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MORGENRÖTE DES BAROCK

Tanz im 17. Jahrhundert

1. Rothenfelser Tanzsymposion
9.-13. Juni 2004

Tagungsband

Herausgegeben
von
Uwe Schlottermüller und Maria Richter
Tagungsband zum
1. Rothenfelser Tanzsymposion
9.-13. Juni 2004

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek


Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Freiburg 2004

© »fa-gisis« Musik- und Tanzedition


Uwe W. Schlottermüller
Postfach 5266
79019 Freiburg

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 3-931344-04-5
INHALT

Vorwort 7

KLAUS ABROMEIT
»Aber Johann Georg hat gesagt …«.
Eine kommentierte Tanzstunde nach Johann Georg Pasch 9

GILES BENNETT
Tanz am Braunschweiger Hof um 1700.
Hugues Bonnefonds bisher unbekanntes Tanztraktat 15

PETER BOHLIN
An Introduction to the Court Ballet Texts at the Time of
Queen Christina of Sweden. With a Reading of Ballet vom Lauff der Welt (1642) 45

ÉVA FARAGÓ
Historischer Tanz im Ungarn des 17. Jahrhundert.
Ein Spiegel der Politik 51

MAGDALENE GÄRTNER
Höfische Repräsentation und Festkultur.
Die »Reiß« Kurfürst Friedrichs V. von der Pfalz 53

RAINER GSTREIN
»… welches warlich bey einer wolbestelten Policey ist warzunehmen und
auffs allerscharffeste zu verbieten …«. Anstößige Tänze im 17. Jahrhundert 71

CAROL G. MARSH
The Lovelace Manuscript. A Preliminary Study 81

VESNA MLAKAR
Die Anfänge der Tanzkunst am kurfürstlichen Hof in München 91

MARIE-THÉRÈSE MOUREY
Mercurius’ »Schau-Platz der Dantzenden« (1671).
Oder: Von der Zivilisierung der Sitten durch die französische »belle danse« 105
JADWIGA NOWACZEK
Die Courante zwischen »pesle-mesle« und distinguierter Noblesse.
Studien zum Übergang vom Renaissance- zum Barocktanz
anhand der Courante von de Lauze 117

EVELYN JL. PUEFKEN


»Barock-Kastagnetten«.
»Informationes« – »Instructiones« – »Demonstrationes« 155

GUDRUN ROTTENSTEINER
Vom »Ballarino« zum »Maitre à danser«.
Grazer Tanzmeister des 17. Jahrhunderts 181

STEPHANIE SCHROEDTER
»… dass ein geschickter Teutscher eben so galant, als ein gebohrner
Frantzose tantzen könne …«. Tendenzen deutscher Tanzkunst um 1700
im Spannungsfeld von Adaption und Kreation 189

HANNELORE UNFRIED
Die Sarabande. Wortlos, aber nicht sinnlos 217

NICOLINE WINKLER
»La Gillotte«. Eine »Gavotte à figures« 245

Zusammenfassungen/Summaries 263

Referenten 269

Bibliografie 273
Höfische Repräsentation und Festkultur

Die »Reiß« Kurfürst Friedrichs V. von der Pfalz

MAGDALENE GÄRTNER

Die politische Situation im Europa des 17. Jahrhunderts1


Die erste Hälfte des Jahrhunderts ist durch den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), eine
der größten Tragödien der deutschen Geschichte, geprägt. Der konfessionelle Konflikt,
der sich über mehrere Jahrzehnte aufbaut, erscheint zwar vordergründig als Ursache und
Auslöser, gleichzeitig sind aber die religiösen Gegensätze unentwirrbar mit weit
reichenden politischen Machtansprüchen verbunden. Kirchlicher Eifer und Staatsräson
liegen dicht beieinander, stützen sich sogar vielfach. Der habsburgische Kaiser Matthias
(1557-1619) versucht, durch Rekatholisierungsmaßnahmen seine Position zu stärken und
die Selbstständigkeitsbestrebungen der protestantischen Fürsten einzufrieren. Am Ende
des Dreißigjährigen Krieges rückt der Kampf um die Vormachtstellung in Europa
zwischen dem katholischen Frankreich und dem katholischen Habsburg ins Zentrum.
Der Anstoß zu den wechselvollen Auseinandersetzungen kommt aus Böhmen.
Nachdem Kaiser Rudolf II. (1552-1612) im Majestätsbrief den überwiegend
protestantischen Ständen 1609 Religionsfreiheit zugesichert und ihnen sein Bruder und
Nachfolger Matthias das Recht freier Königswahl zugebilligt hat, tritt eine Wende ein, als
dieser von den Habsburger Erblanden aus zunehmend restriktiver gegen die
böhmischen protestantischen Stände vorgeht. Das Verbot von Versammlungen und das
Schließen der protestantischen Kirchen führt schließlich dazu, dass die Vertreter der
böhmischen Stände am 23. Mai 1618 die Prager Burg stürmen und die kaiserlichen
Statthalter aus dem Fenster stürzen (siehe Abb. 1).
Kaiser Matthias, der den Konflikt durch Verhandlungen beilegen will, stirbt aber im
Frühjahr 1619. Zuvor noch ernennt der kinderlose Regent seinen Cousin Ferdinand II.
(1578-1637) zum Nachfolger. So wird Ferdinand im August 1619 in Frankfurt zum
römischen Kaiser gekrönt.
Die böhmischen protestantischen Stände erkennen ihn allerdings nicht an und
bestehen auf ihr Recht zur freien Königswahl. Noch im Herbst desselben Jahres erheben
sie den kalvinistischen Kurfürst Friedrich V. (1596-1632) zum König von Böhmen.
Diese aus der Sicht des Kaisers rebellische Handlung führt zu einem militärischen
Konflikt, der in der Schlacht am Weißen Berg (1620) ausgetragen wird. Große
Unterstützung erlangt der Kaiser durch die katholische Liga, ein Verteidigungsbündnis,
das von Ferdinands Vetter Herzog Maximilian I. von Bayern (1573-1651) angeführt
wird. Diesem stellt der Kaiser als Entschädigung für die Hilfe die Obere Pfalz in
Aussicht. Zudem soll er die pfälzische Kurwürde, die Friedrich V. inne hat, nach dem

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Sieg über den böhmischen König und dessen Entmachtung übertragen bekommen. Die
kaiserlichen und ligistischen Truppen siegen trotz schlechterer Ausgangsposition
innerhalb kürzester Zeit. Die zahlenmäßige Überlegenheit und die religiöse Motivation
in der Schlacht tragen nicht unerheblich zu einem Sieg bei. Friedrich V., der nach der
verlorenen Schlacht auf Nachdruck seines Vetters Maximilian I. geächtet wird, bleibt nur
eine überstürzte Flucht aus dem Königreich Böhmen. Auf seine adeligen Anhänger
wartet ein grausames Strafgericht.

