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Anna Fünfgeld Kohle ohne Ende


Die Auto-
Fossilistische Energiepolitik in Indonesien
rin arbeitet als
Doktorandin
Der indonesische Energiesektor basiert zum über- rungen geführt, die weitestgehend auf den Waldsek-
am Lehrstuhl
für Internatio- wiegenden Teil auf der Nutzung fossiler Energie- tor ausgerichtet waren. Die gegenwärtige Regierung
nale Politik an träger. Dies bringt nicht nur anhaltend hohe Emis- unter Präsident Joko Widodo (seit 2014) hat sich im
der Albert-Lud- sionsraten mit sich und stellt damit die Klimaziele Rahmen der internationalen Klimaverhandlungen
wigs-Universi- der indonesischen Regierung in Frage, sondern dazu verpflichtet, diese Anstrengungen fortzusetzen.
tät Freiburg und
führt auch zu einer Reihe von sozio-ökonomi- Dies schließt eine Reduktion der Treibhausgasemissi-
am GIGA Ger-
man Institute of
schen Problemen. Besonders bedenklich ist dabei onen um 29 Prozent bis zum Jahre 2030 mit ein (bei
Global and Area die Förderung und Verstromung von Kohle, welche internationaler Unterstützung um 41 Prozent).
Studies in Ham- vor allem die Lebensbedingungen in den Abbau- Gleichwohl verzeichnet das Land auch aufgrund
burg. und Kraftwerksgebieten stark beeinträchtigt. des anhaltenden Wirtschaftswachstums von jährlich
etwa fünf Prozent weiterhin steigende Treibhaus-
Indonesien ist eines der Länder mit den weltweit gas-Emissionsraten. Dies ist zu großen Teilen auf
größten Treibhausgas-Emissionen. Gleichzeitig gilt die stark anwachsenden Emissionen aus dem Ener-
der Inselstaat als besonders von Klimawandelaus- giesektor zurückzuführen. Es wird angenommen,
wirkungen betroffen, da der Meeresspiegel kontinu- dass dieser Sektor bis in etwa zehn Jahren mehr als
ierlich ansteigt und sich bereits in den vergangenen 50  Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen
Jahren die Regenmuster verändern und Naturkatast- des Landes ausmachen wird. Damit ist der Energie-
rophen stark zugenommen haben. Daraus ergeben sektor ein wesentliches Hindernis für das Erreichen
sich eine Reihe von Folgeproblemen, wie beispiels- der Klimaziele des Landes. Wie viele andere Staa-
weise gesundheitliche und ökonomische Beeinträch- ten weltweit, machen fossile Energieträger nach wie
tigungen für die Bevölkerung und eine Reduktion der vor einen Großteil der Energieproduktion aus und
biologischen Vielfalt. mit der gegenwärtigen Ausrichtung der indonesi-
schen Energiepolitik wird sich daran auch in abseh-
barer Zeit sehr wahrscheinlich vorerst nichts ändern.
Selbstverpflichtung Dies zeigt, dass gerade in diesem Bereich großer
Handlungsbedarf besteht. Zwar wird von der Regie-
Insbesondere während der von dem ehemaligen Prä- rung angestrebt, den Anteil erneuerbarer Energien
sidenten Susilo Bambang Yudhoyono (SBY) geführten am nationalen Energiemix bis zum Jahre 2025 auf
Regierung (2004–2014) hat sich Indonesien in inter- 23 Prozent zu steigern, jedoch wird dieses Ziel mitt-
nationalen Verhandlungen mit relativ weitreichen- lerweile auch von Regierungsvertreter*innen infrage
den Selbstverpflichtungen, was die Reduktion von gestellt und es gibt kaum Anstrengungen, die Förde-
Treibhausgasemissionen betrifft, hervorgetan. Dies rung erneuerbarer Energien voranzutreiben.
Kohlemine
in Samarinda war für die damalige Regierung eine Möglichkeit,
© Anna sich auf der internationalen Ebene zu profilieren, hat
Fünfgeld aber auch zu einigen institutionellen Umstrukturie- Mehr Kohle

Das größte Problem im Hinblick auf den Energie-


sektor stellt die anhaltend hohe Produktion sowie
Nutzung von Kohle dar. Innerhalb der letzten zehn
Jahre hat die Kohleförderung in Indonesien massiv
zugenommen, was nicht zuletzt auch durch admi-
nistrative Umstrukturierungen, wie die Dezentrali-
sierungsreformen, befördert wurde. Zwar wurde der
Selbstbereicherung vieler lokaler Regierungschefs,
die lange gängige Praxis im indonesischen Koh-
le-Business war, mittlerweile durch eine Re-Zentrali-
sierung der Lizenzvergabe ein Riegel vorgeschoben
und auch die sinkenden Kohlepreise in den vergan-
genen Jahren haben dazu geführt, dass einige klei-
nere Minen geschlossen wurden. Jedoch verbleibt
die Kohleförderung nach wie vor auf einem hohen
Niveau und Indonesien ist immer noch der zweit-
größte Kohle-Exporteur weltweit.

