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Prof. Dr.

Zorica Nikolovska

Universität „Hll. Kyrill und Method" - Skopje


Philologische Fakultät „Blaže Koneski"
Abteilung für Deutsche Sprache und Literatur
Abteilung für Übersetzen und Dolmetschen
Boul. Goce Delčev 9 A, 1000 Skopje
E-Mail: zorica.nikolovska@hotmail.com

Deutschsprachige Literаtur 8

Nr. 7, 11.05.2020

Friedrich Nietzsche
(1844 -1900)

„Wieviel musste dieses Volk Leiden, um so schön werden zu können“


(Nietzsche: „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“, 1872)
(Er meint hiermit das Volk der Griechen, sein Hauptthema ist: die tragische Dimension
der Welt, das Schöne ist ohne das Schreckliche nicht zu haben, das Leid überwiegt)
Nietzsches Forderungen:
 sich diesem Schicksal mutig stellen!
 das Leiden und auch den tiefsten Schmerz heroisch aushalten!
 sein Held ist der starke Mensch = der das Leid annimmt, sich aber nicht
niederdrücken lässt, sondern daraus zusätzliche Lebensenergie schöpft!
 „lustvoll über dem Abgrund tanzen“= Vorwegnahme des „Übermenschen“
 Er wusste, dass er diesem Idealbild nicht entsprach:
„Was ich nicht bin, das ist mir Gott und Tugend!“
(so sagte N. schon als Jugendlicher, im Bewusstsein seiner eigenen Ängstlichkeit und
körperlichen Schwäche)
 In dieser Diskrepanz zwischen Ideal und eigener Realität lag die persönliche
Tragik N`s
 Aphorismen N`s: „Wer sich selbst erniedrigt, will erhöht werden!“

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 „Was mich nicht umbricht, macht mich stärker!“
 „Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen!“
Leitgedanken:
 Gipfel und Abgrund des Menschseins sind unlösbar miteinander verkettet!
 das Schöne ist ohne das Schreckliche nicht zu haben!
 das Leid überwiegt unausweichlich, aber es wird gerechtfertigt durch Momente
des Schönen, die daraus erwachsen können!
Radikale Forderungen seiner späten Werke:
 gezielte Züchtung des Übermenschen
 Vernichtung alles Schwachen
Friedrich Nietzsches Leben

 Geburt am 15.10.1844 in Rötten bei Leipzig


 Weil er am Geburtstag des damals regierenden König Friedrich Wilhem IV. von
Preußen das Licht der Welt erblickt, erhält er die Vornamen seines Monarchen.
 Vater Karl Ludwig ist protestantischer Landpfarrer,
 Mutter Franziska ist Pfarrerstochter, die meisten ihrer Brüder sind ebenfalls
Pfarrer.
 Später schreibt Nietzsche:
„Ich bin als Pflanze nahe dem Gottesacker, als Mensch in einem Pfarrhause geboren“.

 1864 in Bonn und Leipzig Studium der klassischen Philologie, fällt als besonders
begabter Student auf
 1869 Antrittfsvorlesung (24 J.) an der Uni zu Basel, wird dann zum
ordentlichen Professor ernannt und hält Vorträge über „Das griechische
Musikdrama“ und „Sokrates“
„Das Schopenhauer-Erlebnis“

 intensive Beschäftigtigung mit Schopenhauer, er liest sein Hauptwerk;

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 für Schopenauer, der vom Buddhismus beinflusst war, heißt Leben vor
allem Leiden (es wäre für den Menschen besser gar nicht geboren worden
zu sein!)
 er las sein Werk in einem Zug und befand sich eine ganze Zeit „wie im
Rausch“
 dieser Pessimismus Schopenhauers bedeutet für N. eine persöniche
Entlastung
 damit war die Liebe zur Philosophie eingepflanzt und das Fundament
seines späteren Weltbilds

