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Kanzleiwesen und Territorialstaatsbildung

im wettinischen Herrschaftsbereich bis 1485


von

KARLHEINZ BLASCHKE

In der Diplomatile unserer Gegenwart zeigen sich gegenüber der Ar-


beitsweise, wie sie in dieser Hilfswissenschaft etwa bis in den Anfang des
20. Jahrhunderts üblich war, spürbare Veränderungen. Die entsagungs-
volle Urkundenedition, die subtile paläographische Untersuchung, das
Bemühen um die Herausfindung von Schreiberhänden und Schreibge-
wohnheiten, der Nachweis formaler und inhaltlicher Echtheit oder Fäl-
schung - diese zu hoher Kunst mit hohen Ansprüchen entwickelten Me-
thoden der Diplomatik finden heute nicht mehr die gleiche Bereitschaft
der Forscher wie in den großen Tagen der klassischen Editionstätigkeit.
Das Interesse hat sich verschoben und sich nunmehr stärker denjenigen
Fragen zugewandt, die im Umfeld der Urkundenentstehung liegen. Die
Geschichte der Kanzleien, ihres Personals und ihrer Funktion im weite-
ren geschichtlichen Zusammenhang sind in den Vordergrund gerückt,
die klassische Diplomatik hat sich unter Aufnahme sozial- und wirt-
schaftsgeschichtlicher Gesichtspunkte in Richtung auf die Verfassungs-
und Verwaltungsgeschichte hinbewegt'.
Auf der anderen Seite hat die Frage nach der Entstehung des moder-
nen Staates das Augenmerk der immer mehr in die Einzelheiten gehen-
den Forschung auf die Bedeutung der Verwaltungseinrichtungen im wei-
testen Sinne gelenkt, mit deren Hilfe dieser Staat erst entstehen konnte.
So ist die Erforschung des spätmittelalterlichen Kanzlei-, Schrift- und
Urkundenwesens zum Angelpunkt zwischen der Diplomatik und der
Verfassungsgeschichte geworden 2 .

' Vgl. hierzu die einführenden Referate v o n C. BRÜHL und R.-H. BAUTIER z u m 6.
Internationalen Kongreß für Diplomatik vom 24. bis 30. Okt. 1983 in München; J .
SEBANEK, Über die Stellung und die Aufgaben der sogenannten hist. Hilfswissenschaften
im Rahmen der Geschichtswissenschaft (in: Folia diplomatica Roc. 9, 1 9 6 0 / 6 1 ) S. 67.
1 H. PATZE, Neue Typen des Geschäftsschriftgutes im 14. J h . (in: Der dt. Territorial-
s t a a t i m 1 4 . J h . , h g . v o n H . PATZE, 1, 1 9 7 0 ) S. 9 - 6 4 .

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Kanzlei und Territorialstaatsbildung im wettinischen Herrschaftsbereich bis 1485 283

Der moderne Staat ist in Deutschland auf territorialer Grundlage auf-


gewachsen Es handelt sich folglich darum, die Bedeutung des Kanzlei-
wesens fur die Herausbildung des Territorialstaates bis zum Ende des
Mittelalters in einem vorgegebenen, dynastisch-landesgeschichtlichen
Rahmen darzustellen. Das soll hier am Beispiel des wettinischen Herr-
schaftsbereichs geschehen, zu dem die Markgrafschaft Meißen, die Land-
grafschaft Thüringen und zuletzt das Kurfürstentum Sachsen gehörten 4 .
Unter den deutschen Fürstengeschlechtern des hohen und späten Mit-
telalters, die zu landesherrlicher Stellung aufstiegen, nahmen die Wetti-
ner einen herausragenden Platz ein '. Von ihrem Stammsitz in Wettin an
der Saale nördlich von Halle hatten sie sich während des 11. Jahrhun-
derts über weite Teile des Saale- und mittleren Elbegebietes ausgebreitet.
Als Konrad von Wettin im Jahre 1123 zum Markgrafen von Meißen be-
rufen wurde, begann der zielstrebige Aufbau des meißnischen Territori-
ums im Raum um Elbe und Saale, der sich unter den Staufern in enger
Anlehnung an das deutsche Königtum vollzog, sich aber nach deren
Niedergang folgerichtig fortsetzte. Als im Jahre 1247 die Landgrafschaft
Thüringen erworben werden konnte, dehnte sich der Machtbereich der
Wettiner von der Werra bis an die Oder aus, doch bestand er vorerst nur
aus lockerem Streubesitz. Während des 14. Jahrhunderts war deshalb das
Streben der Wettiner darauf gerichtet, diesen Besitz zu verdichten und
ihn zu einem flächenhaften Territorium auszubauen. Dazu wurden meh-
rere Burggrafschaften und andere reichslehnbare Herrschaften und Teile
des von Friedrich Barbarossa aufgebauten Reichs terri toriums um Alten-
burg und im westlichen Erzgebirge erworben. Ein besonders großer Er-
folg war die Übertragung der sächsischen Kurwürde an die Wettiner im
Jahre 1423, womit zugleich das Herzogtum Sachsen an sie gelangte und
ihr Machtbereich bis in den Berliner Raum ausgedehnt wurde. Als Kur-
fürsten waren sie in den höchsten Rang der deutschen Reichsfursten auf-
gestiegen. Seitdem wurde es allmählich üblich, alle wettinischen Besit-
zungen unter dem Namen Sachsen zu begreifen, der damit elbaufwärts
wanderte und die ältere Bezeichnung der Markgrafschaft Meißen ver-
drängte. Dieses Kurfürstentum Sachsen erreichte gegen Ende des
15. Jahrhunderts den Zustand eines weitgehend geschlossenen Territori-
ums und trat nun in die Zeit seiner großen geschichtlichen Bedeutung

Vgl. hierzu die Aufsätze in dem unter Anm. 2 genannten Sammelwerk, 2 Bde.
(1970/71).
4 R. KÖTZSCHKE, Sächsische Geschichte 1 ( 1 9 3 5 ) .

' O . POSSE, Die Wettiner. Genealogie des Gesamthauses W e t t i n Ernestinischer und


Albertinischer Linie ( 1 8 9 7 ) .

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284 Karlheinz Blaschke

ein. Der wcttinische Territorialstaat, der in der Reformationszeit eine


hervorragende Rolle spielte, war das Ergebnis einer bewußten und erfolg-
reichen Territorialpolitik6.
Allerdings fehlten in diesem allgemeinen Aufstieg auch nicht die
Schattenseiten. Sie ergaben sich vor allem durch die aus dynastischen
Gründen vorgenommenen Landesteilungen, denen noch eine privatrecht-
lich-familiäre Auffassung von Landesherrschaft zugrundelag. Schon
Markgraf Konrad hatte bei seinem Eintritt ins Kloster 1156 das Land
unter seine vier Söhne aufgeteilt. Auch während des 13. Jahrhunderts
standen öfters mehrere Landesteile unter verschiedenen Angehörigen des
Hauses Wettin nebeneinander. Besonders bedenklich war die Chemnitzer
Teilung von 1382, weil sie das Territorium auf volle hundert Jahre in zu-
erst drei und dann noch zwei Teile trennte, bis schließlich das zufällige
Aussterben der noch verbliebenen Nebenlinie im Jahre 1482 die Wieder-
vereinigung brachte. Aber schon drei Jahre später ließ die Leipziger Tei-
lung von 1485 zwei selbständige Fürstentümer entstehen, die sich zu ei-
genen Territorialstaaten entwickelten und niemals wieder vereinigt wur-
den. Gegen den selbstherrlichen Umgang der landesfürstlichen, monar-
chischen Gewalten mit dem Territorium wandten sich zwar die Land-
stände, die sich in ihren Anfangen am Ende des 13. Jahrhunderts erken-
nen lassen und sich im Jahre 1438 zu einer Korporation formierten 7 . Sie
erwiesen sich als eine einheitsstiftende Kraft, indem sie gegen die Eigen-
willigkeit einzelner Glieder der fürstlichen Familie die Einheit des Terri-
toriums zu bewahren suchten.
Dieses Territorium vereinigte Landstriche unterschiedlicher Struktur.
Sein westlicher Teil erstreckte sich im alten deutschen Stammesgebiet
mit seiner altgeprägten deutschen Volkskultur und einer seit dem
8. Jahrhundert gewachsenen Kirchenorganisation. Sein markmeißnischer
Kern und der größere Teil seiner Fläche befanden sich dagegen östlich
der Elbe und Saale auf Kolonialboden, der eine in spürbarem Maße gerin-
gere kulturelle Entfaltung aufzuweisen hatte. Hier war erst seit der Mitte
des 12. Jahrhunderts neben die kleinen slawischen Siedelgebiete die
deutsche bäuerliche Kolonisation eingedrungen, mit der Hand in Hand
gehend die Städte entstanden waren, so daß seit dieser Zeit ein allgemei-
ner Aufbau gestaltender Kräfte festzustellen war, in dessen Zuge sich das

6 K. BLASCHKE, Sachsen im Zeitalter der Reformation (1970; Schriften des Vereins

für Reformationsgeschichte 185).