Abb. 1: Der Prager Fenstersturz


MERIAN, MATTHÄUS: Theatrum Europäum. Bd. 1. Frankfurt a.M. 1641

England und Frankreich beäugen die Absicht Ferdinands, sich nun eine Seemacht im
Norden aufzubauen, kritisch, nachdem seine Macht sukzessive anwächst. Der dänische
König Christian IV., der als Herzog von Holstein auch Reichsfürst ist, schaltet sich in
diese Situation ein. Der daraus resultierende Dänisch-Niedersächsische Krieg
(1625-1629) bildet die zweite Phase des Dreißigjährigen Krieges. Der böhmische Adelige
Albrecht von Wallenstein, den das Strafgericht von 1620 zum wohlhabenden
Grundbesitzer macht, bietet dem Kaiser nun auf eigene Kosten seine Unterstützung an.
Zum kaiserlichen »Generalissimus« aufgestiegen, drängt er den dänischen König nach
Norden zurück. Dabei hat er keine konfessionelle Bindung, er verfolgt ausschließlich
seinen eigenen Machtgewinn. Während er durch strenge Lager- und Kriegszucht große

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Erfolge erzielt, wird das Land durch seine Plünderungserlaubnis in einem kaum
vorstellbaren Maß verwüstet.
In der dritten Phase, dem Schwedischen Krieg (1630-1635), schaltet sich Gustav
Adolf von Schweden (1594-1632) zum Schutz der protestantischen Sache und zur
Sicherung der schwedischen Machtstellung ein. Der Siegeszug der Invasoren reicht
innerhalb weniger Jahre bis weit in den Süden des Reiches. In der Schlacht bei Lützen
gewinnt der erfolgreiche Feldherr zwar erneut die Schlacht, fällt aber im Kampf (1632).
1634 verliert Schweden bei der Schlacht von Nördlingen seine Vormachtstellung in
Süddeutschland.
Im Französisch-Schwedischen Krieg (1635-1638), der vierten und letzten
Kriegsphase, schaltet sich auch noch Frankreich als Bündnispartner der Schweden ein.
Die Kriegsschauplätze verlagern sich etwas, die Leiden, das Grauen und der Schrecken
werden aber nur weiter verlängert. Das neue Bündnis ist eindeutig gegen den Kaiser
gerichtet. Der Träger der französischen Politik, Kardinal Richelieu, verfolgt das Ziel, mit
seinem Einschreiten Habsburg zu ruinieren. Sein Land soll aus der bedrohlichen
Umklammerung des spanischen und österreichischen Habsburg gelöst werden. Die
Grenze Frankreichs wird in diesem Zuge bis an den Rhein verschoben.
Der Westfälische Friede vom 24. Oktober 1648 führt zu einer grundlegenden
Änderung der politischen Situation des Reiches. Die angestrebte Universalmacht des
Kaisers weicht einer Verfassung, die sich einer Föderation souveräner Einzelstaaten
nähert. Die Großmächte Frankreich, Schweden und die Niederlande stehen vor einem
großen Aufstieg. In Deutschland siegt die fürstliche Liberalität über die kaiserliche
Zentralgewalt. Das Reich löst sich in einen Staatenbund auf, der die politische und
militärische Ohnmacht besiegelt. Österreich ist von nun an vom Gesamtreich getrennt.

Europa im Zeitalter des aufbrechenden Barock


Gleichzeitig mit den Schrecken des Krieges, der das tägliche Geschehen eines großen
Teils der Bevölkerung fast ausschließlich bestimmt, zeigt das Jahrhundert an anderer
Stelle eine völlig gegensätzliche Seite der Lebensstruktur. Der Aufbruch in die Epoche
des Barock ist durch die Gegenreformation und die Entwicklung zum Absolutismus
geprägt. Wie bereits in der Renaissance kommen die ersten Impulse aus Italien, die dann
durch den katholischen Süden und die Niederlande weitere europäische Verbreitung
finden. Die verschiedenen Kunstgattungen finden ihren typischen Ausdruck in
kirchlichem und herrschaftlichem Kontext. Dabei lässt sich beobachten, wie sich die
einzelnen Gattungen zunehmend korrespondierend aufeinander beziehen und sich
verschiedentlich gemeinsam und in gegenseitiger Prägung entwickeln.
Höfische Feste bieten geradezu in idealer Weise einen Nährboden für diese
Entwicklung. Musik, bildende Künste, Theater, Literatur und Tanz bilden in
unterschiedlicher Ausprägung und Gewichtung den gestalterischen Rahmen für die

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Feste, wobei das Zusammenspiel verschiedener künstlerischer Gestaltungen eine
essentielle Voraussetzung ist.
Die Ausprägungen des politischen Lebens – auf der einen Seite Grauen und
Verwüstung des Krieges, auf der anderen Seite Glanz und Pracht der höfischen
Repräsentation – scheinen in ihrer Widersprüchlichkeit kaum vereinbar. Der Blick auf
das Leben und die politischen Entscheidungen des »Winterkönigs« führt den Betrachter
mitten in diese gespaltene Situation hinein. 1596 in Amberg geboren, heiratet Kurfürst
Friedrich V. von der Pfalz bereits im Alter von 16 Jahren die gleichaltrige englische
Königstochter Elisabeth Stuart. 23-jährig trägt er durch die Annahme der Böhmischen
Krone maßgeblich zum Ausbruch des 30-jährigen Krieges bei. In unmittelbarer Folge
der verlorenen Entscheidungsschlacht am Weißen Berg muss er sein Land
schnellstmöglich verlassen und flieht in die Niederlande zu seiner mütterlichen
Verwandtschaft. Hier verbringt er den Rest seines Lebens im Exil, ohne auf den
weiteren politischen Lauf des Jahrhunderts Einfluss nehmen zu können.

