Sie sind auf Seite 1von 12

Seite 6 Beiträge zur

Dienemanns deutsch-jüdischen
Christentum Geschichte aus dem
Salomon Ludwig
Seite 4 Seite 11 Steinheim-Institut
Venedigs Mynonas
Testamente Erlösung 9. Jahrgang 2006
Heft 2

„Was soll ich ihnen sagen?“


Moses Mendelssohn und Salomo Dubno über die Gottesnamen
Rainer Wenzel

M endelssohn und Mitarbeiter schufen mit


ihrer Pentateuchedition, Sefer netivot ha-
schalom (Berlin 1780–1782), eines der wirkmäch-
weilige exegetische Problem sowie Mendelssohns
darauf antwortende Argumentation verdeutlichen.
Neben den Bibelübersetzungen Luthers und Johann
tigsten Werke der jüdischen Aufklärung.* Diese David Michaelis’ finden auch jiddische Übersetzun-
Wirkung ist – mehr noch als mit Mendelssohns gen des späten 17. Jh. Beachtung. *JubA Bände 15–18 enthalten
deutscher Übersetzung – mit dem hebräischen Mendelssohn übersetzt den Gottesnamen, das einen Nachdruck der Erstaus-
Kommentar, Biur, zu erklären, der nicht zuletzt das Tetragramm, mit „der Ewige“ oder „das ewige We- gabe.
Ziel verfolgte, die neue Übersetzung auf die jüdi- sen“. Der dies rechtfertigende Kommentar zählt zu
sche exegetischen Tradition zu beziehen und so zu den bekannteren Stellen des Biur und hat wieder- **Franz Rosenzweig, „Der Ewi-
rechtfertigen. holt philosophische und wissenschaftliche Auf- ge“. Mendelssohn und der
Im Rahmen der Mendelssohn-Jubiläumsausgabe merksamkeit auf sich gezogen.** Wer die Erläute- Gottesname, in: ders., Kleinere
ist, initiiert und begleitet von Daniel Krochmalnik rungen Mendelssohns und seines Mitarbeiters Salo- Schriften, Berlin 1937, S. 182–
und gefördert von der DFG, an der Hochschule für mo Dubno zu Exodus 3,13–15 aufmerksam liest 198.
Jüdische Studien eine Übersetzung des Biur ent- und weitere bislang vernachlässigte Kommentare zu Perez Sandler, Ha-be’ur la-tora
standen. Sie wird v.a. von Mendelssohn selbst ver- anderen Versen heranzieht, bemerkt jedoch, dass schel Mosche Mendelson we-
fasste Kommentare bieten und sie durch Anmer- auch auf diesem auf den ersten Blick erschlossenen si‘ato (Mendelssohn’s Edition
kungen erschließen. Die Auswahl sucht dem exege- Feld noch Entdeckungen zu machen sind. Die klare of the Pentateuch), Jerusalem
tischen Werk Mendelssohns in allen seinen Facet- Tiefe des Biur, die Tiefe der Tradition wie der Auf- 1940, S. 55, 63–66, 101, 103f.
ten gerecht zu werden. Neben Texten, die für seine klärung, bleibt noch auszuloten. Alexander Altmann, Moses
Philosophie, Theologie und Ästhetik von Bedeu- Mendelssohn. A Biographical
tung sind, darunter Überlegungen zur Theodizee Study, Alabama 1973, S. 408f.
Genesis 2
(Genesis 1–2) und die Exkurse zum Offenbarungs- David Sorkin, Moses Mendels-
begriff (Exodus 20,2) und zur biblischen Poesie 4 Dieses ist die Entstehungsgeschichte des sohn and the Religious Enligh-
(Exodus 15), verdienen auch die Kommentare Be- Himmels und der Erde, da sie erschaffen wurden, tenment, London 1996, S. 64–
rücksichtigung, die Mendelssohns deutsche Über- da nähmlich das ewige Wesen, Gott, Erd und Him- 65, 83.
setzung erklären und rechtfertigen und in denen mel gemacht hat. Rivka Horwitz, Moses Mendels-
seine Rezeption der exegetischen Tradition zu Tage sohns Interpretation des Tetra-
tritt. Die Auswahl hat das Ziel, Mendelssohns Aus- (4) […] ʭʩʤʬʠ 'ʤ das ewige Wesen, Gott. Im obigen grammaton – „Der Ewige“, Ju-
einandersetzung mit dem biblischen Text gerecht Abschnitt erwähnt sie [die Schrift] nur den Namen daica 55,2, S. 2–19; 55,3
zu werden und zu einem neuen und vertieften Ver- ‚Gott‘, und hier sagt sie ʭʩʤʬʠ 'ʤ (das ewige Wesen, (1999), S. 132–152 (zuerst he-
ständnis seines Verhältnisses zur jüdischen Traditi- Gott). 'ʤ (das ewige Wesen) – das ist sein Name – bräisch in Madde‘e ha-jahadut
on zu führen. Gott, welcher über alles herrscht und richtet; und 37 (5757), S. 185–214).
Die begleitenden Anmerkungen verzeichnen die so ist es seinem Wortsinne nach an jeder Stelle aus- Dominique Bourel, Moses
unmittelbaren literarischen Quellen des Biur und zulegen: 'ʤ (der Ewige), welcher Gott ist. Unsere Mendelssohn. La naissance du
lassen so das kompositorische Verfahren Mendels- Rabbinen ʬ''ʦ legten sie als zwei Namen aus, das judaïsme moderne, Paris: Galli-
sohns transparent werden. Ferner sollen sie das je- Maß der Gerechtigkeit und das Maß der Barmher- mard 2004, S. 378f.
Moses Mendelssohn, Gesammelte Gesamtausgabe der Schriften und des fenbüttel), Michael Brocke (Salomon
Schriften. Jubiläumsausgabe, hrsg. von Briefwechsels. Nachdem sie 1938 noch Ludwig Steinheim-Institut, Duisburg)
Michael Brocke, Eva J. Engel und Daniel einen Band zur Drucklegung hatten und Daniel Krochmalnik (Hochschule für
Krochmalnik, Stuttgart/Bad Cannstatt: bringen können, emigrierten die noch in Jüdische Studien, Heidelberg) herausge-
frommann-holzboog. Deutschland verbliebenen Herausgeber geben.
und Mitarbeiter der Ausgabe in diesem Moses Mendelssohn, Gesammelte
Anläßlich der zweihundertsten Wieder- und dem folgenden Jahr. Seit 1971 setzt Schriften. Jubiläumsausgabe, Band 9,
kehr von Moses Mendelssohns Geburts- der Verlag frommann-holzboog, der Teil 3: Der Pentateuchkommentar. Texte
tag begannen die Akademie für die Wis- Alexander Altmann als neuen Herausge- aus dem Biur in deutscher Übersetzung,
senschaft des Judentums und die Gesell- ber gewinnen konnte, die Edition der bearbeitet von Daniel Krochmalnik und
schaft zur Förderung der Wissenschaft unvollendeten Ausgabe fort. Heute wird Rainer Wenzel, Stuttgart/Bad Cannstatt:
des Judentums 1929 die Edition seiner die Jubiläumsausgabe (JubA) von Eva J. frommann-holzboog (erscheint 2006/
Gesammelten Schriften, einer kritischen Engel (Herzog August Bibliothek, Wol- 2007).