F.N.: „Die Geburt der Tragödie “ 1872

 Es behandelt die antike Kunst und das archaische Theater, aber auch
 das Leben unter dem Aspekt der Lebendigkeit, Lebenskraft und
Lebensfülle
 Vitalität
 Er sieht hier zwei entgegengesetzte Prinzipien, die er nach griechischen
Gottheiten benennt:
 das eine als das Dionysische
 das andere als das Apollinische

das Dionysische in der Natur:


das Ungezähmte, Triebhafte, Lebendige,
Wilde in der Natur
es ist zerstörerisch und schöpferisch
es ist schön und zugleich schrecklich
(Überschwemmungen, Vulkanausbrüche, Orkane, Gewitter, Unbarmherzigkeit des
Löwen)

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Es ist der Grund allen Leids und allen Schreckens in der Welt, zugleich aber die Quelle
aller Lust und aller Schönheit

das Dionysische im Menschen:


es äußert sich in unseren Trieben und Leidenschaften
auch hier: Lust und Leid liegen eng beianander
zwispaltiges Verhalten: einerseits spüren wir die Verlockung uns den triebhaften
Gelüsten in uns nachzugeben, andererseits fürchten wir den Kontrollverlust und die
Abgründe, die sich darin auftun

das Appolinische
Als Schutz gegen diese Abgründe wählt der Mensch das Appolinische
Prinzip der vom Mensch geschaffenen Kultur und Zivilisation:
Disziplin, Klarheit und Ordnung (damit soll das Dionysische im Zaum gehalten werden)
Sinn und Zweck für die Bestehung der Zivilisation = als Schutz gegen das Dionysische
außer uns und in uns
dabei übertreiben aber die Menschen
durch moralische Verbote versuchen sie das Triebhafte völlig aus ihrem Leben zu
verbannen und ersticken dadurch alle Lebendigkeit
das Leben ist aber auf die Zufuhr an dionysischer Energie angewiesen, die es nun nicht
mehr bekommt
Zitat:
„Die Menschen gleichen einem Gartenbesitzer, der die gesamte Fläche zubetonieren
lässt um zu verhindern, dass Unkraut wächst, das gelingt dann zwar, aber es wächst
auch sonst nichts mehr!“

N. fordert: „Dionysische Weisheit“


 Mutiges Aushalten des Dionysischen =
im Interesse unserer eigenen Lebendigkeit sollen wir bereit sein Leid, Grausamkeit und
Ungerechtigkeit der Welt auf uns zu nehmen, und dafür aber auch die sinnliche Lust in
vollen Zügen auszuleben und zu genießen
 In der Geburt der Tragodie feiert N. dieses

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Ideal der dionysischen Weisheit
Auch die dionysische Weisheit bedarf der Kultur, aber einer Kultur, die das Lebendige
nicht abtötet, sondern anzapft und fruchtbar macht!
Beispiel: Musik R. Wagners, mit dem er einige Jahre eng befreundet war

Wagner
 In seinen dramatischen Opern:
 „Ring des Nibelungen“ spüren die Menschen ihre dionysischen Wurzeln
....„und eine unbändige Daseinslust und Daseinsgier“
 „höchster Schmerz und höchste Lust zugleich“
 rauschhaftes Musikerlebnis: N. nennt es Verzückungsspitze

Verzückungsspitze (врв на ентузијазам, восклик, еуфорија)


 Als Gipfel des Menschseins und damit als ästhetische Rechtfertigung der Welt
 Die Welt, schrecklich wie sie ist, macht Sinn nur weil sie dieses ungeheuer
Schöne hervorbringen kann
N. als Philologe
 als Philologoge war sein erstes Werk ein Faisko (die Hörer liefen ihm davon, er
hatte nur noch 3 Studenten),
 beruflicher Mißerfolg und gesundheitliche Probleme
 körperlicher Zusammenbruch 1879
 Entlassung aus der Universität (mit 35 Jahren)

1875 -1881: Zwischenphase


 freier Philolosoph in den nächsten 9 Jahren, dann wieder Zusammenbruch
 1875 -1881: Philosoph des Skeptizismus (in Fragestellung der Wahrheit),
Nihilismus (es gibt keine obj. Werte, keine allgemeingültige Moral) und
Perspektivismus (Schlussfolgerung = Wahrheit u. Moral erfolgen nur aus der
Perspektive des Menschen),
 objektive Wahrheit (also eine allgemein gültige richtige Erkenntnis) ist nicht
möglich!

