppen abziehen, es ² Jurypräsidentin der Berlinale,
droht ein neuer Bürgerkrieg 82 Deutschen diskutieren über ihre Dreckschleudern. über #MeToo und die
Vor allem aber: übers Tempolimit. Seiten 33, 34, 102, 106 Proteste der Gelbwesten . . . 112
USA Der Ex-Agent Christopher
Steele trug in einem Dossier Strukturwandel Die Besucher-
Unglaubliches über Donald ANZEIGE zahlen der deutschen Kinos
Trump zusammen – vieles gehen zurück – die Branche
hat sich bewahrheitet . . . . . . . 84 kämpft gegen die Krise . . . . 116
Müssen wir so viele
Lebensmittel wegwerfen? Literatur Der israelische
Sport Schriftsteller Yishai Sarid
erzählt in »Monster« von der
Wie einige Profis ihre Sportart politisch fragwürdigen Umdeu-
dominieren / Magische tung des Holocaust . . . . . . . . 120
Momente: Snowboarderin
Selina Jörg über ihren Schnee- Filmkritik »Frühes Ver-
tanz nach Olympiasilber . . . 89 Nein! Zwei Drittel aller Lebensmittelabfälle lassen sich sprechen« schildert das wilde
vermeiden. Und zwar mit ganz einfachen Maßnahmen: Leben des Schriftstellers
Football LeaksSPIEGEL- gezielt einkaufen, übrig gebliebene Portionen einfrieren Romain Gary . . . . . . . . . . . . . . 123
Gespräch mit dem portugiesi- und Obst- und Gemüsereste rechtzeitig verwerten.
schen Enthüller Rui Pinto Übrigens: Als wichtiger Finanzpartner im Lebensmittel-
über seine Quellen und die und Agrarbereich unterstützt die Rabobank ressourcen- Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
Angst um sein Leben . . . . . . . 90 schonende Projekte, um Lebensmittelverschwendung zu Impressum, Leserservice . . . 124
reduzieren. Helfen auch Sie mit! Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
American Football Wie sich Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . 126
ein einhändiger Footballspieler www.rabodirect.de Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
seinen Traum erfüllte . . . . . . . 96 Hohlspiegel / Rückspiegel . . . 130

Titel-Foto: Thomas Zimmermann / Imago 5


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Das deutsche Nachrichten-Magazin

Netzfreiheit
Leitartikel Europa darf sich bei neuen Handysystemen nicht von China abhängig machen.

I
n Chinas Internet kursiert zurzeit ein Witz über Ame- dass der Geheimdienst NSA selbst vor Jahren einen
rikaner und Deutsche. »Wir hören, ihr wollt Technik Cyberangriff gegen Huawei führte – und zwar mit genau
von einem chinesischen Netzwerkunternehmen kau- den Methoden, die Washington heute den Chinesen
fen«, sagt der Amerikaner. »Tut das nicht! Die wollen unterstellt. Und klar ist auch, dass Washington Interessen-
euch nur abhören.« – »Woher wisst ihr, dass wir bei den politik betreibt. Die US-Regierung will verhindern, dass
Chinesen kaufen wollen?«, fragt der Deutsche. »Von Bun- Peking den Wettlauf um die 5G-Technik gewinnt und
deskanzlerin Angela Merkel«, antwortet der Amerikaner. ein Unternehmen aus dem autoritären Überwachungs-
»Wir hören doch ihr Handy ab.« staat China künftig die Netzwerke des Westens ausrüstet.
Es ist ein kleiner Scherz zu einer großen Frage: Wer Seit Monaten setzen deshalb amerikanische Beamte be-
die Mobilfunknetze der Welt aufbaut, hält Macht in freundete Regierungen, darunter auch die deutsche,
den Händen. Sie sind deshalb Teil eines geopolitischen unter Druck, ihre Netzwerke nicht von Huawei ausrüsten
Konflikts geworden, in dem die USA, China und Europa zu lassen – mit zunehmendem Erfolg.
neue, digitale Einflusszonen Doch im Fall von Huawei ver-
abstecken. folgt die US-Regierung ein legiti-
Die superschnellen Netze des mes Interesse. Peking verweigert
neuen 5G-Standards bilden im westlichen Unternehmen seit
21. Jahrhundert einen zentralen Jahrzehnten den Marktzugang,
Teil der »kritischen Infrastruk- den es für seine eigenen Unter-
tur«. Über sie werden nicht nur nehmen im Westen einklagt:
Telefonate und Internetverbin- Infrastrukturprojekte wie Flug-
dungen abgewickelt, sondern häfen und Energieversorger sind
künftig auch Industrieroboter und für Ausländer in China tabu.
autonom fahrende Autos gesteu- Deswegen sollte auch Europa
ert, die Energieversorgung, ja, im Fall Huawei klar Position
selbst militärische Anwendungen. beziehen. Noch steckt der Auf-
Woher die Sendemasten, die bau der 5G-Netze in den Anfän-
DAVID BECKER / GETTY IMAGES

Relaisstationen und die Software- gen. Das sollten Deutschland und


komponenten dieser Netze stam- die anderen europäischen Staa-
men, ist eine Frage der nationalen ten nutzen, um Peking vor die
Sicherheit. Ist es deshalb verant- Wahl zu stellen: Gleicher Markt-
wortbar, wenn chinesische Fir- zugang für europäische Unter-
men sich am Aufbau des europäi- nehmen in China – oder Huawei
schen 5G-Netzes beteiligen? wird vom Ausbau der europäi-
Die US-Regierung hat dazu schen 5G-Netzwerke ausgeschlos-
eine klare Meinung: Der chinesi- sen. China kennt die Forderun-
sche Huawei-Konzern, inzwischen das größte Unterneh- gen der Europäer seit Jahren, Kanzlerin Angela Merkel hat
men der Branche, erschleiche sich kommerzielle Vorteile, sie bei ihren Besuchen in Peking immer wieder vorgetragen.
stehle westliches Know-how und helfe Pekings Geheim- Das mag die Einführung des 5G-Standards in Europa
diensten, andere Länder auszuspionieren. Huawei und die verzögern, denn Huawei ist seinen westlichen Konkurren-
chinesische Regierung bestreiten diese Vorwürfe. Doch die ten in dieser Technologie voraus. Eine solche Verzögerung
Anschuldigungen der Amerikaner wiegen schwer: Gegen ist die Sicherheit der europäischen Netzwerke aber wert,
einen ehemaligen Mitarbeiter von Huawei haben US- und sollte sich Peking weiterhin verschließen, liegt die
Behörden Anklage wegen Industriespionage erhoben. In Lösung auf der Hand: Europa braucht stärkere eigene
Polen wurde Mitte Januar ein Huawei-Mitarbeiter fest- Netzwerkausrüster. Dies wäre ohnehin die beste Lösung.
genommen, weil er im Verdacht steht, für China spioniert Es zeichnet sich nicht ab, dass Chinas wirtschaftlicher
zu haben – der bislang am schwersten wiegende Hinweis Erfolg mit mehr Rechtsstaatlichkeit einhergeht, im Gegen-
auf die Regierungsnähe des Huawei-Konzerns, der den teil: Gerade die Fortschritte in der Informationstechnologie
Mitarbeiter eilig entließ. werden von der Regierung in Peking dazu benutzt, das
Einen technisch eindeutigen Beweis, falls sich ein solcher eigene Volk noch wirkungsvoller zu überwachen. Dies soll-
führen lässt, hat Washington bislang gegen Huawei nicht te Europa eine Lehre sein. Niemand kann die Sicherheit
vorgebracht. Und die US-Regierung ist wahrlich kein Vor- der europäischen Netze besser gewährleisten als wir selbst.
bild in Sachen Datenschutz: Seit den Enthüllungen des Bernhard Zand
US-Whistleblowers Edward Snowden ist gut dokumentiert, Twitter: @bzand

6 DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019


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Meinung So gesehen

Tot ist tot


Wie man sich aus den Fesseln
Jan Fleischhauer Der schwarze Kanal der Vernunft befreit

Kinder an die Macht G Wir kennen jetzt dank »Bild«


die ganze Wahrheit: »Ein Tempo-
limit verhindert keine tödlichen
Zu den bekanntesten Lie- Eintrag bei Wikipedia. Nicht in Davos Unfälle. Ob man mit 130 km/h
dern von Herbert Gröne- aufgetreten ist ein Ökonom, der vor oder 160 km/h verunglückt – die
meyer gehört der Song Kurzem den Nobelpreis für seine For- Folgen sind in beiden Fällen
»Kinder an die Macht«. schung zum Klimawandel erhalten zumeist tödlich. Die bekannten
Mir war es immer ein Rät- hat. Er schlägt nicht wie Greta vor, Crashtest-Fotos etwa werden bei
sel, wie man auf die Idee möglichst sofort alles abzuschalten, Stadtgeschwindigkeit gefahren.«
kommen kann, dass es besser was uns gefährlich werden könnte. Diese Logik, in der Philosophie
wäre, wenn Kinder das Sagen hätten. Aber er ist auch schon 77 Jahre alt. auch bekannt als das »Bild«-Para-
Das kann nur jemand glauben, der Ich finde nichts dabei, wenn man sei- doxon, wird Millionen Menschen
keine Kinder hat. In Wahrheit sind es ne Kinder zu Demonstrationen mit- erleichtern. Kinetische Energie
kleine Biester, die ziemlich rücksichts- nimmt. Ich weiß nur nicht, ob es eine und Erfahrungswerte aus anderen
los ihren Willen durchzusetzen ver- so gute Idee ist, darüber die Schule Ländern hin oder her.
suchen. Trotzdem hält sich hartnäckig schleifen zu lassen. Da Greta kein Flug- Wir brauchen mehr davon! Was
die Vorstellung, dass Kinder unschul- zeug benutzen kann, ist die Anreise zu wir brauchen: die ganze Wahrheit
dige Wesen wären, auf deren Wort ihren Auftritten ziemlich beschwerlich.
man hören sollte. 25 Stunden ist man mit dem Zug von
Wie weit man es mit der Aura des Stockholm nach Davos unterwegs.
Kindlich-Unschuldigen bringen kann, Auch Kinderschauspieler können
stellt gerade Greta Thunberg aus nicht mehr regelmäßig die Schule besu-
Schweden unter Beweis. Spätestens chen, ließe sich einwenden – anderer-
seitdem die Schülerin auf dem Welt- seits steht da wenigstens eine Karriere
wirtschaftsforum in Davos über ihre in Aussicht. Was ist die Karriere eines
Angst vor dem Klimawandel sprach, Klimaschutzkindes? Später Werbung
ist sie ein Star der Medien. Mit 16 Jah- für Fjällräven? Wenn ich Gretas Vater
ren ist man nicht mehr wirklich ein wäre, würde ich noch mal darüber
Kind, sondern steht an der Schwelle nachdenken, ob ich meine Tochter über Schokolade. Ob man eine
zum Erwachsensein, doch das tut der nicht dazu anhalten sollte, die Schule Tafel isst oder drei – dick wird man
Begeisterung keinen Abbruch. Alle zu beenden. Die Leute, die sie heute sowieso. Es braucht auch die ganze
Kameras richteten sich auf das Mäd- als Klimaheldin auf die Titelseiten Wahrheit über Zigaretten: Rauchen
chen aus der Nähe von Stockholm, des- heben, himmeln morgen einen ande- ist keinesfalls ungesund, denn Rau-
sen regungsloser Blick zu der Botschaft ren Star an. So ist das leider mit dem cher sind sozialer. Sie stehen im
passt, dass es höchste Zeit sei, in Panik Medienhype: Man kann sich auf ihn Winter draußen in der Kälte zusam-
zu verfallen. Mit elf Jahren wurde sie nicht verlassen. men, das hilft gegen Einsamkeit.
wegen des Klimawandels depressiv, Die wiederum ist genauso tödlich
dann wurde bei ihr Asperger diagnosti- An dieser Stelle schreiben Jan Fleischhauer und wie das Rauchen, wie Forscher der
ziert, so steht es in ihrem deutschen Markus Feldenkirchen im Wechsel. Brigham Young Universität in Utah
herausfanden. Es gleicht sich also
aus! Die ganze Wahrheit über den
Kittihawk Ehebruch: Ob man einmal fremd-
geht oder zehnmal, sauer ist der
Ehepartner sowieso.
Es kann enorm befreiend sein,
sich von den Fesseln der Vernunft
zu lösen und seine ganz eigenen
physikalischen Regeln festzulegen.
Gut ist, was Spaß macht und dem
Einzelnen nutzt – jetzt. So gesehen
handelt es sich hier um eine längst
überfällige Neudefinition des gesun-
den Menschenverstands.
Und auch in Großbritannien ist
die Logik schon angekommen:
Die Briten agieren konsequent nach
dem »Bild«-Paradoxon: Ob mit
130 in den Abgrund oder mit 160,
am Ende macht es rums! Nicola Abé

8 DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019


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Die SEG Hausgeräte GmbH ist ein Unternehmen der BSH Gruppe.
Die BSH Gruppe ist eine Markenlizenznehmerin der Siemens AG.

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zusammen mit einem weiteren Gerät. 2 test 07/2017: Geschirrspüler, Testsieger: Siemens SN658X06TE, zusammen mit einem weiteren Gerät. 3 test 05/2017:
Einbau-Kühlschrank, Testsieger: Siemens KI81RAD30. 4 test 10/2017: Waschmaschinen, Testsieger: Siemens WM14W570, zusammen mit einem weiteren Gerät.
5
Quelle: Euromonitor, Elektrogroßgeräte, Absatzvolumen der Marke in 2018.
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THOMAS ZIMMERMANN / IMAGO


Titel

Abgetakelt
Bundeswehr Die in Bremerhaven zerlegte »Gorch Fock«
versinnbildlicht den maroden Zustand
der deutschen Streitkräfte. Überforderte Bürokraten
unterminieren die Kampfkraft der Truppe
und behindern die von Ministerin
Ursula von der Leyen versprochenen Reformen.

D
ie Bredo-Werft sitzt an der Spitze deswehr und ihre Ämter eine Maßnahme längst kennengelernt hat. Es war ein
einer kleinen Halbinsel, die ins der Instandhaltung. Am vorvergangenen ungewöhnlicher Überraschungsbesuch,
Becken des Fischereihafens von Montag kam hoher Besuch. selbst ihr Marine-Inspekteur Andreas
Bremerhaven ragt. Wer sie be- Ursula von der Leyen, so erzählen es Krause wurde erst am Morgen informiert,
sucht, fährt vorbei an Lagerhallen und Leute, die dabei waren, hatte die Montur ebenso der Kommandant vor Ort und
Fischfabriken, an Getreidesilos und einer angelegt, die sie sonst nur im Marsch- auch die Werft. Von der Leyen habe nicht
Recyclinganlage, dann endet der Weg ab- gepäck hat, wenn sie an den Hindukusch gewollt, sagen ihre Leute, dass man »alles
rupt an einer Schranke neben einem Pfört- aufbricht. In grauer Daunensteppjacke für sie hübsch« mache. Aber die Geheim-
nerhaus, an dem »Bredo Dry Docks« steht. und dicken Wanderstiefeln ging die Bun- niskrämerei vor der Reise offenbart doch
Hier draußen liegt die »Gorch Fock«, der desverteidigungsministerin in den Hafen- vor allem das tiefe Misstrauen einer Mi-
einstige Stolz der Marine, der dreimastige anlagen an der Wesermündung umher wie nisterin ihrem eigenen Apparat gegenüber,
Windjammer vom alten Zehnmarkschein, in einem winterlichen Krisengebiet. Sie die Angst davor, im Labyrinth ihrer Mam-
aber das nationale Maskottchen ist in seine wollte offenkundig endlich einmal selbst mutbehörden, in den weitverzweigten
Einzelteile zerlegt. Der rostige Rumpf sitzt sehen, mit eigenen Augen, wie es um die- Netzwerken des Militärs verraten, falsch
im Trockendock, andere Stücke des Schiffs ses verdammte berühmte Segelschulschiff informiert und in politische Fallen gelockt
sind auf Werkstätten ringsum verteilt. Für steht, das sie aus unzähligen Berichten, zu werden. Die »Gorch Fock« ist dafür
den Laien ist es ein Wrack, für die Bun- Vorlagen, Papieren in allen Einzelheiten ein gutes Symbol.

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Segelschulschiff
»Gorch Fock« bei
der Windjammerparade
in Kiel 2013, Rumpf des
zerlegten Schiffs im
Trockendock der Bredo-
Werft in Bremerhaven

Die kürzeste Fassung des zugehörigen das vor 60 Jahren für acht Millionen Mark Die zugehörigen Themen sind seit Jahr-
Skandals stammt von Hans-Peter Bartels, innerhalb von zehn Monaten auf der Ham- zehnten die gleichen: Dringend benötigtes
dem Wehrbeauftragten des Bundestags. Im burger Werft Blohm & Voss gebaut wurde, Material wird erst mit absurd langer Ver-
Vorwort seines Jahresberichts, der seit etliche Jahre dauert und 135 Millionen zögerung geliefert. Auf den jahrelangen
Dienstag vorliegt, schreibt Bartels, der Fall Euro kosten soll. Der Fall liefert Anschau- geheimnisvollen Produktionswegen stei-
»Gorch Fock« stehe beispielhaft »für ver- ungsmaterial für die Abgehobenheit einer gen die Kosten der Rüstungsgüter um 20,
schwenderischen Umgang mit den Ressour- Beamtenelite, deren Kompetenz ohnehin um 30, um 40 Prozent. Und sind sie end-
cen Geld und Zeit«. Der bürokratische Zir- seit Jahrzehnten infrage steht und die jedes lich fertig, funktionieren sie häufig schlecht
kus um die Instandsetzung des Schiffs zeige Augenmaß zu verlieren scheint, wenn pres- oder gar nicht oder sind schon wieder ver-
»paradigmatisch die Diffusion von Verant- tigeträchtige Rüstungsprojekte zu verhan- altet, kaum dass sie in Betrieb gehen.
wortung in einer zersplitterten Zuständig- deln sind. Dann spielt Geld offenkundig Wer die Nachrichten verfolgt, kennt die
keitskultur, wo es niemandes Aufgabe zu weiterhin keine Rolle, und jeder Trick ist zugehörigen Namen: den Schützenpanzer
sein scheint zu fragen: ›Ist das normal, recht, die Mittel zu beschaffen. »Puma«, mit dessen Entwicklung und Her-
wenn der Reparaturpreis sich von zehn auf Deshalb steht die »Gorch Fock« auf den stellung sich deutsche Verteidigungsminis-
135 Millionen verdreizehnfacht?‹« zweiten Blick für die Unmöglichkeit, den ter seit den Neunzigerjahren herumschla-
Darum geht es, auf den ersten, schnel- logistischen und bürokratischen Koloss na- gen. Den Hubschrauber »Tiger«, um den
len Blick: dass die Sanierung eines Schiffs, mens Bundeswehr in Schach zu halten. seit den Achtzigerjahren gerangelt wird.

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Titel

Den Kampfjet »Eurofighter«, dessen pan- man mit dem Finger ein Loch hineindrü-
europäische Geschichte schon in den Sieb- cken konnte. Stück für Stück wird in der
zigerjahren beginnt. Und das sind nur die Folgezeit die Kostenschätzung immer hö-
spektakulären Großprojekte. her: Im März 2016 heißt es, die Reparatur
Das für die Beschaffung zuständige Amt der »Gorch Fock« werde 12 Millionen kos-
in Koblenz mit dem Behördenkürzel ten, im Sommer sind es schon 33 Millio-
BAAINBw vergibt in einem Jahr weit nen, im Herbst knapp 65 Millionen Euro.
mehr als 10 000 Beschaffungsaufträge je- Damals wird zum ersten Mal ein Projekt-
der Art, von der Unterhose bis zum leiter stutzig, stoppt sogar die Arbeiten,
Transportflugzeug A400M und auch alles warnt das Ministerium und erbittet schrift-
dazwischen: Feldflaschen und Munition, lich eine Weisung, wie angesichts der Kos-
Gewehre und Lastwagen, Leuchtmittel, tenexplosion zu verfahren sei.
Drohnen, Essgeschirr, Geschütze, Helme,
Schutzwesten, Raketenabwehrsysteme, Ursula von der Leyen erfährt davon, so-
Hemden, Gürtel, Sturmgewehre für gut weit bislang bekannt, zunächst nichts. Pro-
180 000 Soldaten. Die Aufgabe ist, zwei- jekte, die weniger als 25 Millionen Euro
fellos, hochkomplex. Dennoch bestehen kosten, brauchen nicht den Segen des Bun-
berechtigte Zweifel daran, ob die zustän- destags und erreichen so den Schreibtisch
digen Behörden ihren Aufgaben gewach- der Ministerin erst gar nicht. Da die
sen sind. Und ob dafür, auf Dauer, die zu- »Gorch Fock«-Sanierung mit 9,6 Millionen
ständige Ministerin womöglich politische Euro Planungskosten in den Büchern steht,
Verantwortung zu übernehmen hat. wird die Oberbefehlshaberin der Streit-
Wer Antworten sucht und wer das neue kräfte, die schließlich auch noch viele an-
deutsche Unvermögen verstehen will, das dere und weit größere Baustellen hat, nicht
auch zu den Dauerbaustellen BER, Elb- informiert. Von der Leyen hört erst von
philharmonie oder zu maroden Eisenbahn- den Problemen, als das Projekt schon ab-
brücken geführt hat, muss das Beispiel geschmiert ist. Im Januar 2017 bekommt
»Gorch Fock« studieren. Als das Schiff am sie eine mehrseitige »Leitungsvorlage«,
25. November 2015 in Bremerhaven an- die die Kosten der »Gorch Fock«-Sanie-
kam, zu einer routinemäßigen »schiffbau- rung damals bereits auf 75 Millionen Euro
lichen Untersuchung«, die über viele Um- schätzt. Trotzdem raten ihre Spitzen-
wege in seine heutige Totalzerlegung mün- beamten, die Fortsetzung der Arbeiten sei
dete, war der Dreimaster längst ein viel- die »effektivste und nachhaltigste Option«,
fach geflickter Oldtimer. Im Zweijahres- das Weitermachen sei teuer, habe aber
rhythmus wurde seit 2004 viel Geld für »das geringste Umsetzungsrisiko«.
seine Instandhaltung ausgegeben. Ein als Der Rechnungshof hält diese Bewertung
vertraulich deklarierter Prüfbericht des für schlicht falsch. Die Prüfer vermuten
Bundesrechnungshofs von Anfang Januar außerdem, dass die Marine den Preis für Ministerin von der
enthält eine zugehörige Tabelle: Demnach die Reparatur des Segelschulschiffs absicht-
wurden zwischen 2004 und 2015 alle zwei lich kleinrechnete, um es irgendwie zu er-
Jahre mal drei oder dreieinhalb, mal halten. Dieser Plan, sollte es ihn gegeben sich der Blick auf die Zustände der Bundes-
knapp acht oder fast zehn Millionen Euro haben, ging auf. Von der Leyen zeichnete wehr insgesamt. Das kaputte Schiff passt
in das alte Schiff gesteckt. die Vorlage ab, und die Arbeiten konnten zu einer ziemlich kaputtgesparten Truppe.
Die Beträge summieren sich bereits vor weitergehen. Gut ein Jahr später landete Seit Jahren zieht die Bundeswehr den
der heutigen Sanierungskatastrophe auf eine zweite »Leitungsvorlage« in Sachen öffentlichen Spott auf sich, weil Kampf-
ein Mehrfaches des Anschaffungswerts. »Gorch Fock« auf ihrem Tisch, jetzt mit flugzeuge nicht fliegen, U-Boote nicht fah-
Würden, nur einmal so als Frage, die zu- der sagenhaften Kostensumme 135 Millio- ren und Panzer nur auf dem Papier exis-
ständigen Beamten mit ihren Autos ähn- nen Euro. Und wie zuvor schlug ihr Appa- tieren. So regelmäßig poppen diese Ge-
lich umgehen? Würden sie es normal fin- rat vor, »trotz der deutlich erhöhten Ge- schichten auf, dass es zu allgemeiner Auf-
den, nach und nach 200 000 Euro in den samtkosten die Instandsetzung der Gorch regung gar nicht mehr reicht. Dann bleibt
Erhalt ihres eigenen alten Autos zu ste- Fock mit dem bisherigen Auftragnehmer wieder mal ein Minister oder sogar der
cken, das vielleicht irgendwann mal 15 000 fortzusetzen«. Bundespräsident mit einer Maschine der
Euro gekostet hat? Wäre das rostige Schiff ein bizarrer Ein- Luftwaffe irgendwo im Ausland liegen,
Zu Beginn der Affäre, im November zelfall, könnte man sich an den Details und der Spott ist groß. Die Bundeswehr,
2015, ist also ein Routinecheck geplant. eines neuen deutschen Schildbürgerstreichs die noch nicht einmal über ihre Beteiligung
Für 9,6 Millionen Euro soll die Außenhaut erfreuen, ein wenig auf die Beamtenschaft an harten Kampfeinsätzen reden darf, weil
ausgebessert, Segel, Masten und der Mo- schimpfen und zur Tagesordnung über- das politisch unerwünscht ist, wirkt häufig
tor auf Vordermann gebracht werden. gehen. Die »Gorch Fock« steht aber für wie die Karikatur einer Armee.
Schon nach gut vier Monaten soll die mehr. Hinter dem Aushängeschild öffnet Der materielle Zustand der Truppe ist
»Gorch Fock« wieder in See stechen. Aber dabei kein aktuelles Versagen, sondern
daraus wird nichts. die Folge eines jahrelangen Sparkurses,
Je mehr Paneele die Techniker der Bre- den die Deutschen, solange es nicht
do-Werft von der Innenverkleidung abneh- Bei der Bundeswehr zu größeren Ausfällen kam, eher freund-
men, desto größere Roststellen, Verfor- wird »Einfaches verkom- lich-desinteressiert zur Kenntnis genom-
mungen und Schäden am Stahlrumpf ent- men haben. Intern zwang die Schrumpf-
decken sie. An manchen Stellen soll der
pliziert, Bewährtes wird kur die Bundeswehr seit Jahren zu ver-
Stahl schon so schwach gewesen sein, dass verschlimmbessert«. zweifelten Verrenkungen wie dem soge-

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effizienter Personaleinsatz, unnötige Ar-


beitsaufträge oder sinnlose Arbeitsschrit-
te«. Die Bundeswehr habe zu wenig Per-
sonal, schreibt Bartels, zudem fehle aller-
orten funktionstüchtiges Material. »Oft-
mals trifft Lücke auf Lücke.«
Bartels’ Jahresbilanz ist erschütternd,
fast Satz für Satz: »In allen Bereichen man-
gelt es an Material. Kaum einsatzbereite
Leopard 2, teure Nachrüstungsprogramme
für den neuen Schützenpanzer Puma, ein
großer Teil der U-Boote defekt, weniger
als die Hälfte der Eurofighter und Torna-
dos flugfähig und auf ein Minimum redu-
zierte Munitionsbestände.« Darunter lit-
ten Einsätze, Ausbildung, Übungen. Und
manchmal wird es für Deutschland pein-
lich, wenn es der Bundeswehr »nur unter
großen Anstrengungen« gelingt, die 8000
Soldatinnen und Soldaten, die im Herbst
an einem Nato-Manöver in Norwegen
teilnahmen, »mit Winterbekleidung und
Schutzwesten auszustatten«.

Der Wehrbeauftragte spricht von der Be-


schaffung als »dem größten Bürokratie-
labyrinth«. Beunruhigend ist, dass sich die-
se Urteile seit vielen Jahren wiederholen,
offenkundig ohne dass diesen Zuständen

MOHSSEN ASSANIMOGHADDAM / DPA


entschlossen oder gar erfolgreich begegnet
wird. »Beschaffungsprozesse, ob Beklei-
dung und Ausrüstung, Klein- oder Groß-
gerät – es dauert alles zu lange«, schreibt
Bartels, und dieser Satz könnte von 1990,
2005 oder 2015 stammen. Es besteht nur
mittlerweile die empörende Möglichkeit,
dass sich die Versäumnisse zu einer veri-
Leyen auf Werftbesuch: Jedes Schiff hat »eine gewisse Seele« tablen Strukturkrise der ganzen Armee
aufaddieren, die zur Funktionsuntüchtig-
keit führen kann.
nannten »Dynamischen Verfügbarkeits- um zusammenzuklauben, was noch fehlt, Der Wehrbeauftragte zeichnet das Bild
management«. vom Nachtsichtgerät bis zur Schutzweste. einer Armee, die darauf hoffen muss, nicht
Hinter diesem bundeswehrtypischen Das funktioniere naturgemäß nur »zu Las- in weitere Einsätze geschickt zu werden,
Wortungetüm verbarg sich der Umstand, ten anderer Truppenteile«, schreibt der weil sie schon jetzt am Limit und darüber
dass die Truppe als Folge des Sparkurses Wehrbeauftragte Bartels in seinem neuen hinaus operiert. Zur Marine schreibt Bar-
nicht mehr genug Großgerät für alle hatte. Jahresbericht. tels: »Ganze Besatzungen saßen sprich-
Also sollten Panzer und Haubitzen inner- Nun hat der Beauftragte des Bundestags wörtlich auf dem Trockenen, da mehrere
halb der Bundeswehr hin und her verscho- das Ohr an der »Parlamentsarmee« Bun- Schiffe und Boote nicht wie vorgesehen
ben werden, immer dorthin, wo man sie deswehr, sein Postfach ist der Kummerkas- für die Seefahrt zur Verfügung standen.«
gerade akut für eine Übung brauchte – mit ten der Truppe, und folglich ist der Grund- Die Besatzung der »Gorch Fock« kennt
der Folge, dass sich anderswo Soldaten, ton seiner Jahresberichte negativ bis ankla- dieses Gefühl gut.
die eigentlich ebenfalls den Umgang mit gend. Es geht ums Kleine wie ums Große, Aber nicht nur Großgerät ist marode.
ihrem Panzer trainieren sollten, anderwei- auch darum, dass »die Knöpfe der Bord- Bartels berichtet auch über »die dienstlich
tig beschäftigen mussten. Erst von der Ley- hosen (Marine) nicht fachgerecht vernäht« bereitgestellten Unterhemden« bei der
en machte Schluss damit und verordnete seien, oder darum, dass die deutsche Ma- Marine, die »unter den Armen leicht rei-
wieder die sogenannte Vollausstattung. Zu- rine im zweiten Halbjahr 2018 über kein ßen«. Er schreibt über wärmende Unter-
mindest auf dem Papier. funktionsfähiges Tankschiff verfügte. Die- wäsche, die nach Vorstellungen der Planer
ses Jahr schoss sich der Beauftrage Bartels nach einem Einsatz abgegeben und von
Tatsächlich fehlt es noch immer überall aber auf den »Bürokratismus« ein – und anderen Soldaten aufgetragen werden soll-
und beinah an allem. Das fällt immer dann bei der Lektüre stellt sich der Eindruck ten. Und er schildert Fälle von Luftwaffen-
auf, wenn einzelne Verbände in den Ein- eines regelrechten Systemversagens ein. soldaten, die ihre Uniform seit geraumer
satz gehen oder für Nato-Aufgaben, wie Die Bundeswehr blockiere sich »zu oft Zeit immer wieder selbst flicken, weil sie
die Schnelle Eingreiftruppe an der Ostflan- selbst in ihrem Bemühen, Trendwenden keine neue bekommen.
ke des Bündnisgebiets, bereitstehen müs- umzusetzen«, heißt es da. »Einfaches wird Wie konnte es so weit kommen? Der
sen. Der Kommandeur des betroffenen verkompliziert, Bewährtes verschlimmbes- Sparkurs liefert nur einen Teil der Erklä-
Verbands muss seine Leute dann auf eine sert.« Die starre Anwendung von Vor- rung. Ginge es allein ums Geld, müsste die
Art Raubzug durch die Truppe schicken, schriften führe zu stetem Ärger Marke »in- Truppe mittlerweile wieder besser daste-

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Titel

hen. Der Wehretat wächst seit Jahren kon- dersprechende Regelungen erzeugen im- eigentlich erst nicht zusammengehörte –
tinuierlich. Die Ministerin von der Leyen mer höheren Abstimmungsbedarf und hätte die alerte Staatssekretärin Suder im
hat es verstanden, die Spannungen mit vielfältige Schnittstellen.« Die zuständigen Mai 2018 ihren Posten nicht hingeworfen.
Russland, die neuen Gefahren im Osten Personen seien »oft überfordert«. Rasches, Ausgerechnet sie, die stets betont hatte,
und weltweit für die Belange der Bundes- flexibles Handeln werde »strukturell un- ein so grundlegender Wandel wie der im
wehr zu nutzen und dem Finanzministe- möglich gemacht«. Übersetzt heißt das: Rüstungswesen benötige mindestens zwei
rium jedes Jahr mehr Geld abzutrotzen. Die Bundeswehr erstickt an sich selbst. Legislaturperioden, wenn nicht 10 bis 15
Die von ihr im Beraterdeutsch ausgerufene Auf der Suche nach Gründen landet Jahre. Nun fühlten sich viele Koblenzer
»Trendwende Finanzen« ist geglückt. man am Ende stets in Koblenz, beim Be- Beamten erst recht vor den Kopf gestoßen:
Trotzdem hakt es weiter. Und das be- schaffungsamt. Dorthin schickte von der Gerade erst hatten sie sich auf den Kultur-
trifft viele Stellen im ganzen Apparat mit Leyen schon kurz nach Amtsantritt eine wandel eingestellt, da war diejenige, die
seinen Unterapparaten, allen voran das Kompanie Unternehmensberater, um den diesen Wandel verordnet hatte, schon wie-
BAAINBw in Koblenz, das Bundesamt für Status quo feststellen zu lassen. Wie er- der weg.
Ausrüstung, Informationstechnik und Nut- wartet, stellten die Berater dem Beschaf-
zung der Bundeswehr – insgesamt 11 130 fungswesen der Bundeswehr ein misera- Nun richten sich die Augen auf Ursula
Planstellen. Besetzt sind, Stand Donners- bles Zeugnis aus. Eines der Ergebnisse: Die von der Leyen. Erst recht, seitdem die
tagabend, 8887, vor allem mit Beamten Beamten seien den Juristen der Rüstungs- »Gorch Fock«-Affäre eine neue, noch
und Soldaten. Sie überprüfen jeden An- industrie hoffnungslos unterlegen, was hässlichere Wendung genommen hat. Die
trag, jeden Auftrag, und zwar bis der Arzt etwa die Gestaltung von Verträgen angehe. Rede ist von allerlei Merkwürdigkeiten
kommt. Die Bestellung eines Satzes Uni- Dadurch lasse man sich bei Großprojekten bei der Elsflether Werft, dem General-
formen geht bei der Bundeswehr durch regelmäßig über den Tisch ziehen. Die Be- unternehmer, für den die Bredo-Werft in
acht Instanzen. Und es gesche- Bremerhaven arbeitet. Bei der
hen unglaubliche Fehler. Marine waren spätestens 2017
Man muss es aussprechen: Gerüchte über krumme Fi-
Wenn die Bundeswehr den nanzgeschäfte des Vorstands
Eindruck einer Gurkentruppe bekannt. Unterauftragnehmer
macht, kann damit nicht die beschwerten sich über offene
Truppe gemeint sein, die sich Rechnungen, allein bei der
mittlerweile in vielen Einsät- Bredo-Werft sind bis heute sie-
zen bewährt und die Armeen ben Millionen Euro offen.
verbündeter Länder mit guter Die beiden Vorstände der
Arbeit überzeugt hat. Die Elsflether Werft, der Hambur-

JÖRG MÜLLER / AGENTUR FOCUS


Bürokratie dahinter ist aber ger Rechtsanwalt Marcus R.
offenkundig ein kafkaesker und Klaus W., kümmerten sich
Albtraum. offenbar nur nebenbei um
Die Vorgänge um die Be- das eigentliche Werftgeschäft.
schaffung des Schützenpan- Stattdessen gründeten sie eine
zers »Puma«, eines Vorzeige- ganze Handvoll Firmen, an die
geräts des Heeres, nehmen es sie Aufträge oder großzügige
in Sachen Groteske durchaus Schulschiff »Gorch Fock« im Dock: 13-fache Preissteigerung Kredite vergaben, vermutlich
mit der »Gorch Fock« auf. um Geld aus der Werft abzu-
Denn der Schützenpanzer saugen. Beide wurden am Mitt-
weist eine wesentliche Macke auf: »Er ist hörde brauche dringend Sachverstand von woch von ihrem Posten abgesetzt. Das
so konzipiert worden«, heißt es im Bericht außen. Konstrukt der Firmen hat mittlerweile eine
des Wehrbeauftragten, »dass die zu trans- Als Konsequenz marschierten dort ex- Anwaltskanzlei durchforstet. Ein detail-
portierenden Soldatinnen und Soldaten terne Juristen ein, um den vermeintlich lierter Prüfbericht äußert, gestützt auf vie-
aufgrund der gültigen Sicherheitsauflagen hoffnungslos überforderten Beamten un- le Belege, den Verdacht, »dass Vermögen
höchstens 1,84 groß sein dürfen.« Das ter die Arme zu greifen. Es prallten aber von der Elsflether Werft AG in das Privat-
heißt, dass einige Panzergrenadiere in Aus- Kulturen aufeinander: auf der einen Seite vermögen ihrer Vorstandsmitglieder, ins-
bildung, die größer sind als 1,84 Meter, lei- die Beraterkultur, personifiziert durch von besondere von Herrn Dr. h. c. R., übertra-
der nicht mehr wie geplant eingesetzt wer- der Leyens Staatssekretärin Katrin Suder, gen wird«.
den können. Es heißt vor allem, dass das 2014 vom Beratungsriesen McKinsey ab- Über die Umtriebe des Hamburger
Höchstmaß von 1,84 Metern künftig »Vo- geworben. Auf der anderen Seite: die Ko- Rechtsanwalts, der in einer großen Villa
raussetzung für eine Zulassung zur Lauf- blenzer Beamtenkultur. an der Hamburger Elbchaussee residiert
bahn bei den Panzergrenadieren« werden Die Beschaffer am Deutschen Eck fühl- und im Nebenjob Honorarkonsul für die
müsse. Ein Schildbürgerstreich? Was sonst. ten und fühlen sich zu Unrecht als Min- Mongolei ist, hätte man im Ministerium
derleister stigmatisiert, zumal dort über auch gern früher etwas erfahren. Erst am
In einem Thesenpapier zur »Rüstung Jahre eine vierstellige Anzahl an Dienst- 12. Dezember meldete das Marinearsenal,
digitalisierter Landstreitkräfte« kam das posten unbesetzt war. Und die Berater ver- ein Mitarbeiter habe bei seinem Vorgesetz-
Heereskommando bereits vor einiger Zeit drehten und verdrehen die Augen über die ten ein Geständnis abgelegt. Demnach hat-
zu einem geradezu vernichtenden Ergeb- ihnen fremde Welt aus starren Hierarchien, te Peter G., in der Elsflether Werft als Preis-
nis: »Die derzeitige Beschaffungspraxis ist Dienstwegen und Vorschriften. Statt ge- prüfer der Bundeswehr für die »Gorch
darauf ausgerichtet, Risiken möglichst aus- meinsam das Beschaffungswesen auf Ef- Fock« eingesetzt, von der Werft und einer
zuschließen, und strebt maximale (recht- fektivität zu trimmen, verbrachte man viel Firma 800 000 Euro erhalten, als Darle-
liche) Sicherheit und Regelkonformität Zeit damit, sich fremd zu bleiben. hen. Die Polizei Oldenburg ermittelt und
an«, heißt es in dem Dokument. »Immer Doch über die Jahre hätte durchaus hat eigens die Ermittlungsgruppe »Wasser«
komplexere, sich gegenseitig teils sogar wi- noch zusammenwachsen können, was eingerichtet. Die Fahnder wollen heraus-

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Besanmast Großmast Aus dem Ruder gelaufen


Das Segelschulschiff »Gorch Fock« der Bundesmarine wurde
1958 in Hamburg gebaut. Teile des Schiffes, etwa Masten und
Rahen, sind sogar noch deutlich älter als 61 Jahre, da seiner-
zeit auch Material von früher fertiggestellten Schwester-
schiffen Verwendung fand.

Fockmast Dreimastbark mit Rumpf,


Masten und Rahen aus Stahl
Besan- 89,32 m Gesamtlänge
rund 2000 m² Segelfläche
segel Besatzung: ca. 220,
darunter bis zu 138
Lehrgangsteilnehmer

Haupt-
und Oberdeck
Kartenhaus für Funk, Großsegel
Wetterbeobachtung,
Navigation Steuerstand

Mittel- Focksegel
deck
Rettungsinseln
Kapitänsräume
Wohnräume der Offiziere
Klüver

Zwischendeck

Wohnräume für
Bootsleute und Offiziere
Kombüse

Waschräume,
Plattformdeck Duschen, Toiletten
und Stauung
Kadetten-
Hängematten
Schlafsäle
Schiffsschraube

Maschinenraum Ausbildungsräume

Unteroffizierswohnräume,
Instandsetzungskosten in Millionen Euro Stammmannschaft

2004 3,0
2006 3,5 Laut Bundesrechnungshof wurden
über die Jahre Instandsetzungen
2008 7,8 nicht ausreichend dokumentiert. Lagerräume Kühlräume
2010 7,9 Es habe daher verbreitet Unklar- für Lebensmittel
heit über den tatsächlichen
2012 9,8 Zustand des Schiffes geherrscht. Vorratsräume,
INFOGRAPHICS GROUP, W W W.INFO.GRAPHICS

• Schäden an der Außenhaut, Abwasser-


2013 1,6 aufbereitung
an Trägern und Schottwänden,
2015 (nicht abgeschlossen) 113,6 Leck- und Lenzsystem außer Funktion
•Materialschwund der Außenwand im Bereich der
Einzelne, bekannt gewordene Schäden Bilge (unterster Schiffsraum): laut Korrosionsprüfung
und Betriebsmängel von 2011 jährlich bis zu 4 mm
• Der Schiffsrumpf ist, laut Beobachtern, •Kollision mit einem Schnellboot und Kollision mit
verzogen. einer Pier in Wilhelmshaven (beide Vorfälle 2015)
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Titel

finden, warum der Beamte Peter G. jeweils Könnte man die Arbeiten nicht einfach
sechsstellige Beträge vom Konto des Werft- einstellen? Die Fachleute haben auch die
vorstands Marcus R. und von einem seines Option Abwracken geprüft, haben sich an-
Vertrauten Enrico P. erhielt und ob er des- gesehen, ob es womöglich besser wäre, die
wegen beide Augen bei der Prüfung der Arbeiten zu beenden und die »Gorch
»Gorch Fock«-Arbeiten zudrückte. Fock« zu verschrotten. Aber erstens ist
Der Fall bescherte von der Leyen ab schon sehr viel Geld ausgegeben worden,
Mitte Dezember viele lange Abende im und zweitens müsste das völlig zerlegte
Ministerium. Staatssekretär Gerd Hoofe, Schiff erst wieder zu Wasser gelassen und
einer ihrer letzten engen Weggefährten, nach Holland geschleppt werden, weil kein
begann, die Gemengelage rund um die deutscher Betrieb eine Lizenz zum Abwra-
Werft, den Vorstand und die Kostenexplo- cken des Hochseeseglers besitzt.
sion bei der »Gorch Fock«-Instandsetzung Es wäre das unwürdige Ende eines wür-
aufzuklären, mehrmals die Woche infor- devollen Schiffs mit wechselvoller, oft tra-
mierte er die Ministerin über seine Recher- gischer Geschichte, deren Wendungen
chen. stets gut waren für die volle nationale An-
teilnahme. Das war so im September 2008,
Schon die ersten Details wirken verstö- als die Offiziersanwärterin Jenny Böken
rend. So hatte sich der Bundeswehr- vor Norderney unter undurchsichtigen
beamte G. als Bauherr für ein exklusives Umständen über Bord ging und ihre Lei-
Wohnprojekt für Senioren in Varel auf- che elf Tage später vor Helgoland gebor-
geschwungen und sich dabei mächtig ver- gen wurde. Es war so im November 2010,
kalkuliert. Dass ein Beamter mit einem als im Hafen von Salvador de Bahia in
Jahresgehalt von rund 60 000 Euro ein Brasilien die Kadettin Sarah Seele aus der
Bauprojekt für knapp zwei Millionen Takelage 27 Meter tief aufs Deck stürzte
Euro startete, fiel bei der Bundeswehr vor und starb. Aufgebrachte Kadetten und die
seiner Selbstanzeige offenbar niemandem Stammbesatzung gerieten damals anein-
als verdächtig auf. ander, von einer regelrechten Meuterei
Das wäre freilich möglich war die Rede, von falschen
gewesen. Im vergangenen Ritualen und übertriebe-
September schon erschien Einsatzbereitschaft von nem Drill an Bord.
im »Friesländer Boten« Waffensystemen Immer wieder mussten
eine Kleinanzeige mit dem Kommandanten gehen, im-
Titel: »Genießen Sie das mer wieder kam die Debat-
Nordseeheilklima«. Gewor- te auf, ob es so ein Schiff
ben wurde für eine »Stadt- zur Ausbildung von Marine- Bundeswehrsoldaten
residenz« in Varel am Jade- soldaten in Zeiten der tota-
busen, 17 Wohneinheiten Schützenpanzer »Puma« len Digitalisierung über-

27 %
standen zum Verkauf, iro- haupt noch brauche. Selbst rüber nachdenken müssen, ob die ›Gorch
nischerweise an der Gorch- unter ehemaligen Kapitä- Fock‹ ins Museum gehört oder verschrot-
Fock-Straße gelegen. Der nen sind die Meinungen da- tet werden muss.« So viel Klarsicht hatte
Bauherr: ebenjener Peter Quelle: BMVg rüber geteilt. damals niemand.
G., 62, der auf dem Werft- Thomas-Georg Hering, Der Neubau eines Segelschulschiffs
gelände in Bremerhaven 75, von 1993 an vier Jahre wäre möglich gewesen, dann hätte eine
sein eigenes Büro hatte. Kommandeur der »Gorch neue Geschichte beginnen können von
Der SPIEGEL erreichte ihn Fock«, sprach diese Woche Seefahrern und Kadetten, von Kapitänen
diese Woche telefonisch, G. von seinem Schmerz, ein zur See und Geschwindigkeitsrekorden in
wollte sich nicht zu den Vor- Kampfhubschrauber »Tiger« so stolzes Schiff wie die der Straße von Gibraltar. Das berüchtigte
würfen äußern.
Die Ministerin, hinab-
gezogen in solche Sümpfe,
23 % »Gorch Fock« zerlegt in der
Werft zu sehen. Jedes Schiff
habe auch »eine gewisse
Regime der »Gorch Fock« wäre weiter zu
modernisieren gewesen, denn sie war und
ist bis heute auch ein lebendes Symbol für
versucht mittlerweile nach Seele«, sagte Hering, des- die soldatische Mut- und Härteprobe: Der
Kräften, Ruhe in die Affäre halb würde er sich freuen, Standardsatz, den die Matrosen am Be-
zu bringen. wenn das Schiff »Gorch ginn ihrer Ausbildung zu hören bekamen,
Nach der Absetzung der Fock« wiederkäme und war: »Wir führen Sie hier an Ihre physi-
Manager werden auf der Transportflugzeuge A400M »noch mal Segel setzen schen und psychischen Grenzen.«

20 %
Werft jetzt die Bücher ge- darf«. Dagegen sagte Ni- Klettereien in die Takelage, auf 45 Me-
flöht. Mit einer neuen Un- ckels Peter Hinrichsen, 79, ter Höhe, waren obligatorisch, und zwar
ternehmensführung, hofft der auf der »Gorch Fock« die längste Zeit ungesichert. Das alles in
das Ministerium, könnten 1982 bis 1986 das Komman- einer Situation des Schlafentzugs, denn
die Arbeiten an der »Gorch do führte, es sei »schon er- der Dienstplan sah maximal vier Stunden
Fock« vielleicht doch noch staunlich«, wie die Kosten Schlaf pro Tag vor. Man mag das un-
im Kostenrahmen von ma- aus dem Ruder gelaufen menschlich finden, aber Offiziere argu-
ximal 135 Millionen Euro seien. »Der wesentliche mentieren bis heute: Wie anders soll man
bleiben, auch wenn das U-Boote Klasse 212A Fehler«, sagte Hinrichsen, Soldatinnen und Soldaten auf Einsätze
kein Grund zum Feiern
mehr ist. 17% »liegt bereits zehn Jahre zu-
rück. Damals hätte man da-
vorbereiten, die ihnen genau solche Lagen
jederzeit bescheren können?

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einer Staatssekretärin aus dem Hause


McKinsey umzubauen. Ihre Vorgänger
versuchten da eindeutig weniger.
Ihr half dabei auch ein alter Trick, den
sie in ihrer politischen Karriere stets er-
folgreich angewandt hat: Sie legte Miss-
stände unter großem medialen Echo offen,
sprach sich selbst damit von der Verant-
wortung frei und inszenierte sich als dieje-
nige, die nun endlich durchgreifen werde.
Das funktionierte so lange, wie von der
Leyen neu in ihrem Amt war. Aber mit je-
dem Jahr an der Spitze des Ministeriums
wirkte der Kniff durchsichtiger – und nun
trägt von der Leyen selbst seit so langer
Zeit die Verantwortung, dass sie dafür ge-
radestehen muss, wenn zu wenig passiert
oder wenn es zu langsam geschieht. Die
Vorgänger sind nicht mehr an allem schuld.
Aber wie weiter? Was wird aus dem
Kampf der Ursula von der Leyen, aus all
den Gutachten und Prüfberichten, den
Round Tables und Task Forces zu »Dreh-
flüglern« (Hubschrauber) und »Starrflüg-
lern« (Flugzeuge)? Wie definiert sich – im
Fall des Bundesverteidigungsministeri-
ums – Erfolg? Wann darf ein Minister auf

FOCKE STRANGMANN / DDP IMAGES


diesem Feld als nicht gescheitert gelten?
Noch immer geraten Kosten außer Kon-
trolle, werden Waffensysteme zu spät ge-
liefert, können Flugzeuge, Panzer und
Schiffe nicht das, was sie laut Vertrag ei-
gentlich können müssen. Und noch immer
herrscht jene Mangelwirtschaft, wie sie der
Wehrbeauftragte jedes Jahr aufs Neue be-
bei Übung: Eindruck einer Gurkentruppe schreibt. Noch immer bläht sich ein Pro-
jekt wie die Sanierung der »Gorch Fock«
zu einer absurden kleinen Staatsaffäre auf.
Die aktuelle Besatzung der »Gorch zu ziehen, und die Umtriebe rund um das Man kann auf die Idee kommen, der deut-
Fock« kann es jedenfalls nicht erwarten, dreimastige Narrenschiff der Deutschen sche militärische Komplex sei einfach un-
wieder in See zu stechen. Sie sitzt an Land sind ein guter Moment dafür. regierbar – oder schlicht unfähig.
fest, das heißt: festgemacht im Fischerei- Als von der Leyen ihr Amt antrat, woll- Ursula von der Leyen glaubt das nicht,
hafen von Bremerhaven, gleich neben der te sie nicht, wie so viele ihrer Vorgänger, jedenfalls würde sie es öffentlich nicht zu-
Werft. Ihr Quartier ist ein schwimmender von irgendeinem in den Tiefen der Wehr- geben. Stattdessen hat sie Politik gemacht
Stahlkasten mit Namen »Knurrhahn«, verwaltung verborgenen Rüstungsskandal und die Reform des Rüstungswesens zu ih-
dort sind sie geparkt. Am Mittwoch war überrascht werden. Diese Hoffnung hat rem zentralen Vorhaben erklärt. Nun muss
ein Marineoffizier trotz Schnee und eisiger sich auch für sie nicht erfüllt. Was für Tho- sie sich daran messen lassen, was ihr hier
Kälte in kurzer Hose und Turnschuhen im mas de Maizière das Desaster um die nach mehr als fünf Jahren im Amt gelun-
Hafengebiet unterwegs, an seinem Arm Drohne »Euro Hawk« war, war für von gen ist. Und was nicht. Ihre Verteidiger sa-
eine Sporttasche, er kam vom täglichen der Leyen erst das Gerangel mit Heckler gen, dass solch eine Großreform einfach
Training. Ob er über seine Arbeit reden & Koch um das Gewehr G36, die »Gorch mehr Zeit brauche. Aber vielleicht kann
könne? »Alle stellen sich das immer schlim- Fock« kommt nun als Garnitur hinzu, als die Truppe nicht mehr länger warten.
mer vor, als es ist«, sagte er, seinen Namen hässlicher Fleck auf der Steppweste. Mit jedem Flieger, der liegen bleibt, mit
möchte er nicht im SPIEGEL lesen. Er sei jedem U-Boot, das im Dock liegt, sinkt
guter Hoffnung, dass die Restaurierung Er wird nicht alles überdecken. Von der das Ansehen der Bundeswehr. Und je län-
der »Gorch Fock« nun endlich abgeschlos- Leyen sticht aus der Riege ihrer männli- ger die »Gorch Fock« für Tagesgebühren
sen werden könne. Die Ministerin habe chen Vorgänger durch Mut und den Willen von 10 000 Euro im Trockendock von Bre-
sich bei ihrem Besuch in der vergangenen zu grundlegender Veränderung hervor, das merhaven liegt und je teurer ihre Gesamt-
Woche sehr positiv geäußert. sprechen ihr selbst Gegner nicht ab. Wenn sanierung wird, desto öfter wird man
Positiv, aber wohl nur über den erhoff- dereinst politische Nachrufe auf sie zu hören, dass auch die Oberbefehlshaberin
ten guten Ausgang am Ende, nicht über schreiben sind, und das kann schnell pas- Ursula von der Leyen an der Reform der
den Weg dorthin. Ob sich die Öffentlich- sieren, wird sie nicht nur als die erste Frau Bundeswehr gescheitert sei.
keit so leicht wird überzeugen lassen wie im Rang der Oberbefehlshaberin der deut- Lisa Duhm, Ullrich Fichtner, Matthias
die Besatzung der »Gorch Fock«? Es ist schen Streitkräfte zu würdigen sein, son- Gebauer, Hubert Gude, Christoph
eine Zeit des Übergangs. Der Spätherbst dern auch als eine Politikerin, die versucht Hickmann, Hasnain Kazim, Jörg Schmitt,
der Kanzlerin hat begonnen, auch für Ur- hat, den gewaltig großen Laden mit unge- Antje Windmann
sula von der Leyen beginnt die Zeit, Bilanz wöhnlichen Provokationen und sogar mit

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Deutschland
Viele Deutsche wollen nicht glauben, dass die Zeit der Friedensdividende vorbei ist. ‣ S. 22

GREGOR FISCHER / DPA


Außenminister Heiko Maas am Rednerpult des Bundestags

Parlamente

Unionsfrauen fordern mehr Gleichstellung


Für Widmann-Mauz gehört eine Wahlrechtsreform auf die Agenda des Bundestags.

 Frauen in der CDU wollen mit Gesetzesänderungen erreichen, Bedenken gegen staatlich verordnete Quoten habe. Sie teile
dass mehr weibliche Abgeordnete in die Parlamente einziehen. aber das Ziel, dass Frauen im Parlament besser repräsentiert sein
Die Vorsitzende der CDU-Frauen-Union Annette Widmann- müssten. Sütterlin-Waack schlägt eine Tandemlösung vor:
Mauz sagt, die Debatten in einzelnen Ländern und auf Bundes- Danach müssten die Parteien in jedem Wahlkreis zwei Direkt-
ebene zeigten, dass sich der Deutsche Bundestag bei einer Wahl- kandidaten aufstellen, jeweils eine Frau und einen Mann. »Die
rechtsreform mit dem Thema beschäftigen müsse. »Die Aufstel- Wählerinnen und Wähler könnten dann mit ihrer einen Direkt-
lungen in Wahlkreisen und auf Listen sind dabei ein wichtiger stimme zwischen beiden entscheiden«, so die Ministerin.
Aspekt«, so Widmann-Mauz. »Zur Steigerung des Frauenanteils Die CDU-Politikerin und Landtagsabgeordnete Ellen Demuth
in den Parlamenten brauchen wir ausgehend von den Parteien aus Rheinland-Pfalz begrüßt Brandenburgs Vorstoß für die parla-
konkrete und abgestufte Maßnahmen und Verfahren.« Der mentarische Gleichstellung. »Ich finde sehr mutig und gut, dass
derzeitige Frauenanteil im Bundestag liegt bei 31,3 Prozent. Der ein Landtag die Vorreiterrolle übernimmt und ein Paritätsgesetz
brandenburgische Landtag (Frauenanteil: 39,8 Prozent) hatte beschließt«, sagt Demuth. »Damit ist ein Muster gesetzt, das
am Donnerstag ein sogenanntes Parité-Gesetz verabschiedet. Es dann wohl von den Gegnern verfassungsrechtlich geprüft wer-
schreibt Parteien vor, dass sich auf ihren Kandidatenlisten Män- den wird und an dem sich entscheiden wird, in welchem gesetz-
ner mit Frauen abwechseln. Die schleswig-holsteinische Justiz- lichen Rahmen ein Paritätsgesetz möglich ist.« Damit sei das
und Gleichstellungsministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU) Thema »endlich« und »unwiderruflich« im Raum, sodass sich
sagt, das Brandenburger Modell gehe ihr zwar zu weit, weil sie die Debatte versachlichen könne. AMA, RAN

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Mittelmeerflüchtlinge Angela Merkel ihre Bereitschaft dazu


bekundet. Die Entscheidung »fällt aller-
Merkel ignoriert dings in Berlin und auf europäischer Ebe-
hilfsbereite Städte ne«, präzisiert Reker inzwischen, die
»Möglichkeiten einer Kommune« seien
 Die Initiative mehrerer deutscher »deutlich eingeschränkt, sofern der Bund
Großstädte, aus dem Mittelmeer gerette- seinerseits nicht aktiv wird«. München
te Flüchtlinge aufzunehmen, läuft ins schloss sich nach Prüfung der rechtlichen
Leere. Im Juli hatten die Stadtoberhäup- Umstände dem Vorhaben der NRW-Städ-
ter von Köln, Bonn und Düsseldorf, Hen- te nicht an. »Nationale Alleingänge oder

BORIS ROESSLER / DPA


riette Reker (parteilos), Ashok Sridharan gar ausschließlich regionale und kommu-
(CDU) und Thomas Geisel (SPD), in nale Anstrengungen reichen nicht aus«,
einem offenen Brief an Bundeskanzlerin heißt es in der Beschlussvorlage des
Sozialreferats. Rechtlich ist es etwa mög-
lich, dass Bundesländer Flüchtlingskon-
tingente im Rahmen eines humanitären Abschiebeflieger in Frankfurt am Main
Aufnahmeprogramms aufnehmen. In
Freiburg, wo das Thema womöglich im Abschiebungen
Februar in den Gemeinderat kommt, Innenministerium hält
bezeichnet Oberbürgermeister Martin
Horn (parteilos) ein Sonderprogramm, eigene Ideen für riskant
FEDERICO SCOPPA / AFP

wie es Baden-Württemberg 2015 und


2016 für verfolgte Jesidinnen einrichtete,  Das Bundesinnenministerium von
als Vorbild für eine denkbare Lösung. Horst Seehofer (CSU) will durch schärfe-
Auf den Brief an Merkel ist laut Düssel- re Gesetze Abschiebungen erleichtern.
dorfer Stadtverwaltung bislang keine Hauseigene Juristen bewerten die Pläne
Gerettete Migranten auf der »Sea Watch 3« Antwort eingegangen. FRI, LE jedoch in Teilen als rechtlich wackelig.
In einem Vermerk befassen sich die
Fachleute mit den besonders umstritte-
nen Ideen: Es geht einmal um den bis zu
Tempolimit Technik und Fahrverhalten hätten sich zehn Tage langen Gewahrsam am Flug-
Steinalte Zahlen seitdem geändert, sagt das UBA. Es hält hafen. Bisher muss die Maßnahme von
deshalb eine »Aktualisierung für drin- Richtern angeordnet werden. In der Pra-
 Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) gend notwendig«. Resch gibt an, seine xis, beklagen die Ministerialen, würden
begründet ihre Forderung nach Tempo Zahl auf Basis der gestiegenen Gesamt- diese die nötigen Voraussetzungen aber
80 auf Landstraßen und 120 auf Autobah- fahrleistung und der möglichen Einspa- oft strenger auslegen als vom Gesetzge-
nen mit einer fragwürdigen Zahl. Bis zu rung durch Tempo 80 auf Landstraßen ber gewollt. Sie halten einen »Verzicht
fünf Millionen Tonnen Kohlendioxid »vorsichtig hochgerechnet« zu haben. Er auf den Richtervorbehalt« für »eine
jährlich könnten solche Tempolimits, laut wäre »sehr froh, wenn es endlich neue denkbare Variante« – räumen aber ein,
ihrem Geschäftsführer Jürgen Resch, ein- Erhebungen über die tatsächlichen dass ihre Argumentation »nicht ohne
zusparen helfen. Auf Nachfrage räumt Geschwindigkeiten auf Autobahnen« verfassungsrechtliches Risiko« sei. Für
Resch ein, dass er sich dabei auf eine Stu- gäbe. Laut UBA werden diese Daten rechtlich machbar halten Seehofers
die des Umweltbundesamtes (UBA) von »laufend von der Bundesanstalt für Stra- Juristen hingegen die Idee, ausreise-
1999 beziehe. Der eingesparte Anteil an ßenwesen erhoben, aber nur unregelmä- pflichtige Ausländer, bei denen die
den gesamten CO²-Emissionen von Pkw ßig veröffentlicht«. Das solle sich ändern. Voraussetzungen für eine Abschiebungs-
hätte durch ein Tempolimit von 120 auf In diesem Jahr will das UBA ein For- haft vorliegen, vorübergehend auch in
Autobahnen drei Prozent betragen, bilan- schungsprojekt dazu starten. Bis dahin normalen Gefängnissen unterzubringen.
ziert die UBA-Studie. Die dieser Analyse bleibt die Frage, wie viel Kohlendioxid Bisher werden sie in eigenen Anstalten,
zugrunde liegenden Daten sind bereits durch Tempolimits eingespart werden getrennt von Strafgefangenen, unterge-
26 Jahre alt. Verkehrsaufkommen, Kfz- kann, wohl unbeantwortet. BHU bracht – so wie es das EU-Recht vor-
sieht. Die Experten argumentieren, dass
in »außergewöhnlichen Situationen«
aber Ausnahmen möglich seien. In
Deutschland sei dies der Fall: Die Zahl
der Ausreisepflichtigen liege bereits bei
235 000 und werde weiter steigen, da
noch Klagen gegen 280 000 abgelehnte
Asylentscheidungen anhängig seien.
Gleichzeitig gebe es aktuell nur 420
SILAS STEIN / PICTURE ALLIANCE / DPA

Abschiebungshaftplätze in ganz
Deutschland. Eine »den Bedarf decken-
de« Anzahl sei frühestens zum Sommer
2022 zu erwarten, heißt es im Vermerk.
Daher solle das Gebot, abzuschiebende
Menschen getrennt von Strafgefangenen
unterzubringen, für drei Jahre ausge-
setzt werden. WOW

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Parteienfinanzierung
Initiative gegen
Schattenspender
 Als Reaktion auf die Parteispenden-
affäre der AfD hat der FDP-Bundestags-
abgeordnete Konstantin Kuhle eine
europäische Initiative zur Regulierung
von Auslandsspenden gestartet. In
einem Resolutionsantrag an die Parla-
mentarische Versammlung des Europa-
rats fordert Kuhle die Einführung »maxi-
maler Transparenz« sowie die »Regulie-
rung von Zuwendungen ausländischer
Spender an politische Parteien und
Wahlkampagnen«. Hintergrund ist die
zunehmende Aktivität sogenannter
Schattenspender, die mit großen Geldbe-
trägen Einfluss auf politische Kam-
pagnen in ganz Europa nehmen, die eige-

HENNING KAISER / DPA


ne Identität jedoch trickreich verbergen.
So wurden in Deutschland Spitzenpoliti-
ker der AfD von bis heute unbekannten
Polizist seilt Aktivisten im September im Hambacher Forst ab Gönnern unterstützt, die ihre Zahlungen
über Firmen in der Schweiz umleiteten
(SPIEGEL 5/2019). Ähnliche Modelle
kamen auch im Wahlkampf französi-
Umweltaktivisten scher Rechtspopulisten oder bei der briti-
schen Brexit-Kampagne zum Einsatz.
Neue Räumung im »Hambi«? Der von Kuhle gestarteten Transparenz-
Initiative haben sich rund 70 weitere Mit-
 Im umkämpften Hambacher Forst hat das Gebiet räumen. Inzwischen haben glieder der Parlamentarischen Versamm-
sich offenbar die Klientel der Aktivisten Aktivisten laut Polizeiangaben knapp lung des Europarats angeschlossen. Am
verändert. Aachens Polizeipräsident 50 neue Baumhäuser gebaut. Um eine Ende könnte eine entsprechende Resolu-
Dirk Weinspach spricht von einer ver- Räumung zu erschweren, würden die tion des Gremiums stehen. SRÖ
änderten Besetzerszene: »Jetzt bekom- Hütten an schwerer zugänglichen Stellen
men die wieder mehr Raum, die vorge- errichtet, so Weinspach. Nicht alle
ben, den Wald zu schützen, gleichzeitig Baumhäuser seien dauerhaft bewohnt:
aber in zynischer Art bereit sind, mit »Zu den Besetzern stoßen jetzt punktuell
Gewaltaktionen Menschenleben zu Gruppen von außen hinzu. Das sind die,
gefährden.« Bis zu 30 Personen aus der die Straftaten verüben und danach
Baumhausszene sollen zuletzt Angriffe schnell abziehen.« Aufseiten der Akti-
mit Zwillen, Molotowcocktails und visten heißt es, die Anschuldigungen
Steinen verübt haben. Der Hambacher seien der Versuch, die Waldbewohner zu

MURAT TUEREMIS / LAIF


Forst wird seit Jahren von Aktivisten kriminalisieren. Die Kohlekommission
besetzt, die damit die Arbeiten des Ener- der Bundesregierung hat jetzt empfoh-
giekonzerns RWE sabotieren, der den len, den Hambacher Forst zu erhalten.
Wald für seinen Braunkohletagebau Dennoch erwartet der Polizeipräsident
roden möchte. Im September ließ die »über kurz oder lang« eine erneute
nordrhein-westfälische Landesregierung Baumhausräumung. LE Kuhle

Koalition men. Obwohl es vielen Behinderten nach nen. Nun aber hat die Unionsfraktion
Streit um Wahlrecht Meinung von Kritikern durchaus möglich unter Ralph Brinkhaus (CDU) einen res-
wäre, mit Unterstützung eine selbst- triktiveren Entwurf vorgelegt. Dabei wür-
für Behinderte bestimmte Wahlentscheidung zu treffen, den Gerichte überprüfen, ob Behinderte
schließt das Wahlrecht jeden aus, für den oder Erkrankte trotz Hilfe nicht in der
 Union und SPD können sich nicht auf ein rechtlicher Betreuer zur Besorgung Lage sind, das Wahlrecht auszuüben. Die
eine Reform des Wahlrechts für Menschen »aller seiner Angelegenheiten« bestellt wur- Sozialdemokraten lehnen eine solche Rege-
mit Behinderung oder psychischer Erkran- de. Die Koalition wollte das ändern. Einem lung ab. SPD-Innenexperte Burkhard
kung einigen – obwohl im Koalitionsver- ersten Reformvorschlag aus dem Bundesin- Lischka befürchtet, dass dadurch die Fähig-
trag ein »inklusives Wahlrecht für alle« nenministerium von Ende 2018 hatte die keit, eine Wahlentscheidung zu fällen, bei
angekündigt wurde. Aktuell dürfen mehr SPD bereits zugestimmt. Demnach hätten weitaus mehr Menschen infrage gestellt
als 80 000 Menschen in Deutschland nicht die Betroffenen sich bei der Stimmabgabe werden könnte als bisher, und wirft Teilen
an Europa- und Bundestagswahlen teilneh- von anderen Menschen helfen lassen kön- der Union »Starrköpfigkeit« vor. WOW

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FORD BUSINESS

Ford Offroad-Offensive

*
Nach einem erfolgreichen Arbeitstag 0%-Finanzierung
das Business einfach hinter sich lassen
und mal wieder etwas erleben? Kein Der neue Ford Focus Active
Problem mit dem neuen Ford Focus
Active zu Top-Konditionen. für monatlich € 129,-*

Abbildung zeigt Wunschausstattung gegen Mehrpreis.