zigkeit. – Es kann sein, daß der erste Abschnitt von wacht, seinen Propheten sein Geheimnis offenbart
‚Im Anfange‘ bis ‚gemacht hatte‘ von den Tagen und für sie da ist, sobald sie ihn anrufen – er ist das
der heiligen Väter an auserwählten einzelnen über- ewige Wesen, Gott. Der deutsche Übersetzer hat
liefert wurde. Möglicherweise wurde er seit den den ehrwürdigen Namen als *das *ewige *Wesen
Tagen des Adam und des Schet mündlich von den gedeutet und manchmal als *der *Ewige, weil die-
Vätern an die Söhne weitergegeben. Mit ihm pfleg- ser Name ‚er war‘ (ʤʩʤ), ‚er ist‘ (ʤʥʤ) und ‚er wird
ten jene Heiligen ihren Söhnen und Schülern das sein‘ (ʤʩʤʩ) enthält. Siehe in der Parascha Schemot
Geheimnis des Schöpfungswerkes und der Erschaf- beim Vers Dieses ist immer mein Namen (Ex 3,15),
fung der Welt einzuschärfen. Und von ihm aus ver- denn dort ist sein rechter Ort. Onkelos übersetzt
breitete sich dieser Glaube in alle Enden der Welt den Namen ʭʩʤʬʠ im ersten Abschnitt mit dem
zu jeglichem Volk und jeglicher Zunge, so daß es Wort ʩ''ʩ, und die Wörter ʭʩʤʬʠ 'ʤ deutete er als ʩ''ʩ
keine Nation und Zunge mehr gab, die nicht ein ʭʩʤʬʠ, doch habe ich seine Absicht nicht erkannt.
wenig Kenntnis von dieser Grundlehre oder einen
Hinweis darauf gehabt hätte. Diese Überlieferung
Genesis 17
wurde jedoch teilweise durch den Aberglauben der
sich weise Dünkenden und die Lügen der Dichter 1 Als Awram neun und neunzig Jahr alt war,
verfälscht, welche hoch gebieten, wie wenns vom erschien ihm der Ewige, und sprach zu ihm: Ich bin
Himmel käme, und aus eigenem Sinn Dinge erdich- Gott der Allmächtige, wandle vor mir, und sey un-
ten, die so nicht sind, um das Herz des Haufens geteilten Herzens.
fortzuziehen, über denen das Licht der Tora des
Ewigen nicht leuchtete. Sie vermengten die Wahr- (1) ʩʣʹ ʬʠ Gott der Allmächtige. Raschi erläutert:
heit mit der Lüge, so daß ihnen nur wenige Andeu- Ich bin es, in dessen Göttlichkeit genug für alle Ge-
tungen blieben, gleich einem Licht, das in tiefster schöpfe ist (ʤʩʸʡ ʬʫʬ ʩʺʥʤʬʠʡ ʩʣ ʹʩʹ ʠʥʤ ʩʰʠ). Dem
Nacht und Finsternis aufblitzt. Siehe nun, es ist be- nahe ist die Erklärung des Rambam im More nevu-
kannt, daß der Eigenname, der auf die individuelle chim, daß er zu seiner Existenz und Erhaltung kei-
Vorsehung des Ewigen gegenüber auserwählten nes anderen bedarf; vielmehr sei seine Existenz sich
Menschen und das Anhaften Gottes an denen, die selbst zureichend sowie allem anderen zureichend.
seine Worte bewahren, verweist, nur durch die Zei- Demnach wäre es passend in die deutsche Sprache
chen und Wunderbeweise allgemein bekannt wur- zu übersetzen: *der *Allzureichende. R. Abraham
de, welche er für die Söhne Israels machte, als er ibn Esra erklärt jedoch, daß es von ʣʣʥʹ abgeleitet
sie aus Mizrajim hinausführte und sie für seinen sei, das heißt: die Ordnungen des Himmels besie-
Dienst absonderte, wie wir, so Gott will, erklären gend und unterwerfend (ʭʩʮʹʤ ʺʥʫʸʲʮ ʣʣʥʹʮʥ ʧʶʰʮ).
werden beim Vers: ʭʤʬ ʩʺʲʣʥʰ ʠʬ 'ʤ ʩʮʹʥ (Aber mit Ramban ʬ''ʦ stimmt mit ihm überein und schreibt,
meinem Wesen, welches unendlich und allgegen- daß das richtig sei. Denn das ist die Eigenschaft der
wärtig heißt, bin ich von ihnen nicht erkannt wor- die Welt leitenden Majestät, über welche die Wei-
den). (Ex 6,3) Siehe dort. Als unser Meister Mose, sen sagten: das Maß der Gerechtigkeit der unteren
Friede mit ihm, die Tora getreu dem Munde des Welt. Diesen Namen jetzt zu erwähnen, hat seinen
Ewigen aufschrieb, setzte er daher diesen überlie- Grund darin, daß durch ihn die verborgenen Wun-
ferten Abschnitt an ihren Anfang und erwähnte der für die Gerechten getan werden, um sie aus al-
darin nur den Namen ʭʩʤʬʠ (Gott), der auf die ab- len menschlichen Nöten zu erretten, wie alle die
solute Macht und die Herrschaft über jegliches Wunder, die für Abraham und die Väter getan wur-
mögliche Ding verweist, es in den Bereich des Da- den, und wie alle, die in der Tora in der Parascha
seins zu überführen und es nach seinem Willen zu ‘Im be-chukkotai und in der Parascha We-haja ki
leiten. Und er fügte hinzu wie folgt: Dieses ist die tavo in den Segenswünschen und Flüchen stehen,
Entstehungsgeschichte des Himmels und der Erde, welche allesamt Wunder sind. Denn nicht von Na-
da sie erschaffen wurden, da nämlich das ewige We- tur aus fällt der Regen zur rechten Zeit, wenn wir
sen, Gott, Erd und Himmel gemacht hat – um dar- Gott dienen, und würde der Himmel zu Eisen,
auf zu verweisen, daß dieses allmächtige Wesen der wenn wir im Siebtjahr aussäten. Vielmehr sind das
2 ehrwürdige Name ist, welcher über seine Knechte alles Wunder und wird bei allen die Gestirnsord-
nung besiegt (gleich dem, was der Sänger sagt: macht außerdem noch auf eine erhabene und ehr-
Denn du hast dein Vertrauen auf Gott usw. Dir würdige Sache aufmerksam, daß nämlich unser Va-
kann kein Unglück widerfahren (Ps 91,9–10)). Da- ter Abraham in seinen Gesprächen den Namen ʣ''ʥʩ
bei gibt es jedoch keine (öffentliche und offenbare) ʠ''ʤ nur verbunden mit dem mit ʺ''ʬʣ ʳ''ʬʠ geschrie-
Änderung des Ganges der Welt, wie bei den Wun- benen Namen oder verbunden mit ʯʥʩʬʲ ʬʠ (höchs-
dern, die durch unseren Meister Mose, Friede mit ter Gott) erwähnt hat; aber bei seinen Begebenhei-
ihm, getan wurden, bei den zehn Plagen, beim Zer- ten wird er [den Namen] ʭʩʤʬʠ [Elohim] erwähnen;
spalten des Meeres, beim Manna und Brunnen und ebenso wird er sagen: ʭʩʮʹʤ ʩʤʬʠ 'ʤ (der Ewige, der
bei anderem, was die Natur in aller Öffentlichkeit Gott des Himmels) (unten 24,7); und er nennt den
verändernde Wunderbeweise sind. Sie sind es, die Ort des zukünftigen Heiligtums ʤʠʸʩ 'ʤ (Ha- schem
mit dem besonderen Namen getan wurden, den er jir’e) (ebenda 22,14). Jakob sagt stets ʩʣʹ ʬʠ, unser
Mose kundgab. Daher machte er nun unserem Va- Meister Mose aber niemals. Siehe hiervon außer-
ter Abraham bekannt, daß er der siegreiche Mäch- dem in der Parascha Wa-’era (Ex 6,3). Deshalb ist
tige ist, der seine Gestirnskonstellation überwinden es in der deutschen Sprache *der *Allmächtige
wird, so daß er Zeuge sein und zwischen ihm und übersetzt. […]
seinen Nachkommen auf ewig ein Bund sein wird;
daß des Ewigen Anteil sein Volk sein und er sie mit
seinem Willen leiten wird. Sie werden der Herr- Teil 1 von 2. Im nächsten Heft erscheint der zweite
schaft eines Gestirns oder einer Konstellation nicht Teil zu Exodus 3 und 6 sowie die aufgelösten Ab-
unterstehen. Soweit die Worte des Ramban ʬ''ʦ. Er kürzungen.

Anmerkungen

Genesis 2 keit“ bestimmt. Vgl. auch Mendelssohns Brief an der Regen zur rechten Zeit: Nach Lev 26,4.
den Erbprinzen von Braunschweig Wolfenbüttel, würde der Himmel zu Eisen: Nach Lev 26,19.
das ewige Wesen, Gott: Luther: Gott der HERR. ebenda, S. 302.
Blitz: ʸʲʤ ʸʲʣ ʨʠʢ. Witzenhausen: ʨʠʢ (V. 4) und ʨʠʢ wenn wir im Siebtjahr aussäten: Vgl. Ex 23,10–11;
ʸʲʤ ʸʲʣ (V. 7). Michaelis: Gott, Jehova. der erste Abschnitt von ‚Im Anfange‘ bis ‚gemacht Lev 25,1–7.
hatte‘: Gen 1,1–2,3.
Im obigen Abschnitt erwähnt sie [die Schrift] nur bei den zehn Plagen, beim Zerspalten des Meeres,
den Namen ‚Gott‘: Vgl. zu den Gottesnamen den den Aberglauben: Vgl. zur Übersetzung Deut 32,21; beim Manna und Brunnen: Vgl. Ex 7–12; 14; 16;
Biur zu Gen 4,1; 17,1; 43,17; Ex 3,13–15; 6,3. An Ps 31,7 sowie den Biur zu Lev 19,4. 17.
die Beobachtung, daß die Gottesnamen im Penta- welche hoch gebieten, wie wenns vom Himmel mit dem besonderen Namen […] den er Mose kund-
teuch in verschiedener Weise gebraucht werden, käme: Nach Ps 73,9. gab: Mit dem Tetragramm. Vgl. Ex 3,14–15.
knüpfte die historisch-kritische Wissenschaft seit in tiefster Nacht und Finsternis: Nach Spr 7,9.
Jean Astruc (Conjectures sur les Mémoires origi- des Ewigen Anteil sein Volk: Nach Deut 32,9.
naux, Bruxelles 1753) die Hypothese eines aus un- Abraham in seinen Gesprächen: In seinen Gesprä-
terschiedlichen Quellen zusammengesetzten Textes. Genesis 17 chen mit Gott; vgl. Gen 15,2.
Vgl. dazu Michaelis, Anmerkungen, S. 17f. (1) ʩʣʹ ʬʠ Gott der Allmächtige: Dieser Kommentar den Namen ʠ''ʤ ʣ''ʥʩ: Das mit den Konsonanten Jod
Im obigen Abschnitt […] 'ʤ (der Ewige), welcher stammt von Salomo Dubno. und He beginnende Tetragramm.
Gott ist: Nach Raschi zu Gen 2,5. Rambam im More nevuchim: I,63. dem mit ʺ''ʬʣ ʳ''ʬʠ geschriebenen Namen: Dem mit
Unsere Rabbinen […] Maß der Barmherzigkeit: Ramban ʬ''ʦ stimmt mit ihm überein […] Soweit die den Konsonanten Alef und Dalet beginnenden Na-
Schemot rabba 3,6. Die Rabbinen ordneten dem Worte des Ramban: Ramban. men Adonai. Vgl. Gen 15,2.
Gottesnamen Elohim (‚Gott‘) das Attribut der rich- oder verbunden mit ʯʥʩʬʲ ʬʠ (höchster Gott): Vgl.
tenden und strafenden Gerechtigkeit (midat über welche die Weisen sagten: das Maß der Gerech-
tigkeit der unteren Welt: Bereschit rabba 35,4. Ge- Gen 14,22.
ha-din), dem Tetragramm das Attribut der Barm-
herzigkeit (midat ha- rachamim) zu. Vgl. dazu Men- meint ist die sublunare Welt. Vgl. auch die Anmer- aber bei seinen Begebenheiten wird er [den Namen]
delssohns Bemerkungen in den Gegenbetrach- kung zu Gen 2,4. ʭʩʤʬʠ [Elohim] erwähnen: Gemeint ist: wenn er über
tungen über Bonnets Palingenesie, JubA 7, S. 96, in der Parascha ‘Im be-chukkotai und in der Parascha Gott spricht; vgl. Gen 20,13; 22,8.
wo er die Gerechtigkeit Gottes als „allweise Gütig- We-haja ki tavo: Lev 26,3–46 und Deut 28,1–69. Jakob sagt stets ʩʣʹ ʬʠ: Gen 43,14; 48,3. 3
Stein und Bewusstsein
Aschkenasische und sephardische Sepulkraltraditionen
auf dem Friedhof in Venedig
Rafael Arnold

