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keine Massnhamen

1.00 empfohlen
BW K III
α adm
α eff

BW K I / II
Erfüllungsfaktor

Beurteilung der
Verhältnismässigkeit
0.50
BW K III
α min
BW K I / II

Massnahmen erforderlich

0.00
10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
Re stnutzungsdaue r [a]

1.00
keine Massnhamen
empfohlen BW K III
α eff

α adm
BW K I / II
E rfü llu n g sfak to r

Beurteilung der
0.50 Verhältnismässigkeit
BW K III
α min
BW K I / II
Massnahmen erforderlich
0.00
10 20 30 40 50 60 70 80 90 100

Restnutzungsdauer [a]

Beurteilung der Erdbebensicherheit bestehender Gebäude


Konzept und Richtlinien für die Stufe 3
Wegleitungen des BWG – Directives de l’OFEG – Dirretive dell’UFAEG
Biel, 2005

Erste Fassung
Vorwort
Gemäss Bundesratbeschluss von 11. Dezember 2001 müssen alle bundeseigenen und
subventionierten Umbauprojekte sowie alle bundeseigenen Gebäude der Bauwerksklassen II und III
bezüglich ihrer Erdbebensicherheit überprüft werden. Bei wesentlichen Mängeln müssen die Bauwerke
unter Berücksichtigung der Verhältnismässigkeit der Kosten verstärkt werden.

Bestehende Bauten des Bundes, bei denen die Kosten für die Erdbebensicherung je nach Bauobjekt
und Erdbebenzone 2% bis 10% (maximal 20%) des Verkehrswerts betragen, erfordern ein Verfahren
nach Prioritäten und eine Verteilung der Erdbebensicherungsmassnahmen über mehrere Jahrzehnte.

Auf Anregung und in Abstimmung mit dem BWG publizierte der Schweizerische Ingenieur- und
Architektenverein (SIA) im November 2004 das Merkblatt 2018 „Überprüfung bestehender Gebäude
bezüglich Erdbeben“, das den Wert der akzeptierbaren Erdbebensicherheit für bestehende Bauten
unter Berücksichtigung deren Restnutzungsdauer definiert. Diese Publikation enthält ausserdem
Berechnungen der Zumutbarkeit und der Verhältnismässigkeit von Erdbebenertüchtigungskosten als
Funktion der Rettungskosten für Menschenleben. Das Merkblatt SIA 2018 dient als Grundlage für die
Überprüfung von Umbau- oder Sanierungsprojekten des Bundes, sowie für die Stufe 3 der
Überprüfung bestehenden Bundesbauten der Bauwerksklassen II und III.

Das Bundesamt für Wasser und Geologie dankt dem SIA herzlich für seine Zustimmung für den
Abdruck des Merkblattes SIA 2018 sowie für den Abdruck von Ausschnitten der Dokumentation SIA
D0211 „Einführung in das Merkblatt SIA 2018“ als Teile dieses Dokuments.

Biel, März 2005


Blaise Duvernay
Koordinationsstelle des Bundes für Erdbebenvorsorge.

Impressum

Herausgeber : Bundesamt für Wasser und Geologie, BWG

Auflage: PDF Format, auf der BWG-Internetseite verfügbar


http://www.bwg.admin.ch/themen/natur/d/index.htm

Zitiervorschlag: Beurteilung der Erdbebensicherheit bestehender Gebäude


Konzept und Richtlinien für die Stufe 3 (1. Fassung),
Richtlinien des (2005)

Copyright: BWG-Richtlinien: © BWG, Biel, 2005


Merkblatt SIA 2018: © SIA Zürich, 2004
Auszüge aus der SIA Dokumentation D 0211: © SIA Zürich, 2005

i
Inhaltsverzeichnis

1. Überprüfung der Erdbebensicherheit bestehender Bundesbauten 1

2. Das Merkblatt SIA 2018 kurz erklärt 3

3. Grenzkosten für Sicherungsmassnahmen gemäss SIA 2018 9

4. Literatur 15

Anhänge

Merkblatt SIA 2018, Überprüfung bestehender Gebäude bezüglich Erdbeben A1-A40

Auszug aus der SIA Dokumentation D0211

Verhältnismässigkeit und Zumutbarkeit B1-B10

ii
1. Überprüfung der Erdbebensicherheit bestehender Bundesbauten
Die zuständigen Stellen der Bundesverwaltung sind gemäss Bundesratsbeschluss vom 11.12.2000
damit beauftragt, die bundeseigenen Gebäude der Bauwerksklassen II und III zu inventarisieren und
auf ihre Erdbebensicherheit zu überprüfen. Sie sind auch verpflichtet, bei der Sanierung von Bauten
und Anlagen des Bundes, dessen Erdbebensicherheit zu überprüfen. Nach der Überprüfung, sind bei
wesentlichen Mängeln und unter Berücksichtigung der Verhältnismässigkeit der Kosten
Schutzmassnahmen durchzuführen. Das Bundesamt für Wasser und Geologie hat ein dreistufiges
Konzept zu diesem Zweck entwickelt und angewendet. Für das Inventar der Erdbebensicherheit sind
die drei Stufen nacheinander anzuwenden. Für die Überprüfung von Umbau- oder
Sanierungsprojekten soll die Stufe 3 direkt angewendet werden.

• Auf der Stufe 1 sollen auf der Basis von Architektenplänen und allfälliger Begehung die
wichtigsten Elemente der Gebäude und das aus Erdbeben herrührende Risiko mit einer einfachen
Checkliste grob erfasst werden (Aufwand ca. 4 Stunden pro Gebäude).
Die Risikoabschätzung erfordert keine detaillierten Berechnungen, liefert aber auch keine
absoluten Aussagen. Die Prioritäten für vertiefte Analysen sind auf Grund einer Risikokennzahl und
einer Einsturzwahrscheinlichkeitskennzahl definiert.

• Auf der Stufe 2 sollen für Bauwerke mit einem hohen Risikopotential auf der Grundlage von
Ingenieurplänen die allfälligen Mängel bezüglich der Erdbebenresistenz mit der Hilfe von
Fragelisten und einfachen Ingenieurberechnungen vertieft untersucht werden (Aufwand ca. 3 bis
5 Tage pro Gebäude).
Fragenlisten stehen für die häufigsten in der Schweiz bestehender Tragwerkstypen zur Verfügung.
Da das Verfahren relativ einfach ist, ist die Methode grundsätzlich konservativ im Vergleich mit der
Stufe 3. Bei der rechnerischen Beurteilung der Tragsicherheit ist das Prinzip des Erfüllungsfaktores
gemäss SIA 2018 (wenn möglich) zu verfolgen. Die Prioritäten für die Studie von detaillierten
Ertüchtigungsprojekten (Stufe 3) sind auf Grund der Wesentlichkeit der Mängeln und des
Erfüllungsfaktores definiert.

• Auf der Stufe 3 soll eine definitive Aussage zur Erdbebensicherheit auf Grund
wirklichkeitsnäheren Verfahren getroffen werden und falls nötig Massnahmenvorschläge
entwickelt werden (Aufwand 1 bis mehrere Wochen).
Das Merkblatt SIA 2018 (2004) „Überprüfung bestehender Gebäude bezüglich Erdbeben“ dient
als Grundlage für die Stufe 3. Das Merkblatt gibt auf Grund von einem Erfüllungsfaktor αeff
(normengemässen Widerstand über normengemässen Auswirkungen) Hinweise für die
Entscheidung, ob ein Gebäude bezüglich Erdbebeneinwirkung ertüchtigt werden soll oder ob der
vorhandene Zustand weiterhin akzeptiert werden kann.
Die Verhältnismässigkeit der Massnahmen wird beurteilt durch die Gegenüberstellung von Kosten
und Nutzen einer Erdbebensicherungsmassnahme unter Berücksichtigung der
Sicherheitsansprüche des Individuums. Eine Erdbebensicherungsmassnahme gilt als
verhältnismässig, wenn die Rettungskosten unter 10 Mio. Franken pro gerettetes Menschenleben
liegen.
Die Richtlinien der 3 Stufen stehen kostenlos auf der BWG-Internetseite zum Herunterladen bereit
(http://www.bwg.admin.ch/themen/natur/d/index.htm).

Die Abbildung 1 stellt das Verfahren für die Überprüfung der Bundeseigenen Bauten der
Bauwerksklassen II und III vor. Bauwerke der Bauwerksklasse III müssen ohnehin bis zur Stufe 3
ohnehin analysiert werden.

1
Stufe 1 Grundlagen-Beschaffung Grundlagen:
½ Tag Ausfüllen eines A4-Beurteilungsblatts Architektenpläne, Fotos, evt. Begehung

Prioritätsliste nach Kennzahlen


Risiko (RZPS)
Einsturzwahrscheinlichkeit (WZ)
Priorität 1. RZPS > 500 & WZ > 65 Andere Schwellenwerte können vom
Priorität 2. RZPS > 500 & WZ < 65 Anwender benutzt werden. Diese sind
keine festen Kriterien, aber Werte die als
Priorität 3. RZPS < 500 & WZ > 65
nützliche Grenzwerte im Bundesinventar
Priorität 4. RZPS < 500 & WZ < 65 2001-2004 definiert wurden.

Beschlusskriterien für die Stufe 2


Diskussion der Prioritätsliste

Grundlagen:
Stufe 2 Grundlagen-Beschaffung Architektenpläne/Ingenieurpläne, SIA
3-5 Tage Ausfüllen der Checklisten Normen, evt. geotechnischer Bericht,
Einfache Ingenieurberechnungen Begehung

Prioritätsliste nach Mängel und


Erfüllungsfaktor, αeff (Prinzip SIA 2018)
Priorität 1. gravierende Mängel / αeff < 0.25 Die Beurteilungskriterien der Stufe 2 führen
zu konservativeren Erfüllungsfaktoren als
Priorität 2. nicht gravierende Mängel / 0.25 < αeff < 0.60
mit den wirklichkeitsnäheren Methoden der
Priorität 3. nicht gravierende Mängel / αeff > 0.60 Stufe 3

Erarbeitung von Ertüchtigungskonzepten Die Kostenschätzungen ermöglichen eine


(inkl. grobe Kosten) für Prioritäten 1 & 2 erste Beurteilung der Verhältnismässigkeit
/Zumutbarkeit gemäss Merkblatt SIA 2018

Beschlusskriterien für die Stufe 3


Priorität 1. Lage mit Stufe 3 weiter abklären Gebäude der Priorität 1 sind gemäss
Priorität 2. Stufe 3 nur bei Umbau / Sanierung aktivieren .
Bundesratbeschluss vom 12.01.2005
Priorität 3. keine Stufe 3 innerhalb von 20 Jahren (falls nach Stufe 3
noch nötig) zu ertüchtigen.

Grundlagen:
Stufe 3 Grundlagen-Beschaffung
Ingenieurpläne, Ingenieurbericht, SIA
1+ Festlegung des Erfüllungsfaktors, αeff mit Normen Begehung mit Abmessungen,
Woche wirklichkeitsnäheren Methoden (SIA 2018) geotechnischer Bericht, evt.
Materialprüfungen

Prioritätsliste nach Erfüllungsfaktor, αeff


Priorität 1. αeff < αmin (0.25 BWKI/II, 0.40 BWKIII)
Priorität 2. αmin < αeff < αadm
Priorität 3. αeff > αadm (Restnutzungsdauer abhängig)

Massnahmenempfehlungen
Priorität 1. Zumutbarkeit- + Verhältnismässigkeitkriterien
Priorität 2. Kriterium der Verhältnismässigkeit
Priorität 3. keine Massnahmen empfohlen

Massnahmenumsetzung
Priorität 1. innerhalb der Frist des BRB Beschlusses
Priorität 2. bei Umbau- Sanierungsprojekt umsetzen

Abbildung 1 : Schematische Erklärung des drei-stufigen Verfahrens für die Beurteilung der Bundesbauten der
Bauwerksklassen II und III.

2
2. Das Merkblatt SIA 2018 kurz erklärt
Vorbemerkung: Der Textinhalt der Kapitel 2.1 bis 2.5 und die Abbildung 2 wurden vom Artikel
„Einführung, Grundsätze und Massnahmenempfehlung“ (Autor: Prof. Thomas Vogel) der SIA
Dokumentation D0211 „Einführung in das Merkblatt SIA 2018“ übernommen.

Die Abbildung 2 zeigt das generelle Vorgehen für eine Überprüfung der Erdbebensicherheit gemäss
dem Merkblatt SIA 2018.

Überprüfung
Rechnerische Konzeptionelle und
Überprüfung konstruktive Überprüfung
• Zustandserfassung
Grundlagenvorbereitungen, ...

Untersuchung der Erdbebensicherheit

Analysieren Bestimmen Untersuchen

• Zustandsbeurteilung
Beurteilung
der Erdbebensicherheit
Rechnerische Konzeptionelle und
Beurteilung konstruktive Beurteilung

Beurteilung der Verhältnismässigkeit


• Massnahmenempfehlung

Abbildung 2: Begriffe der Überprüfung bezüglich Erdbeben gemäss SIA 2018.

2.1 Zustandserfassung
Für die Zustandserfassung werden grundsätzlich dieselben Prinzipien und Verfahren, Einwirkungen
und Widerstände wie bei der Projektierung von Neubauten angewendet.

Die Ausdrücke Bemessung und Nachweise werden jedoch bewusst vermieden. Die entsprechenden
Tätigkeiten werden Bestimmung von Einwirkungen, Tragfähigkeit, Gebrauchsverhalten etc. genannt,
wenn dies rechnerisch geschieht, bzw. Untersuchung, wenn es sich um qualitative Aspekte handelt.

2.2 Kraft- und verformungsbasiertes Verfahren


Die Tragwerksnormen SIA 260 bis 267 enthalten das kraftbasierte Verfahren, d.h. die
Gegenüberstellung von Auswirkungen geschieht in der Form von Schnittgrössen und Widerständen.
Das Merkblatt vertieft, präzisiert und modifiziert dieses Verfahren überall dort, wo dies infolge der
andersgearteten Aufgabe der Überprüfung gegenüber der Projektierung gerechtfertigt ist.

Die Verformungsfähigkeit eines Tragwerks wird dabei durch die beiden Kategorien nicht-duktiles und
duktiles Tragwerksverhalten berücksichtigt. Für jede Kategorie sind bauweisenabhängige
Anforderungen definiert, die zu differenzierten Verhaltensbeiwerten q führen. Diese Zuordnung
geschieht nach einfachen Kriterien, ist dadurch relativ grob und enthält versteckte Reserven.

3
Für bestehende Tragwerke kann es sich lohnen, solche Reserven mit einem erhöhten Rechenaufwand
zu mobilisieren. Deshalb enthält das Merkblatt zusätzlich ein verformungsbasiertes Verfahren. Die
Gegenüberstellung von Auswirkungen geschieht dabei in Form von durch ein Erdbeben erzwungenen
Verschiebungen (Zielverschiebung) einerseits und des vorhandenen Verschiebungsvermögens
andererseits.

Für Betonbauten ist das verformungsbasierte Verfahren soweit ausgeführt, dass es von kundigen
Fachleuten als Alternative angewendet werden kann. Für andere Baustoffe sind zusätzliche Angaben
erforderlich, wie sie z. B. in den Entwürfen des Eurocode 8 enthalten sind.

2.3 Erfüllungsfaktor
Ein zentraler Begriff des Merkblatts ist der Erfüllungsfaktor αeff. Er beschreibt, in welchem Mass ein
bestehendes Tragwerk die rechnerischen Anforderungen an Neubauten gemäss geltender Norm
erfüllt.

Für die rechnerische Beurteilung der Tragsicherheit wird beim kraftbasierten Verfahren nach (1) der
Quotient der Bemessungswerte des Tragwiderstands Rd und der zugehörigen Einwirkung Ed gebildet.
Beim verformungsbasierten Verfahren wird nach (2) das Verschiebungsvermögen wR,d durch die
Zielverschiebung wd dividiert.
Rd wR , d
α eff = (1) α eff = (2)
Ed wd

Für Bauwerke der Bauwerksklasse III, für die auch das Gebrauchsverhalten zu beurteilen ist, ist die
entsprechende Bestimmungsgleichung für den Erfüllungsfaktor nach (3). Dabei bezeichnet Cd den
Bemessungswert einer Gebrauchsgrenze (z.B. eine horizontale Auslenkung) und für die Bestimmung
der Verschiebung wd ist lediglich die Hälfte des Bemessungswerts der Erdbebeneinwirkung Ad
einzusetzen, wie das SIA 260 (2003) in Ziffer 4.4.4.5 ebenfalls festlegt.

Auch für einfache konzeptionelle und konstruktive Beurteilungen kann mit (4) ein Erfüllungsfaktor
bestimmt werden, wenn als AR diejenige Erdbebeneinwirkung eingesetzt wird, die zum Versagen des
Bauteils infolge des betrachteten Mangels führt.
Cd AR
α eff = (3) α eff = (4)
wd (0,5 ⋅ Ad ) Ad

2.4 Die rechnerische Beurteilung der Erdbebensicherheit

Damit das Individualrisiko genügend klein ist, muss α eff ≥ α min gelten, andernfalls sind Massnahmen
erforderlich. Der minimale Reduktionsfaktor beträgt für die Bauwerksklassen I und II αmin = 0,25. Für
die Bauwerksklasse III gilt αmin = 0,40, so dass implizit auch minimale Anforderungen an die
Verfügbarkeit von Bauten und Anlagen gegeben sind.

Für αmin < αeff < 1,0 ist grundsätzlich die Verhältnismässigkeit der geplanten Massnahmen zu belegen.
Da für kurze Restnutzungsdauern und Erfüllungsfaktoren nahe bei 1,0 die Verhältnismässigkeit
eigentlich nie gegeben ist, wurde mit dem zulässigen Reduktionsfaktor αadm ein zweiter Schwellenwert
definiert. Er grenzt den Bereich ab, bei dem der Nachweis der Verhältnismässigkeit in der Regel nicht
erbracht werden kann und deshalb auch nicht verlangt wird (siehe Abbildung 3).

4
Reduktionsfaktoren, BWK I & II Reduktionsfaktoren, BWK III
Facteurs de réduction, CO I & II Facteurs de réduction, CO III
1.0 1.0
keine Massnahmen empfohlen keine Massnahmen empfohlen
0.9 aucune mesure nécessaire 0.9 aucune mesure nécessaire
0.8 0.8

Facteur de conformité
Facteur de conformité
Erfüllungsfaktor, α eff

Erfüllungsfaktor, α eff
0.7 0.7
0.6 0.6 Beurteilung der Verhältnissmässigkeit
Mesures selon critère coût / utilité
0.5 Beurteilung der Verhältnissmässigkeit 0.5
Mesures selon critère coût / utilité
0.4 0.4
0.3 0.3
Massnahmen erforderlich falls zumutbar
0.2 0.2
Massnahmen erforderlich falls zumutbar Mesures obligatoires si exigibles
0.1 Mesures obligatoires si exigibles 0.1
0.0 0.0
10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
Restnutzungsdauer, n Restnutzungsdauer, n
Durée d'utilisation restante Durée d'utilisation restante

Abbildung 3: Bereiche von αeff bezüglich der Schwellenwerte αmin (rot) und αadm (blau) in Abhängigkeit der
Restnutzungsdauer.

2.5 Rettungseffizienz

Die Rettungseffizienz einer Erdbebensicherungsmassnahme wird ausgedrückt durch deren


Rettungskosten RKM. Diese entsprechen dem statistisch aufzuwendenden Betrag, um ein
Menschenleben vor dem Erdbebentod zu retten (Kapitel 10 des Merkblatts SIA 2018).

Tiefe Rettungskosten bedeutet, dass die Massnahme effizient ist und deshalb ergriffen werden sollte,
hohe hingegen, dass die Massnahme nicht verhältnismässig ist und das Geld besser anderswie oder
anderswo in Sicherheitsmassnahmen investiert wird.

Die Rettungskosten sind hoch,


• wenn die vorgesehenen Massnahmen teuer sind und vollständig der Erdbebensicherung
angelastet werden müssen,
• wenn der Sicherheitsgewinn klein ist,
• wenn von der Massnahme wenige Leute profitieren,
• wenn die Kosten der Massnahmen über eine kurze Zeit abgeschrieben werden müssen.
Andersrum ergeben sich tiefe Rettungskosten,
• wenn gewisse Kosten der Massnahmen z.B. im Rahmen einer Instandsetzung oder
Veränderung auch andern Kostenstellen zugewiesen werden können,
• wenn das Gebäude eine hohe Personenbelegung aufweist,
• wenn eine lange Restnutzungsdauer angesetzt werden kann.

Als verhältnismässig gilt eine Erdbebensicherungsmassnahme, wenn die Rettungskosten RKM unter
10 Mio. Franken pro gerettetes Menschenleben liegen.

Als zumutbar gilt eine Erdbebensicherungsmassnahme, wenn die Rettungskosten RKM unter 100
Mio. Franken pro gerettetes Menschenleben liegen.

2.6 Massnahmenempfehlungen

Die Grundlage für die Massnahmenempfehlung ist bereits durch Abbildung 3 gegeben. Vorerst wird
αint eingeführt als erreichter Erfüllungsfaktor nach ausgeführten Massnahmen zur Erhöhung der
Erdbebensicherheit. Die Massnahmenempfehlungen werden weiter im Detail für die zwei folgenden
Bereiche diskutiert:

5
2.6.1 αmin ≤ αeff < αadm (Massnahmen erforderlich falls verhältnismässig)
Das Erreichen des normengemässen Zustandes bedeutet somit αint ≤ 1,0, die Annäherung an den
normengemässen Zustand αint < 1,0.

Grundsätzlich ist ein normengemässer Zustand für Neubauten nach den Tragwerksnormen SIA 260 bis
266 anzustreben. Wenn die Verhältnismässigkeit von Massnahmen zur Erreichung des
normengemässen Zustandes gegeben ist, sind solche zu ergreifen.

Wird αint = 1,0 nicht erreicht, spricht man von Teilmassnahmen. Im Vordergrund steht das Beheben
von groben konzeptionellen und konstruktiven Mängeln und das Anheben der kleinsten
Erfüllungsfaktoren αeff.

Wenn auf Grund der Verhältnismässigkeit das Erreichen eines normengemässen Zustandes als nicht
effizient betrachtet wird, sind zumindest die am weitesten gehenden Teilmassnahmen, die noch
verhältnismässig sind, zu ergreifen.

2.6.2 αeff < αmin (Massnahmen erforderlich falls zumutbar)

In diesem Bereich, wenn verhältnismässige Massnahmen bis αint ≤ αmin möglich sind, sind die Regeln
genau gleich wie im Bereich αmin ≤ αeff < αadm. Es kann jedoch Situationen geben, z.B. bei Gebäuden,
die nur gelegentlich von Personen betreten werden. Dort können solche Massnahmen sehr aufwendig
sein, ohne dass sie die Rettungseffizienz wesentlich verbessern. Für solche Fälle wurde der Begriff der
Zumutbarkeit hinzugezogen.

Das Kriterium der Zumutbarkeit gilt nur für den Bereich bis αint = αmin. Wenn αint = αmin mit zumutbaren
Massnahmen erreicht werden kann, sollen weitere Massnahmen für den Bereich αint > αmin unter
Berücksichtigung des Kriterium des Verhältnismässigkeit studiert werden. Wenn αint = αmin mit
zumutbaren Massnahmen nicht erreicht wird, sollen Massnahmen bis zur Grenze der Zumutbarkeit
implementiert werden.

Sind die Aufwendungen zum Erreichen eines akzeptierbaren Individualrisikos nicht zumutbar, so ist
dieses mit betrieblichen Massnahmen zumindest auf wenige Personen und/oder kurze
Expositionszeiten zu beschränken. Dies kann z.B. bedeuten, dass die Personenbelegung auch
kurzfristig einen vorgegebenen Wert nicht überschreiten darf oder generell möglichst niedrig gehalten
wird.

