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VOLLWERTIG LEBEN

Verklärte Nacht Haltet die Augen auf in diesen Nächten, denn jetzt ist die Zeit der
Glühwürmchen. Die Männchen machen sich zur Brautschau auf,
die Weibchen leuchten ihnen entgegen. Doch viel Zeit haben sie nicht.
von Andreas Diethelm (Text & Bild)

B
  
  ei Tag ist sein unscheinbares Wesen leicht zu Dieses biochemisch erzeugte Licht, sogenannte Bio-
übersehen, wenn es sich im Wiesengrunde, luminiszenz, ist in unseren Breiten ein seltenes Phä-
oft in Gesellschaft von Johanniskraut, für nomen. Geduldige Waldbesucher kann in mondlosen
seinen nächtlichen Auftritt bedeckt hält. Bei Nächten «leuchtendes Holz» in ungläubiges Staunen
fortschreitender Dämmerung, sobald am Osthimmel versetzen. Hinter dem Zauber wirkt ein feines Myzelge-
die Gestirne funkeln, offenbart es sich – aber es zeigt flecht, Weissfäulepilze, die sich am Totholz laben und de-
sich nicht. Das «Glühwürmchen», treffender auch «Jo- ren Leuchten die ausgebleichten Holzfasern anscheinen.
hanniskäfer» genannt, verhüllt seine Gestalt im Schein Über die Signalfunktion dieses Lichts darf noch gerätselt
seiner Aura. Von der Hochzeit der vom Mittelland bis in werden. Anderswo gehört das Aussenden kalten Lichts
höhere Lagen verbreiteten Grossen Leuchtkäfer kündet zur Standardkommunikation, in der Tiefsee sind Bakte-
in den Mittsommernächten bloss da und dort ein stilles rien und eine grosse Vielfalt von Tieren, von Einzellern
gelbgrünliches Leuchten am Wegrand, wo paarungs- bis zu Fischen, in der Lage, mit eigenem Licht anzulocken,
bereite Weibchen auf sich abzuschrecken, abzulenken oder sich zu tarnen.
aufmerksam machen. Von
Leuchtkäfer meiden das den Erkundungsflügen ihrer Leuchtkäfer haben es gerne warm und feucht und un-
Licht. Wenn sie können. Freier zeigt sich keine Spur, gedüngt – und natürlich dunkel. Der in unserer Gegend
denn nur die Weibchen der häufigste Grosse Leuchtkäfer (wobei gross bei 15 bis
Art Lampyris noctiluca haben 20 mm Länge relativ zu verstehen ist) ist ein Kosmopolit
einen leuchtenden Unterleib, wo körpereigene Energie und in weiten Teilen Eurasiens heimisch, von der Atlan-
praktisch ohne Abwärme Licht erzeugt, im Unterschied tikküste über die Alpennordseite bis Ostsibirien. Sein
zu unseren wirkungsvollen Leuchtdioden, die dennoch Lebensraum ist kleinräumig strukturiert: Waldsäume,
zwei Drittel der eingespeisten Energie als Wärme verlie- Wegböschungen, Hecken, auch naturnahe Gärten oder
ren. Einzig ein hier und da ausgehendes Licht zeugt von Friedhof- und Parkanlagen – wenn er dort nicht im Sack
einer glückenden Paarung. des Laubsaugers landet. Je kleiner eine Population, desto

