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>> Die Politische Meinung

Zur Eigenständigkeit Wie deutsch


in der Auseinandersetzung
mit dem Fremden
ist die deutsche Literatur?
Gerhard Lauer

Die Debatte hatte kaum begonnen, da solcher Artikel hätte unvermeidlich eine
war sie schon zu Ende, die Debatte über Flut kaum handhabbarer Rechtsverfah-
die Frage, ob dem Deutschen ein Ver- ren nach sich gezogen, wie Jutta Limbach
fassungsrang zuzuerkennen sei. Vorge- in ihrem Buch Hat Deutsch eine Zukunft?
schlagen war, einen Zusatz zum Grund- zu bedenken gegeben hat.
gesetzartikel 22 aufzunehmen: „Die Spra- Ist die Aufregung aufschlussreich, weil
che der Bundesrepublik ist Deutsch.“ sie ein Indiz für den immer noch nicht
An diesem Vorschlag wie an der so gelassenen Umgang mit der eigenen
rasch verebbten Diskussion ist manches Sprache in Deutschland ist, so ist das
aufschlussreich, die Aufregung ebenso rasche Verschwinden der Debatte eben-
wie das Verschwinden der Debatte. Wa- so aufschlussreich für das mangelnde
rum eine Aufregung, wenn gegenwärtig historische Bewusstsein gegenüber der
die Sprache der Bundesrepublik eben deutschen Sprache. Vergessen ist einmal
Deutsch ist, auch wenn in vielen Lebens- mehr, dass der Gebrauch des Deutschen
und Arbeitsbereichen andere Sprachen als Sprache der Gesellschaft alles andere
gesprochen werden, allen voran das Eng- als eine Selbstverständlichkeit und his-
lische? Ein strafbewehrtes Gesetz gegen torisch jünger als vermutet ist. Zu einer
den öffentlichen Gebrauch von Fremd- gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit
wörtern etwa, wie es andere Länder ken- wird das Deutsche erst im Zug der Ver-
nen, hatte niemand vorgeschlagen. Die bürgerlichung der Lebensverhältnisse im
Aufregung wäre dann nur eine über eine neunzehnten Jahrhundert. Historiker wie
Tautologie gewesen, läge nicht die politi- Thomas Nipperdey haben eindringlich
sche Symbolik des Vorschlags auf der gezeigt, wie die Verbürgerlichung im
Hand. Sie hatte die Debatte zunächst be- Deutschland des neunzehnten Jahrhun-
feuert und dann zum Erliegen gebracht. derts mit der Ästhetisierung der Lebens-
Nach dem „Deutschen“ zu fragen, das welt zusammenhängt. Und diese Ästheti-
führt die kurze Debatte um eine Verfas- sierung der Lebenswelt läuft zu einem
sungsergänzung einmal mehr vor, wirkt Gutteil über die Sprache. Ohne die Spra-
unvermeidlich antiquiert, als wäre man che und die Künste wäre die Verbürgerli-
einer jener Fremdwörter-Jäger, die für chung in Deutschland eine andere gewor-
„Nase“ lieber „Gesichtserker“ und für den. Man übertreibt nur wenig, wenn
„Auto“ „Knallgastriebling“ sagen möch- man sagt, dass der Aufstieg der bürger-
ten, und würde sich damit gegen die lichen Gesellschaft in Deutschland ohne
Vielsprachigkeit der modernen Welt für den Aufstieg des Deutschen zu einer
eine Reprovinzialisierung des Landes Sprache ebendieser Gesellschaft nicht
aussprechen. Am Ende waren es dann denkbar wäre. Literatur, genauer Litera-
pragmatische Gründe, die den Vorschlag tur in deutscher Sprache, wurde in die-
zum Verschwinden gebracht haben. Ein sem Prozess der kulturellen Vergesell-