7 M. LUTHER, Die Entwicklung der landständischen Verfassung in den wettinischen

Landen bis zum J . 1485 (Diss. Leipzig 1895); H. HELBIG, Der wettinische Ständestaat
( L 1980) S. }89 ff.

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Kanzlei und Territorialstaatsbildung im wettinischen Herrschaftsbereich bis 1485 285

anfangs sehr lockcrc Netz der Kirchen verdichtete und eine adlig-mini-
sterialische Herrenschicht im Lande seßhaft wurde. Allerdings gelang es
bis zum Beginn der Neuzeit nicht, den Rückstand in der Entwicklung
des Koloniallandes völlig aufzuholen. Immerhin war gerade während des
späten Mittelalters ein kraftvoller Aufschwung des Städtewesens in die-
sem Raum zu verzeichnen, so daß um 1300 bereits 20% und um 1550 so-
gar 33% der gesamten Bevölkerung in Städten wohnten®. Unter ihnen
ragten zwei Städte hervor: Freiberg mit seinem seit 1168 aufgeblühten
Silberbergbau und Leipzig als bedeutender Platz des transkontinentalen
Handels und Sitz einer Universität seit 1409- Bergbau, Fernhandel und
Gelehrsamkeit waren aber zugleich Faktoren eines höher entwickelten
gesellschaftlichen Lebens, in dem die Künste des Rechnens und Schrei-
bens, die Fähigkeit zu sachlich-rationaler Geschäftsführung und Verwal-
tung und der Umgang mit Geld und Schriftwerk gedeihen konnten.

Die ständige Vergrößerung des wettinischen Territoriums mußte sich


notwendigerweise auf seine Zentralverwaltung auswirken, die in der ge-
wohnten mittelalterlichen Art und Weise vom Fürsten wahrgenommen
wurde'. Als seine Helfer zog er dabei stets einige Männer aus der politi-
schen Führungsschicht des Landes heran, die ihm aus dem Kreis des
Herrenstandes, des niederen Adels und der Vögte, bzw. Amtleute seines
Herrschaftsbereichs zur Verfügung standen, um ihm als Räte zu dienen.
Diese Räte stellten zunächst keine feste Körperschaft dar, kein formier-
tes Kollegium, sondern wurden je nach dem Aufenthaltsort des Fürsten
aus dem betreffenden Landesteil zum Dienst gerufen. Eine feste Residenz
gab es noch nicht, so daß der Landesherr in seinem Territorium von einer
Burg zur anderen zog. Urkundlich greifbar wird diese zweifellos ältere
Einrichtung um die Mitte des 13. Jahrhunderts, denn 1240 werden die fa-
miliares, 1270 die consiliarii als diejenigen Männer im Gefolge des Mark-
grafen genannt, die ihm als Räte dienten '". Immerhin besaß dieser wech-
selnde Kreis von Räten einen stabilen Kern, und das war die Kanzlei.
Zum Jahre 1291 werden genannt nobiles viri dominus Henricus de Zweyn
nostrae curiaeprotonotarius et Herwicus de Hursiegowe plebanus sancii Petri in
Vriberch nostrae curiae notarius et plures alii fide digni". Die obersten
" K. BLASCHKE, Bcvölkerungsgeschichte von Sachsen bis zur industriellen Revolution
(1967) S. 163.
' H. B. MEYER, Hof- und Zentralverwaltung der Wettiner in der Zeit einheitlicher
Herrschaft über die meißnisch-thüringischen Lande 1248-1379 (1902); H. HOFMANN,
Hofrat und landesherrliche Kanzlei im meißnisch-albertinischen Sachsen vom 13. J h . bis
1547/48 (Diss. Leipzig 1920).
10 MEYER ( w i e A n m . 9 ) S . 1 8 .
" Codex diplomaticus Saxoniae regiae II. Hauptteil, Bd. 12, S. 35.

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Kanzleibeamten wurden also unter den Räten des Fürsten aufgeführt, die
in den Urkunden mit der bekannten Formel „plures alii fide digni" ge-
kennzeichnet wurden.
Wenn über die Entstehung der wettinischen Kanzlei auch nur spär-
liche Nachrichten vorliegen, so läßt sich doch in deutlicher Parallele zu
der oben geschilderten Entwicklung des Territoriums ihr Werdegang
verfolgen. Die älteste von einem meißnischen Markgrafen ausgestellte
und erhalten gebliebene Urkunde stammt aus dem Jahre 1130; an ihr
hängt auch das älteste erhalten gebliebene Siegel eines Markgrafen von
Meißen Zweifellos wurden anfangs die markgräflichen Kapläne als die
einzigen Schriftkundigen im Gefolge des Fürsten für die Erledigung der
wenigen Schreibarbeiten und zur Kontrolle der ein- und ausgehenden Ur-
kunden herangezogen. Zunächst überwogen durchaus die Empfängerur-
kunden. Noch im 13. Jahrhundert machten die Empfängerausfertigungen
unter dem Markgrafen Heinrich ( 1 2 3 0 - 1 2 8 8 ) zwei Fünftel, unter dessen
Sohn Albrecht mehr als die Hälfte aller ausgestellten Urkunden aus.
Zum Jahre 1196 werden erstmals Notare im Dienste des Markgrafen ge-
nannt", seit 1235 erscheint die markmeißnische Kanzlei in den Quellen,
während diejenige der Landgrafen von Thüringen schon 1218 zu greifen
ist. An der Spitze stand jeweils ein Protonotar. Eine eigene Schreiberhand
im Dienste der Markgrafen ist erst aus dem Jahre 1243 nachzuweisen' 4 .
Die Entwicklung des wettinischen Kanzleiwesens bis zum Ende des
13. Jahrhunderts kann als seine Frühgeschichte bezeichnet werden. Mit
dem Anbruch des 14. Jahrhunderts begann ein neuer Abschnitt der Terri-
torialgeschichte, der einen weiteren Ausbau der Zentralverwaltung not-
wendig machte und an sie höhere Anforderungen stellte. Für die Ge-
schichte der ostmitteldeutschen Territorien traten nun zwei grundlegend
neue Tatsachen auf". Die eine liegt im Durchbruch allodialrechtlicher
Begründung der Landesherrschaft, wodurch lehnrechtliche Bindungen an
den König und das Reich zur bloßen Formsache verkümmerten und sich
ein modern anmutender „Staatsgedanke" herausbildete. Andererseits
drang nunmehr in breiter Front die Geldwirtschaft in die Territorial-
politik ein und führte zu einer regelrechten Kommerzialisierung der

" Empfingerausfertigung des Domkapitels zu Meißen, D e p o s i t u m Capituli Misnen-


sis im StA Dresden N r . 11; O . POSSE, Die Siegel der W e t t i n e r bis 1321 und der Landgra-
fen von Thüringen bis 1247 ( 1 8 8 8 ) Tafel 1 , 1 .
" O. POSSE, Die Lehre von den Privaturk. ( 1 8 8 7 ) S. 177 ff.
" POSSE, Privaturk. S. 28 und 4 5 ; H . SCHIECKEL, D i e Reg. der Urk. des Sächsischen
Landeshauptarchivs Dresden 1: 9 4 8 - 1 3 0 0 ( I 9 6 0 ) N r . 4 7 7 .
" W . SCHLESINGER, Z u r Geschichte der Landesherrschaft in den Marken Brandenburg
und Meißen während des 14. J h . (in: Der dt. Territorialstaat 2 ) S. 1 0 1 - 1 2 6 .