2.6.3 Fiktive Beispiele

Die Abbildungen 4 und 5 enthalten Zahlenwerte mit fiktiven Erhaltungssituationen. Mit dem
Erfüllungsfaktor αeff, der Restnutzungsdauer n und der Personenbelegung PB sowie den Kosten von
Massnahmenvarianten ist das Problem genügend definiert. Jede Erhaltungsmassnahme enthält einen
hohen Anteil an fixen Kosten. Die variablen Kosten, die von den vorausgesetzten Einwirkungen und
damit dem erreichtem Erfüllungsfaktor αint abhängig sind, sind im Vergleich dazu gering. Irgendeinmal
ist jedoch das Verbesserungspotential einer Massnahme erschöpft, in der Regel dann, wenn ein
anderes Bauteil, das bis anhin nicht angerührt wurde, massgebend wird. Wie Abbildung 4 zeigt,
steigen die Sicherheitskosten deshalb nicht kontinuierlich sondern stufenweise.

In Abbildung 4 ist αeff mit einem Wert über αmin vorausgesetzt. Die feine Kurve zeigt die Grenzkosten
bei Sicherungsmassnahmen für das Kriterium der Verhältnismässigkeit. Die fette Kurve zeigt das
Sicherheitsinvestitionsprofil für die Massnahmenvarianten. In diesem Fall sind die Massnahmen für
αint = 1.0 unverhältnismässig (Investitionen über der Grenze der Verhältnismässigkeit). Die Grenze der
Verhältnismässigkeit ist bei αint = 0.85 erreicht. Die optimale Investition für diesen Fall ist dann die
Massnahmenvariante 2 bis αint = 0.85.

6
Grenzkosten für Sicherheitsinvestitionen - α eff ≥ α min
α eff = 0.30 ; BW K I/II ; Restnutzungsdauer n : 40 Jahren
Kosten = Franken pro PB-Person
4'000
Massnhame 1 Massnahme 2 Massnahme 3
Sicherheitsinvestitionsprofil
für Massnahmenvarianten

3'000 Grenze der Verhältnismässigkeit


für die Massnahmenvarianten
[Franken pro PB-Person]

2'000 Grenzkosten: Verhältnismässigkeit

1'000 Optimale Sicherheitsinvestition


Massnahmen 1+2 bis α int = 0.85

-
0.3 0.4 0.5 0.6 0.7 0.8 0.9 1.0

Erfüllungsfaktor nach Ertüchtigung, α int [-]

Abbildung 4: Daten einer fiktiven Erhaltungssituation mit αeff ≥ αmin und Kosten dreier Massnahmenvarianten
verglichen mit den verhältnismässigen Sicherheitskosten. Alle Kosten sind auf die mittlere
Personenbelegung normiert.

In Abbildung 5 ist αeff mit einem Wert unter αmin vorausgesetzt. Die obere feine Kurve zeigt die
Grenzkosten bei Sicherungsmassnahmen für das Kriterium der Zumutbarkeit von αeff bis αmin zusammen
mit dem Kriterium der Verhältnismässigkeit zwischen αmin und 1.0 (maximal erforderliche
Investitionskosten gemäss Merkblatt SIA 2018). Die untere feine Kurve zeigt die Grenzkosten bei
Sicherungsmassnahmen für das Kriterium der Verhältnismässigkeit. Die fette Kurve mit Treppen zeigt
das Sicherheitsinvestitionsprofil für die Massnahmenvarianten. Die fette Kurve mit Kreisen zeigt die
Grenzkosten bei Sicherungsmassnahmen für das Kriterium der Zumutbarkeit von αeff bis αmin
zusammen mit dem Kriterium der Verhältnismässigkeit zwischen αmin und 1.0 für dieses besondere
Investitionsprofil (dazu ist die Grenzkurve der Verhältnismässigkeit ab αint = 0.25 bis zum
Investitionswert bei αint = 0.25 verschoben). Dies bedeutet, dass bis αint = 0.25 das Kriterium der
Zumutbarkeit gilt und bei zusätzlichen Investitionen über αint = 0.25 das Kriterium der
Verhältnismässigkeit.

In diesem Fall sind die Massnahmen bis αint = 0.25 zumutbar. Die weiteren Massnahmen sind für
αint = 1.0 unverhältnismässig (Investitionen über die Grenze der Verhältnismässigkeit). Die Grenze der
Verhältnismässigkeit ist bei αint = 0.45 erreicht. Die optimale Investition für diesen Fall ist somit die
Massnahmenvariante 1 bis αint = 0.45.

7
Grenzkosten für Sicherheitsinvestitionen - α eff < α min
α eff = 0.20 ; BW K I/II ; Restnutzungsdauer 40 Jahren
Kosten = Franken pro PB-Person
16'000
Massnahme 1 Massnahme 2 Massn. 3
Zumutbarkeit + Verhältnismässigkeit
14'000 (absolutes theoretisches Maximum)

Sicherheitsinvestitionsprofil
12'000
für Massnahmenvarianten
[Franken pro PB-Person]

10'000 Grenzkosten für das Sicherheitsinvestitionsprofil


bis α int = α min : Zumubarkeit = Grenze
ab α int = α min : Verhältnismässigkeit = Grenze
8'000
Grenze der Verhältnismässigkeit
für die Massnahmenvarianten
6'000

4'000

Optimale Sicherheitsinvestition
2'000 Massnahme 1 bis α i nt = 0.45
Verhältnismässigkeit allein

-
0.2 0.3 0.4 0.5 0.6 0.7 0.8 0.9 1.0

Erfüllungsfaktor nach Ertüchtigung, α int [-]

Abbildung 5: Daten einer fiktiven Erhaltungssituation mit αeff < αmin und Kosten dreier Massnahmenvarianten
verglichen mit den verhältnismässigen Sicherheitskosten. Alle Kosten sind auf die mittlere
Personenbelegung normiert.

8
3. Grenzkosten für Sicherheitsinvestitionen gemäss Merkblatt SIA 2018
Die Kriterien der Zumutbarkeit und der Verhältnismässigkeit ermöglichen die Bestimmung von
maximalen erforderlichen Sicherheitsinvestitionen. Diese werden auf Grund der folgenden Parameter
mit Hilfe der Formeln im Kapitel 10 des Merkblattes SIA 2018 bestimmt:

PB: mittlere Personenbelegung


n: Restnutzungsdauer
αeff: Erfüllungsfaktor
BWK: Bauwerksklasse

Die maximalen erforderlichen Sicherheitsinvestitionen sind eine wichtige Grundlage für die
Bestimmung von möglichen Massnahmenvarianten in dem Sinn, dass sie die Grenzkosten für mögliche
zumutbare und verhältnismässige Massnahmen darstellen (siehe auch Kapitel 2.6).

Im Folgenden werden diese so genannten Grenzkosten immer auf PB normiert. Für einen konkreten
Fall müssen die Zahlen mit dem PB-Wert des Projektes multipliziert werden. Die Zahlen sind für eine
Restnutzungsdauer von 10, 20, 30, 40, 50 und 80 Jahren angegeben.

3.1 Bauwerksklasse I und II

In Abbildung 6 sind die Zahlen für den Bereich der Zumutbarkeit gegeben (αeff < αmin). In Abbildung 7
sind die Zahlen für den Bereich der Verhältnismässigkeit gegeben (αmin ≤ αeff < αadm). Es ist zu
erwähnen, dass bei einem Fall mit αeff < αmin die Grenzkosten der Zumutbarkeit gelten, bis αmin erreicht
ist und ab αmin die Zusatzkosten durch das Kriterium der Verhältnismässigkeit begrenzt sind (siehe auch
Kapitel 2.6).

BWK I / II Restnutzungsdauer: 10 Jahre BWK I / II Restnutzungsdauer: 20 Jahre


αeff αeff
αint 0.05 0.10 0.15 0.20 αint 0.05 0.10 0.15 0.20
0.10 305'400 0.10 555'900
0.15 338'600 33'200 0.15 616'400 60'500
0.20 346'700 41'300 8'100 0.20 631'200 75'200 14'700
0.25 350'300 44'900 11'700 3'600 0.25 637'700 81'800 21'300 6'500

BWK I / II Restnutzungsdauer: 30 Jahre BWK I / II Restnutzungsdauer: 40 Jahre


αeff αeff
αint 0.05 0.10 0.15 0.20 αint 0.05 0.10 0.15 0.20
0.10 761'500 0.10 930'100
0.15 844'300 82'900 0.15 1'031'300 101'200
0.20 864'500 103'000 20'200 0.20 1'055'900 125'800 24'600
0.25 873'500 112'000 29'100 9'000 0.25 1'066'900 136'800 35'600 10'900

BWK I / II Restnutzungsdauer: 50 Jahre BWK I / II Restnutzungsdauer: 80 Jahre


αeff αeff
αint 0.05 0.10 0.15 0.20 αint 0.05 0.10 0.15 0.20
0.10 1'068'400 0.10 1'351'300
0.15 1'184'700 116'300 0.15 1'498'400 147'100
0.20 1'213'000 144'500 28'300 0.20 1'534'100 182'800 35'800
0.25 1'225'500 157'100 40'900 12'600 0.25 1'550'000 198'700 51'700 15'900

Abbildung 6 : Grenzkosten für Sicherheitsinvestitionen in Franken pro PB-Person gemäss Kriterium der
Zumutbarkeit des Merkblattes SIA 2018 (Bauwerksklasse I / II; Bereich αeff bis αmin).

9
BWK I / II Restnutzungsdauer: 10 Jahre
αeff
αint 0.25 0.30 0.35 0.40 0.45 0.50 0.55 0.60 0.65 0.70 0.75 0.80
0.30 200
0.35 350 150
0.40 460 260 110
0.45 540 340 190
0.50 610 410 260
0.55 650 450 300
0.60 690 490 340
0.65 720 520 370
0.70 750 550 400
0.75 770 570 420
0.80 790 590 440
0.85 810 610 460
0.90 820 620 470
0.95 840 630 490
1.00 850 650 500

BWK I / II Restnutzungsdauer: 20 Jahre


αeff
αint 0.25 0.30 0.35 0.40 0.45 0.50 0.55 0.60 0.65 0.70 0.75 0.80
0.30 370
0.35 630 270
0.40 830 470 200
0.45 980 620 350 150
0.50 1'110 740 470 270 120
0.55 1'190 820 550 350 200 80
0.60 1'260 890 620 420 270 150 70
0.65 1'320 950 680 480 330 210 130
0.70 1'360 1'000 730 530 380 250 180
0.75 1'410 1'040 770 570 420 300 220
0.80 1'440 1'080 810 610 460 330 260
0.85 1'470 1'110 840 640 490 370 290
0.90 1'500 1'130 860 660 510 390 310
0.95 1'520 1'160 890 690 540 410 340
1.00 1'540 1'180 910 710 560 430 360

BWK I / II Restnutzungsdauer: 30 Jahre


αeff
αint 0.25 0.30 0.35 0.40 0.45 0.50 0.55 0.60 0.65 0.70 0.75 0.80
0.30 500
0.35 870 370
0.40 1'140 640 270
0.45 1'350 850 480 210
0.50 1'520 1'020 650 380 170
0.55 1'620 1'120 750 480 280 110
0.60 1'720 1'220 850 580 370 200 100
0.65 1'800 1'300 930 660 460 290 180 80
0.70 1'870 1'370 1'000 720 520 350 240 140 60
0.75 1'930 1'430 1'060 790 580 410 300 210 120
0.80 1'970 1'470 1'110 830 630 460 350 250 170
0.85 2'020 1'520 1'150 880 670 500 400 300 220
0.90 2'050 1'550 1'180 910 700 530 430 330 250
0.95 2'080 1'580 1'210 940 730 560 460 360 280
1.00 2'110 1'610 1'240 970 760 590 490 390 310

10
BWK I / II Restnutzungsdauer: 40 Jahre
αeff
αint 0.25 0.30 0.35 0.40 0.45 0.50 0.55 0.60 0.65 0.70 0.75 0.80
0.30 610
0.35 1'060 450
0.40 1'400 780 330
0.45 1'650 1'040 590 250
0.50 1'860 1'240 790 460 210
0.55 1'980 1'370 920 590 340 130
0.60 2'100 1'490 1'040 710 460 250 120
0.65 2'200 1'590 1'140 810 560 350 220 100
0.70 2'280 1'670 1'220 880 630 430 300 180 80
0.75 2'350 1'740 1'290 960 710 500 370 250 150 70
0.80 2'410 1'800 1'350 1'020 760 560 430 310 210 130
0.85 2'470 1'860 1'410 1'070 820 610 480 360 260 190
0.90 2'510 1'890 1'440 1'110 860 650 520 400 300 230
0.95 2'540 1'930 1'480 1'150 900 690 560 440 340 260
1.00 2'580 1'970 1'520 1'180 930 720 600 480 380 300

BWK I / II Restnutzungsdauer: 50 Jahre


αeff
αint 0.25 0.30 0.35 0.40 0.45 0.50 0.55 0.60 0.65 0.70 0.75 0.80
0.30 700
0.35 1'220 520
0.40 1'600 900 380
0.45 1'890 1'190 670 290
0.50 2'130 1'430 910 530 240
0.55 2'280 1'580 1'060 680 390 150
0.60 2'420 1'710 1'200 810 520 290 140
0.65 2'530 1'830 1'310 930 640 400 250 110
0.70 2'620 1'920 1'400 1'020 730 490 340 200 90
0.75 2'700 2'000 1'490 1'100 810 570 430 290 170 90
0.80 2'770 2'070 1'550 1'170 880 640 490 350 240 150 70
0.85 2'830 2'130 1'610 1'230 940 700 560 420 300 210 130
0.90 2'880 2'180 1'660 1'280 990 750 600 460 350 260 170
0.95 2'920 2'220 1'700 1'320 1'030 790 640 510 390 300 220
1.00 2'960 2'260 1'740 1'360 1'070 830 680 550 430 340 260

BWK I / II Restnutzungsdauer: 80 Jahre


αeff
αint 0.25 0.30 0.35 0.40 0.45 0.50 0.55 0.60 0.65 0.70 0.75 0.80
0.30 890
0.35 1'540 650
0.40 2'030 1'140 480
0.45 2'390 1'510 850 370
0.50 2'700 1'810 1'150 670 300
0.55 2'880 1'990 1'340 850 490 190
0.60 3'060 2'170 1'510 1'030 660 360 170
0.65 3'200 2'310 1'660 1'170 810 510 320 140
0.70 3'310 2'430 1'770 1'290 920 620 430 260 110
0.75 3'420 2'530 1'880 1'390 1'030 730 540 360 220 110
0.80 3'500 2'620 1'960 1'480 1'110 810 620 450 300 190 80
0.85 3'580 2'700 2'040 1'560 1'190 890 700 530 380 270 160 80
0.90 3'640 2'750 2'100 1'610 1'250 950 760 580 440 330 220 140
0.95 3'700 2'810 2'150 1'670 1'300 1'000 810 640 490 380 280 190
1.00 3'750 2'860 2'210 1'720 1'350 1'050 870 690 550 430 330 240

Abbildung 7 : Grenzkosten für Sicherheitsinvestitionen in Franken pro PB-Person gemäss Kriterium der
Verhältnismässigkeit des Merkblattes SIA 2018 (Bauwerksklasse I / II; Bereich αeff ≥ αmin bis αadm).
Die leeren weissen Zellen zeigen den Bereich, wo Massnahmen nicht empfohlen sind (αeff ≥ αadm).

11
3.2 Bauwerksklasse III

In Abbildung 8 sind die Zahlen für den Bereich der Zumutbarkeit gegeben (αeff < αmin). In Abbildung 9
sind die Zahlen für den Bereich der Verhältnismässigkeit gegeben (αeff ≥ αmin). Die Bemerkung des
Kapitels 3.1 ist auch gültig für die Bauwerksklasse III.

BWK III Restnutzungsdauer 10 Jahre


αeff
αint 0.05 0.10 0.15 0.20 0.25 0.30 0.35
0.10 305'400
0.15 338'600 33'200
0.20 346'700 41'300 8'100
0.25 350'300 44'900 11'700 3'600
0.30 352'300 46'900 13'700 5'600 2'000
0.35 353'800 48'400 15'200 7'100 3'500 1'500
0.40 354'900 49'500 16'300 8'200 4'600 2'600 1'100

BWK III Restnutzungsdauer 20 Jahre


αeff
αint 0.05 0.10 0.15 0.20 0.25 0.30 0.35
0.10 555'900
0.15 616'400 60'500
0.20 631'200 75'200 14'700
0.25 637'700 81'800 21'300 6'500
0.30 641'400 85'400 24'900 10'200 3'700
0.35 644'100 88'100 27'600 12'900 6'300 2'700
0.40 646'000 90'100 29'600 14'900 8'300 4'700 2'000

BWK III Restnutzungsdauer 30 Jahre


αeff
αint 0.05 0.10 0.15 0.20 0.25 0.30 0.35
0.10 761'500
0.15 844'300 82'900
0.20 864'500 103'000 20'200
0.25 873'500 112'000 29'100 9'000
0.30 878'500 117'000 34'100 14'000 5'000
0.35 882'200 120'700 37'800 17'700 8'700 3'700
0.40 884'900 123'400 40'500 20'400 11'400 6'400 2'700

BWK III Restnutzungsdauer 40 Jahre


αeff
αint 0.05 0.10 0.15 0.20 0.25 0.30 0.35
0.10 930'100
0.15 1'031'300 101'200
0.20 1'055'900 125'800 24'600
0.25 1'066'900 136'800 35'600 10'900
0.30 1'073'000 142'900 41'700 17'100 6'100
0.35 1'077'500 147'400 46'200 21'600 10'600 4'500
0.40 1'080'800 150'700 49'500 24'900 14'000 7'800 3'300

BWK III Restnutzungsdauer 50 Jahre


αeff
αint 0.05 0.10 0.15 0.20 0.25 0.30 0.35
0.10 1'068'400
0.15 1'184'700 116'300
0.20 1'213'000 144'500 28'300
0.25 1'225'500 157'100 40'900 12'600
0.30 1'232'500 164'100 47'900 19'600 7'000
0.35 1'237'700 169'300 53'000 24'800 12'200 5'200
0.40 1'241'600 173'100 56'900 28'600 16'000 9'000 3'800

12
BWK III Restnutzungsdauer 80 Jahre
αeff
αint 0.05 0.10 0.15 0.20 0.25 0.30 0.35
0.10 1'351'300
0.15 1'498'400 147'100
0.20 1'534'100 182'800 35'800
0.25 1'550'000 198'700 51'700 15'900
0.30 1'558'900 207'600 60'500 24'800 8'900
0.35 1'565'500 214'100 67'100 31'300 15'400 6'500
0.40 1'570'300 219'000 71'900 36'200 20'300 11'400 4'800

Abbildung 8 : Grenzkosten für Sicherheitsinvestitionen in Franken pro PB-Person gemäss Kriterium der
Zumutbarkeit des Merkblattes SIA 2018 (Bauwerksklasse III; Bereich αeff bis αmin).

BWK III Restnutzungsdauer 10 Jahre


αeff
αint 0.40 0.45 0.50 0.55 0.60 0.65 0.70 0.75 0.80 0.85
0.45 80
0.50 150
0.55 190
0.60 230
0.65 270
0.70 290
0.75 310
0.80 330
0.85 350
0.90 360
0.95 380
1.00 390

BWK III Restnutzungsdauer 20 Jahre


αeff
αint 0.40 0.45 0.50 0.55 0.60 0.65 0.70 0.75 0.80 0.85
0.45 150
0.50 270 120
0.55 350 200 80
0.60 420 270 150 70
0.65 480 330 210 130 60
0.70 530 380 250 180 110
0.75 570 420 300 220 150
0.80 610 460 330 260 180
0.85 640 490 370 290 220
0.90 660 510 390 310 240
0.95 690 540 410 340 260
1.00 710 560 430 360 280

BWK III Restnutzungsdauer 30 Jahre


αeff
αint 0.40 0.45 0.50 0.55 0.60 0.65 0.70 0.75 0.80 0.85
0.45 210
0.50 380 170
0.55 480 280 110
0.60 580 370 200 100
0.65 660 460 290 180 80
0.70 720 520 350 240 140 60
0.75 790 580 410 300 210 120 60
0.80 830 630 460 350 250 170 110
0.85 880 670 500 400 300 220 150
0.90 910 700 530 430 330 250 180
0.95 940 730 560 460 360 280 220
1.00 970 760 590 490 390 310 240

13
BWK III Restnutzungsdauer 40 Jahre
αeff
αint 0.40 0.45 0.50 0.55 0.60 0.65 0.70 0.75 0.80 0.85
0.45 250
0.50 460 210
0.55 590 340 130
0.60 710 460 250 120
0.65 810 560 350 220 100
0.70 880 630 430 300 180 80
0.75 960 710 500 370 250 150 70
0.80 1'020 760 560 430 310 210 130 60
0.85 1'070 820 610 480 360 260 190 110
0.90 1'110 860 650 520 400 300 230 150
0.95 1'150 900 690 560 440 340 260 190
1.00 1'180 930 720 600 480 380 300 230

BWK III Restnutzungsdauer 50 Jahre


αeff
αint 0.40 0.45 0.50 0.55 0.60 0.65 0.70 0.75 0.80 0.85
0.45 290
0.50 530 240
0.55 680 390 150
0.60 810 520 290 140
0.65 930 640 400 250 110
0.70 1'020 730 490 340 200 90
0.75 1'100 810 570 430 290 170 90
0.80 1'170 880 640 490 350 240 150 70
0.85 1'230 940 700 560 420 300 210 130 60
0.90 1'280 990 750 600 460 350 260 170 110
0.95 1'320 1'030 790 640 510 390 300 220 150
1.00 1'360 1'070 830 680 550 430 340 260 190

BWK III Restnutzungsdauer 80 Jahre


αeff
αint 0.40 0.45 0.50 0.55 0.60 0.65 0.70 0.75 0.80 0.85
0.45 370
0.50 670 300
0.55 850 490 190
0.60 1'030 660 360 170
0.65 1'170 810 510 320 140
0.70 1'290 920 620 430 260 110
0.75 1'390 1'030 730 540 360 220 110
0.80 1'480 1'110 810 620 450 300 190 80
0.85 1'560 1'190 890 700 530 380 270 160 80
0.90 1'610 1'250 950 760 580 440 330 220 140 60
0.95 1'670 1'300 1'000 810 640 490 380 280 190 110
1.00 1'720 1'350 1'050 870 690 550 430 330 240 160

Abbildung 9 : Grenzkosten für Sicherheitsinvestitionen in Franken pro PB-Person gemäss Kriterium der
Verhältnismässigkeit des Merkblattes SIA 2018 (Bauwerksklasse III; Bereich αeff ≥ αmin bis αadm). Die
leeren weissen Zellen zeigen den Bereich, wo Massnahmen nicht empfohlen sind (αeff ≥ αadm).

14
4. Literatur

BWG (2002), Beurteilung der Erdbebensicherheit bestehender Bauten, Konzept und Richtlinie
für die erste Stufe, Bundesamt für Wasser und Geologie, Biel.
http://www.bwg.admin.ch/themen/natur/d/index.htm.

BWG (2003), Richtlinie zur Erdbebenüberprüfung bestehender Gebäude, Konzept und


Richtlinie für die Stufe 2, Bundesamt für Wasser und Geologie, Biel.
http://www.bwg.admin.ch/themen/natur/d/index.htm.

SIA 2018 (2004), Überprüfung bestehender Gebäude bezüglich Erdbeben, Merkblatt, Schweizer
Ingenieur- und Architektenverein, Zürich.