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 „Wir haben keinen Urtext, sondern nur Interpretationen!“
 Philosophie ist keine Wissenschaft, sondern Kunst = subjektive Meinung des
Denkers
 seitdem er Basel verlässt lebt er in verschiedenen Orten in Hotels und immer
allein
 keine Frauenbeziehungen, keine Ehe
 1882 in Rom, Lu Salome (Heiratsantrag)
 „Selten denkt das Frauenzimmer, denkt es aber, taugt es nichts!“
 Depressionen und Größenwahn
 1889 Nervenzusammenbruch in Turin
 in Kliniken, in Obhut der Mutter und dann in die der Schwester
 seine letzten10 Jahre verbrachte er in tiefer Umnachtung (Verwirrung)
 er starb am 25.08.1900 in Weimar, an den Folgen einer Lungenentzündung

späte Phase: der Wille zur Macht und der Übermensch


 der Wille zur Macht (früher das Dionysische), aber auch: Trieb zum
Stärkerwerden als das Andere und als man selbst, Selbstentwicklung
 Steigerung bis zur Verzückungsspitze, aber der Weg ist nun anders, es braucht
die Kultur nicht mehr
 der Wille zur Macht soll sich ungehindert, ungefiltert entfalten

späte Phase: der Wille zur Macht und der Übermensch


 Hindernisse: Moral, Religion
 „Gott ist Tod“ – N. berüchtigtes Zitat!
 ....und mit ihm sind auch alle christlichen Werte tot: Demut, Gehorsam,
Brüderlichkeit, Gerechtigkeit = sie sind falsch und dienen nur dazu dem starken
Menschen Fesseln anzulegen!

Neue Moral

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 Also Umwertung aller Werte ist erforderlich!
 Eine neue Moral, in der die Tugenden der Starken eingesetzt werden: Mut, Stolz,
Härte, Kraft und Rücksichtslosigkeit
 Nur dann kann das Leben seine urwüchsige Kraft voll entfalten!
 Es ist ein robusteres Ideal: die Starken setzten sich durch, die Schwachen gehen
unter!
 das ist ungerecht, aber im Sinne des Lebens und ist notwendig
 es gehört zur unvermeintlichen Tragik menschlichen Daseins
 Gerechtigkeit hat in der Natur und im Leben keinen Platz!
 biologische Konsequenz: evolutionäre Weiterentwicklung des Menschen zum
Übermenschen

der Übermensch
 „Also sprach Zaratustra“ (der Übermensch ist der Sinn der Erde, der Mensch soll
überwunden werden)
 Übermensch = das Natürliche, Lebendige aber auch die geistigen Fähigkeiten
und die Kultur, er herrscht selbst, Herr seiner selbst und seines Lebens
 „Der ÜM verhällt sich zum Menschen wie der jetzige Mensch zum Affen!“

Verschärfung zum Schluss


 „blonde Bestie“= gezielte höhere Züchtung, Vernichtung des Schwachen
 „Der Antichrist“:
 „Die Schwachen und Mißratenen sollen zugrunde gehen, erster Satz unserer
Menschenliebe, und man soll ihnen noch dazu helfen!“
Zusammenfassung
 Nietzsches Gesamtwerk (wie es in der kritischen Studienausgabe vorliegt)
umfaßt 13 Bände & 2 Begleitbänden
 mehr als die Hälfte davon sind nachgelassene Schriften, Notizen, Entwürfe und
Fragmente
 Sein Werk wird gewöhnlich in 3 Perioden unterteilt, die fließend ineinander
übergehen:

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1. Periode (1869-76)
2. Nietzsches erstes Werk „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“
(1872) ist eine Betrachtung der vorklassischen Griechentums, worunter grob
gesagt die Zeit vor Sokrates (470-399 v. Chr.) zu verstehen ist
3. Die vorklassische griechische Kultur ist nach Nietzsche von zwei elementaren,
einander entgegengesetzten Kräften geprägt – dem Apollinischen und dem
Dionysischen
4. Apoll ist der Gott der Form, der Klarheit, des festen Umrisses, der Individualität
oder: der Plastik, der Architektur, des Epos.
5. Dionysos ist der Gott der Auflösung, der Rausches, der Entgrenzung der
Individualität, oder: der Gott archaischer, orgiastischer Kulte und Feste, der
Musik.
6. Diese Grundelemente des Griechentums kommen Nietzsches Ansicht nach in
der griechischen Tragödie, als „eine Art historischer Kompromiss zwischen dem
Dionysischen und dem Apollinischen zusammen!
7. Zum Ende der Schrift deutet er unter direkter Bezugnahme auf Wagners
„Tristan und Isolde“ darauf hin, dass Wagners Musikdramen eine
Wiederbelebung der griechischen Tragödie nach sich ziehen könnten.
8. „Unzeitgemäße Betrachtungen“(1873-76):
- bestehen aus 4 Einzelaufsätzen, in denen er sich u.a. mit Schopenhauer und
Wagner auseinandersetzt, ist aber auch sehr scharfsinnig:
„Über Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“.

2. Periode (1876-82)
 Es erscheinen „Menschliches, Allzumenschliches“ (1878), „Morgenröte“
(1881) und „Die fröhliche Wissenschaft“ (1882)
 Seine aphoristischen Schriften machen klar, dass seine Philosophie ein System
sein will – im Gegensatz zur idealistischen deutschen Philosophie
 Grundgedanken seiner weiteren Philosophie:
 er kritisiert sein Zeitalter als dekadent, da Moral und Religion (Christentum) im
innersten unwahrhaftig geworden sind
3. Periode (1883-88)

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 „Also sprach Zarathustra“ (1883-85) (wohl sein populärstes Werk)
 Form: starke Anlehnung an die Bibel
 Besteht aus 4 Büchern, die wiederum aus zahlreichen Einzelreden Zarathustras
bestehen.
 Zarathustra redet dabei in Gleichnissen.
 Im Zarathustra entwickelt Nietzsche auf literarische Art Gedanken, die präzisiert
werden in:
 „Jenseits von Gut und Böse“
 „Zur Genealogie der Moral“
 „Ecce homo“
 „Der Antichrist“
 „Die fröhliche Wissenschaft“
 „Dekadenz“:
 Sinn, Moral und Tradition werden in Frage gestellt.
 Dieses zeigt sich vor allem im Christentum: es ist z.B. durch die Wissenschaften
widerlegt. Sein Vorwurf ist, dass das Christentum in weiten Teilen Heuchelei ist,
da die Christen nicht mehr nach dem leben, was sie zu glauben vorgeben.
 „Tod Gottes!“:
Dies ist die unmittelbare Konsequenz der Décadence.
„Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“
 „Nihilismus“:
Tod Gottes als Gleichnis dafür, dass in der Periode der Dekadenz dem Leben sein
jenseitiger Sinn abhanden gekommen ist. Das Leben wird dadurch sinnlos. Dies
führt zum Nihilismus = nach Nietzsche „die radikale Ablehnung von Wert, Sinn und
Wünschbarkeit“.
 „Übermensch“:
- frei von Religion
- hat sie nicht verloren, sondern in sich zurückgenommen
- darin unterscheidet er sich vom gewöhnlichen Nihilisten, der ein reiner Atheist ist.

ENDE