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Kanzlei und T e r r i t o r i a l s t a a t s b i l d u n g im wettinischen Herrschaftsbereich bis 1485 287

Herrschaft' 6 , deren äußere Kennzeichen die nun häufiger auftretenden


Verpfandungen und Verkäufe von Ländern, Landesteilen und Städten wa-
ren. An die Zentralverwaltung des markmeißnischen Territoriums traten
mit einem Male Aufgaben heran, in denen sie noch keine Erfahrungen
hatte, die aber bewältigt werden mußten, mag es nun um die rechtliche
Begründung und Absicherung machtpolitischer Entscheidungen oder
um die Beschaffung und Verwaltung größerer Mengen an Bargeld gegan-
gen sein.
Mit dem keimhaften Aufbau einer eigenen Staatlichkeit, der sich in
der Emanzipation vom Königtum vollzog, ging die straffere Ausübung
von Herrschaft innerhalb des eigenen Territoriums Hand in Hand, was
einen Umbau der politischen Struktur des hohen Mittelalters zur Folge
hatte. In der Mark Meißen hörten jetzt die Landdinge auf, die an einem
altüberlieferten Ort unter freiem Himmel in althergebrachter Weise
unter maßgeblicher Mitwirkung der adlig-ministerialischen Führungs-
schicht abgehalten worden waren'7. Unter dem Vorsitz des Markgrafen
hatten sie das höchste Gericht für die markgräflichen Ministerialen dar-
gestellt, waren aber auch von Reichsministerialen, Edelfreien und hohen
Geistlichen dieses Raumes besucht worden. Anstelle der dort münd-
lichen Verhandlungen trat nun das Hofgericht des Markgrafen, das stän-
dig an jedem beliebigen Ort zusammengerufen werden konnte und nur
an seine Person gebunden war. Das führte zu einer Zunahme des Schrift-
verkehrs am markgräflichen Hofe. Der bisher nur locker an den Markgra-
fen gebundene oder ζ. T. noch völlig selbständige Adel wurde stärker in
das Territorium eingebaut, so daß die Rolle des Landesherrn als Lehnherr
an Bedeutung zunahm und die Belehnungsakte häufiger wurden. Außer-
dem hielt man sie jetzt mehr und mehr in schriftlicher Form fest.
Besonders bemerkenswert waren die Veränderungen auf der Ebene der
markgräflichen Vogteien' 8 . Die über das Land verstreuten, auf landes-
herrlichen Burgen eingesetzten Vögte wurden jetzt einer strafferen Auf-
sicht unterworfen und zu regelmäßiger Rechenschaftslegung veranlaßt.
Im Gegensatz zu anderen mittel- und ostdeutschen Territorien " gelang
" SCHLESINGER, Z u r Gcschichte (wie A n m . 15) S. 107 und 111; K. BLASCHKE,
Steuer, Geldwirtschaft und Staat in vorindustrieller Zeit (in: Wirtschaftskräfte und Wirt-
schaftswege, Festschr. für Hermann Kellenbenz, 1,1978) S. 31-42.
" W . SCHLESINGER, Zur Gerichtsverfassung des Markengebietes östlich der Saale im
Zeitalter der dt. Ostsiedlung (in: Jb. fur die Gcschichte Mittel- und Ostdeutschlands
2 , 1 9 5 3 ) S. 1 - 9 4 (auch in: ders., Mitteidt. Beitr. zur dt. VG des MA, 1961, S. 4 8 - 1 3 2 ) .
" Κ. BLASCHKE, Die Ausbreitung des Staates in Sachsen und der Ausbau seiner räum-
lichen Verwaltungsbezirke (in: Bll. für dt. LG 9 1 , 1 9 5 4 ) S. 7 5 - 8 2 .
" C. BORNHAK, Die Entwicklung der sächsischen Amtsverfassung im Vergleich mit
der brandenburgischen Kreisverfassung (in: Preußische Jbb. 1885).

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es in der Markgrafschaft Meißen, diese Vögte zu Aufsichtsorganen über


einen Teil des landsässigen niederen Adels zu machen, was die Herausbil-
dung einer Verwaltungsorganisation auf unterer Ebene zur Folge hatte.
Aus den Vogteien wurden die „Ämter" mit einer einigermaßen fest um-
rissenen räumlichen Abgrenzung und sachlichen Zuständigkeit, die nun
als die untersten Organe des sich entwickelnden Territorialstaates eine
immer größer werdende Bedeutung erlangten 20 . Neben anderen Aufga-
ben auf dem Gebiet der Rechtspflege und des Militärwesens hatten sie
Einkünfte an Naturalien und Bargeld zu verwalten und darüber abzu-
rechnen. Die Geldwirtschaft wurde fiir die Ausübung der Landesherr-
schaft immer wichtiger, was auf der lokalen Ebene ebenso wie in der
Zentralverwaltung eine Zunahme des schriftlich geführten Rechenwer-
kes herbeiführte.
Unter diesen allgemeinen Voraussetzungen der Territorialpolitik und
veränderter gesellschaftlicher Verhältnisse entfaltete die wettinische
Kanzlei in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts eine ausgedehntere Tä-
tigkeit. Ein bemerkenswertes Zeugnis hierfür sind die zufällig erhalten
gebliebenen Bedeverzeichnisse der Ämter Torgau von 1314, Buttelstedt
von 1333, Meißen von 1334 und 1336, Leipzig und Naunhof von 1335
und Altenburg von 1336 2 ', die zweifellos nur als Bruchstücke umfassen-
der, jährlich erhobener Landsteuer in Bargeld anzusehen sind. Die um
1300 neu aufgekommene Bede war für die Ausbildung des Territorial-
staates von grundlegender Bedeutung, weil sie ihm die dringend benötig-
ten Mittel an Bargeld verschaffte. Um 1347 wurde eine Liste der Herren
und Edlen in den drei Landesteilen Meißen, Osterland und Thüringen
und in der damals wettinischen Niederlausitz angefertigt 22 , worunter
auch Bischöfe, Burggrafen und Grafen zu finden sind, die als Reichsfür-
sten nicht zum landsässigen wettinischen Adel gehörten, nun aber zumin-
dest dem Anspruch nach von der wettinischen Kanzlei in deren Register
aufgenommen wurden. Ein Heerwagenverzeichnis von 1347 enthält die
von Klöstern und Städten zu stellenden Heerwagen, die für den Trans-
port militärischer Güter bei Feldzügen beansprucht wurden 2i . Eine Hof-
haltungsrechnung vom Ende des Jahres 1330 ist unter der Verantwor-

" K . BLASCHKE, Zur Behördenkunde der kursächsischen Lokalverwaltung (in: Archi-


var und Historiker, Festschr. für Heinrich O t t o Meisner, 1956) S. 3 4 3 - 3 6 3 .
21 Registrum dominorum marchionum Misnensium. Verzeichnis der den Landgrafen

in Thüringen und Markgrafen zu Meißen jährlich in den wettinischen Landen zustehen-


den Einkünfte 1378, hg. H. BESCHORNER ( 1 9 3 3 ) , S. 3 6 3 - 4 1 6 .
22 Das Lehnbuch Friedrichs des Strengen, Markgrafen von Meißen und Landgrafen

v o n T h ü r i n g e n 1 3 4 9 / 5 0 , h g . W . LIPPERT u n d H . B E S C H O R N E R ( 1 9 0 3 ) , S . 263-269.
" Lehnbuch (wie Anm. 22) S. 2 7 0 - 2 7 5 .

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Kanzlei und Territorialstaatsbildung im wettinischcn Herrschaftsbereich bis 1485 289

tung des Marschalls zustandegekommen, der als Leiter der markgräf-


lichen Hofhaltung für eine bessere Durchbildung der Zentrale mit einer
angemessenen Arbeitsteilung sorgte '4. Wenn es sich bei allen diesen Ver-
zeichnissen auch nur um zufallig überlieferte Bruchstücke einer weit um-
fangreicheren Kanzleitätigkeit handelt, so läßt sich doch in der ersten
Hälfte des 14. Jahrhunderts von einem bewußten Einsatz der Kanzlei für
die innere Festigung des wettinischen Territoriums sprechen2'. Im Jahre
1349 trat dann mit dem frühen Tode des Markgrafen Friedrichs II. des
Ernsthaften jenes Ereignis ein, das an die wettinische Kanzlei verstärkte
Anforderungen stellen und sie in eine erste Hochform bringen sollte.
Als Friedrich mit 39 Jahren starb, war von seinen hinterlassenen vier
Söhnen der älteste gerade achtzehn Jahre alt und daher volljährig, so daß
er auch regierungsfähig war. Als Vormund seiner jüngeren Brüder war er
ihnen gegenüber rechenschaftspflichtig, was ihn zu sorgfältiger Haushal-
tung und Rechnungsführung veranlaßte. Der verstorbene Vater hatte als
Schwiegersohn Ludwigs des Baiern auf dessen Seite gestanden, so daß
der Sohn nun vor der Aufgabe stand, als unmittelbarer Nachbar des Kö-
nigreiches Böhmen zu Karl IV., dem Gegenspieler Ludwigs, ein erträg-
liches Verhältnis zu gewinnen und unter den schwierigen territorialpoli-
tischen Verhältnissen gegenüber dem ständig auf Expansion seiner böh-
mischen Hausmacht bedachten Karl seinen Besitz zu bewahren. Es wa-
ren also sowohl die familiären wie auch die politischen Bedingungen, die
den jungen Wettiner Friedrich III. den Strengen und seine Kanzlei als
wichtiges Instrument seiner Politik vor erhöhte Aufgaben stellten.
Es spricht für den guten Zustand der wettinischen Kanzlei in jener
Zeit, daß sich seit 1333 die Kanzleivorsteher in lückenloser Reihe nach-
weisen lassen. Zunächst handelte es sich durchweg um Kleriker. Der be-
deutendste unter ihnen war Konrad von Kirchberg, der aus einer nieder-
adligen Familie aus dem Raum um Jena stammte, die mit den dortigen
Burggrafen von Kirchberg in Beziehung stand, ohne mit ihnen verwandt
zu sein26. Da er die Pfründe der Pfarrkirche zu Wallhausen im nörd-
lichen Thüringen innehatte, wird er auch Konrad von Wallhausen ge-
nannt. Er war 1332 als Notar in den Kanzleidienst eingetreten, 1344 wird