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mehr ist ihr Gedeihen von Verbindungskorridoren zu alteingesessen oder gestrandet, in der Finanzmetropole
den nächsten Artgenossen abhängig. Schon eine mässig zu Hause sind. Mit der pflegerischen Aufwertung ihrer
befahrene Strasse ist für Fussgänger unter Kleinlebewe- Lebensräume engagieren sich die Mitglieder auch für die
sen – die Weibchen sind flügellos – eine schwer über- begleitende tierische und pflanzliche Vielfalt. Denn der
windbare Barriere. Es leuchtet ein: Leuchtkäfer meiden Käfer leuchtet da, wo unweit
das Licht. Wenn sie können. Wohl mögen die fliegenden auch Schnecken raspeln, Igel Energiesparen ist unter
Männchen auch im Streulicht von Strassen- und Haus- schmatzen und wo der reizen- Leuchtkäfern mehr als eine
beleuchtungen nach Partnerinnen suchen, doch diese de Paarungsruf der Erdkröte
leuchten dort vergeblich und bleiben unentdeckt. Wie erklingt. Um die Natur der fromme Absicht, es ist ihr
gründlich wir mittlerweile die Nacht zum Tag machen, Leuchtkäfer und ihre Spuren Lebensfaden.
wird erschreckend deutlich, wenn wir uns auf Leucht- in unserer Kultur einer breite-
käfersuche begeben. Viele Stadtbewohner halten sie in ren Öffentlichkeit in Erinnerung zu rufen, organisierte
unserer Welt für längst erloschen, zusammen mit dem der Vereinspräsident und Stadtökologe Stefan Ineichen
Zauber der Kindheit, dabei tanzen sie ihnen vor der bereits zwei Mal ein fernöstlich inspiriertes Glühwürm-
Nase herum. Ja, sie weichen zurück vor dem steten Um- chenfestival im Grossraum Zürich.
bau unserer Landschaft, vor der Industrialisierung der
Landwirtschaft, vor der Trockenlegung der Böden, vor Wenn die Leuchtkäfermännchen in der Johannisnacht
der fortschreitenden Versiegelung der Siedlungsgebiete. zur Brautschau aufsteigen, agieren sie fast auf Augen-
Dort machen, ausser der Lichtflut, die Gestaltungs- und höhe mit uns, aber sie müssen rasch zur Sache kommen.
die Nutzungsweise der Grünflächen ihren Lebensraum Denn zur Paarungszeit leben sie von Luft und Liebe al-
unbewohnbar: Rasenwüsten und andere Monokulturen, lein, das grosse Fressen war früher, als sie – damals noch
vergiftete Schnecken und überdüngte Böden, rigoroses Larven – Schnecken jagten, zwei Jahre lang. Von jener
Regime des Facility Managements mithilfe von Motor- Energiereserve leben sie nach der Verpuppung knappe Die Familie
sensen und Laubsaugern. Aber am Stadtrand, wo der zwei, drei Wochen, dann ist Schluss. Energiesparen ist der Leuchtkäfer
Kirschlorbeer in die ungetrimmte Landschaft ausfranst unter Leuchtkäfern mehr als eine fromme Absicht, es ist (Lampyridae)
und die Nacht noch Nacht ist, sind sie noch da. ihr Lebensfaden. Für eine effiziente Partnersuche benöti- umfasst weltweit etwa
«Ho, ho, hotaru koi, atchi no mizu wa nigai zo, kotchi gen die Käfer einen wesentlich besseren Überblick als etwa 2000 Arten, mehr als
no mizu wa amai zo...», singt jedes japanische Kind im unsereiner. Den bieten ihnen zwei Riesenaugen, ein jedes 90 Prozent leben in den
Kanon. «Hallo, hallo Leuchtkäfer, komm, dort ist bitteres aus mehr als zweitausend Einzelaugen zusammengesetzt. Tropen und Subtropen.
In der Schweiz (und
Wasser, komm, hier schmeckt es süss…» Es leuchtet ein, Dieser Sehsinn liefert kein scharfes Bild, dafür registriert in Mitteleuropa) sind
dass sie in den Tropen, wo die meisten der zweitausend er kleinste Bewegungen und gestattet so eine rasche und gerade mal vier Arten
Leuchtkäferarten leben, in der Alltagskultur der Landbe- präzise Ortung der unwiderstehlichen Lichtquelle. vertreten: Der nebenan
völkerung eine prominente Rolle spielen. Aber auch im beschriebene, über weite
hochindustrialisierten Japan und Korea, wo die Menschen Wird ein Weibchen entdeckt, so bleibt dem Überflie- Teile Eurasiens verbreitete
Grosse Leuchtkäfer (Lampy­
eine starke kulturelle Bindung zur äusseren Natur bewahrt ger keine Zeit für einen ordentlichen Landeanflug. ris noctiluca), ausserdem
haben, werden die Leuchtkäfer wie eh und je verehrt und Augenblicklich, und dabei recht zielgenau, lässt er sich der auf der Alpensüdseite
ihr mittsommerlicher Hochzeitstanz mit Quartierfesten fallen, oft genug ist ein anderer schneller, oder es drängt und in weiten Teilen
gefeiert. schon einer nach und es kommt zum Gerangel. Hat es Zentral- und Südeuropas
in der ersten Nacht nicht geklappt, wird sich das Weib- verbreitete Kleine Leucht­
käfer (Lamprohiza splendi­
Hierzulande aber werden die flüchtigen Nachtwesen chen in einen Tagesschlupfwinkel zurückziehen und in dula), dessen Männchen
nur noch selten besungen, und viele Stadtmenschen der Abenddämmerung erneut seinen Posten beziehen. wie saumselige Kometen
können kaum glauben, dass fünfzig Meter vor ihrem Wenn es also Tag für Tag an derselben Stelle leuchtet, so durch die Auenwälder
Schlafzimmerfenster, hinter der Friedhofsmauer ein erwartet ein Weibchen auf verlorenem Posten Besuch, gaukeln, und der ebenfalls
Käferweibchen mit seinem leuchtenden Hinterleib er- an einer aus der Flugperspektive nicht einsehbaren oder auf der Alpensüdseite und
im Mediterranen Raum
wartete Artgenossen heranwinkt. In Zürich haben sich an einer zu hellen Stelle oder einer Stelle ausserhalb des beheimatete Italienische
vor fünfzehn Jahren drei Dutzend Aficionados mit unter- Flugraums. War die Paarung erfolgreich, dann sucht das Leuchtkäfer (Luciola italica),
schiedlichstem fachlichem Hintergrund im «Glühwürm- Weibchen nach einem feuchten Plätzchen für die Eiabla- bei dem ebenfalls beide
chen Projekt» versammelt. Ursprünglich war das eine in- ge. Es muss die Eignung der Stelle mit grösster Sorgfalt Geschlechter leuchten,
terkontinental ausgerichtete Initiative des Lichtkünstlers prüfen, denn das Gelege wird sich selbst überlassen blei- und sich blinkend verstän-
digen, sowie der in Europa
Francesco Mariotti, dessen Objekte und Installationen ben, das Weibchen wird die Jungen nicht mehr schlüpfen weitverbreitete, aber sehr
sich im Spannungsfeld von Natur und Technik, Hightech sehen. Die Männchen sterben bereits ein paar Tage früher. unscheinbare und nicht
und Abfall, Autonomie und Interaktivität bewegen. Der Bei kaum einem anderen Tier ist Sex über eine so lange flugfähige Kurzflügel­
Verein hat sich fortan der Erforschung und Förderung Lebensspanne beherrschendes Thema wie bei uns Men- leuchtkäfer (Phosphaenus
der Leuchtkäfer verschrieben, die in Mitteleuropa mit schen. Nicht nur beim Leuchtkäfer ist das Erwachsensein hemipterus). Mehr ist auf
www.glühwürmchen.ch zu
gerade nur vier Arten vertreten sind, die aber alle, ob bloss das rasch verglühende Schlussbouquet.      erfahren.

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