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Borwin

Bandelow

DAS
ANGSTBUCH

Woher Ängste
kommen und wie man
sie bekämpfen kann

Rowohlt

Umschlaggestaltung: any.way,
Barbara Hanke/Cordula Schmidt

1. Auflage September 2004


Copyright © 2004 by Rowohlt Verlag GmbH,
ISBN 3 498 00639 8
Wie kommt es, dass Menschen von Angst zerfressen werden? War
es die böse Stiefmutter oder die überfürsorgliche Mutter, die zu
strenge Sauberkeitserziehung oder der autoritäre Vater? Sind
Onanie, Coitus interruptus, Gedanken an schmutzigen Sex oder
außerehelicher Verkehr die Ursachen? Sind es die falsche
Atemtechnik, zu wenig frisches Gemüse, zu wenig Schlaf, zu viel
Pizza? Sind Einzelkinder stärker gefährdet? Ist die kleine Schwester
schuld, die immer bevorzugt wurde? Fördert unsere schnelllebige
Zeit den Stress? Sind die Medien oder das Internet verantwort-
lich? Lange Zeit gab es keine schlüssige Erklärung für die
Entstehung von Ängsten. Doch in jüngerer Zeit hat die
Angstforschung viele neue Erkenntnisse gewonnen. Jetzt werden
sie zum ersten Mal in allgemein verständlicher Form
zusammengefasst. Das «Angstbuch» ist ein umfassendes Werk über
die Angst — und zugleich ein informativer und nützlicher Ratgeber
gegen die Angst.

Angst ist ein Phänomen, das jeder kennt — und mit dem viele Menschen in
ihrem Leben zu kämpfen haben. Angst ist eines der grundlegenden Gefühle
und eines, das schnell bedrohliche oder pathologische Dimensionen
annehmen kann. Die Gründe kennt kaum einer. Warum hat jemand Angst
vor Spinnen oder Sex, vor einem dunklen Keller oder dem Fliegen?
Angst ist aber nicht nur eine Plage der Menschheit, sondern auch eine ihrer
wichtigsten Triebkräfte. Wer Angst hat, mobilisiert Energien — und
vollbringt nicht selten ganz besondere Leistungen. Viele herausragende
Künstler und Wissenschaftler, Sportler und Politiker wurden von ihren
Ängsten inspiriert und angetrieben.
Borwin Bandelow ist einer der weltweit führenden Angstforscher. Er
informiert anschaulich und mit vielen Beispielen über alle Formen der
Angst. Und er stellt die wichtigsten Mittel und Strategien gegen die Angst vor,
die von Psychologen und Medizinern angeboten werden. Das «Angstbuch» ist
eine ebenso spannende wie informative Lektüre — und ein höchst hilfreicher
Ratgeber für schwierige Lebenssituationen.

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Foto des Autors: Ingo Bulla

Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Borwin Bandelow arbeitet an der Psychiatrischen Klinik
der Universität Göttingen. Er behandelt seit vielen Jahren Angstpatienten und ist einer
der weltweit führenden Angstforscher.
Autor zahlreicher Fachpublikationen, darunter des Grundlagenwerks «Panik und
Agoraphobie. Diagnose, Ursachen, Behandlung» (2001). Mit dem «Angstbuch» legt er
sein erstes populäres Buch für ein breites Publikum vor.

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Borwin Bandelow

DAS ANGSTBUCH

Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann

Rowohlt

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Die in dem Buch vorgestellten Fallberichte
sind so verändert worden, dass das Wiedererkennen
der betroffenen Personen nicht möglich ist.

1. Auflage September 2004


Copyright © 2004 by Rowohlt Verlag GmbH,
Reinbek bei Hamburg
Alle Rechte vorbehalten
Grafiken Peter Palm, Berlin
Satz Swift und Akzidenz Grotesk PostScript
QuarkXPress 4.1 bei KCS GmbH,
Buchholz/Hamburg
Druck und Bindung Clausen & Bosse, Leck
Printed in Germany
ISBN 3 498 00639 8

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VORWORT

Angst vor Terror und Krieg ist in unserer Zeit ein ständiges Thema
in den Medien. Doch es sind eher die alltäglichen Ängste, beispiels-
weise die Angst vor harmlosen Dingen, wie Fahrstühlen, Super-
märkten, Kinosälen, Fußgängerzonen, Insekten oder Katzen, aber
auch Ängste vor Krankheit, Verletzungen, Tod, Verlusten und die
Angst vor dem Alleinsein, die die Menschen krank machen. So
krank, dass der Alltag nur noch durch die Angst bestimmt wird, dass
manche Menschen in Depressionen verfallen, sich in die Sucht
flüchten oder keinen Sinn mehr im Leben finden.
Wie kommt es, dass Menschen von Angst zerfressen werden? War
es die böse Stiefmutter oder die überfürsorgliche Mutter, die zu
strenge Sauberkeitserziehung oder der autoritäre Vater? Sind Ona-
nie, Coitus interruptus, Gedanken an schmutzigen Sex oder außer-
ehelicher Verkehr die Ursachen? Sind es die falsche Atemtechnik, zu
wenig frisches Gemüse, zu wenig Schlaf, zu viel Pizza? Sind Ein-
zelkinder stärker gefährdet? Ist die kleine Schwester schuld, die im-
mer bevorzugt wurde? Fördert unsere schnelllebige Zeit den Stress?
Sind die Medien oder das Internet verantwortlich?
Lange Zeit gab es keine schlüssige Erklärung für die Entstehung
von Ängsten. In jüngerer Zeit hat sich die Wissenschaft intensiv mit
der Entstehung von Ängsten beschäftigt. Unsere heutigen Vorstel-
lungen zu ihren Ursachen haben wenig zu tun mit Theorien, die in
den letzten hundert Jahren größte Verbreitung gefunden haben.
In den deutschsprachigen Ländern gibt es, grob geschätzt, 17
Millionen Menschen mit Angsterkrankungen — das bedeutet einen

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unglaublichen Markt, an dem nicht nur diejenigen verdienen, die
nachweislich wirksame Behandlungsmethoden oder Medikamente
anbieten, sondern auch Tausende von Gurus, Wunderheilern und
Pillendrehern. Sie wollen uns mit Hypnose, Zen-Meditation,
Rebirthing-Wochenenden in der Toskana, Traumdeutung, endlosen
Gesprächen über unsere Kindheit, Tanztherapie, Akupunktur, Bach-
Blüten, Veilchenwurzel oder Rauschpfeffer heilen. Wie kann der Laie
aber nun herausfinden, welche der angepriesenen Methoden
wirklich helfen und welche nur die Finanzen ihrer Anbieter sanieren
sollen?
Zahllose Menschen mit Angst wissen zudem nicht, dass es über-
haupt Hilfe für ihr Problem gibt. Oft dauert es sehr lange, bis die
Angsterkrankung erkannt wird und bis man eine geeignete Behand-
lung angeboten bekommt.
Dabei ist es nicht schwierig, eine Angsterkrankung in den Griff zu
bekommen. Es ist sogar verblüffend einfach, wenn man nur die
richtigen Methoden anwendet. Während all der Jahre, in denen ich in
unserer Spezialabteilung für Angsterkrankungen in der Göttinger
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie arbeitete (und immer noch
arbeite), habe ich unzählige Menschen gesehen, die nach einem
leidvollen, isolierten, von Angst bestimmten Leben ihre Ruhe,
Freiheit und Lebensfreude wiedergewinnen konnten.
Ein spannender Aspekt der Angst ist aber, dass sie nicht nur
negative Seiten hat. Sie ist nicht nur quälend, sondern auch der
Ursprung der schöpferischen Kraft des Menschen.
Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werden Sie etwas über die
wirklichen Ursachen der Angst gelernt haben, und Sie werden ver-
stehen, wie leicht es ist, den Weg aus der Angst zu finden.
Dieses Buch ist für drei Arten von Menschen geschrieben worden.
Menschen, die unter einer echten Angsterkrankung leiden, können
dieses Buch als eine Art Ratgeber verwenden. Menschen, die unter
kleinen oder mittleren alltäglichen Ängsten leiden, die noch nicht die
Form einer Krankheit angenommen haben, werden nach Lektüre des
Buches hoffentlich diese Ängste besser verstehen und meistern
können. Und zu guter Letzt ist dieses Buch auch für Menschen

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geeignet, die völlig frei von jeder Angst sind, aber an einem
unterhaltsamen Streifzug durch die Wissenschaft interessiert sind
und verstehen wollen, auf welchem Wege in unserem Gehirn Ängste
entstehen und wie sie wieder verschwinden können.

Göttingen, den 1. Juni 2004

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Kapitel 1

DAS RÄTSEL ANGST

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Ein ganz normaler Tag in Hessisch Lichtenau. Einzelhandelskauf-
frau Sybille G. (37) nach einem Einkaufsbummel:

Ich war mit meinen Kindern bei Aldi in der Stadt einkaufen. Da begann
von einem Moment zum anderen plötzlich mein Herz zu jagen.
Schreckliche Angst aus dem Nichts überfiel mich. Ich keuchte, bekam keine
Luft mehr. Da schnürte es mir die Brust zu, als ob jemand einen Gürtel
darum immer enger ziehen würde. Todesangst überfiel mich. Kalter
Schweiß stand auf meiner Stirn. Ich schwitzte und meine Hände zitterten.
Ich hatte das Gefühl, dass sich mein Gehirn auflöst und dass ich die
Kontrolle über meinen Körper und über meine Gedanken verlieren könnte.
Irgendeine unbekannte Gefahr kroch in mir hoch, breitete sich aus und
drohte mich zu vernichten. Ich fühlte mich so bedroht, dass ich glaubte,
sofort sterben zu müssen. Ich wurde völlig von der Situation überwältigt.

Dies ist die Schilderung einer typischen Panikattacke, wie sie Sybil-
le G. mehrmals im Monat hat.

Flug GH 3463, Singapur-Frankfurt. Das Flugzeug ist gerade auf dem


Flughafen Frankfurt gelandet. Ein Mann mit arabischem Aussehen läuft
hektisch zu den vorderen Sitzreihen der Maschine. Als eine Stewardess
neben dem Notausgang von ihrem Sitz aufsteht, tritt er plötzlich von
hinten an sie heran, zieht ihren Kopf an den Haaren nach hinten und hält
ihr ein blitzartig hervorgezogenes großes Klappmesser an die Kehle. Der
markerschütternde Schrei der jungen Frau gellt durch die Kabine. Die
Passagiere sitzen wie angewurzelt da. Keiner wagt es, sich zu bewegen.
Der Mann wirkt extrem nervös und verwirrt. Lange steht er bewegungslos
mit seiner Geisel da und sagt nichts. Es ist nicht klar, was er mit seiner
Aktion bezwecken will.

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Durch die Fenster sehen die Passagiere, wie bewaffnete, vermummte
Männer in schwarzen Uniformen auf den Tragflächen herumlaufen. Zwei
mutige Passagiere in der zweiten Reihe sprechen sich leise ab. Plötzlich
springt einer von ihnen hinter den Geiselnehmer, reißt unmittelbar über
seinem Kopf das grüne «Exit»-Schild von der Decke ab und schlägt es mit
voller Wucht auf den Kopf des Mannes. Anschließend greift der zweite
Passagier in das Handgemenge ein. Es gelingt den beiden Männern, den
Täter zu überwältigen, ihm das Taschenmesser aus der Hand zu winden
und die Stewardess zu befreien. In diesem Moment geht die Tür des
gegenüberliegenden Notausgangs auf, und die Männer des
Sondereinsatzkommandos kommen hereingestürmt. Sie fesseln den
Geiselnehmer mit weißen Plastikbändern. «Am meisten wunderte mich»,
so eine Passagierin, die den Vorfall aus nächster Nähe miterlebte, «dass ich
die ganze Zeit keine Angst hatte. Obwohl das Geschehen eine halbe Stunde
gedauert hatte, bin ich ruhig geblieben. Erst nachdem der Spuk vorüber
war, fiel mir auf, dass ich weiche Knie hatte.»

Dieser Vorfall hat sich tatsächlich zugetragen — im Jahre 1991, also


lange vor dem 11. September 2001. Die Passagierin, die diesen Vor-
fall miterlebte und ihn mir erzählte, war eine meiner Patientinnen:
Sybille G., die unter jenen Panikattacken litt, die sie in harmlosen
Supermärkten befielen. Sybille G. hat eine Angsterkrankung — wie
mehrere Millionen andere auch in Deutschland und über eine Mil-
liarde Menschen auf der ganzen Welt. Wie kann es aber sein, dass
jemand, der aus heiterem Himmel beim Einkaufen unter vernich-
tenden Panikattacken leidet, in einer echten Gefahrensituation völlig
ruhig bleibt? Die Ängste der Menschen geben viele Rätsel auf. Sie zu
verstehen ist eine interessante Aufgabe für die Wissenschaft.

ANGST IST ALLGEGENWÄRTIG

Menschen in Israel haben den Terrorismus ständig vor Augen —


und damit auch die Angst. Sie ist ein Teil ihres Lebens. Der Terror
kann jederzeit zuschlagen: im belebten Straßencafe, im Bus, in der
Diskothek oder auf dem Marktplatz. Menschen, die von Terror und
Krieg bedroht werden, leben in einem chronischen Alarmzustand.

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Eine Gefahr lauert, deren Wesen sie nur ungefähr erahnen können
und die jederzeit ohne Warnung zuschlagen kann.
Aber auch in den bisher friedlichen Industrieländern ist es aus mit
der Ruhe. Die Anschläge der ETA, der IRA, der al-Qaida oder der
Hisbollah demonstrieren uns deutlich, dass man sich kaum vor
mörderischen Terroranschlägen mit vielen Toten und Verletzten
schützen kann. Terroristen nutzen die Ängste der Menschen aus, in
der meist trügerischen Hoffnung, ihre Ziele erreichen zu können.
Noch schlimmere Anschläge, die bisher nur die Bösewichte in James-
Bond-Filmen planten, könnten bald schreckliche Wirklichkeit
werden, und es gibt kaum Möglichkeiten, solche Szenarien zu
verhindern. Terroristen könnten Tausende von Pilgern auf dem Pe-
tersplatz in Rom mit Nervengas angreifen oder die Golden Gate
Bridge mit einem sprengstoffbeladenen Lastwagen in die Luft jagen,
wahnsinnig gewordene Wissenschaftler könnten tödliche Bakterien
verbreiten, Kamikaze-Piloten sich mit ihren Flugzeugen in
Atomkraftwerke stürzen, fanatische Selbstmordattentäter könnten
sich mit aus Laboren gestohlenen Pockenviren infizieren und sich im
Hyde Park unter die Leute mischen, durchgeknallte Diktatoren
könnten in Nordkorea gegen ein paar Reissäcke Nuklearwaffen ein-
tauschen und sie auf Frankfurt richten.
Viele Ereignisse und Phänomene, die die Geschicke der Welt be-
einflussen, wie Kriege, Terrorismus oder Revolutionen, sind durch
die Ängste der Menschen erklärbar.
Aus Angst, verhungern zu müssen, begannen die Menschen schon
früh, gegen andere Menschen zu kämpfen (meist mit dem Erfolg,
dass sie danach noch weniger zu essen hatten). Zum Zwecke ihres
eigenen Machterhalts schüren Politiker Angst vor anderen Nationen
und schicken uns in kriegerische Auseinandersetzungen. Um andere
Völker in Angst zu versetzen, werden heute riesige Arsenale
atomarer Vernichtungswaffen angesammelt. Schon die Inquisition
rechtfertigte ihre Verbrechen mit der Angst vor Ketzern. Die Flucht
mancher Menschen in fanatische Religiosität ist oft durch eine
allgemeine Lebensangst begründet, die bei denen entsteht, die in
Armut, sozialer Ungerechtigkeit oder Unfreiheit leben.

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Während in den Medien die Ängste vor Krieg und Gewalt im Vor-
dergrund stehen, so sind es doch die ganz alltäglichen Befürchtun-
gen, die Menschen mehr beschäftigen. Nach einer großen Umfrage
der «Apotheken Umschau» zu den Ängsten der Deutschen wurde
von mehr als der Hälfte der Befragten am häufigsten die Angst
genannt, unheilbar krank zu werden. Es folgten die Furcht, im Alter
zum Pflegefall zu werden oder dass dem Lebenspartner oder den
Kindern etwas zustößt. Auch die Angst, in wirtschaftliche Not zu
geraten, oder dass die Rente im Alter nicht ausreicht, plagt die
Menschen.1
Aber auch die positiven Gefühle, die wir anderen Menschen ent-
gegenbringen, sind eng mit Angst verknüpft. Die Emotionen, die uns
am meisten beschäftigen, sind die, die mit unserem Verlangen nach
Wärme, Geborgenheit, Liebe oder Sex verbunden sind. Und die
Angst, diese vertraut gewordenen und angenehmen Gefühle wieder
verlieren zu können, ist nicht weit davon entfernt.
Angst ist allgegenwärtig. Sie bestimmt, ob wir verzagte oder
mutige, strebsame oder untätige, nachgiebige oder durchsetzungs-
fähige, liebenswürdige oder streitbare, disziplinierte oder nachläs-
sige, humorvolle oder ernste, fröhliche oder niedergeschlagene,
charmante oder unhöfliche, nachdenkliche oder sorglose Menschen
werden.
Der Verlauf unseres Lebens ist zum großen Teil durch unsere
Ängste bestimmt. Wenn Menschen Spitzensportler, kreative Künst-
ler, ehrgeizige Wissenschaftler, erfolgreiche Geschäftsleute oder
mächtige Politiker werden, dann haben die bewussten und unbe-
wussten Ängste einen großen Teil dazu beigetragen.

UNBEGRÜNDETE UND ABSURDE ÄNGSTE

Ängste vor Krieg, Unglück, Krankheit oder Verlust sind begründete


Ängste vor real existierenden Gefahren. Aber es gibt nicht nur die
Angst vor echten Gefährdungen, die eine Schutzfunktion hat und
uns am Leben erhalten soll, sondern auch die übertriebene, unnötige
Angst, die in diesem Buch eine große Rolle spielen wird.
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In den letzten Jahren habe ich mich vor allem mit Menschen be-
schäftigt, die unter tief greifenden Ängsten leiden. Ich baute in der
psychiatrischen Universitätsklinik in Göttingen eine «Angstambu-
lanz» auf, in der sich Menschen mit krankhaft übersteigerten Ängs-
ten zur Behandlung melden können. Hier werden sie von Ärzten
und Psychologen betreut. Bei dieser Arbeit wird vor allem eines
deutlich: Bei Menschen, die unter krankhafter Angst leiden, treten
die alltäglichen Sorgen und Befürchtungen im Vergleich zu ihren
vernichtenden unrealistischen Ängsten deutlich in den Hintergrund.
Diese Ängste haben letztlich wenig mit den wirklichen Gefahren zu
tun, die uns bedrohen: Angela F. leidet mehrmals am Tag unter der
Angst, im nächsten Moment zu sterben, obwohl sie körperlich völlig
gesund ist. Jeanine D. verlässt in den Sommermonaten das Haus
nicht, weil sie befürchtet, eine Wespe könne ihr in den Mund fliegen
und sie stechen, sodass sie ersticken muss. Bernhard T. argwöhnt,
dass der israelische Geheimdienst Mossad hinter ihm her ist und
dass ihn fremde Wesen aus dem All bestrahlen, um seine Gedanken
im Internet verbreiten zu können. Jürgen L. wagt es nicht, andere
Menschen zu berühren, da er Angst hat, von ihnen ansteckende
Krankheiten zu bekommen. Elke S. versucht, sich mit Tabletten das
Leben zu nehmen, weil sie Angst vor dem Sterben hat. Karl G. hat
keine Zähne mehr im Mund, weil er eine übermächtige Angst vor
Zahnärzten hat.
Diese Menschen leiden an krankhaften Ängsten. Sie haben Furcht
vor Dingen, vor denen man normalerweise keine Angst haben muss.
Wie erklärt man diese rätselhaften Befürchtungen? Brauchen wir
solche Ängste? Ergeben sie einen Sinn?

DER ANGST AUF DER SPUR

Während wir noch vor einigen Jahrzehnten nur sehr rudimentäre


Vorstellungen von der Angst hatten, wissen wir heute einiges mehr
über das Zusammenwirken komplexer Mechanismen, die dazu füh-

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ren, dass wir unter übertriebenen, unrealistischen oder absurden
Ängsten leiden können.
Lange war unsere Anschauung über Angst von der Psychoanalyse
geprägt. In dem fabelhaften Buch «Grundformen der Angst» stellte
beispielsweise der deutsche Psychoanalytiker Fritz Riemann die
Theorie auf, dass praktisch jeder Mensch durch eine von vier Formen
der Angst charakterisiert werden kann, die er im Laufe der Kindheit
erworben hat, die aber auch zum Teil konstitutionell bedingt ist.2
Dabei gibt es keine klare Grenze zwischen krankhafter und «nor-
maler» Angst. Riemann teilt die Menschen in depressive, schizoide
(unnahbare), zwanghafte und hysterische Personen ein. Alle guten
und schlechten Eigenschaften können aus diesen Grundformen
abgeleitet werden. Der Zwanghafte ist pedantisch, unnachgiebig,
geizig, zögerlich, phantasielos und eigensinnig, aber auch ordentlich,
konsequent, ehrlich und verlässlich. Der hysterische Mensch
dagegen ist unberechenbar, unpünktlich, unlogisch, egoistisch und
genusssüchtig, aber auch anpassungsfähig, unbekümmert, leiden-
schaftlich und phantasievoll. Wenn eine dieser PersönlichkeitsStruk-
turen zu ausgeprägt oder einseitig ist, dann sei es wahrscheinlich, so
Riemann, dass sie aufgrund einer frühkindlichen Entwicklungs-
störung entstanden ist. Eine zwanghafte Persönlichkeit könne bei-
spielsweise entstehen, wenn die Mutter zwischen dem zweiten und
vierten Lebensjahr des Bundes die Sauberkeitserziehung zu streng
vollziehe. Die vier Persönlichkeitsformen seien durch die dahinter
stehende Angst geprägt — so habe der Schizoide Angst vor
Abhängigkeit, der Depressive vor Ungeborgenheit, der Zwanghafte
vor Unsicherheit und der Hysterische vor Einschränkung seines
Freiheitsdrangs. Nach der Lektüre dieses anschaulich geschriebenen
Buches hatte ich es tatsächlich leichter, bestimmte Verhaltensweisen
meiner Mitmenschen besser einschätzen und auch mich selbst besser
erkennen zu können — ein Effekt, den die wenigsten psychologi-
schen Bücher auslösen. Und doch erfasste dieses Buch das
Phänomen Angst nur aus einer vereinfachenden Sichtweise.
Die Psychoanalyse war die Richtung in der Psychologie, die sich als
Erste ausführlich mit Ängsten beschäftigte. Sie lieferte ausge-

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feilte Erklärungen, die in sich stimmig und plausibel wirkten. Aus
heutiger Sicht allerdings erscheinen die tiefenpsychologischen Er-
klärungen zu einseitig, denn sie ignorierten die Erkenntnisse der
Genetik, der Biologie, der Biochemie, der Verhaltensforschung und
anderer wissenschaftlicher Gebiete. Ängste wurden vorwiegend aus
der Lebensgeschichte der Menschen erklärt. Die Einflüsse der Um-
welt und der Erziehung wurden überbetont.
Viele dieser Hypothesen gewannen ihren Reiz vor allem dadurch,
dass sie spannend, spektakulär, poetisch oder einfach «sexy» waren.
Um ihre Wissenschaftlichkeit war es dagegen weniger gut bestellt:
Entweder entzogen sich die Theorien einer wissenschaftlichen
Überprüfbarkeit, oder sie stellten sich als unhaltbar heraus, wenn sie
überprüft wurden.
Die Behandlung von Ängsten wurde in der Psychoanalyse zudem
als schwierig und langwierig angesehen; man gab sich oft genug mit
Teilbesserungen zufrieden. Dass sich Ängste durch eine klassische
Psychoanalyse grundlegend bessern können, wurde jedoch niemals
wissenschaftlich korrekt nachgewiesen.
Inzwischen hat sich in der Angstforschung einiges getan. Auf der
ganzen Welt beschäftigen sich Wissenschaftlerteams mit der
Untersuchung von Ängsten. Auch wenn wir noch weit davon ent-
fernt sind, sagen zu können, dass wir die Ursprünge der Angst
genau erklären können, so kristallisiert sich heute ein immer deut-
licheres Bild heraus, wie Ängste aus einem komplizierten Zusam-
menspiel vielfältiger Faktoren entstehen. Dabei spielt die Neurobio-
logie, die sich mit den chemischen und molekularen Vorgängen im
Gehirn beschäftigt, eine immer größere Rolle.
In der Folge wurden neue Therapien entwickelt, und ein Arsenal
neuer Medikamente steht zur Verfügung, um krankhafte Ängste zu
bekämpfen. Und das ist die gute Nachricht: Man muss die Angst
nicht hinnehmen, man kann sich dagegen wehren, sich dagegen
auflehnen, man kann sie abtrainieren, sich aus eigener Kraft helfen
oder sich helfen lassen. Es ist gar nicht so schwierig.

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Kapitel 2

WELCHEN SINN HAT DIE ANGST?

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GIBT ES MENSCHEN, DIE KEINE ANGST HABEN?

Evel Knievel war ein Draufgänger, ein Mann ohne Angst, wie es
schien. Er war Skispringer, Radkappendieb, Minenarbeiter, Entfüh-
rer, Elchjäger, Versicherungsagent und Bankräuber. Häufig wech-
selte er seine legalen und illegalen Berufe, bis er schließlich der beste
Motorrad-Stuntman der Welt wurde. Er sprang über 50 Autos, 13
Lastwagen und über ein Becken mit hungrigen Haien. Einmal flog er
elegant über einen Berglöwen, landete aber danach unglücklich auf
einer Kiste mit Klapperschlangen, worauf die Schlangen, aber auch
die meisten Zuschauer das Weite suchten.
Er steht im «Guinness Buch der Rekorde» als der Mann, der die
meisten Knochen gebrochen hat. Eines Tages wachte er nach einem
missglückten Sprung über die Wasserfontänen vor dem Luxus-Ca-
sino Caesar's Palace in Las Vegas aus einem dreißigtägigen Koma
auf. Während er noch im Krankenhaus aus der Schnabeltasse trank,
beschloss er, einen Sprung zu wagen, der alle seine bisherigen
Abenteuer übertrumpfen würde. Er kündigte an, dass er mit einem
Motorrad über den Snake River Canyon in Idaho springen wolle. Um
die große Entfernung von 400 Metern von einem Rand der Schlucht
zum anderen zurückzulegen, wollte Knievel sich mit seinem
raketenangetriebenen Motorrad hinüberschießen lassen, um auf der
anderen Seite wieder auf den Rädern zu landen. Er sorgte dafür, dass
er für den Fall, dass er seinen Sprung überleben sollte, durch
Eintrittsgelder und andere Tantiemen sechs Millionen Dollar
verdienen würde. Am Tag des großen Ereignisses waren Zehntau-
sende von Menschen gekommen. Presse, Funk und Fernsehen wa-

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ren versammelt, denn sie alle wollten Evel Knievel sterben sehen.
Zwar trauten sie ihm zu, dass er, wie bei seinen früheren Unterneh-
mungen, alles einigermaßen genau planen würde — die Schubkraft
der Rakete, die ballistische Flugbahn des Motorrades und den Sei-
tenwind. Aber, so dachten sie auch, die Chance war sehr hoch, dass
er sich diesmal verrechnen würde, so wie er sich schon oft verrechnet
hatte. Er würde in den Canyon stürzen; oder selbst wenn der Flug
bis zur anderen Seite gut ginge, würde er dort kopfüber mit dem
Motorrad aufschlagen und sich das Genick brechen.
Zwei vorher zum Test abgeschossene Raketen landeten nicht, wie
vorgesehen, auf der anderen Seite der Schlucht, sondern im rei-
ßenden Wasser des Snake River. Als der große Moment gekommen
war, wurde Evel Knievel mit seinem Motorrad von der Rakete über
den Fluss geschleudert. Aber er kam nicht weit. Sein Fallschirm öff-
nete sich zu früh, und er erreichte nicht das andere Ende der
Schlucht, sondern landete sicher neben dem Fluss. Obwohl ihm we-
gen der starken Beschleunigungskräfte Blut aus den Augen und der
Nase lief, fühlten sich die Leute betrogen. Sie sagten, er habe dies
alles mit Absicht so berechnet und habe nie wirklich vorgehabt, auf
der anderen Seite anzukommen. Sie wollten ihr Eintrittsgeld zurück.
Sie hätten es lieber gesehen, wenn er gestorben wäre. Nach dieser
Geschichte kam Evel Knievel auf keinen grünen Zweig mehr. Er
zeigte seine Kunststückchen nur noch auf zweitrangigen Veran-
staltungen.
Klar ist: Stuntmen wie Evel Knievel sind furchtloser als andere
Menschen. Trotzdem sind sie nicht lebensmüde. Sie versuchen es zu-
mindest, ihre Stunts so zu drehen, dass sie im schlimmsten Fall mit
ein paar gebrochenen Knochen davonkommen. Was sagt Evel Knie-
vel über Angst? «Die meisten Menschen behaupten, ich hätte keine
Angst vor meinen Sprüngen gehabt. Das ist Quatsch. Ich brauchte
vor jedem Sprung einen Schuss Wild Turkey Whisky. Ich hatte jedes
Mal diesen Knoten im Bauch und einen Kloß im Hals. Und ich liebte
dieses Gefühl. Angst ist das 98-Oktan-Benzin für den Überlebenser-
folg. Du musst wissen, wie du damit umgehst, wie du dich
absicherst. Wenn du dein Leben riskieren willst, brauchst du Angst.»

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Aber haben Stuntmen, Tieftaucher, Extrembergsteiger, Survival-
künstler, Skysurfer oder Fremdenlegionäre wirklich keine Angst?
Kein Mensch ist ohne Angst — die Ängste dieser wagemutigen Men-
schen liegen woanders. Es stellt sich wirklich die Frage, warum
Menschen in eiskalte, nasse Höhlen kriechen, mit Haien schwimmen,
mit Klapperschlangen schlafen, den Salto mortale ohne Netz
versuchen, auf acht Meter hohen Wellen surfen und sich in einem
Fass die Niagarafälle hinunterstürzen. Sie könnten doch stattdessen
lieber bei schönem Wetter im lauwarmen Meer planschen oder sich
ein eiskaltes Bier genehmigen.
Welche Motivation haben Menschen, sich derart in Gefahr zu
begeben?
Der Südtiroler Bergsteiger Reinhold Messner hat als Erster den
8846 Meter hohen Mount Everest ohne Sauerstoffflaschen bestiegen.
Bei allen seinen Unternehmungen war er — trotz der Verwendung
einer Hightech-Ausrüstung — in allerhöchster Lebensgefahr. Was
trieb ihn dazu, alle Achttausender dieser Erde zu besteigen sowie
den Süd- und Nordpol zu überqueren? «Sie haben wenigstens einen
sinnvollen Beruf als Arzt», offenbarte er mir in einem persönlichen
Gespräch selbstkritisch, «Was ich mache, das ist die Eroberung des
Nutzlosen.» Steht bei Messner etwa die Angst im Vordergrund, nicht
anerkannt zu werden?
Es gibt aber auch Menschen, die anscheinend überhaupt keine
Furcht vor Schmerzen und Tod haben. Warum hatten japanische
Kamikaze-Piloten keine Angst, sich mit ihrem Flugzeug in einen
feindlichen Zerstörer zu bohren? Was geht in jugendlichen Selbst-
mordattentätern vor, die sich in Diskotheken zwischen zwanzigjäh-
rigen Mädchen und Jungen in die Luft sprengen?
Mohammed Atta, der Terrorist, der als Flugzeugentführer den
Anschlag auf das World Trade Center mutmaßlich zu verantworten
hatte, fing wegen eines überhöhten Whiskypreises in einer Hotel-
bar in Los Angeles einen fürchterlichen Streit an. Einen Tag zuvor
hatte er bei der Lufthansa ein Miles & More-Vielfliegerkonto eröff-
net. Am nächsten Tag kidnappte er ein Flugzeug und steuerte es in
einen der Zwillingstürme. Religiöser oder politischer Fanatismus

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kann das Gehirn so manipulieren, dass die Angst vor dem Sterben
ausgeschaltet wird.

Man kann sich auch an reale Angst gewöhnen. Dies ist übrigens auch
ein weiterer Unterschied zu den übertriebenen, krankhaften
Ängsten, an die man sich nie gewöhnt. Menschen, die in Kriegsge-
bieten leben, stumpfen nach und nach ab. Meine Mutter berichtete
über den Bombenkrieg in Stuttgart: «Wir saßen stundenlang in den
Luftschutzbunkern, während die Bomben fielen. Wenn die Flug-
zeuge eine Pause machten, liefen wir schnell durch die zerstörten
Straßen zum Bäcker, um Brötchen zu kaufen. Das Leben musste ja
weitergehen.»
Als ich einmal in Tel Aviv über den Dizengoff Boulevard ging, war
hier am Vortag in einem Bus eine Bombe explodiert. Der Selbst-
mordattentäter hatte gewartet, bis ein anderer Bus an seinem vor-
beifuhr, sodass beide Busse und einige Straßencafes in die Luft flo-
gen. Bei dem Attentat waren 44 Menschen gestorben. Unzählige
Kerzen standen auf der Straße. Unmittelbar neben den zerstörten
Cafes hatten die Besitzer der benachbarten Restaurants die Trümmer
wieder weggeräumt. Leute saßen in der Sonne, tranken Bier und
Kaffee und aßen Lammspieße und Falafel. Ich fragte eine Israelin,
warum die Leute hier so scheinbar teilnahmslos zwischen den
Trümmern saßen und aßen. Sie sagte: «Das ist genau die Art, wie wir
Israelis damit umgehen. Wir tun so, als sei nichts passiert. Wir gehen
sofort zu unserem normalen Alltag über. Sonst würde uns die Angst
auffressen; das Leben wäre nicht auszuhalten.»

LUST AUF ANGST

Angstgefühle können aber auch mit Lust verbunden sein. Im Zirkus


sehen wir es am liebsten, wenn die Hochseilartisten ohne Netz ar-
beiten. An einem normalen Wochentag haben wir im Fernsehen die
Auswahl zwischen mindestens acht verschiedenen Psychothrillern,
Action- oder Gruselfilmen. Es werden weit mehr Kriminalfilme ge-

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dreht als Komödien. Offensichtlich fühlen wir uns wohl, wenn wir
im Fernsehen sehen, wie Menschen ermordet oder bedroht werden.
In Filmen ist die Angst um die Darsteller natürlich nur virtuell.
Aber auch echtes Unglück scheint die Menschen zu faszinieren, sonst
würde man mit Zeitungen und Nachrichtensendungen kein Geld
verdienen. Live-Übertragungen aus dem Krieg haben die höchsten
Einschaltquoten und können die Finanzen der Nachrichtenkanäle
innerhalb weniger Wochen sanieren.
Und es macht unzweifelhaft Laune, wenn man sich selbst in Gefahr
begibt. Bungee Jumping scheint höchste Glücksgefühle auszulösen.
In den Vergnügungsparks in Las Vegas gibt es die brutalsten
Fahrgeschäfte der Welt, die stets regen Zuspruch finden. Allerdings
bitte schön mit der Garantie, dass nichts passieren kann. Auch wenn
ab und zu einmal ein Wagen der Raupenbahn auf dem Jahrmarkt
aus den Schienen springt, wissen wir doch, dass uns eigentlich in
diesen Fahrgeschäften nicht wirklich etwas zustoßen kann. Und so
sind sie angelegt: Trotz maximaler TÜV-Sicherheit hinterlassen sie
bei uns das Gefühl, dass wir uns in allerhöchster Gefahr befinden
und uns nicht dagegen wehren können. Es scheint so zu sein, dass
wir uns durch diese virtuellen Gefahren von den wirklichen
Gefahren ablenken wollen, die uns bedrohen.
Viele Menschen begeben sich aber absichtlich in tatsächliche, wenn
auch berechenbare Gefahrensituationen. Motorbootrennen, Fall-
schirmspringen von einem Hochhaus, Surfen in sechs Meter hohen
Wellen oder Eisklettern — das Spiel mit der Angst findet immer
wieder Liebhaber. Warum das so ist: Die Überwindung von Ängsten
ist immer mit Genuss verbunden. Winston Churchill formulierte
treffend: «Nichts im Leben löst ein größeres Hochgefühl aus, als be-
schossen und nicht getroffen zu werden.»

MUSS MAN ANGST HABEN?

Angst sichert das Überleben — diese Erfahrung mussten Aquarien-


fische machen, die unfreiwillig an einer Untersuchung in Kanada

22
teilnahmen. Die Guppys wurden 60 Stunden mit einem Raubfisch,
dem Gemeinen Schwarzbarsch, konfrontiert. Fische, die den Barsch
mieden wie die Pest, hatten eine Überlebensrate von 40 Prozent. Von
den mittelgradig Ängstlichen, die sich ab und zu einmal dem
Raubfisch näherten, um ihn näher zu betrachten, überlebten nur
noch 15 Prozent. Die Furchtlosen allerdings, die ausgiebig die Nähe
des Killerbarsches suchten, hatten eine Überlebensrate von exakt null
Prozent.3
Auch für Menschen gilt, dass Angst das Überleben garantiert. Ein
bisschen Angst muss jeder haben — diese allgemeine Weisheit trifft
zu. Wer vorsichtig Auto fährt, die Türen gut abschließt oder sich auf
Prüfungen aus Angst vor dem Versagen lange vorbereitet, hat
durchaus Vorteile im Leben.
Wenn jemand aber krankhafte Angst hat, so hat diese Angst keine
Schutzfunktion mehr. Bei Angsterkrankungen oder Phobien handelt
es sich nicht um Ängste, die durch wirklich bestehende Gefahren
begründbar sind. Phobische Ängste sind unrealistisch oder
übertrieben und folgen nicht den Gesetzen der Logik. Die häufigste
Phobie in Deutschland ist beispielsweise die Spinnenphobie — ob-
wohl es in Deutschland nicht eine einzige Spinnenart gibt, die ge-
fährlich ist oder zumindest unangenehm stechen oder beißen könnte.
Viele Patienten mit einer Panikstörung haben Angst, Fahrstuhl zu
fahren, obwohl Lifte zu den sichersten Transportmitteln gehören.
Menschen mit Angststörungen sind jedoch nicht grundsätzlich
ängstlich. Sie haben vor tatsächlich gefährlichen Dingen nicht un-
bedingt mehr Angst als andere Menschen. Scheinbar sind im Gehirn
die Instanzen für reale und unbegründete Ängste getrennt. Dies
erklärt, warum meine Patientin Sybille G. bei der Geiselnahme
weniger Angst hatte als in einem Supermarkt. Angstpatienten kön-
nen durchaus in der Lage sein, mit Fallschirmen abzuspringen, mit
Motorrädern zu fahren, mit Ultraleichtfliegern zu fliegen, der Frem-
denlegion beizutreten, in der Innenstadt von Johannesburg spazieren
zu gehen oder einen japanischen Fugufisch zu essen. Vor harmlosen
Dingen haben sie dagegen große Angst. Die Furcht, die sie vor
einem Theaterbesuch in Köln, vor einer Straßenbahnfahrt in Wien

23
oder vor einem Einkaufsbummel in der Bahnhofsstraße von Zürich
empfinden, hat überhaupt keine Schutzfunktion und ist scheinbar
völlig überflüssig und irrational.
Während jeder zustimmen würde, dass die Angst vor tatsächlichen
Gefahren notwendig und zweckmäßig ist, sollte man meinen, dass
die unbegründete phobische Angst nur eine lästige Plage ist und
keinen höheren Sinn hat. Man muss allerdings kein Philosoph sein —
nur ein nachdenklicher Mensch —, um zu dem Schluss zu kommen,
dass nichts in dieser Welt überflüssig ist, auch wenn es auf den
ersten Blick so scheint — nicht die Wespen, die Brennnesseln, die
Löcher in der Hosentasche oder Akne vulgaris. Und auch nicht diese
Art der Angst.

ANGST IST DAS SUPERBENZIN FÜR ERFOLG

In meiner Arbeit mit Menschen, die Ängste haben, interessieren mich


nicht nur die negativen Folgen der Angst, sondern auch ihre
positiven, faszinierenden Seiten. Angst ist nicht nur ein Hemmnis,
sondern auch eine Herausforderung, eine Chance. «Die Angst lähmt
nicht nur», so der dänische Philosoph Soren Kierkegaard, «sondern
enthält die unendliche Möglichkeit des Könnens, die den Motor
menschlicher Entwicklung bildet.»4 Angst kann die treibende Kraft
sein, die uns zu schöpferischem Handeln anregt, zu herausragenden
Leistungen anstachelt und unsere Phantasie und Kreativität steigert.
Fast alle Eigenarten der Menschen — die schlechten und die guten —
sind wie gesagt durch ihre Ängste erklärbar.
Menschen, die unter vielen kleinen Ängsten leiden, wünschen
sich oft, so normal und furchtlos zu sein wie «Durchschnittsleute».
So normal wie der Mann im Bauamt, der mit stoischer Ruhe Bauan-
träge durchblättert. Normal wie der behäbige Taxifahrer, der über
Radfahrer schimpft und im Radio deutsche Schlager hört, normal
wie der Krankenpfleger, der Kaffee trinkt und Zeitung liest, wäh-
rend der Intensivpatient nebenan röchelt. Normal wie der 120-Kilo-
gramm-Stemmer im Fitnessstudio, dumm, stark und wasserdicht

24
und frei von sämtlichen Ängsten. Wie schön wäre es, jeden Tag so
sorgenfrei zu beginnen!
Wenn Sie auch zu den Menschen gehören, die sich über alles Ge-
danken machen, ständig ängstlich sind, sich über jede Kleinigkeit
aufregen und immer leicht aus der Ruhe zu bringen sind: Trösten Sie
sich. Ängstlichkeit und Sensibilität haben auch ihr Gutes. Leute, die
völlig unneurotisch sind, sind oft komplett langweilig. Die Neu-
rotiker dagegen — auch wenn sie nicht gerade glücklicher sind — er-
zählen die spannenderen Geschichten, sie sehen interessanter aus,
haben mehr Phantasie, führen ein aufregenderes Leben und faszi-
nieren andere Menschen durch ihren Esprit. Wenn wir Menschen
attraktiv finden, dann sind es oft solche Charaktere, die gerade nicht
«normal» oder «durchschnittlich» sind. Was uns an Popstars,
Hollywood-Schauspielern und Politikern fasziniert, sind oft nicht
allein ihre künstlerischen oder beruflichen Fähigkeiten, sondern auch
ihr außergewöhnlicher Lebensstil und ihre exaltierten, neurotischen
Verhaltensweisen.
Es ist nicht verwunderlich, dass viele Prominente Ängste haben —
oder besser gesagt, dass ängstliche Menschen prominent geworden
sind. Der Engländer Charles Darwin, der Begründer der Evolutions-
theorie, bekam mit 28 Jahren unerklärliche Anfälle mit Herzklopfen,
Luftnot (airfatigues), Zittern, Weinen, Todesangst, Magen-Darm-
Beschwerden, Benommenheit (head swimming) und Entfremdungs-
erlebnissen (treading on air and Vision). Er hatte große Angst vor
Menschenmengen, Festen, Reisen und vor dem Alleinsein. Heute
würde man seine Krankheit als Panikstörung etikettieren.5
Robert Falcon Scott hätte niemand als ängstlich bezeichnet. Er
leitete im Jahre 1912 eine Expedition zum Südpol. Am Ziel ange-
kommen, musste er feststellen, dass der Norweger Amundsen dort
schon vor ihm gezeltet hatte. Auf dem Rückweg starben Scott und
alle Teilnehmer seiner Expedition an Hunger — elf Meilen vor dem
nächsten Nahrungsmittellager. Der Arzt Edward Wilson, der Scott
auf seinen Reisen begleitete und mit ihm bei diesem Abenteuer
starb, hatte über seinen Freund geschrieben: «Als er noch zu Hause
war, fand er den sozialen Umgang so schwierig, dass er seinem Ta-

25
gebuch anvertraute, dass er vor Festen Beruhigungsmittel einnahm,
und einer seiner Biographen schrieb, dass es für ihn erheblich mehr
Mut erforderte, vor einer Zuhörerschaft zu reden, als eine Glet-
scherspalte zu überqueren.»6
Auch andere Prominente litten oder leiden unter Angsterkran-
kungen. Schriftsteller wie Johann Wolfgang von Goethe, Bertolt
Brecht, Samuel Beckett oder Franz Kafka hatten ein Problem mit der
Angst. Der italienische Komponist Antonio Vivaldi wurde von
Panikattacken geplagt. Die Sängerin Barbara Streisand litt unter einer
solch schweren Sozialen Phobie, dass sie zwanzig Jahre lang nicht
mehr öffentlich auftrat, nachdem sie einmal bei einem Konzert im
Central Park in New York ein paar Wörter eines Songs vergessen
hatte. Der Schauspieler Sir Lawrence Olivier litt über fünf Jahre lang
unter einer ausgeprägten Sozialen Phobie. Er befürchtete ebenfalls,
bei Aufführungen den Text zu vergessen. Der Autor John Steinbeck
war derart von starken sozialen Ängsten befallen, dass er zum
Alkoholiker wurde und sich einmal zwei Jahre lang in eine einsame
Berghütte zurückzog. Der deutsche Komiker Heinz Erhardt trug
beim Auftritt immer eine Brille mit Fensterglas, durch die er nur
verschwommen sehen konnte — mit Absicht, denn er hatte ein
solches Lampenfieber, dass er die Blicke der Zuschauer nicht ertra-
gen konnte. Die eindrücklichsten künstlerischen Darstellungen der
Angst stammen von dem norwegischen Maler Edvard Munch, der
allerdings nicht nur unter Ängsten, sondern auch unter Depressio-
nen, Psychosen und Alkoholabhängigkeit litt.
Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, soll Panikat-
tacken und andere Ängste gehabt haben.7 Sein Psychoanalytiker-
Kollege Alfred Adler hatte schon in jungen Jahren eine so ausge-
prägte Angst vor dem Tod, dass er beschloss, Arzt zu werden, um
sich im Notfall selbst kurieren zu können — was ihm auch nichts
nützte, denn er brach eines Tages mit 67 Jahren nach einem Herz-
anfall tot auf der Straße zusammen.
Treten Angsterkrankungen bei talentierten Schriftstellern, Sän-
gern, Schauspielern, Buchautoren oder Komponisten gehäuft auf?

26
Ortrud Schweigert
nach dem Besuch des
Munch-Museums

Beim Studium der Biographien prominenter Künstler fällt immer


wieder auf, dass neben anderen psychischen Problemen auch häufig
über ihre Angstsymptome berichtet wird.
Ist es so, dass ein Leben als Prominenter anfälliger für Ängste
macht? Nein. Eher scheint es umgekehrt zu sein: Ängstliche Leute
werden schneller prominent. Dass berühmte Künstler oft unter
Angst leiden, könnte einen bestimmten Grund haben. Angst ist der
Motor, der perfektionistische Menschen zu Höchstleistungen an-
spornt. Nehmen wir einmal an, Sie wollen ein berühmter Saxopho-
nist werden. Sie haben ein bisschen Talent. Talent allein reicht aber
nicht, denn talentierte Saxophonisten gibt es in großer Zahl. Wie
kann man sich gegen diese Konkurrenz durchsetzen? Man muss

27
üben. Zwei Stunden am Tag reichen nicht. Andere junge und talen-
tierte Saxophonisten üben fünf Stunden am Tag. Also müssen Sie
zehn Stunden blasen. Dazu müssten Sie Ihren Beruf aufgeben. Sie
müssten von Ihrem Heimatort Esens-Bensersiel nach München zie-
hen. Sie müssten alle bisherigen Beziehungen abbrechen und nur
noch für die Musik leben. So unglaublich es klingen mag: Das geht
nur, wenn man Angst hat.
Warum Angst? Angst gibt uns die unendliche Energie, die für
Spitzenleistungen erforderlich ist. Berühmte Musiker haben oft
Angst zu versagen. Sie können es nicht ertragen, nicht die Besten zu
sein. Bei anderen Leuten gut anzukommen mindert ihre Angst; Kri-
tik verstärkt dagegen ihre Angst. Also üben sie mehr und denken
sich phantasievolle, kreative Musik aus, um besser zu sein als der
Rest. Angst vor dem Versagen, vor dem Abgewertet werden, vor der
Mittelmäßigkeit treibt die Menschen auch dazu, anerkannte Schau-
spieler, Schriftsteller, Maler, Sportler, Politiker oder Wissenschaftler
zu werden.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fanden der amerikanische Psy-
chologe Robert M. Yerkes und sein Student John D. Dodson heraus,
dass ein Zuviel an Angst bestimmte Leistungen verschlechtert, wäh-
rend mittelgradige Angst die Menschen zu Bestleistungen antreiben
kann. Wenn man zum Beispiel ein Examen ablegen oder einen
Vortrag halten muss, kann ein mittlerer Angstlevel nach dem Yer-
kes-Dodson-Gesetz zum besten Ergebnis führen.
Es gibt noch einen anderen Grund, warum Menschen mit Angst die
besseren Künstler werden: Wer häufig unter Angst leidet, kann diese
Emotionen bekämpfen, indem er bis zur Erschöpfung Musik
komponiert, Kunstwerke malt oder Bücher schreibt. Daher sind
kreative Menschen, die unter Ängsten leiden, oft gefühlvoller, emo-
tionaler und leidenschaftlicher als andere. Sie schaffen es, ihre tiefen
Gefühle, die aus der Angst geboren sind, in ihre Musik und in ihre
Bilder zu übertragen, sodass sich ihre Emotionen auf den Hörer oder
Betrachter übertragen. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass das
Publikum Menschen liebt, die neurotisch und ängstlich sind.

28
Wenn Künstler Drogen nehmen oder Alkoholiker werden, wird oft
behauptet, dass dies eine Folge ihres Umgangs sei, weil eben «in der
Szene» viel getrunken, gekifft und gefixt wird. Oder dass sie mit dem
Erfolg nicht fertig geworden sind. Das trifft aber nicht den Kern der
Sache. Liest man beispielsweise die Biographien von Musikern, so
hatten diese ihre seelischen Probleme oft schon, bevor sie überhaupt
die erste Schallplatte besungen hatten. Viele dieser Menschen hatten
sich bereits mit Drogen betäubt, bevor sie in die Musikerszene
gekommen waren. Es gibt einen gemeinsamen Grund, warum man
Musiker und zugleich drogenabhängig wird: Angst. Die Angst hat
viele berühmte Musiker dazu getrieben, die besten Gitarristen,
Sänger, Pianisten oder Schlagzeuger zu werden. Die Angst trieb aber
auch diese Menschen dazu, Alkohol oder Drogen zu nehmen. Jimi
Hendrix, Elvis Presley, Janis Joplin sind Beispiele dafür. Alle drei
starben an einer Mischung von zu viel Drogen, Pillen und Alkohol.
Nicht, weil sie Selbstmord begehen wollten, sondern weil sie
versucht hatten, möglichst viele Drogen auf einmal zu nehmen, um
ihre Ängste zu bekämpfen. Wer an der Spitze steht, hat Angst,
wieder abzusteigen, ins Mittelmaß abzudriften.
Angst kann Menschen auch im Sport zu Höchstleistungen führen.
Berichte über das Privatleben von Sportlern zeigen, dass sie häufig
unter ausgeprägten Ängsten leiden. Warum nehmen Eiskunstläufer,
Radfahrer oder Zehnkämpfer unglaubliche Strapazen auf sich, um
an die Medaillen zu kommen? Warum riskieren sie ihre Gesundheit
mit Dopingmitteln? Weil sie von übermäßigem Ehrgeiz, aber auch
von Versagensängsten gesteuert sind.
Eine weitere Gruppe von Prominenten, die häufig unter Ängsten
leidet, sind mächtige Politiker. Julius Caesar und Napoleon hatten
eine schwere Katzenphobie. Der amerikanische Präsident
Abraham Lincoln litt unter Agoraphobie und der Angst, krank oder
verrückt zu werden. Aber das sind nur Begleiterscheinungen ihrer
tief verwurzelten Angst, nicht der anerkannteste Staatsmann ihrer
Zeit zu sein. Mit Künstlern und Sportlern haben die Politiker den
übersteigerten Ehrgeiz gemein, der letztlich dafür sorgt, dass sie
alle anderen Mitbewerber im knallharten Politikgeschäft überflü-

29
geln können. Die unglaubliche Entschlossenheit, Ausdauer, Tatkraft
und Beharrlichkeit, die es erfordert, ein erfolgreicher Machtpolitiker
zu werden, kann nur durch eine dahinter stehende Angst erklärt
werden. Ängste unter Politikern, so berichten Psychiater mit einer
Praxis in der unmittelbaren Nähe eines Parlaments, seien er-
schreckend häufig.

DIE ANGST DES DAGOBERT DUCK

Auch finanziell erfolgreiche Menschen sind vielleicht deshalb reich


geworden, weil sie unter verborgenen Ängsten leiden. Wenn ein
Milliardär in eine Nervenkrise gerät, nachdem er gemerkt hat, dass
er für eine Flasche Ketchup 20 Cent zu viel zahlte, dann steckt oft die
tief greifende Angst dahinter, etwas zu verlieren, was man einmal
besessen hat.
Zu den Urängsten aller Lebewesen gehört die Angst vor dem Ver-
hungern. Wenn jemand allerdings wegen eines immensen Vermö-
gens weit vom Verhungern entfernt ist und trotzdem bei geringen
finanziellen Verlusten in panische Angst gerät, dann hat sich bei ihm
diese Urangst so verselbständigt, dass ihm eine sachliche Ein-
schätzung seiner Situation nicht mehr möglich ist. So ist auch leicht
erklärlich, warum Menschen, die sehr reich sind, oft extrem geizig
sind, während ein armer indonesischer Bauer ein Jahresgehalt für die
Hochzeit seiner Tochter ausgibt. Die lautesten Klagen über den
allgemeinen Niedergang der Wirtschaft kommen meist von
denjenigen, die dadurch am wenigsten Einbußen erleiden müssen.
Menschen, die sich emporgearbeitet und ein Vermögen angehäuft
haben, können oft nicht verstehen, wie sorglos ihre Töchter und
Söhne mit dem Geld umgehen. In Wirklichkeit haben diese Kinder,
die in Reichtum aufgewachsen sind, vielleicht nur ein realistischeres
Verhältnis zum Geld als ihr Vater.
Wohlhabend wird man nicht durch «eigener Hände Arbeit», son-
dern durch geschicktes Organisieren, besessene Beschäftigung mit
Gewinnoptimierungsstrategien und unermüdliches Nachdenken

30
über neue Einnahmequellen — oft aber auch durch Rücksichtslosig-
keit gegenüber anderen Menschen. Die hierfür erforderliche Energie
wird aus Angst erschaffen. Man kann es auf eine einfache Formel
bringen: Diese Menschen sind reich geworden, weil sie Angst haben.
Sie betreiben Angstabbau durch unermüdliches Geldscheffeln. «Geld
macht nicht glücklich, aber es beruhigt», sagen solche Menschen
gelegentlich. Daher können sie meist auch nicht mit dem Anhäufen
von Geld aufhören, bevor sie feststellen, dass das letzte Hemd keine
Taschen hat.
Diese Angst entsteht nicht unbedingt nur bei Menschen, die als
Kinder in bitterer Armut gelebt haben. Wie auch bei anderen Ängs-
ten ist es nicht notwendig, eine schlechte Erfahrung gemacht zu ha-
ben, um eine derartige Angst zu erwerben.
Auch der Typ, der «Workaholic» genannt wird, der, wie das Wort
sagt, suchtartig der Arbeit verfallen ist, ist in Wirklichkeit von Angst
getrieben. Es geht diesen Menschen nicht immer nur darum, viel
Geld zu verdienen oder bestimmte berufliche Ziele zu erreichen —
die Tätigkeit an sich ist das Ziel. Workaholics werden immer dann
nervös, wenn sie durch äußere Umstände von der Arbeit abgehalten
werden, sei es durch einen Gipsarm oder — ganz furchtbar —durch
einen Urlaub. Der entstehende Leerlauf zwingt sie nachzudenken,
über sich, über das Leben — und das macht ihnen Angst. Und die
können sie nur dadurch abbauen, indem sie sich wieder in Arbeit
stürzen.
So sind viele Verhaltensweisen von Menschen durch Angst er-
klärbar. Angst ist ein Teil von uns, und wenn wir sie nicht hätten,
würde unser Leben banal verlaufen. Angst ist die Würze in der
Suppe des Lebens.
Bei manchen Menschen sind die Ängste allerdings so stark, dass sie
sie nicht mehr allein bewältigen können.

31
Kapitel 3

KRANKHAFTE ANGST

32
AB WANN WIRD ANGST KRANKHAFT?

Die Übergänge zwischen kleinen, alltäglichen Ängsten und echten


Angsterkrankungen sind fließend. Wer beim Anblick einer Spinne
laut «huch!» schreit, wer vor einer Führerscheinprüfung vor Angst
schwitzt, wer sich nicht traut, auf einer Hochzeitsfeier eine Brautrede
zu halten, der hat noch lange keine Angsterkrankung. Menschen
aber, die aus Angst das Haus nicht verlassen, die schon morgens mit
unerklärlichem Herzrasen und Zittern aufstehen oder die ein Treffen
mit guten Freunden nicht überstehen könnten, ohne sich vorher Mut
anzutrinken, sind mit großer Sicherheit schwer krank. Dazwischen
gibt es viele Fälle, in denen die Betroffenen selbst nicht sicher sind,
ob sie nun eine ernsthafte Angstkrankheit haben, die behandelt
werden sollte, oder ob sich ihre Ängste im Rahmen des Üblichen
bewegen. Im Zweifelsfall sollte man eher früher als später zum
Fachmann gehen, um sich beraten zu lassen. Etwa die Hälfte aller
Menschen mit therapiebedürftigen Angsterkrankungen ist nicht in
Behandlung, entweder, weil der Arzt die Erkrankung nicht erkennt
oder weil sie gar nicht erst zum Arzt gehen. Manche wissen selbst
nicht, dass sie eine solche Erkrankung haben, die man gut behandeln
könnte. Andere wiederum trauen sich nicht, mit ihrem Arzt darüber
zu sprechen — aus Scham oder weil sie Angst haben, mit dem
Stigma des psychisch Kranken versehen zu werden.
Auf S. 349 befindet sich ein Test, mit dem Sie feststellen können, ob
Ihre Angst noch «normal» oder bereits krankhaft ist.

33
ANGST VOR ERDNUSSBUTTER — DIE EINFACHE PHOBIE

Charles Darwin ging eines Tages in einen Zoo, um seine Angst vor
Schlangen zu überwinden. Er näherte sich einem Terrarium, in dem
sich eine Puffotter befand. Kaum richtete sich die Schlange auf,
sprang Darwin, obwohl die Schlange hinter einer Glasscheibe saß,
«ein oder zwei Yards mit erstaunlicher Geschwindigkeit zurück.
Mein Wille und mein Verstand waren kraftlos gegen die Einbildung
einer Gefahr, welche niemals direkt erfahren worden war.»
Charles Darwin litt nicht nur unter einer Panikstörung, wie bereits
erwähnt wurde, sondern auch an einer Einfachen Phobie. Mit dem
Begriff «Einfache Phobie» soll ausgedrückt werden, dass die Be-
troffenen nur vor einer einzigen Sache Angst haben, zum Beispiel
vor Tieren, Höhen oder Spritzen. Vor einigen Jahren wurde dieser
Begriff in «Spezifische Phobie» umbenannt, da die Phobie ja nicht
gerade einfach für die Betroffenen ist.
Unter einer Phobie versteht man die Angst vor Dingen, vor denen
man eigentlich keine oder nur geringe Angst haben müsste. Das
Objekt der Phobie ist meist etwas völlig Harmloses. Nehmen wir die
weit verbreitete Spinnenphobie: Auch wenn viele Menschen sagen
würden, dass Spinnen einfach «eklig» sind, so sind doch die in
Deutschland lebenden Spinnen völlig ungefährlich. Mücken dage-
gen, die unangenehm stechen können, sind fast nie das Objekt einer
Phobie.
Der Begriff Phobie stammt aus der griechischen Mythologie. Der
Gott Phobos («Furcht») war die Personifikation von Flucht und Ur-
ängsten. Er sorgte nicht nur für Kriegsschrecken, sondern auch in der
Liebe für Eifersucht, Gewalt und Hörigkeit.8
Menschen können vor den ausgefallensten Sachen, wie etwa Fri-
sören, Staubsaugern oder Jazzmusik, Phobien haben. Auf einer In-
ternetseite9 werden viele dieser Phobien aufgeführt und mit einem
griechisch-lateinischen Fachausdruck belegt, wie zum Beispiel:

34
Alliumphobie Furcht vor Knoblauch

Alektorophobie Furcht vor Hühnern


Aulophobie Furcht vor Flöten
Venustraphobie Furcht vor schönen Frauen
Siderodromophobie Furcht vor Eisenbahnen
Coulrophobie Furcht vor Clowns
Zemmiphobie Furcht vor Maulwürfen
Peladophobie Furcht vor Glatzköpfigen
Paraskavedekatriaphobie Furcht vor Freitag, dem 13.
Automatonophobie Furcht vor Bauchrednerpuppen
Arachibutyrophobie Furcht vor Erdnussbutter,
die am Gaumen festklebt
Hippopotamomonstroses-
quipedaliophobie Furcht vor langen Wörtern

Wenn Sie wissen wollen, warum Menschen vor Erdnussbutter, die


am Gaumen festklebt, Angst haben, dann probieren Sie es einfach
einmal aus.
Allerdings sind diese exotischen Phobien eher selten. Die Ängste,
über die Menschen mit einer Spezifischen Phobie berichteten,
konzentrieren sich auf einige wenige Objekte. Am häufigsten ist, wie
bereits erwähnt, die Spinnenphobie. Oft findet man auch die Furcht
vor Haustieren wie Hunde oder Katzen.

Sven und Jessica fuhren mit ihrem offenen Auto durch Italien. Sven hatte
die bezaubernde Jessica erst vor ein paar Tagen kennen gelernt. Spontan
hatten sie beschlossen, in den Süden zu fahren. An einem schönen Strand
in Kalabrien angekommen, parkte Sven das Cabrio. Sie setzten sich in den
Garten eines Restaurants am Meer. Sven bestellte eine Meeresbarbe, Jessica
ein vegetarisches Pastagericht. «Wahnsinn», sagte Sven nach dem Essen
glücklich strahlend zu Jessica. «Das Meer, eine laue Brise, eine kühler
Weißwein, und ich sitze hier mit dem schönsten Mädchen von
Südniedersachsen. Oh, schau mal, die süßen Kätzchen», sagte Sven und
warf den drei Katzen, die sich an sein Bein schmiegten, die Fischgräten zu.
«Katzen?», schrie Jessica spitz, sprang auf, lief zum Auto, setzte sich hinein

35
und machte das Verdeck zu. «Was ist mit dir los?», fragte Sven erstaunt. —
«Ich kann Katzen nicht ab! Lass uns abhauen! Schnell!» — «Stell dich nicht
an! Was hast du gegen ein paar süße Kätzchen? Die tun dir doch nichts!»,
rief Sven aufgebracht. «Scheißkatzen», kreischte Jessica. «Ich will hier weg.
Sofort!»
Was ist mit der Frau los?, fragte sich Sven, als sie stumm durch die Nacht
fuhren. Angst vor Katzen — was soll das? Ist sie nicht ganz richtig im
Kopf? Ich hab's mir doch gedacht — irgendwo muss der Haken sein.

Jessica ist nicht allein mit ihrer Angst vor Katzen, und Sven braucht
sich keine Sorgen zu machen, dass seine Freundin nicht «normal»
sei. Es gibt viele Menschen, die Furcht vor Katzen haben. Für andere
Menschen völlig unverständlich, treten sie sofort die Flucht an, wenn
harmlose Schmusekatzen in der Nähe sind. Eine Schlangenphobie
wird von anderen Menschen durchaus akzeptiert, aber so mancher
reagiert mit Unverständnis, wenn jemand vor seinem kleinen Hund
Bello oder seinem Kater Fritz Angst hat.
Auch die Angst vor Höhen ist häufig. Wer ein mulmiges Gefühl
hat, während er von einem Fernsehturm herunterschaut, hat noch
keine Höhenphobie. Es gibt aber Menschen, die noch nicht einmal
eine Zweimeterleiter besteigen würden und heftige Schwindel-
gefühle bekommen, wenn sie im dritten Stock aus dem Fenster
schauen. In schlimmen Fällen befürchten die Betroffenen, dass sie am
Balkongeländer bewusstlos werden und hinunterstürzen könnten.
Manche Menschen haben sogar Phantasien, dass sie, am Balkon
stehend, plötzlich den Verstand verlieren und mit Absicht herunter-
springen könnten.
Zusammenfassend kann man sagen, dass Menschen mit einer
Einfachen Phobie am häufigsten Angst vor den Gegebenheiten der
Natur haben: vor Tieren, Insekten, Dunkelheit, tiefem Wasser,
schroffen Abhängen, Blitz und Donner oder dem eigenen Blut.
Charakteristisch ist, dass diese Ängste unrealistisch oder über-
trieben sind. Durch eine kleine Blutabnahme ist noch keiner gestor-
ben. Die Begegnung eines Menschen mit einer Maus kann lediglich
für die Maus tödlich enden. In einem tiefen, dunklen See kann man
genauso wenig ertrinken wie in einem türkis gekachelten Swim-

36
mingpool mit klarem Wasser, vorausgesetzt, dass man schwimmen
kann.
Merkwürdig ist, dass Dinge, die reale Risiken darstellen, selten das
Objekt einer phobischen Furcht sind. Schnäpse, Zigaretten, Pommes
frites, gesättigte Fettsäuren, ungeschützter Sex oder Motorräder sind
fast nie Gegenstand einer Phobie, selbst wenn die Menschen
verstandesmäßig die Gefahr erkennen. Dafür gibt es eine Antwort,
die von Charles Darwin stammen könnte: Diese Ängste sind ein Erbe
aus unserer Höhlenmenschenzeit. Später wird der Gedanke noch
eine wichtige Rolle spielen, wenn nämlich die Ursprünge der Ängste
erklärt werden (siehe S. 165).
Phobien sind derart verbreitet, dass fast jeder Mensch ein oder zwei
Phobien hat. Daher kann man durchaus noch als normal gelten,
wenn man kleinere Ängste hat. Manchmal nimmt aber die Phobie
beachtliche Ausmaße an. Eine Frau mit einer Arachnophobie
(Spinnenphobie) prüft in jedem Raum, den sie betritt, ob sich nicht
Spinnen unter dem Schrank oder unter dem Bett befinden. In den
Keller geht sie nur mit einem Besen bewaffnet, und jedes Mal bezieht
sie das Bett neu, wenn tatsächlich eine Spinne darüber gekrabbelt ist.
Niemals würde sie eine Wiese oder einen Wald betreten.
Einfache Phobien beeinträchtigen die Menschen jedoch lange nicht
so stark wie andere Angsterkrankungen. Wer eine Höhenphobie hat,
meidet eben den Stuttgarter Fernsehturm oder Wanderungen am
Großglockner, während dagegen ein Student mit einer Panikstörung,
derentwegen er Hörsäle meidet, nicht mehr weiterstudieren kann.
So kommen die meisten Menschen mit einer Einfachen Phobie ganz
gut zurecht, ohne sich in ihrer Bewegungsfreiheit oder in ihrer
Lebensqualität einschränken zu müssen. Obwohl sich diese Phobien
leicht behandeln lassen, meldet sich selten jemand mit einer
Einfachen Phobie beim Arzt oder Psychologen zur Therapie. Eine
Ausnahme ist die Blut- und Verletzungsphobie.

Die Blut- und Verletzungsphobie


Menschen mit einer solchen Phobie können nicht mit ansehen, wenn
andere Menschen eine Spritze bekommen. Harmlose Verletzungen

37
bei anderen Menschen bringen sie völlig aus der Fassung. Sie haben
auch allgemein Angst vor Krankenhäusern und Ärzten und
bekommen einen Kreislaufkollaps, wenn ihnen die Kranken-
schwester Blut abnimmt. Das ist ein bemerkenswerter Unterschied
zu allen anderen Angsterkrankungen. Bei diesen hat man vielleicht
das Gefühl, dass man in Ohnmacht fallen könnte — es kann aber
nicht wirklich passieren. Bei der Blut- und Verletzungsphobie kann
es dagegen tatsächlich zur Ohnmacht kommen.
Niemand sieht gerne Blut, Verletzungen oder Deformitäten bei
anderen Menschen. Die Blut- und Verletzungsphobie geht aber über
eine natürliche Abneigung gegen diese Dinge hinaus und kann
schwerwiegende Folgen haben, wenn dringend notwendige medizi-
nische Behandlungen umgangen werden. Manche Menschen verlie-
ren nach und nach alle Zähne, weil sie sich vor Zahnärzten fürchten.
Nierenkranke verweigern die lebensnotwendige Dialyse aus Angst
vor dem Nadeleinstich. So manches Medizinstudium ist nicht am
Numerus clausus, sondern an einer Blut- und Verletzungsphobie
gescheitert. In einem Fall hatte eine Blut- und Verletzungsphobie
katastrophale Auswirkungen:

Ein 56-jähriger Mann hatte eine Arztphobie — das heißt, er hatte vor allem
Angst, was mit Krankheiten, Ärzten, Krankenhäusern, Spritzen, Blut,
Verbänden zu tun hatte. Und das, obwohl er selbst Zahnarzt war. Dies ging
lange Zeit gut, bis der Mann ein Geschwür am Rücken entwickelte. Er
weigerte sich monatelang, zum Arzt zu gehen, obwohl das Geschwür
immer größer wurde und bedrohliche Ausmaße annahm — durch die
Entzündung wurde bereits der Knochen angefressen. Als schließlich seine
Frau gegen seinen Willen einen Arzt ins Haus holte und der das Geschwür
sah, kriegte der einen Schreck und teilte dem Zahnarzt mit, dass er sofort in
die Klinik müsse. Er werde wahrscheinlich um eine größere Operation
nicht herumkommen. Darüber regte sich der Zahnarzt derart auf, dass er
einen schweren Herzinfarkt und zusätzlich einen Schlaganfall bekam und
in eine Intensivstation eingewiesen wurde, wo ich ihn betreute. Die
Infarkte überlebte er nur knapp. Er musste lange in der Klinik bleiben, und
die notwendige Operation des Geschwürs brachte ihm noch viele
weitere Wochen im Krankenhaus ein. Nach einiger Zeit, in denen er
rund um die Uhr von Ärzten und Krankenpflegern umgeben war,
38
fragte ich ihn, ob er inzwischen seine Angst vor Ärzten verloren
hatte — die Antwort lautete: «Nein!»

Angst vor Ansteckung


Wer kennt sie nicht, die Bilder von Superstar Michael Jackson mit
einem umgebundenen Mundschutz? Eine panische Angst vor An-
steckung durch Bakterien oder Viren steckt hinter dieser unge-
wöhnlichen Maßnahme. Aber Jackson ist nicht der erste Prominente
mit solch einer unrealistischen Angst vor Keimen.
Howard Hughes war ein Multitalent und Multimillionär. Er war
ein erfolgreicher Geschäftsmann, Filmproduzent, Regisseur und
Flugzeughersteller. Als mutiger Pilot brach er mehrere Weltrekorde.
Er produzierte berühmte Filme wie Scarface und Hell's Angels und
entdeckte Jean Harlow und Jane Mansfield. Er hatte Affären mit den
schönsten Frauen der Welt — unter anderem mit Katharine Hep-
burn, Ginger Rogers und Bette Davis.
Seit seiner Kindheit hatte er Angst vor Bakterien und anderen
Keimen.10 Im Erwachsenenalter nahm seine Angst vor Ansteckung
bizarre Formen an. Wenn einer seiner unzähligen Angestellten ihm
einen Löffel reichen wollte, musste dieser zunächst den Griff des
Löffels in ein Kleenex-Tuch einwickeln und mit Zellophanpapier
versiegeln. Dann wurde ein zweites Papiertuch als Schutz um das
erste gewickelt.
Folgende Prozedur war zum Beispiel nötig, um das Kabel seines
Hörgeräts aus dem Badezimmer zu holen: «Benutzen Sie 6-8 Klee-
nex-Tücher, um die Badezimmertür aufzumachen, und nehmen Sie
ein unbenutztes Stück Seife. Waschen Sie Ihre Hände mit der Seife.
Benutzen Sie mindestens 15 Papiertücher, um die Tür des Faches mit
dem Hörgerät zu öffnen. Entnehmen Sie den versiegelten Umschlag
mit dem Hörgerät mit beiden Händen, benutzen Sie dabei
mindestens 15 Tücher.»
Die Angst vor Ansteckung durch Bakterien war so stark, dass
Hughes kaum die exklusiven Hotelzimmer, in denen er wohnte,

39
Multimillionär
Howard Hughes
litt an einer schweren
Zwangsstörung

verließ. Kaum jemand bekam den scheuen Millionär in seinen spä-


teren Jahren zu Gesicht. In seinem letzten Lebensjahrzehnt arbeitete
Hughes tagelang ohne Schlaf in Räumen, die mit schwarzen
Vorhängen verhüllt waren. Er war von Kodein und anderen Drogen
abhängig und aß kaum etwas, sodass er immer mehr abmagerte.
Seine Ess- und Toilettenrituale dauerten den ganzen Tag an. Später
war er nicht mehr in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Er schnitt
sich die Finger- und Zehennägel nicht mehr, sodass sie grotesk lang
wurden. Er starrte vor Dreck, seine Haare waren verfilzt und unge-
waschen. Als er 1976 starb, war er so dünn und verdreckt, dass er
wie ein Heimkehrer aus japanischer Kriegsgefangenschaft aussah.

40
Er musste anhand seiner Fingerabdrücke identifiziert werden.
Röntgenbilder zeigten, dass er Stücke von dünnen Injektionsnadeln,
die beim Spritzen abgebrochen waren, in seinen Armen hatte. Angst
vor Ansteckung ist ein häufiges Symptom einer rätselhaften
Krankheit — der Zwangskrankheit. Unter dieser Erkrankung litt
Howard Hughes. Menschen mit Zwangskrankheiten waschen sich
sechzigmal am Tag die Hände, ordnen zwei Stunden lang die Zahn-
bürsten im Badezimmer, kontrollieren fünfmal hintereinander, ob sie
alle Lichter ausgeschaltet haben. Menschen mit Zwangsgedanken
leiden unter tagelangen Grübeleien, zum Beispiel unter der
Vorstellung, dass sie jemanden ermorden könnten. Die Zwangs-
krankheit wird im weitesten Sinne auch zu den Angstkrankheiten
gerechnet. Wenn ein Zwangskranker seine Zwangshandlungen, wie
ordnen, waschen, kontrollieren oder zählen, nicht ausüben kann,
wird er von Angst- und Ekelgefühlen gequält. In diesem Buch wird
allerdings die Zwangskrankheit nicht weiter behandelt, denn es
würde ein weiteres komplettes Buch brauchen, um diese mysteriöse
Erkrankung hinreichend darzustellen.

Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben


Menschen mit Phobien neigen manchmal zu kontraphobischem
Verhalten. Damit ist gemeint, dass jemand, der unter Phobien leidet,
sich erst recht gefährlichen Situationen aussetzt. Ein Mann, der eine
extreme Angst vor Schlangen hat, reist um die ganze Welt, um
Menschen zu treffen, die sich mit Schlangen beschäftigen. Er redet
mit Schlangenbeschwörern in Indien, mit Ärzten, die in Bangkok
Königskobras das Gift abnehmen, um ein Schlangenserum herzu-
stellen, und mit Cowboys, die mit Klapperschlangen in der Wüste
schlafen. Besonders faszinieren ihn die Grüne Viper, eine Schlange,
die den Menschen mit einem einzigen Biss töten kann, die Königs-
kobra, die vor den Menschen nicht flieht, sondern sie angreift und
dabei schneller zuschlägt als ein Boxer, oder die Wasserschlange
Anakonda, die bis zu 25 Meter lang werden soll und ganze Wild-
schweine und angeblich auch kleine Babys verschlingen kann.
Dieses Verhalten ist wahrscheinlich so zu interpretieren, dass
41
sich manche Menschen ihre sinnlosen und übertriebenen Phobien
selbst nicht erklären können. Man darf Phobien und Ängstlichkeit
nicht verwechseln. Da diese Menschen zumindest ahnen, dass sie
nicht wirklich ängstlich sind, und sich ihr Verhalten rational nicht
erklären können, versuchen sie sich zu beweisen, dass sie doch keine
Angst haben, indem sie sich in reale Gefahren begeben.

FALSCHER ALARM — DIE PANIKSTÖRUNG

Die 31-jährige Fleischerei-Fachverkäuferin Karin S. berichtet:

Ich war gestern im neuen Einkaufszentrum Kaufpark unterwegs. Es war


Freitagnachmittag und ziemlich voll. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass
ich keine Luft mehr bekomme. Ich atmete schneller. Meine Kehle schnürte
sich zu. Mir wurde schwindelig, und ich glaubte, dass ich gleich in
Ohnmacht falle. Die Gedanken fuhren Karussell. Ich setzte mich auf einen
Stuhl, aber es wurde nicht besser. Ich hatte das Gefühl, dass die Luft im
Kaufpark schlecht war, und ich sah zu, dass ich möglichst schnell ins Freie
kam. Aber draußen wurde es auch nicht besser; mein Herz klopfte bis zum
Hals, ich hatte das Gefühl, dass es gleich aussetzt. Ich kam mir vor wie in
einem Traum. Mein Gesicht fühlte sich wie taub an.
Zufällig sah ich eine Frau, die ich nur flüchtig kannte. Ich sprach sie an und
erzählte, was mit mir los sei. Sie wollte mich nach Hause fahren, aber ich
meinte, es wäre besser, den Notarztwagen zu rufen. Ich wurde mit
Blaulicht in die Klinik gebracht. Kaum hatte ich mit dem Arzt gesprochen,
ging es mir schon besser. Ich wurde mehrere Stunden lang untersucht.
Dann teilte man mir mit, dass sie nichts gefunden hätten. Den Rest des
Tages war ich völlig fertig, wie gerädert.

Dies ist eine typische Beschreibung einer Panikattacke, wie sie bei
Patienten mit einer Panikstörung manchmal mehrmals täglich auf-
treten kann. Wir haben sie schon bei meiner Patientin Sibylle G.
kennen gelernt. Auf der ganzen Welt leiden wahrscheinlich fünfzig
bis hundert Millionen Menschen immer wieder unter Panikattacken.
Die meisten Menschen, die das Wort «Panik» hören, denken an
eine Massenpanik, die zum Beispiel ausbrechen kann, wenn in ei-

42
nem überfüllten Fußballstadion plötzlich sämtliche Zuschauer das
Stadion verlassen wollen und dabei alle, die zu Fall kommen, tot-
trampeln. Zunächst hat aber eine Panikattacke nichts mit einer
Massenpanik zu tun.
Woher kommt der Begriff «Panik»? Nach der griechischen My-
thologie schlich sich der Gott Pan — halb Mensch, halb Geißbock —
in der griechischen Provinz Arkadien während der Mittagshitze an
Gruppen ahnungsloser Reisender heran. Unerwartet tauchte er in
ihrer Mitte auf und verbreitete dabei einen solch fürchterlichen
Schrecken, dass die Reisenden kopflos und erfüllt von Angst und Pa-
nik auseinander liefen, worauf Pan so schnell wieder verschwand,
wie er gekommen war.11
Heute wird der Begriff für eine der häufigsten Angsterkrankungen
verwendet — die Panikstörung. Bei einer Panikattacke tritt ur-
plötzlich ein starkes Angstgefühl auf. Es wird von körperlichen
Symptomen begleitet. Dabei treten die meisten (aber nicht immer
alle) dieser Symptome gleichzeitig auf: Das Herz klopft bis zum
Hals, es kommt einem vor, als ob es nicht mehr regelmäßig schlägt,
sondern stolpert. Die Brust schnürt sich zusammen, man spürt ein
Enge- oder Druckgefühl oder sogar stechende Schmerzen in der
Brust. Diese Schmerzen können auch in den linken Arm ausstrahlen.
Der Hals ist wie zugeschnürt, oder man hat einen Kloß im Hals. Die
Luft bleibt weg. Man hat das Gefühl der Atemnot, die sich bis zu
einem Erstickungsgefühl steigern kann. Dies kann so schlimm sein,
dass man das Gefühl hat, immer schneller atmen zu müssen, um
noch Luft zu bekommen. Dies nennt man Hyperventilation (über-
starke Atmung). Wenn die Hyperventilation ausgeprägte Formen
annimmt, kommt es zu einer Tetanie: Dabei verschieben sich im
Körper chemische Substanzen, sodass man die Hände nicht mehr
bewegen kann und sie in der so genannten Pfötchenstellung verhar-
ren. Im Zusammenhang mit der Luftnot treten auch Taubheits- und
Kribbelgefühle auf — vor allem an den Händen und Füßen oder im
Gesicht. Manchmal wird ein halbseitiges Taubheitsgefühl angege-
ben, aus bisher ungeklärten Gründen meist linksseitig. Schwitzen,
vor allem kalter Schweiß, wird als unangenehm empfunden. Die

43
Hände zittern, oft auch der ganze Körper. Manchmal hat man nur
das Gefühl, dass man zittert, ohne dass dies allerdings von anderen
Personen wahrgenommen wird. Es handelt sich dabei um ein «in-
nerliches Beben». Heiß und kalt läuft es einem den Rücken hinunter.
Diese Hitzewallungen und Kälteschauer machen sich als gleich-
zeitiges Schwitzen und Frieren bemerkbar. Wegen der Schwindel-
oder Benommenheitsgefühle hat man den Eindruck, dass man gleich
in Ohnmacht fallen könnte. Die Knie sind «weich», oder man ist «wie
gelähmt». Man hat die Empfindung, dass die Dinge um einen herum
unwirklich sind. Man fühlt sich wie im falschen Film. Diese
Empfindung wird Derealisatim genannt. Oder man hat die
Wahrnehmung, «weit weg» oder «nicht richtig da» zu sein. Häufig
berichten mir die Patienten: «Ich stehe neben mir. Ich bin nicht ich
selbst. Ich beobachte, wie ich im Auto sitze und den zweiten Gang
schalte, aber das bin nicht ich.» Dieses Gefühl wiederum heißt De-
personalisation.
Manche Menschen befürchten während einer Panikattacke, wahn-
sinnig zu werden oder durchzudrehen. Sie haben Angst, dass sie die
Kontrolle verlieren und verrückte Dinge machen könnten — bei-
spielsweise laut schreiend davonzulaufen oder sich gar aus dem
Fenster zu stürzen. Es können auch Mundtrockenheit, Übelkeit, Ma-
genbeschwerden oder Harn- und Stuhldrang auftreten, aber diese
Symptome sind seltener als die übrigen.
Jemand, der eine Panikattacke bei einem anderen Menschen be-
obachtet, würde nur die auffallende Blässe, Schwitzen oder einen
ängstlichen Gesichtsausdruck bemerken. Innerhalb von höchstens
zehn Minuten kommen Panikpatienten von null auf hundert — so
lange dauert es von den ersten Symptomen bis zur voll ausgebilde-
ten Panikattacke. Eine Panikattacke kann nach fünf Minuten schon
vorbei sein, kann aber auch mehrere Stunden anhalten. Im Durch-
schnitt dauert es 30 bis 45 Minuten, bis der Spuk vorbei ist. Nach
dem Abklingen eines schweren Angstanfalls kann es zu einem Er-
schöpfungszustand mit Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Kopfdruck
und Depressionen kommen, der mehrere Stunden anhalten kann.
Man fühlt sich «wie gerädert».

44
Panikattacken treten in unterschiedlicher Häufigkeit auf — von
einmal pro Jahr bis zu mehrmals täglich. Sie können «aus heiterem
Himmel» oder aber in bestimmten gefürchteten Situationen auf-
treten, wie weiter unten im Kapitel «Agoraphobie» beschrieben wird.
Spontane Panikattacken treten oft in Ruhephasen auf, etwa beim
Zeitungslesen auf dem Sofa. Manche Patienten haben ihre
Panikattacken typischerweise kurz vor dem Einschlafen. Aber auch
direkt aus dem Schlaf heraus kann es zu Panikattacken kommen.
Unter Erwartungsangst (Angst vor der Angst) versteht man die
Angst, eine erneute Panikattacke zu bekommen. Manche Patienten
haben nur selten Panikattacken, leiden aber unter der ständigen
Angst, es könnte sie demnächst eine Panikattacke überfallen. Gerade
Patienten, die nicht unter Agoraphobie leiden, sondern unter
unerwarteten Panikattacken, werden durch diese ständige Angst vor
der Angst in ihrer Lebensqualität erheblich eingeschränkt.

Wenn Sie wissen möchten, ob Sie eine Panikstörung haben, sollten


Sie den Test «Leiden Sie unter einer Angsterkrankung?» ab S. 339
durchführen.