14 W . LIPPERT, Z u r Geschichte Kaiser Ludwigs des Baiern 2: Ein Besuch Markgraf

Friedrichs von Meißen beim Kaiser. Beirr, zum Itinerar Ludwigs 1330 (in: M I O G 13,
1892) S. 5 9 8 ; M. KOBUCH, D i e Anfange des meißnisch-thüringischen landesherrlichen
Archivs (in: Beitr. zur Archivwissenschaft und Geschichtsforsch., hg. R. GROSS und M.
KOBUCH ( 1 9 7 7 ; Schriftenreihe des StA Dresden 1 0 ) S. 114.
" Vgl. auch weiter unten S. 294 ff.
Ä W. LIPPERT, Stud, über die wettinische Kanzlei und ihre ältesten Register im 14. J h .
(in: Neues Archiv für sächs. Geschichte 24, 1 9 0 3 ) S. 1 3 - 2 9 .

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290 Karlheinz Blaschke

er im Amte eines Landschreibers genannt. Danach ging er zum Studium


an die Universität Bologna, wo er im Herbst 1345 immatrikuliert und als
canónicas eccksiae Misnensis am 6. Januar 1348 zum Prokurator der
deutschen Nation gewählt wurde. Am 10. April dieses Jahres legte er je-
doch bereits die Schlußrechnung seiner Prokuratur ab, weil er inzwischen
nach Sachsen zurückgerufen worden war, wo er am 24. August als Proto-
notar bezeugt ist. Schon vor seiner Bologneser Studienzeit hatte er reiche
Pfründen inné, u. a. am Meißener Dom. An der Spitze der wettinischen
Kanzlei stand er nur bis zum Jahre 1350, wurde in den folgenden Jahren
aber weiterhin bei der Ausfertigung markgräflicher Urkunden beteiligt,
bis er sich vollends seinen Pflichten als Prälat des Hochstifts Meißen
widmete, wo er u.a. als Archidiakon für die Niederlausitz auftritt. 1370
wurde er zum Bischof von Meißen gewählt. Die Forschung stellt ihn mit
Recht als den Mann heraus, mit dem die Blütezeit der meißnischen
Kanzlei begann, denn seine Amtszeit fiel gerade in jene Jahre erhöhter
Anforderungen, von denen schon die Rede war.
Das drückt sich schon in der Tatsache aus, daß damals ein mehr-
schichtiges Schriftwerk allein für den Innenlauf der Kanzlei vorhanden
war. Fünf verschiedene Arten von Kanzleibüchern lassen sich feststel-
len2':
1. das Registrum Perpetuum,
2. das Registrum Temporale,
3. der Liber Computationum,
4. das Copiale,
5. das Lehnbuch.
Besonders wertvoll ist das zuletzt genannte Lehnbuch. Zwar gingen ihm
erhalten gebliebene Bruchstücke älterer Lehnregister und nicht mehr vor-
handene, aber in den Quellen erwähnte antiqua registra voraus, aber erst
mit diesem Lehnbuch von 1349/50 wurde das älteste umfassende Ver-
zeichnis aller von den Markgrafen von Meißen und Landgrafen von Thü-
ringen ausgetanen Lehen geschaffen2®. Die Abfassung des Verzeichnisses
zeigt das Bestreben der Wettiner um eine genaue Übersicht über alle ihre
Vasallen, die in regionaler Gliederung entsprechend der Vogteiorganisa-
tion aufgeführt wurden. Gleichzeitig wird darin die Bedeutung der
Kanzlei für die innere Festigung des werdenden Territorialstaates sicht-
bar. Persönliche Bindungen der Vasallen an den Fürsten und mündliche
Überlieferung der einzelnen Besitzstücke reichten nicht mehr aus, um

" LIPPERT, e b d . S. 2 ff.


" Edition vgl. Anm. 22.

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Kanzlei und Territorialstaatsbildung im wettinischen Herrschaftsbereich bis 1485 291

das Territorium zusammenzuhalten und auszubauen. Es bedurfte jetzt


der Schriftlichkeit und einer tragenden Institution. Darin liegen wichti-
ge, in die Zukunft weisende Elemente. Für die Kenntnis des wettinischen
Territorialbesitzes und dessen Struktur im 14. Jahrhundert stellt das
Lehnbuch eine außerordentlich wichtige Quelle dar.
Das Registrum Perpetuum war für die dauernd wichtigen Sachen wie
Lehnbriefe, Leibgedingsverschreibungen, Schenkungen und Privilegien
bestimmt, das Registrum Temporale für die Gegenstände von vorüberge-
hender Bedeutung wie Verpfändungen. Der Liber Computationum nahm
das noch ungeteilte Rechenwerk von Hofhaltung und Zentralverwaltung
auf, während im Copiale die Abschriften der eingegangenen Kaiser- und
Königsurkunden zu finden waren.
Wie schon aus den Bezeichnungen der Register hervorgeht, herrschte
bis über die Mitte des 14. Jahrhunderts hinaus die lateinische Sprache im
Kanzleigebrauch vor. Erst dann setzte bald auch die Verwendung des
Deutschen ein, das sich in zunehmendem Maße durchsetzte. Bald nach
Konrad von Kirchberg kam auch die Bezeichnung „Kanzler" für den
Leiter der Kanzlei auf. Heinrich von Kottwitz, der das Amt von 1353 bis
1364 führte, war der erste Träger dieses Titels, der dann seit 1428 ständig
üblich war.
Das wettinische Kanzleiwesen hat den um die Mitte des 14. Jahrhun-
derts erreichten hohen Stand nicht dauernd halten können. Im Jahre 1378
wurde zwar noch einmal eine Glanzleistung spätmittelalterlicher Kanzlei-
arbeit zustandegebracht, indem das Registrum dominorum marchionum
Missnensium zusammengestellt wurde". Es enthält eine bis in die ört-
lichen Einzelheiten gehende Aufstellung aller Einkünfte und Rechte der
Wettiner in dem weiten Raum zwischen Eisenach, Coburg und Dresden.
Es ergänzt das Lehnbuch in glücklicher Weise, indem es nicht die ver-
lehnten Stücke, sondern gerade die unter unmittelbarer Verwaltung und
Nutzung der Fürsten verbliebenen Ämter, Städte, Dörfer und sonstigen
Besitzungen und Rechtstitel auffuhrt. Mit diesen beiden Büchern besaß
die wettinische Zentralverwaltung am Ende des 14. Jahrhunderts einen
ausgezeichneten Überblick und eine genaue Kenntnis Uber den gesamten
wettinischen Herrschaftsbereich.
Aber gerade dieses Verzeichnis von 1378 diente auch als Grundlage
für die Chemnitzer Teilung von 1382, aus der drei Landesteile hervorgin-
gen. Thüringen fiel an den Markgrafen Balthasar, Meißen an Markgraf
Wilhelm und das dazwischenliegende Osterland an die drei unmündigen

19 Edition vgl. A n m . 21.

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292 Karlheinz Blaschkc

Söhne des 1381 verstorbenen Markgrafen Friedrichs des Strengen. In je-


dem Landesteil wurde eine eigene Kanzlei in verkleinertem Umfang ein-
gerichtet i0, was zu einem Niedergang des wettinischen Kanzleiwesens im
ganzen führte. Erst nachdem im Jahre 1407 die meißnische Nebenlinie
ausgestorben war, kam es wieder zu einer Festigung des Territorialbesit-
zes, womit ein neuer Aufschwung der Kanzleitätigkeit verbunden war.
Einige Zeit später trat dann ein in der wettinischen Territorialge-
schichte bedeutendes Ereignis ein, das sich natürlicherweise auch auf die
Kanzleitätigkeit auswirkte. Nach dem Aussterben der askanischen Her-
zöge von Sachsen wurde dieses Herzogtum, mit dem die Kurwürde ver-
bunden war, im Jahre 1423 an den meißnischen Markgrafen Friedrich IV.
den Streitbaren übertragen. Der beachtliche Territorialgewinn im Nor-
den des bisherigen wettinischen Machtbereichs und der Aufstieg in die
höchste Ebene des deutschen Reichsfürstentums hatten notwendiger-
weise eine vermehrte Geschäftstätigkeit zur Folge. Die Kanzlei wurde
zwar nicht von Grund auf neu organisiert, aber es mußten nun zusätzlich
gesonderte Register für das Herzogtum, die nunmehr sogenannten Kur-
lande, geführt werden, weil dieses Gebiet reichsrechtlich eine andere Stel-
lung als die wettinischen Erblande besaß und daher verwaltungsmäßig
nicht mit diesen vermengt werden durfte. Die Arbeit nahm also in ihrem
Umfang zu, die Arbeitsorganisation wurde gleichzeitig erweitert. In jener
Zeit treten auch die ersten Kanzleileiter auf, die nicht mehr aus dem
geistlichen Stande kamen. Von 1396 bis 1407 stand Mag. Johannes Meit-
zer, von 1426 bis 1428 Dr. Heinrich Leubing an der Spitze der wettini-
schen Kanzlei. An diesen Verhältnissen hat sich bis zum Ende der hier
zu behandelnden Zeit nichts Wesentliches mehr geändert.

