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Weitwinkel 67

Der Wirtschaftsführer 2017

Prof. Dr. André Niedostadek, LL.M.

Nie mehr sprachlos


Im Berufsalltag weht mintunter ein rauer Wind, etwa was den Umgang miteinander
betrifft. Aber wie geht man z. B. mit persönlichen Angriffen um? Wer nicht sprachlos
bleiben möchte, kann aus der chinesischen Kampfkunst etwas lernen. Hier ein paar
Tipps (nicht nur) für Berufseinsteiger.

Der neue Job hätte der sprichwörtliche Wann es Zeit wird, etwas zu tun am Selbstbewusstsein nagt, dürfte es sich
Sechser im Lotto werden können: An- empfehlen, einmal zu überlegen, wie es
spruchsvolle Aufgaben, eine kollegiale Natürlich ist nicht jede Kritik oder Stichelei gelingen kann, das Zepter wieder selbst
Arbeitsatmosphäre, interessante Karriere- ein persönlicher Affront, mag es vereinzelt in die Hand zu bekommen. Besser als sich
aussichten bei attraktiver Bezahlung – was auch so empfunden werden. Jeder kann den Schlaf rauben zu lassen oder sich in
will man mehr? Doch dann das Meeting, mal einen schlechten Tag erwischen. Eben- die innere Kündigung zu begeben. Patent-
in dem die ersten Zweifel kamen: Der neue so wenig steckt in jeder Freundlichkeit der rezepte gibt es dafür leider nicht.
Kollege hatte bloß eine Anmerkung ge- Versuch einer Manipulation.
macht, als er eine unerwartete Retourkut- Je weniger offensichtlich, desto schwie-
Impulse aus der Kampfkunst
sche vom Chef persönlich kassierte: „Ich riger ist es, das eine vom anderen zu
glaube nicht, dass Sie das beurteilen kön- unterscheiden. Das kann eine Gratwande- Was immer man auch tut, es sollte leicht
nen“. Wie er das „Sie“ betonte, das saß. rung sein. Erfahrungsgemäß bietet unser umzusetzen sein und seine Zwecke erfül-
eigenes Empfinden aber eine recht gute len. Spannende Impulse lassen sich dabei
Orientierung, denn unsere „Antennen“ re- aus der Selbstverteidigung ziehen, etwa
Unfaire Angriffe –
agieren hier überaus sensibel – manchmal aus dem aus der Tradition von Shaolin-
mal offen, mal kaschiert
sogar zu sensibel. Aber spätestens, wenn Mönchen entwickelten Kung-Fu. Eigent-
Keine Frage: Kritische Rückmeldungen Angriffe sich wiederholen oder unter die lich handelt es sich dabei um einen Sam-
wird man sich im Beruf sicher gefallen Gürtellinie gehen, ist es Zeit, aktiv zu wer- melbegriff vielfältiger Stile chinesischer
lassen müssen, ob man das mag oder den und Grenzen aufzuzeigen, was zuge- Kampfkunst, bei denen es im Kern eher
nicht. Und wer hätte etwas einzuwenden gebenermaßen dann schwierig ist, wenn um die Entwicklung der eigenen Persön-
gegen konstruktiv und respektvoll formu- womöglich der eigene Chef Ursache des lichkeit als um sportliche Aspekte geht.
liertes Feedback? Viele Führungskräfte Übels ist. Auch wenn eine Angelegenheit Selbstverteidigung zielt natürlich in erster
wissen insoweit auch um ihre Verant- einen selbst schon länger beschäftigt und Linie auf eines ab, nämlich sich selbst zu
wortung. Sie kommunizieren klar und
dennoch entschlossen, ohne die verbale
Balance halten und Ruhe bewahren: in der Kampfkunst ebenso wichtig wie in der
Keule auszupacken. Doch das ist nicht
verbalen Auseinandersetzung.
immer so.
Zwar wird eine wertschätzende Kommuni-
kation immer wieder eingefordert; das ist
jedoch nur eine Seite der Medaille. Sie in
der Praxis zu leben, ist etwas ganz ande-
res. Und wer kennt nicht selbst oder doch
vom Hörensagen Choleriker, die plötzlich
aus der Haut fahren und schneller von
Null auf 180 sind als ein Sportwagen. Oder
man ist sich im Kollegenkreis alles andere
als grün: Hier wird man mit Vorwürfen
persönlich angegangen, da wird die Kom-
petenz angezweifelt oder man sieht sich
bloßgestellt, wie etwa im eingangs ge-
schilderten Fall. Verbale Tiefschläge sind
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hier wie dort nicht ausgeschlossen, egal


ob offen und direkt, ob bewusst oder un-
bewusst als Ausrutscher. Und dann gibt es
noch Angriffe, die auf vergleichsweise lei-
sen Sohlen daherkommen und einen ma-
nipulativen Charakter haben, etwa indem
man versucht, jemanden „einzulullen“.