Festkultur im 17. Jahrhundert am Beispiel der Hochzeit


Kurfürst Friedrichs V. von der Pfalz und Elisabeth Stuarts
Nachdem Friedrichs Vater bereits 1610 verstirbt und ein Vormund bis zu Friedrichs
Volljährigkeit bestimmt wird, treiben die niederländische und französische
Verwandtschaft und Diplomaten der Protestantischen Union das Eheprojekt mit der
englischen Königstochter vom Kontinent aus voran, so dass man sich Mitte Mai 1612
über die Bedingungen des Heiratsvertrags einig wird. Die Verbindung zwischen
kalvinistischer Kurpfalz und dem anglikanischen England soll die Position Friedrichs als
zukünftigen Kurfürsten und Anführer der protestantischen Union stärken.
In Anbetracht der Einwände des englischen Königs, der mit dem Titel »Pfalzgraf«
nicht allzuviel anzufangen weiß, sind vielschichtige Bemühungen vonnöten, welche die
königsgleichen Würden des Pfalzgrafentitels vermitteln sollen. Nicht zuletzt sollen ein
entsprechender Hofstaat, der den jungen Pfalzgrafen nach England geleitet, und eine
Vielzahl an kostbaren Geschenken, die er mitbringt, die letzten Zweifel vollends
ausräumen.
Der Fokus soll nun auf die Darstellung der Macht und des Einflusses eines
Fürstentums gerichtet werden. In dieser Zeit, auf der Schwelle von Renaissance zu
Frühbarock, spiegeln sich diese Repräsentationsformen vor allem im Glanz höfischer
Feste. Der Unterhaltungswert spielt dabei hinter der herrschaftslegitimierenden und
staatstragenden Ambition eine untergeordnete Rolle. Kaum ein Anlass zeigt dies besser
als die Hochzeit des jungen Kurfürsten. Die Reise, auf die er sich begibt, um im fernen
England die Hochzeit zu begehen, bildet den Rahmen für diese Repräsentationsform.
Zahlreiche Anlässe, wie Empfänge, Besuche und Feste, sind in diesen Rahmen
eingebettet.

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Der Hauptschauplatz der Feste, der herrschaftliche Hof, wandelt sich in eine
Bühne, auf der die Herrscher als Protagonisten ihren Rang und ihre Tugenden bestätigt
sehen können. Friedrichs Podium spiegelt sich in den verschiedenen Stationen, die in
der Beschreibung Der Reiß2 genannt werden: das Heidelberger Schloss, die einzelnen
Stationen auf dem Weg nach England, die Überfahrt über den Kanal und schließlich
der englische Königshof. Die eigentliche Heimführung der englischen Prinzessin, die
Rückreise von London nach Heidelberg, erweitert den Schauplatz des Geschehens, auf
dem Friedrich und Elisabeth Feiernde und Gefeierte zugleich sind. Sie werden mit
großen Ehren in den verschiedenen Städten der Pfalz bei ihrer Rückkunft empfangen
und stehen zu jedem Zeitpunkt im Zentrum aller Handlungen. Die allegorischen
Inszenierungen zur Ankunft der Braut in Heidelberg zeigen schließlich Friedrich in der
Rolle des Jason (siehe Abb. 2).

Abb. 2: Beschreibung Der Reiß. Inszenierung zum Empfang Elisabeths mit Friedrich als Jason

Das Welttheater des Barock kündigt sich hier bereits an. Im Laufe der Epoche wird es
zum Podium aller höfischen Festhandlungen. In diesem Zusammenhang sind auch die
erheblichen baulichen Erweiterungen des Heidelberger Schlosses zu verstehen, die
bereits einige Jahre vor der Hochzeit begonnen haben. Besonders die großartige
Gartenanlage, der Hortus Palatinus, der mit großem Aufwand in der steilen Hanglage
um das Heidelberger Schloss terrassenartig angelegt wird, bringt diesen Gedanken zum