Der innere Kanzleibetrieb entsprach der gewohnten Arbeitsweise, wie


sie allgemein für das spätmittelalterliche Kanzleiwesen bekannt ist. Alle
schriftlichen Handlungen der Kanzlei hatten letztlich den Zweck, Be-
schlüsse des Fürsten schriftlich festzuhalten, einem bestimmten Empfän-
ger mitzuteilen oder allgemein zu verbreiten. So liegt im Beschluß eines
Fürsten, den er allein oder gemeinsam mit seinen Räten faßte, der Ur-
sprung jeder einzelnen Maßnahme der Kanzlei. Dem mündlichen Befehl
des Fürsten folgte die Anfertigung des Konzepts, nach dessen Prüfung
die Reinschrift angefertigt wurde. Zum Zeichen der Echtheit wurde
durch den Kanzler oder in seinem Auftrage das Siegel angehängt oder
aufgedrückt. Das Konzept wurde als notula bezeichnet. Die Texte der
" G. OPITZ, Urkundenwesen, Rat und Kanzlei Friedrichs IV., Markgrafen von Mei-
ßen und Kurfürsten von Sachsen (1381-1428) (Diss. München 1938).

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Kanzlei und Territorialstaatsbildung im wettinischen Herrschaftsbereich bis 1485 293

ausgefertigten Urkunden wurden allen Anzeichen nach erst längere Zeit


nach dem Abgang der Urkunden in die Register übertragen, denn die Re-
gistereinträge sind durchweg von den Konzepten abgeschrieben, nicht
von den Originalen. Abweichungen zwischen dem Text der Registerein-
tragung und der ausgehändigten Urkunde lassen sich vielfach feststellen.
Es muß angenommen werden, daß die notulae so lange in der Kanzlei an-
gesammelt worden sind, bis man einmal die Zeit fand, ihren Inhalt in die
Register einzutragen.
Der normale Weg vom Ausfertigungsbefehl des Fürsten über die no-
tula und den Registereintrag bis zur ausgefertigten und ausgehändigten
Urkunde ist jedoch längst nicht in jedem Falle gegangen worden. Es
scheint eine ziemliche Nachlässigkeit geherrscht zu haben, so daß bei
weitem nicht alle aus der Kanzlei ausgegangenen Originalurkunden in
ein Register eingetragen worden sind. Für die Jahre 1381 bis 1418 hat
eine Überprüfung ergeben, daß von 107 Originalurkunden 60 nicht regi-
striert worden sind. Auf der anderen Seite ist aber in vielen Fällen aus
einem Ausfertigungsbefehl nur eine notula und ein Registereintrag ent-
standen, ohne daß eine Urkunde ausgefertigt worden wäre. Man wird
daraus schließen dürfen, daß schon der Registereintrag als voll beweis-
kräftig angesehen wurde und man deshalb die doch etwas aufwendige
Ausfertigung der Urkunde nicht mehr für notwendig hielt. Bei Lehnbrie-
fen mit ihrem über mehrere Belehnungen gleichbleibenden Text ist ein
solches Verfahren am ehesten verständlich, wurde doch bei einer wieder-
holten Belehnung nicht ein ganz neues Rechtsverhältnis geschaffen, son-
dern ein bereits bestehendes bestätigt. Gegenüber den Texten der ausge-
fertigten Urkunden weisen die Registereinträge Kürzungen auf, auch
sind formelhafte Wendungen ausgelassen worden. Mehrfach geben sie
den Inhalt einer Urkunde nicht im Originaltext, sondern nur in kanpper
Form wieder, wobei die Person des Empfängers in der dritten Person ge-
nannt wird. In diesen Fällen läßt sich freilich kaum noch von einem Re-
gistereintrag im vollen Sinne sprechen, es handelt sich vielmehr um eine
Art von Protokollnotiz.
Um das Ausmaß der Tätigkeit der wettinischen Kanzlei mit Zahlen
belegen zu können, besteht die Möglichkeit, in den Jahrzehnten um 1400
die Anzahl der von ihr ausgestellten Urkunden, so weit sie bekannt sind,
in eine Ubersicht zu bringen":
von 1381 bis 1395 in 16 Jahren etwas weniger als 1000 Urkunden,
von 1396 bis 1406 in 11 Jahren etwas mehr als 1000 Urkunden,
" Codex diplomatics Saxoniae regiae, I. Hauptteil, Abt. B, Bd. 1 (1899) S. 4 8 5 - 5 1 8 ;
Bd. 2 (1902) S. 5 2 8 - 5 4 7 ; Bd. 3 (1909) S. 4 7 0 - 5 1 9 ; Bd. 4 (1941) S. 4 0 3 - 4 4 2 .

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294 Karlheinz Blaschke

von 1407 bis 1418 in 12 Jahren etwa 1200 Urkunden,


von 1419 bis 1427 in 9 Jahren etwa 1200 Urkunden.

Wenn man aus diesen nur ungefähren Angaben jährliche Durch-


schnittswerte ermittelt, so ergibt sich für die vier angeführten Zeitab-
schnitte eine Steigerung von 60 über 95 und 100 bis auf 133, d. h. auf
mehr als das Doppelte. Absolut gesehen, sind diese Zahlen freilich recht
gering, denn wenn im Durchschnitt aller drei bis sechs Tage eine Urkun-
de die Kanzlei verließ, so war das, aufs Ganze gesehen, kein großer Be-
trieb. Auf jeden Fall vermitteln diese Zahlen einen ungefähren Eindruck
von dem doch recht geringen Umfang der Kanzleiarbeit um 1400.
Allerdings erschöpfte sich die Leistung der Kanzlei nicht in der Aus-
stellung von Urkunden samt dem ganzen dazu notwendigen Beiwerk.
Daneben war ja auch noch das Rechnungswesen zu bewältigen, das im
Laufe des späten Mittelalters ebenfalls an Umfang zunahm. Es handelte
sich einmal um die Geldbewegung an der Zentrale, wo die damals noch
nicht voneinander getrennten Bereiche der Hofhaltung und der Zentral-
verwaltung Aufwendungen an Bargeld nötig machten und bei bestimm-
ten politischen oder militärischen Anlässen große Summen aufgebracht
werden mußten. Sie wurden in der Regel durch Verpfändung von Ge-
bietsteilen oder Städten beschafft, wobei der Umgang mit Geld, der den
in naturalwirtschaftlichen Traditionen stehenden mittelalterlichen Für-
sten ungewohnt war, ein entsprechend erfahrenes Personal erforderte. Da
die Bede, die von den Landesbewohnern ursprünglich „erbetene" neue
Geldsteuer, im Laufe des 14. Jahrhunderts zur regelmäßigen Gewohnheit
wurde, mußte die Kanzlei auch die dabei eingehenden Gelder verwalten.
Ein zum Jahre 1350 genannter Kammermeister steht noch ganz verein-
zelt in der Überlieferung, eine selbständige Kammerverwaltung löste sich
erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts aus der allgemeinen Zen-
tralverwaltung heraus. Der Territorialstaat ist aus der mittelalterlichen
Landesherrschaft in dem Maße gewachsen, wie es dem Fürsten gelang,
die materiellen Grundlagen seiner Macht von der Natural- zur Geldwirt-
schaft umzugestalten.
Dabei spielten die Vögte oder Amtleute als die mit der Wahrneh-
mung landesherrlicher Interessen beauftragten Beamten in den lokalen
Bereichen eine hervorragende Rolle. Wenn die Amtleute jetzt immer
häufiger zur Rechnungslegung veranlaßt wurden, so diente das zunächst
dem Zweck, die Bargeldeinkünfte der Ämter straffer zu erfassen. Zu-
gleich äußert sich in dieser Maßnahme das Bestreben, dem sich heraus-
bildenden Staat eine solide Grundlage in Gestalt einer unteren Ebene der

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Kanzlei und Territorialstaatsbildung im wettinischen Herrschaftsbereich bis 1485 295