Kampf oder Flucht


Wer eine Panikattacke hat, fühlt sich dem Tode nahe. Das Herz
klopft bis zum Hals, stechende Schmerzen in der linken Brusthälfte,
die in den linken Arm ausstrahlen, man kriegt kaum Luft — sind das
nicht die typischen Anzeichen eines Herzinfarkts? Hat mein letztes
Stündlein geschlagen, obwohl ich doch zu jung zum Sterben bin?,
denken viele meiner Panikpatienten. Andere haben so starke
Schwindelgefühle, dass sie glauben, im nächsten Moment ohn-
mächtig hinstürzen zu müssen und sich dabei zu verletzen. Ist das
ein Gehirntumor oder ein Schlaganfall?, fragen sich andere. Und
deutet die Enge im Hals nicht auf einen Asthmaanfall hin? Bin ich
etwa am Ersticken?
Betrachtet man die Symptome im Einzelnen, so sind sie nicht
gefährlich. Ist Schwitzen gefährlich? Warum gehen dann Men-
schen in die Sauna? Ist ein schneller Puls gefährlich? Warum spie-
45
len dann Menschen Fußball? Ist kurzfristige Luftnot gefährlich?
Warum tauchen dann Kinder im Meer?
In Wirklichkeit sind die körperlichen Symptome, die bei einer
Angstattacke auftreten, Ausdruck durchaus normaler Funktionen,
die das Überleben in einer Kampf- oder Fluchtsituation ermöglichen
sollen. Ein Tier, das seinem natürlichen Feind begegnet, hat die
gleichen Symptome, aber auch ein Soldat in einer Kampfhandlung.
Alle diese Erscheinungen haben ihren Sinn: Das Herz schlägt
schneller, der Blutdruck steigt an, damit mehr Blut durch die Mus-
keln gepumpt werden kann, die Arm- und Beinmuskeln spannen
sich an und werden besser durchblutet. Letztlich soll man dadurch
besser auf den Kampf vorbereitet sein. Man ist «auf dem Sprung».
Diese Muskelanspannungen sind übrigens oft der Hintergrund für
Verspannungen und Rückenschmerzen bei Angstpatienten. Die Haut
erscheint blutleer und bleich, und man hat ein flaues Gefühl im
Magen, weil das Blut im Körper derart umverteilt wird, dass es für
die Flucht gebraucht wird. Man kann aber auch «starr vor Angst»
sein. Dies ist die menschliche Variante des tierischen Totstellreflexes.
Manche Tiere retten sich auf diese Weise vor dem Feind.
Die Luftwege erweitern sich, damit man besser atmen kann. Die
Atmung wird somit schneller. Die Taubheits- und Kribbelgefühle in
den Händen und Armen sind eine Folge der stärkeren Atmung, die
durch Verschiebungen im chemischen Gleichgewicht des Blutes
entstehen. Das Schwitzen ist ein Zeichen dafür, dass die Regulierung
der Körpertemperatur an das Geschehen angepasst wird. Der Körper
wird «vorgekühlt», damit er bei einer Flucht nicht «zu heiß läuft».
Die Pupillen erweitern sich, die Augen sind weit aufgerissen, damit
einem keine Gefahr entgeht.
Die «Haare stehen zu Berge», es zeigt sich eine Gänsehaut. Dies
liegt vielleicht daran, so vermuten Wissenschaftler, dass wir Men-
schen früher einmal einen Pelz hatten. Wenn die Haare aufgestellt
wurden, sahen wir für einen Gegner größer und furchteinflößender
aus. Leber und Bauchspeicheldrüse arbeiten zusammen, damit
Zucker frei wird. Auch diese Reaktion macht Sinn: Zucker hat die
gleiche Funktion wie Benzin im Auto, es werden auf diese Weise

46
Energievorräte bereitgestellt, da dieser Vorgang Brennstoff ver-
braucht. Nach einer Panikattacke hat der Körper dann meist unnötig
viel Energie konsumiert, was sich in einer Abgeschlagenheit bemerk-
bar machen kann. Im Darm wird Stuhldrang erzeugt, in der Blase
Harndrang.
Die beschriebenen körperlichen Symptome sind aber noch nicht
einmal charakteristisch für Panikattacken. Ähnliche Symptome
können ebenso in realen Angstsituationen entstehen, beispielsweise
wenn man von einem Räuber in einer dunklen Seitenstraße bedroht
wird, bei einem Pokerspiel, bei dem es um viel Geld geht, oder vor
einer Strafrechtsprüfung. Das Schlimme bei einer Panikstörung ist,
dass man sich so fühlt, als ob man jeden Tag vor einem Examen
steht.
Diese Symptome sind aber nicht typisch für Gefahrensituationen.
Wenn man 90 Minuten intensiv Fußball spielt, um die Wette läuft
oder eine Skipiste im Schuss hinunterfährt, treten auch Herzrasen,
Schwitzen, Zittern, Luftnot, Schwindel und andere vergleichbare
Symptome auf. In diesen Momenten empfindet man diese
Symptome sogar als angenehm, und wenn nicht als wohltuend, dann
wenigstens nicht als gefährlich. Auch Menschen mit einer Pa-
nikerkrankung, die während einer Panikattacke einen Puls von 110
Schlägen pro Minute als lebensgefährlich empfinden, würden nicht
im Traum daran denken, dass ihr Herz in Gefahr ist, wenn sie beim
Joggen einen Herzschlag von 130 haben. Es ist also nicht das Sym-
ptom an sich, das die Angst verursacht, sondern die falsche Deutung
des Symptoms als hoch gefährliches Krankheitszeichen. Manche
Leute bezahlen in der Sauna Geld dafür, dass sie beim Eukalyptus-
Latschenkiefer-Aufguss die gleichen Symptome bekommen wie
andere unfreiwillig bei einer Panikattacke. Was eine Panikattacke
von anderen schweißtreibenden Zuständen unterscheidet, ist also die
falsche Interpretation der Symptome. Selbst jemand, der in der U-
Bahn von einem Messerstecher bedroht wird, würde sich wenig
Gedanken über die Gefährlichkeit der eigenen Angstsymptome
machen, sondern vor allem vor dem Messerstich Angst haben. Ein
Panikpatient weiß dagegen nicht, warum diese Symptome in einer

47
absolut harmlosen Situation auftreten. Daher werden die körperli-
chen Ereignisse als Bedrohung, als lebensgefährlicher Zustand in-
terpretiert.
Was genau während einer Panikattacke im Körper passiert, hat
man herausgefunden, indem man Panikpatienten tragbare Geräte
mitgegeben hat, die ständig das EKG (Elektrokardiogramm) und die
Atmung maßen. Das Erstaunliche war: Obwohl die Patienten regel-
mäßig berichteten, ihr Herz würde so schnell schlagen, dass sie be-
fürchteten, es könne zerspringen, war der Herzschlag gar nicht oder
nur unwesentlich erhöht gewesen. Auch die Atmung war während
einer Panikattacke nur geringfügig schneller.12 Wie wir später sehen
werden, sind nicht Körperfunktionen bei einer Panikerkrankung
gestört, sondern die Wahrnehmung dieser Funktionen.
Bei der Hälfte der Panikpatienten kann es direkt aus dem Schlaf
heraus zu Panikattacken kommen. Manche Menschen haben des-
wegen sogar Angst vor dem Einschlafen. Eine Patientin berichtete
mir: «Ich hatte Angst, dass ich nicht mehr aufwachen würde. Woran
ich eigentlich sterben könnte, war mir nicht klar. Ich habe sogar
versucht, wach zu bleiben, indem ich den Fernseher laufen ließ.»

Kann man vor Angst sterben? Im Prinzip nicht. Zwar können Kanin-
chen tatsächlich vor Angst sterben, Menschen mit einem gesunden
Herzen jedoch nicht. Es gibt natürlich Ausnahmen: Wer ein schwer
geschädigtes Herz hat, kann natürlich durch jede Art von Aufregung
einen Herzinfarkt bekommen, ob durch eine lebensbedrohliche
Situation oder durch ein im Fernsehen beobachtetes Eigentor von
Oliver Kahn.
Panikpatienten sind aber meist in einem Alter, in dem man in der
Regel noch keine Herzerkrankungen hat. Und Menschen, die
Herzinfarkte bekommen, sind in der Regel aus dem Alter heraus, in
dem man Panikattacken bekommt. Dass jemand durch eine Panik-
attacke stirbt, ist also so gut wie ausgeschlossen. Die normalen Vor-
gänge, die während einer Kampf- oder Fluchtreaktion auftreten,
schaden dem Körper genauso wenig, wie es einem Porsche schadet,
ab und zu einmal mit 200 Stundenkilometern gefahren zu werden.

48
Das Paniksyndrom — eine Modekrankheit?
Ist das Paniksyndrom eine Modeerkrankung? Da der Begriff «Panik-
störung» erst in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts aufkam,
taten einige Mediziner diese Diagnose als amerikanische Modeer-
scheinung ab. Noch heute gibt es einige Fachleute, die diesen Begriff
nicht akzeptieren. Dabei gibt es zahlreiche Beschreibungen von
Panikattacken in älteren Büchern.
Der Wiener Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse,
beschäftigte sich ausführlich mit Angstneurosen und beschrieb auch
ein Krankheitsbild, das der heutigen Panikstörung ähnelt. 1895 ver-
öffentlichte er seine Schrift «Über die Berechtigung, von der Neur-
asthenie einen bestimmten Symptomenkomplex als ‹Angstneurose›

Sigmund Freud,
der Begründer der
Psychoanalyse

49
abzutrennen».13 Er schilderte zwei Arten von Angstneurosen, die den
heutigen Begriffen der Panikstörung und der Generalisierten Angst-
störung, die später beschrieben wird, sehr nahe kommen. Die fol-
gende Beschreibung entspricht der heutigen Definition einer Panik-
attacke:

Ein solcher Angstanfall besteht entweder einzig aus dem Angstgefühle


ohne jede assoziierte Vorstellung oder mit der nahe liegenden Deutung der
Lebensvernichtung, des «Schlagtreffens», des drohenden Wahnsinns, oder
aber dem Angstgefühle ist irgendwelche Parästhesie beigemengt (ähnlich
der hysterischen Aura), oder endlich mit der Angstempfindung ist eine
Störung irgendeiner oder mehrerer Körperfunktionen, der Atmung,
Herztätigkeit, der vasomotorischen Innervation, der Drüsentätigkeit
verbunden. Aus dieser Kombination hebt der Patient bald das eine, bald
das andere Moment besonders hervor, er klagt über «Herzkrampf»,
«Atemnot», «Schweißausbrüche», «Heißhunger» u. dgl., und in seiner
Darstellung tritt das Angstgefühl häufig ganz zurück oder wird recht
unkenntlich als ein «Schlechtwerden», «Unbehagen» usw. bezeichnet.

Freuds Verdienst war es, die ersten Theorien zur Entstehung und
Behandlung der Angstneurosen zu entwickeln, die allerdings später
neu durchdacht werden mussten.
Anfang der sechziger Jahre führte der amerikanische Psychiater
Donald Klein als Erster den Begriff der «Panikstörung» ein. Bis dahin
gab es für Menschen mit Angstzuständen eine verwirrende Vielfalt
von Diagnosen wie «Angstneurosen», «Angstattacken», «phobischer
Attackenschwindel», «Herzneurosen» oder «vegetative Labilität».
Diese uneinheitlichen Diagnosen haben einen guten Teil dazu bei-
getragen, dass man viele Jahre lang keinen Plan hatte, wie man eine
Panikstörung behandeln sollte. Erst Ende der siebziger Jahre räumte
man in den USA mit der Begriffsverwirrung in der Psychiatrie auf.
Es wurde eine einheitliche Nomenklatur aller psychischen
Erkrankungen festgelegt, das Diagnostische und Statistische Manual
Seelischer Erkrankungen (DSM). Dies sollte sich als Vorteil für die
Patienten erweisen. Jede psychiatrische Erkrankung wurde jetzt
anhand von «Checklisten» genau beschrieben, nach denen die Dia-

50
gnosen jetzt viel eindeutiger und genauer gestellt werden konnten
als früher. Jetzt wurde der Begriff der «Panikstörung» zum ersten
Mal offiziell eingeführt. Erst nachdem die Krankheit einen Namen
hatte, wurden die ersten kontrollierten Therapiestudien durchge-
führt, die später zu einer deutlichen Verbesserung der Behand-
lungsmöglichkeiten führten.

AGORAPHOBIE

Etwa zwei Drittel der Panikpatienten leiden zusätzlich unter einer


Agoraphobie. Menschen mit Agoraphobie haben beispielsweise in
Menschenmengen oder engen Räumen Angst. Das griechische Wort
Agorá heißt «Platz», sodass Agoraphobie oft mit «Platzangst»
übersetzt wird. Allerdings haben nur wenige Menschen Angst vor
großen leeren Plätzen. In Wirklichkeit geht es um enge, volle Plätze.
Die Agorä in Athen war ein Marktplatz, auf dem auch Versammlun-
gen abgehalten wurden. Agorázo heißt «einkaufen», sodass
Agoraphobie auch mit «Einkaufphobie» übersetzt werden könnte. So
haben die Menschen mit Agoraphobie auch vielfach Angst, in einen
Supermarkt oder in eine Fußgängerzone zu gehen.
Was aber befürchten die Betroffenen in diesen Situationen? Im
Vordergrund steht die Angst, eine Panikattacke zu bekommen.
Freud schrieb bereits 1885: «Im Falle der Agoraphobie ... finden wir
häufig die Erinnerung an eine Angstattacke; und was der Patient in
Wirklichkeit fürchtet, ist das Auftreten einer solchen Attacke unter
den speziellen Verhältnissen, in denen er glaubt, ihr nicht entkom-
men zu können.»14
Typischerweise fürchtet der Patient, dass er etwa in einer Men-
schenansammlung einen Panikanfall erleiden könnte, dass er dann
ärztliche Hilfe benötigen würde und der Abtransport durch die
Menschenmenge behindert werden könnte. Häufig berichteten mir
meine Patienten von solchen Phantasien:

Schon allein die Vorstellung: Ich sitze in einem Theater, eingezwängt zwi-
schen vielen Menschen — wenn ich dann eine Panikattacke bekommen

51
und ohnmächtig zusammenbrechen würde. Der Notarzt müsste kommen,
die Sanitäter müssten mich da herausholen, das würde ja peinliches
Aufsehen erregen, das ganze Theaterstück müsste unterbrochen werden.

Neben den Panikattacken fürchten die Menschen mit Agoraphobie


auch, ohnmächtig zu werden oder zusammenzubrechen, die Darm-
oder Blasenkontrolle zu verlieren, sich zu übergeben oder einen
Herzinfarkt zu bekommen.
In engen Räumen haben Agoraphobiker besonders große Angst.
Das betrifft oft Fahrstühle. In einem Lift befürchten Fahrstuhlphobi-
ker, dass dieser stecken bleiben und dass dann der Sauerstoff ausge-
hen könnte. Nur wenige machen sich Gedanken darüber, dass ein
Fahrstuhl niemals ein Vakuum ist, sondern durch Lüftungsschächte
eine ständige Verbindung zur Außenluft haben muss. Selbst wenn
der Ventilator aussetzen sollte, wäre ein Ersticken im Fahrstuhl un-
möglich. Die meisten Fahrstuhlphobiker haben Angst, ganz allein im
Fahrstuhl zu sein, da im Falle einer Panikattacke keiner Hilfe her-
beitelefonieren könnte. Manche haben aber wiederum in sehr vollen
Fahrstühlen Angst, da sie nach ihrer Logik befürchten, dass im Falle
des Steckenbleibens die Luft dann schneller ausgehen würde.
Oft werden die Regeln des Verstandes aufgegeben, wenn die
Patienten ihr Vermeidungsverhalten rechtfertigen. Das Verlassen
eines vollen Raumes wird damit begründet, dass in dem Raum die
Luft zu warm und zu stickig sei, auch wenn Temperatur und Sauer-
stoffgehalt von anderen für normal gehalten werden. Eine meiner
Patientinnen zog von Baden-Baden ins norddeutsche Flachland, weil
die Tallage der badischen Stadt ihrer Meinung nach das Atmen
erschwere. Man darf jetzt aber nicht annehmen, dass Agoraphobiker
allgemein unlogische Menschen sind. Die meisten Agoraphobiker
werden alle anderen Situationen des Lebens völlig vernunftgemäß
einschätzen können — nur bei ihrer eigenen Angst setzt die
Urteilskraft teilweise aus. Dies ist eine wichtige Eigenschaft von
Phobien — dass sie die Klarsicht für bestimmte Sachlagen trüben
können, während alle anderen Dinge des Lebens völlig sachlich be-
urteilt werden können. Davon aber später.
Auch öffentliche Verkehrsmittel werden von Agoraphobikern

52
vielfach gemieden. In einem Bus könnte es peinliches Aufsehen
erregen, wenn man den Busfahrer bitten müsste, an der nächsten
Ecke anzuhalten. Große Angst haben die Betroffenen auch vor
Schiffs- oder Flugreisen, da ja ärztliche Hilfe erst nach einigen Stun-
den verfügbar wäre. Beim Fliegen kommt noch die Angst vor dem
Abstürzen hinzu, sodass Flugreisen bei Panikpatienten häufig ganz
oben auf der Liste der zu vermeidenden Situationen stehen. Interes-
santerweise sagen aber die meisten Agoraphobiker, dass sie sich vor
einer Flugreise weniger Gedanken über das Abstürzen als über eine
mögliche Panikattacke machen.
Reisen, bei der der Patient sich weit entfernt von zu Hause befin-
den würde, werden also möglichst umgangen. Besonders Auslands-
reisen werden als problematisch angesehen, da man ja bei Sprach-
problemen nur schwer Hilfe bekommen könnte oder weil man an-
nimmt, dass das Gesundheitssystem in manchen Ländern nicht so
gut sei wie zu Hause. Waldspaziergänge werden nicht unternom-
men, da man ja im Falle einer Panikattacke hilflos im Gestrüpp lie-
gen bleiben könnte.
Zahlreiche Agoraphobiker haben Angst vor dem Autofahren. Da-
bei befürchten sie vor allem Situationen, in denen der Verkehrsfluss
zum Erliegen kommt, zum Beispiel vor einer roten Ampel, im Stau
oder auf Autobahnbaustellen. Andere vermeiden Autobahnfahrten,
bei denen sie sich zwischen den Lastwagen eingeengt fühlen, oder
sie haben Bedenken, dass durch die langen Abstände zwischen den
Ausfahrten ein «Entkommen» erschwert werden könnte. Natürlich
wird auch angenommen, dass es während der Autofahrt zu einer Pa-
nikattacke kommen könnte, bei der man die Kontrolle über das
Fahrzeug wahrscheinlich verlieren würde. Kein Patient hat mir al-
lerdings jemals über tatsächliche Autounfälle in Verbindung mit
Panikattacken berichtet. Da während der Panikattacke meist sogar
eine erhöhte Aufmerksamkeit besteht, sind Unfälle sogar eher un-
wahrscheinlich.
Die meisten Attacken überfallen die Patienten nach einer Studie des
niederländischen Psychiaters Edwin de Beurs zu Hause (45 Pro-
zent). Weitere häufige Situationen sind Kaufhäuser (13 Prozent), Au-

53
tofahren (elf Prozent), auf der Straße (neun Prozent) oder beim Be-
such von Freunden (acht Prozent).15
In den meisten Fällen treten zuerst die unerwarteten Panikattacken
auf. Erst später, nach durchschnittlich einem halben Jahr, entwickelt
sich die Agoraphobie.
Man sollte meinen, dass besonders diejenigen Menschen eine
Agoraphobie entwickeln, die einmal schlechte Erfahrungen in engen
Räumen gemacht hatten — wie etwa längere Zeit in einem Fahrstuhl
stecken geblieben, im Krieg verschüttet oder in einer Tropfsteinhöhle
eingeschlossen gewesen zu sein. Dies ist aber nicht der Fall, und
diese Tatsache spielt eine ziemlich wichtige Rolle, wenn es um die
Ursachen der Ängste geht. Aber davon später.
Auch die Agoraphobie ist nicht eine erfundene Krankheit der
heutigen Zeit. Sie ist ein altbekanntes Phänomen, das bereits früh in
wissenschaftlichen Abhandlungen beschrieben wurde. Der Wiener
Neurologe Moritz Benedikt berichtete bereits 1870 über den
«Platzschwindel».16 Der Berliner Psychiater Karl Otto Westphal ver-
öffentlichte 1872 die Beschreibung von vier Patienten mit einem
Krankheitsbild, das wir heute als «Panikstörung mit Agoraphobie»
diagnostizieren würden. Der Begriff der «Agoraphobie», wie er in
seiner heutigen Form verwendet wird, wurde übrigens von ihm ge-
prägt. Westphal berichtete über einen jungen Mann, der auf großen
Plätzen in Berlin Angst hatte, so auf dem Dönhoffplatz, beim Exer-
zierhaus oder bei der Artillerieschule Unter den Linden. Der Patient
versuchte, diese Plätze in Begleitung oder in nicht allzu weiter Ent-
fernung von einem Pferdewagen zu überqueren (heute versuchen
Menschen mit Agoraphobie oftmals, sich in der Nähe ihres Autos
aufzuhalten, wahrscheinlich, weil sie denken, dass sie damit im Falle
einer Panikattacke schneller einen Arzt erreichen könnten).
Westphals wohl intuitiv geäußerter therapeutischer Vorschlag, täg-
lich die gefürchteten Punkte aufzusuchen, blieb ohne Erfolg.17
Eine wunderbare Beschreibung eines Angstanfalls im Rahmen
einer Agoraphobie finden wir bei Theodor Fontane in einem Brief
von 1889 an Karl Zöllner:

54
Berlin, 19. August 1889

... Von Kissingen aus war ich drei Tage in Bayreuth, um «Parsifal» und «Tristan
und Isolde» zu hören. Sonnabend Nachmittag kam ich an und fiel aus einem Hotel
und Kaffeehaus in das andere, was sehr interessant war. So international, dass die
Promenade von Kissingen bloß wie Zoologischer Garten daneben wirkte.
Sonntag «Parsifal», Anfang vier Uhr. Zwischen drei und vier natürlich Wolken-
bruch; für zwei Mark, trotzdem ich ganz nahe wohnte, hinausgefahren. Mit
aufgekrempelten Hosen hinein. Alles nass, alles klamm, kalt. Geruch von auf-
gehängter Wäsche. Fünfzehnhundert Menschen drin, jeder Platz besetzt. Mir wird
so sonderbar. Alle Türen geschlossen. In diesem Augenblick wird es stockeduster.
Nur noch durch die Gardinen fällt ein schwacher Lichtschimmer, genau wie in
«Macbeth», wenn König Duncan ermordet wird. Und nun geht ein Tubablasen los,
als wären es die Posaunen des Letzten Gerichts. Mir wird immer sonderbarer, und
als die Ouvertüre zu Ende geht, fühle ich deutlich: «Noch drei Minuten, und du
fällst ohnmächtig oder tot vom Sitz.» Also wieder raus. Ich war der Letzte
gewesen, der sich an vierzig Personen vorbei bis auf seinen Platz, natürlich neben
der «Strippe», durchgedrängt hatte, und das war jetzt kaum zehn Minuten. Und
nun wieder ebenso zurück. Ich war halb ohnmächtig; aber ich tat so, als ob ich's
ganz wäre, denn die Sache genierte mich aufs äußerste. Gott sei Dank wurde mir
auf mein Pochen die Tür geöffnet, und als ich draußen war, erfüllte mich Preis und
Dank. Nur das Dankesgefühl des Türhüters konnte mit dem meinigen vielleicht
rivalisieren. Denn er kriegte nun mein Billett, das er sofort für fünfzehn Mark oder
auch noch teurer (denn es wurden unsinnige Preise bezahlt) an draußen Wartende
verkaufen konnte. Mein «Tristan-Billett» schickte ich am Morgen zurück und ver-
machte den Betrag einer «frommen Stiftung».
Ich hätte diese lächerliche Großmuts- oder Anstandkomödie nicht aufgeführt,
wenn ich nicht ein von mir bestelltes Billett gleich beim Einkauf am Tage zuvor
zurückgegeben hätte, worauf der Kassenbeamte sehr liebenswürdig einging. Diese
Szene nun zu wiederholen war mir doch gegen die Ehre. Ich hebe dieses eigens
hervor, damit ich nicht alberner erscheine als nötig. Die ganze Geschichte —
außerdem eine Strapaze — hatte gerade hundert Mark gekostet, und doch bedaure
ich nichts. Bayreuth inmitten seiner Wagnersaison und seines Wagnerkultus
gesehen zu haben ist mir soviel wert.18

Fast immer berichten Menschen, die unter Agoraphobie leiden,


dass sie in den betreffenden Situationen weniger Angst haben,
wenn sie in Begleitung sind. Sie hoffen, dass der Beistand im Notfall
Hilfe herbeiholen könnte, indem er zum Beispiel einen Krankenwa-
gen ruft. Es wird ja phantasiert, dass man sterben könnte, wenn man

55
im Falle einer Panikattacke nicht ärztlich versorgt wird. Dies führt
oft dazu, dass der Ehepartner den Angstpatienten zur Arbeit bringen
oder auf Behördengängen, bei Arztbesuchen oder in anderen
Situationen begleiten muss. Angst vor dem Alleinsein ist daher bei
Agoraphobikern weit verbreitet. Abwesenheiten des Ehemannes
oder der Ehefrau werden angstvoll durchlebt.
Allerdings scheint auch ein Begleiter kaum vor Panikattacken zu
schützen, denn mehr als die Hälfte der Panikattacken treten in An-
wesenheit eines Begleiters auf, wie eine Untersuchung mit Panik-
patienten ergab.19

IST WIRKLICH ALLES UNTERSUCHT?

«Ab 30 ist man nicht mehr gesund, sondern nicht gut durchunter-
sucht.» Dieser Spruch könnte von einem Panikpatienten stammen.
Menschen, die unter Panikattacken leiden, weiten ihre Symptome ja
oft als Ausdruck einer körperlichen Erkrankung, zum Beispiel als
Vorboten eines Herzinfarkts, eines Schlaganfalls oder eines Gehirn-
tumors.
So mancher Panikpatient hat schon eine Blaulichtfahrt ins Kran-
kenhaus hinter sich. Im Krankenhaus angekommen, wird ein solcher
Patient dann tatsächlich wie ein Herzinfarktpatient behandelt. Alle
entsprechenden Maßnahmen werden eingeleitet — mit einem
gewissen Recht, denn die Symptomschilderung des Patienten legt ja
tatsächlich den Verdacht auf einen Infarkt oder eine Lungenembolie
nahe. Die Hightechmedizin, die auf der Notfallstation angewandt
wird, bestärkt allerdings den Patienten wiederum in seiner
Annahme, dass er unter einer lebensbedrohlichen Krankheit leidet.
Aber auch Allgemeinärzte, Internisten, Neurologen, Hals-Nasen-
Ohren-Ärzte, Orthopäden oder andere Fachärzte werden immer
wieder frequentiert. Trotz der Versicherung, dass keine körperliche
Krankheit vorliegt, lassen sich manche Patienten immer wieder
komplett medizinisch untersuchen. Denn für sie besteht ein Wider-
spruch zwischen den beruhigenden Worten des Hausarztes, der die
Symptome zu bagatellisieren versucht, und den Todesängsten, die

56
sie während der Panikanfälle durchstehen müssen.
Schlägt der Hausarzt dann vor, doch einmal einen Psychiater
aufzusuchen, fühlt sich so mancher Patient, als habe ihm jemand
einen Kübel Jauche über den Kopf geschüttet. «Bisher war ich immer
der Meinung, dass ich keinen Sprung in der Schüssel habe. Anstatt
mich mal richtig zu untersuchen, will der mich gleich für geis-
teskrank erklären und zum Irrenarzt schicken» — diesen oder
ähnliche Sätze habe ich oft gehört. Es ist immer wieder erstaunlich,
wie viele Menschen noch Vorurteile gegen Psychiater oder Psycho-
logen hegen. Der Hauptgrund aber, warum die Betroffenen eine
psychiatrische Behandlung ablehnen, ist, dass die Panikkrankheit
selbst dafür sorgt, dass eine schwere körperliche Ursache der Be-
schwerden vermutet wird. Ein Chip im Gehirn scheint das Sym-
ptombild einer lebensgefährlichen internistischen Krankheit täu-
schend echt nachzuahmen. Selbst nach einer wochenlangen er-
folgreichen Behandlung durch einen Psychiater glauben manche
Panikpatienten noch immer, dass sie bei ihm «auf der falschen Bau-
stelle» sind.
Im Schnitt dauert es bei Menschen mit einer Panikstörung drei-
einhalb Jahre von den ersten Symptomen bis zur richtigen Diagnose.
Zum einen trägt die Erkrankung an sich schon ihren Teil dazu bei,
dass die Betroffenen lieber einen Internisten als einen See-
lenklempner aufsuchen — eben weil der Chip im Gehirn perfekt das
Bild einer lebensgefährlichen Krankheit nachzuahmen versucht.
Zum anderen ist bei den Allgemeinärzten die Erkennungsrate bei
der Panikstörung auch nicht besonders hoch. Die Wiener Psychiate-
rin Michaela Amering stellte fest: Nur bei etwa sechs Prozent der
Panikpatienten, die sich bei einem Arzt vorgestellt hatten, wurde die
Möglichkeit einer Panikattacke als Diagnose überhaupt erwähnt, 26
Prozent der Patienten erhielten die «kränkende und verwirrende
Auskunft», dass sie «nichts» hätten.20
In manchen Fällen wird aber gleich die Maximaldiagnostik be-
trieben, ohne dass die Möglichkeit einer Angsterkrankung über-
haupt nur in Erwägung gezogen wird. Durch Fehldiagnosen kommt
es zu unnötigen medizinischen Maßnahmen. In den USA werden im

57
Jahr 90 Millionen Dollar allein für überflüssige Herzkatheterun-
tersuchungen bei Panikpatienten ausgegeben.21 Bei dieser Technik
handelt es sich um eine nicht ganz risikolose Methode, bei der ein
Schlauch in die Beinschlagader bis zur Herzkammer vorgeschoben
wird und die bei einer guten körperlichen Untersuchung, zusätzli-
chen Labortests sowie EKG-Ableitungen vermeidbar wäre.
Mit zunehmender Zahl zu Rate gezogener Fachärzte steigt die
Chance, dass bei den Patienten dann eines Tages tatsächlich kleinere
Gesundheitsstörungen gefunden werden. Werden dann diese
Gesundheitsstörungen auch noch objektiv belegt, beispielsweise
durch einen minimal veränderten Laborwert, geraten manche Pati-
enten geradezu in eine völlig unbegründete Euphorie, da sie jetzt
hoffen, dass der Fehler endlich gefunden sei.
Meist unterstützen Menschen mit einer Panikstörung alle Maß-
nahmen, die zur Entdeckung einer körperlichen Ursache ihrer Sym-
ptomatik führen könnten. Manche drängen ihren Hausarzt zu über-
triebenen oder ungerechtfertigten diagnostischen Maßnahmen. Sie
hoffen insgeheim, dass endlich doch eine «handfeste» Ursache, wie
zum Beispiel ein zu hoher Schilddrüsenwert, gefunden wird. Dann,
so ihre Vorstellung, wäre die Erkrankung leichter zu behandeln.
Dann könnte man endlich ein «richtiges» Medikament geben. Die
Annahme allerdings, dass es ihnen folglich besser gehen würde, ist
meist ungerechtfertigt. Die körperlichen Krankheiten, die alternativ
in Frage kämen, wären allemal schlimmer und schwerer zu be-
handeln als eine Panikstörung.

WELCHE KRANKHEITEN KÖNNTE MAN MIT DER


PANIKSTÖRUNG VERWECHSELN?

Es kommt zwar viel häufiger vor, dass eine Panikstörung für ein
körperliches Krankheitsbild gehalten wird, als der umgekehrte Fall,
dass eine körperliche Erkrankung für eine Panikstörung gehalten
wird. Dennoch ist ein Arzt verpflichtet, zunächst abzuklären, ob
nicht tatsächlich eine körperliche Krankheit vorliegt. Es wäre zum

58
Beispiel fatal, wenn der Arzt eine so genannte koronare Herzkrank-
heit nicht erkennt und stattdessen eine Angsterkrankung vermutet.
Eine koronare Herzkrankheit entsteht durch eine Einengung der
Herzkranzgefäße und kann zu einem tödlichen Herzinfarkt führen.
Die Symptome sind ähnlich wie bei einer Panikattacke. Die Krank-
heit betrifft meist ältere Menschen, die die entsprechenden Risiko-
faktoren haben.
Auch eine Überfunktion der Schilddrüse und einige andere Er-
krankungen könnten mit einer Panikstörung verwechselt werden.
Mit einer körperlichen Untersuchung, einer Blutabnahme, einem
EKG und vielleicht noch ein paar anderen Untersuchungen kann
man allerdings ziemlich rasch ausschließen, dass körperliche Er-
krankungen vorliegen.
Panikattacken können aber auch bei anderen seelischen Störungen
auftreten. Andere Angsterkrankungen gehen auch mit Panikattacken
einher, so zum Beispiel die Soziale Phobie oder die Einfache Phobie.
Wenn jemand Angst in Menschenmengen hat, muss es sich nicht um
eine Agoraphobie im Rahmen einer Panikstörung handeln; es wäre
auch möglich, dass er unter einer Sozialen Phobie leidet (siehe S. 73).
Bei dieser Angsterkrankung wird aber nicht das Gedränge der
Menschen als bedrohlich empfunden, sondern das Gefühl, von
anderen kritisch beobachtet zu werden.
Auch eine Depression kann mit Panikattacken einhergehen. De-
pressionen können selbst Menschen heimsuchen, die keinen äußeren
Anlass für eine niedergeschlagene Stimmung haben — wie der Tod
eines nahen Angehörigen oder der Verlust des Arbeitsplatzes. Die
Depression beginnt oft schleichend. Eine niedergeschlagene
Stimmung, die jeder einmal kurz haben kann, bleibt bei Depressio-
nen tage- und wochenlang bestehen. Man hat keinen Antrieb, keine
Energie. Man möchte sich am liebsten kurz nach dem Aufstehen
wieder hinlegen. Dinge, die früher einmal Spaß gemacht haben, wie
Tennis spielen oder bestimmte Fernsehserien ansehen, werden
vernachlässigt. Menschen, mit denen man sich früher gerne unter-
halten hat, geht man aus dem Weg. Man kann seine Gedanken nicht
mehr zusammenhalten, vergisst Telefonnummern oder wichtige

59
Termine. Das Essen schmeckt nicht mehr, man nimmt mehrere Kilo
ab. Oder aber man nimmt zu, weil man aus Frust alles in sich
hineinstopft. Man schläft schlecht ein, wacht manchmal nachts auf
oder kann morgens ab vier Uhr schon nicht mehr schlafen, weil der
Zwang zum Grübeln einen daran hindert. Man sinniert darüber
nach, was man falsch gemacht haben könnte. Bei allen Dingen, die
schiefgelaufen sind, sucht man die Schuld bei sich und nicht bei an-
deren. Man hat das Gefühl, nichts mehr wert zu sein. Die Zukunft
wird als schwarz, hoffnungslos, pessimistisch angesehen. Wenn das
so weitergeht, sagen mir Patienten mit solchen Problemen, welchen
Sinn macht das Leben noch?
Solche Depressionen gehen oft mit starken Ängsten und Be-
fürchtungen einher. Man macht sich Sorgen um die Zukunft, oder
man weiß nicht, wovor man eigentlich Angst hat. Diese Ängste kön-
nen so stark werden, dass sie schließlich die Form von Panikattacken
annehmen.
Was das Ganze jetzt kompliziert macht, ist, dass die Grenzen
zwischen den Angsterkrankungen und den Depressionen oft nicht
einmal für einen Psychiater klar zu bestimmen sind. Manche Sym-
ptome, wie Appetitmangel, Konzentrations- oder Schlafstörungen
können bei beiden Erkrankungen auftreten. Es gibt sogar Menschen,
die sowohl eine Panikstörung als auch eine Depression haben. Es
kann aber auch passieren, dass jemand, der jahrelang unter
unbehandelten Panikattacken leidet, eine «sekundäre Depression»
als Folge der Angsterkrankung entwickelt. Die ständig wiederkeh-
renden, zermürbenden Anfälle demoralisieren die Betroffenen. In
der Folge können sogar Selbstmordgedanken aufkommen. Mit einer
erfolgreichen Behandlung der Angsterkrankung verschwindet aber
auch diese Depression.

GENERALISIERTE ANGSTSTÖRUNG — GEBOREN, UM SICH


SORGEN ZU MACHEN
Sabine S. ist 41 Jahre alt. Sie arbeitet halbtags als Pflegerin in einem Alten-
heim. Seit Jahren leidet sie unter körperlichen Symptomen: Übelkeit,

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Bauchschmerzen, Durchfall, Stuhl- und Harndrang, schmerzhafte
Blähungen. Oft beklagt sie auch Muskelverspannungen, Hitzewallungen,
Schwitzen, Herzrasen, unregelmäßigen Herzschlag und Enge in der Brust.
In wechselnder Kombination treten diese Symptome fast ganztägig auf.
«Morgens, wenn ich aufwache, geht es gleich los. Ich zittere und habe diese
Angst, und ich weiß nicht, wovor», teilt sie mir mit.
Ihrer Familie war in letzter Zeit ihre übergroße Schreckhaftigkeit und Be-
sorgtheit aufgefallen. Dazu Sabine S.: «Ich verstehe es nicht. Früher war ich
ganz anders. Als junges Mädchen habe ich Fußball gespielt und bin im
Schwimmbad vom Zehnmeterbrett gesprungen. Jetzt rege ich mich schon
auf, wenn mein Mann auch nur zehn Minuten später von der Arbeit
kommt. Ich habe schon ein paar Mal in seiner Firma angerufen, um zu
wissen, wann er losgefahren ist. Immer denke ich, dass ihm unterwegs
etwas passiert sein könnte. Der größte Horror für mich war, als meine
Tochter nach Mallorca fliegen wollte. Ich konnte einfach nicht glauben,
dass sie gesund zurückkommen würde.»

Diese übergroßen Sorgen der Patientin hatte der Hausarzt der Fami-
lie als die typische Fürsorglichkeit einer Mutter gewertet. Bevor sie
zu mir kam, waren wegen der körperlichen Symptome zahlreiche
Untersuchungen eingeleitet worden. Nachdem diese ohne Befund
blieben, erfolgten mehrfache Facharztkonsultationen. Röntgen-
untersuchungen des Bauches, Stuhlproben und «Schlauchschlucken»
erbrachten letztlich keine körperliche Ursache der Bauchbe-
schwerden.
Meine Patientin Frau S. leidet unter einer Generalisierten Angst-
störung. Die typischen Symptome dieser Angsterkrankung sind
Herzklopfen, schneller Puls, Schweißausbrüche, Zittern, Luftnot,
Beklemmungsgefühle, Brustschmerzen, Übelkeit, Kribbeln im Ma-
gen, Gefühllosigkeit in den Händen oder Kribbelgefühle im Gesicht.
Dazu jagen Hitzegefühle oder Kälteschauer durch den Körper. Man
wird von Mundtrockenheit, einem Kloßgefühl im Hals oder Schluck-
beschwerden gequält. Schwindelgefühle, Unsicherheit, Schwäche
und Benommenheit geben den Betroffenen das Gefühl, «wie im
Tran» herumzulaufen.
Der ständige Stress, unter dem Menschen mit einer Generalisierten
Angststörung stehen, kann weitere körperliche Folgen haben, wie

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etwa Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit oder chronische Schmerzen.
Die Muskeln, die sich als Folge der unangebrachten Kampfoder
Flucht-Reaktion ständig in Anspannung befinden, fangen an zu
schmerzen. Solche Menschen sind die besten Kunden der Masseure.
Das Kneten und die Fangopackungen helfen aber nur vor-
übergehend, da die Ursache ja im Kopf und nicht in den Muskeln
sitzt.
Ruhelosigkeit und die Unfähigkeit, sich zu entspannen, Aufge-
drehtsein, Nervosität und psychische Anspannung sind Zustände,
die bei Menschen mit einer Generalisierten Angststörung zum Alltag
gehören. Konzentrationsstörungen treten auf, denn man kann nicht
Steuererklärungen ausfüllen, einen Videorecorder programmieren
oder das Passwort der Mikrowelle memorieren, während das Gehirn
mit 95 Prozent seines Arbeitsspeichers über Leben und Sterben
nachgrübelt. Jemanden mit einer Generalisierten Angststörung zu
erschrecken ist ziemlich leicht. Eine solche Person ist «ständig auf
dem Sprung» oder «kurz vor dem Durchdrehen».
Typisch für diese häufige Angstkrankheit ist die «frei flottierende
Angst» — man hat Angst und weiß nicht, wovor. Die Angst tritt
nicht wie bei der Panikstörung in Form von plötzlichen Angstanfäl-
len auf, sondern mehr oder weniger als Dauerzustand (wobei die
Angst allerdings dann nicht so heftig ist wie bei einer Panikattacke,
dafür aber länger anhält).
Aber es ist auch typisch für eine Generalisierte Angststörung, dass
man sich ständig Sorgen macht. Man kann diese Form der
Angststörung auch als «Sorgenkrankheit» bezeichnen. Die Sorgen
machen sich die Betroffenen nicht nur um sich selbst, sondern vor
allem um Angehörige, um die Kinder, die Ehefrau, den Lebensge-
fährten. Würde es eine Arbeitsplatzbeschreibung für Menschen mit
einer Generalisierten Angststörung geben, würde sie lauten: «Muss
in der Lage sein, sich 24 Stunden am Tag Sorgen zu machen.»
Menschen mit einer Generalisierten Angststörung finden oft keinen
Schlaf, da sie ständig über ihre Probleme nachdenken müssen. Sie
sind auch diejenigen, die am ehesten beunruhigt sind, wenn im
täglichen Leben Bedrohungen zunehmen. Ein Patient mit einer

62
Generalisierten Angststörung würde sich niemals in ein Flugzeug in
die USA setzen, wenn eine Terrorwarnung ausgegeben wird. Viele
Geschäftsleute, die zwei- bis dreimal pro Woche fliegen müssen,
überlegen sich: «Jeden Tag landen Tausende von Flugzeugen allein
in Frankfurt, so weit ich denken kann, ist nicht eines davon beim
Landen abgestürzt. Die Terroristen können ein paar Flugzeuge
abschießen, aber es ist statistisch unwahrscheinlich, dass ausge-
rechnet ich darin sitze.» So denkt jemand mit einer Generalisierten
Angststörung nicht. Er interpretiert die Statistik immer zu seinen
Ungunsten. Er hat sofort die 144 Menschen vor Augen, die beim
letzten Flugzeugabsturz in der Ukraine starben. Keinesfalls kommt
er auf die Idee, die Millionen Menschen in Betracht zu ziehen, die an
jenem Tag sicher gelandet sind.
Wie auch bei der Panikstörung sorgen die vorwiegend körperli-
chen Symptome der Generalisierten Angststörung dafür, dass Arzt
und Patient oft lange im Dunkeln tappen, bevor die richtige Dia-
gnose gestellt wird. Im Durchschnitt dauert es hier sogar sieben
Jahre nach Beginn der ersten Symptome, bis die exakte Diagnose
gefunden ist.
Die Generalisierte Angststörung hat eine große Nähe zur De-
pression, sodass manchmal auch Fachleute Probleme haben, zwi-
schen einer Depression und einer Generalisierten Angststörung zu
unterscheiden.

Neidisch auf die Sorglosen


«Warum, zum Teufel, mache ich mir ständig Sorgen?», fragt sich je-
mand, der unter einer Generalisierten Angststörung leidet. «Wird
das Finanzamt die Steuererklärung anerkennen, taugt der Kerl, der
meine Tochter heiraten will, wirklich was; wird meine Rente reichen;
und was wird die Heizungsreparatur wieder kosten? Bin ich
eigentlich nett genug zu meinen Angestellten? Wird die Sekretärin
Helga wieder schwanger? Hätte ich Tante Hilda zum Geburtstag an-
rufen sollen? Wird meine Mutter langsam senil? Gibt der Fernseher
wohl bald seinen Geist auf? Warum war ich eigentlich noch nie bei
einer Krebsvorsorgeuntersuchung? Und warum liegt meine Frau ne-
63
ben mir und schläft den Schlaf der Gerechten, macht sich überhaupt
keine Sorgen und denkt lieber über den Sommerurlaub nach?»
Warum werden manche Menschen ständig von den Anfeindungen
des Lebens gequält, während andere mit Ruhe und Grazie durch die
Klippen des Lebens schiffen? Wie kann es sein, dass zwei Menschen,
die genau die gleichen Probleme haben müssten, so unterschiedlich
reagieren? Menschen mit der «Sorgenkrankheit» beneiden oft
andere, die sich keine Sorgen machen.

Sascha G. jobbt als Kellner in einem Bistro, und man sagt, dass er den
besten Cappuccino von Oldenburg macht. Ansonsten ist er auf der ganzen
Linie ein Versager. Vor einigen Jahren hatte er seine Lehre als
Diplomkaufmann abgebrochen. Seitdem arbeitete er nie länger als drei
Monate im selben Job. Er hat zwei uneheliche Kinder, aber keinen Kontakt
mehr zu den Müttern. Stets ist er gut gekleidet, obwohl er nie Geld besitzt.
Von seiner Mutter erbte er ein kleines Häuschen. Vom Verkaufserlös
finanzierte er sich einen Porsche, den er binnen kurzem vor einen Baum
setzte — ohne sich deswegen lange zu grämen. Liebend gern pumpt er sich
Zigaretten. Er hat keinen Führerschein mehr, trotzdem fährt er mit
geliehenen Autos, ohne erwischt zu werden. Er braucht 15 Minuten, um
sich eine Zigarette zu drehen. Alkohol trinkt er nur in Maßen, da er nie so
viel Stress hat, dass er dagegen antrinken muss. Obwohl er schon 43 Jahre
alt und gar kein Adonis ist, kommen 20- bis 30-jährige hübsche Frauen gern
in das Bistro, um ihm bei der Cappuccino-Zubereitung zuzusehen. Sie
lieben sein gewinnendes Lächeln und vor allem sein völlig sorgloses
Auftreten. Von Zeit zu Zeit lässt ihn eine von ihnen bei sich zu Hause
einziehen. Er hört sich immer geduldig ihre neurotischen Problem-
geschichten an. Die Frauen leihen ihm Geld, das er nie zurückzahlt.

Was ist das Geheimnis von Sascha G.? Er hat jede Menge Probleme
— aber keine Sorgen. Andere Menschen dagegen, bei denen alles
wunderbar läuft — die Kinder sind gesund, der Job einträglich, das
Haus abbezahlt —, werden ohne Ende von ihren Kümmernissen ge-
plagt. Offensichtlich ist es so, dass tatsächliche äußere Probleme
wenig mit den inneren Nöten zu tun haben. Man kann eine Genera-
lisierte Angststörung auch bekommen, wenn im Leben alles normal
läuft. Andererseits können Menschen auch unbekümmert durch das

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Leben tändeln, obwohl alles schief geht. Dies liegt daran, dass die
Ursachen der Angsterkrankungen eben nicht nur in einer widrigen
Umwelt, sondern auch in den Molekülen und Nervenzellen des
Gehirns zu suchen sind. Hierauf wird im vierten Kapitel näher ein-
gegangen.

MEHR ALS SCHÜCHTERNHEIT — DIE SOZIALE PHOBIE


Sonja E., eine 23-jährige Frau in der Ausbildung zur Polizeibeamtin, hat
große Angst vor dem Unterricht in der Polizeischule. Wenn sie an die Tafel
gehen muss, zittert ihre Hand, und sie schreibt unvollständige Sätze an die
Tafel. Wenn sie ein Referat halten soll, meldet sie sich an dem Tag krank.
Wenn sie einfach nur eine Frage des Lehrers beantworten muss, wird sie
rot und bringt keinen Ton heraus. Ihre schriftlichen Leistungen sind
dagegen sehr gut. Sie überlegt sich, dass sie vielleicht den Beruf aufgeben
sollte, denn von Polizisten erwartet man ja schließlich Autorität und ein
sicheres Auftreten. Im Privatleben klappt nichts. Sie hat noch nie einen
Mann kennen gelernt, obwohl sie recht hübsch und nicht auf den Mund
gefallen ist, wenn sie sich in ihrem persönlichen Umfeld sicher fühlt. Wenn
sie von einem Mann angesprochen wird, bricht nach ein paar Floskeln der
Gesprächsfaden ab, da sie immer befürchtet, etwas Dummes oder
Uninteressantes zu sagen. Entnervt brechen die jungen Männer ihre
Annäherungsversuche ab, da sie Sonjas Schweigen als Desinteresse werten.
«In der U-Bahn habe ich immer das Gefühl, dass mich die anderen
Menschen anstarren», beklagt sich Sonja. «Sehe ich wirklich so blöd aus? Ist
meine Frisur etwa so schrecklich? Meine Klamotten sehen wahrscheinlich
völlig altmodisch aus, denke ich. Und wenn ich mit Leuten spreche, die ich
nicht gut kenne, werde ich rot und fange an zu stammeln.»

Sonja leidet unter einer Sozialen Phobie. Charakteristisch für die


Soziale Phobie, die auch Soziale Angststörung genannt wird, ist die
Angst, von anderen Menschen negativ bewertet zu werden. Man
meint ständig, dass andere Menschen einen beobachten und einen
für ungeschickt, unbeholfen, unattraktiv oder unintelligent halten.
Man fürchtet deshalb auch Situationen, in denen man im Mittel-
punkt stehen muss: Bei der Ansprache zur Konfirmation der Tochter
bebt die Stimme. Vor einem ganz harmlosen Gespräch mit dem Chef

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muss man mehrfach auf die Toilette. Beim Erzählen eines Witzes vor
Freunden verhaspelt man sich und verpatzt die Pointe. Beim
Unterschreiben eines Formulars, zum Beispiel in einer Bank, zittern
die Hände. Wenn man vor anderen Leuten eine Rede halten soll,
steht man da wie «Häuptling Hochroter Kopf», ohne einen Ton her-
auszubringen. Man hat Angst, einen Raum zu betreten, in dem schon
andere sitzen. Gespräche mit Fremden werden gefürchtet. Direkter
Blickkontakt wird als belastend empfunden. In einem Geschäft ver-
steckt man sich hinter einem Ständer mit Mänteln, um nicht vom
Verkäufer angesprochen zu werden. Vor dem Telefonieren hat man
regelrecht Angst; man überlegt sich lange, ob man überhaupt ir-
gendwo anruft oder ob man nicht besser einen Brief schreibt.
Menschen mit einer Sozialen Phobie würden sich wünschen, dass
sie sich mündlich genauso gewählt und elegant ausdrücken könnten
wie in Briefen. Eine mündliche Prüfung fürchten sie erheblich mehr
als eine schriftliche.
Man sollte meinen, dass Leute, die unter einer Sozialen Phobie
leiden, so zurückhaltend sind, weil sie klein, dick oder hässlich sind.
Aber die meisten Menschen mit sozialen Ängsten sehen völlig
normal oder gar sehr gut aus. Trotzdem denken sie immer, dass sie
auf andere Leute unangenehm, lächerlich oder gar abstoßend wir-
ken. Die meisten können sich wortgewandt ausdrücken, denken
aber, dass alles, was sie sagen, von anderen als peinlich, unüberlegt
oder belanglos empfunden wird.
Auch Gespräche mit Bekannten sind oftmals nicht leicht für sie. Sie
vermeiden das gemeinsame Essen mit Arbeitskollegen in der
Kantine. Nichts wird so gefürchtet wie das Kaffeetrinken mit Ver-
wandten bei der Oma. Wenn man die Kaffeetasse halten will, klap-
pert sie so stark, dass es alle hören. Der Kaffee trägt sein Übriges
dazu bei, denn er steigert die Nervosität noch. Dabei sind es doch
nur Verwandte, vor denen man doch keine Angst haben müsste:
Vetter Karl, die Cousine Rita mit ihren Kindern, Onkel Herbert ...

Ich bin schon seit einem Jahr nicht mehr in einem Restaurant gewesen, be-
richtet Uwe J., 34 Jahre. Wenn ich dort essen müsste, würde ich die ganze
Zeit befürchten, dass ich nicht anständig esse, dass ich vielleicht Geräusche

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dabei mache, dass mir das Essen aus dem Gesicht fallt, dass ich den Wein
auf der weißen Tischdecke umkippe. Ich fühle mich nicht nur von den
Leuten beobachtet, die mit mir am Tisch sitzen, sondern auch von allen
anderen im Lokal. Mir zieht sich der Magen zusammen, und das Essen
schmeckt nicht mehr. Ich zittere so, dass ich das Weinglas nicht halten
kann. Ich muss ein paar Mal auf die Toilette. Das Ganze macht keinen Spaß
mehr und ist das Geld nicht wert.

Die Angst der Patienten äußert sich in körperlichen Symptomen wie


Herzrasen, Herzklopfen, Zittern, Schwitzen, Erröten, Harn- oder
Stuhldrang. Diese Symptome können sich bis zu einer vollständigen
Panikattacke steigern. Die Patienten befürchten, dass man ihnen die
Angstsymptome wie Erröten, Schwitzen oder Zittern ansehen
könnte.
Einer meiner Patienten war Bankdirektor. Wenn er zu einer Sitzung
ging, nahm er immer mehrere Aktenordner unter beide Arme, damit
er niemandem die Hand geben musste. «Wenn ich jemandem die
Hand geben würde, würde der Gesprächspartner ja merken, dass ich
schweißnasse Hände habe, das wäre nicht nur peinlich gewesen.
Stellen Sie sich vor, Sie verhandeln mit einem Banker um ein paar
hunderttausend Euro, und dieser Banker schwitzt — könnte da nicht
der Gedanke aufkommen, dass mit dem Geschäft irgendwas nicht
ganz in Ordnung ist?»
Eine besondere Form der Sozialen Phobie ist die Angst mancher
Männer, öffentliche Toiletten zu benutzen. Wenn eine Toilette gut
besucht ist — oder wenn sie unter Zeitdruck stehen —, können sie
trotz voller Blase nicht Wasser lassen. Eine unerklärliche Blockade,
die durch rationale Gedanken nicht zu brechen ist, verhindert das
Urinieren.

Krank oder einfach nur schüchtern?


Man könnte jetzt sagen, dass der Begriff «Soziale Phobie» nur ein
neuer Ausdruck für extreme Schüchternheit ist. Seit wann ist das
eine Krankheit?, wird oft gefragt. Wenn man Menschen interviewen

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würde, ob sie Angst hätten, in einem Raum vor 200 Zuhörern eine
Rede zu halten, würden wahrscheinlich 80 Prozent mit «Ja»
antworten. Auch würden die meisten Menschen sich nicht trauen,
vor einer Gesellschaft ein Lied zu singen oder öffentlich einen Witz
zu erzählen. Das allein reicht aber noch nicht aus, um eine Soziale
Phobie zu diagnostizieren.
Aber wo hört die bescheidene Zurückhaltung, Hemmung oder
Unsicherheit auf, wo fängt die Soziale Phobie an? Ich stelle meinen
Patienten häufig spezielle Fragen, um herauszufinden, ob sie nur
etwas zurückhaltend sind oder ob sie eine behandlungsbedürftige
Soziale Phobie haben:

■ Machen Sie sich manchmal schon tagelang vorher Gedanken


über einen Gang zu einer Behörde, wie zur Kfz-Zulassungsstelle?
■ Hatten Sie heute Angst, in die Sprechstunde zu kommen und
über Ihr Problem zu sprechen?
■ Hätten Sie Angst, dass Ihnen jemand Ihre Angst bei persönli-
chen Gesprächen anmerken könnte, weil Sie erröten oder an den
Händen schwitzen?
■ Hätten Sie Angst, vor anderen Menschen zu essen oder zu trin-
ken?
■ Könnte es passieren, dass Sie sich nicht trauen, Schuhe, die Sie
zu klein gekauft haben, umzutauschen?
■ Fangen Sie an zu zittern, wenn Sie ein Telefon auch nur anfas-
sen?

Wenn solche Fragen bejaht werden, so kann man davon ausgehen,


dass deutliche soziale Ängste bestehen. Wenn Sie sich nicht sicher
sind, ob Sie eine Soziale Phobie haben, dann sollten Sie den Test auf
Seite 353 durchführen.

Die virtuelle Welt


Unsere moderne Welt fördert sozialphobisches Verhalten. Früher
musste man, um in der Welt zurechtzukommen, viel mehr mit den
Mitmenschen reden als heute. Früher fragte man nach dem Weg —

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heute ist Deutschland komplett ausgeschildert, und es gibt Naviga-
tionssysteme. Früher musste man beim Einkaufen noch sagen «100
Gramm Gouda in Scheiben, einen Liter Vorzugsmilch ...» — heute
geht man wortlos zur Kasse; die Kassiererin scannt schweigend die
Waren ein; man liest die Endsumme vom Display ab und zahlt
stumm. Früher hatte man ein ausführliches Gespräch mit dem Au-
toverkäufer — heute konfiguriert man das Wunschauto zu Hause im
Internet. Früher telefonierte man — heute schreibt man E-Mails und
SMS.
Menschen mit einer Sozialen Phobie finden sich in der virtuellen
Welt gut zurecht. Sie sitzen stundenlang am PC, spielen Spiele mit
Menschen in einem fremden Land, von denen sie nur einen
Aliasnamen kennen, chatten mit Hunderten von anonymen PC-
Usern oder verabreden sich sogar zum Schein mit Internetbekannt-
schaften. Es gibt keinen Blickkontakt; keiner sieht das Erröten oder
den Schweiß auf der Stirn. Irgendwann besteht ihr Leben zu 80 Pro-
zent aus Träumen.

Bescheidenheit ist eine Zier ...


... doch weiter kommt man ohne ihr — so reimte Wilhelm Busch. Das
gilt vor allem für Menschen mit einer Sozialen Phobie. Menschen mit
einer derartigen Angststörung sind bei anderen Menschen oft
beliebt. Schüchternheit, dezente Zurückhaltung und Bescheidenheit
sind Tugenden, die in unserer Gesellschaft durchaus als liebenswert
angesehen werden. Und solche Menschen brauchen wir in unserer
Gesellschaft. Stellen Sie sich vor, alle Menschen wären penetrant
selbstbewusst, hemmungslos durchsetzungsfähig oder aufdringliche
Nervensägen. Wie wäre es, wenn jeder Zweite ein Alleinunterhalter
wäre?
Vor allem rücksichtslose Vorgesetzte schätzen Menschen mit einer
Sozialen Phobie als die willkommenen Mitarbeiter, die ihre Arbeit
immer bestens und ohne zu murren machen. Sie beschweren sich
nicht, wenn sie ausgenutzt werden, und verlangen mangels Traute
keine höhere Entlohnung.
In Ausbildung und Beruf kommen die Menschen mit einer So--
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zialen Angststörung jedoch oft nicht so weit, wie sie es verdient hät-
ten. Sie haben oft eine schlechtere Schul- und Berufsausbildung, als
es ihren Fähigkeiten entspricht. Sie zögern Prüfungen endlos hin-
aus. Bei einem Vorstellungsgespräch für einen neuen Job macht
man den denkbar unsichersten Eindruck. Sie vermeiden alle Tätig-
keiten, bei denen sie sich zwar bewähren könnten, die aber auch mit
dem Risiko verbunden sind, vermehrt in die Kritik zu geraten.
Im Berufsleben stehen sie sich manchmal selbst im Weg: Wenn eine
Beförderung anliegt, lehnen sie diese ab, weil sie die damit verbun-
denen vermehrten sozialen Kontakte oder öffentlichen Auftritte
scheuen. Wenn ein leitender Posten winkt, sind sie nicht gerade
diejenigen, die laut «Hier!» schreien. Sie sind dazu verdammt, sich
anderen Mitarbeitern unterzuordnen, die womöglich nicht bessere
berufliche Fertigkeiten, aber mehr Selbstbewusstsein und Durch-
setzungsvermögen haben.

Das große Buch der verpassten Gelegenheiten


Menschen mit einer Sozialen Phobie sind auch Meister in einer
Technik, die unter Skatbrüdern «Leichenreden» genannt wird. Zo-
cker lieben es nämlich nicht, wenn einer von ihnen anfängt, ein be-
reits beendetes Spiel zu analysieren: «Wenn ich die Kreuzdame ge-
zogen hätte, dann ...» Genauso pflegen Menschen mit sozialen
Ängsten sich auszudenken, was sie in einer Konfliktsituation ge-
macht hätten, wenn sie nur schnell genug reagiert hätten oder wenn
sie mutig gewesen wären. Ein Maurer, der von einem Kollegen am
Bau vor allen anderen mit üblen Schimpfworten belegt worden ist,
aber nicht kontern konnte, sondern schweigend weggegangen ist,
überlegt sich im Nachhinein, wie er hätte reagieren sollen: «Jetzt
weiß ich, was ich zu ihm hätte sagen sollen, zum Beispiel: ‹Wenn
mein Hund so ein Gesicht hätte wie du, würde ich seinen Hintern
rasieren und ihn rückwärts laufen lassen›, genau das hätte ich sagen
sollen.»
Menschen mit einer Sozialen Phobie haben im Umgang mit an-
deren Personen kaum schlechte Eigenschaften, da sie sich ja immer
bemühen, es allen recht zu machen, und so nach und nach alle
70
Mankos abbauen. Bis auf zwei Ausnahmen: Sie sind zwar von sich
nicht besonders überzeugt, reden jedoch trotzdem gerne über sich,
wenn sie mit vertrauten Personen sprechen, wobei sie auf ihre Er-
folge hinweisen und sich gerne selbst loben. Auf die Probleme ihres
Gesprächspartners können sie aber oft nicht genügend eingehen.
Eine weitere schlechte Eigenschaft ist, dass sie gerne über andere
Menschen abfällige Bemerkungen machen, wenn diese gerade nicht
anwesend sind.
Man sollte meinen, dass Diskotheken für Sozialphobiker
erfunden worden sind. Die Beleuchtung ist schummrig, weil
Sozialphobiker denken, dass sie sowieso nicht gut aussehen und dass
das im Halbdunkel praktischerweise nicht auffallen würde. Die
Musik ist laut, sodass man sich nur durch Zeichen verständigen
kann — vielleicht, weil die Sozialphobiker immer denken: «Wenn ich
anfange zu reden, bringe ich sowieso nur Mist heraus.» Wegen des
Krachs kommen sie nicht in Verlegenheit, ein Gespräch fuhren zu
müssen. Außerdem wird in einer Diskothek Alkohol ausgeschenkt,
der hilft, die sozialen Ängste abzubauen. Aber wie die folgende
Geschichte zeigt, nützt das alles nichts:

John saß schon lange an der Bar in der Diskothek Culture Club. Tanzen
war nicht sein Ding. Groß gewachsen, wie er war, hatte er eine sehr
schlaksige Figur und immer das Gefühl, er würde sich ungelenk bewegen
und beim Tanzen den denkbar schlechtesten Eindruck machen. Schon
länger sah er Julia beim Tanzen zu. Julia hatte lange schwarze Haare, ein
sehr hübsches Gesicht und dunkle Augen. Sie war groß und schlank. Er
kannte sie flüchtig vom Sehen, denn sie war mit ihm im selben Semester im
Biologiestudium. Wenn ich mich nicht täusche, dachte Julia, sieht der Typ
da drüben immer zu mir herüber. Oder bilde ich mir das ein? Warum
kommt er nicht auf die Tanzfläche? Ich versuche mal, mich neben ihn an
die Theke zu setzen. Vielleicht spricht er mich ja an. Er sieht ja irgendwie
traumhaft aus und hat ein knackiges Hinterteil.
John kippte noch einen Cola Whisky. Jetzt quatsche ich sie an, kam es ihm
in den Kopf. Oder lieber doch nicht. Warum schaffe ich das nicht? Seit
anderthalb Jahren habe ich keine Freundin mehr. Ich werde noch verrückt.
Aber wahrscheinlich werde ich mich wieder völlig blöd verhalten.
Fast eine halbe Stunde saß er so an der Theke, sah mal zur Tanzfläche, mal

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zu Julia rüber, in der Hoffnung, einen Blick mit ihr austauschen zu können.
Die starrte unverwandt auf die schönen bunten Flaschen im Regal hinter
dem Barkeeper, machte aber keine Anstalten, zu John hinüberzusehen. Ich
schaffe es doch nicht, sie anzusprechen. Das Beste ist, ich gehe jetzt nach
Hause, dachte John. Abrupt stand er auf und wandte sich zum Gehen.
Doch plötzlich — der Whisky hatte ihn mutig gemacht — drehte er sich um
und sprach Julia an. «Willst du mit mir tanzen?», fragte John. Er hätte sich
ohrfeigen können, wie unbeholfen und ungeschmeidig dieser Auftritt war.
Julia wurde rot. Damit hatte sie nicht gerechnet. «Nein, eigentlich im
Moment nicht», rutschte es ihr heraus. Bin ich denn blöd?, fragte sie sich im
selben Moment. Jetzt habe ich so viel investiert, um von diesem Typen
angesprochen zu werden, und jetzt wimmele ich ihn einfach ab.
Gerade in diesem Moment drängte sich ein breitschultriger Mann zwischen
die beiden, um sich ein Bier zu bestellen. Es entstand eine lange Pause, und
John überlegte sich, dass er am liebsten eine Fliege sein wollte. Er drehte
sich von Julia weg. Nachdem der Mann verschwunden war, spürte er
plötzlich eine Hand auf seiner Schulter. «Vielleicht will ich ja doch tanzen
...», stotterte Julia zaghaft.
Eine Stunde später tanzten sie immer noch. Eine Unterhaltung war bei der
lauten Musik nicht möglich, aber Julia lächelte ihn mit ihrem schönsten Lä-
cheln an, und John lächelte zurück. Gegen drei Uhr morgens waren sie
noch immer auf der Tanzfläche. Dann ging das Licht an, und der DJ
forderte sie zum Gehen auf.
«Was hältst du davon, wenn wir noch zu mir gehen und ein bisschen quat-
schen?», fragte John Julia. «Ich bin überhaupt noch nicht müde.» «Ja ... äh ...
warum nicht...», stammelte Julia.
«Wartest du hier auf mich? Ich muss nochmal dringend aufs Klo», sagte
John hastig und lief weg.
Julia stand da wie vom Donner gerührt. Während John verschwunden war,
fragte sie sich: «War ich das, die eben ja gesagt hat? Bin ich denn blöd? Be-
stimmt will er was von mir. Und dann? Wenn wir Sex haben, mache ich ga-
rantiert alles falsch. Ich verhalte mich bestimmt superblöd. Ich werde alles
verderben. Er wird mich für bescheuert halten. Ich bin so eine Versagerin ...
Ich...» Als John von der Toilette wieder zurückkam, war Julia
verschwunden. War sie auch noch auf die Toilette gegangen? Er wartete
bestimmt noch eine halbe Stunde, bis der mitleidige Barkeeper, der die
Stühle hochstellte, ihn ansprach: «Die Frau, die mit dir hier saß, ist schon
lange weg. Sie hatte es plötzlich ganz eilig.»
Dies ist eine typische Geschichte, die passiert, wenn zwei Sozialpho-
72
biker aufeinander treffen. Sozialphobiker lernen wegen ihrer Ängste
im Umgang mit dem anderen Geschlecht deutlich seltener einen
Partner kennen. Obwohl sie eigentlich zueinander passen, verpassen
sie sich. Jeder glaubt, nicht den ersten Schritt machen zu können.
Jeder denkt, dass er es nicht wert sei, den anderen zu bekommen.
Und so laufen viele Töpfchen und Deckelchen in der Welt herum,
aber sie finden nicht zueinander. Millionen von Sozialphobikern sind
einsam und warten, dass ein Wunder passiert. Dieses Wunder tritt
nicht ein, denn nur eins ist sicher, nämlich, dass sie selbst nicht dazu
beitragen, dass das Wunder geschieht. So sitzen sie einsam zu Hause
und füllen das große Buch der verpassten Gelegenheiten mit
unzähligen neuen Kapiteln.
Eine Folge dieser Angsterkrankung ist, dass auch andere Situa-
tionen vermieden werden, in denen man mit anderen Menschen
zusammentreffen könnte. Einschränkungen der Bewegungsfreiheit
und soziale Isolation sind das Ergebnis. Depressionen können als
Konsequenz dieses freudlosen Lebens auftreten. Personen mit So-
zialphobie begehen dreizehnmal häufiger Suizidversuche als der
Bevölkerungsdurchschnitt.

Sappho, die Liebe und die Soziale Phobie


Nicht nur aus diesem Grund wäre es zynisch, das Problem der Sozia-
len Phobie als «erfundene Krankheit» abzutun. Als ich mich Ende
der achtziger Jahre zum ersten Mal mit dieser Angststörung be-
fasste, hörte ich oft, dass es sich dabei um eine Modeerscheinung
handele oder um eine neue Diagnose, die ausgebrütet wurde, um
den Absatz neuer Medikamente gegen diese Krankheit zu fördern.
Aber so neu scheint die Erkrankung nicht zu sein.
Im Jahre 1621 beschrieb der englische Geistliche Robert Burton in
seinem Buch «Die Anatomie der Schwermut» eine Panikattacke bei
Menschen mit sozialen Ängsten: «Viele beklagenswerte Auswir-
kungen hat diese Furcht bei Menschen, wie Erröten, Blässe, Zittern
und Schwitzen, plötzliche Kälteschauer und Hitzewallungen am
73
ganzen Körper, Herzklopfen, Ohnmachtsgefühle usw. Sie befällt
viele Männer, die in der Öffentlichkeit sprechen oder auftreten
müssen.»22
Aber das war nicht die erste Beschreibung einer Sozialen Phobie.
Burton berichtete in seinem Buch auch über einen Patienten des
Arztes Hippokrates (460 bis ca. 370 v. Chr.): «Er wagte es nicht, sich
in Gesellschaft zu begeben, wegen der Furcht, dass er verlacht oder
beschämt werden könnte, dass er durch seine Gesten oder seine
Sprache auffallen oder dass ihm schlecht werden könnte. Er dachte,
dass ihn jeder beobachtete.»
Etwa um das Jahr 600 vor Christus verfasste die griechische
Dichterin Sappho das berühmte Gedicht «Symptome der Liebe»:23

Scheint er nicht den seligen Göttern ähnlich, Jener Mann, der dort
gegenüber, vor dir Sitzen darf und nahe den Klang der süßen Stimme
vernehmen,

Und des Lachens lieblichen Reiz! Das hat mir Starr gemacht das Herz
in der Brust vor Schrecken. Schon ein Blick auf dich, und es kommt
kein Laut mehr Mir aus der Kehle.

Ach, die Zunge ist mir gelähmt, ein zartes Feuer rieselt unter der Haut
mir plötzlich, Nichts vermag mein Auge zu sehn, ein Rauschen Braust
in den Ohren,

Und der Schweiß rinnt nieder an mir, das Zittern Packt mich ganz,
noch fahler als Gras des Feldes Bin ich; wenig fehlt, und in tiefer
Ohnmacht Schein ich gestorben ...

Da dieses Gedicht nicht vollständig erhalten ist (am Ende bricht es


mitten im Satz ab) und die Poetin auch keine Gebrauchsanweisung
mitgeliefert hat, haben viele Literaturwissenschaftler versucht, es

74
Die griechische
Dichterin Sappho
(610-580 v. Chr.)

auf ihre Weise zu interpretieren. Keinem ist jedoch aufgefallen, was


eigentlich offensichtlich ist: Die (lesbische) Dichterin Sappho be-
schreibt alle Symptome einer Panikattacke — in einer sozialphobi-
schen Situation. Eine junge Dame plaudert mit einem jungen Herrn,
der ihr offensichtlich gefällt. Auch der Herr bewundert ihren
liebreizenden Körper. Alles scheint nach Plan zu laufen. Doch plötz-
lich kommt es zu einer Panikattacke: Herzrasen («Starr gemacht das
Herz»), Mundtrockenheit («die Zunge ist mir gelähmt»), Hitzewal-
lungen («Feuer rieselt unter der Haut»), verschwommenes Sehen
(«Nichts vermag mein Auge zu sehn»), Ohrgeräusch («ein Rauschen
braust in den Ohren»), Schwitzen («Schweiß rinnt nieder an mir»),
Zittern, Blässe («fahler als Gras»), aber auch Ohnmachtsgefühle und
Todesangst («Schein ich gestorben»). Vielleicht hat das junge Mäd-
chen sich auf das Zusammensein mit dem Mann gefreut. Als es dann

75
zur Verabredung kommt, befällt sie plötzlich eine unerklärliche
Angst, die sich bis zu einer Panikattacke steigert.
Zwar kennt jeder, der einmal verliebt war, die Nervosität vor dem
ersten Kuss. Wird sie sich abwenden, wird sie mich ohrfeigen, oder
wird sie es angenehm finden? Hat sie vielleicht schon lange darauf
gewartet, dass ich es tue? Für die meisten Menschen gehört dieser
prickelnde Augenblick zu den schönsten Dingen, die man erleben
kann. Für die Menschen mit einer Sozialen Phobie enden solche
Situationen aber oft mit einer Niederlage, da sie im letzten Moment
selbst einen Rückzieher machen.

Nobody is perfect
Laura M., 21 Jahre, war eine Schönheit. Sie hatte langes goldblondes Haar,
grüne, mandelförmige Augen, eine olivfarbene Haut, ebenmäßige Gesichts-
züge und einen vollen Mund. Sie besaß eine Figur, die jedem männlichen
Wesen die Sprache verschlug. Sie hatte einen vollen Busen und perfekt
geformte Beine. Vor allem verfügte sie über einen Gesichtsausdruck, dem
kein Mann widerstehen konnte. Fotomodelle in Hochglanzjournalen sahen
im Vergleich zu Laura belanglos aus.
«Was kann ich für Sie tun?», begrüßte ich sie. Sie war eine der
attraktivsten Patientinnen, die jemals in meine Sprechstunde gekommen
waren. «Ich hasse meinen Körper», klagte Laura. «Nichts stimmt. Hier an
den Hüften habe ich zu viel, der Bauch steht vor. Am schlimmsten ist die
Nase. Ich würde gerne eine gerade Nase haben. Meine Lippen sind zu
schmal. Ich habe mir vorgenommen, mehrere Schönheitsoperationen
durchführen zu lassen. Zuerst die Nase. Ich habe schon mit einem
Spezialisten in München gesprochen. Dann will ich mir die Lippen
aufspritzen lassen, damit sie voller werden. Dann Fett aus dem Bauch
absaugen. Und die Hüften. Meine Brüste sind zu groß, finde ich. Ich will
sie verkleinern lassen. Aber mein Problem ist, dass ich das ganze Geld
nicht habe, um diese Operationen zu bezahlen.» «Sie sind also der
Meinung, dass Sie nicht gut genug aussehen ...», stammelte ich, wobei ich
meine Fassungslosigkeit kaum verbergen konnte. «Ich weiß, was Sie sagen
wollen», sagte Laura. «Sie meinen, ich sehe ganz passabel aus. Alle wollen
mir das einreden. Alle sagen, ich wäre schön genug. Aber mein Problem ist:
Ich denke das selber nicht. Alle meine Gedanken drehen sich nur darum,
dass ich unzufrieden mit meinem Körper bin. Ich will perfekt sein. Davon
bin ich weit entfernt. Ich bin unglücklich.»

76
Erstaunlich fand ich auch den Fall von Stefanie U.:

Stefanie U., 16, wurde von ihrer Mutter in meine Sprechstunde gebracht.
Als sie zur Tür hereinkam, konnte ich ihr Gesicht nicht sehen, da sie es
hinter einem Vorhang langer schwarzer Haare verbarg. Sie wandte mir
sofort den Rücken zu. Stefanie war völlig überzeugt, so hässlich zu sein,
dass alle Menschen entsetzt wären, wenn sie sie sehen würden. In den
letzten zwei Jahren hatte sie überhaupt nicht mehr das Haus verlassen und
war auch nicht mehr zur Schule gegangen. Ihren Eltern war es in dieser
Zeit nicht gelungen, sie zu einem Arzt oder Psychologen zu bringen. Die
Familie bekam wegen der Schulpflicht bereits Probleme mit den Behörden.
Stefanie verbrachte ihre Zeit hauptsächlich in ihrem Zimmer am Computer
und surfte im Internet herum. Nur kurz konnte ich im Spiegel einen Blick
von ihrem Gesicht erhaschen. Sie war bleich, aber ungewöhnlich hübsch.

Laura und Stefanie litten an einer rätselhaften Erkrankung, die einen


schwer auszusprechenden Namen hat: Dysmorphophobie. Men-
schen, die unter dieser Krankheit leiden, haben die unverrückbare
Vorstellung, dass irgendetwas an ihrem Körper nicht stimmt. Ein für
andere Menschen als vollkommen normal erscheinender Körperteil
wird als unschön, hässlich, Ekel erregend oder monströs empfunden.
Allen Versicherungen Außenstehender zum Trotz, dass die Nase
völlig in Ordnung erscheine oder sogar sehr hübsch sei, beharren sie
auf ihrem Standpunkt, dass sie abstoßend aussehen. Solche
Menschen wenden sich oft an Schönheitschirurgen. Wenn einer
dieser Operateure sich weigert, die Operation durchzuführen,
suchen sie so lange weiter, bis sie schließlich jemanden finden, der
sie unter das Messer nimmt. Manchmal ist das Ergebnis nicht zu-
frieden stellend, oder sie empfinden sich als noch hässlicher als vor-
her, sodass sie von einer Operation zur nächsten hetzen.
Über die Ursachen dieser rätselhaften Form der Angst ist so gut
wie nichts bekannt.

Angst am Arbeitsplatz
Von den realen Ängsten hat in Umfragen oft eine bestimmte immer
einen sicheren Platz in den vorderen Rängen: die Angst am Arbeits-
platz. Dabei spielt die Furcht vor dem Verlust des Jobs die größte
77
Rolle. Aber auch ein anderes Phänomen hat zugenommen: Die per-
sönlichen Ansprüche an Perfektionismus, das Streben nach Erfolg
und Aufstieg sind gestiegen. Während in den siebziger und achtziger
Jahren der sympathische Loser gefragt war, ist heute der Erfolgs-
mensch angesagt.
Die Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes hat nicht nur negative
Seiten. Aus der Sicht der Arbeitgeber ist sie regelrecht ein Geschenk.
Die Furcht vor Entlassungen schürt den Leistungsdruck. Wer Angst
vor einem Jobverlust hat, strengt sich an und macht auch mal
freiwillig und unbezahlt Überstunden.
Ängste am Arbeitsplatz kann man grob in drei Formen einteilen.
Die erste hat überhaupt nichts mit der Person oder den Fähigkeiten
des Betroffenen zu tun. Das ist der Fall, wenn zum Beispiel eine
Firma aus betrieblichen Gründen Mitarbeiter entlässt. Die zweite
Form hängt mit einer tatsächlichen Unfähigkeit oder dem mangeln-
den Fleiß des Arbeitnehmers zusammen. Die dritte Form, wahr-
scheinlich die häufigste, beruht auf einer übersteigerten Befürchtung,
nicht gut genug zu sein und deswegen entlassen zu werden.
Nur zu diesem letzteren Fall soll hier etwas gesagt werden —denn
für die anderen beiden Fälle wüsste ich keine Patentlösung. Die Zahl
der Entlassungen nimmt leider ständig zu, aber gegen diese realen
Probleme helfen nicht die Ratschläge eines Psychiaters. Verhält es
sich aber so, dass jemand übertriebene Angst vor dem Arbeitsplatz-
verlust hat, kann das im weitesten Sinne auf einer Sozialen Phobie
beruhen, wie das folgende Beispiel zeigt:

Heinrich K., 56, arbeitet seit 28 Jahren in einer Versicherungsgesellschaft.


Immer hat er seine Arbeit zur Zufriedenheit der Vorgesetzten erledigt.
Zwar ist er wegen seines Alters nicht mehr der dynamischste Mitarbeiter,
aber man schätzt andererseits seine große Erfahrung. Eine Entlassung wäre
schon wegen der langen Dienstzeit rein rechtlich problematisch, aber nie-
mand denkt im Entferntesten daran, ihn zu entlassen. Da es der Firma gut
geht, sind auch betriebsbedingte Kündigungen nicht wahrscheinlich. Den-
noch befürchtet er ständig, dass ihm ein Fehler unterlaufen, dass sein Chef
unzufrieden mit ihm sein oder dass er plötzlich einfach ohne Grund entlas-
sen werden könnte. Er wird nervös, wenn ihm jemand bei der Arbeit zu-

78
schaut. Er geht nicht mit seinen Kollegen in die Kantine zum Essen, da er
annimmt, dass man ihn dort öffentlich kritisieren könnte. Eine vorgeschla-
gene Beförderung hat er abgelehnt, da er die damit verbundene größere
Verantwortung scheut.

Die Ängste von Heinrich K. sind also nicht in einem tatsächlichen


Risiko, entlassen zu werden, begründet, sondern durch eine Soziale
Phobie erklärbar. Durch diese Angsterkrankung hat Heinrich K. eine
sehr eingeschränkte Möglichkeit, seine eigenen Fähigkeiten und
Vorteile in irgendeiner Weise realistisch einzuschätzen.
Auf S. 334 finden sich Ratschläge zum Umgang mit der Angst am
Arbeitsplatz.

Prüfungsangst
So manche Berufsausbildung und so manches Studium sind schon
daran gescheitert, dass der Kandidat sich im letzten Moment von der
Prüfung abgemeldet hat. In den ersten Jahren der Ausbildung hat
alles ganz gut funktioniert. Dann kommt aber der Moment, in dem
man sich einer Prüfung stellen muss. Prüfungsängste können sich in
schweren körperlichen Angstsymptomen bis hin zu Panikattacken
sowie in Konzentrationsstörungen, Unfähigkeit zu arbeiten und
Schlafstörungen äußern. Die Kandidaten fühlen sich wie bei einem
Gang auf das Schafott, obwohl es ja nicht um ihr Leben, sondern im
schlimmsten Fall meist nur darum geht, die Prüfung nach einem
halben Jahr zu wiederholen, wenn sie nicht bestanden wurde. Schon
während der Vorbereitung auf die Prüfung fühlen sie sich wie
gelähmt und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Da das
Gehirn hauptsächlich damit beschäftigt ist, darüber nachzudenken,
was passiert, wenn man durch die Prüfung fällt, bleiben nur noch
wenige Prozent der Denkfähigkeit übrig, um Gleichungen zu lösen
oder Vokabeln zu lernen.
In meiner Tätigkeit als Prüfer im medizinischen Staatsexamen
stellte ich fest, dass es merkwürdigerweise oft gerade die Einserkan-
didaten sind, die extreme Prüfungsangst haben. In solchen Fällen
gehört die Prüfungsangst auch zu den unrealistischen Ängsten. Sie

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ist dann eine Unterform der Sozialen Phobie. Es geht ja letztlich um
das Versagen, um die Blamage. Man fürchtet, vor den Freunden, vor
den Eltern, vor den Kollegen als unzureichend und minderwertig
dazustehen. Und Einserkandidaten sind oft Einserkandidaten, weil
sie sich aus Angst vor dem Durchfallen extrem gut vorbereiten.
Man kann aber nur von einer Sozialen Phobie sprechen, wenn die
Angst vor der Prüfung nicht berechtigt ist. Wenn jemand einfach zu
wenig gelernt hat oder tatsächlich den Anforderungen nicht genügt,
so ist die Angst nicht krankhaft, sondern angebracht. Und dagegen
ist kein Kraut gewachsen.

Womit kann man eine Soziale Phobie verwechseln?


Da Patienten mit Sozialphobie auch über Panikattacken berichten,
muss die Sozialphobie gegenüber der Panikstörung abgegrenzt wer-
den. Im Gegensatz zu Panikpatienten, die häufig eine körperliche
Erkrankung als Ursache ihrer Symptome vermuten, weiß der Patient
mit Sozialphobie meist genau, wovor er Angst hat. Patienten mit
Agoraphobie haben auch Angst in Menschenansammlungen, das gilt
aber nur für größere, anonyme Menschenmengen (beispielsweise in
Kaufhäusern oder öffentlichen Verkehrsmitteln). Patienten mit
Sozialphobie meiden dagegen solche Situationen nicht, haben aber
wiederum in kleineren, überschaubaren Menschenmengen Angst,
selbst bei Bekannten, Verwandten oder Arbeitskollegen.
Wenn jemand keine Freunde und Verwandten besucht oder anruft
und sich immer weiter sozial isoliert, so muss nicht unbedingt eine
Soziale Phobie vorliegen. Auch bei einer Depression kommt es vor,
dass jemand seine Außenkontakte immer weiter reduziert. Bei der
Sozialphobie wird die kritische Bewertung durch andere Menschen
befürchtet; bei der Depression ist aber der Verlust der Freude der
Grund für die Meidung von Begegnungen mit Bekannten.
Menschen mit einer Sozialen Angststörung berichten nicht selten,
dass sie sich beobachtet fühlen. Es gibt aber noch andere
Krankheiten, bei denen sich die Betroffenen überwacht und be-
schattet fühlen — bei so genannten Psychosen.

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Konrad M., 34, lebt bei seiner alten Mutter. Wenn er durch die Straßen
geht, hat er das Gefühl, dass ihm Menschen folgen. In der U-Bahn meint er,
dass drei junge Mädchen über ihn lachen. Er ist sich sicher, dass sein
Telefon abgehört wird. Er hat den Verdacht, dass sich seine Nachbarn und
ein Arbeitskollege zusammengetan haben, um ihm zu schaden. Konrad M.
vermutet, dass diese Menschen mit einem Geheimbund, den Freimaurern,
gemeinsame Sache machen. Er weiß, dass die Freimaurer seine Gedanken
lesen und ihm über den Fernseher Drohungen senden können. Er hört
Stimmen, die sich über ihn lustig machen und ihm Befehle geben.

Eine Form der Psychose ist die Schizophrenie, die bei Konrad M.
vorliegt. Bei den Psychosen kann die Angst, beobachtet, belauert,
bespitzelt, ausgehorcht oder abgehört zu werden, ganz im Vorder-
grund stehen. Während Menschen mit einer Sozialen Phobie sich
kritisch betrachtet oder negativ beurteilt fühlen, geht die psychoti-
sche Angst, von den Blicken anderer durchbohrt zu werden, darüber
hinaus. Bei einer Psychose denkt man auch, dass die anderen einen
nicht nur geringschätzig beurteilen, sondern auch etwas Böses im
Schilde führen, oder dass sich sogar mehrere Menschen zu einem
Netzwerk zusammengeschlossen haben, um dem Betroffenen zu
schaden oder ein Mordkomplott zu planen.
Außer den Ängsten, beobachtet zu werden, haben die Soziale
Phobie und die Schizophrenie aber sonst überhaupt nichts gemein-
sam. Die Ursachen sind andere, und auch die Behandlung ist ver-
schieden.

Vom Sozialphobiker zum Erfolgsmenschen


Sie würden sich wundern, wenn Sie wüssten, wie viele erfolgreiche
Showmaster, Alleinunterhalter, Popstars, Opernsänger, Kabarettis-
ten, Schauspieler oder Politiker vor ihrer Karriere Sozialphobiker
waren. Dies erscheint zunächst paradox. Wer Angst vor negativer
Bewertung durch andere Menschen hat, der, so sollte man meinen,
meidet Bühnenauftritte wie der Teufel das Weihwasser. Aber merk-
würdigerweise kann die Soziale Angststörung Menschen auch dazu
bringen, die Nähe des Publikums mit Absicht zu suchen. Denn diese

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Personen sind nicht etwa zurückhaltend, weil sie sich nicht für an-
dere Menschen interessieren. Es ist nur so, dass das, was sie darstel-
len, nicht im Einklang mit dem ist, was sie darstellen wollen.
Wer den Drang hat, sich auf einer Bühne zu produzieren, braucht
zunächst einmal einen gesunden Ehrgeiz. Den haben die meisten
Sozialphobiker. Dazu kommt bei Menschen mit sozialen Ängsten die
Furcht, sich vor anderen zu blamieren. Wer davor Angst hat, bereitet
sich gut vor. Zwar ist Talent eine Grundvoraussetzung für einen
gelungenen Bühnenauftritt, aber unermüdliches Arbeiten und Üben
sind ebenso wichtig. Ein Sozialphobiker, der einen Auftritt hat, wird
immer — getrieben von seiner Angst zu versagen — alles doppelt
und dreifach einstudieren. Er würde sich einige Tricks und Kniffe
ausdenken, wie er seine Darbietung möglichst unterhaltsam und
überragend gestaltet, um zu vermeiden, dass er ausgepfiffen wird
oder schlechte Kritiken bekommt.
Hat ein solcher Mensch mit sozialen Ängsten einmal einen er-
folgreichen Auftritt hingelegt, so hat er die besten Möglichkeiten,
sich selbst zu heilen. Der Applaus des Publikums ist der beste Be-
weis, dass man nicht der Versager ist, für den man sich gehalten hat.
Viele bekannte Stars haben in späteren Lebensjahren in Interviews
zugegeben, dass sie früher immer unter schrecklichem Lampenfieber
gelitten hatten.
Und dies ist eine gute Nachricht für Menschen, die unter sozialen
Ängsten leiden: Bei keiner Angsterkrankung zeigt sich so deutlich
wie bei der Sozialen Phobie, wie sich Angst in kreative Energie
umwandeln lässt. Hat man einmal verstanden, dass man sich nicht
vor anderen verstecken muss, sondern durchaus Fähigkeiten hat, mit
denen man andere Menschen beeindrucken kann, so vermag man
höchste Erfüllung in Tätigkeiten zu finden, die man bisher tunlichst
vermieden hat. Wenn man es einmal geschafft hat, die Angst zu
überwinden, kann sich die schüchterne Zurückhaltung ins Gegenteil
verkehren.
Sie müssen nicht ein bekannter Sänger, ein begnadeter Zauber-
künstler oder ein beliebter Politiker werden. Ein Mann, der große
Angst vor dem Sprechen in der Öffentlichkeit hatte, kann plötzlich

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eine witzige Rede auf der Weihnachtsfeier halten. Eine junge Frau,
die sich hässlich fand, spielt auf einer Laienbühne die jugendliche
Liebhaberin. Ein früher schüchterner Mann wird zum Kreisvorsit-
zenden seiner Partei gewählt. Eine ängstliche Frau, die sich bisher zu
ungeschickt fand, eine Kaffeetasse einzuschenken, erntet bei einer
Tanzvorführung großen Beifall.
Oder wenn es für die schönen Künste nicht reicht, können Sie
einfach nur ein charmanter, wortgewandter, sozial kompetenter und
allseits beliebter Mensch werden.

SIND ANGSTPATIENTEN ÄNGSTLICHE MENSCHEN?

März 1999. NATO-Bomben hageln auf Belgrad. Der Belgrader Angst-


experte Vladan Starcevic hatte seine Klinik in der Nähe einiger
kriegswichtiger Gebäude, als die Nato-Bomben auf Serbien fielen. Er
untersuchte seine Panikpatienten während und nach den Luftan-
griffen mit einem von mir entwickelten Fragebogen, der «Panik- und
Agoraphobieskala», und verglich die Ergebnisse mit den vor dem
Krieg erhobenen Werten. Zu seiner Überraschung waren sie nicht
angestiegen, sondern abgefallen, die Patienten hatten in der Zeit der
Luftangriffe weniger Angst. Die tatsächliche Gefahr führte nicht zu
einer Verstärkung der Angst, sondern schien eher von den irrealen
Ängsten abzulenken.24 Andere Wissenschaftler fanden in Israel
keinen Anstieg der Angst bei Panikpatienten nach irakischen Scud-
Raketen-Angriffen im ersten Golfkrieg.
Diese Beispiele zeigen, dass Menschen mit einer Panikstörung nicht
ängstlicher sind als andere Menschen und dass die Angst vor realen
Gefahren und die unbegründete Angst bei Angststörungen zwei
verschiedene Dinge sind. Bei den Angststörungen sind die Ängste
oft wie ausgestanzt auf eine ganz bestimmte Situation gerichtet, die
nicht unbedingt eine echte Gefahr darstellt, während andere,
tatsächlich gefahrvolle Situationen nicht mehr Ängste auslösen als
bei gesunden Menschen. Offensichtlich sind im Gehirn für die realen
und die unbegründeten Ängste verschiedene Gebiete zuständig.