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Der Wirtschaftsführer 2017

schützen. „Verteidigung“ ist insofern aber Watzlawick wissen wir: Man kann vis-à- Sticheleien parieren. Vielleicht ist
keineswegs allein auf Abwehrstrategien vis „nicht nicht kommunizieren“. Außer- man aber auch von ewigen Stichelei-
beschränkt. Ganz im Gegenteil. Nicht ohne dem erleben wir unser Kommunikations- en genervt. Etwa, wenn man ein „Wo
Grund heißt es ja bekanntlich: Angriff ist verhalten immer auch als Reaktion auf haben Sie denn so was gelernt?“ zu
die beste Verteidigung. Das stimmt, wenn den anderen – ein hin und her schwin- hören bekommt. Leicht ist man ver-
er mit Bedacht erfolgt. Je weniger Auf- gendes Pendel. Dieses Muster gilt es zu sucht, wieder darauf zu reagieren und
wand dafür erforderlich ist und je weniger durchbrechen. sich zu rechtfertigen. Das bringt aber
Angriffsfläche man selbst bietet, desto Wer Kampfkunst betreibt, weiß, wie regelmäßig gar nichts. Hier könnte man
effektiver. Doch verpuffen auch die besten entscheidend die eigene Balance ist. eher eine Gegenfrage stellen, denn
Herangehensweisen, wenn es letztlich am Konsequenterweise wird das wieder und wer fragt, der führt. Meistens jeden-
Wichtigsten fehlt: der eigenen Courage. wieder trainiert. Will man verhindern, falls. Wichtig: Die Frage muss konkret
Selbstverteidigung beginnt daher im Kopf. aus dem Gleichgewicht zu geraten, ist sein. Ein einfaches „Wieso?“ führt nicht
es beispielsweise wichtig, die eigenen weiter und lädt die andere Seite eher
Bewegungen zu begrenzen und nicht noch ein, nachzulegen. Wie wäre es
Alles eine Frage der Einstellung
zu „überschießen“. Übertragen auf die z. B. mit
Gerade wenn einen selbst ein verbaler verbale Selbstverteidigung verbietet es
Angriff unvorbereitet trifft, ist es schwie- sich damit von selbst, immer noch einen „Was meinen Sie konkret?“
rig, angemessen zu (re-)agieren. Schar- draufsatteln zu wollen und womöglich
fe Äußerungen verunsichern. Und nicht aus„fallend“ (!) zu werden. Die Ruhe zu Tiefschläge kontern. Heikler ist der Um-
jeder ist mit einem dicken Fell gesegnet bewahren ist bei alledem ein Schlüssel gang mit echten verbalen Tiefschlägen.
oder kann Angriffe an sich abperlen lassen zum Erfolg. Und in der Ruhe liegt be- Natürlich kann man hier schweigen. Das
wie an einer Teflonpfanne. Das gilt gerade kanntlich die Kraft. ist dauerhaft aber keine hilfreiche Stra-
beim Berufseinstieg, wenn die Erfahrung tegie, erst recht nicht, wenn man sich
im Umgang mit den Kollegen und Vor- nicht in die Defensive drängen lassen
Chancen erkennen und nutzen
gesetzten fehlt. Man sieht sich vielleicht will. Auf das „Ich glaube nicht, dass Sie
auch nicht in der Position, auf Augenhöhe Wer sich aus seiner Komfortzone traut, das beurteilen können“ aus dem Ein-
zu kommunizieren. Hinzu kommt die ver- kann Chancen erkennen und nutzen. gangsbeispiel könnte bereits Folgendes
ständliche Sorge vor etwaigen Konsequen- Nachfolgend drei Möglichkeiten, die – wie reichen:
zen. Da ist die Versuchung, gute Miene bereits beschrieben – einfach zu handha-
zum eher bösen Spiel zu machen, groß. ben sind und sich für viele Begebenheiten „Das hab’ ich jetzt überhört“.
Doch zum einen sind die ausgemalten Fol- eignen. Fangen wir ganz leicht an.
gen einer Reaktion nur Spekulation. Zum Hat man natürlich nicht. Und das Ge-
anderen beraubt man sich selbst wichtiger Manipulationen aufgreifen. Vergleichs- genüber wird es merken. Und wer in
Chancen, wie etwa der Möglichkeit, das weise einfach zu handhaben sind Ma- einer solchen Situation womöglich eine
Blatt zum Besseren zu wenden. Das wird nipulationen, wenn es gelingt, sie zu Entschuldigung erwartet – die wird eher
umso leichter gelingen, je besser man das durchschauen. Entweder man schweigt nicht kommen. Hier wären auch Nachfra-
eigene Gleichgewicht behält. (und freut sich, den anderen durchschaut gen nicht sinnvoll, denn die andere Seite
zu haben). Oder aber man thematisiert könnte sich dadurch wieder ermuntert
die Sache – natürlich respektvoll und viel- fühlen, nachzulegen: Auf ein „Wie darf
Die Balance behalten
leicht sogar mit einem Schmunzeln oder ich das verstehen?“ möchte man schließ-
Ein verbaler Angriff und der Adrenalin- Augenzwinkern. Humor wirkt bekanntlich lich kein „Na, so wie ich es gesagt habe!“
spiegel schnellt nach oben: Nur allzu entwaffnend. hören.
gern würden wir es dem Gegenüber mit So sinnvoll Fragen oftmals sind, sie loh-
gleicher Münze heimzahlen. Doch ebenso „Ach, Sie loben mich doch jetzt nur, damit nen sich nicht, wenn es hart auf hart
wie es wenig sinnvoll ist, nichts zu sagen, ich das beim nächsten Mal auch wieder kommt. Sie laden nur zum weiteren ver-
ist es ratsam, aus einem Impuls heraus zu mache“. balen Nachtreten ein. Eine Ausnahme
kontern. Zu leicht gießt man zusätzliches allenfalls: Eine Frage, die die Gegensei-
Öl ins Feuer, was eher den gegenteiligen Oder: te selbst zwingt, sich zu rechtfertigen.
Effekt nach sich zieht. Konflikte folgen Das Zauberwort: „Warum?“. Hier ein
insofern einer Eskalationsspirale. Und „Freut mich, dass Ihnen die Ausarbeitung Beispiel:
dank des amerikanisch-österreichischen zusagt. Ich hoffe, Sie sagen das jetzt nicht,
Kommunikationswissenschaftlers Paul damit ich …“ „Warum so persönlich/so laut/so auf­
gebracht?“