D as Bewusstsein eigener Identität braucht den


Kontakt mit den anderen, der sie, wenn er sie
auch nicht gerade hervorruft, sie doch verstärkt. Der
sich hier Seite an Seite finden. Bei einem Augen-
merk für die spezifischen kulturellen Ausdrucksfor-
men lässt ein unmittelbarer Vergleich die Eigenar-
Antagonismus von Christentum und Judentum trug ten der jüdischen Gruppen aufscheinen.
in diesem Sinne zur Stärkung von Identitätsbewusst- Während die Italqim und die Aschkenasim den
sein bei; und er tritt uns stets zunächst vor die Augen, Verstorbenen ihrer „Nation“ aufrecht stehende
doch kennt die jüdische Geschichte unter der griffi- Grabsteine an das Kopfende des Grabes setzten, be-
gen Formel: „Wir und die anderen“ auch feiner dif- vorzugten die sephardischen Juden liegende Stein-
ferenzierte Verwirklichungen von Identität. platten, die das Grab in Form eines schlanken
Mit der Einrichtung eines separierten Wohnbe- Rechtecks bedecken. Die jeweils gewünschte Auf-
zirks für Venedigs Juden im Jahr 1516 erhielt der stellung verlangte auch eine unterschiedliche Aus-
christlich-jüdische Antagonismus einen örtlichen, führung und Beschriftung der Steine. Auf Abbil-
topographisch-urbanistischen Ausdruck. Innerhalb dung 1 erkennt man den senkrecht aufgestellten
des Ghettos herrschte indessen kein ungeteiltes Stein auf der Rechten an seinem nur grob behaue-
Wir-Gefühl. Zu verschieden waren die Gruppen nen unteren Teil, der ihm im Boden Halt gab, wäh-
der universitas hebraeorum in Herkunft, Sprache rend die beiden links stehenden Platten ursprüng-
und religiösem Brauch. Zu den italienischen Juden, lich für die waagrechte Lagerung angefertigt wur-
den italqim, die seit dem Mittelalter in Venedig leb- den.
ten, waren aus deutschsprachigen Gebieten aschke- Auch an ihrem aufwendigen Dekor sind die se-
nasische Juden zugewandert, die noch bis Ende des phardischen Grabstätten zu erkennen. Reiche Volu-
16. Jahrhunderts Jiddisch sprachen. Neben ihnen ten, Draperien, sogar Engelputten zieren die kost-
bildeten Juden spanisch-portugiesischer Abstam- bareren Grabsteine. Unnötig zu betonen, dass sich
mung eine kleine sephardische Gemeinde, die aber darin christliche Vorlieben zeigen, denen besonders
stark anwuchs, seitdem die Republik 1589 um ihre die ponentini nachhingen, nachdem sie Generatio-
Zuwanderung regelrecht geworben hatte. Diese na- nen lang als anussim, zwangsgetaufte Christen, auf
tioni, wie die venezianischen Behörden sie bezeich- der Iberischen Halbinsel gelebt und sich erst spät
neten, hatten jeweils eigene Synagogen, von denen zu Exil und Rückkehr zum Judentum entschlossen
heute noch fünf besichtigt werden können, und hatten.
verwalteten sich autonom. Gemeinsamkeit stiftete die heilige Sprache,
Sie alle teilten sich jedoch einen einzigen, ge- denn die Mehrzahl der Denksteine auf dem alten
meinsamen Friedhof auf dem Lido. Seine wissen- Teil des Friedhofs trägt, wie nicht anders zu erwar-
schaftliche Erforschung reicht von der Inschriften- ten, einsprachige hebräische Inschriften. Aber
Fotos: R. Arnold sammlung des deutsch-jüdischen Forschungsreisen- schon aus den Jahren 1617, 1624, 1630 und 1649
den Abraham Berliner stammen die ältesten erhaltenen Inschriften in la-
1881 zu der prächtigen teinischen Buchstaben. Spätestens ab den siebziger
zweibändigen Doku- Jahren wurde es unter den sephardischen Juden üb-
mentation, die vor lich, zumindest die Angaben zu Person und Todes-
kurzem von Aldo Luz- datum auf Spanisch oder Portugiesisch zu verfas-
zatto herausgegeben sen. Wohl unter diesem sephardischen Einfluß ver-
wurde.1 Bedauerlich änderten auch die italienischen Juden allmählich
ist nur, dass selbst in Tradition und Brauch. Anfänglich nur selten, später
dieser bislang ausführ- aber häufiger verwendeten sie das Italienische,
lichsten Untersuchung während sie das Jiddische völlig vermieden: Dies
nicht darauf hingewie- zeigt, dass die divergierenden Sepulkraltraditionen
sen wird, wie sehr sich der verschiedenen jüdischen Gruppen spätestens
die kulturelle Vielfalt im 17. Jahrhundert einander beeinflussten.
des Ghetto auch in den Heute liegen oder stehen die meisten Grabstei-
Unterschieden der Se- ne des Friedhofs auf dem Lido leider nicht mehr in
pulkraltraditionen nie- situ. Aus Gründen des Schutzes vor Wasser, Witte-
4 dergeschlagen hat, die rung und Wurzelwerk hat man sich für ihre über-
wiegend lotrechte Lagerung entschieden, auch
wenn dies nicht die ursprüngliche ist (Abb.2). Doch
fehlt es glücklicherweise nicht an Dokumenten, die
uns helfen können, die einstige Gestalt des Ortes
und manches von der Bedeutung zu rekonstruie- der Mehrzahl der Fälle. Ab der zweiten Hälfte des
ren, die sie für die Zeitgenossen hatte. Dazu zählen 17. Jahrhunderts bewegt sich die Gestaltung der 1 Abraham Berliner, „Luchot
insbesondere die im Staatsarchiv von Venedig (ASV) Grabmale in einem unschwer erkennbaren ästheti- Abanim“ – Hebräische Grab-
aufbewahrten Testamente, die oft genaue Bestim- schen Rahmen, der in Venedig einige serielle Typen schriften in Italien, Frankfurt/
mungen zu den Grabsteinen enthalten und deshalb hervorgebracht hat, deren Regelmäßigkeit den An- M. 1881; Aldo Luzzatto (a cura
eine wichtige Quelle für die materiellen wie ideel- gehörigen jeder natione bekannt war. Weil sich die- di), La comunità ebraica di Ve-
len Aspekte dieser Artefakte darstellen.2 se Vorstellungen in der Anfangszeit des Ghetto an nezia e il suo antico cimitero,
Immer wieder findet sich in den Testamenten einigen wenigen Vorbildern orientieren mussten, 2 voll., Milano 2000; S. Bern-
der Hinweis auf die usanza, die in der jeweiligen blieb die Machart der Steine auch im Laufe der stein, „Luchot avanim, part II
Gemeinde übliche Art und Weise, Grabsteine anzu- Zeit so einheitlich, dass diese Gleichförmigkeit (180 Italian-Hebrew Epitaphs
fertigen. Einerseits beharren aschkenasische und dem cimitero noch heute einen bleibend harmoni- of the Sixteenth-Nineteenth
italienische Juden auf der Wahrung ihrer Tradition, schen Eindruck verleiht. Auf diese Konformität be- Centuries)”, Hebrew Union
so der Arzt Joseph del David, der eigens verfügt, rief sich ganz selbstverständlich, wer den schlichten College Annual 10 (1935),
dass der Grabstein am Kopfende des Grabes aufge- Wunsch äußerte, sein Grabsteine möge „wie üb- S. 483–552; Rafael Arnold,
stellt werde, was er interessanterweise verallgemei- lich“, com’è usanza, gestaltet werden. Spracharkaden. Die Sprache
nernd als „jüdischen Brauch“ bezeichnet.3 Umge- Neben den Wünschen zur Art und Ausführung der sephardischen Juden in Ita-
kehrt sahen sephardische Testatoren ihren eigenen des Denkmals enthalten die Testamente auch weite- lien im 16. und 17. Jahrhun-
Usus als „normal“ an, wenn sie sich „einen norma- re Hinweise auf das gesellschaftliche Zugehörig- dert, Heidelberg 2006, S. 329–
len Stein“ (hua pedra ordinaria4) ausbaten. keitsbewusstsein. Meist wird nämlich die Beiset- 343.
Die außerordentlich präzisen Anweisungen, die zung in der Nähe von Angehörigen gewünscht, wo- 2 Vgl. Arnold, Rafael: „»se lhe
in den Testamenten zu finden sind, erweisen die gu- bei Blutsverwandten vor angeheirateten Familien- ponha hua boa pedra« – Dis-
te Kenntnis dieser Konventionen und auch der ört- angehörigen der Vorzug gegeben wird. Damit positionen zu venezianischen
lichen Gegebenheiten, in die sie sich einfügte. So manifestiert sich auch hier die klare Tendenz zur Grabsteinen und -inschriften in
verlangte 1626 Gabriel Jesurun Dias, ein ponenti- innerjüdischen, ja selbst innergemeindlichen Grup- sephardischen Testamenten“,
nischer Sepharde, dass bei der Auswahl seines Be- penbildung, die über den Tod hinaus sichtbar blei- in: Michael Graetz (Hg.), Ein
gräbnisplatzes der Untergrund, der nur knapp über ben soll. Die später immer wieder vorgenommenen Leben für die Kunst. Gedenk-
Meereshöhe liegt und viele feuchte Stellen auf- willkürlichen Umlagerungen der Steine haben diese band für Hannelore Künzl, Hei-
weist, mit besonderer Sorgfalt geprüft werden sol- gewachsenen Gruppierungen allerdings zerstört. delberg: C. Winter 2003, 69–
le. Die Grabplatte solle flach auf das Grab gelegt Die Testatoren äußerten ihre Zugehörigkeit, 86.
und als Substruktion ein etwa 20 cm hohes Mäuer- wie wir sehen, in einem Streben nach Kontinuität, 3 ASV, Archivio notarile, Pietro
chen ringsum errichtet werden. Dias bestand dar- das sich aber nicht nur auf die Zeichensprache der Bracchi, protocolli, b.181,
auf, dass sein Grabstein keinesfalls senkrecht aufge- Denksteine, sondern auch auf die Welt der nach ih- D. Joseph del David ò Medico
stellt werden dürfe, denn diese Gepflogenheit er- nen Lebenden erstreckte. In manchen Testamenten Ebreo [27. Juni 1631].
kannte er, wie man dem Text entnehmen kann, als werden zukünftige Ehen angebahnt und bei der 4 Beispielsweise im Testament
aschkenasisch.5 Besuchen wir heute auf dem Lido Auswahl des Ehepartners besonderer Wert auf En- von Josef Olivier (ASV, Archivio
seine Grabstätte, so stellen wir fest, dass sein letzter dogamie gelegt: eine der wichtigsten Voraussetzun- notarile, Giov. Piccini, b.756,
Wunsch nicht in Erfüllung gegangen ist: Der für gen für die Stabilität der ethno-religiösen Gemein- Nr.110, [12. Mai 1667]).
ihn gefertigte Grabstein ließ nur eine senkrechte schaft. Die Gruppenzugehörigkeit aber war nicht 5 ASV, Archivio notarile, Giov.
Aufstellung zu. etwa lokal definiert, sondern kulturell, denn sie er- Piccini, b.756, Nr.93, Gabriel
Das Beispiel zeigt, dass es zur Ausbildung und streckte sich weit über Venedig hinaus auf die ge- Jesurun [1. April 1623].
Bewahrung distinkter Sepulkraltraditionen nicht samte aschkenasische oder sephardische Diaspora.
genügte, dass der Sterbende seine Vorstellungen Die venezianischen Juden zeigten auch in den Tra-
präzise äußerte und notariell beglaubigen ließ: Sei- ditionen ihrer Grabmäler Gruppenidentität, im Be-
ne Angehörigen mussten dies auch entsprechend in wusstsein um die Andersartigkeit untereinander
Auftrag geben und schließlich die Steinmetze den und gegenüber der christlichen Mehrheitsgesell-
Auftrag ohne Fehler ausführen. Dies gelang auch in schaft. 5
Max Dienemann (1875–1939)
Ein deutscher Rabbiner und das Christentum
Robert Raphael Geis