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Gerhard Lauer

schaftung zum Schlüssel der gesellschaft- ther in seinem Sendbrief vom Dolmetschen
lichen Teilhabe. 1530. Kein Zweifel, dass die Reformation
Im Prozess der Entstehung der mo- das Deutsche zu achten gelernt hat, weil
dernen bürgerlichen Gesellschaft kam ihr so viel am Glauben aller und an der
der Literatur eine so herausragende Rolle Frömmigkeit gerade auch des Volkes so
zu, dass die Frage damals nicht war viel lag. Parallele Prozesse in der Ent-
„Wie deutsch ist die deutsche Literatur?“, wicklung neuer Textgattungen und in der
sondern eher „Warum ist die deutsche Verwaltungssprache, hier besonders in
Literatur überhaupt eine Literatur in der Kanzleisprache in Sachsen und in den
deutscher Sprache?“. Ebendas war nicht wenigen größeren Städten, blieben nicht
selbstverständlich, vielmehr ist historisch ohne Rückwirkungen auf die Literatur,
vom langen Weg zu berichten, den die wenn man darunter weniger die schöne
deutsche Literatur genommen hat, um Literatur versteht. Denn das Deutsche ge-
auch eine Literatur in deutscher Sprache hörte damals zu den derben Fastnachts-
zu werden. spielen, den Sittenspiegeln wie Sebastian
Brants Narrenschiff von 1494 und zu den
Aufstieg des Deutschen Kirchenliedern. Die weit darüber ange-
Es gehört zum literaturhistorischen siedelten studia humanitatis, aber auch die
Grundwissen, dass die Literatur in den in einer Ständegesellschaft viel höher be-
deutschen Ländern über lange Zeiträume werteten Gattungen wie die Oper etwa
nicht eine in deutscher Sprache war. waren in Lateinisch abgefasst oder auf
Wenn wir landläufig den Eindruck ha- Italienisch gesungen worden. Man kann
ben, dass vom Mittelalter bis heute ein an Opitz’ Buch von der Deutschen Poeterey
kontinuierlicher Strom literarischer Über- aus dem Jahr 1624 noch ablesen, wie
lieferung fließt, der Walther von der schwierig es gewesen sein muss, nur ge-
Vogelweide mit Gottfried Benn und nauer zu bestimmen, ob denn das Deut-
Wolfram von Eschenbach mit Uwe John- sche die Versakzente durch Längen oder
son verbindet, dann ist dies eine Kon- Akzente bestimmt oder wie denn über-
struktion der Literaturgeschichtsschrei- haupt die rechten Worte auf Deutsch lau-
bung seit dem neunzehnten Jahrhundert. ten, die einem Dichter auf Latein oder
Tatsächlich war das Mittelalter eines, das Französisch sofort in den Sinn kommen.
sich ganz überwiegend des Lateinischen Opitz war nur einer unter vielen, die das
bedient hat. Das Mittelhochdeutsche da- Deutsche mühsam aufzuwerten trachte-
gegen entspricht keiner wirklich gespro- ten. Die Volkssprache war in der Frühen
chenen Sprache, sondern ist seinerseits Neuzeit letztlich noch keine Sprache der
eine Idealisierung und auf die wenigen, Literatur, keine Schriftstandardsprache,
zumeist höfischen Anlässe beschränkt, die die deutschen Dialekte integriert
bei denen die Werke Walthers oder Wol- hätte. Es bedurfte verschiedener Lizen-
frams und anderer vorgetragen wurden. zen, solcher der Religion oder der öffent-
Für die Frühe Neuzeit wird man im- lichen Ordnung, um sie zu verwenden.
merhin die Reformation geltend machen Ganz wörtlich von „Spracharbeit“ reden
können, mit der die Sprache der gemei- denn auch die Sprachgesellschaften, die
nen Leute aufgewertet wurde. „Man muß im siebzehnten Jahrhundert in den grö-
die Mutter im Hause, die Kinder auf der ßeren Städten wie Nürnberg und den
Gasse, den gemeinen Mann auf dem kleineren Universitätsstädten gegründet
Markt darum fragen und denselbigen auf wurden. Die Träger dieser Sprachgesell-
das Maul sehen, wie sie reden, und da- schaften wie der „Fruchtbringenden Ge-
nach dolmetschen“, schreibt Martin Lu- sellschaft“ in Anhalt-Köthen etwa waren

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Wie deutsch ist die deutsche Literatur?