SIA D 0211 (2005), Überprüfung bestehender Gebäude bezüglich Erdbeben, Einführung in das
Merkblatt SIA 2018, Dokumentation, Schweizer Ingenieur- und Architektenverein, Zürich.

15
ANHANG A

Merkblatt

2018

Überprüfung bestehender Gebäude


bezüglich Erdbeben

schweizerischer
ingenieur- und
architektenverein

société suisse
des ingénieurs
et des architectes

società svizzera
degli ingegneri
e degli architetti

swiss society
of engineers
and architects

selnaustrasse 16
postfach
ch-8039 zürich
www.sia.ch
ANHANG A

SIA-Merkblätter

Zur Erläuterung und ergänzenden Regelung von speziellen Themen gibt der SIA Merkblätter heraus.

Die Merkblätter sind Bestandteil des SIA-Normenwerks.

Merkblätter sind nach ihrer Veröffentlichung drei Jahre gültig. Die Gültigkeit kann wiederholt um jeweils drei Jahre ver-
längert werden.

Folgende Institutionen haben Beiträge zur Erarbeitung des vorliegenden Merkblatts geleistet:

Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein (SIA), Selnaustrasse 16, 8039 Zürich


Bundesamt für Wasser und Geologie (BWG), Ländtestrasse 20, 2501 Biel
Interessengemeinschaft privater, professioneller Bauherren (IPB), Pelikanplatz 5, 8001 Zürich
Schweizerischer Versicherungsverband, C.F. Meyer-Strasse 14, 8022 Zürich
Verband Schweizerische Ziegelindustrie (VSZ), Elfenstrasse 19, 3000 Bern 16
Schweizer Gesellschaft für Erdbebeningenieurwesen und Baudynamik (SGEB), c/o Institut für Baustatik und Konstrukti-
on, ETH Zürich, 8093 Zürich
Fachgruppe für Erhaltung (FEB) des SIA, Selnaustrasse 16, 8039 Zürich

_____________________________________________________________________________________________
2004-10 1. Auflage
ANHANG A

INHALTSVERZEICHNIS

Seite Seite

Vorwort ...................................................................... 4 7 Tragfähigkeit von Mauerwerk......................24


7.1 Grundsätze.....................................................24
0 Geltungsbereich ............................................ 5 7.2 Kräftebasiertes Verfahren...............................24
0.1 Abgrenzung ..................................................... 5 7.3 Verformungsbasiertes Verfahren....................24
0.2 Verweisungen .................................................. 5 7.4 Tragwiderstand senkrecht zur Wandebene ....25
0.3 Ausnahmen...................................................... 6 7.5 Nur vertikal tragendes Mauerwerk..................25
7.6 Nicht tragendes Mauerwerk............................25
1 Verständigung ............................................... 7
1.1 Fachausdrücke ................................................ 7 8 Tragfähigkeit von Stahlbauten und Stahl-
1.2 Bezeichnungen ...............................................10 Beton-Verbundbauten..................................26
8.1 Kräftebasiertes Verfahren...............................26
2 Grundsätze....................................................13 8.2 Verformungsbasiertes Verfahren....................26
2.1 Konzept ..........................................................13
2.2 Verformungsverhalten von Tragwerken ..........13 9 Beurteilung der Erdbebensicherheit und
2.3 Berechnungsverfahren ...................................13 Massnahmenempfehlung ............................27
2.4 Vorgehen ........................................................14 9.1 Rechnerische Beurteilung ..............................27
9.2 Konzeptionelle und konstruktive Beurteilung ..28
3 Baustoffe .......................................................15 9.3 Massnahmenempfehlung ...............................29
3.1 Allgemeines ....................................................15
3.2 Eigenschaften nach Bauwerksakten ...............15 10 Verhältnismässigkeit und Zumutbarkeit ....30
3.3 Eigenschaften aus Sondierungen ...................15 10.1 Grundsätze.....................................................30
10.2 Personenrisiko................................................30
4 Tragwerksanalyse.........................................16 10.3 Akzeptierbarkeit des Individualrisikos.............30
4.1 Allgemeines ....................................................16 10.4 Rettungseffizienz von
4.2 Kraftbasierte Tragwerksanalyse .....................16 Erdbebensicherungsmassnahmen .................30
4.3 Verformungsbasierte Tragwerksanalyse.........16 10.5 Beurteilungskriterien.......................................32
10.6 Erweiterungen in der Beurteilung der
5 Einwirkungen ................................................18 Personenrisiken..............................................32
5.1 Allgemeines ....................................................18
5.2 Erdbebeneinwirkungen für das kraftbasierte Anhang A Betonbau (normativ) ......................33
Verfahren........................................................18
5.3 Erdbebeneinwirkungen für das Anhang B Mauerwerk (normativ) ....................35
verformungsbasierte Verfahren ......................18
5.4 Erdbebeneinwirkungen für die Bestimmung Anhang C Stahlbau (normativ)........................37
des Gebrauchsverhaltens ...............................19
Anhang D Prioritätensetzung (informativ) .....38
6 Tragfähigkeit von Betonbauten ...................20
6.1 Kräftebasiertes Verfahren ...............................20 Genehmigung und Inkrafttreten .............................40
6.2 Verformungsbasiertes Verfahren ....................20

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ANHANG A

VORWORT
Die Gewährleistung einer genügenden Erdbebensicherheit in der Schweiz ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die über die
Erdbebensicherung des einzelnen Bauwerks hinausgeht. Aufgrund der vielschichtigen wirtschaftlichen Verflechtungen
und Abhängigkeiten können über das individuelle Bauwerk hinausgehende Folgen von erheblicher Tragweite entstehen.
Bei Bauwerken mit nationaler oder überregionaler Bedeutung können die volkswirtschaftlichen Folgen weit reichend sein.
Erdbeben sind vor allem deshalb von Bedeutung, weil bei einem einzelnen Ereignis sehr umfangreiche und damit schwer
zu bewältigende Schäden auftreten können. Auch können beim individuellen Bauwerk Schäden entstehen, die im Einzel-
fall wirtschaftlich verheerende Konsequenzen nach sich ziehen können. Solche Szenarien werden gesellschaftlich immer
weniger akzeptiert.

Im Allgemeinen sind bei Neubauten die Mehrkosten, die zur Erzielung der normengemässen Erdbebensicherheit not-
wendig sind, von unbedeutender Grösse, falls die Erdbebeneinwirkungen bereits beim Tragwerksentwurf berücksichtigt
werden. Bei bestehenden Bauwerken ist jedoch eine nachträgliche Erhöhung der Erdbebensicherheit meist nur mit be-
trächtlichem baulichem Aufwand und betrieblichen Folgekosten möglich. In den Tragwerksnormen SIA 260 bis 267, die
auf Entwurf und Bemessung neuer Bauwerke ausgerichtet sind, wurden die Erdbebenbestimmungen gegenüber frühe-
ren Normengenerationen wesentlich verschärft. Bauwerke, die konsequent gemäss diesen Vorschriften konzipiert und
bemessen sind, weisen ein gutes Erdbebenverhalten und für die in der Schweiz zu erwartenden Erdbebenstärken eine
hohe Sicherheit auf.

Ältere, gemäss früheren Normen bemessene Bauwerke weisen in der Regel eine deutlich geringere Erdbebensicherheit
auf. Bei einer Überprüfung nach den Normen SIA 260 bis 267 sind diese meist der bezüglich Erdbebenverhalten un-
günstigen Kategorie des nicht-duktilen Tragwerksverhaltens zuzuordnen und die erforderlichen Nachweise der Erdbe-
bensicherheit können nicht erbracht werden.

Das vorliegende Merkblatt zeigt auf, wie bestehende Bauten gemäss den Grundsätzen der neuen Tragwerksnormen
hinsichtlich ihrer Erdbebensicherheit überprüft und unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Voraussetzungen ge-
genüber Neubauten beurteilt werden können. Es orientiert sich am Einzelbauwerk und erlaubt mit dem alternativ an-
wendbaren verformungsbasierten Verfahren eine differenziertere Betrachtung des Verformungsvermögens und damit
eine bessere Erfassung des effektiven Erdbebenverhaltens. Das verformungsbasierte Verfahren ist vorerst nur für Be-
tonbauten ausführlich behandelt, da hier weltweit die meisten Erfahrungen vorliegen. Trotzdem ist zur Anwendung eine
vertiefte Kenntnis der Grundlagen erforderlich, die über die Festlegungen des Merkblatts hinausgeht.

Das Merkblatt gibt ferner Hinweise für die Entscheidung, ob ein Gebäude bezüglich Erdbebeneinwirkung ertüchtigt wer-
den soll oder ob der vorhandene Zustand weiterhin akzeptiert werden kann. Auf Grund von Kosten-Risiko-Überlegungen
ist es nicht angezeigt, alle bestehenden Bauten auf das Sicherheitsniveau der neuen Normen zu ertüchtigen. Im Anhang
D werden dazu informativ einige Aussagen zur Prioritätensetzung gemacht.

Bei bestehenden Bauten wird – im Gegensatz zu Neubauten – die Einhaltung des in den Tragwerksnormen SIA 260 bis
267 vorgegebenen Sicherheitsniveaus bezüglich Erdbebeneinwirkung nicht zwingend gefordert, sondern die Verhältnis-
mässigkeit und die Zumutbarkeit der Massnahmenkosten darf beim Entscheid über eine Erdbebenertüchtigung berück-
sichtigt werden.

Umrahmte und kursiv gesetzte Kommentare haben lediglich erklärenden Charakter. Sie enthalten ergänzende Informati-
onen zum normativen Text des Merkblatts.

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ANHANG A

0 GELTUNGSBEREICH

0.1 Abgrenzung

0.1.1 Das vorliegende Merkblatt dient als Grundlage für die Beurteilung der Erdbebensicherheit bestehender Gebäu-
de, die vor Inkrafttreten der Normen SIA 260 bis 267 projektiert wurden.
Für Brücken und andere Kunstbauten könnte das Merkblatt sinngemäss angewendet werden, hingegen wären
die Überlegungen zur Verhältnismässigkeit anzupassen.

0.1.2 Das Merkblatt darf nicht für die Bemessung neuer Tragwerke verwendet werden.

0.1.3 Das Merkblatt konzentriert sich auf Beton-, Mauerwerk- und Stahlbauten und deren Kombinationen, z.B. Stahl-
Beton-Verbundbauten. Für Holzbauten kann es sinngemäss angewendet werden.

0.1.4 Das Merkblatt orientiert sich am Einzelbauwerk und deckt die Methoden zur Priorisierung von grossen Gebäu-
debeständen mit Anhang D lediglich informativ ab.
Zur Priorisierung von Bauwerksbeständen eignet sich z.B. die Richtlinie für die Beurteilung der Erdbebensicher-
heit bestehender Bauten, Stufe 1, des Bundesamt für Wasser und Geologie.

0.1.5 Bei Bauwerken der Bauwerksklasse III, deren Versagen mit erheblichen Folgeschäden verbunden ist, sind über
den Inhalt des Merkblatts hinausgehende Überlegungen anzustellen.

0.1.6 Bei Bauwerken, die spezifischen Regelungen unterstellt sind, gilt dieses Merkblatt nicht. Es sind die spezifi-
schen Regelwerke anzuwenden. Dies trifft z.B. zu für
– Bauwerke, die der Störfallverordnung unterstellt sind
– Talsperren und Wehre
– Kernenergieanlagen.

0.1.7 Bei Kulturgütern und anderen unersetzbaren Werten sind über das Merkblatt hinausgehende Überlegungen
anzustellen.

0.2 Verweisungen

0.2.1 Das Merkblatt ist in Verbindung mit den Normen SIA 260 bis 267 anzuwenden.

0.2.2 Übergeordnete Aspekte der Erhaltung von Tragwerken sind geregelt in:
– Norm SIA 469 (1997) Erhaltung von Bauwerken
– Richtlinie SIA 465 (1998) Sicherheit von Bauten und Anlagen
– Richtlinie SIA 462 (1994) Beurteilung der Tragsicherheit bestehender Bauwerke
– Empfehlung SIA 162/5 (1997) Erhaltung von Betontragwerken.

0.2.3 Weitere Grundlagen hinsichtlich der Beurteilung der Erdbebensicherheit bestehender Bauwerke sind zu finden in:
– Normenreihe EN 1998 (Eurocode 8)
insbesondere prEN 1998-3 Assessment and retrofitting of buildings
– Bundesamt für Wasser und Geologie: Richtlinie für die Beurteilung der Erdbebensicherheit bestehender Bau-
ten, Stufe 1 und Stufe 2
– Bundesamt für Wasser und Geologie: Mikrozonierung.
www.bwg.admin.ch
– FEMA 310: Handbook for the Seismic Evaluation of Buildings – A Prestandard (Federal Emergency Man-
agement Agency, USA)
– Paulay T., Priestley M.J.N.: Seismic Design of Reinforced Concrete and Masonry Buildings. ISBN 0-471-
54915-0. John Wiley & Sons, New York, 1992.

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ANHANG A

0.3 Ausnahmen

0.3.1 Ausnahmen vom vorliegenden Merkblatt sind zulässig, wenn sie durch Theorie oder Versuche ausreichend
begründet werden oder wenn neue Entwicklungen und Erkenntnisse dies rechtfertigen.

0.3.2 Abweichungen vom Merkblatt sind in den Bauwerksakten nachvollziehbar und mit Begründung zu dokumentieren.

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ANHANG A

1 VERSTÄNDIGUNG

1.1 Fachausdrücke
Im vorliegenden Merkblatt werden die nachfolgend definierten Fachausdrücke verwendet. Allgemeine Fachaus-
drücke werden in den Normen SIA 260 und 261, bauweisenspezifische in den Normen SIA 262 bis 267 defi-
niert.
Äquivalenter Einmassenschwinger Einmassenschwinger mit den dynamischen Eigenschaften der ersten
oscillateur simple équivalent Eigenform des Tragwerks.
oscillatore equivalente a un grado di
libertà
equivalent SDOF system

Bauwerksklasse Schematische Charakterisierung von Gebäuden gemäss Norm SIA 261,


classe d’ouvrage die eine ähnliche Gefährdung von Personen, die Bedeutung des Bau-
classe d’opera werkes für die Allgemeinheit und die Gefährdung der Umwelt infolge der
structural class Beschädigung des Bauwerkes berücksichtigt.

beschränkt verformungsfähiges Bauteil, das die Anforderung an verformungsfähige Bauteile nicht erfüllt.
Bauteil
élément de structure à déformabilité
limité
elemento strutturale a deformabilità
limitata
limited-deformable structural element

Bruchkrümmung Krümmung des Bauteils, bei welcher entweder die Bruchstauchung des
courbure ultime Betons oder die Bruchdehnung des Betonstahls erreicht wird.
curvatura a rottura
ultimate curvature

Duktilität Mass für die Energiedissipation und das plastische Verformungsvermö-


ductilité gen eines Bauteils, ausgedrückt für eine Verschiebungs- oder Verfor-
duttilità mungsgrösse als Quotient von Maximalwert und Wert bei Fliessbeginn.
ductility

Einbindungshorizont Niveau der Einspannung des Tragwerksmodells für die Bestimmung der
niveau d’encastrement Erdbebeneinwirkung.
livello d’incastro
level of embedment

Erfüllungsfaktor Numerische Aussage, in welchem Mass ein bestehendes Tragwerk die


facteur de conformité rechnerischen Anforderungen an Neubauten gemäss geltender Norm
fattore di conformità erfüllt.
compliance factor

Fliesskrümmung Krümmung des Bauteils, bei welcher die Längsbewehrung erstmals die
courbure de plastification Fliessdehnung erreicht.
curvatura di snervamento
yield curvature
Fliessmoment Biegemoment des Bauteils, bei welchem die Längsbewehrung erstmals
moment de plastification die Fliessdehnung erreicht.
momento di snervamento
yield moment
Individualrisiko Mass für die Gefährdung einer Einzelperson, ausgedrückt als Todesfall-
risque individuel wahrscheinlichkeit pro Jahr.
rischio individuale
individual risk

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ANHANG A

Kapazitätskurve Verlauf der Rückstellkraft eines äquivalenten Einmassenschwingers in


courbe de capacité Funktion seiner relativen Verschiebung.
curva di capacità
capacity curve

Kraftbasiertes Verfahren Gegenüberstellung von Auswirkungen in Form von Schnittgrössen und


méthode basée sur les forces Querschnittswiderständen.
progettazione in forza
force-based design

Krümmung Mass für die Dehnungsänderung über den Querschnitt eines Biegeele-
courbure ments.
curvatura
curvature

Mischsystem Tragwerk, das für Horizontalkräfte neben Mauerwerk vertikale Tragele-


système mixte mente aus Beton, Stahl oder Holz aufweist.
sistema misto
hybrid structure

Nomineller Biegewiderstand Biegewiderstand des Bauteils bei dem entweder die Betonstauchung
résistance nominale à la flexion oder die Stahldehnung einen nominellen Wert erreicht (siehe Ziffer
resistenza flessionale nominale 6.2.8).
nominal bending strength

Nominelle Fliesskrümmung Auf den nominellen Biegewiderstand extrapolierte Fliesskrümmung (sie-


courbure nominale de plastification he Ziffer 6.2.8).
curvatura di snervamento nominale
nominal yield curvature

Nomineller Versagenszustand Idealisierter Zustand, bei welchem angenommen wird, dass das Bauteil
état limite ultime nominal oder das Tragwerk seine Aufgabe nicht mehr erfüllen kann, sei es weil
stato limite di collasso nominale sein Tragwiderstand zu stark abgefallen ist, oder weil lokal unzulässige
nominal ultimate limit state Betonstauchungen bzw. Stahldehnungen aufgetreten sind.

Personenbelegung Anzahl Personen, die sich in einem Bauwerk und in dessen Trümmerbe-
occupation reich aufhalten.
occupazione
occupancy

Plastisches Gelenk Idealisierter Bereich eines Bauteils, in welchem konzentrierte, äquivalen-


rotule plastique te plastische Verformungen angenommen werden, um das Verfor-
cerniera plastica mungsvermögen des Bauteils abzuschätzen.
plastic hinge

Projektierung Entwurf, Tragwerksanalyse und Bemessung.


élaboration de projet
progettazione
design

Restnutzungsdauer Für die Restnutzung vorgesehene Zeitspanne.


durée d’utilisation restante
durata d’utilizzo rimanente
planning horizon

Rettungskosten Quotient aus den Sicherheitskosten einer Massnahme und der Risikore-
coûts de sauvetage duktion ausgedrückt in Franken pro gerettetem Menschenleben.
costi di soccorso
life saving costs

Risiko Produkt aus der auf eine bestimmte Zeiteinheit bezogenen Eintretens-
risque wahrscheinlichkeit eines Ereignisses und den quantifizierten Ereignisfol-
rischio gen. Im Merkblatt werden die Ereignisfolgen in der Regel durch die To-
risk desfälle bei einem Erdbeben quantifiziert.

8 SIA 2018, Copyright © 2004 by SIA Zurich


ANHANG A

Risikofaktor Vom Erfüllungsfaktor abhängige Grösse zur Berechnung des Personen-


facteur de risque risikos.
fattore di rischio
risk factor

Risikoreduktion Auf die Zeiteinheit ein Jahr bezogener Nutzen einer Massnahme ausge-
réduction du risque drückt in geretteten Menschenleben (vermiedene Todesopfer).
riduzione del rischio
risk reduction

Schiefstellung Verhältnis der horizontalen Verschiebungen eines Bauteils infolge Erd-


inclinaison beben zu einer vorgegebenen Höhe (in der Regel ein Stockwerk).
deformazione interpiano
drift

Schubspannweite Distanz zwischen dem Momentennullpunkt und dem Ort des maximalen
portée de cisaillement Moments.
luce di taglio
shear span

Sehnenverdrehung Winkel zwischen der Tangente der Bauteilachse im Fliessgelenk und der
rotation de la corde Sehne, die dieses und das Ende der Schubspannweite verbindet (vgl.
rotazione della corda Figur 3 in Ziffer 6.2.1).
chord rotation

Sicherheitskosten Jährlicher Abschreibungsbedarf der sicherheitsbezogenen Investitions-


coûts de la sécurité kosten einer Massnahme auf die Restnutzungsdauer.
costi di sicurezza
safety cost

Sprödes Versagen Versagen, das ohne plastische Verformungen und ohne wesentliche
rupture fragile Energiedissipation auftritt.
rottura fragile
brittle failure

Verformungsbasiertes Verfahren Gegenüberstellung von Auswirkungen in Form von durch ein Erdbeben
méthode basée sur les déformations erzwungenen Verformungen und des vorhandenen Verformungsvermö-
progettazione in deformazione gens.
displacement-based design

verformungsfähiges Bauteil, das ein zyklisch-plastisches stabiles Verformungsverhalten


Bauteil aufweist, und bei welchem ein sprödes Versagen ausgeschlossen wer-
élément de structure déformable den kann, so dass das verformungsbasierte Verfahren angewendet
elemento strutturale deformabile werden kann.
deformable structural element

Verformungsvermögen Verformung eines Bauteils oder eines Tragwerks, die in Anspruch ge-
capacité de déformation nommen werden kann, bevor das Bauteil oder das Tragwerk seinen
capacità di spostamento nominellen Versagenszustand erreicht.
displacement capacity

Verhältnismässigkeit Gewährleisten eines effizienten Mitteleinsatzes zur Reduktion des Ge-


proportionnalité samtrisikos mit Beschränkung des Individualrisikos.
proporzionalità
commensurability

Versagensart Klassierung des Versagens durch kinematische und baustoffweise Cha-


mode de rupture rakterisierung.
modalità di collasso
failure mode

Zielverschiebung Verschiebungsbedarf aus dem Bemessungsspektrum der Verschiebung.