M ax Dienemann ist eine der vielen großen Rab-


binergestalten des deutschen Judentums vor
seinem Untergang. Zuerst in Ratibor, dann in Of-
aus seinem Zusammenhang gerissen und nur so los-
gelöst kann er für den Verfasser beweiskräftig sein.
Im Text heißt es aber auch: „Mein Gott, die Seele,
fenbach/Main hat er amtiert, der gelehrten For- die du mir gegeben, ist rein. Du hast sie geschaffen,
schung immer verbunden. Aus der großen Zahl sei- du hast sie gebildet, du hast sie mir eingehaucht
ner Abhandlungen, Aufsätze, Buchbesprechungen und du bewahrst sie in meiner Mitte, du wirst sie
sind siebenundvierzig der Auseinandersetzung Ju- künftig von mir nehmen – und sie mir wiedergeben
dentum – Christentum gewidmet. Sein Buch „Ju- in der kommenden Zukunft. Alle Zeit, da die Seele
dentum und Christentum“ hat zwei Auflagen er- in meiner Mitte ist, lobe ich dich. Ewiger, mein
reicht (1914 und 1919) und spiegelt sicherlich die Gott und Gott meiner Väter, Meister aller Werke,
Meinung des Großteils seiner Kollegen und des ge- Herr aller Seelen. Gepriesen seist du, Ewiger, der
bildeten deutschen Juden überhaupt wider. Sein die Seelen zurückkehren läßt in tote Körper. Herr
fruchtbarster Gedanke ist vielleicht die Gegen- aller Welten! Nicht um unsrer Gerechtigkeit willen
überstellung von christlichem „Heil“ und jüdischer werfen wir unser Flehen vor dich, sondern um dei-
„Ordnung des Lebens“, die er als wesenswichtig er- ne große Barmherzigkeit. Was sind wir, was unser
kennt. Auffallend aber ist auf weiten Strecken die Leben, was unser Lieben, was unsre Gerechtigkeit,
einseitige Belichtung des Judentums, um klare Anti- was unser Heil, was unsre Kraft, was unsre Macht?
thesen wie Askese – Nichtaskese, Pessimismus – Was sollen wir vor dir sagen, Ewiger. Unser Gott
Optimismus, Passivismus – Aktivismus, Romantik – und Gott unsrer Väter? Sind nicht alle Helden wie
Klassik als typisch christlich respektive jüdisch zu nichts vor dir, die Berühmten, als wären sie nicht,
erhalten, wobei das Judentum immer auf der Seite die Weisen wie ohne Wissen, die Verständigen wie
des Lebensheiteren zu stehen kommt. Das Juden- ohne Verstand? Denn ihre vielen Taten sind nichtig,
tum hat zwar Dogmen, aber keine Dogmatik. Das und ihre Lebenstage ein Hauch vor dir. Und der
Pendant zur Lehrmeinung der Kirche ist das Erzäh- Vorzug des Menschen vorm Vieh ist nichts, denn
lende der Rabbinen, das fast alles „Theologische“ alles ist ein Hauch. Und doch sind wir dein Volk,
im Fluß läßt, weil die Tatregelung das Entscheiden- Kinder deines Bundes. Kinder Abrahams, deines
de und darum auch das Feste und Konkrete bleibt. Freundes, dem du geschworen am Berg Moria,
Fehlinterpretationen sind also schon gegeben, Nachkommen Isaaks seines Einzigen, der gebunden
wenn man eine Aussage fixiert und Gegenaussagen war auf dem Altar, die Gemeinde Jakobs, deines
gar nicht anführt. Eine Fehlinterpretation durch Sohnes, deines Erstgeborenen, – in deiner Liebe,
Verschweigen sei angeführt. Dienemann zitiert aus damit du ihn geliebt, in deiner Freude, damit du
dem täglichen Morgengebet: „Mein Gott, die See- dich an ihm gefreut, nanntest du seinen Namen Is-
le, die du mir gegeben hast, ist rein.“ Der Satz ist rael und Jeschurun. Darum sind wir verpflichtet,
dich zu loben, zu preisen, zu rühmen, zu segnen
Vor 100 Jahren geboren: Rabbiner Dr. Robert quent (siehe: Leiden an der Unerlöstheit der und zu heiligen, Preis und Lob deinem Namen zu
Raphael Geis, 4. Juli 1906 in Frankfurt a. M. Welt. R.R.G. 1906–1972. Briefe, Reden, Aufsät- geben. Heil uns! Wie gut ist unser Teil, wie lieblich
Promoviert 1929, erhielt das Rabbinatszeugnis ze, hgg. von Dietrich Goldschmidt, München unser Los, wie schön unser Erbe! Heil uns! Daß wir
der Hochschule für die Wissenschaft des Ju- 1984). Seine Anthologie „Vom unbekannten früh und spät, Abend und Morgen, an jedem Tag
dentums 1932, amtierte in München, Mann- Judentum“, Freiburg 1961, 2. Auflage 1975 ständig in Liebe sprechen: Höre Israel: ER unser
heim, Kassel, wanderte nach Palästina aus, gehört zu den schönsten und bedeutendsten Gott, ER ist Einer!“
1946 nach England, Rabbiner in Amsterdam, Werken dieser Gattung. Das ist doch wohl ein sehr wesentlich Anderes
1952 Landesrabbiner von Baden in Karlsruhe, Kalonymos bringt hier Rabbiner Geis’ Beitrag als Dienemann erkennen läßt. Von der machtvollen
u. a. Honorarprofessor für jüd. Religionswis- zur Festschrift für Max Plaut (Kritische Solidari- Paradoxie des Glaubens in diesem Gebet ist nichts
senschaft an der PH Duisburg 1969/70, später tät. Betrachtungen zum deutsch-jüdischen mehr zu spüren. Die tiefe Überzeugung verstummt,
in Göttingen. Gest. 18. Mai 1972 Baden-Ba- Selbstverständnis, Bremen 1971, Hg. G. daß erst die Gnade der Erwählung Israels aus den
den. Schulz), der sich mit dem Christentumsbild des vielen Fragezeichen unseres Menschseins das „und
„Aba“ Geis, wie ihn Freunde riefen, war einer eine Generation älteren Offenbacher Kollegen, dennoch“ zu der Seelenreinheit erblühen läßt. Die
der wichtigsten Gesprächspartner der Anfän- Dienemann, auseinandersetzt, der wie Geis im Problematik ist für die gewollte Antithese jüdische
ge des Dialogs von Juden und Christen in der November 1938 im KZ Buchenwald inhaftiert Umkehr gegen christliche Erbsünde ganz einfach
Bundesrepublik,
6 engagiert streitbar und elo- war. mb überspielt, noch nicht einmal die Gedankenführung
VAKU UM