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ANGST VOR KRANKHEITEN

Eleonore T., 43 Jahre, ist Sekretärin auf dem Finanzamt. Sie ist eine der häu-
figsten Patientinnen ihrer Hausärztin — und wahrscheinlich die am besten
untersuchte. Sie leidet unter ständigen Befürchtungen, an einer schlimmen
Krankheit sterben zu müssen.
Gelegentlich auftretende Kopfschmerzen und Schwindelgefühle deutet
sie als untrügliches Zeichen eines Gehirntumors, häufiges Wasserlassen als
Folge einer bisher unentdeckten Zuckerkrankheit. Beim Auftreten von
Durchfall vermutet sie Darmkrebs, bei Rückenschmerzen Knochenkrebs.
Eine kleine Hauterscheinung neben der Scheide wird als Anzeichen einer
Geschlechtskrankheit gewertet — obwohl sie seit Jahren kein Liebesleben
hat. Oder sie nimmt an, dass sie sich an einer unsauberen Toilette in einem
Vorortzug infiziert hat. Sie hat sich alle Amalgamfüllungen ihrer Zähne
ersetzen lassen, da sie Symptome wie Kopfschmerzen, Unruhe,
Schlaflosigkeit oder Müdigkeit auf diese Füllungen zurückführte.
Eleonore T. verschlingt alle Artikel in Zeitschriften, die sich mit tödlichen
Krankheiten beschäftigen. Wenn sie im Fernsehen Berichte über
Prominente sieht, die eine lebensbedrohliche Krankheit hatten, beobachtet
sie auch bei sich Anzeichen dieser Erkrankung. Alle Versuche ihrer
Hausärztin, sie mit Hilfe von Röntgenbildern und Laborbefunden davon
zu überzeugen, dass sie keine körperliche Krankheit hat, schlagen fehl.
Obwohl ich mir alle Mühe gab, ihr klar zu machen, dass sie eine
psychische Erkrankung habe, aber körperlich gesund sei, kam sie nicht
wieder in meine Sprechstunde.

Solche unbegründeten oder übertriebenen Ängste vor diversen


Krankheiten können im Rahmen mehrerer psychiatrischer Erkran-
kungen auftreten, so zum Beispiel bei Depressionen oder bei einer
Hypochondrie.
Ein Hypochonder ist jemand, der die unkorrigierbare Überzeugung
hat, an einer körperlichen Erkrankung zu leiden. Obwohl ihm die
Ärzte ständig Befunde vorlegen, die beweisen, dass er körperlich
gesund ist, ist er dennoch der Meinung, organisch krank zu sein. Er
bezweifelt die Kompetenz seiner Ärzte und wechselt sie daher wie
andere ihre Hemden. Ein Hypochonder darf nicht mit einem Simu-
lanten verwechselt werden. Ein Simulant ist jemand, der eine Krank-

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heit vortäuscht, wobei ihm sehr genau klar ist, dass er nicht wirklich
krank ist und dass er den Arzt — vielleicht wegen eines Renten-
begehrens oder aus welchen Gründen auch immer — hinters Licht
führen will. Der Hypochonder dagegen fühlt die Beschwerden oder
Schmerzen tatsächlich, und es bleibt ihm verborgen, dass die Ursa-
che seines Leidens eine seelische und keine körperliche ist.
Menschen mit einer Angststörung sind im Prinzip keine Hypo-
chonder, obwohl auch sie nicht selten mutmaßen, dass sie nicht
psychisch, sondern körperlich krank sind. Trotzdem lassen sie sich
— leichter als ein echter Hypochonder — davon überzeugen, dass
ihr Problem nicht ein körperliches im eigentlichen Sinne ist.
Ängste vor Umweltgiften sind in unserer Zeit sicherlich oft be-
gründet. Nicht selten gibt es aber Menschen, die unter Angstsym-
ptomen wie Herzrasen, Zittern und Schwindel, Konzentrationsstö-
rungen oder Luftnot leiden und die diese Symptome dann auf die
Lackierung der Küchenmöbel, den Teppichkleber, Elektrosmog,
Handys, ungünstig verlaufende Wasseradern oder Amalgamfüllun-
gen zurückführen. Alle Versuche, diese vermeintlichen Umweltgifte
zu vermeiden, bringen diese Symptome nicht zum Verschwinden.
Mit anderen Worten: Hinter übertriebenen Umweltängsten verbirgt
sich oft eine seelische Krankheit.

ANGST VOR DEM ALLEINSEIN

Menschen mit Angststörungen haben fast immer Angst vor dem


Alleinsein. Dabei spielt nicht nur eine Rolle, dass sie stets denken, sie
müssten ständig jemand bei sich haben, der sie vor dem nahen Tod
durch eine Angstattacke rettet, indem dieser Begleiter den Notarzt
anruft. Allgemein fürchten Menschen mit Angsterkrankungen, ohne
ihren Partner nicht zurechtzukommen.

Martina S. hatte schon seit vier Jahren keine Panikattacken mehr gehabt.
Als die 38-Jährige eines Tages den Computer ihres Mannes, der unterwegs
war, anschaltete, stieß sie mehr durch Zufall auf das E-Mail-Programm. Sie

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las eine Nachricht, die ihr Mann bekommen hatte. «Ich kann es nicht
erwarten, dich wiederzusehen, deine Sabrina», hieß es da. Offensichtlich
hatte Martinas Mann eine Geliebte. Unglücklicherweise war in der E-Mail
auch der Text zu sehen, den der Ehemann zuvor an seine Freundin
abgeschickt hatte. Aus den genüsslichen Beschreibungen, was er beim
nächsten Treffen mit ihr im Bett anstellen würde, wurde klar, dass es
zwischen den beiden schon öfter zu einem intimen Kontakt gekommen
war. Der Ehemann war so unbedacht gewesen, Sabrinas E-Mails nicht zu
löschen. Er hatte seiner Frau nicht zugetraut, dass sie es schaffen würde,
seinen Computer anzuschalten und das Mail-Programm aufzurufen.
Martina stellte ihren Mann zur Rede. Er gestand, bereits seit einem halben
Jahr mit Sabrina ein Verhältnis zu haben. Er versprach, dieses Verhältnis zu
beenden. Am nächsten Tag wurde Martina von einer heftigen Panikattacke
geschüttelt.

Psychiater sind eigentlich eher gewohnt, dass sich die meisten ihrer
Patienten über eine unglückliche Ehe oder Partnerschaft beschweren.
Dies gilt aber nicht unbedingt für Menschen mit Angststörungen.
Diese berichten erstaunlicherweise oft, dass ihre Beziehung in
Ordnung sei. Dies mag daran liegen, dass Menschen mit Ängsten so
sehr an einer Partnerschaft hängen, dass sie sich selbst dann nicht
vom Partner trennen, wenn er trinkt, das Geld verspielt und ständig
untreu ist. Ihre übergroße Angst, dann ganz allein zu sein, hält sie
davon ab, diesen Schritt zu tun.
Angst vor einer Trennung ist aber nicht nur bei Menschen mit
Angsterkrankungen ein Thema. Wer hat es noch nicht erlebt, dieses
schreckliche Gefühl, wenn der Partner nachts nicht nach Hause
kommt, wenn man einen Brief vorfindet, in dem steht, dass die
Freundin Schluss gemacht hat, oder wenn man schon seit Monaten
immer mehr Gewissheit bekommt, dass die Ehe vor dem Aus steht?
Die körperlichen Symptome, die dieses Gefühl auslöst, sind diesel-
ben, die auch schon im Zusammenhang mit den Angsterkrankungen
beschrieben worden sind: Der Magen dreht sich um, die Hände
zittern, das Herz rast, und man kann nachts nicht einschlafen. Das
Ausmaß dieser Angstgefühle unterscheidet sich kaum von der Ver-
zweiflung, die Menschen befallt, die sich in echter Lebensgefahr be-
finden. Die Angst vor dem Verlust des geliebten Partners gehört zu
86
den tiefsten Gefühlen, die Menschen empfinden können. Ist Ihnen
schon einmal aufgefallen, dass neun von zehn Liedtexten von uner-
füllter Liebe handeln? Die Angst vor einer Trennung ist in den
meisten Fällen eine ganz natürliche, da sie vielfach einen konkreten
Hintergrund wie Untreue, Streit oder das Nachlassen der Liebe hat.
Fast allen Psychiatern ist klar, dass sie bei Liebeskummer wenig
ausrichten können. Wenden sich Menschen mit solchen Problemen
an uns, bleibt uns nur übrig, auf das Verstreichen der Zeit zu warten
und diese schmerzvolle Periode mit stützenden Gesprächen zu
überbrücken. Die uns zur Verfügung stehenden therapeutischen
Maßnahmen sind aber fast nie ausreichend, die tiefen Gefühle zu
beeinflussen, die durch Liebesschmerz entstehen.
Liest man in Statistiken, wie oft Ehepaare sich trennen und wie
viele Menschen als Singles leben, so gewinnt man den Eindruck, dass
eine lebenslange Partnerschaft zweier Menschen eher die Ausnahme
als die Regel darstellt. Menschen finden sich, leben eine Zeit lang
zusammen, haben Affären, trennen sich, wohnen ein paar Jahre
allein und finden dann wieder einen neuen Partner. Das klingt
traurig, ist aber in gewisser Weise auch ein (zugegebenermaßen
schwacher) Trost. Denn es heißt ja auch: Wenn man einen Partner
verliert, hat man ihn nicht lebenslang verloren, denn man hätte ihn
ohnehin nur für einige Jahre gehabt.
In einigen Fällen kann diese Trennungsangst übertrieben und
wirklichkeitsfern sein, wenn zum Beispiel eine Frau ihren treuen
Ehemann derart mit übertriebener Eifersucht verfolgt, dass er sich
eingeengt und kontrolliert fühlt und sie nur wegen ihres ständigen
Misstrauens verlässt.
Die Angst vor dem Verlassenwerden kann so übersteigert sein,
dass manche Menschen lieber sterben wollen, als das Alleinsein zu
ertragen. Nach der Erfahrung von Psychiatern sind es oft junge
Menschen, die das ganze Leben noch vor sich haben, die einen sol-
chen Schritt tun.

Die 18-jährige Yvonne M. wurde morgens von ihrer Mutter tief schlafend
aufgefunden. Sie war nicht erweckbar. Auf dem Nachttisch fanden sich
mehrere leere Tablettenschachteln, die Yvonne offensichtlich wahllos aus

87
dem Arzneischrank ihrer Großmutter genommen hatte. Sie wurde in die
Klinik gebracht. Da sie eine große Dosis eines rezeptfrei erhältlichen
Schmerzmittels eingenommen hatte, machten sich die Ärzte große Sorgen,
dass ihre Leber versagen und sie sterben könnte, bevor man eine geeignete
Leber für die Transplantation gefunden hätte.
Als ich sie in der Intensivstation besuchte, gab sie als Grund für ihren
Suizidversuch an, dass sie von ihrem Freund drei Tage lang keine SMS auf
ihrem Handy bekommen hatte und deswegen dachte, dass er mit ihr
Schluss gemacht habe.
In den nächsten Tagen erholte sich jedoch, wie durch ein Wunder, die
Leber wieder, sodass sie gesund nach Hause gehen konnte — mit ihrem
Freund, der sie abholte.

Die übergroße Angst vor dem Verlust einer Beziehung bringt man-
che Menschen dazu, sich überhaupt nicht auf eine Bindung einzu-
lassen. Sie betreiben eine Art Enttäuschungsprophylaxe und sagen
sich: «Wenn ich keinen Geliebten habe, kann ich ihn auch nicht
verlieren.» Wenn sich doch einmal eine Gelegenheit bietet, einen
Menschen näher kennen zu lernen, erfinden sie alle möglichen Ent-
schuldigungen, warum es mit diesem oder jenem Partner nicht
klappen kann: «Er ist zu dick, er hat zu wenig Haare auf dem Kopf,
zu viele Haare auf der Brust, zu wenig Muskeln ...» Es gibt auch
diese Variante: «Er sieht viel zu gut aus, er ist ein richtiger Schönling,
er will mit mir wahrscheinlich nur eine kurze Affäre anfangen,
daraufbin ich nicht aus.» Viele Menschen sind nur wegen ihrer im-
mensen Trennungsangst einsam.

ANGST VOR SEX

Eine häufige Angst ist die Angst vor Sex. Während die meisten Men-
schen ständig über Sex nachdenken und dies — neben dem Küssen
— für die schönste Sache der Welt halten, so ist andererseits die
Angst vor Sex weiter verbreitet, als man annehmen sollte.

Daniela F., eine 25-jährige Medizinstudentin, berichtete mir, dass sie Angst
vor Sex habe. Sie hatte noch nie mit einem Mann geschlafen. Das fand ich

88
erstaunlich, denn sie sah überaus attraktiv aus. An Angeboten mangele es
nicht, erzählte sie. Auf einer Party hatte sie im Alter von 22 Jahren Felix, ei-
nen ungefähr gleichaltrigen Mann, kennen gelernt. Am Ende des Abends
kam es zum Austausch von Zärtlichkeiten; sie küssten sich. Der junge
Mann wollte mehr; sie konnte ihn aber leicht abwimmeln, indem sie darauf
verwies, dass ein anständiges Mädchen nicht sofort mit jedem ins Bett
gehe. Nachher machte sie sich Vorwürfe, dass sie die günstige Gelegenheit
verpasst hatte, ihre Jungfernschaft zu verlieren.
In den nächsten Tagen traf sie sich mehrfach mit Felix, mit dem sie wirklich
gut reden konnte. Immer wieder versuchte er, behutsam die Intensität des
Körperkontakts zu steigern, doch sie wies ihn regelmäßig ab, mit der
Begründung, dass sie ihn noch nicht so gut kenne. Allmählich kamen ihr
die eigenen Bedenken gegen einen näheren Kontakt selbst übertrieben vor.
Nach ein paar Wochen hatte sich eine gute Freundschaft entwickelt. Sie
und Felix unternahmen viel zusammen. Eines Tages, nach einer
Feuerzangenbowle, gelang es dem jungen Mann, sie aufsein Zimmer zu
locken. Zusammen lagen sie auf dem Bett, und sie spürte seinen steifen
Penis durch ihr Kleid. Er versuchte, ihren Busen zu berühren, was sie
zunächst auch zuließ. Plötzlich verkrampfte sich alles in ihr. Ihr Herz
schlug unangenehm, der Mund war trocken, und sie hatte nur einen
Wunsch, nämlich die Wohnung zu verlassen.
Trotzdem traf sie sich weiter mit Felix. Noch ein paar Mal kam es zu
ähnlich verqueren Intimitäten, wobei sie jedes Mal den Rückzug antrat.
Daniela überlegte sich, was sie eigentlich davon abhielt, mit Felix Sex zu
haben. Unattraktiv war er auf keinen Fall. Ihre Freundinnen beneideten sie
um ihn. Nach ein paar weiteren Wochen kam sie zu dem Schluss, dass sie
ihn einfach nicht sexuell anziehend, sondern sogar abstoßend fand, und
trennte sich von ihm.
Ein paar Tage später lernte sie auf einem Tennisturnier einen ziemlich gut
aussehenden Jurastudenten kennen. Der dunkelhaarige, etwas schüchterne
Thomas war begeistert von ihr. Nach mehreren Abenden mit Rotwein,
Kino und Sushibars, nach denen sich Daniela immer «gekonnt aus der
Affäre gezogen hatte», kam es auf einer Juristenparty zu einem schweren
Kampftrinken. Es gelang Thomas, die ziemlich angetrunkene Daniela auf
seine Bude zu locken. Als er plötzlich in seinen Boxershorts neben ihr auf
dem Bett lag, kam wieder ein Ekelgefühl in ihr hoch. Bis dahin hatte sie
sich sehr wohl gefühlt. Sie hatte irgendwie damit gerechnet, dass heute die
Nacht war, in der es passieren musste. Als er vorsichtig seine Hand in
ihren Ausschnitt schob und begann, sanft ihre Brüste zu streicheln, zog sich

89
wieder alles in ihr zusammen. Erst hatte sie es sich sehnlich gewünscht, mit
diesem gut gebauten Mann mit den breiten Schultern zu kuscheln, und
jetzt meldete sich eine innere Stimme in ihr, die sagte, dass es am besten
sei, sich jetzt wieder anzuziehen und wegzugehen. Sie fragte sich natürlich,
was mit ihr los sei. «Bin ich lesbisch?», überlegte sie. Eigentlich war sie sich
sicher, dass sie sich eindeutig zu Männern hingezogen fühlte. In ihren
Phantasien beschäftigte sie sich mit Typen, die ein knackiges Hinterteil und
muskulöse Arme hatten. Was war es dann? Sie fühlte sich von einem Mann
angezogen, sie suchte seine Nähe, um ihn schließlich, sowie es ernst wurde,
ganz weit weg ins Pfefferland zu wünschen. Da konnte doch mit ihr etwas
nicht stimmen!
Es war wohl so, dass sie übergroße Angst hatte, im Bett zu versagen.
Danielas Gedanken drehten sich nur darum, dass sie etwas falsch machen
könnte: «Wenn er seinen Penis reingesteckt hat, was mache ich dann? Ich
muss mich dann irgendwie bewegen. Frauen, die wie ein Brett daliegen,
mögen Männer nicht. Ich werde völlig versagen. Er wird denken, dass Sex
mit mir keinen Spaß macht, und er wird sich von mir trennen. Ich werde
wieder allein sein. Und wenn ich wieder einen anderen Mann kennen
lerne, wird genau wieder das Gleiche passieren. Ich werde nie einen Mann
kennen lernen und nie heiraten und nie Kinder kriegen.»

Man erkennt hier wieder die Merkmale der Sozialen Phobie: die
übergroße Angst, zu versagen, sich zu blamieren, als minderwertig
angesehen und dann verlassen zu werden und allein zu sein. Aber es
ist mehr: In Daniela kämpften zwei gegensätzliche Kräfte. Es war
nicht nur so, dass sie Sex eklig und abstoßend fand, sondern sie fand
ihn gleichzeitig auch begehrenswert.
Vielleicht kann hier eine tiefenpsychologische Erklärung wei-
terhelfen. Nach Sigmund Freud gibt es im Unbewussten eines jeden
Menschen zwei Instanzen, die «Es» und «Über-Ich» genannt werden.
Während das Es «immer nur an das Eine denkt», will das Über-Ich
den Intimverkehr um jeden Preis verhindern. Das Über-Ich be-
schwört die schlimmen Folgen des Geschlechtsakts herauf, wie eine
ungewollte Schwangerschaft, ansteckende Krankheiten oder einfach
nur die moralische Verwerflichkeit eines außerehelichen Verkehrs.
Es ist also möglich, dass zwei Seelen in einer Brust wohnen, die beide
Gegensätzliches wollen. So erklärt sich, dass Daniela einerseits die

90
Nähe von Männern suchte, andererseits sofort auf Distanz gehen
wollte. Bei ausgeglichenen Menschen stehen Es und Über-Ich im
Gleichgewicht. Ein ungesundes Überwiegen der einen oder anderen
Kraft führt dagegen zu neurotischen Symptomen.
Solche Erklärungen sind auf den ersten Blick sehr einleuchtend —
aber sie sind immer mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten, wie
wir weiter unten sehen werden.

ANGST VOR DEM FLIEGEN

Fliegen steht bei vielen Menschen ganz oben auf der Liste der ge-
fürchteten Situationen. Es gibt zwei Gründe, warum man Angst vor
dem Fliegen haben kann. Zum einen ist es die Angst vor dem Ab-
stürzen, zum anderen die Angst vor engen Räumen.
Statistiken sagen, dass man eher in der Bahn oder in einem Auto
verunglücken kann, als mit einem Flugzeug abzustürzen. Dennoch
gibt es sehr viele Menschen, die lieber zehn Stunden mit dem Auto
fahren, anstatt eine Stunde zu fliegen. Überlegen Sie einmal, wie
viele Hunderte von Flugzeugen täglich allein in Frankfurt landen
und starten, ohne dass ständig in der Zeitung steht, dass diese Ma-
schinen abstürzen. Eine Stewardess muss täglich fliegen — warum
also machen sich Leute Sorgen, die nur einmal im Jahr nach Mallorca
fliegen? Solche Wahrscheinlichkeitsrechnungen sind aber für viele
Menschen nicht beruhigend. Dass man vor Flugzeugen mehr Angst
hat als vor Busreisen, muss daran liegen, dass der Mensch kein Vogel
ist und nicht dafür gebaut ist, durch die Lüfte zu fliegen. Jeder
Mensch hat, wie wir gesehen haben, eine natürliche, angeborene
Höhenangst. Diese Furcht sorgt dafür, dass wir Flugzeuge mehr
fürchten als andere Verkehrsmittel.
Viele Menschen haben im Flugzeug aber auch agoraphobische
Ängste. Sie kennen die Situation: Sie sitzen eingeklemmt und
thrombosegefährdet in der Holzklasse. Wenn Sie jetzt eine Panikat-
tacke bekommen würden, würden Sie peinliches Aufsehen erregen.
Wenn Sie aufstehen wollen, um auf die Toilette zu gehen, müssen Sie
die zwei Passagiere neben sich bitten, ihre Tische hochzuklappen,

91
dabei ihre Esstabletts zu balancieren, ihre Kopfhörer abzubauen und
aufzustehen, damit Sie auf den Gang kommen können. Auf dem
Gang versperrt dann noch der Getränkewagen den Weg.
Und man kann ja den Piloten nicht bitten, an der nächsten Ecke an-
zuhalten. Würde man zudem medizinische Hilfe benötigen, dann
wäre ja vielleicht kein Arzt an Bord.
Die Angst vor dem Fliegen stellt für die Fluggesellschaften ein
großes wirtschaftliches Problem dar, da viel zu viele Menschen we-
gen ihrer Furcht auf das Fliegen verzichten. Raten Sie einmal, warum
immer reichlich Alkohol an Bord ist und die Menschen in der
Business Class noch vor dem Start ein Gläschen Veuve Cliquot ge-
nießen dürfen: Dadurch soll die Angst vor dem Fliegen eingedämmt
werden.
Aber nicht nur die Passagiere haben Angst. Auch unter Stewar-
dess und Piloten ist die Angst vor dem Fliegen weiter verbreitet, als
die Luftfahrtgesellschaften zugeben.

MASSENPANIK

Es passierte am 30. Oktober 1938, einen Tag vor Halloween. Millio-


nen Amerikaner schalteten das Radio an, um eine beliebte Sendung
zu hören. An diesem Tag wurde das Hörspiel «Krieg der Welten»
nach dem Sciencefiction-Roman von H. G. Wells live über den Sen-
der ausgestrahlt. Der geniale Schauspieler und Regisseur Orson
Welles hatte, um den dramatischen Effekt zu erhöhen, das Hörspiel
so inszeniert, dass es sich wie eine echte Nachrichtensendung über
eine Invasion vom Mars anhörte. Tanzmusik wurde mehrfach un-
terbrochen, um Nachrichten über ein «riesiges flammendes Objekt»
einzublenden, das bei einer Farm in Grovers Mill, New Jersey, nie-
dergegangen sei. Zwar gab es am Anfang der Sendung eine kurze
Erklärung, dass es sich um ein Hörspiel handele; wer aber später ein-
geschaltet hatte, bekam erst nach 40 Minuten den nächsten Hinweis,
dass es Fiktion und nicht Realität sei.
«Gott im Himmel, da windet sich etwas aus dem Schatten wie eine

92
graue Schlange», sagte der Sprecher mit einem dramatischen Ton in
der Stimme, «jetzt noch eine, und noch eine. Sie sehen aus wie
Tentakeln. Dort, jetzt kann ich den Körper des Wesens sehen. Es

Orson Welles, der Re-


gisseur des Hörspiels
"Krieg der Welten»,
das eine Massenpanik
in den USA auslöste

ist so groß wie ein Bär und glänzt wie weißes Leder. Aber das Ge-
sicht — es ist unbeschreiblich! Ich kann mich kaum zwingen hinzu-
sehen. Die Augen sind schwarz und glänzen wie bei einer Schlange.
Der Mund ist V-förmig, Speichel tropft von den schmalen, vibrieren-
den und pulsierenden Lippen. Das Wesen erhebt sich. Die Menge
weicht zurück. Es ist ein unglaubliches Erlebnis. Ich kann keine
Worte finden. Ich muss kurz meine Beschreibung unterbrechen, um
eine neue Position zu finden. Bleiben Sie dran, ich bin in einer
Minute zurück.»
An dieser Stelle gerieten Millionen von Zuhörern in Panik, weil sie
annahmen, dass es sich um eine tatsächliche Invasion vom Mars

93
handelte. Nachbarn steckten sich gegenseitig mit ihrer Kopflosigkeit
an. Sie setzten sich in ihre Autos, um weit wegzufahren, horteten Le-
bensmittel, versteckten sich in Kellern, luden ihre Gewehre und wi-
ckelten ihre Köpfe in nasse Tücher, um sich vor einem Giftgasangriff
der Marsmenschen zu schützen. Manche Menschen nahmen auch an,
dass es sich nicht um einen Angriff der Marsianer, sondern um einen
gut getarnten Überfall der Deutschen handeln würde.
Eine ähnliche Geschichte spielte sich im November 1998 in
McMinnville, Tennessee, ab. Eine Lehrerin der Warren County High
School stellte in ihrem Klassenzimmer einen «benzinähnlichen» Ge-
ruch fest. Kurz danach bekam sie Kopfschmerzen, Übelkeit, Luftnot
und Schwindel. Man vermutete einen Chemieunfall mit Austritt ei-
nes unsichtbaren Gases, eine Umweltkatastrophe. Die Lehrerin in-
formierte den Direktor, dieser löste die Feuersirene aus, und die
Schule wurde evakuiert. Insgesamt 80 Schüler und 19 Schulange-
stellte wurden in die Notfallstation des Krankenhauses gebracht.
Fünf Tage später, nachdem die Schule wieder eröffnet wurde, brach
sofort wieder Panik aus, und wieder mussten diesmal 71 Personen in
die Notfallaufnahme. Verschiedene Umweltbehörden und Spe-
zialisten suchten verzweifelt nach chemischen Giften. Was war die
Ursache dieser Massenerkrankung? Intensivste Untersuchungen
ergaben: nichts.
Niemals konnte ein vernünftiger Grund für die Symptome dieser
Menschen gefunden werden. Es gab keinen Gasaustritt. Der Che-
mieunfall hatte einfach nicht stattgefunden. Die Massenpanik war
von der Panikattacke einer Lehrerin ausgegangen. Alle Beteiligten
hatten sich wechselseitig in Angst versetzt.25
Diese Beispiele von Massenhysterien zeigen, dass Menschen sich
gegenseitig mit Angst und Panik anstecken können. Angst hat im-
mer ein reales Moment und einen psychologischen Aspekt. Dabei
sind Massenängste häufig nicht von der statistischen Wahrschein-
lichkeit einer Gefahr abhängig. Alle Menschen haben Angst vor
Krankheiten wie Aids, Ebola oder SARS. Diese unheimlichen Krank-
heiten erscheinen besonders bedrohlich für uns, weil wir noch keine
Behandlungsmöglichkeiten für sie gefunden haben. Warum aber

94
lösen Bluthochdruck und Zigarettenrauchen keine kollektiven
Ängste aus? Durch solche Zivilisationskrankheiten sterben heute die
meisten Menschen. Diese Volkskrankheiten erscheinen weniger
bedrohlich als die neuen heimtückischen Viruskrankheiten, denn sie
gelten als vermeidbar — was sie aber offensichtlich nicht sind.
Kollektive Angst ist dann besonders stark, wenn wir vermuten, dass
wir die Gefahr nicht unter Kontrolle haben.
Das japanische Wort shi bedeutet «vier», aber auch «Tod». Die Vier
gilt im asiatischen Kulturkreis als Unglückszahl. Während es in
kanadischen Hotels keinen 13. Stock gibt, haben japanische Kran-
kenhäuser keinen vierten Stock. Manche Japaner verreisen nicht am
Vierten eines Monats. In chinesischen Restaurants gibt es keinen
Tisch mit der Nummer vier. Der kalifornische Wissenschaftler David
Phillips untersuchte in seinem Artikel «The Hound of the
Baskervilles Effect» die Todesdaten von 200 000 in den USA leben-
den Chinesen und Japanern, um herauszufinden, ob der Vierte eines
Monats tatsächlich ein Unglückstag für Asiaten ist. Und wirklich:
Tod durch Herzversagen trat an solchen Tagen um 27 Prozent
häufiger auf.26
Man könnte natürlich eine parapsychologische Erklärung für dieses
Phänomen finden, aber eine psychologische ist plausibler: Der Aber-
glaube kann derart angstauslösend sein, dass die Menschen allein
deswegen einen Herzinfarkt bekommen.

DIE KLEINE SCHILDKRÖTE

Angststörungen sind nicht ein Phänomen unserer modernen Zeit,


das nur in westlichen Industrieländern auftritt, wie manche be-
haupten. In Taipeh, in Beirut, in Lagos, in Puerto Rico, in Paris, in
Säo Paulo, in München — überall haben Menschen Panikattacken,
die weltweit sehr ähnlich aussehen. Auch die Häufigkeitszahlen
weichen kaum voneinander ab. Das spricht dafür, dass kulturelle
Einflüsse bei der Entstehung von Panikattacken eine untergeordnete
Rolle spielen. Jedoch gibt es auch Ängste, die nur in bestimmten
Kulturen auftreten.
95
In Indonesien, Indien oder bei Chinesen kommt es bei Männern zu
einem Symptombild namens Koro (auch Suo-yang oder Kattaow,
kleine Schildkröte, genannt). Es handelt sich dabei um Angstatta-
cken, bei denen die Männer bangen, dass der Penis plötzlich immer
kleiner wird und im Bauchraum verschwindet. Dabei befürchten die
Männer, dass sie unweigerlich daran sterben müssen. Sie schreien
um Hilfe und halten ihr Geschlechtsteil fest, damit es nicht
«entwischen» kann. Dazu benutzen sie Bänder, Wäscheklammern,
kleine Gewichte oder sogar Essstäbchen. Die übrige Symptomatik
ähnelt einer Panikattacke. Bei den Frauen ist dieses Phänomen
seltener. Sie befürchten, dass ihre Brustwarzen, die Schamlippen
oder die Scheide einschrumpfen könnten.27 Manchmal tritt Koro in
Epidemien auf, so zum Beispiel 1967 in Singapur, als Hunderte von
Männern davon befallen wurden. Vor allem in Gegenden, in denen
der Aberglauben noch großen Einfluss hat, waren Koro-Epidemien
zu beobachten. Auf der chinesischen Insel Hainan glauben die
Menschen, dass die Geister der Toten Penisse stehlen, um wieder
zum Leben erweckt zu werden. Auf diese Weise versuchen sie — in
der Anschauung dieser Menschen —, das Gleichgewicht des Yin und
Yang wiederherzustellen. So werden dann als Gegenmittel Yang-
Nahrungsmittel empfohlen, wie Ingwersaft, Roter-Pfeffer-Marme-
lade oder Schnaps.28
Chinesische Männer können von Shen-k'uei befallen werden. Sie
bekommen auch panikähnliche Symptome, weil sie befürchten, dass
sie zu viel Samen verloren haben, was zum Verlust der Lebenskraft
und somit zum Tod führen könnte.
Bei den Eskimos ist die Kajak-Angst weit verbreitet. Sie befällt
Robbenjäger, wenn sie allein mit ihrem Boot auf dem Meer fahren.
Besonders an Tagen mit ruhiger See und sonnigem Wetter kommt es
bei den Eskimos zu der Angst, nicht mehr zurückfahren zu können,
sich zu verirren oder zu ertrinken. Die dabei auftretenden Symptome
ähneln wiederum einer Panikattacke.29
In der Dominikanischen Republik und in Puerto Rico gibt es die
Panik-Variante Ataque de nervios (Nervenattacke). Personen, die von
solchen Zuständen befallen werden, haben Symptome einer Panik-

96
Ein von Koro befallener Patient hat
Angst, dass sein Geschlechtsteil im
Körper verschwindet

attacke, wie Zittern, Herzklopfen, Hitzewallungen im Kopf und


Taubheitsgefühle der Hände. Zusätzlich beginnen die Personen zu
schreien, fluchen und andere zu schlagen. Dann fallen sie auf den
Boden, zeigen krampfartige Zuckungen oder liegen wie tot da. Sol-
che Attacken ereignen sich oft bei Beerdigungen, nach Unfällen oder
Familienkonflikten.
Taijin lyofu-sho ist eine japanische Variante der Sozialen Angststö-
rung.30 Sie befällt oft intelligente, junge und kreative Männer mit ei-
nem Hang zum Perfektionismus. Dabei befurchten diese Menschen
in extremem Maß, andere Personen, zum Beispiel Freunde oder
Bekannte, zu stören, zu belästigen oder in Unannehmlichkeiten zu

97
bringen — durch unangemessene Kleidung, schlechten Körper-
geruch, durch eine unachtsame Berührung oder einfach dadurch,
dass sie erröten.

WER SORGEN HAT, HAT AUCH LIKÖR

Dieser Sinnspruch von Wilhelm Busch trifft leider auch für Men-
schen mit Angsterkrankungen zu. Alkohol wird seit Jahrtausenden
benutzt, um Stress und Angst zu bekämpfen. Hippokrates stellte be-
reits fest: «Wein gemischt mit einer gleichen Menge Wasser vertreibt
Angst und Schrecken.» Alkohol ist ein potentes Mittel gegen Ängste.
Es liegt daher nahe, dass Menschen mit Angsterkrankungen
versuchen, ihre Ängste mit Alkohol zu «behandeln». Nicht selten
entwickelt sich daraus eine Alkoholabhängigkeit. Fast die Hälfte al-
ler Alkoholiker hat eine Angsterkrankung.31 Dies könnte zwei
Gründe haben: Zum einen könnte die hohe Alkoholismusrate bei
Angstpatienten ein Ausdruck eines untauglichen Versuchs sein, die
Angststörung zu bekämpfen. Alkohol hat eine starke angstlösende
Wirkung oder, wie die alten Psychiater sagten: «Das Über-Ich ist in
Alkohol löslich.» Es könnte aber auch so sein, dass beide Krankhei-
ten — nämlich die Alkoholkrankheit und die Angsterkrankung —
die gleiche Ursache haben: etwa Erbfaktoren oder belastende Ereig-
nisse in der Kindheit.
Man kann Folgendes sagen: Wer eine Angsterkrankung hat, der hat
ein Problem. Wer noch dazu eine Alkoholabhängigkeit bekommt,
der hat ein echtes Problem. Eine Alkoholsucht ist erheblich schwerer
zu behandeln als eine Angsterkrankung. Aus der Sicht eines
Psychiaters gilt die Alkoholabhängigkeit als eine der schlimmsten
Krankheiten, die das Fach zu bieten hat. Wenn wir als junge As-
sistenzärzte im psychiatrischen Notfalldienst der Klinik arbeiteten,
waren fast 50 Prozent unserer Patienten Alkoholiker. Was uns am
meisten erschütterte, waren die vielen Rückfälle, die trotz all unserer
Bemühungen auftraten.
Viele unserer nächtlichen Notfallpatienten erstaunten uns immer

98
wieder. Nachdem sie nachts von der Polizei gebracht worden waren,
weil sie in einer Kneipe randaliert hatten, beleidigten sie alle, die
ihnen helfen wollten, und wurden oft handgreiflich. Umso
überraschter waren wir am nächsten Tag, wenn sie in unserer Klinik
ihren Rausch ausgeschlafen hatten. Dann waren sie oft zerknirscht,
lammfromm, freundlich und konnten durchaus feinsinnige,
empfindsame, liebenswürdige und sympathische Züge zeigen.
Ich lernte, dass sich unter den Patienten mit Alkoholproblemen
häufig Menschen befinden, die unter einer Sozialen Phobie leiden.
Bei Alkoholabhängigen besteht neunmal häufiger eine Sozialphobie,
als es dem Vorkommen in der Gesamtbevölkerung entspricht.
Umgekehrt sind Alkoholprobleme bei einer Sozialphobie gegenüber
dem Durchschnitt doppelt so häufig.32
Wenn Menschen mit einer Sozialen Angststörung mit ihren
Freunden zusammensitzen, sind sie zunächst zurückhaltend und
lassen die anderen reden. Die überzogene Angst weicht dann aber
schon nach dem zweiten Doppelkorn einem gesunden Selbstbe-
wusstsein. Schnell sind die übertriebenen Hemmungen verschwun-
den, und man sagt auch mal laut seine Meinung. Manche Menschen
können sich dann sogar von ihrer dunklen, auch aggressiven Seite
zeigen.
Ich habe schon darauf hingewiesen, dass von vielen Menschen die
Soziale Phobie nicht als Krankheit angesehen wird, sondern nur als
eine ausgeprägte Form der Schüchternheit. Wenn jemand diese
Angsterkrankung dadurch bagatellisieren will, dass er sie für eine
Normvariante menschlichen Verhaltens erklärt, dann hat er auch
nicht bedacht, dass hinter dem riesigen Problem des Alkoholmiss-
brauchs oft eine Soziale Phobie steht.
Diese unglückliche Verkettung von Angst und Sucht muss bei der
Behandlung berücksichtigt werden. Wenn man nur die Alkohol-
krankheit behandelt, ohne gleichzeitig die Angsterkrankung zu
therapieren, ist das Risiko eines Rückfalls hoch.

99
DIE HÄUFIGKEIT VON ANGSTERKRANKUNGEN

Menschen, die eine Angsterkrankung haben, berichten mir immer


wieder, dass Folgendes passiert, wenn sie gegenüber guten Freunden
und Bekannten zum ersten Mal von ihren Ängsten berichten —der
Zuhörer verfällt nicht in Mitleid, sondern entgegnet: «Ach, das
wollte ich dir schon lange mal erzählen, ich habe genau das Glei-
che ...» Möglicherweise liegt das daran, dass Angsterkrankungen
extrem häufig sind.
Man schätzt, dass 25 Prozent aller Menschen einmal in ihrem Leben
von einer Angsterkrankung betroffen sind. Über den Zeitraum eines
Jahres betrachtet, sind es immerhin noch 19 Prozent. Wenn man jetzt
diejenigen Menschen zählt, bei denen nicht nur harmlose, sondern
krankhafte, behandlungspflichtige Ängste bestehen, bleiben zwölf
Prozent Menschen übrig, die im Laufe des letzten Jahres einmal
unter einer handfesten Angststörung gelitten haben.33 Damit nehmen
Angsterkrankungen vor allen anderen psychischen Erkrankungen
eine Spitzenstellung ein. Angststörungen sind häufiger als
Depression, Alkoholabhängigkeit und Schizophrenie.
Die häufigste Angststörung ist die Soziale Phobie, gefolgt von der
Einfachen Phobie. An nächster Stelle rangieren die Panikstörung mit
Agoraphobie sowie die Generalisierte Angststörung.34
Die Angststörungen scheinen sich über alle sozialen und Ein-
kommensschichten gleichmäßig zu verteilen. Auch treten sie in
vielen verschiedenen Ländern und Kulturen gleichmäßig auf (siehe
S. 103). Dies spricht dafür, dass Angststörungen nicht nur durch äu-
ßere Einflüsse wie Milieu- oder Umweltbedingungen entstehen.

LEIDEN IMMER MEHR MENSCHEN UNTER ANGST?

«Immer mehr Menschen leiden unter Panikattacken», «Angst — die


neue Volkskrankheit» — so oder ähnlich beginnen zahlreiche Zei-
tungsartikel. Hängt das damit zusammen, dass Journalisten einem
alltäglichen Thema neue Aufmerksamkeit geben wollen, oder hat

100
Lebenszeithäufigkeit von Angststörungen

es tatsächlich eine Zunahme von Angsterkrankungen gegeben? Oder


ist es vielmehr so, dass uns heute weniger echte Sorgen quälen als
früher, sodass wir jetzt einfach mehr Zeit haben, uns Mode-
krankheiten zuzulegen? Oder liegt es daran, dass die Angsterkran-
kungen erst seit den achtziger Jahren einen Namen bekommen ha-
ben und deshalb endlich richtig diagnostiziert werden?
Eines ist klar: Angsterkrankungen hat es schon immer gegeben.
Aber sind sie heute wirklich häufiger als früher? Diese Frage lässt
sich nicht so eindeutig beantworten. Denn um präzise festzustellen,
dass wir heute mehr unter Ängsten leiden, hätte man vor hundert
Jahren eine aufwendige Umfrage mit Zehntausenden von Menschen
machen müssen, mit genau dem gleichen Fragebogen, wie man sie
heute in derartigen Untersuchungen verwendet. Die damals

101
erhobenen Zahlen hätte man dann mit den heutigen Häufigkeiten
vergleichen müssen, um eine tatsächliche Zunahme der
Angsterkrankungen nachweisen zu können. Da es jedoch solche
Untersuchungen in früheren Zeiten nicht gab, sind entsprechende
Vergleiche nicht möglich. Betrachtet man aber Studien, die in den
achtziger Jahren gemacht wurden, mit heutigen Erhebungen, sieht
man schon eine deutliche Zunahme — allein in diesem kurzen Zeit-
raum.

DIE ZEIT HEILT DIE ANGST

Mit krankhaften Ängsten wird man nicht geboren. Die meisten


Angsterkrankungen entwickeln sich erst zu Beginn des Erwachse-
nenalters. Eine Panikstörung beginnt im Durchschnitt mit 29 Jahren
— das heißt natürlich nicht, dass sie nicht auch mit 20 oder 45 Jahren
anfangen kann. Im Kindesalter ist eine echte Panikstörung nur selten
zu beobachten, ohne dass man die genauen Gründe hierfür kennt.
Auch die Generalisierte Angststörung beginnt in den meisten
Fällen erst nach dem 25. Lebensjahr. Menschen mit einer Sozialen
Phobie dagegen berichten, dass sie bereits schon früh erste Anzei-
chen ihrer sozialen Ängste hatten; im Durchschnitt macht sich diese
Angsterkrankung ab dem 15. Lebensjahr bemerkbar. Diese Personen
haben große Angst, wenn die Lehrerin sie bittet, an der Tafel zu
rechnen oder Schillers «Glocke» vorzutragen. Die Einfachen Phobien
— wie die Angst vor Tieren oder Zahnärzten — beginnen meist
schon im Kindesalter, mit acht bis elf Jahren.
Menschen, die sich wegen Ängsten in Behandlung begeben, sind
im Durchschnitt etwa 36 Jahre alt. Da die Krankheit aber meist früher
beginnt, heißt das, dass die Betroffenen oft jahrelang unter den
Beschwerden leiden, ohne dass sie jemals therapiert wurden — sei
es, dass sie nicht wussten, dass man sich dagegen behandeln lassen
kann, oder dass die Ärzte die Erkrankung nicht erkannt haben.
Angsterkrankungen verlaufen oft schubförmig. Mal hat man eine
mehrere Monate dauernde schlimme Phase mit starken Ängsten,

102
dann verschwinden plötzlich die Symptome, auch ohne Behandlung,
ohne dass man weiß, warum.
«Habe ich das mein Leben lang?», fragen mich immer wieder Pa-
tienten, die schon seit Jahren von Ängsten geplagt werden. Diese
Frage kann ich ruhigen Gewissens verneinen. Die Altersverteilung
von Menschen, die sich wegen einer Angststörung in unserer Angst-
ambulanz meldeten, sieht pyramidenförmig aus, wobei der Gipfel
bei den Mittdreißigern liegt. Ab dem 40. Lebensjahr bessern sich die
Angstkrankheiten zusehends, und es kommt fast nie vor, dass sich
über 50-Jährige wegen einer Angsterkrankung bei mir zur Behand-
lung melden.
Daraus sollte man nicht schließen, dass ältere Menschen nicht von
Ängsten geplagt werden. Es kommt nur zu einer Verlagerung: Die
Realängste nehmen zu, während die unrealistischen Ängste, die für
Angsterkrankungen charakteristisch sind, abnehmen. Die be-
gründeten Befürchtungen, krank zu werden, zu verunfallen, einsam
zu sein oder geliebte Mitmenschen zu verlieren, erhalten immer
mehr einen realen Hintergrund, je älter man wird.

ÄNGSTE BEI KINDERN

Wenn man sieht, wie ein dreijähriger Junge eine Skipiste hinunter-
flitzt oder wie ein vierjähriges Mädchen, das gerade sein «Seepferd-
chen» gemacht hat, vom Fünfmeterbrett springt, sollte man meinen,
dass Kinder keine Angst vor realen Gefahren haben. Dagegen
kommen unbegründete Ängste, wie die Furcht vor Monstern, recht
häufig vor. Jüngeren Kindern ist es allerdings häufig schwer klar zu
machen, wo die Grenze zwischen realen Gefahren und der Phantasie
liegt. Unrealistische Ängste bei Kindern sind normal, solange sie
nicht stark ausgeprägt und vorübergehend sind.
So haben einjährige Kinder Angst vor fremden Menschen, Höhen
oder vor lauten Geräuschen wie Bohrmaschinen oder Staubsaugern.
Die Zwei- bis Vierjährigen furchten sich vor bestimmten Tieren und
vor der Dunkelheit. Bei den Vier- bis Sechsjährigen kommt vielfach
die Angst vor Gespenstern oder vor Donner und Blitz vor. In den
103
ersten Schuljahren sind dagegen Blut- und Verletzungsphobien
sowie Trennungsängste häufig. Ab dem achten Lebensjahr treten
auch Ängste vor dem Versagen im Sport oder in der Schule hinzu.
Einfache Phobien wie die Ängste vor Tieren sind auch in diesem Al-
ter vorzufinden. Ab dem zwölften Lebensjahr treten die ersten so-
zialen Ängste auf. «Große» Angsterkrankungen wie die Panikstö-
rung oder die Generalisierte Angststörung sind im Kindes- und
Jugendalter aber selten.
Wenn ein Kind zum ersten Mal in den Kindergarten kommt, sich
schluchzend an die Mutter klammert und nicht dableiben will, so ist
das zunächst einmal ganz natürlich. Solche Trennungsängste sollten
sich aber nach vier bis acht Wochen legen. In manchen Fällen halten
diese Ängste jedoch lange an. Die Kinder können die Besorgnis
entwickeln, dass den Eltern etwas zustoßen könnte oder dass die
Eltern weggehen und nie mehr wiederkehren könnten.
«Lieber Papi, bitte sei vorsichtig bei der Arbeit und nimm dich in
Acht vor gefährlichen Dingen. Ich liebe dich und Mami mehr als al-
les in der Welt», schrieb ein achtjähriger Junge, der sich weigerte, in
die Schule zu gehen, in einem Brief an seinen Vater. «Schulangst» ist
nur in seltenen Fällen eine Furcht vor strengen Lehrern oder vor
hänselnden Mitschülern. Meist steckt dahinter die Angst, sich von
den Eltern trennen zu müssen. Kinder können aber auch entsetzliche
Angst davor haben, dass sie weggebracht, gekidnappt oder getötet
werden. Solche Kinder schlafen schlecht ein oder wachen nachts auf,
um zu überprüfen, ob die Eltern noch im Bett sind. Sie leiden unter
Albträumen, in denen es um eine Trennung von den Eltern geht. Ihre
Ängste äußern sich auch in körperlichen Beschwerden wie Übelkeit,
Erbrechen oder Bauchschmerzen.

104
WARUM TRETEN ANGSTERKRANKUNGEN BEI FRAUEN
HÄUFIGER AUF?

Sämtliche Angsterkrankungen treten bei Frauen ungefähr doppelt so


häufig auf wie bei Männern. Warum das so ist, wissen wir nicht
genau. Mehrere Gründe kommen infrage.
Wenn eine Frau Angst zeigt, gilt das als «normal». Männer ziehen
mutig in den Krieg, während Frauen vor kleinen Mäusen auf einen
Stuhl flüchten — so die traditionelle Rollenerwartung. Manche
Männer finden eine gewisse Ängstlichkeit bei Frauen nicht nur nicht
schlimm, sondern geradezu vorteilhaft. Dann können sie nämlich
ihrem Beschützerinstinkt nachkommen und sich selbst als Häuptling
Der-die-große-Ruhe-ausstrahlt hervortun.
Von den Männern wird dagegen erwartet, dass sie sich nicht wie
Weicheier geben. Als richtig männlich gilt es, wenn man ein oder
zwei halbwegs gefahrliche Sportarten beherrscht, wie Kitesurfen
oder Freeclimbing. So könnte es sein, dass allein wegen der Rollen-
erwartungen, die an die verschiedenen Geschlechter gestellt werden,
Frauen und Männer sich dahingehend unterscheiden, wie sie ihre
Ängste nach außen zeigen. Frauen bringen sowohl positive als auch
negative Gefühle offener, lebhafter und mit stärkerer innerer
Beteiligung zum Ausdruck als Männer. Sie sprechen häufiger, aus-
führlicher und ausgefeilter über ihr psychisches Erleben. Das könnte
aber auch dazu führen, dass Angsterkrankungen bei Frauen für den
Arzt eher und deutlicher erkennbar werden und damit als häufiger
angesehen werden, obwohl sie in Wirklichkeit vielleicht gleichmäßig
unter den Geschlechtern verteilt sind.
Eine Angst ist aber von Natur aus bei Frauen stärker ausgeprägt —
die Angst um die Kinder. Die Natur hat Mütter mit einem Beschüt-
zerinstinkt ausgestattet, der dafür sorgt, dass die ansonsten einer
widrigen Umgebung schutzlos ausgelieferten Kinder überleben
können. Die Angst um den Nachwuchs schießt manchmal über das
Ziel hinaus. So muss sich ein Vater, der meint, dass er sein kleines
Kind angemessen warm angekleidet hat, von seiner Frau als verant-
wortungslos schelten lassen, weil er dem Sohn an einem lauen
105
Frühlingstag nicht mindestens sechs Kleidungsschichten überein-
ander angezogen hat.
Es könnte aber auch sein, dass Frauen in unserer Gesellschaft
tatsächlich mehr echte Gründe haben, Angst zu bekommen. Frauen
sind zum Beispiel oft immer noch finanziell von ihrem Mann ab-
hängig oder werden durch häusliche Gewalt in einer anderen Form
der Abhängigkeit gehalten. Es ist statistisch belegt, dass Frauen häu-
figer Opfer von kriminellen Taten sind. Ihre geringere Körperkraft
schränkt die Verteidigungsmöglichkeit bei einem Angriff ein. Aber
auch andere, durch die derzeitige gesellschaftliche Position der
Frauen bedingte Konstellationen, wie zum Beispiel eine Doppelbe-
lastung durch Mutterrolle und Berufstätigkeit, könnte die größere
Häufigkeit von Ängsten bei Frauen begründen. Die Ängste, die bei
Frauen häufiger sind, beruhen aber meist nicht auf realen Gefahren,
sodass diese Erklärung problematisch ist.
Frappierend ist auch die Tatsache, dass bei der Häufigkeit von
Angsterkrankungen in fast allen Kulturen das Verhältnis von Frauen
zu Männern etwa 2:1 beträgt — ob es sich nun um Frauen in Taiwan,
Paris, Puerto Rico oder Beirut handelt. Man hätte eher erwartet, dass
in bestimmten Kulturen, zum Beispiel in islamischen Ländern,
Frauen viel häufiger unter Ängsten leiden, weil sie (noch) mehr
unterdrückt werden als in Westeuropa. Da sich das offensichtlich
nicht in unterschiedlichen Häufigkeitszahlen auswirkt, sollte man
sich überlegen, ob es noch andere Gründe geben könnte, warum
Frauen verstärkt unter Angst leiden.
Die weiblichen Hormone könnten schuld sein. So haben wir in
einer Untersuchung herausgefunden, dass während einer Schwan-
gerschaft Panikattacken seltener auftreten. In der Schwangerschaft
steigen weibliche Hormone stark an. In den ersten paar Tagen nach
der Geburt fallen diese Hormone aus astronomischer Höhe wieder
auf Normalwerte ab — in dieser Zeit haben viele Frauen ihre erste
Panikattacke im Leben. Bei anderen, die schon vor der Schwanger-
schaft unter Angstanfällen gelitten hatten, kann es in den Tagen und
Wochen nach der Niederkunft zu einem Rückfall kommen. Dies
spricht dafür, dass die Ängste unter dem Einfluss von Hormonen

106
stehen. Allerdings wissen wir noch nicht genau, wie genau dieser
Einfluss der Hormone ein stärkeres Auftreten von Ängsten bei
Frauen begünstigt.35
Noch einen weiteren Grund könnte es geben, warum das weibliche
Geschlecht mehr Angst hat: Es könnte schlicht so sein, dass die
Angst auf den Geschlechtschromosomen sitzt.
Insgesamt muss man allerdings feststellen, dass der Grund für das
Überwiegen der Ängste bei Frauen noch nicht wirklich aufgeklärt ist.

107
Kapitel 4

WOHER KOMMT DIE ANGST?

108
DIE BRIEFMARKENTHEORIE

Ich möchte Sie warnen. Sie werden unzählige Artikel und Bücher
über die Ursachen von Angsterkrankungen finden. In diesen Werken
werden zahllose verschiedene Theorien und Hypothesen aufgestellt,
und jeder der Autoren hat eine ausgefeilte Vorstellung davon, wie
Ängste entstehen. Aber je mehr Bücher Sie lesen, desto weniger
Übereinstimmung werden Sie finden. Woran liegt es eigentlich, dass
so viele teilweise sich gegenseitig ausschließende Theorien zu den
Ursprüngen der Angst entwickelt wurden?
Zum einen daran, dass man, ehrlich gesagt, die Hintergründe der
Entstehung von Ängsten noch nicht bis in alle Einzelheiten geklärt
hat. Deswegen darf jeder erst einmal fröhlich vor sich hin spe-
kulieren. Ein weiterer Grund ist aber wahrscheinlicher und besteht
darin, dass die Ursachen der Angststörungen kompliziert zu sein
scheinen und nicht mit einfachen Modellen wie zum Beispiel der
Verursachung einer Gelbsucht durch eine Hepatitis-B-Virus-Infek-
tion zu erklären sind. Die Menschen wollen aber keine umständli-
chen und ausführlichen Erklärungen, sondern geben sich stattdessen
viel lieber mit «Briefmarkentheorien» zufrieden:

109
Diese Theorie erfüllt übrigens selbst die Kriterien einer Briefmar-
kentheorie. Sie besagt, dass ein Wissenschaftler, der eine Theorie
verbreitet, die sich mit einem einfachen Satz beschreiben lässt, eher
berühmt wird als einer, der eine sehr komplexe und ausgefeilte
Theorie hat, wie in dem folgenden Satz: «Bei einer Panikstörung
dagegen können Stimuli, die normalerweise ‹nur› anxiogen sind,
panikogen werden. Dies kann entweder dadurch entstehen, dass das
PAG durch den DRN nicht ausreichend inhibiert wird, oder durch
die mangelnde Fähigkeit des MRN, eine stressinduzierte Über-
stimulation des Nucleus centralis der Amygdala-PAG-Verbindung
zu inhibieren.» Alles klar? Dieses Zitat stammt übrigens aus einem
meiner wissenschaftlichen Bücher.36 Einer solchen komplizierten
Theorie bleibt normalerweise die Popularität versagt. Sie führt in der
Regel dazu, dass der Forscher, der sie aufgestellt hat, nicht in
Wochenzeitungen und Gesundheitssendungen im Fernsehen
erwähnt oder zu Talkshows eingeladen wird. Aber nicht nur in der
Laienpresse, sondern auch in der Wissenschaftswelt gibt es eine
Vorliebe für Briefmarkentheorien. Wissenschaftler setzen sich
ebenfalls lieber mit einfachen, klaren Theorien auseinander. Der
Grund: Komplizierte Theorien führen dazu, dass der Forscher, der
sie vertritt, weniger von den Universitäten zu Vorträgen eingeladen
wird, seltener in wissenschaftlichen Zeitschriften zitiert wird und
keine Forschungsgelder vom Forschungsministerium bewilligt be-
kommt.
Leider sind es aber gerade die komplexen Theorien, die die
Wirklichkeit genauer abbilden, die meisten Widersprüche ausräu-
men und sich länger bewähren. Albert Einstein sagte einmal: «Man
sollte die Dinge so einfach wie möglich darstellen — aber nicht ein-
facher.» Briefmarkentheorien, die versuchen, ein Maximum an Phä-
nomenen des Lebens mit einem Minimum an Ursachen zu erklären,
versuchen das KISS-Prinzip einzuhalten («Keep it simple and stu-
pid»). In einem Rundumschlag will man die Welt, das Universum
und den ganzen Rest erklären. Beispiele für Briefmarkentheorien
sind:

110
„ Das Fernsehen ist schuld an der Zunahme der Gewalt bei Ju-
gendlichen.
„ Eine Zwangsstörung bekommt man, wenn die Mutter zu früh
mit der Sauberkeitserziehung angefangen hat.
„ Ausnahmslos alle Krankheiten entstehen durch psychische Fak-
toren.
„ Überfürsorgliche Mütter sind daran schuld, dass Kinder unter
Ängsten leiden.

Die meisten Menschen, die mit einer Theorie zur Entstehung von
Ängsten berühmt werden wollen, versuchen dies, indem sie ihre
Theorie auf eine griffige, für jeden verständliche Formel bringen —
auf Kosten der Wahrheit oder Genauigkeit und mit fatalen Folgen
für die betroffenen Patienten. Differenzierte Darstellungen wurden
dagegen mit Nichtbeachtung gestraft.
Leider ist die Diskussion über die Ursachen der Angststörungen
aber nicht nur von unzulässigen Vereinfachungen, sondern auch von
Ideologien bestimmt. Das heißt, dass manche wissenschaftlichen
Ergebnisse, die nicht in eine bestimmte Ideologie passen, einfach
ignoriert werden. Die Geschichte der Erforschung der Angst-
störungen war während des letzten Jahrhunderts fast vorwiegend
durch Streit zwischen den verschiedenen Therapierichtungen be-
stimmt. Dabei vermied man es, sich an nüchternen Fakten zu
orientieren. Jedermann versuchte, engstirnige Theorien mit Allein-
vertretungsanspruch zu verbreiten, und wertete die wissenschaftli-
chen Befunde, die nicht in den Rahmen passten, als Luftnummer ab.
Daher kann nur geraten werden, alle Theorien — auch diejenigen,
die in diesem Buch aufgestellt werden — sehr kritisch zu betrachten.
Gleich eine Mahnung zur Vorsicht: Vereinfachend wird oft ange-
nommen, dass, wenn eine bestimmte Behandlungsmethode bei
Ängsten wirkt, damit auch gleich die Ursache für die Angststörung
gefunden wurde. Wenn zum Beispiel ein Medikament, das den Bo-
tenstoff Serotonin im Gehirn erhöht, bei einer Angststörung wirkt,
kann man nicht automatisch annehmen, dass bei Angststörungen der

111
Serotonin-Haushalt gestört ist und alle anderen Ursachen nicht
infrage kommen.
Wenn wiederum eine verhaltenstherapeutische Methode hilft, kann
nicht zwangsläufig gefolgert werden, dass die Lerntheorie als einzige
Erklärung für Ängste heranzuziehen ist. So einfach sind die
Verhältnisse nicht. Eine Verhaltenstherapie hilft zum Beispiel auch
bei jemandem, der geistig behindert ist. Diese geistige Behinderung
beruht aber nicht auf einem Lernprozess, sondern kann eine ein-
deutig körperliche Ursache haben, zum Beispiel einen Ziegelstein,
der dem Betroffenen im Kindesalter auf den Kopf gefallen ist.
Es ist auch denkbar, dass eine rein psychisch verursachte Störung
durch Medikamente kurzfristig gebessert wird — beispielsweise eine
Trauerreaktion durch das Medikament Valium, das zu den Schlaf-
und Beruhigungsmitteln aus der Gruppe der Benzodiazepine gehört.
Niemand würde deswegen annehmen, dass jemand, der um einen
verstorbenen Angehörigen weint, eine Störung der Benzodiazepin-
rezeptoren im Gehirn hat.
Mit anderen Worten: Wenn wir eine wirkungsvolle Therapie ge-
funden haben — haben wir noch nicht die Ursache der Angsterkran-
kungen. Das Prinzip «Wer heilt, hat Recht» gilt also nicht.

STRESS UND DIE ERLERNTE HILFLOSIGKEIT

Chronischer Stress kann auf die Dauer Gesundheitsschäden ver-


ursachen. Er fuhrt zu einem ständig gesteigerten Blutdruck, wodurch
das Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle steigt. Die
Immunabwehr wird geschwächt, sodass der Körper anfälliger für
Infektionskrankheiten wird. Migräneanfälle oder Magenschleim-
hautentzündungen können ebenso auftreten wie Gedächtnis- oder
Konzentrations Störungen. Der Blutzuckerspiegel steigt. Auch Mus-
kelverspannungen betrachtet man als Folge von chronischem Stress.
Der Sexualtrieb wird unterdrückt, und bei Frauen können Störungen
der Regelblutung auftreten.
Wie hängen nun aber Angsterkrankungen und Stress zusammen?

112
Oft wird diese Beziehung auf eine einfache Formel gebracht: Der
allgemeine Stress nimmt immer mehr zu, und deswegen leiden
immer mehr Menschen unter Angst. Als Grund hierfür wird oft an-
gegeben, die heutige Zeit sei «schnelllebig» oder «hektisch» und mit
mehr Stress verbunden als frühere Zeiten. Aber was ist daran wirk-
lich wahr?
Waren die guten alten Zeiten wirklich stressfreier? Als ich ein Bund
war, mussten die Menschen sehr viel länger und körperlich härter
arbeiten. Die Zahl der Autounfälle war dreimal so hoch wie heute,
und das Risiko eines Atomkriegs stand ständig im Raum. Und wie
war es noch früher, vor 150 Jahren, als die Menschen im Durch-
schnitt mit 38 Jahren starben? Die Meinung, dass die Gegenwart im
Gegensatz zu früheren Zeiten viel stressiger ist, wird wohl seit der
Einführung von Pfeil und Bogen immer wieder verbreitet.
Nicht jede Art von Stress ist schädlich. Der kanadische Stressfor-
scher Hans Selye prägte die Begriffe «Distress» für krank machenden
Stress und «Eustress» für gesund erhaltenden Stress. Wenn jemand
zehn Stunden in einem Architekturbüro ein Kulturhaus entwirft,
dann zwei Stunden Badminton spielt und anschließend den Rest des
Abends im Karnevalskomitee einen Festabend plant, hat er vielleicht
einen stressigen Tag gehabt. Solcher Stress aber ist nicht krank
machend, vorausgesetzt, dass Arbeit und Freizeitgestaltung Spaß
gemacht haben. Distress kann dagegen jemand haben, der keine
Kontrolle über sein Leben hat, der stets von anderen bestimmt wird,
dem alles schief läuft und der immer Pech hat, obwohl er sich
angestrengt hat.
Martin Seligmann, ein amerikanischer Psychologe, führte ein
raffiniertes Experiment durch. Zwei Ratten saßen in benachbarten
Käfigen. Jede hatte einen Hebel in ihrem Käfig. Der Laborant setzte
beide Käfige unter Strom, sodass die Ratten empfindliche (aber nicht
tödliche) Stromschläge erhielten. Die rechte Ratte konnte mit ihrem
Hebel den Strom abschalten, während die linke Ratte mit dem Hebel
machen konnte, was sie wollte — die Elektroschocks ließen sich
dadurch nicht beeinflussen. Allerdings, und das ist das Spannende
an dem Versuch: Beide Ratten erhielten immer gleichzeitig ihre

113
elektrischen Schläge, aber allein die rechte Ratte schaltete durch
Umlegen ihres Hebels nicht nur in ihrem Käfig, sondern gleichzeitig
auch im Nachbarkäfig den Strom ab. Beide Ratten erhielten also
exakt die gleiche Anzahl von Schlägen, und bei beiden dauerte es
exakt genauso lange, bis der Strom abgeschaltet war. Dennoch hatte
die rechte Ratte die Macht über ihr Schicksal, während die andere
dem Unheil hilflos ausgeliefert war. Die rechte Ratte hatte zwar auch
nicht gerade ein angenehmes Leben, aber sie lernte damit
umzugehen. Die linke Ratte aber bekam Magengeschwüre.
Dieses Modell wird das «Modell der erlernten Hilflosigkeit» ge-
nannt.37 Eine der Theorien über die Entstehung von Depressionen
begründet sich auf diesem Modell. Es konnte im Tierversuch zeigen,
dass es Lebewesen besser geht, wenn sie Kontrolle über ihre Umwelt
haben. Wie bei den Ratten nicht die Anzahl der elektrischen Schläge,
sondern ihre Kontrollierbarkeit über das Wohlergehen der Psyche
entscheidet, kann es sein, dass bei Menschen nicht die Anzahl der
Schicksalsschläge, sondern die Kontrollierbarkeit bestimmend ist.
So ist es auch mit der Angst: Sie entsteht immer dann, wenn man
meint, dass man die Situation nicht unter Kontrolle hat. Der lausigste
Autofahrer fühlt sich immer noch am sichersten, wenn er selbst am
Steuer sitzt. Als aber einmal berühmte Autorennfahrer eingeladen
wurden, in der höchsten Achterbahn Europas in Rust mitzufahren,
weigerten sich die meisten von ihnen, und einer stieg nur mit
Sturzhelm ein.
Häufig wird so getan, als sei Stress die einzige Ursache für die
Entstehung von Angsterkrankungen, wobei Stress häufig mit viel
Arbeit gleichgesetzt wird. Wie wir sehen werden, gibt es nicht nur
einen Grund, sondern eine Reihe von Ursachen für Angsterkran-
kungen. Zwar können schwierige Lebenssituationen Ängste verstär-
ken; Stress (und schon gar nicht ein anstrengender Job) ist aber sicher
nicht die Hauptursache für diese Ängste.

114
SEELISCHE BELASTUNGEN IN DER FRÜHEN KINDHEIT

Seelische Belastungen in der frühen Kindheit und die Erziehung sind


daran schuld, dass Menschen später unter Ängsten leiden: Bis vor
einigen Jahrzehnten war dies die einzige als gültig angesehene
Theorie, und es gibt auch heute noch viele Ärzte und Psychologen,
die keine andere Ursache für krankhafte Ängste anerkennen.
Die Einflussfaktoren der ersten Lebensjahre, die man im Zusam-
menhang mit der späteren Entwicklung einer psychischen Störung
diskutiert, müssen zunächst grob in zwei Bereiche eingeteilt werden.
Zum einen werden schwerwiegende Traumata (belastende Le-
bensereignisse wie zum Beispiel der Tod der Mutter im ersten Le-
bensjahr) mit seelischen Störungen in Verbindung gebracht. Man
wusste, dass Kinder, deren Eltern früh gestorben waren und die in
Heimen aufwuchsen, Verhaltensauffälligkeiten und Ängste zeigen.
Aber auch die Erziehung war als einer der wichtigsten Faktoren an-
gesehen worden. Generationen von Eltern gingen davon aus, dass
die seelische Gesundheit ihrer Kinder zu hundert Prozent von ihrer
Erziehung und ihrem Verhalten gegenüber den Kindern abhing.
Welchen Einfluss aber haben diese Faktoren wirklich?

Graugänse und Rhesusaffen


Wenn ein Tierkind geboren wird, entwickelt es eine intensive Be-
ziehung zu seiner Mutter. Auf eine Trennung von der Mutter re-
agiert es mit Angst. Dies wird «Prägung» genannt. Allerdings muss
es nicht die leibliche Mutter sein, auf die das Tierkind geprägt wird.
Wenn zum Beispiel die Mutter ums Leben gekommen ist, könnte es
auch ein anderes weibliches Tier, der Vater oder ein fremdes männ-
liches Tier sein, zu dem das Tierkind eine besondere Bindung entwi-
ckelt. Wichtig ist, dass diese «Bezugsperson» immer in der Nähe ist
und für die Nahrung sorgt. Das Phänomen der Prägung hatte der
Österreicher Konrad Lorenz, der «Vater der Graugänse», schon als
Kind durch Beobachtung von Entenküken entdeckt.
Später zeigte der amerikanische Psychologe Harry Harlow, dass
neugeborene Rhesusaffen, die monatelang von ihren Artgenossen

115
getrennt wurden, körperlich und in Hinblick auf ihr Sozialverhalten
in einen desolaten «seelischen» Zustand kamen.38 So wies er nach,
dass die Trennung von der Mutter oder einem anderen Lebewesen,
auf das ein junges Tier geprägt wurde, katastrophale Folgen für die
seelische Gesundheit in späteren Lebensjahren haben konnte.
Harlow machte auch Versuche, bei denen ein Äflfchen statt auf
seine Mutter auf ein mit Fell überzogenes Drahtgestell geprägt
wurde. Das Affenkind entwickelte tatsächlich eine Mutterbeziehung
zu dem Drahtgestell. Scheinbar war schon das Fell ausreichend, um
bei dem Äffchen eine Prägung auszulösen. Selbst ein Lamm, das auf
einen laufenden Fernseher geprägt wurde, bekam eine emotionale
Krise, wenn die Flimmerkiste ausgestellt wurde. Sicher, eine solche
Prägung hatte eine andere Qualität als eine Beziehung zu einer
leiblichen Mutter. Es ging Harlow aber darum, zu zeigen, dass die
Prägung nach sehr einfachen Schemata verläuft.

In einem Versuch von


Harry Harlow wurde
ein Äffchen, das man
seiner Mutter weg-
genommen hatte, auf
Drahtgestelle «geprägt».
Das linke Gestell gab
Milch, das rechte war
mit einem Fell über-
zogen. Wenn es trinken
wollte, wandte sich das
Äffchen an die milch-
gebende Drahtmutter,
danach kletterte es
aber schnell wieder zu
dem weicheren Mutter-
ersatz zurück.

116
Ende der vierziger Jahre wurde der amerikanische Psychoanaly-
tiker John Bowlby von der Weltgesundheitsorganisation beauftragt,
die Folgen der Trennung eines Kindes von der Mutter zu erforschen.
Bowlby untersuchte 44 jugendliche Straftäter; 17 dieser Jugendlichen
waren vor dem fünften Lebensjahr zumindest zeitweise von ihren
Müttern getrennt worden. Dies war signifikant häufiger als bei einer
ebenso großen Kontrollgruppe von normalen Jugendlichen. Er führte
die Straffalligkeit also im Wesentlichen auf die frühe Trennung von
der Mutter zurück.39 Bowlby vermutete, dass es bei Menschen so
etwas gibt wie die Prägung, die Konrad Lorenz bei den Graugänsen
entdeckt hatte. «Man muss annehmen, dass eine warme, enge und
konstante Beziehung zur Mutter wichtig für die seelische Gesundheit
der Kinder ist», war seine Schlussfolgerung aus diesen Studien.
Das Verdienst von John Bowlby bestand darin, dass er zum ersten
Mal statistisch abgesicherte Untersuchungen durchführte — ein
Kontrast zu der damaligen vorherrschenden Vorgehensweise der
Psychoanalyse, die mehr durch Theoretisieren als durch kontrollierte
Untersuchungen charakterisiert war. Worauf er auch prompt von
seinen psychoanalytischen Kollegen und sogar von seinem Lehr-
analytiker Donald W. Winnicott massiv angegriffen wurde. Dennoch
setzten sich Bowlbys Gedanken durch. Allerdings führten sie dazu,
dass man von da an pauschal alle psychischen Erkrankungen einzig
und allein auf frühkindliche Traumata zurückführte.
Die Klärung dieses Zusammenhangs ist jedoch von gewisser
Bedeutung: Könnte man beispielsweise nachweisen, dass Angststö-
rungen oder andere psychische Störungen im Kindesalter durch
bestimmte Verhaltensweisen oder Erziehungsstile der Eltern verur-
sacht werden, so könnte man für die Kindererziehung Empfehlun-
gen ausgeben, um die Entwicklung späterer Angststörungen zu
vermeiden. Aber auch für die unendliche Diskussion über die Wirk-
samkeit von Psychotherapie-Methoden hätte diese Frage Bedeutung.
Die psychoanalytische Therapie beruht fast ausschließlich auf der
Annahme, dass frühe Traumata oder eine ungünstige Erziehung in
Gesprächen bearbeitet werden können, sodass sich die zugrunde lie-
genden Konflikte später in Luft auflösen. Nur wenn Traumata oder

117
fehlgeleitete Erziehungsversuche einen erheblichen Anteil an der
Verursachung der psychischen Krankheit haben, kann eine solche
Therapie ein voller Erfolg sein. Was, wenn die Genetik eine entschei-
dende Rolle spielt, wenn die Natur von vornherein ein Gehirn ange-
legt hat, das empfindlicher auf Angstreize reagiert? Wie könnte man
Moleküle durch Gespräche in tiefen Ledersesseln beeinflussen?
Es ist erstaunlich, dass es über dieses Thema einen jahrzehnte-
langen Streit gab.
Sigmund Freud war ein genauer und scharfsinniger Beobachter.
Seine Theorien beruhten aber nur auf einer kleinen Zahl von Pati-
enten. Im Freud'schen Gesamtwerk werden Sie kaum jemals Statis-
tiken, Tabellen, ja überhaupt Zahlen finden. Dies ist nicht nur durch
Nachlässigkeit zu erklären, sondern dadurch, dass vor hundert
Jahren die Methoden der Statistik noch in den Kinderschuhen
steckten und dass ein auf Statistiken basierendes wissenschaftliches
Vorgehen noch nicht weit verbreitet war. Man konnte von Freud
nicht erwarten, dass er seine gerade neu aufgestellten Theorien mit
den gleichen ausgeklügelten Methoden untersuchte, wie sie heute in
der Psychologie üblich sind — genauso, wie man Nikolas August
Otto nicht vorwerfen kann, dass er neben dem Ottomotor nicht
gleich noch den Dieselmotor erfunden hat. Allerdings kann man
auch nicht gerade sagen, dass Freud sich sehr bemüht hatte, seine
Theorien wissenschaftlich zu untermauern. Andere Psychiater seiner
Zeit, wie der Zürcher Psychiater Eugen Bleuler, hatten schon damals
bereits mit ausgefeilten Statistiken gearbeitet.
Warum ist die Statistik so entscheidend? Wenn man aufgrund von
ein paar Einzelfallberichten Theorien aufstellt und sie dann auf die
Allgemeinheit überträgt, besteht die große Gefahr, dass man sich
über die tatsächlichen Verhältnisse täuscht. Wenn man dann noch
von einer bestimmten Theorie sehr überzeugt ist, kann es passieren,
dass man auf einem Auge blind wird und andere Fälle, die nicht in
den Rahmen passen, unter den Tisch fallen lässt. Die Psychologie in
der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war fast ausschließlich
von solchen Spekulationen geprägt.

118
Trotz der mittlerweile verfügbaren statistischen Techniken ist es
auch heute immer noch nicht einfach, wissenschaftlich genau zu
belegen, dass sich frühe Erfahrungen später in Form von Angster-
krankungen auswirken. Um zu beweisen, dass ein Ereignis in den
ersten fünf bis sechs Lebensjahren, zum Beispiel eine Scheidung der
Eltern, sich viele Jahre später in einer Angststörung äußert, muss
man zahlreiche Patienten (sagen wir 100) mit dieser Angster-
krankung zu zurückliegenden Ereignissen befragen. Genauso wich-
tig ist, eine ebenso große Gruppe von Personen zu interviewen, die
diese Angststörung mit Sicherheit nicht haben — so wie es Bowlby
mit seinen jugendlichen Delinquenten machte. Es könnte sonst ja
sein, dass beispielsweise Scheidungen der Eltern in den ersten Le-
bensjahren in dieser Kontrollgruppe ebenso häufig vorkommen wie
in der Patientengruppe. Dann könnte kein Einfluss von Scheidungen
der Eltern auf die Entstehung von Ängsten bei den Kindern
nachgewiesen werden. Eine Untersuchung ist also wegen der hohen
Zahl an Versuchspersonen sehr aufwendig.
Ein weiteres Problem ist die Erinnerung. Angstpatienten, die an
solchen Untersuchungen teilnehmen, sind im Durchschnitt etwa 36
Jahre alt. Sie müssen sich also an über 30 Jahre zurückliegende
Ereignisse erinnern oder sich auf die Erzählungen ihrer Eltern ver-
lassen. Schwerwiegende Ereignisse wie der Tod des Vaters werden
sicher in den meisten Fällen verlässlich mit genauen Datumsangaben
wiedergegeben, andere belastende Geschehnisse, wie die psychische
Erkrankung der Mutter, aber weniger genau.
Die Erinnerung kann verblassen. Viel mehr noch: Sie kann verzerrt
werden. Mark Twain schrieb einmal: «Je älter man wird, desto besser
erinnert man sich an die Dinge, die früher so nie passiert sind.»
Wenn Personen, die im Erwachsenenalter darüber berichten, dass sie
sich häufig von ihren Eltern allein gelassen fühlten, könnte dies zum
einen daran liegen, dass sie tatsächlich häufiger von den Eltern
getrennt wurden. Wenn aber die Angststörung schlicht auf einer
ererbten Ängstlichkeit beruhen würde, könnte es natürlich
andererseits auch sein, dass sie nicht wirklich häufiger als alle an-
deren von ihren Eltern getrennt wurden, sondern einfach Trennun-

119
gen negativer wahrgenommen haben und schlechtere Erinnerungen
damit verknüpfen. Mit diesen Vorbehalten müssen die wissen-
schaftlichen Untersuchungen betrachtet werden, die im Folgenden
dargestellt werden.
Um herauszufinden, inwieweit tatsächlich belastende Erfahrungen
in der Kindheit mit einer späteren Panikstörung zusammenhängen,
führten wir daher eine kontrollierte Studie mit 239 Personen durch.40
Patienten mit einer Panikstörung, aber auch Menschen ohne eine
psychische Erkrankung (die «gesunden Kontrollpersonen») wurden
rückblickend mit einem umfangreichen Fragebogen untersucht, der
über zweihundert Fragen zu frühkindlichen Traumata umfasste.
Neben frühen traumatischen Erlebnissen wurden die Testpersonen
auch zum Erziehungsverhalten ihrer Eltern, dem familiären
Vorkommen von Angsterkrankungen, Geburtsrisiken und anderen
Faktoren befragt.
Bevor sich unsere Arbeitsgruppe daranmachte, belastende Ereig-
nisse in der Kindheit von Patienten mit einer Panikstörung mit einer
gesunden Kontrollgruppe zu vergleichen, durchsuchten wir na-
türlich mit Hilfe des Internets die Weltliteratur. Wir wollten wissen,
ob nicht schon jemand vor uns diese Frage untersucht hatte. Die Re-
cherche ergab, dass es praktisch keine geeignete Studie gab, die ver-
lässliche Aussagen zu dieser Fragestellung zulassen würde. Wir wa-
ren überrascht, dass man lange nicht auf den Gedanken gekommen
war, diese nahe liegende Untersuchung bei Menschen mit Angstat-
tacken durchzuführen, und dass jahrzehntelang unbewiesene Be-
hauptungen aufgestellt wurden.
Bei der Auswertung unserer Untersuchung mit Panikpatienten
zeigte sich allerdings, dass die frühen Vermutungen von Freud, die
er nie wissenschaftlich überprüft hatte, zum Teil tatsächlich eine
gewisse Grundlage hatten. Folgende Ereignisse wurden häufiger von
den Patienten als von den Kontrollpersonen berichtet: Tod des
Vaters, Aufwachsen bei Verwandten (und damit Trennung von den
Eltern), länger dauernde Erkrankungen der Patienten in der Kind-
heit, Alkoholmissbrauch der Eltern sowie Gewaltanwendung in der
Familie. Zehn Prozent der Panikpatienten berichteten, dass sie als

120
Kinder Opfer sexuellen Missbrauchs waren (zum Vergleich: In der
Kontrollgruppe waren es zwei Prozent). Rechnete man noch die Fälle
sexueller «Grenzüberschreitungen» dazu, waren es 19 Prozent der
Panikpatienten und sieben Prozent der Normalpersonen, die solche
Ereignisse berichteten.
Eins wurde aber auch klar: 31 Prozent der Panikpatienten gaben an,
nie ein schwerwiegendes negatives Erlebnis in ihrer Kindheit gehabt
zu haben. Umgekehrt hatte auch ein Drittel der Personen aus der
gesunden Kontrollgruppe besonders belastende Lebensereignisse zu
verzeichnen. Mit anderen Worten: Man kann eine Panikstörung
bekommen, obwohl man gar keine emotionalen Belastungen in der
Kindheit erfahren hatte, und es besteht eine gute Chance, trotz
solcher Erlebnisse gesund zu bleiben. Aus dieser wichtigen Tatsache
lernen wir Folgendes: Zum einen muss es außer den Traumata in der
Kindheit, die bis dahin immer als Alleinverursacher angeschuldigt
worden waren, noch andere Ursachen für eine Panikstörung geben.
Zum anderen lernen wir, dass einst alle seelischen Störungen
unzulässigerweise über einen Kamm geschoren wurden, was die
Verursachung durch belastende Lebensereignisse anging. Da man
außer Traumata alle anderen möglichen Ursachen ignorierte, machte
man sich auch keine Gedanken, ob zwischen den verschiedenen
psychiatrischen Erkrankungen Unterschiede hinsichtlich ihrer
Verursachung durch Traumata bestanden. Von den 44 jugendlichen
Delinquenten Bowlbys ausgehend, wurden die Erkenntnisse auf alle
psychischen Erkrankungen verallgemeinert.
In einer Studie mit demselben Fragebogen, den wir bei Patienten
mit Angststörungen angewandt hatten, untersuchten wir auch eine
Gruppe von Personen mit einer «Borderline-Störung». Menschen mit
dieser schweren seelischen Erkrankung neigen zu emotionaler
Instabilität, Depressionen, Selbstmordgedanken, selbstverletzendem
Verhalten, Drogenabhängigkeit, Delinquenz und anderen Symp-
tomen. Unter diesen Patienten befanden sich erheblich mehr
Personen, die eine schwere Jugend gehabt hatten, als in der Gruppe
der Panikpatienten. So berichteten die Borderline-Patienten in 74
Prozent über sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit und Jugend.41

121
Der Anteil der Verursachung durch Traumata scheint bei den
verschiedenen Krankheiten somit unterschiedlich zu sein.

Die ersten fünf Jahre


«Es scheint, dass Neurosen nur in der ersten Kindheit (bis zum
sechsten Lebensjahr) erworben werden, wenn auch ihre Symptome
erst viel später zum Vorschein kommen mögen.» Diese recht knappe
Feststellung Freuds hatte einen unglaublichen Einfluss auf unsere
Ansichten zur Entstehung von Ängsten und anderen seelischen
Erkrankungen.42 Seine Botschaft lautete: Was immer in den ersten
Lebensjahren passiert, bestimme, ob aus dem Kind später im Leben
ein zu Depressionen und Ängsten neigender oder ein fröhlicher,
ausgeglichener Mensch werde. Danach ist alles gelaufen; sosehr sich
später Eltern und Erzieher abmühen, sie können nicht mehr
verhindern, dass das Kind später zum Stadtneurotiker wird.
Psychologische Werke wurden in der Folge geschrieben, in denen
dargelegt wurde, was genau man falsch machen muss, damit das
Kind später Zwangsneurosen oder Pferdephobien bekommt.
Wie steht es nun um den Wahrheitsgehalt dieser Annahme? In
unserer Untersuchung zu den seelischen Traumata in der Kindheit
gingen wir auch dieser Frage nach. Da wir sämtliche traumatischen
Ereignisse von der Geburt bis zum 15. Lebensjahr erfassten, konnten
wir auch nachprüfen, ob Erlebnisse in den ersten Jahren überhaupt
mehr Schaden anrichten konnten als Ereignisse in späteren
Lebensjahren. Zu unserer Überraschung war dies aber nicht der Fall.
Es war also egal, ob der schädliche Einfluss im vierten oder im
neunten Lebensjahr auftrat. Auch alle anderen Untersuchungen zu
diesem Thema konnten nicht zeigen, dass die ersten fünf Lebensjahre
wichtiger sind als die folgenden. Vielleicht liegt dies daran, dass
ungünstige Familienverhältnisse sich meist nicht nur über eine kurze
Zeitspanne auswirken, sondern sich manchmal durch die ganze
Kindheit ziehen.
Nichtsdestotrotz muss man festhalten, dass die unglaublich weit
verbreitete Ansicht, dass belastende Ereignisse in den ersten fünf bis
122
sechs Lebensjahren wichtiger sind als spätere Schädigungen, in den
Bereich der Gerüchteküche gehört, zumindest, was Angstpatienten
angeht.

WIE ENTSTEHT DIE ANGST VOR DEM ALLEINSEIN?

Nicht nur Ereignisse in der frühen Kindheit wurden mit Angster-


krankungen in Zusammenhang gebracht, sondern auch spezifische
Belastungen im Erwachsenenalter. Interviews mit Panikpatienten
haben ergeben, dass in den letzten Monaten vor den ersten Panikat-
tacken oder aber vor der Verschlimmerung einer schon bestehenden
Panikstörung bestimmte bedrückende Ereignisse stattgefunden
hatten.43 Diese Vorkommnisse hatten fast immer etwas mit einer
Trennung zu tun. Entweder handelte es sich um eine tatsächliche
Trennung von einer geliebten Person oder aber um Anzeichen einer
drohenden Trennung.
Menschen mit einer Panikstörung berichten außerdem häufiger als
gesunde Kontrollpersonen, dass sie schon in ihrer Kindheit unter
Trennungsängsten gelitten hatten. Sie sträubten sich als Kind
beispielsweise, die Ferien bei einer Tante zu verbringen, wollten
nicht auf eine Klassenfahrt oder weigerten sich sogar, in die Schule
zu gehen.
Das sei nicht verwunderlich, sagten die Psychoanalytiker, die so-
wieso davon ausgingen, dass Ängste im Erwachsenenleben durch
eine längere Trennung von den Eltern in der Kindheit entstehen. So
seien Trennungsängste dadurch erklärbar, dass die Kinder tatsäch-
lich früher einmal von ihren Eltern getrennt worden waren. Sie
wurden als Folge eines «Mangels an oraler Befriedigung» gedeutet.
Das heißt im Klartext: Wenn es nichts zu nuckeln gab, weil die
Mutterbrust nicht verfügbar war, dann speicherten die Kinder im
Gedächtnis, dass Trennung von der Mutter Verhungern oder Tod
bedeuten könnte.
Ähnlich erklärten aber auch die Lerntheoretiker Trennungsangst:
Die Anwesenheit der Mutter werde mit der Befriedigung des
123
Hungertriebs verbunden. Wenn es manchmal aufgrund einer Abwe-
senheit der Mutter nicht zur Bedürfnisbefriedigung komme, werde
Trennungsangst erlernt. Beide Theorien sind aber wahrscheinlich zu
vereinfachend.
Bei Tieren ist eine natürliche Trennungsangst nicht erlernt, sondern
entspringt einem angeborenen Mechanismus. Wenn gerade
neugeborene Welpen, die noch nie von ihrer Mutter getrennt waren,
das erste Mal von ihr weggenommen werden, fangen sie sofort an,
ängstlich zu fiepen. Das heißt, dass die Jungtiere nicht deswegen mit
Angst reagieren, weil sie eine «negative Lernerfahrung» gemacht
haben — nämlich, dass Trennung von der Mutter mit Hunger
verbunden ist —, sondern weil ihnen ein Instinkt sagt, dass sie solche
Trennungen besser vermeiden sollten. Auch Harlows Versuche zur
Prägung zeigten, dass die Trennungsangst nicht mit dem Verlust des
Ernährers in Verbindung gebracht werden muss: Das Äffchen, das
auf ein mit Fell überzogenes Drahtgestell geprägt worden war, zeigte
beim Entfernen des Gestells Trennungsangst — und das, obwohl das
Gestell nicht Milch geben konnte.44
Wie kann man nun erklären, dass manche Menschen stärker unter
Trennungsangst leiden als andere? Als unser Team in der bereits
erwähnten Untersuchung Panikpatienten zu Trennungsängsten be-
fragte, sagten 23 Prozent der Patienten mit einer Panikstörung, aber
nur fünf Prozent der gesunden Kontrollpersonen aus, dass sie in
ihrer Kindheit unter Trennungsangst gelitten hatten. Die Patienten
gaben aber auch an, dass sie häufiger als die Kontrollpersonen
tatsächliche Trennungserlebnisse in ihrer Kindheit erfahren hatten.
Wiederum 60 Prozent der Patienten berichteten über mindestens eine
längere Trennung, aber nur 16 Prozent der gesunden Kontroll-
personen hatten eine schmerzliche Trennung von den Eltern erlebt.
Jetzt sollte man meinen, dass Trennungsängste und tatsächliche
Trennungserlebnisse direkt zusammenhängen, dass nämlich dieje-
nigen Personen, die als Kinder tatsächlich länger von ihren Eltern
separiert waren, diese Trennungsängste entwickeln, weil sie ja dies-
bezüglich schlechte Erfahrungen gemacht hatten. Aber genau das
stellte sich als unzutreffend heraus. Es gab einerseits Patienten, die

124
echte Trennungserlebnisse aufweisen konnten, und andere, die in
ihrer Kindheit mit Trennungsängsten kämpften; dabei hatte das eine
mit dem anderen nichts zu tun.
Scheinbar ist es so, dass diejenigen, die als Kinder schon unter
Trennungsangst litten, ohne tatsächlich getrennt worden zu sein,
bereits lange vor dem Ausbruch ihrer Panikerkrankung unter einer
— vielleicht angeborenen — Anfälligkeit für eine ängstliche
Verarbeitung von Separationen litten.
Daraus kann man Folgendes schließen: Die übergroße Angst von
Angstpatienten, dass sich ihr Partner von ihnen trennen könnte, ist
im Wesentlichen nicht darauf zurückzuführen, dass sie schon früher
oft von ihren Eltern verlassen worden sind, sondern scheint auf eine
anlagebedingte Neigung zu Trennungsängsten hinzuweisen.
Natürlich gibt es auch Menschen, die in ihrer Kindheit tatsächlich
von den Eltern massiv vernachlässigt und häufig allein gelassen
wurden. Dies führt zu bestimmten seelischen Schäden, aber nicht
unbedingt zu Angsterkrankungen.

