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Offener Brief an Jair Bolsonaro: Brasilien scheitert daran, die

körperliche Unversehrtheit seiner indigenen Völker zu schützen


während der COVID-19 Pandemie.

Sr. Jair Bolsonaro


President
Praça dos Três Poderes, Palácio do Planalto
Twitter: @jairbolsonaro

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren,

Als Geschäftsführer von “Cultural Survival” wende ich mich mit diesem Schreiben an
Sie, um meine größte Besorgnis darüber zu bekunden, wie Brasilien es verfehlt, die
körperliche Unversehrtheit und Sicherheit seiner indigenen Bevölkerungsgruppen im
Lichte der COVID-19 Pandemie zu schützen und ersuche sie nachdrücklich darum,
sofort zu handeln, um die Sicherheit und den Schutz aller indigenen Völker und
Gemeinschaften, einschließlich der Quilombalas, sicherzustellen durch die Umsetzung
von Maßnahmen, die mit den Richtlinien und Empfehlungen der WHO im Einklang
stehen.
“Cultural Survival” ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in den Vereinigten
Staaten, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Selbstbestimmung der indigenen Völker
weltweit zu unterstützen und setzt sich dabei als Fürsprecherin für indigene Rechte und
Menschenrechte ein.
Darin mit inbegriffen ist auch die Zurverfügungstellung von Mitteln und Plänen, um zu
gewährleisten, dass in allen Bezirken und Einrichtungen von SESAI (Special Indian
Health Service of the Ministry of Health) jene Prozeduren angewendet werden, die es
ermöglichen, infizierte Personen einwandfrei zu identifizieren und zu behandeln.
Dabei ist es besonders wichtig, die korrekte Isolierung jener Personen zu
gewährleisten, die sich mit COVID-19 infiziert haben und dagegen behandelt werden.
Denn gelingt es nicht, Infizierte zu isolieren, werden Dritte einem hohen Risiko
ausgesetzt und die Gesundheit anderer Personen und ganzer Gemeinschaften
beeinträchtigt.

Es ist unverantwortlich und grob fahrlässig, dass Brasilien es verabsäumt, die


Gesundheit und Sicherheit der indigenen Völker zu garantieren; das schließt ebenso die
Bewohner von abgelegenen Gebieten im Amazonas ein als auch jene, welche in
verarmten Regionen leben, wo die Armut die indigenen Völker besonders verwundbar
macht, wie z.B. im Nordosten des Landes aber ebenso auch im städtischen Raum.
Die vorliegenden Verfahrensweisen und Protokolle, die das SESAI in seinem COVID-19
Notstandsplan erläutert hat, entsprechen nicht den Richtlinien und Empfehlungen der
WHO. Daher sind sie unverantwortlich und grob fahrlässig. Sie stellen eine Verletzung
sowohl der Verfassung von 1988, der ILO-Übereinkunft 169 als auch der Erklärung der
Vereinten Nationen über die Rechte von indigenen Völkern dar, welche Brasilien als
Signatarstaat unterzeichnet hat.
Die derzeitige Politik Brasiliens bezüglich der Gesundheit und des Schutzes seiner
indigenen Bevölkerung stellt daher nichts als Völkermord dar.

Der erste COVID-19-Fall in Brasilien, der eine Person indigener Herkunft betraf, war
eine 20 jährige Kokama, die sich Anfang April während ihrer Tätigkeit im
Gesundheitswesen von einem Arzt nicht-indigener Herkunft ansteckte. SESAI war nicht
in der Lage, angemessene Schritte zu setzen, um die weitere Ausbreitung des Virus zu
verhindern.
Daraufhin breitete es sich schnell in Parque dos Tribos aus, das in den Außenbezirken
von Manaus liegt. Manaus ist die Heimat vieler Völker, einschließlich der Tikuna, die
besonders hart getroffen wurden.Trotz des mutigen Einsatzes von
Gesundheitsfachkräften, zu denen technische SpezialistInnen, KrankenpflegerInnen,
ÄrztInnen und Gesundheitsmonitoren gehören, die an vorderster Front unter
gefährlichen Bedingungen arbeiten, starben bereits 40 Kokama seit dem ersten
bekannten Fall im April.