déplacement cible
spostamento target
target displacement

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ANHANG A

Zumutbarkeit Gewährleisten eines effizienten Mitteleinsatzes mit bedingter Beschrän-


exigibilité kung des Individualrisikos.
esigibilità
reasonableness

1.2 Bezeichnungen

1.2.1 Lateinische Grossbuchstaben


Ad Bemessungswert einer aussergewöhnlichen Einwirkung

AR Erdbebeneinwirkung, die zum Versagen von tragenden Bauteilen führt

Bi Anzahl Personen einer Belegung i

Cd Bemessungswert einer Gebrauchsgrenze

D Stützendurchmesser

DF Diskontierungsfaktor

Ecm Mittelwert des Elastizitätsmoduls von Beton

Ed Bemessungswert einer Auswirkung

Fd horizontale Ersatzkraft infolge Erdbebeneinwirkung

Lpl Länge des plastischen Gelenks

Lv Schubspannweite

M Biegemoment

Ml Biegemoment am linken Balkenende

Mn nomineller Biegewiderstand

Mr Biegemoment am rechten Balkenende

M'y Fliessmoment

PB Erwartungswert der Personenbelegung bezogen auf ein Jahr


Rd Bemessungswert des Tragwiderstands

RF Risikofaktoren

RKM Rettungskosten der Massnahme

S Parameter zur Bestimmung des elastischen Antwortspektrums

Sad Spektralwert der Beschleunigung des elastischen Bemessungsspektrums

SIKM Sicherheitsbezogene Investitionskosten

SKM Sicherheitskosten der Massnahme

Sud Spektralwert der Verschiebung des elastischen Bemessungsspektrums

T Schwingzeit

TB Parameter zur Bestimmung des elastischen Antwortspektrums

TC Parameter zur Bestimmung des elastischen Antwortspektrums

TD Parameter zur Bestimmung des elastischen Antwortspektrums

V Querkraft

Vd Bemessungswert der Querkraft


+
V d Erhöhte Querkraft

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ANHANG A

Vl Querkraft am linken Balkenende

Vr Querkraft am rechten Balkenende

1.2.2 Lateinische Kleinbuchstaben


agd Bemessungswert der Bodenbeschleunigung

ast Stahlqualitätsbeiwert

b Gebäudebreite

dbl Durchmesser der Längsbewehrung

di Anzahl Tage pro Woche mit der Belegung i

e Exzentrizität

ed,inf unterer Wert der Exzentrizität zu resultierenden Ersatzkraft

ed,sup oberer Wert der Exzentrizität zu resultierenden Ersatzkraft

fbk charakteristischer Wert der Steindruckfestigkeit

fbm Mittelwert der Steindruckfestigkeit

fcd Bemessungswert der Betondruckfestigkeit

fck charakteristischer Wert der Zylinderdruckfestigkeit (5%-Fraktile)

fs Fliessgrenze von Betonstahl

fsd Bemessungswert der Fliessgrenze von Betonstahl

fsk charakteristischer Wert der Fliessgrenze von Betonstahl

fsm Mittelwert der Fliessgrenze

ft Zugfestigkeit von Betonstahl

ftk charakteristischer Wert der Zugfestigkeit von Betonstahl

ftm Mittelwert der Zugfestigkeit von Betonstahl

(ft / fs )k charakteristischer Wert des Verhältnisses (ft / fs )

fxd Bemessungswert der Mauerwerksdruckfestigkeit senkrecht zu den Lagerfugen

h lichte Höhe einer Wand

hb Höhe eines rechteckigen Balkens

hi Anzahl Stunden pro Tag mit der Belegung i

i Diskontzinssatz
ls Länge der Stütze in Beanspruchungsrichtung

lw Wandlänge

m* modale Masse

n Restnutzungsdauer

q Verhaltensbeiwert

r Beiwert

t Wanddicke

w erdbebeninduzierte Verschiebung

wd Zielverschiebung

wi Anzahl Wochen pro Jahr mit der Belegung i

wR,d Verschiebungsvermögen

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ANHANG A

wu Verschiebung beim Erreichen des Verformungsvermögens

wy Fliessverschiebung

1.2.3 Griechische Grossbuchstaben


Γ Partizipationsfaktor

∆RF Differenz der massgebenden Risikofaktoren

∆RGE Risiken aus in Geldeinheiten bewertbaren Schadenfolgen

∆RM Risikoreduktion

1.2.4 Griechische Kleinbuchstaben


αadm Zulässiger Reduktionsfaktor

αeff Erfüllungsfaktor bei der Überprüfung

αint Erfüllungsfaktor nach Massnahmen zur Erhöhung der Erdbebensicherheit (intervention)

αmin Minimaler Reduktionsfaktor

γD Partialfaktor für das Verformungsvermögen

γf Bedeutungsfaktor

γm Partialfaktor für eine Baustoff- oder Baugrundeigenschaft (berücksichtigt ungünstige Abweichungen


vom charakteristischen Wert)

γM Widerstandsbeiwert (= γRγm)

γR Partialfaktor für den Tragwiderstand (berücksichtigt die Unschärfen im Widerstandsmodell)

εc Betonstauchung

εc1d Bemessungswert der Betonstauchung beim Erreichen von fcd

εcu Bruchstauchung von Beton

εs Stahldehnung

εsk charakteristischer Wert der Fliessdehnung von Betonstahl

εud Bemessungswert der Bruchdehnung von Betonstahl (Gleichmassdehnung)

εuk charakteristischer Wert der Bruchdehnung von Betonstahl (Gleichmassdehnung)

ζ Verhältnis der Betonstauchungen

θmax maximale Sehnenverdrehung eines Bauteils (Verformungsvermögen)

θu Sehnenverdrehung beim Versagen


θy Sehnenverdrehung beim Fliessbeginn

κ Vergrösserungsfaktor zur Berücksichtigung höherer Eigenformen

σc Betonspannung

τcd Bemessungswert der Schubspannungsgrenze

φu Bruchkrümmung

φy nominelle Fliesskrümmung

φy' Fliesskrümmung

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ANHANG A

2 GRUNDSÄTZE

2.1 Konzept

2.1.1 Der Anlass für eine Überprüfung ist im übergeordneten Normenwerk enthalten:
– Norm SIA 469 (1997) Ziffer 3 21 3
– Richtlinie SIA 462 (1994) Ziffer 2 1
– Empfehlung SIA 162/5 (1997) Ziffer 2 21.

2.1.2 Die Überprüfung eines bestehenden Bauwerks bezüglich Erdbeben wird in drei Schritten durchgeführt.
– Im Rahmen der Zustandserfassung wird das Verhalten des Bauwerks unter Erdbebeneinwirkung untersucht.
– Im Rahmen der Zustandsbeurteilung wird – allenfalls unter Berücksichtigung der Verhältnismässigkeit und
der Zumutbarkeit – beurteilt, ob das Bauwerk eine akzeptierbare Sicherheit aufweist.
– Basierend auf den Ergebnissen der Zustandsbeurteilung werden anschliessend Massnahmen empfohlen.

2.2 Verformungsverhalten von Tragwerken

2.2.1 Sowohl bei Tragwerken als auch bei Bauteilen und Verbindungen wird zwischen verformungsfähigen und be-
schränkt verformungsfähigen unterschieden.

2.2.2 Ein Tragwerk ist, pro Hauptrichtung, nur dann verformungsfähig, wenn alle seine tragenden Bauteile und Ver-
bindungen dies sind.

2.2.3 Ein Bauteil ist verformungsfähig, wenn es ein zyklisch-plastisches stabiles Verformungsverhalten aufweist, und
ein sprödes Versagen ausgeschlossen werden kann. Mögliche spröde Versagensmechanismen werden pro
Bauweise in den entsprechenden Ziffern aufgelistet.

2.2.4 Tragwerke, welche die Bestimmungen für das duktile Tragverhalten gemäss den Normen SIA 262 bis 266 ein-
halten, gelten als verformungsfähig.

2.3 Berechnungsverfahren

2.3.1 Es wird zwischen kräftebasierten und verformungsbasierten Berechnungsverfahren unterschieden. Das kräfte-
basierte Verfahren entspricht dem Verfahren gemäss Ziffer 16.5 der Norm SIA 261. Das verformungsbasierte
Verfahren wird zur Beurteilung bestehender Bauten in diesem Merkblatt eingeführt.

2.3.2 Die Tragsicherheit und, wo notwendig, die Gebrauchstauglichkeit von verformungsfähigen Tragwerken können
sowohl anhand des kräftebasierten Verfahrens als auch anhand des verformungsbasierten Verfahrens unter-
sucht werden.

2.3.3 Die Tragsicherheit und, wo notwendig, die Gebrauchstauglichkeit von beschränkt verformungsfähigen Tragwer-
ken sind anhand des kräftebasierten Verfahrens zu untersuchen.

2.3.4 Die Untersuchung der Gebrauchstauglichkeit ist gemäss Ziffer 4.4.4 der Norm SIA 260 zu führen. Dabei ist die
Steifigkeitsreduktion infolge Schädigung des Tragwerks, zum Beispiel infolge Rissbildung, zu berücksichtigen.

2.3.5 Bezüglich konzeptioneller und konstruktiver Mängel ist das Bauwerk hinsichtlich der Bedingungen der Tabel-
le 27 der Norm SIA 261 zu überprüfen.

SIA 2018, Copyright © 2004 by SIA Zurich 13


ANHANG A

2.4 Vorgehen

2.4.1 Die Beurteilung der Erdbebensicherheit ist Gegenstand oder Bestandteil einer Überprüfung gemäss Norm SIA
260 Figur 1 bzw. Norm SIA 469. Die übergeordneten Abläufe sind in diesen Dokumenten geregelt.

2.4.2 Die Überprüfung der Erdbebensicherheit erfolgt in den nachstehend aufgeführten drei Arbeitsschritten.

2.4.2.1 Zustandserfassung
– Grundlagenvorbereitung mit Hilfe der Bauwerksakten und Aufnahmen am Objekt
– Zuordnung des Bauwerks zu einer Bauwerksklasse gemäss Norm SIA 261 Ziffer 16.3
– Untersuchung der konzeptionellen und konstruktiven Durchbildung des Bauwerks gemäss Ziffer 2.3.5
– Bestimmen der relevanten Materialkennwerte der vorhandenen Baustoffe gemäss Ziffer 3
– Untersuchung der Erdbebensicherheit
- Analyse des Tragwerks (kräftebasiert oder verformungsbasiert) gemäss Ziffer 4
- Bestimmung der Erdbebeneinwirkung gemäss Ziffer 5 sowie der im Gefährdungsbild Erdbeben zu berück-
sichtigenden Begleiteinwirkungen
- Bestimmung der Tragfähigkeit gemäss Ziffer 6 für Betonbauten, Ziffer 7 für Mauerwerk und Ziffer 8 für
Stahl- und Stahl-Beton-Verbundbauten
- Für BWK III: Bestimmung des Gebrauchsverhaltens
- Untersuchung des Verhaltens von nicht tragenden Bauteilen gemäss Ziffer 7.5
- Berechnung des Erfüllungsfaktors αeff aller Bauteile gemäss Ziffer 9.1.

2.4.2.2 Beurteilung der Erdbebensicherheit


– Rechnerische Beurteilung gemäss Ziffer 9.1 durch Vergleich des Erfüllungsfaktors αeff mit den Reduktions-
faktoren αadm und αmin
– Beurteilung der Erdbebensicherheit nicht tragender Bauteile
– Allenfalls Beurteilung der Verhältnismässigkeit und der Zumutbarkeit gemäss Ziffer 10.

2.4.2.3 Massnahmenempfehlung
– Vorschläge für den Grundsatzentscheid über das weitere Vorgehen gemäss Ziffer 9.3.

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ANHANG A

3 BAUSTOFFE

3.1 Allgemeines

3.1.1 Die Qualität der verwendeten Baustoffe kann in der Regel den Bauakten entnommen werden.

3.1.2 Allfällige Veränderungen von Baustoffeigenschaften oder geometrischen Grössen seit der Herstellung (Umbau-
ten, Schädigungsprozesse, usw.) sind zu berücksichtigen.

3.2 Eigenschaften nach Bauwerksakten

3.2.1 Beton

3.2.1.1 Enthalten die Bauwerksakten Angaben zum verwendeten Beton und sind keine Hinweise vorhanden, dass
diese Anforderungen nicht eingehalten wurden, dürfen charakteristische Werte und Bemessungswerte der Be-
tondruckfestigkeit und der Schubspannungsgrenze für ein Betonalter von 28 Tagen gemäss Tabelle 5 im An-
hang A verwendet werden.

3.2.1.2 Sind Resultate der damaligen Produktionskontrolle dokumentiert, die zeigen, dass die Anforderungen einer
höheren als der verlangten Betonsorte erreicht wurden, darf dies berücksichtigt werden.

3.2.1.3 Die Erhöhung der Betondruckfestigkeit mit zunehmenden Betonalter ist zu berücksichtigen. Liegen keine spezi-
fischen Daten vor, kann Figur 1 aus Norm SIA 262 verwendet werden.

3.2.2 Betonstahl und Spannstahl

3.2.2.1 Ist der Betonstahl eindeutig identifizierbar, dürfen Duktilitätsklasse, charakteristische Werte und Bemessungs-
werte der mechanischen Eigenschaften gemäss Tabelle 6 im Anhang A verwendet werden.

3.2.2.2 Für Spannstahl sind die charakteristischen Werte und Bemessungswerte der mechanischen Eigenschaften aus
den damals gültigen Produktespezifikationen zu ermitteln.

3.2.3 Mauerwerk

Enthalten die Bauwerksakten Angaben zum verwendeten Mauerwerk, dürfen die Bemessungswerte der Stein-
festigkeit und der Mauerwerksdruckfestigkeit gemäss Tabelle 7 und Tabelle 8 im Anhang B verwendet werden.

3.2.4 Baustahl

Enthalten die Bauwerksakten Angaben zum verwendeten Baustahl, dürfen die mechanischen Eigenschaften
des entsprechenden Baustahls nach Norm SIA 263 gemäss Tabelle 9 im Anhang C verwendet werden.

3.3 Eigenschaften aus Sondierungen

3.3.1 Werden mechanische Kennwerte der Eigenschaften von Beton, Betonstahl und Spannstahl mittels Sondierun-
gen erhoben, ist gemäss Empfehlung SIA 162/5 Ziffer 3 4 vorzugehen.

3.3.2 Aus den gemessenen Festigkeitswerten sind die aktualisierten charakteristischen Werte und Bemessungswerte
für Beton, Betonstahl und Spannstahl im Sinne der Norm SIA 262 Ziffern 2.3.2 und 4.2 zu bestimmen.

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ANHANG A

4 TRAGWERKSANALYSE

4.1 Allgemeines

4.1.1 Für die Steifigkeit der Bauteile ist ein mittlerer Wert bis zum Fliessbeginn in Rechnung zu stellen. Hinweise für
die Steifigkeit finden sich in Ziffer 6 für Betonbauten und in Ziffer 7 für Mauerwerksbauten.

4.1.2 Neben der Biegesteifigkeit soll auch die Schubsteifigkeit der Bauteile und die Nachgiebigkeit des Baugrunds
berücksichtigt werden.

4.1.3 Werden die Eigenfrequenzen durch Schwingungsmessungen bestimmt, ist die für die Erdbebeneinwirkung
massgebende Steifigkeit gemäss Ziffer 4.1.1 unter Berücksichtigung der Steifigkeitsreduktion bis zum Fliessbe-
ginn abzuschätzen.

4.1.4 Bei gemischten Tragsystemen ist eine realistische Steifigkeit entsprechend der verschiedenen Bauteile anzu-
setzen.
4.1.5 Bei durch Tragwände ausgesteiften Gebäuden darf die Rahmenwirkung durch die Decken berücksichtigt wer-
den.

4.1.6 Bei Gebäuden mit steifen Untergeschossen darf für die Bestimmung der Erdbebeneinwirkung der Einbindungs-
horizont in der Bodenebene des Erdgeschosses angenommen werden. Die Auswirkungen sind bis in den Bau-
grund nachzuweisen.

4.2 Kraftbasierte Tragwerksanalyse

4.2.1 Die kraftbasierte Tragwerksanalyse erfolgt analog zum Vorgehen in Norm SIA 261 Ziffer 16.5. Der anzusetzen-
de Verhaltensbeiwert q ist gemäss Ziffer 6 für Betonbauten und den Normen SIA 263 bis 266 für alle übrigen
Bauten festzulegen. Bei gemischten Tragsystemen ist als Verhaltensbeiwert der kleinste Beiwert der einzelnen
Bauteile anzunehmen.

4.2.2 Auch wenn die Bedingungen für das Ersatzkraftverfahren gemäss SIA 261 Ziffer 16.5.2.1 erfüllt sind, empfiehlt
es sich, das Antwortspektrenverfahren anzuwenden, wobei die höheren Eigenschwingungsformen in der Regel
vernachlässigt werden können.

4.2.3 Die kraftbasierte Untersuchung der Tragsicherheit erfolgt gemäss Norm SIA 260 auf dem Bemessungsniveau.

4.2.4 Die Bemessungswerte der Baustoffeigenschaften sind gemäss Ziffer 3.2 zu wählen oder gemäss Ziffer 3.3 zu
bestimmen.

4.2.5 Der Tragwiderstand der Bauteile und Querschnitte wird gemäss der jeweils anwendbaren Normen SIA 262 bis
266 bestimmt.

4.3 Verformungsbasierte Tragwerksanalyse

4.3.1 Bei der verformungsbasierten Tragwerksanalyse erfolgt die Berechnung der Auswirkungen an einem nichtlinea-
ren statischen Tragwerksmodell.

4.3.2 Wenn die Kriterien für die Regelmässigkeit im Grundriss gemäss Norm SIA 261 Ziffer 16.5.1.3 erfüllt sind, darf
je ein ebenes Tragwerksmodell für die beiden Hauptrichtungen betrachtet werden. Andernfalls ist ein räumli-
ches Tragwerksmodell anzunehmen.

4.3.3 Wenn die Voraussetzungen für zwei ebene Tragwerksmodelle erfüllt sind, darf die Torsionswirkung vernachläs-
sigt werden.

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ANHANG A

4.3.4 Beim räumlichen Tragwerksmodell ist zur Berücksichtigung der Torsionswirkung infolge zufälliger Exzentrizität
die Lage der Massenschwerpunkte der einzelnen Geschosse in beiden Hauptrichtungen wie folgt anzusetzen:
ed,sup = e + 0,05 b (1)
ed,inf = e – 0,05 b (2)

Dabei bezeichnet e die tatsächliche Exzentrizität des Massenschwerpunkts gegenüber dem Steifigkeitszentrum
des Geschosses und b steht für die Gebäudebreite senkrecht zur Erdbebeneinwirkung.

4.3.5 Die Auswirkungen infolge Torsion dürfen an einem linearen Tragwerksmodell unter Berücksichtigung der Rota-
tionsträgheit berechnet werden.
Hinweise und Bemessungshilfen zur Berücksichtigung der Torsion finden sich in der Dokumentation SIA D 0171
Erdbebengerechter Entwurf und Kapazitätsbemessung eines Gebäudes mit Stahlbetontragwänden.

4.3.6 Für die Baustoffeigenschaften darf ein linear-elastisches, ideal-plastisches Verhalten angenommen werden. Für
die Steifigkeit im linear-elastischen Bereich sind die Ziffern 4.1.1 und 4.1.2 zu beachten. Als Widerstand im ide-
al-plastischen Bereich ist der Tragwiderstand gemäss Ziffer 6 für Betonbauten und Ziffer 7 für Mauerwerksbau-
ten einzusetzen.

4.3.7 Die verformungsbasierte Untersuchung des Tragvermögens erfolgt unter Annahme von charakteristischen
Materialeigenschaften, um eine nähere Erfassung des wirklichen Verformungsverhaltens der Bauteile zu er-
möglichen. Diese günstigere Annahme wird kompensiert, indem das Verformungsvermögen des Bauteils mit
einem entsprechenden Partialfaktor γD reduziert wird.

4.3.8 Die Berechnung der Kapazitätskurve erfolgt an einem zur Grundschwingungsform äquivalenten Einmassen-
schwinger.

4.3.9 Zur Berechnung der Kapazitätskurve ist die horizontale Ersatzkraft Fd unter konstanten Schwerelasten schritt-
weise zu steigern bis der entsprechende Spektralwert der Horizontalverschiebung aus dem elastischen Bemes-
sungsspektrum der Verschiebung (Zielverschiebung wd/Γ) erreicht wird.
Figur 1 Elastisches Bemessungsspektrum mit Kapazitätskurve, normiert auf die modalen Grössen m*
und Γ, zur Bestimmung der Zielverschiebung wd.
Die eingezeichnete Bestimmungsprozedur für wd gilt nur für den Periodenbereich T > 0,7 s in
dem das Prinzip der gleichen Verschiebung anwendbar ist.

Elastisches Bemessungsspektrum
Sad , Fd /m *

Kapazitätskurve

Versagen des
ersten Bauteils

w y /Γ w d /Γ w R,d /Γ = w u /(γD ·Γ) w u /Γ

S ud , w d /Γ

4.3.10 Die Zielverschiebung wd wird für den massgebenden Punkt aus den Verformungen der einzelnen Tragelemente
berechnet.
Weitere Hinweise enthält prEN1998-1 Kapitel 4 und Anhang B.

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ANHANG A

5 EINWIRKUNGEN

5.1 Allgemeines

5.1.1 Bei einem bestehenden Bauwerk wird der Schutzgrad durch die Einteilung in eine Bauwerksklasse mit zugehö-
rigem Bedeutungsfaktor γf gemäss Ziffer 16.3 der Norm SIA 261 wie bei Neubauten festgelegt.

5.1.2 Im Allgemeinen sind der Bemessungswert der horizontalen Bodenbeschleunigung agd, die Baugrundklasse und
die Parameterwerte der Antwortspektren gemäss Ziffer 16.2 der Norm SIA 261 zu bestimmen.

5.1.3 Alternativ kann ein standortspezifisches Antwortspektrum durch eine bodendynamische Untersuchung bestimmt
werden.
Eine standortspezifische bodendynamische Untersuchung führt häufig auf niedrigere Spektralwerte der Erdbe-
beneinwirkung im relevanten Schwingzeitenbereich für das betrachtete Bauwerk. Die Antwortspektren der Norm
SIA 261 decken eine gewisse Variation der lokalen Baugrundeigenschaften innerhalb einer Baugrundklasse ab.
Das Bundesamt für Wasser und Geologie lässt auf Basis der Landeskarte 1:25'000 die lokale Verteilung der
Baugrundklassen kartieren (Bearbeitungspriorität: Zonen 3a und 3b, Zone 2, Zone 1) und stellt sie auf dem In-
ternet zur Verfügung.

5.2 Erdbebeneinwirkungen für das kraftbasierte Verfahren

5.2.1 Für das kraftbasierte Verfahren ist das elastische Antwortspektrum der Beschleunigung durch Ziffer 16.2.3 der
Norm SIA 261 gegeben, falls kein standortspezifisches Antwortspektrum gemäss Ziffer 5.1.3 vorliegt.

5.2.2 Die Bemessungsspektren der horizontalen und der vertikalen Beschleunigung sind gemäss Ziffer 16.2.4 der
Norm SIA 261 zu bestimmen. Der Verhaltensbeiwert q für bestehende Stahlbetongebäude ist gemäss Ziffer 6.1
zu bestimmen. Für andere Baustoffe ist der Verhaltensbeiwert q gemäss den Angaben der Normen SIA 263 bis
266 zu wählen.

5.3 Erdbebeneinwirkungen für das verformungsbasierte Verfahren

5.3.1 Für das verformungsbasierte Verfahren wird die Erdbebeneinwirkung durch elastische Bemessungsspektren
der Verschiebung und der Beschleunigung dargestellt.

5.3.2 Falls kein standortspezifisches Antwortspektrum gemäss Ziffer 5.1.3 vorliegt, wird das elastische Bemessungs-
spektrum der horizontalen Bodenverschiebung für 5% viskose Dämpfung und unter Berücksichtigung des Be-
deutungsfaktors γf wie folgt bestimmt:

 1,5 ⋅ T  2
Sud = 0,025 ⋅ γ f ⋅ agd ⋅ S 1 + T
 (0 ≤ T ≤ TB ) (3)
 TB 
Sud = 0,063 ⋅ γ f ⋅ agd ⋅ S ⋅ T 2 (TB ≤ T ≤ TC ) (4)

Sud = 0,063 ⋅ γ f ⋅ agd ⋅ S ⋅ TC ⋅ T (TC ≤ T ≤ TD ) (5)

Sud = 0,063 ⋅ γ f ⋅ agd ⋅ S ⋅ TC ⋅ TD (T ≥ T )


D (6)

Die Parameter S, TB, TC und TD sind Tabelle 25 der Norm SIA 261 zu entnehmen.

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ANHANG A

Figur 2 Elastische Bemessungsspektren der Verschiebung normiert auf agd · γf

Sud /( agd γf ) [ s2 ]

0,15

Bodenklasse D
0,12

Bodenklasse E
0,09
Bodenklasse C
Bodenklasse B
0,06

Bodenklasse A
0,03

0
0 1 2 3 4 5 T [ s]

5.3.3 Das elastische Bemessungsspektrum der Beschleunigung Sad wird mit Gleichung (7) bestimmt.
4π 2
Sad = Sud (7)
T2

5.4 Erdbebeneinwirkungen für die Bestimmung des Gebrauchsverhaltens

Für die Bestimmung des Gebrauchsverhaltens bei Bauwerksklasse III ist ein im Vergleich zur Bestimmung der
Tragfähigkeit auf 50% reduzierter Wert der Erdbebeneinwirkung anzusetzen.
Unter Berücksichtigung des Bedeutungsfaktor von γf = 1,4 ergibt sich gesamthaft gesehen für die Beurteilung
der Gebrauchstauglichkeit bei Bauwerksklasse III eine Reduktion der Erdbebeneinwirkung auf 70% des Wertes
für die Beurteilung der Tragsicherheit bei Bauwerksklasse I.