Gelehrte und Adlige, die sich nicht selbst- sammlung Reliques of Ancient English Poe-
verständlich des Deutschen bedienten. try von 1765 ihr Vorbild gefunden. Wäre
Für sie war es eine „Arbeit“ im wörtlichen ein Jahrhundertroman wie Goethes Wer-
Sinn, Worte wie zum Beispiel „Tage- ther von 1774 ohne Rousseaus Nouvelle
buch“ für Diarium, „Nachwort“ für Epi- Héloïse und Richardsons Pamela denkbar
log, „Augenblick“ für Moment, „Jahr- gewesen? Wohl kaum. Es ist das Paradox
hundert“ für Säculum, „Sprachlehre“ der deutschen Literatur, eine deutsche ge-
für Grammatik, „Schaubühne“ für Thea- worden zu sein in der Auseinanderset-
ter oder „Letzter Wille“ für Testament zung mit der fremdsprachigen Literatur.
zu finden. Bei allen Anstrengungen, Damit geht die deutsche Literatur keinen
wenn im schlesischen Glogau die dor- Sonderweg, sondern entwickelt sich nicht
tigen Schüler Dramen eines Andreas Gry- viel anders als die meisten anderen euro-
phius auf Deutsch aufgeführt haben oder päischen Literaturen.
unbekannte Autoren wie jener von der
Forschung als Hans Jacob Christoffel von Skepsis gegen neue Prätentionen
Grimmelshausen identifizierte Schreiber Vor diesem Hintergrund kann es kaum
des Simplicissimus-Romanzyklus in ihrer verwundern, wenn noch 1780 Friedrich
Muttersprache geschrieben haben, so II. in seiner Schrift De la Littérature Alle-
war das in der zeitgenössischen Bewer- mande (Über die deutsche Literatur) die
tung als „niedrig“ auf der Skala literari- sich formierende deutsche Literatur ver-
scher Stilmöglichkeiten angesiedelt. Eine urteilt, und das mit guten Kenntnissen
Selbstverständlichkeit war eine deutsche der Literaturlandschaft seiner Zeit. Ge-
Literatur in deutscher Sprache nicht. messen an der kulturellen Brillanz der
Französische Sonette, italienische Canzo- europäischen Hofkultur, die immer noch
nen oder spanische Romane konnte man nach Paris blickt, ist das doch zu wenig,
bestenfalls nachahmen. Bei Hofe blieb das was da um 1780 in deutscher Sprache
Französische und in den Universitäten geschrieben wird. Friedrichs Skepsis ge-
das Latein bestimmend. Multilingual also genüber den Ambitionen der Pfarrers-
und nur selten Deutsch war die Literatur söhne, Beamtenkinder und gelegentlich
im Alten Reich. auch der Patrizierenkel war im achtzehn-
Das alles sollte sich erst im achtzehnten ten Jahrhundert keineswegs die einzige
Jahrhundert zu ändern beginnen, als neue Stimme, die dem Backenblasen der jun-
ästhetische Konzepte bestimmend wur- gen deutschen Literatur nicht recht über
den, die Literatur auf Natürlichkeit des den Weg traute. Im aufgeklärten Göttin-
Ausdrucks und auf empfindsame Subjek- gen etwa schmeckten die Prätentionen
tivität verpflichteten. Und noch dann eines Klopstock oder des jungen Goethe
blieben die ausländischen Literaturen vielen nicht. Lichtenberg hat die Klage
tonangebend. Ja mehr noch war es erst wohl am pointiertesten zuzuspitzen ge-
die Auseinandersetzung mit den anderen wusst. In seinen Sudelbüchern notiert er:
Literaturen Europas, allen voran dem „Es gibt heuer eine gewisse Art Leute,
Französischen und dann auch dem Engli- meistens junge Dichter, die das Wort
schen, die die deutsche Literatur zu einer Deutsch fast immer mit offnen Naslöchern
Literatur in deutscher Sprache gemacht aussprechen. Ein sicheres Zeichen, dass
hat. An Mustern der Comédie larmoyante der Patriotismus bei diesen Leuten sogar
hat sich Gotthold Ephraim Lessing für auch Nachahmung ist. Wer wird immer
seine Schauspiele geschult, und Johann mit dem Deutschen so dicke tun? Ich bin
Gottfried Herder oder Gottfried August ein deutsches Mädchen, ist das etwa mehr
Bürger haben in Thomas Percys Balladen- als ein englisches, russisches oder otahei-