Kraftstoffverbrauch (in l/100 km nach § 2 Nrn. 5, 6, 6a Pkw-EnVKV in der jeweils gel-


tenden Fassung): der neue Ford Focus Active 5-Türer: 6,0 (innerorts), 4,3 (außerorts),
4,9 (kombiniert); CO2-Emissionen: 110 g/km (kombiniert).

*
Ein Finanzierungsangebot der Ford Bank GmbH, Josef-Lammerting-Allee 24–34, 50933 Köln, erhältlich als Klassische Finanzierung, Systemfinanzierung und Ford Auswahl-Finanzierung. Angebot gilt
für noch nicht zugelassene, für das jeweilige Zinsangebot berechtigte neue Ford Pkw bei verbindlicher Kundenbestellung und Abschluss eines Darlehensvertrages und nur für Gewerbekunden (ausge-
schlossen sind Großkunden mit Ford Rahmenabkommen sowie gewerbliche Sonderabnehmer wie z. B. Taxi, Fahrschulen, Behörden), bei allen teilnehmenden Ford Partnern. Bitte sprechen Sie für weitere
Details Ihren teilnehmenden Ford Partner an. Das Angebot stellt das repräsentative Beispiel nach § 6a Preisangabenverordnung dar. Z. B. der neue Ford Focus Active 5-Türer mit 1,0-l-EcoBoost-Motor mit
92 kW (125 PS), 6-Gang-Schaltgetriebe, inklusive Metallic-Lackierung und auf Basis eines Aktionspreises von € 21.597,27 brutto (€ 18.148,97 netto) zzgl. Überführungskosten, Ford Auswahl-Finanzierung,
Laufzeit 48 Monate, Gesamtlaufleistung 40.000 km, Anzahlung € 3.448,31, Nettodarlehensbetrag € 18.148,96, Sollzinssatz (fest) p. a. 0,00 %, effektiver Jahreszins 0,00 %, Gesamtdarlehensbetrag
€ 18.148,96, 47 monatliche Raten je € 129,-, Restrate € 12.085,96.
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GROSS-
BRITANNIEN

FRANKREICH

Warren

Länder, die über U SA


Mittelstreckenwaffen verfügen

Länder, die über Die US-Interkontinentalrakete


Atomwaffen verfügen »Minuteman III« hat vermutlich eine
maximale Reichweite von 13000 km.
Sie ist u. a. in Warren, Wyoming, stationiert.
Atomwaffenarsenale 2018 *
Russland .......................... 6850
USA ................................... 6450
Frankreich ......................... 300
China ................................... 280
Großbritannien ............... 215
Pakistan ............................. 150
Indien .................................. 140
Israel ...................................... 80
Nordkorea ............................ 15

*stationierte, eingelagerte und ausgemusterte Sprengköpfe; Quellen: Federation of American Scientists, Sipri

Der Tabubruch
Verteidigung Weil Russland neue Marschflugkörper stationiert, will US-Präsident Trump den
INF-Vertrag über das Verbot von Mittelstreckenwaffen kündigen. Damit droht der Welt ein
unkontrolliertes atomares Wettrüsten mit neuen Hightech-Waffen – gegen sie gibt es keinen Schutz.

I
n Kubinka, im Westen Moskaus, ist Armeegrütze löffeln, sich die neuesten zur Sicherheit die Telefone nicht funktio-
Showtime angesagt. Im Freizeitpark Beutewaffen aus Syrien ansehen, histori- nieren. Und da steht es, das Corpus Delicti,
»Patriot« hatte das russische Vertei- sche Panzer bewundern oder mit Kalasch- feierlich aufgebahrt wie ein Sarg auf
digungsministerium vor zwei Jahren nikows schießen. zwei grünen Metallstützen, die angebliche
den Reichstag nachgebaut. Bei seiner Ein- Es ist dieser Ort, den die Moskauer Füh- Wunderwaffe, die so weit fliegt, dass sie
weihung durften über tausend Hobbykrie- rung am Mittwoch vor einer Woche für nach Ansicht Washingtons den INF-Ver-
ger die Schlacht um Berlin nachstellen, eine kleine Extrashow auswählt. Das Ver- trag verletzt, der den Atommächten USA
über ihren Köpfen flog eine alte deutsche teidigungsministerium lädt ausländische und Russland landgestützte Mittelstrecken-
Messerschmitt, aus Lautsprechern dröhn- Militärattachés und Korrespondenten auf systeme verbietet.
ten russische Militärmärsche und Wagners das verschneite Gelände. Sie sollen Zeuge Dass man die Waffe mit der Kennung
Walkürenritt. sein, wenn Russland vor aller Welt seine 9M729 nun der Weltöffentlichkeit präsen-
Heute können Besucher auf dem riesi- Unschuld demonstriert. Die Gäste werden tieren werde, sei ein Akt beispielloser
gen Gelände in einem Partisanenversteck in eine leere Messehalle gebeten, in der Transparenz, hat sich der russische Vize-

22 DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019


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Deutschland

2600 km Radius

Laut US-Angaben hat Russland


in Kapustin Jar und Jekaterinburg die
Mittelstreckenwaffe SSC-8 stationiert.
R U SSL A N D
Dieser Marschflugkörper hat
Jekaterinburg
vermutlich eine maximale
Reichweite von 2600 km.
Kapustin
Jar

NORDKOREA
TÜRKEI

I S RAEL SÜD-
IRAN KOREA
CH I NA
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291
228
69 66 64

USA Nato-Mitglieder China Saudi- Russland Indien


ohne USA Arabien

außenminister Sergej Rjabkow vorher und Russland auslaufen. Die atomare Rüs- wie Pakistan besitzen Nuklearwaffen, an-
selbst gelobt. Er hat nur vergessen zu er- tungskontrolle, die drei Jahrzehnte lang dere wie Iran und Saudi-Arabien könnten
wähnen, dass dort in der Halle lediglich für Stabilität und Sicherheit in Europa ge- folgen. Im Nahen Osten liefern sich die re-
eine Röhre stehen wird, in deren Innern sorgt hat, wird Geschichte sein. Die Welt gionalen Mächte ein regelrechtes Raketen-
sich die geladenen Gäste die umstrittene setzt wieder auf Aufrüstung. wettrüsten, und im Südchinesischen Meer
Waffe sozusagen vorstellen müssen. Was auf den ersten Blick aussieht wie stationiert China seine Raketensysteme
Der neue Marschflugkörper fliege nur ein Rückfall in die kältesten Zeiten des auf Inseln, deren Territorien zwischen den
480 Kilometer weit, beteuert Generalleut- Kalten Krieges, ist in Wahrheit viel gefähr- Anrainern umstritten sind. Militärstrate-
nant Michail Matwejewski, der Chef der licher. Als Ronald Reagan und Michail gen planen regional begrenzte atomare
russischen Raketentruppen. Damit bleibe Gorbatschow 1987 feierlich ihre Unter- Konflikte, Nuklearwaffen scheinen kein
er unter der 500-Kilometer-Grenze des schriften unter den Vertrag setzten, war Tabu mehr zu sein.
INF-Vertrags. Für mehr Treibstoff sei auch die Welt noch überschaubar, beherrscht Die neue Generation von Atomraketen
kein Platz, wie man unschwer an den wei- von zwei Supermächten, eingehegt durch lässt sich nur noch schwer abfangen, die
ßen Markierungen auf der Röhre erken- das Schreckensszenario der gegenseitigen Vorwarnzeiten werden so kurz, dass der
nen könne. atomaren Vernichtung. Mensch kaum mehr eingreifen kann. Die
Moskau wird nicht erwartet haben, die Tausende Marschflugkörper und Rake- Gefahr einer unbeabsichtigten Eskalation,
Amerikaner mit dieser Show zu beeindru- ten mit einer Reichweite zwischen 500 eines Atomkriegs aus Versehen, steigt.
cken. Andrea Thompson, die für Abrüs- und 5500 Kilometern wurden damals ver- Die Atommächte trauen sich so wenig
tung zuständige US-Staatssekretärin, hat schrottet. Heute verfügt etwa ein Dutzend über den Weg wie auf dem Höhepunkt
die Vorführung als »lächerlich« abgetan. Staaten, darunter China, Indien, Iran, Sau- des Kalten Krieges. Als der INF-Vertrag
Wenn der amerikanische Präsident jetzt di-Arabien, Pakistan und Nordkorea, über unterzeichnet wurde, regierte in Moskau
seine Drohung wahrmacht und den INF- eigene Mittelstreckenraketen, spöttisch Michail Gorbatschow, der Erfinder von
Vertrag kündigt, wird nach einer Frist von »die Luftwaffe der Armen« genannt. Und Glasnost, heute hat Wladimir Putin Unbe-
sechs Monaten der vorletzte der großen die Arsenale wachsen rasant. Weltweit rechenbarkeit zur politischen Waffe ge-
Abrüstungsverträge zwischen den USA steigt die Unsicherheit. Instabile Staaten macht. Und in Washington fragt sich der

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Deutschland

Präsident, warum die USA ihre Nuklear- warnt auch Wolfgang Ischinger, der Chef Es geht also schon nicht mehr darum,
waffen eigentlich nicht benutzen sollten. der Münchner Sicherheitskonferenz. den Vertrag zu retten. Man will das »Blame
In Berlin ist inzwischen vom »Trump- Wie wird die Nato reagieren? Der CDU- Game« gewinnen, die Frage, wer am Ende
Putin-Problem« die Rede, auf höchster Verteidigungsexperte Roderich Kiesewet- in den Augen der Öffentlichkeit am Schei-
Ebene herrscht seit Monaten Funkstille ter fordert bereits einen neuen Doppel- tern des Vertrags schuld sein wird: die
zwischen Amerikanern und Russen. Die beschluss, eine Mischung aus »Handlungs- USA, die ihn kündigen, oder Russland, das
beiden Präsidenten haben zuletzt im ver- entschlossenheit und Dialogbereitschaft«. ihn nach Ansicht der Nato verletzt. »Das
gangenen Juli in Helsinki lange miteinan- »Wenn Russland seine Systeme nicht ab- Ultimatum von 60 Tagen war wohl leider
der gesprochen, ein für November in Paris rüstet, müssen wir für die Sicherheit kein ernst gemeinter Verhandlungsvor-
geplantes Treffen kam nicht zustande, das Europas sorgen und dürfen auch nukleare schlag«, sagt Wolfgang Ischinger, der Chef
Gespräch am Rande des G-20-Gipfels An- Optionen nicht ausschließen«, fordert der Münchner Sicherheitskonferenz.
fang Dezember in Buenos Aires wurde we- Kiesewetter. Tatsächlich haben beide Seiten schon
gen der Krise im Asowschen Meer abgesagt. seit Längerem kein Interesse mehr an dem
Trump steht wegen der Russlandermitt- Die deutsche Regierung wollte die Ge- Vertrag, der sie bindet, während andere,
lungen so unter Druck, dass mit Putin de fahr nicht wahrhaben, offenbar hoffte man, allen voran China, ihre Arsenale aufrüsten.
facto eine Kontaktsperre besteht. Das ge- dass es doch irgendwie nicht zum Wenn der Vertrag nicht weltweit gelte,
fährdet mittlerweile die Verlängerung des Schlimmsten, zum Ende des Vertrags, drohte Putin schon 2007, werde es für
letzten Abrüstungsvertrags, des New-Start- kommen werde. Es war eine Politik des Russland schwierig, sich daran zu halten,
Abkommens über die Begrenzung der stra- Wunschdenkens. Das Thema ist beim »besonders wenn andere Länder, darunter
tegischen Atomwaffen. Es läuft 2021 aus Wähler äußert unbeliebt. Viele Deutsche in unser nahen Nachbarschaft, solche Waf-
und müsste jetzt neu verhandelt werden. wollen nicht glauben, dass sich das histo- fensysteme haben«. Gemeint war Peking,
Den ABM-Vertrag, der die Raketen- rische Klima geändert hat und die Zeit der das inzwischen über etwa 1600 landbasier-
abwehr begrenzte, hatten die Amerikaner Friedensdividende nach dem Ende des te Kurz- und Mittelstreckenraketen ver-
schon 2002 gekündigt. An den KSE-Ver- Kalten Krieges vorbei ist. fügt, die neben den Russen auch den Ame-
trag, der Obergrenzen für Panzer und Ge- Kein Wunder also, dass die Bundesre- rikanern Sorge bereiten.
schütze festlegt, fühlen sich die Russen seit gierung erst aufwacht, als es eigentlich Auch in den USA hat der Vertrag mäch-
mehr als zehn Jahren nicht mehr gebun- schon zu spät ist. Nennenswerte Aktivität tige Gegner. Am 31. Oktober sitzt Trumps
den. Und nun gerät auch noch der Atom- entwickelt die Kanzlerin zum ersten Mal, Sicherheitsberater John Bolton bei einer
waffensperrvertrag in Gefahr, mit dem sich als Trump im Oktober bei einer Wahl- Veranstaltung der Alexander Hamilton So-
weltweit fast alle Staaten zur nuklearen kampfveranstaltung ankündigt, den INF- ciety in Washington auf dem Podium. Er
Abstinenz verpflichten – allerdings nur, Vertrag zu beenden. möge, bittet ihn der Moderator, drei Dinge
wenn die Nuklearmächte abrüsten. Und Drei Tage vor dem entscheidenden benennen, die er nach seiner Amtszeit im
davon kann keine Rede mehr sein. Nato-Treffen spricht Angela Merkel am Rückblick als Erfolg bezeichnen würde.
Das Scheitern des INF-Vertrags trifft vor Rande des G-20-Gipfels in Buenos Aires Bolton lacht. »Raus aus dem Iran-Nuklear-
allem Europa. Nato-Generalsekretär Jens mit Trump. Sie drängt den Präsidenten, Deal«, sagt er. Und: »Raus aus dem INF-
Stoltenberg spricht von einem »großen den Vertrag zumindest nicht sofort aufzu- Vertrag«. Der dritte Punkt müsse sich noch
neuen Risiko für Europa« und droht Russ- lösen, sondern Moskau eine Frist zu set- finden.
land mit Gegenmaßnahmen. »Das Schei- zen. Andernfalls könnten sich die Alliier- Bereits im Sommer 2017 hatte das Wei-
tern des INF-Vertrags ist schlecht für die ten nicht klar gegen Moskau stellen und ße Haus die Bundesregierung über den
Nato, schlecht für unsere Sicherheit und Russland allein für das Scheitern des Ver- deutschen Botschafter in Washington ge-
schlecht für unser Verhältnis zu Russland«, trags verantwortlich machen. warnt, dass Trump den Pakt kündigen wol-
le. Vier Jahre zuvor, im Mai 2013, hatten
die USA die Russen zum ersten Mal be-
schuldigt, einen landgestützten Mittelstre-
ckenmarschflugkörper zu entwickeln. Ein
gutes Jahr später, im Juli 2014, warfen sie
Russland öffentlich vor, gegen den INF-
Vertrag zu verstoßen.
Doch in Europa versucht man das The-
ma, das so entscheidend ist für die Sicher-
heit des Kontinents, zu verdrängen. »Die
europäischen Allianzpartner haben zu die-
sem Thema zu lange keine gemeinsame
Position entwickelt und energisch vorge-
tragen«, sagt Ischinger.
Bei rund 30 Gelegenheiten sprechen die
Amerikaner das Thema gegenüber ihren
russischen Gesprächspartnern an. Die Re-
aktion verläuft immer nach demselben
Muster: Die Russen geben zu, was sie nicht
mehr leugnen können, weil die Beweise
erdrückend sind.
Trotzdem zögern viele Nato-Partner,
Russland einen klaren Bruch des INF-Ver-
trags vorzuwerfen, allen voran Frankreich
DPA

und Deutschland. Beim Nato-Gipfel in


Politiker Gorbatschow, Reagan 1987: Schreckensszenario der gegenseitigen Vernichtung Brüssel im Juli 2018 einigen sich die Staats-

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PAVEL GOLOVKIN / DPA


RU-RTR RUSSIAN TELEVISION / AP
SPUTNIK / ULLSTEIN BILD

Russische Hightech-Waffen »Kinschal«, 9M729, »Sarmat«: Wahrhaft furchterregende Raketen

und Regierungschefs daher auf eine Erklä- rüstungsvertrag der Geschichte zu be- vor Ort zu inspizieren, ab. Die Amerika-
rung, die Russland eine Hintertür offen graben. ner halten das Angebot für ein Propaganda-
lässt: »Solange es keine glaubwürdige Ant- Nach Trumps Ankündigung erhöhen die manöver Moskaus. »Das statische Zur-
wort von Russland zu dieser neuen Rakete Amerikaner den Druck auf die Alliierten, schaustellen der Rakete sagt nichts über
gibt, halten es die Verbündeten für am die Kündigung des INF-Vertrags zu unter- ihre Reichweite aus«, sagt Thompson.
plausibelsten, dass Russland den Vertrag stützen. Am 8. November unterrichten Drei Tage später ist Außenminister Hei-
verletzt.« zwei hohe Beamte aus dem US-Außen- und ko Maas zu einem Kurzbesuch bei seinem
Putin ergreift daraufhin die Initiative. -Verteidigungsministerium die Verbünde- Amtskollegen Sergej Lawrow in Moskau.
Beim Gipfeltreffen mit Trump wenige ten über ihre Geheimdiensterkenntnisse. Der gemeinsame Auftritt der beiden wird
Tage später in Helsinki legt er Vorschläge zu einer Demonstration kaum verhohle-
zur Rüstungskontrolle vor, für die Verlän- Anders als früher gewähren die Ameri- ner Antipathie. Während Lawrow in ei-
gerung des New-Start-Vertrags. Auch über kaner den befreundeten Nachrichtendiens- nem länglichen Vortrag die bekannte rus-
Weltraumwaffen wird gesprochen. Zum ten nun Zugang zu ihren Rohdaten. Sie sische Position vorträgt, schaut der deut-
INF-Vertrag sagt er nichts Neues. Trotz- zeigen den Partnern einen Satellitenfilm, sche Außenminister demonstrativ auf die
dem sind Putins auch schriftlich vorge- der dokumentiert, dass Marschflugkörper Uhr, lehnt sich auf seinem Stuhl zurück
tragene Angebote aus Sicht der deutschen 9M729 weiter als 500 Kilometern fliegt. und nestelt an seinem Kopfhörer. Es ist
Regierung ein Ansatzpunkt. Aber die Zudem nennen sie Unternehmen, die an nur zu klar, dass das Treffen für beide ein
Amerikaner reagieren ausweichend, als der Entwicklung und Herstellung der ver- Pflichttermin ist.
die Deutschen nachfragen, wie man denn botenen Flugkörper und Startvorrichtun- Der deutsche Außenminister eilt in die-
mit Putins Vorschlägen umzugehen ge- gen beteiligt sind. sen Tagen geschäftig zwischen Moskau,
denke. Das wirkt. Anfang Dezember stellen die Berlin und Washington hin und her. Ohne
Immerhin sichern sie zu, den Druck auf Nato-Außenminister zum ersten Mal ohne Erfolg. Mehrmals spricht er mit Lawrow.
Moskau schrittweise zu erhöhen und das Abstriche einen Bruch des Vertrags durch Vorschläge oder Initiativen entwickelt er
Abkommen nicht mit einem großen Knall Russland fest. nicht. In Wahrheit glaubt man in Berlin
zu verlassen. Trotzdem ist man mit den Russen wei- nicht mehr daran, dass das Abkommen
Doch Donald Trump hält sich wieder ter im Gespräch. Am 15. Januar trifft sich noch zu retten ist, aber Maas muss zeigen,
einmal nicht an die Zusicherungen seiner die Außenstaatssekretärin Andrea Thomp- dass er nichts unversucht lässt.
Beamten. Am 20. Oktober teilt der US- son mit einer russischen Delegation in Maas steht in Berlin unter Druck. Die
Präsident mit, dass die USA aus dem INF- Genf. Doch das Treffen endet mit einem FDP fordert »Pendeldiplomatie«, die ei-
Vertrag aussteigen werden. Er braucht nur Eklat. Thompson lehnt ein russisches An- gene Partei will, dass der Minister sich für
wenige Sätze, um den wichtigsten Ab- gebot, die 9M729 (Nato-Kürzel: SSC-8) den Frieden einsetzt, und der Koalitions-

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Deutschland

partner wirft ihm Aktionismus vor. Es sei arbeit ablehnen, »müsste man notfalls auch sich einfacher überwachen, ein Überra-
nicht erkennbar, »mit welchem Ansatz der über eine atomare Nachrüstung in Europa schungsangriff ist weniger wahrscheinlich.
Außenminister Russland und die USA nachdenken«, fordert Brok. Die Abschussrampen für bodengestützte
überzeugen will, den INF Vertrag zu ret- Nato-Generalsekretär Stoltenberg will Systeme dagegen können auf Lkw mon-
ten«, sagt der CDU-Außenpolitiker Rött- noch nicht konkret über eine mögliche tiert sein, sind beweglich und lassen sich
gen. »Reisen und Konferenzen sind kein Reaktion der Nato reden. »Wir haben all leicht verstecken, eine Scheune reicht
Ersatz für Politik.« unsere Militärs und Kommandeure ange- schon.
Für den sozialdemokratischen Außen- wiesen, die Konsequenzen zu prüfen«, sagt Die Flugzeit von Mittelstreckenraketen
minister ist es ein Thema, bei dem es nichts er. Russland habe auch nach dem 2. Fe- ist mit wenigen Minuten so kurz, dass der
zu gewinnen, aber viel zu verlieren gibt. bruar noch sechs Monate Zeit, wieder ver- Gegner kaum reagieren kann. Marschflug-
Das Trauma des Nato-Doppelbeschlusses, tragstreu zu werden. »Danach hört der körper wie die russische SSC-8 sind zwar
das die Kanzlerschaft von Helmut Schmidt Vertrag auf zu existieren.« deutlich langsamer als Raketen, weil sie
überschattete, die Massenproteste der wie ein Jet von einer Turbine angetrieben
Achtzigerjahre gegen die Nachrüstung wir- Die Frage ist, warum die neuen russischen werden. Aber sie können ihre Flugroute
ken bis heute nach. Noch bevor das Ulti- Marschflugkörper die Nato so nervös ma- dem Gelände anpassen und fliegen in 15
matum an Moskau abgelaufen ist, schließt chen. Denn viele sind es nicht. Militär- bis 100 Meter Höhe so tief, dass sie vom
Maas eine atomare Nachrüstung der Nato experten gehen davon aus, dass Moskau gegnerischen Radar und damit von Rake-
in Europa als Antwort auf Moskaus Rake- damit begonnen hat, zwei Bataillone mit tenabwehrsystemen kaum erfasst werden
ten praktisch aus. SSC-8 zu stationieren, eines in Jekaterin- können.
In einem Interview mit dem SPIEGEL burg östlich des Ural, das andere auf »Dass sie schwer zu entdecken, zu ver-
(3/2019) erklärt er sie für »die falsche Ant- dem Raketentestgelände Kapustin Jar bei folgen und zu verteidigen sind, macht sie
wort«. »Wir können doch Sicherheits- Wolgograd im Süden des Landes. zu einer idealen Erstschlagwaffe«, sagt
fragen von heute nicht mit den Abschre- Ein Bataillon besteht aus vier Abschuss- Götz Neuneck vom Hamburger Institut für
ckungsideologien aus dem vergangenen rampen mit je sechs Marschflugkörpern, Friedensforschung und Sicherheitspolitik.
Jahrhundert beantworten«, so Maas. die mit konventionellen oder atomaren Wie viele Rüstungskontrollexperten hält
Fraktionsvize Rolf Mützenich will auch Sprengköpfen bestückt werden können. er Marschflugkörper für destabilisierend.
die geplante Modernisierung der deut- Das wären zusammen maximal 48 der Treffen die amerikanischen Vorwürfe
schen Trägersysteme für die amerikani- neuen Mittelstreckenwaffen. Ist das aus- zu, bedrohen die neu stationierten SSC-8
schen Atombomben in Büchel verhindern. reichend, um das atomare Gleichgewicht mit ihrer Reichweite die Nachbarländer
»Aus meiner Sicht verbietet sich derzeit in Europa aus der Balance zu bringen? Russlands und damit auch die europäi-
eine überstürzte Entscheidung zu den »Diese Raketen können europäische schen Nato-Staaten. Die USA sind nicht
deutschen ›Tornados‹«, sagt der SPD-Au- Großstädte erreichen«, sagt Stoltenberg, direkt betroffen. Westliche Militärstrate-
ßenpolitiker. »sie sind schwer zu entdecken, sie sind mo- gen befürchten deshalb, dass Moskau glau-
Das Thema birgt Sprengstoff für die Gro- bil, und sie sind atomwaffenfähig.« Außer- ben könnte, einen begrenzten Atomkrieg
ße Koalition. Es sei »ganz falsch zu sagen, dem reduziere die SSC-8 die Vorwarnzeit nicht nur führen, sondern auch gewinnen
dass man nichts tun wird«, kritisiert Rött- und damit die »Schwelle eines möglichen zu können.
gen den Minister. »Weder jetzt noch später Atomwaffeneinsatzes in einem Konflikt«. »Escalate to de-escalate« heißt diese
sollte die ernste sicherheitspolitische Lage Der INF-Vertrag untersagt nur landge- Strategie, die den Russen zugeschrieben
zu innenpolitischer Vorteilssuche miss- stützte Mittelstreckenraketen und -marsch- wird, »durch Eskalation deeskalieren«.
braucht werden.« Auch der CDU-Europa- flugkörper. Sind sie auf Schiffen stationiert Manche Experten bezweifeln, dass es die-
abgeordnete Elmar Brok hält es für falsch, oder werden von Flugzeugen abgeschos- se Überlegungen in Moskau überhaupt
frühzeitig Optionen vom Tisch zu nehmen. sen, unterliegen sie nicht dem Verbot des gibt, in der neuen US-Atomdoktrin aber
Sollte Putin weiterhin jede Zusammen- Abkommens. Schiffe und Flugzeuge lassen werden sie wie eine Tatsache behandelt.
Danach könnten die Russen in einem Kon-
flikt mit der Nato schon sehr früh mit dem
Einsatz kleinerer Atomwaffen drohen. Wa-
shington bliebe dann nur die Wahl, still-
zuhalten oder mit seinen Interkontinental-
raketen zu antworten, die in den USA
stationiert sind.
Das aber könnte einen verheerenden
russischen Gegenschlag provozieren. Alles
liefe auf die Frage hinaus: Wäre Donald
Trump bereit, die atomare Auslöschung
New Yorks zu riskieren, um, sagen wir, Est-
land zu verteidigen?
TOM BRENNER / THE NEW YORK TIMES / LAIF

Eher unwahrscheinlich. Die Abschre-


ckung der Nato sei deshalb nicht mehr
glaubwürdig, argumentiert der US-Vertei-
digungsexperte Elbridge Colby in der
Novemberausgabe von »Foreign Affairs«
und fordert, mit kleinen und taktischen
Nuklearwaffen nachzurüsten. »Klein« –
das heißt auch die Sprengkraft der Hiro-
shima-Bombe.
In der Nato kursiert noch eine weitere
US-Oberbefehlshaber Trump: Funkstille auf höchster Ebene Theorie, warum Russland eine neue Mit-

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LI TAO / AP / PICTURE ALLIANCE


Chinas Präsident Xi Jinping bei Militärparade 2017: Aufrüstung mit dem »Guam Killer«

telstreckenwaffe entwickelt habe: Kalinin- union doch gar keine besessen habe. »Aus Nachrüstungsdebatte wie in den Achtzi-
grad. Moskau hat die russische Exklave, Sicht der Sowjetunion war das eine einsei- gerjahren will niemand. Aber auch tech-
die zwischen den Nato-Staaten Polen und tige Abrüstung.« Der frühere sowjetische nisch ist die Herausforderung riesig. We-
Litauen an der Ostsee liegt, in jüngster Zeit Staats- und Parteichef Michail Gorba- gen des INF-Vertrags sind im Westen seit
mit den modernsten Waffen aufgerüstet: tschow protestierte empört. drei Jahrzehnten keine landgestützten Mit-
Flugabwehrsystemen vom Typ S-300 und Hinzu kommt, dass die Russen den USA telstreckenwaffen mehr entwickelt wor-
S-400, mobilen »Buk«-Boden-Luft-Rake- schon lange vorwerfen, ihrerseits den INF- den, ein solches Projekt würde Milliarden
ten, Kurzstreckenraketen und -marschflug- Vertrag zu verletzen: mit ihrem Raketen- verschlingen und Jahre dauern.
körpern vom Typ »Iskander«, die atomar abwehrsystem »Aegis Ashore«, das sie im Möglich wäre auch ein massiver Ausbau
bestückt werden könnten, den neuesten rumänischen Deveselu aufgebaut haben. der Raketenabwehr. Allerdings richten
»Oniks«-Antischiffsraketen. Washington und auch die Nato bestreiten sich die in Europa stationierten Systeme
zwar vehement, dass die Anlagen auch für gegen ballistische Raketen, einen tief flie-
Ziel der Stationierung ist es, der Nato in offensive Raketen eingesetzt werden könn- genden Marschflugkörper wie die SSC-8
einem Konflikt den Zugang und Nach- ten, aber auch viele westliche Experten können sie kaum abfangen. Wirksam wä-
schub nach Polen und in die drei baltischen glauben, dass Moskau einen Punkt hat. ren Abwehrsysteme wie die amerikani-
Republiken zu verwehren. Der russische »Ich kann verstehen, dass die Russen sche »Patriot«, die allerdings nur über eine
Abwehrschirm bereitet den Militärplanern Bauchschmerzen haben«, sagt etwa der Reichweite von einigen Dutzend Kilome-
in Brüssel Kopfschmerzen, weil er mit Münchner Raketenfachmann Markus tern verfügt. Um Europa flächendeckend
Flugzeugen und Schiffen nur unter hohen Schiller. Die Abschussvorrichtung vom zu schützen, brauchte man eine ungeheure
Verlusten zu knacken wäre. Gegen einen Typ Mk-41 kann neben Abwehrraketen Zahl solcher Abwehrbatterien.
Angriff mit Nato-Bodentruppen aber grundsätzlich auch »Tomahawk«-Marsch- Der Rüstungswettlauf der Atommächte
könnte Kaliningrad nur schwer verteidigt flugkörper abfeuern. »Eine Umstellung wird deshalb in einem anderen Bereich
werden. Es sei denn, so die Theorie eines soll relativ unkompliziert zu machen sein«, stattfinden. Seit Jahren schon betreiben
Generals in Brüssel, die russische Exklave sagt Schiller. die USA ihr »Prompt Global Strike«-Pro-
stünde unter dem Schutz der neu statio- Die Nato zeigt sich unnachgiebig. Die gramm, das sie in die Lage versetzen soll,
nierten SSC-8-Marschflugkörper. nächsten Monate, in denen der endgültige jedes Ziel auf dem Planeten binnen einer
Dass Russland zum INF-Vertrag schon Rückzug der USA aus dem INF-Vertrag Stunde mit konventionellen Waffen zu
länger ein zwiespältiges Verhältnis hat, beginnt, sollen nun genutzt werden, vernichten. Mitte Januar kündigte US-Prä-
wurde zuletzt im Dezember bei Putins mögliche Optionen der Nato zu prüfen. sident Trump außerdem an, massiv in
Auftritt im Moskauer Verteidigungsminis- Naheliegend wäre es, symmetrisch auf die Raketenabwehr auch im Weltraum zu in-
terium deutlich. »Gott allein weiß«, so Pu- russische Aufrüstung zu reagieren und vestieren.
tin, warum die sowjetische Führung da- ebenfalls neue, atomwaffenfähige Mittel- »Alles zusammen bestärkt die Urangst
mals unterschrieben habe. Schließlich streckenraketen in Europa zu stationieren. der Russen, langfristig ihre nukleare Zweit-
seien ausgerechnet luft- und seegestützte Das würde in vielen europäischen Staa- schlagfähigkeit zu verlieren«, sagt Wolf-
Waffen von der Abrüstung ausgenommen ten, vor allem aber in Deutschland auf hef- gang Richter von der Berliner Stiftung Wis-
worden, obwohl die Landmacht Sowjet- tigen Widerstand stoßen. Eine zweite senschaft und Politik. Die USA könnten

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Deutschland

eines Tages in der Lage sein, in einem Erst- MiG-31-Kampfjet eine »Kinschal« zu Test- schlagskapazität«, sagt der Militärexperte
schlag mit hochmodernen Waffen große zwecken abfeuert. Zhao Tong vom Pekinger Carnegie-Tsing-
Teile des russischen Atomarsenals zu ver- Wahrhaft furchterregend ist die »Sarmat« hua-Center. Das Ende des INF-Vertrags
nichten. Der Rest könnte dann von einer (Nato-Codename »SS-X-30 Satan 2«), eine heize diese Sorge an: »Falls der Vertrag
aufgerüsteten amerikanischen Raketen- Interkontinentalrakete, die 100 Tonnen aufgegeben wird und Washington auch nur
abwehr abgefangen werden. Das Gleich- wiegen soll und damit dreimal so viel wie beginnt, über eine Aufstockung seines Mit-
gewicht des Schreckens, die Grundlage der die »Minuteman III«, das Standardmodell telstreckenarsenals zu diskutieren, wird das
nuklearen Abschreckung, wäre hinfällig. der USA. Sie soll bis zu 24 Atomspreng- für China ein Grund sein, noch mehr zu
Zum amerikanischen »Prompt Global köpfe oder auch manövrierfähige Hyper- investieren.« Und anders als Russland ver-
Strike«-Programm gehören Hyperschall- schallflugkörper tragen können. Westliche füge Peking über ausreichende Mittel.
waffen wie das »Hypersonic Technology Militärs gehen davon aus, dass die »Sar-
Vehicle 2«, das an Bord einer »Minotaur«- mat« in zwei Jahren an Russlands Rake- Bisher hat Chinas Führung kein Interes-
Rakete in den Weltraum geschossen wird tentruppen ausgeliefert wird. se, sich einem erweiterten INF-Abkom-
und dann mit 20-facher Schallgeschwin- Im vergangenen März wurde John Hy- men anzuschließen. Sein Land könne sich
digkeit auf sein Ziel zurasen soll. Der Hy- ten bei einer Anhörung des US-Senats be- »bis auf Weiteres nicht entspannen«, sagt
perschallbereich beginnt bei Mach fünf, fragt. Als Chef des Strategischen Komman- der pensionierte General und Abrüstungs-
also der fünffachen Schallgeschwindigkeit. dos untersteht dem General das amerika- experte Xu Guangyu. Gut möglich, dass
Bei den ersten Flugtests versagte allerdings nische Atomwaffenarsenal. Gefragt, ob die sich Peking irgendwann einem multilate-
der Flugkörper. USA über Mittel verfügten, sich gegen ralen Abrüstungsvertrag anschließen wer-
Im Auftrag der U. S. Air Force arbeiten Hyperschallwaffen zu verteidigen, musste de, »aber nicht, wenn China zu den ande-
Firmen wie der Rüstungsriese Lockheed Hyten antworten: »Wir haben keine.« ren Atommächten aufgeschlossen hat, son-
dern wenn die anderen ihre Arsenale auf
unser Niveau reduziert haben«.
Bei der Nato in Brüssel geht man davon
aus, dass die USA die Russen noch am Wo-
chenende schriftlich über die Suspendie-
rung des INF-Vertrags informieren werden.
Danach dürfte die Diskussion darüber be-
ginnen, wie die Allianz mit der neuen Lage
umgehen soll. Und die könnte kontrovers
werden, denn den westeuropäischen
Bündnispartnern schwebt eine wesentlich
weniger robuste Antwort auf die russi-
schen Raketen vor als den Polen und Bal-
ten. »Der Zusammenhalt der Nato ist in
KAY NIETFELD / DPA

großer Gefahr«, warnt Ischinger.


Nicht wenige Militärs halten das für das
eigentliche Kalkül der Russen. Moskau
wolle die Nato auseinandertreiben. Aus
Außenminister Maas, Lawrow: Kaum verhohlene Antipathie russischer Perspektive könne nichts Bes-
seres passieren, als dass die USA den
INF-Vertrag kündigten, sagt Ischinger. »So
Martin gleich an mehreren neuen Hyper- Russland und die Vereinigten Staaten können sie die Nato spalten.«
schallwaffen, darunter der »Air-Launched besitzen zusammen über 92 Prozent aller Denn die Europäer in West und Ost be-
Rapid Response Weapon«. Sie basiert auf Atomwaffen, doch in ihrem Schatten rüs- urteilen die russische Bedrohung sehr un-
der Technik des Hyperschallflugkörpers ten auch andere Staaten auf. So meldete terschiedlich. Für den Westen, vor allem
X-51 »Waverider«, dessen Testflüge vor Chinas Volksbefreiungsarmee in der ver- für Deutschland, war der INF-Vertrag der
Jahren für Schlagzeilen sorgten. gangenen Woche, man habe bei einem Ra- Ertrag einer geduldigen Politik des Dialogs.
Die Russen kontern auf ihre Weise. ketentest »irgendwo in Nordwestchina« Vertrauen und Gespräche sind möglich,
Ende Dezember gab Moskau den erfolg- zwei Mittelstreckenraketen des Typs DF- auch mit dem Gegner, das ist die Lehre.
reichen Test der »Awangard« bekannt, ei- 26 abgefeuert, bei Militärs besser bekannt Polen, Rumänien und die baltischen
ner Rakete, die bis zu Mach 20 erreichen unter dem Namen »Guam-Killer«. Anders Staaten konnten ihr niemals wirklich fol-
soll. »Russland hat eine neue strategische als »von westlichen Medien bezweifelt«, gen. Zu tief sitzen die historischen Trau-
Waffe«, verkündete Putin im Staatsfern- sei dieser Flugkörper sehr wohl in der mata. »Wir fühlen uns viel unmittelbarer
sehen. Bei der ersten Vorstellung des Lage, einen »sich langsam bewegenden bedroht als die Länder im Westen«, sagt
Systems im März hatte der Präsident die Flugzeugträger zu treffen«. der polnische Außenminister Jacek Cza-
Rakete schon als »unbesiegbar« bezeich- China, von keinem Abrüstungsabkom- putowicz. Russland verstehe nur die Spra-
net und ein PR-Video gezeigt, auf dem men beschränkt, verfügt schon heute über che der Stärke.
der Flugkörper angeblich Raketenabwehr- das weltweit größte Arsenal ballistischer Polen plädiert daher dafür, US-Atom-
systeme umkurvt. Raketen. Etwa die Hälfte davon sind Mit- raketen in Europa zu stationieren. »Es gibt
Eine Fähigkeit, über die auch der Hy- telstreckenwaffen, die Pekings Gegner auf keinen Grund zu glauben, dass Nuklear-
perschallflugkörper »Kinschal« (»Dolch«) Abstand halten sollen, weit draußen im waffen nicht auch in Zukunft den Frieden
verfügen soll, der im vergangenen März Pazifik, wo die Amerikaner auf der Insel sichern werden«, sagt Czaputowicz.«Es
gemeinsam mit der »Awangard« vorge- Guam eine gigantische Luftwaffenbasis be- liegt in unserem europäischen Interesse,
stellt wurde. Er soll 2000 Kilometer weit treiben. dass amerikanische Truppen und auch
fliegen und auch Atomsprengköpfe tragen »China sorgt sich um sein nukleares Ab- Atomraketen auf dem Kontinent statio-
können. Auf Videos ist zu sehen, wie ein schreckungspotenzial und seine Zweit- niert sind.«

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Der Minister will auch nicht ausschlie-


ßen, dass eines Tages sogar Nato-Atomra-
Mit SPIEGEL+ nutzen
keten in Polen stehen werden, was einen
Bruch der Nato-Russland-Akte bedeuten
könnte. »Das wünschen wir uns überhaupt
Sie die ganze digitale
nicht«, so Czaputowicz. »Aber es hängt
alles davon ab, wie sich Russland in Zu-
kunft verhält, ob es seine aggressive Rüs-
tungspolitik fortführt.« Darüber müsse die
Welt des SPIEGEL.
Nato als Gemeinschaft entscheiden.
In Berlin will man bisher vor allem eines:
eine neue Nachrüstungsdebatte vermeiden.
Viele halten es schon für falsch, überhaupt
darüber nachzudenken, was nach dem
Ende des INF-Vertrags zu tun wäre, solan-
ge man noch versucht, ihn zu retten.
Anstatt die notwendige sicherheitspoliti-
sche Diskussion zu führen, hofft man darauf,
dass es vielleicht ein Einsehen geben werde.
»Letztlich wollen doch alle eine Welt ohne
Nuklearwaffen«, sagt Minister Maas. Alle
Staaten, die über nukleare Abschreckungs-
potenziale verfügten, müssten sich an einen
Tisch setzen »und darüber sprechen, wie
wir eine neue Rüstungskontrollarchitektur
errichten«. Das ist natürlich nicht falsch, hat
aber mit der Wirklichkeit nur wenig zu tun.
Für Mitte März plant Maas eine Abrüs-
tungskonferenz in Berlin, allerdings haben
weder die USA noch Russland oder China
ihre Teilnahme auf einer politisch relevan-
ten Ebene zugesagt. »Ein multilateraler
Vertrag bleibt wünschenswert«, sagt Maas’ 1 Monat
Parteikollege Karsten Voigt, »ist aber lei-
der zutiefst unrealistisch.« SPIEGEL+
Das weiß wohl auch der polnische Au-
ßenminister. Er schlägt stattdessen vor, die gratis
europäische Verteidigung zu stärken. Cza-
putowicz wirbt für die Idee, das französi-
sche Atomarsenal, die »Force de Frappe«,
zu europäisieren. Europas Sicherheit, so
der Pole, beruhe auf dem Abschreckungs-
potenzial durch Nuklearraketen. Frank-
reich sei nach dem Brexit das einzige Land
in der EU mit eigenen Atomwaffen. Diese

DRID, Hamburg
könnten einer europäischen Kontrolle un-
terstellt werden, so gewinne der Kontinent
militärisch an Gewicht.
Allerdings ist man sich an der Weichsel
bewusst, dass Paris die »Force de Frappe«
nicht ohne Weiteres an Europa delegieren
wird: »Aber das wäre doch im Einklang
mit Präsident Macrons Idee eines souve-
ränen Europas.«
Markus Becker, Christian Esch,
Matthias Gebauer, Konstantin von
Hammerstein, Christiane Hoffmann, Sie erhalten vollen Zugriff auf alle Inhalte von SPIEGEL+ auf
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Deutschland

Der Druck wächst, das merken vor al-

In der Zeitschleife lem die Iren. Am Freitag vor einer Woche


sitzt Dublins EU-Botschafter in der Lobby
des feinen Stanhope Hotels im Brüsseler
Europaviertel mit Christian Schmidt zu-
Brexit Theresa May will über den britischen EU-Austritt neu verhandeln, sammen. Der ehemalige Bundeslandwirt-
doch Brüssel lehnt jede Änderung des vorliegenden Abkommens schaftsminister ist Beauftragter der Unions-
ab. Setzen ausgerechnet die Deutschen die Einheit der EU aufs Spiel? Bundestagsfraktion für Großbritannien
und Irland, er hat in Brüssel zu tun, der
Ire bat um ein Treffen. Kann ja nicht scha-

E inen Tag bevor das britische Unter-


haus sein jüngstes Votum zum Bre-
xit-Deal Theresa Mays abgab, sitzt
Sabine Weyand im Saal eines Brüsseler
Insel samt Schranken, Zollhäuschen, Grenz-
beamten und Polizisten. Dieses Szenario
könnte nach Einschätzung aller Beteiligten
sogar den brüchigen Frieden im einstigen
den, einem Mann, der einst am Kabinetts-
tisch von Angela Merkel saß, die Vorzüge
des Backstop in Erinnerung zu rufen.
In Brüssel wird schon länger beobachtet,
Thinktanks und redet sich ihren Frust von Bürgerkriegsland gefährden, wäre aber un- dass die Kanzlerin deutlich mildere Signa-
der Seele. Sie fühle sich wie in dem Film vermeidbar, um zu verhindern, dass die le Richtung London sendet als etwa Frank-
»Und täglich grüßt das Murmeltier«, sagt nordirische Grenze zum Schlupfloch in reichs Präsident Emmanuel Macron. Mer-
die EU-Beamtin. Alles, was die Briten den Binnenmarkt würde. kel, das weiß man, hat seit dem Jahres-
nun fordern, um den britischen EU-Aus- »Die EU sollte darüber nachdenken, Än- wechsel sowohl mit Irlands Premier Leo
tritt durchzusetzen, habe man längst derungen am Austrittsvertrag und bei der Varadkar als auch mit May länger telefo-
»ausführlich am Verhandlungstisch«
diskutiert.
Weyand muss es wissen. Fast zwei
Jahre lang hat die Deutsche mit den
Briten über das Austrittsabkommen
verhandelt. Während die Briten ei-
nen Brexit-Minister nach dem ande-
ren austauschten, war die Stellver-
treterin von EU-Chefunterhändler
Michel Barnier immer mit dabei.
Und egal, welche Idee die Briten nun
präsentieren, die Brüsseler Beamtin
fühlt sich wie in einer Zeitschleife:
alles schon mal da gewesen.
Das gilt vor allem für den Auftrag,
mit dem das britische Parlament
die Premierministerin nach der Ab-
stimmung am Dienstagabend nach
Brüssel schickte: May soll andere
Regeln für die nordirische Grenze

JONATHAN BRADY / DPA


finden als die ungeliebte Notfall-
lösung, der sie im Austrittsabkom-
men mit der EU zugestimmt hatte.
Es ist das erste Mal, dass May in
der Brexit-Frage eine Mehrheit be-
kommt, auch wenn sie vor allem Flaggen vor dem Parlament in Westminster: Wachsende Nervosität
darin besteht, das Abkommen sub-
stanziell zu ändern.
Seitdem wächst in Brüssel die Nervosität. politischen Erklärung zuzulassen«, forder- niert. Berichte britischer Medien, wonach
Beinahe wortgleich weisen Ratspräsident te der Direktor des einflussreichen Think- Merkel angedeutet habe, die EU könnte
Donald Tusk und führende Europaparla- tanks Bruegel, Guntram Wolff, daher den Briten entgegenkommen, dementierte
mentarier das britische Ansinnen zurück, jüngst bei einer Expertenanhörung im die Bundesregierung.
das Austrittsabkommen aufzuschnüren. Europaausschuss des Bundestags. Das Misstrauen jedoch bleibt, auch des-
»Wir sind nicht bereit, dieses noch mal neu Die Zeit drängt. Mit jedem Tag, an halb, weil die deutsche Wirtschaft unter
zu verhandeln, es noch mal zu öffnen«, dem das Abkommen in der Schwebe einem Brexit ohne Abkommen besonders
sagte Österreichs Bundeskanzler Sebas- bleibt, wächst die Gefahr, dass es am zu leiden hätte. Großbritannien ist in der
tian Kurz dem SPIEGEL. Ende zu einem Brexit ohne Austrittsver- EU der zweitwichtigste Exportpartner der
Doch seit dem Brexit-Votum im Unter- trag kommt. Im Europaparlament be- Bundesrepublik. Der Chef des Münchner
haus steckt die EU in einer Zwickmühle. reitet man sich bereits darauf vor, die Ifo-Instituts Clemens Fuest macht seinem
Wenn sie, wie bislang, jede Nachverhand- Frist des Artikel 50 des EU-Vertrags zu Unmut über den Brüsseler Starrsinn per
lung in der strittigen Grenzfrage brüsk von verlängern und den Brexit zu verschie- Twitter Luft: »Die EU verweigert weitere
sich weist, riskiert sie das Scheitern des ben. Eine gute Idee, findet Österreichs Verhandlungen? Die EU verhält sich jetzt
Abkommens und damit, dass sich erst Bundeskanzler Kurz. »Ein Aufschieben genauso infantil wie die Briten.« Auch
recht genau jene Situation einstellt, die die des Austritts um ein paar Monate ist zwar CSU-Landesgruppenchef Alexander Do-
verbleibenden EU-Mitglieder mit der Not- noch nicht des Rätsels Lösung, aber es brindt und FDP-Chef Christian Lindner
falllösung für Irland unbedingt vermeiden würde besser sein als ein ungeordneter fordern mehr Flexibilität und Engagement
wollen: eine harte Grenze auf der irischen Austritt«, sagt er. von der EU und der Bundesregierung.

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Der irische EU-Botschafter nimmt promiss verpackten – Vorschlag von kon- In Brüssel gewinnt daher die Idee Un-
Schmidt ins Gebet, er erinnert ihn an servativen Politikern, die wieder mal von terstützung, den EU-Austritt der Briten zu
den fragilen Frieden zwischen Protestan- einer unsichtbaren Grenztechnologie auf verschieben, um ein paar Monate zumin-
ten und Katholiken, den das sogenannte der irischen Insel reden. Warentransporte dest. Entsprechende Avancen machte Rats-
Karfreitagsabkommen seit 1998 mit einer könnten künftig mit einer Art Barcode ver- präsident Tusk unmittelbar nach der Ab-
durchlässigen Grenze geschaffen hat. Die sehen werden, der elektronisch erfasst wird. stimmung im Unterhaus.
Regierung in Dublin hat große Angst, da- Das Problem ist nur: Eine funktionie- Dagegen spricht allerdings, dass Ende
für verantwortlich dafür gemacht zu wer- rende Technik dafür gibt es bis heute nicht. Mai Europawahlen anstehen und sich
den, wenn an der Grenze zu Nordirland »Leider hat das britische Unterhaus keine Anfang Juli das neue Europaparlament
die Gewalt hochkochen sollte. positive Strategie vorgelegt, wie es sich die konstituieren soll. Wenn die Briten dann
Für die Brexit-Hardliner unter den bri- Zukunft vorstellt«, schimpft der Fraktions- noch Mitglied der EU sind, drohen hand-
tischen Tories dagegen ist der Backstop chef der Europäischen Volkspartei im feste Schwierigkeiten. Zu diesem Ergebnis
eine Zumutung, weil er vorsieht, dass das Europaparlament, Manfred Weber. Brüs- kommt ein Gutachten des rechtlichen
gesamte Königreich für unbestimmte Zeit sel bleibe gar nichts anderes übrig, als bei Dienstes des Europaparlaments, das dem
in einer Zollunion mit der EU verbleibt, der ablehnenden Haltung zu bleiben, for- SPIEGEL vorliegt.
sollte der bis Ende 2020 angestrebte Frei- dert auch Norbert Röttgen, der Chef des »Sollte das Vereinigte Königreich in
handelsvertrag nicht zustande kommen. Auswärtigen Ausschusses im Bundestag. der Zeit der Europawahlen noch Mit-
Großbritannien, so die Backstop-Gegner, »Frau May kommt mit leeren Händen, sie glied der EU sein, hätte es die Pflicht,
werde dadurch bis zum Sankt-Nimmer- bringt kein neues britisches Angebot an Wahlen abzuhalten, um vor der Einset-
leins-Tag Befehlsempfänger der EU. den Verhandlungstisch.« zung des Parlaments Abgeordnete zu
bestimmen«, heißt es darin. Alles
andere sei ein Verstoß gegen euro-
päisches Recht, Klagen könnten die
Folge sein.
»Wir haben kein Interesse daran,
bei den Europawahlen noch einmal
anzutreten«, sagt Ashley Fox, Chef
der Tory-Abgeordneten im Europa-
parlament. Fox war gegen den Brexit,
doch jetzt sagt er: »Das wäre Betrug
am Brexit-Votum.«
Um zu vermeiden, dass die Briten
nun Europawahlen abhalten müs-
sen, obwohl sie die EU eigentlich
verlassen wollen, kursieren ver-
schiedene Szenarien. So überlegen
die Brexit-Experten im Europapar-
lament, die eigentlich für Anfang
Juli vorgesehene Wahl des neuen
Kommissionspräsidenten in den Sep-
tember zu verschieben, das bringt
INGA KJER / IMAGO

wertvolle Monate. Alternativ, so


heißt es an der Parlamentsspitze,
könnten die Briten einfach für einen
bestimmten Zeitraum Parlamenta-
Regierungschefinnen May, Merkel 2018: Deutlich mildere Signale rier ohne Wahl bestimmen und nach
Brüssel schicken. Vorbilder dafür
gibt es. Als es in Deutschland zur
Um das zu verhindern, will May den Erschwerend kommt hinzu, dass sich Wiedervereinigung kam, entsandte die
Backstop nun durch »alternative Arrange- die EU überhaupt nicht sicher sein kann, Volkskammer der untergehenden DDR
ments« ersetzen. Ein entsprechender Vor- ob es am Ende überhaupt etwas nutzt, 18 Abgeordnete als Beobachter ins Eu-
schlag des Hinterbänklers Graham Brady rechtlich verbindlich vom Backstop ab- ropaparlament. Auch Österreich schickte
ist hinreichend vage formuliert, am Ende zurücken. Denn in London ist völlig offen, nach seinem EU-Beitritt 1995 zunächst
sicherte das den Erfolg: Mit 317 zu 301 Stim- ob ein so veränderter Brexit-Deal tat- ungewählte Abgeordnete, die entspre-
men nahm das Unterhaus den Antrag an. sächlich durchs Parlament ginge. Neun chend der Stärke der Fraktionen im Na-
Die Folge: Die Zukunft des Friedenspro- Stimmen fehlten am Dienstag, um die tionalrat aufgeteilt wurden.
zesses in Nordirland wird zu einem neuen, schwammige Brady-Idee zu kippen, und Ein anderes Szenario beschreibt Brexit-
gewaltigen Einsatz im Brexit-Spiel. Denn schon jetzt tönen Brexit-Puristen, der Unterhändlerin Weyand. Mit jedem Tag,
was »alternative Arrangements« sein sollen, Backstop sei für sie »nur das Schlimmste« so die EU-Beamtin, wachse das Risiko ei-
weiß bis heute keiner, und zwar weder dies- an Mays Plänen. May betonte zudem, es nes ungeregelten Brexits. Der Grund, so
seits noch jenseits des Ärmelkanals. »Wir stehe jedem Abgeordneten frei, den ge- Weyand, sei simpel: »Der Crash ist das
haben uns jede Grenze auf dieser Welt an- samten Deal abzulehnen, wenn sie ihn, einzige Szenario, das nicht voraussetzt,
gesehen«, sagt Brexit-Unterhändlerin Wey- mutmaßlich am 14. Februar, erneut zur dass jemand irgendetwas unternimmt oder
and, »jede Grenze, die die EU mit einem Abstimmung stellt. Wäre das der Fall, eine Entscheidung trifft.«
Drittland hat. Es gibt einfach keinen Weg, stünde das Land – sechs Wochen vor Markus Becker, Peter Müller,
Kontrollen zu vermeiden.« Das gilt auch dem Austrittsdatum – wieder ganz am Jörg Schindler
für den – neuerdings als Malthouse-Kom- Anfang.

DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019 31


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Deutschland

Jugendliche in anderen Ländern schlos- toren nach eigenen Angaben, mehr als

Den Kollaps sen sich ihr an. Bald waren es so viele, dass
Thunberg, 16, zum Gesicht einer neuen in-
ternationalen Bewegung wurde und zum
30 000 Leute in Deutschland auf die Stra-
ße zu holen. »Wir jungen Menschen wis-
sen, dass jetzt die letzte Möglichkeit ist,

verhindern Weltwirtschaftsforum nach Davos reiste, wo


sie sogar Christine Lagarde traf, die Direk-
torin des Internationalen Währungsfonds.
den vollständigen Klimakollaps zu verhin-
dern«, schrieben sie in ihrem offenen Brief
an die Kohlekommission.
Proteste Jeden Freitag In Deutschland haben die Proteste mit Mit Gleichgesinnten aus Belgien, Italien
demonstrieren Schüler und Stu- dem lokalen Engagement einzelner Schü- oder den USA stehen sie in Kontakt, eben-
ler begonnen. Einer von ihnen ist Jakob so mit britischen Aktivisten. »Zuletzt haben
denten gegen die Umweltpolitik. Blasel aus Kiel. »Ich habe erfahren, dass wir ein Mentoring für die Briten gestartet«,
Jetzt vernetzen sie sich weltweit – eine Schülerin aus Bad Segeberg vor dem sagt Luisa Neubauer. Im Vereinigten Kö-
für einen globalen Aktionstag. Landtag streiken will«, sagt der 18-jährige nigreich hätten noch keine Protestzüge
Gymnasiast. »Damit sie da nicht allein stattgefunden, aber das solle sich ändern.
steht, habe ich noch ein paar Leute zusam- Weil einige Schulen dort so teuer seien,

A ls Peter Altmaier zu den Schülern


und Studenten sprechen will, die
vor seinem Ministerium demons-
trieren, wird er von ihnen ausgebuht. »Wir
mengetrommelt, und wir haben uns dem
Protest angeschlossen.«
Per Ketten-WhatsApp habe sich die
Nachricht des Schülerstreiks unter den
werde diskutiert, ob man dem Unterricht
fernbleiben könne.
Schwänzen oder streiken – diese Frage
beschäftigt auch die Deutschen. Alexander
haben ihm den Zutritt zur Lorz ist hessischer Kultusminis-
Bühne verwehrt«, sagt Luisa ter und Präsident der Kultus-
Neubauer. ministerkonferenz. Prinzipiell
Die Geografiestudentin hat begrüßten er und seine Kolle-
die Umweltproteste mitorgani- gen das Engagement vieler
siert, am Freitag vergangener Schüler, sagt der CDU-Politi-
Woche ist sie mit Mitstreitern ker. »Dem Umweltschutz ist
ins Wirtschaftsressort von Peter allerdings auch dann geholfen,
Altmaier gegangen und hat ei- wenn auf seine Bedeutung au-
nen offenen Brief an die Kohle- ßerhalb der Schulzeit hingewie-

HANNA FRANZEN / EPA-EFE / REX


kommission übergeben. Der sen wird.«
Minister lud sie in seinen Direktor Heinz-Peter Meidin-
Dienstsitz ein. »Wir wurden ge- ger hat an seinem Gymnasium
hört«, sagte einer der Schüler im bayerischen Deggendorf
danach. mit den Schülern ausgemacht,
Eine Gegeneinladung auf die dass sie den versäumten Un-
Demo gleich neben dem Minis- terricht in Form selbst organi-
terium wollten die Besucher sierter Podiumsdiskussionen
Altmaier allerdings nicht aus- zum Thema Klima nachholen
sprechen. Er sei trotzdem er- werden. »Ich finde das Anlie-
schienen und habe am Rande gen der Schüler richtig, kann
der Demo mit Journalisten ge- aber keine offizielle Erlaubnis
sprochen, sagt Neubauer. »Ich für die Proteste erteilen«, sagt
habe seinen Leuten gesagt, Meidinger, der zudem Präsi-
dass er hier nicht reden kann, dent des Deutschen Lehrerver-
schließlich ist er einer der Grün- bands ist.
de, warum wir überhaupt de- Bei »Fridays for Future« dis-
monstrieren müssen.« Die Ab- kutieren die Jugendlichen, ob
sage an den CDU-Politiker sie nach Schulschluss nicht
GORDON WELTERS / LAIF

habe sie dennoch Überwin- noch mehr Schüler mobilisie-


dung gekostet, sagt sie. »Das ist ren könnten, auch jene, die
ja immer noch ein Minister.« sich vormittags vor Konse-
Jeden Freitag treffen sich seit quenzen fürchteten. Jakob Bla-
einigen Wochen Schüler und sel hält davon nichts. »Ich glau-
Studenten in Berlin und ande- Aktivistinnen Thunberg in Stockholm 2018, Neubauer in Berlin be, dass wir mehr Gehör fin-
ren deutschen Städten zum De- »Wir wurden gehört« den, wenn wir bewusst gegen
monstrieren. Sie streiken für die Schulpflicht verstoßen«,
eine neue Klimapolitik. »Fri- sagt er.
days For Future« nennen sie ihre Proteste. Kindern und Jugendlichen verbreitet. Er legt demnächst sein Abitur ab, aber
Als Nächstes planen die Jugendlichen ei- Etwa 500 von ihnen kamen am 14. De- die bevorstehenden Prüfungen beschäfti-
nen internationalen Aufschlag: Per Whats- zember in Kiel zusammen. gen ihn zurzeit nicht besonders intensiv.
App haben sie sich vernetzt, um für den Schnell waren es bundesweit Tausende, Er bereitet sich auf den globalen Streik im
15. März einen globalen Aktionstag zu die sich über WhatsApp organisierten. März vor, ebenso wie Luisa Neubauer.
organisieren. Mittlerweile hat »Fridays for Future« »Ich halte es für realistisch«, sagt sie, »dass
Angestoßen hat das alles Greta Thun- eine professionell gemachte Website. Dort wir dann in Deutschland 100 000 Men-
berg, eine Schülerin aus Schweden, die be- aufgelistet finden sich die Links zu schen auf die Straße holen.«
reits seit August jede Woche für eine neue Gruppenchats in rund 120 Städten. Bereits Anna-Sophie Schneider
Umweltpolitik demonstriert. am 18. Januar gelang es den Organisa-

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Werte-
wandel
Fahrverbote Politiker bezweifeln
die Methoden bei der
Schadstoffmessung. Grund zur
Hoffnung für Dieselfahrer?