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ANHANG A

6 TRAGFÄHIGKEIT VON BETONBAUTEN

6.1 Kräftebasiertes Verfahren

Beim kräftebasierten Verfahren ist der Verhaltensbeiwert q gemäss Ziffer 4.3.9.2.2 der Norm SIA 262 anzu-
nehmen. Falls bei allen wesentlichen tragenden Bauteilen duktilitätsfördernde konstruktive Massnahmen vor-
handen sind, kann ein höherer Verhaltensbeiwert q angenommen werden, jedoch nicht höher als gemäss Zif-
fer 4.3.9.3.5 der Norm SIA 262.

6.2 Verformungsbasiertes Verfahren

6.2.1 Beim verformungsbasierten Verfahren besteht die Untersuchung der vorhandenen Erdbebensicherheit eines
Bauteils aus dem Vergleich der Auswirkung (Verformung) infolge normgemässer Erdbebeneinwirkung mit dem
Verformungsvermögen gemäss Ziffer 6.2.13.
Im Stahlbeton werden Sehnenverdrehungen auf Bauteilniveau verglichen.

Figur 3 Darstellung der Sehnenverdrehung

Wand Stütze Balken


(mit Fliessgelenk am Fuss)

V M
V
θ
Vr
θ Ml

Vl θ Mr

= Momentennullpunkt
V V

M M

6.2.2 Spröde Versagensmechanismen, die die Anwendung des verformungsbasierten Verfahrens nicht erlauben, sind
u.a.:
– Schubzugversagen
– Schubdruckversagen
– Biegeversagen mit Betonbruch vor Stahlfliessen
– Biegeversagen infolge Reissen der Längsbewehrung bei kleiner plastischer Dehnung.

Ohne spezielle Untersuchungen kann angenommen werden, dass Reissen der Längsbewehrung bei kleiner
plastischer Dehnung bei Bewehrungsstählen mit (ft / fs )k < 1,08 immer auftritt.

6.2.3 Bauteile, die nur zur Übertragung von Schwerelasten beitragen, müssen diese Funktion auch unter erdbeben-
induzierten Verformungen wahrnehmen können.
6.2.4 Zur Bestimmung des Verformungsvermögens von Bauteilen werden die charakteristischen Werte der Zylinder-
druckfestigkeit des Betons sowie der Fliessgrenze und der Zugfestigkeit des Betonstahls gemäss Ziffer 3.2 ge-
wählt oder gemäss Ziffer 3.3 bestimmt.

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ANHANG A

6.2.5 Die maximale Dehnung des Betonstahls, die bei der Bestimmung des lokalen Verformungsvermögens eines
Bauteils angenommen werden kann, beträgt εuk. Der Bemessungswert der Bruchdehnung εuk ist gemäss
Tabelle 6 zu wählen oder gemäss Tabelle 4 der Norm SIA 262/1 zu bestimmen.
Bei Querschnitten mit einem nominellen Biegewiderstand kleiner als das doppelte Rissmoment ist die maximale
Dehnung des Betonstahls auf 0,5 εuk zu reduzieren.
6.2.6 Die Bruchstauchung εcu des Betons wird unter Berücksichtigung der tatsächlich vorhandenen Umschnürungs-
bewehrung festgelegt. Ohne genauere Untersuchung kann εcu = 0,004 angenommen werden. Das dabei anzu-
nehmende Spannungs-Dehnungs-Diagramm wird mit (8) bestimmt und ist in Figur 4 qualitativ dargestellt.
σc r ⋅ζ
= (8)
fck r − 1+ ζ r

σc Betonspannung
fck charakteristischer Wert der Zylinderdruckfestigkeit (5%-Fraktile)
E cm
r Beiwert zur rechnerischen Bestimmung r =
 f 
E cm −  ck 

 ε c 1d 
des Spannungs-Dehnungs-Diagramms von Beton:
Ecm Mittelwert des Elastizitätsmoduls von Beton gemäss Norm SIA 262 Ziffer 3.1.2.3.3
εc1d Bemessungswert der Betonstauchung beim Erreichen von fcd gemäss Norm SIA 262 Tabelle 8
εc
ζ Verhältnis der Betonstauchungen: ζ =
ε c1d
εc Betonstauchung

Figur 4 Idealisiertes Spannungs-Dehnungs-Diagramm für die verformungsbasierte Untersuchung von Be-


tonbauten

σc / fck

1,0

0,5

0 ε
0 εc 1d εcu

6.2.7 Die Sehnenverdrehung θ y bei Fliessbeginn des Bauteils beträgt:


Lv (9)
θ y = φy ⋅
3

φy nominelle Fliesskrümmung des Bauteils


Lv Schubspannweite (Lv = M/V)

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ANHANG A

6.2.8 Im allgemeinen Fall kann die nominelle Fliesskrümmung φy gemäss Figur 5 wie folgt bestimmt werden:
Mn (10)
φy = φ ' y ⋅
M'y

φy' Fliesskrümmung des Bauteils

Mn nomineller Biegewiderstand, wenn entweder eine Betonstauchung εc = 0,004 oder ein Stahldehnung εs
= 0,015 erreicht wird
M y' Fliessmoment

Figur 5 Bestimmung der nominellen Fliesskrümmung

Mn

My’

φ
φ’y φy

6.2.9 Für einfache Bauteile kann die nominelle Fliesskrümmung φy wie folgt abgeschätzt werden:
ε sk
Runde Stütze: φ y = 2,25 ⋅ (11)
D

ε sk ε sk
Rechteckige Stütze und Balken: φy = 2,1⋅ bzw. φy = 2,1⋅ (12)
ls hb

ε sk
Rechteckige Wände: φy = 2,0 ⋅ (13)
lw

εsk charakteristischer Wert der Fliessdehnung der Längsbewehrung


D Stützendurchmesser
ls Länge der Stütze in Beanspruchungsrichtung
hb Höhe eines rechteckigen Balkens
lw Wandlänge

6.2.10 Die Sehnenverdrehung θu beim Versagen des Bauteils beträgt:

 0, 5 ⋅ Lpl 
θu = θ y + (φu − φy ) Lpl  1 −  (14)
 Lv 

θy Sehnenverdrehung beim Fliessbeginn


φu Bruchkrümmung des Bauteils
φy nominelle Fliesskrümmung des Bauteils
Lpl Länge des plastischen Gelenks
Lv Schubspannweite (Lv = M/V)

6.2.11 Die Bruchkrümmung von Bauteilen φu wird unter Verwendung der Bruchstauchung des Betons εcu gemäss Ziffer
6.2.6 und der Bruchdehnung des Betonstahls εuk gemäss Ziffer 6.2.5 berechnet.

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ANHANG A

6.2.12 Die Länge des plastischen Gelenks Lpl kann wie folgt abgeschätzt werden:
Lpl = ast (0,08 ⋅ Lv + 0,022 ⋅ fs ⋅ d bl ) [mm] (15)

ast Stahlqualitätsbeiwert. ast = 0,8 für Bewehrungsstähle mit (ft / fs )k < 1,15 und ast = 1,0 für Bewehrungs-
stähle mit (ft / fs )k ≥ 1,15
Lv Schubspannweite (Lv = M/V) [mm]
fs Fliessgrenze der Längsbewehrung in [N/mm2]
dbl Durchmesser der Längsbewehrung in [mm]

6.2.13 Das maximale Verformungsvermögen θmax eines Bauteils beträgt:


θu (16)
θmax =
γD

θu Sehnenverdrehung beim Versagen gemäss Ziffer 6.2.10


γD Partialfaktor für das Verformungsvermögen: für Stahlbeton γD = 1,3

6.2.14 Falls die Bestimmungen zur konstruktiven Durchbildung von Bauteilen unter Erdbebeneinwirkung gemäss Zif-
fer 5.7 der Norm SIA 262 nicht eingehalten sind, ist das gemäss Ziffer 6.2.13 bestimmte maximale Verfor-
mungsvermögen θmax auf 3·θy zu begrenzen.

6.2.15 Untersuchung der Querkraft beim verformungsbasierten Verfahren

6.2.15.1 Beim verformungsbasierten Verfahren sind die massgebenden Bauteile für eine erhöhte Querkraft Vd+ nachzu-
weisen, um ein frühzeitiges sprödes Querkraftversagen zu vermeiden. Kann dieser Nachweis nicht erbracht
werden, so ist das Bauteil als beschränkt verformungsfähig zu betrachten und das Tragwerk mit dem kräfteba-
sierten Verfahren zu untersuchen.

6.2.15.2 Für Wände beträgt die erhöhte Querkraft Vd+ :

Vd+ = κ ⋅ Vd (17)

κ Vergrösserungsfaktor gemäss Ziffer 4.3.9.4.4 der Norm SIA 262


Vd Bemessungswert der Querkraft. Entspricht hier der Querkraft, die mit der Sehnenverdrehung beim
Versagen auftritt.
6.2.15.3 Stützen und Riegel von Rahmentragwerken sind für eine erhöhte Querkraft Vd+ gemäss Ziffer 4.3.9.5.2 der
Norm SIA 262 zu untersuchen.

6.2.15.4 Der Querkraftwiderstand eines Bauteils wird nach Norm SIA 262 unter Berücksichtigung der Bemessungswerte
der Materialeigenschaften berechnet.

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ANHANG A

7 TRAGFÄHIGKEIT VON MAUERWERK

7.1 Grundsätze

7.1.1 Die Berechnungen für Mauerwerksbauteile sind sowohl parallel als auch senkrecht zur Wandebene zu führen.
Die Beurteilung senkrecht zur Wandebene erfolgt durch die Einhaltung von Grenzschlankheiten gemäss Ziffer
7.4.2.
7.1.2 Das vorliegende Merkblatt gilt für Schubwände aus Mauerwerk. Im Falle von Mischsystemen wird auf die Nor-
menreihe EN 1998 verwiesen.
7.1.3 Das vorliegende Merkblatt gilt für unbewehrtes Mauerwerk. Für bewehrtes Mauerwerk sind die Vorschriften der
Ziffer 6 sinngemäss anzuwenden.
7.1.4 Die Beurteilung nichttragender Mauerwerksteile erfolgt durch die Einhaltung des Grenzwerts für die Schiefstel-
lung gemäss Ziffer 7.5.

7.2 Kräftebasiertes Verfahren

Die rechnerische Beurteilung von Mauerwerk erfolgt in der Regel nach dem kräftebasierten Verfahren.

7.3 Verformungsbasiertes Verfahren

7.3.1 Beim verformungsbasierten Verfahren besteht die Untersuchung der vorhandenen Erdbebensicherheit eines
Bauteils aus dem Vergleich der Auswirkungen (Verformung) infolge normgemässer Erdbebeneinwirkung mit
dem Verformungsvermögen.
Im Mauerwerk werden Stockwerkschiefstellungen verglichen.
7.3.2 Die zu treffenden Annahmen bezüglich Verformungsverhalten und -vermögen sind einem konsistenten Nor-
menwerk zu entnehmen oder durch Versuche, die den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen, zu belegen.
Als konsistentes Normenwerk kommen in Frage:
– Norm SIA 266
– Entwurf Eurocode 8 Teil 3 (prEN 1998-3 insbesondere Anhang C)

7.3.3 Spröde Versagensmechanismen, die die Anwendung des verformungsbasierten Verfahrens nicht erlauben sind
u.a.:
– Festigkeits- oder Stabilitätsversagen durch Biegung aus der Ebene.

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ANHANG A

7.4 Tragwiderstand senkrecht zur Wandebene

7.4.1 Der Tragwiderstand senkrecht zur Wandebene wird normalerweise nicht formal ausgedrückt, sondern die
Wandschlankheit wird mit Grenzwerten verglichen.
7.4.2 Um ein Versagen senkrecht zur Wandebene ausschliessen zu können, muss die Wandschlankheit als Verhält-
nis lichte Höhe h zu Wanddicke t einer unbewehrten Mauerwerkswand kleiner sein als die Werte gemäss
Tabelle 1.
Tabelle 1 Anforderungen an die Wandschlankheit h/t für αmin

Erdbebenzone/Bauwerksklasse
Z 3 / BWK I
Z 1 / BWK I Z 2 / BWK I
Z3 /BWK II
Z 1 / BWK II Z 2 / BWK II
BWK III
Oberstes Stockwerk eines mehrstöckigen Gebäudes ≤18 ≤17 ≤17
Unterstes Stockwerk eines mehrstöckigen Gebäudes ≤20 ≤19 ≤18
Alle übrigen Fälle ≤19 ≤18 ≤17

Ist diese Bedingung nicht erfüllt oder soll ein höherer Erfüllungsfaktor αeff belegt werden, ist die Tragsicherheit
der Wand unter Querbelastung nach Norm SIA 266 zu beurteilen.

Eine alternative Methode ist das "rocking model" der gerissenen Wand gemäss Kapitel 7.8.2 von Pau-
lay/Priestley 1992.

7.4.3 Aussenwände auf denen keine Decken aufliegen, haben bei jedem Stockwerk (Decke) eine Sicherung gegen
Beanspruchungen senkrecht zur Wandebene aufzuweisen.

7.5 Nur vertikal tragendes Mauerwerk

7.5.1 Mauerwerksteile, die als nur vertikal tragend modelliert werden, sollen die erdbebeninduzierten Verformungen
ohne Verlust ihrer Integrität ertragen.
7.5.2 Um ein Versagen von nicht abgefugten Zwischenwänden aus unbewehrtem Mauerwerk in der Ebene aus-
schliessen zu können, ist die Schiefstellung in Wandebene auf 0,5% zu begrenzen.

7.6 Nicht tragendes Mauerwerk

7.6.1 Für nicht tragende Bauteile, die im Falle des Versagens Personen gefährden, das Tragwerk beschädigen oder
den Betrieb wichtiger Anlagen beeinträchtigen können, sind sowohl das nicht tragende Bauteil selbst als auch
dessen Verbindungen und Befestigungen oder Verankerungen zu überprüfen.
7.6.2 Nicht tragende Bauteile sind für Erdbebeneinwirkungen aus der Ebene gemäss Ziffer 16.7 der Norm SIA 261 zu
untersuchen. Zu bestimmen sind dabei die Erdbebeneinwirkung gemäss Gleichung (48) und der vorhandene
Widerstand der Bauteile und deren Verbindungen zum Tragwerk unter Berücksichtigung von Materialeigen-
schaften auf dem Bemessungsniveau. Daraus wird analog zu den tragenden Bauteilen der Erfüllungsfaktor αeff
bestimmt (vgl. Ziffer 9).

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ANHANG A

8 TRAGFÄHIGKEIT VON STAHLBAUTEN UND STAHL-BETON-VERBUND-


BAUTEN

8.1 Kräftebasiertes Verfahren

Die rechnerische Beurteilung von Stahl- und von Stahl-Beton-Verbundbauten erfolgt in der Regel nach dem
kräftebasierten Verfahren.

8.2 Verformungsbasiertes Verfahren

8.2.1 Beim verformungsbasierten Verfahren besteht die Untersuchung der vorhandenen Erdbebensicherheit eines
Bauteils aus dem Vergleich der Auswirkung (Verformung) infolge normgemässer Erdbebeneinwirkung mit dem
Verformungsvermögen gemäss Entwurf Eurocode 8 Teil 3 (prEN 1998-3 Anhang B).
8.2.2 Versagensmechanismen, die die Anwendung des verformungsbasierten Verfahrens nicht erlauben sind u. a.:
– lokales Stabilitätsversagen
– Zugversagen von nicht vorgespannten Schrauben
– Zugversagen von Schrauben der Festigkeitsklassen 4.6 bis 6.8.

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ANHANG A

9 BEURTEILUNG DER ERDBEBENSICHERHEIT UND MASSNAHMEN-


EMPFEHLUNG

9.1 Rechnerische Beurteilung

9.1.1 Für die rechnerische Beurteilung der Erdbebensicherheit bestehender Bauten für das Gefährdungsbild Erdbe-
ben wird der Erfüllungsfaktor αeff mit Schwellenwerten αmin und αadm verglichen. Diese weisen Werte kleiner als
1 auf, da sie folgende Aspekte berücksichtigen:
– Akzeptanz eines höheren Schadensausmasses für bestehende Bauten gegenüber Neubauten infolge der
höheren Massnahmenkosten
– reduzierte Restnutzungsdauer.

9.1.2 Der Erfüllungsfaktor αeff bestimmt sich aus einem Vergleich der normengemässen Auswirkungen mit dem nor-
mengemässen Widerstand bzw. dem normengemässen Verformungsvermögen (Tragfähigkeit bzw.
Gebrauchsverhalten).
Beurteilung der Tragsicherheit
Rd (18)
kraftbasiertes Verfahren: α eff =
Ed

w R ,d (19)
verformungsbasiertes Verfahren: α eff =
wd

Cd
Beurteilung der Gebrauchstauglichkeit: α eff = (20)
w d (0,5 ⋅ Ad )

Für die Beurteilung des vorhandenen Erdbebenwiderstandes wird der ermittelte Erfüllungsfaktor αeff mit den
Reduktionsfaktoren αadm und αmin gemäss Tabelle 2 bzw. Figur 6 verglichen.

αmin beschreibt eine Beschränkung des Individualrisikos und ist damit unabhängig von der Restnutzungsdauer.
αadm grenzt die Bereiche ab, in welchen die Verhältnismässigkeit immer/nicht immer massgebend ist.

9.1.3 Eine rechnerische Beurteilung der Tragsicherheit ist für alle Bauwerksklassen erforderlich.

αeff < α min Massnahmen erforderlich.

α min ≤ α eff < α adm Beurteilung der Verhältnismässigkeit gemäss Kapitel 10.
Massnahmen erforderlich, falls die Verhältnismässigkeit gegeben ist.

α adm ≤ α eff Keine Massnahmen empfohlen, weil in der Regel nicht verhältnismässig.

9.1.4 Eine rechnerische Beurteilung der Gebrauchstauglichkeit ist nur für Bauwerksklasse III erforderlich.

αeff < α min Massnahmen erforderlich.

α min ≤ α eff Falls Massnahmen für die Gewährleistung der Tragsicherheit verhältnismässig sind,
sind auch Massnahmen für die Gewährleistung der Gebrauchstauglichkeit unter
Einbezug objektübergreifender Aspekte zu erwägen.

9.1.4.1 Die Überprüfung der Verhältnismässigkeit einer allfälligen Ertüchtigung des nichttragenden Mauerwerks hat
getrennt von jener für das Tragwerk zu erfolgen.

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ANHANG A

Tabelle 2 Schwellenwerte αmin und αadm

Restnutzungsdauer Bauwerksklasse I und II Bauwerksklasse III


αadm αmin αadm αmin
≥ 80 Jahre 0,83 0,25 0,90 0,40
60 Jahre 0,80 0,25 0,86 0,40
40 Jahre 0,72 0,25 0,79 0,40
20 Jahre 0,58 0,25 0,64 0,40
10 Jahre 0,38 0,25 0,44 0,40

Figur 6 Schwellenwerte αmin und αadm

keine Massnahmen
1.00 empfohlen BWK III
αadm
Erfüllungsfaktor α eff

BWK I und II
Beurteilung der
Verhältnismässigkeit
0.50 BWK III
αmin
BWK I und II
Massnahmen erforderlich
0.00
10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
Restnutzungsdauer [a]

9.2 Konzeptionelle und konstruktive Beurteilung

9.2.1 Eine konzeptionelle und konstruktive Beurteilung ist erforderlich, wenn zwingende Bedingungen von Tabelle 27
der Norm SIA 261 nicht eingehalten sind.
9.2.2 Falls einzelne zwingende Bedingungen nicht eingehalten sind, ist ein verfeinertes Berechnungsmodell zu wäh-
len, welches das dynamische Verhalten des Bauwerks und die Auswirkungen des Nichteinhaltens der konzepti-
onellen und konstruktiven Bedingungen von Tabelle 27 der Norm SIA 261 ausreichend genau berücksichtigt (je
nach Verhältnis z.B. räumliches Tragwerksmodell, Boden-Bauwerks-Interaktion, höhere Eigenschwingungsfor-
men, Flexibilität der Deckenscheiben etc.).
9.2.3 In einfachen Fällen kann ein Erfüllungsfaktor αeff bestimmt werden als Vergleich der Erdbebeneinwirkung AR,
die infolge des betrachteten Mangels zum Versagen von tragenden Bauteilen führt, mit der Erdbebeneinwirkung
Ad nach Ziffer 5.
AR (21)
Konzeptionelle und konstruktive Beurteilung: α eff =
Ad

In komplexeren Fällen erfolgt die Beurteilung qualitativ.

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ANHANG A

9.3 Massnahmenempfehlung

9.3.1 Allgemeines

9.3.1.1 Die Massnahmenempfehlung richtet sich nach den Grundsätzen der Empfehlung SIA 162/5.

Kapitel 5 "Massnahmenempfehlung" der Empfehlung SIA 162/5 ist weitgehend materialunabhängig formuliert,
so dass es für alle Bauweisen angewendet werden kann.

9.3.1.2 Bauliche Massnahmen stehen im Vordergrund und haben das Ziel, die Tragsicherheit und Gebrauchstauglich-
keit auf ein angemessenes Niveau zu erhöhen.
9.3.1.3 Mit betrieblichen Massnahmen kann das Personenrisiko reduziert werden, so dass sich u.a. die Verhältnismäs-
sigkeit von baulichen Massnahmen verändert.
9.3.1.4 Die Verhältnismässigkeit von Massnahmen kann wesentlich verbessert werden, wenn nicht alle Aufwendungen
den sicherheitsbezogenen Investitionskosten SIKM angelastet werden müssen.

9.3.2 Massnahmen zur Erreichung des normengemässen Zustandes

9.3.2.1 Grundsätzlich ist ein normengemässer Zustand für Neubauten nach den Tragwerksnormen SIA 260 bis 266
anzustreben (αint ≥ 1,0).
9.3.2.2 Wenn die Verhältnismässigkeit von Massnahmen zur Erreichung des normengemässen Zustandes gegeben ist,
sind solche zu ergreifen.

9.3.3 Massnahmen zur Annäherung an den normengemässen Zustand

9.3.3.1 Teilmassnahmen sind solche, die den Erfüllungsfaktor αint erhöhen, ohne αint = 1,0 zu erreichen.
9.3.3.2 Bei Teilmassnahmen steht das Beheben von groben konzeptionellen und konstruktiven Mängeln und das An-
heben der kleinsten Erfüllungsfaktoren αeff im Vordergrund.
9.3.3.3 Wenn auf Grund der Verhältnismässigkeit das Erreichen eines normengemässen Zustandes als nicht effizient
betrachtet wird, sind zumindest die am weitesten gehenden Teilmassnahmen, die noch verhältnismässig sind,
zu ergreifen (αint < 1,0).
9.3.3.4 Ist das Individualrisiko nicht akzeptierbar (αeff < αmin), so sind zumutbare Teilmassnahmen zu treffen, um zu-
mindest αint = αmin zu erreichen.
9.3.3.5 Ist das Erreichen eines akzeptierbaren Individualrisikos nicht zumutbar, so ist dieses mit betrieblichen Mass-
nahmen zu beschränken.