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Gerhard Lauer

tisches? Wollt ihr damit sagen, dass die ohne Mühen erst in der Auseinander-
Deutschen auch Geist und Talent besit- setzung mit den anderen Literaturen eine
zen? O das leugnet nur ein Unwissender in deutscher Sprache wurde. Erst hier um
oder ein Tor. Ich stelle mich zum Beweis, achtzehnhundert in Klassik und Roman-
wenn er sich zur Behauptung stellt. Er sei tik mag man von einer deutschen Litera-
Prinz, Duc, Bischof, Lord, Aldermann, tur in einem emphatischeren Sinne spre-
Don oder was er will. Gut, das ist ein Narr chen. Für diese neu gewonnene Selbst-
oder Unwissender, wer das leugnet, das ständigkeit spricht auch, dass man in
nehme ich schlechtweg an. Ich bitte euch Warschau wie im Lake District, im
Landesleute, laßt diese gänzlich unnütze katholischen Paris oder an den ober-
Prahlerei, die Nation, die uns verlacht, italienischen Seen Nachfolger gefunden
und die, die uns beneidet, müssen sich hat. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte
darüber kützeln, zumal wenn sie inne wurde die deutsche Literatur selbst zum
werden, dass es ihnen gesagt sein soll.“ Vorbild für Nachahmungen anderer Li-
teraturen, ein Indikator für die Eigen-
Aus dem Geist der Antike ständigkeit der modernen deutschen Li-
Für Lichtenberg war die Überlegen- teratur um achtzehnhundert. Aber noch
heit der englischen Literatur unbestritten einmal: Auch diese emphatische Kunst
und alles andere bestenfalls nachah- der Klassik und Romantik verdankt sich
mende Angeberei. Und doch gewinnt der intensiven Auseinandersetzung mit
gegen Ende des achtzehnten Jahrhun- den europäischen Nachbarliteraturen. Ja
derts mit der Klassik und dann auch der mehr noch beziehen so grundverschie-
Romantik die deutsche Literatur in deut- dene Autoren wie Goethe und Friedrich
scher Sprache eine Eigenständigkeit, die Schlegel auch die außereuropäischen Li-
dann ihrerseits nachgeahmt wird. Aber teraturen mit ein, die persische Literatur
sie gewinnt ihre Eigenständigkeit eben oder die Sanskrit-Literatur Indiens. Be-
als Klassizismus, also in der programma- zeichnenderweise ist in diesen Jahren
tischen Erneuerung der Kunst aus dem auch zum ersten Mal die Rede von der
Geist der Antike. „Sinnreich bist du, die „Weltliteratur“, von der die deutsche Li-
Sprache von fremden Wörtern zu säu- teratur ein Teil sei.
bern, / Nun so sage doch, Freund, wie Die Reihe solcher und ähnlicher Be-
man Pedant uns verdeutscht“, dichten züge der Literaturen lässt sich fortsetzen,
Goethe und Schiller in ihren Xenien und und immer wieder treffen wir auf den-
unterstreichen einmal mehr, dass nicht selben Zusammenhang, dass eben das
„Deutsch“, sondern „Griechisch“ das Eigene in der Auseinandersetzung mit
Phantasma ist, das die deutsche Literatur dem anderen, das manchmal auch das
zur Kunst erhebt. Und die Romantiker Fremde ist, entstanden ist. Griechische
teilen einerseits diesen Klassizismus, Poetiken, lateinische Gedichte, französi-
überhöhen ihn und damit die Kunst aber sche Dramen, englische und spanische
noch einmal zu einer säkularen Religion. Romane haben der deutschen Literatur
Nicht das „Deutsche“, sondern das rich- den Weg gewiesen, und das nicht selten
tige „Zauberwort“ zu treffen, damit das unter emphatischer Bezugnahme auf sie.
ganze verkehrte Wesen der Gegenwart Shakespeare scheint geradezu der größte
fortfliegt, ist Aufgabe der Kunst. deutsche Dichter zu sein. Das ist in der
An der Auseinandersetzung um die deutschen Literatur nicht viel anderes
Nachahmung auch der fernen Litera- denn in anderen (mindestens) europä-
turen, etwa der Indiens, kann man stu- ischen Literaturen. Und selbst eine über
dieren, wie die deutsche Literatur nicht Jahrhunderte so überragende Sprache