bleibt sichtbar. Als ein Unerlaubtes will uns das er- chen. Man akzeptiert die Botschaft Jesu als jüdische Die Rabbiner Robert Raphael
scheinen. Ähnlich verhält es sich mit der Behaup- Botschaft hoher Ethik und vermeint, die Kirchen Geis und Max Dienemann sind
tung vom Optimismus des Judentums, der auf vie- müßten das „Kirchliche“ abstreifen und über Bord mit umfassenden Einträgen im
len Seiten unserer Bibel ad absurdum geführt wird. werfen, wenn sie überhaupt bestehen wollen. Die- 2. Teil des Biographischen
Viel zu realistisch ist das Menschenbild der Heiligen ses Kirchliche beginnt für den Juden bei Paulus und Handbuchs der Rabbiner ver-
Schrift, um sich auf den Nenner bringen zu lassen, endet erst mit der liberal-protestantischen Theolo- treten, der Ende des Jahres im
den Dienemann allein gelten lassen will. Frevelhaft gie des 19. Jahrhunderts. Das jüdische Hochgefühl K. G. Saur Verlag München er-
fast möchte man es empfinden, wenn ausgerechnet ist heute kaum mehr vorstellbar. Huldigt die Epo- scheinen soll.
dem Juden, der durch die Zeiten wie kaum ein an- che in ihrem frohen Glauben an den Fortschritt
derer unter menschlichem Versagen zu leiden hat, schon einem Optimismus, für den Juden wird die- Dieses prosopographische
ein Optimismus angedichtet wird, der wirklich an ser Optimismus geradezu ein Glaubensbekenntnis, Nachschlagewerk gibt Aus-
Irrsinn grenzen müßte. Um eines gewollten Gegen- dessen Ursprung eben in diesem einen Politikum zu kunft über alle Rabbiner, die
satzes Christentum – Judentum wird der Heroismus suchen und zu finden ist. Parallel verläuft die Ver- zwischen 1871 und 1945 im
gläubigen Ausharrens und Hoffens einfach zu einem bürgerlichung des Juden, dem bei allem Konserva- geographischen Rahmen des
Optimismus verkürzt. Bei einer sachlichen Darstel- tivem seines Wesens die Voraussetzung zum Deutschen Reichs ihr Amt an-
lung des Gegenüber von Judentum und Christen- Bürgerlichen, die Sicherheit, vor der französischen traten, ausübten und/oder ihre
tum käme es aber gerade darauf an, den abstrakten Revolution immer gefehlt hat. Nun spricht man rabbinische Ausbildung erhiel-
Gegensatz zu vermeiden, weil der die Wahrheit im- von der Religion der Propheten als der jüdischen ten. Kurzbiographien stellen
mer nur schief wiedergeben kann. Wichtig wäre es, Religion und meint damit in grotesker, unbewußter die etwa 850 Rabbiner dieser
einen Gedanken nicht in das Vakuum der Abstrakti- Verzeichnung eine bürgerliche Religion der Anstän- Epoche vor. Herkunft und Wer-
on zu setzen, sondern gerade in Verbindung zu Ort digkeit und des Wohlergehens auf Erden bis in die degang, religiöse Ausrichtung
und Zeit seines Auftretens; sonst macht man das messianische Perspektive der „kommenden Tage“ und oftmals reges Engage-
Christentum zur Karikatur, genau so elend und so hinein. Die Heilsbotschaft der Künder Israels ist ment in Organisationen, Verei-
schäbig wie das Zerrbild vom Judentum, das die um die Schilderung der Katastrophen, die „den Tag nen oder Korrespondenzen
Christen durch die Zeiten mitschleppen. des Herrn“ einleiten, verkürzt. Daraus ergibt sich werden so lebendig. Verzeich-
Nun muß freilich der Ursache dieser Fehler- dann die Darstellung des Judentums als einer Reli- nisse der Publikationen ma-
quelle bei Dienemann und so vielen seiner Zeitge- gion des Optimismus, des Aktivismus, der Lebens- chen die wissenschaftlichen
nossen nachgegangen werden. Das hat wenig mit freude, und wieder wird überlesen, was in dieses und publizistischen Leistungen
Glaubensgeschichte zu tun, um so mehr mit politi- Konzept nicht hineinpaßt. Eine so geartete Schilde- bewusst, während ausgewähl-
scher Geschichte: der französischen Revolution. rung könnte jedoch nur dann legal sein, wenn die te Literaturverweise sowie Ver-
Viel zu schwere Straßen der Geschichte ist der Jude jeweils mögliche Gegenposition markiert und nicht weise auf archivalische, epigra-
über Jahrhunderte gegangen worden, um nicht ge- verschwiegen würde. In dieser Einseitigkeit und phische und ikonographische
blendet zu werden, da das Wort von der Freiheit Übertreibung sind sich jedoch sonst bekämpfende Dokumente Anregungen für
endlich auch über ihm aufleuchtet. Der Jude sagt religiöse Gruppen des neuzeitlichen Judentums die weitergehende Beschäfti-
„ja“ zur französischen Revolution, ihren Konse- weitgehend einig. Von dem Substanzverlust, der gung mit den Rabbinerpersön-
quenzen und Folgen. Wie sollte es auch anders zur Flucht großer Juden aus einem seichtgeworde- lichkeiten bieten.
möglich sein? Die christlichen Kirchen in Deutsch- nen Judentum führen soll, weiß man nichts.
land hingegen haben sich dieses „ja“ in ihrer Mehr- Wir können heute unschwer darüber in Distanz Der 1. Teil, Rabbiner der Eman-
heit nie so recht abringen können. Die daraus re- denken, sprechen, Zusammenhänge erhellen. Wer zipationszeit 1781–1871, er-
sultierende Verstrickung der Kirchen in die Reakti- die verzweifelten Predigten von Max Dienemann schienen 2004 und durchge-
on gibt dem Judentum offensichtlich aber die Über- aus dem Herbst 1938 liest, wer ihn wegen der Er- hend lobend aufgenommen,
zeugung, das Christentum sei nun am Ende. Ein niedrigung der Menschengestalt in den satanischen hat seinen hohen Nutzen für
Siegesgefühl, das oft in eine Art Offensive über- Quälern buchstäblich geschüttelt im Konzentrati- die Interessenten bereits in un-
geht, wird gegenüber dem Christentum spürbar. onslager erlebt, wer das schnelle Verlöschen nach terschiedlichsten Bereichen er-
Man fühlt sich als Jude getragen von den geistigen der Befreiung mit angesehen hat, der weiß um die wiesen.
Bewegungen der Klassik und des Idealismus, von Tiefe auch dieses Glaubens und der hehren Hoff-
der politischen Strömung des Liberalismus, fühlt nung, die er zu geben hatte. Bei aller notwendigen
sich als Angehöriger einer Glaubensgemeinschaft Kritik bleibt Achtung und Verehrung vor einer Über-
ohne Dogmatik erhoben und erhaben, kurzum auf zeugung, die mit Notwendigkeit das Judentum ver-
der Höhe der Zeit. Das ist ein Wandel sonderglei- zeichnen mußte und damit auch das Christentum. 7
VAKUUM