Verwaltung zu verschaffen. Wenn von der Entwicklung des modernen


Staates gesprochen wird, dann richtet sich der Blick in der Regel auf die
Zusammenfassung aller öffentlichen Gewalt in den Händen des Landes-
herrn, auf den Aufbau eines zentralen Behördensystems, die Einfuhrung
regelmäßiger Steuern und stehender Heere. Dabei wird leicht die Bedeu-
tung der Tatsache übersehen, daß der Staat gerade auch dadurch zu sei-
nem eigentlichen Wesen gefunden hat, daß er innerhalb seines eigenen
Machtbereichs tiefere Wurzeln geschlagen hat und gewissermaßen in sei-
nen eigenen Untergrund hineingewachsen ist. Im Falle des meißnisch-
sächsischen Territorialstaates waren hierbei die Amtleute wichtige Figu-
ren, denn im Gegensatz etwa zu Brandenburg u und Mecklenburg gelang
es hier, diese Amtleute über die Verwaltung des unverlehnten Domanial-
besitzes hinaus zu den örtlichen Trägern staatlicher Gewalt zu machen,
indem ihnen die Aufsicht über die Grundherrschaften ihres Gebietes
übertragen wurde. Dieser Prozeß vollzog sich während des späten Mittel-
alters, er führte zur Einbeziehung von adligen Grundherrschaften und
Städten in die Botmäßigkeit der Amter, weshalb sie seit den vierziger
Jahren des 15. Jahrhunderts als „Amtssassen" bezeichnet wurden". Ein
anderer Teil der adligen Grundherrschaften, zumeist die größeren, dazu
die bedeutenderen Städte und alle geistlichen Herrschaften waren dage-
gen „Schriftsassen", weil sie „auf unseres Herrn Kanzlei Schrift" saßen,
d. h. daß ihnen unmittelbar aus der landesherrlichen Kanzlei geschrieben
wurde, während die Amtssassen über die Amtleute, also mittelbar, mit
der Zentralverwaltung verbunden waren, von dort ihre Anweisungen er-
hielten und dorthin ihre Landsteuer entrichtetea In beiden Fallen verlo-
ren aber die adligen Vasallen ihre persönliche Beziehung zum Fürsten,
mittelalterliche personale Bindungen wurden mit Hilfe zentraler und lo-
kaler Verwaltungsstellen des entstehenden Staates in institutionelle
Unterordnung umgewandelt. Dabei zeigt der Ausdruck „Schriftsassen"
die hohe Bedeutung der Kanzleitätigkeit in diesem Prozeß an, die auch
fur die Amtssassen galt, denn der Ausdruck rührt daher, daß diese Inha-
ber von Grundherrschaft „auf des Amtes Schrift" saßen. Die ungekürz-
ten Bezeichnungen müßten eigentlich „Kanzleischrift-Sassen" und
„Amtsschrift-Sassen" lauten. So wird es deutlich, welche wichtige Rolle
die Kanzlei beim Aufbau des modernen Staates spielte. Es liegt auf der
Hand, daß auch dadurch die Arbeit der Kanzlei ihrem Umfang nach aus-
gedehnt wurde, denn der Schriftverkehr mit den Schriftsassen und nach

" BORNHAK ( w i e ANM. 1 9 ) .


" H.-St. BRATHER, Die Verwaltungsreform am kursächsischen Hofe im ausgehen-
den 15. Jh. (in: Archivar und Historiker, wie Anm. 20) S. 2 5 4 - 2 8 7 .

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296 Karlheinz Blaschke

1438 mit den Ständen im Umfeld der nun üblich gewordenen Landtage
ließ das gesamte Schriftwerk weiter anschwellen.
Neben der Ausweitung des Schriftwerks im rein zahlenmäßigen Sinne
muß aber noch die Ausdehnung der Urkundentexte bedacht werden. Seit
dem späten 14. Jahrhundert stand neben dem teueren Pergament das bil-
ligere Papier zur Verfügung, so daß sich seit dem Beginn des 15. Jahr-
hunderts in der wettinischen Kanzlei eine ausfuhrlichere Gestaltung der
Texte erkennen läßt. Auch in den Registern wurde nun nicht mehr nur
eine regestenartige Eintragung vorgenommen, sondern der Urkundentext
im vollen Wortlaut abgeschrieben, was zu einem Anschwellen der Regi-
sterbände führte. Das gilt vor allem für die Lehnsregister, in die nun alle
in den Lehnbriefen aufgeführten Besitzstücke eines Lehnträgers auch
unter Einschluß formelhafter Bestandteile in aller Ausführlichkeit einge-
tragen wurden34.
Das Kanzleipersonal war noch nicht mit einer festen Besoldung ange-
stellt, sondern auf den Empfang von Trinkgeldern angewiesen. Diese
wurden dem Zeugnis der Überlieferung nach von den Urkundenempfän-
gern offenbar nach ihrem eigenen Ermessen gegeben, wobei der Wert des
Urkundeninhalts eine Rolle spielte. So zahlte die Stadt Dresden im Jahre
1407 für die Bestätigung aller ihrer Privilegien dem Kanzler die statt-
liche Summe von 8 Gulden 8 Schock 24 Groschen und den Schreibern
2 Schock 3 \ handelte es sich doch für die Stadt um eine Urkunde von
grundlegender Bedeutung. Für den Kanzler ist allerdings seit 1372 eine
Besoldung nachweisbar, er erhielt 40 Schock aus der Landbede. Von einer
Bürokratie im eigentlichen Sinne, von einer festen institutionellen und
personellen Formierung läßt sich bis zum 15. Jahrhundert noch nicht
sprechen, die Schreiber waren zumeist nur wenige Jahre in der Kanzlei
tätig. Oft genug tritt der Fall auf, daß ein Schreiber nur eine einzige Ur-
kunde geschrieben hat. Es ist anzunehmen, daß die Kanzlei in der Regel
ortsansässige Schreiber dort in ihren Dienst nahm, wo sie sich gerade
aufhielt. Sie befand sich ja ständig unterwegs, denn da es noch keine feste
Residenz gab, mußte sie den Markgrafen auf ihren Reisen überallhin fol-
gen. Dabei wurden das Schriftgut und die gesamte Kanzleieinrichtung in
Säcke und Laden verpackt und auf Wagen transportiert. Das muß im-
merhin so sorgsam geschehen sein, daß man den bis zum heutigen Tage
erhaltenen Bänden die Strapazen nicht ansieht, die sie damals haben
durchstehen müssen.

" R. GOLDFRIEDRICH, Die Geschäftsbücher der kursächsischen Kanzlei im 15. J h .


(Diss. Leipzig 1930).
" Codex diplomaticus Saxoniae regiae II, Bd. 5 (1875) S. 115.

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Kanzlei und Territorialstaatsbildung im wettinischen Herrschaftsbereich bis 1485 297

Unter diesen Bedingungen einer ambulanten Kanzleitätigkeit ohne fe-


ste innere Organisation war die Stellung des Kanzlers von besonderer Be-
deutung, denn er war inmitten aller Beweglichkeit in bezug auf Orte und
Personen das stabile Element. Es war vor allem wichtig, daß er in dem
sich nun fester formierenden landesherrlichen Rat seinen Platz hatte und
dadurch immer stärker in politische Aufgaben hineinwuchs. Besonders
die Rechtsprechung wurde sein Aufgabengebiet, was sich wohl daraus
erklärt, daß die Kanzler im 15. Jahrhundert studierte Juristen waren. Sie
trugen dazu bei, in der territorialstaatlichen Zentralverwaltung durch
stärkere Beachtung des gelehrten Rechtes das mündlich überlieferte und
ausgeübte deutsche Recht zurückzudrängen und auf diese Weise die
Stellung des Fürsten gegenüber den Trägern traditioneller und autono-
mer Rechtspflege weiter zu stärken. Indem die Kanzler in die politische
Sphäre aufstiegen, entfernten sie sich von der praktischen Kanzleiarbeit.
Mit dieser Spezialisierung des Kanzlers auf die Angelegenheiten der
Rechtspflege kündigte sich im 15. Jahrhundert die Herauslösung eines
eigenen Ressorts aus der noch einheitlichen Zentralverwaltung an, denn
im 16. Jahrhundert entwickelte er sich dann zum höchsten Justizbeamten
des werdenden Territorialstaates. Die Kanzler der Wettiner hatten zu-
meist an der Universität Leipzig ein Jurastudium absolviert.
Um die Mitte des 15. Jahrhunderts hat der aus geistlichem Stande ge-
kommene Kanzler adliger Abkunft Georg von Haugwitz Maßnahmen
im Bereich der kursächsischen Zentral- und Lokalverwaltung eingeleitet,
die gelegentlich als Verwaltungsreform bezeichnet worden sind36. Haug-
witz entlastete die in der Regel aus dem landsässigen Adel stammenden
Amtleute von der Wirtschafts- und Rechnungsführung und übertrug
diese völlig den dafür bestellten Gehilfen, den sog. Schössern, deren Stel-
lung sich dadurch verbesserte. Die in den Ämtern überschüssigen Gelder
wurden nicht mehr, wie bisher üblich, auf Anweisung der Zentrale zur
Deckung bestimmter Verpflichtungen unmittelbar aus den Ämtern an
die Gläubiger gegeben, sondern grundsätzlich an die Zentrale abgeliefert.
Außerdem war Haugwitz bestrebt, die dauernde Mobilität des Hofes ein-
zuschränken und das kurfürstliche Hoflager nur noch auf wenige Resi-
denzen festzulegen, was ihm damals allerdings noch nicht gelang. Seine
„Reformen" lagen jedenfalls genau in der Richtung der allgemeinen Ent-
wicklung, indem sie die geldwirtschaftlichen Grundlagen des Territorial-
staates verbesserten und die Handhabung der landesherrlichen Verwal-
tung auf zentraler und lokaler Ebene strafften.