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Wie deutsch ist die deutsche Literatur?

wie das Französische hat bis ins sieb- Religion. War hier die Opposition von
zehnte Jahrhundert mit dem Lateinischen „weltlich/geistlich“ bestimmend und
und dem Italienischen konkurriert. Der „Welt“ daher eine tendenziell negative
schwierige Weg zur nationalsprachlichen Bezeichnung, so wird „Welt“ bei Herder
Literatur läuft über die Sprachen der an- wie in der schottischen Moralphilosophie
deren Nationen. Deutschland hat keinen zu einem positiv aufgeladenen Verspre-
Sonderweg beschritten. chen auf die allgemeine Verbesserung des
Menschengeschlechts. Dessen Perfektibi-
Weltgesellschaft am Horizont lität führe zu einer stetigen Verbesserung,
Kaum ist diese Literatur eine „deutsche“, zur allgemeinen Kultivierung der Le-
ohne dass man sich dafür verrenken bensverhältnisse der ganzen bewohnten
müsste, wird bestritten, dass es noch lan- Erde. Das Weltpublikum sei die Folge.
ge eine nationalsprachliche Literatur ge- Das blieb nicht unwidersprochen. Mit
ben werde. Schon um achtzehnhundert kritischer Absicht proklamieren schon in
spricht Johann Gottfried Herder in seinen der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts
Briefen zur Beförderung der Humanität zum Karl Marx und Friedrich Engels das Ende
ersten Mal von einem Weltpublikum, gerade jener deutschen Literatur, die sich
dem sich die Literatur zuwende: „Welche eben erst formiert hatte. Ihre Argumente
Mühe kostete es in ältern Zeiten, Bücher erscheinen uns verblüffend aktuell, sind
zu haben und über einen Inbegriff von sie doch schon von jenem Phantasma der
Wissenschaft zu urteilen! Jetzt über- Globalisierung durchdrungen, das ge-
schwemmen sie uns; eine Flut Bücher und genwärtig auch unser Denken bestimmt.
Schriften, aus allen für alle Nationen ge- Im Kommunistischen Manifest von 1848
schrieben. Ihre Blätter rauschen so stark konstatieren sie: „An die Stelle der alten
und leise um unser Ohr, daß manches lokalen und nationalen Selbstgenügsam-
zarte Gehör schon jugendlich übertäubt keit und Abgeschlossenheit tritt ein allsei-
wurde. In Büchern spricht Alles zu allem; tiger Verkehr, eine allseitige Abhängig-
niemand weiß zu Wem? […] Von einem keit der Nationen voneinander. Und wie
solchen Publikum wußte weder Rom, in der materiellen, so auch in der geistigen
noch Griechenland: Guttenberg und sei- Produktion. Die geistigen Erzeugnisse
ne Gehülffen haben es für die ganze Welt der einzelnen Nationen werden Gemein-
gestiftet.“ gut. Die nationale Einseitigkeit und Be-
Herder war nicht der Einzige, der um schränktheit wird mehr und mehr un-
achtzehnhundert die Weltgesellschaft am möglich, und aus den vielen nationalen
Horizont ausgemacht hat. Sehr wahr- und lokalen Literaturen bildet sich eine
scheinlich, dass er in diesen Jahren um Weltliteratur.“
1793/94 auch Adam Smith’ Wealth of Das war die Prognose von 1848, und an
Nations gelesen hat, einen der ersten Ver- ihr stimmt vieles nicht, ja bei genauerem
suche, die Welt als einen einheitlichen Hinsehen kaum etwas. Aber dieses Mani-
Wirtschaftsraum zu sehen. Um diese Zeit fest benennt schon recht genau jenes
um achtzehnhundert fließen dem deut- Arsenal kulturkritischer Topoi, die auch
schen Wortschatz jedenfalls aus verschie- gegenwärtige Globalisierungskritik noch
denen Quellen solche Neuprägungen anleiten und dem Gefühl die Worte ge-
wie „Weltwirtschaft, Weltverkehr, Welt- ben, man müsse das Lokale wie etwa die
markt, Weltöffentlichkeit, Weltpolitik“ deutsche Sprache verteidigen gegen die
zu. Alle diese Wörter verschieben das Erosion ins Beliebige einer konsumgläu-
traditionelle Wortfeld von „Welt“ heraus bigen Weltgesellschaft. Wir alle werden
aus seinem angestammten Platz, dem der den Eindruck nicht los, dass die Ausein-