Buchgestöber
Nähe und Fremdheit Seth recherchiert gründlich und intensiv, doch
Onkel Shanti aus Indien und Tante Henny aus so selbstverständlich ihm die indische Seite ist, so
Deutschland nehmen Vikram Seth, Großneffe Shan- fremd bleibt ihm bei allem Bemühen die jüdische
tis, in ihr Londoner Leben auf. Vikram will studie- Seite der Geschichte. Faszinierend seine Auseinan-
ren, zieht später weiter in die USA und findet zur dersetzung mit zwei Büchern aus Hennys Koffer,
Schriftstellerei. Am Lebensende des geliebten On- einem Machsor zu Neujahr und Jom Kippur („Ge-
kels, Henny war bereits gestorben, wird er zum Fa- betbuch für die neue Synagoge Berlin“, 1893) und
milienarchivar. Er möchte ihre ungewöhnlichen Le- einer Bibel in der Übersetzung von Simon Bernfeld.
benswege festhalten – Shanti Seth, der indische Stu- Rätselhaft wie die Herkunft der Bücher im Gepäck
Vikram Seth: Zwei Leben. dent der Zahnmedizin in Berlin 1931–1936 und die der nicht religiösen Henny bleibt ihm auch ihr In-
Porträt einer Liebe. Aus dem Berliner Jüdin Henny Caro, Tochter von Shantis halt. Seth, der „quasi agnostische Hindu“, betrach-
Englischen von Anette Grube. Zimmerwirtin. 1951 heiraten die beiden in London. tet sie als „Talismane“ und liest häufig darin. Be-
Frankfurt a. M.: S. Fischer Ver- Hauptperson ist zunächst Shanti. Mit ihm führt deutung gewinnen die dem Gebetbuch angehäng-
lag 2006, 533 S. der Autor lange Gespräche, in detailfreudiger Ge- ten „Grundsätze der jüdischen Sittenlehre“.*
ISBN 3-10-072521-2. nauigkeit wiedergegeben, behutsam verdichtet. Historisch einordnen kann Seth sie nicht, dafür
22,90 Euro Henny Caro spielt vorerst die Nebenrolle, da bei aber weiß er „die Litanei am Ende des deutschen
aller Liebe und Nähe der Autor kaum etwas von ihr Gebetbuchs ... den Nächsten zu lieben, ... sein
weiß – bis zum Fund eines Koffers von Henny auf Recht zu schützen, ... des Nächsten Leid zu min-
dem Dachboden, worin sie ihre Korrespondenz dern“ mit seiner krausen Sicht der Politik des Staa-
aufbewahrte. Diese Briefschaften sind ein Schatz, tes Israel zu konfrontieren.
denn Autor und Leser lassen sich nun verstricken Der Untertitel „Porträt einer Liebe“ täuscht. Vi-
und fesseln. Erste Briefe, Nachrichten aus dem Jahr kram Seth selbst nennt sein Bild der Ehe asymmet-
1939, kurz nach Hennys Emigration; die letzten risch. Shanti sprach viel über seine Ehe und Henny,
Nachrichten von Mutter und Schwester 1943 – bei- jedoch fehlen Quellen, die Hennys Seite vermitteln
de bald darauf ermordet; und dann 1946–1948 der könnten. Das ist der Ort für einfühlsame Überle-
Briefwechsel mit den Berliner Freunden und mit gungen des Autors. Die Liebe steht zwischen den
ebenfalls geflohenen jüdischen Freunden. Das vor- Zeilen, wie überhaupt das gemeinsame Leben der
sichtige Herantasten: Wie stehst du als emigrierte beiden nur den kleineren Teil einnimmt. Der Ro-
Jüdin zu einer, die in Deutschland geblieben war? man der Liebe bleibt ungeschrieben.
Enttäuschungen einerseits, aber auch die tiefe Ein oft fesselndes Buch um persönliche wie kul-
Freundschaft mit anderen, alle gemessen an ihrem turelle Nähe und Fremdheit, um Berührung und
Verhalten in der Zeit des NS. Durchdringung von Lebenswelten.
Vikram Seth beginnt die Gespräche mit Shanti Christiane E. Müller
als Familienarchivar, wird mit dem Entstehen des
Buchs zunehmend Vermittler, aber schließlich ist er Neue Heimat
auch ein erfolgreicher Schriftsteller – und nicht Cilli Kasper-Holtkotte untersucht kollektive wie in-
durchweg gelingt der Rollenwechsel. Die meisten dividuelle Bedingungen und Ausprägungen von
*Ein von der liberalen Berliner Briefe lässt er für sich sprechen. Doch manchmal
Gemeinde angeregtes, von ei- brechen Urteile über den Charakter der Protagonis- Cilli Kasper-Holtkotte: Im Westen Neues.
ner Kommission 1884/85 ver- ten durch, mal feinfühlig vermutend, mal sehr be- Migration und ihre Folgen: deutsche Ju-
fasstes und auf Betreiben des stimmt und zuweilen abwegig; so, wenn er über- den als Pioniere jüdischen Lebens in Bel-
Deutsch-Israelitischen Gemein- legt, ob es der als nüchtern beschriebenen Henny gien. Leiden/Boston: Brill 2003 (= Studies
debundes von zahlreichen gegeben war, tief und intensiv zu lieben (später at- in European Judaism, Vol. 8). 616 Seiten.
Rabbinern, Gelehrten und Ju- testiert er der Ehe „tiefe und beständige Liebe“). ISBN 9004131094. EUR 167.
risten unterzeichnetes apolo- Gern verzichtete man auf teils bizarre politische
getisches Dokument. Betrachtungen, gewiss Zeugnis des Ringens mit
deutscher Geschichte und dem historischen Rah- Migration. Die für den Zeitraum Ende des 18. bis
men beider Lebensgeschichten, was uns aber bis Mitte des 19. Jahrhunderts ausgewerteten histori-
hin zum EU-Beitritt der Türkei mit kaum einem schen Quellen zum jüdischen Leben in Belgien le-
8 Thema verschont. gen die besondere Bedeutung der Einwanderer aus
VAKU UM

Synagoge
Brüssel

dem hessisch-fränkischen und südwestdeutschen Regimes haben für den Band große Bedeutung:
Raum offen. Dank dieser Migranten entwickelte „Diese Sammlung, die unser Wissen über die Reak-
sich ab 1800 in Belgien kontinuierliches jüdisches tion der damals lebenden Deutschen auf die Juden-
Gemeindeleben. verfolgung auf eine ganz neue Basis stellt, gab über-
Doch warum verließen diese Menschen das ver- haupt erst den Anstoß, das Buch im vorliegenden
traute Umfeld und ihre Familien, um sich in einem Format zu verfassen.“
fremdsprachigen Land niederzulassen, in dem es Der Verfasser sieht in diesem Material und in
nicht einmal eine jüdische Gemeinde gab, die sie seiner „streng chronologischen“ Ordnung die
aufnehmen und Orientierungshilfe bieten konnte? Möglichkeit, antisemitsche „Propagandawellen“ zu Peter Longerich: „Davon haben
In ihren Heimatorten hinderten nicht nur repressi- identifizieren und die Reaktionen der Bevölkerung wir nichts gewusst“. Die Deut-
ve rechtliche Bedingungen Juden an der Verwirkli- auf die Propagandakampagnen herauszuarbeiten. schen und die Judenverfol-
chung persönlicher und wirtschaftlicher Ziele. Die Berichte, erstellt von Mitgliedern der Gestapo, gung 1933–1945. München:
Auch die etablierten Machtverhältnisse der jüdi- Justiz, Regierungspräsidenten, „Sicherheitsdienst Siedler Verlag 2006. 448 Sei-
schen Gemeinden erschwerten die Durchsetzung der SS“ oder NSDAP, bedürften jedoch besonders ten.
neuer kultusorganisatorischer und politischer sorgfältiger Quellenkritik. Gerade deshalb liefert ISBN 3-88680-843-2.
Ideen. Belgien, insbesondere Brüssel, versprachen Longerich eine umsichtige und methodisch sehr be- EUR 24,95.
günstigere Rahmenbedingungen und wegen des mühte Betrachtung der Möglichkeiten und Gren-
weit gehenden Fehlens jüdischer Gemeinschaften zen der Interpretation, und betont, das die „Stim-
die Möglichkeit, Strukturen nach eigenen Vorstel- mungsberichte“ keineswegs den Standards moder-
lungen aufzubauen. Einigen Pionieren folgten wei- ner Meinungsforschung genügten, bisher meist
tere Familienmitglieder und designierte Ehepart- aber so betrachtet wurden, so seine Kritik.
ner, so dass manche Familien besondere Bedeutung Schließlich folgert er: „Zwischen Wissen und
gewannen, etwa die Oppenheim und Bischoffheim Unwissen gab es ... eine breite Grauzone, gekenn-
mit ihrem weitläufigen Beziehungsnetz. Profilierte zeichnet durch Gerüchte und Halbwahrheiten,
Migranten nutzten neue Chancen in ökonomischer Imagination, verordnete und selbst auferlegte
Hinsicht und gewannen Bedeutung nicht zuletzt im Kommunikationsbeschränkungen, Nicht-Wissen-
belgischen Bankwesen. Die Beantragung der „Na- Wollen und Nicht-Begreifen-Können“. Der Verant-
turalisation“ bestätigte in vielen Fällen das Ange- wortung für das Geschehen entzog man sich durch
kommensein in der neuen Heimat. Der reiche Band Flucht in die ‚Unwissenheit‘, in eine ostentative
schließt mit Auszügen aus Statistiken, Personenre- ‚Ahnungslosigkeit‘, so das Fazit einer ambitionier-
gistern und -listen, wertvolle Quellen für weitere ten Studie mit präziser und in weiten Teilen in-
Forschungen. Petra Schmidt struktiver Darstellung.
Gelegentlich aber wünscht man dem Autor eine
Wissensverweigerung beherzter zupackende Redaktion, denn manch un-
„Davon haben wir nichts gewusst!“ Die Judenver- glückliche Formulierung trübt das Bild. „Während
folgung fand vor aller Augen statt, das ist seit lan- die deutschen Juden verstärktem Verfolgungsdruck
gem bekannt. Und auch die Vernichtung blieb nicht ausgesetzt waren, bekamen die etwa zwei Millio- Otto Dov Kulka, Eberhard
geheim: gezielte Andeutungen machten die Bevöl- nen polnischen Juden ... in noch viel stärkerem Jäckel (Hg.): Die Juden in den
kerung zu Mitwissern, so die These des in London Maße die Härte des Regimes zu spüren.“ [147]. „In geheimen NS-Stimmungsbe-
wirkenden Historikers Peter Longerich. Er stützt den Ministerkonferenzen ... wurde das Problem der richten 1933–1945. (Schriften
seine Untersuchung auf akribische Quellenschau: polnischen Juden buchstäblich totgeschwiegen.“ des Bundesarchivs) Düsseldorf:
Goebbels Tagebücher, die täglichen Propaganda- [386 Fn8]. „Ghettoliquidierungen und Deportatio- Droste Verlag 2004. 896 Sei-
konferenzen, die Anweisungen aus dem Propa- nen ... im großen Stil“ [210] Auch die Wendung „in ten. ISBN 3-7700-1616-5.
gandaministerium sowie die umfassende und diffe- einem für die Judenverfolgung besonders kritischen EUR 74,90
renzierte Analyse von Zeitungen, Wochenschaube- Zeitraum“ [9] wirkt eigenartig, und ‚Führer‘ und [Die beigefügte CD-Rom ent-
richten, Rundfunksendungen, alliierter Propaganda ‚Totaler Krieg‘ besser grundsätzlich in Anführung? hält 3744 Dokumente; für die
(Rundfunk, Flugblätter) und der Deutschland-Be- Ob schließlich der manchmal verwendete Begriff Drucklegung wurden davon
richte der Exil-SPD (Sopade). „Diskurs“ zur Beschreibung der ns-dirigierten und 752 ausgewählt.]
Vor allem aber die 2003 von Kulka und Jäckel kontrollierten „Öffentlichkeit“ und „Meinungsbil-
publizierten Stimmungs- und Lageberichte des NS- dung“ wirklich sich anbietet? hl 9
VAKUUM