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Ausdruck. Mit seiner Grottenarchitektur, den Wasserspielen und einem komplexen
allegorischen Figurenprogramm spielt seine Gestalt auf die Hängenden Gärten von
Babylon an. Der Garten wird zum sichtbaren Zeichen des herrscherlichen Machtwillens,
dem sich die Natur unterzuordnen hat.
Festbankette liefern nicht nur Einblicke in den Repräsentationsgedanken der
Regenten, sondern geben auch Hinweise auf soziale Strukturen in der höfischen
Gesellschaft. Einen Eindruck von den Unmengen an Nahrungsmitteln, die für die
Bankette zubereitet werden, gewinnt man, wenn in den Berichten von mehreren hundert
Eimern Wein unterschiedlicher Qualität (Ehren-, Tafel-, Gesinde- und süßer Wein)
berichtet wird oder wenn verschiedene Lebensmittel mit Zentnerangaben aufgeführt
sind. Dennoch ist die Zuteilung der Speisen bei einem Bankett, je nach gesellschaft-
lichem Rang der Gäste, genau festgelegt. Hochrangige Personen bekommen mehrere
Gänge und haben die Auswahl unter zahlreichen Gerichten. Aber selbst das gemeine
Gesinde bekommt noch pro Person mehrere Essen und beliebige Mengen Weins.
Die stundenlang dauernden Bankette werden von musikalischen Darbietungen
begleitet, die häufig inszeniert werden. Eine weitere Dimension der Sinneswahrnehmung
erhalten die Bankette durch kostbares Geschirr, Tafelaufsätze in Form von Schiffen,
Tieren oder sonstigen kunstvollen Gebilden aus Zucker, Wachs oder anderen
Materialien. Den großen Banketten folgt an jedem Abend Tanz, zu dem Konfekt und
süßer Wein gereicht wird. Die Ritterspiele des folgenden Tages werden in diesem
Rahmen bereits angekündigt.
Das verfallene Rittertum erlebt in Form von Ritterspielen eine Renaissance. Die
Entwicklung der Feuerwaffen hat dem Kampf »Mann gegen Mann« jede Grundlage
entzogen. So wird nun das mittelalterliche Ritterideal romantisch »verbrämt«, indem eine
kleine Auswahl der zahlreichen Turnierarten konserviert wird. Das Brechen der Lanze
an der Rüstung des Gegners im Freiturnier, das Plankengestech, bei dem die
Kontrahenten durch eine Planke voneinander abgetrennt sind, oder das Fußturnier, bei
dem das »Spiel« der kriegerischen Kampfhandlung noch am nächsten ist, gehören zu den
beliebtesten Turnierformen. Im weiteren Verlauf der Entwicklung wird der sportliche
Wettbewerbsaspekt aufgegeben, indem der Sieger bereits zu Beginn des Spiels
vorbestimmt ist. Die Siegerperson, in der Regel der Gastgeber, unterstützt von wenigen
besonders hoch angesehenen Gästen, muss selbst der übrigen großen Gästeschar
gegenübertreten. Zahlreiche Schwerter werden spielend und ohne große Mühe
zerschlagen und Lanzen zerbrochen. Das ganze Geschehen entwickelt sich zum
Schauspiel. Die Ausstattung der Ritter in historisierenden Gewändern unterstützt diesen
Gedanken. Es lässt sich beobachten, wie sukzessive ein absolutistischer Gedanke
erwächst, der mit der Glorifizierung des Fürsten einhergeht. Diese
»Mittelalterrenaissance« in der Festgestaltung ist gerade vor dem Hintergrund
bemerkenswert, dass verschiedene Kunstströmungen gleichzeitig antikes Gedankengut
verarbeiten. Mittelalterliche Rittertugenden wie Mut, Stärke und Kraft weichen in der
Ausprägung des frühbarocken Turniers der Eleganz und der Geschicklichkeit, die in
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vielfältiger Weise wichtige Merkmale der aufbrechenden Epoche sind. Das Ritterturnier
als frühbarockes Festelement hat keine Alleingültigkeit mehr, sondern ist eingebettet in
andere Kunstformen wie mehrstimmige Gesänge oder die Darstellung von allegorischen
Sinnbildern, welche die ritterlichen Tugenden herausstellen. Auch die Verlesung der
»Cartellblätter«3 gehört zu diesem Rahmenprogramm. Sie gehen ausschweifend auf den
Sinngehalt solcher Aufzüge ein und kennzeichnen die Gründe für die Teilnahme an
diesem Spektakel. Das Turnier ist nicht mehr nur Schauspiel und Unterhaltung, sondern
es belehrt und dient gleichzeitig der moralischen Unterweisung.
Eine andere Facette der fulminanten Festgestaltung zeigt sich in der Darbietung von
Balletten. In mancherlei Hinsicht finden sich Parallelen zu dem Turnier. Das Bestreben,
ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, spiegelt sich gerade in solchen Aufführungen in
Vollendung. Großartige Einbauten bilden die Kulisse für die Inszenierungen, die
Körpersprache tritt an die Stelle des Wortes. Aufwändige Kostüme charakterisieren die
handelnden Personen, die sich nicht aus Berufstänzern, sondern aus der männlichen
Hofgesellschaft rekrutieren.

Abb. 3: Kostümentwürfe zur Lords’ Masque und Middle Temple and Lincoln’s Inn Masque.
Inigo Jones, London 1613. The Devonshire Collection
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Neben der Darstellung von konkreten Handlungsabläufen, Personen und Tieren findet
man in den Balletten zunehmend allegorische Darstellungen. Die Elemente Feuer, Erde,
Wasser Luft finden szenische Umsetzungen (siehe Abb. 3).
Bei den Aufführungen der »Masques« am englischen Königshof anlässlich der
Hochzeit von Friedrich V. und Elisabeth Stuart wird die Vermählung zwischen Rhein
und Themse in einem Ballett inszeniert. Wenn auch die kurfürstliche Hauptresidenz in
Heidelberg – und damit noch heute am Neckar – liegt, so ist der Rhein der bekanntere
Fluss, der zudem der Themse eher als Äquivalent dient. Dieses Sinnbild, das in den
»Masques« Ausdruck findet, wird an verschiedenen Stellen wieder aufgegriffen, z.B. in
bildlicher Darstellung auf einem der zahlreichen Triumphbögen, die zum Einzug der
englischen Prinzessin in zahlreichen Städten der Pfalz aufgebaut werden.
Theateraufführungen dürfen natürlich im Programm der großen Feste ebenfalls
nicht fehlen, und so veranlasst König Jakob I. anlässlich der Hochzeit seiner Tochter die
Aufführung von sechs Theaterstücken Shakespeares.
Bei der »Reiß« des jungen pfälzischen Kurfürsten finden große Feuerwerke nicht nur
anlässlich des großen Höhepunktes, der Hochzeitsfeier in London, statt. Zur Begrüßung
und zum Empfang in den verschiedenen Städten, die er auf seiner Reise passiert, finden
sich immer wieder Gelegenheiten, die Anlass für ein solches Spektakel bieten.
Diese Schauvorführungen dauern bisweilen mehrere Stunden und bilden meist
Glanzpunkt oder Abschluss der Feste. Auch hier handelt es sich wiederum um
komplexe Inszenierungen mit riesigen Aufbauten. Beliebt sind besonders Insze-
nierungen auf dem Wasser, bei dem die Spiegelungen mit einbezogen werden. Die
Abbildungen der Feuerwerke über der Themse oder dem Neckar überliefern uns diesen
Eindruck anschaulich.
Fast untrennbar mit der Selbstdarstellung verbunden ist die schriftliche Fixierung
solcher Ereignisse. So entsteht in Friedrichs Auftrag die ausführliche und detailreiche
Beschreibung der Heimholung der Braut, die in gedruckter Form an verschiedene
Personen verschickt wird. Noch im Jahr der Eheschließung 1613 erscheint in Heidelberg
die Beschreibung Der Reiß (siehe Abb. 4). Anhand dieser Quelle und einiger weiterer
Zeugnisse wie Gelegenheitsschriften, Flugblättern und Entwurfszeichnungen, die in
diesem Zusammenhang überliefert sind, sollen einige Einblicke in die höfische
Festkultur des frühen 17. Jahrhunderts gewonnen werden.