16 BRATHER ( w i e A n m . 3 3 ) S . 2 5 6 .

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298 Karlheinz Blaschke

Während die seit der Mitte des 14. Jahrhunderts bekannten Kanzleilei-
ter adliger Herkunft waren, treten seit dem Ende des Jahrhunderts Kanz-
ler bürgerlichen Standes auf, im 15. Jahrhundert gehörten sie vorwiegend
dem Bürgertum an. Auch das war eine Besonderheit, denn die fürst-
lichen Räte entstammten damals noch durchweg dem landsässigen Adel.
Im 15. Jahrhundert vollzog sich auch der Ubergang von den Kanzlern
geistlichen Standes zu solchen weltlichen Standes. Der erste dieser Art
wurde 1464 eingestellt, er trug den bezeichnenden Namen Johann Stadt-
schreiber, kam also offenbar aus einer städtischen Kanzleitätigkeit. Sein
Nachfolger war Johannes Mergenthal, dessen Begabung vor allem auf
dem Gebiet des Finanzwesens lag, weshalb er 1469 zum Landrentmeister
bestellt wurde37. In dieser Eigenschaft begründete er die oberste Finanz-
verwaltung Kursachsens und sorgte dabei fur eine übersichtliche und
regelmäßige Rechnungslegung. Unter seiner Amtsführung begann das
Finanzwesen, sich aus der allgemeinen Hof- und Zentralverwaltung zu
lösen und sich im Sinne der Ressorttrennung zu verselbständigen.

Zu einem geordneten Urkunden- und Kanzleiwesen und zur wir-


kungsvollen politischen Leitung eines Staatswesens gehört notwendiger-
weise ein Archiv. Bei den Wettinern ist die archivarische Verwahrung
von Urkunden erstmals aus dem Jahre 1293 bezeugt. Die älteste bei den
Markgrafen eingegangene und erhalten gebliebene Urkunde stammt aus
dem Jahre 1243, die zweifellos einmal vorhanden gewesenen älteren emp-
fangenen Urkunden sind im Original verlorengegangen. Das Staatsarchiv
Dresden, das den größten Teil der schriftlichen Überlieferung aus der
wettinischen Kanzlei aufbewahrt, kann bis zum Jahre 1300 nur 36 Ur-
kunden nachweisen, die ihrer Provenienz nach von den Markgrafen von
Meißen stammen. Dabei kann es sich nur um einen Bruchteil des ur-
sprünglichen Bestandes handeln3®.
Die Urkunde von 1243 steht mit den Anfangen einer deutlich erkenn-
baren archivarischen Bemühung in Zusammenhang. Sie trägt ein recht
ausfuhrliches Dorsualregest39, das etwa hundert Jahre später angebracht
wurde und dessen Wortlaut von einem stärkeren Interesse am Inhalt der

" Ebd. S. 257; H. SCHRAMM, Johann von Mergenthal, der erste sächsische Landrent-
meister (1469/78) (Diss. Leipzig 1918); BLASCHKE, Steuer (wie Anm. 16).
" W . LlPPERT, Die ältesten wettinischen Archive im 14. und 15. Jh. (in: Neues Ar-
chiv für sächsische Geschichte 44, 1923) S. 7 1 - 9 9 ; ders., Das älteste Urkundenverzeich-
nis des thüringisch-meißnischen Archivs 1330 (in: Bcitr. zur thiiring. und sächs. Ge-
schichte, Festschr. Otto Dobenecker, 1929) S. 9 1 - 1 1 0 ; M. KOBUCH, Die Anfänge (wie
Anm. 24) S. 111; daselbst auch Abb. vor S. 113.
" KOBUCH ( w i e A n m . 2 4 ) S. 1 1 2 .

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Kanzlei und Territorialstaatsbildung im wettinischen Herrschaftsbereich bis 1485 299

Urkunde zeugt. Noch wichtiger ist die Tatsache, daß diese Regestierung
in eine ganze Reihe gleichartiger Eintragungen gehört. Derartige Rege-
sten erscheinen nämlich auf 15 Urkunden, die bis zum Jahre 1300 ausge-
stellt worden waren, und bis Ende des Jahres 1329 steigt ihre Zahl auf
insgesamt 71, was mehr als ein Drittel des gesamten Bestandes aus-
macht, der zu dieser Zeit im landesherrlichen Urkundendepot nachweis-
bar vorhanden war*. Diese Dorsualien müssen als Zeugnisse einer be-
wußten archivarischen Tätigkeit angesehen werden, die in das Jahr 1330
zu setzen ist. Ihre Verfasser waren zwei Notare der meißnischen Kanzlei,
deren Schriftzüge sich auch anderweitig feststellen lassen.
Den größeren Teil schrieb der aus einer markmeißnischen Ministeri-
alenfamilie stammende Kleriker Johann von Eisenberg, der sich im Ge-
folge des Markgrafen Friedrichs II. bei dessen Reise zu seinem Schwie-
gervater Ludwig dem Baiern im Herbst 1330 aufhielt und dabei eine
Rechnung über die ausgegebenen Gelder aufstellte*'. Er läßt sich seit
1324 in der wettinischen Kanzlei nachweisen, war 1333 Protonotar, wur-
de 1340 Dompropst zu Meißen und 1342 zum dortigen Bischof gewählt.
Er muß als einflußreicher Ratgeber und enger Vertrauter des jungen,
1329 an die Regierung gekommenen Markgrafen angesehen werden. Die
andere Hand ist dem markgräflichen Notar Konrad zugeschrieben wor-
den, dessen Herkunft unbekannt ist und der als Geistlicher nach seiner
Pfründe von Lobeda genannt wird. Von ihm stammt das älteste Urkun-
denverzeichnis der wettinischen Kanzlei aus dem Jahre 1330, in dem
rund 30 für Markgraf Friedrich II. ausgestellte Urkunden Ludwigs des
Baiern aus den Jahren 1323 bis 1329 enthalten sind*2.
Diese hier beschriebene gezielte Archivarbeit muß vor einem ganz be-
stimmten geschichtlichen Hintergrund gesehen werden. Von ihr waren
Urkunden erfaßt worden, die alle den gleichen Inhalt zeigen, der um
1330 von aktueller Bedeutung war. Es handelt sich um politische Ange-
legenheiten, Familienverträge, Belehnungen und Gebietserwerbungen,
Bündnisse, Pfandschaften und Dienstversprechen von Vasallen. Nach
dem Tode des Markgrafen Friedrichs I. im Jahre 1323 stand dessen Sohn
Friedrich II. bis 1329 unter der Vormundschaft eines Angehörigen der
Familie der Herren Reuß, um nunmehr seine selbständige Regierung an-
zutreten und seine Herrschaft zu festigen. Dazu bediente er sich nicht
zuletzt des in seiner Hand befindlichen Urkundenbestandes, der zu die-

40 Ebd. S. 113.
" StA Dresden, O U 2237, BI. 1 (Kriegsverlust).
" StA Weimar, EGA Cop. F 33, Bl. 1; LIPPERT, Die ältesten (wie Anm. 38); KOBUCH
(wieAnm. 24) S. 118.