Das Virus bewegte sich sehr schnell den Rio Negro stromaufwärts nach São Gabriel da
Cachoeira, ebenfalls im Bundesstaat Amazonas gelegen, wo es die die dortigen
indigenen Einwohner dezimierte. Am 3. April 2020 verkündete Robson Santos da Silva,
der zuständige Sekretär für die Gesundheit der indigenen Völker, dass das SESAI nicht
mehr länger jenen Personen indigener Herkunft zur Verfügung stehen würde, die im
städtischen Raum wohnhaft sind. Dies schließt indigene Bewohner der Stadt São
Gabriel da Cachoeira, wo die Mehrheit der Bevölkerung indigener Herkunft ist, ebenso
wie indigene Stadtbewohner andernorts, vom Zugang zu medizinischer Versorgung
aus. Menschen indigener Abstammung werden aber nicht einfach weiß, weil sie in
Städten wohnen, wie das Herr da Silva andeuten möchte.
Indem das SESAI diese Position einnimmt, kündigt es seine Verantwortung auf, für die
körperliche Unversehrtheit und Sicherheit von Brasiliens indigener Bevölkerung
zu sorgen und diese zu gewährleisten.Das SESAI ist dazu verpflichtet, allen Menschen
mit indigener Herkunft zur Verfügung zu stehen und diese zu unterstützen, unabhängig
davon, wo diese ihren Wohnsitz haben.
Wenn das Gesundheitsministerium bei dieser Aufgabe versagt, begeht es eine schwere
Verletzung seines verfassungsrechtlichen Auftrages, der darin besteht, Personen
indigener Herkunft in diesem Land den Zugang zum Gesundheitssystem zu
gewährleisten. Dieser Auftrag ergibt sich sowohl aus Artikel 196 der Verfassung von
1988 als auch aus Bundesgesetz n⁰ 9.836/99, welches genauer ausführt, dass SESAI
den indigenen Einwohnern ein Netzwerk an Dienstleistungen anbieten muss, welches
den kulturellen, demographischen und geographischen Maßstäben entspricht.
Das SESAI ist daher nicht seiner Verantwortung entbunden, Brasiliens indigener
Stadtbevölkerung den Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen zu gewährleisten.

Covid-19 breitet sich ungebremst unter Brasiliens indigener Bevölkerung aus. Dem
“Boletim Epidemiologico” zufolge, einer epidemiologischen Mitteilung des SESAI vom
5.Juni 2020, gibt es innerhalb der indigenen Bevölkerung 1737 bestätigte
COVID-19-Fälle, 70 Verstorbene und 420 Verdachtsfälle. Das APIB​ ​(“​Articulação dos
Povos Indígenas do Brasil” - ”Koordination indigener Völker Brasiliens”) meldet jedoch
höhere Zahlen.
Mit Stand 26. Mai 2020 meldete dessen “National Committee for Indigenous Life and
Memory” 1900 Infektionen und 160 Todesfälle, die in Zusammenhang mit COVID-19
stehen, in mehr als 71 eigenständigen indigenen Gruppen, verteilt auf 13
Bundesstaaten.
Die höchste Häufung von COVID-19-Todesfällen unter indigenen Einwohnern hat der
Bundesstaat Amazonas aufzuweisen.
Dem APIB zufolge ist die Sterblichkeitsrate unter den indigenen Einwohnern mehr als
doppelt so hoch als gegenüber dem Rest der Bevölkerung.
Dieser Zustand ist inakzeptabel. Die hohe Sterblichkeitsrate unter Brasiliens indigener
Bevölkerung ist das Ergebnis von grober Fahrlässigkeit sowie dem Versagen des
Staates, die Gesundheit und Sicherheit seiner indigenen Völker zu schützen.
Ein COVID-19-Fall, der jüngst unter den Xavante von Mato Grosso festgestellt wurde,
illustriert das Versagen von SESAI, die Isolation von COVID-19-Infizierten ausreichend
sicherzustellen und dadurch sorgt das SESAI dafür, dass COVID-19 sich weiterhin
unkontrolliert verbreitet.
Anstatt einem Plan zu folgen, der übereinstimmt mit den Richtlinien und Empfehlungen
der WHO bezüglich der Behandlung von bestätigten COVID-19-Fällen, sprich
“Zurückverfolgen, Testen und Behandeln”, wobei eine Behandlung auch die Isolation
einschließt, um Nachbarn und Gemeinschaften zu schützen und in Verletzung der
Strategien des FUNAI (​Fundação Nacional do Índio​), welche sicherstellen sollen, dass
das häusliche Umfeld angemessen ist für die Isolierung bestätigter Fälle, führten
Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums in der Stadt Sao Felix do Araguaia einen
infizierten Mann zurück in das Dorf Marawãitsédé, wo die hygienischen und
gesundheitlichen Bedingungen höchst bedenklich sind.
Krankenhausangestellte entließen den infizierten Mann mit einigen Medikamenten, der
dann der Obhut eines indigenen Mitarbeiters im Gesundheitsministerium überantwortet
werden sollte und die Anweisung erhielt, sich in "häusliche Quarantäne" zu begeben.