I n München wird im kommenden Jahr

RALPH PETERS / IMAGO


ein neuer Oberbürgermeister gewählt.
Der SPD-Amtsinhaber Dieter Reiter
muss sich gegen zwei starke Herausforde-
rinnen behaupten, die eine von der CSU,
die andere von den Grünen. Da kann es
nicht schaden, im Vorfeld die Nerven der Autoverkehr am Mittleren Ring in München: »Lediglich punktuelle Messungen«
Autofahrer zu beruhigen.
Fahrverbote seien »weder verhältnis-
mäßig noch notwendig«, sagte Reiter diese Als »politisches Statement« bezeichnet werte ohnehin nur die Europäische Union.
Woche, als seine Verwaltung neue Zahlen deshalb der Münchner Bundestagsabge- Und auch die zuständigen deutschen Stel-
veröffentlichte. Die »real gemessenen Wer- ordnete Dieter Janecek (Grüne) Reiters len wehren sich gegen die Anwürfe: Die
te im gesamten Stadtgebiet« lägen »deut- Zahlen: »Jetzt bekommen wir eine Debat- Messqualität sei »durch eine seit Jahren
lich unter den Berechnungen des Umwelt- te darüber, wer richtig misst.« Dass die eingeübte Vorgehensweise bereits jetzt si-
amtes«, nun gebe es »belastbare Fakten«. sinnvoll sei, bezweifelt er. »Am Ende wer- cher«, heißt es beim Verkehrsministerium
Ein Kommunalpolitiker im Kampf ge- den die Werte einer wissenschaftlichen Baden-Württemberg, in einem Brief an die
gen Fake News? Jedenfalls stehen die Sät- Überprüfung standhalten müssen.« Bundesregierung begrüßt das Ministerium
ze Reiters für einen bundesweiten Trend. Und einer juristischen: München wird zusätzliche externe Prüfungen.
Vielerorts zeigen Bundes-, Landes- und von der Deutschen Umwelthilfe und vom In Nordrhein-Westfalen kritisiert die
Kommunalpolitiker gerade einen Werte- Verkehrsclub Deutschland verklagt. Inzwi- Umweltministerin Ursula Heinen-Esser
wandel der besonderen Art: Angesichts schen liegt das erste Verfahren beim Euro- (CDU) die Zweifler in der Union. »Ich
drohender Dieselfahrverbote ziehen sie päischen Gerichtshof und das zweite beim kann nur davor warnen, diese Debatte zu
die etablierten Mess- und Prognoseverfah- Bayerischen Verwaltungsgerichtshof. eröffnen, es sei denn, es gibt tatsächlich
ren für Luftschadstoffe in Zweifel. Tenor: »Der Oberbürgermeister sagt nach le- neue wissenschaftliche Erkenntnisse«, sagt
alles unsicher, lieber nachmessen, zusätz- diglich punktuellen Messungen, dass alles die ehemalige Staatssekretärin im Bundes-
liche Instanzen müssen befragt werden. gut sei«, kritisiert der Berliner Rechtsan- umweltministerium. »Die Grenzwerte ba-
München unterhält seit 2018 zusätzlich walt Remo Klinger, der beide klagenden sieren auf wissenschaftlichen Erkenntnis-
zu den fünf von Bayern betriebenen Sta- Organisationen vertritt. »Dabei gibt es für sen, sind in einem politischen Prozess von
tionen 20 eigene Messstellen. Seit Januar die übrigen belasteten Straßenabschnitte der EU festgesetzt und in deutsches Recht
kommen weitere 20 hinzu, auswerten soll keine Aussage.« Fahrverbote seien keines- umgesetzt worden«, so Heinen-Esser. Für
die Daten der Deutsche Wetterdienst. Den falls vom Tisch, so Klinger. Im Gegenteil. Städte wie Düsseldorf, Köln oder Essen
hat auch die Verkehrsministerkonferenz Für weniger Abgase könne etwa ein Diesel- müssten jetzt schnell Maßnahmen greifen,
beauftragt, die bestehenden Stationen zu verbot in der Münchner Innenstadt sorgen, die die Luftqualität verbesserten und Fahr-
überprüfen. Das Bundesumweltministe- inklusive des Mittleren Rings. verbote verhinderten.
rium will ab Februar die 25 Messstationen In Stuttgart hat Klinger schon teilweise In München, wo unmittelbar gar keine
mit den höchsten Werten kontrollieren las- obsiegt: Dort gelten seit Neujahr Fahrver- Fahrverbote drohen, ist es ein Automobil-
sen, wahrscheinlich vom TÜV. Gegner von bote für Euro-4-Diesel im Stadtgebiet, wo- klub, der an diesem Wochenende zur ers-
Fahrverboten möchten die ungeliebten möglich müssen bald auch neuere Fahr- ten Demonstration an der etablierten Luft-
Kästen am liebsten umsetzen oder das gan- zeuge mit Euro-5-Norm draußen bleiben. messstation des Landes aufruft.
ze Verfahren umkrempeln. Umso schärfer tobt der Streit ums rechte Der ADAC-Konkurrent »Mobil in
»Die Berechnungen des Freistaates waren Maß. Die als Juniorpartner der Grünen re- Deutschland e. V.« hat derzeit rund 10 000
offensichtlich unzutreffend«, sagt Reiter in gierende CDU beschloss am vergangenen Mitglieder, man hofft auf Zulauf durch
Bezug auf die Belastungsszenarien für Mün- Wochenende, eine Expertenkommission mehrere Kundgebungen in den kommen-
chen. Dabei umfassen seine eigenen Zahlen solle die Schadstoffgrenzwerte überprüfen den Wochen. Für die Premiere hat der Ver-
nur ein Jahr, der Rest sind ebenfalls Progno- und wenn nötig neu festlegen. »Bis dahin ein eigens gelbe Warnwesten bedrucken
sen. Am Donnerstag veröffentlichte das Um- muss es ein Moratorium für massive Ein- lassen. Aufschrift: »Schnauze voll! Kein
weltbundesamt seine jüngsten Erhebungen: griffe ins Eigentum aufgrund dieses Grenz- Kfz-Dieselverbot in Deutschland«.
Demnach sind die Zahlen für die beiden be- wertes geben«, heißt es in einer CDU-Er- Jan Friedmann, Gerald Traufetter
kanntesten Münchner Messstellen zwar klärung.
rückläufig, aber weiterhin sehr bedenklich, Doch stimmte die CDU kurz darauf im
eine Station in Nürnberg und eine in Augs- Landtag gegen eine Aussetzung der Fahr- ‣ Lesen Sie auch auf Seite 102
burg liegen ebenfalls über dem EU-Grenz- verbote. Der Landesregierung bleibt we- Wie Feinstäube die Luft verpesten
wert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. nig Spielraum. Ändern könnte die Mess-

DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019 33


РЕЛИЗ ПОДГОТОВИЛА ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS

der Kollege so viele Leserbriefe wie selten. Einige, die


Lothar Gorris
allermeisten von Männern, waren voller Hass, andere

Heiliger Fortschritt
durchaus bemüht, sachlich zu argumentieren, Statistiken
tiefer zu deuten, anders zu bewerten. Bei SPIEGEL
ONLINE sorgen Artikel und Kommentare zum Thema
weiterhin für ungewöhnlich hohe Zugriffszahlen. Es
ist, als ob die deutsche Seele brennt.
Essay Im Streit ums Tempolimit geraten Raser Ganz offensichtlich gibt es einen Riss durch diese Ge-
sellschaft. Autohasser gegen Autofreunde. Sicherheits-
und Radler, Männer und Frauen, Klimaschützer fanantiker gegen Freiheitskämpfer. Raser gegen Radler.
und Klimaleugner, Sicherheitsfanatiker und Klimaschützer gegen Klimaleugner. Was Amerika die
Freiheitskämpfer aneinander – ziemlich viel los Waffen sind, sind Deutschland die Autos. Der Riss geht
übrigens mitten durch den Autor dieser Zeilen.
auf der Debatten-Autobahn. Zwei wesentliche Argumente werden für ein Tempo-
limit angeführt. Erstens: der Umweltschutz. Ein Tempo-
limit von 120 auf Autobahnen (verlässliche Angaben über

D
130 gibt es nicht) würde den CO -Ausstoß von Pkw auf
²
er Autor dieser Zeilen fuhr mal einen Maserati. Deutschlands Straßen um drei Prozent verringern, was
Es ist nicht lange her, ein paar Jahre nur. Einen gut und richtig wäre. Ehrlich gesagt, wäre es aber keine
Maserati Quattroporte, gebraucht, erstaunlich große Hilfe dabei, die nationalen Klimaziele zu erreichen:
günstig, falls das jemanden beruhigt. Wahrschein- Die Gesamtemission von CO in Deutschland würde bei
²
lich ist es das schönste Auto, das jemals in der SPIEGEL- Tempo 120 nur um 0,3 Prozent verringert. Fortschritt gibt
Tiefgarage abgestellt worden ist. Was nicht immer es manchmal nur in kleinen Schritten.
nur gut ankam. Und ja, es war natürlich totaler Blödsinn. Zweitens: weniger Geschwindigkeit, mehr Sicherheit,
Der Kühlergrill erinnert an ein Haifischmaul, der weniger Tote. Was nicht nur eine Frage der Logik und des
Sound an eine heiser pochernde Symphonie, die lang gesunden Menschenverstands ist, sondern eine durch
gestreckte Motorhaube an Zeiten, als sich bei Automes- Studien halbwegs abgesicherte Erkenntnis. Das Land
sen noch Bikiniblondinen auf den Autos räkelten. Einmal, Brandenburg hat vor ein paar Jahren die Unfallstatistiken
bei einer Landpartie durch das glamouröse Schleswig- eines Autobahnabschnitts zwischen Rostock und Berlin
Holstein, bat die Verkäuferin einer Forellenräucherei vor und nach Einführung eines Tempolimits miteinander
beim Tschüssagen, man möge bitte kräftig aufs Gas drü- vergleichen lassen. Zwar beschränkt sich der Untersu-
cken, weil sie den Klang so gern höre. Okay, sexy war chungszeitraum auf die Jahre zwischen 1996 und 2006,
jetzt möglicherweise nicht genau das Wort, das sie sagte, Jahre, in denen die Fahrzeugflotte in Deutschland sicher-
aber so etwas in der Art hat sie wohl gemeint. heitstechnisch nicht ganz so modern war wie heute,
Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass es ein Ferrari- und dennoch: Die Zahl der Unfälle, Verletzten und auch
Motor war, der diesem Auto den Vortrieb gab und erst bei Toten sank signifikant, teilweise um die Hälfte.
270 Stundenkilometern die Kraft verlor. 270 Stundenkilo- Nun aber betreten wir den schwierigen Teil des Dis-
meter, das ist mehr als das Doppelte des Tempolimits von kursgeländes, wo ethische und ideologische, moralische
130, das seit Wochen die Gemüter erregt, als stünde das und emotionale Kontroversen ausgefochten werden.
Schicksal einer ganzen Nation zur Diskussion, eine Debat- Das schlimmste Jahr in der Verkehrsgeschichte der
te, die auch kein Ende fand, als der zuständige Verkehrs- Bundesrepublik ist das Jahr 1970. Der SPIEGEL schrieb
minister eine derartige Idee für quasi verrückt erklärte und damals von einem »Gemetzel« auf Deutschlands
der Regierungssprecher ein Limit kate- Straßen, das mehr als 19 000 Menschen das Leben koste-
gorisch ausschloss. Die möglichen 270 te, so viele wie nie zuvor. 15 Millionen Pkw waren
20 000 Kilometer Stundenkilometer des Maserati blieben damals zugelassen, hochgerechnet auf die heutigen knapp
lang waren wir ziem- unerreicht. Auf einer Fahrt von Berlin
nach Hamburg, irgendwo auf der A 24
47 Millionen Pkw wären das fast 60 000 Tote.
Aber Staat und Industrie haben seit 1970 das getan, wo-
lich beste Freunde. im menschenleeren Mecklenburg, freie für sie da sind. Die Politik regulierte klug und nachdrück-
Brüder des Risikos Sicht auf eine freie Autobahn für einen lich, führte die Gurtpflicht ein (was damals genauso als
freien Bürger, stieg der Tacho auf Angriff auf die Freiheit begriffen wurde wie das Tempo-
und der Unvernunft. fast 260 Kilometer, eine Art persön- limit heute), begrenzte bald die Höchstgeschwindigkeit
licher Weltrekord, über die Bose-Laut- auf Landstraßen, senkte die Promillegrenze, die damals
sprecher lief Pink Floyds, sorry, war so, bei 1,5 Promille lag, was nichts anderes heißt, als dass
»Dark Side of the Moon«. Ein Trip, ein Spiel, ein Kitzel, man total betrunken Auto fahren durfte. Und die Indus-
berauschend und unheimlich zugleich, denn der fast zwei trie erfand Airbags, Antiblockiersysteme, Knautschzonen
Tonnen schwere Wagen hatte die Angewohnheit, ab 240 zum Wohle ihrer Kunden. Heiliger Fortschritt.
plötzlich der Schwerkraft zu trotzen und scheinbar immer Deswegen waren es im Jahr 2017, sagen die jüngsten
leichter zu werden. 20 000 Kilometer lang waren wir Zahlen des Statistischen Bundesamtes, 3177 Menschen,
ziemlich beste Freunde, der Maserati und ich, Brüder des die auf den Straßen des Landes starben, also rund 85 Pro-
Risikos und der Unvernunft. Die Liebe verblasste, aber zent weniger als 1970. 409 Menschen kamen bei Unfällen
die Erinnerung an die Forellenverkäuferin blieb. auf Autobahnen ums Leben, 181 von ihnen übrigens
Tempolimit also. Eine Umfrage ergab kürzlich, dass wegen sogenannter nicht angemessener Geschwindigkeit.
51 Prozent der Bürger eine Geschwindigkeitsbegrenzung Und selbst diese vergleichsweise geringe Zahl ist durchaus
befürworten und 47 Prozent dagegen sind. Als in relativierbar, was die Debatte um das Tempolimit
der vergangenen Woche der SPIEGEL einen Leitartikel betrifft, weil viele dieser Unfälle sich auf bereits geschwin-
druckte, der sich für ein Tempolimit aussprach, bekam digkeitsregulierten Abschnitten ereigneten.

34 DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019


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Deutschland

Italienischer Sportwagen, Privatbild 2012

Aber sind Menschenleben relativierbar? Ist nicht jeder die Welt retten wollen. Sind es also womöglich eher kon-
Tote einer zu viel? Ganz bestimmt. Doch selbst der größte servative Männer, die nun ihr letztes Refugium in Gefahr
technologische Fortschritt kann sich nicht über die Geset- sehen, ihren letzten Möglichkeitsraum in einer alles re-
ze der Physik hinwegsetzen. Jede schnelle Fortbewegung, gulierenden, einhegenden, postheroischen Gesellschaft,
die jäh gestoppt wird, entfaltet eine Dynamik der Aufprall- die ihnen ohne Sinn für Unsinn und Unvernunft die letzte
kräfte, denen menschliche Körper kaum standhalten kön- Grenzerfahrung nehmen will. Sind es andererseits wo-
nen. Wer also überhaupt keine Verkehrstoten wolle, sagen möglich eher fortschrittliche Frauen, die nur von A nach
Gegner eines Tempolimits, müsse eigentlich jede Art von B fahren wollen, egal womit, und die Schnauze voll ha-
schnellerer Fortbewegung verbieten, auch Fahrräder, Pfer- ben von Machogehabe und toxischer Männlichkeit. Ziem-
de, Kutschen, Skateboards, Roller. Es ist die alte Frage je- lich viel Ballast, um mal schnell ein Problem sinnvoll zu
der menschlichen Existenz. Freiheit oder Sicherheit? Risi- verhandeln oder gar zu lösen.
ko? Oder das Nichts? Wer sich nicht bewegt, bleibt stehen. Zumal die Frage, ob es ein Tempolimit geben soll, sich
bald von allein klären wird. Wir erleben die letzten Jahre

A
des Verbrennungsmotors. Im Zeitalter des Elektroautos
ll das sind Argumente, über die man nachden- wird es um Reichweiten gehen, nicht um Höchstgeschwin-
ken kann. Sie sind ernster zu nehmen als das, digkeiten. Nur wer langsam fährt, wird schnell ans Ziel kom-
was Verkehrsminister oder Konzernchefs sonst men, weil er sich lange Ladezeiten spart. 130 Stundenkilo-
noch vorzubringen haben. Zum Beispiel, dass ein meter werden uns bald schon verteufelt schnell vorkommen.
Tempolimit den Wirtschaftsstandort Deutschland gefähr- Der Autor dieser Zeilen fuhr Maserati, jetzt fährt er
de, den Wohlstand des Landes, weil die Autobahnen eine vor allem Fahrrad. Manchmal kommt es ihm so vor, als
Art Schaufenster seien für die Potenz deutscher Autos. ob es mit dem Fahrrad in der Stadt gefährlicher ist als im
Obwohl niemand im Ernst deren Potenz infrage stellt. Es Maserati auf der Autobahn. Fast tausend Menschen
gibt keine andere Industrienation ohne Tempolimit, und starben 2017 auf Straßen in Städten und Dörfern. Es wa-
trotzdem werden Mercedes-Limousinen, Porsche-Sport- ren meistens Fußgänger und Radfahrer, die es erwischte.
wagen, Audi-SUVs überall auf der Welt verkauft, obwohl Insgesamt aber sinken die Zahlen seit Jahren, auch wenn
sie dort wie angeleinte Raubtiere gehalten werden, die 2018 ein leichter Anstieg zu erwarten ist. Nur eine Aus-
vieles können, aber kaum etwas dürfen. Teure, schöne, nahme gibt es: Die Zahl der tödlichen Unfälle mit Pedelecs
starke, schnelle Autos werden nicht als Rennwagen stieg von 2016 auf 2017 um zehn Prozent. Pedelecs sind
gekauft, sondern als Statussymbol. Fahrräder mit kleinem Elektromotor, sie gelten als grün
Glaubt man jüngsten Umfragen, sind es statistisch eher und modern. Die Mobilität der Zukunft, vor allem in Städ-
Männer, die ein Tempolimit ablehnen, und statistisch ten. 68 Tote waren es, fast immer Senioren, die mit den
eher Frauen, die es möchten. Sind es eher Konservative, ungewohnt hohen Geschwindigkeiten ihres Geräts nicht zu-
die ihre Freiheit bedroht fühlen, und Fortschrittliche, die rechtkamen. Grenzerfahrungen der elektrischen Art. I

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Deutschland

Echte Deutsche
nellen Dreck« schmäht und droht, die AfD
werde noch alle Befürworter der Willkom-
menskultur »zur Rechenschaft ziehen«.
Den Verband Saarland wollte sogar die
AfD-Bundesspitze selbst einst auflösen,
AfD Der Verfassungsschutz hat die Partei schärfer ins Visier genommen, weil die Funktionäre an der Saar heimlich
doch bislang greift die Führungsspitze nicht gegen die mit einer NPD-nahen Splittergruppe pak-
Radikalen durch. Die gibt es auch in westlichen Bundesländern reichlich. tieren wollten. Doch bis heute sitzen die-
selben Leute ganz selbstverständlich im
Vorstand oder Landtag.

D er Mann, der sonst gern lautstark


provoziert, spricht heute mit beleg-
ter Stimme. Stefan Räpple hat sich
erkältet, er sitzt erschöpft in seinem Büro
einmal wagt, gegen diese Parteifreunde
einzuschreiten, geraten Gremien schnell
an den Rand der Spaltung.
Der Verfassungsschutzbericht enthält
Auch der Landesverband Niedersach-
sen wird im Verfassungsschutzbericht er-
wähnt, weil die dortige AfD in ihrem Wahl-
programm forderte, alle aus ihrer Sicht
unweit des Stuttgarter Landtags, vor sich viele Beispiele für extremistische Verlaut- rechtswidrigen Aufenthaltstitel von Flücht-
auf dem Schreibtisch Vorgangsmappen barungen westdeutscher AfD-Leute. Mal lingen für »null und nichtig« zu erklären
und jede Menge Taschentücher. An der handelt es sich um unbekannte Lokalpoli- und jegliche Demonstrationen von Aus-
Wand stehen gepackte Kisten, zweimal tiker wie den Hessen Carsten Härle aus ländern zu verbieten. In Niedersachsen
musste Räpple schon den Raum wechseln, Heusenstamm, der auf Facebook von ei- verlangte die AfD-Fraktion auch schon ein
im März steht der dritte Umzug an. Das nem »Genozid gegen Deutsche« fabuliert Komplettverbot von Tierschlachtungen
Haus der AfD-Fraktion gleicht einem Pro- und bestreitet, dass der Zweite Weltkrieg ohne Betäubung – aber nur für Muslime,
visorium, ständig wird irgendwo gebaut. »irgendetwas mit Hitler oder dem Natio- nicht für Juden. Die Religionsfreiheit müs-
Möglicherweise muss Räpple auch in der nalsozialismus zu tun gehabt« habe. se aus »moralisch-zivilisatorischen Grün-
Alternative für Deutschland bald das Feld Immer wieder tauchen aber auch Spit- den« zurückstehen, hieß es.
räumen. Gegen den umstrittenen Rechtsau- zenfunktionäre wie der Rheinland-Pfälzer Die Bundesspitze versucht erst gar
ßen läuft seit Dezember ein Ausschlussver- Uwe Junge auf, der Flüchtlinge als »krimi- nicht, in den Ländern konsequent durch-
fahren, der Parteivorstand zugreifen. Denn oft genug
wäre ihn gern los. Aber die sind die größten Scharfma-
Fraktion stehe größtenteils cher Vorstände oder Spit-
hinter ihm, sagt der 37-Jäh- zenkandidaten für die
rige. Seit seinem Einzug nächsten Wahlen. Beson-
in den Stuttgarter Landtag ders verhärtet sind die in-
2016 sorgte Räpple immer nerparteilichen Fronten im
wieder für Schlagzeilen. größten Landesverband
Mal beschimpfte er Abge- NRW.
ordnetenkollegen als »Koks- Dessen Sprecher Tho-
nasen«, mal hetzte er gegen mas Röckemann attestiert
»kulturfremde« Migranten der Verfassungsschutz »ver-
oder forderte eine »legale bale Grenzüberschreitun-
Bewaffnung von AfD-Poli- gen« wie im rechtsextre-
tikern« zum Selbstschutz. men Spektrum und ein
Räpple ist der lebende »identitäres Volksverständ-
Beweis dafür, dass die AfD nis«. So fordert Röcke-
nicht nur in Ostdeutsch- mann, dass die deutsche
land ein Radikalenpro- Politik die »land- und kul-
blem hat. Im Gutachten turfremden Religionen be-
des Bundesamts für Verfas- kämpfen« solle, er nennt
sungsschutz über die AfD Flüchtlinge »Invasoren«
taucht sein Name 15-mal und Rettungsschiffe im Mit-
auf. Der Bericht lenkte telmeer »Wassertaxis«.
zwar alle Blicke auf promi- Der Fall Röckemann
nente Ostfunktionäre wie zeigt, wie schwierig es ist,
Björn Höcke aus Thürin- ein Gesamtbild der AfD zu
gen oder Andreas Kalbitz zeichnen. Denn ebenfalls
aus Brandenburg. Doch an der Spitze des NRW-
auch in den angeblich ge- Verbands steht Röcke-
mäßigten Fraktionen und manns Co-Sprecher Hel-
Landesverbänden im Wes- mut Seifen, von dem keine
ten sitzen Hassredner, vergleichbaren Ausfälle be-
HC PLAMBECK / DER SPIEGEL

Ausländerfeinde und Ver- kannt sind und der sich er-


schwörungstheoretiker. klärtermaßen gegen »Kel-
Sie sind oft in der Unter- lernazis« in den eigenen
zahl, besetzen dafür aber Reihen stemmt.
führende Parteiämter oder Welcher Landessprecher
Schlüsselpositionen in den spricht also für die etwa
Landtagsfraktionen. Wenn 5000 AfD-Mitglieder in
ein Landesvorstand doch AfD-Bundessprecher Gauland: Rassismus will er nicht erkennen NRW? Zahlenmäßig dürfte

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Seifens Flügel der Stärkere sein. Doch in einer AfD, die jede »Mei- Launen des Wahlrechts ins
Röckemanns Truppe ist lauter und sicht- nungszensur« ablehnt. Zwar Stuttgarter Parlament gelang-
barer: Mal laden sie Radikale wie Björn soll eine Kommission mit Ver- ten – was Geld, Sichtbarkeit
Höcke als Festredner ein, mal richten sie bindungsleuten in allen Lan- und Einfluss bedeutete. So

ROLAND WEIHRAUCH / DPA


»Alternative Wissenskongresse« aus, auf desverbänden die Radikalen reichten Räpple für die Kan-
denen Verschwörungstheoretiker und aus der AfD entfernen. Doch didatennominierung in sei-
Reichsbürger sich die Ehre geben. Im ver- bislang gibt es nur eine winzi- nem kleinen Kreisverband
gangenen Jahr reisten Röckemann und sein ge Fallzahl – darunter keine bloß sieben Stimmen. Bei der
Landesvorstandskollege Christian Blex mit führenden Figuren. Nicht ein- Wahl im März 2016, unter
Parteifreunden nach Syrien, ließen sich mal AfD-Leute, denen der dem Eindruck der Flüchtlings-
vom Regime Baschar al-Assads hofieren Verfassungsschutz NPD-Kon- krise, holte die AfD in Räpp-
und kehrten mit der frohen Kunde zurück, takte attestiert oder deren les Wahlkreis Kehl 15 Prozent.
alle Syrienflüchtlinge könnten alsbald in Mitarbeiter im Verdacht ste- Weil sich der Vorstand im
ihre Heimat zurückverfrachtet werden. hen, in Anschlagspläne ver- Fall Räpple erstmals klar auf
Es sind solche leicht größenwahnsinni- strickt gewesen zu sein, wer- die Seite der Realos schlug,
gen Aktionen, populär an der AfD-Basis, den konsequent sanktioniert. brodelt es nun an der Basis.

BERND WEISSBROD / DPA


die Sicherheitsbehörden ebenso alarmie- Kandidaten für einen Aus- »Der Vorstand reagiert pa-
ren wie gemäßigte Parteifreunde. Diese schluss müssen schon gegen nisch«, sagt die Stuttgarter
fürchten nun sogar, durch den Verfassungs- eine deutsche Ikone wie Stauf- AfD-Abgeordnete Christina
schutzbericht geschwächt zu werden. fenberg agitiert und Gewalt- Baum, die zum deutschnatio-
Denn die dort zitierten Sprüche seien lei- oder NPD-Propaganda ver- nalen Flügel zählt und gute
der nicht schlimm genug, findet ein Ver- breitet haben. Kontakte zu Höcke pflegt.
treter des bürgerlichen Flügels, um »die Stefan Räpple hätte jeder Auf ihrer Facebook-Seite
Rechten zu isolieren oder nur zu bedrän- etablierten Partei schon viele schürt die 62-jährige Zahn-
gen«. In der Tat unterstellt Röckemann Anlässe für ein Ausschlussver- ärztin Ressentiments gegen
seinen Gegnern schon, sie wollten den Ver- fahren geboten. Der Stuttgar- Migranten und kritisiert die

SEBASTIAN GOLLNOW / DPA


fassungsschutz »zur Grundsäuberung der ter Abgeordnete, der vor sei- angebliche »Islamisierung«
AfD instrumentalisieren«. ner AfD-Karriere als Konditor Deutschlands.
Von AfD-Bundessprecher Alexander und Hypnosetherapeut arbei- Es ist wohl kein Zufall, dass
Gauland ist in diesen Machtkämpfen kein tete, provoziert seit seiner große Teile der Materialsamm-
Machtwort zu erwarten. In sechs Jahren Wahl mit Angriffen auf Parla- lung zum AfD-Gutachten von
an der Parteispitze hat er gelernt, nur in mentskollegen. Einen Tag be- der Verfassungsschutzbehör-
Schlachten zu ziehen, die schon gewonnen vor die Polizei ihn aus dem Politiker Röckemann, de Baden-Württembergs stam-
sind. Sanktionen gegen Parteifreunde, Stuttgarter Plenarsaal führen Baum, Räpple
men. Schon im November
bloß weil der Verfassungsschutz ihnen eine musste, weil Räpple sich ge- Wer spricht wirklich für wurde hier die Parteijugend
rechtsextreme Gesinnung attestiert, fallen weigert hatte, einen Sitzungs- die Mehrheit der AfD? Junge Alternative (JA) zum
nicht in diese Kategorie. verweis zu befolgen, griff der Beobachtungsfall erklärt, wo-
Zu einem Gespräch im Bundestagsres- Landesvorstand durch. rauf sie 100 ihrer 270 Mitglie-
taurant bringt Gauland einen dicken Leitz- In dem Antrag auf Räpples Parteiaus- der verlor, die um ihre beruflichen Chan-
Ordner mit, in dem das 400 Seiten lange schluss werden 15 Punkte aufgelistet, die cen fürchteten.
Verfassungsschutzgutachten abgeheftet ist. sein parteischädigendes Agieren belegen Die Landesspitze machte zusätzlich
Mit grünen und orangefarbigen Klebe- sollen. Darunter Räpples vermutete Nähe Druck auf die Parteijugend, zitierte Mit-
zetteln haben Gaulands Mitarbeiter seine zur rechtsextremen Identitären Bewegung glieder zu Anhörungen, schickte Abmah-
Zitate markiert. Mit dem restlichen Be- und die Teilnahme an der mobartigen De- nungen und forderte, die JA müsse alle
richt wird der Parteichef sich nicht befas- monstration der rechtspopulistischen Bür- Sympathisanten der Identitären Bewegung
sen – »Nein, das ist mir zu viel. Warum gerinitiative »Pro Chemnitz« Ende August rauswerfen. Doch die führenden JA-Ak-
auch?« Gauland will gar nicht wissen, was 2018. Räpple hält die Vorwürfe für lächer- teure zeigen sich unbeeindruckt.
den Kollegen vorgeworfen wird. Er findet lich: »Rechtlich ist dieses gesamte Verfah- Zum Showdown kommt es auf dem
schon die Passagen über sich selbst absurd. ren ein Witz«, sagt er. Landesparteitag Ende Februar, wo ein
Warum nur hätten die Sicherheitsbehör- Räpple weiß, dass er starke Verbündete neuer Vorstand gewählt wird. Es geht
den ein Problem mit seiner Aussage, dass hat. Während in anderen Landesverbän- um viel: Kommen die Scharfmacher ans
die deutsche Fußballnationalmannschaft den einige prominente Radikale einer Ruder, könnten die Verfassungsschützer
längst nicht mehr richtig deutsch sei? Man gemäßigten Mehrheit gegenüberstehen, ihre Beobachtung verschärfen. Deshalb
stelle sich vor, sagt Gauland, er würde sei- scheint die Südwest-AfD nach Berichten hätten sich sogar die eigentlich zerstritte-
ner Mutter oder Großmutter die Namens- ihrer Mitglieder in zwei ähnlich große nen AfD-Spitzenleute Jörg Meuthen und
liste der heutigen Nationalmannschaft vor- Fraktionen gespalten zu sein: Auf der Alice Weidel verbündet, heißt es in der
legen. »Dann würden die doch sagen: Das einen Seite stehen radikale Fundis, die in Partei, um hinter den Kulissen Stimmen
sind aber keine echten Deutschen.« der AfD eine basisdemokratische Bewe- für ein gemäßigtes Vorstandsteam zu
Auch für Gauland gibt es also echte und gungspartei sehen, allzeit bereit für den organisieren.
sonstige Deutsche. Letzteren will er erklär- Kampf gegen das »System«. Auf der an- Doch die Nationalkonservativen sehen
termaßen nichts Böses, aber dem Maßstab deren Seite agieren wertkonservative dem Parteitag gelassen entgegen: »Ich bin
seiner Großmutter folgend, erscheinen sie Realos, die sich mittelfristig eine seriöse unbesorgt, dass unsere Partei auch danach
ihm eben andersartig. Rassismus will er Parlamentspartei rechts der Christdemo- auf dem richtigen Kurs bleibt«, sagt Chris-
darin nicht erkennen. »So denken die meis- kraten wünschen, eine CSU ohne Trach- tina Baum.
ten Deutschen«, ist er sicher. tenjacke. Melanie Amann, Felix Bohr,
Gaulands Toleranz gegenüber dem rech- Der Aufstieg der Radikalen hat auch da- Fidelius Schmid
ten Rand sichert sein politisches Überleben mit zu tun, dass viele 2016 nur dank der

DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019 37


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ROMAN PAWLOWSKI / DER SPIEGEL

Ex-Kanzler Schröder: »Das sind Amateurfehler«

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Deutschland

»Das ist mein Leben, nicht eures«


SPIEGEL-Gespräch Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, 74,
über den Mangel an Populisten in der SPD,
sein Verhältnis zu Wladimir Putin und Kapuzenpullis auf Parteitagen

SPIEGEL: Herr Schröder, nehmen wir Schröder: Ja, vielleicht. Ich habe in einer die ich manchmal an einzelnen Maßnah-
an, Sie wären noch Kanzler. Würden Sie Debatte um Sexualstraftäter mal gesagt: men und an einzelnen Personen der SPD
twittern? »Wegsperren – und zwar für immer.« Ich habe: Für die Stabilität dieser Republik ist
Schröder: Nein, ganz sicher nicht. Ich tue glaube, das muss man sagen dürfen, auch die SPD immens wichtig. Volksparteien
das ja auch jetzt nicht. Ich habe keinen wenn es verkürzt ist. Man muss als demo- können heute die Differenzierung der Ge-
Account, weder bei Twitter noch bei kratischer Politiker in der Lage sein, kom- sellschaft in ihrer Politik vielleicht nicht
Facebook. Ich bin jemand, der eher mit plexe Sachverhalte in einfach zu verste- mehr komplett abbilden. Aber daraus den
den alten Medien als mit den neuen arbei- hende Sätze kleiden zu können. Schluss zu ziehen, wir könnten ganz auf
tet. Dem Telefon zum Beispiel. SPIEGEL: Also mehr Ressentiment wagen? sie verzichten, ist ein großer Irrtum. Wir
SPIEGEL: Wir glauben, dass Twitter her- Schröder: Nein. Was wollte ich mit dem brauchen Volksparteien, um die Gesell-
vorragend zu Ihnen passen könnte. Satz ausdrücken? Es ist eine Grundbedin- schaft zusammenzuhalten und Interessen
Schröder: Das glaube ich nicht. Das ist gung für Demokratie, dass die Menschen auszugleichen. Die SPD darf daher nicht
mir zu hektisch. sich in ihrem Land sicher fühlen. Wir hat- linker als die Linken sein wollen und nicht
SPIEGEL: Sie waren aber bekannt für kur- ten in der rot-grünen Zeit das Glück, so grüner als die Grünen.
ze, einprägsame Sätze. Einer stammt aus einen Sheriff-Typen zu haben mit Otto SPIEGEL: Was soll das konkret heißen?
dem Jahr 2000: »Hol mir mal ’ne Flasche Schily als Innenminister. Der hat manch- Schröder: Im Hambacher Forst vorne mit-
Bier, sonst streik ich hier und schreibe nicht mal sehr scharf formuliert. Aber das war zulaufen war ein Fehler. Und unbezahlba-
weiter.« Wie war das damals? Teil eines Konzepts, den Leuten zu ver- re Forderungen im Sozialbereich kann die
Schröder: Das war eine Wahlveranstal- mitteln: Hier gibt es eine Regierung, die Linkspartei aufstellen, aber die SPD doch
tung in Sachsen-Anhalt im Sommer 2000. ist an eurer Sicherheit vor Kriminalität und nicht. Wenn ich höre, was da bei uns dis-
Da stand ein Haufen Leute um mich he- vor Ausbeutung interessiert und handelt. kutiert wird, von der Abschaffung aller
rum, und ich musste ohne Ende Autogram- SPIEGEL: Wir haben den Eindruck, der gan- Sanktionen bei Hartz IV bis zum bedin-
me schreiben. Es war warm, und ich hatte zen SPD ist die Sprache verloren gegangen. gungslosen Grundeinkommen, dann müs-
einfach Durst, da habe ich diesen Satz ge- sen wir aufpassen. Diejenigen, die jeden
sagt. Weiß ich noch genau. Daraus wurde Morgen pünktlich zur Arbeit gehen, haben
dann ja sogar ein Lied gemacht. null Verständnis dafür, wenn sie mit ihren
SPIEGEL: Inwiefern hat die griffige Spra- »Sigmar Gabriel ist Steuergeldern diejenigen unterstützen sol-
che zu Ihrer Popularität beigetragen? vielleicht der begabteste len, die nicht mal zum Termin bei der
Schröder: Wohl schon ein bisschen. Ich Arbeitsagentur erscheinen.
habe immer versucht, in kurzen Sätzen zu Politiker, den wir SPIEGEL: So spricht der Agenda-Kanzler.
sprechen und nicht auszuweichen. Die Bun- in der SPD haben.« Aber gerade Ihre Reformpolitik von 2003
desumweltministerin hat neulich gezeigt, gilt vielen Genossen als zentraler Grund
wie man es nicht machen sollte. Sie wurde für die desaströse Lage der Partei. Nun
gefragt, wie sie zum Tempolimit steht. Und will die SPD den Namen Hartz IV tilgen.
anstatt zu sagen, ich bin dafür oder dagegen, Ist das »Bätschi« von Parteichefin Andrea Ist es aus Ihrer Sicht richtig, zumindest
sagt sie, man werde einen Plan vorlegen in Nahles ein Ersatz für Ihre »Flasche Bier«? begrifflich umzusteuern?
der Regierung, und man müsse die Dinge Schröder: Das sind Amateurfehler. Sie war Schröder: Das kann man ja versuchen,
im Gesamtzusammenhang sehen. Solch damals zwar noch nicht Vorsitzende, aber aber das ist nicht das Entscheidende. Die
eine Sprache kommt so verklausuliert und so drückt man sich einfach nicht aus. Übri- SPD hat die Agenda auf einem Parteitag
so ängstlich daher, dass sie keinen bewegt. gens kann Schlampigkeit auch im Klei- mit 90-prozentiger Mehrheit beschlossen.
Da muss man sich dann auch nicht wun- dungsstil außerordentlich kontraproduktiv Wir haben bei der Bundestagswahl 2005,
dern, wenn einen niemand mehr versteht. sein, insbesondere bei SPD-Wählern. Da- bei der es auch um die Agenda ging, mehr
SPIEGEL: Sie haben mal gesagt, in der mit meine ich nicht Frau Nahles, aber das als 34 Prozent erreicht. Über solch ein
Politik sei ein »demokratischer Populis- muss man wissen. Die Vorstellung, dass Ergebnis würde sich mancher heute freuen.
mus« nötig. Was meinen Sie damit? SPD-Wähler es am liebsten hätten, wenn Die SPD ist immer in der Gefahr, dass ihre
Schröder: Eine klare Ansage, an der man man mit einem Kapuzenpulli zum Partei- Selbstkritik an Selbstverachtung grenzt.
sich auch reiben kann. Kein Herumdruck- tag geht, ist ein Fehler. Gerade unsere Leu- Wer soll eine Partei wählen, die nicht stolz
sen. Das reicht manchmal schon. Politik te erwarten, dass wir vernünftig auftreten. darauf ist, dass sie zentrale Fragen im In-
muss wahrgenommen werden, es muss SPIEGEL: Wozu braucht es die SPD noch? teresse des Landes gelöst hat?
Auseinandersetzungen geben. Das ist ja Schröder: Es gibt ja die Tendenz zu be- SPIEGEL: Sicher nicht im Interesse aller.
das Salz in der Suppe der Demokratie. haupten, Volksparteien hätten sich über- Im Niedriglohnsektor ist ein neues Preka-
SPIEGEL: Fehlt der SPD und generell dem flüssig gemacht, besonders die SPD. Das riat entstanden.
linken Lager in der Auseinandersetzung ist Quatsch. Der Soziologe Ralf Dahren- Schröder: Den Niedriglohnsektor gab es
mit dem Rechtspopulismus die Fähigkeit, dorf hat das schon vor 40 Jahren behaup- schon vor den Reformen. Aber es stimmt:
auch mal zu verkürzen? tet, und er hat sich geirrt. Bei aller Kritik, Wir hätten die Agenda 2010 mit dem Min-

DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019 39


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Deutschland

destlohn verbinden müssen. Nur: Das war Schröder: Die SPD hat mit der Urwahl dem Diesel so umgehen, wie wir mit der
damals im Bundesrat und bei den großen gute Erfahrungen gemacht. Eine Urwahl Kernenergie umgegangen sind. Damals,
Gewerkschaften nicht durchzusetzen. Klar mobilisiert und schafft einen guten Back- beim Atomausstieg, haben wir einen lan-
ist, dass man dort, wo es Fehlentwicklun- ground für den Wahlkampf. Man muss das gen Übergang vereinbart. So macht man
gen gibt, immer wieder korrigieren muss. nur so organisieren, dass bei dem Unterle- das ja jetzt auch mit der Kohle. Natürlich
Aber unterm Strich ist doch erkennbar, genen keine Verletzungen zurückbleiben. hat die deutsche Automobilindustrie beim
dass die Reformen Gutes bewirkt haben. SPIEGEL: Mit welchem Slogan sollte die Diesel schwere Fehler gemacht, und sie
Das kann doch keine Frage sein. Das strei- SPD in einen Wahlkampf ziehen? Etwa muss sich umorientieren, was E-Mobilität
ten ja nicht mal ganz linke Ökonomen ab. mit dem Ruf nach einem Tempolimit? angeht. Aber die Zukunft des Automobils
SPIEGEL: Heute ist die wirtschaftliche La- Schröder: Nein. Ich rate dringend davon ist eine der wichtigsten Fragen für Wirt-
ge anders als damals. Wo sehen Sie selbst ab, das zum Wahlkampfschlager zu ma- schaft und Politik. Die darf man doch nicht
Korrekturbedarf am Hartz-System? chen. Ich war schon als niedersächsischer der Umwelthilfe und ein paar Gerichten
Schröder: Ich bin strikt dagegen, die Sank- Ministerpräsident immer gegen ein Tem- überlassen, sondern dafür braucht es ein
tionen aufzuheben. Aber warum sollen Ju- polimit. Und damals hatten wir noch keine gemeinsames Konzept von Bundesregie-
gendliche mit schärferen Sanktionen be- Klimadebatte. Da wurde die Forderung rung und Automobilindustrie.
legt werden als Ältere? Ich finde es auch mit der Zahl der Verkehrstoten begründet. SPIEGEL: Der Klimawandel verlangt nach
in Ordnung, darüber nachzudenken, wie SPIEGEL: Warum waren Sie dagegen? radikalen Veränderungen in kurzer Zeit.
man diejenigen, die 30 Jahre gearbeitet Schröder: Na, weil die Autos hierzulande Derzeit wird diskutiert, ob Demokratien
und plötzlich ihren Job verloren haben, so ausgelegt sind, dass man sie schnell zu solchen Veränderungen überhaupt in
länger im Arbeitslosengeld I halten kann. fahren kann. Ein Tempolimit ist der fal- der Lage sind. Können sie den Wettbewerb
Wir dürfen nur nicht das Grundprinzip der sche Weg, mit dieser für uns so wichtigen gegen autoritäre Systeme gewinnen?
Reformen, das Fördern und Fordern, in- Industrie umzugehen. Schröder: Ich glaube, dass die Demokra-
frage stellen. Wir müssen aufpassen, dass tien hier letztlich im Vorteil sein werden.
die Arbeitslosenversicherung nicht wieder Um ein ökonomisches System zukunfts-
an den Rand des Abgrunds geführt wird – fähig zu halten, braucht es bestens ausge-
wie in der Regierungszeit Helmut Kohls, »Ich habe nie gesagt, bildete Menschen, die in der Lage sein müs-
wo zeitweise mehr als doppelt so viele dass in Russland sen, sich von einem Tag auf den anderen
Menschen ohne Job waren wie heute. umzustellen. Diese Leute, die Hochgebil-
SPIEGEL: Wie ist der Niedergang der So- alles in Ordnung ist, deten, Flexiblen, werden mehr, und man
zialdemokratie zu stoppen? ganz im Gegenteil.« kann sie auf Dauer nicht politisch unmün-
Schröder: Mit Sozialpolitik alleine nicht. dig halten. Für sie braucht man eine offene
Wenn uns nicht eine Mehrheit der Men- Gesellschaft, das werden auch jene Staaten
schen ökonomische Kompetenz zubilligt, merken, die bislang wenig offen sind.
werden wir nicht wieder den Kanzler stel- SPIEGEL: Aber wenn Sie Verkehrstote und SPIEGEL: Haben Sie das schon mal Wladi-
len. Wer glaubt, dass die SPD erfolgreich Klimawandel addieren, ist diese Position mir Putin gesagt?
einen Kanzlerkandidaten ohne diese Kom- dann nicht komplett aus der Zeit gefallen? Schröder: Ach wissen Sie, ich bin immer
petenz aufstellen könnte, der irrt. Schröder: Kann ja sein. Dann bin ich eben dagegen, solche Dinge zu personalisieren.
SPIEGEL: Hat Andrea Nahles diese öko- aus der Zeit gefallen. Aber mein Rat ist: Im Übrigen gibt es Länder, die etwa mit
nomische Kompetenz? Gebt nicht preis, was es hier an Auto- dem Internet restriktiver umgehen als
Schröder: Ich glaube, das würde nicht mal mobilindustrie gibt. Es geht um rund Russland.
sie selbst von sich behaupten. 1,8 Millionen Arbeitsplätze, die direkt SPIEGEL: Dafür werden dort Regimekriti-
SPIEGEL: Wer hat sie dann? oder indirekt von der Autoproduktion ab- ker eingesperrt.
Schröder: Jemand wie Olaf Scholz hat hängen. Und denkt an diejenigen, die Die- Schröder: Ich habe nie gesagt, dass in Russ-
schon bewiesen, dass er was von Wirtschaft selautos gekauft haben im Vertrauen da- land alles in Ordnung ist, ganz im Gegenteil.
versteht. Und er hat erfolgreich Hamburg rauf, dass sie die fahren dürfen, auch in den Russland hat zum Beispiel gegen Korrup-
regiert. Gutes Regieren ist Voraussetzung Innenstädten. Die haben nicht das Geld, tion zu kämpfen und hat Mängel in der
für einen erfolgreichen Politiker, es reicht sich einfach ein neues Auto zu kaufen. Rechtsstaatlichkeit. Wer glaubt, dass die rus-
aber nicht. Man muss es auch nach außen SPIEGEL: Und was ist mit den Leuten, die sische Führung selber der Meinung ist, es
kommunizieren. den Feinstaub dann einatmen müssen? kann alles so weitergehen wie bisher, der
SPIEGEL: Was ist mit Sigmar Gabriel? Schröder: Diese Frage ist wichtig. Aber irrt. Aber ich wehre mich dagegen, dass je-
Schröder: Sigmar Gabriel ist vielleicht ich habe meine Zweifel, ob Fahrverbote des Versäumnis dort zu einem generellen
der begabteste Politiker, den wir in der das richtige Konzept sind. Wir dürfen nicht Russland-Bashing missbraucht wird. Ich ge-
SPD haben. Er ist nur in der Partei ein paar ins Extreme verfallen. Man müsste mit höre zudem zu denjenigen, die glauben,
Leuten zu fest auf die Füße getreten. Er dass wir Deutschen nach dem Zweiten Welt-
muss selbst entscheiden, ob er noch einmal krieg noch immer eine historische Schuld
eine stärkere Rolle spielen will. Aber die gegenüber Russland abzutragen haben.
SPD könnte von seinen Fähigkeiten nach SPIEGEL: Es gibt also nichts, was Sie Ihrem
wie vor profitieren. Unabhängig davon Freund Putin vorwerfen?
rate ich allen, die was in der SPD werden Schröder: Wenn ich da was zu kritisieren
wollen: Wer um das höchste Regierungs- habe, mache ich das sicher nicht im SPIE-
amt kämpft, muss es unbedingt wollen. Die GEL, sondern im persönlichen Gespräch.
Leute, die einen wählen sollen, gucken SPIEGEL: Sagen Sie ihm zum Beispiel et-
schon ganz genau hin, ob jemand brennt was zu seinem Umgang mit Oppositionel-
oder nicht. len wie Alexej Nawalny?
SPIEGEL: Zahlreiche Sozialdemokraten
wollen den Kanzlerkandidaten per Ur- Schröder beim SPIEGEL-Gespräch* * Mit den Redakteuren Veit Medick und Christoph
wahl küren. Könnte das die SPD beleben? »Dann bin ich eben aus der Zeit gefallen« Hickmann in Schröders Büro in Hannover.

40 Fotos: Roman Pawlowski / DER SPIEGEL


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Schröder: Nein, warum sollte ich das?


SPIEGEL: Dieser Umgang ist also aus Ihrer
Sicht in Ordnung.
Schröder: Noch mal: Ich habe keine
Schwierigkeiten, wenn mir etwas nicht
gefällt, das auch zu artikulieren. Wenn Sie
aber mit jemandem befreundet sind, dann
sagen Sie ihm die kritischen Punkte lieber
persönlich, nicht öffentlich. Sonst ver-
bauen Sie sich Zugänge, die bei mancher
politischen Vermittlungstätigkeit nötig sind.
SPIEGEL: Sie verdienen viel Geld mit Ih-
ren Russlandjobs. Kritik daran weisen Sie
rigoros zurück. Sehen Sie die Problematik
gar nicht?
Schröder: Nein. Alles, was ich dort tue,
tue ich im Einklang mit den deutschen Ge-
setzen und im Einklang mit dem, was ich
persönlich für richtig halte. Und deswegen
bedrückt mich diese Kritik ganz und gar
nicht. Was mich bedrückt, ist eher, dass
die USA mit allen Mitteln versuchen, uns
vorzuschreiben, mit welchen Ländern wir Trump-Karikatur in Schröders Büro: »Es geht um politische Interessen«
Handel treiben dürfen und mit welchen
nicht. Das dürfen wir uns als souveränes
Land nicht bieten lassen. Und was man mehrfach die Hand in Richtung Europa Schröder: Das halte ich für klüger. Zu sa-
in Deutschland auch begreifen muss: Wir ausgestreckt hatte. Aber das ist heute un- gen, wir setzen alle diplomatischen Mittel
sind auch deshalb ein demokratisches sere große Chance. Wir müssen versuchen, ein, damit dieser Konflikt durch Wahlen
Land, weil Politik heute nicht mehr von Russland wieder enger an die EU und an gelöst werden kann. Und dann können die
denen gemacht wird, die ihre Latifundien den Westen zu binden. Dazu braucht es europäischen Staaten ja ruhig ihre Sympa-
als Absicherung haben, sondern von Leu- ohne Zweifel Änderungen in der russi- thie für den jungen Mann deutlich werden
ten, die einen vernünftigen Beruf haben, schen, aber eben auch in der westlichen lassen, der sich da selbst ausgerufen hat,
in den sie auch wieder zurückkönnen müs- Politik. Wenn wir als Europäer zwischen dagegen spricht ja nichts.
sen. Insofern muss die Öffentlichkeit be- den Supermächten USA und China poli- SPIEGEL: Zum Schluss würden wir Sie
greifen: Das ist mein Leben, nicht eures. tisch und wirtschaftlich bestehen wollen, gern noch etwas Privates fragen.
SPIEGEL: Der Abrüstungsvertrag über ato- dann können wir das nicht ohne die Schröder: Nein, nein. Das passt nicht zum
mare Mittelstreckenraketen steht vor dem Potenziale Russlands. Wir brauchen den SPIEGEL. Wenn man übers Kochen reden
Aus. Russland hat ihn nach Überzeugung Markt und vor allem die Ressourcen des will, dann macht man das woanders.
westlicher Staaten verletzt. Gemeinsam mit Landes. Das ist meine feste Überzeugung, SPIEGEL: Wir wollen übers Golfen reden.
anderen ehemaligen SPD-Vorsitzenden ha- und das ist der Grund, warum ich mich so Wir lasen: Sie haben damit angefangen.
ben Sie vor einer neuen Aufrüstungsspirale sehr für diese Beziehungen einsetze. Schröder: Ja, das ist doch naheliegend. Ich
gewarnt. Ist das nicht Verrat am Erbe von SPIEGEL: Russland hält auch in Venezuela werde 75, habe mein Leben lang Fußball
Helmut Schmidt, der einst für die Statio- eine schützende Hand über Nicolás Ma- und Tennis gespielt, und zwar immer so,
nierung amerikanischer Raketen in Europa duro, einen weiteren Autokraten. dass ich gewinnen wollte. Irgendwann fragt
warb und dazu beitrug, den Ostblock in die Schröder: Da halten gerade ganz viele ihre man sich, ist das noch das Richtige? Golf
Knie zu zwingen? schützenden Hände über das Land, denn hat einen entscheidenden Vorteil: Ich kann
Schröder: Das waren doch völlig andere es geht um handfeste Interessen. das mit meiner Frau spielen, die allerdings
Voraussetzungen. Sie können das Russ- SPIEGEL: Der halbstaatliche russische Ros- besser ist als ich, weil sie auch länger spielt.
land von heute nicht mit dem Ostblock neft-Konzern, für den Sie arbeiten, ist in Ich mache das ja erst seit einem Jahr.
von damals vergleichen. Und was die Vor- Venezuela stark engagiert. SPIEGEL: Kulturell ist das ein weiter Weg
würfe der Amerikaner und der Nato an- Schröder: Das stimmt, aber alle dort täti- für einen, der einst mit dem Kampfnamen
geht, bin ich sehr skeptisch, ob sie zutref- gen Energiekonzerne, darunter sind ja »Acker« auf dem Fußballplatz gebolzt hat.
fen. Natürlich hat Russland, wie die USA auch US-amerikanische, haben wirtschaft- Schröder: Schauen Sie, als ich »Acker«
auch, seine Waffenarsenale modernisiert, liche Interessen. Bei dem Konflikt jedoch wurde, war ich 25. Das ist 50 Jahre her.
das ist ja klar. Aber ich gehe davon aus, geht es um politische Interessen. Die Ver- Jeden erwischt es mal, etwas ruhiger zu
dass niemand, aber auch niemand in Russ- einigten Staaten haben jahrzehntelang werden. Ich habe ja auch mal das Vorurteil
land darüber nachdenkt, einen bewaffne- Südamerika als so eine Art Hinterhof an- gehabt, Golf sei was für Leute, die kaum
ten Konflikt mit der Nato anzufangen. gesehen, auf dem sie tun und lassen konn- beweglich sind. Das ist nicht der Fall.
SPIEGEL: Was will Putin dann? ten, was sie wollten. Ich halte es für unklug, Wenn Sie auf einem Neun-Loch-Platz spie-
Schröder: Putin ist selbstbewusst und dass die Amerikaner sofort gesagt haben, len, laufen Sie fünf bis sechs Kilometer,
möchte stellvertretend für sein Land mit der junge Herr Guaidó sei der gewählte und zwar nicht im Spaziertempo, sondern
Respekt und auf Augenhöhe behandelt Präsident. Das ist völkerrechtlich schwie- stramm. Um einigermaßen fit zu bleiben,
werden. Und nicht, wie es die Amerikaner rig, und so etwas beschädigt die Legitima- braucht man dann nur noch ein bisschen
machen, von oben herab als Regional- tion der Außenpolitik des Westens. Muckibude. Und auch da gehe ich hin.
macht abgestempelt werden. Diese Herab- SPIEGEL: Mehrere europäische Staaten ha- SPIEGEL: Herr Schröder, wir danken Ih-
setzung hat die Russen zutiefst verletzt. ben stattdessen eine Frist gesetzt und Neu- nen für dieses Gespräch.
Putin wurde auch zurückgewiesen, als er wahlen gefordert.

DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019 41


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Modell des deutsch-chinesischen Geschäftszentrums

700 Chinesen. Einige haben ihre Familien

»Unser Chinatown« mitgebracht, Wohnungen oder Häuser ge-


kauft und schicken ihre Kinder in eine Kita
oder zur Schule. 2018 habe der erste chi-
nesische Schüler in Birkenfeld sein Abitur
Handel In Hoppstädten-Weiersbach haben sich Hunderte gemacht, erzählt der Bürgermeister.
Chinesen angesiedelt. Eine Geschäftsfrau aus Shenzen »Die Chinesen arbeiten hart und ver-
dienen gutes Geld«, sagt Alscher. Rund
will den Ort zum »Headquarter der Weltfabrik« machen. 260 Firmen mit chinesischen Eigentümern
seien in seiner Gemeinde gemeldet, sie
zahlten rund 400 000 Euro Gewerbesteuer

H err Gu hat eine neue Idee: »Fresh-


men«, sagt er, das wäre etwas für
ihn und seine kleine Firma. Des-
halb sitzt Herr Gu an einem runden Be-
Jungen und Mädchen hier auch ohne stren-
ge Disziplin und Drill recht gut gediehen,
sagt Alscher.
Aber nun will Mark Gu über Freshmen
im Jahr. »Und das geht ständig nach oben.«
In der Vergangenheit musste der Land-
kreis Birkenfeld eher mit schlechten Nach-
richten leben: alternde Bevölkerung, Ab-
sprechungstisch im Rathaus der Verbands- reden. Es geht um ein Traineeprogramm wanderung. Nach einer Hochrechnung des
gemeinde und fragt den Bürgermeister, für gut ausgebildete junge Chinesen, die Statistischen Landesamts ist Birkenfeld
was der davon halte. in Birkenfeld Deutsch lernen, damit sie an- der Landkreis mit dem stärksten erwarte-
Herr Gu wohnt in Birkenfeld, einer schließend in Deutschland studieren kön- ten Bevölkerungsrückgang in Rheinland-
7000-Einwohner-Kreisstadt im Südwesten nen. Er würde da gern einsteigen, sagt Gu, Pfalz: minus 15 Prozent bis 2035.
von Rheinland-Pfalz. Seine Firma heißt zum Beispiel Unterkünfte bereitstellen Alscher rollt mit seinem Elektroklein-
Mia Gu, so wie seine siebenjährige Tochter, oder Betreuung organisieren. wagen über das Gelände eines früheren US-
die in Birkenfeld zur Schule geht. Er lebe Alscher nickt, aber er ist skeptisch. Die Militärhospitals bei Hoppstädten-Weiers-
seit drei Jahren in Deutschland, sagt Herr Hochschule Trier habe ein Freshmen-Pro- bach, einem kleinen Ort in seiner Gemeinde.
Gu. Auf seine Visitenkarten hat er sich den gramm eingerichtet, dafür aber bereits an- »Unser Chinatown«, sagt der Bürgermeis-
Vornamen Mark drucken lassen. Der sei dere deutsch-chinesische Kooperations- ter stolz. Die ehemaligen Soldatenunter-
für deutsche Zungen leichter auszuspre- partner im Kreis Birkenfeld gefunden. Er künfte, Offiziershäuser und anderen Ge-
chen als sein echter chinesischer Name, wolle sich trotzdem mal umhören, ob da bäude seien ein gelungenes Beispiel für
sagt er und lächelt. noch was zu machen sei, sagt Bürgermeis- eine Konversion aus privater Initiative.
Auch der Verbandsbürgermeister lä- ter Alscher und gibt Gu die Hand. Auf den Klingelschildern kleben hand-
chelt. Bernhard Alscher, 61, parteilos, hat Chinesen und Birkenfeld, das ist aus geschriebene Zettel mit chinesischen Fa-
schon vor dem Besuch des Firmeninhabers Alschers Sicht eine harmonische Bezie- miliennamen und Firmenbezeichnungen
viel Nettes über die Mia Gu GmbH erzählt. hung. Gu und seine Landsleute böten wie »Goldland International Trading
Herr Gu habe ein Fortbildungsprogramm »eine echte Chance«, den schleichenden GmbH«. In der Mittagszeit schlendern chi-
für chinesische Erzieherinnen organisiert. Niedergang der Region am Rande des nesische Kinder mit Schulranzen auf dem
Die kämen dann für ein paar Wochen nach Hunsrücks aufzuhalten. Rücken durch die Straßen.
Deutschland, schauten sich die Kindergär- Rund 20 000 Einwohner leben in der Die Apartments, erzählt Alscher, seien
ten an und seien ganz erstaunt, dass die Verbandsgemeinde – und inzwischen fast oft Wohnung und Büro in einem. Viele chi-

44 Fotos: Sascha Rheker / DER SPIEGEL


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Deutschland

nesische Familien betrieben von dort aus Kooperationspartner, übersetzt eine Dol- Eine Gaststätte in der Nähe heißt nun
regen Handel übers Internet: Per Contai- metscherin. Trotzdem soll es im August nicht mehr Waldesruh, sondern »Waldes-
ner holen sie günstige Elektroartikel aus losgehen mit der ersten Reisegruppe aus ruh-Hui«. Hui bedeute etwas Ähnliches
China ins Land – und schicken deutsche China. Dann soll auch seine Familie nach wie Treffpunkt, sagt Wu Wencheng, der
Produkte zurück. Unter einem Carport an Deutschland nachkommen, seine kleine Eigentümer und Koch. Im Gastraum sieht
der Robinson Road stapeln sich bis unters Tochter könne dann hier in die Schule ge- es, abgesehen von zwei chinesischen Por-
Dach Paletten mit Reinigungsmitteln eines hen, sagt Sheng. »Chinesen sind immer zellanfiguren auf der Theke, noch so aus
deutschen Bioherstellers. Ein anderer optimistisch«, sagt die Dolmetscherin. wie früher, mit holzgetäfelter Decke und
Händler, erzählt Alscher, besorgte sich Der Erfolgsdruck ist hoch: Um in Geweihen an der Wand.
eine Million Dosen Bier bei einer deut- Deutschland als Selbstständiger arbeiten Seit drei Jahren führe er das Restaurant,
schen Brauerei, ließ sie mit chinesischen zu können, musste Sheng Fang Eigen- sagt Wu, die meisten seiner Gäste seien
Schriftzeichen bedrucken und schickte sie kapital nachweisen, 200 000 Euro, sagt er. Chinesen. An diesem Mittag serviert er
als deutsch-chinesisches Lifestyleprodukt Seine Eltern hätten ihn unterstützt. fünf jungen Leuten Fisch mit scharfem
in seine alte Heimat. Außerdem verlange das zuständige Chiliöl und Schweinebauch süßsauer. Es
Pionierin des rheinland-pfälzischen Chi- deutsche Konsulat in China einen Busi- sind Freshmen, die in Hoppstädten-
natown ist Jane Hou. Die 37-jährige Un- nessplan, erklärt Michael Dietz von der Weiersbach Deutsch lernen – bei einer Au-
ternehmerin aus der südchinesischen Wirt- Wirtschaftsförderung des Landkreises Bir- ßenstelle der Hochschule Trier, die einen
schaftsmetropole Shenzhen erwarb 2011 kenfeld. Eine Industrie- und Handelskam- anderen Teil des früheren Militärgeländes
mit ihrem damaligen Partner etwa acht mer (IHK) müsse diesem Plan Erfolgsaus- belegt hat.
Hektar auf dem ehemaligen US-Gelände sichten bescheinigen, bevor ein befristetes Gut möglich, dass Chinesen in Zukunft
und nannte sie »Oak Garden«. Visum erteilt werde. Eine unbefristete Auf- das Bild von Birkenfeld deutlich stärker
Sie sanierte Apartments mit einem Kre- enthaltserlaubnis gebe es frühestens nach prägen werden. Die »Oak Garden«-Betrei-
dit der örtlichen Volksbank und vermark- drei Jahren in Deutsch- ber Hou und Scholz haben
tete sie in China mit dem Versprechen, land – sofern die IHK be- mit ihrem »Headquarter
kaufwilligen Geschäftsleuten bei ihrem stätige, dass die Chinesen der Weltfabrik« Großes vor.
Start in Deutschland intensiv zu helfen, in- mit ihrem Geschäftsmodell In ihrem Büro steht ein Mo-
klusive Behördengängen, Gewerbeanmel- ihren Lebensunterhalt auf dell mit einem Dutzend
dung und Vermittlung eines Kindergarten- Dauer finanzieren könnten. weiteren Bürohäusern vol-
platzes. Das Geschäft ging offenbar auf. Dietz sagt, er wisse nur ler Showrooms. Die Idee
»2017 waren alle 160 Wohnungen kom- von wenigen Fällen, in de- sei es, chinesische und deut-
plett weg«, sagt Hous Mitgesellschafter nen die Chinesen geschei- sche Kleinunternehmer und
und Partner Andreas Scholz. tert und nach China zurück- Mittelständler zusammen-
Mittlerweile hat das Paar mehrere An- gekehrt seien. Er selbst sei zubringen, damit sie für-
gestellte – und neue Pläne. »Headquarter schon zwölfmal in China einander Türen öffnen
der Weltfabrik« nennen Hou und Scholz gewesen, um Werbung für könnten, sagt Scholz.
die drei weißen Büroblocks, die sie am Ein- Birkenfeld zu machen. Jane Ob die Stimmung kip-
gang des »Oak Garden«-Viertels gerade Hou habe ihn gefragt, ob er pen könnte in Birkenfeld?
fertigstellen lassen. Auf jeweils drei bis fünf den Landkreis dort präsen- Bürgermeister Alscher hat
Etagen sollen sich dort chinesische und tieren könne. »Für uns ist sich darüber Gedanken ge-
deutsche Firmen in kleinen »Showrooms« das ein Segen«, sagt Dietz. macht. Die Chinesen seien
präsentieren und austauschen. Auch Bürgermeister Al- anpassungsfähig und unauf-
Zwei dieser Häuser sind weitgehend be- scher war mehrfach auf fällig, sagt er, sie stünden
zogen. In den Schaufenstern liegen Ge- »Roadtour«, wie er es nennt: nicht im Verdacht, hier An-
schenkartikel, chinesische Keramik, LED- Shenzhen, Shanghai, Pe- schläge zu begehen.
Lampen, Textilien, Fußballfanartikel und king. Chinesische Geschäfts- Und doch müsse man
diverse technische Bauteile. In einem Büro leute hätten gern die persön- sensibel bleiben und viel er-
stehen Regale mit Weinflaschen und Pro- liche Versicherung, dass sie »Headquarter«-Initiatoren
klären, sagt Alscher. Bei-
biergläsern: Ein chinesisches Weingut will bei den örtlichen Behörden Scholz, Hou,
spielsweise, dass es in Bir-
seinen »Chateau Rongzi« in drei Qualitäts- willkommen seien, sagt er. Restaurantchef Wu
kenfeld nicht um Konzerne
stufen in Deutschland vermarkten. Außerdem preise er die sau- »Eine echte Chance« gehe, die heimische Unter-
Das Büro von Sheng Fang, 33, wirkt bere Luft in seiner Stadt, nehmen aufkauften oder
noch ziemlich karg. 2015 sei er als Tourist die kostenlosen Kindergär- Technologie abgreifen woll-
in Deutschland gewesen, erzählt Sheng, ten und Schulen. Das sei für viele Familien ten. Es gehe um Geschäftsleute mit
die Natur habe ihn begeistert. Seit ein paar aus chinesischen Megametropolen offen- frischen Ideen, möglicherweise um zu-
Monaten versucht er nun, daraus von bar attraktiv. sätzliche Jobs. Es gehe um Familien,
Hoppstädten-Weiersbach aus ein Geschäft In Birkenfeld sind die Spuren der Zu- die in Birkenfeld Geld verdienten und
zu machen. Er will für chinesische Fami- wanderer aus Fernost bisher oft nur auf in heimischen Geschäften wieder aus-
lien und Jugendliche Freizeit- und Urlaubs- den zweiten Blick zu erkennen. Im Kin- gäben.
programme anbieten, mit Wandern, Se- dergarten von Hoppstädten-Weiersbach »Bisher profitieren wir sehr davon«, sagt
geln und Kanufahren in Deutschland. sind die Wochentage auf dem Speiseplan Alscher. Er habe schon Nachfragen aus an-
Sheng reist viel herum, sucht geeignete in Deutsch, Englisch und in chinesischen deren Bundesländern, sogar aus Finnland
Unterkünfte. Am liebsten wären ihm kom- Schriftzeichen aufgeführt. 20 Jungen und sei eine Delegation in Birkenfeld gewesen:
fortable Campingplätze an Seen oder Flüs- Mädchen aus chinesischen Familien wer- »Die wollen alle wissen, wie man an die
sen in deutschen Naturparks, sagt er. Doch den dort betreut, sagt Kitaleiterin Sandra Chinesen rankommt«, sagt der Bürger-
er spricht kaum Deutsch, es gibt Verstän- Lukas. Die deutsche Sprache lernten sie meister stolz. Matthias Bartsch
digungsprobleme. Bisher habe er nur ein rasch und spielerisch, viele seien inzwi- Mail: matthias.bartsch@spiegel.de
paar lose Kontakte, aber noch keine festen schen die Dolmetscher ihrer Eltern.

DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019 45


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Deutschland

Schaltzentrale »Pettirosso«
Mafia In fünf europäischen Ländern gingen Fahnder gegen die ’Ndrangheta vor. Sie halten
die Organisation für ein globales Unternehmen – mit florierendem Deutschlandgeschäft.

REICHWEIN / IMAGO
Polizisten bei Razzia in italienischem Eiscafé in Duisburg im Dezember: »Weitaus flexibler, als es Mythen vermuten lassen«

F
eiern, das konnten sie im »Petti- Polizei Köln und die Staatsanwaltschaften kriminellen Geschäfte und investieren ihr
rosso«, Videos auf Facebook zeu- in Duisburg, Köln und Aachen führten Ver- meist illegal verdientes Geld.
gen davon. Beim Scampi-Abend fahren – es war die bislang größte Razzia »Diese Operation macht der Öffentlich-
zum Beispiel, mit einem Sänger, gegen die italienische Mafia in Europa. keit hoffentlich deutlich, dass die ’Ndran-
der Eros Ramazzotti imitierte. Die Gäste Wenn die Ermittler recht haben, war gheta in den letzten Jahren zu einem mäch-
tanzten, tranken und aßen für 24 Euro pro das Pettirosso eine wichtige Deutschland- tigen, globalen Netzwerk gewachsen und
Person. Ein lauter Abend war es in Wesse- dependance der italienischen ’Ndranghe- auch für Deutschland eine reale Bedro-
ling, einem Ort südlich von Köln. ta. Die Mafiosi, so der Verdacht, nutzten hung ist«, sagt Zora Hauser, die als Sozio-
Die Partys in der Pizzeria, die zuvor Restaurants wie dieses, um Drogenge- login an der Universität Oxford die Struk-
»Leonardo da Vinci« hieß, sind Vergangen- schäfte zu organisieren oder sich zurück- tur der ’Ndrangheta erforscht.
heit. Heute stehen blaue Müllcontainer zuziehen. Von Wesseling aus sollen sie Das BKA zählte zuletzt 344 ’Ndranghe-
vor dem Eingang, daneben ein Aufsteller Tarnfirmen gegründet und Geld ge- ta-Mitglieder in Deutschland. Der italieni-
»Neueröffnung«. waschen haben. Zugleich sorgte das Res- sche Anti-Mafia-Staatsanwalt Nicola Grat-
Im Dezember wurden die früheren Be- taurant für eine bürgerliche Fassade; es teri hält die Zahl für zu niedrig. Er sprach
treiber des Restaurants verhaftet. Die Er- war gut integriert in die örtliche Gemein- in Interviews mit italienischen Medien von
mittler verdächtigen sie, italienische Ma- de, sein Motto: »Leidenschaft, Liebe und 60 »Ortsvereinen« der ’Ndrangheta in
fiosi zu sein. Bei Razzien in Italien, Bel- Gastfreundschaft«. Deutschland, sogenannten Locali. Nach
gien, den Niederlanden, Luxemburg und Deutschland, das machen die fast vier den Regeln der Organisation hat ein sol-
Deutschland beschlagnahmte die Polizei Jahre währenden Ermittlungen der Ope- cher Verein rund 50 Mitglieder. Rechnete
mehrere Millionen Euro, sie nahm 84 Ver- ration »Pollino« klar, ist längst nicht mehr man so, käme man auf etwa 3000 Mitglie-
dächtige fest, 21 davon in Deutschland. nur ein Rückzugs- und Ruheraum für Ma- der in der Bundesrepublik. Laut Gratteri
Das Bundeskriminalamt (BKA), das Lan- fiosi, wie es in der Vergangenheit oft hieß. kontrolliert die ’Ndrangheta 80 Prozent
deskriminalamt Nordrhein-Westfalen, die Von hier aus steuern Mafiagruppen ihre des Kokains, das in Europa auf den Markt

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kommt. Fast vier Tonnen wurden allein Es war der Höhepunkt einer Blutfehde. do da Vinci, das spätere Pettirosso in Wes-
während der Operation »Pollino« beschlag- Der Legende nach wurde sie im Kloster seling. Einer, den die Fahnder für einen
nahmt. Polsi im Aspromonte-Gebirge beigelegt, Strippenzieher im Kokaingeschäft der
Bei ihren Ermittlungen stellten die Be- die beiden Gruppen schlossen Frieden. ’Ndrangheta halten, wohnte gleich neben-
amten fest, dass die ’Ndrangheta längst Wenig später, im Jahr 2008, wurde der an: Giuseppe M., 33 Jahre alt. Dessen An-
nicht so isoliert und konspirativ agiert wie Boss einer der Gruppen, Antonio P., Spitz- walt wollte sich zu den Anschuldigungen
oft angenommen. Ihre Geschäfte wurden name »La Mamma«, festgenommen. 2011 gegenüber dem SPIEGEL nicht äußern.
wie Joint Ventures betrieben. So setzten floh er aus dem Krankenhaus, in das er Wichtige Hinweise erhielten die Be-
die Italiener für den Drogenvertrieb auf verlegt worden war, nachdem er durch amten von einem Kronzeugen, Giuseppe
Netzwerke Kleinkrimineller, sie arbeiteten eine Überdosis Schlankheitspillen eine T., der als eine Art Broker unterwegs war.
etwa mit der albanischen Mafia und mit Krankheit vorgetäuscht hatte. Jahrelang Er nahm, so erzählte er es, die Bestellun-
türkischen Banden zusammen. Am Ende versteckte er sich, bis er 2016 im kalabri- gen verschiedener Mafiafamilien auf, flog
wurde ihnen das zum Verhängnis. schen Benestare verhaftet wurde. Die Poli- nach Südamerika, verhandelte die Preise
Es war vor vier Jahren, als kurz hinter zisten fanden ihn in einem engen Raum und kaufte das Kokain. Versteckt in Con-
der deutsch-niederländischen Grenze eine hinter einem Schrank. Nun übernahmen, tainern, gelangte es in die Häfen von Ant-
Pizzeria brannte. Die niederländischen so vermuten die Ermittler, seine Söhne die werpen oder Rotterdam.
Ermittler hatten seit Längerem Italiener Geschäfte, darunter Domenico P., der Die Mafiosi nutzten dafür eine aus-
beobachtet, die in ungewöhnlich kurzer später am Telefon über den Brand in den geklügelte Logistik: Sie mussten Einblick
Zeit Restaurants eröffneten und schlossen. Niederlanden berichtete. in die Staupläne der Schiffe haben, die
Die Beamten taten sich mit italieni- Die Fahnder konnten einen sogenann- Arbeiter am Hafen bestechen und den
schen Kollegen zusammen, in der Opera- ten Trojaner auf dessen Handy spielen und Transport zu geheimen Lagern organisie-
tion »Brodo«. Sie vermuteten, dass eine ihn überwachen. So erfuhren sie viele De- ren. Eine Tarnfirma, über die der Drogen-
Brandstiftung der Grund für das Feuer tails über den Drogenhandel, den Dome- handel lief, war laut Kronzeuge die Rigano
war, später bestätigte ein Handygespräch, nico P. mutmaßlich organisierte: unter an- Im- & Export GmbH in Düsseldorf. Nach
das sie überwachten, den Verdacht. »Hast derem, dass er Kokain für 30 000 Euro offiziellen Papieren importierte sie Güter
du gesehen, was er mit dem Restaurant pro Kilogramm weiterverkaufe und von wie Kohle und Holz.
in Holland gemacht hat?«, fragte Dome- vornherein einkalkuliere, dass drei von Registriert wurde das Unternehmen
nico P. seinen Gesprächspartner. »Er er- zehn Lieferungen, die im Hafen Gioia Tauro 2015 auf einen Sizilianer aus Solingen, der
öffnet das Restaurant, 60 000 Euro. Er anlandeten, von den italienischen Drogen- zuvor als Tellerwäscher in einem italieni-
nimmt das. Er zahlt, überzahlt, zahlt noch- fahndern entdeckt würden. Der italieni- schen Restaurant gearbeitet hatte. Der
mals, er versichert es gegen Diebstahl und sche Anwalt von P. weist auf Anfrage darauf Mann habe seinen Job gekündigt, berich-
Brand. Wie geht es weiter? Es brennt. Feu- hin, dass es sich bislang nur um Indizien tete der Kronzeuge, da ihm ein Monats-
er, ein bisschen Rauch. 300 000 Euro an handle und das Verfahren nicht abge- lohn von 2000 Euro versprochen worden
Schaden. Er richtet es, verkauft es an einen schlossen sei. Er betont, dass sein Mandant sei, nur dafür, dass die neue Firma auf
Deutschen für 280 000 Euro.« allein gehandelt habe und nicht im Auftrag seinen Namen registriert werde. Zusätz-
Am Ende des Gesprächs sagt Domenico von Familienmitgliedern. lich sollte er eine Prämie über 100 000
P., der Verkäufer habe das sanierte Ge- Allerdings bemerkten die Fahnder, wie Euro bekommen, sobald die ersten lukra-
bäude vom Käufer wiedererhalten. Mit Mitglieder der Gruppe immer wieder nach tiven Geschäfte über die Firma abgewi-
diesem Trick sollten, das vermuten die Deutschland fuhren. Die Strecke zwischen ckelt würden. Ein Übersetzer begleitete
Ermittler, Drogengelder in den legalen Kalabrien und Nordrhein-Westfalen schaff- den Sizilianer zur Firmengründung beim
Wirtschaftskreislauf gelangen. Zugleich ten sie in ihrem Audi S3 oft in 16 Stunden, Notar: Giuseppe M. aus Wesseling.
vermehrte der Gastronom offenbar sein mit bis zu 240 Kilometern pro Stunde. Ein Die Rigano Im- & Export GmbH war Er-
Vermögen durch Versicherungsbetrug. Ziel der Ausflüge war die Pizzeria Leonar- mittlern bereits im Dezember 2015 aufge-
Von 2016 an beteiligte sich die Staats-
anwaltschaft Duisburg an den Ermittlun-
gen. Einige der verdächtigen Gastrono-
men betrieben Restaurants in Deutsch-
land. Über die europäische Justizbehörde
Eurojust koordinierten die Ermittler ihre
Nachforschungen, auch Europol war in-
formiert. »Die Organisation, mit der wir
es aktuell zu tun haben, stellt sich uns als
agiles Netzwerk dar, in dem vieles weitaus
flexibler gehandhabt wird, als es viele
Mythen über die Mafia vermuten lassen«,
sagt der Duisburger Oberstaatsanwalt
ALESSANDRO GRASSANI / NYT / REDUX / LAIF

Uwe Mühlhoff.
Die Verdächtigen in Deutschland gehö-
ren unter anderem einer Gruppe aus dem
kalabrischen San Luca an. Dieser Zweig
der Mafia machte vor gut zehn Jahren in
Deutschland Schlagzeilen: Sechs seiner
Mitglieder waren am 15. August 2007 er-
schossen worden, als sie das Restaurant
»Da Bruno« in Duisburg verlassen hatten.
Die Täter stammten aus einer verfeindeten
Gruppe ihres Heimatdorfs. Staatsanwalt Gratteri: 60 »Ortsvereine« der ’Ndrangheta in Deutschland

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Deutschland

fallen, als sie im Hafen von Rotterdam


95 Kilogramm Kokain beschlagnahmten.
Das Pulver war in einer Holzlieferung aus
Guyana versteckt, Empfänger war die
GmbH aus Düsseldorf. Über abgehörte
Gespräche und den Kronzeugen erfuhren
die Ermittler, dass offenbar Giuseppe M.
hinter dem Schmuggel stand.
Giuseppe T. erzählte den Polizisten, wel-
che Bedeutung die deutschen Restaurants
in dem Millionengeschäft hatten. Es sei in
Deutschland und den Niederlanden viel
einfacher als in Italien, »flüssiges Kapital«,
also Bargeld, zu bewegen. Oft suchten die
Mafiosi dafür unauffällige Orte aus, eine
Eisdiele in Duisburg oder das Café La Piaz-
za im nordrhein-westfälischen Brüggen.
Das Café kam in die regionalen Schlag-
zeilen, als es im März 2018 verwüstet wur-
de. Die Täter sprühten ein Hakenkreuz an
die Wand, wenngleich es spiegelverkehrt
geriet. Sie zerkratzten Tische, schlitzten
Polster auf und versuchten, die Räume zu
überfluten. Der Geschäftsführer ließ sich
Jetzt im in der Lokalzeitung zitieren, er werde der
Gewalt nicht weichen. Offenbar war der
Mann aber nicht so tapfer, wie es schien.
Handel Heute vermuten die Ermittler, dass der
Mafiaclan den rechten Überfall inszeniert
hatte, um die Versicherung zu betrügen.
Dass ihnen die Behörden auf der Spur
waren, hatten viele Verdächtige allerdings
schon länger gewusst. In einem ihrer Wa-
gen entdeckten sie eine Wanze. Auch das
Pettirosso in Wesseling galt nicht mehr als
sicher – es wurde mit einer Kamera vom
gegenüberliegenden Haus aus gefilmt, was
die Italiener dank eines Nachbarn bemerkt
hatten. »Hier darf keiner mehr kommen«,
www.spiegel-geschichte.de warnte Gastronom Giuseppe M. einen Ver-
trauten. »Wir öffnen das Restaurant und
arbeiten ganz normal.«

Verbündete hatten die Kriminellen ver-


mutlich sogar in den Behörden. Die Staats-
X Auch als App für iPad, Android anwaltschaft Duisburg und die Polizei
sowie für PC/Mac. Hier testen: Köln ermitteln gegen fünf Personen, da-
runter Polizisten sowie zwei Mitarbeite-
geschichte.spiegel.de/digital rinnen der Stadtverwaltungen in Duisburg
und Wesseling. Sie sollen dienstliche Da-
tenbanken genutzt haben, um Informatio-
nen an eine Bande weiterzugeben, die mit
der ’Ndrangheta zusammenarbeitete.
Ende vergangenen Jahres hatten die Be-
amten genügend Beweise zusammen, um
die Verdächtigen festzunehmen. Im BKA
glaubt man, dass die europäischen Ermitt-
Lesen Sie außerdem in diesem Heft: ler der Gruppe mit den Standorten in Nord-
rhein-Westfalen den Handel mit 490 Kilo-
gramm Kokain nachweisen können.
Gewürze Mit Pfeffer zur Weltmacht Für Sebastian Fiedler, den Vorsitzenden
des Bundes Deutscher Kriminalbeamter,
ist die Operation »Pollino« zwar ein gro-
Margarine Napoleons billige Butter ßer Fahndungserfolg, letztlich aber nur
»ein Tropfen auf den heißen Stein«. Um
Saumagen Diplomatie bei Tisch weitere Erfolge zu haben, müssten die eu-
ropäischen Institutionen zur Bekämpfung

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der Mafia gestärkt werden. »Europol muss


endlich mit echten operativen Befugnissen
ausgestattet und zu einem European Bu-
reau of Investigation werden«, sagt Fiedler.
»Und die europäische Staatsanwaltschaft,
die es ab 2021 geben wird, muss auch für
organisierte Kriminalität zuständig sein.«
Zora Hauser, die Wissenschaftlerin aus
Oxford, sagt, die Mafia müsse ins politi-
sche Bewusstsein der Deutschen rücken.
Es brauche mehr Ressourcen, Forschung
und womöglich rechtliche Änderungen.
Deutschland müsse zum Beispiel wie Italien
die bloße Mitgliedschaft in einer Mafia-
organisation härter bestrafen.
Am Erfolg der Operation »Pollino« hat-
ten auch die Chefs der Mafiagruppen un-
freiwillig Anteil. Sie schienen am Ende die
Kontrolle über ihre Leute zu verlieren. Un-
ter den Mafiosi und ihren Partnern wurde
viel gestritten, das belegen die Überwa-
chungsprotokolle. So sollen ’Ndrangheta-
Mitglieder einer albanischen Gruppe eine
Wagenladung Drogen gestohlen haben,
weswegen sie nicht mehr nach Belgien rei-
sen konnten. Andere tranken viel Alkohol
und verpulverten 15 000 Euro in einer
Nacht für Prostituierte. Tradition und Dis-
ziplin zählten bei diesen Mafiosi offenbar
nicht viel. Die Gruppe aus Wesseling hatte
bald Zahlungsprobleme.
Um die bestellten Drogen von Belgien
und den Niederlanden nach Italien zu brin-
gen, nutzten die mutmaßlichen Mafiosi in
Wesseling das Angebot einer deutschtür-
kischen Bande, die in der Stadt eine Auto-
werkstatt betrieb. Dort baute sie, so der
Verdacht, in die Wagen doppelte Böden
als Drogenverstecke ein.
Die Italiener liehen sich bei den
Deutschtürken Geld, um weiter in Drogen
zu investieren. Als sie Probleme hatten,
das Geld zurückzuzahlen, fuhren drei Mit-
glieder der deutschtürkischen Bande ins
kalabrische Bovalino. Dort erhielten sie
ein Drittel der ausstehenden 30 000 Euro
und sollten von Prostituierten besänftigt
werden. Doch sie waren so misstrauisch,
dass sie GPS-Sender in die Wagen einbau-
ten, die sie an die Italiener verliehen. So
wollten sie deren Geschäft überwachen.
Für die Ermittler war es ein Glücksfall:
Über die Handys der Deutschtürken
konnten sie auf die Positionsdaten der
Mafiaautos zugreifen. Als sie eines kontrol-
lierten, entdeckten sie in einem Geheim-
fach fast sieben Kilogramm Kokain. Anlass
genug, die Wohnung eines der Deutschtür-
ken zu durchsuchen. Dort beschlagnahmten
sie ein iPad, auf dem sie verdächtige E-Mails
fanden: von Giuseppe M., der neben dem
unscheinbaren Lokal in Wesseling wohnte,
in dem man so gut feiern konnte.
Margherita Bettoni, Jörg Diehl, Martin
Knobbe, Sandro Mattioli, Andreas Ulrich
Mail: martin.knobbe@spiegel.de

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Gesellschaft
»Man muss diesem Arschloch eines lassen: Der Typ wusste sich in Szene zu setzen.« ‣ S. 52

1950 kamen 23,6 Kriegstote


auf 100000 Menschen. Früher war alles schlechter
Nº 161: Kriegstote und Kriegsberichterstattung

+++ Korea! +++ Vietnam! +++ Iran-Irak! +++ Afghanistan! +++ Syrien!
1971
10,1
1961 1982
5,9 1988
5,6 5,2
Quelle:
PRIO-UCDP 1999
Datenbank 2,2 2017 sind es 1,2.

1950 1960 1970 1980 1990 2000

Limonade ist tödlicher als Krieg. Syrien, Ukraine, Afghanistan, Zeitung aufschlägt, wird fast unvermeidlich auf Berichte über
Libyen, Irak: überall Krieg. Um das Ausmaß der Gewalt ins Ver- kriegerische Konflikte stoßen. Unser Gesellschaftsgespräch
hältnis zur Weltbevölkerung zu setzen, drücken Statistiker die beschäftigt sich unvermindert mit einem Thema, das tatsächlich
globale Kriegsintensität gern so aus: 2017 sind weltweit rund 1,2 immer weniger Menschen betrifft. Gut so! Schließlich gibt es
pro 100 000 Menschen in Kriegen umgekommen, das sind insge- keinen Grund, sich nicht mehr über Kriege zu informieren, nur
samt 92 000 Opfer, weniger als beispielsweise durch zuckerhal- weil weniger Tote zu beklagen sind. Doch je weniger Kriege
tige Getränke. Die Folgen eines übermäßigen Konsums kosteten ausbrechen, Flugzeuge abstürzen oder Terroranschläge statt-
laut der »Global Burden of Disease Study«, der maßgeblichen finden, desto berichtenswerter wird jede Ausnahme. Es ist die
Datenbank für Todesursachen, im selben Jahr etwa 137 000 Men- zunehmende Informiertheit über Ausnahmen, die beim Publikum
schen das Leben. Die Wahrscheinlichkeit, in einem Krieg umzu- oft ein falsches Bild erzeugt. Es mag paradox erscheinen, aber
kommen, ist weltweit seit 1950 um circa 90 Prozent zurückgegan- die Welt war wahrscheinlich noch nie so friedlich wie heute.
gen. Warum aber haben wir weiterhin den Eindruck, in einer Ein Gastbeitrag des Marburger Soziologen Martin Schröder.
Welt voller Kriege und zunehmender Kriegsgefahr zu leben? Wer Martin Schröder: »Warum es uns noch nie so gut ging – und wir trotzdem ständig
Nachrichten-Websites liest, den Fernseher einschaltet oder die von Krisen reden«. Benevento; 228 Seiten; 20 Euro.

Gefühle SPIEGEL: Ist Wut schlecht? Kastner: Die Kommunikationsmuster und


Wohin mit unserer Wut, Kastner: Um Gottes willen, nein. Erst mal
ist Wut eine Emotion, die ich nicht zwin-
-bedürfnisse in sozialen Netzwerken sind
komplex. Die Menschen haben im virtu-
Frau Kastner? gend in eine Handlung umsetzen muss. ellen Raum teilweise die Möglichkeit, ano-
Sie zeigt mir, dass jemand meine Toleranz- nym ihre Emotionen und Meinung zu
Heidi Kastner, 56, ist Ärztin für Psychiatrie schwelle überschritten hat. Man sollte aller- äußern, ohne soziale Konsequenzen be-
und Neurologie am Kepler Universitäts- dings gelernt haben, mit diesem Gefühl fürchten zu müssen. Im realen Leben
klinikum in Linz. Sie hat ein Buch geschrie- der Wut umzugehen. verpassen wir hingegen vor lauter Angst
ben, das für den richtigen Umgang mit SPIEGEL: Wuträume gibt es in vielen deut- voreinander immer wieder die gebotene
Wut plädiert. schen Städten. Was löst den Wunsch aus, Konfrontation. Der Wütende ist unan-
Dinge zu zerstören? genehm und daher sozial verpönt. Wut hat
SPIEGEL: Der Reiseveranstalter Thomas Kastner: Natürlich gibt es Menschen, die immer weniger Platz in unserer Gesell-
Cook hat vor Kurzem in einem Hotel auf nicht nach einer langfristigen Lösung schaft und muss kaschiert werden.
Kreta einen sogenannten Rage Room ein- suchen, mit ihren Emotionen umzugehen. SPIEGEL: Für welchen Umgang mit Wut
gerichtet. Gäste können darin mit einem Oder einfach Spaß daran haben, »die Sau plädieren Sie als Psychiaterin?
Baseballschläger Laptops, Vasen und Fla- rauszulassen«. Es kann tatsächlich im ers- Kastner: Wut ist Teil des Menschseins, der
schen zertrümmern. Hilft das? ten Moment helfen, sich abzurea- sozialverträgliche Umgang damit
Kastner: Ich halte diese Wuträume für gieren, die Spannung nimmt ab. ist Erziehungssache. Wirkliche
Blödsinn. Wut sollte ein Warnsignal sein, SPIEGEL: In sozialen Netz- Kommunikation kann aber
das aber ins Leere geht, wenn wir zu werken bekommt man den nur gelingen, wenn man in
einem vom Auslöser unabhängigen Zeit- Eindruck, die Menschen wür- der Lage ist, eigene Grenzen
punkt Gegenstände zerstören. den immer wütender. aufzuzeigen. CAT

50 DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019


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Dollar zusammen. Camacho Badani und ihr Team machten


Eine Meldung und ihre Geschichte
sich auf die Suche.
Sechs Tage lang durchstreiften die Expeditionsteilnehmer

Die Froschkönigin das Dickicht des Nebelwaldes, durchwateten Bäche und Tüm-
pel und hoben Steine vom Grund. Abends kehrten sie ins
Lager zurück, müde und durchnässt, ohne ein Exemplar auch
nur gesehen zu haben. Dann, nach einem weiteren Tag ohne
Wie eine Datingplattform dabei hilft, eine vom Fund, entdeckte Camacho Badani einen Teich, den ein klei-
Aussterben bedrohte Tierart zu retten ner Wasserfall speiste, so berichtet sie es. Als sie näher he-
rantrat, sah sie, wie etwas von einem Stein ins Wasser sprang.
Sie stieg in den Tümpel und griff danach; was sie hob, hatte

B olivien, Nationalpark Carrasco, ein Tag Mitte De-


zember: Die Expedition war bereits so tief in den Nebel-
wald der Anden vorgedrungen, dass die Forscher den
Jeep zurücklassen mussten. Sie schlugen ein Lager auf und
einen orangefarbenen Bauch und einen grünbraun gescheck-
ten Rücken: ein Frosch, nicht länger als ihr Daumen. Ein Se-
huencas-Wasserfrosch. Ihre Begleiter jubelten. Camacho Ba-
dani überprüfte das Geschlecht des Tieres – es war ein Männ-
marschierten zu Fuß weiter. Sie waren zu fünft: ein Veterinär, chen. Keine Julia. Ein zweiter Romeo.
eine Expertin für Erhaltungszucht, ein wissenschaftlicher Mit- Artenschützer nutzen die viralen Mechanismen des Inter-
arbeiter, ein Guide und eine Herpetologin, eine Amphibien- nets immer wieder, um bedrohten Arten und Unterarten Auf-
und Reptilienforscherin. Die Herpetologin heißt Teresa Cama- merksamkeit zu verschaffen und sie so womöglich zu retten.
cho Badani, sie führte die Expedition an. Sie hofften, ein Tier In einem kenianischen Reservat lebte bis 2018 das letzte be-
zu finden, von dem die meisten Experten annahmen, dass es kannte männliche Nördliche Breitmaulnashorn, sein Name
in freier Wildbahn längst ausgestorben sei: den Sehuencas- war Sudan. Bewaffnete Ranger bewachten es Tag und Nacht.
Wasserfrosch, Telmatobius yuracare, nicht größer als ein Dau- Die Reservatsleitung schaltete Sudan ein Profil auf der Da-
men, mit orangefarbenem Bauch und grünbraun geschecktem ting-App Tinder, um Spenden für die Reproduktionsfor-
Rücken. Sie brauchten ein weibliches Exemplar. schung zu sammeln. Die Zeitungen berichteten. Doch dann
Sie wussten, wenn sie das Tier nur fänden, würden sie es wurde Sudan krank und konnte nicht mehr allein aufstehen.
Julia nennen, nach der Heldin in Shakespeares Theaterstück. Veterinäre schläferten ihn im März ein. In Neuseeland wie-
Julia, das war die Hoffnung, derum lebt Sirocco, einer der
könnte das Überleben der ge- letzten Kakapos der Welt.
samten Art sichern. Denn in Als ihn ein Fernsehteam der
der Stadt, im Naturhistori- BBC filmte, versuchte der
schen Museum von Cocha- Papagei sich mit einem Zoo-
bamba, wartete »la rana más logen zu paaren. Der dama-
solitaria del mundo«, so lige neuseeländische Premier-
nannten ihn die boliviani- minister John Key verlieh
schen Zeitungen, der ein- Sirocco daraufhin den Titel
samste Frosch der Welt, er »Official Spokesbird for Con-
trägt den Namen Romeo. servation«. Er hat ein Face-
Romeo war vor zehn book- und ein Twitter-Profil.
Jahren im bolivianischen Artenschützer wissen, dass
ROBIN MOORE / AFP

Dschungel gefangen worden. Menschen es lustig finden,


Seither habe kein Wissen- wenn ein Nashorn oder ein
schaftler je wieder einen Se- Frosch ein Profil auf einer
huencas-Wasserfrosch gese- Datingwebsite haben. Die
hen, berichtet Camacho Ba- Sehuencas-Wasserfrosch Julia Menschen spenden dann und
dani. Eine Pilzerkrankung, reden darüber. Artenschüt-
die Chytridiomykose, könn- zer wissen auch, dass der Auf-
te den Bestand dezimiert ha- ruf meistens zu spät kommt.
ben, vermutet sie. Romeo Von der Website Wn.de Am nächsten Tag brachen
lebte zehn Jahre lang allein Camacho Badani und ihr
in einem Aquarium des Museums, 230 Kilometer Luftlinie Team erneut zu dem Teich mit dem Wasserfall auf, an dem
entfernt von La Paz. Sollte sich kein Weibchen finden, sie den männlichen Wasserfrosch gefunden hatten. Wo ein
schreibt Camacho Badani, ende die Art womöglich mit Männchen lebt, das wussten sie, war die Chance hoch, auf
seinem Tod. ein Weibchen zu stoßen. Von dem, was dann passierte, gibt
Im Februar vergangenen Jahres erstellten die Biologen es ein Video: Sie stiegen in den Teich, sie tasteten die Steine
von Cochabamba deshalb ein Profil auf der Datingplattform auf dem Grund ab, hinter ihnen rauscht der Wasserfall. Es
Match.com. »Hi, ich bin Romeo, der buchstäblich Letzte mei- dauerte nicht lange, dann wurden sie fündig; es war nicht
ner Spezies«, steht dort, und »ich hoffe, mein perfektes Match mühsam, berichtet Camacho Badani, es war einfach die rich-
zu finden, damit wir unsere Art retten können«. Sie stellten tige Stelle. In dem Video hält sie einen Beutel hoch, gefüllt
ein Video dazu, dort kann man sehen, wie Romeo allein mit Wasser, Camacho Badani strahlt übers ganze Gesicht. In
durch sein Aquarium schwimmt und nach einem Wurm dem Beutel schwimmt ein weiblicher Sehuencas-Wasser-
schnappt. Ein Link auf dem Profil führt zu einer Internetseite, frosch.
über die man Geld spenden kann; Geld, das es den Forschern Sie fanden noch drei weitere Tiere, Julia und die anderen
ermöglichen sollte, nach einem weiblichen Sehuencas-Was- befinden sich zurzeit noch in Quarantäne. Wenn sicher ist,
serfrosch zu suchen. Wegen des Datingprofils berichteten dass sie nicht an der Pilzerkrankung leiden, soll Julia Romeo
viele Zeitungen über Romeo, am Ende kamen 25 000 US- kennenlernen. Max Polonyi

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Gesellschaft

Gefangen
Traumata Alexis Mesón Doña ist der Sohn zweier Kommunisten.
Als er geboren wurde, tobte in Spanien der Bürgerkrieg.
Der Sieger, Diktator Francisco Franco, ist seit mehr als 40 Jahren
tot, aber er spaltet das Land immer noch. Eine
Geschichte über die Macht des Hasses. Von Timofey Neshitov

I
m Juni 1947 schreibt Alexis, ein und wegen seiner katholischen Frömmig-
Kind aus dem Madrider Arbeiter- keit – und er lebt weiter in den Köpfen
viertel Lavapiés, einen Brief an Eva und Herzen vieler Spanier, die ihn hassen.
Perón: »Liebe Señora Eva Perón, Alexis Mesón ist heute 80 Jahre alt, ein
vor sechs Jahren wurde mein Vater er- kleiner Mann mit grünen Augen, die im
schossen. Nun wollen sie meine Mutter Alter einen grauen Einschlag bekommen
hinrichten. Helfen Sie mir bitte, damit ich haben. Er lebt in Barcelona, in seinem Bü-
nicht als Waise aufwachsen muss.« cherregal steht das einzige gemeinsame
Eva Perón ist die Frau des argentinischen Porträtfoto seiner Eltern, das die Wirren
Präsidenten, weltweit gefeiert als Heldin des Bürgerkriegs überstanden hat: Beide
der Armen, sie besucht Spanien, winkt blicken ernst, die Mutter zur Seite, der Va-
jubelnden Massen zu. Alexis’ Mutter sitzt ter in die Kamera, als hätten sie keine Zeit
in einer Todeszelle des Madrider Frauen- gehabt, sich abzusprechen.
gefängnisses Las Ventas. 29 Jahre alt, auf
einem Auge blind. Sie ist Kommunistin. An Spanien wird mit Franco nicht fertig. Es
Alexis’ Geburtstag haben sie sie abgeführt. gibt eine Stiftung, die seinen Namen trägt;
Zum ersten Mal in seinem Leben unter- die Regierung, angeführt von einem Sozia-
schreibt Alexis mit sei- listen, will Francos Gebei-
nem vollen Namen: Ale- ne exhumieren lassen,
xis Mesón Doña, setzt um sie an einem beschei-
sein Alter darunter: neun. deneren Ort zu bestat-
Eva Perón wird ihm ten, schafft es aber nicht,
nie antworten. Aber sie weil Francos Familie und
wird den Brief lesen, die katholische Kirche
und sie wird nicht un- sich querstellen; ein Fran-
tätig bleiben. co-Fan, Hobbyschütze,
An seinen Vater erin- hat wegen dieser Exhu-
VOLKHART MÜLLER

nert sich Alexis kaum, er mierungspläne versucht,


war drei, als sie ihn er- den Regierungschef zu
schossen. Seine Mutter töten.
ist eine der letzten Im vergangenen De-
Frauen, die die Richter Generalissimus Franco 1974 zember, wenige Monate
des Diktators Francisco nach der Verhaftung des
Franco zum Tode ver- Schützen, kam in Anda-
urteilen. Wegen Franco, sagt Alexis, habe lusien die rechtsextreme Partei Vox ins mit zitternder Hand Todesurteile unter-
er am Gefängnistor geweint, seinetwegen Parlament. Sie fordert unter anderem eine zeichnet.
lernte er schon als Kind die Blumenverkäu- Reconquista: die Rückeroberung Spaniens Würde Alexis Mesón je Francos Mau-
ferin vor dem Cementerio del Este kennen. von den Muslimen. soleum betreten? Warum nicht, sagt er,
In den Siebzigerjahren, als Spanien für vie- Alexis Mesón führt seinen eigenen, sehr da sei er schon mal drin gewesen, vor
le Nichtspanier weniger eine Diktatur ist als persönlichen Schattenkampf gegen den 20 Jahren. Es gab Zeiten, da habe er den
vielmehr Mallorca und Real Madrid, steckt Diktator. Im Kopf. Franco sei seine bestia Caudillo umgebracht, in Gedanken, habe
Franco auch noch Alexis ins Gefängnis. negra, sagt er, die schwarze Bestie. Sie ver- ihm Bomben unter den Stuhl gelegt, un-
Dann stirbt Franco, 1975, aber er ver- folgt den alten Mann. Eine Bestie, die, ters Bett, habe sein Mausoleum in die
schwindet nicht. Der Caudillo de España manchmal zumindest, lächerlich ist: Alexis Luft gejagt.
por la Gracia de Dios, wie Franco sich lacht lieber über Franco, so verhindert er, Bei seinem zweiten Besuch an Francos
nennt, Führer von Gottes Gnaden, lässt dass der immer größer wird. Manchmal Grab faltet er die Hände auf dem Rücken,
sich in einem gigantischen, von Zwangs- erscheine ihm jener Franco, der ihm seine starrt auf die frischen Blumen, schüttelt
arbeitern errichteten Mausoleum bestatten, Eltern nahm: der untersetzte Generalissi- den Kopf. Wieder an der Luft atmet er tief,
unter einem mehr als 150 Meter hohen mus, der sich in Alexis’ Vorstellung bei zeigt auf die grüne, bergige Landschaft und
Kreuz. Franco lebt weiter in den Köpfen Balkonreden auf ein Treppchen stellt, um sagt: »Man muss diesem Arschloch eines
und Herzen vieler Spanier, die ihn achten, größer zu wirken. An anderen Tagen sieht lassen: Der Typ wusste sich in Szene zu
vor allem wegen seiner Wirtschaftspolitik er den an Parkinson erkrankten Greis, der setzen. Wir sind bis heute die Verlierer.«

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ANGEL GRACIA / DER SPIEGEL


Hinterbliebener Mesón im Hof des ehemaligen Foltergefängnisses Modelo in Barcelona: »Wir sind bis heute die Verlierer«

Das Wertvollste aus seinem Leben hat sein, wenn es darum geht, wie sich die ei- deszelle heraus um einen Gefallen, sollte
Alexis Mesón in zwei Schuhkartons sor- gene Kindheit, das eigene Leben, mit der seine Frau, damals noch auf freiem Fuß,
tiert: das Gefängnistagebuch des Vaters, Geschichte eines ganzen Landes ver- es zum Friedhof schaffen, bevor sie ihn
dessen Abschiedsbriefe, einen unveröffent- mischt, eines Jahrhunderts? Gerade der verscharren: »Auch wenn ich dann schon
lichten Roman der Mutter, die eigene Ge- Spanische Bürgerkrieg, dessen Ende sich kalt bin, gibst du mir bitte einen Kuss?«
richtsakte aus den Siebzigern. Manchmal zum 80. Mal jährt, mischt Fakten und My- Sein Vater wurde 24 Jahre alt.
stöbert er in diesen Kartons, an verregne- then zu einer großen Erzählung: Heming- Mesón denkt aber auch über die Ideale
ten Tagen, wenn die Rückenschmerzen zu- way, Orwell, Saint-Exupéry, das Thäl- nach, für die sich seine Eltern opferten, die
nehmen, wenn die Enkelkinder sich nicht mann-Bataillon – ein Resonanzraum, der Ideale des Kommunismus. Darüber, was
melden, wenn es draußen dunkel wird und immer größer wird. Ideale mit Familien machen.
der Caudillo im Kopf mal wieder auf sein In seiner Geburtsurkunde steht: 26. Fe-
Treppchen steigt. An manches, die Verhaftung der Mutter bruar 1938, Madrid. Es steht nicht, wo ge-
Alexis Mesón erzählt seine Lebensge- zum Beispiel, erinnert sich Mesón messer- nau er geboren wurde: in einer kommu-
schichte in dieser Wohnung, trinkt koffein- scharf; in Mutters Gerichtsakte sind auch nistischen Kaderschule in Lavapiés. Seine
freien Kaffee, schluckt Tabletten gegen die die Verhörprotokolle nachzulesen, das To- Mutter Juana Doña, damals 19 Jahre alt
Rückenschmerzen. Die Grenzen der Er- desurteil. Einiges aus den Schuhkartons und bereits Lehrkraft, hält gerade eine Prü-
innerung sind ihm bewusst: Wie präzise will Alexis nicht lesen, ihm stockt dann fung in Marxismus-Leninismus ab, als ihr
kann das Gedächtnis eines 80-Jährigen der Atem. Da bittet sein Vater aus der To- die Fruchtblase platzt. Ihr Mann Eugenio

DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019 53


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POPPERFOTO / GETTY IMAGES


Präsidentengattin Perón, Diktator Franco in Madrid 1947: »Helfen Sie mir bitte, damit ich nicht als Waise aufwachsen muss«

Mesón, zwei Jahre älter, ist nicht da, er In den Jahren vor dem Bürgerkrieg ist Zärtlichkeit mit in die Ewigkeit des Todes«,
kämpft gegen Franco. Spanien in weiten Teilen ein Agrarland. schreibt Eugenio im Sommer 1941, der
Juana Doña will ihren Sohn Eugenio Als im Herbst 1934 in Asturien die Berg- Brief erreicht Juana erst nach seiner Hin-
nennen, nach dem Vater, aber das Lehrer- leute streiken, lässt die Regierung den Auf- richtung. »Ich will, dass du unseren Sohn
kollektiv entscheidet anders: Das Kind soll stand brutal niederschlagen, der Befehls- mit unseren Idealen erziehst und dich,
nach Alexej Stachanow benannt werden, haber der Strafaktion: Francisco Franco. wenn möglich, ganz der Partei hingibst.«
dem sowjetischen Vorzeigearbeiter, der in Zu dieser Zeit kommt Alexis’ künftige Mut- Zwei Aufgaben sind das, Sohn und Par-
einem fernen Bergwerk Arbeitsnormen ter mit 16 zum ersten Mal ins Gefängnis. tei, die Alexis’ Mutter beim besten Willen
bricht. Juana wickelt Alexis in einen Schal, Sie hat für die Bergleute demonstriert. nicht zugleich erfüllen kann. Sie entschei-
trägt ihn durch die Dämmerung nach Der Bürgerkrieg ist für Alexis’ Eltern det sich für die Partei, für den Untergrund.
Hause. Sie wohnt in einer Corrala, einem eine Zeit des Todes und der Liebe. Die ers- Alexis wächst bei der Großmutter auf.
Mehrfamilienhaus, in dem die Zimmer ten Tage nach ihrer Hochzeit verbringen Am Abend vor seinem neunten Geburts-
klein sind, die Wände dünn und Kinder sie, mangels Wohnraum, in der Wohnung tag, erzählt er, habe sie ihn in Lavapiés be-
im Gemeinschaftsbecken baden unter der von Dolores Ibárruri, jener kommunisti- sucht, habe ihn auf die Augen geküsst, ihn
Eiche im Innenhof; hier wohnen Tage- schen Arbeiterführerin, die als »Pasiona- zugedeckt. Im Morgengrauen sei er auf-
löhner, Straßenverkäufer, Waschfrauen. ria« weltberühmt wird. Das Paar be- gewacht, die Wohnung kalt, voller fremder
kommt eine Tochter, die an Meningitis Stimmen, in der Küche die Großmutter: hi-
Alexis’ Eltern stammen aus vielköpfigen stirbt, während Freiwillige aus aller Welt jos de puta, flucht sie, Hurensöhne. Er sieht,
Arbeiterfamilien. Ihre Kindheit war kurz, nach Spanien strömen. Als Alexis zur Welt wie Männer seine Mutter in ein Auto zer-
die Bildung überschaubar, beide landen kommt, hat Franco mithilfe von Hitler und ren, Handschellen hinter dem Rücken. Sei
bei der Kommunistischen Jugend. Eugenio Mussolini das Blatt gewendet, ein Jahr spä- brav, ruft sie ihm zu, pass auf die Oma auf!
arbeitet in einer Seifenfabrik. Er teilt sei- ter ist der Bürgerkrieg vorbei, der Offi- Alexis’ Mutter hat sich, zwei Wochen
nen Lohn mit der Partei, schläft ohne Bett- zierssohn aus Galicien hat es geschafft. vor seinem Geburtstag, an einem Spreng-
wäsche. Er ist von einer kirchlichen Schule Du warst kein großer Militärstratege, stoffanschlag auf die argentinische Bot-
geflogen, weil er nicht beten wollte, nun sagt Mesón dem Diktator in seinem Kopf. schaft beteiligt. Niemand ist verletzt wor-
erweist er sich als mitreißender Redner. Du warst kein großer Redner. Du warst den, aber Franco ist wütend: Argentinien
Juana verliebt sich in Eugenio, sie nennt ein großer Verschwörer. ist eines der wenigen Länder, die noch Be-
ihn »meinen jungen Apostel«. Nach Francos Sieg werden Alexis’ El- ziehungen zu Spanien unterhalten. Gene-
Einer Ideologie zu folgen ist erst mal tern verhaftet. Alexis kommt zur Groß- ral Perón hat Weizenlieferungen verspro-
eine Erleichterung, alles ordnet sich auf mutter. Sein Vater kommt in die Todes- chen, seine Frau will nach Spanien kom-
ein Ziel, einen Weg hin. Der Spanische zelle. Alexis’ Mutter wird bei Verhören an men. Alexis’ Mutter erhält die Todesstrafe.
Bürgerkrieg, der mit Francos Militärputsch Stühle gefesselt, Männer in Uniform fol- Wenige Tage später muss sich Alexis,
begann, wurde zu einem Stellvertreter- tern sie mit Stromschlägen in der Vagina. nach seiner Erinnerung, sorgfältig die Haare
krieg zwischen zwei Ideologien, Faschis- »Ich schicke dir meine letzten Küsse und kämmen, er begleitet seine Großmutter zum
mus und Kommunismus. nehme die Erinnerung an dich, an deine Militärgouverneur von Madrid. Die Groß-

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Gesellschaft

mutter fleht um Gnade, sie will wissen, ob Ihr Sohn verspürt erst einmal keinen nal, hinunterfahren, Barcelonas zentrale
der Gouverneur Kinder habe. Der antwor- Drang, den Kapitalismus zu bekämpfen. Straße, mit 30 Stundenkilometern an der
tet, es werde schon seinen Grund haben, Da ist er anders als seine Eltern in seinem Ehrentribüne vorbei. Als er an ihm vor-
warum eine so junge Frau zum Tode verur- Alter. Es sind auch andere Zeiten, in den beizieht, es liegen keine zehn Meter zwi-
teilt werde. Dann tätschelt er Alexis an der Fünfzigern wird Spaniens Isolation aufge- schen ihnen, wendet Alexis den Kopf nach
Schulter, als wolle er sagen: Kopf hoch, Junge. hoben, die Botschafter kehren zurück, man rechts, er will Franco in die Augen sehen,
Also seien sie auf die Idee mit dem Brief braucht Franco als Verbündeten im Kalten aber in Francos Sonnenbrille spiegelt sich
gekommen, erzählt Alexis. Ein argentini- Krieg. Bald verlassen spanische Arbeiter nur Alexis’ Truppentransporter.
scher Komiker habe sie darauf gebracht, des- das Land, schicken Geld nach Hause, vor An einem Morgen im Sommer 1961,
sen Truppe gerade in Madrid gastierte. allem aus Alemania, der Tourismus boomt, Alexis sucht sich gerade eine größere Woh-
Es ist ein Sommer, der in Mesóns Erin- es beginnt ein spanisches Wirtschaftswunder. nung, weil er heiraten will, wird seine Mut-
nerung schmerzhaft heraussticht: An der Eines Tages fasst sich Alexis ein Herz und ter zum Gefängnisleiter gebracht. Sie sitzt
Wand im Wohnzimmer hängt ein Foto sei- teilt der Mutter mit, was er studieren möchte: zu dieser Zeit in einer Anstalt in Alcalá de
nes toten Vaters, wenn sie von ihm spre- Betriebswirtschaftslehre. Er will Geld verdie- Henares, dem Geburtsort von Miguel de
chen in der Familie, die Onkel, die Tanten, nen. Seinen ersten Lohn bekommt er als Cervantes. Sie sind frei, sagt der Gefäng-
senken sie respektvoll die Stimme. Hätte Laufbursche im Motorenhandel. Seine Mut- nisleiter, Sie haben zwei Stunden, um Ihre
Eugenio heute gelebt, Eugenio hätte, Eu- ter protestiert nicht, sie lässt ihm das Ge- Sachen zu packen.
genio würde. Weil der Vater fehlt, fühlt fängnistagebuch des Vaters zukommen, in Franco lässt in den Sechzigerjahren Ge-
sich Alexis für die Mutter verantwortlich. dem er liest: »Kuki kam zu uns wie ein Hoff- fangene frei, er will seinen internationalen
Er will die schönsten Buchstaben für sie nungsstrahl, er wurde geboren zwischen Ruf aufpolieren. Juana Doña erzählt ihrem
schreiben, rund, groß. Der argentinische
Komiker diktiert: Lie-be Se-ño-ra E-va Pe-
rón … Der Brief wird nicht lang, eine Seite
in Kinderschrift. Gut gemacht, Caballero,
sagt der Komiker. Eva Perón bleibt noch
einige Tage in Madrid und zieht weiter.
Der Komiker schwört, sie habe den Brief
gelesen. Aber Franco?

Während Alexis wartet und hofft, rückt


der Schulbeginn näher, in der Schule wird
er wieder lernen, wie Franco die Heimat
vor der »roten Gefahr« bewahrt hat. Nach
der letzten Stunde werden sie sich erheben
und »Cara al Sol« singen, die Hymne der
spanischen Faschisten: »Auf, ihr Truppen,

ANGEL GARCIA / DER SPIEGEL


zum Sieg! Auf dass in Spanien ein neuer
Tag anbricht!«
Und dann, was für ein neuer Tag:
Franco begnadigt Alexis’ Mutter. Sie bleibt
am Leben. Aber im Gefängnis. 30 Jahre
Haft, so das neue Urteil.
Kamst du dir dabei großzügig vor?, fragt Fotos der Eltern aus dem Bürgerkrieg: »Gibst du mir bitte einen Kuss?«
Mesón den Franco in seinem Kopf. Du hat-
test Angst, dass Perón dir seinen Weizen
nicht schickt. Oder hat Evita dich bezirzt? auserlesenen Arbeitern und Arbeiterinnen, Sohn später, wie sie aus dem Gefängnistor
Alexis Mesón ist Eva Perón bis heute umgeben von Gesprächen über Lenin und auf die Straße getreten sei: Der Taxifahrer
dankbar. Franco war er nie dankbar. Wofür Stalin.« Kuki, so nannte ihn sein Vater. habe ihre altmodische Kleidung gesehen
denn?, fragt er. Seine Mutter wechselt mehr- Von der Wand blickt ihn der Vater an, und gefragt, wo sie herkomme.
mals das Gefängnis, ihre Briefe werden zen- das ruhige, glatt rasierte Gesicht. In der Aus dem Knast.
siert, Alexis hebt sie gar nicht auf. Er sieht Schule blickt ihn von allen Wänden Franco Diebstahl? Mord?
seine Mutter, so erzählt er, durch Gitter und an. Alexis hasst seine öligen Augen. Er be- Ich bin Kommunistin, habe sie gesagt.
Glasscheiben: Was macht die Schule, Vater müht sich, die Porträts des Diktators zu Raus aus meinem Auto, habe der Fahrer
wollte, dass du Ingenieur wirst, was kriegst ignorieren, dieses mit den Jahren immer gesagt.
du hier zu essen, Mama, schlagen sie dich? runder werdende Gesicht, das Profil auf Als Alexis sie in den Arm nimmt, nach
Seine Mutter organisiert im Gefängnis Geldmünzen und Briefmarken, aber wenn 14 Jahren Trennung, zittert seine Mutter.
Hungerstreiks, erzählt den Mithäftlingen im Radio Francos hohe Stimme ertönt, Alexis ist 23 Jahre alt, hat starke Ober-
von der Weltrevolution. Als sie Ende der muss Alexis das Radio ausschalten, er arme, einen Schnurrbart, macht Karriere
Fünfzigerjahre erfährt, dass die Kommu- kann diese Marienkäferstimme, wie er sie in einer Getränkefabrik. Alexis’ Mutter
nistische Partei der Sowjetunion mit Stalin nennt, nicht ertragen. wirkt an keiner Weltrevolution mehr mit.
abrechnet, will sie es nicht wahrhaben; Pa- Einmal, erzählt Mesón weiter, da war Sie nennt sich weiterhin Kommunistin,
drecito Stalin nannten sie ihn doch, Väter- er 20, sei er seinem Feind persönlich be- verschreibt sich aber nun dem Feminismus,
chen Stalin. Sie bewahrt den Abschieds- gegnet: Im Mai 1958 nimmt Franco in Bar- schreibt für eine feministische Zeitschrift.
brief ihres Mannes auf, darin heißt es: celona eine Parade ab, Alexis absolviert Jede Ideologie ist für ihre Anhänger
»Räche mich auf die einzig mögliche Art: dort seinen Militärdienst und soll am Steu- eine Zumutung: Einerseits fordern Ideolo-
indem du zum gewaltsamen Sturz des Ka- er eines Truppentransporters die Avenida gien hundertprozentige Loyalität, anderer-
pitalismus als Wirtschaftssystem beiträgst.« del Generalisimo, heute Avinguda Diago- seits müssen die Führer lavieren, sich dem

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Gesellschaft

Sterben Francos. Der Diktator ist 82 Jahre


alt, es heißt, er leide lediglich an einer Phle-
bitis, einer Venenentzündung. Aber, er-
zählt Mesón, bei jeder Meldung zu dieser
rätselhaften Phlebitis, die den Caudillo an-
geblich daran hinderte, sich in der Öffent-
lichkeit zu zeigen, da habe er die Freude
eines Fußballfans verspürt, dessen Mann-
schaft ein weiteres Tor geschossen hat.
Am 20. November, nach drei Infarkten,
zwei OPs und einer wochenlangen Agonie
auf der Intensivstation, stirbt Franco. Pre-
mier Carlos Arias Navarro kämpft mit
den Tränen, als er im Fernsehen verkün-

ANGEL GRACIA / DER SPIEGEL


det: »Spanier, Franco ist tot.« Die Häft-
linge vor dem Fernseher fallen sich in die
Arme. Der Gefängnisdirektor lässt Sekt
bringen. »Uns bleibt sein Werk, sein Vor-
bild«, schluchzt Navarro im Fernsehen.
Bald sieht es in diesem Land ganz anders
Kommunist Mesón in seiner Wohnung: »Das Gefühl, etwas Wichtiges zu tun« aus, sagt der Gefängnisdirektor. 13 Tage
später kommt Alexis Mesón frei.
Seither sind mehr als 40 Jahre vergangen.
Zeitgeist anpassen. Alexis’ Mutter verfasst len, sagt er Nein. Sie töten trotzdem. Als Mesón ist ein glücklicher Großvater, sei-
nach dem Gefängnis autobiografische Ro- dann auch noch die baskischen Separatis- ne Kinder wählen links, aber sie wollen
mane, einen widmet sie Alexis: »Meinem ten den Ministerpräsidenten Luis Carrero nicht den Kapitalismus zum Einsturz brin-
Sohn, für alles, was ich ihm nicht gegeben Blanco zu Tode bomben, zieht Franco die gen. Seine Mutter starb 2003. Kurz vor ih-
habe, für sein großes Verständnis.« Schrauben im Land wieder an. rem Tod sagte sie in einem Interview mit
Mama, vergiss nicht, habe er ihr damals Mesón wird auf der Straße verhaftet, »El mundo«: »Die Welt wird sich nicht von
gesagt: Du hast mich nicht verlassen, er Polizisten in Zivil halten bocadillos in den heute auf morgen verändern, aber ich wer-
hat dich mir genommen. Armbeugen, Sandwiches, so nennt man in de mit dem Gedanken sterben, dass sie
Mesón wird Direktor einer Getränke- Zeitungspapier gewickelte Pistolen. Me- sich irgendwann verändert. Anders zu den-
fabrik, Chef von 250 Angestellten, er ver- són versucht nicht wegzulaufen. Er hat erst ken hieße, dass mein ganzes Leben ein
folgt die Börsenkurse, weiß einen guten mal genug gekämpft. Scherbenhaufen ist.«
Rioja zu schätzen, aber Franco lässt ihn Jahre später wird er in einem autobio-
nicht in Ruhe, Francos andauernder, täg- grafischen Aufsatz eine Bilanz seines Dop- In der Straße, in der Alexis Mesón wohnt,
licher Triumph über seine Eltern – ist es pellebens ziehen: »Kameradschaft, Freu- hängen von Balkonen katalanische Fah-
am Ende nicht auch ein Triumph über ihn, de, Lachen, Spaß, geteilte Ängste, das Ge- nen, viele hier wollen ein unabhängiges
das Arbeiterkind aus Lavapiés? fühl, etwas Wichtiges zu tun (mag sein, Katalonien, »Freiheit für politische Häft-
Würde Alexis Franco verzeihen, könnte dass die Realität eine andere war).« linge« ist ein verbreitetes Plakat. Viele ka-
ihm das vielleicht Seelenfrieden bringen, Seine Mutter besucht ihn im Gefängnis. talanische Politiker sitzen derzeit in Haft.
aber er kann nicht. Der Fabrikdirektor be- Sein ältester Sohn besucht ihn. Er ist neun, Mesón stimmte beim Referendum 2017 ge-
ginnt ein Doppelleben zu führen: Tags- so alt wie Alexis damals, als er den Brief gen die Unabhängigkeit, er ist für ein ver-
über sitzt er im Chefsessel, abends geht er an Eva Perón schrieb. Der Junge reißt sich eintes, starkes Spanien. Die Leute in Haft,
in konspirative Wohnungen, verteilt Flug- zusammen, um nicht zu weinen. sagt er, seien keine politischen Häftlinge,
blätter vor Fabriken, vor anderen natür- Du hast gewonnen, habe er dem Franco sondern inhaftierte Politiker.
lich, nicht vor der eigenen. Zwischendurch in seinem Kopf gesagt, so Mesón. Er be- In seiner Wohnung hängen zwei Porträts
wird er Vater von drei Kindern. Auch kommt vier Jahre Haft, Zelle 309 im be- von Marilyn Monroe. Freunde haben ihm
Francos Regime erfindet sich in der Zeit rüchtigten Foltergefängnis Modelo in Bar- zum Geburtstag ein Porträt Lenins ge-
neu, in Spanien beginnt eine Phase, die celona. Während er dort einsitzt, werden schenkt. Sie haben es signiert, ein Spaß,
Historiker el segundo franquismo nennen drei seiner ehemaligen Mitstreiter erschos- mit Lenins Handschrift: »Für meinen gro-
werden, der zweite Franquismus. sen, sie haben Anschläge auf Polizisten ßen Freund und Kameraden Alexis. Lenin.«
verübt. Im Erdgeschoss wird an einem »Da ist er«, Alexis zeigt aufgeräumt auf
Einmal wird Mesón beim Aufhängen ei- Morgen im März 1974 der Anarchist Sal- das Porträt, »mein Freund Wladimir Iljak
nes Demoaufrufs erschreckt: Er will auf vador Puig i Antich mit dem antiken Hen- Lenin!« Er sagt »Iljak« statt »Iljitsch«. Er
einen Laternenpfosten klettern, unten war- kersinstrument Garrotte hingerichtet, ei- wisse nicht mehr viel über Lenin, gibt er
ten Kameraden, ein Auto rast auf sie zu, ner Würgschraube. Mesón versucht sich zu, er habe vieles vergessen.
Fernlicht, sie springen in den Straßengra- mit Lektüre abzulenken, Marketing, Welt- Was er weiß: Er bleibe Kommunist. »Ich
ben. Zur Ablenkung streckt eine Kamera- geschichte, eine Gramsci-Biografie. Mehr- liebe meine Eltern«, sagt er. »Ich liebe sie
din dem Auto ihr nacktes Gesäß entgegen, mals wird er verlegt, im Herbst 1975 landet von Tag zu Tag mehr.«
als verrichte sie ihre Notdurft. er in Palencia, Nordspanien. Die Haftbe-
Franco öffnet die Grenzen, sodass Ale- dingungen sind milder geworden, einige
xis Mesón regelmäßig in die Schweiz flie- Insassen dürfen sogar tagsüber außerhalb Video
Timofey Neshitov über
gen kann, wo er sich mit spanischen Exil- des Gefängnisses arbeiten; im Gemein- seine Recherchen
kommunisten trifft. Als einige seiner Ka- schaftsraum steht ein Fernseher. Vor die- spiegel.de/sp062019buergerkrieg
meraden sich nach 1968 radikalisieren, als sem Fernseher verfolgt Mesón, gebannt oder in der App DER SPIEGEL
sie davon reden, Polizisten töten zu wol- und mit wachsender Freude, das langsame

56 DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019


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Rechnen mit
unter solchen Umständen die stochastische Unabhängigkeit
von Ereignissen zu prüfen. Umso mehr verblüffte uns, dass
beide gern zu HGB gehen. Sie duschen, wenn sie wieder zu
Hause sind, aber sie freuen sich ehrlich auf die nächste

»007« Mathestunde.
HGB, sagen sie, könne erklären. Bei ihm verstünden sie
in einer Stunde, was ihnen in einer Woche Schule unver-
ständlich bleibe. Er werde niemals laut, sagen die Jungs, sei
Homestory Wie einem Rentner gelingt, woran nie ungeduldig, er kenne die Tricks, mit denen man heil durch
die Schule komme. Er scheint viel zu wissen, über Mathe,
Heerscharen von Lehrern scheitern über Geschichte, über das Leben; er nimmt die Schule so
ernst wie nötig, aber eben nicht ernster. Einmal, heißt es,
habe ein Schüler ihn angerufen, als er im Nebenraum eine