ALS KIND ZU HEISS GEBADET

Viele meiner Patienten, die lange erfolglos mit einer Psychoanalyse


behandelt worden waren, beklagen sich darüber, dass ihrer Meinung
nach in der Therapie viel zu viel Aufhebens um ihre Erziehung in
der Kindheit gemacht wurde. «Ob ich als Kind zu heiß gebadet
worden bin, hat doch nichts mit meinen jetzigen Problemen zu tun»,
witzelte ein solcher Patient.
Unendlich viele Bücher wurden über die Verhaltensweisen und
Erziehungsstile der Eltern (wie «Vernachlässigung» oder «Überfür-
sorglichkeit») geschrieben. Genaue Mechanismen wurden darge-
stellt, wie durch ein bestimmtes Verhalten, ein falsches Wort am
falschen Platz, ständiges Nörgeln, eine zu harte Bestrafung, eine
Verweichlichung oder die Einschränkung des freien Willens durch
die Eltern ein Konflikt entsteht und wie dieser Konflikt zunächst im
Unbewussten aufkeimt, sich dort wie ein Krebsgeschwür einnistet

125
und sich dann in Form von merkwürdigen neurotischen Symptomen
äußert. So wurde behauptet, dass Menschen, wenn sie als Kind von
der Mutter zu früh zur Sauberkeitserziehung angehalten worden
waren, später zwanghafte, pedantische und geizige Menschen
wurden. Von psychologischen Kenntnissen unbelastete Menschen
würden allerdings intuitiv sagen, dass eine im Alter von 30 Jahren
aufgetretene Angsterkrankung nichts damit zu tun hat, dass man
früher einmal als Vierjähriger Schimpfe bekommen hatte, weil man
die Holzwolle aus dem Teddy gepult hatte.
Bereits in den fünfziger Jahren kritisierte der in London lebende
deutsche Psychologe Hans Jürgen Eysenck diese Sichtweise scharf
und sagte zur Bedeutung von Milieu, Schule und Elternhaus lapidar:
«Ihre Rolle ist sehr klein.» Dennoch halten sich bis heute Ansichten,
wonach das Wesen eines Menschen komplett durch die Umwelt
geprägt wird und alle seelischen Probleme auf bestimmte Verhal-
tensweisen der Eltern zurückgeführt werden.
Merkwürdigerweise waren sich die Vertreter der Umwelt-Theorie
nicht darüber einig, ob eher ein Zuwenig an Geborgenheit oder ein
Zuviel an Behütung oder eine Mischung aus beiden nun daran
schuld sein soll, dass man später im Erwachsenenalter eine Angst-
krankheit bekommt. Jemand, der in einem Buch Tipps geben wollte,
wie man Kinder erziehen sollte, um spätere Angsterkrankungen zu
vermeiden, wüsste nicht, ob er nun empfehlen sollte, den Kindern
mehr Freiheiten zu geben oder ihre Freiheiten mehr einzuschränken.
In unserer Befragung von Menschen mit einer Panikstörung und
gesunden Kontrollpersonen zeigten sich Unterschiede im Hinblick
auf das Erziehungsverhalten: Die Patienten beschrieben ihre Eltern
im Vergleich zu Kontrollen eher als streng, jähzornig, dominant,
überbehütend, charakterschwach und wenig fürsorglich.40
Solche Schilderungen der Eltern, teilweise nach über 40 Jahren
erhoben, sind allerdings mit größter Vorsicht zu behandeln, denn sie
sind noch weniger verlässlich als die Angaben zu belastenden Le-
bensereignissen. Aussagen wie «Mein Bruder wurde mir immer vor-
gezogen» oder «Meine Mutter hat mich nicht wirklich geliebt» sind
erheblich schwammiger und schlechter nachprüfbar als eine Mit-

126
teilung wie «Meine Mutter starb am 4.2.1963».
Es wäre möglich, dass die Erziehung sich in Wirklichkeit durch
nichts von der Erziehung der gesunden Kontrollpersonen unter-
schieden hat und dass die abweichenden Schilderungen schlicht
durch eine andersartige Wahrnehmung der Erziehung entstanden
sind. Panikpatienten könnten sich eher als ungerecht, lieblos oder
überfürsorglich behandelt fühlen, ohne dass dies tatsächlich der Fall
war. Der Grund für solche verzerrten Erinnerungen könnte nämlich
auch sein, dass Menschen mit einer Panikstörung schon als Kind
etwas ängstlicher und sensibler waren. So könnte es sein, dass sie
allein wegen ihrer erhöhten Empfindlichkeit ein völlig normales
Verhalten der Mutter als kalt, streng oder vernachlässigend be-
zeichneten.
Es könnte aber auch sein, dass die Beschreibung des elterlichen
Erziehungsverhaltens durch Vorurteile beeinflusst war. Jemand, der
unter seelischen Problemen leidet, bildet sich häufig auch mit ent-
sprechenden Büchern weiter oder liest ständig in der Presse, dass die
Erziehung an seinem Problem schuld sei. So sucht er natürlich —
stärker als die Kontrollpersonen — nach Hinweisen auf eine fehlge-
leitete Erziehung. Vor allem diejenigen Patienten, die schon einmal
in einer Psychotherapie waren, in der ständig über Mutter, Vater und
die Stellung in der Geschwisterreihe geredet wurde, machen sich
vielleicht ebenfalls die Meinung zu Eigen, dass sie ihr Problem einer
falschen Erziehung verdanken, ohne dass dies tatsächlich der Fall
war.
Damit soll natürlich nicht gesagt werden, dass Erziehung und
Familienkonstellation keinen Einfluss auf die Kinder haben. Natür-
lich wird zum großen Teil durch die Erziehung mitbestimmt, ob aus
Kindern freundliche, hilfsbereite und charmante Erwachsene werden
oder miesepetrige, gemeine und aggressive Stinkstiefel. Aber man
muss sich von dem Gedanken lösen, dass handfeste Angster-
krankungen allein durch eine verkorkste Erziehung verursacht
werden.

127
BESOFFENE HÜHNER

In einem amerikanischen Psychologielehrbuch aus den siebziger


Jahren fand ich einen Cartoon. Ein Psychotherapeut sagt darin zu
seinem Klienten: «Es gibt mehrere Gründe für Ihr Problem: Arbeits-
belastung, frühe Kindheitserfahrungen, chemisches Ungleichgewicht
und in erster Linie die Tatsache, dass Ihre Eltern verrückt wie
besoffene Hühner sind.» In dieser Aussage, so abwegig sie klingt,
steckt ein bisschen Realität.
Dies erfuhren wir auch, als wir an der Universität Göttingen unsere
schon erwähnte groß angelegte Untersuchung zu den Ursachen von
Angsterkrankungen durchführten. Wir befragten nicht nur Patienten
mit einer Panikerkrankung und einer Borderline-Störung, sondern
auch Menschen mit einer Sozialen Phobie über belastende Ereignisse
in ihrer Kindheit und subtilere Einflüsse wie bestimmte
Erziehungsstile. Außerdem prüften wir noch die Möglichkeit, ob
solche Erkrankungen möglicherweise auch durch Schäden während
der Geburt (zum Beispiel durch Sauerstoffmangel) ausgelöst
wurden. Als Letztes fragten wir noch, ob die Eltern ebenfalls unter
Angsterkrankungen oder anderen psychischen Krankheiten gelitten
hatten.
Wir wollten wissen, welcher Faktor eigentlich die entscheidendste
Rolle spielt: Traumata, Erziehung, Geburtsschäden oder Vererbung?
Dabei muss man bedenken, dass alle die genannten möglichen
Ursachen für das Entstehen einer Angsterkrankung miteinander in
irgendeiner Form zusammenhängen können. Ein Beispiel: Mike B.,
ein Patient mit einer Panikstörung, hat einen Vater, der ebenfalls
unter einer Panikstörung litt. Der Vater war Alkoholiker, schlug
seine Kinder und seine Frau, war arbeitslos und trotzdem selten zu
Hause. Warum hat nun Mike B. seine Angsterkrankung bekommen?
Weil er als Kind geschlagen wurde? Weil er bei seinem Vater die
Panikstörung beobachtet hatte? Weil die Eltern Eheprobleme hatten?
Weil der Vater arbeitslos war? Weil der Vater fast nie zu Hause war?
Oder weil er Alkoholiker war? Oder war es einfach so, dass der
Patient die Panikstörung mit den Genen übertragen bekam und alle

128
anderen widrigen Umstände gar nichts damit zu tun hatten und dass
der Vater Alkoholiker war, weil er gegen seine Ängste antrank und
alle anderen Probleme wie die Gewalttätigkeit nur eine Folge des
Alkoholismus waren?
Man kann sich heftig täuschen, wenn man einfach den Zusam-
menhang zweier Faktoren untersucht, ohne zu bedenken, dass drei,
vier weitere Umstände auf komplizierteste Weise diese beiden Fak-
toren beeinflussen. Dies möchte ich an einem Beispiel erklären: Ein
Wissenschaftler hat festgestellt, dass Alkoholmissbrauch Lungen-
krebs verursacht. Sie werden jetzt sagen: «Moment mal — Lungen-
krebs kommt doch vom Rauchen?!» Aber der Forscher hält Ihnen
eine klare Korrelation (das heißt einen rechnerischen Zusammen-
hang) vor, nach der zwischen Alkohol und Krebs eine starke Ver-
knüpfung besteht. Bei näherer Betrachtung hat sich der Wissen-
schaftler aber geirrt: Die Korrelation ist dadurch entstanden, dass
Leute, die zu viel Alkohol trinken, meist auch zu viel rauchen. Daher
ist tatsächlich bei Alkoholikern Lungenkrebs häufiger — aber es
besteht keine direkte, ursächliche Verkettung zwischen den beiden
Faktoren. Die Wechselbeziehung entsteht nur indirekt über einen
dritten Faktor, nämlich das Rauchen. Wenn jemand zu viel Alkohol
trinkt, aber nicht raucht, hat er wahrscheinlich kein erhöhtes Risiko,
Lungenkrebs zu bekommen. Wissenschaftlich ausgedrückt: Eine
hohe Korrelation zwischen zwei Phänomenen beweist keinen
Kausalzusammenhang.
Wie kann man jetzt herausfinden, woran es wirklich liegt, dass
manche Menschen eine Panikstörung bekommen und andere nicht?
Seelische Traumata, Erziehung, Vererbung oder Geburtsschaden —
das scheint ein kompliziertes und fast aussichtsloses Unterfangen zu
sein.
Mit einem raffinierten statistischen Verfahren kann man allerdings
aufklären, welchen Anteil jede Ursache allein ausmacht. Mit einer so
genannten logistischen Regression kann man sämtliche Zu-
sammenhänge miteinander verrechnen und am Ende mit etwas
größerer Sicherheit sagen, welcher dieser Risikofaktoren den größten
Anteil an der Entstehung einer Angsterkrankung hat.

129
Ich fütterte meinen Computer also mit allen Daten, die wir zu den
verschiedenen Risikofaktoren bei den Patienten erhoben hatten.
Anschließend fragte ich ihn: «Was oder wer ist schuld daran, wenn
ich eine Soziale Angststörung bekomme?» Der Computer antwortete:
«Es ist egal, wie Ihre Eltern Sie erzogen haben, ob die Eltern zu viel
Alkohol getrunken oder Sie geschlagen haben. Sie waren während
der Geburt wahrscheinlich nicht blau, und sexueller Missbrauch
spielte keine Rolle. Eine längere Trennung von Ihren Eltern hat das
Risiko, eine Soziale Angststörung zu bekommen, dreifach erhöht.
Aber: Wenn Ihre Eltern schon irgendeine neurotische Störung hatten,
hat das Ihr Risiko 127fach erhöht.»45 Das heißt mit anderen Worten:
Vererbungsfaktoren spielten dieser Untersuchung zufolge die größte
Rolle, während die Erziehung, die früher immer als die Haupt-
ursache dieser Erkrankungen angesehen wurde, praktisch keinen
Einfluss auf das Entstehen einer Sozialen Angststörung zu nehmen
scheint.
Bei den Patienten mit einer Panikstörung fanden wir ebenfalls
heraus, dass das Risiko, eine solche Angsterkrankung zu bekommen,
hauptsächlich durch Vererbung bestimmt war. Schwere belastende
Ereignisse wie sexueller Missbrauch spielten auch eine nicht zu
vernachlässigende Rolle, die aber deutlich geringer war als die der
Vererbungsfaktoren. Das überraschendste Ergebnis war aber, dass
die Erziehung offensichtlich überhaupt nichts damit zu tun hatte,
dass die Patienten unter einer Panikstörung litten.
Wohlgemerkt: Zwar hatten sich die Angstpatienten in der Unter-
suchung beschwert, dass ihre Eltern sie nicht liebevoll erzogen hät-
ten. Dieser Zusammenhang darf aber nicht derart interpretiert
werden, dass die Erziehung die Ursache der Angsterkrankung ist,
sondern lediglich so, dass zwischen den beiden Phänomenen eine
Korrelation besteht, die über ein drittes Phänomen vermittelt wird.
Dieses Beispiel zeigt, dass man die Risikofaktoren nicht getrennt be-
trachten darf. Nur mit Hilfe komplizierter Computerberechnungen
ist man heute in der Lage, solche vereinfachenden Zusammenhänge
als fehlerhaft zu identifizieren. Diesen Fehler haben aber Genera-
tionen von Psychologen und Psychiatern jahrzehntelang gemacht:

130
Durch die isolierte Betrachtungsweise des Faktors «Erziehung»
haben sie vor der Welt, aber auch vor sich selbst die Illusion
aufgebaut, dass eine fehlgeleitete Erziehung an der Entstehung der
Angsterkrankungen ursächlich beteiligt sei.
Durch diesen Irrtum wurden Generationen von Müttern mit
massiver Schuld belegt. Sie haben sich vielleicht ein Leben lang Vor-
würfe gemacht, dass sie für die Angstkrankheit ihrer Kinder haftbar
zu machen seien. Und zu allem Überfluss hatte man auch immer zu-
erst die Mütter verantwortlich gemacht und die Väter außen vor ge-
lassen.

DER COITUS INTERRUPTS. DIE COUSINE UND DIE ROTE


COUCH: DIE PSYCHOANALYSE

Viele Menschen setzen Psychotherapie und Psychoanalyse gleich


und vermuten, dass jeder, der zu einem Psychotherapeuten geht,
«auf der Couch landet». Dabei ist die Psychoanalyse nur eine von
mehreren Richtungen in der Psychotherapie. Die analytische Theorie
war jedoch die erste, die sich intensiv mit Ängsten beschäftigte.

Die Dampfkesseltheorie
Wer über Angst redet, kommt an Freud nicht vorbei. Sigmund Freud
war Professor für Neuropathologie an der Wiener Universität und
begründete gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Psychoanalyse.
Freud muss man zwiespältig sehen. Seine Theorien lösen heute in
Kreisen von Wissenschaftlern harsche Kritik, manchmal Lächeln aus,
aber fast nie die uneingeschränkte Zustimmung, die sie in den Jahren
zwischen 1930 und 1970 erhielten. Eines der beliebtesten Hobbys
amerikanischer Psychiater ist «Freud bashing», Freud madig
machen, das heißt, über seine Theorien herzuziehen. Was wirft man
ihm vor? Auch damals, als Freud seine Hypothesen vorstellte, gab es
Vorbehalte. Nur waren diese anderer Natur als heute. Zu seiner Zeit
warf man ihm vor, dass er hinter jedem Verhalten, ob krankhaft oder
normal, ausschließlich sexuelle Hintergründe sah. Kurz nach der

131
Jahrhundertwende war das mehr, als die prüde Öffentlichkeit
ertragen konnte. Selbst Kindern schrieb er ein Sexualleben zu —
damals ein Unding. Seine Kritiker kreideten ihm nicht etwa an,
unwissenschaftlich zu arbeiten, sondern eine Art Perverser zu sein,
der unschuldigen Kindern sündige Gedanken zuschrieb. Somit kam
Freud das Verdienst zu, zur Enttabuisierung der Sexualität
beigetragen zu haben.
Heute werden die Freud'schen Theorien aus einer ganz anderen
Warte kritisiert; sie seien unwissenschaftlich, nicht überprüft und
spekulativ. Von Freud stammen die ersten ausgefeilten Hypothesen
zur Entstehung von krankhafter Angst. Sie zu beschreiben ist gar
nicht so einfach, denn Freud änderte im Laufe seines Lebens immer
wieder seine Ansichten über die Entstehung von Ängsten. Im Jahre
1895 veröffentlichte er seine Schrift «Über die Berechtigung, von der
Neurasthenie einen bestimmten Symptomenkomplex als ‹Angst-
neurose› abzutrennen».13 Er schilderte darin zwei Arten von Angst-
neurosen, von denen die eine dem heutigen Begriff der «Panik-
störung» nahe kommt und die andere der «Generalisierten Angststö-
rung» entspricht. Er unterschied zwei Hauptgruppen von Neurosen:
die «Aktualneurosen» (zu denen er die Angstneurosen rechnete) so-
wie die «Psychoneurosen» (zu denen beispielsweise die Zwangser-
krankungen zählten). Für die Aktualneurosen vermutete er zunächst
eine körperliche, für die Psychoneurosen eine seelische Ursache. Bei
den Angstneurosen trennte er verschiedene Erscheinungsbilder: eine
akute Form mit «frei flottierender Angst» (modern ausgedrückt:
«Panikstörung»), ein chronischer Angstzustand (modern: «Generali-
sierte Angststörung») sowie die «phobische Neurose» (hierunter fal-
len die Agoraphobie und andere Phobien).
Angstanfälle — die heutigen Panikattacken — hielt Freud zunächst
für körperlich, nicht seelisch verursacht, und damit nach seinen
Worten durch die Psychoanalyse nicht behandelbar. Das ist bemer-
kenswert, denn obwohl er diese Meinung später fallen ließ, griff er
mit der Einordnung dieser Erkrankung als biologisch verursacht den
heutigen neurobiologischen Theorien zur Entstehung von Panik vor.
Freud nahm übrigens bei den Angstneurosen zunächst auch eine

132
erbliche Belastung an. Auch damit lag er nicht falsch, wie sich viel
später zeigte. Weiterhin sah er «banale Schädlichkeiten» (aktuelle
Lebensbelastungen oder chronische Anstrengungen) als Ursache der
Angstneurosen an.
Nachdem diese Theorie nicht mit der Wirklichkeit in Einklang zu
bringen war, änderte er seine Ansicht und entwickelte die «Erste
Angsttheorie». Diese brachte er auf folgenden Punkt: «Unterdrückte
— ‹verdrängte› — Triebregungen, meist sexueller Natur, werden in
Angst umgewandelt.»46
Im Gegensatz zu den «hysterischen» und «traumatischen Neuro-
sen» nahm er an, dass die Angstneurose nicht aus einem früheren
Trauma entstehe, sondern eine Folge einer Erregung sei, die keine
psychische Ableitung zulasse («Dampfkesseltheorie»). Die bei der
Angstneurose auftretende Angst habe ihren Mechanismus «in der
Ablenkung der somatischen Sexualerregung vom Psychischen und
einer dadurch verursachten abnormen Verwendung dieser Erre-
gung».
Welche Gründe führten nun nach Freud dazu, dass sich sexuelle
Energie anstauen kann? Abstinenz oder sexuelle Frustration seien
schuld — so der Psychoanalytiker. Angst entstehe zum Beispiel
dann, wenn jemand überhaupt keinen Geschlechtsverkehr habe. Ein
anderer Grund sei, dass es bei jungen Paaren im «Brautstande», also
bei Verlobten, zur sexuellen Erregung ohne Befriedigung komme.
Auch staue sich die Energie, wenn es bei einer neu vermählten Frau
zu unzureichender Befriedigung komme, weil der Mann impotent ist
oder Coitus interruptus betreibt — damals eine weit verbreitete Art
der Empfängnisverhütung.46
Mitte der zwanziger Jahre gab Freud diese Luststau-Theorie wieder
auf. Vielleicht weil er selbst merkte, dass diese Theorie zwar
spannend und erregend klang, aber leider nicht stimmte. Er entwi-
ckelt im Anschluss daran die «Zweite Angsttheorie».47 Um diese zu
erklären, kommen wir auf die psychoanalytischen Begriffe «Es» und
«Über-Ich» zurück. Das Es stellt sozusagen das Triebleben des Men-
schen dar, das auf dem Niveau eines wilden Tieres ist. Das Es will
fressen, saufen und guten Sex, und zwar sofort. Es ist der Wolf im

133
Menschen, der wehrlose Lämmer zerfleischen würde, oder der Stier,
der eine Kuh nach der anderen auf der Weide begattet. Das Es kennt
keinen Aufschub, keine Benimmregeln, keinen Ehrenkodex.
Menschen, die ein zu stark ausgebildetes Es besitzen, werden Raub-
mörder oder Sexualtriebtäter.
Das «Über-Ich» dagegen ist das schlechte Gewissen in uns. Es
kennt alle Regeln, Vorschriften, Gesetze und Verbote, die uns die El-
tern, Pädagogen, Priester, Polizisten und Gesetzgeber auferlegt ha-
ben. Überall wittert das Über-Ich Unrat. Alles, was Spaß macht, wird
einem madig gemacht oder mit einem Tabu belegt: «Essen macht
dick. Wein trinken macht süchtig. Sex ist schweinisch, man holt sich
ansteckende Krankheiten, kriegt unerwünschte Kinder und bezahlt
am Ende teuer dafür.» Menschen, die ein zu starkes Über-Ich haben,
werden Angstpatienten — so die Theorie.
Angst wird nach der Zweiten Angsttheorie ausgelöst, wenn diese
verbotenen Triebwünsche des Es zutage treten und vom Über-Ich
mit Bestrafung bedroht werden. Diese beiden Instanzen, das Es und
das Über-Ich, befinden sich verborgen in unserem Unbewussten. Es
gibt jedoch noch eine dritte Instanz, das «Ich», das sich mehr im
Bewusstsein aufhält. Wenn das Es und das Über-Ich miteinander
kämpfen, bekommt das Ich davon nichts mit. Das Einzige, was das
Ich wahrnimmt, sind die unerklärlichen Angstsymptome — wie
Schwitzen, Zittern oder Herzrasen.
Die weit verbreitete Angst im Fahrstuhl könnte ein Psychoanaly-
tiker zum Beispiel so erklären:

Eine Frau betritt einen Fahrstuhl, in dem sich mehrere Menschen befinden,
darunter auch einige Männer. Jetzt spielt sich in ihrem Unbewussten
folgende Szene ab: Das Es, das ja bekanntlich keine Hemmungen kennt,
meldet sich: «Brigitte, du könntest ja mal dem Mann, der so dicht neben dir
steht, in den Schritt fassen. Ihr könntet es ja hier vor allen anderen treiben.»
Darauf meldet sich das Über-Ich: «Brigitte, bist du völlig übergeschnappt?
Du kennst den Mann doch gar nicht, er würde dich wegstoßen, das wäre ja
superpeinlich, und was würden denn die anderen Leute sagen?» Brigitte
selbst (beziehungsweise ihr Ich) bekommt von diesem merkwürdigen
Dialog überhaupt nichts mit, da das Ganze ja in ihrem Unbewussten

134
stattfindet. Natürlich hat sie überhaupt nicht vor, einen dieser unappetit-
lichen alten Männer im Fahrstuhl überhaupt nur zu berühren. Das Einzige,
was sie merkt, sind Angstsymptome wie weiche Knie, Herzrasen oder
Luftnot — ein Ausdruck des Kampfes, der zwischen dem Es und dem
Über-Ich in ihrem Unbewussten abläuft.

Solche Kämpfe der beiden Instanzen finden nicht nur bei Angst-
patienten, sondern auch bei allen gesunden Menschen statt. Die
gesunden Menschen reagieren darauf — so die Ansicht der Psycho-
analyse — mit einem «Abwehrmechanismus» — in diesem Fall mit
«Verdrängung». Freud schrieb: «Triebregungen, die als verboten er-
lebt werden, erzeugen Angst. Diese Angst setzt den Prozess der Un-
terdrückung — (Verdrängung) — dieser Regungen in Gang.»48 Wenn
dieser Abwehrmechanismus bei den Angstpatienten versagt, weil
die Angst zu stark wird, bricht die volle Angstattacke durch. So je-
denfalls diese Theorie.

Die böse Tyrannin


Vergebens wird man heute in der psychoanalytischen Literatur nach
einer homogenen Theorie zur Erklärung von Ängsten suchen. Dies
ist eines der Probleme, die die Psychoanalyse hat. Es wurde nie nach
einem einheitlichen Prinzip gesucht, das vielleicht am häufigsten für
die Entstehung von Angsterkrankungen verantwortlich ist, sondern
es wurden immer neue Modelle entwickelt, ohne die alten zu
berücksichtigen. So wurden die Freud'schen Theorien immer wieder
durch völlig andere ausgetauscht.
Ein Konflikt sei es, hieß es beispielsweise, der einer Angstneurose
zugrunde liege. So wurde gesagt, dass sich die Angstpatienten in
ihrer Phantasie einerseits überstark an die Mutter klammern, an-
dererseits diese Symbiose aber gleichzeitig zerreißen wollen, um sich
von der «Umklammerung der bösen Tyrannin» zu befreien. Aber
dies ist nur eine Variante: Es gibt so viele psychoanalytische Er-
klärungen zur Entstehung von Ängsten, wie es psychoanalytische
Autoren gibt.

135
Eine Schwierigkeit des Konflikt-Modells ist auch, dass keine all-
gemein gültigen Hypothesen aufgestellt wurden, warum sich bei ei-
nigen Menschen diese überstarken Konflikte ausbilden und bei an-
deren nicht. Vereinfachend können folgende Erklärungsmodelle
unterschieden werden, die in der psychoanalytischen Literatur als
Verursachungsfaktoren genannt werden: traumatische Kindheitser-
lebnisse wie die Trennung von der Mutter in den frühen Kindheits-
jahren, das Beobachten sexueller Handlungen bei den Eltern, sexu-
eller Missbrauch in der Kindheit, eine falsche Erziehung durch eine
vernachlässigende oder überbeschützende Mutter oder ein Todesfall
in der Familie.
Da es ein Problem der psychoanalytischen Literatur ist, dass ge-
nerell keine Prozentzahlen genannt werden, bleiben viele Fragen of-
fen: Welche dieser genannten Risikofaktoren ist am häufigsten zur
Verantwortung zu ziehen? Kann auch eine Kombination dieser Fak-
toren schuld sein? Wie kann ich bei einem bestimmten Patienten
herausfinden, ob die überfürsorgliche Mutter, der Tod des Großva-
ters oder die streitsüchtige Ehefrau an den Angstanfällen schuld ist?
Man täuschte sich lange über das Ausmaß des Einflusses, den die
traumatischen frühkindlichen Erlebnisse haben. Heute weiß man,
dass es Kinder aus völlig zerrütteten Familien gibt, die komplett
normal sind, und Kinder aus gutbürgerlichen, harmonischen Ver-
hältnissen mit liebevollen Eltern, die unter schwersten Ängsten lei-
den.

Sexueller Missbrauch
Sigmund Freud brachte sexuelle Belästigung, Missbrauch und Inzest
immer wieder mit den Angstneurosen in Verbindung. Er illustrierte
dies an seiner Geschichte von «Katharina».49 Freud unternahm eine
Wanderung in die Hohen Tauern, um «die Neurosen zu vergessen».
In einem Gasthaus wurde er von der Wirtstochter angesprochen. Die
18-jährige Katharina schilderte Freud typische Panikattacken:

Ich hab' so Atemnot, nicht immer, aber manchmal packt's mich so, dass ich
glaub, ich erstick'... Dann legt's sich zuerst wie ein Druck auf meine Augen,
der Kopf wird so schwer und sausen tut's, nicht auszuhalten, und

136
schwindlich bin ich, dass ich glaub, ich fall' um, und dann presst's mir die
Brust zusammen, dass ich keinen Atem krieg'... Den Hals schnürt's mir
zusammen, als ob ich ersticken sollt ... Ich glaub' immer, ich muss jetzt
sterben.

Später berichtete sie ihm, dass sie die Panikattacken bekommen


hatte, nachdem sie im Alter von 16 Jahren ihren Vater beim Sexual-
akt mit ihrer Cousine beobachtet hatte:

«Ich schau hinein, das Zimmer war ziemlich dunkel, aber da seh ich den
Onkel und die Franziska, und er liegt auf ihr.» — «Nun?» — «Ich bin gleich
weg vom Fenster, hab' mich an die Mauer angelehnt, hab' die Atemnot
bekommen, die ich seitdem hab', die Sinne sind mir vergangen, die Augen
hat es mir zugedrückt und im Kopf hat es gehämmert und gebraust.»

In Wirklichkeit hatte es sich nicht um den Onkel gehandelt, sondern


um Katharinas Vater. Um aber das Wiedererkennen der tat-
sächlichen Personen zu vermeiden, hatte Freud zunächst den Vater
als «Onkel» bezeichnet. Viele Jahre später erst korrigierte Freud diese
Darstellung. In weiteren Gesprächen mit Katharina stellte sich auch
heraus, dass der Vater nicht nur ihrer Cousine, sondern auch
Katharina selbst im Alter von 14 nachgestellt und sie unsittlich
berührt hatte. Katharina war einmal mit ihm in einem Wirtshaus in
einem Doppelzimmer untergebracht:

Er blieb trinkend und kartenspielend in der Stube sitzen, sie wurde


schläfrig und begab sich frühzeitig in das für beide bestimmte Zimmer im
Stocke. Sie schlief nicht fest, als er hinaufkam, dann schlief sie wieder ein,
und plötzlich erwachte sie und «spürte seinen Körper» im Bette. Sie sprang
auf, machte ihm Vorwürfe. «Was treibens denn, Onkel? Warum bleibens
nicht in Ihrem Bette?» Er versuchte sie zu beschwatzen: «Geh', dumme
Gredel, sei still, du weißt ja nicht, wie gut das is.» — «Ich mag Ihr Gutes
nicht, nit einmal schlafen lassen's

Solche Vorfälle, so schilderte Katharina, waren noch häufiger vorge-


kommen. Später ging Freud der Sache tiefer auf den Grund und
sprach noch einmal den Vorfall mit ihrer Cousine Franziska an:

137
«Jetzt weiß ich schon, was Sie sich damals gedacht haben, wie Sie ins Zim-
mer hineingeschaut haben. Sie haben sich gedacht: Jetzt tut er mit ihr, was
er damals bei Nacht und die anderen Male mit mir hat tun wollen. Davor
haben Sie sich geekelt, weil Sie sich an die Empfindung erinnert haben, wie
Sie in der Nacht aufgewacht sind und seinen Körper gespürt haben.» Sie
antwortet: «Das kann schon sein, dass ich mich davor geekelt und dass ich
damals das gedacht hab'.»
«Sagen Sie mir einmal genau, Sie sind ja jetzt ein erwachsenes Mädchen
und wissen allerlei —» «Ja, jetzt freilich.»
«Sagen Sie mir genau, was haben Sie denn in der Nacht eigentlich von
seinem Körper gespürt?»
Sie gibt aber keine bestimmtere Antwort, sie lächelt verlegen und wie über-
führt, wie einer, der zugeben muss, dass man jetzt auf den Grund der
Dinge gekommen ist, über den sich nicht mehr viel sagen lässt. Ich kann
mir denken, welches die Tastempfindung war, die sie später deuten gelernt
hat.

Was wollte Freud mit dieser Geschichte erreichen? Ohne Zweifel


liest sie sich gut. Es gibt aber auch ein Problem: Durch diesen Fall
könnte der Eindruck erweckt werden, dass Angstattacken immer auf
Inzest zurückzuführen seien. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass
es sich bei Katharina um ein Einzelschicksal handelte. Um heraus-
zufinden, ob sexuelle Grenzüberschreitungen in der Familie daran
schuld sind, dass Menschen später eine Panikstörung entwickeln,
müsste man eine große Gruppe von Panikpatienten befragen, ob sie
in ihrer Kindheit sexuell belästigt worden waren. Solche Untersu-
chungen hat Freud nie gemacht. Im Grunde konnte er noch nicht
einmal nachweisen, ob Katharina nicht auch eine Panikstörung be-
kommen hätte, wenn sie diese Erlebnisse nicht gehabt hätte — viel-
leicht wirkte das Beobachten des Sexualakts ihres Vaters mit Fran-
ziska lediglich als Auslöser und nicht als Ursache der Angstanfälle.
Um solche Überlegungen kümmerte sich Freud allerdings niemals.
Ihm ging es offensichtlich nicht um die exakte Wissenschaft. Gemäß
der Devise «Sex verkauft sich gut» ging es ihm scheinbar nur darum,
seine Theorie, dass Angst etwas mit Sex zu tun habe, durch
spektakuläre Fallberichte zu illustrieren.

138
Um herauszufinden, ob Panikpatienten tatsächlich gehäuft als
Kinder sexuell belästigt worden waren, befragten wir — fast hundert
Jahre nach Freuds Theorie — zum ersten Mal eine Gruppe von
Panikpatienten, die groß genug war, um verlässliche wissen-
schaftliche Aussagen machen zu können. Wie schon dargestellt,
konnten wir in unserer groß angelegten Befragung von Panik-
patienten auch tatsächlich zeigen, dass Angstpatienten über sexuelle
Grenzüberschreitungen, aber auch über sexuellen Missbrauch mit
Penetration in ihrer Kindheit häufiger berichteten als Normal-
personen. Es wäre dennoch falsch, sexuellen Missbrauch als die
alleinige Ursache für eine Angststörung anzusehen. Denn immerhin
berichteten über 80 Prozent der Panikpatienten nicht über sexuelle
Belästigungen.
Kann es aber sein, dass die übrigen 80 Prozent der Patienten, die
sich nicht an ein solches Ereignis erinnerten, auch als Kind miss-
braucht worden sind, es aber nicht mehr wissen, weil sie es ins Un-
terbewusstsein verdrängt haben, wie lange angenommen wurde?
Gedächtnisforscher wie die Psychologie- und Juraprofessorin Eliza-
beth F. Loftus aus Seattle sind heute der Meinung, dass es dieses be-
hauptete Phänomen der Verdrängung gar nicht gibt.50 51 Abgesehen
davon, dass praktisch alles, was einem Kind vor dem vierten oder
fünften Lebensjahr passiert, sowieso vergessen wird, ob es nun ein
schlimmes oder ein schönes, ein wichtiges oder ein unwichtiges Er-
lebnis war, werden nach dieser Zeit der «kindlichen Amnesie» ein-
schneidende Ereignisse in der Regel nicht aus dem Gedächtnis ge-
löscht. Möglicherweise werden unangenehme Erinnerungen in den
Hintergrund geschoben; «verdrängt» werden sie jedoch nicht. Ganz
im Gegenteil klagen Patienten mit einer posttraumatischen Belas-
tungsstörung ja darüber, dass sie ein belastendes Ereignis eben nicht
vergessen können. In einer unserer eigenen Untersuchungen
berichteten fast 80 Prozent der Patienten mit einer Borderline-
Störung über sexuellen Missbrauch, und sie konnten sich meist auch
sehr genau daran erinnern.41 Und obwohl sie diese Erinnerung nicht
im Unbewussten verborgen hielten, waren sie trotzdem schwer
seelisch krank.

139
Es scheint also nicht zuzutreffen, dass eine Psychotherapie einen
verdrängten Missbrauch aufspüren und so die schädlichen Folgen
für die Seele mindern kann. Andererseits ist es aber möglich, dass ein
Psychotherapeut einem Patienten einen Missbrauch einredet, der gar
nicht stattgefunden hat. Das nämlich versuchen heute noch einige
Psychotherapeuten, die eine einfache Form der Freud'schen Theorie
verinnerlicht haben und ausnahmslos alle psychischen Probleme
ihrer Klienten auf verdrängte sexuelle Impulse zurückführen.
Elizabeth Loftus führte etwa 200 Gedächtnisexperimente mit mehr
als 20 000 Teilnehmern durch und konnte dabei nachweisen, dass es
durchaus möglich ist, Menschen Erinnerungen an Dinge, die nie
passiert sind, einzureden.52 So zeigte sie, dass ein übereifriger Polizist
einen Zeugen so beeinflussen kann, dass er behauptet, etwas gesehen
zu haben, was sich nie abgespielt hat. Oder ein eilfertiger
Psychotherapeut könnte einer Patientin einreden, dass ein Inzest
durch ihren Vater stattgefunden habe, der sich in Wirklichkeit nie
zugetragen hat. Und das, obwohl die Patientin vor der Therapie ein
gutes Verhältnis zu ihrem Vater hatte und sich partout nicht an ein
solches Ereignis erinnern konnte.
Ein Beispiel: Missouri, USA, im Jahre 1992: Die 19-jährige Beth
Rutherford begibt sich wegen Spannungskopfschmerzen in eine
Psychotherapie bei einem kirchlichen Berater. Der redet ihr ein, dass
ihr Vater — ein Geistlicher — sie zwischen dem siebten und vier-
zehnten Lebensjahr regelmäßig vergewaltigt habe. Ihre Mutter solle
dabei geholfen haben, indem sie die Tochter festgehalten habe. Unter
Anleitung des Therapeuten erinnerte Beth Rutherford sich, dass ihr
Vater sie zweimal geschwängert und dann gezwungen habe, das
Kind mit einem Kleiderbügel aus Draht abzutreiben. Als die Sache
bekannt wurde, musste der Vater von seinem kirchlichen Amt
zurücktreten. Später ergab eine ärztliche Untersuchung, dass Beth
Rutherford noch Jungfrau war. Beth Rutherford verklagte den
Therapeuten und erhielt eine Million Dollar Schadensersatz.52
Auf die Welle von so genannten in der Therapie aufgeklärten
kindlichen Missbrauchsereignissen folgte eine Lawine von Kunst-
fehlerprozessen: Die durch den eingeredeten angeblichen Miss-

140
brauch psychologisch geschädigten Patienten erhielten die in den
USA üblichen astronomischen Entschädigungssummen von den
Versicherungen der Therapeuten.
Auch in Deutschland gab es einen Mammutprozess, nachdem eine
Religionslehrerin mit einer psychologischen Zusatzausbildung bei
von ihr betreuten Kindern einer Familie angeblich Zeichen sexuellen
Missbrauchs festgestellt hatte. Insgesamt 25 Personen — Verwandte
und Bekannte — wurden angeklagt. Am Ende stellte sich heraus,
dass der Missbrauch nie stattgefunden hatte — außer in der
Phantasie der Religionslehrerin. Nachdem sich keinerlei Beweise für
die Behauptungen finden konnten, wurden alle freigesprochen, bis
auf die Großmutter der Kinder. Sie war in der Untersuchungshaft
verstorben. Die mitangeklagte Mutter bekam ihre Kinder erst nach
zwei Jahren zurück.
Damit soll auf keinen Fall das Problem des sexuellen Missbrauchs
von Kindern wegdiskutiert werden. Sexuelle Übergriffe können
katastrophale und ein Leben lang anhaltende Folgen auf die Psyche
haben. Unsere Untersuchungen haben dies auch zeigen können.
Dennoch wäre es falsch, sexuellen Missbrauch als eine der
Hauptursachen von Angsterkrankungen anzunehmen.

Verwöhnt oder vernachlässigt — die Mutter ist schuld


Obwohl Angstpatienten aus zerrütteten Familienverhältnissen
kommen können, so stellten aber auch die Psychoanalytiker schon
früh fest, dass solche Umweltfaktoren nicht als alleinige Ursache
einer Angststörung herhalten konnten. Da doch einige Angstpa-
tienten aus intakten, ordentlichen Familien stammten und keine
gravierenden Kindheitserlebnisse gehabt hatten, wurde angenom-
men, dass nicht nur schwerwiegende Traumata, sondern auch
bestimmte elterliche Verhaltensweisen ausreichen, um eine Angst-
störung entstehen zu lassen. Der Umgang mit den Kindern, die Er-
ziehung, Liebe und Hass, Strenge und Nachlässigkeit seien im We-
sentlichen prägend für die spätere Psyche und für alle krankhaften
seelischen Zustände verantwortlich.
Bereits der Psychoanalytiker Alfred Adler sah zu Beginn des letz-
ten Jahrhunderts neurotische Erkrankungen als Folge falscher Er-
141
ziehung. Dabei sprach er von «Verwöhnung», «Vernachlässigung»
oder «autoritärer und hasserfüllter Unterdrückung». Seit dieser Zeit
versuchen Myriaden von Psychotherapeuten, aus den Äußerungen
ihrer Patienten über ihre Eltern Hinweise auf seelische Konflikte zu
finden, die dazu geführt haben, dass aus dem Kind später ein Neu-
rotiker wurde. Jeder Klaps auf den Po, jede Aufregung über eine ein-
genässte Hose, jede verweigerte Umarmung, jede aufgedeckte Ona-
nie wurden im Hinblick auf die katastrophalen Folgen für das
spätere Leben analysiert.
Da sich Angstpatienten offenbar auf Schutz und Geborgenheit
angewiesen fühlen, Angst vor dem Alleinsein haben, sehr stark auf
Trennungen wie beispielsweise Ehescheidungen reagieren und mehr
noch als andere nach einer stabilen Partnerschaft streben, wurde
vermutet, dass die Ursache einer Panikstörung in unzuverlässigen
Bindungen in der Kindheit begründet liegt. Der Psychoanalytiker
Karl König sah eine der wesentlichen Ursachen einer Phobie im
Erziehungsverhalten der Mutter («phobogene Mutter»). Er unter-
schied zwei Arten von Müttern, deren Verhalten zum Kind eine spä-
tere Phobie auslösen kann: «Die Mutter vom Typ A (‹anklammernd›)
warnt das Kind ständig vor Gefahren, sodass es nicht lernt, damit
umzugehen. Triebimpulse dürfen nur unter dem Schutz der Dauer-
kontrolle der Mutter voll ausgelebt werden; auch werden die eigen-
ständigen Handlungen des Kindes häufig von ängstlichen Reaktio-
nen der Mutter begleitet.
Die Mutter vom Typ D (‹distanziert›) geht wenig mit dem Kind
um, überlässt es sich selbst, erwartet aber die gleichen Entwick-
lungsfortschritte wie von einem Kind, das normale Möglichkeiten in
der Interaktion mit der Mutter hatte. Gründe für das distanzierte
Verhalten können ökonomische Gründe, eine latente Ablehnung des
Kindes, eine schizoide Kontaktstörung oder ehrgeizige Interessen
außerhalb der Familie sein.»53
Durch die unzuverlässige Mutterbindung in der Kindheit sei auch
zu erklären, dass Angstpatienten sich häufig von ihren Ehepartnern,
Freunden und Bekannten bei Einkäufen oder Behördengängen
begleiten lassen. So entstand die Theorie vom «steuernden Objekt».

142
Wenn man ein solches Objekt bei einem Patienten ausfindig mache,
sei dies ein Zeichen für eine starke kindliche Abhängigkeit von
Schutz gebenden Personen. Das steuernde Objekt solle die Loslösung
von der Mutter erleichtern. Es diene aber auch dazu, den Patienten
vor seinen eigenen schmutzigen Gedanken zu schützen. Dieses
Objekt könne zum Beispiel die Ehefrau sein (in der Analyse ist es
üblich, Menschen als «Objekte» zu bezeichnen). Die Funktion des
steuernden Objekts kann nach der psychoanalytischen Theorie aber
nicht nur von Menschen, sondern auch von Gegenständen, wie
einem Talisman, einer Schmusedecke54 oder sogar von einem Fahr-
rad übernommen werden. Der Psychoanalytiker Ulrich Streeck be-
richtet über einen Lehrer, der seine agoraphobische Angst, auf der
Straße zu gehen, dadurch abzubauen hoffte, dass er sein Fahrrad
neben sich herschob. Dies wurde so interpretiert, dass das Fahrrad
ein steuerndes Objekt sei. Wenn der Lehrer in der Fußgängerzone
spazieren ging, könnte es ja sein, dass sich plötzlich sein Unterbe-
wusstsein meldet und angesichts der Mädchen mit den sommerlich
kurzen Röcken sexuelle Impulse auftauchen, über diese Mädchen
herzufallen (dies alles spielt sich wohlgemerkt im Unterbewusst-sein
ab, der Lehrer bekommt davon nichts mit). Dann wäre es besser, sein
Fahrrad dabeizuhaben, denn «man könne ja ein Fahrrad nicht
einfach fallen lassen, um seinen Impulsen zu folgen».53 In einem
anderen Fall vermutete die behandelnde Analytikerin Christa
Schlierf, dass eine Patientin nur deshalb ein Beruhigungsmittel ein-
nahm und es ständig bei sich trug, weil es für sie das steuernde Ob-
jekt darstellte.55
Die genannten Beispiele könnten allerdings viel banaler erklärt
werden, wenn man berücksichtigt, dass Angstpatienten ständig
davon ausgehen, an einer notfallmäßig behandlungsbedürftigen
Erkrankung zu leiden. Die begleitende Ehefrau könnte im befürch-
teten Notfall Hilfe herbeiholen. Der Lehrer könnte im Falle einer
beunruhigenden Panikattacke mit dem Fahrrad schneller einen Arzt
aufsuchen. Die Beruhigungstablette könnte die Angst erfolgreich
bekämpfen.
Es ist aber nicht besonders typisch für Psychoanalytiker, dass sie

143
die naheliegendste Erklärung für bestimmte Phänomene suchen. Im
Gegenteil — je spektakulärer die Erklärung und je mehr sie mit Sex
zu tun hat, desto eher wird sie angenommen. Diese Erklärungen ha-
ben allerdings oft mit der Wirklichkeit so viel zu tun wie ein James-
Bond-Film mit der Arbeit im Polizeirevier von Salzgitter-Lebenstedt.
Die Theorie, dass ein falscher Umgang mit den Kindern schuld an
der späteren Angsterkrankung sei, ist eine der typischen psycho-
analytischen Gedankengebilde ohne eingebauten Sicherheitsgurt. Sie
lässt sich nicht beweisen. Wie schon dargelegt wurde, sind selbst die
Berichte von Angstpatienten, in denen die Eltern als autoritär, streng,
gemein oder charakterlos beschrieben wurden, kein Beweis für die
Verursachung von Angsterkrankungen durch die Erziehung. Dies
hat Folgen für die Behandlung: Will man die Psychotherapie allein
darauf abzielen, vermutete Erziehungsfehler rückgängig zu machen,
wird man den Patienten wahrscheinlich wenig helfen können. Auch
ist es naiv anzunehmen, dass man komplett angstfreie Kinder
heranziehen kann, wenn man als Mutter nur eine Punktlandung
zwischen Anklammern und Lockerlassen hinbekommt.

Die Pimmel-ab-Theorie
So viel zu Panikattacken. Wie bekommt man aber eine Soziale Pho-
bie? Auch für diese Erkrankung hat die Psychoanalyse eine Erklä-
rung parat. Das Elternhaus war schuld. Wie früher alle neurotischen
Erkrankungen auf Erziehungsfehler, Verhaltensweisen und
menschliche Schwächen der Eltern zurückgeführt wurden, so wurde
auch vermutet, dass soziale Ängste mehr oder weniger aus-
schließlich durch bestimmte Verhaltensweisen der Eltern während
der frühen Kindheit entstanden sind.
Zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr — so wird nach der
psychoanalytischen Theorie angenommen — entwickeln die Kinder
sexuelle Gelüste in Bezug auf ihre Eltern. Im Unbewussten, versteht
sich. Es ist nicht so, dass ein kleiner Junge bewusst denkt: «Ich will
Sex mit meiner Mutter.» Im Unbewussten dagegen können solche
Gedanken jedoch stattfinden. Jedenfalls führen, so die Theorie, die
144
triebhaften Wünsche dazu, dass der Junge sich seiner Mutter zu-
wendet, mit ihr kuscheln, zu ihr ins Bett klettern will. Vielleicht fühlt
sich der Vater jetzt abgewiesen. Der Junge hat keine Lust mehr, mit
ihm zu spielen, und will mehr mit seiner Mutter zusammen sein.
Vielleicht wendet sich aber auch die Mutter mehr und mehr vom
Vater ab, weil sie schon genug damit zu tun hat, dass der Sohn sie in
Beschlag nimmt. Jetzt kommt bei beiden Männern Eifersucht auf.
Vater und Sohn sind zu Rivalen geworden, ohne dass ihnen das
bewusst ist. Beim Kind schlägt nun das Über-Ich zu: Es will die
sexuellen Triebwünsche des Es bestrafen. Die Strafe ist drakonisch
und lautet: «Wenn du dich mit deiner Mutter abgibst, schneidet dir
dein Vater den Pimmel ab.»
Diese «Kastrationsbefürchtungen» des Kindes — und jetzt folgt ein
Gedankensprung, den nur ein Psychoanalytiker nachvollziehen kann
— machen sich später im Erwachsenenalter nicht mehr als Angst um
die Vollständigkeit des eigenen Körpers bemerkbar, sondern in
Phantasien, von anderen abgewertet, fertig gemacht, verspottet,
bloßgestellt, blamiert oder beschämt zu werden. Wie es aber genau
von der Kastrationsangst zu den späteren sozialen Ängsten kommt,
wird dann aber nicht näher erläutert.56
Eine aufregende Theorie! Aber wie wollen wir sie beweisen? Vater
und Mutter sind schon alt oder vielleicht gestorben, wenn sich ein
Patient mit einer Sozialen Phobie in die Behandlung begibt. Es wäre
unmöglich, die damaligen unbewussten Denkabläufe bei Kindern
und ihren Eltern zu rekonstruieren. Es ist auch keine Untersuchung
bekannt, nach der beispielsweise 80 von 100 Sozialphobikern über
Kastrationsängste in der Kindheit berichteten.
Wieder wird man das Gefühl nicht los, dass hier eine Theorie in die
Welt gesetzt wurde, bei der es kein bisschen um den Wahrheits-
gehalt, sondern ausschließlich darum ging, dass die Erklärung haar-
sträubend klingt und Aufmerksamkeit erregt.

Die Maus in der Vagina


Auch hinsichtlich der Entstehung Einfacher Phobien hat sich die
Psychoanalyse nicht mit banalen Begründungen abgegeben. Statt-
145
dessen hat man es bevorzugt, abenteuerlich klingende Sinndeutun-
gen zu liefern, die am besten auch noch schlüpfrige Inhalte hatten. So
wird die Panik der Frau angesichts einer kleinen Maus dadurch
erklärt, dass die Maus ja unter den Rock schlüpfen und in die Vagina
kriechen könnte. Diese unbewusste Angst vor einer Penetration
durch den Penis eines Mannes sei der Ausdruck von verpönten
Triebwünschen des Es, die vom Über-Ich sogleich mit Verboten be-
legt werden, was letztlich zu den Angstsymptomen führe. Auch eine
Schlange sieht ja, bei oberflächlicher Betrachtung, einem Penis
ähnlich — so könnte man die Angst vor Schlangen auch als Angst
vor Penetration erklären. Zugegebenermaßen klingen solche
Theorien verführerischer als die langweiligen und komplizierten
Hypothesen, die heute den Wissenschaftlern einfallen.

Gerüchte
Eines der Hauptprobleme der psychoanalytischen Theorie war im-
mer, dass man aus Einzelfallen auf die Gesamtheit schloss. Wenn ein
Psychoanalytiker drei Angstpatienten behandelt hat, die Einzel-
kinder waren, schreibt er einen Artikel darüber, wie ihre Stellung als
Einzelkind letztlich dazu geführt hat, dass sie ihre Angsterkrankung
bekommen haben. Hätte er eine einfache Strichliste bei hundert
Patienten geführt, hätte er feststellen müssen, dass Angstpatienten
eher aus Familien mit vielen Kindern kommen. So hielt sich
jahrelang die Ansicht, dass Menschen, die unter einer Herzangst (ein
früherer Begriff für eine Panikstörung) leiden, meist Einzelkinder
sind.57 58 In vielen Psychoanalysen wurde daher ausführlich die
Tatsache bearbeitet, dass der Patient ein Einzelkind war. Das Ergeb-
nis unserer Untersuchung von einer großen Gruppe von Menschen
mit Panikattacken: Ganz im Gegenteil zu dem früher verbreiteten
Gerücht von den Einzelkindern kamen sie überwiegend aus größe-
ren Familien.
Wenn zwei Angstpatienten sich beschwerten, dass ihre Mutter
ihnen verbot, im Matsch zu spielen, wurden diese Einzelfälle verab-
solutiert. So wurde zum Prinzip erhoben, dass Ängste dann entste-
146
hen, wenn die Mutter «die Autonomie des Kindes einschränkt».
Oft sind die Erkenntnisse zur Psychodynamik der Angststörungen
nur an kleinen Stichproben gewonnen worden. So basieren die
Überlegungen der deutschen Analytiker Horst-Eberhard Richter und
Dieter Beckmann zur Herzangst auf der Untersuchung von nur 35
Patienten — so viele, wie wir in unserer Angstambulanz in einer
Woche sehen.59 Ein bekanntes Buch des in Deutschland lebenden
griechischen Analytikers Stavros Mentzos über Angstneurosen ba-
siert auf nicht mehr als 25 Behandlungen von Angstpatienten.60 Die
amerikanischen Analytikerinnen Barbara Milrod und Katherine
Shear berichteten über 35 psychodynamische Therapien bei Patien-
ten mit Panikstörung, die sie aber noch nicht einmal selbst behandelt,
sondern nur anhand der Literatur zusammengestellt hatten.61
Sicherlich wurden alle diese Patienten sehr ausführlich untersucht;
um aber verlässliche wissenschaftliche Erkenntnisse sammeln zu
können, muss man sehr viel mehr erkrankte Personen untersuchen.
Dies fordern die ehernen Gesetze der Statistik.

Das Puzzle
Wenn eine neue Theorie gebildet wird, legt die Wissenschaft Wert
darauf, dass alle bisherigen Erkenntnisse mit den neuen Befunden in
Einklang gebracht werden. So wird mühsam Mosaiksteinchen für
Mosaiksteinchen zu einem Gesamtbild zusammengelegt. Psy-
choanalytiker sind dagegen Meister im Verwerfen alter Theorien. Es
scheint die Regel zu sein, dass jeder, der ein psychoanalytisches Buch
über die Ursachen von Angststörungen schreibt, von dem Gedanken
beseelt ist, eine ganz neue Theorie aufzustellen, die mit allen
bisherigen Theorien nicht vereinbar ist. Während es außerhalb der
Psychoanalyse üblich ist, dass man alle früher veröffentlichten
Befunde zu einem Thema mit allen Wenn und Aber gelesen und ver-
standen hat, und erst dann versucht, seine eigenen Befunde wie ein
Puzzleelement in das vorhandene Theoriegebäude einzupassen, so
ist man scheinbar in der Psychoanalyse besser beraten, wenn man
eine völlig neue, rasant und spektakulär klingende Theorie aufstellt,
die alle vorherigen Hypothesen Lügen straft.
147
Kein Wunder, dass sich Psychoanalytiker oft auch untereinander
heftig über die wahre Theorie streiten. So waren schon Alfred Adler
und Sigmund Freud höchstgradig verfeindet. Adler erklärte alle see-
lischen Problem mit Minderwertigkeitskomplexen, Freud mit Sex-
problemen. Während der in Penzing bei Wien geborene Adler Flug-
träume als «Gefühl der Überlegenheit» interpretierte, entgegnete ihm
der andere Wiener: «Lassen Sie sich's nicht nahe gehen, dass die oft
so schönen Flugträume, die wir alle kennen, als Träume von
allgemeiner sexueller Erregung, als Erektionsträume gedeutet wer-
den müssen.» Hier kommt übrigens wieder unsere Briefmarken-
theorie ins Spiel.
Warum aber haben sich die Psychoanalytiker jahrzehntelang ge-
wehrt, eine wissenschaftliche Überprüfung ihrer Theorien zuzulas-
sen? Das Argument war immer das gleiche: Es sei zu schwierig, die
komplexen Gedanken der Menschen in Zahlen zu fassen. Parallel zur
Psychoanalyse entwickelte sich allerdings in der Psychologie eine
Richtung, die sich von allen spekulativen Ideen loslöste. Die
empirische Vorgehensweise versuchte, durch sehr ausgefeilte Me-
thoden die Erkundung der menschlichen Seele von der Traumtän-
zerei auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Dabei zeigte sich,
dass es gar nicht so schwierig ist, sich darauf zu beschränken, nur
das zu behaupten, was einigermaßen wissenschaftlich abgesichert
ist. Dieser Wissenschaftszweig wurde von den Psychoanalytikern
jedoch völlig ignoriert.
Wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, munter drauf-
loszuphantasieren, dann spekuliert es sich schnell ganz ungeniert. So
mischen sich dann in der Psychoanalyse feinsinnige Beobachtungen,
tatsächliche wissenschaftliche Ergebnisse, wilde Vorstellungen, un-
zulässige Verallgemeinerungen, Amateurpsychologie und Salon-
blödsinn in einer nicht mehr durchschaubaren Weise.

Vom Konflikt zur Katharsis


«Ödipus, Schnödipus — Hauptsache, du hast deine Mammi lieb», so
witzelte einst der Frankfurter Humorist Friedrich Karl Waechter. Die
Reduktion aller psychischen Erkrankungen auf Mutterkonflikte war
oft Anlass für Psychoanalytikerwitze und auch wohl Ausdruck
148
dafür, dass viele Menschen diese Art von Erklärungen den Psycho-
analytikern nicht abnehmen.
Unglücklicherweise waren Freuds Nachfolger so besessen von
Sextrieben und ungelösten Konflikten, dass die Suche nach anderen
Ursachen der Angst — wie den genetischen oder biologischen — völ-
lig verkümmerte. Wie wir weiter unten sehen werden, spielen Ver-
änderungen bestimmter biologischer Systeme im Gehirn bei den
Angsterkrankungen, die wahrscheinlich auf dem Wege der Ver-
erbung übertragen werden, eine gewichtige Rolle und sind allemal
besser nachgewiesen als Ödipuskomplexe und Autonomiekonflikte.
Der Plan der Psychoanalyse sieht vor, dass in der Therapie die aus
der Kindheit stammenden Konflikte entdeckt und «gedeutet»
werden. Dadurch löse sich der Konflikt in Luft auf und die Krank-
heitssymptome verschwinden. Allerdings: Selbst wenn unbewusste
Konflikte aus der Kindheit die alleinige Hauptursache einer Angst-
störung wären, kann nicht zwingend angenommen werden, dass
diese Jahrzehnte später ausschließlich durch Gespräche wieder bei-
gelegt werden. Es ist fast naiv, anzunehmen, dass ein schrecklicher
Streit mit der Mutter im Alter von sechs Jahren später im reifen Alter
von 42 Jahren durch etwas lockere Konversation ungeschehen
gemacht werden kann. Ohne den kontrollierten Nachweis der
Wirksamkeit psychodynamischer Therapien, die auf der Aufde-
ckung der geforderten zugrunde liegenden Triebkonflikte basieren,
fällt es schwer, die Erklärungsmodelle zu ihrer Entstehung zu ak-
zeptieren.
Es gibt allerdings heute kaum noch den Typus des orthodoxen
Hardcore-Psychoanalytikers. Dieser Fall für den Sektenbeauftragten
wies wie im religiösen Wahn jeglichen Einwand gegen die Psycho-
analyse ab, flüchtete sich in Arroganz, wenn er kritisiert wurde, und
stellte prompt eine Ferndiagnose seines Kritikers, bei dem er
garantiert ein — wiederum psychoanalytisch zu behandelndes — tief
greifendes seelisches Problem fand. Dies beobachtete eindrücklich
der Journalist Dieter E. Zimmer, dessen Psychoanalyse-Kritik «Tie-
fenschwindel» ein Bestseller wurde.62
Von Vertretern der Tiefenpsychologie wird auch suggeriert, dass

149
Verhaltenstherapie etwas für Dünnbrettbohrer sei, die Psychoana-
lyse dagegen für gebildete und feine Menschen. «Es ist doch be-
kannt», so ein anonymer Psychoanalytiker im Internet, «dass nur ein
verhältnismäßig kleiner Teil der Menschheit mit psychoanalytischen
Methoden erfolgreich zu behandeln ist. Ein gewisses Maß an
Intelligenz, Wandlungs- und Einsichtsfähigkeit wird natürlich vor-
ausgesetzt. Das ‹Gold der Analyse) ist nun einmal leider nicht für
jedermann das Richtige.»
Insgesamt kann die psychoanalytische Theorie zu den Angststö-
rungen heute nicht mehr als abgerundetes, allumfassendes, alle Un-
klarheiten erklärendes Theoriesystem akzeptiert werden. Die psy-
choanalytischen Überlegungen zur Ursache der Angstkrankheiten
decken höchstens einen kleinen Ausschnitt aus den zahlreichen
Möglichkeiten zur Angstentstehung ab. Hinzu kommt, dass die
Theorien zur Behandlung von Ängsten wegen der bisher fehlenden
Nachweise der Wirksamkeit einer reinen psychoanalytischen The-
rapie ihre Grundlage verlieren.
Aber auch ein wichtiger, positiver Aspekt der psychodynamischen
Betrachtensweise sollte nicht unerwähnt bleiben. Wenn wir
unbewusste Vorgänge als Modellvorstellungen annehmen — aber
auch nicht mehr als das —, können wir bestimmte Verhaltensweisen
von Menschen deuten, die wir sonst auf keine andere Weise erklären
können. Oft kann nur die Psychoanalyse uns helfen, die verworrenen
Gedankengänge seelisch kranker Menschen zu verstehen.
Aber eins sollte uns klar sein: Eine Krankheit zu verstehen heißt
noch lange nicht, dass sie automatisch dadurch geheilt wird. Die
Selbstverständlichkeit, mit der aus der Erklärbarkeit solcher Phäno-
mene auf ihre Behandelbarkeit geschlossen wurde, muss infrage
gestellt werden.
Trotz dieser Kritik soll nicht der immense positive Einfluss der
Psychoanalyse auf die Entwicklung der Psychiatrie und der Psycho-
therapie vergessen werden. Die heutigen Erkenntnisse zur Entste-
hung und Behandlung der Angststörungen wären ohne die Stimula-
tion durch die Theorien Freuds undenkbar.

150
DER KLEINE ALBERT UND DIE RATTE:
DIE LERNTHEORIE

Die zweite große Richtung in der Psychologie, die sich mit Ängsten
auseinander setzte, war die Lerntheorie. Der grundlegende Unter-
schied zwischen der Psychoanalyse und der Lerntheorie besteht
darin, dass sich die Lerntheoretiker oder Behavioristen, wie sie auch
genannt werden, von Anfang an streng an die Wissenschaft hielten.
Dies galt für die Erklärung der Entstehung von Ängsten, aber auch
für den Nachweis der Wirksamkeit der Verhaltenstherapie durch
kontrollierte Studien.
Wie wir aber sehen werden, kann die Lerntheorie allein auch nicht
die Entstehung von Ängsten lückenlos erklären. Diese Theorie ging
in ihrer vereinfachten, ursprünglichen Form davon aus, dass
sämtliche krankhaften Ängste der Menschen die Folge eines
fehlerhaften Lernprozesses sind und dass die gelernten Ängste durch
eine Verhaltenstherapie wieder abtrainiert oder «verlernt» werden
können.
Ein berühmtes Experiment des St. Petersburger Physiologen Iwan
Pawlow im Jahre 1892 begründete die Lerntheorie. Pawlow
entdeckte einen Prozess, den wir «Konditionierung» nennen, und
erhielt dafür den Nobelpreis: Wenn Hunde Fressen riechen, läuft ih-
nen der Speichel im Munde zusammen. Der Physiologe ließ immer,
wenn die Hunde ihr Fressen bekamen, ein Metronom erklingen. So
verbanden die Hunde «Metronom» mit «Fressen». Sie waren, wie
man wissenschaftlich sagen würde, auf das Metronom konditio-
niert. Später ließ er einfach das Metronom laufen, ohne dass es etwas
zu fressen gab: Trotzdem lief bei den Hunden der Speichel.
Genauso kann man auch Angst konditionieren: Wenn eine Ratte in
einem bestimmten Käfig einmal einen elektrischen Schlag be-
kommen hat, wird sie in diesem Käfig noch lange Angstsymptome
zeigen, auch wenn in diesem Käfig niemals wieder elektrische
Schläge ausgeteilt werden.
Das Wichtige an der Entdeckung Pawlows war also, dass unwill-
kürliche körperliche Reaktionen (beispielsweise der Speichelfluss)
nicht nur durch «natürliche» Auslöser (wie den Geruch von Essen)
151
entstehen, sondern auch mit einem «unnatürlichen» Auslöser wie
dem Geräusch eines Metronoms gepaart werden können. Während
es eine angeborene körperliche Reaktion ist, dass einem beim Geruch
von Schweinebraten das Wasser im Mund zusammenläuft, hat die
Natur nicht vorgesehen, dass beim Hören eines Metronoms Speichel
fließt. Auch Angst, die normalerweise mit einem natürlichen
Auslöser gepaart ist — beim Hasen der Anblick eines Fuchses —,
kann mit unnatürlichen Auslösern verkettet werden. Diese Er-
kenntnisse Pawlows halfen später, unangebrachte, krankhafte
Ängste bei Menschen besser zu erklären.
Trotz der Wirren der Russischen Revolution und des Ersten
Weltkriegs gerieten die Pawlow'schen Ideen nicht in Vergessenheit.
Im Jahre 1920 veröffentlichte der amerikanische Psychologe John
Broadus Watson zusammen mit seiner Assistentin Rosalie Rayner
einen Artikel, der sich mit der Konditionierbarkeit von Angst be-
schäftigte.63 Die beiden Wissenschaftler wollten zeigen, dass die bei
Tieren festgestellten Prinzipien der Konditionierung auch auf Men-
schen anwendbar seien. Watson und Rayner zeigten dem neun Mo-
nate alten Kind Albert eine zahme weiße Ratte. Vor dem Experiment
fand der Kleine die Ratte zunächst noch interessant und amüsant.
Wenn er sie allerdings berühren wollte, schlug John Watson heftig
auf eine Metallstange. Albert bekam wegen des lauten Geräuschs
einen großen Schreck und fing nach einigen Versuchs-
wiederholungen zu weinen an, wenn er die Ratte nur sah. Er hatte
die Ratte mit der Furcht vor dem lauten Geräusch verknüpft. Bei Ba-
bys sind plötzliche laute Geräusche ein «unkonditionierter» (also
natürlicher, angeborener) Reiz für Furchtreaktionen. Später löste die
Ratte auch ohne das Geräusch die Furchtreaktion aus — obwohl
Albert nie vorher negative Erfahrungen mit Ratten gemacht hatte.
Dieser Versuch legte den Grundstein für viele spätere Verhaltens-
theorien, obwohl man heute solche Forschungen aus ethischen
Gründen nicht mehr machen würde.
Watson musste übrigens später die Universität verlassen, aber
nicht, weil er unethische Experimente mit Säuglingen durchführte,

152
Iwan Pawlow, der
Begründer der Lern-
theorie

sondern weil er mit Frau Rayner eine Liebesbeziehung angefangen


hatte. Er wurde ein reicher Werbepsychologe.
Nun überlegte man sich, wie man sich die Lerntheorie zunutze
machen konnte, um Menschen mit psychischen Krankheiten zu
helfen. Der amerikanische Psychologe Burrhus Frederic Skinner
entwickelte 1938 das «operante Konditionieren»64. Vereinfacht gesagt
hieß dies, dass man das Prinzip, mit dem man Zirkuspferde und
Seehunde dressiert, wissenschaftlich erforschte und auf die
Psychotherapie von Menschen übertrug. Das heißt: Für ein ge-
wünschtes Verhalten gibt es eine Belohnung, für das falsche Ver-
halten eine Bestrafung. Durch die wissenschaftliche Untersuchung
dieser Theorien kam man rasch zu einer wichtigen Erkenntnis,
nämlich dass Belohnung besser wirkt als Bestrafung.

153
Burrhus Frederic
Skinner mit Versuchs-
ratte

Wie kann man nun dieses Prinzip in der Psychotherapie von


Ängsten einsetzen? Banal gesagt, kann man jemanden, der ein be-
stimmtes Verhalten zeigt, vor dem er eigentlich große Angst hat
(zum Beispiel das Betreten eines Fahrstuhls), belohnen. Andererseits
kann auch die Unterlassung eines Verhaltens honoriert werden, wie
zum Beispiel der Verzicht auf das Händewaschen bei einem
Waschzwang.
Ende der fünfziger Jahre übertrug der südafrikanische Psychiater
Joseph Wolpe die Gesetze der Lernpsychologie auf Angster-
krankungen und entwickelte das Prinzip der «systematischen
Desensibilisierung». Dabei wurden Patienten mit Phobien zunächst
vorsichtig, dann schrittweise zunehmend stärker mit den Angst
154
auslösenden Situationen konfrontiert. Später zeigte sich jedoch, dass
nicht die langsam gesteigerte, sondern die massierte Konfrontation
bei vielen Patienten eine raschere und bessere Wirkung hatte. Diese
Therapie wird auch «Flooding» (Überflutung) genannt. Anstatt sich
langsam an die Angst auslösenden Situationen zu gewöhnen, setzte
man die Patienten jetzt unmittelbar, in geballter Form und gnadenlos
sehr starken Angstreizen aus. So wurde seit dem Ende der sechziger
Jahre versucht, die Phobien mit der Konfrontationstherapie zu
behandeln. Der Londoner Psychiater Isaac Marks war einer der
ersten Therapeuten, der Ängste mit Konfrontation behandelte.

Angeborene Ängste
Man ging zunächst davon aus, dass unbegründete, krankhafte
Ängste «klassisch konditioniert» seien, also durch unangenehme Er-
fahrungen mit der jeweiligen Situation entstehen. Diese Annahme
war allerdings — wie sich später zeigte — etwas naiv. Durch
Konfrontation mit diesen Angst auslösenden Situationen, so
überlegte man weiter, kommt es zur Gewöhnung oder Löschung,
sodass nicht nur das Vermeidungsverhalten, sondern auch die
Verbindung «Situation-Angst» im Gehirn ausradiert wird.
Klar, dass man Situationen meidet, in denen man bestimmte
schmerzhafte Erfahrungen gemacht hat — wie zum Beispiel eine
üble Spelunke, in der man einmal in eine Schlägerei verwickelt
wurde. Aber kann man diese Erkenntnis auch auf die Phobien über-
tragen? Phobien sind ja Ängste, die in der Regel nicht durch eine
echte Gefahr begründbar sind, wie zum Beispiel die Angst vor Spin-
nen in unseren geografischen Breiten.
Dennoch ist die Meinung weit verbreitet, dass Phobien durch
traumatische Erfahrungen entstehen, wie eine Szene aus einem be-
rühmten Hitchcock-Film zeigt: Ein Polizist (gespielt von James Stew-
art) verfolgt zusammen mit seinem Kollegen einen Verbrecher auf
dem Dach eines Hochhauses. Dabei stürzt der Kollege tödlich ab.
Der Polizist entwickelt in der Folge einen Höhenschwindel (latei-
nisch vertigo — so auch der Name des Filmes). So einsichtig die
Erklärung erscheint — Phobien entstehen im wirklichen Leben nicht
155
auf diese Weise. Eine Untersuchung mit Personen, die eine
Höhenphobie hatten, ergab, dass nur ein kleiner Teil, nämlich zwölf
Prozent von ihnen, jemals eine schlechte Erfahrung mit Höhen
gemacht hatte, sei es, dass diese Menschen einmal von einer Leiter
gefallen oder in eine Grube gestürzt waren.65 Die anderen bekamen
ihre Höhenphobie ohne ein solches Erlebnis. Ein anderes Beispiel:
Zwar gaben 56 Prozent der Menschen mit einer Hundephobie an,
einmal ein schmerzliches Erlebnis mit einem Hund gehabt zu haben
— aber in der Gruppe der Menschen ohne Hundephobie waren es 67
Prozent! Auch die meisten Menschen, die eine Agoraphobie haben,
hatten noch nie ein traumatisches Erlebnis in einer entsprechenden
Situation, sei es, dass sie als Kind in einer Menschenmenge verloren
gegangen waren, im Krieg verschüttet wurden oder längere Zeit
ohne Essen und Trinken in einem stecken gebliebenen Fahrstuhl
eingesperrt waren.66
Andererseits gibt es kaum Menschen, die eine Phobie vor Dingen
haben, die tatsächlich gefährlich werden könnten. Natürlich lernen
wir auch aus schmerzlichen Erfahrungen — gebranntes Kind scheut
das Feuer. Das führt aber meist nicht zu Phobien. Warum hat
niemand eine Steckdosenphobie? Steckdosen können wirklich ge-
fährlich werden; fast jeder hat schon mal eine «gewischt» bekom-
men. Sicher, nach einem Stromschlag — wenn man ihn überlebt hat
— entwickelt man einen gewissen Respekt vor elektrischen Geräten.
Aber die Steckdosenphobie ist gänzlich unbekannt.
Eines Tages fuhr ich auf den höchsten Turm der Welt, den Cana-
dian National Tower in Toronto, der 550 Meter hoch ist. Dort gibt es
in schwindelnder Höhe ein Glasfenster im Boden, durch das man bis
ganz nach unten schauen kann. Es machte mir nichts aus, neben
diesem gläsernen Bereich zu stehen und einen halben Kilometer weit
nach unten zu sehen. Wenn ich aber meine Füße direkt auf das Glas
stellte, bekam ich sofort weiche Knie und Schwindelgefühle. Stellte
ich mich jetzt wieder neben das Fenster im Boden, hörten die
Schwindelattacken gleich wieder auf, obwohl ich weiterhin bis nach
unten schauen konnte. Dies konnte ich beliebig oft wiederholen,
indem ich von dem bedeckten auf den transparenten Bereich

156
wechselte. Auch wenn die Gefahr objektiv über dem gläsernen nicht
größer war als über dem bedeckten Bereich (denn ich wusste, dass
der ganze Boden aus einer großen Glasscheibe bestand, die aber bis
auf das Fenster beschichtet war), so war es, als ob in meinem Gehirn
ein Schalter umgelegt wurde, wenn ich mich auf das Glas stellte.
Hier meldete sich offensichtlich ein primitives Zentrum in meinem
Gehirn, das ich nicht unter Kontrolle hatte. So, wie eine Wespe
immer wieder gegen eine Glasscheibe fliegt, weil in ihrem Gehirn-
speicher Glasscheiben nicht vorgesehen sind, so wollte mein Gehirn
scheinbar auch das dicke Fußbodenglas ignorieren und mir aller-
höchste Gefahr signalisieren.
Ich hatte plötzlich eine spannende Entdeckung gemacht. Offen-
sichtlich war es so, dass die Schwindelgefühle durch einen Teil mei-
nes Gehirns ausgelöst wurden, der ein Überbleibsel aus der Zeit war,
in der es noch kein Glas gab — aus einer Zeit vor über hundert-
tausend Jahren. Dieses primitive Zentrum wollte mich vor einem
Absturz retten und ließ sich scheinbar nicht vom Rest des Gehirns
überzeugen, dass ich auf dem Glas gar nicht in Gefahr war.
Relikte aus grauer Vorzeit verfolgen uns also bis heute. Spinnen,
Insekten, Katzen, Vögel, Schlangen, enge Räume, Gewitter, Sturm,
tiefes Wasser, Dunkelheit — was haben diese Dinge gemeinsam,
dass ausgerechnet sie Phobien auslösen und andere Dinge nicht? In
der Urzeit, als unsere Vorfahren in einem Gebiet lebten, das heute
Äthiopien entspricht, gab es noch Gründe, vor diesen Dingen Angst
zu haben. Es existierten dort tödlich giftige Spinnen und Schlangen.
Aggressive Raubkatzen, wie der Säbelzahntiger, konnten einem er-
hebliche Verletzungen zufügen — darauf beruht die heutige Furcht
mancher Menschen vor kuscheligen Katzen. Auch die Insekten wa-
ren etwas größer als jetzt. Mäuse und Ratten übertrugen oftmals
tödliche Infektionen. In Höhlen wiederum drohte die Gefahr, ver-
schüttet zu werden und zu ersticken, außerdem gab es dort gefähr-
liches Kriechgetier. In der Dunkelheit oder auf weiten Feldern
konnte man Raubtieren zum Opfer fallen, im Unwetter von Ästen
oder vom Blitz erschlagen werden.

157
Spritzen und Zahnärzte gab es in der Urzeit nicht, aber die Höh-
lenmenschen lernten, dass Blut und Schmerzen mit Lebensgefahr
verbunden waren. Immerhin konnte man schon an banalen Verlet-
zungen sterben. Wer also vor diesen Dingen keine Angst hatte, hatte
ein kurzes Leben. Nur Menschen, die diese Ängste in den Genen mit
sich trugen, pflanzten sich über die Jahrtausende fort. Die Familien
der Nichtängstlichen starben dagegen aus. Wir heutigen Menschen
sind die Nachkommen der Angsthasen.
Es handelt sich bei den Phobien also um Urängste, die heute zum
Teil überflüssig geworden sind. Manche dieser alten Ängste, wie
zum Beispiel die Angst vor Höhen oder vor Verletzungen, sichern
auch heute noch das Überleben.
Wahrscheinlich haben alle Menschen diese vorprogrammierten
Ängste. Zu der Zeit des kleinen Albert — der Junge, der die Angst
vor Ratten erlernte —, ging man davon aus, dass der Mensch als
unbeschriebenes Blatt zur Welt kommt und das Fürchten erst
erlernen muss.
Allerdings: Wenn das so wäre, dann müsste man Kindern Angst
vor allen möglichen Dingen beibringen können, zum Beispiel vor
Spielzeug. Als Watson und Rayner versuchten, dem kleinen Albert
eine Angst vor Bauklötzen durch laute Geräusche anzutrainieren,
hatten sie keinen Erfolg.
Martin Seligman, ein Psychologe von der Universität Pennsylvania,
entwickelte die «Preparedness»-(Bereitschafts-)Theorie. Sie besagt,
dass wir in unserem Gehirn vorprogrammierte Ängste haben, und
geht davon aus, dass die Angst vor bestimmten typischen Situa-
tionen leichter gelernt wird, weil diese Situationen biologisch vor-
bereitet sind, also schon ab der Geburt im Gehirn als potenziell ge-
fährlich abgespeichert sind.67 So kann erklärt werden, dass zwar die
Furcht vor einer Ratte, aber nicht die Angst vor Legosteinen kondi-
tioniert werden kann.
Es gibt einige wissenschaftliche Beweise dafür, dass bestimmte
Ängste angeboren sind. Eine angeborene Höhenphobie konnte man
mit Hilfe eines raffinierten Experiments nicht nur bei neugeborenen
Tieren nachweisen, sondern auch bei Säuglingen. Kleinkinder

158
wurden dazu auf eine Fläche gelegt, hinter der sich ein Abgrund,
eine Stufe von einem Meter Tiefe befand. Dieser Abgrund wurde mit
einer Glasplatte bedeckt, damit die Kinder nicht herunterfallen
konnten. Diese Fläche, aber auch die Stufe, waren mit einem
Schachbrettmuster versehen, damit die Kinder anhand der Karos
überhaupt feststellen konnten, dass die Stufe tiefer lag als die Fläche,
auf der sie lagen. Babys, die gerade krabbeln konnten, wurden dann
dicht an die Grenze zur «tiefen» Hälfte gesetzt. Wenn die Mütter
versuchten, ihre Babys von der gegenüberliegenden Seite zu rufen,
weigerten sich die Kleinkinder weiterzukrabbeln. Sie erkannten den
vermeintlichen Abgrund und hatten Angst — und das, obwohl sie
noch nie eine schlechte Erfahrung mit Tiefen gemacht hatten. Somit
konnte gezeigt werden, dass Höhenängste schon von Geburt an
vorhanden sind.68
Später müssen Menschen oder Tiere ihre Höhenangst wieder
verlieren. Wenn eine Ratte bei der Suche nach Nahrung nicht ab und
zu irgendwo hochklettert, wird sie vielleicht nichts zu fressen finden.
Der Hungertrieb sorgt dann dafür, dass die natürliche Angst vor
Höhen überwunden wird.
Auch kleine Kinder fangen zum Leidwesen ihrer Mütter irgend-
wann an, überall zu klettern — über Zäune und auf Bäume. Dafür
sorgt allein schon der Neugiertrieb. Wer drei- oder vierjährige Kin-
der auf der Skipiste beobachtet, wie sie gnadenlos steile Berge hin-
unterstürzen, kann von einer Höhenphobie nichts mehr feststellen.
Bestimmte Bilder oder Situationen sind von Geburt an in unseren
Gehirncomputer unauslöschlich eingebrannt — wie zum Beispiel das
Bild einer Spinne, einer Wespe oder eines Tausendfüßers. Auch
Naturgegebenheiten wie steile Abhänge, tiefes Wasser oder enge
Höhlen sind dort abgespeichert. Experimente ergaben, dass wir auf
unübersichtlichen Bildern aggressive Insekten schneller erkennen als
Blumen. Menschen mit Phobien erkennen solche Bilder noch
schneller. Ratten, die in einem Käfig geboren wurden und noch nie
im Leben eine Katze gesehen oder gar eine schlechte Erfahrung mit
einem solchen Zimmertiger gemacht haben, geraten in Panik, wenn
sie ein Katzenfell riechen.

159
Die angeborene Angst muss unter Umständen aber erst aktiviert
werden. In den achtziger Jahren wurde ein sehr aufschlussreiches
Experiment durchgeführt. Im Labor geborene Affenbabys zeigen
zunächst einmal keine Angst vor Schlangen. Doch als sie in einem
Video sahen, wie ein anderer Affe beim Anblick einer Schlange
Furchtreaktionen zeigte, lernten sie sofort, sich vor Schlangen zu
furchten. Das Gleiche klappte aber nicht mit Blumen oder Kanin-
chen. Zwar ist das Bild der Schlange als gefährliches Objekt gene-
tisch ins Gehirn eingebrannt, die Furcht davor ist aber noch nicht
programmiert, doch sie kann leicht aktiviert werden.69
Auch bei Menschen funktioniert das. In einem Labor der Univer-
sität Stockholm erhielten Versuchspersonen beim Bild einer Spinne
einen leichten elektrischen Schlag, sodass das Bild nach mehreren
Versuchen Angst auslöste.70
Im zweiten Teil des Versuchs wurde die Angst wieder abtrainiert,
indem man den elektrischen Schlag wegließ. Die Ängste vor
Schlangen oder Spinnen blieben jedoch hartnäckig bestehen. Mit
Bildern von Steckdosen wiederholte man das Experiment; aber hier
dauerte die Angst nicht an.
Halten wir also fest: Phobien entwickeln sich vor Dingen, die heute
harmlos sind, in der Urzeit aber bedrohlich waren — wie Spinnen.
Sie entwickeln sich nicht vor Dingen, die heute gefährlich sind, die es
früher aber nicht gab — wie Steckdosen. Und sie entwickeln sich
nicht vor Dingen, die früher harmlos waren und es heute auch noch
sind — wie Gänseblümchen.
Diese angeborenen Ängste kann man überwinden. Es gibt Men-
schen, die mit Klapperschlangen spielen, mit Haien schwimmen,
lebende Ameisen knabbern, von Felsklippen ins Wasser springen
oder 100 Meter tief tauchen. Das heißt aber nicht, dass diese Ängste
verschwunden sind, sondern sie bleiben weiter in unserem Gehirn
gespeichert und können nur durch große Willensanstrengung
überwunden werden.
Es bleiben aber einige Fragen offen: Wie kommt es nun zur Aus-
bildung krankhafter, übertriebener Ängste? Wenn alle Menschen
diese Ängste überliefert bekommen haben, warum nehmen sie bei

160
manchen Menschen krankhafte Formen an und bei anderen nicht?
Und wie ist es zu verstehen, dass angeborene Ängste, die bereits
überwunden worden sind, später wieder zu einem Problem werden
können?

Falsch verbunden
Auf diese Fragen hatte die Lerntheorie eine Antwort parat: Allein
durch dumme Zufälle komme es zu fehlerhaften Lernvorgängen, ein
zufälliges Körpersymptom werde fälschlicherweise mit der aktuellen
Umgebung in Verbindung gebracht, wie in dem folgenden Beispiel
einer Agoraphobie:

Ein Mann hat viel starken Kaffee getrunken und betritt später einen Fahr-
stuhl. Das Herz beginnt zu rasen — bedingt durch den Kaffee. Dieses
Herzrasen ist dem Mann unerklärlich. Die Sorge wegen des unerklärlichen
Symptoms führt zu Angst. Diese Angst wiederum bedingt weitere
Symptome wie Zittern und Schwitzen. Sie verstärken nun die Angst, und
es kommt zu zusätzlichen Symptomen wie Luftnot und Enge im Hals, bis
schließlich innerhalb von Minuten eine vollständige Panikattacke entsteht.
Das Gehirn verknüpft fälschlicherweise nicht den Kaffee mit seinen
körperlichen Symptomen, sondern den Fahrstuhl. Der Fahrstuhl als
Pendant für eine enge Höhle ist im Gehirn biologisch als Angst auslösendes
Objekt vorprogrammiert — im Gegensatz zum Kaffee. Der Mann meidet in
der Folge alle Fahrstühle.

Durch diese fehlerhafte Verknüpfung — so die Lerntheorie — werde


ein Prozess in Gang gesetzt, der sich immer weiter verselbständigt.
Diese Theorie anzunehmen fällt aber schwer, denn die Panikstörung
beginnt zunächst damit, dass man aus völlig heiterem Himmel
Panikattacken bekommt; erst Monate später entwickelt sich die
Agoraphobie.71 Es müssten reichlich viele Zufälle passieren, damit
bei einem Menschen gleichzeitig Ängste im Tunnel, im Bus und auf
breiten Straßen entstehen. Außerdem könnten diese zufälligen
Ereignisse auch jeden treffen — und nicht nur Menschen mit einer
bestimmten Empfänglichkeit. Plausibler ist es, dass eine bestimmte
biologisch begründete Sensitivität des Gehirns es begünstigt, dass
bestimmte Menschen in harmlosen Situationen Agoraphobie be-
161
kommen. Sie können dann nicht mehr ausreichend einen Mecha-
nismus in Gang setzen, der die Angst unterdrückt. Wie dies funktio-
niert, sehen wir später.