Tatsächlich sind die Richtlinien des SESAI irreführend, ungenau und unzureichend für
die aktuelle Situation. Dessen standardisiertes COVIS-19-Protokoll, das die Testung
und Rückkehr nach Hause zum Zwecke häuslicher Quarantäne vorsieht, wie z.b.
skizziert im COVID-19-Notfallplan vom März 2020 für den gesundheitlichen
Sonderbezirk der Xavante, der die Behandlung von Mensch zu Mensch Infektionen
unter indigenen Völkern betrifft, ist unverantwortlich und völlig außerhalb der
Lebensrealität von Menschen indigener Herkunft, wo Quarantäne unmöglich ist. Diese
Strategie führt unvermeidlich dazu, dass viele Menschen indigener Herkunft einem
Infektionsrisiko ausgesetzt werden und vorzeitig sterben.

In den meisten indigenen Gemeinschaften ist häusliche Quarantäne unmöglich, wo


viele Menschen in Mehrgenerationenhäusern wohnen ohne feste Wände, die schlecht
belüftet sind und häufig weder fließendes Wasser noch sanitäre Einrichtungen besitzen.
In vielen indigenen Gemeinschaften teilen sich die Menschen eine gemeinsame
Wasserstelle und versammeln sich um diese, was regelgerechtes Händewaschen und
Social Distancing erschwert. Infizierte Personen in Gemeinschaften zurückzuführen, wo
Lebensbedingungen und sanitäre Einrichtungen derart bedenklich sind, führt mit
ziemlicher Sicherheit dazu, dass die Infektion von Haushalt zu Haushalt übertragen
wird.
Jene Familienmitglieder und Personen in indigenen Gemeinschaften, die dann
unvermeidlich die Verantwortung dafür tragen müssen, die Infizierten zu versorgen, sind
nicht dafür ausgebildet und schlecht ausgerüstet um die Versorgung von
COVID-19-Patienten zu übernehmen.
Nicht nur gibt es wenige Gesundheitsfachkräfte vor Ort (viele Gemeinschaften haben
gar keine), diesen fehlt darüber hinaus auch persönliche Schutzausrüstung.
Denn in den meisten indigenen Gemeinschaften Brasiliens gibt es weder Handschuhe
noch Schutzvisiere und nur wenige Gesichtsmasken.
Wer im gleichen Haushalt wohnt mit einem COVID-19-Patienten, kann sich nicht
wirksam vor Ansteckung schützen, besonders wenn diese Personen für kranke und
infizierte Personen sorgen müssen. Und da Gesundheitsfachkräfte vor Ort oftmals
indigene Gesundheitsmonitoren sind, denen die Ausbildung und die Mittel fehlen, um
schwere Krankheiten zu bekämpfen, werden Sie automatisch zu einem leichten Ziel für
Schuldzuweisungen, wenn die Katastrophe eintritt. Es ist unzumutbar und
unentschuldbar, indigene Gesundheitsmonitoren in eine solche Lage ohne
Schutzausrüstung zu versetzen und ihnen darüber hinaus die Verantwortung
aufzubürden für die fehlende Aufmerksamkeit der Regierung für dieses Problem.