V or Kurzem entdeckte ich, zum ersten Mal in meinem


Leben, so etwas wie eine mathematische Gesetz-
mäßigkeit. Meine beiden ältesten Söhne brachten mich
darauf, vermutlich gilt es für fast alle Schüler: Je eingehender
Klausur nachschreiben musste; HGB habe ihm die Lösung
diktiert. Seine Schüler behandelt er offenbar wie Gleich-
gesinnte. Nicht wie Idioten.
18,7 Prozent der Gymnasiasten in Deutschland nehmen
ein Lehrer ihnen das Fach Mathematik erklärt, desto dunkler, Nachhilfe, das ist jeder fünfte, das habe ich bei der Beschäf-
unerfreulicher, unverständlicher wird es – bedauerlich, aber tigung mit HGB in Erfahrung gebracht. Mathematik ist das
leider nicht zu ändern. Fach mit der größten Nachfrage. Das mag am Stoff liegen,
Sie sind 17 Jahre alt, Zwillinge, im Frühjahr werden sie an den Lehrmethoden. Möglicherweise liegt es auch an den
ihr Abitur machen. Ihre Noten in Mathematik, das lässt Lehrern. An jeder Schule gibt es ja Lehrer, für die das Unter-
sich sagen, sind nicht so gut, wie sie sein könnten. Einer der richten eine Zumutung zu sein scheint. Die ungeduldig
beiden gehörte anfangs zu den Besseren in seinem Mathe- sind; die sich durch Fragen belästigt fühlen; die die Augen
kurs. Für seine letzte Arbeit bekam er drei Punkte, das ent- verdrehen, wenn ein Schüler etwas nicht gleich versteht. Alles
spricht einer Fünf plus. ist ihnen gleich anstrengend, gleich unerträglich; immer sind
Womit sie sich in Mathe be- die Schüler schuld. Und wenn vie-
schäftigen, wollte ich wissen. le Schüler Nachhilfe benötigen,
»Hypothesentests«, murmelte heißt es gern: Das ist halt leider
er. ein leistungsschwacher Kurs. In
Ich blickte ihn fragend an. den Worten eines Mathelehrers:
»Und analytische Geometrie«, »Ich kann aus einem Trabi keinen
sagte er. »Aufleiten, ableiten, Ferrari machen.«
e-Funktionen.« Vielleicht lieben die Schüler
Ich selbst war nur deshalb auf HGB, weil er sie nimmt, wie sie
eine schwache Zwei in Mathema- sind. Weil er Kinder mag. Weil er
tik gekommen, weil ich die Lö- Menschen mag. Weil er liebt, was
sungen in der Klausur von mei- er erklärt. Weil er ihnen eine Idee
nem Nachbarn abgeschrieben hat- davon gibt, was Schule, was Ler-
te. Was genau sie da machten, nen sein könnte. Erich Kästner
wollte ich wissen. Wir wussten fiel mir ein. Im »Fliegenden Klas-
beide, dass ich mit der Antwort senzimmer« gibt es einen Ein-
nichts würde anfangen können. siedler, der gleich neben dem
»Die ganze Bandbreite«, sagte Internat in einem ausrangierten
er freundlich. »Formeln. Die Eisenbahnwaggon lebt. Die Schü-
muss man dann rechnen.« ler gehen zu ihm, wenn sie Kum-
Vor sechs Wochen entschieden sich die beiden, Nachhilfe mer haben, wenn sie mit der Schule nicht klarkommen oder
in Mathe zu nehmen. Ihr Nachhilfelehrer wohnt im Stadtteil mit ihren Lehrern. Sie sind sehr oft bei ihm. Auch dieser
nebenan, ein Mitschüler hatte ihnen den Tipp gegeben. Der Mann raucht ausgesprochen gern, sie nennen ihn den »Nicht-
Mann gilt als Fachmann für schwierige Fälle. Die Schüler rei- raucher«. Er ist den Schülern zugewandt, er hört ihnen zu,
chen seinen Namen weiter wie eine Geheimformel. Wenn bevor er eine Antwort gibt. Sie vertrauen ihm, weil er ihnen
sie unter sich sind, nennen sie ihn HGB. Offenbar eine In- vertraut.
siderbezeichnung, etwa so, wie James Bond von Kollegen Mittlerweile suchen sieben Schüler aus dem Mathekurs
»007« genannt wird. meiner Söhne Hilfe bei HGB. Auch ein Junge aus ihrer Fuß-
Einmal in der Woche machen sich die beiden auf den Weg ballmannschaft ist dazugestoßen, sie haben ihm die Geheim-
zu HGB. Sie sitzen sich an einem Tisch gegenüber, ein alter formel weitergereicht. Der Junge hatte sich innerlich längst
Mann und zwei Zwölftklässler, die Jungs haben ihre Haus- von der Schule verabschiedet, in Mathe brachte er zum
aufgaben dabei oder die Anforderungen für die nächste Klau- Schluss null Punkte nach Hause. Er gehe nur noch zur Schule,
sur, der Nachhilfelehrer redet, sie hören zu. sagte er, um seine Freunde zu treffen.
Was sie über ihn zu berichten wissen? Wenig. Er sei Anfang HGB finde er großartig, sagte der Junge nach der ersten
siebzig, heißt es, möglicherweise hat er eine Familie, Kinder. Stunde. Bei ihm mache sogar Mathe wieder Spaß. Die nächs-
In seiner Wohnung stehen Bücher über Sporttheorie, Trainings- te Nachhilfestunde legte er freiwillig auf einen Sonntag.
lehre, Ornithologie. Was als gesichert gilt: HGB raucht, gern Und meine Jungs? Kürzlich schrieben sie eine Mathe-
und mit großer Leidenschaft, auch während des Unterrichts. klausur. Am Morgen verließen sie das Haus mit federnden
Meine Jungs sind sportbegeistert und geruchsempfindlich, Schritten und geradem Rücken, zum ersten Mal seit Jahren.
sie meckern schon, wenn jemand in der Nachbarschaft unter Sie haben sich verbessert, um sechs Punkte. Kein schlechter
freiem Himmel eine Zigarre pafft. Es ist nicht ganz einfach, Ertrag für sechs Wochen Arbeit. Hauke Goos

Illustration: Thilo Rothacker für den SPIEGEL 57


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Wirtschaft
Es ist die schiere Not, die der Disruption vorangeht. ‣ S. 68

RAINER KEUENHOF / IMAGO


Braunkohletagebau Hambach

Energiewende

Scholz knausert bei der Kohle


Der Ausstieg aus dem Kohlestrom soll über Einsparungen und Umschichtungen im Etat finanziert werden.
 Finanzminister Olaf Scholz (SPD) will den Ausstieg aus nen umleitet. Es handle sich also nicht um zusätzliches Geld,
der Kohleverstromung ohne neue Schulden und ohne höhere heißt es im Bundesfinanzministerium. Auch die Entschädi-
Steuern bewältigen. Die Kosten des Kohlekompromisses für gungen für Stromunternehmen, die vorzeitig Kohlekraftwer-
den Bundeshaushalt von rund 80 Milliarden Euro bis 2038 ke vom Netz nehmen müssen, sollen geringer ausfallen als
will er aus den vorhandenen Etatposten aufbringen. Weil die veranschlagten jährlich knapp zwei Milliarden Euro von
künftig nicht mehr mit unerwarteten Steuermehreinnahmen 2023 an. Scholz’ Beamte bezweifeln, dass für ältere Meiler
zu rechnen ist, läuft der Ansatz darauf hinaus, dass im Bun- mit kurzer Restlaufzeit überhaupt Ausgleichszahlungen
deshaushalt eingespart und umgeschichtet werden muss. So anfallen. Sie weisen zudem darauf hin, dass der Ausstieg aus
sollen die vorgeschlagenen Strukturhilfen von zwei Milliar- der Kohle preiswerter ausfallen könne, wenn nicht alle Vor-
den Euro im Jahr aus bereits vorhandenen Mitteln mobili- schläge der Kohlekommission vollständig umgesetzt würden.
siert werden, die der Bund in die betroffenen Bergbauregio- Schließlich handle es sich dabei nur um Empfehlungen. REI

Deutsche Bahn zusätzlichen Gelder, die der Deutschen Der FDP-Mann reagiert damit auf die
FDP fordert Bahn in der kommenden Zeit vom Staat bislang drei Treffen des Bahn-Vorstands
für Infrastruktur, Züge und Personal über- unter Richard Lutz bei Bundesverkehrs-
Zwangsverwaltung wiesen werden, damit die Zuverlässigkeit minister Andreas Scheuer (CSU) in den
erhöht wird. »Ausgaben sollten dann nur vergangenen zwei Wochen. Dabei habe
 Wegen hoher Schulden und Milliarden- noch nach Gegenzeichnung durch einen die Bahn-Führung »kein substanzielles
löcher im Budget will die FDP die Bahn Sonderbeauftragten der Bundesregierung, Zukunftskonzept in Bezug auf den Finanz-
unter eine »Sonder-Finanzverwaltung« einen Oppositionspolitiker aus dem bedarf« vorlegen können. Alle Gelder,
stellen. Das fordert der liberale Verkehrs- Haushaltsausschuss des Bundestags und mit denen die Liquidität der Bahn auf-
experte Christian Jung. Der Vorstoß des einen leitenden Beamten des Bundesrech- rechterhalten würde, dürfe der Vorstand
FDP-Abgeordneten bezieht sich auf jene nungshofs möglich sein«, schlägt Jung vor. deshalb nicht allein ausgeben. GT

58 DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019


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Verbraucher termin tropfte Kondenswas- gen, dass die Behörden


Schimmel in ser von der Dunstabzugs- solche Kontrollergebnisse
haube »intervallmäßig« in ei- offenlegen«, sagt Oliver
Ministeriumskantine nen Kessel mit köchelndem Huizinga von Foodwatch.
Gemüsefond. Pikant sind »Auch die Mitarbeiter ihres
 In den Kantinen des Arbeits- und des auch Mängel in der Kantine Hauses haben ein Recht
Landwirtschaftsministeriums sind be- des Landwirtschaftsministe- zu erfahren, wie es um die
trächtliche Hygienemängel festgestellt riums, wo die Kontrolleure Sauberkeit in der Küche

DANIEL HOFER / LAIF


worden. Lebensmittelinspekteure, die verdreckte Einlegeroste im bestellt ist.« Die Verbrau-
die beiden Großküchen am Bonner Dienst- Kühlschrank, fehlende Be- cherschutzorganisation
sitz der Bundesministerien Anfang 2017 lege für Personalschulungen war über eine Auskunfts-
und 2018 untersuchten, notierten mehrere und nicht abgedeckte Le- anfrage an die Berichte
Verstöße gegen die EU-Verordnung zur bensmittel im Kühlhaus kri- Klöckner gekommen. Sie setzt sich
Lebensmittelhygiene. Demnach fielen in tisierten. Ministerin Julia für Transparenzpflichten
der Kantine des Arbeitsministeriums nicht Klöckner (CDU), zuständig für gesund- auch bei Imbissen und Restaurants ein.
nur Verschmutzungen im Gemüsekühl- heitlichen Verbraucherschutz, hält diesen Sprecher beider Ministerien sagten, die
haus auf, sondern auch Schwarzschimmel für ein »Schlüsselthema« der Politik. »Frau Betreiber der Kantinen hätten die Mängel
am Handwaschbecken. Bei einem Prüf- Klöckner sollte zuallererst mal dafür sor- inzwischen abgestellt. NKL

allein vergangenes Jahr seien mehr als Währungsunion


Telemedizin eine Million Patienten betreut worden,
auch aus Deutschland. Aus rechtlichen
Rettungsschirm-Chef
Sprechstunde im Internet Gründen saßen die Ärzte jedoch in schlägt Eurobonds vor
 Die Online-Arztpraxis Zava will in Großbritannien. Bisher muss die Be-
Deutschland expandieren. Bisher agier- handlung selbst bezahlt werden.  Der Chef des europäischen Ret-
te die Praxis von London aus, weil Sie wird für rund 30 Indikationen an- tungsschirms ESM, Klaus Regling, for-
es hierzulande Ärzten nicht erlaubt geboten. Meinertz geht davon aus, dert die Einführung von Eurobonds,
war, ausschließlich aus der Ferne zu dass durch die Gründung eines deut- um die internationale Rolle des Euro
behandeln. Die Firma will einen Stand- schen Standorts Patienten mittelfristig zu stärken. Damit die europäische
ort in Schleswig-Holstein eröffnen, ihre Konsultation auch als Kassenleis- Gemeinschaftswährung im globalen
von dem aus Patienten über das Internet tung bezahlt bekommen könnten. Devisenhandel mit dem Dollar konkur-
beraten und behandelt werden – weitere »In fünf Jahren wird rund ein Drittel rieren könne, brauche es risikofreie
Ableger sollen dazukommen. Zava, aller Arztbesuche digital stattfinden«, Anlagemöglichkeiten in Form von
bisher unter dem Namen DrEd bekannt, sagt Meinertz. Ein Großteil der deut- Gemeinschaftsanleihen, die von allen
wurde 2011 vom Hamburger Juristen schen Landesärztekammern hatte Mitgliedsländern zusammen verbürgt
David Meinertz gegründet. Nach eige- im vergangenen Jahr beschlossen, auch werden, erklärte er Anfang vergange-
ner Aussage handelt es sich um die ärztliche Behandlung ausschließlich ner Woche beim Treffen der Finanz-
größte Online-Arztpraxis in Europa – aus der Ferne zuzulassen. MUM minister aus der Eurozone in Brüssel.
Mit dem Vorschlag flammt eine Dis-
kussion erneut auf, die vor allem in
Deutschland hitzig geführt wird. Die
Greser & Lenz Bundesregierung lehnt Eurobonds bis-
lang ab, weil sie fürchtet, beispielswei-
se für die Schulden Italiens gerade-
stehen zu müssen. Nach Einschätzung
Reglings erreicht der europäische
Anleihemarkt aber nur mit Eurobonds
die Tiefe und Liquidität, wie sie der
Markt für US-Staatspapiere vorweist.
Weil aber noch nicht alle Mitglieds-
länder der Währungsunion gleicher-
maßen solide in ihrem Staatshaushalt
wirtschafteten, müsse zunächst das
Vertrauen in deren Etatpolitik gestärkt
werden, meint Regling und kommt
damit Bedenken in Deutschland ent-
gegen. Er veranschlagt einen Zeitraum
von ein bis zwei Jahrzehnten, bis es
zur ersten Emission von Eurobonds
kommen kann. Als weitere Maßnah-
men, den Euro für internationale An-
leger attraktiver zu machen, empfiehlt
der ESM-Chef die Vollendung der
Bankenunion und des europäischen
Kapitalmarkts. REI

59
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Wirtschaft

Mehr Staat wagen


Wettbewerb Amerikanische und chinesische Konzerne hängen Europas Wirtschaft in
wichtigen Zukunftsfeldern ab. Die Politik will den Unternehmen helfen und
nach dem Vorbild von Airbus europäische Champions ermöglichen. Kann das gelingen?

W
irtschaft ist bisweilen härter Kanzlerin Angela Merkel und Frank- derweil mit chirurgischer Präzision seine
als Sport. Etwa im Wett- reichs Präsident Emmanuel Macron nah- »Made in China 2025«-Agenda ab. Zehn
bewerb um künstliche Intelli- men EU-Kommissionspräsident Jean- Schlüsselindustrien hat das Regime ausge-
genz (KI). Da zählt nur, wer Claude Juncker zwar vorvergangene Wo- macht; auch durch Zukäufe westlicher Fir-
Erster wird. Vielleicht noch, wer Platz che ins Gebet, als sich die drei bei der men und Know-how-Transfer will China
zwei belegt. Aber die Bronzemedaille, so Unterzeichnung des neuen deutsch-fran- an die Weltspitze.
sagte es Kai-Fu Lee, KI-Koryphäe und In- zösischen Freundschaftsvertrags trafen. Was sich in autokratisch oder streng prä-
vestor aus China, jüngst auf der Techkon- Aber selbst das prächtige Ambiente des sidial geführten Ländern wie China und
ferenz DLD in München, »ist irrelevant«. Aachener Rathauses verfehlte offenbar sei- den USA regeln lässt, wird im kakofonen
Das Problem für Europa ist: Nach den ne Wirkung. Inzwischen gehen alle Betei- Europa zur Herkulesaufgabe.
USA und nach China – immer öfter auch ligten davon aus, dass die Fusion platzt. Es geht ja längst nicht bloß um Züge.
nach China und den USA – bleibt oft nur Es wäre, nach Ansicht vieler in Politik Es geht um die Frage, ob der Staat wieder
noch Bronze übrig. Nicht nur in der KI. und Wirtschaft, ein gewaltiger Rückschlag aktive Industriepolitik betreiben muss,
Europa, da sind sich eigentlich alle einig, für Europa im Kampf gegen die Konkur- um Schlüsselindustrien zu schützen und
die etwas zu sagen haben in Berlin, Brüs- renz in West und Ost. Denn immer unver- um im Verteilungskampf mit Amerika-
sel, Paris, muss öfter aufs Siegertreppchen, hohlener treibt die US-Regierung ihre nern und Chinesen nicht endgültig ins
muss endlich auch einen großen innova- »Make America great again«-Wirtschafts- Hintertreffen zu geraten. Der Widerstand
tiven Markt anführen, wieder in der Welt- politik voran, offene Sanktionsdrohungen gegen Protektionismus sinkt, auch weil
spitze mitspielen. Mit Unternehmen, die gegen europäische Unternehmen gehören die marktliberalen Briten aus der EU aus-
wahrnehmbare Gewinner sind – und nicht zum Standardrepertoire. Peking arbeitet scheiden.
bloß »hidden champion«. Doch In Deutschland dringt Finanz-
wie soll das gelingen? Mit der puren minister Olaf Scholz (SPD) darauf,
Hoffnung, dass es der Wettbewerb dass Commerzbank und Deutsche
schon richten werde – oder mit Bank fusionieren, um halbwegs
aktiver Industriepolitik? Mit staat- konkurrenzfähig zu bleiben. Wirt-
licher Intervention, die darauf zielt, schaftsminister Peter Altmaier
möglichst viele europäische Riesen (CDU) will das Land bei KI an die
zu bauen? Weltspitze hieven. Die Debatte um
Der Streit darüber entbrennt den chinesischen Netzwerkkon-
gerade an der geplanten Fusion zern Huawei, den größten An-
der Zugsparte von Siemens aus bieter von 5G-Mobilfunknetzen,
Deutschland mit Alstom aus Frank- zeigt, wie schwer man aus techno-
reich. Gemeinsam sollen sie dem logischen Abhängigkeiten wieder
chinesischen Rivalen CRRC auf herauskommt.
dem Weltmarkt Paroli bieten. Für Die Stimmung ähnelt der in den
deutsche und französische Politiker Siebzigerjahren, als Europas Flug-
wäre das so ein Fall, an dem sie be- zeugbauer begannen, unter dem
weisen könnten, dass die Europäer Dach des Airbus-Konsortiums zu
trotz aller politischen Differenzen kooperieren. Airbus war industrie-
in der Lage sind, ökonomisch ihre politisch das prominenteste euro-
Kräfte zu bündeln. päische Großprojekt – und muss
Ihr Problem: Die Europäische neuerdings ständig als Vorbild her-
Kommission in Brüssel muss den halten. Dabei war es vor allem im-
Deal genehmigen. Und die zu- mens teuer. Nicht zuletzt wegen
ständige Wettbewerbskommissarin Airbus galt es jahrzehntelang, vor
Margrethe Vestager wird den Deal allem in Deutschland, als die bes-
FRANKHOERMANN / SVEN SIMON

wohl ablehnen. Zu marktbeherr- sere Strategie, das Herausbilden


schend und preismächtig wäre das von Marktführern lieber dem
neue Unternehmen, das dreimal Markt zu überlassen. Doch dieses
größer wäre als der nächstgroße Dogma ist längst unterspült.
Zugbauer in der EU, fürchtet Ves- Selbst Spitzenmanager fordern
tager. Allein in der lukrativen Sig- wieder mehr Engagement des Staa-
nal- und Steuerungstechnik ent- tes. »Wenn die EU nicht gemein-
stünde ein Monopolist mit mehr als Siemens-Chef Kaeser, Minister Altmaier sam strategisch vorgeht, wird
90 Prozent Marktanteil in Europa. »Nationale Industriestrategie 2030« Europa abgehängt«, fasste Deut-

60 DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019


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SIEMENS AG

ICE 4 im Klimawindkanal von Siemens: Alle Beteiligten gehen davon aus, dass der Deal platzt

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Wirtschaft

sche-Bank-Chef Christian Sewing die Stim- Dogmatiker, weshalb er auch sagt, wenn felder besetzten. China schafft es durch di-
mung auf dem Weltwirtschaftsforum in man eingreife, dann nur dort, wo der Ab- rigistische Vorgaben. Hierzulande dagegen
Davos zusammen. »Wir brauchen eine eu- stand zur Weltspitze zu groß geworden sei. sind staatliche Innovationsprojekte meist
ropäische Industriepolitik.« Im Handels- Ihn treibt vor allem der Megatrend KI an. Rohrkrepierer. Von der elektronischen Ge-
konflikt zwischen Amerika und China Er wolle »die Automobilindustrie dabei sundheitskarte über De-Mail und die sta-
gehe es um die technologische Vorherr- unterstützen, dass das erste Fahrzeug, das gnierende Digitalisierung der Verwaltung
schaft, der Kampf werde die Amtszeit vollautonom zu fahren imstande ist, in gibt es kein größeres staatliches IT-Projekt,
Donald Trumps überdauern. Deutschland gebaut wird«. das nicht im Desaster endete. Selbst wenn
Auch Siemens-Chef Joe Kaeser, der die Auch der Wirtschaftsminister hatte sei- Ministeriale und ihre Berater (SPIEGEL
ablehnende Haltung der Kommission via nen Auftritt bei der Techkonferenz DLD, 5/2018) Kompetenz aufbringen, bleibt vie-
Twitter anprangerte, fordert eine gemein- auf der KI-Spezialist Lee von der Irrele- les an Bürokratiehürden oder Einsprüchen
same Außenwirtschaftspolitik und neue vanz der Bronzemedaille sprach. Altmaier der Wettbewerbshüter hängen.
Fusionsregeln in der EU. »Mit dem 30 Jah- hielt wacker dagegen und pries Deutsch- Nun versuchen die Deutschen, die Erfol-
re alten Wettbewerbsrecht können wir die lands Bemühungen, KI-»Frontrunner« ge anderer zu kopieren. Etwa staatliche In-
Zukunft nicht gestalten.« und Hotspot für digitale Gründer und In- novationsagenturen in Übersee, allen voran
Die Europäer fürchten, dass der Konti- vestoren zu werden. Schon länger träumt in den USA. Die dem Pentagon zugeord-
nent bald nur noch Statist ist. »Unsere Chan- Altmaier auch von gemeinsamen europäi- nete Darpa – 1958 aus der Angst vor den
ce liegt in der Industrie 4.0, bei der Anwen- schen Vorstößen, etwa einem »Airbus für Sowjets entwickelt, die gerade ihr »Sput-
dung künstlicher Intelligenz und anderer KI«. Derzeit sondiert er dafür die Chancen nik«-Weltraumprogramm gezündet hatten
neuer Technologien in der Industrie«, sagt in den Vorstandsetagen deutscher Konzer- – hat einst mit dem »Arpanet« den Inter-
der Aufsichtsratschef eines Dax-Konzerns. ne und versucht, Mitstreiter zu gewinnen. netvorläufer auf den Weg gebracht. Sie eb-
Deutschland habe hier einen Vorsprung, Die Frage ist, ob die Vertreter einer in- nete auch den Weg für bahnbrechende Tech-
doch China hole auf. Sein Fazit: »Solange vasiven Industriepolitik einen Denkfehler nologien wie GPS oder Cloud Computing.
es für deutsche Firmen in China nicht glei- machen. Passt ihr Vorhaben zu Europa? Die Bundesregierung gründet nun selbst
che Wettbewerbsbedingungen gibt wie für Die US-Techkonzerne wuchsen zu Gi- zwei Agenturen, eine zivile »Agentur zur
chinesische Unternehmen in Deutschland, ganten, weil sie unregulierte Geschäfts- Förderung von Sprunginnovationen«
müssen wir unsere Industrie schützen.« (SPIEGEL 30/2018) und ein »Cyber Inno-
Die Angst schweißt alte Feinde zusam- vation Hub« bei der Bundeswehr. Doch
men. Unternehmer und Gewerkschaften Zusammen gegen China? der Prozess stockt. So sollte die zivile
etwa. Als jetzt der Bundesverband der Die weltweit größten Hersteller Agentur im Januar ihre Arbeit aufnehmen,
Deutschen Industrie (BDI) ein Grundsatz- von Bahntechnik, Umsatz in Mrd. € der Haushaltsausschuss bewilligte bereits
papier mit 54 Forderungen an Bundes- 116 Millionen Euro bis 2022. Doch das For-
*Siemens Mobility
regierung und EU-Kommission vorlegte, schungsministerium arbeitet immer noch
sekundierte die IG Metall. »Wir müssen am Konzept, wie Ressortchefin Anja Kar-
den Unternehmen industriepolitischen liczek (CDU) auf Nachfrage der Grünen-
Flankenschutz bieten«, sagt Gewerk- Abgeordneten Anna Christmann im Bun-
schaftsvorstand und Siemens-Aufsichtsrat
Jürgen Kerner. Vieles in dem BDI-Papier
26,8 destag einräumen musste. »Ich zweifle,
dass die Agentur 2019 startet und sich In-
liest sich wie eine Blaupause für den Sie- novation mit einer derart engen Anbin-
mens-Alstom-Deal. Etwa die Forderung dung an ministerielle Bürokratien organi-
nach einer »ehrgeizigen Industriepolitik sieren lässt«, sagt die Grünen-Obfrau in
für den Standort Europa und seine Unter-
nehmen«. Die EU-Wettbewerbshüter, heißt 8,8* der KI-Enquetekommission. Auch der Bun-
desrechnungshof sieht das Vorhaben kri-
es unter anderem, sollten ruhig das »vom tisch. Deutschland verfüge bereits über ein
Markt getriebene Bilden europäischer breites Innovationsfördersystem. Zwischen
Champions« zulassen. den Agenturen gebe es Überschneidungen.

8,0
Doch sobald man die Ebene der großen Ist in diesem Sperrfeuer von Wettbe-
Verlautbarungen verlässt, auf der sich bei- werbspolitik und Rechnungshöfen wirkungs-
nahe alle einig zu sein scheinen, wird es volle Industriepolitik überhaupt möglich?
kompliziert. Denn was heißt »europäische Finanzminister Olaf Scholz (SPD)
Champions« eigentlich genau? Welche glaubt fest daran. Als Hamburger Bürger-
Sektoren sind so wichtig, dass der Staat meister hat er die Erfahrung gemacht, dass
Unternehmen helfen sollte, durch An- die Politik durchaus eingreifen kann. Auf
schubinvestitionen, Deregulierung oder Bundesebene sind die Dinge freilich kom-
den Schutz vor ausländischen Aufkäufern? plizierter. Dort sei zu viel industriepoliti-
Für Deutschland muss diese Fragen West- sche Kompetenz verloren gegangen. Zu
Peter Altmaier beantworten. Der Wirt- europa lange habe man zugeschaut, wie andere
schaftsminister schreibt gerade an der »Na- 46 Asien 56 die Märkte unter sich aufteilen, auch mit
tionalen Industriestrategie 2030«, um gro- Weltmarkt Schützenhilfe ihrer jeweiligen Regierun-
ße und mittelgroße deutsche Unterneh- für Bahntechnik gen. »Wir brauchen eine Renaissance der
men vor zu viel Wettbewerb zu schützen, Marktvolumen Industriepolitik«, sagt Scholz. Industrie
und will dennoch so etwas wie der Nach- nach Regionen, und Politik müssten »auf Augenhöhe« in
folger von Ludwig Erhard werden. Phy- Nordamerika in Mrd. € engem Austausch stehen. Dazu müsse
29 Sonstige
sisch kommt er seinem Idol bereits nahe, Ost- 17 auch auf politischer Seite das nötige Wis-
auch dessen kecke Sprüche hat er drauf. GUS- sen über technologische Entwicklungen
europa
Staaten
»Der Staat ist kein guter Unternehmer«, 11 und Erfordernisse vorhanden sein. »An-
Quelle: 24
sagt er gern und oft. Aber Altmaier ist kein SCI Verkehr ders kann sie nicht unabhängig Vorstellun-

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gen davon entwickeln, wie die Rah- USA. Diese Hürden gelte es abzu-
menbedingungen aussehen müs- bauen und Regeln zu harmonisie-
sen, damit private Firmen die nöti- ren, um europäische Konzerne
gen großen Investitionen tätigen. wettbewerbsfähiger zu machen.
Genauso wie wir Straßen bauen Auch in der Kommission glauben
und Stromleitungen planen, ist dies viele, dass Innovationsmangel, starre
unser Geschäft.« Arbeitsmarktregeln und risiko-
Scholz’ Vorbild ist nicht Ludwig scheue Kapitalmärkte viel größere
Erhard, er gleicht eher Gerhard Wachstumshemmnisse darstellen als
Schröder, auch wenn er das so nicht das Wettbewerbsrecht. Dass Kom-
sagen würde. Schröder stärkte den missarin Vestager durchaus flexibel
Industriestandort Deutschland so, ist in ihren Entscheidungen, hat sie
dass die Bundesrepublik die Finanz- gezeigt, als sie 2018 die Fusion der
krise besser meisterte als andere Län- Stahlfirmen ArcelorMittal und Ilva
der. Von Altmaier zeigt sich der Mi- aus Italien durchwinkte, wenn auch
nister zunehmend genervt – der Kol- unter Auflagen. Populärer ist sie da-
lege im Wirtschaftsressort redet zu durch freilich nicht geworden. Solan-
viel und handelt zu wenig, lässt er ge die resolute Dänin Rekordstrafen
durchblicken. Scholz dagegen macht für US-Riesen wie Google oder Mi-
Druck und forciert zum Beispiel eine crosoft verhängt, ist sie für viele die
Fusion von Deutscher Bank und Heldin. Sobald sie jedoch auf die Ein-
Commerzbank zum nationalen haltung der Wettbewerbsregeln
Champion. Seit Monaten lässt er sei- pocht, wenn es um Europa geht,
nen Finanzstaatssekretär Jörg Kukies schwindet die Begeisterung.

JESSE DITTMAR / REDUX / LAIF


sondieren, ob die beiden Institute be- Der Zwist hat inzwischen eine
reit wären, sich zusammenzutun. persönliche Note, was einen Kom-
Ökonomen sind ob des neuen promiss zwischen nationalen Inte-
Unternehmergeists in den Amts- ressen und europäischen Bedenken
stuben geteilter Meinung. Marcel erschwert. Vor allem Siemens-Chef
Fratzscher, Chef des Deutschen In- Kaeser und Frankreichs Finanz-
stituts für Wirtschaftsforschung, hält minister Bruno Le Maire haben sich
Altmaiers industriepolitische Vor- EU-Wettbewerbskommissarin Vestager auf Vestager eingeschossen. Die
stöße durchaus für sinnvoll. Eine In- Resolute Dänin wiederum erhält Rückendeckung
novationsagentur befürwortet er, aus dem Kollegenkreis. »Wenn Sie-
aber auf EU-Ebene: »Europa bräuch- mens so Züge baut, wie der Kon-
te auch ein Darpa.« Das EU-Rahmenpro- zu können, sagte der CDU-Politiker in einer zern Lobbyarbeit macht, setze ich mich in
gramm für Forschung und Innovation »Ho- Kommissionssitzung. Dietmar Reich, Wett- keinen ICE mehr«, wird Johannes Hahn,
rizont 2020« hält er für »viel zu winzig«. bewerbsexperte der Kanzlei Beiten Burk- EU-Kommissar aus Österreich, aus einer
Einspruch erhebt Deutschlands oberster hardt, sagt: »Hätten wir das EU-Wettbe- internen Runde zitiert.
Wirtschaftsweiser, Christoph Schmidt. Der werbsrecht nicht, würden die Minister in Könnte vielleicht ein mit neuen, weit-
Präsident des RWI-Leibnitz-Instituts für Paris und Berlin den Deal durchwinken.« reichenden Befugnissen ausgestatteter EU-
Wirtschaftsforschung in Essen macht seine Doch das Wettbewerbsrecht zugunsten Industriekommissar helfen, der Industrie-
Kritik an Altmaiers Plänen für den Aufbau einer ungestörten Industriepolitik zu op- politik eine stimmige Strategie zu geben?
einer Batteriezellenfabrik fest. Eine Mil- fern, wäre riskant. »Das Kartellrecht ist Auch das ist zweifelhaft. Zwar schwebt vie-
liarde Euro hat der Minister dafür in sei- das falsche Instrument«, sagt Daniel Zim- len in Brüssel vor, den Kommissar mit ei-
nem Haushalt reserviert, ein Förderrah- mer, Professor an der Universität Bonn ner Ministererlaubnis auszustatten wie in
men wird gerade ausgeschrieben. und Ex-Chef der deutschen Monopolkom- Deutschland üblich; dort kann sich die Re-
Nutznießer könnte BASF sein, der Kon- mission. Spiele China unfair und greife mit gierung über kartellrechtliche Bedenken
zern erwägt, in der Lausitz ein Kathoden- Dumping- und Subventionspraktiken an, hinwegsetzen und Fusionen genehmigen.
werk zu errichten. Altmaier rechtfertigt müssten die Europäer nach den Regeln der Doch die Hürden für einen solchen
die Intervention: Beim Elektroauto mache WTO dagegen vorgehen, anstatt selbst ei- Machtzuwachs sind fast unüberwindbar.
die Batterie einen großen Teil der Wert- nen Marktbeherrscher heranzuzüchten. Und sie illustrieren Europas Dilemma –
schöpfung aus, und die will Altmaier in Siemens’ Argument, die Europäer könn- denn bei den Europawahlen im Mai droht
Deutschland behalten. Für Schmidt ein ten ohne die Fusion mit Alstom auf Dritt- ein Siegeszug der Populisten. Die täten
Unding: »Warum sollen wir in unserem märkten nicht mit den Chinesen konkur- nichts lieber, als die Machtbefugnisse der
Hochlohnland eine Massenproduktion rieren, hält Zimmer für fragwürdig. »Das EU-Kommission zu schleifen.
von Batterien subventionieren?« würde bedeuten, dass man die heimischen Selbst wenn die EU-Feinde gestoppt
Im Fall Siemens/Alstom zieht sich die Kunden schröpfen darf, um anderswo würden, brauchte es das richtige Personal
Kluft mitten durch die Europäische Kom- niedrigere Preise bieten zu können.« für ein Superministerium. Denn eine für
mission. Befürworter wie Gegner der Fusion Dass die Europäer im Vergleich zu Ame- Industriepolitik zuständige EU-Kommis-
in Brüssel halten sich in etwa die Waage, rikanern und Chinesen systematisch im sarin gibt es schon heute. Sie heißt Elżbieta
und alle haben gute Argumente. EU-Haus- Nachteil sind, sieht auch Zimmer. Ursache Bieńkowska, kommt aus Polen – und wird
haltskommissar Günther Oettinger stellt sei allerdings vielfach die zersplitterte na- von kaum jemandem ernst genommen.
seinen Widerstand gegen die Kollegin Ves- tionale Regulierung in Europa; sie hindere Tim Bartz, Dinah Deckstein, Martin Hesse,
tager offen zur Schau. Europa brauche jetzt die Unternehmen, ähnlich schnell groß zu Peter Müller, Christian Reiermann,
einen – natürlich – »Airbus auf der Schie- werden und Effizienzgewinne zu erzielen Marcel Rosenbach, Gerald Traufetter
ne«, um sich auf dem Weltmarkt behaupten wie die Konkurrenz in China und den

DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019 63


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Wirtschaft

Die Folgen sind nun zu besichtigen. Im

Darf Bio lidln? Fredeburger Ökomarkt kostet Mitte der


Woche der Liter Milch mit Bioland-Label
1,45 Euro, ein paar Kilometer weiter bei
Lidl war er für 0,95 Euro zu haben.
Konsum Der Kunde verlangt nach immer mehr Ökoprodukten – »Wir fürchten, bei manchen Produkten
und nach immer besseren. Die Erzeugerverbände liefern unter Preisdruck zu geraten«, sagt Florian
nun an die Lebensmittelmultis, gegen die sie einst angetreten waren. Gleißner. Mit dem Steuerberater überlegt
das Team, wie man zukünftig kalkulieren
muss. »Mit unserem Betriebskonzept sind

D er deutsche Lebensmittelhandel ist


berüchtigt für seine beinharten
Preiskämpfe. Woche für Woche bal-
gen sich die Supermarkt- und Discounter-
Seit Jahren lautete der Schlachtruf: Raus
aus der Nische. Aber: Rein in den Dis-
count? Irgendwie hatte man sich das an-
ders vorgestellt. Darf Bio lidln?
die Preise, die Discounter bieten, nicht zu
erzielen.«
Von den zehn Milliarden Euro, die deut-
sche Kunden für Ökoprodukte ausgeben,
ketten mit Spottpreisen und Rabattaktio- Martin Häusling, Ökobauer, Bioland- bleiben rund 60 Prozent im Supermarkt
nen um die Kundschaft. Die Rechnung Mitglied und EU-Politiker, glaubt keinen oder Discounter. Dort wuchsen die Bio-
zahlen meist andere: Bauern und Ver- Moment lang an die Läuterung der großen umsätze zuletzt um 8,8 Prozent. Bioläden
arbeiter müssen sich dem Preisdruck der Ketten: »Wer so eine Marktmacht hat wie legten dagegen nur um 2,2 Prozent zu.
Lebensmittelgiganten beugen – oder ihre Lidl, bestimmt am Ende die Preise. Bio- Felix Prinz zu Löwenstein, Chef des Bio-
Produkte fliegen aus den Regalen. Gegen land macht sich abhängig von einem gro- spitzenverbandes BÖLW, ist trotzdem
die Macht der fünf Großen, Edeka, Rewe, ßen Abnehmer, der den Verband unter nicht bang: »Ich bin ganz sicher, dass der
Aldi, Lidl und Kaufland, die zusammen Druck setzen kann.« Naturkosthandel eine Chance hat, sich zu
60 Prozent des Markts beherrschen, kann Andere fürchten, dass die Geisteshal- differenzieren und seine Alleinstellungs-
man als Lieferant nicht ankommen. So lau- tung auf der Strecke bleibt. Bio war immer merkmale darzustellen.« Er denke da an
ten die Regeln in der hartgesottenen Bran- mehr als giftfreie Produkte. Dahinter steht Beratungskompetenz, Sortimentsvielfalt,
che, seit Jahren schon. das Konzept einer alternativen Landwirt- Verpackungsinnovationen. Zu den konkre-
Und jetzt das: Von Februar an verkauft schaft, von einem sozialen Miteinander ten Deals will er sich nicht äußern, nur so
Kaufland Waren des hochpreisigen Spit- und von fairen Löhnen. Dafür sind die viel: »Wir sind nicht angetreten, eine
zen-Ökolabels Demeter, die bislang fast Ökopioniere einst angetreten. Nun, da Bio Nische gemütlich auszupolstern, sondern
nur in Reformhäusern und Naturkostläden erfolgreich und eine Agrarwende in Sicht um Ernährung und Landwirtschaft zu
zu haben waren. Wenige Monate zuvor ist, drohen sie ausgebootet zu werden. verändern. Deshalb müssen wir in die
hat der Discounter Lidl, der wie Kaufland Florian Gleißner, Biolandwirt bei Ratze- Breite.«
zur Schwarz-Gruppe gehört, eine Koope- burg, verfolgt den Strukturwandel mit Ar- Im Herbst 2016 hatten die Demeter-Mit-
ration mit dem größten Ökoanbauverband gusaugen. Vier Familien haben 1991 die glieder die Öffnung zum Einzelhandel be-
Bioland geschlossen. Naturland, der zweit- Domäne Fredeburg vom Kreis Herzogtum schlossen. Allerdings sind unter den stimm-
größte, arbeitet schon seit Jahren mit Rewe Lauenburg gepachtet, leben dort als Ge- berechtigten Mitgliedern auch Händler
zusammen. Und alle liefern auch an Edeka. meinschaft und bewirtschaften 160 Hektar und Verarbeiter, die stärker davon profi-
Hoppla? Was ist passiert? Sind die Le- Land nach Demeter-Grundsätzen. Ihre tieren. Manche Bauern wurden überrascht.
bensmittelmanager plötzlich ins Gutmen- Milchkuh Igel ist mit zehn Jahren doppelt »Es ist eine ungute Situation, es gibt viel
schenlager gewechselt? so alt, wie es die durchschnittliche Hochleis- böses Blut«, sagt Gleißner.
Die Lebensmittelketten folgen dem tungsmilchkuh wird. Auf dem Hof laufen Doch so sehr sich das viele wünschen:
Trend: Qualität. In Bio machen sie schon Pommern-Enten und Hühner der Rasse Vor- Aus kartellrechtlichen Gründen kann kein
lange, mit Eigenmarken, die den Minimal- werk, einer vom Aussterben bedrohten Art. Anbauverband einem Händler verbieten,
anforderungen von EU-Bio entsprechen. Als der benachbarte Gasthof aufgab, in- Produkte seiner Mitglieder zu vertreiben.
Nun wird auf Edel-Bio aufgerüstet. Die vestierte die Hofgemeinschaft, denn Bio Eisig betont Friedemann Wecker, ge-
Ökoanbauverbände haben strengere Kri- boomte. 2017 eröffnete sie ihren Biohof- schäftsführender Vorstand von Demeter
terien für Anbau, Verarbeitung und Tier- laden mit Bistro und Gästezimmern. Den im Norden, dass mit Kaufland kein Ver-
haltung, als die EU vorschreibt. Branchen- Fredeburgern war damals nicht klar, dass trag bestehe. Man könne schlicht nicht ver-
primus Demeter etwa erlaubt nur 13 Le- die Anbauverbände schon bald mit dem hindern, dass manche Produzenten sie be-
bensmittelzusatzstoffe, das Enthornen von Einzelhandel kooperieren würden. liefern und die Händler dies für Reklame
Rindern ist verboten, Tiere dürfen maxi- nutzen. »Kaufland setzt mit Demeter-Pro-
mal 200 Kilometer weit zum Schlachthof dukten einen neuen Biomaßstab«, wirbt
gefahren werden. Appetit auf mehr 10,4 Kaufland auf seiner Webseite. Auf Anfrage
Für solchen Zusatzwert sei der Verbrau- Umsatz von Biolebensmitteln Mrd. € räumt das Unternehmen ein, keinen Ver-
cher bereit, mehr zu zahlen, sagt Wolfgang in Deutschland 2017 bandsvertrag zu haben. »Mit dem Deme-
Adlwarth vom Marktforschungsunterneh- Quelle: BÖLW
ter-Verband führen wir Gespräche.«
men GfK. Besonders bei Lebensmittelpro- Die einzige Waffe, die Demeter und Co.
dukten wachse die Qualitätsorientierung. gegen ungeliebte Partner hat, ist der soge-
Premiumprodukte gewönnen, das mittlere nannte selektive Vertrieb: Demeter hat
Segment dünne aus. sich strenge Vertriebsgrundsätze verpasst,
Kein Wunder also, dass die Essensmul- als Schutz gegen eine unerwünschte Ver-
tis entschlossen reagieren. Während auf 5,3 einnahmung. So darf nur, wer mindestens
Mrd. €
der Billigschiene nicht mehr viel zu holen sieben Prozent seines Umsatzes mit Bio-
2007
ist, wächst Bio deutlich schneller und stär- produkten macht, überhaupt Demeter-
ker als der Markt. Anteil 5,3 % Ware führen. Ein Minimalumsatz muss
In der Ökobranche beobachtet man den 3,2 % am Umsatz aller Lebensmittel Schätzung damit erzielt, ein Konzept zum Nachhal-
eigenen Erfolg mit gemischten Gefühlen. tigkeitsmanagement vorgelegt und die bio-

64
РЕЛИЗ ПОДГОТОВИЛА ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS

und den Premiumpreis der Bioware zu si-


chern. Wahr ist nämlich: Längst schon lie-
fern Bauern von Naturland, Demeter oder
Bioland ihre Waren an die Ketten, die
dann ohne spezielle Kennzeichnung in den
Verkauf gehen.
Bioland hat sich nach langer Diskussion
zu diesem Schritt entschieden. »Früher
war Bio Ideologie, heute ist es ein notwen-
diger Prozess, dass wir uns am Umbau der
Landwirtschaft gestaltend beteiligen«, sagt
Plagge. Dennoch versteht er den Frust:
»Unsere Mitglieder und Partner haben die
Märkte aufgebaut. Einige sind nun ent-

LARS HEIDR / FUNKE FOTO SERVICES


täuscht, dass ihre Marke nun auch beim
Discounter steht.« Schließlich sei man mal
angetreten, um die Strukturen in der Le-
bensmittelindustrie zu ersetzen.
Jetzt werden sie erst einmal verändert,
hofft Plagge. Den Fachhandel sieht er nicht
in der Defensive, er ist überzeugt davon,
dass der Lidl-Deal den Bioläden auch neue
Käuferschichten erschließt: Neukunden
werden bei Lidl angefixt und suchen dann
die regionale Vielfalt im Fachhandel oder
ab Hof. Elke Röder, Geschäftsführerin
vom Bundesverband Naturkost Naturwa-
ren, ist nicht so euphorisch. Plagges Pro-
phezeiung sei ein Blick in die Glaskugel.
»Natürlich hat der Naturkosthandel keine
Eigentumsrechte an Bioprodukten. Bio ist
ein Megatrend und Bestandteil der Bewe-
gung zur Rettung der Erde.« Deshalb sei
die Verbreitung grundsätzlich positiv.
Doch man müsse bedenken, in welches
System man sich begebe. Wie viel das
noch mit dem Ziel Weltrettung gemein
habe. Biolandwirtschaft setze sich auch
fort, wenn die Rübe aus dem Acker gezo-
gen ist, so Röder. Es braucht Kunden, die
achtsam konsumieren, die auf Regionalität,
Fairness und Soziales achten, nicht online
kaufen, Verpackung minimieren wollen
und vieles mehr.
BILDQUELLE

Der Blick in eine Ratzeburger Lidl-


Filiale, wenige Kilometer von der Frede-
Huhn auf Bioland-Hof, Lidl-Filiale: »Es gibt viel böses Blut« burger Domäne entfernt, verdeutlicht ih-
ren Punkt. Da liegen die Biokarotten in
Plastik verpackt lieblos neben ihren kon-
logisch-dynamische Wirtschaftsweise un- anderem Fair-Play-Regeln und die Einrich- ventionellen Geschwistern, man braucht
terstützt werden. Demeter-Ware hat he- tung einer Ombudsstelle im Streitfall. große Entschlossenheit, um Bioland-Gou-
rausragend platziert zu sein, die Mitarbei- Biolandchef Jan Plagge ist überzeugt da, -Mozzarella und -Joghurt aus dem
ter speziell geschult. Das ist ein gehöriges von den hehren Zielen von Lidl: »Die mei- Wust der Produkte zu picken. In der Kühl-
Abschreckungspotenzial, aber erst muss nen das ernst, die ziehen das durch. Sie theke daneben, wo 500 Gramm Schinken-
ein Verstoß vorliegen. »Wir prüfen Belie- wollen wirklich der nachhaltigste Discoun- gulasch für 1,99 Euro zu haben sind, könn-
ferungsanzeigen und kontrollieren genau, ter werden«, sagte er, als er vergangene te bald schon Bioland-Fleisch liegen – an
ob die Verwertungskriterien eingehalten Woche aus einer Verhandlung mit Lidl- einem Sortiment wird derzeit gearbeitet.
werden«, sagt Wecker. Mitstreiter, die zu Managern heimkehrte. Eine ganz neue »Das Bioangebot im Discounter ist noch
Demeters Wertekanon passen, sind dage- Kultur sei es für die Manager, dass nun zu anonym«, räumt Plagge ein.
gen gern gesehen. Mit allen sieben Edeka- Landwirte mit am Tisch säßen. Und sie Der Fredeburger Florian Gleißner ist
Regionalgesellschaften gibt es Markennut- verstünden, was bei Bioland anders laufen zuversichtlich, dass sein Betrieb den Struk-
zungsverträge. muss: »Etwa, dass wir ein ganzes Tier ver- turwandel der Branche überlebt. Aber ein
Auch Bioland hat die Risiken minimiert. markten müssen, nicht nur die Edelteile, mulmiges Gefühl bleibt. »Ich hoffe, dass
Der Verband ließ sich von der Oxfam- sondern auch die Innereien.« sich die Discounter keinen Preiskrieg lie-
Agrarexpertin Marita Wiggerthale bera- Für Plagge ist die Einführung von Wa- fern mit den Produkten, für die wir uns
ten, die jeden Trick des Einzelhandels ren der Anbauverbände im Einzelhandel abgerackert haben.« Michaela Schießl
kennt. Der Vertrag mit Lidl enthält unter der richtige Weg, um die Werthaltigkeit

DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019 65


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Manager Teyssen, Schmitz


»Erschreckendes Szenario«

fahrene Energierechtlerin Zenke, »in fata-


ler Weise sogar als richtig erweisen«.
Geplant ist, dass E.on die Stromnetze,
die Kunden, den Vertrieb und neue Zu-
kunftsgeschäftsfelder übernimmt, die
RWE bei seiner Tochter Innogy in Essen
gebündelt hat. RWE soll sich im Gegen-
zug von E.on die Sparte mit den erneuer-
baren Energien einverleiben können. Au-

KAI KITSCH / FUNKE FOTO SERVICES


ßerdem soll das Unternehmen eine fast
17-prozentige Beteiligung an dem dann
neu entstandenen Energieriesen E.on er-
halten.
Konkret würde die Kundenzahl bei
E.on nach Berechnungen von Lichtblick
von heute 5,1 Millionen auf dann 11,7 Mil-
lionen hochschnellen. Die verkaufte Strom-
menge stiege von 17 auf 37 Millionen
Terawattstunden.

Ein neues Monopol


Bundesweit würde E.on auf knapp zwei
Drittel der Fläche über 70 Prozent der
Stromkunden abdecken. Mit Einfluss auf
mehr als 160 verschiedene Strommarken
Energie Durch den teilweisen Zusammenschluss von und 840 Tarife wäre der Konzern in den
meist regional gegen Stadtwerke und Re-
E.on und RWE entstünde ein Stromkonzern mit erdrückender gionalversorger geführten Preiskämpfen
Marktmacht – die Verbraucher würden dafür zahlen müssen. kaum zu schlagen.
Lichtblick hat sich auf die beginnende
kartellrechtliche Auseinandersetzung vor-

Z iemlich genau zwei Jahrzehnte ist es


her, dass Stromkunden in Deutsch-
land ihrem Versorger machtlos gegen-
überstanden. Der Markt war aufgeteilt.
ren schweren Rückschlag«. Auch Licht-
blick will gegen den Zusammenschluss
vorgehen.
Eine merkwürdige Nervosität macht
bereitet. Der Ökostromanbieter hat Dut-
zende Gespräche mit Wettbewerbshütern
in Bonn und Brüssel geführt, und er hat
eine auf Energiefragen spezialisierte Agen-
Ein paar Unternehmen diktierten in ihren sich gerade in der Branche breit – und tur eine Wettbewerbsanalyse anfertigen
jeweiligen Reichen die Preise nach Be- das wegen eines Deals, der in der Öffent- lassen. Es geht um die Frage, wie der deut-
lieben. lichkeit als abgehakt galt. Seit vergange- sche Strom- und Gasmarkt nach dem ge-
Schlimme Zeiten für die Kunden. Groß- ner Woche prüfen die Kartellbehörden in planten Deal aussehen würde.
artige Zeiten für die Konzerne. Aber: Ver- Brüssel und Bonn die Fusion. Aufge- Das Szenario, das inzwischen auch den
gangenheit. schreckt durch massive Beschwerden von Kartellämtern vorliegt, ist erschreckend.
Es könnte allerdings sein, dass für Mil- Konkurrenten und Kunden befürchten Gut die Hälfte des deutschen Stromnetzes,
lionen Stromkunden auf einen Schlag wie- die Wettbewerbshüter den Rückfall in Zei- die Mehrzahl aller Stromkunden sowie
der nahezu Verhältnisse herrschen wie da- ten des Strommonopols. E.on und RWE viele Zukunftsbereiche wie intelligente
mals. Wenn RWE und E.on, die größten könnten deshalb harte Auflagen drohen. Zähler oder Stromtankstellen würden
Stromerzeuger der Republik, sich wie an- Sogar ein Verbot des Geschäfts scheint künftig von E.on dominiert. Es entstünde
gekündigt neu aufstellen. »Sollten die Kar- möglich. eine Marktmacht, wie es sie selbst in Zei-
tellämter dem Zusammenschluss keinen Im März vergangenen Jahres, als E.on- ten des Oligopols nicht gegeben habe, sa-
Riegel vorschieben, entstünde ein Kon- Chef Johannes Teyssen und sein RWE- gen Lichtblick-Berater.
zern mit historisch nie da gewesener Kollege Rolf Martin Schmitz das Geschäft Und auch die Freiheit des Kunden, sich
Marktmacht«, sagt Ines Zenke von der auf verkündeten, war die Stimmung noch bundesweit den Stromanbieter seiner
Energierechtsfragen spezialisierten Kanz- eine andere. Die großen Stromversorger Wahl suchen zu können, würde nicht viel
lei Becker Büttner Held in Berlin. Sie ver- hatten da gerade eine nicht enden wollen- bringen, so die Analyse der Experten.
tritt Stadtwerke und Regionalversorger de Reihe von Rückschlägen, Kündigungs- Schließlich informieren sich viele der
und hat den Auftrag, den Deal juristisch wellen und milliardenschweren Wertbe- wechselwilligen Stromkunden in Verbrau-
zu verhindern. richtigungen hinter sich. Und damals er- cherportalen wie etwa Verivox oder
»Die Verbraucher in Deutschland schien der Befreiungsschlag einer nach Check24.
müssten sich nach einem solchen Zusam- Energiewende und Atomausstieg am Bo- Die sind auf den ersten Blick neutral,
menschluss auf deutlich höhere Energie- den liegenden Branche folgerichtig. doch könnte E.on ohne die bisherige Kon-
preise einstellen«, sagt Gero Lücking E.on-Chef Teyssen ließ sich sogar dazu kurrenz von RWE-Marken seine Markt-
vom Hamburger Ökostromanbieter hinreißen, den Zusammenschluss als einen macht besser ausspielen.
Lichtblick. Durch die »enorme Markt- der »kreativsten Gestaltungsdeals der Durch viele unterschiedliche Labels
macht des neuen E.on-Konzerns erhielte deutschen Wirtschaftsgeschichte« zu be- (wie »E wie einfach« oder »Eprimo«) samt
der ohnehin rudimentär ausgeprägte zeichnen. Ein Satz, der ihm nun nach- den daran hängenden Tarifen wäre es für
Wettbewerb in Deutschland einen weite- hängt. Er könnte sich, befürchtet die er- den Konzern leicht möglich, im Preis-

66 DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019


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Wirtschaft

ranking vordere Plätze einzunehmen. Und getauscht werden. Über sie wollen die
die Kunden würden womöglich nicht ein- Stromunternehmer – und ebenso Internet-
mal merken, dass sie nach einem Wechsel konzerne wie Google – nicht nur Daten
zwar eine neue Strommarke haben, aber sammeln, sondern neue Dienste anbieten.
Strom desselben Konzerns beziehen. Die Planungen reichen von zeitabhängi-
Dazu kommt, dass sogar in den Portalen gen Stromtarifen über die Steuerung von
der angebotene Preis auf den zuvor einge- Heizungen, Lampen und Alarmanlagen
gebenen Postleitzahlbereich beschränkt bis hin zu Datendiensten und Fernwar-
ist. Das Risiko eines bundesweiten Preis- tungssystemen.
kampfes wäre für E.on also gering, sagen Es geht um einen Milliardenmarkt. Und
Experten. auch hier würde E.on durch den Zusam-
Zur neuen Marktmacht im Strom- und menschluss seine »sich anbahnende Vor-
Gasvertrieb käme, dass E.on auf einen machtstellung im Markt zementieren«,
Schlag rund 50 Prozent des gesamten deut- heißt es in der Lichtblick-Studie. Die von
schen Stromnetzes kontrollieren würde. der Kanzlei Becker Büttner und Held ver-
Das ist zum einen bedenklich, weil die Ent- geplante tretenen Stadtwerke fürchten, dass E.on
gelte für die Nutzung von Stromleitungen seine Marktmacht nutzen könnte, kleinen
schon heute rund 25 Prozent des Strom- Wettbewerbern über technische Normen
preises ausmachen und die Konzentration Jahresumsatz weltweit 83 Mrd. € und Standards den Zugang zu diesem
auf wenige Anbieter sicher nicht preissen- Zukunftsgeschäft zu verwehren.
kend wirken wird. Bei RWE und E.on gibt man sich ge-
Dazu kommt, dass E.on über das von Deutschland: lassen. Man liege im Zeitplan und sehe
Flensburg bis München reichende Strom- Stromkunden 11,7 Mio. derzeit keine gravierenden Hürden für
netz auch Zugriff und Einfluss auf fast eine Genehmigung, heißt es in beiden Kon-
41 Prozent der rund 50 Millionen in Anteil am Strommarkt 75,4%* zernen.
Deutschland installierten Stromzähler er- Doch die Nervosität in der Branche
hält. Und die traditionell schwarzen Käs- Anteil an den Stromnetzen 50% könnte sich bald auf die neuen Partner
ten werden in der Strombranche derzeit übertragen. Die Konkurrenten wollen ihre
heiß gehandelt.
Anteil an den Stromzählern fast 41% Untersuchungen in den nächsten Wochen
In den nächsten Jahren sollen die Strom- *inkl. Tochterfirmen von E.on/RWE; Quelle: Lichtblick öffentlich machen. Frank Dohmen
zähler Zug um Zug gegen digitale Zähler

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Wirtschaft

Hallo, was fahren Sie denn da?