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Gerhard Lauer

andersetzung mit den Sprachen, ob nun Günter Grass gilt beispielsweise nach
dem Deutschen oder auch anderen Spra- dem aktuellen Ranking in der Zeitschrift
chen, sich kaum noch um das Herkom- Cicero unbestritten als der wichtigste
men kümmert und wenig über die natio- deutsche Gegenwartsautor, obwohl man
nalsprachlichen Literaturen und ihre je- Salman Rushdie, Jonathan Safran Foer
weiligen Besonderheiten weiß. Formiert oder Karin Desai für weit bedeutender
nicht längst eine Hollywood-Ästhetik un- halten könnte.
sere Wahrnehmung so sehr, dass es nur Der italo-amerikanische Literaturwis-
noch ein Anachronismus sein kann, da- senschaftler Franco Moretti hat die These
nach zu fragen, wie deutsch deutsche aufgestellt, dass die Durchdringung der
Literatur sei? einzelnen Literaturen nach einer Gesetz-
mäßigkeit erfolge. Eine fremde, nach-
Beginn einer Umformung geahmte Form und lokale Figuren, The-
Meine Antwort darauf ist ein klares men und Erzählerstimmen ergeben eine
Nein. Weder gab es um 1848 eine solche neue Literatur. Das trifft auch auf die
Weltliteratur, von der Marx und Engels Entwicklung der deutschen Literatur
sprechen, auch wenn Erfolgsautoren ganz gut zu. Werther ist eine lokale Fi-
wie Walter Scott viel nachgeahmt wur- gur in einer von außen gelernten Form
den, noch gibt es sie heute. Was als Äs- und nicht nur er. Wenn Morettis These
thetik eines gut gemachten Hollywood- zutrifft und dieses Zusammenspiel von
Films firmiert, sind die Regularitäten, die Form und Inhalt vielleicht wirklich so
schon ein August von Kotzebue oder ein etwas wie eine Gesetzmäßigkeit der Evo-
August Wilhelm Iffland vor achtzehn- lution von Literatur wäre, dann hieße
hundert anzuwenden wusste, jene Mi- das heute: Es gibt weder eine uniformie-
schung aus Rührung und Komik, aus rende Weltliteratur, noch sind die Natio-
Spannung und Auflösung, die älter und nen entscheidend für die Fortentwick-
wohl keine Spezifik noch nicht einmal lung der Literatur. Bestimmend sind die
der europäischen Literatur ist. Und Hol- jeweils an Gattungen und Genre rückge-
lywood spricht keineswegs die Sprache bundenen Formen, die nicht einfach an
der Welt. Um mindestens eine Milliarde Sprachen und noch weniger an Nationen
größer als die geschätzten drei Milli- angebunden sind. Es spricht also wenig
arden Zuschauer für Hollywood-Filme dafür, dass wir am Anfang einer Auf-
sind die Zuschauerzahlen für das indi- lösung der deutschen Literatur in deut-
sche Bollywood-Kino. Die Ästhetik bei- scher Sprache stehen, sondern eher am
der Kinos unterscheidet sich immer noch Anfang einer Entwicklung, in der neue
so, dass hier von keiner globalen Äs- Formen uns vertraute Figuren, Themen
thetik die Rede sein kann. Die deutsche und Stimmen umformen werden. Jene
Literatur kultiviert immer noch den um achtzehnhundert irgendwie dann
Unterschied zwischen Hochliteratur und doch deutsch gewordene Literatur wird
Populärliteratur, den andere Literaturen uns noch lange als eine deutsche erschei-
so gar nicht kennen, und ist vielfach nen. Aber ihre Formen werden sich dann
noch fixiert auf deutsche Themen, vor schon lange gewandelt haben. Genau
allem den Nationalsozialismus und seine das hat die deutsche Literatur immer
Folgen bis hin zur deutschen Teilung. schon getan.

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