Im Kaufhaus verloren
Aber noch andere Mechanismen zur Entstehung unbegründeter
Ängste wurden in der Lerntheorie diskutiert. Der amerikanische Psy-
chologe Aaron T. Beck hielt zum Beispiel die Agoraphobie-Ängste
für ein Überbleibsel aus der Kindheit. Agoraphobiker haben vor
allem in Situationen Angst, in denen auch kleine Kinder Furcht
haben: In einem Kaufhaus befürchtet ein Kind angesichts der vielen
Menschen, seine Mutter aus den Augen zu verlieren; das Überqueren
einer breiten Straße wird als gefährlich empfunden, weil es einem die
Eltern so eingeschärft hatten; wenn die Mutter das Haus kurz ver-
lässt, haben Kinder Angst, sie könnte ganz weggehen. Im Erwachse-
nenalter haben diese Ängste ihre Begründung jedoch verloren.72 Beck
vermutete also, dass die Furcht in diesen typischen Situationen im
Kindesalter erlernt wurde und nicht etwa durch von Geburt an im
Gehirn vorhandene Programme entstanden ist. Die Panikattacken
betrachtete er als Folge und nicht als Ursache der im Kindesalter
geprägten Agoraphobie. Nach Beck'scher Theorie müsste also die
Agoraphobie zuerst, später dann die Panikattacken auftreten.
Allerdings können die typischen Agoraphobie-Situationen auch
gänzlich anders interpretiert werden. Es sind Situationen, in denen
im Falle des Auftretens einer Panikattacke die Anforderung ärztli-
cher Hilfe schwer möglich wäre (beispielsweise im Flugzeug) oder
peinliches Aufsehen erregen würde (etwa in der Kirche). Auch
spricht gegen die Beck'sche Theorie, dass die Erkrankung mit spon-
tan auftretenden Panikattacken beginnt und die Betroffenen erst in
der Folge Situationen vermeiden, in denen sie das Auftreten dieser
Attacken befürchten.

Modelllernen
Man hat eine höhere Chance, eine Angsterkrankung zu bekommen,
wenn auch die Eltern schon darunter gelitten haben. Aber ist das
schon ein Beweis dafür, dass die Erkrankungen vererbt werden?

162
Man kann ja auch — völlig unabhängig von den Chromosomen —
das ängstliche Verhalten von den Eltern abschauen. Dies wird
«Modelllernen» oder «soziales Lernen» genannt. Ein Kind sieht
vielleicht, dass die Mutter vor einer Maus kreischend davonläuft,
und prägt sich ein, dass Mäuse etwas Gefährliches sein müssen.
Später zeigt es das gleiche, übertrieben furchtsame Verhalten.
Dass es das Modelllernen gibt, hat man wissenschaftlich nach-
weisen können. Der kanadische Psychologe Albert Bandura zeigte
einem Kind namens Rocky einen Videofilm, in dem sich andere Kin-
der aggressiv verhielten. Am nächsten Tag konnte man sehen, wie
Rocky ebenfalls angriffslustiges Verhalten gegenüber anderen Kin-
dern zeigte.
Die Theorie, dass sich Angststörungen über Modelllernen von den
Eltern auf die Kinder übertragen, wird gern von Gegnern der
Vererbungstheorien vorgetragen. Die Vererbungstheorie ist manchen
Wissenschaftlern ein Dorn im Auge, da sie voraussetzt, dass
bestimmte ängstliche Verhaltensweisen genetisch ins Gehirn einge-
brannt sind — womit es weniger wahrscheinlich ist, dass sie durch
therapeutische Gespräche verändert werden können.
Es gibt aber einen anderen Grund, warum sich das Modelllernen
nicht besonders gut eignet, krankhafte Ängste zu erklären. Viele
dieser Ängste kommen nämlich erst dann zum Tragen, wenn die
Kinder längst aus dem Elternhaus ausgezogen sind. Eine Panikstö-
rung macht sich im Durchschnitt mit 28 oder 29 Jahren zum ersten
Mal bemerkbar und hat ihren Höhepunkt um das 36. Lebensjahr. Ein
Mädchen, das bei seiner Mutter Panikattacken beobachtet, ist
vielleicht sechs, vielleicht zwölf Jahre alt. Es müsste das am Modell
gelernte Verhalten ja gleich am nächsten Tag zeigen. Das Modelller-
nen wurde jedoch nur für den unmittelbaren zeitlichen Zusammen-
hang nachgewiesen. Wie kann man aber erklären, dass sich die Pa-
nikattacken bei der Tochter erst zehn bis dreißig Jahre später zeigen,
wenn die Tochter längst aus dem Elternhaus ausgezogen ist? Warum
sollte das ängstliche Verhalten eine Generation lang verborgen
bleiben und erst dann zum Vorschein kommen? Man müsste schon
ziemliche logische Verrenkungen machen, um die Übertragung der

163
Angst von den Eltern auf die Kinder durch soziales Lernen zu
erklären. Die Übertragung der Ängste durch Vererbung ist dagegen
sehr gut belegt, zum Beispiel durch Zwillingsstudien (siehe S. 176).
Die Theorie des Modelllernens ist allerdings bei weitem populärer
als die Vererbungstheorie. Dies zeigt wieder einmal mehr, dass nicht
immer die besser nachgewiesene, sondern die «sympathischere»
Theorie mehr Verbreitung erfährt. Denn wenn die Theorie vom
Modelllernen stimmen würde, könnte man ja spezielle
Erziehungsratschläge geben, um zu vermeiden, dass Kinder
ängstlich werden, etwa: «Zeige deine Angst nicht vor den Kindern.»
Wenn dagegen die Vererbungstheorie die richtige wäre, hieße das:
«Du kannst deine Kinder erziehen, wie du willst, sie werden genauso
ängstlich wie du.»
Jetzt soll allerdings nicht der Eindruck erweckt werden, dass so-
ziales Lernen überhaupt keine Rolle spielt. Es soll hier nur betont
werden, dass die Bedeutung dieser Theorie im Zusammenhang mit
Ängsten meist überschätzt wird. Natürlich lernt man gewisse Ver-
haltensweisen von den Eltern. Wahrscheinlich ist es jedoch so, dass
das Modelllernen durch eine genetisch verankerte, neurobiologisch
begründete Empfindlichkeit für Ängste erleichtert wird.

Keine leere Festplatte


Halten wir fest: Die Entstehung von Phobien können wir nicht allein
dadurch erklären,

„ dass wir in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit den


Objekten unserer Furcht gemacht haben,
„ dass unser Gehirn eine falsche Verbindung von zufällig auftre
tenden körperlichen Symptomen und bestimmten Situationen
gelernt hat,
„ dass wir Ängste, die in der Kindheit sinnvoll waren, unnötiger
weise mit in das Erwachsenenalter hinübergenommen haben
oder
„ dass wir von unseren Eltern ängstliches Verhalten abgeschaut
haben.
164
Es spricht alles dagegen, dass der Mensch mit einer leeren Festplatte
zur Welt kommt und alle Ängste ausschließlich die Folge eines schief
gelaufenen Lernprozesses sind. Bei der Entstehung von krankhaften
Ängsten spielen Lernprozesse eine Rolle, aber nur als ein Teil eines
komplexen Zusammenspiels verschiedener Faktoren. Es ist
eigentlich nicht die Angst an sich, die wir lernen, sondern das
ängstliche Verhalten. Jeder Mensch wird mit vorprogrammierten
Ängsten geboren. Krankhafte Angst entsteht dann, wie wir später
sehen werden, wenn unsere Anlagen die Hemmschwelle für das
Lostreten der Angstlawine zu niedrig gesetzt haben und zudem be-
stimmte Lebenserfahrungen diese Grenze weiter herunterregulieren.
Ohne diese Hintergründe würde das Erlernen eines ängstlichen
Verhaltens nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Die Lerntheorie ist
also nicht überwiegend für die Erklärung der Entstehung von Ängsten
wichtig, sondern für die Begründung der Aufrechterhältung von ängst-
lichem Verhalten. Ein Beispiel: Während es für die Entstehung von
spontanen Panikattacken keinen fehlerhaften Lernprozess als Er-
klärung braucht, kann man die Folge dieser Angstzustände, nämlich
die Vermeidung von vollen Räumen oder Menschenmengen, als
Lernvorgang auffassen. Das Gehirn begreift, dass man sich den
Furchtobjekten nicht nähern kann, ohne unangenehme Angstgefühle
zu bekommen. Wenn jemand einmal damit begonnen hat, bestimmte
Angst auslösende Situationen zu vermeiden, macht jeder
abgebrochene Versuch, sich dem Objekt der Furcht zu nähern, die
Angst davor stärker und ihre Bekämpfung schwieriger, weil das Ge-
hirn immer wieder die Verbindung zwischen dem missglückten
Versuch und den entstehenden Angstsymptomen lernt.
Die Lerntheorie spielt außerdem eine wichtige Rolle, wenn es um
die Verhaltenstherapie geht, mit der das erlernte ängstliche Ver-
halten wieder verlernt werden soll.

165
DOPPELGÄNGER UND GENE

Man kann die Natur


auch mit der Heugabel austreiben,
sie kehrt stets zurück.
Sigmund Freud, Gradiva

Patienten mit Angsterkrankungen berichten häufig, dass auch ihre


Eltern oder ihre Geschwister unter denselben Ängsten gelitten ha-
ben. In über 20 großen Studien konnte man zeigen, dass in den Fa-
milien von Panikpatienten die gleichen Erkrankungen gehäuft auf-
treten. Die Vielzahl dieser Familienstudien macht eine erbliche
Übertragung schon recht wahrscheinlich.
Wenn allerdings in einer Familie Angststörungen gehäuft zu finden
sind, muss dies nicht unbedingt auf Vererbung beruhen. Die
Übertragung der Ängstlichkeit könnte auch eine Folge des Moden-
lernens sein. Nur durch Zwillingsstudien kann letztlich der Nach-
weis erbracht werden, dass eine familiäre Häufung auf Vererbung
beruht.
Besonders jene Zwillingsuntersuchungen sind interessant, bei
denen ein Zwilling adoptiert wurde und somit in einer fremden Fa-
milie ein neues Zuhause fand. Wenn ein Zwilling in desolaten Ver-
hältnissen in Sizilien und der andere als Adoptivkind in einer intak-
ten Familie in San Francisco aufgewachsen ist und dann beide die
gleiche Angsterkrankung bekommen, so wäre es ziemlich unwahr-
scheinlich, dass allein die Erziehung oder ein Lernen am Modell an
der Angsterkrankung schuld ist. Allerdings könnte hier kritisch ein-
gewendet werden, dass der Grund der Weggabe eines Kindes häufig
eine sozial schwierige Situation ist. So könnte der in der Familie
verbleibende Zwilling darunter leiden, dass er weiter den problema-
tischen Einflüssen seiner Ursprungsfamilie ausgesetzt ist. Anderer-
seits könnte der wegadoptierte Zwilling dadurch psychisch geschä-
digt werden, dass er von der leiblichen Mutter getrennt wird. Wenn
eine frühkindliche Traumatisierung Angststörungen fördert, dann
hätten beide Zwillinge in dieser Situation einen Grund für die

166
Entwicklung einer Angststörung, wobei allerdings die Gründe völlig
unterschiedlich sind. Diese Einwände schränken den wissen-
schaftlichen Wert von Adoptionsstudien ein. Abgesehen davon gibt
es derartige Adoptionsuntersuchungen mit Angstpatienten noch gar
nicht.
Sehr aufschlussreich sind dagegen Untersuchungen, die ein- und
zweieiige Zwillinge vergleichen, und zwar solche, die zusammen in
derselben Familie aufwuchsen. Während eineiige Zwillinge sich
gleichen wie ein Ei dem anderen, so haben zweieiige Zwillinge nicht
mehr gemeinsam als Geschwister (eineiige Zwillinge haben zu 100,
zweieiige nur zu 50 Prozent identische Gene). Bei einer solchen
Untersuchung überprüft man, ob ein Zwilling mit einer Angst-
erkrankung eine Zwillings Schwester oder einen Zwillingsbruder mit
der gleichen Krankheit hat. Den Grad der Übereinstimmung nennt
man Konkordanz. Wenn bei den zweieiigen Zwillingen der andere
Zwilling auch häufig eine Angsterkrankung hat, so wären
wahrscheinlich Umwelt, Erziehung und andere Milieufaktoren als
Ursache anzuschuldigen. Wenn aber bei den eineiigen Zwillingen
der Gen-Doppelgänger sehr viel häufiger die gleiche Erkrankung
hat, als dies bei den zweieiigen der Fall ist, so müsste man die Gene
verantwortlich machen.
Der italienische Angstforscher Giancarlo Perna untersuchte
Zwillinge mit einer Panikstörung und fand bei den eineiigen Zwil-
lingen eine Übereinstimmung von 73 Prozent, bei den zweieiigen
aber nur eine von null Prozent. Auch alle anderen Studien, die die
Konkordanzraten für Panikstörung bei eineiigen und zweieiigen
Zwillingen erforschten, entdeckten bei den eineiigen Zwillingen
durchweg sehr viel höhere Übereinstimmung — ein ziemlich ein-
deutiger Beweis für eine erbliche Mitverursachung.
Es gibt auch noch andere Hinweise darauf, dass Ängste vererbt
werden können. Bei den «Einfachen Phobien» wurde darauf einge-
gangen, dass viele der unbegründeten Ängste, die wir haben, wie die
Angst vor Spinnen oder Schlangen, aus einer Zeit stammen, als wir
das Feuer noch mit dem Feuerstein entfachten. Wie haben diese
Ängste aber die Jahrtausende überlebt? Es scheint wahrscheinlich,

167
dass solche Ängste von Generation zu Generation immer wieder mit
den Genen übertragen wurden.
Zwar kann man noch nicht behaupten, dass Angststörungen
«Erbkrankheiten» sind — dazu ist der Vererbungsfaktor zu gering
ausgeprägt. Man muss aber davon ausgehen, dass eine gewisse An-
fälligkeit für Angsterkrankungen vererbt wird und dass weitere
Faktoren hinzukommen müssen — wie zum Beispiel belastende
Kindheitserfahrungen —, um eine vollständige Angstkrankheit zum
Ausbruch zu bringen.
Dennoch ist die Tatsache, dass Angststörungen einen gewissen
Erbfaktor aufweisen, manchen Menschen ein Dorn im Auge. Der
australische Psychiater Anthony F. Jorm führte eine Bevölkerungs-
umfrage durch, um herauszufinden, was die meisten Menschen
glauben, wodurch psychische Erkrankungen entstehen. Die Verer-
bungstheorie kam dabei schlecht weg: Nur die Hälfte der Befragten
hielt es für möglich, dass diese Krankheiten auch durch genetische
Einflüsse entstehen können, aber über 90 Prozent hielten «Alltags-
probleme» oder «belastende Ereignisse» für die Hauptursachen see-
lischer Erkrankungen.73 Warum wollen die Menschen es nicht
wahrhaben, dass solche Erkrankungen auch vererbt werden können?
Weil oft fälschlicherweise angenommen wird, dass sie dann nicht
behandelbar seien und dass sie auch nicht von allein weggehen
können. Beides ist nicht richtig, wie wir weiter unten sehen werden.

168
DAS MINISTERIUM FÜR ABSURDE ANGST

Wenn unser Gehirn so simpel wäre,


dass wir es verstehen könnten, wären wir
so simpel, dass wir es nicht verstehen
würden.
Emerson Pugh, 1997

Mein Gehirn ist mein zweitliebstes Organ.


Woody Allen, Der Schläfer

Wer das Wort Biologie hört, denkt zuerst an Flora und Fauna. Wenn
heute allerdings von «biologischer Psychiatrie» die Rede ist, dann
hat das wenig mit Waldspaziergängen, Honigbienen oder Linden-
blüten zu tun. Mit dem Begriff «biologisch» ist in diesem Fall etwas
ganz anderes gemeint. Zunehmend wird man sich bewusst, dass
Ängste, Depressionen, Schizophrenien und andere seelische Er-
krankungen nicht nur durch Umwelteinflüsse bedingt sind, sondern
auch mit Veränderungen biochemischer Vorgänge im Gehirn zu tun
haben können. Diese Sparte der Psychiatrie wird die «biologische»
genannt. Frühere Richtungen in der Psychiatrie hatten solche
Vorgänge nahezu ausgeklammert. Im Gegensatz zu der früheren
Psychiatrie ist die biologische Psychiatrie wenig romantisch, sehr
handfest und rein wissenschaftlich orientiert. Man versucht, die
Ursachen psychischer Erkrankungen bis zur Molekülebene genau zu
lokalisieren. Ein bekannter Psychiater beschrieb diese zunehmende
Entwicklung wie folgt: «Die Mängel unserer Beschreibung würden
wahrscheinlich verschwinden, wenn wir anstatt der psychologischen
Termini schon die physiologischen oder chemischen einsetzen
könnten ... Die Biologie ist wahrlich ein Reich der unbegrenzten
Möglichkeiten, wir haben die überraschendsten Aufklärungen von
ihr zu erwarten und können nicht erraten, welche Antwort sie auf
die von uns gestellten Fragen einige Jahrzehnte später geben würde.
Vielleicht gerade solche, durch die unser ganzer künstlicher Bau von
Hypothesen umgeblasen wird.» Das Erstaunlichste an dieser

169
Einschätzung ist, dass sie von Altmeister Sigmund Freud persönlich
stammt.74 In genialer Weise hatte er eine Entwicklung vorher-
gesehen, die erst viele Jahre nach seinem Tod einsetzte und ausge-
rechnet seiner eigenen Theorie den Garaus machen sollte.
Keinesfalls ist davon auszugehen, dass sich die biologische Psych-
iatrie nur mit Molekülen und Chemie beschäftigt und sich mit
Gefühlen wie Lust, Trauer, Liebe, Hass, Wut oder Schmerz nicht ab-
gibt. Die biologische Psychiatrie hat sich entwickelt, weil es durch
die genaue Aufklärung biochemischer Vorgänge im Gehirn besser
als früher gelang, seelische Erkrankungen zu verstehen. Zudem ge-
lang es dadurch, sie besser als früher zu behandeln.
Im Jahre 1967 machten der amerikanische Wissenschaftler Fer-
ris Pitts und sein Mitarbeiter John McClure eine Entdeckung, die in
der Wissenschaftswelt eine kleine Revolution hervorrief. Zu dieser
Zeit gingen viele Psychiater davon aus, dass Angstattacken allein
durch psychische Faktoren ausgelöst wurden. Pitts und McClure ga-
ben Patienten, die unter häufigen Panikattacken litten, eine Tropf-
infusion mit einem chemischen Stoff namens Laktat.75 Laktat ist das
Salz der Milchsäure und wird in bestimmten Medikamentenlösun-
gen verwendet. Die meisten dieser Patienten, die freiwillig an diesem
Versuch teilnahmen, bekamen durch Laktat eine Panikattacke. Gab
man allerdings gesunden Personen die gleiche Infusion, so reagierten
diese in der Regel nicht mit Angst. Daraus schloss man, dass bei den
Panikpatienten irgendein chemisches Ungleichgewicht besteht. Denn
wenn die Panikstörung eine rein «seelische» Störung wäre, könnte ja
eine chemische Substanz eine solche Wirkung nicht auslösen. Um
auszuschließen, dass die Panikpatienten allein deshalb mit panischer
Angst reagierten, weil sie allgemein ängstliche Menschen sind und
vielleicht geradezu erwarteten, dass Laktat bei ihnen eine Panik-
attacke auslöst, führte man den Versuch «doppelblind» durch, das
heißt, dass weder die Versuchspersonen noch der Untersucher
während des Versuchs wussten, ob die Probanden Laktat oder eine
wirkungslose Kochsalzlösung erhielten. Erst nach dem Test wurde
ein Umschlag mit einer Liste geöffnet, auf der stand, wer die echte
und wer die falsche Lösung erhalten hatte. Es bestätigte sich, dass

170
nur die echte Laktatlösung bei den Patienten zu Angst führte.
Dieser Versuch hatte insofern eine immense Bedeutung, als zum
ersten Mal gezeigt werden konnte, dass «irgendetwas» in der Bio-
chemie im Körper der Panikpatienten anders war als bei Gesunden.
Damit war der Grundstein zu einer neuen Richtung in der Angstfor-
schung gelegt, die man als die biologische Ära bezeichnen kann. Was
genau die Störung ist, die dazu führt, dass Angstpatienten so
empfindlich auf Laktat reagieren, hat man bis heute allerdings noch
nicht herausgefunden.
Unzählige Untersuchungen beschäftigten sich seither mit mög-
lichen «neurobiologischen Ursachen» der Angststörungen. Um es
vorwegzunehmen: Trotz genauer Erkenntnisse über die Teile des
Gehirns, die krankhafte Angst vermitteln, haben wir heute immer
noch keine genaue Kenntnis, wo und wie im Gehirn die Angst ent-
steht. Dennoch ist die neurobiologische Forschung seit den sechziger
Jahren der Angst immer mehr auf die Spur gekommen, und es
wurden spannende Einsichten gewonnen.

Wo im Gehirn entsteht die Angst?


Es gibt mehrere Möglichkeiten, herauszufinden, was eigentlich im
Gehirn schief läuft, wenn jemand unerklärliche Angstsymptome hat.
Mit Hilfe von Tierversuchen kann man direkte Erkenntnisse über die
Vorgänge im Gehirn gewinnen. Oder man kann Patienten mit
Angststörungen Blutproben abnehmen und darin verschiedene
Stoffe untersuchen. Auch kann man die Patienten mit Hilfe so ge-
nannter bildgebender Verfahren untersuchen. Dazu wird der Be-
troffene in eine Röhre geschoben, um das Gehirn sichtbar zu machen.
Zu diesen Methoden gehören die Computertomographie, die
Magnetresonanztomographie und andere Verfahren. Außerdem
kann man aus der Wirksamkeit bestimmter Medikamente, deren
Wirkmechanismus bereits bekannt ist, Rückschlüsse auf die Teile des
Gehirns ziehen, die bei einer Angststörung nicht ordnungsgemäß
funktionieren.
Die meisten Erkenntnisse über neurobiologische Ursachen der

171
Angst sind mit Panikpatienten gewonnen worden. Dies liegt daran,
dass sie die Gruppe von Angstpatienten bilden, die sich am häufigs-
ten zu einer Behandlung melden. Daher wird im Folgenden häufig
nur von der Panikstörung die Rede sein. Man nimmt aber an, dass
die Verhältnisse? bei den übrigen Angsterkrankungen nicht grundle-
gend anders sind.
Das Ziel ist, nach einem Gebiet im Gehirn zu forschen, dessen
Fehlfunktion die Panikstörung bedingt. Die Suche nach einer derar-
tigen defekten Struktur gleicht bei oberflächlicher Betrachtung der
Aufgabe, in einem Auto einen bestimmten Fehler aufzuspüren. Ein
Kraftfahrzeugmechaniker würde nach einem defekten Bauteil oder
Kabelstrang fahnden, um das fehlerhafte Teil auszutauschen. Er
würde die Störung gerne exakt lokalisieren wollen, er hat ja das Be-
streben, nur getrau das gestörte Teil auszutauschen und nicht noch
ein paar andere teure Teile, die gar nicht defekt sind. Geht man von
einem vereinfachten «Auto»-Modell aus, so würde man auf der Su-
che nach der defekten Struktur beispielsweise nach einem abge-
grenzten Hirngebiet suchen, wie dem «zentralen Grau» oder dem
«rechten Mandelkern». Man könnte aber auch bestimmte Nervenbah-
nen verantwortlich machen.
Bei der Fahndung nach der Ursache der Parkinson'schen Erkran-
kung war man zum Beispiel erfolgreich. Man fand im Gehirn eine
kleine Ansammlung von Zellkernen, die Substantia nigra («Schwarze
Substanz») genannt wird. Bei Parkinson-Kranken ist dieses Gebiet
zerstört. In der Substantia nigra wird normalerweise der Botenstoff
Dopamin gebildet, der den Kranken wegen des Untergangs der Zel-
len jetzt fehlt. Dies führt zu den Bewegungsstörungen, die für Par-
kinson-Patienten typisch sind. Man hofft also, die Ursache der
Angsterkrankungen eines Tages genauso gut aufklären zu können
wie die der Parkinson'schen Erkrankung.
Würde man ein defektes Gehirngebiet bei Panikpatienten finden, so
könnte man es natürlich nicht einfach wie bei einem Auto aus-
tauschen. Dennoch würde die Entdeckung der gestörten Hirn-
struktur die Wissenschaft weiterbringen. Möglicherweise könnte
man gezielt eine medikamentöse Therapie entwickeln, die aus-

172
schließlich dasjenige Gehirngebiet beeinflusst, das gestört ist, und
den Rest des Gehirns in Frieden lässt. Ein Beispiel hierfür wäre die
L-Dopa-Therapie der Parkinson'schen Erkrankung, die gezielt den
Mangel an Dopamin in der Substantia nigra ausgleicht.
Wenn es aber so wäre, dass nicht ein Gehirngebiet, sondern be-
stimmte «Kabel», also längere Verbindungswege im Gehirn funk-
tionsuntüchtig wären, so würde die Entdeckung dieser Kabelstörung
vielleicht helfen, die Angst zu bekämpfen, indem man mit
bestimmten Medikamenten speziell diese Nervenbahnen beeinflusst
— zum Beispiel, indem man den von diesen Kabeln verwendeten
Botenstoff entweder bei der Arbeit unterstützt oder seine Wirkung
abschwächt, je nachdem, wie es sich mit dem Defekt verhält.
Natürlich gibt es wesentliche Unterschiede zum «Auto-Modell» —
ganz abgesehen auch davon, dass man die menschliche Seele nicht
ernsthaft mit einem Kraftfahrzeug vergleichen sollte. So stellt sich
beispielsweise die Frage, warum eine Panikstörung in den späteren
Lebensjahren meist wieder verschwindet. Die gesuchte Struktur
kann dann ja wohl nicht unwiderruflich defekt sein wie ein durch-
gebrannter Transistor. Genauso kann man sich nicht vorstellen, dass
ein durchgebranntes Teil des Gehirns durch eine Behandlung mit
Placebo oder allein durch Gespräche oder Übungen wiederher-
gestellt werden kann, wie es in der Behandlung einer Angsterkran-
kung möglich ist. Das Aufspüren der schadhaften Gebiete oder Ner-
venbahnen ist angesichts der Kompliziertheit des menschlichen
Gehirns kein einfaches Unterfangen. Wichtig ist es, keine voreiligen
Schlüsse zu ziehen. Ein Beispiel: Serotonin ist ein Botenstoff, der von
manchen Nervenzellen im Gehirn benutzt wird. Praktisch alle
Medikamente, die die Übertragung in diesen Nervenzellen ver-
bessern, indem sie Serotonin erhöhen, wirken bei Angsterkrankun-
gen. Daraus könnte man folgern, dass bei Angststörungen das Sero-
tonin-System gestört ist. Aber vielleicht ist diese Annahme zu
einfach. Es könnte auch ebenso gut ein ganz anderes Gehirnsystem
fehlerhaft sein, das mit dem Serotonin-System in einem Gleich-
gewicht stehen sollte. Die serotoninerhöhenden Medikamente
könnten dadurch wirken, dass sie dieses andere, bisher unbekannte

173
System indirekt durch eine Veränderung eines gestörten Gleichge-
wichts zugunsten des Serotonin-Systems beeinflussen.
In der Anfangszeit der Gehirnforschung stellte man sich das Gehirn
als eine Art Computer vor, der sich von einem Commodore Amiga
nur dadurch unterscheidet, dass er eine wesentlich größere
Rechenleistung hat. Dieses Modell wurde kritisiert; es wurde gesagt,
dass das menschliche Gehirn mit seinen Emotionen und Gefühlen
wie Sensibilität, Schüchternheit, Überheblichkeit, Charme, Verliebt-
heit, Verlangen, ohnmächtiger Liebe oder abgrundtiefem Hass mehr
ist als eine hochgetaktete Rechenmaschine.
Je mehr man sich allerdings mit dem Gehirn beschäftigt, desto
mehr drängt sich die Ansicht auf, dass Gehirn und Computer doch
ziemlich viel gemeinsam haben und dass Gefühle und Stimmungen
mehr mit Molekülen, Biochemie und elektrischen Erregungen zu tun
haben, als wir wahrhaben wollen.
Die Suche nach der defekten Struktur bei den Angststörungen ist
mühselig. Die Anfänge der neurobiologischen Angstforschung in
den sechziger Jahren glichen dem Versuch, ein Radio mit einem
Hammer zu zerschlagen, das Kupfer herauszuschmelzen und daraus
zu ermitteln, welche Nachrichten das Radio zuletzt übertragen hatte.
Mit den Jahren wurden die neurobiologischen Methoden jedoch
immer weiter verfeinert, sodass man ein zunehmend genaues Bild
über die Neurobiologie der Angst gewinnt. Trotz der genannten
Schwierigkeiten soll in den folgenden Kapiteln versucht werden, das
vorliegende Wissen über die Angststörungen und ihre möglichen
neurobiologischen Ursachen darzustellen, zu ordnen und Ver-
mutungen darüber anzustellen, welche der beschriebenen Verände-
rungen am wahrscheinlichsten erscheinen.

Erschrockene Ratten
Wenn Sie nachts auf der Straße einem Fremden begegnen, der ein
langes Messer in der Hand hält, werden Sie rasch kombinieren, dass
Sie in Gefahr sind. Die Hände schwitzen und zittern, der Mund ist
trocken, die Nackenhaare sträuben sich. Sie überlegen, ob Sie lieber
wegrennen oder einen Kampf mit dem Gegner aufnehmen müssen.

174
Das Herz rast, weil es sich für eine mögliche Flucht warmlaufen
muss, die Atemfrequenz wird erhöht, um genug Sauerstoff für das
Weglaufen bereitzustellen. Ihr Geruchssinn, das Hör- und Sehver-
mögen verbessern sich, die Pupillen erweitern sich. Wenn Sie sich
später an den Vorfall erinnern, werden Sie sich an das Gesicht des
Gegners bis ins Detail erinnern. Wenn Sie an den Ort des Geschehens
zurückkehren, wird es eventuell zu einem erneuten Aufflammen der
Angstreaktion kommen, oder Sie werden diesen Ort in Zukunft
vermeiden.
Diese Symptome und Erscheinungen sind die gleichen, die in
Tieren vorgehen, die unter Angst leiden. Vieles, was wir über die
Neurobiologie der Angst wissen, ist in Tierexperimenten erforscht
worden. Tiermodelle für seelische Störungen wurden allerdings im-
mer als problematisch angesehen. Eine Ratte kann keine Depression
äußern oder über Halluzinationen klagen. Dennoch gibt es auch für
Depressionen und Psychosen Tiermodelle, die bereits zur erfolg-
reichen Entwicklung neuer Antidepressiva und Medikamente gegen
Schizophrenie geführt haben. Tiere können kokainabhängig gemacht
werden, um die Gehirnbahnen zu erforschen, die bei der Entstehung
der Sucht beteiligt sind. Auf diese Weise kann Drogensüchtigen
besser geholfen werden.
Ein Beispiel für einen Tierversuch, mit dem Angst bei Ratten un-
tersucht werden kann, ist das «erhöhte Plus-Labyrinth». Von oben
sieht dieses einfache Labyrinth wie ein Plus-Zeichen aus. Dabei han-
delt es sich um zwei Gänge, die sich kreuzen und die einen Meter
über dem Boden schweben. Die Ratte kann auf dem Gang spazieren
gehen, der keine seitliche Begrenzung aufweist, oder auf dem an-
deren, der hohe Wände hat. Normalerweise haben Ratten die
Neigung, lieber in den seitlich geschlossenen Gängen als auf den
ungeschützten zu laufen. Dies zeigt auch ein Video, das die Erkun-
dungswege der Ratte aufzeichnet. Man zählt einfach, wie viele Male
der geschützte oder der ungeschützte Gang betreten wird. Gibt man
der Ratte jetzt ein Angst lösendes Medikament, erhöht sich die An-
zahl der Läufe auf dem offenen Gang. Dieser Versuch hat eine Be-
deutung, wenn man Behandlungen für Angstkrankheiten erfor-

175
schen will. Wenn man neuartige Angstmedikamente testet, werden
sie zunächst Ratten gegeben, um auf dem Plus-Labyrinth ihre angst-
lösende Wirkung zu testen.
Viele der Erkenntnisse zur Entstehung von Angst stammen von
Forschern, die Ratten erschrecken. Sie beruhen auf dem Muster der
konditionierten Furcht, das von Iwan Pawlow entwickelt wurde
(siehe S. 161). In einem typischen Versuch wird einer Ratte ein
«Reiz» präsentiert — meistens ein Ton oder ein Lichtblitz
(«konditionierter Reiz») —, und gleichzeitig erhält sie einen leichten
elektrischen Schlag («unkonditionierter Reiz»). Unkonditionierte
Reize sind solche, die schon von Natur aus Angst auslösen, während
konditionierte Reize harmlos waren, bis der erbarmungslose
Tierforscher sie mit dem echten Gefahrenreiz kombinierte. Nach
einigen Durchgängen reagiert die Ratte auf den konditionierten Reiz
mit den gleichen körperlichen Angstreaktionen und Verhaltens-
weisen, selbst wenn der unkonditionierte Reiz gar nicht mehr
vorhanden ist.
Das Gleichnis der konditionierten Furcht hat jedoch seine
Schwächen. Bei den Ängsten der Versuchstiere handelt es sich um
Realängste (etwa der Angst vor einer anderen männlichen Ratte)
oder aber um konditionierte Furcht (Angst vor einem elektrischen
Schlag im Laborkäfig). Beides ist für die Ratte tatsächlich gefährlich
oder schmerzhaft. Die typische Angst bei Menschen mit einer
Angststörung ist dagegen eine übertriebene oder unrealistische
Angst. Jemand, der in einer Fußgängerzone Panikattacken bekommt,
ist ja nicht wirklich in Gefahr. Aus den Tiermodellen können
lediglich Rückschlüsse auf die Gehirngebiete gewonnen werden, die
für reale Ängste bei Menschen zuständig sind, nicht aber unbedingt
auch für unrealistische Ängste wie Fahrstuhlphobien oder scheinbar
grundlos ablaufende Panikattacken. Es scheint also so zu sein, dass
es im menschlichen Gehirn neben einem «Ministerium für
tatsächliche Gefahren» an einer ganz anderen Stelle das
«Ministerium für absurde Angst» gibt. Die erstere Instanz kümmert
sich um Bedrohungen wie tollwütige Hunde, Heckenschützen oder
Vergewaltiger. Sie ist notwendig und sichert unser Überleben. Die

176
zweite Instanz ist nur für unangebrachte Ängste zuständig und hat
ihre Berechtigung weitgehend verloren. Es ist ungemein wichtig,
dass wir diese Arten von Ängsten immer trennen, wenn wir verste-
hen wollen, wie krankhafte Angst entsteht.

Enthemmte Affen
Das Gehirn ist wohl das unübersichtlichste Organ des Körpers.
Selbst Leute, die sich Hirnforscher nennen, haben oft nur eine vage
Übersicht über diesen Monstercomputer. Die Erkenntnisse darüber,
welche verschiedenen Gehirnteile an der Auslösung von Angst be-
teiligt sind, sind vorwiegend am Tiermodell gewonnen worden. Um
herauszufinden, welche Funktionen die verschiedenen Systeme ha-
ben, hat man den Tieren Verletzungen im Gehirn zugefügt. Dabei
werden bei Tieren bestimmte Teile des Gehirns entfernt; anschlie-
ßend wird beobachtet, welche Ausfälle sich einstellen.
Im Jahre 1938 entfernten der deutsche Psychologe Heinrich Klüver
und der amerikanische Neurochirurg Paul C. Bucy bei Affen auf
beiden Seiten die Schläfenlappen und den so genannten Hippocam-
pus — einen Teil des Gehirns, dem heute im Zusammenhang mit der
Angst große Bedeutung zukommt. Die Affen zeigten gesteigertes se-
xuelles Verhalten, auch hatten sie keine Angst mehr vor Schlangen
oder Menschen. Bei Menschen, bei denen diese Gebiete durch
Unfälle, Schussverletzungen, Gehirntumoren oder andere Schädi-
gungen in Mitleidenschaft gezogen worden waren, kam es zu An-
triebslosigkeit, Essanfällen oder sexueller Triebenthemmung.76 Aus
diesen Verletzungen, wie auch aus Erkenntnissen, die während
Operationen am Gehirn gewonnen wurden, können Rückschlüsse
auf die an der Angstauslösung beteiligten Gebiete gezogen werden.
Diese Untersuchungen haben allerdings ihre Einschränkungen.
Denn bei diesen Verletzungen wird ja nicht nur ein bestimmtes
Hirnareal zerstört, sondern auch alle Bahnen, die durch das zerstörte
Areal führen. Diese Bahnen verlaufen vielleicht zu ganz entfernt
liegenden Gebieten, und so kann ein falscher Eindruck über die
durch die Verletzung geschädigten Gebiete entstehen. Dennoch
wurden durch solche Untersuchungen viele wertvolle Informationen
gewonnen.
177
Die anatomischen Strukturen, die an der Auslösung von Angst
beteiligt sind — ein Geflecht von zusammenarbeitenden Gehirntei-
len —, nennt der amerikanische Psychiater Jack M. Gorman das
«Angstnetzwerk».77 Dazu gehören der Thalamus, die Amygdala, der
Hippocampus, das zentrale Grau, der locus coeruleus und der Hypo-
thalamus. Dieses Netzwerk reagiert, wenn der Körper tatsächlich in
Gefahr ist, aber auch wenn völlig unnötigerweise aus heiterem
Himmel Panikattacken auftreten.

Der Filter im Ehebett


Angst auslösende Informationen von außen — wie bei der Maus der
Anblick eines großen Raubvogels — erreichen zunächst einmal ein
Gebiet, das die altehrwürdigen Anatomen Thalamus («Ehebett») ge-
nannt haben. Dieses Gebiet hat die Funktion eines Filters. Informa-
tionen, die unsortiert von allen Sinnesorganen einströmen, sortiert
der Thalamus in wichtige und unwichtige. Außerdem sorgt er dafür,
dass wesentliche Informationen an die zuständigen Stellen wei-
tergeleitet werden. Der Thalamus hat somit ungefähr die Aufgabe
eines Pförtners in einem Betrieb — er nimmt Briefe und Telefonge-
spräche an und leitet sie weiter an die zuständigen Personen, aber
man erwartet nicht, dass er den Inhalt der Briefe versteht oder in die
Telefongespräche eingreift.
In einer Gefahrensituation werden zwei verschiedene Schaltkreise
aktiviert. Einer von diesen Schaltkreisen ist relativ verzweigt und
geht zur Hirnrinde, die eine sehr genaue und ausführliche Verar-
beitung der eingehenden Informationen vornimmt. Dieser Schalt-
kreis ist sehr träge und umständlich und braucht etwa 0,3 Sekunden,
um zu reagieren. Das ist eine Ewigkeit, wenn es darum geht, schnell
auf eine Gefahr zu reagieren.
Vom Thalamus geht aber auch eine rasante Bahn, eine Art Notfall-
Telefonleitung, auf direktestem Wege zur Amygdala, um dort eine
sofortige Reaktion auszulösen, bevor alles zu spät ist. Die Amygdala
ist eine Ansammlung von Zellen im Vorderhirn, die wegen ihres
Aussehens «Mandelkern» genannt wird. Die Amygdala kann
blitzartig alle möglichen Systeme im Körper aktivieren, damit
178
Der schnelle Weg: Eine äußere Bedrohung wird über Augen, Ohren oder Gefühlssinne
wahrgenommen. Diese Informationen werden über den Thalamus ohne Umwege an die
Amygdala weitergeleitet, damit von dort aus eine rasche Reaktion stattfinden kann. Auch
Informationen aus dem eigenen Körper (z. B. «Wie schnell schlägt mein Herz?») erreichen die
Amygdala teilweise direkt und teilweise auf Umwegen über den Thalamus.

man wie ein Bulle kämpfen oder wie der Teufel weglaufen kann.
Dieser Schaltkreis ist nicht dafür gebaut, eine genaue Analyse einer
gefährlichen Situation zu liefern — er soll nur flott sein. Deshalb
kann er manchmal einen Fehlalarm auslösen.
Wenn Sie im Dschungel eine Schlange vor sich sehen, machen Sie
unwillkürlich eine Schreckbewegung nach rückwärts. Diese Re-

179
aktion haben Sie Ihrer Amygdala zu verdanken. Sie funktioniert un-
glaublich rasch. Wenn man Versuchspersonen Schlangenbilder nur
eine 33stel Sekunde lang zeigt, reagieren sie schon mit Angst. In der
freien Wildbahn nützt es nichts, wenn man lange überlegt, ob ein
plötzlich auftauchendes wildes Tier eine Gefahr darstellt oder nicht.70
Um nicht des Tigers fette Beute zu werden, muss man ohne
nachzudenken reagieren («Erst schießen, dann Fragen stellen»), und
dies geht nur über den Notfallschaltkreis.
Die per Schneckenpost weitergeleitete Meldung dagegen ist die-
jenige, die dafür sorgt, dass uns die Angstsituation auch richtig klar
wird. Alle Erregungen müssen den Thalamus passieren, um bewusst
zu werden. So kann es sein, dass Sie auf der Autobahn plötzlich
quietschende Reifen hören und erst einen Moment später feststellen,
dass Sie es selbst waren, der reflexartig auf die Bremse getreten hat,
weil vor Ihnen ein Stau entstanden war.
Der Mensch reagiert in der Gefahr wie ein primitives Tier, das gar
nicht den Verstand hat, eine gefährliche Situation angemessen zu
beurteilen, sondern immer auf Autopilot geschaltet hat. Auch eine
Fliege verfügt über ein sehr schnelles Angstnetzwerk, was einem
sofort klar wird, wenn man versucht, sie mit bloßen Händen zu
fangen.

Die Amygdala — die Achse der Angst


Der Angstforscher Joseph E. LeDoux von der Universität New York
ging der Frage nach, was mit einem akustischen Signal passiert, das
ein Rattenhirn erreicht. Er trainierte Ratten so, dass sie vor be-
stimmten Geräuschen Furcht entwickelten. Danach zerstörte er die
Hörrinde. Dieser Teil des Gehirns dient dazu, Gehörtes auch bewusst
wahrnehmen zu können. Die Ratten konnten Geräusche zwar noch
hören, aber nicht mehr ins Bewusstsein bekommen. Trotzdem
reagierten die Tiere weiterhin mit Angst auf die Geräusche.
Nachdem er jedoch auch noch die Verbindung zur Amygdala
gekappt hatte, zeigten die Ratten keine Furcht mehr. Damit war re-
lativ klar, dass die Amygdala eine wichtige Rolle bei der Auslösung
von Angst spielt. Es musste also eine direkte Verbindung von den
180
Ohren zur Amygdala geben, die verdächtige Geräusche sofort ohne
Umweg über das Bewusstsein zur Notfallzentrale weiterleitet.
Woher wissen wir, dass bei Menschen, die in völlig harmlosen
Situationen Panikattacken bekommen, die gleichen Verhältnisse
herrschen wie bei Ratten, die von einem elektrischen Schock oder
von einer anderen gewalttätigen Ratte bedroht werden?
Hier kann uns der faszinierende Fall einer Frau weiterhelfen, von
der nur ihre Patientennummer bekannt ist. Nennen wir sie «Frau
SM046». Sie wurde an der Universität von Iowa untersucht. Diese
Frau litt an dem seltenen «Urbach-Wiethe-Syndrom», bei dem die
Mandelkerne auf beiden Seiten zerstört sind. Wenn der Neurologe
Ralph Adolphs Frau SM046 Bilder von Gesichtern zeigte, hatte sie
keine Mühe, Gesichter herauszufinden, die fröhlich, traurig oder
ärgerlich sind. Wenn sie aber ein Gesicht sah, das Angst ausdrückte,
konnte sie dieses Gefühl nicht wahrnehmen. Sie konnte lediglich
sagen, dass es sich um ein intensives Gefühl handelte — das war
aber auch alles. Dieser Fall zeigt, dass bei Menschen ebenfalls die
Amygdala für Ängste zuständig ist.78 Der deutsche Wissenschaftler
Hans J. Markowitsch, der ein Geschwisterpaar mit dem Urbach-
Wiethe-Syndrom untersuchte, beschreibt die Amygdala als eine Art
Flaschenhals, den bestimmte Ereignisse durchqueren müssen, um
dort eine emotionale Färbung verliehen zu bekommen. Je stärker der
emotionale Eindruck ist, den die Amygdala dem Ereignis verleiht,
desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es im Langzeitge-
dächtnis abgespeichert werden kann.79 Vielleicht ist die Amygdala
der Ort, der dafür sorgt, dass wir ein umgekipptes Bierglas schneller
vergessen als einen implodierten Fernseher.
Es gibt noch weitere Hinweise für die Bedeutung der Amygdala bei
der Angstauslösung. Bei Epileptikern, die unter unbehandelba-
ren Krampfanfällen litten, wurde die Amygdala herausgeschnitten
— diese Menschen zeigten keine gelernten Furchtreaktionen mehr.80
Manchmal wurde bei Epileptikern auch bei vollem Bewusstsein die
Amygdala elektrisch gereizt, um herauszufinden, wo im Gehirn die
Epilepsie ausgelöst wird (das ist nicht mit Schmerzen verbunden!).

181
Bei solchen Untersuchungen kam es aber zu Angstreaktionen, die
ähnlich wie eine Panikattacke aussehen.81
In der Zusammenarbeit mit der Neurologischen Klinik der Uni-
versität Göttingen fiel mir auf, dass es einige Patienten gab, die unter
einer Epilepsie litten, die aber auch bestimmte Zustände hatten, die
Panikattacken ähnelten. Epileptische Anfälle laufen in der Regel so
ab, dass der Betroffene das Bewusstsein verliert, hinstürzt, blau im
Gesicht wird und heftig mit dem ganzen Körper krampft. Es gibt
aber auch Anfalle, bei denen die Kranken nicht bewusstlos werden,
sondern verschiedenartige merkwürdige Gefühle schildern, wie
Halluzinationen oder Dejá-vu-Erlebnisse. Manche dieser Patienten
schilderten Anfälle mit Angst, Schwitzen, Erröten, Luftnot, Herzra-
sen, Brustschmerz, Übelkeit, Kribbelgefühlen, Hitzewallungen und
Kälteschauern — also genau den Symptomen, die auch bei einer Pa-
nikattacke auftreten.
Es gab auch Menschen, die abwechselnd zwei Arten von Anfällen
hatten, nämlich die «normalen», die mit einem Bewusstseinsverlust
einhergingen, sowie andere, die eher Angstanfällen ähnelten.
Interessanterweise stellte sich heraus, dass diese Personen oft eine
Temporallappen-Epilepsie hatten. Bei dieser Sonderform der
Epilepsie kann der Herd im Gehirn, der die Krampfanfälle auslöst,
sich in unmittelbarer Nähe der Amygdala oder des Hippocampus
befinden. Der Hippocampus, der direkt neben der Amygdala liegt,
ist der krampfbereiteste Teil des Gehirns. Bei einigen dieser Patien-
ten wirkten manchmal die Epilepsie-Medikamente nicht zufrieden
stellend: Die «normalen» Anfälle bekam man zwar in den Griff; die
anderen aber, die eher Angstanfallen glichen, wurden nicht besser,
obwohl man die Epilepsie-Medikamente immer weiter erhöhte. Erst
als wir diese Menschen mit Antipanik-Medikamenten behandelten,
kam es zu einer Besserung.
Die Amygdala scheint also der zentrale Ort zu sein, von dem Pa-
nikattacken und andere Angstreaktionen ausgehen. Wird die
Amygdala gereizt, kommt es gleich zu einem Feuerwerk von Ner-
venentladungen. Von diesem Schaltzentrum gehen einige Kabel zu
verschiedensten Zentren, die das auslösen, was wir unter einer Pa-

182
Auslösung von Angstreaktionen: Von der Amygdala ausgehende Nervenbahnen
lösen bei Gefahr in Gebieten des Gehirns wie dem lateralen Kern, dem paraven-
trikulären Kern des Hypothalamus, dem zentralen Grau, dem Locus coeruleus und
dem parabrachialen Kern Angstsymptome aus.

nikattacke verstehen. Diese Gebiete heißen zentrales Grau, Locus


coeruleus, parabrachialer Kern, lateraler Kern und paraventrikulärer
Kern.

Das Seepferdchen und der Chinakracher


Während die Amygdala in einer Gefahrensituation damit beschäftigt
ist, dem Körper mitzuteilen, was er tun soll, feuert sie aber auch
einen benachbarten Zellhaufen an, der Hippocampus (oder auch

183
«Seepferdchen» oder «Ammonshorn») genannt wird. Der Hippo-
campus bildet mit der Amygdala zusammen eine Gedächtniseinheit.
Er vollzieht Speicher- und Abrufvorgänge im Gedächtnis: Das See-
pferdchen vergleicht einen Reiz (wie den Anblick eines riesigen
Messers) oder eine Situation (umgeben von mehreren Mitgliedern
einer Straßengang) mit bewussten Vorerfahrungen und Erinnerun-
gen, die in der Hirnrinde abgespeichert sind, und führt eine Beur-
teilung der Bedrohlichkeit oder Wichtigkeit dieser Situation durch.
Oben haben wir über die schnelle, sofortige Reaktion in einer
Gefahrensituation geredet, die von der Amygdala aus verbreitet
wird. Der Hippocampus ist wahrscheinlich dagegen an der «langsa-
men» Schreckreaktion beteiligt. Ein Beispiel: Ein lauter Knall führt
über die Amygdala zu einer Schreckreaktion. Der Hippocampus ver-
gleicht dieses Geräusch mit Vorerfahrungen. Die Nachfrage ergibt:
«Das war nur ein explodierender China-Kracher.» Jetzt kann der
Hippocampus Entwarnung geben und weitere Panik und unnötige
Fluchtreaktionen abblocken. Diese Reaktion dauert, wie gesagt, et-
was länger — auch wenn es sich dabei nur um 0,3 Sekunden handelt.
Dass sie länger dauert, liegt wahrscheinlich daran, dass der Gehirn-
computer erst einmal auf eine große Festplatte zugreifen muss, um
abgespeicherte Erinnerungen zu durchforschen. Diese Datenspeicher
finden sich in den äußeren Schichten des Gehirns, in den so
genannten sensorischen Assoziationsgebieten.
Der Job des Hippocampus ist es auch, dem Gehirn beim so ge-
nannten Kontextlernen zu helfen. Wenn eine Ratte einst einen
elektrischen Schlag erhalten hat, während sie einen Ton hörte, merkt
sie sich diese Verbindung Ton = Elektroschock. Es reicht dann, allein
das Geräusch zu wiederholen, um die Ratte in Angst zu versetzen.
Später braucht man noch nicht einmal den Ton — es reicht dann
schon, die Ratte in den Käfig zu setzen, in dem sie den Schock
erhalten hat, um sie in Angst und Schrecken zu versetzen. Das
Kontextlernen hilft ihr, sich zu merken, wo sie gerade war, als sie
den Schock erhielt, und was sonst noch in der Umgebung passierte,
als dies geschah. Es hilft ihr weiterhin, in Zukunft Situationen zu
erkennen, die gefährlich sind. Wenn eine Ratte einen Käfig sieht, in

184
dem sie früher einen elektrischen Schock bekommen hatte («O Gott,
wieder dieser Käfig!»), greift das Gehirn auf ein genaues Abbild des
Käfigs zurück, das mit allen Einzelheiten im Hinterkopf gespeichert
ist. Ein Mensch hat hier vielleicht das Abbild einer Fußgängerzone
gespeichert, in der er früher eine Panikattacke erlitten hat. Für Angst
auslösende Geräusche ist zum Beispiel der Schläfenlappen
zuständig. Hier werden bei Soldaten Schüsse, Krachen oder
Explosionen abgespeichert, bei Autofahrern dagegen das Geräusch
einer Hupe oder kreischender Bremsen. Im Stirnhirn dagegen gibt es
Speicher, die sich verdächtige Gerüche merken. Hier «wittern» Tiere
die Gefahr, Brandgeruch warnt einen Feuerwehrmann, und ein
merkwürdiger Mief hindert uns daran, fauligen Fisch zu essen. So
gibt es für jedes Sinnesorgan ein großes Gebiet im Gehirn, in dem
gefährliche Situationen abgespeichert sind.

Ein Gedächtnis wie ein Elefant


Bestimmte länger andauernde traumatische Erfahrungen, wie Jahre
in einem Konzentrationslager, ständige Bomben und Schüsse im
Krieg oder mehrfache Vergewaltigungen durch den Stiefvater, hin-
terlassen tiefe Spuren im Gedächtnisspeicher des Gehirns. Für die
Speicherung dieser Spuren ist wahrscheinlich auch der Hippocam-
pus verantwortlich. Wenn ein Stresszustand über Jahre anhält, kann
sich das sichtbar auf den Hippocampus auswirken. Bruce McEwen,
ein Neurowissenschaftler an der New Yorker Rockefeller-Universi-
tät, konnte zeigen, dass der Hippocampus unter Dauerstress im
wahrsten Sinne des Wortes «die Nerven verliert» und schrumpft.82
Eine andere Studie bestätigte diese Erkenntnis: In den USA wurden
Soldaten mit Kampferfahrung untersucht. Bei den Soldaten, die
aufgrund ihrer schrecklichen Kriegserlebnisse eine posttraumatische
Belastungsstörung bekommen hatten, war der Hippocampus
geschrumpft, wie sich im Vergleich mit Soldaten ohne posttrau-
matische Belastungsstörung oder gesunden Kontrollpersonen
zeigte.83
In Bethel untersuchte der Psychiater Martin Driessen 21 Frauen mit
einer Borderline-Störung. Sie hatten in ihrer Kindheit schwere
185
belastende Erlebnisse wie Vergewaltigungen erlitten. Im Vergleich
zu Gesunden waren bei diesen Frauen Hippocampus und Amygdala
geschrumpft.84 Bei Panikpatienten fand man eine Verminderung des
Volumens des Schläfenlappens, wobei aber der Hippocampus nicht
verkleinert war.85 Diese Untersuchungen sind vorläufige Hinweise
darauf, dass schwere belastende Lebensereignisse Narben in der
Seele in Form von greifbaren neurobiologischen Veränderungen
hinterlassen.

Das Grauen im zentralen Grau und das blaue Örtchen


Die Amygdala informiert bei Gefahr auch ein kleines Gebiet, das
zentrales Höhlengrau genannt wird. Dieser Name wirkt nicht gerade
beruhigend — und in der Tat wird an diesem Ort das Grauen
ausgelöst. Wenn Tiere sich bei Gefahr tot stellen, so ist das zentrale
Grau dafür verantwortlich. Wenn es bei Menschen gereizt wird,
kommt es zu Todesangst, Schwitzen, Herzrasen, Luftnot, Erröten
und «Gänsehaut».86
Wenn die Amygdala aus allen Rohren schießt, wird zudem ein
Gebiet im Gehirn namens Locus coeruleus angestachelt. Dies führt
dazu, dass der Blutdruck erhöht wird, das Herz rast und die Atmung
schneller wird. Das lateinische Wort locus heißt «Ort» (wie auch die
Bezeichnung «Örtchen» für eine Toilette nahe legt). Coeruleus heißt
«himmelblau», weil dieses Gebiet tatsächlich blassblau aussieht,
wenn es der Anatom aus dem Gehirn eines Toten herausschneidet.
In diesem Kern findet man Noradrenalin, einen Botenstoff, dem im
Zusammenhang mit der Angst große Bedeutung zukommt. Wenn
man weiß, dass durch das Gehirn wahrscheinlich zehn bis fünfund-
zwanzig Milliarden Nervenzellen verlaufen, so wundert man sich,
dass es insgesamt im ganzen Gehirn nur 15 000 Zellen gibt, die mit
Noradrenalin befeuert werden. Und, noch mehr verwunderlich:
Etwa 70 Prozent des gesamten Noradrenalins im Gehirn werden im
winzigen Gebiet des Locus coeruleus produziert. Dieses Gebiet scheint
eine wichtige Schaltstelle zu sein.
Im Jahre 1977 reizte der amerikanische Forscher David Redmond
bei Affen elektrisch den Locus coeruleus. Dadurch wurden sie in
186
panische Angst versetzt. Schließlich operierte er diesen Kern voll-
ständig heraus: Danach waren die Affen komplett angstfrei. Außer-
dem schienen die Tiere alle Hemmungen verloren zu haben; sie
zeigten maßlose Fress- und Trinkanfälle.87
Aber noch weitere Vorgänge werden ausgelöst, wenn die Amyg-
dala eine Furchtreaktion in Gang setzt. Die Gesichtsnerven werden
aktiviert, sodass ein ängstlicher Gesichtsausdruck entsteht. Das Ge-
hirn wird allgemein unter Strom gesetzt, damit die Aufmerksamkeit
erhöht wird. Wer eben noch schläfrig war, ist jetzt hellwach. Die
Teile des Körpers, die für Bewegungen zuständig sind, laufen auf
Hochtouren. Dies erklärt, warum Menschen, die sich in einer le-
bensgefährlichen Situation befinden, «Bärenkräfte» entwickeln.
In einem anderen für die Angst wichtigen Zentrum, dem Hypo-
thalamus, löst die Alarmreaktion der Amygdala gleich zwei Kaska-
den von Ereignissen aus. Hypothalamus bedeutet einfach: «unter
dem Thalamus». Zum einen werden hier Stresshormone ausge-
schüttet (siehe S. 199), zum anderen wird das sympathische Nerven-
system aktiviert, was allerdings bei den Betroffenen alles andere als
sympathische Gefühle auslöst (siehe S. 203).

Dr. Frankenstein und das Stirnhirn


Im Bereich der Stirn befindet sich ein Gebiet, das «präfrontaler Kor-
tex» genannt wird. Dieser Teil der Hirnrinde ist bei Menschen deut-
lich größer ausgeprägt als bei Tieren. Im Zusammenhang mit Angst-
reaktionen hat der präfrontale Kortex folgende Funktionen: Er plant,
was der Körper in einer Angst auslösenden Situation als Nächstes
tun soll, nachdem er von der Amygdala eine Warnmeldung
bekommen hat. Falls sich ein Lebewesen für die Flucht entscheidet
(der Hase entscheidet sich beispielsweise fast immer für Flucht),
informiert der präfrontale Kortex die «motorische Rinde», also das
Gebiet, das für Bewegungen zuständig ist. Das Wegrennen oder
Hakenschlagen wird also vom präfrontalen Kortex geplant und von
der motorischen Rinde ausgeführt, um das Überleben durch Flucht
zu garantieren.
Als man noch nicht wusste, wie man eine Agoraphobie therapie-
187
ren konnte, schlug man in der Behandlung dieser Erkrankung
manchmal verzweifelte Wege ein. Bevor die Psychopharmaka ein-
geführt wurden, gab es für hoffnungslose Fälle schwerster psychi-
scher Erkrankungen keine anderen Behandlungsmöglichkeiten als
Elektroschocks, Insulinkuren und Gehirnoperationen. In den fünf-
ziger Jahren wurden Menschen mit einer sehr schweren Agorapho-
bie am Gehirn operiert — heute eine absurde Vorstellung. Wie bei
anderen schweren psychischen Erkrankungen versuchte man die
Leukotomie-Operation. Dabei durchtrennte man die Verbindungen
zwischen dem Thalamus und dem präfrontalen Kortex. Die Leuko-
tomie wurde später aufgegeben, denn die Operation war ja nicht nur
mit einem hohen allgemeinen Risiko behaftet, sondern führte
manchmal zu starken Wesensveränderungen, sexueller Enthem-
mung oder anderen unschönen Persönlichkeitswandlungen. Der
britische Psychiater Isaac Marks untersuchte 22 Patienten, bei denen
zwischen 1952 und 1962 wegen schwerer Agoraphobie eine
Leukotomie durchgeführt worden war.88 Den meisten der operierten
Patienten ging es nach diesem Bericht besser als den nichtoperierten
Menschen mit Agoraphobie. Die Persönlichkeitsveränderungen nach
der Operation seien, so Marks, nur geringfügig gewesen. Gott sei
Dank gibt es heute andere Methoden, eine Agoraphobie zu
behandeln. Aber die Frankenstein-Experimente zeigten eines: Die
Durchtrennung der Verbindung vom Thalamus zum Stirnhirn führte
offensichtlich dazu, dass die Angstsignale von der Amygdala nicht
zum präfrontalen Kortex durchgestellt wurden. Diese Verbindung
zum präfrontalen Kortex sorgt anscheinend dafür, dass uns die
Angst, die wir erleben, auch bewusst wird.
Aber der präfrontale Kortex hat auch die Funktion, nach Beendi-
gung einer Gefahrensituation eine «Alles wieder klar»-Nachricht an
die Amygdala zu senden. Wenn bei der Ratte nach einem Elektro-
schock der Schmerz nachlässt, versucht der präfrontale Kortex die
Amygdala wieder zu bremsen. Zumindest sollte er das. Aber es
scheint so, dass es einfacher ist, eine Stressreaktion auszulösen, als
sie wieder abzuschalten. Dies ist in Situationen wichtig, in denen es
um das Überleben geht. Letztlich ist es besser, ab und zu mal Panik

188
zu bekommen, als angesichts einer lebensgefährlichen Situation re-
laxed herumzustehen oder erst einmal grünen Tee zuzubereiten.
Vielleicht kommt dem präfrontalen Kortex auch im Zusammen-
hang mit einer Psychotherapie eine wichtige Bedeutung zu. Wenn
jemand es schafft, seine Angst zu überwinden, dann liegt es daran,
dass sein präfrontaler Kortex die Amygdala im Zaum hält.

Die Achse des Bösen


Wenn die Amygdala in der Gefahr den Hypothalamus aktiviert,
kommt es über mehrere Umwege zu einer Ausschüttung der Stress-
hormone. Dieses verknüpfte System wird die «Stressachse» oder
«Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse» (HHN)
genannt. Für jemanden, der unter Angst leidet, ist sie die Achse des
Bösen.
Im Hypothalamus wird bei Gefahr ein Hormon ausgeschüttet, das
«Corticotropin Releasing Hormone» (CRH) genannt wird. Dieses
Hormon setzt wiederum die Hirnanhangdrüse unter Strom. Die
Hirnanhangdrüse hängt, wie Sie jetzt richtig vermutet haben, unten
am Gehirn. Sie wird auch Hypophyse genannt und schüttet das so
genannte Stresshormon «Adrenocorticotropes Hormon» (ACTH)
aus. Durch ACTH wird jetzt die Nebenniere aktiviert. Sie ist wie ein
Hut mit drei Ecken geformt und sitzt auf der Niere.
Die Nebennierenrinde schüttet wiederum Cortisol aus. Das
Stresshormon Cortisol hat sehr viele Funktionen, die alle aufzuzäh-
len hier zu weit führen würde. Vereinfacht gesagt, hat das Cortisol
drei Aufgaben: Erstens soll es die Bereitstellung von Energie für den
Körper in Form von Zucker gewährleisten. Zweitens dämpft es das
Immunsystem, woraus eine Entzündungshemmung resultiert. Drit-
tens steigert es die Wirkung der anderen Stresshormone Adrenalin
und Noradrenalin, die aus dem Nebennierenmark ausgeschüttet
werden.
Wichtig ist hier nur die Funktion, die es im Zusammenhang mit
Angst hat. Wenn es zur richtigen Zeit in der richtigen Menge ausge-
schüttet wird, kann Cortisol dabei helfen, uns an Stresssituationen
anzupassen. Es sorgt in der Gefahr dafür, dass bestimmte Dienstleis-
189
tungen des Körpers eingestellt werden, die im Notfall nicht ge-
braucht werden, wie die Verdauung oder die Immunabwehr. Es
hilft, den Körper stattdessen auf die Kampf- oder Fluchtreaktion
einzustellen. Auf diese Weise kann er Gefahren besser überstehen.
Ist der Stress allerdings zu stark, kann die Cortisol-Ausschüttung
auch schädlich sein. Der in Kanada lebende Arzt Hans Selye be-
schrieb bereits 1936, dass ständiger Stress schädliche Auswirkungen
auf den Körper haben kann — er kann zum Beispiel zu Magen-
blutungen fuhren. Menschen, die unter chronischem Stress stehen,
können außerdem wegen des abgeschwächten Immunsystems
leichter Infektionen bekommen und vielleicht auch empfindlicher für
Krebserkrankungen sein.
Lange wusste man nicht, ob Menschen während einer Panikattacke
eine Cortisol-Ausschüttung haben, da man dazu ja im Moment der
Panikattacke Blut hätte abnehmen müssen. Das stellte eine fast
unüberwindliche Schwierigkeit dar. Schließlich bekommen die
Menschen die Panikattacken nicht unbedingt, während sie in einem
Labor herumsitzen, wo man ihr Blut im selben Moment abzapfen
könnte. Panikattacken treten ganz unvermutet auf, während die
Betroffenen zu Hause auf dem Sofa sitzen oder einen Freund be-
suchen. Daher versuchten Wissenschaftler, Panikattacken künstlich
im Labor auszulösen, um herauszufinden, was in diesem Moment
biochemisch im Körper abläuft. Man gab den freiwilligen Patienten
Laktat-Infusionen oder andere chemische Substanzen, mit denen
Panikattacken ausgelöst werden können. Das Ergebnis: Die Panik-
patienten reagierten nicht mit einer Cortisol-Ausschüttung. Dies war
erstaunlich, denn normalerweise würde man erwarten, dass eine
Angstattacke ein Musterbeispiel für eine Stresssituation ist und
selbstverständlich zu einer Ausschüttung von Stresshormonen
fuhren sollte.
Unsere Arbeitsgruppe nahm an, dass es daran lag, dass die im
Labor künstlich ausgelösten Panikattacken eben nicht echten Pa-
nikattacken entsprachen. Wir überlegten uns daher, wie wir die
Cortisol-Ausschüttung bei echten Attacken messen konnten. Mit
Geduld und — im wahrsten Sinne des Wortes — etwas Spucke

190
ersannen wir eine raffinierte Methode, mit der die Stresshormone bei
Angstattacken «im wirklichen Leben» ermittelt werden können. Das
Cortisol ist nämlich auch im Speichel nachweisbar. Entsprechend
gaben wir den Versuchspersonen Röhrchen für Speichelproben mit.
Wenn diese plötzlich eine Panikattacke bekamen, mussten sie auf
einem Wattebausch herumkauen und uns den Wattebausch nachher
im Labor abliefern. In dem Speichelrest konnten wir nachweisen,
dass das Stresshormon Cortisol während einer Panikattacke auch
tatsächlich anstieg.89 Auch Forscher im kalifornischen Stanford
übernahmen unsere Methode und zeigten, dass Menschen mit einer
Autofahrphobie ebenfalls eine Erhöhung des Speichelcortisols
aufwiesen, wenn sie über eine volle Autobahn fahren mussten — mit
einem Wattebausch im Mund.90 Diese Versuche zeigten, dass die
Stressachse tatsächlich reagiert, wenn es zu Angstsituationen kommt.
Diese Stressachse scheint ein langes Gedächtnis zu haben. Belas-
tende Lebensereignisse in der Kindheit — wie eine lange Trennung
von der Mutter — können in späteren Lebensjahren den Menschen
nachhaltig anfälliger für seelische Erkrankungen machen. Man hat
bislang immer dies vermutet; aber man konnte nicht sagen, was der
Grund dafür sein könnte. Vielleicht liegt des Rätsels Lösung in der
Stressachse.
Es konnte nämlich gezeigt werden, dass traumatische Ereignisse in
frühen Lebensjahren tief greifende und langfristige Wirkungen auf
die Stressachse haben. Werden Rattenjunge länger von ihrer Mutter
getrennt, zeigen sie im Erwachsenenalter verstärkte emotionale
Reaktionen und Stresshormonausschüttungen.91 Auch bei Affen
führten frühe Trennungen Jahre später zu Verhaltensstörungen. Bei
diesen Tieren fand man im Erwachsenenalter im Nervenwasser eine
erhöhte Menge des Hormons CRH (Cortisol Releasing Hormone),
das zu einer Cortisol-Ausschüttung führt.92 Die Erhöhung der
Stresshormone nach langer Trennung von der Mutter hatte bei
Versuchstieren schädliche Auswirkungen auf den Hippocampus, der
ja, wie erwähnt, unter Stressbelastung schrumpfen kann. Die
Veränderungen der Stressachse, die durch frühe Entwicklungsstö-
rungen entstanden, haben Ähnlichkeiten mit den Störungen, die bei

191
traumatisierten oder depressiven Menschen gefunden worden
waren.93

Der Adrenalinstoß
Die meisten Menschen denken bei Adrenalin an Angst und Schre-
cken, aber auch an positive Aufregungen. Der Botenstoff (Neuro-
transmitter) Adrenalin ist als Hormon bereits über hundert Jahre be-
kannt. Der amerikanische Physiologe Walter B. Cannon war 1914 der
Erste, der die «Notfallreaktion» der Tiere und Menschen beschrieb
und sie mit dem Adrenalin in Verbindung brachte. Wenn ein Mensch
oder ein Tier eine Kampf- oder Fluchtreaktion zeigt, dann ist, so Can-
non, das Adrenalin dafür verantwortlich. Es wird im Nebennieren-
mark und in den Schaltstellen des sympathischen Nervensystems,
das im nächsten Abschnitt erklärt wird, gebildet. Es führt zum Bei-
spiel zu einer Erhöhung des Blutdrucks oder des Pulses.
Der Grund, warum die Hirnforscher das Adrenalin im Zusam-
menhang mit der Angst bisher noch wenig studiert hatten, ist wohl,
dass man lange dachte, dass Adrenalin im Gehirn nicht vorkommt.
Auch heute ist die Bedeutung des Gehirn-Adrenalins noch weitge-
hend unerforscht.
Auch ein anderer Botenstoff, das Noradrenalin, wird im Neben-
nierenmark gebildet. Adrenalin entsteht aus Noradrenalin. Wie Ad-
renalin ist Noradrenalin ein Neurotransmitter im sympathischen
Nervensystem — seine Wirkungen sind allerdings etwas anders als
die des Adrenalins. Wenn Cortisol in der Stressachse ausgeschüttet
wird, führt dies auch zu einer direkten Einleitung von Adrenalin
und Noradrenalin in die Blutbahn. Mit Noradrenalin gespeiste Bah-
nen gehen vom Locus coeruleus aus und erreichen Gebiete im Gehirn,
die wir schon kennen gelernt haben — den Hypothalamus, den Tha-
lamus, die Amygdala und den Hippocampus.
Viele Medikamente, die bei Angst wirken, beeinflussen ebenfalls
eine Noradrenalin-Ausschüttung — auch ein Grund, warum
Noradrenalin im Zusammenhang mit der Angst ein relativ wichtiger
Botenstoff ist.
192
Das unsympathische Nervensystem
Oben hatten wir gesehen, dass die von der Amygdala ausgehende
Angstreaktion auch dazu führt, dass ausgehend vom Hypothalamus
das sympathische Nervensystem aktiviert wird. Hat jemand eine
Panikattacke, so hat er allerdings keine sympathischen, sondern
ziemlich unangenehme Gefühle, sodass dieses Nervensystem ei-
gentlich das «unsympathische» heißen sollte.
Alle Reaktionen des sympathischen Nervensystems bereiten den
Körper auf Kampf oder Flucht vor. Es ist ein Teil des «autonomen
Nervensystems». Charakteristisch ist für das autonome Nervensys-
tem, dass wir seine Funktionen nicht unter Kontrolle haben; so
können wir nicht willkürlich das Schwitzen oder die Blässe im Ge-
sicht an- und abstellen — im Gegensatz zum «somatischen Nerven-
system», das die Arm- und Beinmuskeln verkabelt und das wir nach
Belieben steuern können. Die Vorgänge des sympathischen Nerven-
systems laufen automatisch ab:
Die Haare stellen sich zu Berge («Gänsehaut»). Die Pupillen
erweitern sich, die Augen werden weit aufgerissen. Die Haut wird
blutleer und bleich, weil das Blut im Körper so umverteilt wird, dass
es für die Flucht gebraucht werden kann.

„ Die Zähne werden zusammengebissen (und bei Tieren ge


„ fletscht, um den Angreifer einzuschüchtern).
„ Die Arm- und Beinmuskeln spannen sich an und werden besser
„ durchblutet.
„ Das Herz schlägt schneller. Der Blutdruck steigt an.
Die Lungenmuskeln erschlaffen, sodass die Atemwege
erweitert werden.
„ Die Schweißdrüsen arbeiten stärker (Angstschweiß).
„ Im Darm wird Stuhldrang erzeugt, in der Blase Harndrang (da
her auch die Ausdrücke «Schiss haben» oder «sich in die Hose
machen»).
„ Wenn der Stress länger andauert, wird die Produktion von Ge
schlechtshormonen gedrosselt, und die Lust auf Sex lässt nach.

193
„ Leber und Bauchspeicheldrüse arbeiten zusammen, damit Zu
cker frei wird. So werden Energievorräte bereitgestellt.

Alle diese körperlichen Erscheinungen haben also durchaus einen


Sinn. Auch wenn sie unangenehme Gefühle erzeugen, so helfen sie
uns doch, in Gefahrensituationen zu überleben. Menschen, die aber
aus heiterem Himmel diese Symptome bekommen, ohne in Gefahr
zu sein, fühlen sich dementsprechend unwohl.

Chemie und Wahnsinn


Merkwürdige Verhaltensweisen der Menschen lassen sich oft da-
durch erklären, dass die Chemie im Kopf verrückt spielt. Wenn Sie
vier Glas Rotwein getrunken haben, erkennen Sie sich manchmal
vielleicht selbst nicht wieder. Schüchterne Menschen werden zu
Partylöwen und friedfertige Zeitgenossen können auf Krawall ge-
bürstet sein, wenn sie zu viel Alkohol getrunken haben. Aber auch
ohne irgendwelche Einflüsse von außen können Veränderungen der
chemischen Vorgänge im Gehirn entstehen, die dazu fuhren, dass
Menschen seltsame Dinge tun, wie sich achtzigmal am Tag die
Hände zu waschen, sich von fremden Mächten verfolgt zu fühlen,
Angst vor Singvögeln zu haben oder sich auf dem Dachboden mit ei-
nem Hanfseil zu erhängen.
Man muss sich das Gehirn wie einen großen Computer vorstellen,
in dem ein unglaubliches Gewirr von Kabeln (Neuronen) herrscht.
Ein Neuron besteht aus einer einzigen, langen, schlauchförmigen
Zelle, die am Anfang einen Zellkern hat. Manche Nervenzellen im
menschlichen Körper können bis zu einem Meter lang sein. Ein
Neuron steht mit vielen anderen Neuronen in Verbindung. Mit Hilfe
dieser Kabel wird so etwas wie ein elektrischer Strom weitergeleitet;
dies wiederum geschieht durch Neurotransmitter. Das sind
Moleküle, die zwischen zwei Nervenendigungen hin- und her-
springen. Wenn Sie schon einmal ein Bügeleisen oder andere elektri-
sche Geräte repariert haben, werden Sie vielleicht festgestellt haben,
dass die Probleme oft dort auftauchen, wo ein Kabel endet — fast nie
194
ist das Kabel in der Mitte kaputt. Die Störung entsteht meist da, wo
ein Kabel festgelötet oder —geschraubt ist. Genauso ist es mit
psychischen Krankheiten: Meist findet man das Problem an der
Stelle, an der ein Neuron auf ein anderes trifft. An dieser «Lötstelle»,
die man Synapse nennt, geschieht die Nervenübertragung mit Hilfe
von Botenstoffen. Bei vielen psychischen Krankheiten findet man
Störungen dieser Neurotransmitter, und zwar dahingehend, dass
entweder zu wenig oder zu viel von einem Botenstoff vorhanden ist
oder dass er zur falschen Zeit am falschen Ort ist.
Jede Nervenbahn hat ihren speziellen Neurotransmitter — die eine
Bahn funktioniert mit Dopamin, die andere mit Serotonin und eine
dritte mit Noradrenalin —, so wie manche Autos nur mit Diesel,
andere mit Normalbenzin laufen.

Die Wunderdroge Serotonin


Immer wieder wird im Zusammenhang mit Depressionen und
Angsterkrankungen ein Hormon erwähnt — das Serotonin. Dieses
Hormon kommt an verschiedenen Orten des Körpers vor, im Darm,
in der Lunge, in Blutplättchen, aber auch im Gehirn. Es hat ver-
schiedenste Funktionen: Es reguliert den Blutdruck oder wirkt auf
die Muskulatur der Lunge und der Blutgefäße. Im Gehirn ist das Se-
rotonin auch als Botenstoff tätig.
Die schwedische Psychiaterin Marie Åsberg untersuchte das Ner-
venwasser von Menschen, die Selbstmord begangen und dabei be-
sonders «grausame» Methoden angewandt hatten, wie sich die Kehle
durchzuschneiden oder vor einen Schnellzug zu werfen.94 Bei diesen
Menschen war das Serotonin im Nervenwasser erhöht. Seit dieser
Studie ist die Rolle des Serotonins bei vielen seelischen Krankheiten
untersucht worden. Bei Patienten mit Depressionen oder Ängsten
findet man immer mehr abnorme Veränderungen des Serotonin-
Stoffwechsels. Man vermutet daher, dass bei diesen Erkrankungen
eine Störung der Serotonin-Nervenübertragung besteht. Es wäre
noch verfrüht zu sagen, was genau das Serotonin im Gehirn bewirkt.
Was wir aber wissen, ist, dass bestimmte Medikamente, die die
Nervenübertragung in den Serotonin-gesteuerten Bahnen intensi-
vieren, Depressionen und Ängste bessern können.
195
In der Abbildung Seite 197 wird die Wirkung der Antidepressiva
erklärt. Alle Antidepressiva fördern den Serotonin-Stoffwechsel. Es
gibt die trizyklischen Antidepressiva (TZA) und die selektiven Sero-
tonin-Wiederaufhahmehemmer (SSRI, für englisch selective serotonin
reuptake inhibitors), die dafür sorgen, dass das ausgeschüttete Seroto-
nin im Spalt zwischen zwei Nervenzellen hängen bleibt und nicht
wieder in die erste Zelle aufgenommen wird — wo es wirkungslos
wäre. Dadurch wird die Serotonin-Wirkung verlängert. Daneben
gibt es die Antidepressiva aus der Gruppe der MAO-Hemmer, die
ebenfalls dafür sorgen, dass mehr Serotonin übrig bleibt. Dies errei-
chen sie dadurch, dass sie die Zerstörung des Serotonins bremsen.
Wenn jetzt die Nervenübertragung in den Serotonin-Bahnen besser
läuft als vorher, hat das folgende Auswirkung: Die Aktivität dieser
Serotonin-Bahnen führt zur Beruhigung. Die Bahnen enden in
verschiedenen Gebieten des Gehirns, die sich — zum Beispiel bei
einer Panikattacke — künstlich aufgeregt haben, und sorgen dort
nun wieder für Ruhe.
Wenn überhaupt ein Stoff als «Wunderdroge» bezeichnet werden
kann, dann ist es das Serotonin. Eine Vielzahl von Gefühlen und
Emotionen scheint durch diesen Neurotransmitter beeinflusst zu
werden. Medikamente, die den Serotonin-Haushalt beeinflussen,
spielen nicht nur bei der Behandlung von Depressionen und Ängsten
eine Rolle. Die SSRIs können auch bei Zwangsstörungen, post-
traumatischen Belastungsstörungen, Mager- oder Esssucht, Aggres-
sivität, Verstimmungszuständen vor der Regelblutung oder chro-
nischen Schmerzen helfen. Weitere Medikamente, die auf andere Art
den Serotonin-Haushalt beeinflussen, wirken bei Migräne oder
Erbrechen.
Wenn Serotonin so viele unserer Probleme lösen kann, wäre es
dann nicht besser, ab und zu etwas Serotonin zu verspeisen? Gäbe es
einen vernünftigen Grund, könnte man fragen, warum man diesen
Botenstoff nicht gleich ins Trinkwasser tun sollte? Man hat in der Tat
versucht, Depressionen zu bessern, indem man Stoffe, die im Körper
in Serotonin umgewandelt werden, in Form von Tabletten verab-
reichte. Diese Stoffe zeigten aber nicht die gewünschte Wirkung von

196
Wirkung von Medikamenten, die den Serotonin-Stoffwechsel beeinflussen:
Der Neurotransmitter Serotonin ist in kleinen Bläschen (Vesikeln) in der ersten
Zelle gespeichert. Durch elektrische Impulse wird Serotonin aus diesen Bläschen
freigesetzt und in den Spalt zwischen der ersten und der zweiten Zelle ausge-
schüttet. An der zweiten Zelle befinden sich Serotonin-Rezeptoren - die Schlös-
ser, in die der Schlüssel Serotonin passt. Durch Bindung der Serotonin-Moleküle
an diese Rezeptoren wird die Erregung in der zweiten Zelle weitergeleitet.
Nach getaner Arbeit wird das Serotonin wieder in die erste Zelle aufgenommen.
Diese Wiederaufnahme wird durch die trizyklischen Antidepressiva (TZA) und
selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) gehemmt. So verbleibt
mehr Serotonin im Spalt, und die Weiterleitung der elektrischen Erregung wird
gefördert.

kung. Daher bleibt nur die Möglichkeit, den Serotonin-Haushalt


durch die Verabreichung der erwähnten Antidepressiva zu verbes-
sern.

Falscher Alarm
Eine interessante Theorie zur Entstehung von Angstattacken stammt
von dem Psychiater Donald F. Klein von der Columbia-Universität
in New York, der einer der Pioniere der Erforschung der Pa-

197
nikstörung ist. Nach seiner «Hypothese des falschen Erstickungs-
alarms» wird angenommen, dass es im Körper einen Messfühler
gibt, der die Menge des Kohlendioxids in der Atemluft misst.95 Der
eingeatmete Sauerstoff wird in Kohlendioxid umgewandelt. Zu viel
Kohlendioxid in der Atemluft heißt gleichzeitig: zu wenig Sauerstoff.
Bergleute nahmen früher unter Tage eine Wachskerze mit. Wenn
diese Kerze zu flackern anfing, war dies für die Kumpel eine
Warnung, dass ihnen demnächst der Sauerstoff ausgehen könnte.
Irgendwann würde man mit Sicherheit auch selbst merken, dass es
an Sauerstoff mangelt, und ein Erstickungsgefühl bekommen, aber
dann könnte es schon zu spät sein. Die Kerze ist aber offensichtlich
empfindlicher als das im Körper eingebaute Messinstrument, da sie
früher reagiert.
Nach der Theorie von Klein ist bei Menschen, die unter einer Pa-
nikstörung leiden, dieser Erstickungsmelder zu scharf eingestellt,
sodass er einen «falschen Alarm» aussendet. Der Körper vermutet
Luftnot, obwohl der Sauerstoffgehalt noch im grünen Bereich ist.
Dies führt dazu, dass Menschen bei einer Panikattacke hyperventi-
lieren — sie atmen immer stärker und stärker und haben trotzdem
das Gefühl, nicht genügend Luft zu kriegen. Viele Panikpatienten
vermuten oftmals, beispielsweise in einem Kaufhaus, in einer U-
Bahn, in einem Fahrstuhl oder in einer Menschenmenge, dass die
Luft schlecht sei, obwohl alle anderen das Gefühl nicht bestätigen
würden. Sie müssen dann fluchtartig den Ort des Geschehens verlas-
sen und «rennen an die frische Luft».
Klein führt mehrere Argumente für seine Theorie an. Als Beleg
dafür, dass dieser «Erstickungsmelder» im menschlichen Körper
existiert, führt Klein die Existenz einer schrecklichen Krankheit an,
die «Undine-Syndrom» genannt wird und Säuglinge befallt. Nach ei-
ner germanischen Legende legte die Nymphe Undine, die nicht nur
unter Wasser, sondern auch an Land leben konnte, einen Fluch auf
ihren untreuen irdischen Mann. Sie nahm ihm die Fähigkeit zu at-
men, sodass er im Schlaf starb. Das Undine-Syndrom ist eine ange-
borene Krankheit, bei der die Säuglinge während des Schlafes plötz-
lich nicht mehr automatisch weiteratmen, demzufolge keinen

198
Sauerstoff mehr erhalten und sterben. Diese Kinder zeigen trotz des
Sauerstoffmangels erstaunlicherweise keine Erstickungsanzeichen.
Sie sterben, weil ihre Lunge nicht den Befehl erhalten hat, stärker zu
atmen. Dies wäre ein Hinweis für das Fehlen eines Erstickungs-
Detektors bei den Kindern.
Weiterhin führt Klein an, dass Panikpatienten schlechter die Luft
anhalten können als gesunde Personen96 — ein weiterer Hinweis
dafür, dass der Erstickungsalarm bei Panikpatienten zu scharf
eingestellt ist. Menschen mit Angststörungen und anderen Neurosen
seufzen außerdem häufiger als andere. Wer seufzt, holt dabei tief
Luft. Könnte es sein, dass dies auch ein Zeichen dafür ist, dass diese
Menschen mehr Luft holen müssen als nötig, weil ihr Ersti-
ckungsalarm-Melder Sauerstoffmangel signalisiert?
Auch das Gähnen ist ein Phänomen, dass Donald Klein mit seiner
Theorie vom falschen Alarm in Verbindung bringt. Gähnen ist
ansteckend — eine bekannte Tatsache. Neurotiker gähnen häufiger
als Normalpersonen, nach Klein ein weiteres Zeichen für einen über-
empfindlichen Erstickungsdetektor. Die Beobachtung, dass andere
gähnen, weiten diese Menschen vielleicht unbewusst so: «Wahr-
scheinlich ist der Sauerstoffgehalt der Luft zu gering.» Dann gähnen
sie automatisch selbst, um den vermeintlichen Sauerstoffmangel
auszugleichen.
Erinnern wir uns an das Beispiel des falschen Giftgasalarms, der
eine Massenpanik in einer Schule auslöste. Obwohl die Luft komplett
rein war, führte die falsche Annahme eines Sauerstoffmangels bei
vielen Lehrern und Schülern zu Panikattacken. Auch Personen, die
dabei andere beobachteten, wie sie unter «Erstickungsanfällen»
litten, ließen sich davon «anstecken» und bekamen Atemnot.
Die Klein'sehe Theorie muss allerdings erweitert werden. Panik-
attacken entstehen wahrscheinlich nicht nur durch eine falsche
Luftnot-Meldung, sondern das Ministerium für absurde Angst in-
terpretiert auch andere Berichte über den Betriebszustand des
menschlichen Körpers falsch und produziert somit einen Fehlalarm,
beispielsweise eine Meldung über einen viel zu schnellen Herzschlag
oder eine drohende Ohnmacht.

199
Direktübertragung aus dem Gehirn
Die spannendsten Forschungsergebnisse haben wir in nicht allzu
ferner Zukunft auf einem Gebiet zu erwarten, das «Bildgebung» ge-
nannt wird. Mit den verschiedensten Geräten kann man heute Ge-
hirne durchleuchten, wie zum Beispiel mit der Computer- oder der
Kernspintomographie. Diese Methoden liefern wunderbare farbige
und plastische Bilder des Gehirns, die man auf dem Bildschirm in
allen drei Dimensionen drehen und betrachten kann. Mit ihnen
könnte man zum Beispiel erst einmal grob feststellen, ob bei Angst-
patienten Teile des Gehirns zu klein oder zu groß ausgefallen sind.
Wenn das der Fall wäre, würde man in diesen Gebieten die Ursachen
der Angst suchen.
Spektakulärer sind aber Verfahren, mit denen man feststellen kann,
wo ein Mensch denkt — und zwar während er denkt. Zu diesen
Methoden gehört die so genannte Single-Photon-Emission Com-
puted Tomography (SPECT), die funktionelle Kernspintomographie
(fMRT) oder die Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Wenn
eine bestimmte Region des Gehirns gerade arbeitet, dann wird dieses
Gebiet besser durchblutet. Diesen Blutdurchfluss kann man messen
und anschließend ein farbiges Bild des Gehirns erstellen, auf dem die
derzeitig aktiven Gebiete zum Beispiel knallrot eingefärbt werden.
Jeder Denkprozess lässt sich beispielsweise durch einen höheren
Verbrauch an Glukose (Traubenzucker) ermitteln. So ist feststellbar,
wo im Gehirn der Mensch gerade Angstgefühle hat oder
Rechenaufgaben löst.
Bisher ist man mit solchen Untersuchungen allerdings noch nicht
allzu weit gekommen. Die verschiedenen Arbeitsgruppen, die bisher
mit den bildgebenden Verfahren nach dem Gebiet gesucht haben, in
dem die Angst entsteht, fanden leider an ganz verschiedenen Stellen
des Gehirns Auffälligkeiten, sodass wir im Grunde genommen
immer noch nicht wissen, wo genau Angst im Hirn ihren Ursprung
nimmt.
Im Jahr 1984 entdeckte eine Arbeitsgruppe um den Psychiater Eric
Reiman in Arizona einen erhöhten Energieverbrauch in dem Gebiet
des Gehirns, das auch heute mit der Auslösung von Angst in

200
Verbindung gebracht wird. Dieser Befund wurde zunächst als kleine
Sensation angesehen — war doch scheinbar der Ort gefunden, an
dem die Panik ausgelöst wird.97 Leider wurde dieser Befund jedoch
später als Irrtum entlarvt.98 Die Signale, die die amerikanischen
Forscher gemessen hatten, kamen nicht aus dem Gehirn, sondern
vom Schläfenbereich außerhalb des Schädels. Hier verläuft ein
Muskel, der zum Beißen verwendet wird. Die Forscher hatten ledig-
lich das «Zähnezusammenbeißen» der ängstlichen Versuchspersonen
gemessen — und nicht etwa Tätigkeiten innerhalb des Gehirns. Diese
wissenschaftliche «Ente» hatte aber auch ihr Gutes. Fortan wurden
alle Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren mit einer gewissen
Skepsis betrachtet. Bis heute ist es so, dass bei den meisten dieser
Untersuchungen nicht sicher ausgeschlossen werden kann, ob es sich
bei den gemessenen Veränderungen nicht um Zufallsbefunde oder
Kaffeesatzleserei handelt. Gerade im Bereich der Amygdala, dem für
die Angst wohl wichtigsten Gebiet, ist die Messung noch sehr
schwierig. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis wir mit Hilfe
der Bildgebung näher die Vorgänge ergründen können, die sich bei
Angstzuständen abspielen. Dann allerdings wird sicher eine
revolutionäre, aufregende Ära der Hirnforschung beginnen. Es
besteht die Hoffnung, dass wir dann eines Tages unsere
Spekulationen und Vermutungen durch Fakten ersetzen können.
Den derzeitigen wissenschaftlichen Stand der Gehirn-Bildgebung
kann man am besten mit dem «Nachtwächtersyndrom» um-
schreiben: Wir sehen die hell erleuchteten Fenster — aber wir haben
keine Ahnung, was sich dahinter verbirgt.