Mikromobilität E-Scooter, E-Skateboard, E-Einrad: ein Tag auf und mit allen
möglichen und unmöglichen Fortbewegungsmitteln, die durch San Francisco kreuzen

D ie Fahrt in das große Mobilitäts-


labor, das San Francisco heißt, führt
über die Golden Gate Bridge, und
der Uber-Fahrer, der Sargis heißt, hat
Kein Vehikel, das es hier nicht gibt, und
oft fahren die kleinen den großen davon:
Scooter und E-Scooter (Tretroller mit Elek-
troantrieb), Skateboard und E-Skateboard,
schen Metropole erfunden, weil es dort, an-
ders als in San Francisco, bis vor ein paar
Jahren, gut funktionierende Taxisysteme
gibt. Auch der öffentliche Verkehr ist unter-
eine einfache Wahrheit für den Passa- Onewheel (ein Board mit nur einem Rad) entwickelt, das U-Bahn-Netz lächerlich
gier: »Uber ist gut für dich und schlecht und Solowheel (ein elektrisches Einrad, klein, die Straßen, vor allem auch im Silicon
für mich.« Die Strecke aus dem Umland aber ohne Sattel), Bike und E-Bike – sämt- Valley, sind ständig verstopft. Es liegt nicht
ins Zentrum, für die heute,
via Uber-App, 30 Dollar ver-
bucht werden, hätte früher, als
Sargis Sargsya noch Angestell-
ter eines traditionellen Taxiun-
ternehmens war, locker 50 Dol-
lar gekostet, meint er. Sein
Verdienst sei etwa im selben
Verhältnis geschrumpft. Und die
Firma, für die er 18 Jahre lang
gearbeitet hat, gebe es nicht
mehr. Weggeubert.
Der Mensch muss nun mal
von hier nach da. Die Erfindung
des Rads, verdammt lang her
(5000 Jahre), war dabei hilf-
reich, und im Grunde sind wir,
solange wir nicht fliegen oder
zu Fuß gehen, auch nie darüber
hinausgekommen. Alle Debat-
ten um Mobilität – Uber, auto-
nomes Fahren, Elektroautos,
Miettretroller, Hochgeschwin-
digkeitszüge – drehen sich um
rollende Räder. Und San Fran-
cisco, diese topografische Zumu-
tung, vom Schöpfer einem Eier-
karton nachempfunden und in
eine Nebelwolke am Pazifik ge-
setzt, ist zu einem Spielplatz des
menschlichen Fortbewegungs-
drangs geworden. Rauf und run-
ter irren ihre Bewohner durch
Täler und Tunnel, über Brücken,
auf löchrigen Straßen, uralten
Schienen, im Stau.
Oder am Stau vorbei. So wie
Shannon Glasheen, 32, Fahrrad-
kurierin und Künstlerin, sie baut »Schmuck liche Erscheinungsformen des Rads mit al- nur am großzügig fließenden Risikokapital,
und Dekozeug aus alten Fahrradteilen«, len denkbaren Antrieben sind zu sehen, dass die Ingenieure hier auf fliegende Autos
sagt sie. Shannon ist eine Art Spät-Hippie von Muskelkraft über fossile Brennstoffe kommen. Oder dass Start-ups wie Bird, Lime,
und eine typische San-Francisco-Existenz, bis Batterie. Man nennt das: Mikromobi- Skip, Scoot oder Spin E-Scooter auf die Stra-
hinübergerettet aus einer Zeit, als noch lität. Transportmittel für die erste oder letz- ßen bringen und dafür von Investoren mit
nicht jeder und seine Mutter für Tech- te Meile, für den Weg von der U-Bahn vielen Millionen Dollar ausgestattet werden.
firmen arbeitete. Sie fährt Rad in einer zum Büro, für kurze Stadtfahrten. Lautlos rollt Deandre Thurman, 30, auf
Stadt, die dafür eher ungeeignet scheint, Es ist, wie so oft bei amerikanischen Er- einem E-Roller der Marke Skip durch den
nicht nur der Höhenunterschiede wegen, findungen, sicher nicht allein der visionäre Park vor der Yerba-Buena-Kunsthalle, er
auch mangels Fahrradstreifen, San Fran- Geist dieser Gesellschaft, der zum Innova- ist Grafikdesigner und unterwegs zu einem
cisco ist nicht Kopenhagen. Vielleicht ge- tionsschub führt. Vielmehr ist es die schiere Meeting. »Ist besser als der Bus und billi-
rade deswegen rollen neue Ideen hier be- Not, die der Disruption vorangeht. Vielleicht ger als Lyft«, begründet er seine Wahl.
sonders gut. wurde Uber deshalb nicht in einer europäi- Weitere Vorteile: Man kommt, anders als

68 Fotos: WINNI WINTERMEYER / DER SPIEGEL


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per Fahrrad, nicht verschwitzt am Ziel an lich schnell auch, über 60 Stundenkilo- Es macht Spaß, Caleb Keen, 28, auf sei-
und braucht keinen oder fast keinen Park- meter könne er damit fahren, »ich fliiiiiege nem Solowheel zuzuschauen. Das elektri-
platz. Der »Gashebel« wird per Daumen allen davon«, singt Henderson. Er demons- sche Unicycle, ein einziges Rad, ohne Sat-
betätigt, man schafft locker 25 Stunden- triert das sehr überzeugend auf einem stei- tel, ohne Lenker, nur mit zwei Stehflächen
kilometer, zahlt einen Dollar Startgebühr len Abschnitt der Bush Street. Henderson für die Füße, wirkt wie der Versuch, mit
pro Fahrt und dann 15 Cents pro Minute. ist eigentlich Musiker, verdient seinen Le- einem absoluten Minimum an fahrbarem
Die Tretroller, die früher, als man noch bensunterhalt aber als Kurierfahrer. Er er- Untersatz auszukommen. Es sieht auch
treten musste, nur als Kinderspielzeug be- zählt von mehreren gebrochenen Rippen, aus wie eine Einladung zum schlimmst-
kannt waren, sind in vielen Städten, auch er »habe einen Obdachlosen gerammt, die möglichen Unfall, denn schwieriger, als
in europäischen (Wien, Zürich, Brüssel), kommen manchmal total überraschend das Ding zu fahren, ist nur noch, es zu
bereits zu einem passenden Nahverkehrs- aus den Hauseingängen«. bremsen. Sicherheitsfragen sind eine große
mittel geworden. Überhaupt hat man den Diejenigen, die den Rollern und ande- Hürde für Mikromobile auf dem Weg zum
Eindruck, dass die urbane Mobilität einen ren Flitzern eine große Zukunft zutrauen, Massenmarkt. Besonders schutzlos fällt
regressiven Reifungsprozess und eine selt- rechnen schon die Millionen Stunden aus, man von den schnellen kleinen Rollern.
same Infantilisierung durchläuft, indem die nicht mehr in Staus vergeudet werden; Die großen Scooter-Firmen, Bird und
Firlefanz wie Skateboards, Trottinett und die CO2-Tonnen, die nicht ausgestoßen Lime, hatten beide bereits einen tödlichen
Unfall zu beklagen. In Dallas
verunfallte im September ein 24-
jähriger Mann auf einem Lime-
Roller, in Chula Vista später ein
26-Jähriger auf einem Bird.
Das traurigste und auch lang-
samste Transportgerät in der
Stadt ist der Rollstuhl, das Fahr-
zeug vieler Obdachloser. Nicht
elektrifiziert. Meist reglos an
Hauswänden stehend. Im Stadt-
zentrum und ganz nahe der
Konzernzentralen von Techgrö-
ßen wie Twitter und Uber sieht
man sie zu Dutzenden. Men-
schen sitzen darin, umgeben
von ihren Habseligkeiten in
Plastiktüten.
Sie sind die andere Seite des
langen wirtschaftlichen Booms
der Techstadt an der Bay, der
Zukunftsfabrik Silicon Valley,
die eine globale, kaufkräftige
Elite anzieht – womit die Preise
für Mieten und Lebenshaltung
für viele unbezahlbar geworden
sind. Warum eigentlich, so muss
man fragen, soll der öffentliche
Raum, die Straßen und Gehstei-
ge, als Grundlage und Start-
Mobilisten Keen auf E-Einrad (l.), bahn für privatwirtschaftliche
Henderson auf E-Skateboard (o.), Gewinne dienen, für Uber
Glasheen mit Fahrrad (o. r.), sowieso, aber auch für Mikro-
Thurman auf E-Roller mobilitätsanbieter wie Scoot,
Firlefanz wird elektrifiziert Skip, Bird oder Lime? Warum
bohrt man nicht ein paar mehr
U-Bahn-Linien oder saniert we-
nigstens die Straßen? Warum
Einräder elektrifiziert werden, um das er- werden; die Quadratkilometer, die den lässt man nicht E-Busse rollen statt E-
wachsene Straßenbild aufzumischen. In Städten an überzähliger Parkfläche zur Scooter? Nichts schlägt die Effizienz eines
Deutschland, wo E-Scooter noch verboten Verfügung stehen werden. Es gibt Dutzen- dichten, smart betriebenen öffentlichen
sind, sollen die Geräte und andere »Elek- de Start-ups, die sich mit Forschern und Verkehrsnetzes.
trokleinstfahrzeuge« ab Frühjahr 2019 zu- Investoren an Fachtagungen treffen, wie Caleb Keen, der Mann auf dem elegan-
gelassen werden, also bald. vor ein paar Tagen in Richmond bei der ten Elektroeinrad, macht sich auf den
Robert Henderson, 48, hat sein elektri- »Micromobility Conference«. Es gibt auch Heimweg. Er scheint über die Straße zu
sches Skateboard selbst gepimpt, eine ein »Manifest der Mikromobilität«, dort schweben. Das Rad zwischen seinen Fü-
zweite Batterie eingebaut und eine Art steht: »In sehr kurzer Zeit haben Miet- ßen wirkt wie ein Körperteil von ihm. Wie
Lichtshow am Brett angebracht, die er, roller und docklose Fahrräder fast 500 Mil- eine Vorwegnahme der nächsten Evolu-
ebenso wie das Board selbst, per Blue- lionen Nutzer angezogen, was die Mikro- tionsstufe, wenn wir alle Cyborgs sind.
tooth-Fernsteuerung in seiner Hand bedie- mobilität zur schnellsten technologischen Guido Mingels
nen kann. Ziemlich schrille Sache. Ziem- Umsetzung in der Geschichte macht.«

DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019 69


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Medien

»Für guten Journalismus gibt


es keine Abkürzung«
SPIEGEL-Gespräch Arthur Gregg Sulzberger, 38, seit einem Jahr Verleger der »New York Times«,
über den öffentlichen Streit mit Donald Trump, die Notwendigkeit monatelanger
Recherchen und die Frage, wie viel Wandel eine 167 Jahre alte Zeitung ertragen kann

SPIEGEL: Herr Sulzberger, seit gut einem Höhepunkt Ihrer bisherigen Verleger- rüber berichten können. Warum haben Sie
Jahr sind Sie Verleger der »New York schaft oder eher ein Tiefpunkt? Trump Diskretion zugesichert?
Times«. Wie groß ist die Last auf Ihren Sulzberger: Weder noch, es ist Teil meines Sulzberger: Dean Baquet ist der oberste
Schultern? Jobs. Als Verleger bin ich eine Art Beru- Journalist des Hauses, da ist diese Regel
Sulzberger: Es ist eine schwierige Zeit für fungsgericht: Wer von uns hart angepackt absolut sinnvoll. Mein Job ist ein anderer,
Medien. Auf der ganzen Welt werden Jour- wird, hat das Recht, seine Bedenken über ich stehe als Verleger an der Spitze des Un-
nalisten und der Journalismus von politi- unsere Berichterstattung loszuwerden. Ob ternehmens. Für mich war es eine Gele-
schen Kräften angegriffen. Das Vertrauen das ein Konzern wie Facebook ist, der US- genheit, Trump zu sagen, wie gefährlich
in unsere Arbeit schwindet, Geschäfts- Präsident oder jemand anderes. seine Rhetorik von den Medien als »Fein-
modelle verändern sich. Wer sich für Jour- SPIEGEL: Was hatten Sie von dem Treffen den des Volkes« ist, welche Auswirkungen
nalismus interessiert, muss das sehr ernst erwartet? diese Sprache hat und dass sie Diktatoren
nehmen. Aber ich spüre keine große Last Sulzberger: Trump hat die »New York in aller Welt in die Hände spielt.
auf mir persönlich. Times« oft und lautstark kritisiert, er hat SPIEGEL: Hatten Sie den Eindruck, dass
SPIEGEL: Die »New York Times« ist 167 ja sogar einen Spitznamen für uns. er Ihnen zuhört?
Jahre alt. Mit Ihnen steht die fünfte Gene- SPIEGEL: Die »failing ›New York Times‹«, Sulzberger: Er machte eine Show daraus,
ration der Familie Sulzberger an der Spit- die scheiternde Zeitung also. ernsthaft zuzuhören. Ich habe das Ge-
ze. Und Sie haben keine Sorge, es zu ver- Sulzberger: Ja, deshalb war ich davon aus- spräch ja nicht aufgezeichnet, aber er sagte
masseln? gegangen, dass er etwas auszusetzen hat. sinngemäß: Das ist nicht gut, Sie haben
Sulzberger: Der Druck ist nicht auf eine Aber er hatte nichts Konkretes. Die Un- mich wirklich zum Nachdenken gebracht.
Person allein gerichtet. Wir haben eine klare terhaltung verlief sehr zivil. Ich glaube, er Man konnte gar nicht anders, als das Ge-
Vorstellung davon, wie unsere Zukunft aus- hat darin eher eine Gelegenheit gesehen, fühl zu bekommen, dass Trump darüber
sieht, und ein Team, das zusammen anpackt. mich kennenzulernen. nachdenkt, einen Rückzieher zu machen.
SPIEGEL: Haben die ständigen Angriffe SPIEGEL: Ihr Chefredakteur Dean Baquet SPIEGEL: Nur ein paar Tage später zog er
von US-Präsident Donald Trump die Re- hat eine goldene Regel: Es gibt keine ver- auf Twitter in bekannter Manier gegen die
daktion zusammengeschweißt? traulichen Hintergrundgespräche mit dem »New York Times« zu Felde. Fühlen Sie
Sulzberger: Was uns zusammenschweißt, Präsidenten. Wer ihn trifft, muss offen da- sich missbraucht für seine Show?
ist die wachsende Sorge, dass unsere Idee Sulzberger: Nein. Ich war am Ende sogar
von Qualitätsjournalismus zu verschwin- froh, dass er unsere Unterhaltung publik
den droht, in den USA und weltweit. Damit gemacht hat. Damit ist wenigstens öffent-
meine ich Journalismus, der Zeit braucht, lich dokumentiert, dass Trump direkt, von
der Reisen braucht, der Expertise braucht, Vertriebserlöse Werbeeinnahmen Angesicht zu Angesicht, gewarnt wurde,
der Anwälte und Faktenchecks braucht. in Mio. Dollar in Mio. Dollar welche Auswirkungen seine Rhetorik hat.
Zeit und Ressourcen sind die beiden Dinge, 1008 Und wir sehen die Folgen ja.
die in unserem Beruf derzeit am stärksten SPIEGEL: Zwei Monate nach Ihrem Tref-
gefährdet sind. Die »New York Times« will fen wurde der Journalist Jamal Khashoggi
beweisen, dass diese Art von Journalismus 779 756 mutmaßlich auf Geheiß des saudi-arabi-
eine Zukunft hat. Das ist unsere Mission. 705 schen Königshauses ermordet, weil er kri-
SPIEGEL: Und Trumps ständige Stichel- tisch berichtet hatte. Es geht nicht mehr
559
eien spielen dabei keine Rolle? bloß um Rhetorik, sondern um Gewalt.
Print
Sulzberger: Wir berichten über Trump, Sulzberger: Mit Trumps Rhetorik ist es
wie wir über jede Regierung berichten: 367 wie mit dem Klimawandel. Wir wissen,
hart und fair. dass er stattfindet, wir wissen, dass er ge-
SPIEGEL: Mitte Juli bat der Präsident Sie fährlich ist. Aber es ist schwer, einen ein-
zu einem vertraulichen Gespräch ins Wei- Digital zelnen Sturm auf den Klimawandel zu-
ße Haus – nur um das Treffen wenig später rückzuführen. Das Gleiche gilt für die
via Twitter öffentlich zu machen und die 2011* 2017 2018** 2011* 2017 2018** Sprache des Präsidenten. Wir wissen, dass
»Times« erneut anzugreifen. War das ein Digitalanteil in Prozent sie gefährlich ist, wir wissen, dass sie –
6,3 33,7 37,9 21,0 42,7 42,4 auch außerhalb der USA – ein Klima
Das Gespräch führten die Redakteure Isabell Hülsen * New York Times Media Group; Start des Digitalabos
schafft, in dem die Zahl der Angriffe auf
und Marc Pitzke in New York. ** Neunmonatszahlen Journalisten wächst und Gesetze gegen

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Mark Mazzetti, unserem investigativen


Chefreporter, oder Maggie Haberman, die
über das Weiße Haus berichtet, und ande-
ren bei der Arbeit zuzusehen und nicht
grundsätzlich zu respektieren, was sie tun.
SPIEGEL: Beteiligen sich die Medien, auch
die »New York Times«, nicht an Trumps
Realityshow, indem sie ständig wiederho-
len, was er sagt, jeden Tweet aufgreifen?
Sulzberger: Ich würde das gern zurechtrü-
cken. Ich halte den Begriff »die Medien« für
wirklich problematisch. Die TV-Kabelsen-
der arbeiten völlig anders als die meisten
digitalen oder traditionellen Verlage. Und
von »den Medien« haben auch nicht viele
die Ressourcen, um so tief zu recherchieren,
wie wir das tun. An unserem Artikel im Ok-
tober 2018 über Trumps Vermögen und sei-
ne Steuertricks haben drei Reporter 18 Mo-
nate lang recherchiert, hinter ihnen stand
eine Armee von Redakteuren und Anwäl-
ten, die diese Geschichte ermöglicht haben.
Das ist etwas anderes, als fünf Minuten
nach der Rede des Präsidenten ein paar Ex-
perten vor die Kamera zu stellen, die sagen,
dass sie einverstanden sind oder nicht.
SPIEGEL: Im Vorstandsbüro der »Times«
hängen die Fotos vieler US-Präsidenten.
Richard Nixon hat seines mit den Worten
signiert: »An die ›New York Times‹: Einige
lesen sie und mögen sie. Einige lesen sie
und mögen sie nicht. Aber alle lesen sie.«
Als Trump vor zwei Jahren bei Ihnen zu
Besuch war, führte Ihr Vater ihn an Nixons
Foto vorbei und sagte: »Das war der letzte
Präsident, der sich mit der freien Presse
angelegt hat. Denken Sie daran, wie es für
ihn endete.« Hat Trump auch eine Notiz
CELESTE SLOMAN / DER SPIEGEL

auf seinem Bild hinterlassen?


Sulzberger: Ja. Er schrieb: »Arthur –
Great Being with you – MAGA! (Make
America Great Again –Red.) Best Wishes!«
Die Fotos der Präsidenten haben in der
»Times« eine lange Tradition. Wir haben
viele Regierungen erlebt. Die Regierung
Herausgeber Sulzberger: »Unser Bekenntnis zur ›Times‹ bleibt und stand nie infrage« Trump ist eine weitere, über die wir be-
richten.
SPIEGEL: Die Sulzbergers sind eine der
eine unabhängige Presse erlassen werden. eine Nachrichtenorganisation, die stolz da- letzten Verlegerfamilien in den USA, die
Aber wir können im Einzelfall nicht bele- rauf ist, unabhängig und unparteiisch zu ihre Zeitung trotz wirtschaftlicher Fährnis-
gen, dass die Rhetorik des Präsidenten da- sein, ist das ein Problem. se behalten haben. Wie fühlt es sich an,
ran schuld ist. Unzweifelhaft ist nur: Die SPIEGEL: Trumps Wähler nehmen Ihnen dieses Erbe anzutreten?
USA waren in der Vergangenheit der laut- nicht ab, unparteiisch zu sein. Wie wollen Sulzberger: Es ist ein Vermächtnis. Mein
stärkste und unerbittlichste Verfechter der Sie Vertrauen zurückgewinnen? Vater hat in seinen 25 Jahren als Verleger
Meinungs- und Pressefreiheit in der Welt. Sulzberger: Wir müssen viel besser erklä- etwas Außergewöhnliches erreicht: Er hat
Von dieser Rolle haben wir uns öffentlich ren, wie viel Mühe wir darauf verwenden mir eine »Times« übergeben, die besser da-
verabschiedet. sicherzustellen, dass unsere Berichterstat- steht, als er sie übernommen hat, mit mehr
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, dass Atta- tung fair und korrekt ist. Dass wir etwa und nicht weniger Journalisten. Mein Ziel
cken auf die Presse bei Trumps Anhängern für einen Artikel nicht bloß mit den drei ist es, das fortzusetzen und zu zeigen, dass
und nicht nur dort so gut ankommen? Wel- Leuten gesprochen haben, die zitiert wer- es für die Art von Journalismus, die wir be-
chen Anteil tragen die Medien an diesem den, sondern mit deutlich mehr. Als eine treiben, eine Zukunft gibt. Das Wachstum,
Vertrauensschwund? Filmcrew für die TV-Dokumentation »Mis- das wir in den vergangenen Jahren erlebt
Sulzberger: Ich kann schlecht in die Köpfe sion Wahrheit« in der Redaktion gedreht haben, beweist, dass Menschen bereit sind,
der Leute gucken, aber wir müssen aner- hat, habe ich Dean Baquet gefragt, warum für Qualitätsjournalismus zu bezahlen.
kennen, dass es nicht nur eine Erosion des er das trotz des Stresses, unter dem die SPIEGEL: Sie haben Ihre Karriere als Jour-
Vertrauens in Medien gibt, sondern eine Redaktion steht, ermöglicht hat. Er sagte: nalist bei den Lokalzeitungen »The Provi-
wachsende politische Polarisierung. Für Weil ich glaube, dass es unmöglich ist, dence Journal« und »The Oregonian« be-

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Medien

gonnen. Wie wird man dort behandelt, mehr mehrheitlich in der Hand der Familie verfassten, schrumpfte die Zahl der Leser,
wenn man Sulzberger heißt? sein könnte? der Zugewinn an Abonnenten hatte sich
Sulzberger: Ich hatte das Gefühl, dass ich Sulzberger: Nein. Den Gedanken oder die verlangsamt. Es gab de facto ein Kasten-
überall freundlich behandelt wurde. Ich Sorge gab es nie. Die Familie ist dieser In- wesen in der Redaktion: hier die traditio-
wollte für meine Arbeit bekannt sein, nicht stitution tief verbunden. Dass wir langfris- nellen Journalisten, darunter eine Kaste
für meinen Namen. tig denken, ist der Grund, warum wir in von Leuten aus dem Digitalen. Die durften
SPIEGEL: Diesem Namen zu entkommen einer Zeit, in der viele andere journalisti- keine Visitenkarten haben, weil ihnen ge-
dürfte im US-Journalismus schwerfallen. sche Organisationen im Niedergang sind, sagt wurde, man wolle vermeiden, dass
Sulzberger: Einer meiner Chefs beim ein beispielloses Wachstum erleben. Unser sie für echte Journalisten gehalten würden.
»Oregonian« hat mich einmal beiseitege- Bekenntnis zur »Times« bleibt und stand Unsere Strategie war zu sehr auf Print, zu
nommen und gesagt: Journalismus ist ei- auch nie infrage. stark auf Werbung ausgerichtet. Heute er-
ner der wenigen Berufe, in denen ich je- SPIEGEL: An den Spekulationen über reichen wir etwa 150 Millionen Menschen
manden nicht treffen muss, um zu wissen, einen Verkauf war also nie etwas dran? im Monat, wir haben vier Millionen Abon-
ob er gut ist. Alles, was ich brauche, ist Sulzberger: Ich erinnere mich nicht, ob es nenten, doppelt so viele wie damals. Aber
ein Stapel Texte. Ich habe als Reporter Gerüchte gab, dass die »Times« zum Ver- die Welt und unser Geschäft verändern
versucht zu zeigen, dass ich bereit bin, je- kauf stehe. Es gibt immer Gerüchte, dass sich so schnell, dass wir uns ständig hin-
den Auftrag anzunehmen, mir den Arsch Leute kaufen wollen. Das ist etwas ande- terfragen und anpassen müssen.
abzuarbeiten und meine Texte für sich res. Solche Gerüchte werden wir in ab- SPIEGEL: Wie denn zum Beispiel?
sprechen zu lassen. Die Kollegen haben sehbarer Zeit noch öfter hören, weil die Sulzberger: Seit fünf Jahren lautet meine
mich behandelt wie jeden anderen Repor- »Times« journalistisch und wirtschaftlich Botschaft an dieses Haus: Wir sollten ge-
ter, und ich habe mich gefühlt wie jeder einfach gut dasteht. lassener mit unternehmerischen Fehlern
andere Reporter. Das war für mich kein SPIEGEL: Sie wurden voriges Jahr bei und Misserfolgen umgehen. Wir haben vie-
Kreuzweg, ich habe den Job geliebt und einer Podiumsdiskussion gefragt, was Sie le Jahre geglaubt, Podcasts funktionierten
vermisse ihn. tun würden, wenn Ihnen ein Milliardär nicht. Wir hatten es versucht, und es hat
SPIEGEL: Hat man als Sulzberger eine eine Milliarde Dollar gäbe. nicht funktioniert. Unser Podcast damals
Wahl, ob man Journalist werden möchte Sulzberger: Ich habe geantwortet, dass bestand aus einem Reporter, der die Titel-
oder nicht? die »Times« nicht zum Verkauf steht und seite vorlas. Im Januar 2017 haben wir es
Sulzberger: Meine Familie hat immer kon- wir diese Milliarde Dollar selbst verdienen trotzdem gewagt und »The Daily« gestar-
sequent gesagt: Jeder soll seinen Weg ge- müssen. Aber wissen Sie, was ich hätte sa- tet. Das ist jetzt der am häufigsten herun-
hen. Ich habe mich nie unter Druck ge- gen sollen? Wir bekommen jedes Jahr eine tergeladene Podcast des Landes, und wir
fühlt, Journalist zu werden. Und die meiste Milliarde Dollar – von unseren Lesern! erreichen damit jeden Tag mehr Men-
Zeit meines Lebens war ich überzeugt da- Das ist mir bedeutend lieber als von einem schen, als es die Zeitung je getan hat.
von, dass ich es nicht werden würde. Milliardär, mit all den Problemen und In- SPIEGEL: Wie vereint man die Traditionen
SPIEGEL: Was war denn die Alternative? teressenkonflikten, die damit verbunden einer so alten Institution mit dem Zwang,
Sulzberger: Ich fand die Welt der gemein- sind. Das Geld der Leser investieren wir ständig alles neu zu erfinden?
nützigen Organisationen spannend. Oder in die Redaktion, die heute größer ist als Sulzberger: Das Wichtigste ist, ein tiefes
die Politik, nicht als Politiker, sondern als je zuvor – davon profitieren unsere Leser. Verständnis davon zu haben, was bleibt.
jemand, der hinter den Kulissen arbeitet. SPIEGEL: Sie haben 2014 den Innovation Wenn alles ständig zur Disposition steht,
SPIEGEL: Und was hat Sie schließlich doch Report mitverfasst, der ein düsteres Bild kann man nicht erfolgreich sein. Dann reicht
in den Journalismus gezogen? Ihr Vater? vom Zustand der Zeitung zeichnete: Wenn es, dass jemand jünger und hungriger ist,
Sulzberger: Ich hatte eine Professorin am sich nichts ändere, werde die »Times« von und man ist weg vom Fenster. Erst wenn Sie
College, die uns das Schreiben langer Tex- digitalen Konkurrenten wie der Huffington wissen, was sich nicht verändern wird, kön-
te beigebracht hat. Sie war gleichzeitig In- Post oder BuzzFeed abgehängt. Das klang nen Sie sich auf Veränderungen einlassen.
vestigativreporterin beim »Providence alarmierend. Wenn Sie heute wieder einen SPIEGEL: Was ist bei der »New York Times«
Journal«. Nichts hat mir so viel Spaß ge- Innovation Report schreiben müssten, wie so heilig, dass es sich nicht verändern darf?
bracht, die Arbeit war so fundiert, so real, würde die »New York Times« abschneiden? Sulzberger: Eine originelle Berichterstat-
ich mochte ihre Strenge und die Standards. Sulzberger: Wir sind weiter, als ich je zu tung, Recherche vor Ort, ein Journalismus,
Es gibt vieles, was ich an der Wissenschaft hoffen gewagt hätte. Als wir den Report der unabhängig ist, fair, integer und klug.
geliebt habe, aber sobald man wusste, wel- Das ist die Grundlage und der Kern dessen,
che These der Professor befürwortet, war was wir tun. Was sich verändert, ist das
die Arbeit ziemlich leicht. Für guten Jour- Drumherum: wie wir diese Geschichten
nalismus gibt es keine Abkürzung, man erzählen und sie zum Leben erwecken.
muss raus und die harte Arbeit machen. SPIEGEL: »The Daily« war die letzte große
Am Ende des Studiums hat sie mir ein Innovation. Was kommt als Nächstes?
Praktikum beim »Providence Journal« an- Sulzberger: Wir werden in ein paar Mo-
geboten und gesagt, wenn es mir nicht ge- naten eine wöchentliche TV-Sendung un-
falle, wüsste ich wenigstens das. Mir gefiel ter dem Namen »The Weekly« starten.
es, und ich hab nie zurückgeschaut. »The Daily« hat gezeigt, dass der Journa-
SPIEGEL: 2009 musste die Familie Sulz- lismus, den wir gedruckt und online ma-
berger einen Teil der Aktien am Unterneh- chen, auch in einem Medium wie Audio
men an den mexikanischen Milliardär Car- funktioniert, und dort eine neue, viel jün-
los Slim verkaufen, um Geld in die Zeitung gere Zielgruppe erreicht. Ich glaube, dass
zu stecken. Vor ein paar Jahren kursierten uns das mit einer TV-Sendung noch einmal
Gerüchte über einen Verkauf an den New gelingen kann. Dort gab es bisher nicht all-
Yorker Ex-Bürgermeister Michael Bloom- zu viel seriösen Journalismus, und ich glau-
berg. Gab es einen Punkt, an dem Sie Signiertes Trump-Foto für die »Times« be, dass Leute daran Interesse haben. Fern-
fürchten mussten, dass die »Times« nicht »Von Angesicht zu Angesicht gewarnt« sehen wird ein Teil unserer Strategie.

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»Times«-Großraumbüro, »Times Magazine«, Plakat in Sulzbergers Büro: »Das Wichtigste ist, ein tiefes Verständnis davon zu haben, was bleibt«

SPIEGEL: Hat die gedruckte Zeitung über- SPIEGEL: Die »New York Times« hatte lan- sollte die Erklärung schnell erfolgen und
haupt noch eine Zukunft? ge einen Public Editor, der als Anwalt der zwar von Redakteuren und Ressortleitern.
Sulzberger: Print wird viel länger leben, Leser kritisch auf die Berichterstattung SPIEGEL: Die »Times« musste 2003 fest-
als die meisten Leute annehmen. Eine Mil- blickte und seine Kritik auch in der Zei- stellen, dass ihr Redakteur Jayson Blair
lion Menschen zahlen für die Zeitung, das tung veröffentlichen durfte. Im Mai 2017 massenhaft Geschichten gefälscht und
ist eine loyale Leserschaft, die viel Zeit mit wurde der Posten abgeschafft. Ist das in Zitate erfunden hatte. Der SPIEGEL hat
der Zeitung verbringt. Noch ist auch das Zeiten des sinkenden Vertrauens klug? nun mit Claas Relotius seinen eigenen
Werbegeschäft groß und profitabel. Solan- Sulzberger: Die Idee stammte aus einer Skandal: Der Ex-Redakteur hat Geschich-
ge Leute gedruckte Nachrichten lesen wol- Zeit, als es weder Facebook noch Twitter ten zum großen Teil erfunden. Was raten
len, hoffe ich, dass wir ihnen das auch an- gab und in der die Leser die Redaktion Sie uns?
bieten können. schwer erreichen konnten, um ihre Beden- Sulzberger: Ich habe das gelesen, aber ich
SPIEGEL: Steht die gedruckte Zeitung Ih- ken loszuwerden. Das ist vorbei. Es gibt kenne die Besonderheiten Ihres Falls nicht
rer Onlinestrategie nicht im Weg? heute viele Wege, um unsere Reporter zu genug, um Ratschläge zu erteilen. Unser
Sulzberger: Nein, aber die größte Verän- erreichen und Kritik zu äußern. Geschäft lebt vom Vertrauen, es gibt nichts
derung der vergangenen fünf Jahre war in SPIEGEL: Aber braucht es nicht jemanden, Wichtigeres als das Vertrauen unserer Le-
der Tat, dass wir uns nicht mehr als Zeitung bei dem die Kritik, die etwa über Twitter ser. Als wir merkten, dass mit Blairs Ge-
mit angeschlossener Website verstehen, oder Facebook kommt, gebündelt wird? schichten etwas fundamental nicht stimm-
sondern als digitales Nachrichtenmedium, Sulzberger: Der Ombudsmann hat es der te, haben wir unsere besten und furcht-
das auch noch eine Zeitung druckt. Wir Redaktion eher schwer gemacht zu akzep- losesten Investigativreporter eingesetzt,
können für die nahe Zukunft nicht mehr tieren, dass wir alle den Dialog mit unse- um zu recherchieren, wie das passieren
auf Print zählen, um unseren Journalismus ren Lesern pflegen müssen. Wir haben konnte. Sie durften völlig unabhängig ar-
zu finanzieren. Die Digitalerlöse müssen 1500 Journalisten. Die Vorstellung, dass beiten, das Ergebnis haben wir veröffent-
so hoch sein, dass wir davon Büros im Irak ein einziger von ihnen den Kontakt zu den licht, das war einer der längsten Artikel,
und in Afghanistan unterhalten können, Lesern pflegt, ist lächerlich. Ein Public Edi- die wir bis dahin gedruckt hatten. Die Ver-
dass wir Leute an die Front im Jemen schi- tor, der erst mal fünf Tage überlegen muss, pflichtung zur Rechenschaft und zur Trans-
cken, eine 18-monatige Recherche zum ob die Bedenken massiv genug sind, um parenz, gerade wenn Dinge schiefgehen,
Vermögen des US-Präsidenten und ein Wa- darüber in der »New York Times« einen halte ich für wirklich wichtig.
shington-Büro mit 100 Reportern bezahlen Artikel zu schreiben, ist kein Konzept für SPIEGEL: Herr Sulzberger, wir danken Ih-
können. Deshalb liegt unser Fokus darauf, die Neuzeit. Wenn eine Geschichte um- nen für dieses Gespräch.
im Digitalen Geld zu verdienen. stritten ist und eine Erklärung verlangt,

Fotos: Celeste Sloman / DER SPIEGEL 73


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Ausland
»Wir wurden belagert und wussten nicht, ob nicht ein Verrückter uns an die Kehle wollte.« ‣ S. 84

MAURO PIMENTEL / AFP


In Brasilien trauert eine Frau vom indigenen Volk der Pataxó Hã-hã-hãe im Südosten des Landes an ihrem
vergifteten Fluss: Am vergangenen Freitag löste ein Dammbruch an einer Eisenerzmine eine Schlammlawine
aus. 360 Menschen starben oder werden vermisst. Das Münchner Unternehmen TÜV Süd hatte die Anlage
noch im September als stabil eingestuft. Zwei TÜV-Mitarbeiter wurden jetzt in Brasilien festgenommen.

Kommentar

Das böse Gesicht


Hinter den beeindruckenden Fassaden von Abu Dhabi und Dubai herrscht ein repressives Regime.

Überall in Abu Dhabi und Dubai, den glitzernden Metropolen der wurde der Aktivist zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Das Land
Vereinigten Arabischen Emirate, lächeln die Herrscher des Landes sei »für Akademiker, Journalisten, Aktivisten und Kritiker beängs-
von riesigen Werbeflächen auf die Menschen herab. Es gehört zur tigend unsicher geworden«, schreibt Human Rights Watch.
Inszenierung eines Staates, dessen Anführer klug und gütig, fort- Von internationaler Empörung ist trotzdem wenig zu spüren.
schrittlich und aufgeklärt erscheinen möchten. Nur manchmal wer- Die Emirate haben es geschafft, ihren Ölreichtum in Prestige zu
den Risse in der Inszenierung sichtbar, so wie vor einigen Tagen, verwandeln. Ihre Städte sind Traumziele, die einen lockt der
als die Preisträger einer Gleichstellungsinitiative geehrt wurden. Strand, die anderen der Louvre Abu Dhabi. Laut einer Studie liegt
Auf den offiziellen Fotos zeigte sich der Herrscher von Dubai mit Dubai auf Platz vier der meistbesuchten Städte der Welt, bei den
vier verschiedenen Männern. Eine Frau war nicht dabei, die Auf- täglichen Pro-Kopf-Ausgaben sogar auf Platz eins. Die Besucher
nahmen wirkten unfreiwillig komisch. In den sozialen Medien können sich fühlen wie im Westen, die Staatsführer haben 2019
wurde der Emir weltweit zum Gespött. zum »Jahr der Toleranz« ausgerufen. Toleranz ist ihr Geschäfts-
Vieles im Land ist allerdings nicht zum Lachen. Die Menschen- modell. Da fügt es sich perfekt, dass Papst Franziskus jetzt nach
rechtsorganisation Human Rights Watch listet in ihrem neuen Jah- Abu Dhabi reist und dort als erstes katholisches Kirchenober-
resbericht gravierende Missstände auf. In den dokumentierten Fäl- haupt die Arabische Halbinsel betritt. Es ist die Chance zu einem
len zeigt sich das böse Gesicht der Emirate, etwa im Urteil gegen historischen Besuch – wenn der Papst den Herrschern am Golf
Ahmed Mansoor: Nach öffentlicher Kritik an der Staatsführung deutlich sagt, was in ihrem Land nicht in Ordnung ist. Dietmar Pieper

74 DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019


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Syrien Italien

»Die nächste Dschihad-Generation« Kaputt Mundi


 Kritiker sprechen von einem Symbol
Frankreich wird wohl Messern, als das, was zum Beispiel 2015 für den Niedergang der italienischen
rund 130 IS-Anhänger in Paris geschah. Das muss aber nicht so Hauptstadt: 30 Strafgefangene waren
ins Land holen. Es han- bleiben. Diese Kämpfer sind die Füh- am Dienstag unter den Augen der Bür-
HERMANN BREDEHORST

delt sich dabei um Fran- rungskräfte der nächsten Dschihad-Gene- germeisterin Virginia Raggi damit
zosen, die im Norden ration. In fünf oder zehn Jahren werden beschäftigt, Schlaglöcher auf Roms
Syriens festgehalten wer- sie möglicherweise neue Organisationen Straßen auszubessern. Die Sträflinge in
den, bewacht von der US- gründen. Umso wichtiger ist es, nun mög- orangefarbener Arbeitskleidung sind
gestützten kurdischen lichst die Kontrolle über sie zu behalten. Teil des Projekts »Freigang für Rom«,
YPG-Miliz. Der deutsche SPIEGEL: Wie viele Deutsche sind in mit dem Gefangene zu gemeinnützigen
Terrorismusexperte Peter Neumann, 44, Nordsyrien inhaftiert? Arbeiten herangezogen werden. Der
vom King’s College in London erklärt, Neumann: Nach Schätzungen sind es Ewigen Stadt, die für ihre katastropha-
was das für Europa bedeutet. zwischen einigen Dutzend und rund ein- len Verkehrswege berüchtigt ist, dro-
hundert. Wie gefährlich sie sind, weiß hen jetzt hohe Schadensersatzforderun-
SPIEGEL: Wie kommt Paris auf diese man nicht genau, und auch nicht, ob man gen: Im Januar erstritt erstmals ein
Rückholaktion? allen den Prozess machen kann. Deshalb
Neumann: Es liegt vermutlich an der haben die Europäer bisher ihre Staats-
Ankündigung von US-Präsident Donald bürger in der Regel nicht zurückgeholt.
Trump, seine Truppen aus Syrien abzie- SPIEGEL: Wird Deutschland nachziehen?
hen zu wollen. Die Amerikaner sind ent- Neumann: Einerseits ist es besser, die
scheidend für die Unterstützung der Kur- deutschen Staatsbürger kontrolliert
den – und in deren Gewahrsam befinden zurückzuholen, als wenn sie sich auf eige-
sich viele der ausländischen IS-Kämpfer. ne Faust zurückschmuggeln lassen. Aber
Sollte die kurdische Verwaltung zusam- sind wir darauf vorbereitet? Können wir
menbrechen, könnten die Dschihadisten die Gefährdung richtig einschätzen? Wie
freigelassen werden und sich entweder verhindern wir, dass die Radikalisierung
wieder dem IS anschließen oder heimlich im Gefängnis weitergeht?
nach Europa zurückkehren. SPIEGEL: Viele Fragen. Wozu raten Sie?
SPIEGEL: Was bedeutet das für unsere Neumann: Auf keinen Fall würde ich alle
Sicherheit? auf einmal zurückholen. Wir müssen

AFP / GETTY IMAGES


Neumann: 2018 hat sich die Lage in erst Strukturen aufbauen. Man sollte mit
Europa etwas beruhigt. Es kommt zwar denjenigen anfangen, die bereit sind,
nach wie vor zu Anschlagsversuchen, ein volles Geständnis abzulegen und als
doch sind diese häufig kleiner, etwa mit Kronzeugen aufzutreten. RAS
Straßenbelag am Kolosseum

Autofahrer vor Gericht einen finanziel-


Chappatte len Ausgleich für sein beschädigtes
Auto. Seit ihrem Amtsantritt 2016 steht
Raggi von der Fünf-Sterne-Bewegung
unter Kritik, weil die mit gut 13 Milliar-
den Euro verschuldete Metropole,
lateinisch auch Caput Mundi genannt,
zunehmend verwahrlost. Zuletzt wur-
den unweit von Raggis Büro auf dem
Kapitolshügel Kanalratten gesichtet, in
ihrem Wohnbezirk tauchten vor Müll-
containern Wildschweine auf. Raggis
Vorschlag, die von Touristen in die Fon-
tana di Trevi geworfenen Münzen nicht
mehr der Caritas, sondern der Haupt-
stadt zugutekommen zu lassen, sorgte
für zusätzliche Empörung.
75 Millionen Euro, auf zwei Jahre
verteilt, will Italiens Regierung der
klammen Hauptstadt für die Straßen-
sanierung zukommen lassen: ein Soli-
daritätsbeitrag in schwierigen Zeiten.
Wie die nationale Statistikbehörde Istat
am Donnerstag mitteilte, wuchs Italiens
Wirtschaft das zweite Quartal in Folge
nicht – der Rückfall in die Rezession
nach fast vier Jahren zumindest leichten
Wachstums ist damit amtlich. WMA

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Ausland

Staatschef ohne
Truppen
Venezuela Der Interimspräsident Juan Guaidó will in seinem
Kampf gegen Machthaber Nicolás Maduro die Armee auf
seine Seite ziehen. Bisher vergebens. Dem Star der Opposition
läuft die Zeit davon – trotz der Unterstützung durch die USA.

REUTERS

Präsident Maduro bei einer Truppenübung in Maracay: Täglich in Uniform

A
m Straßenrand in La Guaira, ei- sen, hier kennt man ihn und seine große identifizieren; er gehört nicht der alten Eli-
ner Hafenstadt wenige Kilometer Familie seit Jahrzehnten. te an wie jene venezolanischen Oppositio-
von Caracas entfernt, hat Juan Der Präsident der von der Opposition nellen, die seit 20 Jahren erfolglos erst ge-
Guaidó an diesem sonnigen Mitt- dominierten Nationalversammlung hat gen Hugo Chávez kämpften und nun ge-
wochnachmittag die Oberhand. Etwa 50 sich vor zehn Tagen unter Berufung auf gen Nicolás Maduro.
Anhänger des neuen Stars der venezola- die Verfassung zum Interimspräsidenten Guaidó ist zudem mehr als ein selbst
nischen Politik haben sich im Schatten der des Landes ausgerufen. Nun will er zeigen, ernannter Präsident. Er ist gewählter Prä-
Bäume versammelt und tragen handgemal- dass die Mehrheit seiner Landsleute zu sident der Nationalversammlung, der letz-
te Transparente. »Guaidó Presidente« for- ihm steht. ten verbliebenen demokratischen Insti-
dern sie, »Amnestie« für aufständische Mi- Am Donnerstag sitzt er in einem klei- tution im Land. Das macht ihn für die
litärs und »humanitäre Hilfe«. nen Hörsaal der Zentraluniversität von Ca- internationale Gemeinschaft zu einem
Auf der anderen Straßenseite stehen racas, hinter ihm an der Wand eine Natio- akzeptablen Gesprächspartner für den
etwa 20 Unterstützer des Staatschefs Ni- nalflagge. Ungeduldig trommelt er mit den ersehnten Machtwechsel in Venezuela,
colás Maduro. Einige Dutzend schwarz Fingern auf den Tisch, in London kämpft neben den USA unterstützt ihn auch das
uniformierte Polizisten sind mit Motorrä- CNN-Journalistin Christiane Amanpour Europaparlament, EU-Vertreter wollen
dern aufgefahren, greifen aber nicht ein. mit technischen Problemen bei einem eine »Kontaktgruppe« bilden.
Die Lage ist entspannt, von den »Colecti- Live-Interview mit ihm. Unten im Audito- Denn darum geht es: Wie entledigt sich
vos«, den motorisierten Schlägertrupps rium und vor dem Gebäude drängen sich der Kontinent eines Autokraten, der sich
der Regierung, ist nichts zu sehen. Tausende Studenten, sie kreischen wie bei mit Tricks und Repression an der Macht
Guaidó hatte seine Anhänger aufgeru- einem Popkonzert. hält und dabei das mächtige Militär des
fen, am Mittwoch und Samstag überall im Guaidó ist ein Star. Er ist jung, sympa- Landes auf seiner Seite weiß?
Land auf die Straße zu gehen. In La Guaira thisch und verfügt über Charisma. Auch Der Frust über das venezolanische Re-
hat er ein Heimspiel: Hier ist er aufgewach- in der Jugend können sich viele mit ihm gime ist bei vielen Regierungen Lateiname-

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MERIDITH KOMERIDITH KOHUT / THE NEW YORK TIME / LAIF


Oppositioneller Guaidó bei einem Auftritt in Caracas: Jede Nacht schläft er aus Angst vor Maduros Häschern an einem anderen Ort

rikas groß. Es ist mit dem organisierten bien das Entstehen einer rechten Achse Die Macht besitzt derjenige, der die
Verbrechen verstrickt, treibt die eigene Be- auf dem Kontinent begünstigt haben. Waffen hat. Und das ist weiterhin Maduro.
völkerung millionenfach zur Flucht vor Der Venezuelakonflikt spaltet die Welt Sollte er sich eines Tages wieder sicher ge-
Armut und Hunger über die Grenze in die in zwei Lager. Während die meisten Staa- nug fühlen, besteht kaum ein Zweifel, dass
Nachbarländer – weigert sich aber, Hilfe ten des Westens Guaidó unterstützen, hal- er mit aller Härte gegen seine Gegner vor-
anzunehmen. Diese zunehmend unhaltba- ten Russland und China zu Maduro. Russ- gehen wird.
re Situation hat etliche Staaten des Konti- land hat das Regime mit Waffen aufgerüs- Oppositionsvertreter in Venezuela räu-
nents dazu getrieben, Guaidó als Präsiden- tet, China hat es mit Krediten versorgt. men in Hintergrundgesprächen ein, dass
ten anzuerkennen und die Venezuelapoli- Die Unterstützer fürchten, dass sie bei sie die Standhaftigkeit des Militärs unter-
tik von Donald Trump zu unterstützen. einem Machtwechsel in dem rohstoffrei- schätzt haben. Sie hatten gehofft, dass die
Washington will nicht nur einen Macht- chen Land ihren Einfluss in der Region Generäle nach der Proklamation Guaidós
wechsel in Caracas erzwingen. Trump stre- verlieren würden. vor zehn Tagen rasch zur Opposition über-
be eine »politische Neuordnung Latein- Trotz Guaidós strahlenden Auftretens laufen würden. Zumindest nach außen
amerikas« an, schreibt das »Wall Street ist der Weg zum Machtwechsel kompli- steht das Offizierskorps zu dem Autokra-
Journal«. Im Visier der Falken im Weißen ziert: Er ist ein Herrscher ohne Reich, ein ten. Im Fernsehen zeigt sich der Zivilist
Haus stehe die gesamte »Troika der Ty- Präsident ohne Truppen, er kontrolliert Maduro jetzt fast täglich in olivgrüner Uni-
rannei«. So nennt Trumps Sicherheits- nicht das Land. Jede Nacht schläft er aus form, er redet vor allem vor Soldaten.
berater John Bolton die drei sozialistischen Furcht vor Maduros Häschern an einem Auch Guaidó buhlt um die Gunst der
Bastionen Venezuela, Nicaragua und anderen Ort. Am Donnerstag durchsuchte Generäle, mehr als Handzettel hat er nicht
Kuba. Trump wittert eine historische ein Greifkommando der Sonderpolizei sein zu bieten. Oppositionspolitiker verteilen
Chance, weil die Wahlsiege des rechts- Haus, in dem sich seine Tochter aufhielt. sie überall im Land an Soldaten und deren
extremen Jair Bolsonaro in Brasilien und Die Regierung ermittelt gegen ihn, traute Familienangehörige. Darauf bietet Guaidó
des Konservativen Iván Duque in Kolum- sich aber bisher nicht, ihn zu verhaften. ihnen eine Amnestie an, wenn sie Maduro

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die Unterstützung entziehen. Selbst wenn Einer der Offiziere, die man am Mitt- taillon eingeschleust, sagt der ehemalige
nur Teile des Militärs der Aufforderung wochnachmittag in dem Gebäude treffen Bataillonschef. »Sie berichten den Oberen,
nachkämen, würde es Guaidós Verhand- kann, hatte bis vor einem Jahr ein Bataillon wer sich kritisch über die Regierung äu-
lungsposition massiv verbessern. in einer der wichtigsten Garnisonen des Lan- ßert.« Denen drohen Festnahme und im
Die Reaktion fällt bisher verhalten aus: des unter seinem Kommando. Die Angst schlimmsten Fall Folter: »Die Repression
Am vergangenen Dienstag versammeln sei größer als die Loyalität zum Regime, sagt hat zugenommen.«
sich einige Oppositionelle vor der Einfahrt er. »Wenn es nicht einen strukturellen Wan- Zwar gibt es auch bei den einfachen Sol-
zum Hauptquartier der Marine in Caracas, del im Offizierskorps gibt, werden die Streit- daten viel Unmut über das Regime. Doch:
sie winken mit den Flugblättern. Als sich kräfte nicht gegen Maduro vorgehen.« »Die oberen Ränge sind Maduro verpflich-
nach einigen Minuten niemand nähert, Dabei sei die Lage der Soldaten desolat. tet«, sagt der Ex-General Raúl Salazar, der
werfen sie die Zettel durchs Gitter. Den- Ihm selbst, sagt der Offizier, hätten offiziell unter Chávez als Verteidigungsminister
noch glaubt die Opposition an einen Er- über 500 Mann unterstanden, doch nur diente. »Sie profitieren von den kriminel-
folg: »Die Anzahl der Überläufer wächst«, 220 traten den Dienst an. »Etwa 60 Pro- len Aktivitäten des Regimes.« Das gelte
versichert Paul Torello, ein ziviler Madu- zent aller Soldaten lassen sich vorzeitig in vor allem für die Nationalgarde, eine von
ro-Gegner, der über gute Verbindungen in den Ruhestand versetzen. Die Truppe lei- fünf Säulen der Streitkräfte. Sie kassiere
die Streitkräfte verfügt. det genauso unter der Wirtschaftskrise wie bei den zahlreichen illegalen Goldminen
In diskreten Gesprächszirkeln aus Zivi- die zivile Bevölkerung.« Ein General ver- im »Arco Minero« ab, einer rohstoffrei-
listen und Soldaten versucht die Opposi- diene ungefähr 20 Dollar im Monat, nur chen Region.
tion auszuloten, wann die führenden Mili- wenig mehr als die unteren Ränge. Die Die Opposition fordert deshalb eine
tärs Maduro fallen lassen könnten. Einer Disziplin in den Kasernen habe nachgelas- Verschärfung der Wirtschaftssanktionen,
dieser Gesprächskreise findet seit Jahren sen, viele Soldaten bettelten um Benzin die sich vor allem gegen den internatio-
in einem schwer gesicherten, weitläufigen und Lebensmittel. nalen Handel von Gold und anderen Roh-
Apartment in einem vornehmen Viertel Der militärische Geheimdienst habe stoffen richtet. Vergangene Woche erließ
von Caracas statt. »acht bis zehn« Informanten in jedes Ba- Washington harte Sanktionen gegen den

Interview Juan Guaidó, 35, über die Chancen eines friedlichen SPIEGEL: Glauben Sie noch an eine friedli-
che Lösung, dass also Präsident Nicolás Ma-
Machtwechsels und sein Amnestieangebot duro abtritt – ohne dass es ein Blutbad gibt?
Guaidó: Ich bin überzeugt, dass es zu einem

»Maduro hat friedlichen Übergang kommen kann. Ma-


duro hat nicht mehr die Unterstützung des
Volkes, er hat keine Legitimität mehr, er

keine Legitimität mehr« hat auch nicht mehr die nötige internatio-
nale Anerkennung, um seine Funktion wei-
ter auszufüllen. Ich glaube, dass wir den nö-
tigen Druck aufbauen können, um einen
Übergang zur Demokratie ohne Blutvergie-
ßen zu schaffen.
SPIEGEL: Maduro hat einen Dialog vorge-
schlagen. Würden Sie Verhandlungen unter
Vermittlung von Mexiko und Uruguay ak-
zeptieren?
Guaidó: Wir würden jeden Mechanismus
akzeptieren, der uns zu einem Ende seiner
Macht führt. Wir wollen einen demokrati-
schen Übergang, dazu brauchen wir aber
eine Garantie für freie Wahlen. Wir können
nicht mehr den Weg gehen, der 2017 schon
gescheitert ist. Damals hat der Dialog mit
internationalen Partnern nach der umstrit-
tenen Parlamentswahl zu nichts geführt.
Maduro müsste abtreten, dann müsste es
freie Wahlen geben. Ein Dialog reicht nicht.
Viele Regierungen geben uns das zu verste-
hen. Wir müssen alles Menschenmögliche
tun, um die humanitäre Notlage zu lindern
und die politische Krise zu lösen. Nicht nur
die Opposition, das gesamte venezolani-
EMIN ÖZMEN / DER SPIEGEL

sche Volk will friedliche Verhandlungen,


eine Übergangsregierung und freie Wahlen.
SPIEGEL: Heißt das, zuerst muss Maduro
gehen, dann wird alles Weitere ausgehan-
delt?
Guaidó: Ich glaube, Maduro hat keine Auto-
Oppositionspolitiker Guaidó: »Wir wollen einen demokratischen Übergang« rität mehr, für seine Getreuen noch etwas

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staatlichen Ölkonzern PDVSA, die Ame-


rikaner wollen das Geld aus dem Öl-
import in den USA Guaidó zur Verfügung
stellen, den sie als einzig legitimen Präsi-
denten anerkennen. Wenn dem Regime
die letzten Devisen entzogen werden,
so die Hoffnung, bleibt Maduro auch
kein Geld mehr, um seine Soldaten zu be-
zahlen.
Doch diese Strategie ist riskant. Denn
sie trifft die gesamte Bevölkerung und lie-
fert Maduro Argumente für seine Behaup-

MERIDITH KOHUT / THE NEW YORK TIMES / LAIF


tung, dass für das Elend im Land der »Wirt-
schaftskrieg« der Amerikaner verantwort-
lich sei.
Hinzu kommt, dass die Wirkung dieser
Sanktionen wahrscheinlich erst in einigen
Wochen zu spüren sein wird. Je länger sich
aber der Showdown zwischen Guaidó und
Maduro hinzieht, desto mehr bröckelt die
Unterstützung für den neuen Politstar.
Jens Glüsing
Mail: jens.gluesing@spiegel.de
Guaidó-Anhänger in Caracas: »Eine ganze Generation hat sich erhoben«

auszuhandeln. Das Amnestieangebot für SPIEGEL: Werden Sie auch die Hilfe von Wiedererlangen der Freiheit helfen will, ist
Funktionäre des Regimes, seien es Zivilisten ehemaligen Anhängern des Ex-Präsidenten sehr willkommen.
oder Militärs, liegt ja auf dem Tisch. Und Hugo Chávez brauchen? SPIEGEL: Präsident Trump hat gesagt, zur-
auch Maduro ist ein ehemaliger Funktionär, Guaidó: Viele von ihnen unterstützen uns zeit lägen alle Optionen auf dem Tisch, auch
in gewisser Weise. schon und haben zurückgefunden zum ge- eine militärische. Halten Sie eine Interven-
SPIEGEL: Wie sieht Ihr Amnestieangebot wählten Parlament, zur Verfassung. Wir tion der USA für möglich?
aus? müssen unsere Gesellschaft wieder zu einer Guaidó: (lacht) Diese Frage wird mir dieser
Guaidó: Im Moment bieten wir den Mili- Einheit zusammenführen. Tage häufig gestellt. Ich antworte dann im-
tärs nur an, sich auf die Seite der Verfas- SPIEGEL: Wenn freie Wahlen stattfinden, mer: Venezuela ist ein souveräner Staat,
sung zu stellen. Maduro kann sich als Dik- würden Sie kandidieren? auch wenn wir zuletzt in einer Diktatur ge-
tator nur mit einer kleinen Gruppe von Guaidó: Wir haben eine gemeinsame Platt- lebt haben. Paradoxerweise haben wir trotz
Getreuen an der Macht halten. Wir verspre- form gegründet, die »Unidad«, Einheit, allem Wahlen gewonnen und die Farcen
chen allen eine Amnestie. Es wird dann heißt. Sie versammelt alle möglichen poli- und Ansagen des Usurpators Maduro nicht
Prozesse vor einer Übergangsjustiz geben, tischen Gruppen des Landes. Und sie wird akzeptiert. An der Grenze zu Kolumbien
wie das in anderen Ländern, beispielsweise es sein, die den Kandidaten bestimmt. sind die Leute sehr besorgt über das Ein-
in Kolumbien, auch schon geschehen ist. SPIEGEL: Welche Rolle spielen Russland, dringen der kolumbianischen Guerilla ELN,
Wir haben uns bereits mit vielen Beamten Kuba und China in diesem Konflikt? einer terroristischen Gruppe, die illegal
getroffen und werden dies weiterhin tun, Guaidó: Russland und China haben klare Gold schürft und mit Waffen handelt. Ich
um das Land zu stabilisieren, um einen wirtschaftliche Interessen in Venezuela. verstehe also die Sorge der Leute vor Ein-
Übergang in den Wohlstand zu schaffen. Aber Maduro schafft nicht genügend Sicher- dringlingen, die die Souveränität unseres
Wie lange das dauern wird, wissen wir heit für diese Investoren. Wie soll das auch Landes verletzen.
nicht. Entscheidend ist: Eine ganze Gene- gehen in einem Land mit zwei Millionen SPIEGEL: Haben die Repressionen in den
ration, die meine, hat sich erhoben, trotz Prozent Inflation, mit einem festgelegten vergangenen Tagen zugenommen?
all der Repression. Wechselkurs? Wir müssen uns unabhängi- Guaidó: Nein, es gab seit Langem eine bru-
SPIEGEL: Würde eine Amnestie auch mög- ger machen von Russland und China. Ein tale Verfolgung Oppositioneller. Viele wur-
liche Verbrechen abdecken, die Maduro und Regierungswechsel ist unverzichtbar, um den gefoltert, sitzen in Haft, einige wurden
seine Anhänger begangen haben könnten? neue Anreize für Investitionen zu schaffen. ermordet. Und obwohl wir friedlich de-
Guaidó: Eine Kommission wird jeden Ein- Wir müssen den Produktionssektor und die monstrieren, geht das Militär gewaltsam ge-
zelfall nach Recht und Gesetz bewerten. Landwirtschaft reaktivieren. Wir haben fast gen uns vor, sie verhaften und foltern sogar
SPIEGEL: Die europäischen Regierungen fünf Millionen Hektar Ackerland, die wirt- Minderjährige.
haben zunächst gezögert, Sie als Präsiden- schaftlich sind, aber enteignet wurden. Die SPIEGEL: Haben Sie Angst um Ihr Leben?
ten anzuerkennen. ganze Welt würde von einem Regierungs- Guaidó: Nein, was ich befürchte, ist, dass
Guaidó: Ja, aber heute hat das Europäische wechsel profitieren, von einem Venezuela, sich die Gesellschaft an diese Übergriffe ge-
Parlament den Kampf und die Opfer des das wieder zu eigener Stärke gelangt. wöhnt. Daran, dass man arm sein muss, um
venezolanischen Volks für die Demokratie SPIEGEL: Und was ist mit Kuba? sich ernähren zu können, weil man dann
und die Freiheit gewürdigt und uns damit Guaidó: Wir haben gesagt, dass die Kuba- staatliche Unterstützung erhält. Warum hat
den Rücken gestärkt. Länder wie Deutsch- ner sich aus der Regierung und dem Militär ein Kind, das in Venezuela geboren wird,
land und Großbritannien haben meine Le- Venezuelas zurückziehen müssen. Das gilt nicht die gleichen Chancen wie eines, das
gitimität als Übergangspräsident anerkannt, natürlich nicht für die kubanischen Bürger. in Berlin zur Welt kommt?
um freie Wahlen zu organisieren. Jeder Kubaner, der hier lebt und uns beim Interview: Jens Glüsing

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Ausland

sie Ende des vergangenen Jahres an sei-

Die Undiplomatin nem Dienstsitz in Berlin empfängt und sie,


wie sie danach erzählt, tatsächlich für ein
FPÖ-Mitglied hält. Sie redet darüber, als
Österreich Karin Kneissl ist seit über einem Jahr Außenministerin. wäre es ein schlechter Scherz. »Dabei
kann man das doch einfach bei Google ein-
Nominiert von der FPÖ, bekannt, weil sie auf geben: Karin Kneissl Mitgliedschaft FPÖ.«
ihrer Hochzeit mit Wladimir Putin tanzte. Wofür steht sie? Zuvor hatte sie mit dem deutschen Mi-
nister über eines ihrer Herzensanliegen ge-
sprochen, Hilfe für Menschen in Syrien

E
s ist der 18. August 2018, Karin »Ich wurde als Unabhängige nominiert und im Jemen. Deutschland ist ein wichti-
Kneissls Hochzeit in der Süd- und mache eine sehr unabhängige Au- ges Geberland. Kneissl möchte, dass sich
steiermark. Eigentlich ein privates ßenpolitik.« Und es stimmt, sie entspricht auch Österreich stärker engagiert.
Ereignis, doch ein Video von die- nicht dem klassischen Profil einer FPÖ- Hilfe für Flüchtlinge im Sommer 2015
sem Tag wird um die Welt gehen. Es zeigt Politikerin. Kneissl liebt den Nahen Osten, und Wiederaufbau in Syrien, das ist die
Hochzeitsgäste auf einer Terrasse. Sie ha- sie spricht fließend Arabisch; im Flücht- eine Seite von Kneissl. Die andere ist Skep-
ben sich im Halbkreis aufgestellt, im Hin- lingssommer 2015 half sie als Übersetze- sis gegenüber Muslimen und der Ruf nach
tergrund hört man ein Klavier, ein Mann rin. Doch zugleich sollen unter ihr – sie härteren Gesetzen gegen Ausländer. Wie
singt. In der Mitte tanzt Karin Kneissl in ist auch für Integration zuständig – die passt das zusammen?
kurzärmeligem Dirndl mit Russlands Prä- Sozialgesetze für in Österreich lebende Vielleicht rührt Kneissls Weltbild aus-
sidenten Wladimir Putin, dunkelblauer Ausländer so verschärft werden, dass be- gerechnet aus ihrer Zeit im Nahen Osten.
Anzug, weinrote Krawatte. Er hat seinen reits Kritik von der Uno kam. Als sie in Jordanien und im Libanon lebte,
Arm um ihre Taille gelegt. Als das Lied Um die Widersprüche von Karin Kneissl tobten dort Konflikte, die auch von außen
vorbei ist und die Klaviertöne verklingen, zu verstehen, muss man im Nahen Osten befeuert wurden. So kämpften jordanische
bedankt sich Kneissl für den Tanz mit anfangen. Sie wuchs in Jordanien auf, Sicherheitskräfte Anfang der Siebzigerjah-
einem tiefen Knicks vor Putin. wo ihr Vater als Pilot arbeitete. Danach re gegen die palästinensische Guerilla, die
Diese Geste – der vermeintliche Kniefall studierte sie Jura und Arabisch, machte ein Staat im Staate war – und gegen die
von Österreichs Außenministerin vor dem acht Jahre lang als Diplomatin Karriere, Syrer, die die Palästinenser unterstützten.
russischen Autokraten – hat Kneissls Amts- bis sie 1998 kündigte und auf einen Bau- Kneissl kennt religiöse Spannungen aus
zeit schon früh definiert. Sie kann, wenn ernhof in Niederösterreich zog. 20 Jahre eigener Anschauung. Sie ist mit Wider-
man sie danach fragt, bis heute nicht ver- lang arbeitete sie als Nahostexpertin: Vor- sprüchen groß geworden, sie scheint sich
stehen, dass deswegen ihr Rücktritt gefor- träge, Artikel, Interviews. bis heute nicht an ihnen zu stören.
dert wurde. Es ist Mitte Dezember, die Au- Sie distanziert sich zwar von den ras-
ßenministerin sitzt in ihrer Suite im Grand- sistischen Parolen der FPÖ, deren Minis-
Hyatt-Hotel in Muskat, Oman, und sagt: Sie distanziert sich terin sie ist. Sie hält es mit der Philosophie
»Ich halte es mit Edith Piaf. Ich hoffe, dass von den rassistischen der Aufklärung, mit der Gleichstellung
ich in meinem Leben immer sagen kann: von Mann und Frau, eine klassische Bil-
›Je ne regrette rien.‹« Als Fehler könnte sie Parolen der FPÖ, dungsbürgerin, die Bertolt Brecht zitieren
zwar »eine außenpolitische Entscheidung deren Ministerin sie ist. kann. Stolz zählt sie auf, wie viele Frauen
sehen, mit der ich voll danebenliegen wür- unter ihr im Ministerium befördert wur-
de. Aber die Hochzeit habe ich nicht als den – mindestens drei. Kneissl schätzt
außenpolitische Entscheidung betrachtet.« Als während des Arabischen Frühlings eine Weltordnung, die auf Verständigung
Wie kam Putin dorthin? Kneissl traf ihn 2011 viele über die neue Demokratie- und Normen basiert. Als Österreich über-
das erste Mal zwei Monate vor der Hoch- bewegung jubelten, warnte Kneissl, diese raschend den Uno-Migrationspakt nach
zeit, sagt sie, bei seinem Besuch in Wien, sei vor allem eine Bewegung junger Män- jahrelangen Verhandlungen nicht anneh-
davor kannte sie ihn nicht. Sie habe da- ner mit zu viel Testosteron. Im Sommer men wollte, habe sie kurz vor dem Rück-
mals gerade die frisch gedruckten Einla- 2015 kam erneut eine Warnung von ihr, tritt gestanden, heißt es im Ministerium.
dungen verteilt, also habe sie ihm auch diesmal vor unkontrollierter Zuwande- Wiens Ausscheren bewirkte, dass andere
eine gegeben. Ihre Mitarbeiter erzählen, rung. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache Rechtskonservative folgten: So lehnten
sie hätten erst wenige Tage vor der Hoch- wurde auf sie aufmerksam. Ungarn, Tschechien und die Slowakei den
zeit von der Zusage des russischen Präsi- Von 2016 an hielt sie Seminare für die Pakt ab, Österreich enthielt sich.
denten erfahren und ihr dringend davon Partei, die einst von Altnazis gegründet Kneissl blieb trotzdem im Amt. Offen-
abgeraten. Kneissl habe gesagt: »Ich habe worden war. Vorträge über »Die neue Völ- bar ist sie überzeugt, so größeren Schaden
ihn eingeladen, jetzt kann ich ihn nicht kerwanderung – regionale Hintergründe von Österreich abwenden zu können. »Ich
wieder ausladen, das macht man nicht.« und Folgen für Europa« und den Nahen habe darauf hingewirkt, dass wir uns ent-
Karin Kneissl ist 54 Jahre alt und par- Osten. Sie schien kein Problem damit zu halten«, sagt sie. Ein Kompromiss – Stra-
teilos, sie wurde während der Koalitions- haben, sich auf die FPÖ einzulassen. Und che wollte ein Nein.
verhandlungen mit der konservativen die Partei, die nach den Wahlen sechs Mi- Sie gehört nun der »proisraelischsten
ÖVP von der rechtspopulistischen FPÖ nisterien erhielt und Mühe hatte, geeignete Regierung«, so Kanzler Sebastian Kurz,
nominiert. Die FPÖ hatte schon 2016 einen Kandidaten zu präsentieren, sah in Kneissl in der Geschichte Österreichs an. Wien
Kooperationspakt mit der Kremlpartei die ideale Besetzung für das Außenministe- sucht die Aussöhnung mit Israel, denn
»Einiges Russland« geschlossen. Sie fordert rium: parteilos, eher proeuropäisch und noch immer weigert sich das Land, Minis-
ein Ende der Wirtschaftssanktionen gegen weiblich. Kaum vorstellbar, dass Präsident ter, die für die FPÖ antreten, zu empfan-
Russland. Warum sollte man da nicht auch Alexander Van der Bellen sie ablehnen gen. Im Außenministerium heißt es nun,
mit Putin tanzen? würde, was ihm laut Verfassung erlaubt ist. man wolle Premierminister Benjamin Ne-
Aber so einfach ist es nicht. Kneissl dis- Kneissl ist verwundert, als der deutsche tanyahu in Aussicht stellen, bei der Uno
tanziert sich immer wieder von der FPÖ: Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und der EU gegen israelkritische Erklä-

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rungen zu stimmen. Kneissl trägt diesen


Kurs mit.
Aus dem Ministerium hört man, die Au-
ßenministerin wolle unbedingt privat für
ein Wochenende nach Damaskus fahren,
bisher habe man sie davon jedoch abbrin-
gen können. Das sähe so aus, als würde
ein EU-Mitglied den Boykott gegenüber
Baschar al-Assad brechen.
Warum sieht sie das selbst nicht? Viel-
leicht weil sie, wie sie sagt, keine Politike-
rin ist. Und anscheinend auch nicht vorhat,
eine zu werden. Ebenso wie sie sich keiner
Partei verpflichtet fühlt. Kneissl macht,
was sie will: Sie tanzt mit Putin, schreibt
Artikel und hält Vorträge, die nur ihre Mei-
nung, aber nicht die der Regierung wieder-
geben. Sie geht auf Opec-Treffen, obwohl
die gar nicht in ihre Zuständigkeit fallen.
Anders als üblich hat sie viele Karriere-
diplomaten auf ihrem Posten belassen und
nicht nach politischen Sympathien aussor-
tiert. Mit einigen ist sie per Du. Sie hat etwas
Kumpelhaftes, sie kann charmant, witzig
sein – und bisweilen auch distanzlos.
Als die Außenministerin auf einer Reise
nach Kuwait gegen 22 Uhr abends mit
fünf Männern ihrer Delegation im Hotel
eincheckt, ruft sie auf dem Hotelflur vor
ihrem Zimmer: »Wer kommt noch mit in
den Pool?«
Einige der Herren schauen etwas be-
treten, entschuldigen sich: Sie müssten
noch arbeiten, Mails beantworten.
Gegen 22.30 Uhr steht sie in hell-
blauem Badeanzug und weißen Hotel-
schlappen am beheizten Pool. Rund 20
Minuten zieht die Ministerin ihre Bahnen,
Kopf über Wasser. Neben ihr schwimmt
ihr Nahost-Abteilungsleiter. Die beiden
unterhalten sich über drei Österreicher,
die überraschend in einem anderen ara-
bischen Land erkrankt und verstorben
sind. Eigentlich ist das kein Stoff für
Außenminister. Doch Kneissl wird noch
bis drei Uhr nachts Mails zu diesen und
anderen Konsularfällen schreiben, so wird
sie es beim Frühstück berichten.
Am Vormittag wird sie vom Kronprin-
zen empfangen, es folgen fünf Stunden Ge-
spräche in verschiedenen Ministerien,
abends fliegt sie nach Oman, um mit dem
Außenminister zu sprechen. Später wird
sie erzählen, sie habe mit ihm auch über
grausame Tiertransporte in die Hauptstadt
Maskat diskutiert, ihr sei das ein zentrales
Anliegen. Ihre Beamten hatten das Thema
nicht vorgesehen, doch Kneissl sagt: »Ich
falle immer wieder aus dem Skript, das ist
INGO PERTRAMER / DER SPIEGEL

kein Problem.« Raniah Salloum

Videoanalyse
Wie Österreich
Außenpolitik betreibt
spiegel.de/sp062019kneissl
oder in der App DER SPIEGEL
Parteilose Kneissl: »Wer kommt noch mit in den Pool?«

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TECH. SGT. GREGORY BROOK/U.S. AIR FORCE VIA THE NEW YORK TIMES / LAIF
US-Soldat bei Trainingsflug: Ein Bürgerkrieg könnte folgen

War alles umsonst?


rungstruppen wissen, dass sie den Krieg
militärisch nicht gewinnen können – auch
wenn die Taliban in den vergangenen Jah-
ren größere Geländegewinne machten.
Afghanistan Donald Trump möchte die US-Truppen vor der nächsten Seit die Nato den Großteil ihrer Truppen
2014 abzog, starben 45 000 afghanische
Präsidentschaftswahl abziehen. Ein Sondergesandter soll Sicherheitskräfte, mehr, als der Staat an
dem Land schnell Frieden bringen. Dabei kann vieles schiefgehen. Nachwuchs rekrutieren kann. Etwa die
gleiche Zahl an Kämpfern fiel auch aufsei-