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Kohle ist allerdings nicht nur ein wesentliches sondern auch Festnahmen und Bedrohungen seitens
Exportgut, sondern wird auch zunehmend für die staatlicher und privater Sicherheitskräfte beinhaltet.
Stromproduktion im eigenen Land genutzt. Dieser Unbestritten ist sicherlich, dass die Stromver-
Trend wurde bereits von der SBY-Regierung eingelei- sorgung von bislang nicht an ein Stromnetz ange-
tet und im Rahmen der Energieplanung der derzeiti- schlossenen Haushalten notwendig ist. Allerdings
gen Regierung nochmals bestätigt und ausgeweitet. ist es fraglich ob die fossilistisch ausgerichtete Ener-
Im Jahr 2015 hat die Regierung beschlossen, in den giepolitik der indonesischen Regierung dieses Prob-
folgenden vier Jahren die Kapazitäten für 35 zusätz- lem zu lösen vermag, da ein wesentliches Hindernis
liche Gigawatt Strom zu schaffen, wobei 20 Giga- auch das Fehlen von Stromnetzen in weiten Teilen
watt der Gesamtmenge aus Kohleverstromung gene- des Landes ist. Die Konstruktion neuer Stromnetze
riert werden sollen. Dies schließt den Bau von 291 jedoch ist nicht in die Planungsvorhaben inbegrif-
neuen Kohlekraftwerken mit ein. Zwar wird auch fen, da sie der Regierung wirtschaftlich nicht renta-
von Regierungsseite mittlerweile infrage gestellt, ob bel genug erscheint, um dies voranzutreiben. Wei-
dieses Ziel erreicht werden kann, jedoch befinden terhin verschärft die anhaltende Förderung und
sich bereits einige Kraftwerke im Bau oder in der Verstromung von Kohle die soziale, ökonomische
Vorbereitungsphase. und politische Marginalisierung der in den anliegen-
Die Regierung verfolgt damit das Ziel, das Wirt- den Gebieten lebenden Menschen. Damit stellen die
schaftswachstum des Landes weiterhin auf dem von der Regierung vorangetriebenen Planungen im
Niveau von etwa 5 Prozent zu erhalten und laut Aus- Energiesektor nicht nur die Klimaziele Indonesiens
sage auch die momentan noch nicht an ein Strom- infrage und verschärfen die ökologischen Probleme
netz angeschlossenen Haushalte mit Strom zu versor- im Land, sondern führen auch zu einer Verstärkung
gen. Diese Ziele werden von zivilgesellschaftlichen sozialer Ungleichheit. Ein gerechteres Energiesystem
Organisationen jedoch angezweifelt. Zum einen bedarf einer größeren Transformation, die nicht nur
wird in Frage gestellt, ob der Strombedarf tatsächlich den Ausbau erneuerbarer Energien und eine gerech-
so hoch ist wie von der Regierung suggeriert. Zum tere Verteilung von mit der Stromproduktion verbun-
anderen lassen die Planungen für neue Kraftwerke denen Kosten und Nutzen mit einschließt. Vielmehr
darauf schließen, dass sie größtenteils eben gerade muss damit – im besten Fall – auch die Etablierung
nicht in den Regionen gebaut werden, in denen die eines dezentralen Energiesystems einhergehen, das
größte Stromarmut herrscht, was die östlichen Teile gegenwärtige Eigentums- und Entscheidungsver-
Indonesiens und somit vor allem Papua betrifft. hältnisse grundlegend hinterfragt. Dies könnte bei-
spielsweise durch kleinere Energiegenossenschaften
erzielt werden, welche die Stromversorgung bedarfs-
Strom für alle! orientiert und selbstbestimmt planen können. „

Sowohl die anhaltende Kohleförderung als auch die


neuen Kraftwerke finden sich vorwiegend in länd- Literatur
lich geprägten Regionen. Insbesondere die in diesen Kohlekraftwerk
> Anna Fünfgeld (2017): Claiming Justice Matters in in Cirebon
Gebieten lebenden Menschen, die ihren Lebens-
Energy Policy. https://www.rosalux.de/en/publication/ © Anna
unterhalt häufig durch landwirtschaftliche Tätigkei- id/38032/claiming-justice-matters-in-energy-policy/ Fünfgeld
ten, Fischfang oder Fischzucht bestreiten, haben
dadurch mit starken Ernte- und Fangeinbußen zu
kämpfen, wodurch die Sicherung ihres Lebensunter-
halts grundlegend bedroht wird. Dies ist unter ande-
rem auf den Verlust an agrarisch nutzbaren Landflä-
chen, Zugangsbeschränkungen in Küstenbereichen
sowie veränderte Erntebedingungen durch Über-
schwemmungen und Erosionen zurückzuführen.
Des Weiteren wird in einigen Gebieten ein Zuwachs
von Atemwegserkrankungen und anderen Krankhei-
ten verzeichnet. Die betroffene Bevölkerung, die im
Umfeld der Kohleminen oder Kohlekraftwerke lebt,
wird im Zuge der Planungen zumeist übergangen.
Planungsvorhaben sind oft sehr intransparent und
auch erforderliche Umweltverträglichkeitsprüfungen
werden häufig nicht adäquat durchgeführt. Dadurch
hervorgerufene Proteste der Zivilgesellschaft wer-
den nicht selten kriminalisiert, was teilweise nicht
nur die gewaltsame Niederschlagung von Protesten,

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