201
SO ENTSTEHT ABSURDE ANGST

Wie entsteht eine Panikstörung? Ein Lehrgang


in zehn Schritten
Wir haben nun gelernt, dass von verschiedenen Forschungsrichtun-
gen die unterschiedlichsten Ursachen für krankhafte Ängste ange-
nommen werden. Belastende Kindheitserlebnisse, falsche Erziehung,
Lernerfahrungen, Modelllernen, Stress im Leben, die Gene, die
Moleküle — völlig verschiedene Gründe wurden vermutet. Wer hat
nun Recht? Teilweise widersprechen sich diese Theorien, teilweise
lassen sie sich aber verbinden.
Schritt für Schritt soll nun versucht werden, die plausibelsten
Erklärungsmöglichkeiten in ein zusammenhängendes Modell ein-
zupassen. Dies werde ich am Beispiel der Panikstörung zeigen, weil
diese Erkrankung am besten untersucht ist. Auf die anderen Angst-
störungen wird weiter unten eingegangen — bei ihnen sind die Ver-
hältnisse ähnlich.

Schritt 1: Patienten mit einer Panikstörung haben eine —


wahrscheinlich ererbte — Anfälligkeit für das Auftreten von
bestimmten Ängsten.

Im Kapitel über Vererbung war ich darauf eingegangen, dass ein ge-
wisser Erbfaktor als ziemlich wahrscheinlich gelten kann. Allerdings
zeigten Untersuchungen, dass das Auftreten von Angststörungen
nicht allein durch genetische Übertragung erklärt werden kann,
sondern dabei auch noch andere, äußere Faktoren eine Rolle spielen.

202
Schritt 2: Belastende Kindheitserfahrungen können
bei bestehender Anfälligkeit den späteren Ausbruch einer
Panikerkrankung begünstigen.

Panikpatienten haben häufiger als gesunde Personen in ihrer Kind-


heit eine längere Trennung von den Eltern, Gewalt in der Familie,
sexuellen Missbrauch oder andere belastende Lebensereignisse er-
lebt. Sie sind zudem wegen einer erblich bedingten Anfälligkeit ihres
«Angstnetzwerks» im Gehirn empfindlicher für emotionale Be-
lastungssituationen — insbesondere für Trennungserlebnisse oder
Beziehungsprobleme. Belastende Ereignisse in der Kindheit können
möglicherweise zu lang anhaltenden Veränderungen im Gehirn
führen.

Schritt 3: Durch aktuelle Stresssituationen (zum Beispiel eine


drohende Ehescheidung) kann die Schwelle für das Auftreten von
Panikattacken gesenkt werden.

Schwerwiegende belastende Ereignisse im Erwachsenenleben, wie


Scheidung oder Tod eines nahen Angehörigen, können zu einem
Ausbruch oder zu einer Verschlechterung einer Panikerkrankung
führen. Wenn die betreffende Person außerdem schon als Kind be-
lastende Trennungserlebnisse hatte, werden «alte Wunden aufgeris-
sen». Da die Gedächtnisspuren intensiv traumatisch erlebter Situa-
tionen lebenslang erhalten bleiben, kann eine drohende Trennung
von einer vertrauten Person diese alten Erinnerungen wieder aufle-
ben lassen.

203
Schritt 4: Veranlagung und äußere Belastungen
können zu unterschiedlichen Teilen zur Angsterkrankung
beitragen.

Es ist möglich, dass bei einem Menschen mit einer ausgeprägten er-
erbten «Verwundbarkeit» nur relativ geringe äußere Stressereignisse
notwendig sind, um eine ähnlich schwere Angsterkrankung her-
vorzurufen wie bei einem anderen Menschen, bei dem massive
psychische Belastungen mit einem geringer ausgeprägten Erbfaktor
zusammentreffen. So ist zu erklären, dass viele Menschen trotz einer
völlig normalen Kindheit eine Panikstörung bekommen. Aber
ebenso ist es möglich, dass Menschen ohne irgendeine erbliche Be-
lastung von einer Angsterkrankung befallen werden.

Schritt 5: Menschen mit einer Panikstörung


haben ein Gefahrenbewertungs-Zentrum im Gehirn,
das überempfindlich eingestellt ist.

Irgendwo im Gehirn gibt es ein Zentrum für die Bewertung gefähr-


licher Situationen. Dieses Zentrum scheint bei Patienten mit Angst-
störungen aufgrund neurobiologischer Veränderungen überemp-
findlich zu sein. Ich habe es das «Ministerium für absurde Angst»
genannt.
Es braucht keinen Streit mit dem Ehemann, keinen Steuerbescheid,
keine Besuchsankündigung von Tante Erika, um eine Panikattacke
auszulösen. Scheinbar haben die Betroffenen ein übersensibles
Nervensystem, das auf einen harmlosen Reiz mit einer Kaskade von
Angstsymptomen reagiert. Zunächst beginnt es mit einem un-
gefährlichen körperlichen Ereignis, etwa einem leicht erhöhten Puls.
Das Ministerium für absurde Angst soll eine realistische Bewertung
der Bedrohlichkeit körperlicher Symptome vornehmen, zeigt aber
falschen Alarm an. Es erhält zum Beispiel die Meldung: «Amygdala

204
an Zentrale — Der Puls beträgt 98 pro Minute. Ist das noch normal?»
Eigentlich sollte jetzt die Information ausgegeben werden: «Zentrale
an Amygdala — Das liegt doch noch im grünen Bereich. Lies das
verdammte Handbuch!» Die Zentrale gibt jedoch stattdessen einen
Fehlalarm aus und warnt: «Houston, wir haben ein Problem.
Herzschlag bedrohlich erhöht, Alarmstufe drei!»

Schritt 6: Die Teufelsspirale der Angst

Jetzt bekommt es das Gehirn mit der Angst zu tun. Das führt nun zu
weiteren körperlichen Angstsymptomen, wie zum Beispiel Zittern.
Das wird wiederum als bedrohlich bewertet und bedingt die nächs-
ten Angstsymptome, wie Enge im Hals oder Luftnot. Spiralförmig
steigert sich auf diese Weise die Angst immer mehr. So treten immer
mehr Paniksymptome hinzu, bis schließlich die volle Panikattacke
entsteht. Das nennt man die Teufelsspirale der Angst.
Es wird vermutet, dass es sich bei diesem «Ministerium für absurde
Angst», das die Bedrohlichkeit eines körperlichen Symptoms falsch
bewertet, um die Amygdala und/oder den Hippocampus handelt,
die ja beide dicht nebeneinander liegen und eng verbunden sind.
Amygdala und Hippocampus arbeiten zusammen, wenn es darum
geht, aktuelle Situationen mit früheren Gedächtnisinhalten zu
vergleichen und Bewertungen vorzunehmen. Es kann aber auch sein,
dass dieses Ministerium eng mit der Amygdala und dem Hip-
pocampus kooperiert. Die Wissenschaft ist jedoch noch nicht so weit,
diese Zentrale genau lokalisieren zu können.
Das Bewertungszentrum arbeitet bei Angstpatienten ähnlich wie
ein defekter Heizungsthermostat. Ein Thermostat misst die
Temperatur, und wenn die gewünschte Wärme erreicht ist, dreht er
den Heißwasserzufluss der Heizung ab. Wenn ein solcher Thermo-
stat defekt ist, kann es dazu kommen, dass das Heißwasser unge-
hindert in den Heizkörper fließt und es im Raum immer wärmer
wird. So ähnlich muss man sich das Ministerium für absurde Angst
vorstellen: Dieses Bewertungszentrum für körperliche Symptome ist

205
zu empfindlich eingestellt, und so wird immer «volles Rohr» heißes
Wasser durch das Gehirn gepumpt.
Ein solches Bewertungszentrum haben natürlich alle Menschen.
Man braucht es auch, denn wenn es ein solches nicht gäbe, hätten
wir überhaupt keine Rückmeldung über unsere Körperfunktionen.
Die Folge wäre zum Beispiel, dass wir nicht merken würden, wenn
wir uns beim Sport überanstrengen oder zu lange arbeiten. Ein sehr
schneller Herzschlag oder Luftnot zeigt uns normalerweise an, dass
wir beim Bergsteigen eine Pause machen sollten. Die natürliche
Hemmfunktion dieses Bewertungszentrums kann allerdings außer
Kraft gesetzt werden, wenn in einer Gefahrensituation der Überle-
benstrieb übermächtig wird. Angst verleiht Bärenkräfte, sagt man.
Jemand, der in Todesgefahr ist, kann übermenschliche Kraft und
Ausdauer zeigen.

Schritt 7: Die ständigen Panikattacken bestätigen


die Patienten in der falschen Annahme, dass sie eine schwere
körperliche Krankheit haben.

Paniksymptome treten manchmal aus völliger Ruhe heraus auf. Ein


Marathonläufer bei Kilometer 39,5 hätte eine gute Erklärung für sein
Herzrasen. Jemand, der eine Panikattacke bekommt, stellt dagegen
einen Widerspruch zwischen seinen körperlichen Symptomen und
dem Fehlen einer echten Bedrohung fest. Da sich die Patienten ihre
«gefährlichen» physischen Symptome nicht erklären können,
versuchen sie, die Symptome mit einer schweren körperlichen
Krankheit zu erklären. Hierbei verwerten die Patienten ihr Wissen
über Medizin. Sie haben zum Beispiel gelesen, dass man sich bei
einem Herzinfarkt an die linke Brust greift. Prompt verspüren sie
auch hier während einer Panikattacke Stechen oder sogar starke
Schmerzen. Während «richtige» Herzinfarkte sich aber nicht
unbedingt in dieser Gegend bemerkbar machen, sondern viel weiter
gestreut empfunden werden, also auch hinten in der rechten
Schulter, so berichten Panikpatienten praktisch nur über Schmerzen

206
in der linken Brust oder im linken Arm — so wie es in Zeitungs-
artikeln über Herzinfarkte nachzulesen ist."
Auch die Nachricht, dass Vetter Jochen mit 38 Jahren am Herzin-
farkt verstorben ist, kann dazu führen, dass ein völlig gesunder
Mensch Panikattacken bekommt. Wenn ihm der Hausarzt nun sagt:
«Sie brauchen keine Angst zu haben. Ihr Herz ist völlig gesund und
Sie sind noch lange nicht in dem Alter, in dem man normalerweise
einen Herzinfarkt bekommt», dann redet ihm das Gehirn ein: «Ja,
genau das haben sie Vetter Jochen wahrscheinlich auch erzählt.» Die
Patienten fangen schließlich an, den Ärzten zu misstrauen.

Schritt 8: Eine Agoraphobie entsteht durch Angst vor möglichen


Panikattacken.

Wenn ein Patient nun mehrere Panikattacken aus heiterem Himmel


erfahren hat, findet er nach und nach heraus, dass es vielleicht besser
wäre, bestimmte Situationen zu meiden, in denen er eine Pa-
nikattacke bekommen könnte. Es handelt sich bei diesen typischen
Situationen um solche, in denen das Auftreten einer Panikattacke
besonders schlimm wäre. Wenn dieser Patient nämlich auf einem
Volksfest zwischen den Massen eingekeilt wäre und sich dann eine
Panikattacke entwickeln würde, könnte er nicht schnell genug ent-
kommen. Nun spielt ihm die Phantasie einen Streich: «Wenn ich jetzt
eine Panikattacke bekomme, brauche ich einen Arzt.» Was nicht
stimmt, denn eine Panikattacke geht auch ohne Arzt vorüber. Und
weiter denkt er: «Wenn ich aber einen Arzt brauche, dann könnte er
sich nicht den Weg durch die Massen bahnen. Ich würde hier liegen,
keiner würde sich um mich kümmern, ich werde hier einfach
abkratzen.» In dieser Situation vergisst er auch völlig, dass der Arzt
ihm schon mehrmals versichert hat, dass man durch eine
Panikattacke nicht sterben kann.

207
Schritt 9: Durch das Vermeidungsverhalten
wird die Angst immer stärker.

Nehmen Sie einmal an, Sie würden Ihren Hund auf eine Herdplatte
setzen und dann den Strom anschalten (Hinweis für Kinder: Bitte
nicht ausprobieren!). Das müssten Sie vielleicht dreimal exerzieren;
dann hat sich der Hund gemerkt, dass mit dieser heißen Platte nicht
zu spaßen ist. Er wird eine panische Angst vor der Platte, vor dem
Herd und vielleicht vor der ganzen Küche entwickeln.
Wenn Sie ihm diese Angst nun wieder abtrainieren wollen,
könnten Sie ihn wieder unter Anwendung von Gewalt auf die Herd-
platte setzen, ohne sie anzuschalten. Diesen Vorgang müssten Sie
mehrfach wiederholen, um dem Hund zu demonstrieren, dass von
der Platte keine Gefahr mehr ausgeht. Aber: Diesmal ist es nicht mit
drei Versuchen getan. Sie brauchen vielleicht 50 Anläufe, um bei Ih-
rem Hund jetzt die Angst vor der Platte, die sich tief ins Gehirn ein-
gebrannt hat, wieder zu löschen. Dieses Phänomen, dass man Angst
zwar mit wenigen Übungen antrainieren kann, aber sehr viel mehr
Lektionen braucht, um sie wieder abzutrainieren, nennt man «Lö-
schungsresistenz». Es erklärt, warum das Vermeidungsverhalten oft
hartnäckig ist und es manchmal lange braucht, dieses Verhalten in
einer Konfrontationstherapie abzutrainieren.

Schritt 10: Panikmache gegen Vernunft

Man muss im Gehirn zwischen «niedrigeren» und «höheren» Zen-


tren unterscheiden. Die höheren Zentren stellen das «denkende Ge-
hirn» dar, das sich in der Hirnrinde befindet, also in der äußersten
Schicht. Weiter innen im Gehirn befinden sich Teile, die nicht zu ei-
nem vernunftgemäßen Denken fähig sind, sondern nur die Grund-
funktionen des Körpers steuern. Diese inneren Strukturen sind bei
Menschen und Tieren etwa gleich ausgebildet, während die äußere
Schicht, die Rinde (auch Kortex genannt), bei Menschen sehr viel
größer ist als bei Tieren.

208
Amygdala, Hippocampus und der Rest des Angstnetzwerks sind
relativ «primitive» Zentren (auch wenn ihre Funktionen uns reichlich
kompliziert erscheinen mögen). Sie sind für das Überleben zu-
ständig. Sie kennen keine vernünftigen Überlegungen, sie wägen
nicht ab, sondern kennen nur eine Reaktion: Kampf oder Flucht.
Das «Ministerium für absurde Angst» kann das gesamte Gehirn als
Geisel nehmen und seine Fähigkeit zum logischen Denken für eine
gewisse Zeit lahm legen. Jetzt gibt es aber in der Großhirnrinde
andere Gebiete, die in der Lage sind, vernünftig zu denken. Eines
davon, nennen wir es das «Engelchen», versucht, die große Ruhe
auszustrahlen. Es sagt: «Reg dich wieder ab, kein Grund zur Aufre-
gung, das Herz schlägt ganz normal.» Jetzt gibt es aber einen Chip,
der das Gegenteil erzählt. Wir nennen es das «Teufelchen». Er ist mit
dem Ministerium für absurde Angst im Bunde und versucht dem
Betroffenen einzureden: «Du befindest dich in großer Gefahr. Dein
Herz schlägt viel zu schnell. Warum macht es das? Du hast dich
doch gerade überhaupt nicht angestrengt, das Herz müsste doch
ganz ruhig schlagen. Tut es aber nicht. Wenn dein Herz so schnell
schlägt, kann es nur einen Grund dafür geben, nämlich, dass es
kaputt ist. Es wird gleich stehen bleiben.» Das Engelchen kontert:
«Aber ich war beim Arzt. Er hat ein EKG gemacht. Alles war in
Ordnung.» Das Teufelchen hält dagegen: «Es schlägt nicht nur zu
schnell, sondern auch unregelmäßig, merkst du das nicht?» Das En-
gelchen: «Ja, aber der Arzt hat gesagt, ein paar unregelmäßige Herz-
schläge darf man haben, ohne dass das Herz krank sein muss.» —
«Vergiss, was der Arzt gesagt hat. Der weiß auch nicht alles.» Und so
geht es immer hin und her. Man kann von einem Bürgerkrieg im
Gehirn sprechen.
Das Engelchen kann man vielleicht im präfrontalen Kortex, einem
Teil der Großhirnrinde, lokalisieren. Das Teufelchen ist wahr-
scheinlich auch ein höheres Zentrum, das unter dem negativen
Einfluss der Horrormeldungen aus dem Amygdala-Hippocampus-
Komplex steht. Engelchen und Teufelchen sind im Prinzip zwei Zen-
tren, die beide durchaus eine wichtige Funktion haben — das Abwä-
gen. In den meisten Situationen des Lebens ist ein Für und Wider

209
sehr sinnvoll. Das gilt auch für reale Angstsituationen. Während Sie
Ihr Auto steuern, wägt Ihr Gehirn ständig ab: «Wenn ich nicht ein
bisschen schneller fahre, komme ich zu spät zur Besprechung, wenn
ich aber zu schnell bin, werde ich vielleicht geblitzt oder fahre gegen
einen Baum.» Bei Menschen mit Angstkrankheiten überwiegt aber
der Einfluss des übersensiblen Gefahrenbewertungszentrums.
Panikpatienten berichten, dass sie sich normalerweise, wenn sie
sich ganz ruhig fühlen, sehr wohl sagen können, dass eine Panikat-
tacke kein lebensbedrohlicher Zustand ist und dass der letzte Ge-
sundheitscheck beim Internisten keinen krankhaften Befund ergeben
hat. Wenn aber die nächste Panikattacke kommt, bricht sämtliche
Vernunft weg. Plötzlich vermuten sie wieder eine schwere
Herzerkrankung und stellen die Kompetenz ihres Internisten in-
frage. Natürlich werden auch reale Erfahrungen, wie der frühe Tod
eines nahen Verwandten oder Freundes, bei allen Überlegungen be-
rücksichtigt. Das Teufelchen ist erfinderisch und bezieht sämtliche
medizinischen Kenntnisse des Betroffenen in seine teuflische Argu-
mentation ein. Es übernimmt die Rolle des Advocatus diaboli und ver-
sucht seine Begründung des nahenden Todes mit fadenscheinigen
und völlig an den Haaren herbeigezogenen Argumenten zu unter-
streichen.
Manchmal gewinnt bei diesem Streit das Teufelchen; dann bricht
die Panikattacke voll aus. Und manchmal gewinnt das Engelchen;
dann wird der leichte Anflug von Angst im Keim erstickt. Das
scheint von der Tagesform abhängig zu sein. An «guten Tagen» kann
der Kampf gegen die Angst erfolgreich sein, an anderen Tagen bricht
er zusammen, wobei äußere Stresseinflüsse eine Rolle spielen
können (aber nicht müssen).
Selbst die genaue Kenntnis der körperlichen Hintergründe von
Angstanfällen nützt nichts, wenn das Ministerium für absurde Angst
unsere Vernunft abschaltet. Sigmund Freud, bekanntermaßen ein
Spezialist für Ängste, litt selbst unter Panikattacken, war sich aber
nicht sicher, ob er nicht eine körperliche Krankheit hatte. Er beklagte:
«Es ist ja peinlich für einen Medicus, der sich alle Stunden des Tages
mit dem Verständnis der Neurosen quält, nicht zu wissen, ob er an

210
einer logischen oder an einer hypochondrischen Verstimmung
leidet.»7

Wie entstehen Einfache Phobien?


Die Einfache Phobie wurde als die Angst vor einzelnen Objekten
oder Situationen, wie Katzen, Insekten, Höhen, Dunkelheit und an-
deren Dingen, beschrieben. Im Abschnitt zur Lerntheorie (siehe S.
161) haben wir gesehen, dass man eine Einfache Phobie nicht allein
deswegen bekommt, weil man früher eine schlechte Erfahrung
gemacht hat. Die Frau, die angesichts einer Maus kreischend auf den
Schrank klettert, ist wahrscheinlich nie zuvor von einer Maus
gebissen worden.
Die Angstforschung hat bisher noch keine schlüssige Begründung
parat, warum manche Menschen bei harmlosen Lebewesen wie
Weberknechten oder Dackeln panisch reagieren und andere nicht,
obwohl wir ja alle die gleichen Urängste in Form von Engrammen in
unserem Gehirn tragen. Auch kann man noch nicht plausibel
erklären, warum solche Ängste manchmal erst in späteren Lebens-
jahren, beispielsweise mit 25 Jahren auftreten, nachdem sie oft
jahrelang nicht aktiv waren.
Es ist anzunehmen, dass bei Menschen mit Einfachen Phobien auch
ein Ministerium für absurde Angst existiert. Dieses Zentrum, das
dafür zuständig ist, die Höhlenmenschen-Urängste im Zaum zu
halten und den heutigen Menschen auf den Boden der Tatsachen
zurückzuholen, scheint bei dieser Angsterkrankung in seiner Emp-
findlichkeit falsch eingestellt zu sein. Nahe liegend wäre die
Annahme einer genetischen Übertragung, da wir ja diese Steinzeit-
Ängste auch auf dem Wege der Vererbung mit in das 21. Jahrhun-
dert genommen haben. Mit Hilfe von Zwillingsuntersuchungen
konnte auch hier gezeigt werden, dass Einfache Phobien vererbt
werden.100

211
Wie entsteht eine Generalisierte Angststörung?
Die Generalisierte Angststörung ist im Gegensatz zur Panikstörung
viel seltener wissenschaftlich untersucht worden. Betrachtet man die
wenigen existenten Studien, so kristallisiert sich aber ein ähnliches
Bild wie bei den anderen Angststörungen heraus. Mehrere Faktoren
kommen dabei zusammen: Zum einen sind belastende Le-
bensereignisse in der Kindheit, aber auch in den Monaten, die dem
Ausbruch der Erkrankung vorangingen, bei Menschen mit einer Ge-
neralisierten Angststörung häufiger als bei gesunden Kontrollperso-
nen. Zu einem gewissen Teil wird auch die Generalisierte Angststö-
rung zum anderen auch von den Eltern auf die Kinder übertragen.
Der amerikanische Vererbungsforscher Kenneth Kendler unter-
suchte in der so genannten Virginia-Studie 1033 weibliche Zwil-
lingspaare101 und kam auf einen nicht sehr ausgeprägten Erbfaktor
von 30 Prozent für die Generalisierte Angststörung (zum Vergleich:
70 Prozent bei Depressionen). In einer schwedischen Studie wurden
1802 Zwillingspaare untersucht — dort fand man jedoch eine Erb-
lichkeit von 49 Prozent.102
Hinsichtlich neurobiologischer Veränderungen gibt es ebenfalls
einige Hinweise bei der Generalisierten Angststörung. Im Nerven-
wasser von Patienten mit dieser Angsterkrankung fand man bei-
spielsweise einen verminderten Gehalt an Serotonin — dem Hor-
mon, das wahrscheinlich bei den Angsterkrankungen und bei
Depression die wichtigste Rolle spielt. Auch die Tatsache, dass Medi-
kamente, die den Serotonin-Gehalt erhöhen, eine gute Wirkung bei
der Angsterkrankung haben, machen es sehr wahrscheinlich, dass
für eine Generalisierte Angststörung ähnliche Ursachen anzunehmen
sind wie bei einer Panikstörung.
Wieder haben wir es hier mit einem überempfindlich eingestellten
Zentrum zu tun. Hier verlegt sich das Ministerium für absurde
Angst darauf, ohne äußere Gefahr den Angstpegel den lieben langen
Tag heraufzuregeln. Dies führt zu den körperlichen Symptomen wie
Herzrasen oder Zittern, aber auch zu der Schreckhaftigkeit und
Nervosität, die für die Angstkrankheit typisch sind.

212
Wie entsteht eine Soziale Angststörung?
Eine landläufige Meinung ist, dass Menschen mit extremer Schüch-
ternheit in der Regel einen extrem strengen Vater hatten. Dieser hat
sein Kind nie zu Wort kommen lassen, seine Meinung nicht ak-
zeptiert und ihm ständig gesagt, was es zu tun oder zu lassen habe.
Deswegen reden diese Personen auch noch als Erwachsene mit leiser
Stimme, sprechen nur, wenn sie gefragt werden, trauen sich nicht zu
widersprechen und können sich nicht durchsetzen.
So einleuchtend diese Theorie ist — nur leider trifft das genaue
Gegenteil zu. In Wirklichkeit ist es viel wahrscheinlicher, dass der
Vater eines Sozialphobikers ebenfalls schüchtern, zurückhaltend,
liebenswert, hilfsbereit war und nicht autoritär und bestimmend.
Welche Erklärungen aber hat die Wissenschaft für die Entstehung
von sozialen Ängsten?
Eine ausführliche wissenschaftliche Beschäftigung mit der Sozialen
Phobie hat erst im letzten Jahrzehnt begonnen. Daher existieren im
Vergleich zu anderen Angsterkrankungen nur wenige Studien, die
sich mit der Aufklärung der Ursachen einer Sozialphobie befassen.
Wie bei anderen Angststörungen wurden traumatische Kindheits-
erlebnisse, bestimmte Eltern-Kind-Interaktionen, Erziehungsstile,
traumatisch erlebte soziale Situationen, Modelllernen, genetische
Faktoren sowie neurobiologische Ursachen diskutiert.103
Sozial ängstliches Verhalten überträgt sich von den Eltern auf die
Kinder. Die Kinder könnten lernen, dass soziale Situationen angst-
besetzt sind und man sie am besten vermeiden sollte. Es gibt
Hinweise für die Beteiligung des Modelllernens bei der Entstehung
der Sozialen Phobie. So berichteten Sozialphobie-Patienten rückbli-
ckend, dass ihre Eltern die Denkweisen anderer Menschen für wich-
tiger hielten als ihre eigenen, und stärker versucht hatten, ihre Kin-
der zu isolieren, als die Eltern von Agoraphobikern oder gesunden
Kontrollpersonen.
Allerdings hatten unsere eigenen Untersuchungen gezeigt, dass
Erziehungsfehler wohl wenig zur Entstehung der Sozialen Angst-
störung beitragen, während Erbfaktoren eine relativ wichtige Rolle
zu spielen scheinen.

213
Die Vertreter der Lerntheorie überprüften noch eine weitere Er-
klärung für die Entstehung sozialer Ängste. Sie vermuteten, dass ein
früheres peinliches Ereignis der Auslöser für die spätere soziale
Ängstlichkeit sein könnte. Sie fragten deshalb ihre Versuchsperso-
nen, ob sie sich an ein entsprechendes Ereignis erinnern konnten, bei
dem sie einmal so richtig blamiert worden waren. Sie sollten be-
richten, ob sie als Kinder einmal von einer größeren Gruppe ausge-
lacht worden waren oder ob sie sich beim ersten Rendezvous, beim
Sprechen in der Öffentlichkeit oder auf einer Party ungeschickt,
peinlich oder linkisch verhalten hätten. Wenn das in den meisten
Fällen zutreffen würde, überlegten die Lerntheoretiker, so hätte man
einen Hinweis dafür, dass eine Soziale Phobie durch Lernerfah-
rungen entstehen könnte. Die Ergebnisse zu dieser Frage waren al-
lerdings spärlich und nicht eindeutig. Zwar berichteten die Patienten
mit einer leichteren Sozialphobie tatsächlich häufiger als gesunde
Kontrollpersonen, dass sie solche blamablen und kränkenden
Erlebnisse gehabt hatten, aber gerade die schwereren Fälle einer
Sozialen Phobie konnten sich nicht überzufallig häufig an derartige
Erfahrungen erinnern.104 Abgesehen davon, kann man solche
Untersuchungen nur mit Vorsicht interpretieren. Woher wissen wir,
dass die Sozialphobiker nicht völlig harmlose Situationen als
schlimme Bloßstellung erlebt hatten, weil sie in dieser Hinsicht schon
als Kinder für Zurückweisungen empfindlich waren? Für die
Entstehung einer Sozialen Phobie durch Lernerfahrungen haben wir
also bisher kaum Hinweise.
Anders als Menschen mit einer Panikstörung sind Sozialphobiker
noch nicht genügend im Hinblick auf neurobiologische Verän-
derungen im Gehirn untersucht worden. Man entdeckte zum Bei-
spiel gewisse Veränderungen des Dopamin-Systems. Ansonsten
sprechen die wenigen vorliegenden Befunde dafür, dass sich die So-
ziale Phobie nicht wesentlich von all den anderen Angststörungen
unterscheidet.
Scheinbar gibt es auch bei Menschen mit einer Sozialen Phobie ein
Ministerium für absurde Angst, das harmlose soziale Situationen als
peinlich oder beschämend einstuft. Eine Rolle könnte wiederum die

214
Amygdala spielen: Affen, bei denen man die Amygdala heraus-
operiert hatte, zeigten weniger Angst in sozialen Situationen.105 Die
Angstfreiheit hatte bemerkenswerte Folgen: Affen, die vor der
Entfernung der Amygdala an der Spitze der Rangordnung standen,
fielen nach der Operation auf den untersten sozialen Rang in der
Affenhorde ab.106 Die Amygdala scheint so etwas wie eine «soziale
Bremse» zu sein, und diese Bremse ist offensichtlich bei Personen mit
einer Sozialen Angststörung zu scharf eingestellt.
Es liegt nahe, anzunehmen, dass die Überempfindlichkeit für so-
ziale Situationen zum Teil auf genetischem Wege übertragen wird.
Bereits in den siebziger Jahren beschäftigte man sich mit der Verer-
bung von Schüchternheit. Dazu wurden eineiige Zwillinge mit
zweieiigen verglichen. Man fand bei den eineiigen Zwillingen eine
erheblich höhere Konkordanzrate als bei den zweieiigen — ein deut-
licher Hinweis für die Vererblichkeit der Schüchternheit.100'107 Wis-
senschaftler untersuchten auch adoptierte und nicht adoptierte
Kinder ein und zwei Jahre nach der Geburt.108 Bei den nicht adop-
tierten Kindern wurde ein Zusammenhang zwischen der Schüch-
ternheit der Mütter und der Kinder festgestellt. Bei den adoptierten
konnte man dagegen keine Übereinstimmung zwischen der
Schüchternheit der Kinder und derjenigen der Pflegemütter fest-
stellen. Wie schon dargestellt, hatten wir an der Universität
Göttingen eine Untersuchung durchgeführt, um herauszufinden, wie
die verschiedenen Risikofaktoren — belastende Ereignisse in der
Kindheit, Erziehung, Vererbung oder Geburtsschäden — zusammen-
arbeiten, um eine Soziale Phobie zu verursachen. Nach dieser Studie
schienen längere Trennungen in der Kindheit das Risiko für eine
Soziale Phobie zu erhöhen. Andere Risikofaktoren wie sexueller
Missbrauch oder Gewalt in der Familie spielten kaum eine Rolle. Der
Einfluss der Erziehung war gleich null. Aber das erstaunlichste Er-
gebnis war, dass das Risiko, eine Soziale Phobie zu bekommen, stark
erhöht war, wenn auch schon Eltern oder Geschwister eine
Angsterkrankung hatten.45 Die Vererbung, und das hat uns auch
überrascht, schien jedoch die größte Rolle bei der Entstehung dieser
Angsterkrankung zu spielen.

215
Soziale Ängste im Tierreich
«Der Mensch ist das einzige Tier, das erröten kann. Oder Grund
dazu hat», sagte Mark Twain. Aber stimmt es, dass Tiere keine So-
ziale Phobie kennen?
Menschen mit Sozialer Phobie scheuen den direkten Blickkontakt,
und das scheint im Tierreich seine Entsprechung zu haben. Manche
Haustiere, zum Beispiel Hunde, bekommen Angst oder fühlen sich
unwohl, wenn man sie eindringlich anstarrt. Auch Tiere in freier

Die Angst vor einem starrenden Augenpaar gibt es nicht nur bei Menschen mit einer
Sozialen Phobie, sondern auch im Tierreich. Das Tagpfauenauge schreckt einen
möglichen Feind dadurch ab, dass es ein Augenpaar imitiert.

Wildbahn scheuen vor dem durchdringenden Blick eines Augen-


genpaares zurück. Dies macht sich eine Schmetterlingsart, das Pfau-
enauge, zunutze, um seine natürlichen Feinde abzuwehren. Auch
der Tintenfisch Sepia officinalis verjagt seine Angreifer, indem er an
seinem Hinterteil zwei schwarze Flecke produziert, die wie ein
Augenpaar aussehen.
Affen haben ein komplexes Sozialsystem, in dem deutliche Hier-
archien existieren. Genau wie bei Menschen lassen sich bei den Affen

216
schüchterne und selbstbewusste Wesen ausmachen. Es gibt einen
Oberaffen, der sich im Zentrum der Affenkolonie aufhält. Um sich
herum versammelt er einige Abteilungsleiter, die ihn gegen Angriffe
verteidigen. Der Oberaffe darf mit den meisten Affenweibchen Sex
haben. Er bestimmt aber auch, wer in seiner Kolonie wie viele
Partnerinnen haben darf. Er kontrolliert, wer in der Gemeinschaft
andere durch Schläge in ihre Grenzen weisen darf. Seine Vasallen
werden natürlich begünstigt, sodass sie deutlich mehr Weibchen
begatten dürfen als Durchschnittsaffen. Es gibt andererseits auch
Underdogs bei den Affen, die sich mit einem gewissen Abstand
von der Kolonie aufhalten müssen und überhaupt kein Weibchen
abbekommen. Jeden Versuch, in die Gemeinschaft zurückzukehren,
bestrafen der Oberaffe und seine Gefolgsmänner mit Knüffen. Diese
Affen haben ein ähnliches Schicksal wie Menschen mit einer Sozialen
Phobie, die nicht versuchen, ihr Problem zu bekämpfen.

217
Kapitel 5

VIER LÖSUNGEN

218
WAS HILFT WIRKLICH GEGEN ÄNGSTE?

Die Menschen glauben im


Allgemeinen gern, was sie wünschen.
Gaius Julius Caesar

Spricht man mit Menschen, die schon länger unter Panikattacken


leiden, fällt auf, dass sie bisher die unterschiedlichsten Medikamente,
Psychotherapien und alternativen Behandlungsformen erhalten
haben. Jemand, der für seine Ängste die beste Behandlung sucht, ist
in höchstem Maße verunsichert. Der Psychoanalytiker am Stadtpark
empfiehlt eine langjährige tiefenpsychologische Therapie und rät,
auf keinen Fall Medikamente zu nehmen. Die Psychologin aus der
Klinik lehnt ebenfalls die Medikamente ab und empfiehlt eine
Gesprächspsychotherapie. Der gemütliche Landarzt hält nichts von
dem «Psycho-Gequatsche» und würde Valium verschreiben. Aber
auch aus der alternativen Ecke kommen unzählige Vorschläge für
die Behandlung von Ängsten. Die hennagefärbte Heilpraktikerin
schwört auf homöopathische Kügelchen. Der geschmeidige Körper-
therapeut im Gesundheitszentrum will Verspannungen lösen und
damit die Angst bekämpfen.
Was verblüffend ist: Auf jede noch so ausgefallene Heilmethode
kommen immer einige Dutzend Menschen, bei denen diese Prakti-
ken wahre Wunderheilungen bewirkt haben. Aromatherapie, Ayur-
veda, Autogenes Training, Beten, Bach-Blüten, Heilöle, Körperthe-
rapie, Motivationstraining und Yoga scheinen alle eine gewisse
Wirkung auf Ängste auszuüben. Woran liegt das?

219
Solange nichts anderes nachgewiesen ist, muss man davon aus-
gehen, dass die Wirkung der alternativen Methoden auf den Place-
boeffekt zurückzuführen ist. Der Glaube versetzt bekanntlich Berge.
Eine wirkstofffreie Traubenzuckerpille kann Schmerzen, Migräne,
Allergien, Ohrgeräusche, Depressionen und Angsterkrankungen
bessern. Die Wissenschaft hat noch keine schlüssige Erklärung dafür.
Entscheidend ist nur, dass eine Heilmethode besser wirken muss als
eine Placebopille — sonst könnte man ja gleich das Placebo nehmen.
Wie kann aber die Wirkung einer Therapie nachgewiesen werden?
Den meisten Menschen ist es nicht möglich, alle «wissenschaftlichen
Erkenntnisse», die ihnen vorgesetzt werden, zu überprüfen und
herauszufinden, wer wirklich Recht hat. Leider gibt es nicht nur
Wunderheiler und Wasserrutengänger, Schamanen und Scharlatane,
Kurpfuscher und Quacksalber, sondern auch Menschen, die sich
Psychologen, Psychotherapeuten, Psychiater, Professoren, Fachärzte
oder Forscher nennen und die uns trotzdem mit Hokuspokus und
Humbug veräppeln wollen. Es gibt zwar mehr Dinge zwischen
Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt —
aber es gibt noch viel mehr Menschen, die uns erzählen wollen, dass
der Mond achteckig ist.
Die Hauptkunden der alternativen Heiler sind neben Krebspati-
enten — die aus Verzweiflung über die Ohnmacht der Schulmedizin
versuchen, jeden Strohhalm zu ergreifen — auch Menschen mit neu-
rotischen Erkrankungen. Gerade Patienten mit Angststörungen, bei
denen der Placeboeffekt stark ausgeprägt ist, stellen eine der Haupt-
einnahmequellen der alternativen Therapeuten dar.
Wie können Sie als Nichtfachfrau oder -mann herausfinden, wer
Ihnen mit wissenschaftlich abgesicherten Methoden helfen und wer
Ihnen mit Gaukelei das Geld aus der Tasche ziehen will? Es gibt ein
paar Tipps, wie man sich schützen kann:

„ Hüten Sie sich vor Menschen, die an Ihren Geldbeutel wollen.


Wenn Ihnen jemand Bares für die Behandlung von Ängsten ab
knöpfen will, ist schon etwas faul — denn alle bei Angsterkran-
kungen wirklich wirksamen Methoden werden von der Kasse

220
bezahlt. Gilt aber auch umgekehrt, dass alles, wofür die Kasse
aufkommt, auch wirksam ist? Leider überhaupt nicht. Oft
erstatten die Kassen ohne Sinn und Verstand alles, was Ärzte
verordnen.
„ Hüten Sie sich vor Menschen, die ständig das Wort «ganzheit-
lich» verwenden. Das ist ein anderer Ausdruck dafür, dass sie
nur eine einzige Behandlungsmethode für ganz verschiedene
Probleme kennen: für Lebenskrisen und Ängste, Mobbing,
Fönbeschwerden, Gliederreißen, Ehestreit, Hämorrhoiden und
Hühneraugen.
„ Hüten Sie sich vor den Psycho-Talibans, die fundamentalistisch
nur eine einzige mögliche Erklärung und eine einzige Behand-
lungsmöglichkeit für alle Übel dieser Welt sehen.

KANN ES DIE OMA BESSER?

«Die Geschichte der Medizin ist die Geschichte des Placebos»,


schrieb 1959 der amerikanische Psychiater Arthur K. Shapiro.109
Damit wollte er sagen, dass die Wirkung vieler Medikamente und
Behandlungsmethoden, die vor Beginn des 20. Jahrhunderts von
Ärzten angewandt wurden, nicht über die Placebowirkung hinaus-
gingen. Der Schriftsteller Francois Marie Arouet, besser bekannt als
Voltaire, hatte es ähnlich ausgedrückt: «Die Kunst des Arztes besteht
darin, den Patienten zu unterhalten, während die Krankheit ihren
Lauf nimmt.» Etwas sinngemäß Ähnliches stand auf einem Bierglas,
das mir meine Mutter einmal schenkte: «Heilen tut uns Gott allein,
der Arzt streicht nur die Spesen ein.»
Gerade im Bereich der psychischen Erkrankungen ist die Place-
bowirkung besonders stark. Deswegen müssen heute mit jedem
Medikament, das bei Angsterkrankungen angewandt wird, Placebo-
studien durchgeführt werden, bevor das Medikament zugelassen
wird. Bei solchen Untersuchungen kommt regelmäßig heraus, dass
zum Beispiel bis zu 45 Prozent der mit dem Scheinmedikament Be-
221
handelten nach drei Monaten keine Panikattacken mehr haben. Bei
diesen hohen Heilungsraten unter Placebo wundert es einen nicht,
dass jeder, der eine wie auch immer geartete Behandlung anwendet,
einen gewissen Erfolg erzielen kann. Ein neues Medikament muss
aber zeigen, dass es deutlich besser wirkt als die Scheinpille aus
Gelatine und Traubenzucker.
Wie sieht es aber mit einer Psychotherapie aus? Kann man eine
Psychotherapie an einem Placebo messen? «Eine Grippe dauert mit
Arzt 14 Tage, ohne Arzt aber zwei Wochen», hatte mir einmal ein
selbstkritischer Hausarzt verraten. Das Gleiche gilt zum Teil auch für
manche psychotherapeutischen Methoden. Im Jahre 1952 provozierte
der Psychologe Hans Jürgen Eysenck, der wegen seiner kritischen
Äußerungen lange als ein Enfant terrible der Psychologie galt, die
Psychotherapeuten der damaligen Zeit. Er behauptete, denjenigen
Patienten, die eine gewisse Zeit mit einer Psychotherapie behandelt
wurden, gehe es nicht besser als solchen, die ebenso lange gar keine
Behandlung erhielten. Auch ohne Therapie komme es nach einer
gewissen Zeit zu einer natürlichen Heilung, der so genannten Spon-
tanheilung.110 Dies betreffe 64 Prozent aller neurotischen Patienten —
und höher waren die Besserungsraten unter einer damaligen Psycho-
therapie auch nicht. Um es mit Eysencks eigenen Worten auszu-
drücken: Psychotherapie habe keine besseren Ergebnisse, als «abzu-
warten oder von einer dicken Mammi gut bekocht zu werden». Er
forderte deshalb, die Qualität der Psychotherapie zu verbessern.
Außerdem solle man den Therapieerfolg kontrollieren, und zwar,
indem man die behandelten Patienten mit einer Kontrollgruppe
vergleiche, die keine Behandlung erhielt.
In der Anfangszeit der Psychotherapieforschung war es üblich, die
Erfolge einer Behandlungsmethode ausschließlich anhand von
anekdotischen Einzelfallberichten darzustellen — damit war keine
Aussage möglich, ob die Heilmethode wirklich geholfen hatte. Ein
Fortschritt in der wissenschaftlichen Beurteilung von Therapieer-
folgen war schon, dass man in den dreißiger Jahren anfing, Statisti-
ken dieser Art zu erstellen: «Wir haben 104 Patienten behandelt; bei
76 Prozent kam es zu einer Besserung.»

222
Nun war ja bekannt, dass «neurotische Störungen» — und dazu
zählten die Angsterkrankungen — sich auch bessern, wenn man ein-
fach nur abwartet. Also musste es eine Kontrolle geben, damit man
herausfinden konnte, ob sich die Störung unter der Therapie tat-
sächlich deutlicher gebessert habe, als wenn einfach nur die Zeit ins
Land gegangen wäre. Dies kann man durch einen Trick heraus-
finden. Die Psychotherapeuten führen eine Studie durch, bei der
zum Beispiel 40 Patienten sofort behandelt werden, eine andere
Gruppe von ebenfalls 40 Patienten aber erst drei Monate später. Wer
auf die Warteliste kommt, bestimmt das Los. Alle 80 Patienten
müssen einen Fragebogen zu ihren Ängsten ausfüllen. Wenn die drei
Monate um sind, müssen die Patienten in beiden Gruppen noch
einmal den Fragebogen ausfüllen, ohne dass die zweite Gruppe
irgendeine Behandlung bekommen hat. Regelmäßig stellt man in
solchen Untersuchungen fest, dass sich auch die Ängste der
Wartelisten-Patienten nach drei Monaten gebessert haben. Nur wenn
sich ein deutlicher Unterschied zwischen den beiden Gruppen zeigt,
kann davon ausgegangen werden, dass die Therapie wirklich etwas
gebracht hat und die Besserung nicht nur auf der Spontanheilung
beruhte. Was ein «deutlicher» beziehungsweise «signifikanter»
Unterschied ist, bestimmt der Statistiker aufgrund von Berech-
nungen, in die auch die untersuchte Fallzahl eingeht.
Das Phänomen der Spontanheilung kann nicht nur die Welt über
die wahre Wirkung einer Heilung hinwegtäuschen, sondern auch
den Behandler selbst. Viele «Therapieerfolge» entpuppten sich daher
als Bluff, wobei nicht nur den Patienten eine tatsächliche Wirkung
vorgegaukelt wurde, sondern auch der Therapeut sich selbst hin-
sichtlich seiner vermeintlichen Erfolge täuschte.
Von den Gegnern kontrollierter Studien wird oft angezweifelt, dass
es so etwas wie eine Spontanheilung überhaupt gebe. Wenn das so
wäre, müssten die Nervenarztpraxen mit siebzigjährigen Angst-
patienten überfüllt sein. Da sich aber Angststörungen mit zu-
nehmendem Alter spontan bessern, ist dies nicht der Fall. Die Al-
terspyramide für das Auftreten einer Angststörung zeigt ganz klar,
dass eine Spontanheilung stattfinden muss.

223
Wenn sich in einer Untersuchung aber gezeigt hat, dass die Psy-
chotherapiegespräche tatsächlich mehr gebracht haben als Abwarten,
muss noch der Nachweis erbracht werden, dass sie auch mehr
ausrichten als nur ein kostenfreies Gespräch mit einem freundlichen
Menschen. Könnte es nicht reichen, sich öfters mal mit guten
Freunden, der Oma oder dem Frisör zu unterhalten? Oder vielleicht
zur Abwechslung mal mit der eigenen Frau? Früher, als es noch
keine Psychotherapie gab, ging man in die Kirche zur Beichte. Jeder
weiß, dass Gespräche viele seelische Wunden heilen können.
Diesen Nachweis bewerkstelligt man heute, indem man eine
Psychotherapie mit einer «Pseudopsychotherapie» vergleicht, in der
keine spezifischen Therapietechniken angewendet, sondern nur be-
langlose Gespräche geführt werden. Nur wenn sich dann noch ein
Unterschied zwischen der «richtigen» Behandlungsgruppe und dem
«psychologischen Placebo» zeigt, kann man sagen, dass die «rich-
tige» Therapietechnik ihr Geld wert ist.
Menschen mit Ängsten zu behandeln macht übrigens Spaß. Diese
Erkenntnis gewann ich in meiner Arbeit in der Angstambulanz
unserer Universitätsklinik immer wieder. Was die Tätigkeit vergnüg-
lich gestaltet, ist, dass Patienten mit Angsterkrankungen oft ange-
nehme Menschen sind; sie sind nicht selten sensible, feinfühlige,
charmante und interessante Mitbürger. Das Befriedigende an der
Arbeit ist aber vor allem, dass man oft in relativ kurzer Zeit einen
Behandlungserfolg sehen kann, was in der täglichen Arbeit eines
Psychiaters nicht gerade der Normalfall ist. Selbst bei Menschen, die
schon lange Jahre unter Ängsten litten, ist es meist möglich, eine
deutliche Besserung der Lebensfreude zu erreichen. Als besondere
Herausforderung sah ich immer an, Menschen zu behandeln, die
schon sehr lange unter so genannten therapieresistenten Angster-
krankungen litten und die schon eine ausgedehnte Patientenkarriere
hinter sich hatten. Immer wieder musste ich feststellen, dass diese
angeblich «aussichtslosen Fälle» über Jahre mit den verschiedensten
Methoden behandelt worden waren, aber nicht unbedingt mit den
Methoden, deren Wirkung nachgewiesen war. Ich habe mich daher
lange damit beschäftigt, alle vorhandenen wissenschaftlichen

224
Studien, die jemals bei Angstpatienten durchgeführt wurden, genau
zu analysieren, um herauszufinden, welche Methoden am besten
wirken.
Im Folgenden werden vier Lösungsmöglichkeiten besprochen, wie
man Ängste bekämpfen kann. Ich bin dabei von folgenden Fragen
ausgegangen: Welche psychotherapeutischen Methoden sind
nachgewiesen, und wie hat man sich eine solche Therapie vorzu-
stellen? Welche Medikamente sind sinnvoll, welche schaden mehr,
als sie nützen? Was ist besser, Psychotherapie oder Medikamente?
Kann und soll man beides kombinieren? Gibt es nicht natürliche
Heilmittel gegen Ängste? Was kann man selbst gegen die Ängste
tun? Können Ängste auch von allein verschwinden?

LÖSUNG 1: PSYCHOTHERAPIE

Die einzigen beiden Psychotherapiemethoden, die von den Kran-


kenkassen erstattet werden, sind die Verhaltenstherapie und die
Psychoanalyse (beziehungsweise die «tiefenpsychologisch orientierte
Therapie»). Es gibt — leider immer noch — einen Richtungsstreit,
der im Wesentlichen zwischen diesen beiden Schulen ausgetragen
wird und der auch in den folgenden Überlegungen eine Rolle spielen
wird. Ich selbst habe eine tiefenpsychologisch orientierte Psycho-
therapieausbildung absolviert. Da ich aber nach dem Me-
dizinstudium noch Psychologie studierte, lernte ich auch die Ver-
haltenstherapie kennen, sodass ich beide Methoden vergleichen
konnte.
Bei allen Unterschieden, die zwischen den Therapierichtungen
bestehen, darf man jedoch ihre gemeinsame Basis nicht vergessen. Es
kommt nämlich entscheidend darauf an, dass zwischen dem Pa-
tienten und dem Psychotherapeuten die Chemie stimmt. Der Patient
muss sich geborgen fühlen. Es muss wissen, dass er jederzeit
aussprechen darf, was er fühlt. Im Psycho-Jargon sagt man: Es muss
sich eine Beziehung entwickeln. Ein Therapeut, der kalt wie ein Fisch
ist, wird kaum Erfolg haben, auch wenn er noch so viele Lehrgänge
225
absolviert hat und sich selbst hat analysieren lassen. Wenn ein
Psychotherapeut verständnisvoll, gütig und einfühlsam ist, wird er
auch ohne ausgefeilte Techniken das Ziel erreichen. Aber gerade
diese speziellen Techniken sind immer wieder ein Streitpunkt zwi-
schen den diversen Therapieschulen; sie sind aber nur zu einem
gewissen Teil für die Besserung einer seelischen Krankheit verant-
wortlich.

Verhaltenstherapie
Ein Mann mit einer Hundephobie fragt zwei Psychologen, wie sie
ihn heilen könnten. Der Psychologe Wolfgang Weichei schlägt ihm
vor, ganz vorsichtig zu beginnen, beispielsweise indem er ihm zu-
nächst einen Mops auf den Schoß setzt. Dann würde er nach und
nach einen Dackel, einen Foxterrier und immer größere Hunde
nehmen, bis man schließlich beim Bernhardiner angelangt ist. Der
Psychologe Carl Brutal teilt dem Angsthasen dagegen freundlich,
aber bestimmt mit, er werde ihn gleich in der ersten Therapiestunde
in einen Käfig mit Dobermännern sperren.
Welche Methode, meinen Sie, wirkt am schnellsten und gründ-
lichsten? Richtig geraten: Die Dobermann-Methode ist, wie sich in
Versuchen herausgestellt hat, deutlich besser wirksam als das lang-
same Herantasten.
In den Anfängen basierte die Verhaltenstherapie auf der Annahme,
dass man einen Menschen dressieren könne — wie einen Seehund.
Wenn ein Patient ein bestimmtes krankhaftes Verhalten zeigt, wird
er bestraft. Wenn er «normales» Verhalten demonstriert, belohnt. Bei
dem krankhaften Verhalten kann es sich darum handeln, dass man
etwas tut, was man besser nicht tun sollte (wie sich die Haare
ausreißen), oder dass man etwas unterlässt, was man lieber tun sollte
(wie beispielsweise als Student in einen vollen Hörsaal zu gehen).
Belohnung, so hat man dabei herausgefunden, wirkt besser als
Bestrafung.
Und, so banal es klingt: Diese Methode hat durchaus ihre Be-
rechtigung, da sie schlichtweg wirksam ist. Der Fortschritt der Ver-
haltenstherapie gegenüber früheren Psychotherapieverfahren be-
226
stand darin, dass man sich nicht mehr aufs Reden verlegte, sondern
echtes Handeln gefragt war. Wenn jemand eine Hundephobie hatte,
musste er in direkten Kontakt mit dem Hund treten.
Doch die Erfolgsstory der Verhaltenstherapie begann zunächst mit
der Warmduscher-Methode. Im Jahre 1958 übertrug Joseph Wolpe
die Gesetze der Lernpsychologie auf die Behandlung von Angst-
erkrankungen.111 Er begann zunächst Versuche mit Katzen, die er in
einen Käfig setzte und dann so lange mit elektrischen Schlägen
traktierte, bis sie eine ausgeprägte Angst vor dem Käfig ent-
wickelten. Diese Angst blieb auch bestehen, nachdem die Katzen
keine Elektroschocks mehr bekamen. Sie zeigten diese Angst auch in
einer Umgebung, die dem Käfig nur ähnlich sah. Dann begann er,
den Katzen die Angst wieder abzugewöhnen. Er setzte sie in eine
Umgebung, die nur entfernt dem Käfig glich, sodass nur geringe
Angst auftrat, und belohnte sie mit Futter. Anschließend baute er
nach und nach die Umgebung so um, dass sie immer mehr dem
Käfig glich, bis die Katzen auch im ursprünglichen Käfig wieder
angstfrei waren. Damit hatte er den wissenschaftlichen Nachweis
erbracht, dass Ängste mit dieser Methode abtrainiert werden
können. Dieses Prinzip nannte Wolpe die «systematische Desensibi-
lisierung» und übertrug es auf die Therapie ängstlicher Menschen.
Seine Behandlungstechnik war immer mit einem Entspannungs-
training verbunden, das der amerikanische Psychiater Edmund Ja-
cobson entwickelt hatte. Der Patient sollte zuerst mit Hilfe der Ja-
cobson-Methode «relaxen» und dann in kleinen Schritten an die
Angst auslösenden Situationen herangeführt werden. Die Ergebnisse
waren recht zufrieden stellend, und man konnte im Vergleich zur
psychoanalytischen Therapie bessere Erfolge erzielen.112 113

Die «Schwimm-oder-ertrink-Methode»
Andere Verhaltenstherapeuten wie Isaac Marks kamen auf den Ge-
danken, Phobien mit einer Art Rosskur zu behandeln. Diese Therapie
wird «Flooding» (Überflutung) genannt, weil der Patient derart stark
mit Reizen überflutet wird, dass ihm danach ein für alle Mal die
Angst «ausgetrieben» sein sollte. Eine Schlangenangst kann man

227
dadurch behandeln, dass der Therapeut zur Sitzung ein Dutzend in
einem Zoogeschäft geleaste Schlangen mitbringt, die er dem Pa-
tienten in die Hände gibt oder sie ihm in die Haare hängt. Ein
Zwangspatient, der eine völlig übertriebene Angst vor Keimen hat,
wird genötigt, einen schmutzigen Toilettensitz anzufassen. Jemand
mit Höhenangst muss auf einen Kirchturm klettern und von dort
oben heruntersehen. Learning by Doing — so kann man diese
Therapie umschreiben.
Es gibt Crashkurse, in denen gleich eine ganze Reihe von Ängsten
systematisch und in kurzer Zeit wegtrainiert wird. Ein besonders
drastisches Intensivtraining, das nur drei bis vier Tage dauert, sieht
zum Beispiel so aus: Der Patient wird, kurz nachdem er in die Klinik
aufgenommen wurde, für eine halbe Stunde in eine handliche Kiste
gesperrt, die zugenagelt wird. Nach seiner Befreiung muss er über
einen überfüllten Marktplatz gehen. Anschließend soll er auf einen
Fernsehturm steigen, sich in eine überfüllte U-Bahn quetschen, in
einem Schlafwagen nach Wien fahren und danach in einer vollen
Skigondel in 3200 Meter Höhe schweben. Er wird zum Schluss in
einem kleinen Sportflugzeug mitgenommen, dessen Pilot sechsmal
Starts und Landungen auf dem Acker übt.
Bei dieser «Konfrontationstherapie» kann es natürlich zu starken
Angstsymptomen kommen. Nach einer gewissen Zeit hört aber diese
Angst von allein auf. Diese brutale Behandlung wirkt besser als die
systematische Desensibilisierung — aber warum? Nehmen wir einen
Menschen mit einer Agoraphobie, der große Angst hat, einen
überfüllten Supermarkt zu betreten. Er versucht vielleicht, vier bis
fünf Minuten im Geschäft zu bleiben; wenn die Angst aber zu groß
wird, geht er gleich wieder ins Freie. Das wiederholt er vielleicht
acht- bis zehnmal, wobei er sich jedes Mal etwas länger im Laden
aufhält. Wenn er aber immer dann, wenn die Angst besonders stark
ist, den Supermarkt verlässt, speichert sein Gehirn stets die folgende
Verbindung ab: «Hineingegangen — große Angst gehabt —
hinausgelaufen — Misserfolg.» Jeder frühzeitig abgebrochene Ver-
such wird im Gehirn auf der langen Liste der Fehlanzeigen notiert,

228
Der britische
Psychiater Isaac
Marks ist einer
der Begründer
der Kontations-
therapie bei
Ängsten

was die Angst nicht bessert. Im Gegenteil: Die Fehlversuche sorgen


dafür, dass man noch lange etwas davon hat.
Wenn der Patient aber die Konfrontationsmethode anwendet, soll
er nicht nur so lange in der Angst auslösenden Umgebung
verharren, bis die Angst die volle Höhe erreicht hat, sondern darüber
hinaus noch etwas länger: Die Angst soll wieder von allein abgeflaut
sein. Denn Angst bleibt in einer solchen Situation nicht unendlich
lange bestehen, sondern löst sich naturgemäß nach einer gewissen
Zeit von selbst. Jetzt merkt sich das Gehirn, dass man sich auch in
einem Supermarkt aufhalten kann, ohne Angst zu haben. Die
Kombination «Dringeblieben — Erfolg» wird jetzt abgespeichert.

229
Manche Verhaltenstherapeuten sind optimistisch und versprechen,
in 15 Einzeltherapiesitzungen die Sache vom Tisch zu haben. In der
Realität werden Verhaltenstherapien oft länger, das heißt über 25 bis
50 Stunden ausgedehnt.
Bei manchen Angsterkrankungen kann man diese Technik jedoch
einfach deswegen nicht anwenden, weil es nichts zu konfrontieren
gibt. Viele Menschen haben beispielsweise ständig Panikattacken aus
heiterem Himmel. Auch Menschen mit einer Generalisierten Angst-
störung wissen oft nicht, wovor sie Angst haben.
In diesen Fällen setzen die Verhaltenstherapeuten eine andere
Technik ein, die «kognitive Therapie». Diese Art der Behandlung ist
eine Weiterentwicklung der ursprünglichen Verhaltenstherapie.
Dabei ging man davon aus, dass der Mensch nicht nur wie eine La-
borratte reagiert, sondern auch zu höheren Denkleistungen in der
Lage ist.
Bei dieser Methode wird der Patient zum Beispiel darauf vorbe-
reitet, was bei der nächsten Panikattacke passieren könnte. Wird er
sie wieder als Katastrophe ansehen? Oder wird er sich sagen: «Oh, es
ist nur eine Panikattacke, die geht wieder weg?» Die kognitive The-
rapie erfordert, dass der Therapeut dem Patienten genau erklärt, wie
Panikattacken entstehen und dass man an ihnen nicht sterben kann.
Dann werden Denkstrategien besprochen, mit denen der Patient bei
der nächsten Panikattacke versuchen kann, sich selbst zu beruhigen.

Wo genau im Gehirn wirkt eine Verhaltenstherapie?


Wir wissen, dass eine Verhaltenstherapie bei Ängsten und Phobien
sehr erfolgreich ist. Es gibt Dutzende Studien, die die Wirkung der
Verhaltens-therapie anhand von Kontrollgruppenvergleichen nach-
weisen.114 Wenn aber eine Panikstörung eine (zumindest teilweise)
biologische Ursache hat, wie kann dann eine Behandlung wirken, die
bei oberflächlicher Betrachtung zunächst nichts mit Molekülen und
Neurotransmittern zu tun hat? Wie kann man allein durch Reden auf
die Neuronen einwirken?
Einem Menschen mit einer Spinnenphobie nützt es wenig, wenn

230
man ihm erklärt, dass er vor einem Dia mit einer Spinne nun
wirklich keine Angst haben müsse. Er weiß es längst. Sein «Ministe-
rium für absurde Angst» weiß es jedoch noch nicht und lässt sich
durch Worte nicht beeindrucken. Wenn wir eine Blindschleiche se-
hen, vergessen wir alles, was wir in der Schule über die Harmlosig-
keit von Blindschleichen gelernt haben. Das Tier sieht wie eine
Schlange aus, und unser Instinkt meldet eine Gefahr. Statt unserer
eigenen Gehirnrinde zu vertrauen, verlassen wir uns auf das gesam-
melte Wissen der Evolution. Wir schrauben unser geistiges Niveau
auf das einer Fliege zurück.
Eine Psychotherapie kann wahrscheinlich nicht auf die Amyg-
dala und den Hippocampus in irgendeiner Form einwirken — ge-
nauso wenig, wie wir einem Huhn Schach beibringen oder mit einem
Meerschweinchen über seine Mutterbeziehung reden können. Diese
Zentren sind für unser Überleben zuständig und funktionieren auch
im Schlaf oder im Koma. Die Psychotherapie kann aber andere,
höhere Zentren im Gehirn beeinflussen, die wiederum das Angst-
netzwerk bremsen können. Wie ist das möglich?
Psychotherapie kann wirken, indem die Fähigkeit des Patienten
gestärkt wird, Vernunft über körperliche Automatismen zu stellen.
Jemand, der an einem rutschigen, steilen Abhang steht, würde auto-
matisch sein Gewicht so verlagern, dass er im Falle eines Sturzes
nach hinten (zum Berg) und nicht nach vorne — den Abhang (zum
Tal) hinunter — fallen würde. Es würde ihn Überwindung kosten,
genau das Gegenteil davon zu tun, nämlich sein Gewicht zum Tal
hin zu verlagern. Genau in dieser Situation befindet sich ein
Skianfänger, dessen Skilehrer verlangt, er solle jetzt seinen Talski
belasten, um weiter den Berg hinunterfahren zu können. In einer
solchen Situation muss das Bewusstsein (die Vernunft) über das
Unbewusste (den Automatismus) siegen. Nach einigen erfolgreichen
Skistunden wird dann der aus niedrigeren Hirnregionen kommende
Impuls, sich zur sicheren Seite, also zum Berg hin, zu verlagern,
durch höhere Denkzentren überwunden, ohne dass dazu noch
Nachdenken und Überwindung notwendig sind.
Eine Verhaltenstherapie muss wie eine Art Skiunterricht gesehen

231
werden. Sie muss einen theoretischen Teil, die kognitive Therapie,
und einen praktischen Teil, die Konfrontation, beinhalten. Nachdem
der Sinn der Behandlung erklärt wurde (kognitiver Teil), sollten
konkrete Übungen vor Ort folgen. Während die Patienten sich
zunächst «überwinden» müssen, sich in die Angst auslösenden
Situationen hineinzubegeben, geht diese Tätigkeit nach häufiger
Übung langsam zur Routine über.
Auf die neurobiologische Ebene übertragen, kann die Wirkung
einer Verhaltenstherapie wie folgt erklärt werden: Während «nied-
rigere» Zentren wie Amygdala oder Hippocampus nicht direkt
durch eine Verhaltenstherapie verändert werden können, kann die
Behandlung möglicherweise auf höhere Zentren der Gehirnrinde
Einfluss haben. Die Verhaltenstherapie wirkt wahrscheinlich auf den
präfrontalen Kortex, bei dem es sich um ein höheres Zentrum
handelt. Der wiederum kann auf die Amygdala beruhigend einwir-
ken wie ein Pferdeflüsterer auf ein nervöses Pferd.
Weiter oben haben wir über das «Kontextlernen» gesprochen.
Damit war gemeint, dass man sich in einem Moment der Gefahr
nicht nur den Auslöser der Gefahr (beispielsweise ein gezücktes
Messer), sondern auch die Umgebung gemerkt hat, in der diese Ge-
fahr auftrat (etwa eine einsame, finstere Gasse). Für dieses Kontext-
lernen ist der Hippocampus zuständig. In der Verhaltenstherapie
muss die Verbindung des Kontextes mit der Angstreaktion gelöscht
werden. In einer Konfrontationstherapie wird man zum Beispiel vom
Therapeuten genötigt, sich immer wieder in ein Kaufhaus zu
begeben. Dies ermöglicht dem präfrontalen Kortex, beständig auf
das Ministerium für absurde Angst einzureden: «Siehst du, es geht
doch, tausendmal ist nichts passiert.» Dadurch könnte es zu einer
Löschung der über den Hippocampus gelernten Gedächtnisinhalte
kommen.
Dieses Modell könnte auch erklären, warum die massive Kon-
frontation besser wirkt als die systematische Desensibilisierung, also
die Technik, bei der man sich langsam an die Angst herantastet. Die
Rosskur wirkt schneller und tiefgreifender als das langsame Heran-
schleichen an Gefahrensituationen. Die meisten Patienten mit einer

232
Agoraphobie berichten, dass sie sich schon vor der Behandlung auch
ohne Anweisung eines Psychologen immer wieder den Angst
auslösenden Situationen gestellt haben. «Ich bin immer wieder in das
Kaufhaus gegangen, aber manchmal ging es partout nicht.» Aber
offensichtlich war dieses vorsichtige Herantasten nicht erfolgreich,
und eine einzige Panikattacke in einer solchen Situation kann viele
halbherzige Versuche zunichte machen. Während einer mittel-
mäßigen Panikattacke halten sich die Störversuche des Angstnetz-
werks und die Korrekturversuche der höheren Zentren in der
Hirnrinde die Waage; mal gewinnt das eine, mal das andere Zen-
trum. Nur durch eine massive Stärkung des «höheren» Zentrums,
beispielsweise im Rahmen einer Überflutungstherapie, kann eine
mehr oder weniger dauerhafte Vormachtstellung dieses Zentrums
erreicht werden.
Es ist aber zu bedenken, dass trotz aller therapeutischen Bemü-
hungen der ursprüngliche Gedächtnisabdruck bestehen bleibt.
Hartnäckig hält sich auf der Festplatte das alte Virus, das einen
überall Gefahren wittern lässt. Durch neue Erfahrungen mit ähnli-
chen Bedrohungen kann es wieder erweckt werden. Dies erklärt
Rückfälle, die auch trotz einer längeren Verhaltenstherapie auftreten
können. Aber unter dem Strich gewinnt letztlich die Vernunft
Oberhand. In manchen Fällen kann schon eine kurze Verhaltens-
therapie eine Phobie für alle Zeiten unterdrücken.

Verhaltenstherapie bei Panikstörung und Agoraphobie


Wenn Sie unter Panikattacken leiden, sehen Sie die Attacke als einen
Zusammenbruch des Systems, als Ausnahmezustand, der nicht lange
gut gehen und schlimme Folgen haben kann. Das Herz könnte
stehen bleiben, im Gehirn könnte eine Blutader platzen, man könnte
ersticken.
Eine Hauptarbeit des Psychotherapeuten wird am Anfang darin
bestehen, Ihnen klar zu machen, dass eine Panikattacke eigentlich ein
normaler Vorgang ist — der allerdings zur falschen Zeit am falschen
Ort auftritt. Der Hase, der den Fuchs sieht, hat die gleichen
Symptome; sie sollen ihm helfen, die Flucht anzutreten. Wenn Sie

233
sich auf der Flucht befinden oder Ihnen ein Faustkampf bevorsteht,
würden Sie es als ganz normal finden, wenn Sie die identischen
Symptome wie bei einer Panikattacke haben — Herzrasen, Schwit-
zen, Zittern oder Luftnot. Die Reaktion des Körpers auf bestimmte
erregende Situationen ist kaum unterschiedlich. Ob Sie nun eine
gefährliche, anstrengende oder angenehm erregende Tätigkeit vor-
nehmen — stets reagiert der Körper gleichförmig. Wenn Sie zum Bei-
spiel mit einem Mountainbike über Stock und Stein einen Berg hin-
unterfahren, haben Sie vielleicht die gleichen Symptome wie bei
einer Angstattacke — und trotzdem macht Ihnen das Ganze sogar
Spaß.
«I'm going red and my tongue's getting tied, I'm off my head and
my mouth's getting dry.» (Ich werde rot und meine Zunge klebt, ich
drehe durch und mein Mund ist trocken) — dies sind Zeilen aus ei-
nem Lied der Rolling Stones. Sie beschreiben die Gefühle eines jun-
gen Mannes, der ohne Umschweife ein Mädchen bedrängt: «Let's
spend the night together» (Lass uns die Nacht zusammen verbrin-
gen). Hier werden Symptome beschrieben, wie sie bei einer Panikat-
tacke auftreten, aber in einem ganz anderen Zusammenhang —
nämlich bei sexueller Erregung. Dies zeigt, dass der Körper negative
von positiver Erregtheit gar nicht unterscheiden kann, sondern in
beiden Fällen gleich reagiert. Jedes einzelne Symptom einer Panik-
attacke, wie Schwitzen oder Herzrasen, ist für sich nicht krankhaft.
Es ist die Einschätzung dieser harmlosen Erscheinungen als höchst
bedrohliche Symptome, die krank macht.
Der Therapeut wird versuchen, Ihnen die Angst zu nehmen, an
einer Panikattacke zu sterben. Denn selbst wenn man zu der Einsicht
gelangt ist, dass Panikattacken nicht auf einer lebensgefährlichen
Erkrankung beruhen, könnte man ja trotzdem mutmaßen, dass
während der Attacke das Herz so extrem schnell schlägt, dass es
tatsächlich Schaden nehmen kann.
Eine Technik in der Verhaltenstherapie nennt man «Entkatastro-
phisieren». Wenn Sie unter einer Panikstörung leiden, malen Sie sich
wahrscheinlich alles bis hin zur Katastrophe aus. Das «Ministerium
für absurde Angst» im Gehirn versucht Ihnen alle möglichen

234
falschen Argumente und unlogischen Erklärungen als Tatsachen zu
verkaufen: «Von einer Panikattacke kann man einen Herzinfarkt
bekommen» oder «Schmerzen in der linken Brust sind ein Zeichen
für einen Herzinfarkt; also muss ich sterben». Dabei benutzt es Ar-
gumente wie ein Winkeladvokat: «Ich kann nicht mit meinem Mann
nach Mallorca fliegen, denn ich könnte dort eine Panikattacke be-
kommen; die könnte lebensbedrohlich werden (falsch); ich brauche
dann einen Arzt (falsch); dort gibt es keine deutschen Ärzte (falsch);
spanische Ärzte auf Mallorca sprechen kein Deutsch (meist falsch),
und aufgrund der Verständigungsschwierigkeiten würden die Ärzte
falsche Entscheidungen treffen (falsch) und ich würde sterben
(falsch).»
In der Verhaltenstherapie werden diese «Katastrophenphantasien»
detailliert durchgesprochen. Eine wichtige Frage wäre hierbei: «Was
könnte schlimmstenfalls passieren?» Wenn schließlich die logisch
falschen und negativen Annahmen aufgespürt worden sind, werden
sie in einem nächsten Schritt in positive umgewandelt: «Wahr-
scheinlich bekomme ich im Urlaub gar keine Panikattacke, und selbst
wenn ich eine habe, brauche ich keinen Arzt, sie geht ja von allein
vorbei. Und selbst wenn ich einen Arzt brauchen sollte, wimmelt es
auf Mallorca von deutschen Ärzten.»
Manche Verhaltenstherapeuten versuchen sogar, ihre Patienten
durch kleine, aber gemeine Übungen in ihrer Praxis an die Sym-
ptome einer Panikattacke zu gewöhnen. Sie lassen ihre Patienten
durch einen Strohhalm atmen, um künstlich einen Sauerstoffmangel
zu erzeugen — so wird das Symptom «Luftnot» simuliert. Sie lassen
ihre Patienten zwanzigmal tief einatmen, wodurch sie einen
Sauerstoffüberschuss bekommen. Oder sie setzen die Patienten auf
ihren Bürostuhl und drehen sie schnell im Kreis, um das Symptom
«Schwindel» nachzuahmen. Auch jagen sie ihre Patienten eine
Treppe hoch oder lassen sie Kniebeugen machen, um Herzrasen
auszulösen.
Sie können solche Übungen aber auch als Hausaufgaben von Ihrem
Therapeuten aufbekommen. «Fahren Sie bei schönem Wetter mit
dem Auto, schließen Sie alle Fenster und drehen Sie die Heizung voll

235
auf.» Oder: «Gehen Sie in die Sauna und lassen sich einen mörde-
rischen Latschenkieferaufguss verpassen.»
Eine konsequente Fortsetzung solcher Lektionen wären sportliche
Betätigungen, beispielsweise das Joggen, dessen Wirksamkeit bei
Panikstörung nachgewiesen wurde (siehe S. 327). Hierdurch werden
Sie ebenfalls an Symptome wie Herzrasen oder Schwitzen gewöhnt.
Wenn Sie vorher vielleicht dachten, dass Sie sich schonen müssten,
weil Sie ja felsenfest davon überzeugt waren, eine schwere körper-
liche Erkrankung zu haben, so werden Sie durch diese sportlichen
Aktionen eines Besseren belehrt. Wenn Sie nämlich einen Achtkilo-
meterlauf über Stock und Stein lebend überstanden haben, könnten
Sie eigentlich davon ausgehen, nicht unter einer koronaren Herz-
krankheit zu leiden.
Der erste Schritt in der Behandlung der Agoraphobie besteht im
Erkennen fehlerhafter Einschätzungen. Die typischen Situationen,
die ein Agoraphobiker meidet, lösen — bewusst oder unbewusst —
bei den Patienten immer die gleichen Fehlbewertungen aus. «Geh da
nicht rein, da drin ist es gefährlich», sagt eine innere Stimme. «Ich
werde im Theater eine Panikattacke bekommen. Nicht auszudenken!
Ich werde ohnmächtig, der Notarzt muss kommen, sie müssen mich
da mitten aus der 15. Reihe rausholen, was wird das für ein Auf-
sehen erregen, alle müssen meinetwegen aufstehen, wahrscheinlich
muss ich sterben. Es ist besser, ich bleibe draußen.»
Diese Fehleinschätzungen werden auch «automatische Gedanken»
genannt. Ohne dass man es steuern kann, drängen sich einem
unlogische Gedanken auf wie: «Ich muss das Kaufhaus verlassen,
weil die Luft so schlecht ist.» Oder: «In Fahrstühlen geht die Atem-
luft aus, wenn sie stecken bleiben.» Sie werden lernen müssen, wie
man diese automatischen Gedanken erkennt und durch positive er-
setzt: «Ich war schon fünfzigmal in diesem Kaufhaus, und ich habe
es jedes Mal überlebt.»
Der zweite Schritt besteht in einer praktischen Übung. In dieser
müssen Sie trainieren, sich direkt in bestimmte Angst auslösende
Situationen zu begeben. Beispiele für derartige Konfrontations-
übungen:

236
- U-Bahn oder Bus fahren
- Fußgängerzonen oder Massenveranstaltungen besuchen
- Kaufhäuser betreten
- Fahrstuhl fahren
- Von Türmen heruntersehen

Sinnvoll ist es, zuerst einmal damit anzufangen, eine Liste mit häufig
vermiedenen Situationen aufzustellen, und zwar beginnend mit der
Situation, vor der Sie sich am meisten ängstigen:

1 Menschenmengen
2 enge Räume
3 Autofahren
4 Kaufhäuser
5 Fahrstühle
6 ...

Jetzt kommt die Stunde der Wahrheit. Sie müssen sich ohne Verzug
mitten in die Situation hineinbegeben, die Sie am meisten fürchten.
Sie müssen sich massiert mit den Angstsituationen konfrontieren
und dabei billigend in Kauf nehmen, dass Sie Angstzustände be-
kommen. Sie müssen dabei völlig mit Angst überflutet werden.
Daher wird die Therapie auch «Flooding» (Überflutung) genannt.
Am besten beginnen Sie mit der Situation, die auf Ihrer Liste an ers-
ter Stelle steht.
Wir haben gesehen, dass die Überflutung besser wirkt als das
langsame Herantasten. Sie müssen also in das Kaufhaus gehen und
sich Ihre Panikattacke abholen. Wenn Sie länger drinbleiben, wird
die Angst automatisch immer weniger, bis Sie merken, dass Sie ir-
gendwann überhaupt nicht mehr den Wunsch verspüren, das Kauf-
haus zu verlassen.

237
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum Sie sich mit der
Überflutungsmethode behandeln sollten. Oben hatten wir gelernt,
dass es das Phänomen der «Löschungsresistenz» gibt (siehe S. 216).
Auf eine Fahrstuhlangst übertragen bedeutet dies: Wenn Sie mehr-
mals einen Fahrstuhl betreten und Angst bekommen haben und
dann gleich bei der nächsten Möglichkeit wieder ausgestiegen sind,
hat sich erfahrungsgemäß eine ausgeprägte Angst vor dem Lift auf-
gebaut. Wenn Sie sich diese Angst jetzt wieder abgewöhnen wollen,
sollten Sie am besten vier Stunden lang in vollen und leeren Fahr-
stühlen — möglichst über 14 Stockwerke — ständig auf und ab fah-
ren. Mit dieser Methode könnten Sie sich relativ rasch für alle Zeiten
eine Fahrstuhlangst abtrainieren.
Die nun folgenden Tipps können Ihnen vielleicht helfen, die
Therapie effektiver zu gestalten.

Ä Tipp 1: Werden Sie selbständig


Zu Anfang wird Ihr Therapeut bei den Konfrontationsübungen an-
wesend sein. Es könnte aber sein, dass er Sie schon nach einigen
Versuchen allein mit dem Fahrstuhl fahren lässt. Das ist relativ
wichtig, da die Anwesenheit des Psychotherapeuten die Angst und
somit die Wirksamkeit der Übung abschwächt. Zunehmend müssen
Sie nämlich selbständiger werden.
Manche Patienten versuchen mit ihrem Therapeuten zu disku-
tieren: «Sie können machen, was Sie wollen, ich gehe da nicht rein»,
sagt vielleicht ein Patient zu seinem Therapeuten, der ihn aufgefor-
dert hat, in einen vollen Bus zu steigen. Und das mit einer Inbrunst,
als ob der Therapeut verlangt hätte, er solle über einem Kriegsgebiet
mit einem Notfallschirm aus dem Flugzeug springen. Besser ist es,
nicht zu lange zu diskutieren, sondern einfach das zu tun, was der
Therapeut sagt, nach dem Motto: «Augen zu und durch.»
Nicht selten lehnen Patienten eine Konfrontationstherapie kate-
gorisch ab. Entweder haben sie eine unüberwindliche Angst, sich
den gefürchteten Situationen auszusetzen, oder sie erhoffen, ihre
Angst auf die laue Art loszuwerden, zum Beispiel durch angeneh-
mes Plauschen in gepflegten Ledersesseln.
238
Aber stellen Sie sich vor, Sie wollen Skifahren lernen und Ihr
Skilehrer tut nichts anderes, als Ihnen ein Video zu zeigen, in dem
andere Leute Ski fahren. Vielleicht gibt er noch ein paar Erklärungen
ab zu dem, was da auf dem Bildschirm vor sich geht. So lernt man
nie Ski fahren! Sie müssen schon selbst raus auf den Berg und mit
der Nase in den kalten Schnee fallen.

Ä Tipp 2: Der Krankheitsgewinn


Obwohl jemand, der eine Agoraphobie hat, schwer benachteiligt er-
scheint, hat er durch die Erkrankung, so paradox es klingt, auch ei-
nen Gewinn. Dies zeigt das folgende Beispiel: Eine 43-jährige Frau
fühlte sich von ihrem Mann vernachlässigt, da er zunehmend in sei-
nem Beruf — er war Leiter eines Baumarkts — eingespannt war.
Zudem traf er sich fast häufiger mit seinen Freunden von der Dop-
pelkopfrunde als mit seiner Ehefrau. Nachdem sie eine schwere
Panikstörung mit Agoraphobie entwickelte, machte er sich große
Sorgen um seine Frau. Er teilte ihre Furcht, dass vielleicht doch eine
schleichende Herzerkrankung hinter den Symptomen stecken
könnte, und begleitete sie daher zu zahlreichen Arztterminen. Zu-
nehmend klagte seine Frau, dass sie ohne ihn nicht mehr zum Frisör,
zum Optiker oder in die Stadtbibliothek gehen könne. Wenn sie
dadurch auch ihre eigene Bewegungsfreiheit immer weiter ein-
schränkte, so merkte sie aber andererseits, dass sie jetzt viel mehr
Gelegenheiten hatte, mit ihrem Mann zusammen zu sein. Bewusst
oder unbewusst hatte sie dadurch einen Gewinn erzielt.
Behutsam machte ich der Patientin diesen Mechanismus in der
Verhaltenstherapie klar. Ich zeigte ihr, dass die Agoraphobie nur die
zweitbeste Lösung war, die Aufmerksamkeit des Ehemannes zu er-
reichen. Ich wies sie daraufhin, dass eine solche Fürsorge der Ange-
hörigen meist nicht lange anhält. Es sei zu erwarten, dass ihr Ehe-
mann, der nun ständig gezwungen war, sie überallhin zu begleiten,
irgendwann entnervt sein würde. In einem Paargespräch brachte ich
zur Sprache, dass der Ehemann durch die Verhaltenstherapie in
einen Konflikt kommen könnte: Einerseits könne er seine Frau nicht
ständig begleiten, dadurch fördere er ja nur ihr Vermeidungs-
239
verhalten; andererseits könne sie sich, wenn er sie nicht unterstüt-
zend begleite, bei ihm deswegen beklagen — bis hin zu dem Vor-
wurf, dass er sie wahrscheinlich nicht liebe. Es gelang mir, dem Paar
deutlich zu machen, dass es in solchen Fällen immer besser ist, wenn
der Angehörige mit dem Therapeuten an einem Strang zieht — also
empfahl ich dem Mann, sein Frau nicht permanent zu beschirmen.

Ä Tipp 3: Lerne klagen, ohne zu leiden


Die ausführliche Schilderung der körperlichen Ausdrucksformen der
Angst, die während der Panikattacken auftreten, verschafft dem
Kranken Erleichterung. Mitgeteiltes Leid ist halbes Leid. Und so ist
es manchmal für den Betroffenen ausgesprochen angenehm, guten
Freunden, Verwandten oder anderen Angstpatienten in epischer
Breite sämtliche Symptome einer Angstattacke auszumalen. Wenn
sich Partner oder gute Freunde solche Klagen zunächst aufmerksam
angehört und mit Mitleid reagiert haben, schlägt dieses Mitgefühl
bald in Unverständnis, Ungeduld oder gar offene Ablehnung um.
Manche Patienten versuchen daraufhin, sich diese Erleichterung im
Gespräch mit dem Arzt oder dem Psychotherapeuten zu verschaffen,
indem sie wiederholt auf eine detaillierte Beschreibung ihrer
Symptomatik zurückkommen. Der, so meinen sie mit einem gewis-
sen Recht, verdiene ja sein Geld damit, sich die Klagen anzuhören.
Wundern Sie sich aber nicht, wenn der Psychotherapeut irgendwann
nicht mehr dazu bereit ist, die hundertzwanzigste Darstellung einer
Panikattacke geduldig zu ertragen. Nicht etwa, weil er davon
entnervt ist — das ist ja schließlich sein Job —, sondern weil das
Klagen nicht gerade zur Besserung der Angst beiträgt. Wenn auch
aufmerksames, einfühlsames Zuhören den Aufbau einer the-
rapeutischen Beziehung begünstigt, so muss auch die Gefahr gese-
hen werden, dass dadurch krankheitsverstärkende Prozesse geför-
dert werden. Eine Berichterstattung über körperliche Beschwerden
wird der Therapeut daher nicht durch aufmerksames Zuhören oder
Trostspenden belohnen.

240
Verhaltenstherapie bei Einfacher Phobie
Kaum eine psychische Erkrankung lässt sich so rasch mit einer Ver-
haltenstherapie behandeln wie eine Einfache (Spezifische) Phobie.
Ohne Diplompsychologe zu sein, hatte Johann Wolfgang von Goethe
bereits 1832 beschrieben, wie er sich selbst erfolgreich mit einer
Verhaltenstherapie gegen seine Höhenphobie behandelte:

Ich bestieg ganz allein den höchsten Gipfel des Münsterturms und saß in
dem so genannten Hals unter dem Kopf oder der Krone, wie man's nennt,
wohl eine Viertelstunde lang, bis ich es wagte, wieder heraus in die freie
Luft zu treten, wo man auf einer Platte, die kaum eine Elle ins Geviert
haben wird, ohne sich sonderlich anhalten zu können, stehend das
unendliche Land vor sich sieht, indessen die nächsten Umgebungen und
Zieraten, die Kirche und alles, worauf und worüber man steht, verbergen.
Es ist völlig, als wenn man sich auf einer Montgolfiere in die Luft erhoben
sähe. Dergleichen Angst und Qual wiederholte sich so oft, bis der Eindruck
mir ganz gleichgültig war.115

Das Prinzip ist sehr einfach: Man muss sich der Angst aussetzen.
Wer eine Spinnenangst hat, muss sich Spinnen über den Unterarm
laufen lassen; wer Angst vor tiefem Wasser hat, muss hineinsprin-
gen. Schon früh haben Verhaltenstherapeuten herausgefunden, dass
man, anstatt den Patienten zu erzählen, dass Höhen ungefährlich
seien, sie lieber auf einen Turm schickt.
Menschen, die unter einer Einfachen Phobie leiden, gehen aller-
dings selten zu einem Arzt oder Psychologen und lassen sich deswe-
gen behandeln. Meist haben sie gelernt, die gefürchteten Situationen
elegant zu umgehen. Dabei wird ihr Aktionsradius bei weitem nicht
so eingeschränkt wie bei den anderen Angsterkrankungen. Trotzdem
ist es schade, dass sich viele nicht trauen, ihre Ängste behandeln zu
lassen, denn die Einfachen Phobien lassen sich oft in ein paar Sitzun-
gen kurieren.
Eine meiner Patientinnen, die 19-jährige Studentin Jeanine D., hatte
im Sommer große Angst, dass ihr eine Wespe in den Hals fliegen
und sie dort stechen könnte, sodass sie ersticken müsse. Daher
verließ sie das Haus in dieser Zeit überhaupt nicht mehr. An einem

241
Tag mit extremem Wespen-Verkehrsaufkommen kaufte ich zwei
Stücke Erdbeerkuchen mit Schlagsahne und setzte mich mit der Pa-
tientin ins Freie. Hunderte von Wespen stürzten sich auf den Ku-
chen. Auf jedem Stück, das wir in den Mund schoben, saßen min-
destens zwei bis drei dieser Insekten, die man vorsichtig wegpusten
musste. Tapfer aß die junge Studentin den Kuchen. Heute kann ich
zugeben, dass ich den Kuchen damals auch nicht besonders ent-
spannt genießen konnte. Aber die Aktion war erfolgreich: Jeanine D.
verlor ihre Angst vor Wespen und konnte sich wieder völlig frei
bewegen.