E
ten der Taliban.
s wäre nicht ohne Ironie, wenn raus aus Syrien. Er möchte bei der Präsi- Die Taliban weigern sich bisher, mit der
ausgerechnet er die Taliban nach dentschaftswahl 2020 wiedergewählt wer- Regierung in Kabul zu sprechen. Khalilzad
17 Jahren wieder an die Macht zu- den, und ein gewichtiges Argument dafür hat deshalb an der Regierung vorbei mit
rückbrächte: Zalmay Khalilzad, soll sein, dass er die US-Soldaten aus fernen ihnen verhandelt. Es ist fraglich, ob die
Sonderbeauftragter von US-Präsident Do- Kriegen nach Hause bringt. beiden wichtigsten Konfliktparteien einer
nald Trump für Afghanistan, hat diese Wo- Khalilzad soll nun sehr schnell ein fast Teilung der Macht zustimmen werden.
che Grundzüge eines Vertrags zwischen unlösbares Problem lösen. Dabei kann vie- Kann es so etwas wie ein gemeinsames
den Taliban und den USA vorgestellt. Er les schiefgehen. Ein Diplomat formuliert politisches System geben, mit gewählten
soll den Krieg in Afghanistan beenden. es so: »Auf der einen Seite muss Khalilzad Repräsentanten, wenn die Taliban die De-
Khalilzad, geboren vor 67 Jahren in Ma- den Taliban genug geben, damit sie sagen mokratie grundsätzlich ablehnen?
sar-i-Scharif, später ausgewandert in die können, sie hätten gewonnen. Auf der an- Wahrscheinlicher ist, dass die Taliban
USA, steht am Anfang und nun auch am deren Seite muss er ihnen sagen: Das ist versuchen werden, die Regierung zu stür-
Ende des US-Einsatzes in Afghanistan. jetzt zwar ein Gewinn für eure Bewegung, zen, wenn die USA erst einmal abgezogen
Nach den Anschlägen vom 11. September aber das heißt nicht, dass ihr jetzt die Re- sind. Ein Bürgerkrieg könnte folgen.
2001 half er Präsident George W. Bush, den gierung seid.« Dennoch sagt Saad Mohseni, er unter-
Krieg gegen die radikalislamischen Taliban Trump ist der erste US-Präsident, der stütze jeden Versuch, diese Blockade zu
vorzubereiten; er wurde Botschafter in Ka- der Forderung der Taliban nachgibt, direkt beenden. Der Krieg müsse aufhören, er
bul und in Bagdad, er stand für die Idee, mit den Amerikanern zu verhandeln, und dauere schon 40 Jahre. Mohseni betreibt
diesen Ländern die Demokratie zu bringen. einen Sondergesandten bestimmt hat. in Kabul den populären privaten Fernseh-
Nun ist es Khalilzads Aufgabe, diese Idee Grundsätzlich war das richtig, um etwas sender Tolo TV. Das Programm zeigt ne-
im Dienst seines neuen Chefs abzuwickeln. in Gang zu setzen. Sowohl die Taliban als ben Nachrichtensendungen auch Politsati-
Trump will nur eines: raus aus Afghanistan, auch die vom Westen unterstützten Regie- re und Musikshows. Frauen spielen eine

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Ausland

wichtige Rolle, als Protagonistinnen, Re- offen ist – die entscheidende Botschaft aus mit den Amerikanern, sagt der Führer
dakteurinnen, Kamerafrauen. Seit 2016 hat Khalilzads Gesprächen lautet: Es ist vor- einer militanten Gruppe in Pakistan. Der
Mohseni im Krieg elf Mitarbeiter verloren. bei. Das Engagement der USA und des Mann hilft, die Gespräche zwischen den
Die Taliban verstünden, glaubt Mohse- Westens neigt sich dem Ende zu. Ein Taliban-Delegationen zu organisieren.
ni, dass sich Afghanistan nicht mehr ab- Kampf, der rund 140 000 Menschenleben Man habe zwar wichtige Punkte verhan-
schotten lasse wie in den Neunzigerjahren. kostete und die Amerikaner allein über delt, es seien bisher aber »höchstens 15
Aber er ist auch besorgt, wenn die Ameri- eine Billion Dollar. Bald wird sich die Fra- Prozent« der Sachverhalte diskutiert wor-
kaner das Land verlassen: »Wir müssen si- ge stellen, was davon bleibt. Was wird mit den, sagt er.
cherstellen, dass die Fortschritte, die wir den mühsam aufgebauten Institutionen, Die wirklich »kritische Phase« beginne
errungen haben, wie Frauenbildung und der Verfassung? Werden die Lehrpläne in am 25. Februar in Katar. Für die Taliban
freie Medien, nicht einer schnellen einsei- den Schulen erhalten bleiben, die Förde- wird dann ein Mann namens Mullah Abdul
tigen Vereinbarung geopfert werden.« rung von Mädchen und Frauen? Waren Ghani die Verhandlungen führen, besser
Seit 2013 unterhalten die Taliban im bald 18 Jahre Krieg umsonst? bekannt als Mullah Baradar. Er war lange
Golf-Emirat Katar ein Büro, damit sich Ex-Geheimdienstchef Nabil ist sich si- die Nummer zwei hinter dem bis heute ver-
Unterhändler der verfeindeten Parteien cher: »Nein, Afghanistan hat sich verän- ehrten Gründer der Bewegung, Mullah
an einem neutralen Ort begegnen können. dert. Die Anzahl der Universitätsabsol- Omar, der 2013 starb. Die Mehrheit der
Das jüngste Treffen war das fünfte zwi- venten ist massiv gestiegen. Das Bildungs- Taliban steht angeblich hinter ihm – ange-
schen den Amerikanern und den Taliban niveau ist höher, Frauen sind aktive Mit- sichts der Spaltungen innerhalb der Grup-
seit Frühjahr 2018, es dauerte länger als glieder der Gesellschaft. Das sind alles pe ist das nicht selbstverständlich.
jedes andere zuvor. Man kann es als Zei- große Fortschritte.« Es gebe nun einen In einem sind sich die meisten Betei-
chen der Ernsthaftigkeit beider Teilneh- Staat, es gebe Institutionen, auch wenn ligten einig: Die Frist, die Trump seinem
mer werten. Die Parteien verständigten
sich auf vier Eckpunkte.
Erstens: Die Taliban stellen sicher, dass
internationale Terroristen wie al-Qaida
oder der sogenannte Islamische Staat af-
ghanischen Boden nicht wieder als Ope-
rationsbasis nutzen können.
Zweitens: Die USA ziehen ihr Militär
komplett aus Afghanistan ab.
Drittens: Die Afghanen beginnen einen
»innerafghanischen Dialog« darüber, wie
sich die Gruppierungen künftig die Macht
teilen wollen.
Viertens: Mit Beginn dieses Dialogs tritt
ein umfassender Waffenstillstand in Kraft.
In Kabul fühlen sich viele überrumpelt

PARWIZ PARWIZ / REUTERS


vom Vorgehen der US-Regierung. »Wir
bekommen zu wenig Informationen aus
den Verhandlungen«, sagt Rahmatullah
Nabil, ein ehemaliger Geheimdienstchef.
»Wir sollten einen Frieden in Afghanistan
nicht als ein Mittel zum Zweck, sondern
als Ziel sehen.« Die USA seien aufgrund Taliban-Kämpfer in der Provinz Nangarhar: Sie erhöhen dauernd ihre Forderungen
des Wahlkampfs in Eile, die Taliban er-
höhten dauernd ihre Forderungen, und er
mache sich Sorgen, dass ein eilig verhan- sie schwach seien. »Eine neue Generation Unterhändler für den Truppenabzug ge-
delter Friede nicht nachhaltig wäre. »Es von Afghanen ist herangewachsen, mit setzt hat, ist deutlich zu kurz. Manche be-
könnten sich die Ereignisse von 1992 wie- einer anderen Mentalität. Es gibt mehr als fürchten, Zalmay Khalilzad könnte ange-
derholen, als nach einem Friedensvertrag 20 Millionen Handynutzer. Viele Millio- sichts der Zeitnot ähnlich vorgehen wie
das Land im Bürgerkrieg versank.« Es nen haben Zugang zum Internet und zu 2001, als alles anfing. Damals hatte er
brauche Garantien, insbesondere von Pa- den sozialen Medien. Gegen diesen Fort- maßgeblich dazu beigetragen, dass War-
kistan, der Schutzmacht der Taliban – das schritt kommen die Taliban nicht an.« lords aus den Neunzigerjahren in der neu-
sich nun im Kampf um Einfluss in Afgha- Wie es in den Gesprächen weitergehen en Regierung machtvolle Positionen er-
nistan gegen die USA durchgesetzt hat. soll, ist unklar. Es heißt, Trumps Sonder- hielten.
Offiziell ist Pakistan ein Verbündeter beauftragter Khalilzad suche fieberhaft Thomas Ruttig, Co-Direktor des Afgha-
der Amerikaner in diesem Krieg. Doch die nach einer Lösung. Weil die Taliban nur nistan Analysts Network, befürchtet, Kha-
Interessen waren von Anfang an gegen- mit »gesellschaftlichen Gruppen« spre- lilzad könnte auch diesmal Politiker und
sätzlich. Die USA wollten in Kabul eine chen wollen, soll die afghanische Regie- Warlords, die nur ihre Klientel versorgen,
unabhängige Demokratie aufbauen, die rung nur als eine von mehreren Parteien als Verhandlungspartner der Taliban be-
Pakistaner strebten nach dem Gegenteil. behandelt werden. Es ist eine problemati- nennen – die Zivilgesellschaft bliebe dann
Afghanistan sollte militärisch schwach und sche Konstruktion, sie stellt die Legitimität ausgeschlossen. Eine Herrschaft der Tali-
politisch abhängig bleiben von Pakistan, jenes Staates infrage, den rund 40 Natio- ban und der Warlords, das wäre für Afgha-
ein sicheres Hinterland im Konflikt mit nen 17 Jahre lang verteidigten. nistan die Wiederauflage eines Albtraums.
dem Nachbarn Indien. Pakistan hat, wenn Die Taliban haben intern offenbar noch Susanne Koelbl, Sohail Nasir, Fritz Schaap
die Amerikaner nun abziehen, im Prinzip erheblichen Abstimmungsbedarf. Man sei Mail: susanne.koelbl@spiegel.de
gewonnen. Denn auch wenn vieles noch weit entfernt von einem Friedensvertrag

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ILLUSTRATION: CRISTIANA COUCEIRO / VICTORIA JONES / THE NEW YORKER / CONDE NAST; DPA

Steele, Auszüge aus seinem


»Dossier«

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Ausland

Das Steele-Testament
USA Im Zentrum von Donald Trumps Russlandaffäre steht ein geheimnisvolles Dossier,
das ein britischer Ex-Spion zusammengetragen hat. Seine Mutmaßungen hängen
dem Präsidenten bis heute nach – und vieles davon hat sich bewahrheitet. Eine Spurensuche.

D
ie Geschichte des Geheimpapiers, wolke über Trump. Vergangene Woche Das Dossier besteht aus 17 Einzelberich-
das Donald Trump seit Beginn zählte die »New York Times« über hun- ten, die Steele zwischen Juni und Dezem-
seiner Amtszeit verfolgt, bedroht dert Kontakte von Trump und dessen Ver- ber 2016 verfasst hat. Es ist 35 Seiten lang.
und zornig macht, fängt in einem bündeten zu Russland – Treffen, E-Mails, Die Auftraggeber waren Politrechercheure
kargen Büro in der Innenstadt von London Textnachrichten, allein im Zeitraum zwi- in Washington, die Firma heißt Fusion
an, einen Steinwurf vom Buckingham- schen Kandidatur und Amtseinführung. GPS. Zunächst wurde sie von einem Groß-
Palast entfernt. Grauer Teppichboden, kah- Inzwischen hat Sonderermittler Robert spender der Republikaner beauftragt, Ma-
le Wände, in der Mitte ein Konferenztisch Mueller 34 Verdächtige angeklagt, darun- terial gegen Trump zu sammeln, später
aus dunklem Holz. Auf einer Kommode ter Trumps früheren Wahlkampfchef Paul wurde sie von den Demokraten bezahlt.
stehen Holzfiguren mit den aufgemalten Manafort. Er taucht im Steele-Dossier ne- Steele alarmierte bereits im Juli 2016
Porträts russischer Schriftsteller, Tolstoi, ben vielen weiteren Trump-Verbündeten das FBI über seinen Verdacht. Zusammen
Gogol, Dostojewski. Erinnerungen an Mos- auf. Die jüngste Anklage erhob Mueller mit Erkenntnissen des FBI bildete das Dos-
kau. Aus dem Nebenzimmer dringt Tasta- vorige Woche gegen den langjährigen sier den Urknall der Affäre. Steele trägt
turgeklapper. Die Firma Orbis Business Trump-Vertrauten Roger Stone. Stone soll letztlich einen Teil der Verantwortung da-
Intelligence hat hier ihren Sitz, eine Art Zeugen bedrängt und einen Kongressaus- für, dass ein Sonderermittler eingesetzt
Minigeheimdienst für die Privatwirtschaft, schuss über seine Kommunikation mit der wurde. Was sich bei Steele vor mehr als
geleitet von zwei Briten. Sie heißen Chris- Enthüllungsplattform WikiLeaks angelo- zwei Jahren noch unglaublich und unfass-
topher Steele und Christopher Burrows. gen haben, die im Präsidentschaftswahl- bar las, klingt heute wesentlich plausibler.
Steele und Burrows haben viel gemein- kampf gestohlene E-Mails der Demokra- Der vulgärste und bis heute unbestätig-
sam, nicht nur den Vornamen. Graue Haa- ten veröffentlichte. Stone bestreitet das. te Vorwurf ist gleich am Anfang des Dos-
re, unauffälliges Äußeres, poliertes Mittel- Das Russlanddossier von Christopher siers nachzulesen, auf Seite 2. Trump soll,
schichtsenglisch. Steele ist 54 und lebt in Steele liegt im Zentrum des Skandals. so Steeles Quellen, bei einem Besuch im
der Grafschaft Surrey, Burrows ist 60 und Wenn man es heute liest, erscheint es wie Moskauer Hotel Ritz Carlton Prostituier-
lebt in York. Englischer geht es nicht. Be- eine Vorschau auf alles, was seither ge- ten dabei zugesehen haben, wie sie auf ein
vor sie ihre Firma gründeten, vor zehn Jah- schehen ist. Viele der Namen, die heute Bett urinierten, in dem Barack Obama
ren, arbeiteten sie für den britischen Aus- Trumps Russlandaffäre dominieren, er- einmal übernachtet hatte. Die russischen
landsgeheimdienst MI6. Steele war jahre- schienen darin zum ersten Mal, zum Bei- Behörden hätten, so der Informant, »ge-
lang als Agent undercover in Moskau tätig spiel Aras Agalarow, ein russischer Immo- nug peinliches Material« gesammelt, um
und leitete später die Russlandabteilung bilienmogul. Oder Trumps Ex-Anwalt Trump erpressen zu können.
des Dienstes; Burrows war in Indien, Grie- Michael Cohen, der ehemalige Wahl- Trump bestreitet alle Vorwürfe. Vorige
chenland und Brüssel. Beide dienten als kampfberater Carter Page, Trumps frühe- Woche nannte er Steeles Dossier auf Twit-
Spione für das Königreich. rer Nationaler Sicherheitsberater Michael ter erneut »komplett erfundenen Schwach-
Der Unterschied ist: Steele redet nicht, Flynn, Rosneft-Chef Igor Setschin – sie sinn«, der von Clinton bezahlt worden sei.
zumindest nicht öffentlich. Burrows tut alle tauchen in Steeles Papier auf, sie Das Papier lässt ihn nicht los.
es – einmal vor einem Jahr mit dem »New alle sind inzwischen wichtig für Robert Die Geschichte des Russlanddossiers
Yorker«. Und jetzt mit dem SPIEGEL. Mueller. schwankt zwischen Spionagekrimi und Ma-
Christopher Steele ist der Autor fiafilm, sie spielt in London, Berlin,
des Dossiers über Donald Trump Prag, Moskau, New York und Wa-
und dessen Umfeld, das vor zwei shington. Zu den handelnden Figuren
Jahren an die Öffentlichkeit gespült zählen Steele und Burrows, die Ex-
wurde, kurz vor der Amtseinfüh- Agenten; Trumps früherer Wegge-
rung des 45. Präsidenten der USA. Trump, Putin fährte Michael Cohen; der Journalist
In dem Papier zitierte der Ex-Spion Ben Smith, Chefredakteur von Buzz-
NICHOLAS KAMM / AFP; MIKHAIL KLIMENTYEV / AP

hochrangige Quellen aus Russland, Feed News, der vor zwei Jahren ent-
die unerhörte Anschuldigungen er- schied, das Dossier zu veröffentlichen;
heben: Trump soll jahrelang von Pu- sowie Carter Page, ein Russlandfan,
tins Regime umworben und unter- der mit Morddrohungen lebt.
stützt worden sein, im Sommer 2016
soll sein Wahlkampfteam gemeinsa-
me Sache mit den Russen gemacht I. Die Spione
haben, um Hillary Clinton zu schä- Christopher Burrows ist der Typ Ge-
digen und die Wahl zu gewinnen. heimagent, der andere schnell für
Seit mehr als zwei Jahren hängt sich einnimmt. Feinsinnig, belesen,
die Russlandaffäre wie eine Gewitter- musisch, er kann sich auf Griechisch

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Steele und Burrows sind überzeugt da-


von, dass sich Spione befreundeter Mächte
gegenseitig unterstützen sollten, wenn sie
Cohen, Unheil vermuten. Beide Männer bewegen
Manafort, sich in einer Welt von Leuten, die im Ver-

TIMOTHY A. CLARY / AFP; DAMON WINTER / NYT / REDUX / LAIF; OLIVIER DOULIERY / ABACAPRESS / DDP IMAGES; J. SCOTT APPLEWHITE / AP; SARAH SILBIGER / NYT / REDUX / LAIF
Page, borgenen arbeiten, mit sensiblen Informa-
Flynn, Stone tionen handeln und morgens mit dem Be-
wusstsein ins Büro gehen, sie trügen das
Gewicht der Welt auf ihren Schultern. Sie
halten sich für unentbehrlich, sind aber,
wie im Fall von Christopher Steele, nicht
bereit, darüber öffentlich zu reden. Sie
sind keine Spione, sondern Geschäftsleute.
Burrows sagt: »Wir haben auch deut-
sche Behörden informiert, als wir Infor-
mationen erhielten, dass sich Terroristen
unter syrische Flüchtlinge mischten.«
Steeles erster Bericht an seine Auftrag-
geber stammt vom 20. Juni 2016, der zwei-
te vom 26. Juli. Anfang August wurden die-
se beiden Berichte in Rom an FBI-Beamte
übergeben. Steeles Erkenntnisse sickerten
in die bereits laufenden US-Ermittlungen
gegen Trumps Wahlkampfteam ein.

II. Der Zeuge


Michael Cohen war jahrelang der Mann
fürs Grobe in der Trump-Organisation.
»Wir waren um die nationale Wie ein Tatortreiniger, der auftaucht,
wenn der Boss mal wieder Mist gebaut hat.
Sicherheit besorgt.« Er ist von gedrungener Statur und hat den
Gang eines Amateurboxers, der damit
rechnet, gleich eine verpasst zu bekom-
men. Noch vor 17 Monaten sagte er, für
Trump würde er eine Kugel abfangen. In-
zwischen kooperiert er mit Mueller und
wurde zum Kronzeugen in der Affäre.
Cohens Geschichte zeigt, wie sehr das
Dossier Entwicklungen vorausnahm, die
erst Monate, teils Jahre später an die Öf-
fentlichkeit gelangten. Steeles Verdacht
war gewaltig: Cohen soll während des
Wahlkampfs an einem klandestinen Tref-
fen mit Gesandten des russischen Präsi-
verständigen, Deutsch, Französisch. Er Informationen, die man in Geheimdienst- denten teilgenommen haben. Laut Steeles
sitzt in einem Café in Berlin nicht weit kreisen ›raw intelligence‹ nennt.« Die Be- Quelle, dem Freund eines »Kreml-In-
vom Savignyplatz, es ist eine eher unan- richte seien zum größten Teil eine Zusam- siders«, soll das Treffen mit den Russen in
genehme Dienstreise. Burrows’ Firma menfassung von Tipps aus Quellen, die Prag stattgefunden haben, im August oder
führt einen Rechtsstreit mit dem deutschen Steele aus seiner Zeit in Russland kannte. September 2016. Cohen sagt bis heute, er
Konzern Bilfinger. Es geht um ausstehende Eine Mischung aus Wissen, Gerüchten und sei nie in Prag gewesen.
Honorare nach einer Recherche im Auf- Hörensagen. Kein »Dossier«. Cohen ist auch deshalb die interessan-
trag des Unternehmens, 150 000 Euro. Ein Geheimdienst würde die Hinweise teste Nebenfigur dieser Saga, weil er im-
Burrows kennt Berlin von früher. Ende mit Daten anreichern, Plausibilitäten prü- mer wieder neue Skandale befeuerte. Erst
der Siebzigerjahre kam er als Student in fen, Analysen schreiben, es ist ein aufwen- tauchte sein Name im Russlanddossier
die Stadt, Mitte der Achtzigerjahre als Bot- diger Prozess. Steele ist aber kein Geheim- auf, dann sagte er voriges Jahr, er habe auf
schaftsangehöriger. Er bestellt auf Deutsch dienst. Seine Firma beschäftigt acht Leute. Weisung Trumps einer Pornodarstellerin
Kalbsleber Berliner Art und sagt: »Wir ha- Steele ist ein Mann mit guten Kontakten. 130 000 Dollar Schweigegeld gezahlt, um
ben nicht damit gerechnet, dass die Er- Seine Aufgabe war, zu untersuchen, ob deren mutmaßliche Affäre zu vertuschen.
kenntnisse zu Russland an die Öffentlich- und falls ja, wie Trumps Leute mit den Laut Dossier soll sich Cohen mit drei
keit gelangen würden.« Russen kooperieren. Als er Indizien fand, weiteren Trump-Emissären in Prag unter
Es ist das zweite Mal, dass er sich in der die die These bestätigten, informierte er anderem mit einem Mann namens Oleg
Sache öffentlich äußert, das erste Mal die US-Behörden. »Wir waren um die na- Soloduchin getroffen haben. Bei dem Tref-
sprach er vergangenes Jahr mit einer Jour- tionale Sicherheit besorgt«, sagt Burrows. fen soll es angeblich um Zahlungen an ru-
nalistin des »New Yorker«. Burrows sagt, Immerhin sei es um einen Präsidentschafts- mänische Hacker gegangen sein, die unter
er ärgere sich darüber, dass von einem kandidaten gegangen, der womöglich von der Federführung des Kreml gegen Clinton
»Dossier« die Rede sei. »Es sind vielmehr Russland manipuliert wurde. gearbeitet hätten. Cohen und Soloduchin

86 DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019


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Ausland

hätten diskutiert, wie sie Geld an die Ha- Tschechen von ihren ausländischen Part- projekt in Moskau anzulügen. Die Nach-
cker leiten könnten und wie sich die Ko- nern nicht mitgeteilt worden. richt erschütterte Washington, auch wenn
operation zwischen Trump und Putins Steele war die Prag-Geschichte derart der Sonderermittler sie rasch dementieren
Leuten verschleiern lasse. wichtig, dass er fünf Wochen nach Trumps ließ. Cohen, immer wieder Cohen.
Steele schreibt: Trumps Leute und die Wahlsieg noch ein Update zu Cohen ver- Smith sagt, er habe von der Existenz
Russen seien sich bei dem Treffen einig ge- fasste. Es sollte der letzte seiner 17 Berichte des Dossiers vor Weihnachten 2016 erfah-
wesen, dass die rumänischen Hacker ab- sein, datiert auf den 13. Dezember 2016. ren. Er war nicht der erste Journalist, der
tauchen und »andere Agenten sich in ein Seine vorherigen Berichte lagen bereits von Steeles Recherchen hörte. Steele war
Versteck in Plowdiw, Bulgarien, zurück- auf dem Tisch von James Comey, damals damals selbst nach Washington gereist und
ziehen und stillhalten« sollten. FBI-Chef. Das Steele-Dossier begann, in hatte ausgewählte Reporter informiert.
Was für eine Story – wenn sie stimmt. Washington die Runde zu machen. Ende Oktober erschien in der Zeitschrift
Trumps Anwalt soll mit dem Kreml kon- »Mother Jones« ein Artikel, der die Um-
spiriert haben. Wenn sich das belegen lie- risse von Steeles Erkenntnissen wiedergab.
ße, käme es einem Landesverrat gleich. III. Der Journalist Smith wollte das Dossier haben.
Aber bislang gibt es dafür keinen Beleg. Die US-Zentrale von BuzzFeed News liegt BuzzFeed News lässt sich nicht mit der
Ende vorigen Jahres berichtete die US- nicht weit vom East Village in New York »New York Times« vergleichen, die Seite
Zeitungsgruppe McClatchy, eines von Co- entfernt, in der sechsten Etage eines Bü- ist bunt, bildlastig, kippt ab und zu ins
hens Mobiltelefonen habe sich zum frag- rogebäudes. Eine Assistentin führt an lan- Knallige, man merkt, dass hier viele Leute
lichen Zeitpunkt bei Mobilfunkmasten gen Reihen von Bildschirmen vorbei, vor unter 50 arbeiten. Gleichzeitig bemüht
nahe Prag eingeloggt. Die Journalisten be- denen Redakteure sitzen, und bittet in sich Ben Smith, auch investigative Recher-
zogen sich auf vier anonyme Quellen. einen gläsernen Konferenzraum. Auf chen zu veröffentlichen. »Wir berichten
Doch Cohen wiederholt, er sei nie in Prag dem Tisch verstreut liegen Zettel, Bücher, seit mehr als zwei Jahren aggressiv über
oder sonst wo in Tschechien gewesen. Notizen, im Regal steht eine halb leere den Russlandskandal«, sagt er.
Oleg Soloduchin, der angebliche Kon- Whiskyflasche. Ende Dezember 2016 schickte Smith ei-
taktmann aus Russland, arbeitet für eine Ben Smith entschuldigt sich für die Ver- nen Reporter nach Washington, um Steeles
russische Regierungsagentur in Prag. West- spätung, er kommt von einem Fernseh- Dossier zu finden. Teile davon waren bei
liche Dienste gehen davon aus, dass die interview. Am Abend zuvor meldete Buzz- Kongressabgeordneten gelandet. Der Mann
Agentur dem russischen Geheimdienst na- Feed, Cohen habe Sonderermittler Robert wurde bei einem Mitarbeiter des Think-
hesteht. Soloduchin schreibt dem SPIEGEL, Mueller erzählt, er sei von Trump instru- tanks des inzwischen verstorbenen US-Se-
er sei weder Cohen begegnet noch anderen iert worden, den Kongress über ein Bau- nators John McCain fündig. Kurz darauf
aus Trumps Umfeld. Er habe nie hatte Smith das Dossier in der
für Geheimdienste gearbeitet. Hand. Was sollte er damit tun?
Weder Steele noch Burrows »Wir haben eine Menge Re-
wollen sich zu den einzelnen porter darauf angesetzt«, sagt
Vorwürfen im Dossier äußern. Smith. Ein Team machte sich an
Vertraute von ihnen erzählen, die Arbeit, Fakten zu recherchie-
die beiden seien sich ziemlich si- ren. Es war nicht einfach. Viele
cher, dass Cohen im Spätsom- Behauptungen lassen sich unter
mer in Prag war. Es gebe keinen Zeitdruck und mit begrenzten
Beweis, aber Indizien. Cohen Ressourcen schlecht überprüfen,
könnte mit einem Privatjet über vor allem wenn man keinen di-
einen bayerischen Flughafen ein- rekten Draht zu Trump oder
gereist sein, von dort hätte er die Putin hat. Ein BuzzFeed-Repor-
tschechische Grenze passieren ter flog mit einem Foto von Mi-
können, ohne kontrolliert zu chael Cohen nach Prag und frag-
werden. Cohens Anwalt sagt, er te Hotelangestellte, ob sie den
wolle das nicht kommentieren, Der Sonderermittler ist dabei, Mann kennten. Dann, mitten in
und verweist auf Cohens De- das Wahre vom Unwahren zu die Recherche, platzte ein CNN-
menti vom August 2017, in dem Bericht, der erstmals »Memos«
dieser alle Vorwürfe bestreitet. trennen. eines früheren Geheimagenten
Dazu passt eine Geschichte, erwähnte.
die bei Geheimdienstlern in Es war der 10. Januar 2017.
Europa die Runde macht. Der Smith sagte: Wir stellen das Pa-
tschechische Geheimdienst soll- pier ins Netz.
te demnach im »Auftrag eines Es war eine der folgenreichs-
befreundeten Dienstes« ein Tref- ten journalistischen Entschei-
fen zwischen Soloduchin und ei- dungen der vergangenen Jahre.
ner zweiten Person überwachen. Ein Geheimpapier, das dem
Die Observierung sei jedoch frisch gewählten Präsidenten
abgebrochen worden, »da die unterstellt, mithilfe des Kreml
JIM WILSON / NYT / REDUX / LAIF

Sache zu sensibel und die Sicher- die Wahl gewonnen zu haben,


heitsvorkehrungen rund um das lag plötzlich offen vor den
Treffen zu engmaschig waren«. Augen der Welt. Der Unter-
Die Russen hatten »Gegen- schied zu anderen Enthüllun-
maßnahmen eingeleitet«. Der Mueller gen war, dass es sich nicht um
Grund für die Operation sowie Regierungs- oder Geheimdienst-
mögliche Teilnehmer seien den erkenntnisse handelte. Sondern

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Ausland

um die Gesprächsnotizen eines Ex-Spions europäischen Geheimdiensten gefüttert ner Haustür in York. »Meine Frau ist mit
mit Freunden in Russland. worden, um einen Krieg gegen Russland den Kindern für ein paar Tage nach Nor-
»Für uns war es eine große Sache, das Dos- herbeizureden. Er habe drei Jahre lang in den gefahren, zu Freunden. Ich bin für
sier zu veröffentlichen«, sagt Smith. Die US- Russland gelebt. »Ich kenne die Wahrheit.« eine Nacht bei unserer ältesten Tochter in
Öffentlichkeit habe das Recht, das Original- Es ist ein mäanderndes Gespräch. Page London untergekommen.«
dokument zu sehen. Als Steele seine Berichte besitzt das Talent, auf eine Frage so wort- Steele traf es härter. Sein Bild war in
schrieb, sagt Smith, wussten die Amerikaner reich keine Antwort zu geben, dass man den Zeitungen zu sehen, im Fernsehen, im
kaum etwas über die Versuche der Russen, vergisst, worauf man hinauswollte. Er will Internet. Er tauchte zwei Monate lang un-
die Wahl zu beeinflussen. »Im Sommer 2016 nicht sagen, von wo er anruft, wegen der ter, übernachtete bei Freunden und ließ
waren das explosive Anschuldigungen.« Todesdrohungen, die er erhalte. »Ich be- sich einen Vollbart wachsen, damit er nicht
Unter US-Journalisten begann ein Wett- finde mich in den Vereinigten Staaten.« erkannt werde. »Am meisten machte er
rennen um Exklusivmeldungen. Es schien, Hat er den Rosneft-Chef je getroffen? sich Sorgen um seine drei Katzen«, sagt
als hinge Trumps Präsidentschaft noch vor »Noch nie«, sagt er. Burrows. »Wir wurden belagert und wuss-
seiner Amtseinführung am seidenen Fa- Hat er mit anderen bei Rosneft geredet? ten nicht, ob nicht ein Verrückter uns an
den. Weniger als zwei Wochen nach seiner »Lassen Sie mich jemanden erwähnen, den die Kehle wollte.« Sie hatten den Verdacht,
Amtsübernahme entließ Trump seinen Si- ich getroffen habe. Er arbeitete für Gaz- dass eine israelische Detektei aus Ex-Mos-
cherheitsberater Michael Flynn, weil die- prom und heißt Gerhard Schröder.« sad-Agenten auf sie angesetzt war.
ser über Kontakte zum russischen Bot- Er hatte nie mit Rosneft-Leuten zu tun? Inzwischen hat sich die Aufregung ge-
schafter gelogen hatte; im Mai feuerte der »Okay, am 6. Juli 2016 war ich in Mos- legt. Die beiden Ex-Spione können wieder
Präsident FBI-Chef James Comey, wohl kau auf einer Party, veranstaltet von einer ihrer Arbeit nachgehen, auch wenn sie
in der Hoffnung, die Ermittlungen zu be- amerikanischen Bank. Da waren Dutzen- durch das Dossier in Prozesse gegen die
erdigen. Dann kam Mueller. de Leute. Ich kam zufällig mit einem Typ russische Alfa-Bank und den Unternehmer
BuzzFeed profitiert immer noch von von Rosneft ins Gespräch. Riesensache Alexei Gubarew verwickelt sind. Die Zahl
dem Dossier. Und Smith’ Reporter leben also.« Er meint das ironisch. der Anfragen nach ihren Dienstleistungen
bis heute von Steeles Erkenntnissen. habe sich erhöht, sagt Burrows. Letztlich
war das Dossier gut fürs Geschäft.
Michael Cohen, Trumps einstiger Ver-
IV. Der Betroffene trauter, wurde im Dezember zu drei Jahren
Carter Page saß am Flughafen von Boston Freunde von Steele er- Haft verurteilt. Er wird die Strafe im März
und wartete auf seinen Flug in den Nahen antreten. Cohen sagt, er und seine Familie
Osten, als Smith das Steele-Dossier veröf- zählen, er glaube, dass fühlten sich von Trump »bedroht«, deshalb
fentlichte. Page ist ein drahtiger Glatzkopf, »80 bis 90 Prozent« hat er eine geplante öffentliche Anhörung
der rot im Gesicht wird, wenn er nervös überraschend abgesagt. Es klang wie bei
ist. Er war einst bei der US Navy, arbeitete
des Dossiers stimmten. den »Sopranos«. Nächsten Freitag soll er
in einer Investmentbank und diente sich nun vor dem Kongress erscheinen, unter
schließlich dem Team von Trump als außen- Ausschluss der Öffentlichkeit.
politischer Berater an, mit Spezialisierung Steeles Russlandberichte sind zwei Jah-
auf Energiewirtschaft und Russland. re nach der Veröffentlichung erstaunlich
Heute sagt Page: »Ich war nur eine klei- aktuell. Jede Woche gibt es in der Russ-
ne Nummer. Ein unbezahlter Freiwilliger.« Sicher ist: Page war einer derjenigen im landaffäre »Breaking News«, immer noch
Steele schreibt auf Seite 9 des Dossiers, Wahlkampfteam, die einen Draht nach geht es um Geschichten, die man aus dem
Page habe sich im Sommer 2016 heimlich Moskau hatten. Steele hat das dokumen- Dossier kennt. Robert Mueller ist dabei,
mit dem Chef des russischen Öl-und-Gas- tiert. Die Nähe von Page zu Putins Leuten das Wahre vom Unwahren zu trennen.
Konzerns Rosneft getroffen. Die beiden ist ein Mosaikstein im Russlandpuzzle, Freunde von Christopher Steele erzäh-
hätten über eine Lockerung der Sank- weil sie zeigt, wie eng die Kontakte von len, dass der Ex-Agent glaube, »80 bis
tionen diskutiert, die das US-Finanzminis- Trumps Umfeld nach Moskau waren. 90 Prozent« der Inhalte aus dem Dossier
terium gegen den Rosneft-Chef und ande- Page spürt die Nachbeben des Dossiers stimmten. Vielleicht habe sich hier und da
re Vertraute Putins erlassen hatte. Auf bis heute, er ist in juristische Kleinkriege eine Quelle geirrt oder übertrieben, aber
Seite 30 des Dossiers steht, Page seien verstrickt. Unter Russlandkennern in Wa- in den zentralen Punkten hätten sich seine
Rosneft-Anteile angeboten worden, sollte shington gilt er als hoffnungsloser Putin- Informationen bestätigt. Besonders in der
Trump die Sanktionen kippen. Versteher. Vor sechs Jahren versuchten Frage, ob und inwieweit Russland Einfluss
Page bestreitet all das – das Treffen mit zwei russische Undercoveragenten in New auf die Präsidentschaftswahlen genom-
dem Rosneft-Chef, das finanzielle Ange- York, ihn als Informanten anzuwerben, men hat. Trump habe sich durch seine
bot, die Diskussion um eine wohlwollen- das ist bekannt, weil das FBI damals das Geschäfte in Russland kompromittieren
dere US-Außenpolitik gegenüber Moskau. Telefonat abhörte. lassen, das hätten seither unzählige Ent-
Seine These lautet: »Herr Steele wurde an- Das Urteil der Russen über Page: Er sei hüllungen gezeigt.
geheuert, um eine Wahl zu beeinflussen.« ein »Idiot«. Und was ist mit dem Vorwurf, Trump
Page meint: nicht zugunsten von Trump, habe Prostituierte bestellt, die in Moskau
sondern zugunsten von Hillary Clinton. angeblich auf ein Hotelbett pinkelten, in
Er hat sich Anfang dieser Woche zu V. Die Folgen dem die Obamas einst schliefen? Selbst
einem kurzen Telefonat bereit erklärt, das Chris Burrows, der Ex-Spion und Steele- Steele-Vertraute zweifeln, ob sich dafür je
dann doch über eine halbe Stunde dauert. Partner, bestellt nach dem Essen einen ein Beleg finden wird. Steele gebe auf die-
Parallel schickt er Textnachrichten und Kaffee. Er sagt, die Wochen nach der Ver- se Frage immer nur dieselbe Antwort:
E-Mails an den SPIEGEL mit Links zu öffentlichung des Dossiers seien die furcht- »Die Quellen dafür waren gut.«
Websites und Dokumenten, die seine barsten seines Lebens gewesen. Fotogra- Christoph Scheuermann, Jörg Schmitt
Unschuld untermauern sollen. Page sagt, fen und Kameraleute hätten vor seinem Twitter: @chrischeuermann
Steele sei mit falschen Informationen von Büro gewartet, irgendwann auch vor sei-

88 DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019


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Sport
»Er jagte Angreifer, bis er vor Erschöpfung kotzte.« ‣ S. 96

GET T Y I MAGE S / N AT I O N AL BASK ET BAL L ASSO C I AT I O N ( 2 ) ;


Spieler mit den meisten
Endspielteilnahmen
in ausgewählten Sportarten
Tom Brady Bill Russell Kareem Abdul-Jabbar Claudio Pizarro* Roger Federer
seit 2000 1956 bis 1969 1969 bis 1989 seit 1999 seit 1998
NFL Super Bowl NBA-Finalserie NBA-Finalserie DFB-Pokalfinale Grand-Slam-Finale

IMAGO SPORT (3)


American Football Basketball Basketball Fußball Tennis
*7 Finalteilnahmen und ein weiteres Mal
im Kader ohne Einsatz; ebenfalls 7 Teilnahmen:
Oliver Kahn, Philipp Lahm und Franck Ribéry

seit 1967 (erster Super Bowl) insgesamt seit 1967 insgesamt seit 1967 insgesamt seit 1967
9 Endspielteilnahmen 12 10 7 7 30 30
17,0% 16,7 % 19,2% 9,3% 13,5% 6,0% 14,4%
53 Endspiele gesamt 72 52 75 52 499 209

In Rente gehen will Tom Brady, 41, auch nach seinem neunten als jedes andere Team der Super-Bowl-Geschichte. Verglichen mit
Super Bowl nicht. Das hat der Quarterback vor dem Finale vielen anderen Sportarten ist diese Dominanz außerordentlich –
erklärt, bei dem Sonntagnacht die New England Patriots auf die was aber auch an der höheren Anzahl der Endspiele liegt. Zählt
Los Angeles Rams treffen. Brady beherrscht die National man wie beim Super Bowl nur die Endspiele seit 1967, wird Brady
Football League: Er zog mit den Patriots häufiger ins Finale ein noch vom Basketballer Kareem Abdul-Jabbar übertrumpft.

Magische Momente SPIEGEL: Am Ende hatten Sie fast eine


halbe Sekunde Rückstand.
»Wir tanzten durch den Schnee« Jörg: Ich habe alles versucht, aber Ester
war an diesem Tag unschlagbar. Zumal
Snowboarderin Selina Jörg, 31, aus Sonthofen über ihr Olympiasilber sie als Schnellste der Quali wählen durfte,
auf welcher Seite sie starten will. Ihre
SPIEGEL: Vor knapp einem Jörg: Moment. Noch wichtiger war für rote Piste war definitiv etwas besser in
Jahr ging es für Sie mich das Halbfinale. Schließlich war es Schuss als meine blaue.
in Korea um den Olym- nach Vancouver und Sotschi mein dritter SPIEGEL: Im Ziel wurden Sie bereits von
piasieg im Parallel- Versuch, eine olympische Medaille zu Ramona Hofmeister erwartet.
riesenslalom. Wie fühlt gewinnen. Ich wollte nicht wieder mit lee- Jörg: Ich hatte mitbekommen, dass sie
sich die Niederlage ren Händen dastehen. Als ich am letzten Bronze gewonnen hat, und so tanzten wir
heute an? Tor kurz auf die andere Seite schaute und mit Freudentränen zusammen durch den
Jörg: Sie fühlt sich nach wie vor großartig niemanden sah, wusste ich: Es ist vollbracht! Schnee. Wahnsinn. Wir hatten es geschafft.
FREDERIK NEBAS

an. Ich habe damals Silber gewonnen und SPIEGEL: Und dann? Wir waren auf dem Podest. Es war toll, all
nicht Gold verloren. Jörg: Dann wurde ich wieder zum Start das zu zweit zu erleben. Zu Hause sind
SPIEGEL: Gold ging an Ester Ledecká, die gefahren, es ging um die Sahne auf der meine Eltern vor dem Fernseher ausge-
einige Tage zuvor sensationell im Super-G Torte. flippt. In der Nacht war so ein Alarm, dass
triumphierte. Eine Snowboarderin, plötzlich ein Nachbar im Bademan-
die im Alpin-Ski gewinnt, hatte es tel vor der Tür stand.
zuvor niemals gegeben. SPIEGEL: In der kommenden
Jörg: Ich konnte das nur im Live- Woche findet in den USA die Welt-
ticker verfolgen und dachte, ich sehe meisterschaft statt. Sie vertrauen
nicht richtig. seit Korea einem Glücksbringer.
SPIEGEL: Wie tickt die Doppel- Jörg: Meine Cousine Angelika hat
olympiasiegerin Ledecká? mir vor Pyeongchang ein Messing-
Jörg: Sie ist unnahbar. Im Weltcup hufeisen mit Gravur geschenkt.
LEE JIN-MAN / DPA

zieht sie sich komplett zurück. Ich Ich habe es seitdem nicht mehr aus
habe keinen Kontakt zu ihr und die dem Rucksack genommen. Das
anderen Fahrer auch eher wenig. Ding ist verdammt schwer, aber
SPIEGEL: Wie genau lief Ihr Duell ich nehme es jetzt auch mit zur WM
um Gold? Jörg, Ledecká 2018 in Pyeongchang in Park City. PK

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Sport

»Die Fußballmafia ist überall«


SPIEGEL-Gespräch Der Portugiese Rui Pinto, der mit seinen Football-Leaks-Enthüllungen unter
dem Pseudonym John die Fußballbranche in Atem hielt, über sein Leben
in der Anonymität, die Sprengkraft seiner Dokumente und die Vorwürfe, er sei ein Hacker

MARIA FECK / DER SPIEGEL

Urheber Pinto: »Ich bin überzeugt davon, dass ich das Richtige getan habe«

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B
udapest, VII. Bezirk. Das massive SPIEGEL: Der europäische Haftbefehl, den Aber ich weise den Vorwurf zurück, eine
Portal, das in den Hinterhof eines eine portugiesische Staatsanwältin gegen Straftat begangen zu haben.
Altbaus führt, lässt sich nur mit Sie ausgestellt hat und der zu Ihrer Fest- SPIEGEL: Ermittler in Portugal sollen Sie
einer mehrstelligen Zugangsnum- nahme führte, beschuldigt Sie der Cyber- auch verdächtigen, den FC Porto mit be-
mer öffnen. Das Treppenhaus ist zugig kriminalität. Es geht um den Verein Spor- lastenden Mails des Konkurrenten Benfica
und dunkel, im zweiten Stock versperrt ting Lissabon und die Veröffentlichung ver- Lissabon versorgt zu haben. Haben Sie
ein Gittertor die letzten Meter bis zu Johns traulicher Mails im Jahr 2015. Was sagen etwas damit zu tun?
Wohnungstür. Sie dazu? Pinto: Ich habe kein Statement der Behör-
Hier wohnt er, der Mann hinter Foot- Pinto: Diese Darstellung weise ich zu- den gelesen, das mich mit dem Benfica-
ball Leaks, der seit zwei Wochen un- rück. Ich bin allerdings gern bereit, Skandal in Zusammenhang bringt. Ein Ma-
ter Hausarrest steht. Der drei Jah- alles zur rechten Zeit und vor Ge- gazin hat im vorigen Herbst diese Benfica-
re lang als Phantom unter dem richt zu erklären. Geschichte gebracht. Sie veränderte mein
Decknamen John das Fußball- SPIEGEL: Ihnen wird auch vorge- Leben. Mein Foto war auf den Titelseiten
business erschütterte. Seine Da- worfen, Sie hätten versucht, die im Land. Mein Facebook-Account, meine
ten sorgten für spektakuläre Ent- Agentur Doyen im Herbst 2015 Mailadresse wurden anschließend mit
hüllungen und führten europaweit mit Ihrem Insiderwissen zu erpressen. Morddrohungen geflutet.
zu zahlreichen Ermittlungsverfahren. Pinto: Ich habe nur mit Doyen Kontakt SPIEGEL: Haben Sie mit Ihrem Wissen
Über 70 Millionen Dokumente, viele da- aufgenommen, um die Unrechtmäßigkeit über kriminelle Geschäfte in der Fußball-
von als streng vertraulich markiert, über- ihrer Handlungen bestätigt zu bekommen. branche jemals Geld gemacht?
gab er dem SPIEGEL, der das Material mit Diese wurde deutlich angesichts des Geld- Pinto: Um eine klare Antwort zu geben:
dem Recherchenetzwerk European Inves- betrags, den sie zu zahlen bereit waren, nein, niemals.
tigative Collaborations (EIC) teilte. um die Veröffentlichung zu verhindern. SPIEGEL: Haben Sie Angebote erhalten,
John heißt mit bürgerlichem Namen Rui SPIEGEL: Das klingt wie eine Erpressung. Ihre Daten zu verkaufen?
Pinto, sein Anwalt gab seine Identität nach Pinto: Nein, ich wollte nur sehen, wie hoch Pinto: Mehrere. Einmal erreichte mich
der Festnahme vorvergangene Woche der Wert, wie groß die Bedeutung der Do- eine anonyme Mail, in der man mir mehr
preis. Der 30-jährige Portugiese wartet kumente und Informationen für Doyen als eine halbe Million Euro anbot. Ich habe
nun auf die Entscheidung eines ungari- war. Ich dachte, ich könnte das herausfin- das alles abgelehnt.
schen Gerichts. Ihm droht die Abschie- den, indem ich erfahre, wie viel es Doyen SPIEGEL: Der Anwalt, der für Sie 2015 mit
bung nach Portugal – und ein Prozess in sich kosten ließe, mich zum Schweigen zu Doyen verhandelte, hatte Sie zuvor schon
seinem Heimatland. bringen. Ich hatte nie die Absicht, das Geld in einer Auseinandersetzung mit der Ca-
Pinto öffnet das Gittertor. Er lächelt ver- anzunehmen. Ich wollte Doyen nur vor- ledonian Bank auf den Cayman Islands
legen. An den Füßen trägt er Pantoffeln, führen. vertreten. Portugiesische Medien berich-
sein Hosenbein wölbt sich am linken Knö- SPIEGEL: Sie haben sogar einen Anwalt ten, Sie hätten dieser Bank 300 000 Dollar
chel. »Das ist mein neuer Freund«, sagt er eingeschaltet, der einen Deal für Sie regeln entwendet. Stimmt das?
und zeigt auf seine Fußfessel. Dort ist ein sollte. Er hat sich mit dem Doyen-Ge- Pinto: Das ist nicht die wahre Geschichte.
Sender eingebaut, Pinto darf seine Woh- schäftsführer getroffen. SPIEGEL: Wie geht die wahre Geschichte?
nung nur bis zu diesem Gittertor verlassen. Pinto: Ich wollte sehen, was sie ihm bieten. Pinto: Ich darf über die genauen Umstän-
Der SPIEGEL ist gemeinsam mit einem Während er verhandelte, habe ich weiter de nicht sprechen, weil ich eine Verschwie-
Team des NDR und einem Reporter des in den Dokumenten gelesen. Da habe ich genheitserklärung mit der Bank unter-
französischen Investigativportals Media- mir gesagt: Wenn ich mich jetzt kaufen las- schrieben habe. Eines ist sicher: Wenn
part nach Budapest gereist. Pinto wird zwei se, bin ich doch kein bisschen besser als ich mich strafbar gemacht hätte, hätte
Tage lang über sein Leben und über die dieses Business. Also schrieb ich Doyen, die Bank mich angezeigt. Der Fall ist nie-
Vorwürfe reden, denen er sich ausgesetzt dass sie ihr Geld behalten sollten. Ich habe mals vor Gericht gelandet, mein Vor-
sieht. Seine Wohnung ist winzig, andert- widerstanden. Es ist kein Cent geflossen. strafenregister ist bis zum heutigen Tag
halb Zimmer, schmale Küche, enges Bad. Es war sehr naiv, was ich gemacht habe. sauber, in Portugal und sonst wo auf der
Wenn ich zurückblicke, bereue ich das. Welt.
SPIEGEL: Herr Pinto, sind Sie ein Hacker? SPIEGEL: Warum haben Sie sich mit der
Pinto: Ich betrachte mich nicht als Hacker, Caledonian Bank angelegt?
sondern als Bürger, der im öffentlichen In- Pinto: Damals sind Banken in Portugal
teresse gehandelt hat. Meine einzige Ab- pleitegegangen, Menschen haben ihre
sicht war es, verbotene Praktiken auf- Existenz verloren, von einem Tag auf den
zudecken, die die Welt des Fußballs be- anderen. Gleichzeitig verschwanden im-
treffen. mer mehr Gelder aus Europa. Jeder hat
SPIEGEL: Können Sie uns sagen, wie Sie gesehen, dass da etwas nicht stimmt. Ich
an über 70 Millionen Dokumente aus der wollte mir das genauer anschauen. Ich
internationalen Fußballbranche gelangt wollte das Offshore-System verstehen.
sind? SPIEGEL: Was haben Sie gefunden?
Pinto: Ich habe eine spontane Bewegung Pinto: Lehrbeispiele dafür, wie man riesige
für Enthüllungen über die Fußballindustrie Geldsummen außer Landes schaffen und
gegründet. Ich bin also nicht der Einzige, in Steuerparadiesen parken kann. Je mehr
der daran beteiligt ist. Im Laufe der Zeit ich mich damit beschäftigte, desto größere
sind immer mehr neue Quellen dazuge- Ungerechtigkeit habe ich verspürt.
kommen, die ihr Material mit mir geteilt SPIEGEL: Solche Daten könnten für Steu-
haben. So ist die Datensammlung gewach- erfahnder sehr interessant sein.
sen. Das zeigt, dass sich viele weitere Pinto: Ich weiß, deshalb habe ich sie auch
Menschen mit dieser Angelegenheit be- SPIEGEL-Titel 45/2018 behalten. Der Datensatz hat ein ähnliches
schäftigen. »Hohes öffentliches Interesse« Potenzial wie die Panama Papers, die vor

DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019 91


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Sport

knapp drei Jahren veröffentlicht wurden. Football Leaks lament, Medien in ganz Europa sowie vie-
Er zeigt, wie die Cayman Islands systema- le Ermittlungsbehörden mit meinen Daten
Die Chronik der Enthüllungen
tisch für Geldwäsche und Steuerhinterzie- beschäftigt. Ich bin überzeugt davon, dass
hung benutzt wurden. September 2015 ich das Richtige getan habe.
SPIEGEL: Was passiert mit diesen Daten? Der Portugiese Rui Pinto stellt die SPIEGEL: Hatten Sie niemals Zweifel?
Pinto: Ich würde sie gern mit Ermittlungs- anonyme Enthüllungsplattform Pinto: Doch, weil ich nicht immer einver-
behörden teilen. Aus den Dokumenten Football Leaks ins Netz. standen war mit den Ergebnissen. Vor al-
geht klar hervor, wer die Strohmänner, die lem die Ermittlungsbehörden haben mich
Banker, die Mitwisser und Helfer hinter bis April 2016 oft enttäuscht. Nehmen Sie nur die syste-
den Steuerbetrügereien waren. Regelmäßige Veröffentlichungen von matische Steuerhinterziehung der Fußball-
SPIEGEL: Kritiker von Football Leaks wer- Transferdokumenten, z. B. Wechsel branche in Spanien. Da haben sich die
fen Ihnen vor, Ihre Dokumente dürften von Gareth Bale von Tottenham Hotspur Fahnder fast immer mit Millionennachzah-
nicht verwendet werden, weil sie illegal zu Real Madrid. lungen zufriedengegeben und sind nie
beschafft worden seien. Frühjahr 2016 wirklich bis zum Ursprung des Übels vor-
Pinto: Andere behaupten, die Daten seien gedrungen. Berater, Anwälte, Banker: Sie
manipuliert, gefälscht oder aus dem Kon- Die Plattform überlässt dem SPIEGEL alle blieben weitgehend unbehelligt. Dabei
text gerissen. Sie seien deshalb vor Gericht erste Dokumente. Sie werden mit mehreren sind sie die Strippenzieher, sie haben diese
Medien des Netzwerks European Investigative
auch nicht als Beweise zulässig. Ich halte Collaborations (EIC) geteilt, um sie besser Betrugssysteme aufgebaut.
das alles für Unsinn. Die Dokumente sind auswerten zu können. SPIEGEL: Wie haben Sie reagiert?
authentisch. Darauf kommt es an – und Pinto: Ich habe weitergemacht, habe da-
auf die Inhalte. Dezember 2016 ran geglaubt, dass sich irgendwann etwas
SPIEGEL: Haben Sie bei der Beschaffung ändern muss.
Ihrer Daten eine bestimmte Agenda ver- Erste Football-Leaks-Veröffentlichungen des SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, dass
SPIEGEL und seiner EIC-Partner. Es geht unter
folgt? anderem um geheime Nebenabsprachen
Ihre Vorbilder Edward Snowden, Julian
Pinto: Ich habe recherchiert, wer die bei Spielertransfers. Assange und Antoine Deltour seien, die
Hauptakteure im schmutzigen Fußball- bekannten Whistleblower der jüngeren
Zudem werden Steuerspar-
geschäft sind, welche Agenten und Berater Vergangenheit. Sehen Sie sich in dieser
modelle von Fußballprofis

GET T Y IMAGES / GC IMAGES


am häufigsten in schmutzige Deals ver- öffentlich, darunter das von Reihe?
wickelt sind. Diese Vorgänge wollte ich Cristiano Ronaldo. Dieser Pinto: Ich will mich nicht vergleichen. Ich
offenlegen. wird gut zwei Jahre später habe das Ganze nie für mein Ego getan,
SPIEGEL: Sie hatten insbesondere zu Be- zu einer Bewährungsstrafe ich bräuchte diese Aufmerksamkeit nicht.
ginn der Football-Leaks-Veröffentlichun- von zwei Jahren verurteilt Es ging nie darum, der größte Whistle-
gen sehr viele Dokumente zu Cristiano und muss fast 19 Millionen blower der Welt zu werden, sondern da-
Ronaldo. Warum gerade zu ihm? Euro zahlen. rum, so viele Missstände wie möglich auf-
Pinto: Erst einmal vorneweg: Ronaldo ist seit November 2018 zudecken.
mein Lieblingsspieler, ich halte ihn für den SPIEGEL: Über Sie ist öffentlich bislang
Beginn einer zweiten Veröffentlichungswelle
vollkommenen Fußballer. Sein Verhalten durch den SPIEGEL und das EIC in Kooperation nur wenig bekannt. Wo in Portugal sind
außerhalb des Spielfelds muss allerdings mit dem Norddeutschen Rundfunk nach Aus- Sie aufgewachsen?
komplett anders beurteilt werden. Straf- wertung von über 70 Millionen Dokumenten Pinto: Ich komme aus Vila Nova de Gaia,
rechtlich. Dazu hat Football Leaks beige- (3,4 Terabyte Daten). einer Stadt am Atlantik, nicht weit weg
tragen und tut es auch heute noch. Es darf Die ersten Veröffentlichungen beschreiben von Porto.
uns nicht im Geringsten interessieren, ob unter anderem die Planung einer europäischen SPIEGEL: Was sind Ihre Eltern von Beruf?
unsere Lieblingsspieler oder unsere Lieb- Super League samt Abspaltung vom Fußball- Pinto: Mein Vater ist Rentner, er war über
lingsvereine betroffen sind. Das sollte doch verband Uefa. Neben Bayern München sollen 30 Jahre lang Schuhdesigner und ist sehr
beweisen, dass wir völlig vorurteilsfrei 15 weitere europäische Spitzenklubs teilnehmen. viel durch Europa gereist. Meine Mutter
handeln. blieb zu Hause. Als ich elf Jahre alt war,
SPIEGEL: Gibt es für Sie einen Unterschied Unregelmäßigkeiten beim Financial Fair Play starb sie an Krebs.
zwischen einem Whistleblower und einem der Vereine Paris Saint-Germain und SPIEGEL: Waren Sie ein guter Schüler?
Hacker? Manchester City werden publik. Pinto: Am Anfang hatte ich einen Vor-
Pinto: Ich sehe mich nicht als Hacker, nur sprung vor den anderen Kindern, weil ich
als normalen Computernutzer. Ich glaube schon mit vier Jahren lesen und schreiben
Vorwürfe gegen Fifa-Präsident Gianni
zudem nicht, dass es einen Unterschied Infantino: Einflussnahme zu- konnte.
macht, ob jemand aus dem Inneren einer gunsten von Strafmilderungen SPIEGEL: Wer brachte Ihnen das bei?
Pinto: Ich mir selbst. Und zwar beim Fuß-
IMAGO SPORT / L APRESSE

Firma belastende Dokumente an die Öf- bei Financial-Fair-Play-


fentlichkeit weitergibt oder ob er dies mit Verstößen sowie bei der ballgucken. Ich habe mir viele Spiele an-
Material tut, welches er von außen erhält. Änderung des Ethikkodex geschaut und dabei immer die Trikots und
Am Ende geht es darum, dass Whistle- der Uefa mit dem Ziel, Spielszenen gezeichnet. Irgendwann fing
blower Vorgänge offenlegen, die der Ge- Voruntersuchungen ich an, einzelne Wörter aufzuschreiben, die
sellschaft sonst verborgen blieben: Verbre- zu erschweren. der Kommentator gesagt hatte. Die Tor-
chen, Missstände, Fehlverhalten. Im bes- schützen, das Ergebnis, den Spielverlauf.
ten Fall entfachen Whistleblower damit SPIEGEL: Wie haben Ihre Eltern reagiert?
eine öffentliche Debatte und lösen Ermitt- Weitere Enthüllungen folgen: Der Umgang Pinto: Alle waren überrascht. Mein Vater
lungsverfahren der Behörden aus. mit minderjährigen Fußballern aus Entwick- war nicht sonderlich begeistert. Er sagte
SPIEGEL: Hatten Sie irgendwann das Ge- lungsländern, das regelwidrige Verhalten des mir, ich sollte nicht so fanatisch Fußball
fühl, dass Sie etwas Illegales tun? Weltstars Sergio Ramos bei einem Dopingtest gucken, der Sport würde sonst irgendwann
sowie die Steuervermeidungspraxis in der
Pinto: Nein, bis heute nicht. In den ver- mein Leben zerstören.
Premier League.
gangenen Jahren haben sich das EU-Par- SPIEGEL: Mochten Sie die Schulzeit?

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Beschuldigter Pinto unter Hausarrest*


»Mein neuer Freund«

Pinto: In Geschichte war ich sehr gut. Ma- verließen das Land, weil sie im Zuge der kaufen und teilweise für 150 Euro und
thematik, Chemie und Physik hingegen Wirtschaftskrise keine Perspektive mehr mehr wieder verkaufen.
waren eine Katastrophe. Ich habe sehr viel sahen. Politiker und gierige Unternehmer SPIEGEL: Wie kamen Sie im Herbst 2015
Fußball gespielt, war auch in der Futsal- hatten ein einst erfolgreiches Land rui- darauf, Ihre Website Football Leaks zu
Mannschaft meiner Schule. Zudem war niert. starten?
ich ziemlich beliebt, weil ich eine Art Re- SPIEGEL: Wie gingen Sie mit der Situation Pinto: Ich bin seit Kindesbeinen Fußballfan,
bell war. Ich habe mir oft lange Diskussio- um? habe aber früh kapiert, dass sich der Fuß-
nen mit den Lehrern geliefert, wenn ich Pinto: Ich wählte zunächst ein Erasmus- ball in eine völlig falsche Richtung entwi-
gemerkt habe, dass sie irgendwo unsicher Semester in Budapest. Ich liebe diese ckelt. Die besten jungen Spieler wanderten
waren. Manchmal gerieten diese Debatten Stadt. Das Licht, die Donau, die Schlösser nur noch zu Spitzenteams ab, der gesamte
außer Kontrolle, weil ich nie weiß, wann und Brücken. Ich würde gern für immer Wettbewerb verschob sich zugunsten der
es genug ist. Bis heute. hierbleiben. Zudem habe ich festgestellt, Topvereine. Der Hauptauslöser war dann
SPIEGEL: Später studierten Sie Geschichte dass es hier ein Business für mich gibt. 2015 der Fifa-Skandal. Parallel zu den Ver-
an der Universität. Woher rührt dieses In- Mein Vater interessiert sich sehr für den haftungen beim Weltverband sah ich, dass
teresse? Antiquitätenhandel, ich habe mir dazu es bei zahlreichen Transfers in Portugal zu
Pinto: Wenn man sich selbst, die Welt und auch einiges an Wissen angeeignet. In Ost- Unstimmigkeiten gekommen war. Dass im-
das eigene Land verstehen möchte, muss europa liegen viele Schätze. mer mehr Investoren in den Markt dräng-
man sich die Geschichte anschauen. Denn SPIEGEL: Sie meinen alte Bücher? ten. Ich fing an, Daten zu sammeln.
Menschen machen immer die gleichen Pinto: Und Plakate. Beides lässt sich hier SPIEGEL: Woher haben Sie das technische
Fehler. Immer. für sehr kleines Geld, ein bis zwei Euro, Verständnis? Haben Sie Informatik stu-
SPIEGEL: Sie haben Ihr Geschichtsstudium diert?
nie abgeschlossen. Warum? Pinto: Nie.
* Treppenhaus zu Pintos Budapester Wohnung, Pinto
Pinto: Im Studium änderte sich mein Ver- mit Schal des FC Porto, Handy in der Mikrowelle zum SPIEGEL: Wie haben Sie die Daten ge-
hältnis zu Portugal. Viele meiner Freunde Schutz gegen Abhörmaßnahmen, Fußfessel. prüft?