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300 Karlheinz Blaschke

sem Zweck sorgfältig aufgearbeitet wurde. Die betreffenden Urkunden


spiegeln die Entwicklung wider, die von der wettinischen Landesherr-
schaft im frühen 14. Jahrhundert in Richtung auf die Ausbildung des
Territorialstaates durchgemacht worden war <J . Die Archivarbeit des Jah-
res 1330 stand demzufolge im Dienste der Konsolidierung furstlich-terri-
torialstaatlicher Macht.
Die Erkenntnis über den Wert der Urkunden für die Territorialpolitik
hat im Zusammenhang mit dieser Archivarbeit am markgräflichen Hofe
offenbar ein engeres Verhältnis zu den eingegangenen Urkunden über-
haupt zur Folge gehabt, denn im Anschluß daran wurde auf der Wart-
burg bei Eisenach, dem Stammsitz der Landgrafen von Thüringen, ein
Urkundendepot eingerichtet. Die Entscheidung für die am Rande des
wettinischen Herrschaftsbereichs gelegene Burg wurde zweifellos mit
Rücksicht auf ihre besondere Wehrhaftigkeit getroffen, um einem so
wertvollen Bestand auch die nötige Sicherheit zu bieten. Als im Jahre
1382 die Chemnitzer Teilung das wettinische Gebiet in drei Teile aufglie-
derte, nahm jeder der drei Teilfursten die ihm zustehenden Urkunden in
seine eigene Verwahrung, aber die Altenburger Örterung von 1436 schuf
wieder ein gemeinsames Archiv der damals drei wettinischen Fürsten, die
in den beiden Hauptteilen Meißen und Osterland regierten. Der Bestand
wurde in einem eigenen Repertorium verzeichnet. Es ist beachtlich, daß
das Archiv im Gegensatz zur damaligen Teilung als Element der Einheit
gewirkt hat, so daß im Wissen um die gemeinsame Vergangenheit das
Bewußtsein der Zusammengehörigkeit lebendig geblieben ist. Als dann
im Jahre 1482 die thüringische Linie ausstarb und ihr Besitz an die
Hauptlinie der Wettiner zurückfiel, kamen auch ihre Urkunden in das
gemeinschaftliche wettinische Archiv, das in Meißen aufbewahrt worden
war und nunmehr in Leipzig errichtet wurde 44 . Nach den tiefgreifenden
politisch-territorialen Veränderungen des Jahres 1547 gelangte es 1554
nach Wittenberg, wo es als das in der sächsischen Archivgeschichte be-
kannte „Wittenberger Archiv" bis zu seiner Auflösung im Jahre 1802
verblieb.

Damit ist der Gedankengang bereits an das Ende der für das anstehen-
de Thema ins Auge gefaßten Zeit angelangt. Aus der Leipziger Teilung
von 1485 gingen zwei wettinische Linien mit zwei selbständigen Fürsten-
tümern hervor, die bis zum Ende der Monarchie niemals wieder vereinigt

" SCHLESINGER, Zur Geschichte (wie Anm. 15) S. 107 ff.; S. 121.
44 LIPPERT, Stud, (wie Anm. 26) S. 39 f.

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Kanzlei und Territorialstaatsbildung im wettinischen Herrschaftsbereich bis 1485 301

werden sollten und je ihr eigenes Urkunden- und Kanzleiwesen ausbilde-


ten. Abgesehen von diesem einschneidenden äußeren Ereignis vollzogen
sich seit dem Ende des 15. Jahrhunderts auch innere Entwicklungen, die
einen neuen Abschnitt der Verwaltungsgeschichte eröffneten4>. Die Fi-
nanzverwaltung verselbständigte sich weiter und mündete in eine eigene
Behörde ein, in die landesherrliche „Kammer". Mit der Errichtung des
ortsfesten Oberhofgerichts in Leipzig im Jahre 1483 begann die Auflö-
sung der einheitlichen Zentralverwaltung, womit sich die Ressorttren-
nung des späteren 16. Jahrhunderts bereits ankündigte. Der alte Hofrat
wurde unter der Leitung des Kanzlers mehr und mehr auf die Aufgaben
der Justiz, des Lehnswesens und der allgemeinen „Polizei" im Sinne von
innerer Verwaltung konzentriert, so daß aus ihm mit der Kanzleiord-
nung von 1548 die „Landesregierung" als eine der Zentralbehörden her-
vorgehen konnte. Die Kurfürsten und die Herzöge von Sachsen legten
sich seit dem Ende des 15. Jahrhunderts auf bestimmte dauerhafte Resi-
denzen fest, was eine intensivere Ausbildung der nunmehr ortsfesten
Kanzleien und Behörden ermöglichte. Seit etwa 1470, d.h. seit dem er-
neuten Aufblühen des Silberbergbaus im sächsischen Erzgebirge, erfaßte
der Frühkapitalismus wesentliche Teile der Wirtschaft und veränderte
das gesellschaftliche Gefuge. Da er die Inhaber der politischen Macht zur
Anpassung an die gewaltig zunehmende Geldwirtschaft zwang, wirkte
sich die neue Wirtschaftsordnung auch auf die Regierungs- und Verwal-
tungstätigkeit des nunmehr heranwachsenden modernen Staates aus. Das
Mittelalter ging zu Ende, die Neuzeit brach an.
Der moderne Staat, der sich nach 1500 entwickelte, konnte nicht mehr
mit dem einfachen Instrumentarium auskommen, dessen sich der spät-
mittelalterliche Territorialstaat bedient hatte. Bis dahin war zwar eine
ständige Aufwärtsentwicklung der Kanzlei und des gesamten Verwal-
tungsapparates als eines Instruments landesherrlicher Macht erfolgt, aber
es gab noch keine vollendete Bürokratie. Frühformen staatlicher Verwal-
tung hatten sich ausgebildet und hatten personale Beziehungen des Mit-
telalters, lehnsmäßige Bindungen zwischen dem Herrn und dem Mann
durch institutionelle Beziehungen verdrängt. Die Anonymität der Kanz-
lei als einer Behörde war an die Stelle der Personalität des Lehnsverhält-
nisses getreten, die Ausübung von Macht und Herrschaft war versach-
licht und damit freilich auch gewisser menschlicher Züge entkleidet wor-

" Zur weiteren Entwicklung der sächsischen Verwaltung vgl. W. GOERUTZ, Staat
und Stände unter den Herzögen Albrecht und Georg 1485-1539 (1928); Th. KLEIN,
Kursachsen (in: Dt. Verwaltungsgeschichte, hg. K . G . A. JESERICH, H. POHL, G.-Ch.
VON U N R U H , 1 1 9 8 3 ) S . 8 0 3 ff.

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302 Karlheinz Blaschke

den. Kanzleipapier ersetzte von nun an das Gedächtnis eines Menschen,


um es über sein Lebensende hinaus zu verlängern und dadurch Herr-
schaft auf unbegrenzte Dauer einzurichten, wie es im Wesen des moder-
nen Staates liegt. Die spätere Trennung der Person des Fürsten vom
Staat, wie sie in der konstitutionellen Monarchie auftritt, war mit dem
Aufbau eines reibungslos funktionierenden Verwaltungsapparates auf
zentraler und lokaler Ebene bereits keimhaft angelegt. Gewiß war noch
nicht die vollentwickelte Rationalität des Staatsapparates des 19-/20.
Jahrhunderts und die Staatsidee der Aufklärungszeit erreicht worden,
auch der Begriff der Staatsräson paßt noch nicht auf die Lage am Ende
des 15. Jahrhunderts, aber unverkennbar zeigen sich schon die auf jenen
späteren Zustand hinfuhrenden Elemente. Es war noch nicht die voll ent-
faltete Finanzwirtschaft des modernen Staates ausgebildet, aber wesent-
liche Vorarbeiten in dieser Richtung waren geleistet. Der moderne Staat
war im Jahre 1485 noch nicht erkennbar, aber die Basis für seinen nun
beginnenden Aufbau war geschaffen.
Bei alledem hatte sich die landesherrliche Kanzlei als das entscheiden-
de Instrument der Entwicklung und Wandlung erwiesen. Kanzleipapier
war auf die Dauer eine wirksamere Waffe im Kampf um die innere Sou-
veränität als Schwerter, Spieße und Kartaunen, denn es war mit der Zä-
higkeit und Beharrlichkeit seiner Wirkung den Mitteln der harten Ge-
walt überlegen. Von den so geschaffenen Grundlagen aus konnte die
Verwaltungsarbeit das ganze Herrschaftssystem durchdringen und die
künftige Verstaatlichung der Gesellschaft vorbereiten. Der Mensch unse-
rer Zeit stöhnt und leidet unter der Macht der Bürokratie, so daß Franz
KAFKA sagen konnte, die Fesseln der gequälten Menschheit sind aus
Kanzleipapier. Aber eben diese Bürokratie erweist sich als ein in der ge-
schichtlichen Entwicklung notwendig gewordener Bestandteil der gesell-
schaftlichen Ordnung unserer Zeit mit ihren Errungenschaften und ihren
Nöten, zu denen auch der moderne Staat gehört. Wenn dieser Staat zwar
nicht eine wünschenswerte Endstufe, aber eine notwendige und sinnvolle
Durchgangsstufe in der Entwicklung gesellschaftlicher Ordnungen ist,
dann war es die geschichtliche Leistung der spätmittelalterlichen landes-
fiirstlichen Kanzlei, die Grundlage fur die Herausbildung dieses Staates
geschaffen zu haben.

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