Menschen indigener Abstammung sind einem besonderen Risiko ausgesetzt, da ein


hoher Anteil unter ihnen an Diabetes, Tuberkulose und Fehlernährung leidet sowie an
anderen Beeinträchtigungen des Allgemeinzustandes.
Von den genannten Problemen sind viele das Ergebnis mangelnder ärztlicher
Behandlung und Vorsorgemedizin in den Gemeinschaften. Diesen Gemeinschaften
mangelt es an Mitteln für eine angemessene Gesundheitsvorsorge; den medizinischen
Einrichtungen vor Ort fehlt es an Ausrüstung und oft ist das Personal nur notdürftig
ausgebildet. Viele Gemeinschaften haben keine Einrichtungen für die medizinische
Grundversorgung der indigenen Einwohner (UBSI=Basic Indigenous Health Unit) . Dort
wo UBSIs vorhanden sind, sind diese oft extrem unterbesetzt. In vielen Fällen müssen
indigene Bewohner große Entfernungen überwinden, um medizinische Versorgung zu
erhalten.
Beispielsweise haben laut dem PC-DSEI (COVID-19 Contingency Plan for the Xavante
Special Indigenous Sanitary District) für die Xavante nur 8,5% aller
Xavante-Gemeinschaften UBSIs.
Der von OPAN kürzlich veröffentlichte Fachbericht, der die Verwundbarkeit der Xavante
gegenüber der COVID-19-Pandemie zum Thema hat, zeigt, dass auf 670 Xavante ein
UBSI kommt. Zum Vergleich: bei den Xingu muss ein UBSI 348 Xingu versorgen, also
beinahe die Hälfte gegenüber den Xavante. Das DSEI von Cuiaba, das den Boe
Bororo, Balatiponé, Kurã Bakari, Miki, Manoki, Enawene Nawe, Guaté, Chiquitano und
Hailit Paresi dient, weist sogar ein noch niedrigeres Verhältnis auf. Hier versorgt ein
UBSI 170 Menschen. Was bedeutet, dass 91,5% der Xavante Bevölkerung einen
extrem beschränkten Zugang zur Kontrolle ihrer Gesundheit und minimaler
medizinischer Versorgung haben.

Brasiliens derzeitige COVID-19-Politik und deren Pläne für die indigene Bevölkerung
sind kriminell und völkermörderisch. Sie unterminieren alle jene Institutionen (FUNAI,
SESAI, IBAMA=Brasiliens Institut für umweltfreundliche und regenerative Rohstoffe),
deren Aufgabe darin besteht, die Rechte indigener Völker zu achten, zu schützen und
umzusetzen.
Die Politik Brasiliens verletzt sowohl die Rechte indigener Völker auf Gesundheit und
Sicherheit, welche von Artikel 231 der Staatsverfassung garantiert werden, als auch das
ILO-Übereinkommen 169 und die Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte
indigener Völker.
“Cultural Survival” fordert daher nachdrücklich, dass Brasilien unverzüglich Pläne
umsetzt, welche im Einklang stehen mit den Richtlinien und Empfehlungen der WHO.
Brasilien muss SESAI mit ausreichend Mitteln versorgen, sodass dieses in der Lage ist:

● SESAI so auszustatten, dass es Quarantäne-Einrichtungen außerhalb von


indigenen Wohnorten errichten kann
● Ausgebildete Gesundheitsfachkräfte zur Verfügung zu stellen, um diese
Einrichtungen zu besetzen
● die Zahl an ausgebildeten Gesundheitsfachkräften zu erhöhen, die Gebiete mit
indigener Bevölkerung versorgen und auch jenen Teilen der indigenen
Bevölkerung in den Städten beistehen können
● die indigenen Gemeinschaften mit Desinfektionsmitteln auszustatten, damit die
Menschen den Hygienerichtlinien folgen können
● regelmäßige und wiederholte COVID-19-Testungen durchzuführen, wenn die
indigene Bevölkerung danach verlangt und dem zustimmt
● die Zahl an Gesundheitszentren zu erhöhen, die speziell für die Pandemie
zweckgewidmet werden sollten
● Zusätzlich muss FUNAI in Abstimmung mit den indigenen Gemeinschaften die
Ein- und Ausgänge zu indigenen Territorien versperren und den Zutritt von
Personen in diese Gebiete unter Strafe stellen und dann auch strafrechtlich
verfolgen.

Es ist dringend notwendig, diese Maßnahmen zu setzen, um die Verbreitung dieses


tödlichen Virus aufzuhalten und damit Menschenleben unter der indigenen Bevölkerung
zu schützen.

Edson Krenak (Indigener Aktivist und Doktorand der Universität Wien)


Ursprüngliche Version abrufbar unter:
https://www.culturalsurvival.org/news/open-letter-jair-bolsonaro-brazil-failing-protect-hea
lth-indigenous-peoples-during-covid19

Übersetzt von Simon Traub