Fotos: Maria Feck / DER SPIEGEL 93


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Sport

Pinto: Ich habe gelesen. und den Rucksack leeren. Dann zeigten
Sehr viel gelesen. Ich saß sie mir den europäischen Haftbefehl, alles
jeden Tag stundenlang vor auf Ungarisch, und legten mir Handschel-
den Dokumenten und wer- len an.
tete sie aus. Je mehr ich las, SPIEGEL: Filzten die Beamten auch Ihre
desto geschockter war ich. Wohnung?
SPIEGEL: Worüber? Pinto: Sie hatten keinen Durchsuchungs-
Pinto: Sehr viele der Do- beschluss bei sich. Dennoch verschafften

MARIA FECK / DER SPIEGEL


kumente zeigten, wie Off- sie sich mit meinem Schlüssel Zutritt in die
shore-Firmen aufgesetzt Wohnung. Meine Stiefmutter war ge-
wurden, wie Spielerbera- schockt, als plötzlich neun Polizisten vor
ter sich hinter Strohmän- ihr in der Küche standen. Sie forderten
nern verbargen, wie Steu- mich auf, meine Sachen zu packen. Einer
erhinterziehung im großen sagte: Du kommst nie wieder hierher zu-
Stil ablief. Pinto (2. v. l.) beim SPIEGEL-Gespräch* rück.
SPIEGEL: Wann merkten »Todesdrohungen seit dem letzten Herbst« SPIEGEL: Konnten Sie während Ihrer Fest-
Sie, dass Sie sich Feinde nahme einen Anwalt kontaktieren?
machten? Pinto: Das untersagten sie mir. Ich verab-
Pinto: Die Firma Doyen setzte Privat- Pinto wählte ein Leben in der Anony- schiedete mich von meinen Eltern und sag-
detektive auf mich an. Eine mächtige Klub- mität. Nicht seine Person, sondern die Ent- te ihnen, dass alles gut werden würde.
vereinigung ebenfalls. Einmal sprach mich hüllungen aus seinen Daten sollten öffent- Dann wurde ich auf eine Polizeiwache ge-
eine junge Frau auf einer Party an. Sie flir- lich debattiert werden. Für investigative bracht. Ich wurde in eine Doppelzelle ge-
tete mit mir, ich merkte aber, dass da ir- Journalisten ist der Quellenschutz eine der sperrt. Der andere Typ war in Ordnung.
gendetwas nicht stimmte. Sie fragte nach wesentlichen Pflichten. Das ist der Grund, Aber in der Nacht kam jede halbe Stunde
meiner Nummer, ich gab sie ihr. Ich wollte warum der SPIEGEL Pintos Regeln akzep- ein Wächter und knipste eine Lampe an
sehen, was sie im Schilde führt. tierte, obwohl der Portugiese bis heute nie und aus, die über meiner Pritsche befestigt
SPIEGEL: War sie eine Privatdetektivin? über die Details seiner Arbeit sprechen war. Das war nur bei mir so.
Pinto: Nein, sie war Boulevardjournalistin wollte – weder darüber, wie er an die Da- SPIEGEL: Wie lange blieben Sie in der
und arbeitete für ein englisches Massen- ten kam, noch, wie viele Mitstreiter ihm Zelle?
blatt. Das bekam ich aber erst einige Wo- dabei geholfen haben. Pinto: Zwei Nächte. Dann brachte man
chen später heraus. Erst nachdem ich eine Der SPIEGEL und das Recherchenetz- mich zu der Anhörung, bei der die Richte-
SMS erhalten hatte: »Hey, wir wissen, dass werk EIC entschieden sich trotzdem, mit rin Hausarrest für mich anordnete.
Du der Typ von Football Leaks bist. Ich Pintos Dokumenten zu arbeiten, weil sie SPIEGEL: Hat die ungarische Polizei in
arbeite für eine Kanzlei, wir sind interes- authentisch sind und von hohem öffent- Ihrer Wohnung Gegenstände beschlag-
siert, Dokumente von Dir zu bekommen.« lichen Interesse; zudem mischte Pinto sich nahmt?
Sie wollte mich reinlegen. niemals in die Recherchen rund um die Pinto: Meinen Computer, etwa zehn Fest-
SPIEGEL: Wieso hat die Polizei Sie so lange Dokumente ein. Journalisten müssen un- platten, drei Mobiltelefone und noch ein
nicht gefunden? abhängig prüfen dürfen, welche Inhalte paar andere elektronische Geräte.
Pinto: Gute Frage. Ich hatte die ganze Zeit für die Öffentlichkeit nützlich sein könn- SPIEGEL: Sind diese Daten relevant für die
hier in Budapest meine Wohnung. Habe ten. In den Football Leaks haben sich auch Öffentlichkeit, weil sie womöglich Straf-
hier ganz normal gelebt. zahlreiche Hinweise auf sehr private Be- taten beschreiben?
SPIEGEL: Uns haben Sie bei unseren Tref- reiche wiedergefunden: die sexuelle Ori- Pinto: Ja, ganz sicher.
fen gesagt, dass Sie alle zwei Tage den Ort entierung von Profifußballern, Ehebruch, SPIEGEL: Um welche Datenmenge handelt
wechseln würden. aus den Fugen geratene Beziehungen. Da- es sich?
Pinto: Ich bin sehr viel gereist, ja. Aber rüber hat der SPIEGEL nie berichtet. Sie Pinto: Um zehn Terabyte, etwa sechs da-
mit meinem normalen Personalausweis. gehen die Öffentlichkeit nichts an. von habe ich noch nicht weitergereicht.
Ich habe mich nicht versteckt. Im Umgang zwischen dem SPIEGEL SPIEGEL: Haben Sie oder Ihre Mitstreiter
SPIEGEL: Ihre ungarische Freundin hat nie und Pinto gibt es eine rote Linie, die nicht Kopien dieser Daten?
etwas gemerkt? überschritten wurde: Der SPIEGEL hat Pinto: Auch dazu kann ich nichts sagen.
Pinto: Es ist sehr anstrengend, all dies zu Pinto nie darum gebeten, irgendwelche SPIEGEL: Die portugiesischen Behörden
verbergen. Meiner Freundin war klar, dass Dokumente zu beschaffen, weder auf le- streben Ihre Auslieferung an. Was wird Ih-
irgendetwas faul war, aber ich habe nie galem noch auf illegalem Weg. rer Ansicht nach mit den beschlagnahmten
mit ihr über die Details gesprochen. Ich Daten geschehen, wenn die portugiesische
wollte sie schützen. Als ich verhaftet wur- SPIEGEL: Wie und wo in Budapest sind Justiz sie bekommt?
de, ist sie fast durchgedreht. Sie festgenommen worden? Pinto: Die Ungarn dürften ihnen diese
Pinto: Es war am frühen Abend des 16. Ja- Festplatten gar nicht übergeben, denn der
Wenige Wochen nachdem die Internet- nuar. Mein Vater, der mit meiner Stiefmut- Haftbefehl gegen mich führt nur Vorwürfe
plattform Football Leaks im Herbst ter zu Besuch bei mir war, und ich kamen aus dem Jahr 2015 auf. Ich denke, die Por-
2015 online ging, nahm der SPIEGEL Kon- vom Einkauf in einem Supermarkt zurück. tugiesen wollen erst einmal die Hände auf
takt zu den Machern der Seite auf. Zu- Als wir in die Straße einbogen, in der mei- alles legen, was bei mir zu finden war, um
nächst per Mail, später ließ es Pinto auch ne Wohnung liegt, steuerten zwei Beamte dann weitere Klagen gegen mich vorzube-
zu, dass der SPIEGEL ihn besuchte. Es in Zivil auf mich zu. Sie kontrollierten mei- reiten. Aber das ist unzulässig. So funktio-
kam zu zahlreichen Treffen an unter- nen Ausweis, ich musste meine Taschen niert der Rechtsstaat nicht.
schiedlichen Orten. Allerdings stellte Pin- SPIEGEL: Worauf hoffen Sie?
* Mit den Redakteuren Michael Wulzinger (l.) und Ra-
to Regeln auf: Er wollte nicht fotografiert Pinto: Ich erwarte, dass sich Staatsanwalt-
fael Buschmann (r.) sowie dem Mediapart-Redakteur
werden, als Pseudonym benutzte er den Yann Philippin (Mitte) und dem NDR-Redakteur Nino schaften in ganz Europa zusammentun
Namen John. Seidel. werden und den ungarischen und portugie-

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sischen Behörden aufzeigen, dass meine sinnig, natürlich antwortete ich nicht. Zu
Informationen von hohem öffentlichen In- dieser Zeit hatte ich keine Anwälte. Ich SPIEGEL GESCHICHTE
teresse sind. Dass sie diese Dokumente für brauchte Zeit und eine Strategie, die mei- SONNTAG, 3. 2., 14.20 – 15.05 UHR | SKY
ihre Ermittlungen brauchen, um Verbre- nen persönlichen Schutz garantierte. Die
chen zu ahnden – Verbrechen, die wesent- glaubwürdigste Anfrage kam schon da- Sissi und der Anarchist – Das
lich schwerer wiegen als Whistleblowing. mals aus Frankreich. Attentat auf die Kaiserin
SPIEGEL: Mit welchen europäischen Er- SPIEGEL: Warum? Am 10. September 1898 ermordete
mittlungsbehörden stehen Sie in Kontakt? Pinto: Sie wirkte sehr entschlossen und der Italiener Luigi Lucheni am
Pinto: Mit mehreren. Ich weiß, dass mein professionell. Die Franzosen machten klar, Genfer See die Kaiserin Elisabeth
französischer Anwalt, William Bourdon, dass sie Fälle von Korruption, Geldwäsche von Österreich. Was trieb ihn zu
mit Staatsanwaltschaften in Belgien und und Steuerhinterziehung im Fußball ernst- der Tat, und welchen Einfluss hatte
der Schweiz in Kontakt steht. Aber getrof- haft verfolgen wollten. Ich hatte das Ge- sie auf den Lauf der Geschichte?
fen habe ich mich bislang nur mit den fran- fühl, dass ich ihnen trauen konnte, und ich
zösischen Ermittlern. brauchte einen starken Partner. Die fran-
SPIEGEL: Wann war das erste Treffen? zösischen Beamten können Ermittlungen SPIEGEL TV
Pinto: Ende 2018 in Paris. über die EU-Justizbehörde Eurojust in die MONTAG, 4. 2., 23.25 – 0.00 UHR | RTL
SPIEGEL: Ging es damals nur um Ihre Mit- Wege leiten. Ich kann meine Daten mit ih-
hilfe als anonymer Zeuge, oder hatten Sie nen teilen, und sie leiten sie dann weiter. Tempolimit 130? – Unterwegs in der
schon erwogen, Ihre Identität offenzu- Ein Kontakt reicht. Wenn die anderen Län- Autorepublik Deutschland;
legen? der ernsthaft ermitteln wollen, werden sie Alkohol während der Schwanger-
Pinto: Wir sprachen über alle möglichen Frankreich haben. Und sie werden mich schaft – Wie Kinder mit den körper-
Wege. haben. lichen Schäden leben müssen.
SPIEGEL: Haben Sie den Franzosen Ihre SPIEGEL: Hat nach den Football-Leaks-
Identität preisgegeben? Enthüllungen jemals irgendein Verband
Pinto: Ja. Ich habe ihnen gesagt, dass ich versucht, mit Ihnen in Verbindung zu tre- SPIEGEL TV REPORTAGE
John bin. ten? DIENSTAG, 5. 2., 23.10 – 0.15 UHR | SAT.1
SPIEGEL: Haben Sie den Behörden bereits Pinto: Weder Fifa noch Uefa haben sich
Unterlagen übergeben? bei Football Leaks gemeldet. Das ist frus- Feuerwache Neukölln – Retter
trierend. Ich habe unter meinem Pseudo- unter Extrembedingungen
nym John in Interviews immer wieder
»Weder Fifa noch Uefa deutlich gemacht, dass ich zur Aufklärung
Dokumente weitergeben würde, wenn ich
haben sich bei ein Zeichen erhielte. Ich bekam kein ein-
Football Leaks gemeldet. ziges.
SPIEGEL: Warum widersetzen Sie sich
Das ist frustrierend.« einer Auslieferung in Ihr Heimatland?
Pinto: Ich bin ziemlich sicher, dass ich kein
faires Verfahren in Portugal bekommen
Pinto: Ich kann dazu nur sagen, dass wir werde. Die Justiz in Portugal ist nicht voll-
kooperieren. ständig unabhängig, man stößt auf eine
SPIEGEL: Was ist mit den Ermittlungen ge- Menge versteckter Interessen. Natürlich
SPIEGEL TV

gen Ronaldo, der von einer US-Amerika- gibt es Staatsanwälte und Richter, die ihren
nerin der Vergewaltigung beschuldigt wird, Job ernst nehmen. Aber diese Fußball-
was Ronaldo bestreitet? mafia ist überall, und ihre Botschaft lautet, Berliner Feuerwehrleute im Einsatz
Pinto: Ich weiß sehr wohl, dass dazu gera- niemand soll sich mit ihr anlegen.
de Ermittlungen laufen. Aber ich ziehe vor, SPIEGEL: Fürchten Sie sich vor einer mög- Die Arbeit im Berliner Problem-
das nicht zu kommentieren. lichen Gefängnisstrafe in Portugal? bezirk Neukölln gilt als besondere
SPIEGEL: Sind die US-Behörden auf Sie Pinto: Ich bin nervös, weil ich ein Angriffs- Herausforderung. Feuerwehrmann
zugekommen? ziel bin, vor allem für Fans von Benfica ist hier kein Beruf, sondern eher
Pinto: Richtig. Lissabon. Seit dem letzten Herbst erhalte eine Berufung. Mehr als 2000-mal
SPIEGEL: Was heißt das genau? ich auf Facebook Todesdrohungen. Als im Monat rücken die Retter auf den
Pinto: Das sind laufende Ermittlungen, da- ich mich mit den französischen Ermittlern Löschzügen und in den Rettungs-
her möchte ich mich dazu nicht äußern. traf, habe ich sie ihnen gezeigt. Sie sagten, wagen aus.
SPIEGEL: Hatten sich auch schon nach den die Drohungen seien sehr ernst zu nehmen.
ersten größeren Football-Leaks-Enthüllun- Ich fürchte, dass, wenn ich ein portugie-
gen im Jahr 2016 Ermittlungsbehörden bei sisches Gefängnis betrete, vor allem eines SPIEGEL WISSEN
Ihnen gemeldet? in Lissabon, ich dort nicht lebend heraus- FREITAG, 8. 2., 21.20 – 22.00 UHR | SKY UND
Pinto: Ein paar Mails von Steuerbehörden komme. BEI ALLEN FÜHRENDEN KABELNETZBETREIBERN
habe ich bekommen, auch eine aus SPIEGEL: Herr Pinto, wir danken Ihnen
Deutschland, aus München. für dieses Gespräch. Gefahr in Verzug
SPIEGEL: Wie haben Sie sich damals ver- Die zehnteilige Serie begleitet die
halten? Spezialeinheit der Yorkshire-Ambu-
Pinto: Einige der Anfragen waren ziemlich Video lanz bei ihren schwierigen Einsätzen
So lief das Gespräch mit
forsch. Die Finanzermittler aus England Rui Pinto in der Gefahrenzone. Immer wenn
fragten als Erstes, wie ich hieße und wo spiegel.desp062019pinto
es um Leben und Tod geht, ist das
ich leben würde. Für einen Whistleblower, oder in der App DER SPIEGEL Rettungsteam vor Ort und riskiert
der anonym bleiben möchte, ist das wahn- nicht selten seine eigene Gesundheit.

DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019 95


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Sport

Makellos
American Football Shaquem Griffin ist der erste einhändige Footballprofi in den USA.
Sein Aufstieg war ein Kampf gegen Vorurteile. In der Kontroverse
um Rassismus in der Sportart gilt er nun als Symbol der Chancengleichheit.

S
haquem Griffin war acht Jahre alt, spieltour gerade gegen die Oakland Raiders Die Geschichte des ersten einhändigen
als ihm das erste Mal jemand sag- gewonnen, 85 000 Zuschauer waren da. Es Footballprofis in der NFL erzählt viel über
te, er gehöre nicht auf ein Foot- gab Breakdancer und Feuerwerk. Vorurteile. Und sie kommt zu einer Zeit, in
ballfeld. Es war ein Spiel seiner Jetzt drängen sich Reporter um Griffin der Amerikas Nationalsport von rassis-
Grundschule, in seiner Heimatstadt St. Pe- und wollen wissen, was es ihm bedeutet, tischen Ressentiments erschüttert wird. In
tersburg, Florida. Kurz vor dem Kick-off mit dem Zwillingsbruder im selben Team der schwarze NFL-Spieler, inspiriert vom
nahm ihn der Gästetrainer beiseite. Er zu spielen. Wie es ist, endlich in der besten inzwischen arbeitslosen Profi Colin Kaeper-
schaute auf ihn herab und meinte: Jemand Footballliga der Welt angekommen zu nick, während der Nationalhymne knieten,
wie du sollte nicht Football spielen. Foot- sein, deren Finale zwischen den New Eng- um gegen Polizeigewalt und Diskriminie-
ball ist für Leute mit zwei Händen. land Patriots und den Los Angeles Rams rung zu protestieren; in der US-Präsident
Shaquem liebte den Sport mehr als alles am Sonntag wahrscheinlich wieder über Donald Trump rebellierende Profis öffent-
andere, er und sein Zwillingsbruder Sha- hundert Millionen Zuschauer vor den lich zurechtweist, ihnen jeglichen Respekt
quill gehörten zu den Besten im Team. Wa- Fernseher locken wird. gegenüber ihrem Vaterland abspricht.
rum sollte er nicht spielen dürfen? »Für Griffin, die langen Dreadlocks zu einem In diesen für die NFL ungemütlichen
diesen Mann war ich nur ein kleiner Junge, dicken Zopf gebunden, richtet seinen mus- Tagen ist Griffins Aufstieg eine echte »feel-
dessen linker Arm am Handgelenk ende- kulösen Körper auf und sagt: »Ich bin good story«, wie es die Amerikaner nen-
te«, sagt Griffin. noch nirgends angekommen. Ich muss nen, eine herzerwärmende Anekdote.
An jenem Tag, so erzählt es Griffin, noch jede Menge lernen.« Es klingt nicht Doch Shaquem Griffin sagt, er wolle keine
habe er sich geschworen, dass ihm nie wie- nach falscher Bescheidenheit, eher nach »feel-good story« liefern. Er wolle keine
der jemand sagen werde, was er kann und der Demut eines Mannes, der für Erfolg Bewunderung, weil er in seiner fehlenden
was nicht. härter arbeiten musste als andere, weil Hand nie eine Behinderung gesehen habe:
An einem Sonntagabend im Herbst sitzt ihm ein Geburtsfehler seit Kindertagen »Zum Behinderten haben mich immer an-
Griffin, 23, in enger Sportunterhose in einer als Schwäche ausgelegt wurde. Als unkor- dere gemacht.«
Umkleidekabine des Wembley-Stadions in rigierbarer Makel. Wie sich sein Lebens-
London. Er ist seit dieser Saison Verteidi- weg anfühlte, fasst der Schriftzug einer Er lernte früh, aus dem mitleidigen Grin-
ger bei den Seattle Seahawks, Position Out- Goldkette zusammen, die Griffin um den sen seiner Gegenspieler Motivation zu
side Linebacker. Der Klub der National Hals trägt: »Against all odds«, gegen alle schöpfen. »Aus diesen Blicken, die fragten,
Football League (NFL) hat auf der Europa- Widerstände. was zum Teufel dieser einhändige Typ auf
dem Spielfeld verloren hat«, wie er erzählt.
Shaquem Griffin kam 60 Sekunden spä-
ter auf die Welt als sein Bruder. Er wurde
mit dem »Amniotischen-Band-Syndrom«
geboren – einer Fehlbildung, bei der sich
während der Schwangerschaft ein fibröses
Band um sein linkes Handgelenk gewickelt
und so die Blutzufuhr abgeschnürt hatte.
Seine Finger bekamen nicht genug Sauer-
stoff, sie waren weich wie ein mit Wasser
gefüllter Gummihandschuh. Jede Berüh-
rung der Haut habe wie Feuer gebrannt,
sagt Griffin.
Eines Nachts, er war vier Jahre alt, hielt
Shaquem die Schmerzen nicht mehr aus.
Er hatte sich im Bett beim Umdrehen wie-
der die schwache Hand an der Wand gesto-
ßen. Heulend rannte er in die Küche, klet-
terte auf die Spüle, zog ein Fleischmesser
aus der Schublade. Keine Finger mehr, kei-
ne Qualen mehr – das war seine Rechnung.
IMAGO / ZUMA PRESS

Mutter Tangie fand Shaquem im letz-


ten Moment, nahm ihm das Messer weg.
Am folgenden Morgen fuhr sie mit ihrem
Sohn zu einem Chirurgen, der ihm die
Hand amputierte. Nur Tage später er-
Zwillingsbrüder Griffin in St. Petersburg, Florida, 2012: »Gurkenhand« wischte sie Shaquem im Garten mit einem

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JOE NICHOLSON / USA TODAY SPORTS


Footballprofi Shaquem Griffin: »Zum Behinderten haben mich immer andere gemacht«

Football im Arm, der Verband um sein ge, der als Knirps ein Mädchen ohrfeigte, konnte. »Sie taten weh. Ich hasste diese
operiertes Handgelenk war vollgesogen weil es Shaquem als »Gurkenhand« be- Dinger«, sagt er. Oft habe er ans Aufhören
mit Blut. Er griente. Die Schmerzen wa- schimpft hatte. Der ihn bis heute ermahnt, gedacht, aber der Vater ließ ihn nicht –
ren verschwunden. dass er eher ins Bett gehen und weniger und er akzeptierte kein Selbstmitleid. Er
Shaquem und Shaquill Griffin ticken so PR-Termine wahrnehmen soll. »Ich bin sei der »Kopf« hinter ihrem Erfolg gewe-
gleich, wie es nur eineiige Zwillinge tun. mehr so der Verantwortungsvolle«, sagt sen, sagen die Zwillinge, auch in der Schu-
Sie zogen als Teenager unabhängig von- Shaquill. »Ich bin dafür witziger«, sagt le. Bei einer Zwei habe er gefragt, warum
einander die gleichen Klamotten an und Shaquem. es keine Eins geworden sei.
schalteten auf verschiedenen TV-Geräten Die Eltern behandelten den jüngeren Die Griffins galten früh als Ausnahme-
parallel zur Lieblingsserie »South Park«. Shaquem nie bevorzugt. »Er wollte sowie- talente. Nach der Footballsaison trainier-
Heute teilen sie sich in Seattle ein Haus. so immer alles allein machen«, erzählt sei- ten sie mit den Läufern. Dem Leichtathle-
Ein paar Tage vor dem Spiel in London ne Mutter Tangie. »Er konnte eher Schnür- tikteam ihrer Highschool verhalfen sie
stehen die Brüder vor dem Fitnessraum senkel binden als sein Bruder und eher auf zum ersten Landestitel seit 1956. Die
im riesigen Trainingszentrum der Sea- Bäume klettern. Er wollte es jedem bewei- Schnelligkeit wurde ihr Markenzeichen.
hawks, in Renton, einer Stadt südöstlich sen.« Der ständige Wettkampf machte die Doch während Shaquill Angebote von
von Seattle. Über die langen Gänge fahren Zwillinge stark. Top-Colleges im Football bekam, interes-
Profis mit Rollern, Bildschirme an den Vater Terry, ein Abschleppdienst-Unter- sierte sich niemand für seinen Bruder. Bei
Wänden blenden das Trainingsprogramm nehmer, trainierte die Brüder nach der Auswahlcamps warfen Trainer Shaquem
für den Tag ein, Betreuer packen die Aus- Schule im Garten hinter dem Haus. Er ließ den Ball zu wie einem Kind. Sie sagten, mit
rüstung für den Trip nach England. die Jungen über Hürden aus Backsteinen einer Hand könne er unmöglich mithalten.
Die Zwillinge sind beide 1,83 Meter springen, Hunderte Liegestütze und Sit- Die Zwillinge schlossen daraufhin einen
groß, 103 Kilogramm schwer, ihr Hände- ups machen. Für Shaquems kürzeren lin- Pakt. Es würde sie nur im Doppelpack ge-
druck ist fest, die Handballen sind voller ken Arm bastelte er eine L-förmige Holz- ben. Shaquill lehnte fortan alle Sport-
rauer Schwielen vom Gewichtestemmen. vorrichtung, um ihm das Bankdrücken zu stipendien ab, die man nur ihm anbot. Die
»Heute noch leichtes Krafttraining zum ermöglichen. Loyalität des Bruders wurde für Shaquem
Lockerwerden«, sagt Shaquill, »drückt die Den Football schmetterte der Vater bei- zum Anker in schweren Zeiten.
Milchsäure aus den Muskeln.« den Söhnen mit voller Kraft auf die Brust. Die erste Universität, die beide Griffins
Shaquill sagt, er sei immer der große Shaquem erinnert sich bis heute an »diese wollte, war die University of Central Florida
Bruder gewesen, der Beschützer. Derjeni- Raketen«, die er anfangs kaum fangen (UCF) in Orlando. Doch der Cheftrainer

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nen in den Augen. »Ein Wahnsinn, wie


ehrlich dieser junge Mann war«, sagte er
später.
Die Seahawks setzen große Hoffnungen
in den Ausnahmeathleten. Sie gaben Grif-
fin einen Vierjahresvertrag über knapp
2,8 Millionen Dollar. Doch der Anfang im
Profibusiness war schwer. Wegen eines
Ausfalls auf der Position des Linebackers
stellte ihn Cheftrainer Carroll im ersten
Saisonspiel gegen die Denver Broncos in
die Startformation.
Griffin gelang es dreimal, einen Gegner
zu stoppen, aber er wirkte trotz dieser
Tackles verloren und überfordert, war auf
dem Feld überall zu finden, nur nicht dort,
wo er sein sollte.

BRIAN SMALE / DER SPIEGEL


In den folgenden Partien kam er nur als
Ersatzmann und für spezielle Spielsitua-
tionen zum Einsatz, schaffte 11 Tackles in
16 Partien – ein eher bescheidener Wert.
»Shaquem muss auf dem Feld noch ru-
higer werden«, sagt Ken Norton Jr, Coach
Footballspieler Griffin in Renton, Washington, 2018: »Brutal schnell« der Verteidigung, »er muss lernen, seine
Schnelligkeit gezielt einzusetzen.«
Ein bis zwei Jahre dauert es, bis sich Col-
setzte auf Shaquill, Shaquem ließ er nur mit- In der NFL interessierte das zunächst legeabgänger an die Härte und das taktisch
trainieren, nötigte ihn, seine Dreadlocks um kaum jemanden – bis Shaquem Griffin ausgeklügelte Spiel in der NFL gewöhnt
20 Zentimeter zu kürzen, später verbannte das »Combine« 2018, die jährliche Leis- haben. »Jeder Anfänger kriegt den Arsch
er ihn ganz aus dem Team. Shaquem fand tungsschau für NFL-Talente, die live über- voll«, sagt ein Seahawks-Coach.
heraus, dass ihn die Universität nur rekru- tragen wird, zu seiner Show machte. Mit Shaquem Griffin sagt, er wisse, dass es
tiert hatte, um Shaquill zu gewinnen. einer Prothese an der linken Hand stemm- in der NFL nicht reiche, »Gegner umzu-
Drei Jahre lang saß Shaquem Griffin am te er beim Bankdrücken die vorgegebenen hauen«. Zumal das schwerer sei als im Col-
Wochenende allein auf seinem Campus- 102 Kilogramm 20-mal. Die 40 Yards, lege, weil sich die Teams viel akribischer
zimmer, Unit 412, Raum C, und schaute knapp 37 Meter, sprintete er in 4,38 Se- auf den Gegner vorbereiten. »Sie kennen
dem Bruder im Fernsehen beim Spielen kunden – schneller als jeder Verteidiger deine Stärken und jede deiner Schwä-
zu. In einem Sommer, als sich Shaquill mit auf seiner Position seit 15 Jahren. chen.« Er investiere jetzt viel mehr Zeit
dem Team auf die Saison vorbereitete, Talentspäher staunten, Fans feierten die in die Videoanalyse von Spielzügen; er
schleppte Shaquem zu Hause mit seinem Videos seiner Vorstellung im Netz als Sen- müsse Spiel und Gegner noch besser ver-
Vater Autos ab. Seinen Frust versuchte er sation, die Familie zu Hause in Florida lag stehen lernen, sagt er.
vor Shaquill zu verbergen. »Er sollte sich sich vor Glück in den Armen. Bei den Seahawks glauben sie, dass sich
meinetwegen nicht schlecht fühlen.« Inner- Die NFL-Klubs, allesamt millionen- die Zwillinge gegenseitig beflügeln und
lich fraß ihn die Enttäuschung beinahe auf. schwere Unternehmen, die selten von ih- die Verteidigung mit ihrer außergewöhn-
»Alles, was ich wollte, war eine Chance.« ren Idealvorstellungen abrücken, blieben lichen Athletik in Zukunft unberechen-
Griffin bekam sie im vierten Jahr an der dennoch skeptisch. Sie fürchteten, Griffin barer machen.
UCF vom neuen Cheftrainer Scott Frost. würde die im Vergleich zum College-Foot- Im gespaltenen Amerika wirkt der Auf-
Der sagt heute über Shaquem, er habe nie ball kräftigeren Angreifer nicht zu fassen stieg Shaquem Griffins schon jetzt wie ein
zuvor einen Spieler härter arbeiten sehen. bekommen. Jim Nagy, damaliger Talent- Weckruf, wie eine personifizierte Forde-
»Er jagte Angreifer, bis er vor Erschöpfung sucher der Seahawks, sah das anders. rung nach mehr Toleranz und Gleich-
kotzte.« Griffins fehlende Hand sei nie ein »Shaquem schlägt brutal schnell und prä- berechtigung. Dankend angenommen hat
Hindernis gewesen. »Er hat diese wahn- zise zu«, sagt er. Für die Seahawks-Trainer Griffins Botschaft vor allem der Sportarti-
sinnige Explosivität und diese Niemals- habe er die Videoaufnahmen von College- kelhersteller Nike, der ihn anlässlich des
aufgeben-Einstellung.« Einsätzen in Zeitlupe abspielen müssen, 30. Jubiläums seines Werbeslogans »Just
damit sie ihm glaubten, dass er mit nur ei- do it« zu einem Gesicht seiner Reklame-
Während sich sein Bruder schon auf ner Hand verteidigt. Shaquem Griffin be- kampagne machte.
die Profikarriere vorbereitete, reifte Sha- sitze einen scharfen Instinkt für die Lauf- In dem Spot wirbt Griffin neben dem
quem an der Uni zum Anführer seines wege der Gegner. »Und wo Shaquem hin- früheren NFL-Profi Kaepernick, der Ten-
Teams. Einmal lief er mit gebrochener geht, tut es weh.« nisspielerin Serena Williams und dem Bas-
rechter Hand auf, trotzdem riss er den Noch mehr imponiert habe den Sea- ketballer LeBron James für Chancengleich-
gegnerischen Quarterback, den Spiel- hawks-Verantwortlichen das Vorstellungs- heit – und ein unerschütterliches Vertrauen
macher, zweimal zu Boden. Die Liga kürte gespräch mit Griffin, erzählt Nagy. Sha- in die eigenen Fähigkeiten.
ihn 2016 zum besten Verteidiger, ein Jahr quem berichtete darin, wie man ihn an »Wer hätte gedacht, dass ein Kind wie
darauf verhalf er der UCF zum Gewinn der Uni kleingehalten hatte, wie er ver- ich einmal Profi wird?«, fragt Shaquem
einer College-Meisterschaft. Sportkom- sucht hatte, den Groll zu schlucken, wie Griffins Konterfei auf einem Werbebanner
mentatoren sprachen von der »inspirie- er vor Verzweiflung fast aufgegeben der Kampagne – und gibt die Antwort
rendsten Geschichte des College-Foot- hätte. Dem sonst eher knurrig wirkenden gleich dazu: »Ich.« Matthias Fiedler
balls«. Cheftrainer Pete Carroll standen die Trä-

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Wissenschaft+Technik
Es verdursteten Pferde, Esel und sogar Kamele. Flughunde fielen tot von den Bäumen. ‣ S. 106

HGM-PRESS
Auf in den Schnee, Gänse! Während es uns Menschen in dieser Jahreszeit ins Warme zieht, bricht das
Federvieh in die entgegengesetzte Richtung auf: von New Mexico in den Norden Kanadas. Dort herrscht
derzeit Eiseskälte – aber die Tiere brauchen ohnehin noch eine gute Weile für die lange Reise. Das
Schneegänsekollektiv folgt dem ewigen Plan, den die Gene den Zugvögeln diktieren: Im Norden wollen
sie ihren Nachwuchs ausbrüten. Und ab August mit den Jungtieren wieder gen Süden fliegen.

Kommentar

Arme Seele
Woran die Reform der psychotherapeutischen Versorgung krankt

Wer auf Partys genau hinhört, wird früher oder später ein Gespräch angehender Therapeuten verbessern sollen. Das sind richtige An-
dieser Art verfolgen können: »Ach, du machst auch eine Therapie? sätze. Dennoch fielen Politiker aus der Opposition und diverse Ver-
Wie lange hast du gesucht, bis du einen Therapeuten gefunden bände über die Reformentwürfe her. Inzwischen kann kaum ein
hast?« Viele Menschen haben keine Hemmungen mehr, über ihre Betroffener den verwinkelten Argumentationen von Politikern und
psychotherapeutische Behandlung zu sprechen. Wer sich von Funktionären in dieser Debatte noch folgen; es ist ein Tohuwabohu.
einem Psychologen oder Psychiater helfen lässt, gilt heutzutage Dabei lassen sich aus Patientensicht klare Forderungen formu-
nicht mehr automatisch als »bekloppt«. Doch leider bedeutet dies lieren: Ein Betroffener braucht Hilfe, und zwar schnell. Auch aus
nicht, dass Menschen mit angeknackster Seele auch gute Thera- ökonomischen Gründen – ein lange leidender Patient wird für den
pien zuteilwerden. Häufig warten Betroffene sehr lange auf einen Staat teuer. Außerdem müssen die Krankenkassen Hilfesuchenden
Platz; vor allem in ländlichen Regionen gibt es viel zu wenige endlich das ganze Spektrum möglicher Therapien anbieten; und
Therapeuten. Und überall ist das Gefälle zwischen qualifizierten es braucht kompetente Aufklärung darüber, welche Therapieform
und weniger qualifizierten Fachkräften anscheinend sehr groß. angemessen ist. Scheindiagnosen, um bei der Kasse mehr The-
Aus dem Haus von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn rapiestunden herauszuschlagen, sind im Sinne einer Heilung fatal.
(CDU) kamen jüngst Entwürfe für Gesetzesänderungen, die Patien- Eine Reform, die diese Punkte berücksichtigt, wäre für hilfe-
ten den Zugang zu einer Therapie erleichtern und die Vergütung bedürftige Menschen ein Gewinn. Frank Thadeusz

100 DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019


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Aquaristik sengeschichte erzählen. Tiere, die auf Geschichte

»Das Bersten war


engem Raum nicht miteinander leben
konnten, haben einander verschlungen.
Sechs Tage scheintot?
ein Horror«
Algen wucherten, bis man nichts mehr  Im Vergleich zu seinem Leben als
sah. Aquarien zersprangen, denn es gab Eroberer war der Tod Alexanders des
noch keinen Kitt, der die Scheiben zuver- Großen eher schmählich: Er fiel nach
Mareike Vennen, 36, Wissenschaftlerin lässig zusammenhielt. Das Bersten war einem Gelage ins Koma und starb 323
am Institut für Kulturwissenschaft ein Horror, der die gesamte Aquarien- vor Christus, erst 32-jährig. Und doch
der Humboldt-Universität zu Berlin, literatur durchzieht. Aber als größter beschäftigt Wissenschaftler gerade
über die Erfindung des Aquariums. Störfall galt Schlamm. das frühe Ableben des Feldherrn. Nach
Dessen kuriose Entwicklung hat sie SPIEGEL: Gehört der nicht zur Unter- gängigen Theorien wurde Alexander
in einem Buch rekonstruiert. wasserwelt dazu? entweder vergiftet oder Opfer seines
Vennen: Oftmals ja, aber das war den exzessiven Alkoholkonsums. Beson-
SPIEGEL: Wie kamen Menschen darauf, frühen Aquarianern nicht klar. Schließ- ders mysteriös: Sechs Tage lang, so die
Meerestiere in Glaskästen zu sperren? lich wurde dadurch die klare Sicht in die Überlieferung, zeigte der Körper des
Vennen: Man kann das nicht auf eine Glaskästen getrübt. Erst in den Siebziger- Verstorbenen keine Verwesungszei-
Jahreszahl oder einen einzelnen Akteur jahren des 19. Jahrhunderts schauten sich chen – trotz der großen Hitze in Meso-
zurückführen. Mitte des 19. Jahrhunderts Meeresforscher wie Karl August Möbius potamien. Diese Merkwürdigkeit hat
interessierten sich englische Naturkund- auch die schlammige Lebenswelt der die Wissenschaftlerin Katherine Hall
ler auf ganz neue Weise für das Leben im Meerestiere näher an. Möbius entdeckte
Meer. Zu der Zeit sammelte man alles allmählich die Bedeutung des Schlamms
Mögliche in der Natur: Farne, Schmetter- für einen intakten Unterwasserlebens-
linge, Muschelschalen. Schließlich began- raum – allerdings mit einigem ästheti-
nen sie, auch lebende Wassertiere mit schen Widerwillen, wie er in seinen Auf-
nach Hause zu nehmen. zeichnungen vermerkte.

GETTY IMAGES
SPIEGEL: Das Aquarium ist also eine SPIEGEL: Wie kam es, dass angesichts der
Erfindung britischer Exzentriker? vielen Zwischenfälle die Begeisterung für
Vennen: Nicht nur – das hat auch etwas zu Aquarien nicht wieder abflachte?
tun mit ganz praktischen Dingen wie der Vennen: In England tat sie das tatsächlich. Bakterium Campylobacter jejuni
Glasproduktion. In Großbritannien wurde Dafür war die Euphorie in Deutschland
damals die bis dahin existierende Glassteu- umso größer, wo etliche Vereine zur För- von der Otago University in Neusee-
er aufgehoben, und so war es erstmals mög- derung der Aquariumskultur gegründet land zu einer verblüffenden neuen
lich, günstiges Scheibenglas herzustellen. wurden. Diese Szene entwickelte sich Theorie geführt. Demnach erkrankte
SPIEGEL: Und diese Glaskästen wurden sehr stark nach dem Trial-and-Error-Prin- Alexander infolge einer Infektion mit
dann Wohnungsdeko? zip. Die Aquarianer machten sich etwa dem Bakterium Campylobacter jejuni
Vennen: Das Aquarium als bürgerliches Gedanken darüber, wie sie sich gegen- am Guillain-Barré-Syndrom – einer
Prestigeobjekt kam erst deutlich später. seitig Meerestiere schicken konnten. Nur, entzündlichen Erkrankung der Nerven.
Die ersten Aquarianer waren Amateur- wie verpackt man eine lebende Seeane- Dies würde erklären, warum sich der
forscher. Sie glaubten, sie könnten die mone? Da waren kreative Lösungen Feldherr erst nicht mehr bewegen und
Unterwasserwelt des Meeres im Aqua- gefragt, mit denen die Post damals aller- dann nicht mehr sprechen konnte,
rium perfekt nachbilden. Dafür mussten dings nicht immer Schritt halten konnte. ehe er schließlich in einen komatösen
sie den Meeresbewohnern eine ganze Etliche Pakete tropften und waren auf- Zustand fiel. Dieser war von Alexan-
Umwelt schaffen, so, als befänden sich geweicht. Man mag sich gar nicht aus- ders Ärzten wohl fälschlich bereits als
diese in ihrem natürlichen Lebensraum. malen, wie viele Tiere versehentlich vom Zeichen des Todes interpretiert worden.
Man ging fest davon aus, dass die Fische Poststempel zermalmt wurden. THA Tatsächlich aber, vermutet Hall, habe
gar keinen Unterschied merken würden. der König von Makedonien als Schein-
SPIEGEL: Eine Fehleinschätzung. toter noch sechs Tage gelebt. THA
Mareike Vennen: »Das Aquarium: Praktiken,
Vennen: Allerdings! Man muss die frühe Techniken und Medien der Wissensproduktion
Geschichte des Aquariums auch als Kri- (1840 – 1910)«. Wallstein; 423 Seiten; 37 Euro.

Fußnote

100 000
Dollar, also ein Viertel seines Jahres-
gehalts als US-Präsident, spendete
Donald Trump für Forschungsprojekte
an das amerikanische National Insti-
tute on Alcohol Abuse and Alcoholism.
Trump gilt zwar als Fast-Food-Junkie,
rührt aber keinen härteren Drink
DDP IMAGES

als Cola an. Grund für diese Abstinenz


ist sein älterer Bruder Fred Jr., der
Alkoholiker war und 1981 an den Fol-
Walhai in Aquarium in Atlanta gen seiner Sucht starb.

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Wissenschaft

»Direkt ins Gehirn«


Gesundheit Sie entstehen im Verkehr, bei der Landwirtschaft, in Kraftwerken und
Kaminen: Feinstäube sind weitaus schädlicher als Stickoxide
und verpesten in Massen die Luft. Je kleiner die Partikel, desto größer die Gefahr.

L
utz-Matthias Peters will es noch gilt Medizinern als der gefährlichere Luft- langfristig sinkt, war 2018 gegen den
einmal ganz genau erklären. »Zu- schadstoff. Und zwar bereits in geringeren Trend im Jahresmittel mehr Feinstaub in
erst öffne ich die Luft«, sagt der Konzentrationen als derzeit erlaubt. der Luft als noch ein Jahr zuvor.
Schornsteinfeger und zieht einen Am Donnerstag hat das Umweltbundes- 3700 Güterwaggons (Fassungsvermö-
Regler am Kamin von Frau Nyholm. Zwei amt (UBA) die neuen Daten zur Luftqua- gen jeweils 55 Tonnen) könnte der Fein-
Holzscheite hat er in den Brennraum ge- lität veröffentlicht. Das Ergebnis: Obwohl staub füllen, der zwischen Flensburg und
legt, Anzünder aus Holzwolle darauf ge- die Schadstoffbelastung in Deutschland Garmisch-Partenkirchen innerhalb eines
packt, Kleinholz quer darüber. Peters ent-
zündet den Stapel. Sofort züngeln die
Flammen nach oben. Aber Achtung – nicht
zu hoch!
»Ein Feuer muss behutsam losbrennen«,
sagt Peters, »sonst kommt Ruß oben aus
dem Kamin. Das wollen wir vermeiden.«
Peters, 58, ist Schornsteinfegermeister
in Hamburg-Langenhorn. Heute ist er zur
»Feuerstättenschau« im Haus von Ehepaar
Nyholm. In welchem Zustand ist der
Ofen? Wird er richtig bedient? Vor allem:
Wie sollte er benutzt werden, um mög-
lichst wenig Schadstoffe auszustoßen?
Alle drei bis vier Jahre kontrolliert
Peters jeden der etwa 600 Kaminöfen in
seinem »Kehrbezirk«, gibt Hinweise zum
Betrieb des Ofens und zur Holzlagerung.
Die Bundesimmissionsschutzverordnung
will es so. Alles in Ordnung also mit Ny-
holms »Raumheizer mit Flachfeuerung«,
wie das Gerät auf Amtsdeutsch heißt?
Das Heizen mit Holz gilt als besonders
klimaneutrale Art, Wärme zu erzeugen.
Immerhin ist es ein nachwachsender Roh-
stoff, der da verfeuert wird. Aber es gibt
auch einen anderen Blick auf den Kamin.
Man kann ihn sehen als den Stinkediesel
des Eigenheims.
Der Meteorologe Jörg Kachelmann
sieht ihn so. Er wettert gegen die »Holz-
ofen-Lüge« und führt seit Monaten einen
Twitter-Feldzug gegen den (tatsächlich so
genannten) »Hausbrand« – Hashtag: »Rei-
chenfeinstaub«.
Hat der Mann recht? Rund zwölf Mil-
lionen Kaminöfen in Deutschland blasen
kaum weniger Kleinstpartikel in die
Luft als der Straßenverkehr. Und dann
gibt es da noch die Landwirtschaft, die
Kohlekraftwerke, die Industrie (siehe
CHRISTOPH HARDT / IMAGO

Grafik Seite 105).


Stickoxide aus Dieselabgasen sind nicht
gesund, aber feiner Staub in der Atemluft

* In Bergheim-Niederaußem in Nordrhein-Westfalen;
Menge der Feinstaubemissionen 2016: 309 Tonnen.

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Jahres in der Luft schwebt. Bei etwa der Kalifornien und die Schweiz zum Beispiel geltende Grenzwerte für Feinstaub und
Hälfte davon handelt es sich um Partikel, hätten den Wert übernommen. In der EU Stickoxide infrage stellten. Die Gesund-
die kleiner sind als 2,5 Mikrometer. Sie jedoch sei die doppelte Menge erlaubt. heitsgefahren seien »maßlos überschätzt«,
gelten als besonders gefährlich, weil sie »Im Vergleich zu Stickoxiden ist Fein- polterte der Arzt, und die Grenzwerte
besonders effektiv in die Lunge eindrin- staub der stärker wirkende Schadstoff«, »nicht zu hoch, sondern zu niedrig«.
gen können – und von dort in die Blut- sagt Barbara Hoffmann, Leiterin der Um- Im Land der Gasgeber war Köhler das
bahn. weltepidemiologie an der Heinrich-Heine- mediale Interesse mit derlei Thesen sicher.
Und als wäre das noch nicht bedrohlich Universität in Düsseldorf. Gesundheits- Doch seine Einwände sind umstritten. Ei-
genug, beschreiben Forscher bereits eine effekte seien sogar noch deutlich unterhalb nem seiner Co-Autoren wird Nähe zur
weitere Gefahr: Ultrafeinstaub. Er ist noch der WHO-Richtwerte zu sehen. »Die Autoindustrie nachgesagt. Zudem hat
kleiner (unter 100 Nanometer) und soll Grenzwerte für Feinstaub sind zu hoch«, Köhlers Attacke mit Wissenschaft nicht
bis ins Gehirn gelangen können. sagt die Umweltmedizinerin. viel zu tun. Im November erst veröffent-
»Aus Sicht des Gesundheitsschutzes ist Hoffmann verbrachte in den vergange- lichte dieselbe DGP, der Köhler einst
die Belastung der Bevölkerung mit Fein- nen Wochen viel Zeit damit, Falschinfor- vorsaß, ein 100-seitiges Positionspapier,
staub das Sorgenkind Nummer eins«, sagt mationen über die Wirkung von Luftschad- das ausdrücklich vor Luftschadstoffen
Marcel Langner, Experte für Luftreinhal- stoffen zu korrigieren. Etwa hundert Ärzte warnt. 451 wissenschaftliche Referenzen
tung beim UBA in Dessau-Roßlau. Die um den ehemaligen Präsidenten der Deut- zitieren die Forscher. Ihr Fazit: Für die
Weltgesundheitsorganisation (WHO) emp- schen Gesellschaft für Pneumologie und deutsche Bevölkerung sei derzeit »kein
fehle einen Grenzwert von 20 Mikro- Beatmungsmedizin (DGP), Dieter Köhler, optimaler Schutz vor Erkrankungen, die
gramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft. hatten ein Papier veröffentlicht, in dem sie durch Luftverschmutzung verursacht wer-
den, gegeben«.

Gemeint sind mit Feinstaub mikrometer-


kleine Schwebpartikel, die mit jedem
Atemzug massenweise in den Körper ge-
langen. Laut UBA verkürzen solche Parti-
kel jährlich rund 45 000 Menschen in
Deutschland das Leben. Solche Zahlen be-
ruhen auf sogenannten Beobachtungs-
studien in der Bevölkerung. Wenn bei
höheren Feinstaubwerten mehr Menschen
früher sterben und alle anderen Einfluss-
größen herausgerechnet wurden, vermu-
ten die Forscher einen Zusammenhang.
Doch bedeutet dieser Zusammenhang
auch, dass Feinstaub die Ursache für die
vorzeitigen Tode ist? »Allein nicht«, sagt
Umweltmedizinerin Hoffmann, »Kausali-
tät wird angenommen, wenn zusätzlich
Laborstudien vorliegen, die die Schädlich-
keit einer Substanz plausibel nachweisen.«
Bei Feinstaub sei das der Fall.
Forscher lassen feinstaubbelastete Luft
über Zellkulturen streichen. Tiere wurden
in Expositionskammern Feinstäuben aus-
gesetzt und später untersucht. Das Ergeb-
nis sei eindeutig, sagt Hoffmann: »Gelangt
Feinstaub in die Lunge, versetzt das den
Körper in Aufruhr.«
Zunächst dringt der Feinstaub in die
Lunge ein und löst dort Entzündungen
und sogenannten oxidativen Stress aus.
Lungenkrebs, Asthmaanfälle und Bronchi-
tis können die Folge sein. Besonders kleine
Partikel können aus den Lungenbläschen
in die Blutbahn gelangen.
Der Körper reagiert, Entzündungsvor-
gänge werden ausgelöst, das Immunsys-
tem springt an. Die Blutgefäße verengen
sich. Schlaganfall und Herzinfarkt werden
wahrscheinlicher, ebenso Diabetes.
Studien weisen zudem darauf hin, dass
Feinstaub das Risiko für Krankheiten wie

Braunkohlekraftwerk*
»Optimale Bedingungen für die Partikelbildung«

103
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Wissenschaft

Alzheimer erhöht, weil sich die Entzün- Luftaustausch aus dem Stadtkessel verhin- hen Partikelgrenzwert für Direkteinsprit-
dungen auch im Gehirn abspielen können. dert. Inzwischen allerdings führt Berlin zer wie für Diesel festgelegt.
Einen besonders griffigen Einwand des die Dreckliste der Großstädte an. Ost- Ein »völlig überflüssiges Entgegenkom-
Kritikers Köhler kann Hoffmann leicht ent- winde wehen Staub aus Polen und Tsche- men gegenüber der Automobilindustrie«
kräften: Der Arzt verweist darauf, dass chien heran. Der Verkehr in Berlin selbst nennt das der Abgasexperte Andreas May-
Raucher »in weniger als zwei Monaten« und die alten Holzkohleöfen, die dort im- er von der Firma TTM. Die Folge: »Mehr
so viel Feinstaub einatmen, wie »sonst ein mer noch viele Wohnungen heizen, erle- als die Hälfte der Autos in Deutschland,
80-jähriger Nichtraucher im Leben«. Stel- digen den Rest. Die staubigste Berliner nämlich fast alle Benziner, fahren ohne
le die Luftverschmutzung ein so großes Ri- Luft wabert in der Silbersteinstraße. Partikelfilter«. Auch herkömmliche Otto-
siko dar, argumentiert er, »so müssten die Gern wird der Diesel für derlei Dreck motoren, sogenannte Saugrohreinspritzer,
meisten Raucher nach wenigen Monaten verantwortlich gemacht. Autokäufer su- würden sehr viel Feinstaub ausstoßen
versterben, was offensichtlich nicht der chen ihr Heil im Erwerb von Benzinern, Warum fällt der Dreck bei den Messun-
Fall ist«. im Glauben, diese seien sauberer. Das gen in der Umwelt kaum auf? »Weil die
Doch Köhler ignoriert dabei eine biolo- jedoch könnte ein Irrtum sein. emittierten Partikel viel kleiner sind als
gische Gesetzmäßigkeit: »Die Dosis-Wir- Zwar gelten viele der heute neu zuge- beim Diesel«, sagt Mayer.
kungs-Beziehung ist nicht linear«, erläu- lassenen Benziner, sogenannte Direktein- Feinstaub wird an deutschen Messstel-
tert Hoffmann. Je höher die Dosis, desto spritzer, als besonders umweltfreundlich. len nach Gewicht bemessen. Straßenstaub,
höher der Schaden – diese intuitive An- Die Technik spart bis zu 15 Prozent Kraft- Reifen- und Bremsabrieb lassen sich damit
nahme gilt eben nicht für Luftschadstoffe. stoff. Doch der besondere Verbrennungs- gut erfassen. Schon die Dieselpartikel rut-
Im Gegenteil: »Als Raucher ist es für das prozess hat eine weitere Folge: Es entsteht schen da auch mal durch, weil sie nicht ge-
Herzinfarktrisiko kein großer Unterschied, sehr viel Feinstaub. nug wiegen. Bei Benzinern ist das Problem
ob ich 5 oder 20 Zigaretten täglich rauche«, Nach Berechnungen des Schweizer For- noch größer: Sie stoßen Partikel aus, die
sagt die Expertin. Dieses Risiko liege in schungsinstituts Empa stoßen Direktein- kaum 50 Nanometer messen. Diese Ultra-
beiden Fällen etwa 60 bis 100 Prozent spritzer im Schnitt 2,5 Milliarden Ultra- feinstäube sind extrem leicht und fallen
höher als bei Nichtrauchern – trotz des feinpartikel pro gefahrenen Meter aus, deshalb noch weniger ins Gewicht.
großen Unterschieds in der Dosis. 64-mal so viel wie ein Euro-5-Diesel mit Werden die Werte also falsch erfasst?
Schon geringe zusätzliche Schadstoff- Partikelfilter. Die Partikel der Benziner sei- Auf dem Prüfstand nicht, sagt Mayer, »dort
konzentrationen können große Wirkung en zudem »mit mehr genotoxischen Stof- werden Partikel gezählt, nicht gewogen«.
entfalten. Wer zum Beispiel als Passiv- fen belegt« gewesen als jene des Diesel, be- In der Umwelt aber schon. »Wir messen
raucher regelmäßig die Feinstaubdosis nur richtet der Empa-Experte Norbert Heeb. am Auspuff und in der Umwelt verschieden;
einer Zigarette einatme, erhöhe sein Herz- Warum moderne Benziner »nicht schon wie vernünftig ist das?«, fragt der Experte –
infarktrisiko bereits um 50 Prozent, sagt bei ihrer Einführung mit Partikelfiltern aus- zumal die besonders feinen Stäube der Ben-
Hoffmann. Ähnlich beim Feinstaub in der gerüstet wurden«, ist Heeb unklar. Die Fil- ziner auch besonders gefährlich sind.
Luft: Zusätzliche fünf Mikrogramm Fein- tertechnologie sei schon seit dem Jahr Ultrafeinstaub ist in der Lage, Zellmem-
staub pro Kubikmeter – ungefähr der Un- 2000 für Pkw verfügbar. Zwischenzeitlich branen zu passieren. Weil bei den Winz-
terschied zwischen Innenstädten und Vor- habe die EU sogar einen zehnmal so ho- partikeln die Oberfläche im Vergleich zum
orten – reichten aus, um das Risiko eines Volumen besonders groß ist, sind sie zu-
Infarkts um zehn Prozent zu erhöhen. dem besonders gut geeignet, Giftstoffe in
»Das sind alles gut abgesicherte wissen- Schädliche Partikel den Körper zu schleusen. Experten nen-
schaftliche Erkenntnisse«, sagt Hoffmann. nen dies den »Trojanisches-Pferd-Effekt«.
Mögliche Auswirkungen von
Mit ähnlichen Studien sei beispielsweise Bei Autoabgasen ist das besonders hei-
Feinstaub auf den Körper Quelle: DGP
entdeckt worden, dass Bewegungsmangel kel. Genotoxisch wirkende PAK (poly-
Herzinfarkte begünstige. Auch die DGP zyklische aromatische Kohlenwasserstof-
fordert, die Feinstaubbelastung in Deutsch- Lunge fe) geraten mit dem Feinstaub in den Kör-
land dringend weiterzusenken. Auslösen entzündlicher Prozesse per, ebenso wie giftige Metalloxide.
Doch wie kann es gelingen, die Luft »Entlang des Riechnervs können solche
Erhöhtes Gesundheitsrisiko bei
noch sauberer zu machen? Partikel sogar direkt ins Gehirn gelangen«,
Menschen mit chronischen
Etwa 40 Prozent des Feinstaubs entste- Lungenerkrankungen sagt Hoffmann. Sie ist besorgt, weil sich
hen in der Industrie, vor allem beim Ver- die Effekte von Ultrafeinstaub bislang
laden von Erzen, Kohle, Getreide oder Lungenkrebs nicht gut messen lassen. Ergebnisse toxi-
Futtermitteln. Dieser Staub ist jedoch re- kologischer Studien deuteten jedoch da-
lativ grob und damit vergleichsweise un- Herz und Gefäße rauf hin, dass die Partikel »mindestens so
gefährlich. Bei den kleineren Partikeln schädlich sind wie der größere Feinstaub«.
Bluthochdruck
spielen die Holzfeuer und der Autover- Auch wo überall die Winzpartikel ent-
kehr eine deutlich größere Rolle. Erhöhtes Risiko für Herzinfarkt stehen, beginnen die Forscher gerade erst
Nach Berechnungen des Max-Planck- und Schlaganfall zu verstehen.
Instituts für Chemie (MPIC) in Mainz ster- Wolfgang Junkermann vom Karlsruher
ben in Deutschland weit mehr Menschen Gehirn Institut für Technologie ist versiert darin,
an den Folgen der Verkehrsemissionen als Hinweise auf beschleunigte ein Ultraleichtflugzeug durch die Abgas-
an Verkehrsunfällen. Das liegt auch daran, Neurodegeneration im Alter fahnen von Kraftwerken zu steuern. Welt-
dass Autos just dort Dreck machen, wo (Demenz) weit war er so unterwegs, neben sich eine
viele Menschen leben. Wetterphänomene Batterie hochsensibler Messgeräte.
können die Wirkung verstärken. Seine Erkenntnis: »Kohlekraftwerke
So hat Stuttgart seit Jahren den Ruf der Fötus und Raffinerien sind die weltweit stärks-
Staubmetropole, weil sich vor allem im (Schwangerschaft) ten Einzelquellen für ultrafeine Partikel.«
Herbst und Winter häufig eine sogenannte Erhöhtes Risiko für ein Die modernen Abgasfilter solcher Anla-
Inversionswetterlage ausbildet, die den niedrigeres Geburtsgewicht gen böten »optimale Bedingungen für

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Luftverpester Freigesetzte Feinstaubmenge in Kilotonnen, 2016

Industrie
Heizung in Privathaushalten
80,8 davon 95 Prozent aus Holzheizungen
und Kaminöfen
PM10
(Durchmesser <10μm) 20,9 19,8

Energieerzeugung
davon

25,2 10,0 9,1


PM2,5
(Durchmesser <2,5μm)

Landwirtschaft Straßenverkehr

30,8 29,1 19,3 *ohne sekundären Feinstaub


Gesamtausstoß: 203,1 kt PM10/100,8 kt PM2,5;
4,6* fehlende Mengen mit anderem Ursprung
Quelle: Umweltbundesamt

die Partikelbildung«. Um Stickoxide abzu- 45 Prozent des Feinstaubs in Deutsch- »Komfortkamine«, die nur der Gemütlich-
bauen, wird den Abgasen von Kraftwer- land entstehe durch die Landwirtschaft, keit dienen, zeitweise zu verbieten. »Die
ken häufig Ammoniak zugesetzt. Dabei schätzen die MPIC-Experten. Der Bauern- Leute müssen begreifen, dass Kamine nicht
entstehen Ammoniumsalze, die »Vorläu- verband hält die Hochrechnungen für automatisch umweltfreundlich sind, nur weil
fer von Feinstaub« sein können, sagt Jun- »spekulativ« und »unseriös«. Doch die For- Holz verheizt wird«, sagt Langner. »Wer ei-
kermann. In 200 bis 300 Meter Höhe tre- scher sind sich ihrer Modelle sicher. Ihnen nen Kamin nutzt, muss zumindest dafür sor-
ten diese ultrafeinen Partikel aus den zufolge sterben daher auch mehr Men- gen, möglichst wenig Partikel freizusetzen.«
Schornsteinen. Hunderte Kilometer kön- schen in Deutschland vorzeitig durch Fein- Genau deshalb kniet auch Schornstein-
nen sie dann verweht werden. Dabei wach- staub als gedacht: rund 120 000 jedes Jahr. feger Lutz-Matthias Peters an diesem Tag
sen sie zu Feinstaub heran, weil sich ande- Was also ist zu tun? Experten fordern, bei Barbara Nyholm in Hamburg-Langen-
re Partikel oder Moleküle anlagern. Irgend- auf dem Land die Tierbestände, zumindest horn vor dem Kamin. »Kein Zeitungs-
wann erreicht die Staubwolke den Boden. aber die Ammoniakfreisetzung deutlich papier zum Anzünden verwenden«, emp-
Bis zu 85 000 Partikel pro Kubikzenti- zu reduzieren. In der Stadt, wo der Ver- fiehlt er noch, »wir wollen ja den Ruß in
meter Luft hat der Forscher beispielsweise kehr wohl eine größere Rolle spielt, müss- der Startphase verhindern.«
in der Abluft des Kohlekraftwerks Box- ten alle Benziner mit Partikelfiltern ausge- Bei Nyholms steht ein »HWAM Monet«
berg in der Lausitz gezählt. In Städten sind rüstet werden, fordert Abgasexperte May- im Wohnzimmer. »Der Ofen ist ein Traum«,
Werte von bis zu 20 000 Partikeln normal. er. Nur etwa 200 bis 400 Euro würde es schwärmt der Schornsteinfeger; alles in
Junkermann interessiert am Ultrafein- kosten, den gängigen Drei-Wege- durch ei- Ordnung also. Draußen im Garten misst er
staub, wie er auf das Klima wirkt. »Solche nen Vier-Wege-Katalysator mit Feinstaub- dann noch die »Restfeuchte« in Nyholms
Partikel greifen in den Wasserkreislauf filter zu ersetzen. »Das geht auch bei ganz Holzvorrat. »15,7 Prozent«, liest er von sei-
ein«, sagt der Forscher, »sie können Tro- alten Ottomotoren«, sagt Mayer. nem Messgerät ab, »ideal«. Nasseres Holz
ckenheit, aber auch Starkregen hervor- UBA-Experte Marcel Langner fordert verbrennt unvollständig und rußt erst recht.
rufen.« Bemerkenswert ist daran der Me- eine Verschärfung der EU-Feinstaubgrenz- Der Schornsteinfeger trägt Zylinder und
chanismus: Wie aus dem Nichts entsteht werte. Und auch jeder Verbraucher könne den traditionellen schwarzen »Kehran-
aus Abgasen Staub. Solchen Dreck nennen zur Reduktion beitragen: »Weniger gefah- zug«. Auf dem goldglänzenden Koppel-
Wissenschaftler »sekundären Feinstaub«. rene Kilometer und weniger Fleischkon- schloss steckt der heilige Florian, Schutz-
Forscher des MPIC haben eine solche, sum bedeuten automatisch auch weniger heiliger der Kaminkehrer, seinen Kopf aus
oft übersehene Feinstaubquelle analysiert. Feinstaub«, sagt Langner. einem Schornstein. »Einer für alle, alle für
Die Landwirtschaft, genauer: die Massen- Aufklärung sei wichtig, ebenfalls beim einen«, ist darunter eingraviert.
tierhaltung gilt ihnen als einer der Haupt- »Hausbrand«. »Ich würde kein generelles Das gilt auch für den Feinstaub, sagt
verursacher. Auch dort ist Ammoniak die Verbot für Holzheizungen empfehlen«, sagt Peters: »Jeder ist mit verantwortlich.«
Keimzelle der Feinstaubpartikel. Das Gas der Experte. In besonders belasteten Gebie- Philip Bethge
entfleucht aus Gülle und Dünger. ten aber sei es sicher sinnvoll, zumindest

DER SPIEGEL Nr. 6 / 2. 2. 2019 105


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Wissenschaft

ändert die Luftzirkulation in großen Teilen eines der ältesten und angesehensten me-

Die neue der Welt. Es kommt zu Dürren in Austra-


lien, Waldbränden auf Borneo, Über-
schwemmungen in Peru, Wirbelstürmen
teorologischen Dienste der Welt. Der For-
scher Richard Betts erwartet, dass der CO²-
Gehalt der Atmosphäre in diesem Jahr

Heißzeit vor Mexiko.


US-Forscher beobachten den Pazifik in-
tensiv mit Sensoren und Satelliten. Derzeit
weitaus stärker steigen wird als 2018 und
in fast allen Jahren davor.
Seit 1958 wird auf dem Vulkan Mauna
Klimawandel Eis in Amerika, gehen sie davon aus, dass sich ein El Niño Loa auf Hawaii der CO -Anteil der At-
²
Gluthitze in Australien – im Frühjahr mit einer Wahrscheinlichkeit mosphäre ermittelt. Der erste Jahresmess-
»von 65 Prozent« einstellen wird. Wenn wert betrug damals 316 ppm (parts per
und ein neues Warmjahr droht. er käme, verhieße das nichts Gutes für die million). Er legte von Jahr zu Jahr zu, an-
Ein Grund dafür: ein Menge des Treibhausgases Kohlendioxid fangs im Schnitt um jährlich etwa 0,9 ppm.
Klimaphänomen im Pazifik. (CO ) in der Atmosphäre. 2016 überwand er erstmals ganzjährig die
²
Wann immer der Pazifik verrücktspielt, Marke von 400 ppm. Für 2019 sagt Betts
wird das Wetter in manchen Weltregionen nun einen Anstieg um gleich 2,75 ppm auf

D as Klimajahr 2018 war beunruhi-


gend. Es brach vielerorts alte Hit-
zerekorde und brachte mörderische
Hitzewellen über weite Teile
wärmer und trockener. Das wiederum hin-
dert viele der Pflanzen am Wachstum,
zum Beispiel am Amazonas. Die Menge
411,3 ppm voraus.
Eine deutlichere Zunahme hat es bis-
lang nur dreimal gegeben – in den El-
Niño-Jahren 1998, 2015 und
der Welt, dazu Jahrhundertbrän- 2016.
de, Jahrhundertdürren, Über- Das viele CO dürfte die Welt
²
schwemmungen und Monster- zu spüren bekommen. Adam
stürme. Extreme Wetterereignis- Scaife leitet am Met Office die
se, verstärkt vom voranschrei- Abteilung für langfristige Vor-