INFO Das ist kurz und knapp und man erwartet


ja keine wirkliche Begründung. Ruhig
Prof. Dr. André Niedostadek, LL.M. ist Hochschullehrer für Wirtschafts-, Arbeits-
vorgebracht und verbunden mit einem
und Sozialrecht an der Hochschule Harz in Haberstadt. Als ausgebildeter Wirt-
überraschten Lächeln kann das Wunder
schaftsmediator widmet er sich speziell Kommunikationsthemen und praktiziert
wirken – selbst gegenüber Führungs­
selbst die Kampfkunst des Ving Tsun.
kräften.

© Richard Boorberg Verlag, Stuttgart/München


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Übung macht den Meister tagtäglich – auch außerhalb des Be-


rufs. Hilfreich ist es sicher, zunächst
Wer bei alledem Hemmungen hat, mag im Kleinen zu beginnen und sich selbst Prof. Dr. André Niedostadek,
LL.M., Hochschule Harz,
sich vielleicht beruhigen: Es bedarf kei- bewusst zu werden. Es gibt vieles zu
aniedostadek@hs-harz.de
ner besonderen Veranlagung, um das entdecken. Ganz nebenbei trainiert man WWW: https://www.
Thema für sich zu entwickeln. Letzt- die eigene Konfliktfähigkeit – übrigens hs-harz.de/aniedostadek
lich ist alles eine Frage der Übung. Und eine in vielen Stellenanzeigen geforderte Twitter: http://www.
Trainingsmöglichkeiten bieten sich ja Schlüssel­kompetenz. twitter.com/niedostadek

© Richard Boorberg Verlag, Stuttgart/München