Mitteilungen
Das Steinheim-Institut gratuliert seinem Vorstands- derern (Stiftung Denkmalpflege Hamburg, Her-
mitglied, Frau Prof. Dr. phil. habil. Birgit E. Klein, mann Reemtsma-Stiftung, ZEIT-Stiftung) die Editi-
gleich zweifach herzlich: zu ihrer Habilitation für on, Übersetzung und Kommentierung der Grabstei-
das Fach Judaistik an der Freien Universität Berlin ne des ältesten aschkenasischen Friedhofs, Altona-
und zur Berufung auf den Lehrstuhl „Geschichte Königstraße (1614–1869), überreicht. Unter Ap-
des jüdischen Volkes“ an der Hochschule für Jüdi- plaus legten Projektleiter und verantwortliche Mit-
sche Studien. Kalonymos wünscht Birgit Klein für arbeiter 5406 Datenblätter von Steinen/Inschriften
Forschung und Lehre in Heidelberg den besten Er- in 20 Aktenordnern vor. Tausende Fotografien und
folg. der CAD-Lageplan (Bert Sommer) waren bereits
übergeben worden.
Eines der letzten sichtbaren Zeugnisse jüdischen Lebendig und nutzbar für eine weltweite Öf-
Lebens in Sondershausen liegt versteckt im Wald fentlichkeit wird das Gesamtwerk über einen Link
oberhalb der thüringischen Stadt: der Friedhof der zu sämtlichen Texten und Daten, zweisprachig
jüdischen Gemeinde. 250 Jahre Geschichte der durchsuchbar, derzeit noch im internen Testbe-
Juden in Schwarzburg. Fest- Sondershäuser Juden birgt der Ort, von seiner An- trieb. Auf unserer Webseite (www.steinheim-insti-
schrift zu Ehren Prof. Philipp lage im Jahr 1699 bis zur Vertreibung und Vernich- tut.de/projekte/epigraphik/hamburg/namen.pdf)
Heidenheims (1814–1906), tung im 20. Jahrhundert. Zweihundert Grabstellen, lassen sich zur Zeit 3000 Namen abfragen. Und
Rabbiner in Sondershausen, Grabsteine und Fragmente künden von längst ver- sollte die Stadt Hamburg auch die Digitalisierung
anlässlich seines 100. Todesta- gangenen Zeiten, aber auch von Schändung und der Fotos wünschen, so ließen sich in der großen
ges / Schlossmuseum Sonders- Beschädigung bis in die jüngste Zeit. Unsere Mitar- Datenbank auch die Steine selbst in ihrer Schlicht-
hausen (Hg.). Zwei Bde. im beiterin Nathanja Hüttenmeister hat sich daran ge- heit und ihrer Pracht betrachten. Ein Buch ist in
Schuber. Michel Sandstein Ver- macht, die alten Denkzeichen zu lesen und zu deu- Arbeit für 2007, das jene auch inhaltlich erschlie-
lag Dresden 2006. ten und sie durch Übersetzung und Kommentar ei- ßen und vermitteln wird. Es stellt zahlreiche Men-
ISBN 3-937602-74-7. EUR 39. nem breiteren Publikum zugänglich zu machen, als schen und ihre Nachrufe vor, nach den unter-
Bd. I: Beiträge zur Geschichte den überaus edel gestalteten Band zwei der soeben schiedlichsten Lebenswegen und -leistungen grup-
der Juden Schwarzburgs, 256 erschienenen Festschrift Juden in Schwarzburg. piert: Frauen, vornehme, wohltätige, auch im
Seiten, 127 Abb. Bd. II: Der jü- Kindbett gestorbene; Gelehrte, Rabbiner, Vorste-
dische Friedhof von Sonders- Am 16. Mai haben Michael Brocke, Dan Bondy her, Kaufleute, Fremde, Totengräber usw. „Wir ge-
hausen. 280 Seiten, 190 Abb. und Thomas Kollatz der Senatsbehörde für Kultur ben den Toten eine Zukunft, damit sie uns eine
der Freien und Hansestadt Hamburg und den För- Vergangenheit geben. Wir helfen ihnen dabei zu le-
ben, damit sie uns helfen, voranzuschreiten.“
(R. Harrison)

IMPRESSUM
Herausgeber Salomon Ludwig Steinheim-Institut für
deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-
Essen, in Duisburg ISSN 1436–1213
Redaktion Prof. Dr. Michael Brocke (V.i.S.d.P.),
Dipl.-Soz.-Wiss. Harald Lordick Assistenz Karina Küser
Grafikdesign kommunikationsdesign thekla halbach und
thomas hagenbucher, Düsseldorf Layout Harald Lordick
Anschrift der Redaktion
Geibelstraße 41, 47057 Duisburg, Tel: 0203/370071–72;
Fax: 0203/373380; E-Mail kalonymos@steinheim-
institut.de Internet www.steinheim-institut.de Druck
Brendow Printmedien, 47443 Moers Versand Vierteljähr-
lich im Postzeitungsdienst, kostenlos
Spendenkonto 238 000 343, Stadtsparkasse Duisburg,
10 BLZ 350 500 00
VAKU UM