Die Beschreibung Der Reiß


In Kap. 14 der Beschreibung Der Reiß findet man den Hinweis, dass die Heirat durch
Gottes Willen und Fügung zustande gekommen ist. Am 17. September 1612 bricht der
junge Kurfürst von Heidelberg auf. Zahlreiche Empfänge in den Orten, die er passiert,
sind verbunden mit Geschenken, Festessen, Feuerwerk und Salutschüssen. Am 30.
September kommt Friedrich V. mit seinem Gefolge bereits in Den Haag an.
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Kap. 25 schildert den Aufenthalt des jungen Kurfürsten in Holland bei seinem
Onkel Moritz von Oranien. Erst am 15. Oktober bricht er mit seinem Gefolge auf,
gelangt über Delft zur Überfahrt nach England und erreicht am 16. Oktober den Hafen
Gravesand in England.
In Kap. 36 ist die Ankunft Friedrichs in London beschrieben. Am 18. Oktober wird
er durch den König, die Königin, den Prinzen und die Prinzessin in Whitehall vor einer
großen Zuschauerschar empfangen. Die Begleiter Friedrichs können melden, dass sich
der Bräutigam bei »allen Ceremonien wacker gehalten« habe.

Abb. 4: Beschreibung Der Reiß. Titelblatt


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Kap. 47 widmet sich dem plötzlichen und unerwarteten Tod des Thronfolgers Prinz
Henry und seiner königlichen Bestattung.
Diesem traurigen Ereignis folgt in Kap. 58 die Verleihung des Hosenbandordens an
Friedrich, der dadurch offiziell als standesgemäßer Schwiegersohn anerkannt wird. Mit
diesem Orden erhält der junge Kurfürst die höchste englische Auszeichnung von König
Jakob I. Die Bedeutung dieser Würde ist als Dialog zwischen einem »Frembdling und
einem Engellender« in Versform niedergeschrieben. Mit der Verleihung des Hosenband-
ordens an den Bräutigam steigt er vom »Palsgrave« zum »Prince Palatine« auf.
In Kap. 6 und 79 folgen in etwas unklarer Chronologie die Feierlichkeiten der
Verlobung in Whitehall noch vor dem 26. Dezember (oder kurz darauf). Das Paar
erscheint heiter und tauscht Geschenke aus. Am 7. Januar werden der Heiratsvertrag
und die Verleihung des Hosenbandordens offiziell ratifiziert.

Abb. 5: Vermählung des Kurfürsten Friedrichs V. von der Pfalz


mit der englischen Prinzessin Elisabeth Stuart.
Deutschland 1613. Germanisches Nationalmuseum
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Kap. 810 widmet sich einem großartigen, kunstreichen Feuerwerk auf der Themse. Mit
der Beschreibung der Kleidung des Bräutigams, der einen Rock aus weißem, mit
Diamanten übersätem Atlas und auf dem Kragen die Kette des Hosenbandordens trägt
(siehe Abb. 5), wird auf den Höhepunkt des Berichts hingeführt, und in Kap. 911 ist
schließlich von der königlichen Hochzeit am 14. Februar 1613 die Rede (siehe Anhang).
Die Ausführungen von Kap. 1012 beziehen sich auf die Festgestaltung durch
»zierliche Täntz / Ritterspiel / wunderliche Inventiones oder Comoedien« zu Ehren des
Brautpaars. Im Rahmen dieses Festes werden neben den »Masques« die bereits
erwähnten sechs Theaterstücke von William Shakespeare aufgeführt (siehe Abb. 6).

Abb. 6: Entwurfszeichnung zur Lords’ Masque und Middle Temple and Lincoln’s Inn Masque.
Inigo Jones. London 1613. The Devonshire Collection
64 Magdalene Gärtner
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Unmittelbar nach den Hochzeitsfeierlichkeiten werden bereits in Kap. 11 und 1213 der
Besuch der Universitäten Canterbury und Oxford und der Abschied des kurfürstlichen
Paares erwähnt , obwohl es noch mehrere Wochen in England bleibt. Zur Rückreise
wird es bis Rochester von dem Königspaar und dem Prinzen von Großbritannien,
Elisabeths jüngerem Bruder, geleitet. Die Überfahrt von Margate nach Vlissingen wird
hier schon angekündigt. Kap. 1314 berichtet, wie die »Royal Prince«, das prächtigste
königliche Schiff, den Kurfürsten und die Prinzessin aufs Festland bringt, wo Moritz
von Oranien zu einem herzlichen Empfang bereit steht (siehe Abb. 7).

Abb. 7: Die Ankunft von Friedrich V. von der Pfalz und Elisabeth Stuart in Vlissingen
am 29. April 1613. Cornelis Claesz van Wieringen. Vor 1628. Frans Hals Museum

Die Ankunft in Den Haag ist in Kap. 1415 festgehalten. Elisabeth wird in den
Niederlanden noch eine Zeit verweilen, während Friedrich bereits nach Heidelberg
vorausreist, um den Empfang seiner Frau vorzubereiten. Für Elisabeth wird, so
beschreiben es Kap. 15 und 1616, ein Schiff auf dem Neckar entgegengesandt. Bis Köln
begleitet sie die niederländische Verwandtschaft ihres Gemahls: Prinz Moritz, Prinz
Heinrich und der Prinz von Portugal.
Kap. 1717 berichtet von dem Abschied in Köln und dem Besteigen des Schiffs. In
Oppenheim wird Elisabeth von Friedrich empfangen und zieht mit ihm gemeinsam in
ihr neues Land ein. In Frankenthal wird das Paar mit großem Schaugepränge begrüßt.
Zahlreiche von verschiedenen Städten und Einrichtungen erbaute Triumphbögen sind
vorbereitet. Bis Kap. 2218 folgen die Beschreibungen dieses prächtigen Einzugs, wobei
nicht nur die Erbauer und die Aufstellungsorte der Triumphbögen genannt werden,
sondern diese temporäre Architektur in einzelnen Tafeln auch bildlich dargestellt wird
(siehe Abb. 8).
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Abb. 8: Beschreibung Der Reiß. Triumphbogen


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Kap. 2319 dankt für das göttliche Geleit bei der Reise und der Heimführung.
Kap. 24-2620 beschreiben die festlichen Veranstaltungen anlässlich des großen
Empfangs der königlichen Braut mit Ritterturnieren, Feuerwerk, Ringelrennen,
Kübelstechen und vielem mehr (siehe Abb. 9). In unterschiedlichen Aufzügen tritt
Friedrich selbst als Jason auf und stellt sich z.B. als Überwinder der gefährlichsten
Abenteuer oder als Eroberer des größten Schatzes dar.