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ANHANG A

10 VERHÄLTNISMÄSSIGKEIT UND ZUMUTBARKEIT

10.1 Grundsätze

10.1.1 Die Verhältnismässigkeit wird beurteilt durch die Gegenüberstellung von Kosten und Nutzen einer Erdbebensi-
cherungsmassnahme unter Berücksichtigung der Sicherheitsansprüche des Individuums. Diese werden beur-
teilt in Bezug auf die Akzeptierbarkeit des Individualrisikos.
10.1.2 Für die Bauwerksklasse III fliessen zusätzlich die Ansprüche an die Verfügbarkeit der Bauten und Anlagen in
die Beurteilung ein.
10.1.3 Bei den Kosten werden lediglich die sicherheitsbezogenen Massnahmenkosten erfasst. Beim Nutzen wird ledig-
lich die Reduktion der Personenrisiken in Form von vermiedenen Todesopfern betrachtet. Die Beurteilung er-
folgt durch die Gegenüberstellung von Kosten und Nutzen in Form der so genannten Rettungskosten.

10.2 Personenrisiko

10.2.1 Zur Bestimmung des Personenrisikos werden die in der Schweiz massgebenden Erdbebenszenarien betrach-
tet. Für jedes Szenario wird das Risiko als Produkt seiner Eintretenswahrscheinlichkeit und der Anzahl der
durch das Versagen des betrachteten Bauwerks zu erwartenden Todesfälle bestimmt. Das so genannte kollek-
tive Personenrisiko ergibt sich schliesslich durch Aufsummieren über alle Szenarien.
10.2.2 Vom kollektiven Personenrisiko zu unterscheiden ist das Individualrisiko. Das Individualrisiko entspricht der
Wahrscheinlichkeit in einem bestimmten Bauwerk infolge eines Erdbebens den Tod zu erleiden.

10.3 Akzeptierbarkeit des Individualrisikos

Das Individualrisiko ist akzeptierbar, wenn die Todesfallwahrscheinlichkeit den Wert von 10-5 pro Jahr nicht
übersteigt. Dies ist der Fall, wenn der Nachweis einer genügenden Tragsicherheit für einen mit dem Faktor αmin
multiplizierten Einwirkung erbracht werden kann. Dieser Faktor ist unabhängig von der Restnutzungsdauer.

10.4 Rettungseffizienz von Erdbebensicherungsmassnahmen

10.4.1 Die Rettungseffizienz einer Erdbebensicherungsmassnahme ist über die ihr zugeordneten Rettungskosten RKM
zu beurteilen:
SK M (22)
RK M = [Franken/gerettetes Menschenleben]
∆RM

SKM Sicherheitskosten der Massnahme in [Franken/Jahr] (siehe Ziffer 10.4.2)


∆RM Risikoreduktion [gerettete Menschenleben/Jahr] (siehe Ziffer 10.4.5).

10.4.2 Die Sicherheitskosten SKM errechnen sich zu:

SK M = DF ⋅ SIK M [Franken/Jahr] (23)

DF Diskontierungsfaktor [1/Jahr]
SIKM Sicherheitsbezogene Investitionskosten [Franken] (siehe Ziffer 10.4.4).

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ANHANG A

10.4.3 Der Diskontierungsfaktor DF errechnet sich aus der vorgesehenen Restnutzungsdauer n und dem Diskontzins-
satz i mit:

i (1 + i ) (24)
n
DF = [1/Jahr]
(1 + i )n − 1
i Diskontzinssatz [-]
n Restnutzungsdauer [Anzahl Jahre]

Der Diskontzinssatz i ist mit 2% pro Jahr anzusetzen.


Tabelle 3 enthält entsprechende Werte.

Tabelle 3 Diskontierungsfaktoren DF für i = 2% pro Jahr

Restnutzungsdauer n [Jahre] 5 10 20 30 40 50 60 80 100


Diskontierungsfaktor DF [1/Jahr] 0,212 0,111 0,061 0,045 0,037 0,032 0,029 0,025 0,023

10.4.4 Die sicherheitsbezogenen Investitionskosten SIKM umfassen alle Kosten, die der eigentlichen Erdbebensiche-
rung angelastet werden müssen und nicht auf andere Anforderungen (ohnehin nötige Instandsetzungen und
Veränderungen) abgewälzt werden können.
10.4.5 Die Risikoreduktion ∆RM errechnet sich aus der Differenz des kollektiven Personenrisikos zwischen Ausgangs-
zustand und gedachter Umsetzung von Erdbebensicherungsmassnahmen. Sie kann wie folgt abgeschätzt wer-
den:

∆RM = ∆RF ⋅ PB [gerettete Menschenleben/Jahr] (25)

∆RF Differenz der massgebenden Risikofaktoren [-] (siehe Ziffer 10.4.6)


PB Erwartungswert der Personenbelegung bezogen auf ein Jahr (siehe Ziffer 10.4.7)

10.4.6 In der Figur 7 sind Risikofaktoren RF in Abhängigkeit des massgebenden Erfüllungsfaktors αeff angegeben.
∆RF errechnet sich aus der Differenz des Risikofaktors für den aktuellen Erfüllungsfaktor und desjenigen, der
nach Umsetzung der Erdbebensicherungsmassnahme belegt werden kann.

Figur 7 Risikofaktoren RF zur Berechnung der Risikoreduktion

1.0E-03

1.0E-04
Risikofaktor RF

1.0E-05

1.0E-06

1.0E-07
0.0 0.1 0.2 0.3 0.4 0.5 0.6 0.7 0.8 0.9 1.0 1.1 1.2
Erfüllungsfaktor αeff

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ANHANG A

10.4.7 Der Erwartungswert der Personenbelegung PB im Jahresschnitt kann mit (26) bestimmt werden. Miteinzurech-
nen sind jene Personen, die im Umfeld des Bauwerks durch dessen Versagen gefährdet sind.
1
PB =
8736 ∑B ⋅ h ⋅ d
i
i i i ⋅ wi [Personen/Jahr] (26)

Bi Anzahl Personen einer Belegung i [Personen]


hi Anzahl Stunden pro Tag mit der Belegung i [Stunden/Tag]
di Anzahl Tage pro Woche mit der Belegung i [Tage/Woche]
wi Anzahl Wochen pro Jahr mit der Belegung i [Wochen/Jahr].

10.4.8 Für häufige Fälle gibt Tabelle 4 Richtwerte für spezifische mittlere Personenbelegungen, die mit der entspre-
chenden Gebäudekennzahl zu multiplizieren sind. Für Gebäude mit gemischter Nutzung kann die Personenbe-
legung aus den Einzelnutzungen akkumuliert werden.

Tabelle 4 Richtwerte für spezifische mittlere Personenbelegungen

Gebäudetyp Spezifische mittlere Gebäudekennzahl


Personenbelegung [Einheit]
[Personen/Jahr·Einheit]
Wohnhaus 0,2 – 0,6 Anzahl Zimmer gem. Definition Mietrecht
Schulhaus 1–5 Anzahl Klassenzimmer
Bürogebäude 0,5 – 3 100 m2 Nettogeschossfläche
Versammlungsraum 0,003 – 0,3 Anzahl Sitzplätze
Spital 1,5 – 2,5 Anzahl Betten
Einkaufszentrum 7 – 18 100 m2 Bruttoverkaufsfläche

10.5 Beurteilungskriterien

10.5.1 Eine Erdbebensicherungsmassnahme gilt als verhältnismässig, wenn die Rettungskosten RKM unter 10 Mio.
Franken pro gerettetes Menschenleben liegen.
10.5.2 Eine Erdbebensicherungsmassnahme gilt als zumutbar, wenn die Rettungskosten RKM unter 100 Mio. Franken
pro gerettetes Menschenleben liegen.

10.6 Erweiterungen in der Beurteilung der Personenrisiken

10.6.1 Personenschäden aus Folgeereignissen können abgeschätzt und bei der Ermittlung der Risikoreduktion ∆R
berücksichtigt werden.
10.6.2 In Fällen, in welchen neben den Personenschäden auch die in Geldeinheiten bewertbaren Schäden eine nicht
zu vernachlässigende Dimension annehmen, kann die erweiterte Rettungskostenformel (27) zur Anwendung
kommen:
SK M − ∆RGE
RK M = [Franken/gerettetes Menschenleben] (27)
∆RM

∆RGE Risiken aus in Geldeinheiten bewertbaren Schadenfolgen [Franken/Jahr].

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ANHANG A

ANHANG A BETONBAU (normativ)

Tabelle 5 Betondruckfestigkeit und Schubspannungsgrenze abhängig von der verwendeten Norm

charakteristische
Norm Zementgehalt Werte Bemessungswerte
bewehrt/
Richtlinie Betonsorte (5%-Fraktile)
unbewehrt
SIA fck fcd τcd
[kg/m3]
[N/mm2] [N/mm2] [N/mm2]
... ... ... ...
2621)
(2003) C30/37 30,0 20,0 1,10
... ... ... ...
B20/10 9,6 6,4 0,63
B25/15 13,6 9,1 0,74
B30/20 17,6 11,7 0,84
162 B35/25 21,6 14,4 0,93
(1989) B40/30 25,6 17,1 1,01
B45/35 29,6 19,7 1,09
B50/40 33,6 21,6 1,16
B55/45 37,6 23,3 1,23
150 6,4 4,3 0,51
162/34 BN 200 9,6 6,4 0,62
unbewehrt
(1976) ≥250 12,8 8,5 0,72
und BH ≥250 19,2 12,8 0,88
162 BN 300 12,8 8,5 0,72
(1968)
BH bewehrt ≥300 19,2 12,8 0,88
BS ≥300 24,0 16,0 0,98
150 3,4 2,2 0,37
162 200 5,3 3,5 0,46
normaler Beton
(1956) 250 7,7 5,1 0,55
B.N.
300 10,6 7,0 0,65
und
350 13,4 9,0 0,73
115
(1935) hochwertiger 250 2) 12,0 8,0 0,69
Beton 300 16,3 10,9 0,81
B.H. 350 20,7 13,8 0,91
1)
nur zum Vergleich angegeben
2)
nur in Norm SIA 115 (1935)

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ANHANG A

Tabelle 6 Mechanische Eigenschaften von Betonstahl abhängig von der verwendeten Norm

charakteristische Werte
Stahlsorte Duktili- Mittelwerte Bemessungswerte
Norm (5%-Fraktile)
täts-
SIA fsm ftm fsk ftk εuk fsd εud
Produkt klasse
[N/mm2] [N/mm2] [N/mm2] [N/mm2] [‰] [N/mm2] [‰]
B500A A 545 600 500 525 25 435 20
B500B B 550 710 500 540 50 435 45
2621) 450 520 - 610
(2003) B450C C 75 ≥ 390 65
- 550 635 - 745
Topar-S
C 535 640 500 675 75 435 65
500C
S 235 B 235 360 205
S 500 a B 550 710 500 600 50 435 45
162 S 500 b A 550 500 550 435
(1989) S 500 c B 550 630 500 580 50 435 45
S 500 d A 545 600 500 550 25 435 20
S 550 A 610 640 550 580 480
I B 330 235 360 205
III a B 550 580 450 550 50 390
162 Box-Ultra C 730
(1968) topar C 630
III b A 550 580-630 450 470 390
IV A 530 560 460
I B 235 355 205
440
162 II a B 530 345 410 300
- 530
(1956) Caron-
C 530 680
Stahl
II b B 440 610 345 510 300
normaler 300 360
B 240
112 Stahl - 330 - 450
(1935) hochwer- 400 520
B 500 350
tiger Stahl - 480 - 620
Stahl 52 B 590
1)
nur zum Vergleich angegeben

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ANHANG A

ANHANG B MAUERWERK (normativ)

Tabelle 7 Mauerwerksdruckfestigkeit abhängig von der verwendeten Norm SIA 113 (1965) bis SIA 266 (2003)

Bemessungswerte
Norm Steinfestigkeit
Einsteinmauerwerk Verbandmauerwerk
Empfehlung Mauerwerk
fbk fbm fxd fxd
SIA
[N/mm2] [N/mm2] [N/mm2] [N/mm2]
... ... ... ...
2661)
MB 28,0 3,5 2,98
(2003)
... ... ... ...
MB 28,0 4,00 3,40
MBL 14,0 2,00 1,70
MC 14,0 4,00 3,40
V177
MCL 5,0 1,00 0,85
(1995)
MK 22,0 3,50 2,98
MP 5,0 1,60 1,36
MPL 2,5 0,90 0,77
MBNV ≥ 20,0 2,50 2,00
MBNC ≥ 20,0 3,50 2,50
MBHC ≥ 25,0...35,0 4,00 3,00
MBSC ≥ 40,0 5,50 4,00
177/2 MKNV ≥ 15,0 2,50 2,00
(1992) MKNC ≥ 15,0 3,50 3,00
MKHC ≥ 25,0 4,50 4,00
MCNC ≥ 12,0 3,50 2,50
MGNK ≥ 3,0 0,70 -
MGHK ≥ 5,0 1,20 -
MBNV ≥ 20,0 2,29 2,08
MBNC ≥ 20,0 3,75 2,92
MBHC ≥ 25,0...35,0 5,42 3,54
MBSC ≥ 40,0 8,75 6,46
MKNV ≥ 15,0 2,92 2,50
177 MKHV ≥ 25,0 4,17 3,75
(1980) MKHC ≥ 25,0 5,42 4,58
MKSC ≥ 35,0 6,67 5,63
MCNC ≥ 12,0 3,75 -
MGLK ≥ 2,0 0,58 -
MGNK ≥ 3,0 0,83 -
MGHK ≥ 5,0 1,33 -
MBNV ≥ 15,0 2,29 2,08
MBHV ≥ 25,0...35,0 3,54 2,92
MBHC ≥ 25,0...35,0 5,21 3,54
MBSC ≥ 40,0 8,75 6,46
MKNV ≥ 15,0 2,29 1,92
113 MKHV ≥ 25,0 2,71 2,29
(1965) MKHC ≥ 25,0 5,00 4,17
MKTC ≥ 35,0 6,67 5,63
MZV - 1,58 -
MZC - 3,33 -
MZLV - 0,83 -
MGV - 0,83 -
1)
nur zum Vergleich angegeben

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ANHANG A

Tabelle 8 Mauerwerksdruckfestigkeit nach Norm SIA 113 (1943)

Bemessungswerte
Steinfestigkeit
Einsteinmauerwerk
Norm
Mauerwerk Mörteltyp fbm fxd
SIA
[N/mm2] [N/mm2]
Normal Hochwertig Normal Hochwertig
Backsteine: Portlandzementmörtel 3,50 5,50
gelocht, Nor- Verlängerter P.C. 22,0 35,0 2,25 3,25
malformate Hydr. Kalkmörtel 1,50 2,00
Kalksandstei- Portlandzementmörtel 3,50 5,50
ne: voll mit Verlängerter P.C. 2,25 3,25
16,0 25,0
flachen Mul-
Hydr. Kalkmörtel 1,50 2,00
den
Portlandzementmörtel 1,50
Backsteine:
Verlängerter P.C. - 1,00
113 Grossformate
Hydr. Kalkmörtel 0,50
(1943)
Portlandzementmörtel 4,00
Zementsteine:
Verlängerter P.C. 22,0 2,50
gelocht
Hydr. Kalkmörtel 1,75
Portlandzementmörtel 5,00
Zementsteine:
Verlängerter P.C. 25,0 3,00
voll
Hydr. Kalkmörtel 2,00
Portlandzementmörtel 7,50
Tunnelsteine Verlängerter P.C. 35,0 5,00
Hydr. Kalkmörtel -

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ANHANG A

ANHANG C STAHLBAU (normativ)

Tabelle 9 Bezeichnungen der Baustähle abhängig von der verwendeten Norm

Norm
Norm Norm Norm Norm Norm Norm
SIA 161
SIA 263 SIA 161/1 SIA 161 SIA 161 SIA 161 SIA 112
SIA 161/1
(2003) (1994) (1979) (1974) (1956) (1935)
(1990)
Flussstahl, Flussstahl,
S 235 S235 Fe E 235 Fe 360 St 24/37
Stahlguss Stahlguss
S 275 S275 Fe E 275 Fe 430 -
S 355 S355 Fe E 355 Fe 510 St 36/52
S 460 S460 Fe E 460 Fe E 460 -

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ANHANG A

ANHANG D PRIORITÄTENSETZUNG (informativ)

Allgemeines

Der weitaus grösste Teil der Bauwerke in der Schweiz ist im Rahmen früherer Normengenerationen gebaut worden – der
grösste Teil wiederum ohne jegliche spezifische Erdbebenvorkehrungen. Der Aufwand für die Überprüfung eines Bau-
werks gemäss dem vorliegenden Merkblatt ist nicht unerheblich – bereits ohne Aufwendungen für die Planung und Um-
setzung einer Ertüchtigungsmassnahme.

Überprüfung

Bedingt durch den grossen Umfang wird sich deshalb eine Überprüfung des bestehenden Gebäudebestandes über ei-
nen ausgedehnten Zeitraum hinziehen. Eine Verbesserung der Risikosituation ergibt sich aber erst, wenn die als unge-
nügend beurteilten Bauwerke in Stand gesetzt worden sind. Aus einer volkswirtschaftlichen Perspektive müssen die
vorhandenen Mittel schwergewichtig für Ertüchtigungsmassnahmen gefährdeter Bauwerke eingesetzt werden und nur
sekundär für die Überprüfung des Gesamtbestandes.
Es ist daher sinnvoll und – im Sinne einer Prioritätensetzung - unabdingbar, die kritischsten Bauwerke aus der Masse
herauszufiltern. Verschiedene Kriterien bieten sich dazu an und werden verschiedentlich bereits eingesetzt:
ƒ Priorisierung der Bauwerke, die der Bauwerkslassen II und III angehören und die in den Gefährdungszonen 2 und 3
liegen.
ƒ Priorisierung der Bauwerke, die auch aus anderen Gründen zur Instandsetzung anstehen.
ƒ Anwendung von gröberen Beurteilungsverfahren, die in wenigen Stunden zu einer ersten Beurteilung führen (siehe
Ziffer 0.2.3)
ƒ Identifikation anhand eines Typenkatalogs von überdurchschnittlich schlecht ausgebildeten Bauten. Die Erfahrungen
aus der Anwendung des vorliegenden Merkblatts können gezielt gesammelt und in einen Typenkatalog von gefähr-
deten Gebäudetypen umgelegt werden.

Ertüchtigung

Um die vorhandenen Mittel aus volkswirtschaftlicher Sicht effizient zu nutzen, sind auch bei der Umsetzung von Ertüchti-
gungsmassnahmen Überlegungen zur Prioritätensetzung angebracht. So ist es sinnvoll, die Massnahmen am Tragwerk
mit einer anstehenden Instandsetzung zu bündeln. Die beträchtlichen betrieblichen Folgekosten bei einer Tragwerksan-
passung müssen dann nicht einzig der Erdbebenertüchtigung angelastet werden.

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ANHANG A

SIA 2018, Copyright © 2004 by SIA Zurich 39


ANHANG A

Arbeitsgruppe SIA 261-1 Erdbeben bei bestehenden Bauwerken

Vorsitz Prof. Thomas Vogel, dipl. Ing. ETH, Zürich ETH Zürich
Mitglieder Thierry Berset, dipl. Ing. ETH, Freiburg Kant. Gebäudeversicherung
Prof. Dr. Alessandro Dazio, dipl. Ing. ETH, Zürich ETH Zürich
Blaise Duvernay, dipl. Ing. ETH, Biel Bundesamt für Wasser und Geologie
Ehrfried Kölz, dipl. Ing. ETH, Gipf-Oberfrick Projektierung
Dr. Pierino Lestuzzi, dipl. Ing. ETH, Lausanne EPF Lausanne
Dr. Rudolf Vogt, dipl. Ing. ETH, Zürich Projektierung
Dr. Thomas Wenk, dipl. Ing. ETH, Zürich Projektierung
Protokoll Reto Bargähr, dipl. Ing. ETH, Zürich ETH Zürich
______________________________________________________________________________________________

Genehmigung und Inkrafttreten


Die Zentralkommission für Normen und Ordnungen (ZNO) des SIA hat das vorliegende Merkblatt SIA 2018, Überprüfung
bestehender Gebäude bezüglich Erdbeben, am 26. August 2004 genehmigt.

Es tritt am 1. November 2004 in Kraft.

Es ersetzt bezüglich Erdbeben die Ziffern 4 3, 5 31 und 5 32 der Richtlinie SIA 462 Beurteilung der Tragsicherheit beste-
hender Bauwerke, Ausgabe 1994.

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ANHANG B

Verhältnismässigkeit und Zumutbarkeit

Ehrfried Kölz, Risk&Safety AG, Gipf-Oberfrick


Blaise Duvernay, Bundesamt für Wasser und Geologie BWG, Biel

1 EINFÜHRUNG – Was sollten wir tun?


– Können wir uns das leisten?
Im Merkblatt SIA 2018 erfolgt die Überprüfung von
Gebäuden in Bezug auf Erdbeben auf der Basis eines Die erste Frage spricht die Palette der zur Verfü-
risikoorientierten Ansatzes. Verhältnismässigkeit und gung stehenden baulichen, technischen und organisa-
Zumutbarkeit im Kontext von Risikoreduktion und torischen Massnahmen an. Die zweite bezieht sich auf
Massnahmenkosten sind zentrale Begriffe dieses An- die gesellschaftliche Forderung nach Sicherheit und
ganz allgemein nach der Akzeptanz von Risiken oder
satzes. Die Erkenntnis, dass bestehende Bauwerke
der Akzeptanz eines ganz bestimmten Risikos. Die
mit anderen Massstäben zu messen sind, als jene, die
dritte betrifft die Verfügbarkeit der notwendigen Mittel,
heute für Neubauten anzuwenden sind, ist die Voraus- um die Massnahmen umsetzen zu können.
setzung dafür.
Schneider (2000) brachte die Konstellation wie folgt
Im vorliegenden Beitrag werden die Grundlagen
auf den Punkt: “Safety – A Matter of Risk, Cost and
zum Verständnis des risikoorientierten Ansatzes gege-
Consensus”.
ben. Seine Umsetzung mit Hilfe des Merkblatts wird
erläutert und an Beispielen diskutiert.
2.2 Risiko-bestimmende Faktoren
2 RISIKO AUS ERDBEBEN Das Risiko aus Erdbeben wird dominiert durch das
mögliche Versagen von Bauwerken und den damit ver-
2.1 Risiko bundenen unerwünschten Konsequenzen. Folgende
Faktoren spielen dabei eine wichtige Rolle:
Nach Kaplan und Garrick (1981) ist der Begriff Risiko
mit drei fundamentalen Fragen verknüpft: – Erdbebengefährdung und Standortgefährdung
– Was kann passieren? – Verletzbarkeit der Bauwerke
– Wie wahrscheinlich/häufig ist das? – Werte und Schadenfolgen.
– Was sind die Folgen? Abbildung 1 gibt diesbezüglich einen Überblick.