Jakob Hankes Erlösung


Groteske
Salomo Friedlaender

J akob Hanke ist vielleicht manchen Leser bekann-


ter als sich selbst, er hat nichts Gutmütiges, er ist
ein Charakter mit Filzhut, unter dem eine schmale
Vielleicht, grübelte Jakob, bin ich jetzt ein Ge-
spenst, ich spuke bei meiner Witwe, und sie hat ei-
nen Liebhaber. Sie läßt meine Kinder verkommen,
Nase zum Vorschein kommt. Sein Gang ist dürr, mein Grab liegt öde und wüst. Mein Geld hat sie
wie seine Prinzipien, seine Gesten sind eckig und dem Liebhaber gegeben, meinem bösesten Feinde.
eigensinnig; seine Leibfarbe ein Grün, das ins Gel- Der trägt meine Wäsche, schläft in meinem Bette,
be sticht. Sein Sprechen knurrt von Gutturalen und ißt von meinem Tisch. Er liebt sie gar nicht, er
Zischlauten. Er ist empfindlich, mißtrauisch, fühlt quält sie, aber sie hängt an ihm, wie niemals an mir.
sich von allen Seiten angegriffen und gekränkt, Wie sie ihn küßt! Welcher innige Blick!
sieht überall bösen Willen. Ich lebte vielleicht noch, wenn ich so geliebt
So wurde Hanke sterbenselend und starb mit worden wäre? Was? Haben die beiden mich etwa
dem Ausruf: Ihr werdet meine Leiche noch für 50 vergiftet? So? So! Ja! Ich spür’s ja noch in meiner
Pf. der Anatomie verkaufen. Daher geschah es, als Kehle. Soll ich meinem Sohn erscheinen à la Ham-
Gott, der allmächtige Schöpfer Himmels und der let Vater? Er würde mich auslachen, er würde sei-
Erde, ihn in den Schoß seiner paradiesischen Herr- ner Mama recht gegen mich geben. – – –
lichkeiten aufnahm – weil er Hankes unschuldige Und alles dies geschah so, wie Hanke es sich
Seele noch unter dem Schmutz, der sie für mensch- ausdachte.
liche Augen 61 Jahre lang bedeckt hatte, herauser- Sie begruben ihn lebendig, er hörte das leise La-
kannte –, daß dann Hanke sogar den göttlichen chen der etwa fünfzigjährigen Witwe, die vom
Willen zu verdächtigen und zu verleumden suchte, Liebhaber geführt wurde; und sein Sohn ließ tüch-
wie es der Gottseibeiuns selber nicht besser ver- tig Erde auf den Sarg bollern und murmelte: der
standen hätte. Die ewige Güte und Weisheit geriet Olle wäre erledigt!
deshalb auf einen zweckmäßigen Versuch, ihn um- Hanke verzweifelte. In seiner maßlosen Ver-
zustimmen, indem sie flugs alle nur irgend mögli- zweiflung kam er auf eine Idee, auf die sonst nur
chen Ausgeburten des Hankeschen Mißtrauens zu Mistvieh gerät: es gibt keinen Gott – und sofort
verwirklichen bestrebt war; sie wollte ihn heilen. gab es für ihn wirklich gar keinen. Es herrschte also
Hankes langwieriger Todeskampf endete damit, der Teufel?
daß der schwindelnd schmerzliche Übergang aus Jawohl, er herrschte. Er machte sich aus Hankes
der gröberen in die feinere Existenz endlich vollzo- lebendigem Leib gutes Roastbeef und andere Din-
gen war. Auch Hankes Mißtrauensfähigkeiten wa-
ren dadurch mitverfeinert worden, und als er Got-
tes ersten Anhauch verspürte, schien sich der En-
gel, der ihn Knobloch murmeln hörte, nicht sehr zu
irren. Denn, kaum hatte sich dieser Verdacht auch
nur ahnungsweise in Hanke geregt, als es dort, wo
sonst Ambra und Äther dufteten, infernalisch nach
Knobel zu stinken begann; aber natürlich bloß für
Hankes Nase, die sich infolgedessen ekel verzog
und rümpfte. Die Engel, diese seligen und durchaus
nicht humorlosen Geschöpfe, lächelten heilig.
Hanke spürte List und Mord in den graziösen
Falten dieses Lächelns, und sofort gab sein eigenes
Auge diesem Mißtrauen recht; die Engel, wie Teu-
fel anzusehen, zogen Messer und gingen ihm der-
maßen zu Leibe, daß es ihm vorkommen wollte,
wie wenn er unter Mörderhänden verblutete. Sie
ließen ihn, glaubte er, für tot liegen. Und sofort lag
er als scheintote Leiche da, in deren starrem Traum
das Mißtrauen Orgien feierte, deren Mahngebilde
verwirklicht schienen. 11
KNUSPRIG

ge, immer schnittchenweise, und Hanke empfand


jeden Schnitt, jeden Biß. Kaum war der Leib aufge-
fressen, so langte der Satan zum Dessert nach der
Seele.
Da wurde Hanke stutzig. Ist denn auch die See-
le eßbar? Eine Art Genäsch? Sahne oder so? Kann
er mich selbst aufessen? Der Teufel guckte ihn
nachdenklich an und fragte auch zweifelnd: Sagen
Sie mal, Hanke, sind sie selbst ebenfalls eßbar? Ihr
wertes Fleisch hat mir sehr gut geschmeckt, zähes Es ist ja alles gut, dachte er, wenn man es los ist
Luder, wie ich’s liebe. Hanke lachte ein wenig ver- – plötzlich war der Teufel los, nämlich weg, und
wundert mit der Seele, auch ein wenig verschüch- zwar so, daß seine teuflischen Züge gut wurden,
tert – sind Sie satt? Ich bin satt, sagte der Teufel, und auf einmal Gottvater selbst aus ihnen leuchtete
und wischte sich über die Affenschnauze. Da war und lächelte. Hanke, sprach es erschütternd leise,
Hanke recht froh. Aber der Teufel sagte plötzlich: du hast recht! Hanke, du hattest alles Vertrauen
Nu sehn se mal an, Herr Hanke, da sitzt ihnen ja verloren; es fiel von dir ab, wie die rechte Schwinge
noch ’ne Menge Speck und Knorpel an der Seele, deiner Seele. Du flügellahmtest mit der Gegen-
da knuspre ich noch ’ne Weile dran. schwinge, dem Mißtrauen, und du verlorst auch
Hanke erschrak. Es tat fürchterlich weh und dieses. Aber dafür hast Du nun deine Seele, dich
immer weher, und zugleich wurde Hanke selbst, al- selbst, erst wiedergefunden, deine echte, innerste
so seine innerste Seele, immer wacher; auf einmal Kraft, welche diese Flügel aus sich hervortrieb, um
erwachte sie aus dem dumpfen Traum ihres Miß- sich mit ihnen selig durch alle Welt zu schwingen.
trauens, und im selben Moment sah sie dieses selbe Statt dessen krochest du wie ein Wurm auf Erden
Mißtrauen als sichtbaren Speck und Knorpel in der dahin, und bald zog und zuckte der eine, bald der
Teufelsfresse verschwinden. andere Flügel, bald flatterten beide ängstlich und
Als der letzte Bissen vom Satan verschluckt war, zweifelnd umher.
fühlte sich Jakob Hanke göttlich erleichtert. Jakob! Ohne dich, ohne deine eigne sie zusam-
menzwingende Kraft, sind ja viele Flügel feindliche
Zerrkräfte, die dich am wahren seligen Fluge hin-
Salomo Friedlaender / Mynona: Gesammelte Schriften. Hg. von Hartmut Geerken und Detlef dern, statt ihn zu verwirklichen. Du selbst mein
Thiel. In Zusammenarbeit mit der Kant-Forschungsstelle der Universität Trier. waitawhile/books Lieber, lerne, beide Flügel zusammen zu gebrau-
on demand 2005 ff. chen: denn nur diesem zusammen darfst du endlos
Editionsplan vertrauen, während du sonst Gefahren sehen wirst,
1 Kant gegen Einstein (1932/2005; 200 S.) graphie (1911; ca. 200 S.) wo keine sind, und Sicherheiten, die erst recht trü-
2 Kant und die sieben Narren / Dialog übers 17 ICH-Heliozentrum (aus dem Nachlaß; ca. gen.
Ich (aus dem Nachlaß; 2006; ca. 200 S.) 180 S.) Dem Hanke schoß auf diese Rede das Flügel-
3 Bibliographie 1896–2006 (2006; ca. 300 S.) 18 Philosophische Tagebücher (ca. 300 S.) paar aus der Seele, daß es nur so krachte, und mit
4/5 Philosophische Aufsätze und Kritiken I–II 19 Das lyrische Werk (ca. 350 S.) diesem flog er geradewegs mitten in den lichtesten
(2006; ca. 800 S.) 20 Julius Robert Mayer (1905; ca. 250 S.) Himmel hinein.
6 Logik/ Psychologie (1907/2007; ca. 200 S.) 21 Die Bank der Spötter. Ein Unroman (1919;
7 Anekdoten (2007; ca. 200 S.) ca. 450 S.) Der Teufel sei ein Berliner, möchte man meinen –
8 Philosophische Aufsätze und Kritiken aus 22 Der Schöpfer. Phantasie/ Unterm Leichen- Hartmut Geerken empfiehlt uns diesen weisen Text
dem Nachlaß (ca. 350 S.) tuch. Ein Nachtstück (1919, 1920, Illustratio- des Philosophen und Satirikers Salomo Friedlaender
9 Biblianthropen/ Der lachende Hiob (1933/ nen von Kubin; ca. 200 S.) (4. Mai 1871 Gollantsch/Provinz Posen – 9. Sep-
34; ca. 150 S.) 23 Hat Erich Maria Remarque wirklich gelebt? tember 1946 Paris). „Mynona“, so sein Pseudonym,
10/11 Grotesken I–II (ca. 800 S.) (1929; ca. 300 S.) servierte dies Appetithäppchen in „Licht und Schat-
12/14 Briefe I–III (ca. 1.800 S.) 24 Der Philosoph Ernst Marcus. Ein Mahnruf ten“ 6 (1915/16), Nr. 10. Seinen „Gesammelten
15 Schöpferische Indifferenz (1918, 1926; ca. (1930; ca. 130 S.) Schriften“, deren Auftakt „Kant gegen Einstein“
550 S.) 25 Der Holzweg zurück. Gegen Kurt Tucholsky 2005 bereits erschienen ist, sieht nicht nur die Kalo-
16 Friedrich Nietzsche. Eine intellektuale Bio-
12 (1931; ca. 140 S.) nymos-Redaktion gespannt entgegen. hl