Abb. 9: Beschreibung Der Reiß. Feuerwerk zur Ankunft Elisabeth Stuarts in Heidelberg

Das große Ereignis endet mit einer Dankpredigt, die in der Schlosskirche am 8. Juni
1613 in Heidelberg gehalten wird.
Mit dem »Vater Unser« schließt der Bericht21.
Höfische Repräsentation und Festkultur 67
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Anhang: Auszug aus der Beschreibung Der Reiß (S. 52-54)
Was für zierliche Täntz / Ritterspiel / wunderliche Inventiones oder Comœdien /
Ihrer K. W. und den newen Ehegenossen zu ehren / angestelt und gehalten worden.
Nach ingenommener Mahlzeit / seind die Printzen und Prinzessin zum König ins Gemach gegangen.
Und ist gegen Abend ein Tantz / von etlichen Jungen Graffen und Gräffinnen gehalten worden. In
welchem under andern Milord Hays sein dapfferkeit und hohen verstand / mit anstellung allerhand
Frewdenspiel sehen ließ / mit künstlichen Inventionen. Welche außeinem davon getruckten
Französischem Extrakt, in Teutsch gebracht / wie folgt.
Dann zu dem Ihre Königliche W. mit der Königin / auch der Churfürstliche Bräutigam beneben seiner
Königlichen Braut / dem Jungen

Das Neundte Capitel


Jungen Printzen / und gantzen Königlichen Hoffstaden / in dem Grossen Saal / jeder nach seinem
Stand / gesessen waren / kam aufgezogen in gestalt deß Orpheus, ein uberauß stattlicher Harpfenist /
welcher durch sein liebliches Seitenspiel / so Er mit dem anmutigen Gesang seiner Englischen Stimm
vermählet / Cameelen / Bären / Hunde und andere wilde Thier bewegte / ihrer natur zu vergessen /
und seiner zwingenden Melodien nachzufolgen. Nach diesem kam Mercurius mit seinem tcepter und
flügeln auffgezogen / der die gab hatte / mit seiner wolgelößten und lieblichen zungen / jederman zu
bereden und einzubilden was erwolte. Der batt Orpheum, bey seinem seitenspiel und Music zu
verharren / und sagte / daß er durch wolredenheit und lieblich Gespräch / mit solcher Music
vereinigt / noch groß wunder anstellen wolte. Wie auch geschach. Dann Mercurius durch sein Lieblich
red dem Orpheo versprach / daß nicht allein durch sein Englisch Harmony die wilde Thier und rawe
Felsen / sondern die Sternen von Himmel herab / nach seiner Harpffen dantzen würden / auß
bewegung seiner rede / und der Muße lieblichkeit. Alsobald erschien ein himlische Wolcken / ganz
voller Stern / die nach der Harpfen thon dantzeten. Welches den Mercurium höchlich erfrewet / und
daher bewegt / daß er den Gott Juppiter (welcher sich alda in einer Wolcken sehen ließ) bate / durch
seine Macht zuzulassen / daß die erzeigte Sternen / eins theils in Ritter möchten verendert werden /
die Ihrer Bulschaft getrew / und der qualitet, daß sie würdig / under die zahl der getrewen Liebhaber
zu setzen. Welches Er ihm verwilliget. Dann also bald an statt etlicher Sternen / sahe man under der
Wolcken etliche Ritter in Maßquen dantzen / deren Kleider von golt gestickt / glentzeten wie
brennende Flammen / gleich den seligen Geistern der wahren und trewen Liebhaber / davon
mancherley / sa warhaftig als unwarhaftig / die gedicht und History Meldung thun. Als nun Mercurius
diß begeren auch erlangt / ist er durch die ubernatürliche Lieblichkeit der Music bewegt worden / sein
kunst ferner zu erzeigen / und durch bitt den Juppiter zu bewegen / daß er die noch ubrige Sternen in
Jungfrawen / deren Schönheit obgedachte Ritter zur Lieb gereitzet / verkehren und verendern wolte.
Welches auch geschehen. Dann also bald warden die übrige Stern in zarte schöne Jungfrawen
verwandelt / in Golt