Die erste Frage führt zum Denken in Gefährdungs- 2.3 Erdbebengefährdung


bildern. Die zweite betrifft die Wahrscheinlichkeit oder
Häufigkeit mit der das Gefährdungsbild eintritt. Die Die Erdbebengefährdung wird generell charakterisiert
dritte zielt auf die unerwünschten Konsequenzen, die durch Grössen, welche die Wirkung von Erdbeben be-
aus dem Gefährdungsbild resultieren. schreiben. Unter diesen Grössen sind historisch von
In seiner quantifizierten Form wird Risiko R im all- grosser Bedeutung die sogenannten makroseismi-
gemeinen als Produkt der Eintretenswahrscheinlich- schen Intensitäten, welche direkt die Schadenwirkung
keit W oder Eintretenshäufigkeit H und der mit einem aber auch die wahrgenommene Wirkung von Erdbe-
bestimmten Ausmass A bewerteten Schadenfolgen ben umfassen. In Mitteleuropa ist die sogenannte Eu-
dargestellt: ropean Macroseismic Scale EMS (1998) gebräuchlich.
R = W ⋅ A bzw. R = H ⋅ A (1) Für die ingenieurmässige Anwendung sind die spek-
tralen Werte der Beschleunigung, Geschwindigkeit
Um Prioritäten für die Risikominderung bei beste-
und Verschiebung wichtig.
henden Bauwerken ableiten zu können, sind drei wei-
tere Fragen hinzuzufügen: Zur Charakterisierung der Erdbebengefährdung
werden diese Grössen mit Wahrscheinlichkeiten ver-
– Was können wir tun?
knüpft. Eine besondere Rolle spielt die Überschrei-
ANHANG B
Verhältnismässigkeit und Zumutbarkeit

Mittlere regionale Verletzbarkeit


Erdbebengefährdung Standortgefährdung
des Bauwerks
Sachwerte

Immaterielle Werte Sachenrisiko


Versagen des Bauwerks
Belegung

Funktion
Risiko aus Verlust Individualrisiko
immaterieller Werte

Risiko aus Kollektivrisiko


Personenrisiko
Funktionsausfall

Abb. 1: Risiko aus Erdbeben in Zusammenhang mit dem möglichen Bauwerksversagen

tungswahrscheinlichkeit. Sie gibt an, mit welcher ode der Bodenbewegungen in den für das betrachtete
Wahrscheinlichkeit eine bestimmte Grösse, z.B. eine Bauwerk kritischen Bereich verschoben wird. Ein Bei-
Beschleunigung, überschritten wird. Die auf ein Jahr spiel findet sich in der Abbildung 2 (Auschnitt der pro-
bezogene Überschreitungswahrscheinlichkeit ist der visorischen seismischen spektralen Mikrozonierung
Kehrwert der Wiederkehrperiode. Die Wiederkehrperi- der Region Brig mit elastischen Antwortspektren;
ode ist jenes Zeitintervall, dass im Mittel zwischen dem CREALP/Résonance/Tissières 2001, unveröffentlicht).
Auftreten zweier Erdbeben, z.B. mit bestimmter Inten-
sität oder mit bestimmter Bodenbeschleunigung, ver-
streicht.
Die Abschätzung der Wiederkehrperioden von Erd-
beben stützt sich im wesentlichen auf die möglichst
lückenlose Erfassung, Interpretation und Einordnung
historischer Erdbebenereignisse. Historische Ereignis-
se sind oft nur vage erfasst und bestenfalls mit Hilfe
makroseismischer Intensitäten charakterisiert. Um
Aussagen über die Überschreitungswahrscheinlich-
keit, z.B. der Bodenbeschleunigungen, machen zu
können, muss das Wissen über historische Beben ver-
knüpft werden mit dem Wissen über die seismologi- .
schen und geotektonischen Verhältnisse und dem Abb. 2: Standortgefährdung am Beispiel Brig
Wissen aus den Aufzeichnungen des Erdbebenmess-
netzes in der Schweiz. Man muss sich allerdings im- 2.5 Verletzbarkeit von Bauwerken
mer bewusst machen, dass der Beobachtungszeit-
raum für Erdbeben in der gleichen Grössenordnung Die Verletzbarkeit beschreibt den Zusammenhang zwi-
liegt, wie die Wiederkehrperioden der erwarteten schen der Schwere von Erdbeben und der Wahr-
schweren Erdbeben in der Schweiz. scheinlichkeit, dass ein Bauwerk bei einem Erdbeben
bestimmter Schwere einen Schaden nimmt. Diese
2.4 Standortgefährdung Wahrscheinlichkeit hängt ab von:
– dem Tragwerkskonzept
Die Wirkung eines Erdbebens ist massgeblich von den
hydrogeologischen, den geologischen, den geotechni- – dem Bemessungskonzept
schen sowie den topographischen Verhältnissen am – der konstruktiven Durchbildung.
Standort abhängig. In diesem Zusammenhang wird Zur Beschreibung der Verletzbarkeit werden Grös-
von Standortgefährdung oder Mikrozonierung gespro- sen der Erdbebenwirkung mit Grössen des Schadens
chen. Bei Bauwerken liegt die schadenverstärkende am Bauwerk verknüpft. So stellt die EMS einen Zu-
Wirkung hauptsächlich darin, dass die einwirkenden sammenhang her zwischen der Intensität von Erdbe-
Bodenbeschleunigungen erhöht werden und die Peri- ben und dem Schadengrad, welchen ein Bauwerk, das
ANHANG B
Verhältnismässigkeit und Zumutbarkeit

einer bestimmten Verletzbarkeitsklasse zugeordnet ist, HAZUS / Mauerwerk, steifen Decken


erleidet. In der EMS sind sechs Verletzbarkeitsklassen > 3 Stockwerke, pre-code

A bis F definiert. A steht für die grösste Verletzbarkeit. 100%


SG leicht
90%
Ein Bauwerkstyp wird schliesslich charakterisiert, in-

P(SG mindestens sgi)


80%

dem ihm wahrscheinliche Verletzbarkeitsklassen zuge- 70%


60%
SG mittel

ordnet werden. Tabelle 1 zeigt diese Zuordnung für 50%


SG schwer
verschiedene Bauwerkstypen. Dargestellt werden je- 40%
30%
weils die Spannweite der wahrscheinlichen Zuordnun- 20%
10% SG total
gen sowie die wahrscheinlichste Zuordnung (fett 0%
gedruckt). 0 100 200 300
Spectral displacement Sd [mm]

EMS Abb. 4: Bsp. HAZUS-Verletzbarkeitskurve


Bauwerkstyp
Verletzbarkeitsklasse
Mauerwerk aus Erfahrungen über das Bauwerksverhalten in ver-
mit Holzbalkendecken A B C gangenen Erdbeben. Dieses Wissen ist robust aber in
mit Stahlbetondecken B C D Bezug auf den Einzelfall grob. Deshalb ist es ratsam in
Tragwerke mit Stahlbetonrahmen
Abhängigkeit des Anspruchs, dieses Wissen mit der
ohne Erdbebenbemessung A C D
Hilfe von modernen jedoch aufwändigen Erdbebenin-
Bemessung auf moderate Erdbeben B D E
genieurmethoden, die das Erdbebenverhalten von
Bemessung auf starke Erdbeben C E F
Tragwerke mit Stahlbetonwänden
Bauwerken genauer erfassen, zu ergänzen.
ohne Erdbebenbemessung B C D
Bemessung auf moderate Erdbeben C D E 2.6 Schadenfolgen
Bemessung auf starke Erdbeben D E F
Beim Versagen von Bauwerken sind massgeblich die
Stahlbauten D E F
nachfolgenden Schadenfolgen zu beachten:
Holzbauten C D E
– Personenschaden
Tabelle 1: Zuordnung der EMS-Verletzbarkeitsklassen
– Sachschaden
Die EMS unterscheidet im Weiteren fünf Schaden- – Funktionsausfall
grade. Die Schadengrade reichen von leichten Schä- – Schäden an immateriellen Werten.
den (Schadengrad 1) bis hin zum Teileinsturz resp. Der Personenschaden entsteht bei einem Erdbe-
Einsturz (Schadengrad 5). Sogenannte Verletzbar- ben direkt durch die Wirkung einstürzender Bauteile,
keitskurven geben den Zusammenhang zwischen Ver- umstürzender Anlagen und Einrichtungen, indirekt
letzbarkeit, Intensität und Schadengrad wieder. Ein durch Folgebrände und weitere Folgeereignisse, durch
Beispiel hierfür findet sich in Abbildung 3. verspätete oder fehlgeschlagene Rettung Einge-
schlossener sowie durch mangelhafte Versorgung
EMS98: Verletzbarkeitsklasse B Überlebender. Das Ausmass an Personenschäden
100% lässt sich über die Anzahl der Verletzten und Getöte-
Schadengrad 1
90%
(leicht) ten erfassen. Darüber hinaus entstehen in Geldeinhei-
P[SG = mindestens sgi]

80%
70%
Schadengrad 2 ten bewertbare Schäden die aus Tod, Invalidität oder
(mittel)
60% Verletzung folgen.
50% Schadengrad 3

40%
(schwer) Der Sachschaden entsteht ebenfalls durch die di-
30% Schadengrad 4 rekte mechanische Einwirkung als auch durch Folge-
(sehr schwer)
20% ereignisse. Der Sachschaden bemisst sich am Wert
10% Schadengrad 5
0%
(Einsturz) der untergegangenen Sache. Aus der Sicht der Ge-
VI VII VIII IX X bäudeversicherung ist der Wert eines Gebäudes ein
EMS Intensität
Zeitwert. Das Gebäudeschadenrisiko liegt in der
Abb. 3: Bsp. EMS-Verletzbarkeitskurve (Pellissier, 2003) Schweiz nach Abschätzungen von Versicherungen in
der Grössenordnung einiger weniger 10-Rappen pro
Solche Verletzbarkeitskurven können jedoch auch 1’000 Franken Gebäudewert.
in Abhängigkeit der Bodenbeschleunigung oder der Schäden am Bauwerk können zur Beeinträchtigung
Bodenverschiebung an Stelle der Intensität konstruiert seiner Funktion bis hin zum Funktionsausfall führen.
werden (siehe Abbildung 4). Aus einem Funktionsausfall entstehen Folgeschäden.
Die intensitätsbasierte Beschreibung der Verletz- Besonders weitreichend sind diese Folgeschäden in
barkeit basiert auf einem verallgemeinerten Wissen Zusammenhang mit dem Versagen von Bauwerken,
ANHANG B
Verhältnismässigkeit und Zumutbarkeit

die nach SIA 261 der Bauwerksklasse III zuzuordnen Mittlere Todesfallwahrscheinlichkeit
sind. Diese Schäden sind schwierig zu quantifizieren, pro Jahr und pro 100’000 Personen
weil sie sowohl räumlich als auch zeitlich schwer fass- Altersabhängige Sterblichkeit
110 25 jähriger Mensch
bar sind.
100 35 jähriger Mensch
Zu den Schäden an immateriellen Werten zu zäh-
300 45 jähriger Mensch
len sind neben den Personenschäden unter anderen
800 55 jähriger Mensch
die Schäden an Kulturgütern oder an der Umwelt. Ein 2’000 65 jähriger Mensch
weiteres Beispiel eines immateriellen Schadens ist der 5’000 75 jähriger Mensch
Imageschaden. Solche immateriellen Schäden sind Zusätzliche arbeitsbedingte Sterblichkeit
nicht ersetzbar. Die monetäre Bewertung solcher 100 Holzfällerarbeit
Schäden ist meist schwierig. 90 Forstarbeit
50 Bauarbeiter
2.7 Beschränkung 15 Chemische Industrie
10 Maschinenindustrie
Im Merkblatt wird die Verhältnismässigkeit in Zusam- 5 Büroarbeit
menhang mit Gebäuden betrachtet. Des weiteren ste- Zusätzliche Sterblichkeit aus Lebensstil
hen in der Beurteilung der Verhältnismässigkeit die 400 Rauchen, 20 Zig./Tag
Personenrisiken im Vordergrund. Man muss sich je- 300 Trinken, 1 Flasche/Tag
doch stets vor Augen halten, dass Erdbeben viel- 150 Motorradfahren
schichtige, räumlich und zeitlich sehr weitreichende 20 Autofahren (20-24 jährig)
Folgen nach sich ziehen. 10 Fussgänger
In Bezug auf die besonders bedeutsamen Gebäu- 10 Haushalt
10 Autofahren 10,000 km/Jahr
de der Bauwerksklasse III und abgeschwächt auch in
5 Bergwandern
Bezug auf jene der Bauwerksklasse II wird diesem
3 Autobahn 10,000 km/Jahr
Umstand Rechnung getragen, indem die Bedeutungs-
1 Flugzeugunglück (pro Flug)
faktoren wie bei den Neubauten zu berücksichtigen 1 Zugfahren 10,000 km/Jahr
sind. 0,5 Brand in Gebäude
0,1 Blitzschlag
3 PERSONENRISIKO
Tabelle 2: Beispiele von Todesfallwahrscheinlichkeiten
(Schneider, 1996)
3.1 Individualrisiko und Kollektivrisiko

Im Personenrisiko wird das Individualrisiko vom Kol- sten die Verhältnismässigkeit von Massnahmen beur-
lektivrisiko unterschieden. teilen zu können.
Im Merkblatt SIA 2018 wird in Zusammenhang mit
3.2 Risikofaktoren
der Akzeptanz des Individualrisikos das minimal erfor-
derliche Sicherheitsniveau definiert. Das Individualrisi- In der Figur 7 des Merkblatts ist der Risikofaktor als
ko gibt die mittlere Wahrscheinlichkeit an, mit der eine Funktion des Erfüllungsfaktors dargestellt. Der Risiko-
einzelne Person in einem Gebäude durch ein Erdbe- faktor wird benötigt, um die Personenrisiken abzu-
ben den Tod findet (Todesfallwahrscheinlichkeit). Wie schätzen. Der Risikofaktor entspricht praktisch dem In-
bereits in Vogel (2005) dargelegt, wird bei der Ab- dividualrisiko einer Person, die sich während eines
schätzung des Individualrisikos von einer Person aus- Jahres in einem Gebäude aufhält. Damit ein Zusam-
gegangen, die sich rund um die Uhr im zu untersu- menhang hergestellt werden kann zwischen Risikofak-
chenden Gebäude aufhält. Damit wird das toren und Erfüllungsfaktoren, müssen diese abge-
Individualrisiko direkt mit der Tragsicherheit des Ge- schätzt bzw. berechnet werden.
bäudes gekoppelt. Auf der Grundlage der EMS lässt sich der Risiko-
Die Todesfallwahrscheinlichkeit wird im Merkblatt faktor wie folgt abschätzen:
wie auch sonst üblich auf den Zeitraum eines Jahres X 5
bezogen. Tabelle 2 enthält einige Beispiele. Zu beach- ⎛ ⎞
∑ ∑P
*
RF = P ( I EMS ) ⋅ ⎜ SG (VK, I EMS) ⋅ P (I EMS, SG)⎟ (2)
ten ist, dass es sich dabei um Durchschnittswerte han- ⎝ ⎠
I EMS = VI SG = 4
delt.
Im Kollektivrisiko wird die Anzahl der Personen, P ( I EMS ) ist die auf ein Jahr bezogene Wahrschein-
welche sich in einem Gebäude aufhalten und deren lichkeit des Eintretens eines Erdbebens einer be-
Aufenthaltsdauer berücksichtigt. Das Kollektivrisiko stimmten EMS Intensität an einem bestimmten Ort. Im
wird benötigt, um mit den sogenannten Rettungsko- Kontext der SIA Normen wurden solche Eintretens-
ANHANG B
Verhältnismässigkeit und Zumutbarkeit

wahrscheinlichkeiten für die vier Erdbebenzonen 1, 2, Sind die Risiken abgeschätzt und die Risikofakto-
3a und 3b definiert. Die Wiederkehrperioden verschie- ren für bestimmte Verletzbarkeitsklassen festgelegt,
dener EMS Intensitäten sind in der Tabelle 3 enthalten. müssen den Verletzbarkeitsklassen Erfüllungsfakto-
Die Eintretenswahrscheinlichkeiten werden mit Hilfe ren zugeordnet werden. Diese Zuordnung ist mit er-
der Wiederkehrperioden berechnet als Differenz der heblichen Unschärfen verbunden. Zunächst liegen mit
Überschreitungswahrscheinlichkeiten der betrachteten der neuen Normengeneration SIA 260 ff. noch keine
Intensitätsstufe und der nächst höheren Intensitätsstu- umfassenden Erfahrungen vor. Hinzu kommt, dass
fe. sich mit dem im Merkblatt zur Verfügung gestellten
verformungsbasierten Verfahren neue Möglichkeiten
Intensität EGA Wiederkehrperiode [Jahre] öffnen. Mit diesem Verfahren lassen sich grundsätzlich
[m/s2] Zone 1 Zone 2 Zone 3a Zone 3b grössere Erfüllungsfaktoren ermitteln, als mit den kon-
VI 0,4 260 110 70 50 ventionellen Methoden.
VII 0,8 1'100 400 240 160 Mit einigen Probeanwendungen konnten hier wert-
VIII 1,5 4'700 1'300 700 420
volle Aufschlüsse erzielt werden. Jedoch haben schon
IX 2,6 20'000 6'000 2'400 1'000
die Probeanwendungen demonstriert, dass in der An-
X 4,0 60'000 28'000 10'000 4'600
wendung in der Praxis mit erheblichen Streuungen in
Tabelle 3: Wiederkehrperioden von Erdbeben Bezug auf die erzielbaren Erfüllungsfaktoren zu rech-
nen ist. Zusätzlich wurde mit Hilfe sogenannter Base
P SG ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Gebäude, Shear Koeffizienten eine Beziehung zwischen nach-
welches einer bestimmten Verletzbarkeitsklasse zuge- weisbarer Beschleunigung und damit mit dem erziel-
ordnet ist, bei einem Erdbeben der Intensität I EMS ei- baren Erfüllungsfaktor und den Verletzbarkeitsklassen
nen Schaden eines bestimmten Grades erleidet. Da- der EMS hergestellt. Schliesslich wurde mit Hilfe der
bei werden nur die Schadengrade 4 (sehr schwerer über den gesamten Gebäudebestand integrierten Risi-
Schaden) und 5 (Einsturz oder Beinahe-Einsturz) be- ken und in Bezug auf den Investitionsbedarf die Risi-
trachtet, weil vor allem diese beiden Schadengrade kofaktor-Erfüllungsfaktor-Beziehung weiter abgestützt.
und der daraus folgende Personenschaden mit dem
*
Tragwerksversagen verbunden sind. P ist die beding-
te mittlere Wahrscheinlichkeit bei einem Erdbeben der 1.0E-03

Intensität I EMS , die beim Gebäude einen Schadengrad


SG bewirkt, den Tod zu finden. Beim Schadengrad 4
* 1.0E-04
wurden für P Werte zwischen 1% und 6% für Intensi-
tät VI bis hin zu Werten zwischen 2% und 12% bei In-
Risikofaktor RF

tensität X angenommen. Für Schadengrad 5 wurden


1.0E-05
Werte zwischen 10% und 30% (VI) bis hin zu Werten
zwischen 20% und 60% (X) angenommen.

1.0E-06
VK Zone 1 Zone 2 Zone 3a Zone 3b
A 2,00 6,00 4,00 20,00 8,00 30,00 10,00 50,00
B 0,40 2,00 1,00 5,00 3,00 10,00 5,00 20,00
C 0,10 0,50 0,30 2,00 0,70 3,00 1,00 6,00 1.0E-07

D 0,02 0,10 0,07 0,40 0,20 0,90 0,30 2,00


0.0 0.1 0.2 0.3 0.4 0.5 0.6
AEF
0.70.8 0.9 1.0 1.1 1.2
Erfüllungsfaktor αeff
eff
E 0,01 0,03 0,01 0,08 0,04 0,20 0,07 0,40
F 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,01 0,00 0,01
Abb. 5: Risikofaktor-Erfüllungsfaktor-Beziehung
Tabelle 4: Spannen von Individualrisken (1 zu 100'000 und
pro Jahr) in Bezug auf Verletzbarkeitsklassen VK
Die Arbeitsgruppe SIA 261-1 hat schliesslich die in
Abbildung 5 dargestellte Figur ins Merkblatt übernom-
Tabelle 4 zeigt Spannweiten der abgeschätzten In- men. Deren Stützwerte finden sich nachfolgend.
dividualrisiken in Abhängigkeit von Verletzbarkeitsklas-
se und der Erdbebenzone.

α eff 0,04 0,07 0,12 0,19 0,25 0,31 0,38 0,44 0,5 0,57 0,63 0,7 0,76 0,82 0,89 0,95 1,01 1,08 1,14
RF 60,00 14,71 3,44 1,56 1,00 0,72 0,53 0,41 0,32 0,26 0,21 0,17 0,13 0,11 0,09 0,07 0,05 0,04 0,02
Tabelle 5: Stützwerte der Figur 7 des Merkblatts
ANHANG B
Verhältnismässigkeit und Zumutbarkeit

4 RETTUNGSKOSTEN lange dies zumutbar ist. Darüber hinausgehend sind


Massnahmen zu ergreifen, wenn sie verhältnismässig
Das zentrale Kriterium in der Beurteilung der Verhält-
sind. Die baulichen Massnahmen müssen robust sein.
nismässigkeit sind die sogenannten Rettungskosten.
Sie müssen die Tragsicherheit zuverlässig und we-
Mit den Rettungskosten wird die Effizienz von Mass-
sentlich verbessern, damit die für sie aufgewendeten
nahmen beurteilt. Die Rettungskosten RK M lassen
Mittel gerechtfertigt sind.
sich aus dem Quotienten der zu einer Massnahme ge-
Wenn es keine verhältnismässigen baulichen
hörenden Sicherheitskosten SK M und der durch die
Massnahmen gibt, kann das Risiko auch durch eine
Massnahme erzielbaren Risikoreduktion ∆R M ermit-
Änderung der Nutzung vermindert werden. So kann
teln ( ∆R M ist dabei die Differenz zwischen dem Kollek-
z.B. die Personenbelegung zurückgenommen und da-
tivrisiko im Ausgangszustand und jenem, das sich
mit das Kollektivrisiko reduziert werden.
nach der Umsetzung der betrachteten Sicherheits-
Wenn es keine zumutbaren Massnahmen gibt, um
massnahme ergeben würde):
zumindest α min zu erreichen, so muss dieses Risiko
SK M bewusst akzeptiert werden.
RK M = ----------
- (3)
∆ RM
Die Einheit der Rettungskosten beträgt [Franken 4.2 Sicherheitskosten
pro gerettetes Menschenleben]. Jeder vermiedene To- Die Sicherheitskosten SK M , die in der Gleichung
desfall bedeutet ein gerettetes Menschenleben. In der (3) oberhalb des Bruchstrichs stehen, sind zu berech-
Tabelle 6 sind einige Beispiele von Rettungskosten nen als Produkt des Diskontierungsfaktors DF und
aufgeführt. der Sicherheitsbezogenen Investitionskosten SIK M
SK M = DF ⋅ SIK M (4)
Rettungskosten
Millionen Franken pro gerettetes Menschenleben Die Sicherheitsbezogenen Investitionskosten SIK M
0,1 Sicherheitgurte in Autos umfassen grundsätzlich alle Kosten, die zur Erhöhung
0,5 Tragwerke
der Erdbebensicherheit eines Bauwerks eingesetzt
1,0
werden. Damit umfassen sie die rein baulichen Kosten
2,0
der Sicherungsmassnahme, die Kosten für die Ab-
5,0 S-Bahn Zürich
10,0 Erdbebennorm SIA 1989
schlussarbeiten (Belag wiederherstellen, Verputz von
100,0 Wänden, Verkleidungen, Malerarbeiten usw.) und die
bis Asbest-Sanierung Schulen Honorare. Theoretisch wären auch die Kosten für die
1000,0
eingeschränkte Nutzung und der Beitrag des Bauher-
Tabelle 6: Rettungskosten (Schneider, 1996) ren zu quantifizieren und zu berücksichtigen. Damit ist
auch klar unter welchen Umständen die Verhältnis-
Damit die Rettungskosten berechnet werden kön- mässigkeit einer Erdbebensicherung wesentlich ver-
nen, müssen: bessert wird, nämlich in Zusammenhang mit einem
– die möglichen Massnahmen ermittelt werden Umbau oder einer Instandsetzung eines Gebäudes.
– die ihnen anzulastenden Sicherheitskosten abge- Es ist unbedingt erforderlich, schon früh in der Pla-
schätzt werden nung solcher Arbeiten Ingenieure beizuziehen.
– die durch sie bewirkte Risikoreduktion abgeschätzt Da die Risikoreduktion auf den Zeitraum eines Jah-
werden. res bezogen abgeschätzt wird, müssen auch die
Massnahmenkosten auf ein Jahr bezogen werden.
4.1 Massnahmen Aus diesem Grund sind die sicherheitsbezogenen In-
vestitionskosten mit dem Diskontierungsfaktor zu mul-
Folgende Massnahmen stehen zur Verfügung im Um- tiplizieren. Im Diskontierungsfaktor DF wird die vor-
gang mit den Risiken aus Erdbeben aussichtliche Restnutzungsdauer n und auch ein
– Erdbebensicherung Diskontzinssatz i berücksichtigt (Gleichung (5)).
– Nutzungsänderung i(1 + i)
n
DF = -------------------------- [1/Jahr] (5)
– Risiko bewusst akzeptieren. (1 + i) – 1
n