Verhaltenstherapie bei Generalisierter Angststörung


Früher wurden Menschen mit einer Generalisierten Angststörung
mit «Entspan-nungsverfahren» behandelt. Man hatte die Hoffnung,
dass sich die große Ruhe, die sich während der Entspannungssitzung
ausbreitete, auch auf den Alltag ausdehnen würde. Doch die
Hoffnung war, wie man sich denken kann, trügerisch. Zwar fühlten
sich sämtliche Patienten während der Entspannungsübungen wun-
derbar relaxed. Wenn sie aber der Alltag dann mit der vollen Breit-
seite traf, war es rasch vorbei mit der Ruhe.
Bei der Generalisierten Angststörung beschäftigt man sich in der
heutigen Verhaltenstherapie zunächst mit den Angstsymptomen.
Dabei muss der Betroffene lernen, dass es sich bei den gespürten
Symptomen wie Herzrasen oder Zittern nicht um Anzeichen eines
Funktionsausfalls im Körper handelt, sondern um Angstsymptome,
die völlig ohne Grund oder in übersteigerter Form auftreten. Hier
gelten dieselben Regeln wie bei der Behandlung von Panikattacken.
Zudem muss ein anderes Phänomen angegangen werden: die
übertriebene Angst, dass einem selbst, den Verwandten oder ande-
ren lieben Menschen etwas zustoßen könnte. «Als Erstes», so teilte
ich meiner Klientin Isabell V. mit, «hören Sie auf, täglich Ihre Tochter
anzurufen.» Frau V. rief nämlich ihre Tochter Sandra nicht an, weil
sie mit ihr plaudern wollte, sondern weil sie ständig befürchtete,
dass ihr oder dem Enkelkind Felix etwas zustoßen könnte. Die
Tochter fühlte sich durch diese Anrufe bereits hochgradig bedrängt.

242
Ich versuchte, mit Frau V. einen Vertrag zu schließen, dass sie nur
einmal in der Woche bei ihrer Tochter anrufen dürfe. «Aber was
dann? Wenn ich nicht angerufen habe, mache ich mir permanent
Sorgen. Von sich aus würde Sandra nie anrufen und sagen, dass alles
in Ordnung sei», entgegnete Frau V. «Wenn Ihrer Tochter wirklich
etwas Schlimmes zustoßen würde», erwiderte ich, «würden Sie das
schneller erfahren, als Ihnen lieb ist. Wenn Sandra sich nicht meldet,
ist es das beste Zeichen, dass es ihr gut geht.» Dadurch, dass Frau V.
es sich verkneifen musste, einen Kontrollanruf durchzuführen, kam
es bei ihr natürlich zu verstärkter Angst. Jetzt musste Frau V. lernen,
diese Angst auszuhalten, bis sich der Körper an die durch die
Ungewissheit ausgelöste Angst gewöhnt hatte.

Verhaltenstherapie bei Sozialer Phobie


Wie auch bei der Behandlung der anderen Angsterkrankungen teilt
sich die Verhaltenstherapie der Sozialen Phobie in einen theoreti-
schen und einen praktischen Teil. Am Anfang wird der Psychothera-
peut auf die häufig unrealistische Einschätzung der eigenen Fähig-
keiten eingehen, die ein Patient mit einer Sozialen Phobie hat.
Richard F., ein Student der Biologie mit einer Sozialen Phobie, den
ich in meiner Sprechstunde behandelte, konnte keine Tageszeitung
am Kiosk kaufen, ohne dabei rot zu werden und zu stammeln. Er
befürchtete, selbst den einfachen Satz «Eine Süddeutsche, bitte» nicht
herausbringen zu können, ohne sich dabei zu verhaspeln. Der
Zeitungsverkäufer, so nahm er an, könnte ihn für dumm und tölpel-
haft halten — was abwegig war, denn Richard F. konnte druckreif
formulieren.
In der Therapie geht es darum, solche übertrieben negativen
Selbsteinschätzungen zu korrigieren. «Sie haben Ihr Abitur mit 1,4
abgeschlossen», sagte ich zu ihm. «Sie haben gerade ein Begabtensti-
pendium erhalten. Damit sind Sie wahrscheinlich intelligenter als,
sagen wir, 97,3 Prozent der Bevölkerung. Warum, zum Teufel, ver-
muten Sie, dass Sie unfähiger sind als der ganze Rest der Mensch-
heit?»
Wie die meisten Menschen mit Angsterkrankungen haben auch

243
Personen mit einer Sozialen Phobie eine zwiespältige Einschätzung
ihrer individuellen Fähigkeiten. Einerseits können sie ihre positiven
Seiten und Befähigungen durchaus realistisch beurteilen, ande-
rerseits werden sie immer Befürchtungen befallen, dass sie auf an-
dere Menschen ungeschickt, linkisch, peinlich, ungebildet oder
inkompetent wirken. In der Therapie gilt es, die realistische Selbst-
einschätzung zu stärken und die wirklichkeitsferne Geringschätzung
der eigenen Talente und Leistungen zu berichtigen.
Die Therapie hat natürlich auch einen praktischen Teil. Der erste
Abschnitt dieses Kurses könnte so aussehen, dass mehrere Menschen
mit einer Sozialen Phobie in einer Gruppe «Rollenspiele» einüben. In
dieser Phase der Therapie ist man unter sich, und die Übungen
werden als nicht so unüberwindlich empfunden, da man ja weiß,
dass auch die anderen in der Gruppe schüchtern und zurückhaltend
sind.
So muss zum Beispiel der Pferdezüchter Karl-Heinz W. vor den
anderen Mitgliedern seiner Therapiegruppe eine Rede über Turnier-
pferde halten. Der Versicherungsangestellte Rudi M. soll mit einem
Leidensgenossen ein Streitgespräch spielen, wobei Rudi M. sich
selbst und der Gegenpart seinen Abteilungsleiter mimt, der versucht,
ihn nach Strich und Faden fertig zu machen. Simone P. darf den
anderen Witze erzählen. Jochen K. führt mit einem Teilnehmer der
Gruppe ein Bewerbungsgespräch durch.
Im zweiten Teil der Therapie werden die Daumenschrauben an-
gezogen. Jetzt wird der Ernstfall geprobt. Die Teilnehmer der Thera-
piegruppe müssen in «echte» Situationen hineingehen. Eine typische
Übung, die ich mit Patienten in der «Soziale-Phobie-Gruppe» durch-
führte, sah beispielsweise so aus: An einem Freitagnachmittag traf
ich mich mit meinen Patienten in der Fußgängerzone und gab ihnen
Anweisungen. Erste Übung: «Sie gehen in ein Handy-Geschäft. Sie
lassen sich etwa zwanzig Minuten lang die Eigenschaften eines
Handys erklären und fragen, welche Klauseln es im Vertrag gibt.
Und das, obwohl Sie die ganze Zeit wissen, dass sie gar kein Handy
kaufen wollen. Dann fangen Sie einen Streit an, zum Beispiel, indem
Sie sagen, dass das Handy nicht gut in der Hand liege, ein mäßiges

244
Design habe, der Vertrag viel zu teuer sei und so weiter ... Ihr Ziel ist
es, dass der sonst so superarrogante Verkäufer am Ende schweißge-
badet ist.»
Anschließend hatten die Teilnehmer eine besonders peinliche
Übung durchzuführen: Sie mussten mit erhobenen Armen durch die
Menschenmengen gehen und ertragen, dass die Passanten sie für
betrunken oder verrückt hielten. Andere «Blamier-Übungen»
folgten: «Fragen Sie bitte Passanten, wo sich das Katholische Postamt
befindet.» Zum Schluss teilte ich Regenschirme an meine Gruppe
aus. Ein Blick zum Himmel: strahlender Sonnenschein. Die Teil-
nehmer der Gruppe ahnten schon, was ihnen blühte: Sie sollten mit
aufgespannten Regenschirmen durch die Straße laufen. Dabei
mussten sie registrieren, wie sich andere Menschen verhalten, die sie
dabei beobachten. Die meisten Gruppenmitglieder berichteten
nachher, dass sie ganz erstaunt waren, wie wenig Notiz von ihnen
genommen wurde. «Das war's für heute, Sie haben Ihre Arbeit gut
gemacht», sagte ich dann zu meinen Schützlingen. «Nächste Woche
ziehen Sie sich bitte die unmöglichsten Klamotten an: eine zu kurze
Latzhose, einen orangefarbenen Schlips, einen Hut mit Gamsbart,
was auch immer Sie gerade finden. Sie wissen, wie unser Motto lau-
tet: «Geht nicht, gibt's nicht.»
Meine Erfahrung mit derartigen Übungen war, dass die Patienten
zunächst große Angst vor ihnen hatten, sie aber schließlich mit
wachsender Begeisterung durchführten.

Verhaltenstherapie bei Prüfungsangst


Die übergroße Angst vor Prüfungen ist eine Unterform der Sozialen
Phobie. Meist trifft sie Menschen, die sehr ehrgeizig und leistungs-
orientiert sind. Sie befürchten — oft ohne Grund —, die Prüfung
nicht zu bestehen. Dann kann es dazu kommen, dass sie sich durch
ihre unrealistische Angst selbst behindern. Bei den Prüfungsvor-
bereitungen sind sie so sehr auf ihre Angst vor dem Durchfallen
fixiert, dass sie sich nicht auf den Stoff konzentrieren können. Im
schlimmsten Fall behindern sie sich tatsächlich selbst, indem sie sich
nicht ausreichend auf die Prüfung vorbereiten können.

245
Ein Hauptziel der Therapie ist es, die eigenen Fähigkeiten besser
einschätzen zu können: «Sie haben alle bisherigen Klausuren mit eins
oder zwei bestanden. Warum glauben Sie, dass Sie ausgerechnet jetzt
durchfallen?», frage ich die Patienten, um sie auf den Boden der
Tatsachen zurückzubringen. Außerdem werden in der Therapie die
«katastrophischen Befürchtungen» entlarvt, die Menschen mit einer
übertriebenen Prüfungsangst haben: «Ich werde einen ganz
schrecklichen Prüfer bekommen, und obwohl ich ausreichend
gelernt habe, werde ich da sitzen und kein Wort herausbringen, ich
werde durchfallen, dann werde ich die Prüfung in einem halben Jahr
wiederholen müssen, ich werde wieder durchfallen, dann werde ich
aus der Universität geworfen; meine Eltern werden mir kein Geld
mehr zahlen, ich muss einen Job als Hilfsarbeiter annehmen ...»
Gemeinsam mit dem Therapeuten soll jetzt der Patient versuchen,
diese unrealistischen Einschätzungen durch realitätsnähere zu
ersetzen.

Psychoanalytisch orientierte Therapie

Verborgen auf der Festplatte


Eine völlig andere Technik wird in der psychoanalytischen Therapie
angewandt. Diese Behandlung basiert auf folgender Grundannahme:
Die Symptome des Patienten gehen auf seelische Vorgänge zurück,
die in der Kindheit aus dem Bewusstsein ins Unbewusste verschoben
wurden und da jahrelang verborgen blieben. Wenn es gelingt, diese
unbewussten Gedanken aus dem «Maschinenraum der Seele» ans
Tageslicht zu holen, verschwinden die Symptome.
Bei diesen verborgenen Gedanken handelt es sich um Konflikte.
Was bedeutet nun Konflikt in diesem Zusammenhang? Auf Seite 143
hatten wir über das Es und das Über-Ich gesprochen. Das Es hat
bestimmte Wünsche und Begierden, die nicht alle jugendfrei sind.
Zum Beispiel kann das kleine Mädchen Anne B. — nach den Vorstel-
lungen der Psychoanalyse — im Unterbewusstsein den Wunsch ha-
ben, mit seinem Vater zu schlafen. Das Über-Ich tadelt das Kind für
diese Wünsche, obwohl sie niemals in die Tat umgesetzt werden
246
würden. Jetzt setzen so genannte Abwehrmechanismen ein. Ein be-
liebter Abwehrmechanismus ist die «Verdrängung». Dadurch wird
versucht, den Konflikt in eine Ecke der Festplatte des Gehirns zu
schieben, die dem Gehirn-User selbst nicht zugänglich ist, nämlich in
das Unbewusste. Der Konflikt wird also nicht gelöscht, sondern
bleibt auf dem Dachboden des Gehirns unter einer alten verstaubten
Wolldecke liegen. Er verhält sich dort aber nicht ruhig, sondern
meldet sich ab und zu mit kleinen Sticheleien. Der Abwehrmecha-
nismus der Verdrängung erleichtert also nicht das Leben, sondern
macht im Gegenteil krank, weil der verborgene Konflikt aus dem
Unbewussten heraus die neurotischen Symptome verursacht.
Später kann der frühere Konflikt durch bestimmte Ereignisse
«reaktualisiert» (zum Leben erweckt) werden. Das kleine Mädchen
ist inzwischen eine erwachsene Frau, und in einer Kurklinik hat sie
einen «Kurschatten» namens Karl-Heinz F. kennen gelernt, mit dem
sie Oralverkehr hat. Wieder zu Hause bei ihrem ahnungslosen Mann,
packt sie das schlechte Gewissen. Der in ihrem Unbewussten seit der
Kindheit schlummernde Konflikt meldet sich jetzt wieder und
erzeugt bei ihr eine Angstsymptomatik mit einem Kloß- und
Engegefühl im Hals. Dies ist so schlimm, dass sie mehrere hundert
Male am Tag schlucken muss. Weder die Patientin noch alle zu Rate
gezogenen HNO-Spezialisten sehen den Zusammenhang zwischen
dem rätselhaften Kloßgefühl und dem Kurschatten.
Jetzt tritt der Psychoanalytiker auf den Plan. Er wendet bestimmte
Techniken an, um an die unbewussten Gedanken von Anne B. heran-
zukommen. Zum Beispiel lässt er die Patientin in der Therapiestunde
einfach erzählen, was ihr gerade einfällt. «Freies Assoziieren» nennt
man diese Technik. Der Analytiker hört sich über Stunden genau an,
was der Patient berichtet. Das lange, nachdenkliche Schweigen des
Analytikers wird von der Patientin jedoch nicht als produktiv
empfunden: «Ich erzähle ihm dauernd was — der sitzt aber nur da
und sagt nichts. Wie soll ich davon gesund werden?» In Wirklichkeit
entdeckt der Analytiker in den scheinbar zusammenhanglosen Schil-
derungen der Patientin immer wieder Hinweise auf unbewusste
Inhalte, die der Patientin selbst verborgen bleiben. Er hofft, dass sich

247
die Klientin dann und wann verplappert und ihm einen
«Freud'schen Versprecher» liefert. Dabei handelt es sich um eine
Fehlleistung, die das Unbewusste zum Vorschein bringen kann.
Wenn eine Frau zum Beispiel sagt: «Ich habe 1997 gegen meinen
Mann geheiratet», so lässt dieser Versprecher — Sie haben richtig
geraten — auf eine unbewusste Abneigung gegen den Gatten
schließen.
Auch die Traumdeutung ist eine Technik, die unbewussten Inhalte
aufzudecken. Im Traum, so die Psychoanalyse, melden sich die
verborgenen Gedächtnisspuren zurück. Träume seien verschlüsselte
Hinweise auf den Konflikt zwischen menschlichen Wünschen und
Verboten. Wenn die Patientin am nächsten Tag ihren Traum dem
Analytiker erzählt, so kann dieser die zunächst verworren
klingenden Traumgeschichten auseinander pflücken und Hinweise
auf verborgene Konflikte aufspüren.
Wenn es dann so weit ist, dass der Analytiker genug Material ge-
sammelt hat, geht er zum nächsten Schritt über — zur «Deutung».
Damit ist gemeint, dass er der Patientin klar macht, auf welchen
verschlungenen Wegen es dazu gekommen ist, dass ihre früheren,
unbewussten, sündigen Gedanken in der Kindheit 30 Jahre später zu
dem Kloßgefühl geführt haben. Dabei wird die Enge im Hals so
interpretiert, dass sie das Gefühl hat, dass der Penis von Karl-Heinz
F. noch in ihrem Hals stecken würde. Nach dieser Deutung soll es
dann planmäßig zu einer «Katharsis» (Reinigung) der Seele kom-
men. Die negativen Gedächtnisinhalte treten offen zutage und kön-
nen dann gelöscht werden. Im Fall der Anne B. würde der Analyti-
ker einen geeigneten Zeitpunkt abwarten und der Patientin dann
behutsam seine Deutung des Konflikts erklären, wobei er den Bogen
von den verborgenen Inzestphantasien ihrer Kindheit über den
Oralverkehr mit dem Geliebten bis hin zum Kloßgefühl zieht.
Warum kann die Patientin aber nicht selbst die verborgenen Inhalte
aus ihren eigenen Assoziationen oder Träumen herauslesen?
Scheinbar hat das Gehirn eine Sperre eingebaut, die dafür sorgt, dass
offensichtliche Hinweise auf versteckte Konflikte vom Betroffenen
selbst nicht erkannt werden. Jeder Außenstehende — vor allem aber

248
der Psychoanalytiker mit der entsprechenden Vorbildung — ist in
der Lage, solche Dinge zu erkennen, nicht aber der Gehirn-Besitzer
selbst. Wird der Patientin nun durch die Deutung des Therapeuten
ein Zugriff auf ihre versteckt gebliebenen Denkinhalte gewährt, setzt
der Heilungsprozess ein.
Vorher aber regt sich der «Widerstand». Der eingebaute Mecha-
nismus, der dafür gesorgt hat, dass die verbotenen Gedanken im
Verborgenen blieben, will auch weiter verhindern, dass sie ins Be-
wusstsein treten. Daher kann es passieren, dass dem Psychoanalyti-
ker, der seine Klientin mit einer Deutung konfrontiert, Skepsis oder
Ablehnung entgegenschlagen. Wenn also der Therapeut zu Anne B.
sagt: «Sie wollten als kleines Mädchen mit Ihrem Vater schlafen»,
und die Patientin entgegnet: «Was haben Sie nur für perverse Ge-
danken?», so nennt man das Widerstand. Wenn die Patientin die
Deutung vehement ablehnt, so wird der Analytiker nicht etwa an-
nehmen, dass er mit seiner Deutung danebenlag, sondern dass er
ganz im Gegenteil in ein Wespennest gestochen hat. In weiteren Ge-
sprächen versucht der Therapeut nun, die Klientin davon zu über-
zeugen, dass er doch Recht hat. Ob ihm das gelingt, hängt davon ab,
ob er zu seiner Patientin eine gute Beziehung aufgebaut hat.
Wie in jeder psychoanalytischen Therapie wird auch in der
Angstbehandlung die Ausbildung einer «Übertragungsbeziehung»
als wichtig angesehen. Mit Übertragung ist gemeint, dass der Psy-
choanalytiker die Rolle einer früheren Bezugsperson übernimmt.
Wird zum Beispiel die Entstehung einer seelischen Erkrankung der
problematischen Beziehung zur Mutter zugeschrieben, so kann bei-
spielsweise ein zuverlässiger, Zuneigung zeigender Psychotherapeut
die Stelle der früher unzuverlässigen, abweisenden Mutter ein-
nehmen. Nur wenn sich eine tragfahige Übertragungsbeziehung
ausgebildet hat, wird es dem Analytiker gelingen, Anne B. von sei-
ner Deutung zu überzeugen. Dann kommt es bei der Patientin zum
großen «Ana-Moment», der Konflikt löst sich, und das Kloßgefühl
und alle Ängste verschwinden rasch.
So weit die Theorie. Das beschriebene Vorgehen klingt einleuch-
tend und plausibel. Allerdings bleiben jetzt viele Fragen offen.

249
Viele Annahmen der Psychoanalyse sind unüberprüfbar. Existiert
überhaupt ein Über-Ich? Wir können nicht einen Reißverschluss am
Kopf aufmachen und nachsehen, ob es da ist. Gibt es tatsächlich eine
Verdrängung? Gedächtnisforscher zweifeln dies an. Melden sich
unbewusste Gedanken in den Träumen? Heute weiß man, dass man
Träume nicht deuten kann. Die verworrenen Geschichten, die sich in
Träumen abspielen, sind, wie ich glaube, nur ein Ausdruck dafür,
dass das Gehirn seine Gedanken sortiert. Dabei werden Bruchstücke
von Dateien, die quer über die Festplatte des Computers verteilt
sind, nachts wieder zusammengeführt («defragmentiert»), um das
Gehirn für den nächsten Tag wieder fit zu machen. Aus diesem
Gedankensalat unbewusste Inhalte herausfiltern zu wollen ist
Kaffeesatzleserei.
Auch diese Fragen bleiben offen: Welche allgemeinen Prinzipien
gibt es in der Analyse, Angst zu behandeln? Kann man traumatische
Erfahrungen aus der Kindheit viele Jahre später aufdecken? Die
wichtigsten Überlegungen aber lauten: Wirkt die tiefenpsychologi-
sche Behandlung überhaupt? Wirkt sie besser, als einfach abzuwar-
ten? Wirkt sie besser, als mit der Großmutter zu reden? Wirkt sie
genauso gut oder gar effektiver als eine Verhaltenstherapie? Und
wirkt sie dauerhaft? Denn was nützt es, die komplizierten Wege zu
verstehen, die zu einem neurotischen Symptom geführt haben, wenn
es dem Patienten nachher keinen Deut besser geht?
Wenn man in psychoanalytischen Büchern nachlesen will, wie man
Menschen mit Angststörungen behandeln sollte, wird man
vergeblich nach klaren Handlungsanweisungen suchen. Allgemein
gültige Regeln, die man in allen vergleichbaren Lehrbüchern in
ähnlicher Form wiederfinden müsste, scheint es nicht zu geben.
Manuale, also klare «Gebrauchsanweisungen» zur Durchführung
der Behandlung, wie sie in der Verhaltenstherapie angewendet
werden, sind in der psychoanalytischen Therapie verpönt. Wie auch
jede psychoanalytische Publikation über Ängste ganz verschiedene
und immer wieder neue Ursachen für die Erkrankungen sucht, so
wird man dementsprechend auch in jedem Artikel völlig unter-
schiedliche Vorgehensweisen zur Behandlung finden.

250
In analytischen Lehrbüchern werden den Ausbildungskandidaten
höchstens ein paar vage Ratschläge gegeben, wie etwa, man solle
«das Ich des Patienten stärken», als sei das so trivial, wie ein Hemd
zu stärken, oder man solle die «Angstbewältigungsmechanismen
verbessern», ohne dabei näher zu sagen, wie das zu bewerkstelligen
sei.
Sicher, jeder Mensch mit Ängsten ist verschieden, und man kann
nicht alle über einen Kamm scheren. Angesichts der Millionen von
Menschen mit Angsterkrankungen sollte es aber nach hundert Jahren
Psychoanalyse möglich sein, etwas Gemeinsames zu finden und ein
paar allgemeine Regeln zur Behandlung von Angstpatienten auf-
zustellen. Wie, wenn man solche schwammigen Methoden in der
übrigen Medizin anwenden würde? Stellen Sie sich vor, ein Patient
leidet unter heftigem Erbrechen, Kopfschmerzen und allgemeiner
Schwäche. Er sucht eine Klinik auf. Der junge Arzt hat keine
Ahnung, welche Untersuchungen er durchführen und welche
Therapie er anwenden muss. Er ruft seinen Oberarzt, und der teilt
ihm mit: «Dieser Mann hat so ein Kopfproblem, und wir sägen
vielleicht die Schädelkalotte auf und schauen mal nach. Dann
nehmen wir ein Skalpell und einen scharfen Löffel, stochern hier mal
rum und da, kratzen ein bisschen was raus und saugen was ab. Der
Rest wird sich schon geben.»

Bearbeitung traumatischer Erfahrungen


Was ist nun mit den traumatischen Erfahrungen in der Kindheit, die
wohl eindeutig von Patienten mit einer Panikstörung gehäuft
berichtet werden (siehe S. 121)? Müssen solche schrecklichen Er-
lebnisse, wie zum Beispiel ein früherer sexueller Missbrauch, nicht in
der Therapie aufgearbeitet werden? Ist es nicht notwendig, so lange
im Gedächtnis zu kramen, bis die verschütteten Erinnerungen über
frühere Vorkommnisse zutage treten, damit die Seele gereinigt
werden kann? So könnte es zum Beispiel sein, dass ein Vater mit
seiner Tochter Inzest betrieben hat und die Tochter dieses
schreckliche Erlebnis als so belastend empfand, dass sie das Vor-
kommnis «verdrängt» hat.

251
Wie bereits gesagt, gibt es dieses behauptete Phänomen der Ver-
drängung wahrscheinlich nicht. Wenn aber tatsächlich eine Verge-
waltigung stattgefunden hat, die auch erinnert wird, muss dann
nicht ein solches Ereignis trotzdem in der Therapie besprochen
werden, um dem Opfer nachträglich zu helfen?
Das ist eben die Frage. Intuitiv würde man vermuten, dass es
wahrscheinlich äußerst schwierig ist, ein 15 bis 30 Jahre zurücklie-
gendes schreckliches Ereignis allein durch Reden wieder gutzuma-
chen. Was aber, wenn man dadurch alles nur noch schlimmer macht,
indem man die alten Geschichten wieder aufrollt? Kann es nicht
sogar zu einer anhaltenden Verschlechterung der Symptome
kommen, wenn alte Wunden wieder aufgerissen werden?
Ehemalige Soldaten, die unter einem «posttraumatischen Belas-
tungssyndrom» litten, weil sie im Krieg grauenhafte Dinge erlebt
hatten, versuchte man mit einer Verhaltenstherapie zu behandeln.
Da man bei der Therapie von Phobien gelernt hatte, dass Ängste am
besten weggehen, wenn man sich mit ihnen auseinander setzt, zeigte
man den Exsoldaten im Rahmen einer wissenschaftlichen Unter-
suchung Filme mit drastischen Kriegsereignissen. Anders als bei der
Therapie von Phobien hatte die Rosskur bei den ehemaligen Soldaten
aber die umgekehrte Wirkung. In drei solcher Behandlungsstudien
kam es zu einer erheblichen Verschlechterung der Symptome.
Folglich hat man keine Garantie dafür, dass eine «Traumatherapie»
bei Patienten mit belastenden Kindheitsereignissen nicht nach hinten
losgeht, wenn man dieses Vorgehen nicht wissenschaftlich korrekt
untersucht.
Solange es keine Nachweise für eine spezifische Wirkung der
Psychoanalyse gibt, können wir nicht wissen, ob die Bearbeitung
kindlicher Traumata die Erkrankung bessert, gleichlässt oder sogar
verschlechtert. Selbst wenn man eine Mitverursachung der Angster-
krankung durch ein traumatisches Kindheitserlebnis als sehr wahr-
scheinlich annimmt, so muss das nicht heißen, dass man diese Er-
kenntnis überhaupt dazu verwenden kann, um die Erkrankung zu
heilen. Die Analyse einer seelischen Störung ist eben nicht das Glei-
che wie die Heilung. Vielleicht ist das Wissen über Ursachen der Er-

252
krankung für den Patienten genauso hilfreich wie ein wunderbar
scharfes Ultraschallbild, das eine Leber voller Krebsmetastasen
zeigt.

Mordgedanken auf der Spur


René F., ein Chemiestudent, kam in meine Sprechstunde. Er berich-
tete, dass er seit drei Jahren wegen einer Zwangsstörung eine Psy-
choanalyse mache. Sein Symptom sei, dass er ständig denken müsse,
dass er einen geliebten Menschen ermorden könnte — zum Beispiel
seine hübsche Freundin oder seine eigene Mutter. Dies ist übrigens
ein typischer Zwangsgedanke, wie er bei vielen Menschen mit einer
Zwangsstörung auftritt. Allerdings bleibt es immer bei den
Gedanken. Es kommt praktisch nie vor, dass jemand diesen Zwangs-
gedanken in die Tat umsetzt. Natürlich gibt es Männer, die ihre
Freundin ermorden; dann handelt es sich aber so gut wie nie um
Menschen mit einer Zwangsstörung.
Renés Freundin Claudia traute ihm eigentlich nicht zu, dass er
irgendjemandem ein Haar krümmen könnte. Trotzdem war ihr nicht
wohl in ihrer Haut, wenn sie nachts neben ihm im Bett lag. Würde
René seine bizarren Gedanken eines Tages nicht vielleicht doch in
die Tat umsetzen? Dennoch erschien ihr der Gedanke zu abwegig,
als dass sie den Entschluss fasste, sich von ihrem Freund zu trennen.
René kam ihr zuvor. Er löste die Beziehung zu Claudia, weil er
«nicht mit Sicherheit ausschließen konnte, dass er ihr nicht doch et-
was antue». Das Schlimme an Zwangsgedanken ist, dass immer
Restzweifel bleiben. Immer wieder wird überlegt, ob es nicht doch
zum Äußersten kommen könnte. Diese Angst beschäftigt den Be-
troffenen dann 16 Stunden täglich.
Dies alles berichtete René F. seinem Psychotherapeuten, Dr. Win-
terstein. In unzähligen Sitzungen sprach René über seine Kindheit
und seine Eltern, die beide sehr ordnungsliebende, pedantische
Menschen waren, wobei diese zwanghaften Züge lange nicht das
krankhafte Ausmaß angenommen hatten wie bei ihrem Sohn. Der
Analytiker führte den Gedanken des Klienten, seine Freundin

253
ermorden zu wollen, auf eine latente Homosexualität zurück, eine
Deutung, mit der René nichts anfangen konnte.
Bald hatte er eine neue Freundin, und es kam, was kommen
musste. In dem gleichen Maße, in dem er sich in sie verliebte, wuch-
sen wieder die Zweifel, ob er sie nicht ermorden könnte, ohne es zu
wollen. Er trennte sich wieder.
Nach zwei Jahren Analyse fragte er den Therapeuten, wann er
denn damit rechnen könne, dass die Symptome sich unter der The-
rapie bessern würden. Bisher habe er immer nur eine Verschlimme-
rung beobachtet. Dr. Winterstein wollte sich nicht festlegen und
entgegnete, eine Therapie brauche manchmal lange. Er sei aber auf
dem besten Wege, den zugrunde liegenden Konflikt herauszuarbei-
ten, und es sei nicht ungewöhnlich, dass es gerade dann zu einer
Verschlechterung komme, wenn man dem Konflikt auf der Spur sei.
Nach einem weiteren Jahr waren neue, eigentümliche Symptome
hinzugekommen. René musste ständig alles Mögliche kontrollieren:
«Habe ich die Haustür abgeschlossen, den Herd ausgemacht, die
Kaffeemaschine ausgeschaltet, das Licht ausgeknipst?» Fünf- bis
sechsmal musste er zurücklaufen, um alles erneut zu überprüfen.
Wenn er auf der Straße ging, musste er die Gehwegplatten nach
einem bestimmten Muster betreten, weil er sonst befürchtete, dass
auf magisch-mystische Art etwas Furchtbares passieren könnte.
René wurde immer verzweifelter, und immer intensiver wurden
die Gedanken, seinem Leben ein Ende zu setzen, da er keinerlei
Hoffnung auf Besserung sah. Im Gegenteil: Er litt immer stärker un-
ter seinen Zwangsgedanken und -handlungen.
In dieser Situation suchte René F. meine Sprechstunde auf. Er er-
zählte mir seine Geschichte und sprach davon, dass er in einer Zeit-
schrift von einem neuen Medikament namens Clomipramin gelesen
habe, das man jetzt zunehmend bei Zwangspatienten einsetze. Sein
Therapeut halte zwar überhaupt nichts von Medikamenten; er sei
aber so verzweifelt, dass er trotz seiner eigenen Skepsis nun dieses
Medikament probieren wolle.
Ich teilte ihm mit, dass Clomipramin nicht wirklich ganz neu sei,
sondern schon seit vielen Jahren erfolgreich im Kampf gegen

254
Zwangskrankheiten eingesetzt werde. Ich ließ ihn einen Fragebogen
ausfüllen, um objektiv den Schweregrad der Zwangserkrankung
festzustellen, und schrieb ihm ein Rezept.
Zum verabredeten Termin, eine Woche später, erschien René F.
nicht. Erst nach einem Jahr kam er wieder in die Sprechstunde. Er
erzählte, dass er das Medikament damals nicht habe einnehmen
wollen, ohne zuvor seinen Therapeuten zu fragen. Der aber habe die
Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt, er müsse
jetzt erst einmal genau analysieren, warum René die Therapie
beenden und ein Medikament einnehmen wolle. Ausgerechnet jetzt
sei der schlechteste Zeitpunkt, da die Besserung unmittelbar bevor-
stehe.
Diese Analyse dauerte also ein weiteres Jahr. René F. kam erneut zu
mir, noch verzweifelter als im Vorjahr. Das wiederholte Ausfüllen
des Fragebogens ergab, dass sich im Verlaufe des Jahres nichts
gebessert hatte. René beendete seine Psychoanalyse, trotz erheblicher
Vorwürfe seitens des Therapeuten, und wir begannen eine Be-
handlung mit Clomipramin. Eine von mir vorgeschlagene Verhal-
tenstherapie wollte er nicht beginnen, da er den Glauben an die
Psychotherapie verloren hatte. Nach vier Wochen trat unter dem
Medikament eine deutliche Besserung ein, und nach acht Wochen
waren die Symptome bis auf einen minimalen Rest verschwunden.
Nach vielen Jahren konnte René jetzt endlich ohne Zwänge leben. Er
nahm sein Studium wieder auf, das er jahrelang auf Eis gelegt hatte,
schloss es mit einer Zwei ab und bekam eine gute Stelle als
Chemiker. Er fand eine neue Freundin, mit der er noch heute zu-
sammen ist.
Leider ist dieser Fallbericht kein Einzelschicksal. In meiner Arbeit
in der Angstambulanz habe ich unzählige Patienten gesehen, bei
denen eine jahrelange psychoanalytische Behandlung kaum eine
Besserung gebracht hatte und die nach einer Umstellung auf
Medikamente oder Verhaltenstherapie innerhalb von Wochen sym-
ptomfrei waren.
Im Kapitel über das psychoanalytische Modell zur Entstehung von
psychischen Krankheiten wurden ja bereits Zweifel laut, dass dieses

255
Erklärungsmodell erhebliche Lücken hat und vor allem nicht
belegbar ist. Die Glaubwürdigkeit des Modells würde sich erheblich
steigern, wenn es Nachweise gäbe, dass die analytische Therapie
wirksamer sei, als «abzuwarten und von einer dicken Mammi be-
kocht zu werden». Genau diesen Wirksamkeitsnachweis ist die Psy-
choanalyse bisher schuldig geblieben; auf der großen weiten Welt
wurden bislang solche Untersuchungen nicht veröffentlicht. Es
existieren nur zwei Studien, in denen die Psychoanalyse bei Patien-
ten mit Angststörungen kontrolliert untersucht wurde. Beides waren
Vergleiche mit einer Verhaltenstherapie, und aus beiden kann
lediglich geschlossen werden, dass die Verhaltenstherapie wirkt.
Und dass sie besser wirkt als die Psychoanalyse. Ob die Psychoana-
lyse überhaupt bessere Ergebnisse erzielt als gar keine Therapie,
kann man mit diesen Studien eben nicht nachweisen, da es in den
Untersuchungen keine entsprechende Kontrollgruppe gab. In der
ersten Studie wurden 32 Agoraphobie-Patienten mit Psychoanalyse
therapiert. Eine weitere Gruppe von 37 Patienten wurde ebenfalls
analytisch behandelt, erhielt aber zusätzlich eine Verhaltenstherapie
mit Konfrontationsübungen. Die besseren Resultate wurden in der
Gruppe erreicht, die zusätzlich eine Verhaltenstherapie erhielt.116 Die
zweite Studie untersuchte Patienten mit einer Generalisierten
Angststörung. In dieser Untersuchung wurde eine Gruppe von
Patienten mit Verhaltenstherapie und eine andere mit Psychoanalyse
behandelt — die Verhaltenstherapie gewann wieder.117 Und mit
diesen beiden Studien hat es sich schon — weitere gibt es nicht, in
denen die Psychoanalyse bei Angststörungen (nach heutiger De-
finition) überprüft wurde. Was sind die Gründe, dass die orthodoxen
Analytiker sich seit über einem Jahrhundert hartnäckig weigern,
kontrollierte Studien auf den Tisch zu legen? Scheuen sie die
immense Arbeit, die eine derartige Forschung machen würde? Hal-
ten sie einen solchen Aufwand für unnötig, weil die Krankenkassen
auch ohne Wirkungsnachweis das Geld bezahlen (denn die Psycho-
analyse ist genauso wie die Verhaltenstherapie erstattungsfähig)?
Oder befürchten sie, dass entsprechende Studien die Unwirksam-
keit der Analyse aufzeigen würden, worauf dann eines Tages der

256
Geldhahn der Krankenkassen zugedreht werden könnte?
Groß angelegte Studien mit vielen Patienten und Kontrollgruppen
sind von den Vertretern der Psychoanalyse auch aus folgendem
Grund abgelehnt worden: Man müsse, so ihre Argumentation, jedes
Schicksal als Einzelfall betrachten. Einzelfallberichte über Behand-
lungserfolge seien ausreichend, um die Wirksamkeit zu belegen.
Wenn man auch allergrößte Skepsis an den Tag legen muss, wenn
nur über einzelne Fälle von Besserungen berichtet wird, so verstär-
ken sich die Zweifel noch, wenn man sich tatsächlich einmal die
Fallberichte über psychoanalytische Therapien bei Angststörungen
ansieht. Ich habe mir die Mühe gemacht, nach solchen Berichten in
der Literatur zu suchen.
Die veröffentlichten Einzelfälle, die ich fand, ließen nicht gerade
auf eine rasche, durchgreifende Besserung schließen, selbst wenn die
Therapien von ausgewiesenen Experten auf diesem Gebiet durch-
geführt wurden. In dem von Stavros Mentzos herausgegebenen
psychoanalytischen Buch «Angstneurose» wird beispielsweise eine
Patientin beschrieben, bei der man heute Panikstörung mit Ago-
raphobie diagnostizieren würde.50 Sie wurde über sechs Jahre in 338
Therapiestunden behandelt.55 Man kann den langen Bericht mehr-
fach von vorne bis hinten durchlesen — nirgendwo findet man einen
Hinweis darauf, dass es der Patientin nach dieser Mammuttherapie
besser ging. Was kann das bedeuten? Entweder, dass die Therapie
nichts genützt hat — was man vermuten kann, denn warum hatte sie
sonst so lange gedauert? Oder, dass die Autorin des Beitrags es gar
nicht für nötig gehalten hatte, auf die Besserung hinzuweisen, weil
sie es ohnehin als selbstverständlich ansah, dass eine Panikstörung
durch eine Psychoanalyse besser wird? Was einen aber stutzig
macht, ist, dass die Patientin über all die Jahre von der Therapeutin
ein Medikament verschrieben bekam. Wie das, war die Psychothe-
rapie allein denn nicht ausreichend? Und warum musste es ein Tran-
quilizer sein, also ein Medikament, das nach jahrelangem Gebrauch
abhängig macht?
Ein immer wieder gehörtes Argument ist, dass eine Psychoanalyse
sehr, sehr lange dauert und man deswegen keine kontrollierte Studie

257
machen könne. Es gibt allerdings eine (einzige) Studie, die die
Wirkungen der Langzeit-Psychoanalyse untersucht hat: die
Menninger-Studie. Die Menninger-Klinik in Topeka, Kansas, ist eine
der berühmtesten psychoanalytischen Kliniken. Obwohl die Studie
von Fachleuten als eine der besten Studien zur Psychoanalyse ange-
sehen wird, gab es keine Kontrollgruppe, sodass ihre Aussagekraft
begrenzt ist. In dieser Studie wird über eine einzige Patientin mit
Agoraphobie berichtet, die nach über 25 Jahren Analyse noch immer
unter erheblichen Symptomen litt. Und dennoch wurde sie von ihren
Therapeuten den «sehr guten» Behandlungserfolgen hinzuge-
rechnet.118
Die amerikanischen Psychiaterinnen Barbara Milrod und Kathe-
rine Shear durchforsteten die gesamte psychoanalytische Literatur
auf der Suche nach Fallberichten über Patienten mit einer Panikstö-
rung.61 Sie fanden 35 Fälle — nicht gerade viel angesichts der Tatsa-
che, dass weltweit Millionen solcher Patienten in Behandlung sind.
Erschreckend war auch, wie ungenau sich diese Berichte lasen. Bei
den meisten Fallbeispielen wurde noch nicht einmal angegeben, wie
lange die Therapie gedauert hatte, oder es wurden so wunderbar
präzise Angaben wie «sehr lang» oder «kurz» gemacht — in wis-
senschaftlichen Artikeln ein Unding. Auch hielten es die Autoren der
Fallberichte nicht immer für nötig, zu berichten, ob die Therapie
denn auch geholfen hatte. Dennoch gelangen die Autorinnen der
Übersicht zu dem Schluss, es sei in den meisten Fällen zu einer
«dramatischen Besserung» gekommen. Aber was verstanden sie un-
ter einer «dramatischen Besserung»? «Die Paniksymptome waren
besser zu managen», so die Antwort der Autorinnen. «Oft waren die
Symptome tatsächlich weniger schwer; aber auch wenn dies nicht
der Fall war, konnten die Patienten ihre Symptome verlässlicher und
auf organisiertere Weise als vorher beschreiben.» Wenn der ganze
Erfolg einer Therapie darin besteht, dass der Patient die Symptome
besser schildern kann, muss irgendetwas schief gelaufen sein.
Insgesamt habe ich nicht einen einzigen Fallbericht gelesen, bei
dem innerhalb von acht bis zwölf Wochen eine Symptomfreiheit er-
reicht wurde, was bei einer Behandlung mit Medikamenten oder

258
Verhaltenstherapie eigentlich Standard ist.
Wenn man noch nicht einmal bei veröffentlichten Einzelfallbe-
richten auf eine verlässliche Wirkung der Psychoanalyse bei Angst-
erkrankungen schließen kann (wobei davon auszugehen ist, dass mit
größter Wahrscheinlichkeit nur die einigermaßen gut gelaufenen
Fälle veröffentlicht wurden), wie kann man dann guten Gewissens
diese Therapieform bei Angsterkrankungen empfehlen?

Die Kur im Schwarzwald


Patienten mit Angststörungen werden immer wieder für mehrere
Monate in psychoanalytische Kliniken geschickt, die in Deutschland
reichlich zu finden sind. Im Schwarzwald soll es mehr psycho-
somatische Kliniken geben als im gesamten Rest der Welt. Wie steht
es nun um die Wirksamkeit einer stationären psychoanalytischen
Therapie?
Es gibt nur eine ernsthafte Studie dazu. Auch diese wurde offen,
also ohne Kontrollgruppe durchgeführt.119 Die Ergebnisse waren er-
nüchternd: Bei 60 Prozent der Patienten mit einer Generalisierten
Angststörung kam es zu einer Verschlechterung, bei Patienten mit
einer Agoraphobie zeigte sich eine minimale Verbesserung, die sich
aber schon sechs Wochen nach der Therapie wieder verflüchtigt
hatte (im Vergleich dazu kommt es in anderen Studien bei 30 bis 50
Prozent der Angstpatienten, die nur eine Placebopille erhalten ha-
ben, zu deutlichen Besserungen). Entsprechend ist der Schluss zu
ziehen, dass es den Menschen, die sich einer stationären Psychoana-
lyse unterziehen, nach der Therapie wahrscheinlich sogar schlechter
geht als den Angstpatienten, die überhaupt nicht behandelt wurden.
Die Datenlage zur Behandlung von Angststörungen mit Psycho-
analyse kann man zusammenfassend nur als beklagenswert be-
zeichnen. Wäre die Psychoanalyse ein Medikament, dann würde sie
von den Gesundheitsbehörden nicht die Zulassung zur Behandlung
von Angsterkrankungen bekommen. Da aber für die Zulassung von
Psychotherapien bisher keine Richtlinien angewendet werden, zah-
len die Krankenkassen weiter die Behandlung.

259
Selbst der Erfinder der Psychoanalyse, Sigmund Freud, war von
der Wirkung der Analyse bei Phobien nicht recht überzeugt und
empfahl eine Verhaltenstherapie: «Man wird kaum einer Phobie
Herr, wenn man abwartet, bis sich der Kranke durch die Analyse be-
wegen lässt, sie aufzugeben. Er bringt dann niemals jenes Material in
die Analyse, das zur überzeugenden Lösung der Phobie unent-
behrlich ist. Man muss anders vorgehen. Nehmen Sie das Beispiel
eines Agoraphoben; es gibt zwei Klassen von solchen, eine leichtere
und eine schwerere. Die Ersteren haben zwar jedes Mal unter Angst
zu leiden, wenn sie allein auf die Straße gehen, aber sie haben darum
das Alleingehen noch nicht aufgegeben; die anderen schützen sich
vor der Angst, indem sie auf das Alleingehen verzichten. Bei diesen
Letzteren hat man nur dann Erfolg, wenn man sie durch den Einfluss
der Analyse bewegen kann, sich wieder wie Phobiker ersten Grades
zu benehmen, also auf die Straße zu gehen und während dieses
Versuches mit der Angst zu kämpfen. Man bringt es also zunächst
dahin, die Phobie soweit zu ermäßigen, und erst wenn dies durch die
Forderung des Arztes erreicht ist, wird der Kranke jener Einfälle und
Erinnerungen habhaft, welche die Lösung der Phobie ermög-
lichen.»120 Freuds Ratschläge sprachen sich nicht herum. Seine Nach-
folger wendeten sie nicht an und versuchten die Phobien aus-
schließlich durch Reden zu behandeln.
Die deutschen Psychoanalytiker Richter und Beckmann urteilten
über Patienten mit Herzneurosen: «Eine große Psychoanalyse kommt
für die allermeisten Herzneurotiker nicht infrage, worüber weitge-
hend Einigkeit unter den Kennern dieses Krankheitsbildes
herrscht.»59

Größenwahn
Die Zeiten sind allerdings vorbei, als die Psychoanalyse die gesamte
Psychoszene beherrschte und mit wilden Spekulationen strapazierte.
In den sechziger Jahren entglitt die Überschätzung der thera-
peutischen Fähigkeiten der Analyse ins Bodenlose, wie ein besonders
krasses Beispiel zeigt: Alexander Mitscherlich, ein berühmter
Psychoanalytiker, beschrieb die Wunderheilung einer tuberkulösen

260
Kaverne durch eine Psychoanalyse. Hierzu muss erklärt werden,
dass die Tuberkulose, eine heute eingedämmte Erkrankung, in den
sechziger Jahren noch eine sehr häufige und schwere Krankheit war,
die auch durch sehr aggressive Antibiotika manchmal nicht zu
behandeln war. Unter einer Kaverne versteht man einen geschwür-
ähnlichen, eingekapselten Tuberkuloseherd, der selbst mit stärksten
Tuberkulosemitteln damals extrem schwer in den Griff zu be-
kommen war. Hier nun Mitscherlichs Schilderung der Heilung:

Er hatte eine große infraklavikuläre Kaverne auf der rechten Seite. Rasch
ergab sich in der Analyse eine Konfliktsituation, die als umgekehrter
Ödipus-Konflikt beschrieben werden kann. Das Verhältnis des jungen
Mannes zu seiner Mutter bestand aus einer intensiven, hasserfüllten
Eifersucht; aber gleichzeitig war sein gesamter Charakter durch eine weit
reichende Identifikation mit ihr geprägt. Er idealisierte seinen Vater und
verehrte ihn als Helden. Bei einer Sitzung berichtete er über eine
Erinnerung an einen Besuch in einem Naturgeschichte-Museum, bei dem
er zum ersten Mal einen menschlichen Fötus sah. Dieser Anblick erfüllte
ihn mit Ekel. In diesem Kontext interpretierte ich seine passive
Homosexualität und die Kaverne als einen Versuch, seinem Vater ein Kind
zu gebären. Während der Nacht nach der Sitzung erbrach sich der Patient
mehrfach und hatte einen schweren Kreislaufkollaps. Acht Tage später
zeigte die Röntgenuntersuchung, dass die Kaverne verschwunden war.121

Mitscherlich behauptet in diesem Beispiel gleich zwei Dinge, nämlich


dass die tuberkulöse Kaverne (a) nicht etwa durch einen Bazillus,
sondern durch einen psychodynamischen Konflikt entstanden und
(b) durch die Deutung dieses Konflikts geheilt worden sei. Wenn Sie
sich jetzt an den Kopf greifen und am gesunden Menschenverstand
des Autors zweifeln, kann man Ihnen das nicht verübeln. Solche
abenteuerlichen Behauptungen brachten nicht nur die Psychoana-
lyse, sondern die gesamte Zunft der Psychiater und Psychologen in
Misskredit.
Zusammenfassend muss man also sagen, dass die Ursachen der
Angsterkrankungen durch die Psychoanalyse kaum erklärt werden
können und dass die reine analytische Therapie wahrscheinlich
keine ausgeprägte spezifische Wirkung hat. Dies entspricht auch den
261
Beobachtungen, die meine Mitarbeiter und ich in der Behandlung
von Angstpatienten gemacht haben. In vielen Jahren haben wir nicht
einen einzigen Patienten gesehen, bei dem die Analyse eine
dramatische Besserung der Angstsymptome herbeigeführt hatte.
Dass sich die Psychoanalyse so lange als dominante Theorie zur
Entstehung und Behandlung von Ängsten behaupten konnte, spricht
nicht unbedingt dafür, dass doch etwas Wahres dran ist, sondern
sagt einiges aus über die Leichtgläubigkeit der Menschen.
Sicher, es gibt zahlreiche Analytiker, die eine gute Therapie machen
und ihren gesunden Menschenverstand nicht im Analytischen
Institut abgegeben haben. Auch möchte ich an dieser Stelle betonen:
Alles, was hier gesagt wurde, heißt nicht, dass es jemandem, der sich
in einer psychoanalytischen Therapie befindet, nicht besser gehen
kann. Wenn jemand eine sehr gute Beziehung zu seinem analy-
tischen Therapeuten hat und dieser gut zuhören kann, ver-
ständnisvoll, einfühlsam und Anteil nehmend ist und es zu einer
deutlichen Besserung der Symptome gekommen ist, sollte er diese
Therapie auf jeden Fall weiterführen. Wenn aber nach einem Zeit-
raum von, sagen wir, sechs Monaten kein Fortschritt abzusehen ist,
sollte man sich wirklich überlegen, ob nicht eine Verhaltenstherapie
oder eine medikamentöse Behandlung eingeleitet werden sollte.

Klientenzentrierte Gesprächstherapie
In der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie bemüht sich der
Therapeut, vereinfacht gesagt, den Patienten nicht durch bestimmte
Techniken zu beeinflussen, sondern ihn zu einer Selbstveränderung
zu bringen, indem er ein besonders gutes Beziehungsklima aufbaut,
das von Wertschätzung, Verständnis und Einfühlsamkeit geprägt ist.
Im Gegensatz zur Analyse, bei der der Therapeut steuernd
(«direktiv») vorgeht, lernt der Klient, wie er sich selbst heilen kann.
Diese Therapierichtung, die von dem amerikanischen Ex-analytiker
Carl Rogers als Alternative zur Psychoanalyse entwickelt wurde, ist
in Deutschland weit verbreitet, obwohl sie nicht von den Kranken-
kassen erstattet wird.
Die Wirksamkeit der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie
262
wurde in einer Studie an Angstpatienten untersucht.122 Eine Gruppe
erhielt eine übliche Gesprächstherapie und die andere eine um
verhaltenstherapeutische Elemente erweiterte Gesprächstherapie. In
beiden Gruppen kam es zu einer Besserung, jedoch fand sich kein
wesentlicher Unterschied zwischen ihnen. Aus diesem Ergebnis
kann man aber nicht herauslesen, ob die Gesprächspsychotherapie
auch besser wirkt als «gar nichts machen» oder «nette Gespräche mit
dem Patienten fuhren», da ein Vergleich mit den entsprechenden
Kontrollgruppen fehlt. Erst wenn solche Studien vorliegen, kann die
Anwendung der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie bei
Angstpatienten empfohlen werden.

Ganz entspannt im Hier und Jetzt


Wer angespannt ist, muss sich entspannen. Da Menschen mit Ängs-
ten angespannt sind, wäre es wohl das Beste, wenn sie sich entspan-
nen. Das klingt logisch. Verschiedene Entspannungstechniken wur-
den ausprobiert, um Ängste, Nervosität und Unruhe zu heilen. Aber
helfen sie wirklich? Anders gefragt: Wer hat eigentlich das Gerücht
aufgebracht, dass Psychotherapie etwas mit Entspannung zu tun
hat?
Stellen Sie sich vor, Sie lernen snowboarden. Das kann ganz
unterhaltsam sein, aber nach einer Stunde werden Sie völlig an-
gespannt oder erschöpft oder beides sein. Auch nach einem Com-
puterkurs für Anfänger in der Volkshochschule werden Sie sich
vollkommen ausgelaugt fühlen. Eine Psychotherapie gegen Ängste
hat — ebenso wie Snowboardfahren oder Computerkurse — etwas
mit einem Lernprozess zu tun. Auch in der Psychotherapie lernt man
etwas — nämlich mit Ängsten umzugehen. Und wie bei jeder
Lehrstunde, in der man etwas aufnimmt, muss man anschließend
damit rechnen, schachmatt zu sein. Sie würden nicht auf den Ge-
danken kommen, von einem Spanischlehrer zu verlangen, dass er
Ihnen Spanisch beibringt, ohne dass Sie Vokabeln pauken müssen.
Sie würden ebenso nicht erwarten, dass Sie Judo oder Taekwondo
lernen, ohne Hämatome davonzutragen.
Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum die so genannten
263
Entspannungsverfahren meist ziemlich wirkungslos sind — we-
nigstens was die Behandlung von Angsterkrankungen angeht. Im
günstigsten Fall ist man während der Entspannungsstunde wunder-
bar gelöst und ausgeglichen. Aber: Was nützt es einem total nervö-
sen Menschen, wenn er eine Stunde pro Woche ausspannen und
entkrampfen kann, die restlichen 167 Stunden der Woche aber
gänzlich in seinen Ängsten verfangen ist? Natürlich ist es der Sinn
eines Entspannungsverfahrens, nicht nur während des Einübens
entspannt zu bleiben, sondern auch, dieses Verfahren immer dann
anzuwenden, wenn im Laufe des täglichen Lebens ein Angst- oder
Unruhezustand aufkommt. Aber genau das klappt meistens nicht,
wie mir Patienten regelmäßig berichten.
Zu den Entspannungsverfahren gehören das Autogene Training,
die Progressive Muskelrelaxation, die Hypnose und das Biofeedback.
Das Autogene Training wird immer wieder von Ärzten zur Behand-
lung der Panikstörung empfohlen; die Unterweisung in diesem
selbst angewandten Verfahren wird von der Krankenkasse erstattet.
Bei dieser Technik versucht man, sich selbst in eine Art Trance zu
versetzen — indem man sich Floskeln wie «Mein Arm wird ganz
schwer» oder «Mein Herz schlägt ganz ruhig» vorspricht. Diese
Technik klingt nach einer phantastischen Methode, um Unruhe und
Ängste zu bekämpfen. Aber: In der Praxis hat das Autogene Training
keine Wirkung gezeigt. In der einzigen vorhandenen Untersuchung
zu der Behandlung von Angstpatienten durch Autogenes Training
zeigte die Methode keine Ergebnisse — es kam es nicht zu einer Ab-
nahme der Panikanfälle.123
Die Anwendung dieser Methode kann sogar schädlich sein. Pa-
nikattacken können durch Entspannungsübungen provoziert wer-
den.124 Mindestens die Hälfte meiner Patienten hatte zuvor schon
versucht, mit dem Autogenen Training zu entspannen. Ich lernte je-
doch keinen kennen, bei dem es gewirkt hatte. Einige berichteten,
dass sie Panikattacken bekamen, wenn sie sich einreden wollten,
dass ihr Herz ganz ruhig schlage.
Die Progressive Muskelrelaxation ist dagegen eine Entspannungs-
methode, bei der die Muskeln abwechselnd angespannt oder ent-

264
spannt werden. Diese Methode wurde ebenfalls bei Angstpatienten
angewandt. In Vergleichen mit einer Verhaltenstherapie oder Me-
dikamenten schnitt die Relaxation immer schlechter ab und ist daher
nur bedingt empfehlenswert. Die bei Angstpatienten ohnehin
vorhandene verstärkte Beobachtung der eigenen Körperfunktionen
wird durch solche Verfahren noch gefördert anstatt abgebaut.
Zur Hypnose schildere ich eine Szene, die ich einmal im Fernsehen
sah: Der Meister hat einen schmuddeligen, etwas zu langen
schwarzen Anzug an. Er ist übergewichtig und spricht undeutlich.
Drei junge Männer stehen vor ihm, etwas verlegen. Der Meister geht
auf den ersten in der Reihe zu, hält ihm ein silbernes Pendel etwas
über Stirnhöhe dicht vor die Augen und murmelt: «Du schläfst
schon.» Der junge Mann geht langsam zu Boden, gestützt vom Meis-
ter. Auf Befehl steht er auf, hüpft plötzlich wie ein Huhn über die
Bühne und gackert dabei. Rasch geht der Meister zum nächsten Op-
fer. Der zweite Mann legt sich auf den Boden, rollt sich wie ein Baby
zusammen und lutscht am Daumen. Der dritte Mann wird über zwei
Stühle gelegt, sodass nur die Füße und der Kopf jeweils auf einem
Stuhl aufliegen. Trotzdem hängt sein Körper nicht durch, sondern ist
steif wie ein Brett. Der Meister klettert auf den Mann und springt auf
ihm herum.
Von medizinischen Hypnotiseuren wird eine solche Show ab-
wertend als «Jahrmarktshypnose» bezeichnet. Dennoch demonstrie-
ren diese Beispiele die Kraft der Hypnose. Schon früh hat man ver-
sucht, seelische Störungen zu heilen, indem man Menschen in Trance
versetzte. Die medizinische Hypnose will allerdings nichts mit
Schaustellern zu tun haben, die hypnotische Scherze auf Kosten ihrer
Opfer machen. Der Begründer der medizinischen Hypnose war der
deutsche Arzt Franz Anton Mesmer, der allerdings noch nicht den
Ausdruck Hypnose verwendete, sondern vom «animalischen
Magnetismus» sprach.
Die medizinische Hypnose soll dem Zweck dienen, Entspannung
herbeizuführen und psychische Beschwerden zu lindern. So wird die
Hypnose in der Psychiatrie eingesetzt: Der Patient legt sich auf eine
bequeme Couch. Der Hypnotiseur lässt ihn auf einen Punkt oberhalb

265
der Augen blicken — zum Beispiel auf einen über Augenhöhe
gehaltenen silbernen Kugelschreiber. Dann spricht er Hypno-
seformeln wie «Ihre Arme werden ganz schwer» oder «Ihre Augen
sind so schwer, dass sie zufallen». Wenn der Patient das Stadium der
Trance erreicht hat, werden Formeln gesprochen, die eine noch nach
der Hypnose anhaltende Entspannung, ein Nachlassen chronischer
Schmerzen oder die Aufgabe des Rauchens erreichen sollen. Zur
Beendigung der Hypnose werden die Anfangsformeln wieder
rückgängig gemacht, wie beispielsweise «Sie öffnen die Augen und
sind frisch und wach».
In meiner Ausbildung als Psychotherapeut musste ich einen
Hypnosekurs belegen. In einem Hotelzimmer in Lindau am Boden-
see lagen wir auf gemütlichen Ledersofas und hypnotisierten uns
gegenseitig. Wir fanden es verblüffend, wie leicht man in den Zu-
stand der Trance kommen konnte. Nach dem Kurs war man herrlich
entspannt und konnte sich den Allgäuer Käsespätzle und dem
Weißwein widmen.
Aber wie steht es um die Wirksamkeit der Hypnose bei Angststö-
rungen? Alle medizinischen Hypnotiseure würden selbstverständ-
lich dazu raten, Angsterkrankungen immer mit Hypnose zu behan-
deln. Die einzigen beiden vorliegenden Untersuchungen sprechen
der Hypnose aber jegliche Wirkung ab. In einer Studie zur Behand-
lung von Ängsten durch Hypnose kam es nicht zu einer Reduktion
der Panikanfälle.123 In einer anderen wurde Verhaltenstherapie plus
Hypnose mit reiner Verhaltenstherapie verglichen — die zusätzliche
Hypnose zeigte keine Wirkung.125 Wahrscheinlich ist es so wie bei
den anderen Entspannungsverfahren: Die Zeit der Trance wird als
wohltuend und ablenkend empfunden, aber am nächsten Tag, wenn
der Alltag wieder zuschlägt, ist der Zauber verflogen.
Auch Sigmund Freud hatte ursprünglich als Hypnotiseur begon-
nen. Er war eigens nach Paris gereist, um bei dem berühmten
Psychiater Jean-Martin Charcot die Hypnose zu erlernen. Wie be-
kannt ist, gab er jedoch später diese Methode wegen nicht ausrei-
chender Wirksamkeit auf und erfand die Psychoanalyse.
Auch das Biofeedback wird zu den Entspannungsmethoden ge-

266
rechnet. Sie haben es sich auf einer Liege bequem gemacht. Um die
Brust wird Ihnen ein Messfühler geschnallt, der Ihre Atmung misst
und durch akustische Signale wiedergibt. Auch Ihr Herzschlag kann
so übertragen werden, dass Sie ihn hören. Neben Ihnen steht ein
kleiner Kasten, zu dem die Kabel von Ihrem Körper verlaufen und
der Geräusche von sich gibt. Sie nehmen zum Beispiel über den
Lautsprecher wahr, dass Ihr Herzschlag viel zu rasch ist. Durch «be-
wusstes Entspannen» schaffen Sie es, den Herzschlag immer weiter
zu reduzieren, und der Kasten meldet es Ihnen zurück, wenn Sie es
geschafft haben. Auch die Gehirnströme können durch Biofeedback-
Methoden in den grünen Bereich gebracht werden — so die Vertreter
dieser Technik. Auf diese Weise lernt man, aktiv eine Kontrolle über
Körperfunktionen und durch Willensanstrengung zu erreichen, die
normalerweise automatisch ablaufen und die offensichtlich bei einer
Angsterkrankung außer Kontrolle geraten sind. Man übernimmt
sozusagen selbst die Führung über vorher nicht steuerbare
Symptome.
Wie auch andere alternative Heilmethoden soll das Biofeedback
fast alle Krankheiten bessern — wie Migräne, Spannungskopf-
schmerz, Störungen des Verdauungssystems und natürlich auch
Angstzustände.
Klingt gut — aber funktioniert es denn? Die einzige kontrollierte
Studie wurde bei Patienten mit einer Generalisierten Angststörung
durchgeführt. Drei Biofeedback-Techniken wurden mit einer Kon-
trollbedingung («Pseudo-Meditation») verglichen. Alle drei Biofeed-
back-Therapien zeigten aber keine besseren Ergebnisse als die Kon-
trollbehandlung.126
Bewusst atmen — aus der Sicht eines Angstforschers kann das ei-
gentlich nicht gut sein. Besser wäre es, völlig unbewusst zu atmen.
Es ist ja gerade das Problem der Angstpatienten, dass sie ihren Kör-
per zu sehr beobachten und über körperliche Funktionen nachden-
ken, die gesunde Menschen völlig ohne Einschaltung des Kopfes ih-
ren Körper machen lassen. Die Natur hat den Körper so eingerichtet,
dass er auch im Schlaf oder im Koma weiteratmet — und zwar auto-
matisch. Auch der Herzschlag wird automatisch gesteuert. Jemand

267
mit einer Angsterkrankung, der sowieso schon krankheitsbedingt zu
einer verstärkten Körperbeobachtung neigt, könnte völlig entsetzt
über seinen erhöhten Herzschlag sein, sodass er, anstatt sich zu
beruhigen, ziemlich nervös wird oder gar eine Panikattacke be-
kommt.

Musik- und Tanztherapie


Hilft Chopin gegen Panikattacken, Bossa Nova gegen Soziale Pho-
bie, Hard Rock gegen eine Generalisierte Angststörung? Denkbar
wäre es, denn durch Musik werden Emotionen ausgelöst, und posi-
tive Emotionen führen zur Ausschüttung von Endorphinen, den
Glückshormonen. Diese wiederum können Panik und Ängste blo-
ckieren. Manche Menschen bekommen die Endorphinausschüttung
bei ruhiger Klaviermusik von Beethoven, andere bei meditativen
Sitarklängen und wieder andere, wenn die Punk-Band Geiseldrama
alle Regler auf zehn gestellt hat. Könnte das nicht in der Therapie
ausgenutzt werden? Sollte man nicht Angstpatienten einer profes-
sionellen Musiktherapie zuführen?
In einer Musiktherapie kann man den Patienten mit einem
Klangstrom berieseln, oder man lässt die Gruppe gemeinsam —
ohne Stress — musizieren. Aber: Wir wissen nicht, ob eine
Musiktherapie auch wirklich hilft. Es gibt überhaupt keine
kontrollierten Untersuchungen zu dieser sympathisch erscheinenden
Therapierichtung. Die einzige unkontrollierte Untersuchung wurde
mit «regredierten Alterspatienten» durchgeführt und zeigt auch
nicht schlüssig, dass die Musiktherapie bei diesen Menschen hilft.127
Ich glaube, es ist eine fromme Hoffnung, dass Ängste mit
Musiktherapie behandelt werden können.
Es soll auf keinen Fall abgestritten werden, dass Musik eine ent-
spannende Wirkung hat. Während ich diese Zeilen schreibe, höre ich
Musik. Aber auch hier gilt, dass die Entspannung möglicherweise
gerade so lange anhält, wie die Musiktherapie durchgerührt wird,
und vielleicht noch eine Dreiviertelstunde danach. Doch was nützt es
einem, wenn die Angst zwar schwindet, solange man im Therapie-
raum die Triangel bedient, wenn am nächsten Tag auf dem Weg zur
268
Arbeit die Panik wiederkommt?
Auch eine Tanztherapie wird für Patienten mit Ängsten empfohlen.
Manche Menschen praktizieren in der Turnhalle zu meditativer
Musik Ringelpiez mit Anfassen, andere tanzen in der Diskothek, und
wieder andere üben lateinamerikanische Standardtänze — denkbar
wäre es, dass rhythmische Bewegungen zu Musik das Wohlgefühl
steigern, Verspannungen lösen und vielleicht sogar Ängste bessern.
Nur — darüber wissen wir nichts Genaues. Die Tanztherapie wurde
bisher nur in einer einzigen unkontrollierten Untersuchung bei
Schizophrenen angewandt.128 Niemand hat je versucht, die Wirkung
bei Angstpatienten zu untersuchen.

Körpertherapie und Bioenergetik


Vielleicht gehören Sie zu denjenigen Menschen, die unter dem Be-
griff «Körperarbeit» so etwas wie Holzhacken oder Steineschleppen
verstehen. Dann kennen Sie sich aber mit dem Psycho-Jargon nicht
so gut aus. Unter Körperarbeit wird eine Reihe von Therapieformen
verstanden, bei denen das Berühren, Streicheln, Massieren und «be-
wusste Atmen» im Vordergrund stehen. Sogar Berührungen zwi-
schen Therapeut und Patient — bei anderen Psychotherapieformen
ein absolutes Tabu — sind nicht ausgeschlossen. Es wird angenom-
men, dass die Therapeuten zu manchen Patienten über den Körper
leichter Zugang bekommen als über die Sprache. «Seelische Blocka-
den», deren Ursache in negativen Kindheitserfahrungen gesehen
wird, führen nach dieser Theorie zu Muskelverspannungen, die
durch eigene Körperarbeit aufgelockert werden sollen.
Der Wiener Psychoanalytiker Wilhelm Reich, der 1931 in die USA
emigrierte, begann vor über 50 Jahren als Erster, die «im Mus-
kelpanzer gebundenen Affekte» nicht nur durch «charakteranalyti-
sche Arbeit» zu behandeln, sondern auch durch direkte Manipula-
tion der verspannten Muskelgruppen. Dabei sollten heftige emotio-
nale Entladungen freigesetzt werden, die letztlich zu einer Entspan-
nung des Gesamtorganismus und zu einem gesteigerten Selbstwert-
gefühl führen sollen. Reichs Ziel war die Wiederherstellung der
«Orgastischen Potenz».129
269
Alexander Lowen war einer von Reichs Patienten. Später wandelte
er sich vom Patienten zum Therapeuten. Aus Reichs Körpertherapie
entwickelte er die Bioenergetik. In seinem Buch «Bioenergetik»
berichtete er über mehrere Patienten, die er körpertherapeutisch be-
handelte. Er führte ihre psychischen Probleme in fast allen Fällen
darauf zurück, dass sie als Kinder von ihrer Mutter Einläufe bekom-
men hatten.130 Einläufe? Ich habe in meiner Kindheit von meiner
Mutter nie Einläufe bekommen, und Sie wahrscheinlich auch nicht.
Kann es sein, dass es in dem Viertel in New York, in dem Lowen auf-
wuchs, üblich war, Kindern bei jeder unpassenden Gelegenheit Ein-
läufe zu geben? Oder dass der Autor selbst von seiner Mutter Ein-
läufe erhalten hatte und sie ihm derart verhasst waren, dass er später
seine gesamte Theorie über die Entstehung von psychischen Krank-
heiten darauf aufbaute?
Es ist zwar richtig, dass Menschen mit Angststörungen oft starke
Muskelverspannungen haben. Dies ist — wie so manches Angstsym-
ptom — ein Relikt aus unserer animalischen Vorzeit. Ein Tier, das
sich auf Kampf oder Flucht vorbereitet, muss alle Muskeln anspan-
nen. «Lass die Schultern hängen», sagt mein Zahnarzt vor dem Boh-
ren zu mir, und erst dann merke ich, dass ich die Schultern bis zu
den Ohren hochgezogen habe. Da der Körper von Angstpatienten
ständig Kampf- oder Fluchtsituationen simuliert, obwohl gar keine
Gefahr droht, kommt es zu den unnötigen, lang anhaltenden Mus-
kelverspannungen, die schließlich zu dauerhaften Gelenk- und
Gliederschmerzen führen können.
Aber kann eine solche Körperarbeit die Ängste bekämpfen, indem
sie die indirekten Folgen — nämlich die Muskelverspannungen —
angeht? Rein theoretisch gesehen, dürften Körpertherapie, Fango-
packungen und Massagen im günstigsten Fall die Muskelschmerzen
kurzfristig lindern, aber nicht ihre Ursache, nämlich die Angster-
krankung, beseitigen, da ja der Ursprung nicht in den Rückenmus-
keln, sondern im Gehirn liegt.

270
EMDR
Stellen Sie sich vor, Sie leiden an einer schweren seelischen Erkran-
kung. Jemand würde Ihnen erzählen, er könne Sie von diesem Lei-
den heilen, indem er Ihnen zwei Finger vor das Gesicht hält und
diese dann seitlich bewegt, während Sie die Finger mit den Augen
verfolgen, bis sie fast aus dem Gesichtsfeld verschwunden sind. Er-
folge könne man bereits nach drei Sitzungen sehen. Erstaunlicher-
weise gibt es aber tatsächlich eine Therapierichtung, die auf diesem
schlichten Prinzip basiert. Erfunden wurde diese neue Behand-
lungsmethode, die «Eye Movement Desensitization and Repro-
cessing Therapy» (EMDR) genannt wird, von der kalifornischen Psy-
chologin Francine Shapiro. Zunächst entwickelte sie diese Methode,
um Patientinnen zu behandeln, die ein schweres Trauma erlitten
hatten, zum Beispiel eine Vergewaltigung in der Kindheit. Es wur-
den auch kontrollierte Untersuchungen durchgeführt, um fest-
zustellen, ob diese Therapie bei einer so genannten posttraumati-
schen Belastungsstörung tatsächlich wirksam ist. Eine Analyse dieser
Studien ergab aber keinen Hinweis dafür, dass die Augengymnastik
zum Erfolg der Behandlung beitrug.131
Später behaupteten Vertreter dieser Therapieform, dass sie auch bei
vielen anderen seelischen Erkrankungen helfe. So wurde die
Wirksamkeit der «Fingermethode» auch bei Menschen mit einer Pa-
nikstörung untersucht. Dabei verglich man die EMDR-Behandlung
mit zwei Kontrollbedingungen: zum einen mit einer «Warteliste»
und zum anderen mit einem «Aufmerksamkeits-Placebo» — das
heißt, in dieser zweiten Gruppe wurde den Patienten Aufmerksam-
keit und Zuwendung geschenkt, ohne dass die Fingermethode zur
Anwendung kam. Das Ergebnis: Die Häufigkeit von Panikattacken
war am Ende die gleiche, egal, ob die Patienten nun mit EMDR, mit
der Aufmerksamkeits-Placebo-Gruppe oder gar nicht behandelt
wurden.132
Bei EMDR handelt es sich wahrscheinlich um den am besten ver-
markteten Psycho-Mumpitz seit langem. Dass diese Methode sich
rasend schnell verbreitet hat und von vielen Psychotherapeuten an-
gewandt wird, sagt einiges darüber aus, in welchem Zustand sich
eine bestimmte Psycho-Szene befindet. Patienten mit schweren see-
271
lischen Traumata zu behandeln gilt unter Psychotherapeuten, ehrlich
gesagt, als harte Nuss. Zwar wurden viele Bücher über die Behand-
lung dieser Erkrankungen geschrieben, die Therapieerfolge erreichen
dennoch oft nicht das Wünschenswerte. Und da kommt eine
geschäftstüchtige Psychologin aus den USA und reduziert all unser
Wissen über die Seele auf Zeige- und Mittelfinger, und schon ist die
Welt wieder in Ordnung. Dass sich diese Schamanenmethode durch-
setzen konnte, kann nur durch die allgemeine therapeutische
Hilflosigkeit bei der Behandlung traumageschädigter Patienten er-
klärt werden.

LÖSUNG 2: MEDIKAMENTE

Zahlreiche Medikamente stehen zur Verfügung, mit denen Ängste


behandelt werden können. Aber welche sind die richtigen? Im Fol-
genden werden alle Medikamente mit ihren Vor- und Nachteilen be-
schrieben. Die Behandlung mit Psychopharmaka macht manchen
Menschen Angst und wirft viele Fragen auf: Machen alle Psycho-
pharmaka süchtig? Wie lange muss man die Mittel einnehmen? Gibt
es nicht natürliche Heilmittel gegen Ängste?
Der amerikanische Psychiater Donald F. Klein weiß über die An-
fänge der medikamentösen Behandlung von Angsterkrankungen
zu berichten: Im Hillside Hospital in New York, in dem Klein als jun-
ger Assistenzarzt im Jahre 1959 arbeitete, gab es einige extrem
ängstliche Patienten, die sich trotz intensiver stationärer Psycho-
therapie nicht besserten.133 Manche hatten sogar Elektroschocks er-
halten, die allerdings ebenfalls nicht halfen. Im Jahre 1952 war in
Europa das Neuroleptikum Chlorpromazin entdeckt worden. Da
Chlorpromazin gegen Schizophrenie half und Schizophrenie nach

272
Der amerikanische
Psychiater Donald F.
Klein begründete das
moderne Konzept der
«Panikstörung» und
begann als Erster die
Behandlung von
Angsterkrankungen
mit Antidepressiva

der damaligen Sicht auch eine Art Angstkrankheit war (weil die Psy-
choanalyse ausnahmslos alle psychischen Krankheiten auf Angst
zurückführte), folgerte man im Umkehrschluss, müsse es auch gegen
Angstneurosen helfen. Also gab man im Hillside Hospital den
Patienten mit Angstzuständen und Agoraphobie Chlorpromazin. Al-
lerdings half das Mittel nicht besonders gut; bei manchen Patienten
verschlechterten sich sogar die Angstzustände, oder sie bekamen zu
viele Nebenwirkungen. Klein überlegte sich nun, wie er seinen hoff-
nungslosen Patienten Erleichterung verschaffen konnte.
Bei dem Versuch, neue Schizophreniemittel zu entwickeln, war in
Europa das neue Medikament Imipramin entstanden. Es wirkte aber
nicht gegen Schizophrenie. Der Schweizer Psychiater Roland Kuhn

273
wendete es anschließend bei Depressionen an — und es hatte eine
unglaubliche Wirkung. Das erste Antidepressivum war gefunden
worden.134 Mehr aus Verzweiflung begann der junge Arzt Donald
Klein, das mysteriöse neue Mittel Imipramin bei einigen seiner
schwer kranken Patienten anzuwenden. Ab der dritten Behand-
lungswoche beobachtete das Pflegepersonal eine Veränderung. Ein
Angstpatient war vorher mindestens dreimal am Tag ins Stations-
zimmer gelaufen, um sich Beistand zu holen, weil er trotz bester
körperlicher Verfassung glaubte, sofort sterben zu müssen. Der Pa-
tient hatte, wie wir heute sagen würden, eine Panikstörung. Die
Schwestern setzten sich dann zwanzig Minuten zu ihm, hielten seine
Hand und versuchten beruhigend auf ihn einzureden. Schließlich
ging er wieder, um jedoch nach ein paar Stunden mit den gleichen
Beschwerden wiederzukommen. Alle Versuche, ihn mit Psychoana-
lyse zu behandeln, führten nicht zu einer Änderung seines Ver-
haltens.
Nachdem der Patient mehrere Wochen lang Imipramin bekommen
hatte, meldeten die Schwestern dem Arzt, dass der Patient keine
Todesangst mehr äußerte. Auch die anderen Angstpatienten hörten
nach der Behandlung mit Imipramin auf, über ihre Symptome zu
klagen. Sie gingen allein in den Esssaal hinunter, verließen sogar
selbständig das Gelände und fühlten sich insgesamt viel sicherer.
Jetzt wurde deutlich, dass eine neue Behandlungsmöglichkeit für
diese schwer beeinträchtigten Menschen gefunden worden war.
Donald Klein prägte für diese Patienten den Begriff der «Panik-
störung» und begann eine Placebo-kontrollierte Doppelblindstudie,
in der sich seine Beobachtungen bestätigten, dass Imipramin diese
Ängste hervorragend bessern konnte.135 Seit dieser Zeit wurden
Millionen von Panikpatienten erfolgreich mit Imipramin therapiert.
Als ich Mitte der achtziger Jahre begann, Angstpatienten mit
diesem Medikament zu behandeln, musste ich noch den Widerstand
meiner eigenen Kollegen überwinden, die der Meinung waren, dass
Angsterkrankungen nicht mit Medikamenten therapiert werden
sollten. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus Amerika brauchten
damals noch viele Jahre, um über den großen Teich zu gelangen. Ich

274
war jedenfalls überrascht und zufrieden, dass ich mit Imipramin
rasche und durchgreifende Erfolge erzielen konnte, und das oft bei
Patienten, die jahrelang erfolglos behandelt worden waren. Heute
wenden wir Medikamente an, die noch besser sind als das Imi-
pramin, da sie weniger Nebenwirkungen verursachen.

Sind Psychopharmaka Teufelswerk?


Es ist eine ganze Reihe von Medikamenten bekannt, die bei Angst-
störungen helfen können. Dennoch erstaunt es, dass oft nur ein ge-
ringer Teil der Angstpatienten mit Medikamenten behandelt wird —
was wohl hauptsächlich auf Vorurteilen gegen diese beruht.
Sind Psychopharmaka wirklich so schlecht wie ihr Ruf? Ein junger
Psychiater beklagte sich einmal bei mir: «Jeder meint besser zu
wissen als ich, was die beste Behandlung bei einer Angsterkrankung
sei. Jeder Laie auf diesem Gebiet weiß ganz genau, dass Psycho-
pharmaka nur schädlich sind und von den Ärzten nur verordnet
werden, damit sie Zeit für Gespräche sparen und weil sie von der
Psychopharmakaindustrie Geld zugesteckt bekommen, wenn sie die
Pillen verschreiben. Kein Wunder, dass mir fast jeder Patient, der
hier hereinspaziert, als Erstes entgegenschleudert: ‹Eins sage ich
Ihnen gleich, Herr Doktor, Ihre Pillen nehme ich schon gar nicht.) In
keiner anderen medizinischen Fachrichtung außer in der Psychiatrie
ist es normal, dem Arzt erst mal zu erzählen, dass seine Behandlung
völlig falsch sei. Das ist frustrierend.»
Der Leipziger Psychiater Matthias Angermeyer führte Anfang der
neunziger Jahre eine Umfrage bei über 300 Personen durch. Er wollte
herausfinden, welche Meinung die Allgemeinheit zu einer Behand-
lung seelischer Erkrankungen mit Psychotherapie oder Medikamen-
ten hat.136 Die Ergebnisse waren niederschmetternd.
Die Befragten bekamen die Beschreibungen verschiedener Fälle
vorgelegt, darunter den einer Schizophrenie, einer Depression sowie
einer Panikstörung. Sie mussten sich dazu äußern, ob sie bei der
dargestellten Erkrankung eine Psychotherapie beziehungsweise eine
Psychopharmakotherapie für sinnvoll halten oder von einer solchen

275
abraten würden. Das Resultat war eindeutig: Bei allen drei
Erkrankungen wurde die Psychotherapie klar bevorzugt. Als
Behandlung für eine Panikstörung kamen für 54 Prozent Medika-
mente nicht infrage, dagegen favorisierten ebenfalls 54 Prozent eine
Psychotherapie. Als positiv beurteilten nur 20 Prozent die Pil-
lenbehandlung; die Psychotherapie dagegen wurde nur von zwölf
Prozent als nicht empfehlenswert bezeichnet. Wohlgemerkt: Hier
wurden nicht Patienten oder deren Angehörige befragt, sondern ge-
sunde Personen, die vielleicht die erwähnten Krankheiten nur vom
Hörensagen kannten.
Diese Ergebnisse widersprechen allerdings komplett der Er-
kenntnis von Experten. Ein Psychiater müsste zum Beispiel mit ei-
nem Kunstfehlerprozess rechnen, wenn er versuchen wollte, seine
schizophrenen Patienten ohne Medikamente zu behandeln. Von 1955
bis 1985 sank in den USA die Zahl der wegen einer Schizophrenie in
einer geschlossenen Anstalt eingesperrten Patienten von 600 000 um
ein Viertel auf 450 000. Was war 1955 passiert? Das erste Mittel gegen
Schizophrenie, das Chlorpromazin, war in den Krankenhäusern
eingeführt worden. Zwangsjacken und Gummizellen konnten in der
Folge abgeschafft werden, und die Patienten vermochten mit
Medikamenten zu Hause ein einigermaßen glückliches und zufrie-
denes Leben zu führen, anstatt in Asylen dahinzuvegetieren. Eine
solche positive Revolution hatte es in der Psychiatrie nie zuvor
gegeben. Zwei Jahre später wurde das Antidepressivum Imipramin
eingeführt. Jetzt gab es zum ersten Mal die Möglichkeit, Depres-
sionen zu behandeln, die ohne Behandlung jahrelang anhalten
können und jeden Zehnten in den Selbstmord treiben.
Warum sind die Menschen trotz der offensichtlichen Erfolge der
Psychopharmakologie dennoch so negativ gegen Medikamente ein-
gestellt? Als Argument gegen die Psychopharmaka wurde von den
von Matthias Angermeyer befragten Personen unter anderem ge-
nannt, dass die Medikamente die Krankheit nicht «an der Ursache
packen», sondern nur die Symptome zudecken, indem man benebelt
gemacht wird. Außerdem wurde pauschal angenommen, dass alle
Psychopharmaka zur Abhängigkeit führen. Bei diesen Meinungen

276
handelt es sich aber um Vorurteile. Hier die häufigsten Irrtümer über
Psychopharmaka:

d Irrtum Nr. 1: Psychopharmaka stellen doch nur ruhig


Viele Menschen denken, dass Psychopharmaka ihre Wirkung ledig-
lich dadurch ausüben, dass sie den Patienten müde machen. In Wirk-
lichkeit können Psychopharmaka sehr viele unterschiedliche Effekte
ausüben: Es gibt Medikamente, die hauptsächlich gegen Verfol-
gungswahn wirken, andere, die bei Depressionen helfen, und wieder
andere, die Rückfälle von Manien verhindern. Nicht alle machen
schläfrig; manche Psychopharmaka verbessern ganz im Gegenteil
den Antrieb, gerade wenn ein depressiver Patient unter ständigem
Energiemangel und Abgeschlagenheit leidet. Bei anderen Medika-
menten dagegen ist die beruhigende Wirkung erwünscht und wird
gezielt eingesetzt. Die Medikamente, die in erster Linie gegen
Angsterkrankungen eingesetzt werden, wie die SSRIs (siehe S. 293),
gehören jedoch nicht zu den Mitteln, die müde machen. Sie wirken
entweder antriebssteigernd, was ja oft erwünscht ist, oder einfach
nur neutral — das heißt, dass sie weder müde machen noch zu
Aufgekratztheit führen.

d Irrtum Nr. 2: Die Nebenwirkungen sind schlimmer


d als die Krankheit
Psychopharmaka haben Nebenwirkungen — das stimmt. Leider ist
die medizinische Forschung noch nicht so weit, dass man schwere
psychische Erkrankungen völlig ohne Nebenwirkungen wegzaubern
kann. Kein Arzt würde jedoch Psychopharmaka verordnen, wenn
am Ende die Nebenwirkungen schlimmer als die Krankheit wären.
Die Medikamente, die bei Angsterkrankungen verordnet werden,
gehören allerdings zu denjenigen, die in der Regel gut verträglich
sind. Die meisten Menschen, die diese Mittel einnehmen, haben,
nach einer kurzen Eingewöhnungszeit, praktisch keine Ne-
benwirkungen.

277
d Irrtum Nr. 3: Alle Psychopharmaka machen
d abhängig
Viele Menschen denken, dass sämtliche Psychopharmaka abhängig
machen. Dies ist nicht richtig: Antidepressiva, Neuroleptika und
zahlreiche andere Psychopharmaka tun das nicht. Allerdings können
bestimmte Personen bei länger dauernder Einnahme von Beru-
higungsmitteln (zum Beispiel aus der Gruppe der Benzodiazepine,
siehe S. 299) eine Sucht entwickeln. Diese äußert sich dann in der
Unfähigkeit, das Medikament abzusetzen, und manchmal in einem
Verlangen nach einer Dosissteigerung. Benzodiazepine helfen gut
gegen Ängste, da sie aber das Problem der möglichen Abhängig-
keitsentwicklung haben, werden sie nur noch in bestimmten Fällen
verordnet. Die bei Angsterkrankungen empfohlenen Medikamente
— die Antidepressiva — lösen jedoch keine Sucht aus.

d Irrtum Nr. 4: Psychopharmaka verändern


d die Persönlichkeit
Der Einsatz von Medikamenten in der Behandlung psychischer Stö-
rungen löst fast regelmäßig bestimmte Befürchtungen aus: Patienten
stellen sich die Frage, ob ihre persönlichen Eigenarten, Verhal-
tensweisen und Charakterzüge durch die Tabletten beeinflusst
werden können. Manche werden das Gefühl nicht los, sich den Pillen
auszuliefern. Beklemmung bereitet die Vorstellung, das eigene
Fühlen und Denken werde von einer Pille gesteuert. Oder setzt man
gar die «chemische Keule» ein, um die Persönlichkeit so umzuwan-
deln, wie es andere als wünschenswert ansehen?
Es ist aber ein weit verbreitetes Vorurteil, dass Psychopharmaka
die Persönlichkeit der Menschen verändern können. Gott sei Dank
können Psychiater den Charakter der Menschen durch Pillen nicht
beeinflussen. Weder kann aus einem frei denkenden, fröhlichen
Menschen ein willenloser Roboter gemacht werden noch aus einem
zurückhaltenden, schüchternen Menschen ein spritziger Alleinun-
terhalter. Psychopharmaka bringen lediglich einen krankhaften
Zustand wieder in den Normalzustand.