Das Zehende Capitel


ganz zierlich bekleidet / gleich den Rittern. Da erhub Mercurius seine hend / und rufft Iovem ferner
an / daß er dieser Könglichen hochansehlich Chur. und Fürstlichen versamlung zu ehren und
gefallen / diese erschienene trewliebhabende Ritter und Jungfrawen / wolte in den Saal herab steigen
lassen / ihre zierliche bewegung und dapfferkeit mit dem Dantz zu erzeigen und sehen zu lassen.
Welches auch erfolget. Dann also bald stiegen sie auß den Wolcken herunder in den Saal / darinnen sie
nach der Seitenspiel Melodei / allerley und underschiedene Däntz hielten / dermassen daß es der
zuseher ohren und gesicht zum genügen erlustirte. Dieser Dantz hat umb zehen uhr angefangen / und
biß nach Mitternacht gewehret. Da dann neben Königlichen Hoffverwandten und Frawenzimmer / ein
grosse anzahl anderer Adelicher und anderer zuseher gewesen.
Nach endung desselben / seind […]
68 Magdalene Gärtner
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Anmerkungen
1 Im Rahmen der vorliegenden Ausführung ist es keineswegs möglich, genaue Zusammenhänge,
Ursachen und Wirkungen der politischen Situation im 17. Jahrhundert in ein angemessenes
Verhältnis zu setzen. Es ist vielmehr ein Versuch, in gebotener Kürze einige Stichworte zur
historischen Situation in dieser Zeit vorauszuschicken, um verschiedene Tanzquellen in den weiten
Rahmen dieser Zeitgeschichte einordnen zu können.
2 Beschreibung Der Reiß: Empfahung deß Ritterlichen Ordens: Vollbringung des Heyraths: vnd glücklicher
Heimführung: Wie auch der ansehnlichen Einführung: gehaltener Ritterspiel vnd Frewdenfests: Des
Durchleuchtigsten […] Herrn Friederichen deß Fünften / Pfaltzgraven bey Rhein […] Mit Elisabethen […].
Heidelberg 1613.
3 »Cartellblätter« legen die Bedeutung und den Sinn der Aufzüge in schriftlicher Form nieder. Auch
die Gründe, welche die Teilnehmer bewegen, zu dem Rennen zu erscheinen, werden hier genannt.
Die Verlesung dauerte mitunter länger als eine Stunde. In der Beschreibung Der Reiß findet man
solche »Cartelle« auf S. 49f.: »Cartell. Welcher gestalt das kopfrennen […]«, und auf S. 51-55 das
»Cartel zum Kübelstechen«.
4 »Das 1. Capitel. Hält in sich die ursach Ihrer Curfürstl. Gn. vorgenommenen Reiß in Engelland /
und wie die in Holland und in dem Haag angekommen« (S. 1-7).
5 »Das 2. Capitel. Wie es Ihrer Curfürstl. Gn. in Holland ergangen. Mit was gelegenheit Sie daselbst
zu Schiff getreten / und ober das wilde Meer in Engelland glücklich angelangt« (S. 7-11).
6 »Das 3. Capitel. An was orten in Engelland Ihre Curfürstl. Gn. von wem / und wie Dieselbe
empfangen / endlich in die hauptstadt zu London / und ihre K.W. Residentzhauß Witthal /
geführet / hernach einlosirt / und bald darauf zu einem stattlichen pancket in der Stadt geladen
worden« (S. 11-15).
7 »Das 4. Capitel. Meldet die unbestendigkeit deß Menschlichen Lebens / und wie durch Gottes
schickung / Ihr Kön. W. in Großbritannien vielgeliebter Sohn / Printz Heinrich / Fürst von
Walles / Hertzog in Cornubien und Rothsay / Pfaltzgraff von Chestrien / Graff von Carnick /
der newlicher zeit deß Güldinen Hosenbands Ritter worden war / Todsverschieden / und
Königlich sey begraben worden« (S. 15-23).
8 »Das 5. Capitel. Wie von der Kön. W. Ihrer Curfl. Gn. mit dem hochberühmbten Königlichen
RitterOrden / de la Jarretiere genandt / geehrt / jedoch die fürnembste Solenniteten uf ein andere
zeit verschoben werden. […] Außlegung des Ordens bedeutung / durch ein Gespräch eines
Frembdlings und eines Engellenders« (S. 24-27).
9 »Das 6. Capitel. Ist eine erzehlung der Eheversprechnuß / wie solche im beysein Ihrer K.W.
zwischen Pfaltzgraff Friederichen Churfürsten / und der Königlichern Princessin Elisabetha
vorgegangen. Wie das Newe Jahr mit verehrung und Pancketen volbracht / und die offentliche
Außruffung der new angehenden Eheleuth verrichtet worden« (S. 27-35).
»Das 7. Capitel. Wie Ihre Churfl. Gn. zu Windesor / dem König. Ritter Ordens in Engelland
Stiffthauß / mit noch restirende Solenniteten / und gebührlichen Ceremonien / zu einem Ritter
de la Jarretiere bestettiget worden« (S. 35-39).
10 »Das 8. Capitel. ist ein anzeig etlicher underschiedlicher kunstreicher Fewerwerk / und einer
Kriegs-Armada zu Meer / so zu Kurtzweil / und Eingang deß Königlichen Frewdenfests /
gehalten worden« (S. 40-44).
11 »Das 9. Capitel. Folget die Königliche Hochzeit / mit was ansehlicher Magnificentz und
herzlichkeit / solche den 14. tag Februarii, durch offentliche Christliche Einsegnung beider
höchstgedachter newer Eheleut / und anderen Ceremonien / gehalten worden« (S. 44-52).
12 »Das 10. Capitel. Was für zieliche Täntz / Ritterspiel / wunderliche Inventiones oder
Comoedien / Ihrer K.W. und den newen Ehegenossen zu ehren / angestelt und gehalten worden«
(S. 52-67).
13 »Das 11. Capitel. Helt in sich / wie Ihre Churfl. Gn. Dero Gemahlin einen schönen Wagen
verehrt: die Universitet zu Canterberg besichtiget / und in deren zu Oxenfurth Matricul Ihren
namen eingeschrieben: endlich von der Kön. W. erlaubnuß zur Heimführung begert und erlangt /
Höfische Repräsentation und Festkultur 69
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jedoch zuvor das Osterfest / mit empfahung deß heiligen Abendmahls / zu Londen gehalten«
(S. 67-71).
»Das 12. Capitel. Wie Ihre Kön. W. die Fraw Königin / und der Printz von Großbritannien / Ihre
Churfürstl. Gn. samt seiner Gemahlin / von Londen auß / biß gen Rochester begleitet / und
einen endlichen abschied genommen. Item / wie hochgedachter Printz noch lenger bey Ihnen
verharret / und wo Er endlich sein valete genommen« (S. 71-75).