Die Erdbebensicherung durch bauliche Massnah- Der Diskontzinssatz ist indes keine rein finanzma-
men am Tragwerk und in Bezug auf nichttragende thematische Grösse, sondern er ist vielmehr Ausdruck
Bauteile bis hin zur Sicherung von Einrichtungen und einer Gewichtung des heutigen Nutzens und des zu-
Anlagen steht im Vordergrund. Solche Massnahmen künftigen Nutzens einer Investition. Unter dem Ge-
sind erforderlich damit zumindest α min erreicht wird, so sichtspunkt der sogenannten “social time preference”
ANHANG B
Verhältnismässigkeit und Zumutbarkeit

ergeben sich Diskontzinssätze in der Grössenordnung Jahr, an welchen diese Belegung anzutreffen ist.
von 8%. In einer solchen Rechnung gehen 100 Men- Tabelle 7 zeigt am Beispiel eines Spitals, wie PB er-
schen, die in 50 Jahren gerettet werden, als nur 2 ge- mittelt wird.
rettete Menschen in die Gegenwartsrechnung ein (sie-
he z.B. Paté-Cornell (1984)). Rackwitz (2003) Belegung Bi hi di wi PB
hingegen errechnet mit einen sozio-ökonomischen Stationäre Patienten 180 24 7 52 180
Optimalitätsansatz eine "time preference rate" von 1%. Ambulante Patienten 30 2 5 52 2
Andere Ansätze legen der Festlegung des Diskont- Personal Tag 80 14 7 52 47
zinssatzes die sogenannten sozialen Opportunitätsko- Personal Nacht 20 10 7 52 8
sten zu Grunde, die sich auf jene Nutzen beziehen, die Besucher 320 1 7 52 13
mit einem alternativen Mitteleinsatz verbunden sind. Summe 250
Faber und Rackwitz errechnen einen Wert von 2% als Tabelle 7: Beispiel der Personenbelegung eines Spitals
optimal für volkswirtschaftliche Investitionen in die Si-
cherheit. Ein weiterer Ansatz orientiert sich wiederum 4.4 Erweiterung
ausschliesslich an den Kosten von Krediten am Geld-
markt. FEMA-256 (1994) legt fest, dass Diskontzins- Im Merkblatt wird die Möglichkeit geboten, zusätzliche
sätze aus einem Bereich von 2% bis 7% zu wählen Nutzen der Erdbebensicherung in der Formel für die
sind. Im Merkblatt wurde der Diskontzinssatz schliess- Rettungskosten zu berücksichtigen. Diese zusätzli-
lich auf 2% festgelegt. chen Nutzen müssen monetarisiert sein. Solche mone-
tarisierte Zusatznutzen bestehen zum Beispiel in:
4.3 Risikoreduktion – vermiedenen Sachschäden
Die Risikoreduktion errechnet sich aus der Differenz – vermiedenen Schäden aus Betriebsunterbruch
zwischen dem Kollektivrisiko im Ausgangszustand und – vermiedenen Mietkosten.
dem Kollektivrisiko, welches sich nach der Umsetzung Diese vermiedenen Kosten errechnen sich der Dif-
von Erdbebensicherungsmassnahmen ergeben wür- ferenz des auf ein Jahr bezogenen in Geldeinheiten
de. Das Kollektivrisiko im Ausgangszustand wird be- bewerteten Risikos R GE im Ausgangszustand und je-
stimmt, indem für den ermittelten Erfüllungsfaktor im nem Risiko, das nach der Umsetzung einer Sicher-
Ausgangszustand α eff der Risikofaktor aus der heitsmassnahme bleiben würde. Diese Risikoredukti-
Abbildung 5 bestimmt und mit dem Erwartungswert on vermindert damit die Kosten, die in der
der Personenbelegung multipliziert wird. Das Risiko Rettungskostenformel über dem Bruchstrich stehen,
nach Umsetzung der Massnahmen wird analog be- wie in Gleichung (8) dargestellt.
stimmt auf der Grundlage des Erfüllungsfaktors α int , M – ∆R GE
RK M = SK
----------------------------
- (8)
der sich nach der Umsetzung von Massnahmen erge- ∆ RM
ben würde. Wenn sich der Erwartungswert der Perso-
nenbelegung nicht ändert, dann ergibt sich die Risiko- 5 BEURTEILUNGSKRITERIEN
differenz aus Gleichung (6).
∆R M = ( RF ( α eff ) – RF ( α int ) ) ⋅ PB = ∆RF ⋅ PB (6) 5.1 Akzeptables Individualrisiko
Sollte sich auch die Personenbelegung verändern, Der minimale Erfüllungsfaktor α min soll sicherstellen,
so ist zunächst die Personenbelegung im Ausgangs- dass das Individualrisiko akzeptierbar ist und damit die
zustand mit dem Risikofaktor im Ausgangszustand zu Sicherheitsansprüche des Individuums befriedigt sind.
multiplizieren und davon ist das Produkt aus Risikofak- In der Risikoliteratur werden verschiedene Zielwerte
tor nach Massnahme und Personenbelegung nach für das sich auf ein Jahr bezogene Individualrisiko an-
Massnahme abzuziehen. gegeben (siehe z.B. CIB 2001, Seiler 2000). Die Werte
Der Erwartungswert der Personenbelegung wird reichen in der Regel von 10-3 bis 10-6 pro Jahr und wi-
berechnet aus einer oder mehrerer unterschiedlicher derspiegeln die Spanne von freiwilligen, beeinflussba-
Belegungen und ihrem Zeitanteil an einem ganzen ren Risiken mit hohem persönlichen Nutzen (z.B. ge-
Jahr mit Hilfe von fährliche Freizeitaktivität) bis hin zum unfreiwillig
1 eingegangenen, wenig beeinflussbaren Risiko ohne
PB = ------------
8736 ∑B ⋅ h ⋅ d ⋅ w
i i i i (7)
direkten persönlichen Nutzen (z.B. Chemiefabrik aus
i
B i ist die Anzahl Personen einer spezifischen Bele- der Sicht des Anrainers). CIB (2001) gibt für Naturge-
gung des Gebäudes. h i , d i und w i sind die Anzahl fahren den Wert von 10-4 pro Jahr als akzeptabel an.
Stunden pro Tag, Tage pro Woche sowie Wochen pro In Seiler (2000) wird ein Wert von 10-5 pro Jahr für die
ANHANG B
Verhältnismässigkeit und Zumutbarkeit

Schweiz für zweckmässig erachtet. 5.4 Bauwerksklasse III


Im Merkblatt wurde folglich festgelegt, das Individu-
Gesondert zu besprechen ist die Beurteilung jener Ge-
alrisiko als akzeptabel zu beurteilen, wenn die Todes-
bäude, die der Bauwerksklasse III zuzuordnen sind. Im
fallwahrscheinlichkeit den Wert von 1/100’000 pro Jahr
Fall von Akutspitälern, Einsatzzentralen von Polizeien,
nicht überschreitet. Diese Bedingung wird als erfüllt
Feuerwehren und anderer wichtiger Einrichtungen der
betrachtet, wenn der Erfüllungfaktor grösser als 0,25
Rettungskette ist das Risiko nicht nur auf das Gebäu-
ist.
de selbst beschränkt, sondern geht über das betroffe-
α eff ≥ 0,25 (9) ne Gebäude hinaus. Mit der Erdbebensicherung sol-
cher Bauwerke werden daher auch weitergehende
5.2 Verhältnismässige Rettungskosten Risiken vermindert. Bei den Bauten der Bauwerksklas-
Wenn das Kriterium für das Individualrisiko erfüllt ist, se III ist daher der minimal erforderliche Erfüllungsfak-
kann die Beurteilung der Verhältnismässigkeit aus- tor auf 0,4 erhöht.
schliesslich auf der Grundlage der mit der Erdbebensi- α eff ≥ 0,40 (12)
cherungsmassnahme verbundenen Rettungskosten Hinzu kommt, dass hier auch die Gebrauchstaug-
erfolgen. lichkeit für dieses Niveau nachgewiesen werden muss.
Im Merkblatt werden die Rettungskosten wiederum In den Nachweisen für die Tragsicherheit als auch für
angelehnt an (Seiler, 2000) als verhältnismässig beur- die Gebrauchstauglichkeit ist der Bedeutungsfaktor
teilt, wenn sie kleiner als 10 Mio. Franken pro gerette- 1.4 zu berücksichtigen.
tes Menschenleben sind. Mit diesem Kriterium soll der Massnahmen für die Gebrauchstauglichkeit, wel-
effiziente Mitteleinsatz sichergestellt werden. che über das in der Gleichung (12) geforderte Niveau
RK M ≤ 10 Mio. Fr./ger. Menschenleben (10) hinausgehen sind in Zusammenhang mit der Verhält-
nismässigkeit von Massnahmen zur Erhöhung der
5.3 Zumutbare Rettungskosten Tragsicherheit zu beurteilen. In Bezug auf die Bau-
werksklasse III müssen die Massnahmen zur Gewähr-
Wenn der Erfüllungsfaktor α eff < 0,25 ist, werden leistung der Funktionstüchtigkeit auch die Anlagen und
die Massnahmen zum Erreichen von α min als zumut- Einrichtungen umfassen.
bar beurteilt, wenn deren Rettungskosten kleiner als Eine weitere Gruppe von Bauwerksklasse III Bau-
100 Mio. Franken pro gerettetes Menschenleben sind. ten umfasst jene, bei welchen aus dem Versagen
Die Zumutbarkeit hängt im Grunde genommen schwere Folgen entstehen, z.B. in der Bevölkerung
auch von der relativen Höhe des aufzuwendenden Be- oder der Umwelt. Jene Bauwerke, die der Störfallver-
trags für die Massnahmen zur Verbesserung der Erd- ordnung unterstellt sind, werden nach den Massstä-
bebensicherheit ab. Zum Beispiel können die Kosten ben dieser Verordnung beurteilt.
der Erdbebensicherungsmassnahme mit den Kosten Schliesslich fallen auch Kulturgüter von nationaler
eines Umbaus oder einer Instandsetzung verglichen Bedeutung in den Bereich der Bauwerksklasse III. Die-
werden. Hier liegen unter Umständen Verhältnisse wie ses Thema wird bereits vom Kulturgüterschutz bear-
bei einem Neubau vor. Ganz allgemein betrachtet gilt beitet.
für Sicherheitsmassnahmen die “praktisch nichts ko-
sten”, der Grundsatz, dass sie ergriffen werden sollen. 6 ANWENDUNG
Ob etwas “praktisch nichts kostet”, kann nur auf der
Grundlage von Vergleichen beurteilt werden. Unter 6.1 Beurteilung und Massnahmenempfehlung
Umständen fällt eine 100’000.- Franken Massnahme
darunter, wenn sie im Rahmen eines Umbaus von 10 Auf die Zusammenhänge und den Ablauf der Überprü-
Mio. Franken realisiert werden kann. In der vorliegen- fung sei auf Vogel (2005) verwiesen. Zusammenge-
den ersten Ausgabe des Merkblatts wurden in diesem fasst ergeben sich folgende drei wichtige Fälle.
Bereich allerdings keine Angaben gemacht. Fall 1: α eff < α min
Bei den kleinen Erfüllungsfaktoren, ist es wichtig, – Massnahmen sind grundsätzlich erforderlich
die möglichen Sachschäden und insbesondere die – Massnahmen, die dazu führen, dass α eff = α min
Folgen aus einem Verlust der Verfügbarkeit im Auge wird, sind zu ergreifen, wenn sie zumutbar sind und
zu behalten. folglich RK M ≤ 100 Mio. Fr./ger. Menschenleben erfüllt
α eff < 0,25 ist.
(11) – Massnahmen, die dazu führen, dass α eff > α min wird,
RK M ≤ 100 Mio. Fr./ger. Menschenleben
sind zu ergreifen, wenn sie verhältnismässig sind
ANHANG B
Verhältnismässigkeit und Zumutbarkeit

und folglich RK M ≤ 10 Mio. Fr./ger. Menschenleben entnommen. In den Abbildungen sind für die Bau-
erfüllt ist. werksklassen I, II und III in Abhängigkeit von α eff und
– Lassen sich keine Massnahmen finden, die zumut- α int die zumutbaren (obere Kurvenschar) sowie die
bar sind, so ist eine Nutzungsänderung zu erwägen. verhältnismässigen (untere Kurvenschar) Investitions-
– Lassen sich keine zumutbaren Massnahmen finden kosten bezogen auf eine Einheit der Personenbele-
und ist keine Änderung der Nutzung möglich, so gung und die Restnutzungsdauer von 40 Jahren dar-
muss das Risiko akzeptiert werden. gestellt.

BWK I/II: erforderliche Sicherheitsinvestitionen


Fall 2: α min ≤ α eff < α adm (Restnutzungsdauer 40 Jahre)
10'000'000
– Verhältnismässige Massnahmen sind zu ergreifen, α eff = 0.05
d.h. RK M ≤ 10 Mio. Fr./ger. Menschenleben muss 1'000'000
erfüllt sein für diese Massnahmen. α eff = 0.10

[Franken pro PB-Person]


100'000
α eff = 0.15

Fall 3: α eff ≥ α adm 10'000 α eff = 0.20

– Es sind keine Massnahmen empfohlen. 1'000 α eff = 0.25

α eff = 0.30
α eff = 0.40
100 α eff = 0.50 = 0.60
α eff
keine Massnahmen α eff = 0.70
1.00 empfohlen
BWK III 10
Erfüllungsfaktor α eff

αadm
0.0 0.1 0.2 0.3 0.4 0.5 0.6 0.7 0.8 0.9 1.0
BWK I und II
Erfüllungsfaktor nach Massnahmen, α int [-]
Beurteilung der

0.50
Verhältnismässigkeit Abb. 7: Erforderliche Sicherheitsinvestitionen BWK I und II
BWK III
αmin
BWK I und II
BWK III: erforderliche Sicherheitsinvestitionen
Massnahmen erforderlich (Restnutzungsdauer 40 Jahre)
10'000'000
0.00
10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
Restnutzungsdauer [a] 1'000'000
α eff = 0.05
[Franken pro PB-Person]

Abb. 6: Grundlage der Massnahmenempfehlung 100'000 α eff = 0.10

α eff = 0.15
10'000 α eff = 0.20
Abbildung 6 zeigt die einzelnen Bereiche grafisch α eff = 0.25
α eff = 0.30
und insbesondere die Abhängigkeit von der Restnut- 1'000
α eff = 0.35

zungsdauer. α eff = 0.40


100 α eff = 0.50
α eff = 0.60
α eff = 0.70

6.2 Fallbeispiele BWK I, II und III 10


0.0 0.1 0.2 0.3 0.4 0.5 0.6 0.7 0.8 0.9 1.0
Als Fallbeispiele werden je ein typischer Vertreter der Erfüllungsfaktor nach Massnahmen α int [-]
Bauwerksklasse I, II und III betrachtet. Es handelt sich
Abb. 8: Erforderliche Sicherheitsinvestitionen BWK III
dabei um die nachfolgend aufgelisteten Gebäude.

6.3 Diskussion
Wohnhaus Schule Akutspital
BWK I BWK II BWK III
Fall 1: α eff < α min
Wert [Mio. Fr.] 2 10 80
In diesem Fall ist damit zu rechnen, dass die Erdbe-
120 Schüler
Nutzung 10 Bewohner
und Lehrer
200 Betten bensicherung eines Akutspitals bis hin zu α min in den
Personenbelegung PB 4 P./Jahr 40 P./Jahr 250 P./Jahr meisten Fällen zumutbar sein dürfte. Bei Schulen wird
Restnutzungsdauer 40 Jahre 40 Jahre 40 Jahre eine solche in vielen Fällen zumutbar sein, wenn der
zumutbare Sicherheits- Erfüllungsfaktor relativ klein ist. Bei Wohnbauten wer-
investition SIK M für 0,1 Mio. Fr. 1,4 Mio. Fr. 12,5 Mio. Fr. den Massnahmen in der Regel erst dann zumutbar
α eff = 0, 15, α int = α min sein, wenn der Erfüllungsfaktor sehr klein ist.
verhältnismässige Sicher-
heitsinvestition SIK M für 0,0 Mio. Fr. 0,1 Mio. Fr. 0,3 Mio. Fr. Fall 2: α min ≤ α eff < α adm
α eff = α min, α int = 1, 0 Verhältnismässige Massnahmen lassen sich nur fin-
den, wenn die durchschnittliche Personenbelegung
Die Werte der Sicherheitsbedingten Investitionsko- sehr gross ist, wie zum Beispiel beim Spital und wenn
sten SIK M sind der Abbildung 7 sowie der Abbildung 8 die Massnahmenkosten klein sind.
ANHANG B
Verhältnismässigkeit und Zumutbarkeit

Fall 3: α eff ≥ α adm Es wird als zulässig erachtet, dass bestehende Bauten
Der Fall 2 lässt erkennen, dass es sehr unwahrschein- den Normen für Neubauten nicht entsprechen und das
lich ist, verhältnismässige Massnahmen zu finden im allgemeinen die Anforderungen an bestehende
wenn α eff ≥ α adm . Im Fall des Wohnhauses stünden Bauten weit geringer sein dürfen, als bei Neubauten.
hier Fr. 1’200, bei der Schule Fr. 12’000.- und beim Eine Ausnahme bilden die Gebäude der Bauwerks-
Spital Fr. 50’000.- zur Verfügung. klasse III. An diese Gebäude werden höhere Anforde-
rungen gestellt.
Die Fallbeispiele basieren auf einer einheitlichen Die Ergebnisse und Erkenntnisse aus der Anwen-
Restnutzungsdauer von 40 Jahren. Eine Verlängerung dung des Merkblatts in der Praxis werden gesammelt
der Nutzungsdauer bringt zumutbare sowie verhältnis- und in einer allfälligen Revision berücksichtigt.
mässige Kosten die im Maximum um den Faktor 3,7%/
2% erhöht würden. Demgegenüber würden bei einer 8 LITERATUR
Restnutzungsdauer von 5 Jahren die verhältnismässi-
CIB (2001), Risk assessment and risk communication in civil
gen und zumutbaren Kosten empfindlich um den Fak- engineering, CIB Report: Publication 259/2001.
tor 21,2%/3.7% verringert. EMS (1998), European Macroseismic Scale, Conseil de l'Eu-
Die Fallbeispiele zeigen, dass sowohl im Bereich rope, Editor G. Grünthal (Geoforschungszentrum Potsdam),
der zumutbaren, als auch im Bereich der verhältnis- Luxembourg.
mässigen Massnahmen, das Ausgangsrisiko entschei- Faber, M.H. & Rackwitz, R. (2004), Sustainable Decision Ma-
dend ist und weniger das Risiko nach der gedachten king in Civil Engineering, Structural Engineering Interna-tio-
Umsetzung einer Massnahme. Ein hohes Ausgangsri- nal, Vol. 14, No 3: 237-242.
siko zu halbieren ist effizienter, als ein geringes Aus- FEMA 256 (1994), Seismic Rehabilitation of Federal Buil-
gangsrisiko um einen Faktor 10 zu verkleinern. Es dings: A Benefit/Cost Model, Volume 2 Supporting Docu-
mentation.
lohnt sich daher, in der Ermittlung des Erfüllungsfak-
Kaplan St. and Garrick J (1981), On the quantitative definiti-
tors einen gewissen Aufwand zu treiben und die mo-
on of risk, Journal of the Society for Risk Analysis, Vol. 1, No.
dernen Verfahren des Erdbebeningenieurwesens wie 1, Plenum Press, New York/London.
sie zum Teil im Merkblatt zur Verfügung gestellt wer-
Kölz, E. (2000), Prioritäten in der Erdbebensicherung beste-
den, anzuwenden. Der Auftraggeber einer Überprü- hender Bauwerke, Dokumentation SIA D0162, Schweizer In-
fung der Erdbebensicherheit eines bestehenden Bau- genieur- und Architektenverein, Zürich.
werks sollte sich dieser Tatsache bewusst sein. Lang, K. (2002), Seismic vulnerability of existing buildings,
In den Fallbeispielen kommt der Einfluss der Be- Dissertation ETH No. 14446, Zürich.
deutungsfaktoren nicht zum Vorschein. De facto ha- Paté-Cornell, M.E. (1985), Costs and benefits of seismic up-
ben diese jedoch ein grosses Gewicht. Der Erfüllungs- grading of some buildings in the Boston area, Earthquake
faktor eines Gebäudes der Bauwerksklasse II wäre um Spectra, 1:4, 721-40.
20% grösser, als jener der beim gleichen Gebäude er- Pellissier, V., Badoux, M. (2003), Vulnerabilité et risque sis-
mittelt würde, wenn dieses Gebäude der Bauwerks- mique de la ville d'aigle, 2 éme partie: inventaire sismique et
vulnerabilité du bâti traditionnel, Institut des structures, Labo-
klasse I zugeordnet wäre. Bei der Bauwerksklasse III
ratoire de const-ruction en béton, EPF Lausanne.
liegt die Differenz bei 40%. Dies hat für diese Gebäude
Schneider, J. (2000), Safety - A matter of Risk, Cost and
zur Folge, dass auf der einen Seite geringere Individu- Consensus, Structural Engineering International SEI, Vol.
alrisiken akzeptiert werden und auf der anderen Seite 10, Nr. 4, November 2000, 266-269.
die Schwellen der Zumutbarkeit und der Verhältnis- Rackwitz, R. (2003), Discounting for optimal and acceptable
mässigkeit nach oben verschoben werden. Beide technical facilities involving risks, TU München.
Aspekte haben indes ihre Berechtigung, weil Schneider, J. (1996), Sicherheit im Bauwesen, Verlag der
– mit dem Individualrisiko die Tragsicherheit und damit Fachvereine vdf, 2. Auflage, Zürich.
in weiterer Folge auch die Gebrauchstauglichkeit Seiler, Hj. (2000), Risikobasiertes Recht: Wieviel Sicherheit
verknüpft ist und somit Funktionen geschützt werden wollen wir? Abschlussbericht, Schweizerischer National-
fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung.
– das Schutzgut, zum Beispiel im Fall einer Schule die
Stiefel, U. und Schneider, J. (1985), Was kostet Sicherheit?,
Schüler, höher gewichtet wird.
Schweizer Ingenieur und Architekt, 47.
Vogel, T. (2005), Einführung, Grundsätze und Massnahmen-
7 SCHLUSSFOLGERUNGEN
empfehlung, Einführung in das Merkblatt SIA 2018, Doku-
Mit Hilfe des Merkblatts sollen auf der Basis der Ver- mentation SIA D 0211, Schweizer Ingenieur- und Architek-
tenverein, Zürich.
hältnismässigkeit und der Zumutbarkeit die verfügba-
ren Mittel effizient in die Verbesserung der Erdbeben-
sicherheit der Schweizer Gebäude investiert werden.

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