14 »Das 13. Capitel. Wird erstlich beschrieben die Englische SchiffArmada / so Ihre Churfürstl. Gn.
sampt der Princessin ober Meer geführet: hernach / die von Printz Moritzen / den Herrn Staden
von Seeland / und der Stadt Fliessingen / sehr herzlich beschehene empfahung« (S. 75-79).
15 »Das 14. Capitel. Wie die Churfürstl. Gn. in dem Haag angekommen: hochwichtige geschefft bey
den Herrn General Staden tractiert und glücklich verrichtet: Dero Gemahlin alda hinderlassen: und
nachher Heidelberg / unb anstellung der Heimführung / fortgeeilet« (S. 79-86).
16 »Das 15. Capitel. Ist ein beschreibung der Schiff / so uff dem Necker nach dieser Landsart und
Gewohnheit zum zierlichsten zugericht worden / und entgegen gesandt / die Königliche
Prinzessin / sampt den Herrn Königl. Commissariis, nacher Heidelberg zu begleiten: Item / der
anstellung eines Feldlägers zur empfahung höchstgedachter Prinzessin« (S. 86-89).
»Das 16. Capitel. Wird erzehlet / wie die Prinzessin mit den Königlichen Gesandten / auß dem
Haag nachfolgt / und wie sie von Ihrer Excellentz / Printz Moritzen / Printz Heinrichen / und
Printzen von Portugall / biß in die Stadt Cölln begleitet worden« (S. 90-95).
17 »Das 17. Capitel. Wie Printz Moritzens Fürstl. Gn. von der Princessin den Abschied genommen:
Und die Princessin in der Churfürstlichen Pfaltz Schiff eingetretten: Deren Ihre Churfürstliche
Gn. entgegen gefahren / und Sie nach Oppenheimb geführt: Auch wie die beyde Ihre Churfürstl.
Gn. dasselbst ufgenommen worden« (S. 95-113).
18 »Das 18. Capitel. Mit was einem stattlichen apparat und kurtzweil / Ihre Churfl. Gn. sambt dero
Princessin und Comitat / in der Stadt Franckenthal empfangen worden« (S. 113-121).
»Das 19. Capitel. Wie Ihre Churfl. Gn. dero hertzliebste Ehegemahlin / die Königliche
Princessin / sambt Ihrem Comitat / in gegenwart Zwelff Fürsten / vieler Graffen und Herrn /
mit 16. Fahrende Fußvolcks und einer Batterey von 26. halben Cartaunen beneben einer
stattlichen Riterschaft von 2000. Pferden / im Feldläger empfangen / und in die Churfürstliche
Residentz in guter ordnung begleitet« (S. 121-130).
»Das 20. Capitel. Wie ihre Churfl. Gn. ankommende Ehegemahlin / die Princessin auß
Engelland / von der Stadt Heydelberg / erstlich durch einen kurtzweiligen Fischerkampff auf dem
Necker / ferner mit underschiedlichen Triumphpforten / und anderer guter verordnung /
empfangen worden« (S. 131-139).
»Das 21. Capitel. Wie Ihre Churfl. Gn. sambt der Princessin / im Einzug / von den vier
Faculteten der Alten weitberümbten Vniversitet zu Heydelberg / durch Vier Triumphportal / mit
vieler glückwündschung / einbegleitet worden« (S. 139-150).
»Das 22. Capitel. Welcher gestaltt die Königliche Princessin / von Ihrer Fraw Schwieger und
Mutter / der Churfürstlichen Wittib / umbfangen / und von andern Fürstlich: Gräfflich: und
Adelichem Frawenzimmer / uffs zierlichst sey empfangen worden. Item eine ausführliche
beschreibung und auslegung des Hauptportals in dem Vorhof des Schloßhofes ufgericht /
darinnen die hiebevor zwischen der Cron Engelland und dem Hauß Bayern oder Chur Pfaltz
getroffene Hochfürstliche Heurath memorirt und abgebildet werden« (S. 150-154).
19 »Das 23. Capitel. Ist eine kurtze beschreibung / welcher massen Gott dem Allmächtigen / vor die
von Ihrer Churfürstl. Gn. glücklich verrichte Reiß und Heimbführung sey danckgesagt und nach
angehörter danckpredigt / Churfürstliche Tafel zur Mittagmahlzeit angeordnet und mit dem
ufwarten bestelt worden. Darauf man gegen abend die TurnierArtickel zum Freyrennen publicirt«
(S. 155-158).
20 »Das 24. Capitel. Beschreibt erstlich den bey dieser Churfl. Heimführung gehaltenen Ritterlichen
Spieß und SchwertTurnier / neben vermeldung der Herren Judicirer / und austheilung der
70 Magdalene Gärtner
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Däncke. Darauf nach dem Nacht Imbiß / ein kunstreich Fewerwerck / mit sonderbarer zier und
guter darzu gehörigen verordnung / angezündet worden / und wol abgegangen« (S. 158-166).
»Das 25. Capitel. Folgen die RingelRennen in Acht unterschiedlichen Aufzügen und Inventionen /
so in Churfürstl. Pfaltz Lustgarten zu Heydelberg gehalten worden / sampt den gewinnen und
erlangten Däncken« (S. 166-198).
»Das 26. Capitel. Ist die kurtze beschreibung eines Lustjagens / Ritterlichen Kopffrennens /
kurtzweiligen Kübelstechens / und wie endlich diß Frewdenfest des Churfürstlichen
Heimbführung beschlossen worden« (S. 198-205).
21 Als Anhang folgt:
– »Cartel / und Thurnier / Artickel zum Freyrennen« (S. 1-6),
– »Cartel und Articul / zum Ringrennen« (S. 6-9),
– »Palladis Posaun vom Triumph Jasonis / Beneben dem dazu gehörigen Cartel und Reymen«
(S. 9-14),
– »Cartell. Jason / Ein Oberwinder der gefehrlichsten Abenthewren / Ein glückseliger Eroberer
des grössten Schatzes deß Güldenen Flüsses / ein Triu[…]« (S. 14-28),
– »Martis und Veneris Aufzug« (S. 29-37),
– »Ich Ariovist, Weyland der Alten / Unüberwündlichen Weitherrschenden / Schwaben
König / […]« (S. 38-41),
– »Fama. An die Herren Judicirer und Zuseher« (S. 42-48),
– »Cartell. Welcher gestalt das Kopfrennen / bey deß Durchleuchtigsten Hochgebornen Fürsten
und Herren / Herrn Friedrichs / Pfalzgraven bey Rhein / deß H:römischen Reichs Ertztruchseß
und Churfürsten / Herzogen in Bayern u. Heimbführung / gehalten werden soll« (S. 49-50) ,
– »Cartel zum Kübelstechen. Don Quixote de la Mancha […]« (S. 51-54),
– »Folgen die Furier- und Futterzettel Des Jungen Herrn Churfürsten Pfaltzgraven / FurirZettel
naher engelland / den 18. Tag Septenbris Anno 1612« (S. 55),
– Weitere »Furir- und Futterzettel« (Aufzählung der begleitenden Personen inkl. Pferdezahl).