278
d Irrtum Nr. 5: Die Einnahme eines Psychopharmakons
d ist Ausdruck einer Niederlage
Die Einnahme einer Psychopille ist keinesfalls Ausdruck einer Kapi-
tulation vor der Erkrankung. Für die Auseinandersetzung mit der
eigenen psychischen Erkrankung braucht man ein gewisses Maß an
Stabilität. Manchmal sind die Betroffenen zu Beginn einer Behand-
lung zu beeinträchtigt für eine Psychotherapie. Zum Beispiel ist ein
Mensch mit einer schweren Agoraphobie oft noch nicht in der Lage,
bestimmte verhaltenstherapeutische Übungen in die Tat umzuset-
zen. Seine Angst ist zu groß, sein Antrieb ist zu blockiert, und die
Gedanken drehen sich permanent im Kreis. Nach einigen Wochen
psychopharmakologischer Behandlung ist der Patient viel eher in der
Lage, seine Ängste zu überwinden.

dIrrtum Nr. 6: Psychotherapie wirkt immer besser


dals Psychopharmaka
Die oben erwähnte Umfrage in der deutschen Bevölkerung ergab
auch, dass die meisten Leute glauben, dass eine Psychotherapie
praktisch immer besser wirke als eine Behandlung mit Psychophar-
maka. Es wäre eine schöne Utopie, wenn man alle seelischen Krank-
heiten ausschließlich mit Gesprächen und Übungen behandeln
könnte. Es gibt seelische Krankheiten — wie die Schizophrenie —,
bei denen fast nur die medikamentöse Behandlung Erfolg hat und
eine Psychotherapie lediglich eine zusätzliche, unterstützende
Funktion besitzt. Bei den Angsterkrankungen stehen Medikamente
und Psychotherapie gleichwertig nebeneinander. Aufgrund von
wissenschaftlichen Untersuchungen weiß man heute, bei welchen
Krankheiten welche Therapieformen besser helfen als andere.

dIrrtum Nr. 7: Psychopharmaka taugen nichts,


dweil sie nicht auf Dauer wirken
In der Regel helfen Psychopharmaka nur so lange, wie sie einge-
nommen werden. Antidepressiva allerdings haben eine Wirkung, die
nach der letzten Verabreichung noch weit darüber hinaus (mithin
einige Wochen oder Monate) anhalten kann. Die Tatsache, dass
279
manche Psychopharmaka nicht auf Dauer wirken, sollte man nicht
zum Anlass nehmen, sie überhaupt nicht einzunehmen. Sicher wäre
es schön, wenn die Wissenschaft Mittel erfinden würde, die die
Krankheiten ein für alle Mal wegzaubern könnten. Ein Zucker-
kranker muss sich beispielsweise damit abfinden, dass er ein Leben
lang Insulin spritzen muss — sonst würde er verfrüht sterben.
Es wird in diesem Zusammenhang oft gesagt, dass eine Psycho-
therapie im Gegensatz zu den Psychopharmaka eine dauerhafte
Wirkung habe. Aber: Auch bei Erkrankungen, bei denen eine Psy-
chotherapie helfen kann, ist nicht garantiert, dass die Krankheit
vollständig und für immer beseitigt wird.

dIrrtum Nr. 8: Seelische Krankheiten kann man


dviel besser mit natürlichen Mitteln heilen
Viele Patienten haben die Hoffnung, dass man seelische Krankheiten
mit natürlichen Mitteln, also Zubereitungen aus Pflanzen oder
homöopathischen Arzneien, heilen kann. Groß ist die Zahl der mit
oder ohne Rezept erhältlichen Präparate, die zur Behandlung aller
Arten von seelischen Störungen angeboten werden. Allerdings ist bei
vielen dieser Zubereitungen nie erprobt worden, ob sie wirklich
helfen. Für die meisten natürlichen Präparate gibt es nur spärliche
oder gar keine gesicherten Wirksamkeitsnachweise. Und da der
Großteil dieser Mittel auch nicht auf ihre Verträglichkeit getestet
wurde, besteht sogar die Gefahr, dass sie schädlich sind.
Selbst wenn ein Medikament nur auf Rezept erhältlich ist oder in
der «Roten Liste» steht, dem Standardwerk, das alle Medikamente
enthält, ist dies keine Garantie dafür, dass die Wirkung nachgewie-
sen wurde. Der Verbraucher hat leider aufgrund fehlender staatli-
cher Regelungen nicht die Möglichkeit, auf einfachem Wege her-
auszubekommen, ob ein Mittel für eine bestimmte Krankheit
geeignet ist oder nicht.
Auch wenn Sie jemanden kennen, bei dem ein so genanntes al-
ternatives Mittel geholfen hat, ist das noch kein Beweis, dass sich die
Krankheit nicht ebenso ohne dieses gebessert hätte. Es könnte
genauso gut sein, dass die Symptome auch ohne das Medikament

280
verschwunden oder mit einem «richtigen» Medikament viel schnel-
ler auskuriert worden wären.

Welche Psychopharmaka wirken?


Nicht alle Psychopharmaka, die als Angstmedikamente angepriesen
werden, sind tatsächlich auch geeignet. Die Tabelle auf der folgen-
den Seite zeigt diejenigen Medikamente, von denen wir wissen, dass
sie bei einer Angststörung helfen. Nur diese Präparate sind vom
deutschen Bundesinstitut für Arzneimittel für die Behandlung von
Angststörungen zugelassen — in Österreich und der Schweiz
werden die gleichen Mittel verwendet.

Wie wirken Psychopharmaka?


Es erscheint oft wenig plausibel, dass Gefühle, Stimmungen, Wahr-
nehmungen, Erleben und Denken durch «Chemie für die Seele»
beeinflussbar sind. Viele Menschen irritiert es, dass die Heilung see-
lischer Krankheiten so mechanistisch abzulaufen vermag. Gehirn-
zentren für Stimmung, Affekte und seelischen Antrieb können zum
einen anlagebedingt vermehrt «störanfällig» sein, sie können aber
auch andererseits durch die Einwirkung biochemischer Verände-
rungen als Ausdruck belastender und überfordernder Lebensum-
stände in ihrer Funktion gestört werden. Daher liegt es nahe, dass
solche biologischen Fehlfunktionen durch ein Medikament korri-
gierbar sind.

Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und Venlafaxin


Die Nummer-eins-Mittel in der Angstbehandlung, die heute nahezu
von allen Experten empfohlen werden, sind die selektiven Seroto-
nin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Sie gehören zu der Gruppe der
Antidepressiva und wurden ursprünglich entwickelt, um De-
pressionen zu behandeln. Schnell fand man heraus, dass sie auch bei
Ängsten sehr gut helfen. Die SSRI hemmen, wie bereits gesagt, die
Wiederaufnahme von Serotonin, verlängern dadurch seine Wir-
kung und fördern somit die Tätigkeit der Serotonin-Neuronen.

281
282
Diese Neuronen haben die Aufgabe, Aufregung im Angstnetzwerk
zu stoppen. Sie sind die Bremsleitungen für verschiedene Gebiete im
Gehirn, die für die Angstsymptome verantwortlich sind, und
bringen diese wieder zur Ruhe.
Venlafaxin ist ein Mittel, das eine ähnliche Wirkung hat wie die
SSRIs. Während die SSRI nur die Serotonin-Wiederaufhahme hem-
men, wirkt Venlafaxin auch noch auf Noradrenalin-Neuronen.
Diese Medikamente kann man als einen Segen für Angstpatienten
betrachten, da Millionen Menschen mit ihnen angstfrei leben können.
Sie sind in der Lage, ihr Dasein wieder ohne Einschränkungen zu
führen, und können wieder ihrem Beruf nachgehen. Ebenso kehren
Lebensfreude und optimistisches Denken zurück.
Das klingt jetzt alles sehr positiv; jedoch gibt es zwei Haken bei der
Sache. Der erste besteht darin, dass die Wirkung manchmal erst nach
Wochen einsetzt. In den meisten Fällen geschieht das nach etwa zwei
Wochen, doch bei manchen Patienten dauert es auch vier, sechs oder
sogar acht Wochen, bis die volle Wirkung eingetreten ist. Zudem
sollte man auch nicht davon ausgehen, dass hierbei einfach ein
Schalter umgelegt wird, und die Angst ist weg. Vielmehr ist es so,
dass die Wirkung erst nach und nach einsetzt. Eines Tages stellt man
verblüfft fest: «Oh, jetzt habe ich ein paar Tage keine Angst gehabt.»
Der zweite Haken besteht in den Nebenwirkungen. Die ersten Tage
der Behandlung sind manchmal schwierig für den Patienten.
Während sich die Wirkung zunächst überhaupt nicht zeigt, wird
anfangs oft als störend empfunden, dass Unruhe und Nervosität so-
gar noch weiter zunehmen können. Dies liegt daran, dass das Medi-
kament in den ersten 14 Tagen ungefähr das Gegenteil von dem
anstellt, was es eigentlich machen soll. Gerade Angstpatienten rea-
gieren noch empfindlicher auf diese Medikamente als Menschen, die
die gleichen Pillen wegen einer Depression einnehmen.
Wer in dieser schwierigen Phase das Medikament absetzt, der wird
nie erfahren, wie gut es eigentlich wirkt. «Es könnte sein», pflege ich
meinen Patienten zu sagen, «dass Sie in den nächsten Tagen etwas
unruhig werden oder schlecht schlafen. Sie müssen da durch, es
dauert aber nur einige wenige Tage, dann wird es besser.»

283
Es kann zu einer gewissen Übelkeit kommen, die aber meist nicht
so schlimm ist, dass man das Mittel absetzen müsste. Auch diese
Nebenwirkung bessert sich nach einigen Tagen, wenn sie überhaupt
auftaucht. Was praktisch nicht eintritt, ist Müdigkeit — niemand
muss benebelt herumlaufen.
Weitere mögliche Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen,
Schwitzen oder Durchfälle. Bei manchen Medikamenten kann eine
Gewichtszunahme auftreten, bei anderen dagegen eine Gewichts-
abnahme. Bei längerer Einnahme gibt es noch eine problematische
Nebenwirkung, die meist erst dann zum Vorschein kommt, wenn die
Krankheitssymptome bereits vollständig weg sind: Es stellen sich
Sexprobleme ein. Bei Frauen lässt die Lust auf Sex nach, und bei
Männern kommt es zu Ejakulationsstörungen. Dies ist ärgerlich,
zeigt sich aber nur bei wenigen Menschen und verschwindet bald
nach dem Absetzen wieder. Eine Angsterkrankung reduziert
allerdings grundsätzlich das Lustempfinden, sodass man möglicher-
weise schon lange kaum noch an Sex dachte. Wenn sich aber nach
erfolgreicher Behandlung die Lebensfreude wieder meldet, fällt es
einem irgendwann ein: «Da war doch noch was?»
Bleibt die Frage, wie lange diese Medikamente eingenommen
werden müssen. Wenn sich die Angstsymptome nach ein paar Wo-
chen deutlich gebessert haben oder sogar verschwunden sind, ver-
spürt mancher Patient die Lust, die Pillen wieder abzusetzen, um
seinen Körper nicht unnötig einer chemischen Belastung auszuset-
zen. Experten raten allerdings dazu, die SSRIs noch monatelang nach
der Besserung weiter einzunehmen. Oft wird eine Einnahme von
mindestens zwölf Monaten angeraten (manchmal auch bis zu 24
Monaten), um Rückfälle zu vermeiden.
Wenn die Arzneimittel nach längerer Zeit abgesetzt werden, treten
in seltenen Fällen so genannte Absetzphänomene auf, die sich in
Unruhe, Ängstlichkeit, Schlafstörungen, und Schwindelgefühlen
äußern können. Man kann dann nicht gut unterscheiden, ob es sich
dabei um eine Rückkehr der alten Angstsymptome oder um echte
Absetzphänomene handelt. Nach einigen Tagen verschwinden diese
Symptome — wenn es kein Wiederaufflammen der alten Erkran-

284
kung war. Diese Absetzsymptome sind längst nicht so schlimm wie
die Entzugssymptome, die man nach einer langen Einnahme von
Benzodiazepinen bekommen kann. Man kann sie vermeiden, wenn
man das Mittel nicht abrupt weglässt, sondern langsam die Dosis
verringert.
Auch wenn diese Medikamente Nebenwirkungen haben können,
ist es nicht so, dass sie schlimmer sind als die Krankheit, gegen die
die Pillen helfen sollen. Denn auch die Angstkrankheiten verur-
sachen viele körperliche Symptome wie Übelkeit, Kopfschmerzen,
Schlaflosigkeit oder Magen-Darm-Probleme. Die weitaus meisten
Patienten vertragen diese Medikamente jedoch ohne Probleme. Es
gibt auch keine Hinweise darauf, dass eine monate- oder sogar jah-
relange Einnahme irgendwelche Spätschäden verursacht. Ich habe in
den letzten Jahren Tausende von Angstpatienten mit solchen Mitteln
behandelt, und die meisten waren glücklich darüber, dass es etwas
gab, was ihnen helfen konnte.

Trizyklische Antidepressiva (TZA)


Die trizyklischen Antidepressiva (TZA) gibt es bereits seit über 50
Jahren. Lange Zeit waren sie nicht nur bei Depressionen, sondern
auch bei Angsterkrankungen die wichtigsten Medikamente. Imipra-
min und Clomipramin sind typische Vertreter, die in vielen Studien
bei Angstpatienten untersucht wurden. Auch heute werden sie noch
regelmäßig eingesetzt. Die TZA hemmen die Wiederaufnahme des
Serotonins in die erste Zelle eines Serotonin-Neurons. Das Gleiche
machen sie mit dem Noradrenalin in den Noradrenalin-betriebenen
Neuronen.
Die TZA beeinflussen auch bestimmte Rezeptoren im Gehirn, die
mit der Wirkung der Antidepressiva nichts zu tun haben. Zum
Beispiel hemmen sie so genannte Histaminrezeptoren, was zu Mü-
digkeit führen kann. Durch Blockade weiterer Rezeptoren kann es zu
Mundtrockenheit kommen, einer Nebenwirkung, die manchmal als
störend empfunden wird und die auch nicht — wie andere Ne-
beneffekte — nach ein paar Tagen verschwindet. Weitere mögliche
Nebenwirkungen sind Verstopfung oder Gewichtszunahme. Gerade

285
wegen der müde machenden Eigenschaften sind diese Mittel für be-
rufstätige Leute weniger gut geeignet als die SSRIs. Auch die Ge-
wichtszunahme, die bei manchen Menschen erheblich sein kann, ist
ein Nachteil gegenüber den SSRIs, von denen die meisten kaum eine
Wirkung auf das Körpergewicht haben. Wie alle Antidepres-siva
brauchen auch die TZA zwei oder mehr Wochen, bis ihre Wirkung
einsetzt.

MAO-Hemmer
Die so genannten Monoaminoxidasehemmer (MAO-Hemmer) wur-
den früher häufig zur Behandlung von Depressionen, aber auch bei
Angsterkrankungen eingesetzt. Heute spielen sie kaum noch eine
Rolle, da sie einen entscheidenden Nachteil haben: Wer einen MAO-
Hemmer einnimmt, muss eine bestimmte Diät einhalten. Bestimmte
Nahrungsmittel sind verboten, zum Beispiel Gouda (mittelalt) und
Rotwein (obwohl gerade diese Kombination wunderbar schmecken
kann). Wer MAO-Hemmer verabreicht bekommt, erhält vom Arzt
eine lange Liste mit Lebensmitteln, die man parallel dazu nicht essen
sollte. Wenn ein Patient die korrekte Diät nicht einhält, können
gefährliche Wechselwirkungen auftreten. Nur in Fällen, in denen alle
anderen Mittel versagt haben, sollte man die MAO-Hemmer
Tranylcypromin oder Phenelzin versuchen (Letzteres ist nur im
Ausland erhältlich). Amerikanische Angstexperten schwören in ver-
zweifelten Fällen auf Phenelzin.

Moclobemid
Ein neueres Mittel, Moclobemid, ist ein reversibler Monoaminoxi-
dasehemmer. Es führt nicht zu den gefährlichen Wecrxselwirkun-
gen der alten MAO-Hemmer, und zudem wird es in der Regel gut
vertragen. In den ersten Behandlungstagen können Unruhe oder
Schlafstörungen auftreten. Es empfiehlt sich daher, das Medikament
nicht nach 17 Uhr einzunehmen. Weitere Nebeneffekte sind
Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Schwindel, Magen-Darm-Be-
schwerden oder Übelkeit. Allerdings sind diese Nebenwirkungen
selten, und die meisten Patienten berichten, dass sie das Medika-

286
ment ohne Probleme vertragen. Es wird vor allem bei der Sozialen
Phobie eingesetzt. Seine Wirkung bei anderen Angststörungen ist
nicht ausreichend nachgewiesen. Es dauert mindestens zwei Wo-
chen, bis der Effekt einsetzt.

Buspiron
Das Mittel Buspiron wird Menschen mit einer Generalisierten
Angststörung gegeben. Bei anderen Angsterkrankungen — so bei-
spielsweise bei der Panikstörung und der Sozialen Phobie — wirkte
es nicht besser als ein Placebo. An Nebenwirkungen können Kopf-
schmerzen, Schwindel, Benommenheit, Nervosität, Erregung und
Magen-Darm-Probleme auftreten.

Beruhigungsmittel
Beruhigungs- oder Schlafmittel werden bei Angsterkrankungen,
Unruhe- und Erregungszuständen, Stress und Schlafstörungen ge-
geben. Zwischen Beruhigungs- und Schlafmitteln gibt es prinzipiell
keinen Unterschied. Die Hauptgruppe von Beruhigungsmitteln, die
bei den Angsterkrankungen verabreicht werden, sind die Benzodia-
zepine. Mittel wie Valium, Lexotanil oder Tafil sind bekannt. Diese
Medikamente wirken besonders schnell und zuverlässig gegen
Ängste.
Der am häufigsten im Gehirn vorkommende Botenstoff ist die
Gamma-Aminobuttersäure (GABA). An 50 Prozent der Schaltstellen
im Gehirn ist GABA beteiligt, ein Stoff, der dazu da ist, Neuronen,
die sich erregt haben, wieder zu beruhigen. Benzodiazepine wirken,
indem sie die Wirkung der GABA unterstützen. Wenn GABA also
als Bremse fungiert, dienen die Benzodiazepine sozusagen als
«Bremskraftverstärker». Man nimmt an, dass es einen natürlichen
Stoff im menschlichen Körper gibt, der der eigentliche Schlüssel für
das Schloss des GABA-Rezeptors ist. Dieser Stoff muss den
Benzodiazepinen ähneln und auf das Gehirn eine beruhigende
Wirkung ausüben. Umgekehrt gesagt, die Benzodiazepine helfen
gegen Angst, weil sie dem natürlichen Stoff, der für die Bindung an
den GABA-Rezeptor vorgesehen ist, verwandt sind.

287
Die Wirkung von Benzodiazepinen: GABA ist ein Botenstoff; die GABA-Nerven-
zellen sorgen im Gehirn allgemein für Beruhigung.
1. Der lonenkanal ist geschlossen.
2. Ein GABA-Molekül dockt am Rezeptor an. Dadurch kommt es zu einer Öffnung des
lonenkanals. Wenn er geöffnet ist, können Ionen hindurchströmen. Dadurch wird die Erregung
der Nervenzelle ausgelöst.
3. Dockt jetzt auch noch ein Benzodiazepin-Molekül an, wird der lonenkanal noch weiter
geöffnet. Die Zelle wird noch stärker erregt. So unterstützt das Benzodiazepin-Medikament
den natürlichen Stoff GABA bei der Arbeit

Noch wird dieser natürliche Stoff verzweifelt gesucht, und wer ihn
findet, kann sich des Nobelpreises sicher sein. Denn anders als die
Benzodiazepine würde der natürliche Stoff nicht süchtig machen,
sonst würde man ja von seiner eigenen Hirnchemie abhängig
werden. Könnte man diesen Stoff in Pillen pressen, wäre es das
perfekte Medikament.
Anders als die Antidepressiva, die nur auf die wenigen Serotonin-
Neuronen wirken, bremsen Benzodiazepine mit einem «Rund-
umschlag» die Hälfte aller Vorgänge im Gehirn aus, nämlich diejeni-
gen, an denen GABA beteiligt ist. Deswegen wird man müde oder
taumelig, wenn man eine zu hohe Dosis eines solchen Medikaments
einnimmt.
Übrigens wirken nicht nur die Benzodiazepine, sondern auch
andere Beruhigungsmittel, zum Beispiel aus der Gruppe der Barbi-

288
turate, am GABA-Rezeptor. Auch Alkohol greift hier an. Daher sind
Bier, Wein und Schnaps ebenfalls schnelle und wirksame Angstlö-
ser, was sie für Angstpatienten sehr gefährlich macht.
Lange Zeit waren Benzodiazepine die Medikamente, die bei
Menschen mit Ängsten am häufigsten eingesetzt wurden. Ihre Wir-
kung ist verführerisch. Ein Benzodiazepin ist wie ein kleiner Kognak:
Eben noch in heller Aufregung, sieht nach dieser Pille alles ganz
anders aus. Im Gegensatz zu den Antidepressiva helfen sie nicht erst
nach Wochen, sondern schon in den ersten Minuten nach der
Einnahme — ein unbestreitbarer Vorteil.
Zu den Nebenwirkungen gehören allerdings Müdigkeit, eine
Verlängerung der Reaktionszeit, was das Autofahren einschränkt,
und ein «Kater» nach dem Aufwachen. Die problematischste Ne-
benwirkung ist allerdings die Möglichkeit einer Suchtentwicklung.
Wenn man diese Medikamente einige Monate eingenommen hat,
kann es zu einer Abhängigkeit kommen, die sich dadurch äußert,
dass man nach dem abrupten Absetzen der Benzodiazepine sogar
eine noch stärkere Unruhe oder Angst als vor der Behandlung haben
kann. Aus diesem Grund verspürt man den Wunsch, die Mittel
immer weiter einzunehmen. Diese Sucht entwickelt sich aber nur bei
einem kleineren Teil der Patienten. Man kann nicht für alle Patienten
pauschal sagen, wie lange man Benzodiazepine einnehmen kann,
ohne in die Gefahr einer Sucht hineinzurutschen. Manche nehmen
die Tabletten jahrelang, ohne die Dosis steigern zu müssen, und
können sie anschließend ohne Probleme absetzen. Andere sind
bereits nach Wochen körperlich von diesen Beruhigungsmitteln
abhängig. In sehr seltenen Fällen kommt es auch zu einer ständigen
Dosissteigerung — bis zum Zehn- oder Zwanzigfachen der
Normaldosis —, wobei sich die Patienten die Tabletten von
mehreren Ärzten besorgen. Wer eine solche Abhängigkeit entwi-
ckelt, lässt sich oft nicht vorhersehen; oft sind es aber Menschen, die
auch Alkohol, Schmerzmittel oder Drogen suchtmäßig konsumieren.
Bei dieser Struktur ist aber oft eine längere Behandlung notwendig.
Die Arzneimittel aus dieser Gruppe gehören zu den am meisten
verordneten Medikamenten überhaupt. Sie werden aber von Fach-

289
ärzten für Psychiatrie erheblich zurückhaltender verordnet als von
Allgemeinmedizinern. Es gibt manche Ärzte, die es wegen der Sucht-
gefahr kategorisch ablehnen, Benzodiazepine überhaupt zu verord-
nen. Fachleute raten aber, diese Arzneimittel nicht prinzipiell abzu-
lehnen, sondern sie in bestimmten Fällen sehr vorsichtig einzusetzen.
In dem Zeitraum, in dem die oben erwähnten Antidepressiva noch
nicht wirken (das heißt die ersten zwei bis vier Wochen), kann man
durchaus zusätzlich ein Benzodiazepin geben, um den Patienten
nicht unnötig lange auf den Angst lösenden Effekt warten zu lassen.
Das Mittel kann dann nach vier bis acht Wochen wieder abgesetzt
werden, wenn das Antidepressivum inzwischen seine volle Wirkung
entfaltet hat.

Antihistaminika
Manchmal werden so genannte Antihistaminika bei Angst- und
Spannungszuständen gegeben. Diese Mittel wirken eigentlich haupt-
sächlich deswegen, weil sie ruhig stellen. Die Antihistaminika
machen nicht abhängig. Sie werden aber nicht routinemäßig bei
Ängsten eingesetzt.

Neuroleptika
Neuroleptika sind eigentlich Mittel gegen Schizophrenie. Wenn ein
Schizophrener unter Verfolgungswahn leidet oder ständig Stimmen
hört, können diese Symptome mit Neuroleptika gezielt behandelt
werden. In den siebziger Jahren therapierten Ärzte Angsterkran-
kungen oft mit Neuroleptika, allerdings in sehr viel niedrigeren Do-
sen als in der Schizophreniebehandlung. Die Neuroleptika haben
den Vorteil, dass sie beruhigend wirken, ohne abhängig zu machen.
Jedoch sollte man Neuroleptika nicht länger als drei Monate gegen
Ängste einnehmen, da sonst schwerwiegende Nebenwirkungen auf-
treten könnten. Heute werden diese Mittel deswegen nicht mehr zur
Behandlung von Ängsten empfohlen.

Betablocker
Betablocker sind eigentlich Mittel gegen zu hohen Blutdruck. Aber

290
auch wenn das Herz zu schnell schlägt oder die Hände zittern,
würde ein Betablocker helfen. Folglich dachten manche Mediziner,
dass Betablocker auch gegen die Symptome der Angsterkrankungen
helfen könnten.
In den achtziger Jahren machte man Versuche mit jungen Musi-
kern, um herausfinden, ob die Bühnenangst schwindet, wenn sie ei-
nen Betablocker einnehmen.137 Konzertgeiger haben zum Beispiel
große Angst, beim Auftritt zu zittern, da der Zuhörer das ja sofort
am Geigenton wahrnehmen würde. Zwar zeigte das Medikament
insofern einen Erfolg, dass das Zittern besser wurde; eine Wirkung
auf die Angst vor dem Publikum, also das Lampenfieber, konnte
aber nicht gezeigt werden. Einen direkten Einfluss auf die Angst-
zentren im Gehirn kann man sich auch deshalb kaum vorstellen, da
die in diesen Versuchen verwendeten Betablocker gar nicht durch
die Blut-Hirn-Schranke des Gehirns hindurchkommen.
Trotzdem verbreitete sich die Unsitte, Bühnenangst mit Betablo-
ckern zu behandeln. Bei jedem Stehgeiger gehörte es zum guten Ton,
einen Betablocker zu nehmen. Und nicht genug damit: Man übertrug
die vermeintliche Wirkung auch auf Angstpatienten. Als man jedoch
zum ersten Mal placebokontrollierte Studien mit Angstpatienten
durchführte, stellte sich heraus, dass die Betablocker nicht besser
halfen als das Scheinmedikament.

Naturheilkundliche Mittel — die alternativen Arzneien


Arnikablüten, Baldrian, Basilikum, Bohnenkraut, Brombeerblätter,
Eisenkraut, Goldrute, Hopfen, Johanniskraut, Klatschmohn,
Lindenblüten, Malvenblüten, Melisse, Orangenknospen, Passions-
blume, Ruprechtskraut, Salbei, Sanddorn, Steinklee, Thymian, Veil-
chen, Veilchenwurzel — alle diese Pflanzen mit den wohlklingenden
Namen werden als Heilmittel gegen Ängste angepriesen. Pflanzen,
die seit Jahrhunderten als Arzneien gegen verschiedene Krankheiten
empfohlen werden, unterzieht man zuvor einer bestimmten Pro-
zedur, um sie als Medikament verwenden zu können. Zum Beispiel
vermutete man, dass Knoblauch eine lebensverlängernde Wirkung
habe. Um aus Knoblauch ein Heilmittel herstellen zu können, zer-

291
stampft man eine Knoblauchknolle, legt sie in Alkohol ein, wartet
etwas ab, gibt das Ganze durch ein Sieb und verwendet die gewon-
nene Flüssigkeit als Heilextrakt. Dadurch gehen die alkohollöslichen
Bestandteile in den Extrakt über.
In vielen Fällen entstanden auf diese Weise sinnvolle Heilmittel.
Aber nicht alles, was natürlich ist, ist auch gesund. Fingerhut, Knol-
lenblätterpilz und Tollkirsche sind Beispiele dafür, dass man als
Folge der Einnahme natürlicher Stoffe durchaus einen unnatürlichen
Tod erleiden kann. Aber auch normalerweise unschädliche Pflanzen
können bei bestimmten Menschen Allergien, eine verstärkte
Blutungsneigung oder bei schwangeren Frauen eine Totgeburt
auslösen. Beispiele für Pflanzen, die bei Menschen unter Umständen
schädlich oder giftig sein können, sind Minze, Knoblauch, Kamille,
Ginseng, Thymian oder Baldrian.
Liest man Statistiken über die Häufigkeit von ärztlichen Verord-
nungen bei Angsterkrankungen, so stehen pflanzliche Präparate
immer ganz oben auf der Liste. Aber welche Bedeutung haben na-
turheilkundliche Arzneien in der Behandlung von Ängsten tatsäch-
lich?

Johanniskraut
Extrakte aus dem Johanniskraut (Hypericum perforatum) sind wohl
die am meisten verkauften naturheilkundlichen Mittel. Das Johan-
niskraut wird auch als «Unserer Frauen Bettstroh», «Mannskraft»,
«Jageteufel» gehandelt — welche Wirkung auch immer damit ange-
deutet werden soll. Mittel, die Extrakte aus dem Johanniskraut ent-
halten, wurden bei Depressionen untersucht. Bei leichten und mit-
telschweren Depressionen konnte man in Doppelblindstudien eine
gewisse Wirkung beobachten, die allerdings umstritten ist, da in ei-
ner sehr guten kontrollierten Untersuchung kein besserer Effekt als
bei einem Placebo feststellbar war. Johanniskraut ist aber auch nicht
völlig unschädlich. Wer das Mittel einnimmt, sollte besser nicht in
die Sonne oder ins Sonnenstudio gehen, denn es könnte eine
Sonnenallergie auslösen. Es kann außerdem zu Wechselwirkungen
mit anderen Mitteln kommen.

292
Abgesehen davon gibt es keine Untersuchungen, die eine Wirkung
des Johanniskrauts bei Angsterkrankungen zeigen. Man kann die
Wirkung bei Depressionen nicht auf die Angsterkrankungen über-
tragen. Daher ist die Anwendung des Johanniskrauts bei Angst-
störungen nicht zu empfehlen.

Kava-Kava
Eingeborene in Papua-Neuguinea und anderen Ländern trinken in
ihrer Freizeit am liebsten ein Getränk, das man Kava-Kava nennt.
Früher wurden die Wurzeln zerkaut, in Schalen gespuckt und mit
Wasser zu einem würzigen Mix angerührt. Der Weltumsegler James
Cook hat 1780 die Wirkung der Pflanze bei den Polynesiern genau
beobachtet und beschrieben. Kava-Kava ist ein Extrakt des Rausch-
pfeffers (Piper meihysticum), und man schätzt, dass bis zu 30 Prozent
der männlichen Bevölkerung von Papua-Neuguinea keiner geregel-
ten Tätigkeit nachgehen können, weil sie sich mit diesem Trunk
berauschen und ihren Frauen das Arbeiten überlassen.
Bei uns gab es Extrakte aus Kava-Kava in Pillenform, die zur Be-
handlung von Angst angepriesen wurden. Gott sei Dank hatten diese
Essenzen nicht die zerstörerische Wirkung des echten Kava-Kava-
Getränks, vielleicht, weil die Dosis, die hierzulande in die Tabletten
gepresst wurde, für einen Rausch nicht ausreichte. Immerhin
wurden sogar Doppelblindstudien mit Kava-Kava durchgeführt. Die
meisten wiesen jedoch Mängel in der Methodik auf und konnten
nicht zweifelsfrei eine Wirkung demonstrieren, und die einzige
Untersuchung, die methodologisch korrekt durchgeführt worden
war, zeigte nicht den geringsten Unterschied zwischen Kava-Kava
und einem Placebo.138
Viele Ärzte haben das Mittel vielleicht deswegen verordnet, weil
sie auf einen Placeboeffekt gehofft hatten. Dabei gingen sie mögli-
cherweise von der Annahme aus, dass das Mittel — wenn es auch
nichts Besonderes bewirkt — wenigstens keine Nebenwirkungen hat.
Im Jahre 2002 wurden jedoch allen Kava-Kava-haltigen Präparaten
vom Bundesamt für Arzneimittel die Zulassung entzogen. Der
Grund: Es bestand Grund zu der Annahme, dass die Mittel bei man-

293
chen Patienten für die Leber hochgiftig waren. Einige Patienten hat-
ten nämlich ein Leberversagen, einige starben, und andere mussten
eine Lebertransplantation über sich ergehen lassen. Wie konnte das
passieren?
Nach dem Arzneimittelgesetz werden nur Medikamente zuge-
lassen, bei denen durch mehrere placebokontrollierte Doppelblind-
studien die Wirkung nachgewiesen wurde. Außerdem muss durch
jahrelange Tierversuche ausgeschlossen werden, dass das Mittel
Kurz- oder Langzeitschäden hervorruft. Kommissionen aus Fachleu-
ten überprüfen alle Medikamente genauestens auf ihre Wirkung und
ihre Sicherheit. Alle — bis auf die naturheilkundlichen Mittel. Für
diese Gruppe hatte man Sonderregelungen eingeführt: Es mussten
keine Doppelblindstudien vorgelegt werden, und außerdem wurden
keine Tierversuche verlangt, mit denen man eine Giftigkeit der
Mittel hätte ausschließen können. Aus falsch verstandener Sym-
pathie für die naturheilkundlichen Mittel setzte man die Gesetze der
Logik und Vernunft für diese Präparate außer Kraft. So kam es, dass
jahrelang viel Geld für unwirksame Mittel ausgegeben wurde, die
nicht nur unnütz, sondern zum Teil auch noch giftig waren.
Noch heute kann man zu Lasten der Krankenkasse naturheil-
kundliche, homöopathische und anthroposophische Mittel verord-
nen, die weder auf ihre Wirksamkeit noch auf ihre Unschädlichkeit
überprüft worden sind. Für diese Präparate wird in manchen Berei-
chen mehr Geld ausgegeben als für die kontrollierten Medikamente
— Hunderte von Millionen, die dann anderswo fehlen. Allein 350000
Verordnungen für Kava-Kava pro Jahr schlugen bei den
Krankenkassen mit Millionen von Euro zu Buche.

Baldrian
Baldrian (Valeriana ojficinalis) ist ein Gewächs mit weißen bis purpur-
roten Trugdolden, dessen Wurzel als Beruhigungsmittel verwendet
wird. Das Mittel wird bei allen Zuständen von Nervosität, Schlaflo-
sigkeit, nervösen Herzbeschwerden, Herzklopfen, Hysterie, Angst-
zuständen, psychischem Stress, Schulstress und Prüfungsangst an-
gepriesen. Baldrian hat einen durchdringenden Geruch, den Katzen

294
lieben. Schon die alten Griechen und Römer kannten Baldrian.
Trotzdem wurden die beruhigenden Eigenschaften der Baldrian-
pflanze erst um 1800 von dem deutschen Arzt Christoph Wilhelm
Hufeland entdeckt.
Der brasilianische Pharmakologe Roberto Andreatini untersuchte
einen Baldrianextrakt bei Patienten mit einer Generalisierten
Angststörung. Sie fanden keinen wesentlichen Unterschied zum
Placeboeffekt, sodass dieses Mittel höchstens über den festen
Glauben daran wirken kann.139 Dieses Naturmittel ist übrigens nicht
nebenwirkungsfrei: Wird Baldrian länger als drei bis vier Wochen
genommen, kann es zu Kopfschmerzen oder Herzklopfen kommen.

Melisse
Die Melisse (Melissa officinalis) gilt als Beruhigungsmittel. Mit Melisse
als Badezusatz erreichen uns die Probleme des Alltags nicht mehr.
Aber auch Extrakte zur Einnahme werden angeboten. Melissa heißt
wörtlich übersetzt «Biene». Diese Bezeichnung charakterisiert den
Nektarreichtum der Pflanze. Ihr Duft ist zitronenartig. Die Blätter,
vor der Blüte gesammelt, wurden im Mittelalter gegen unruhige
Träume, Melancholie und Hysterie hoch gelobt. Ob die Melisse aller-
dings tatsächlich bei Ängsten hilft, wie fast jedes naturheilkund-liche
Buch behauptet, ist bisher noch nie untersucht worden.
Bekannt wurde die Pflanze vor allem in Form des Melissengeistes,
den die Nonne Maria Clementine Martin im Jahre 1775 erfunden
hatte. Dieser Melissengeist ist heute noch bei älteren Damen beliebt.
Die beruhigende Wirkung tritt vielleicht auch wegen des hochpro-
zentigen Alkoholgehalts ein.

Bach-Blüten
Edward Bach war ein homöopathischer Arzt in England. Bach, der
von 1886 bis 1936 lebte, riet, Blüten von Blumen, Sträuchern und
Bäumen (zum Beispiel von Steinrose, Lärche, Kastanie oder Ulme) in
kristallene Gefäße mit reinem Quellwasser zu legen und sie in das
helle Sonnenlicht zu stellen (das sieht sicher sehr dekorativ aus).
Während die Blüten im Wasser vor sich hin welken, werden — so

295
Bach — ihre heilenden Kräfte auf das Wasser übertragen. Dieses
Wasser wird anschließend als Heilmittel verwendet. Damit die
Lösung nicht faulig wird, wird sie mit Alkohol — einem guten
Weinbrand oder einem klaren Schnaps — versetzt und vor der
Einnahme mit Wasser verdünnt. Nach Bach hilft zum Beispiel gelbes
Sonnenröschen gegen Angstzustände, Bleiwurz bei Unsicherheit,
Lärche bei Niedergeschlagenheit und Sumpfwasserfeder bei Ein-
samkeit.
Die einzige kontrollierte Studie, die je mit Bach-Blüten bei
ängstlichen Menschen durchgeführt wurde, stammt aus Freiburg.140
An der dortigen Universität erhielten Studenten mit Examensangst
einen Bach-Blüten-Extrakt mit Weinbrand oder Placebotropfen, die
lediglich verdünnten Weinbrand enthielten. Bei allen Studenten kam
es zu einer Minderung der Examensangst — ob sie jetzt Placebo oder
Bach-Blüten einnahmen. Da die «Arznei» nur in Tropfen ausge-
schenkt wurde, reichte die Alkoholmenge nicht aus, um den beru-
higenden Effekt zu erklären. Es handelt sich also auch bei der ver-
meintlichen Wirkung der Bach-Blüten nur um einen Placeboeffekt.

Homöopathische Mittel
In der Naturheilkunde werden ganze Pflanzen oder zumindest Ex-
trakte daraus zu Arzneimitteln verarbeitet. Die Homöopathie geht
dagegen ganz anders vor. Sie nimmt einen Stoff, der nicht unbedingt
«natürlich» (im Sinne von «gesund») sein muss. Es kann sich dabei
sogar um etwas ziemlich Giftiges handeln, wie zum Beispiel
Schwefel, Arsen, Knollenblätterpilz oder Schlangengift. Dieser Stoff
wird anschließend stark verdünnt und in Pillen gepresst. Der Begriff
«Homöopathie» — leitet sich von homoion pathos (ähnliches Leiden)
ab. Damit ist gemeint, dass ein Stoff, der in zu hoher Dosis ein
bestimmtes Leiden hervorrufen würde, in geringer Dosis ein Heil-
mittel gegen ebenjenes Leiden sein könnte.
Das dachte jedenfalls Christian Friedrich Samuel Hahnemann, der
Erfinder der Homöopathie, im 18. Jahrhundert. Chinin war das
damals wichtigste Mittel zur Fieberbekämpfung. Hahnemann bekam
von hohen Dosen Chinin Fieber. Er entwickelte daher die Theorie,

296
dass hoch dosiertes Chinin Fieber verursache, niedrig dosiertes aber
Fieber senke, und dehnte diese Vorstellung auf die gesamte Medizin
aus. Nur zu dumm, dass er der einzige Mensch war, bei dem Chinin
Fieber auslöste — Hahnemann reagierte vermutlich allergisch auf
Chinin. Dies war zwar der erste Denkfehler in der Geschichte der
Homöopathie, aber nicht der letzte.
Die homöopathischen Mittel werden stark verdünnt und müssen
dabei jeweils «zehnmal gegen den Erdmittelpunkt auf einen harten
Gegenstand gestoßen» werden — sonst helfen sie nicht. Die Verdün-
nungen («Potenzierungen») werden in Zahlen ausgedrückt. «D30»
heißt zum Beispiel, dass es sich um eine Verdünnung von 1 zu 1030
handelt (also 1 zu 1000000 000000000000000000000 000). Man kann
sich also ausrechnen, dass es Glück wäre, wenn sich bei diesem
Präparat überhaupt in einem von 50 Kügelchen im Röhrchen ein
einziges Molekül des Wirkstoffes befindet. Eine medizinische
Wirkung von einem solchen Mittel zu erwarten wäre das Gleiche, als
wenn jemand behaupten würde, er könne bei einem Menschen, der
in Konstanz in den Bodensee uriniert, Diabetes diagnostizieren,
indem er in Lindau eine Wasserprobe entnimmt.
Es gibt unzählige homöopathische Präparate, und natürlich be-
haupten deren Hersteller, dass man selbstverständlich auch alle
Angsterkrankungen damit heilen könne. Den Beweis dafür mit Hilfe
einer Doppelblindstudie zu erbringen, lehnen sie aber nonchalant ab.
Nur ein einziges Mal wurde versucht, für zwei homöopathische
Mittel nachzuweisen, dass sie stärker beruhigend wirken als Placebo.
Leider war bei beiden Präparaten die Wirkung von Pla-cebo nicht zu
unterscheiden.141
Sicher — jeder kennt jemanden, der einen kennt, bei dem die
Homöopathie eine wahre Wunderheilung vollbracht hat. Diesen
leuchtenden Einzelbeispielen stehen jedoch unzählige Misserfolge
gegenüber. Sehr viele meiner Angstpatienten hatten homöopathische
Mittel gegen Ängste eingenommen, ich suche immer noch
denjenigen, der mir berichtet, dass er eine durchschlagende Wirkung
bemerkt hat.

297
Zusammenfassend gesagt, gibt es leider kein einziges naturheil-
kundliches oder homöopathisches Präparat, das bei Angsterkran-
kungen wirkt.

Was ist besser — Medikamente oder Psychotherapie?


Die Bevölkerung hat, wie schon gesagt, keine gute Meinung über die
Psychopharmaka. Selbst viele Fachleute verbreiten oft die Ansicht,
dass die Psychotherapie den Medikamenten haushoch überlegen sei.
Auf keinen Fall, so diese Experten, dürfe man Medikamente und
Psychotherapie kombinieren.
Doch sollten wir nicht vergessen, dass es nicht nur eine alleinige
Ursache für die Angsterkrankungen gibt. Bei den meisten Menschen
müssen mehrere Gründe zusammenkommen, um eine solche
Krankheit auszulösen. Logisch wäre es dann, davon auszugehen,
dass die biologischen und seelischen Ursachen auch zweigleisig be-
kämpft werden sollten. In der Praxis wird dies auch zunehmend ge-
macht. In einer amerikanischen Untersuchung stellte sich heraus,
dass zwei Drittel aller Psychotherapiepatienten auch gleichzeitig mit
Psychopharmaka behandelt werden.142
Trotzdem gibt es noch viele Psychiater und Psychologen, die gegen
eine solche Kombination wettern. Es existiert eine Gruppe von
orthodoxen Verhaltenstherapeuten, die von ihren Patienten verlan-
gen, dass vor einer Verhaltenstherapie sämtliche Medikamente ab-
gesetzt werden. Nach deren Ansicht ist es notwendig, dass ein Pati-
ent, der eine «Konfrontationsübung» durchführt (also sich während
der Therapie in eine Angst auslösende Situation begibt), die Angst
voll durchleben muss. Wenn er aufgrund einer Pille keine Angst
mehr spüre, sei die Maßnahme wirkungslos.
Das ist aber blanke Theorie, die durch die Praxis nicht bestätigt
wird. Untersuchungen ergaben, dass das Ergebnis der Behandlung
nicht dadurch verbessert wird, wenn der Patient die Übung unter al-
lergrößter Angst absolviert.143 Offensichtlich ist es so, dass die Me-
thode auch wirkt, wenn sie angstfrei durchgeführt wird. Ganz un-
abhängig davon, ist es dem Patienten natürlich lieber, wenn er völlig
locker in die Übung gehen kann. Für einen schweren Phobiker kann
298
eine Verhaltenstherapie ohne Medikamente das Gleiche bedeuten,
wie in einem Fluss voller Piranhas schwimmen zu lernen. Kein
Wunder, dass 25 Prozent der Patienten, die ohne Medikamente eine
Konfrontationstherapie machen wollen, die Behandlung frühzeitig
abbrechen.
Auch manche fundamentalistischen Psychoanalytiker lehnen eine
Kombinationstherapie ab. Wenn die Angst unterdrückt werde, so
deren Argumentation, bleibe dem Patienten die Quelle seiner
Probleme weiterhin verschlossen.144 Es fragt sich, ob es wirklich
notwendig ist, dass die Patienten die zermürbenden Symptome der
Panikattacken erleiden müssen, damit die Psychoanalyse wirkt.
Es wird noch ein weiteres Argument gegen eine Kombinations-
behandlung angeführt: Wenn ein Patient durch eine reine Psycho-
therapie gesund werde, schreibe er den Erfolg sich selbst zu. Wenn
sich ein Patient durch ein Medikament besser fühle, führe er den
Erfolg auf das Medikament zurück. Abgesehen davon, dass ich die-
sen Effekt in der Praxis nie beobachtet habe, wäre es wahrscheinlich
vielen Patienten egal, worauf sie den Erfolg zurückführen, so er denn
eintritt.
Als Nachteil der medikamentösen Therapie wird weiter ange-
nommen, dass die Wirkung der Medikamente nur so lange anhalte,
wie sie verabreicht werden. Die Psychotherapie wirke dagegen dau-
erhaft.
Ich hatte bei der Behandlung sehr vieler Patienten die Erfahrung
gemacht, dass es eigentlich denjenigen am besten ging, die gleich-
zeitig mit einem Medikament und einer Verhaltenstherapie thera-
piert wurden. Da die persönlichen Erfahrungen aber begrenzt sind
und es möglich ist, dass man die eigenen Behandlungserfolge zu po-
sitiv einschätzt, sollte man sich zusätzlich auf veröffentlichte Un-
tersuchungen stützen, in denen Wissenschaftler auf der ganzen
Welt viele tausend Patienten behandelt haben. Also analysierte ich
alle kontrollierten Studien zur Behandlung von Angsterkrankungen,
die in Fachzeitschriften publiziert wurden.114 Dabei interessierten
mich folgende Fragen:

299
1. Wirkt Psychotherapie besser oder schlechter als Medikamente?
Hier zeigte sich, dass Psychotherapie und Medikamente ungefähr
gleich gute Ergebnisse erzielten (vielleicht mit der Ausnahme der
Sozialen Phobie, bei der die Medikamente etwas besser abschnitten).

2. Wirkt Psychotherapie plus Medikament besser oder schlechter als Psycho-


therapie allein?
Hier zeigte sich ziemlich eindeutig ein Vorteil für die Kombination
gegenüber der alleinigen Psychotherapie. Wenn auch in manchen
Studien die zusätzliche Einnahme des Medikaments keinen
zusätzlichen Gewinn brachte, so überwiegt bei weitem die Zahl der
Studien, die die Kombination befürworteten. Überhaupt keine Studie
konnte zeigen, dass der Erfolg einer Psychotherapie durch die
Verabreichung eines Medikaments verschlechtert oder sogar
zunichte gemacht wird.

3. Wirkt Medikament plus Psychotherapie besser oder schlechter als ein Me-
dikament allein?
Einige Studien konnten nachweisen, dass es den Patienten besser
geht, wenn sie außer dem Medikament noch eine Verhaltenstherapie
bekommen. Es gab aber auch mehrere Untersuchungen, in denen
durch die zusätzliche Verhaltenstherapie kein weiterer Gewinn
erzielt wurde.

4. Hält nach Beendigung der Therapie die Wirkung der Psychotherapie oder
der Medikamente länger an?
Man würde vermuten, dass nach der Beendigung einer medika-
mentösen Therapie am nächsten Tag die Symptome wiederkommen,
während die Wirkung der Psychotherapie monate- oder jahrelang
vorhält. In der Wirklichkeit sieht es aber ganz anders aus: In den
Studien wirkten sowohl Medikamente als auch Psychotherapie «ein
bisschen dauerhaft». Nur in einer einzigen Untersuchung wirkte die
Verhaltenstherapie länger als die Medikamente; in allen anderen
fünf Studien ging es den Medikamenten-Patienten nach den
Monaten ohne Behandlung nicht schlechter als den Verhal-

300
tenstherapie-Patienten. Bei beiden Methoden waren die Patienten
auch Monate nach Beendigung der Therapie stärker gebessert als
solche, die überhaupt keine Behandlung bekommen hatten. Aber
beide Maßnahmen lassen mit der Zeit in ihrer Wirkung nach und
müssen nach einer gewissen Zeitspanne wiederholt werden, um die
Behandlungseffekte zu erhalten. Dies ist auch meine Erfahrung mit
Patienten, die ich jahrelang betreut habe: Viele kommen nach einigen
Jahren wieder zurück, um sich eine «Auffrischimpfung» abzuholen.
Die gute Nachricht: Bei der zweiten Behandlung dauert es meist
nicht so lange, bis die Besserung wieder eingetreten ist.
Alles in allem hatte die genaue Analyse der Studien ein relativ ein-
deutiges Ergebnis: Man kann jedem Angstpatienten empfehlen, sich
mit Medikamenten und Psychotherapie behandeln zu lassen.
Für einen Angstpatienten ist aber nicht immer nur entscheidend,
welche der beiden Methoden besser wirkt. Bei Menschen, die sich
partout nicht einer Psychotherapie unterziehen wollen, wird sie auch
nicht besonders gut helfen. Wer aus philosophischen Gründen
Medikamente ablehnt, wird vielleicht auch nicht die volle Wirkung
verspüren. Auch die möglichen Nebenwirkungen der Medikamente
sind manchmal ein Grund, sich gegen sie zu entscheiden. In Studien,
in denen Medikamente mit Psychotherapie verglichen wurden,
stellte man jedoch immer wieder fest, dass die Zahl derjenigen, die
die Studie vorzeitig abbrachen, in der Medikamentengruppe nicht
größer war als in der Psychotherapiegruppe — ein Zeichen dafür,
dass die Tabletten ebenso gut vertragen wurden wie die
Psychotherapie.
Wer eine schnelle Besserung will, der wäre eher ein Kandidat für
ein Medikament, denn bei einer Psychotherapie ist nicht mit einer
vergleichbar raschen Gesundung zu rechnen. Zu bedenken ist auch,
dass es manchmal einige Monate dauert, bis man überhaupt einen
Termin bei einem Psychotherapeuten bekommt. In dieser Zeit ist mit
der medikamentösen Therapie oft schon eine deutliche Besserung
eingetreten. Leider haben manche Patienten in unterversorgten
Gebieten oft keine andere Wahl, da der nächste Verhaltenstherapeut
zweieinhalb Autostunden hinter den sieben Bergen wohnt.

301
Werden wirksame Behandlungsmethoden auch eingesetzt?
Moritz G., 39 Jahre, Diplomingenieur aus einer südniedersächsi-
schen Universitätsstadt, litt seit dreieinhalb Jahren an plötzlichen,
schweren Angstanfällen. Er suchte mehrere Hausärzte, Internisten,
Heilpraktiker, Psychologen und Nervenärzte auf, darunter einen
Universitätsprofessor. Die Spezialisten stellten die verschiedensten
Diagnosen: «psychovegetative Erschöpfung», «Migräne», «phobi-
scher Schwankschwindel», «larvierte Depression» oder «Midlife-Cri-
sis». Moritz G. erhielt Betablocker, pflanzliche Beruhigungsmittel,
homöopathische Herzmittel, Johanniskraut und ein Mittel gegen
Schizophrenie. Nichts von alledem half. Auch eine tiefenpsycholo-
gische Therapie, Rebirthing und ein Meditationswochenende auf La
Gomera änderten nichts daran, dass seine Angstattacken immer
schlimmer wurden.
Als er in meine Sprechstunde kam, machte ich, wie üblich, eine
genaue Auflistung der bisherigen Medikamente und Psychothera-
pieversuche und musste feststellen, dass bisher keiner der vielen
Behandler die richtige Diagnose, nämlich die einer Panikstörung,
gestellt hatte. Auch keine der bisher angewandten Heilmethoden
gehörte zu denjenigen Maßnahmen, die bei einer Panikstörung emp-
fohlen werden. Bis auf eine Ausnahme: Moritz G. hatte gerade eine
längere Indienreise hinter sich. Dort, in einem gottverlassenen Dorf,
hatte er eine seiner Panikattacken erlitten. Er suchte den Dorfarzt
auf, der in einer zwei mal zwei Meter großen Hütte praktizierte. Er
hatte wenig Zeit für unseren Patienten, da vor dem Verschlag noch
etwa 25 weitere Personen warteten. Auf einem kleinen Zettel notierte
er die Diagnose «Panic Disorder» (Panikstörung) und die Namen
zweier Medikamente, die mir wohlbekannt waren, da ich sie auch oft
verordne. Der Patient musste also bis nach Hinterindien reisen, um
zum ersten Mal eine richtige Diagnose zu erhalten und zum ersten
Mal zwei Medikamente empfohlen zu bekommen, die auf der
ganzen Welt von Experten bei einer Panikstörung angewendet wer-
den. Der indische Dorfarzt war offensichtlich besser informiert als
alle Experten der Universitätsstadt, die er bis dahin aufgesucht hatte.
Dies ist vielleicht ein besonders krasses Beispiel, aber es kommt
immer wieder vor, dass in Deutschland, einem Land mit einem viel
302
gerühmten Medizinsystem, Menschen mit Angsterkrankungen nicht
richtig diagnostiziert und behandelt werden. Es besteht hierzulande
sogar eine höhere Chance, dass man gerade mit den falschen
Methoden traktiert wird, wenn man sich mit einer Angsterkrankung
in Behandlung begibt. Das ergaben zwei Umfragen, die wir vor
einigen Jahren durchführten. Wir interviewten 100 Patienten mit
einer Panikstörung über die Behandlungen, die sie für ihre
Angsterkrankung erhalten hatten, und fragten sie auch, was davon
nach ihrer Meinung geholfen hatte.145 Außerdem befragten wir 103
Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten, was sie bei einer Panik-
störung für die gängige Therapie hielten.146 Die Ergebnisse beider
Erhebungen waren niederschmetternd.
Die Behandlungsmethoden, die sich als wirksam erwiesen hatten
(beispielsweise die Verhaltenstherapie oder die Therapie mit SSRI),
wurden nach Aussagen der Patienten in den seltensten Fällen
angewandt. Stattdessen wurden ihnen Medikamente mit zweifel-
hafter Wirkung bei Angsterkrankungen (beispielsweise Neurolep-
tika, pflanzliche Mittel oder Betablocker) verordnet. Auch im Bereich
der nichtmedikamentösen Maßnahmen wurden den Patienten
Methoden angedient, deren Wirkung bei Angsterkrankungen dahin-
gestellt werden kann — wie das Autogene Training oder die Psycho-
analyse.
Eine erstaunliche Tatsache zeigte sich, als wir die Patienten fragten,
wie die jeweiligen Therapien gegen ihre Angst gewirkt hatten. Die
Patienten bezeichneten genau die Methoden als wirksam, die sich
auch in wissenschaftlichen Studien als effektiv erwiesen hatten —
zum Beispiel die Verhaltenstherapie oder die SSRIs. Die pflanzlichen
Psychopharmaka und andere alternative Methoden wie «dy-
namische Meditation nach Bhagwan» oder Bach-Blüten-Therapie
wurden als praktisch wirkungslos bezeichnet. Man kann nicht an-
nehmen, dass die Patienten die entsprechenden Veröffentlichungen
in Fachzeitschriften gelesen hatten. Trotzdem empfanden sie die
Wirkung der abgesicherten Methoden als besser als die der alterna-
tiven — ein Zeichen dafür, dass man sich auf die Studien verlassen
kann.

303
Auch die Befragung der Ärzte und Psychologen bestätigte die
Darstellung der Patienten. Nichtpsychiater verordneten an erster
Stelle pflanzliche Präparate (46 Prozent), gefolgt von homöopathi-
schen Kügelchen (32 Prozent). Ganze drei Prozent der Allgemein-
ärzte versorgten ihre Patienten mit den wirksamen SSRI-Antide-
pressiva. Unter den Psychotherapiemethoden wurde am häufigsten
die Psychoanalyse für sinnvoll erachtet (44 Prozent), erst an zweiter
Stelle die Verhaltenstherapie (28 Prozent).
Seit dieser Untersuchung sind nun einige Jahre vergangen, und es
bleibt zu hoffen, dass sich die Behandlungsmethoden langsam an
den Stand des Fachwissens angeglichen haben.

LÖSUNG 3: WAS MAN SELBST TUN KANN

Nicht immer muss jemand, der unter Ängsten leidet, gleich zum
Nervenarzt. In vielen Fällen geht es auch ohne Medikamente oder
Psychotherapie. Unzählige Menschen haben leichtere Ängste, die
manchmal genauso plötzlich verschwinden, wie sie aufgetaucht sind.
Im Folgenden gibt es einige Tipps, von denen Menschen mit Ängsten
profitieren können. Die Selbstbehandlung von Ängsten kann sehr
erfolgreich sein. Aber: Es kann auch irgendwann der Punkt erreicht
sein, an dem man nicht mehr weiterkommt. Dann sollte man nicht
zögern und sich helfen lassen.
Zuerst folgen allgemeine Tipps für Menschen mit Ängsten. Im
Anschluss daran finden Sie noch spezielle Anmerkungen zu den
einzelnen Angsterkrankungen.

Ä Tipp 1: Erkennen Sie Ihre Angst


Die erste Maßnahme, Ängste zu bekämpfen, ist, sie zu erkennen. Das
ist manchmal gar nicht so einfach. Herzrasen, Kopfschmerzen,
Bauchschmerzen, Muskelschmerzen, Zittern oder Schwindel lassen
einen nicht als Erstes an ein psychisches Problem, sondern eher an
eine internistische Krankheit denken. Die Angsterkrankungen haben
manchmal die ärgerliche Eigenschaft, dass sie dem Gehirn sug-
gerieren, dass das Problem in Wirklichkeit nicht ein seelisches sei,

304
sondern eine handfeste körperliche Krankheit, die nicht von einem
spinnerten Seelenklempner, sondern von einem gescheiten Inter-
nisten behandelt gehört. Anstatt der Psychopharmaka sollten lieber
ordentliche Herz-, Blutdruck-, Magen- oder Schmerzmittel zur An-
wendung kommen, so vermuten die Betroffenen. Die Ärzte haben
dann ihre liebe Mühe, den Patienten zu überzeugen, dass er körper-
lich vollkommen gesund ist.
Wenn ein Patient es akzeptieren kann, dass seine Krankheit psy-
chischer Natur ist, wird die Behandlung um vieles einfacher.

Ä Tipp 2: Ignorieren Sie die Angst


Wenn man die Angst als Angst erkannt hat, ist eine der simpelsten
Lösungen, sie in der Folge einfach zu ignorieren und zum Tagesge-
schäft überzugehen. Vielen Menschen gelingt es, über die kleineren
Befindlichkeitsstörungen, die durch harmlose Ängste ausgelöst
werden, hinwegzusehen. Wenn man sich erst einmal im Klaren dar-
über ist, dass diese leichten Symptome keine gesteigerte Bedeutung
haben und ungefährlich sind, so kann man sie wie Luft behandeln.
Das sollte man natürlich nur bis zu einem gewissen Ausmaß der
Angst machen. Wenn man das Gefühl hat, nicht mehr Herr der Lage
zu sein, sollte man sich in Behandlung begeben.

Ä Tipp 3: Finden Sie sich nicht mit Ihren Ängsten ab


Eine reelle Chance hat man nur, wenn man nicht versucht, sein Le-
ben nach den Ängsten auszurichten. Nehmen Sie keine Umwege in
Kauf, um bestimmten Dingen auszuweichen. Verzichten Sie nicht
auf schöne Dinge im Leben, nur um Ihr Nervenkostüm zu schonen.
Vermeiden Sie keine Partys, aus Angst, dort Angst zu bekommen.
Geben Sie nicht Ihr Flugticket zurück, weil Sie befürchten, den Flug
nicht zu überstehen. Wechseln Sie nicht den Job, um Angst auslö-
senden Situationen aus dem Weg zu gehen.
Lassen Sie nicht die Angst über Ihr Leben bestimmen, sondern
lassen Sie Ihr Leben über die Angst bestimmen.

Ä Tipp 4: Stellen Sie sich nicht so an


«Reißen Sie sich doch einfach zusammen!» Diesen Spruch haben Sie

305
sicher schon von Ihrem Partner, von Ihren Kindern oder von Ihrem
Hausarzt gehört. Viele Ratgeber für Menschen mit Ängsten haben
fast nur eine Sorte von Ratschlägen für die Betroffenen parat. Dazu
gehören Sätze wie «Lernen Sie, mit Ihren Ängsten zu leben», «Den-
ken Sie positiv», «Stellen Sie sich der Angst», «Weichen Sie nicht
aus» oder «Stellen Sie sich nicht so an». Wenn das wirklich so einfach
wäre, sagen Sie jetzt. Ganz recht! Dies sind Durchhalteparolen von
Leuten, die selbst nicht unter Angst leiden. Es ist wirklich nicht
leicht, eine Panikattacke wie eine Lampe einfach auszuknipsen.
Wenn man sich nicht gerade mitten in einer Angstattacke befindet,
kann man alle möglichen guten Vorsätze fassen. Im Ernstfall sieht
aber alles ganz anders aus.
Trotzdem haben die Leute Recht, die Ihnen raten, nicht vor den
Angst auslösenden Situationen zu kneifen. Jedes Ausweichen, Ban-
gemachen oder Verdrücken macht die Angst noch schlimmer. Sie
werden Ihre Ängste niemals in den Griff bekommen, wenn Sie sich
wie ein Käfer auf den Rücken legen und sagen: «Los, Leute, helft
mir.» Kein Therapeut der Welt kann Ihnen helfen, wenn Sie nur ihn
arbeiten lassen und selbst nicht die Konsequenz ziehen, sich den
Ängsten zu stellen. «Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass»
— mit dieser Einstellung kann es sehr lange dauern, bis man seine
Ängste verliert. Stattdessen sollte man sich lieber überwinden und
von Worten zu Taten schreiten. «Just Do It» — Mach es einfach —,
dieser Slogan eines Sportartikelherstellers gehört den meisten Men-
schen mit Phobien ins Stammbuch geschrieben. Stellen Sie sich einen
Mann vor, der erst dann ins Wasser gehen will, wenn er schwimmen
kann. «Nichts ist unmöglich» — diesen Satz, der wiederum aus der
Automobilwerbung kommt, müssen sich Menschen mit unrealis-
tischen Ängsten immer wieder einreden.
Einer meiner Patienten lehnte es kategorisch ab, einen Fahrstuhl zu
betreten; er habe dies seit 18 Jahren nicht mehr getan. Ich stand
abrupt von meinem Sessel auf, forderte den Patienten auf, mit mir zu
kommen, ging mit ihm um die Ecke zum nächsten Fahrstuhl und
wollte ihn hineinschieben. Da er stärker war als ich, schaffte ich es
nicht. Darauf sagte ich, er solle freiwillig hineingehen, ansonsten

306
könne er sich einen anderen Therapeuten suchen. Käsebleich betrat
er den Fahrstuhl und fuhr mit. Seit diesem Tag nahm er nicht mehr
die Treppe, um zu mir zu kommen.

Ä Tipp 5: Lassen Sie sich nicht ablenken


Es gibt zahlreiche Dinge, die man tun kann, um Ängste durch Ab-
lenkung zu lindern. Gitarre spielen, laute Musik hören, ein heißes
Bad nehmen, in die Sauna gehen, Tennis spielen, Ski fahren, sich
massieren lassen, am Computer spielen, guten Sex haben oder sich
selbst befriedigen sind nur einige Beispiele. Manche Verhaltensthe-
rapeuten raten allerdings davon ab, sich bei allen aufkommenden
Ängsten ablenken zu wollen. Stattdessen empfehlen sie, die Angst
auf sich einwirken zu lassen und sie auszuhalten. Andererseits wer-
den gerade die schönen Künste nicht selten hauptsächlich deswegen
ausgeübt, um Ängste jeder Art zu kompensieren. So manche Sonate
wurde komponiert, so manches Poem gereimt, so manche Kurzge-
schichte geschrieben, um übergroße Ängste auszugleichen. Es gibt
aber Leute, deren ganzes Leben darin besteht, vor ihren Ängsten
wegzulaufen, indem sie ihren Terminkalender mit allen möglichen
wichtigen und unwichtigen Dingen voll stopfen. Das kostet Kraft
und ist nicht der direkteste Weg, gegen die Angst anzugehen.

Ä Tipp 6: Bauen Sie auf keinen Fall Stress ab


In manchen Ratgebern für Angstpatienten steht, man solle Stress
abbauen, dann werde es einem gleich besser gehen. Es ist jedoch
nicht so, dass Angsterkrankungen durch Stress entstehen — obwohl
das jeder intuitiv vermuten würde.
Wenn Sie zum Beispiel «guten Stress» (Eustress) haben — weil Sie
zum Beispiel einen interessanten Beruf, mehrere Hobbys oder viele
nette Bekannte haben, dann hat es keinen Sinn, diese Art von Stress
abzuschaffen. «Schlechten Stress» (Distress) sollte man dagegen ver-
suchen zu reduzieren, denn er kann Angsterkrankungen fördern
(wenn auch nicht verursachen). Das geht aber meist nicht so leicht,
wie den Eustress abzubauen. Gute Stressarten hat man sich ja meist
selbst auferlegt und kann sie somit auch schneller abstellen — zum
Beispiel, indem man aus dem Karnevalsverein austritt. Ungleich

307
schwieriger ist es, den schlechten Stress abzubauen. Kann ein Ar-
beitnehmer in einer kränkelnden Firma seine Angst vor Entlassung
einfach abstellen? Kann eine von Sorgen geplagte Mutter von drei
Kindern ihre Kiemen einfach kündigen wie ein Zeitungsabonne-
ment? Kann ein Ehemann die Angst um seine krebskranke Frau ein-
fach ignorieren?
Daher sind Ratschläge, den schlechten Stress zu reduzieren, zwar
meist gut gemeint, aber oft nicht realisierbar.

Ä Tipp 7: Sie sind völlig normal


Menschen mit Angsterkrankungen plagt vor allem immer wieder
eine Frage: «Ich war doch immer ziemlich stabil. Jetzt soll ich plötz-
lich ein Fall für den Nervenarzt sein?» Angsterkrankungen können
auch diejenigen Menschen treffen, die sich selbst als fest auf dem
Boden stehend betrachten und sich nie für labil, nervös und sensibel
gehalten haben. Und so ist es auch: Menschen mit Angsterkran-
kungen sind oft die normalsten Menschen der Welt — wenn man
von ihrem Angstproblem absieht.

Ä Tipp 8: Reden Sie mit anderen Menschen


Teilen Sie Ihre Sorgen mit anderen Menschen. Es verschafft eine un-
glaubliche Erleichterung, mit Freunden, Bekannten oder Verwandten
über Ängste zu reden.
Aber aufgepasst: Wer zu sehr damit beschäftigt ist, anderen
Menschen lange Geschichten über die eigenen Symptome zu erzäh-
len, kann sich damit selbst schaden. Menschen, die unter Ängsten
leiden, wissen manchmal nicht, wie sie auf andere wirken. Zunächst
stellen sie fest, dass es ihnen Erleichterung bringt, über ihre Ängste
und Sorgen zu reden. Auch die Gesprächspartner reagieren zunächst
mit Interesse, Mitleid und Hilfsbereitschaft. Sie hören sich zunächst
geduldig die Beschwerden an und versuchen, Trost zu spenden.
Irgendwann kommt der Moment, an dem das Mitgefühl langsam in
Genervtsein und später in offene Ablehnung übergeht. Ein Mann
kann das «ständige Gejammer» seiner Frau über Herzrasen und
Schwindelgefühle nicht mehr hören. Kinder fühlen sich von ihrer
Mutter, die sich ständig vergewissert, ob es ihnen gut geht, bedrängt

308
und kontrolliert. Ein Mädchen will sich von seinem Freund trennen,
der sein Juraexamen immer weiter hinausschiebt, weil sie ihn
mittlerweile für lebensunfähig hält.
Dies ist eine Erkenntnis aus der Verhaltenstherapie: Wer für eine
ausführliche Schilderung von Angstsymptomen von seinem
Gesprächspartner durch aufmerksames, mitfühlendes Zuhören be-
lohnt wird, wird in diesem Verhalten bestärkt. Er wird immer mehr
seinen Trost im Jammern und Klagen suchen, anstatt das Gegenteil
zu tun — nämlich mit dem Gestöhne aufzuhören und sich den Ängs-
ten zu stellen.
Auch wenn es paradox klingt: Das Lamentieren zu unterbinden
sollte eines der ersten Ziele in der Selbstbehandlung sein. Denn die
Geduld Ihrer Gesprächspartner könnte irgendwann ein Ende
nehmen. Intuitiv merken die Partner, Verwandten, Freunde oder
Bekannten, dass den Beschreibungen von Angstsymptomen keine
«handfeste» medizinische Erkrankung zugrunde liegt. Instinktiv
merken sie, dass sie das phobische Vermeidungsverhalten nicht un-
terstützen sollten. Sie versuchen Sie zunächst mit freundlichen Auf-
forderungen, später mit Drohungen davon abzubringen, und sie
weigern sich zunehmend, Sie zu begleiten oder anderweitig zu un-
terstützen. Sie wiederum fühlen sich nicht verstanden, und so ist der
Streit vorprogrammiert.
Wenn Sie unter Ängsten leiden, so werden Sie sich auf Dauer keine
Freunde machen, wenn Sie Ihr Problem permanent nach außen
tragen. Wer immer missmutig, trübselig und freudlos wirkt, der läuft
Gefahr, von anderen verlassen zu werden. Eine Beziehung, die auf
Mitleid basiert, hat keine Dauer. Ihre Mitmenschen wollen nicht in
den Sog Ihres Stimmungstiefs hineingezogen werden. Wenn Sie
dazu neigen, andere Menschen im übertriebenen Maße mit Ihren
Sorgen zu behelligen, versuchen Sie einmal, so zu tun, als ob es
Ihnen bestens geht, obwohl genau das Gegenteil der Fall ist. Sie
werden in kürzester Frist merken, dass Sie mit diesem Verhalten den
anderen viel besser gefallen. Entsprechend sind plötzlich auch diese
Menschen Ihnen gegenüber positiver eingestellt. Sie reden länger mit
Ihnen und biegen nicht rasch um die Ecke, wenn Sie in Sicht

309
kommen. Also: Spielen Sie den anderen etwas vor. Tun Sie so, als ob
alles im grünen Bereich sei. Lachen Sie, wenn Ihnen zum Weinen
zumute ist. Versuchen Sie, die große Ruhe auszustrahlen, auch wenn
Sie innerlich beben. Eines ist klar: Das ist schwer, kostet Kraft und
macht nicht immer Spaß. Aber Sie werden merken, dass Ihre Umwelt
wohlwollend reagiert und Sie freundlicher behandelt. Und nach und
nach werden Sie merken, dass Ihre zunächst aufgesetzte gute
Stimmung durch eine echte gute Laune ersetzt wird.

Ä Tipp 9: Wollen Sie überhaupt gesund werden?


Vielleicht wollen Sie Ihre Ängste ja gar nicht loswerden. Das ist
schwer vorstellbar, denn dann hätten Sie ja nicht bis hierher weiter-
gelesen. Aber im Ernst: Überlegen Sie ehrlich, ob Sie sich wirklich
einen Gefallen tun, wenn Sie Ihre Ängste abschütteln. Ist es nicht so,
dass Sie auch ein paar Vorteile durch Ihre Ängste haben? Hier und
da mal eine Krankschreibung, eine Kur im Schwarzwald, tröstende
Worte durch ein gute Freundin, viele interessante Stunden bei einem
einfühlsamen Psychologen, das Mitleid der Freunde vom Tennisclub
und überhaupt die viele Arbeit, die Ihr Partner Ihnen abgenommen
hat, um Sie zu schonen!
Ziehen Sie Bilanz: Wenn die Vorteile der Angsterkrankung ge-
genüber den Nachteilen überwiegen, sollten Sie sich vielleicht ent-
scheiden, sie gar nicht loswerden zu wollen — oder?
Oder ist es nicht besser, auf diese trügerischen Vorteile zu ver-
zichten und zu versuchen, die Welt durch positives Denken zu er-
obern? Wer seine Ängste kultiviert, der schränkt seine Bewegungs-
freiheit immer weiter ein. Das Leben wird zu einem einzigen großen
Beschwerdebuch.

Ä Tipp 10: Wer den Schaden hat, spottet jeder


Ä Beschreibung
Man sollte meinen, dass Menschen, die unter krankhaften Ängsten
leiden, das Mitleid der übrigen, angstfreien Menschen hervorrufen.
Die «normale» Bevölkerung hat aber ganz im Gegenteil eine denkbar
schlechte Meinung von diesen bedauernswerten Menschen —von
Mitleid keine Spur. In einer Umfrage des britischen Psychiaters

310
Arthur Crisp stellte sich heraus, dass der Normalverbraucher Angst-
patienten in die Nähe von gefährlichen Geisteskranken rückt.147
Während aus der Sicht eines Psychiaters die Menschen mit Angster-
krankungen alles andere sind als bedrohliche Wahnsinnige, hielt in
dieser Untersuchung die Hälfte der Normalbevölkerung Patienten
mit einer Panikstörung für unberechenbar. Ein Viertel der Befragten
in Großbritannien meinte, dass diese Menschen eine Gefahr für
andere darstellen. Auch waren viele der befragten Briten der Mei-
nung, dass die Krankheit nicht behandelbar sei, dass die Kranken
«selbst schuld» seien und sich nur «zusammenzunehmen» brauch-
ten. Diese Äußerungen hängen mit dem Stigma zusammen, das allen
Menschen mit einer seelischen Erkrankung anhaftet.
Allerdings waren hier Menschen interviewt worden, die nicht
unbedingt mit Angstpatienten bekannt waren, sondern die Krank-
heit vielleicht nur vom Hörensagen kannten. Wer Angstpatienten
kennt, weiß, dass sie in der Regel freundliche, friedliche, hilfsbereite
und zuvorkommende Menschen sind und keinerlei Bedrohung von
ihnen ausgeht.

Ä Tipp 11: Ernähren Sie sich nicht gesund


Linksdrehender Joghurt, Müsli mit Apfelschnitzen und Sonnenblu-
menkernen können ja ganz lecker schmecken. So finden sich in Bü-
chern zur Behandlung von Angststörungen auch wohlmeinende
Ratschläge zur gesunden Ernährung.
Die Wichtigkeit einer gesunden Ernährung kann gar nicht oft
genug betont werden. Wäre es nicht schön, wenn man Ängste ganz
einfach dadurch wegzaubern könnte, indem man das Richtige isst?
Am besten noch etwas, was sogar lecker schmeckt, wie etwa Avoca-
dos, Walnüsse, kaltgepresstes Olivenöl oder handgewürgte Blut-
orangen?
In Büchern über Angsterkrankungen werden Vorschläge gemacht,
was man essen muss, damit sich die Angst bessert. Aber: Man weiß
überhaupt nichts darüber, ob man den Verlauf einer Angststörung
durch Essen und Trinken beeinflussen kann. Ich glaube, es ist eine
naive Hoffnung, dass Panikattacken durch Trockenobst, Knäckebrot
oder Grünkernbratlinge gebessert werden können.
311
Vielleicht steckt hinter den Ernährungsratschlägen die Vorstellung,
dass der Angstpatient in irgendeiner Form selbst an seinem Zustand
schuld sei und sich deswegen bestrafen müsse. Ein ungesunder
Lebenswandel wird somit indirekt als Ursache der Krankheit
ausgemacht. Daher werden manchmal auch äußerst lustfeindliche
Nahrungsmittel für solche Diäten vorgeschlagen, wie Magerquark,
Weizenkleie, Hefeextrakt oder Diabetikermarmelade.
Damit soll nicht gesagt werden, dass eine gesunde Ernährung nicht
sinnvoll ist. Nach wie vor gehören Jägerschnitzel, Pommes frites,
Currywürste und Schweinebraten zu den wahren Killern. Diese
Speisen verursachen die meisten Todesfälle durch Herzinfarkte,
Hochdruck, Übergewicht oder Zuckerkrankheit. Aber das hat nichts
mit Angsterkrankungen zu tun.

Selbsthilfe bei Panikattacken und Agoraphobie


Bei jeder Angstkrankheit liegen die Verhältnisse anders. Daher wer-
den im Folgenden für jede Form von Ängsten ganz spezielle Tipps
zur Selbstbehandlung gegeben.

Ä Tipp 1: Der Fehler sitzt oberhalb der Halskrause


Finden Sie sich mit der Möglichkeit ab, dass Ihre Panikattacken nicht
körperlicher, sondern seelischer Natur sind. Versuchen Sie nicht, den
Arzt davon zu überzeugen, dass er noch weitere Untersuchungen bei
Ihnen durchführen soll, obwohl er die Diagnostik für abgeschlossen
hält. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass die Störung
oberhalb und nicht unterhalb der Halskrause liegt. Das heißt im
Klartext: Nicht das Herz, nicht die Lunge sind defekt, sondern aus
dem Gehirn kommen die Falschmeldungen, dass das Herz oder die
Lunge falsch funktionieren — ohne dass das tatsächlich der Fall ist.
Gehirnkrankheiten muss man mit Mitteln behandeln, die im Gehirn
wirken. Herzrasen, das durch eine Panikerkrankung hervorgerufen
wird, kann man also nicht mit Herzmitteln bekämpfen — das wäre,
als wenn man versuchen würde, ein Loch im Auspuff dadurch zu
reparieren, dass man den Motor austauscht.
Wenn man ständig unter körperlichen Zuständen leidet, die das
Bild einer körperlichen Krankheit täuschend echt imitieren, so

312
kommen manchmal Zweifel auf, ob der Arzt wirklich alle notwen-
digen Untersuchungen gemacht hat. Leider zählt es zu den Sym-
ptomen der Krankheit, dass das Ministerium für absurde Angst Ih-
nen immer wieder einreden will, dass Sie doch etwas Schlimmes
haben. Es gehört zum Programm der Angstüberwindung, dass man
sich genau das verkneift, was man gerne tun möchte, nämlich sich
immer wieder rückzuversichern, ob nicht doch eine organische
Krankheit vorliegt.

Ä Tipp 2: Panikattacken bringen Sie nicht um


Man kann an einer Panikattacke nicht sterben. Das Ministerium für
absurde Angst in Ihrem Gehirn macht sich zwar einen Spaß daraus,
Ihnen genau das einzureden, aber eine Panikattacke führt nicht zum
Herzstillstand. Sie können keinen Gehirnschlag bekommen, und Sie
können auch nicht ersticken. Selbst wenn uns ein Chip im Gehirn
einreden will, dass wir gleich ohnmächtig werden, so kann das nicht
passieren, da der Körper sich während einer Panikattacke in einem
Zustand befindet, den man ungefähr als das Gegenteil einer
Ohnmacht bezeichnen kann. Das Gehirn und der Körper befinden
sich im Stadium höchster Wachheit.
Sämtliche Vorgänge, die während einer Panikattacke im Körper
ablaufen, gehören zum Notfallprogramm des Körpers. Das einzige
Problem ist, dass diese Notfallreaktion an der falschen Stelle auftritt
— wenn nämlich gar keine reale Gefahr besteht. Sie haben Sym-
ptome, als wenn Sie sich auf der Flucht befinden, sitzen dabei aber
auf einem weichen Sofa.

Ä Tipp 3: Besorgen Sie sich ein Beißholz


Wie gesagt, ist es wichtig, sich den Angst auslösenden Situationen
auszusetzen und nicht zu kneifen. Und: Bleiben Sie so lange in dieser
Situation, bis die Angst wieder nachlässt. Das Einzige, was jetzt
passieren kann, ist, dass Sie unangenehme Angstgefühle entwickeln.
Die Natur hat es leider so eingerichtet, dass man sich bei
Angstzuständen unbehaglich fühlt. Ein Mittel dagegen wäre, sich ein
handliches Beißholz zu schnitzen, auf dem man herumkaut, wenn
die Angst aufkommt. Es ist wichtig, zu lernen, die Angst auszuhalten.

313
Denn wenn man anfängt, bestimmte Situationen zu vermeiden, aus
Angst, eine Panikattacke zu bekommen, die man nicht durchstehen
kann, dann verfestigt sich die Angst auf Dauer.

Ä Tipp 5: Vertrauen Sie Ihrem Körper


Wenn die nächste Panikattacke kommt, machen Sie einmal folgen-
den Versuch: Bleiben Sie nicht auf Ihrem Stuhl sitzen, sondern ren-
nen Sie im Laufschritt eine Treppe hoch, hacken Sie Holz im Garten,
oder machen Sie einfach 50 Kniebeugen. Sie werden merken, dass Ihr
Körper dazu in der Lage ist. Wenn Sie wirklich nahe am Herzinfarkt
wären, könnten Sie unmöglich schwere körperliche Verrichtungen
ausfuhren. Diese Übungen dienen nur dazu, das Ministerium für
absurde Angst zu überzeugen, dass Ihr Körper noch voll fit ist.

Ä Tipp 6: Sport ist Mord — oder?


Sport ist Mord — das zumindest scheinen Menschen mit einer Panik-
erkrankung zu glauben. Menschen, die unter schweren Angstanfäl-
len mit Herzrasen oder Luftnot leiden, befürchten ja, ein schwaches
Herz zu haben, und sind davon überzeugt, sich deswegen schonen
zu müssen. Sie vermeiden aus diesem Grund oft jegliche sportliche
Betätigung und sind im Durchschnitt weniger ausdauernd als
Normalverbraucher.
Da immer wieder in der Zeitung steht, dass Sport gesund sei und
den Menschen das seelische Gleichgewicht wiedergebe, wollten der
Psychiater Andreas Broocks und ich in einer groß angelegten Unter-
suchung herausfinden, ob eine Panikstörung mit Sport behandelt
werden kann.148 Wie auch bei allen anderen solchen Studien war es
wichtig, eine Kontrollgruppe mit zu untersuchen. Würde man bei-
spielsweise Menschen mit Angsterkrankungen über den Aschenplatz
jagen und nach einigen Monaten eine Besserung feststellen, wüsste
man nicht, ob diese tatsächlich durch das Laufen entstand oder allein
durch den festen Glauben, dass die Plackerei ja zu etwas nütze sein
müsse. Deshalb teilten wir unsere Patienten in drei Gruppen: Die
erste musste dreimal pro Woche etwa fünf Kilometer joggen, die
zweite bekam das Medikament Clomipramin, von dem bekannt war,
dass es gut bei einer Panikstörung hilft, und die dritte Gruppe erhielt

314
ein Placebo. Das Ergebnis war erfreulich: Zwar war das Joggen nicht
ganz so wirksam wie das Medikament, dennoch ging es den
Patienten in der Jogger-Gruppe deutlich besser als denjenigen, die
das Scheinmedikament erhalten hatten. Damit hatten wir die erste
kontrollierte Studie durchgeführt, die bewies, dass Sport bei
irgendeiner psychischen Erkrankung zu helfen vermag.
Wie kann nun aber der Dauerlauf eine Panikstörung bessern? Das
kann man mit einer Besserung der Krankheitsbefürchtungen
erklären. Wenn Sie fünf bis zehn Kilometer laufen, bekommen Sie
Herzrasen, Luftnot, Schwitzen, Zittern, Schwindel — alles Sym-
ptome, die auch bei einer Panikattacke auftreten. Die Patienten
konnten sich nun durch das Rennen an diese Symptome gewöhnen
und so auf die nächste Panikattacke vorbereiten. Auch ihre An-
nahme, «Ich habe eine Herzerkrankung, ich müsste eigentlich tot
umfallen, wenn ich mich anstrenge», wird durch die Sporttherapie
widerlegt. So sagte mir einer der untersuchten Patienten: «Ich bin
jede Woche ein paar Kilometer mehr gelaufen, so fit war ich noch
nie. Wenn ich wirklich was am Herzen hätte, wäre ich jetzt schon
tot.»

Selbsthilfe bei einer Generalisierten Angststörung


Zwei Dinge sind es, die den Menschen mit einer Generalisierten
Angststörung zu schaffen machen: erstens die ständig aufkommen-
den körperlichen Angstsymptome und zweitens die unangemesse-
nen oder übertriebenen Sorgen.

Ä Tipp 1: Ihr Körper ist in Ordnung


Vieles, was bei der Panikstörung über körperliche Symptome gesagt
wurde, gilt auch hier. Wichtig ist es zu lernen, dass Symptome wie
Herzrasen, Zittern, Luftnot, Schwindel, Magenschmerzen, Durchfall
oder Harndrang nicht Anzeichen eines Funktionsausfalls Ihres
Körpers sind, sondern Angstsymptome, die allerdings völlig ohne
Grund oder in übersteigerter, übertriebener Form auftreten.

315
Ä Tipp 2: Das Bundesgesundheitsministerium warnt:
Ä Leben ist gefährlich für die Gesundheit
Die Generalisierte Angststörung ist charakterisiert durch übergroße
Befürchtungen um Angehörige: den Ehemann, die Freundin, die
Kinder, die Enkel oder die Eltern. Man nimmt aber auch an, dass
einem selbst etwas Schlimmes passieren könnte: ein Unfall, ein
Schlaganfall, ein Raubüberfall. Bis zu einem gewissen Grad sind sol-
che Sorgen noch sinnvoll. Aber bei dieser Angsterkrankung sind die
Kümmernisse übertrieben und gehen oft an der Realität vorbei.
Wenn Sie zu einer überzogenen Furcht neigen, sollten Sie immer
überprüfen, ob das, was Sie befürchten, auch statistisch wahr-
scheinlich ist.
Jürgen F. fuhr nicht Auto, reiste nicht in fremde Länder, trank
keinen Alkohol, aß kein Fleisch, kaufte nur Lebensmittel aus biolo-
gischem Anbau, vermied die pralle Sonne, ging nicht mit vollem Ma-
gen baden, mied gefährliche Sportarten, schluckte regelmäßig Vit-
amin-, Eisen-, Magnesium- und Hefetabletten, nahm bei jeder Grippe
gleich Antibiotika, trug immer warme Wollunterwäsche und starb in
jungen Jahren an Lungenkrebs, obwohl er nie eine einzige Zigarette
geraucht hatte. Dieses Beispiel zeigt, dass man sich nicht vor allen
Risiken schützen kann. Wenn man sich auf sämtliche Gefahren
vorbereitet, kann das Leben sehr freudlos verlaufen. Stattdessen
sollte man sich mit einem gesunden Fatalismus dem Leben stellen.
Bedenken Sie: Ein Leben ohne Genüsse dauert auch nicht länger, es
kommt einem nur länger vor.

Ä Tipp 3: Was ist wirklich passiert?


Wenn Sie schon morgens Angst vor Dingen haben, die Ihnen am
Tage passieren können, machen Sie doch einmal Folgendes: Schrei-
ben Sie den ganzen Tag über auf, was Sie alles befürchteten (das Taxi
kommt nicht rechtzeitig, ich werde den Zug verpassen, ich werde zu
spät bei meiner Schwiegermutter eintreffen, sie wird schimpfen und
es meinem Mann sagen...). Abends ziehen Sie dann Bilanz und
schreiben in eine zweite Spalte, was alles davon eingetreten ist —
oder nicht. Nach einer Woche werden Sie merken, dass die meisten
Ihrer Befürchtungen nicht eingetreten sind.

316
Ä Tipp 4: Behalten Sie Ihre Sorgen für sich
Wer sich große Sorgen um seine Verwandten macht, neigt auch
dazu, diese ständig zu äußern. Wenn man den Kindern sagt, dass sie
beim Fahrradfahren den Helm aufsetzen sollen, ist das gerechtfertigt.
Aber manchmal haben derartige Ermahnungen auch den ge-
genteiligen Effekt. Wenn man die Kinder mit unzähligen unbegrün-
deten Ängsten quält, hören sie irgendwann nicht mehr hin. Wenn
man einen Sohn, der an einem schönen Sommertag ohne Regen-
schirm das Haus verlassen will, so behandelt, als ob er ohne schuss-
sichere Weste zu einem Bandenkrieg gehen will, wird man irgend-
wann nicht mehr ernst genommen. Wenn man dazu neigt, sich zu
viele Sorgen zu machen, sollte man sich dreimal überlegen, ob man
diese Befürchtungen auch gleich laut äußert. Man tut dies ja nicht
nur, um für andere eine Gefahr zu vermeiden, sondern um sich
selbst von einer vermeintlichen Schuld zu entlasten: «Wenn dann
doch etwas passiert, hat es jedenfalls nicht daran gelegen, dass ich
nicht ständig davor gewarnt habe.»

Selbsthilfe bei einer Sozialen Phobie

Ä Tipp 1: Sie sind nicht so wichtig, wie Sie denken


Menschen mit einer Sozialphobie haben meist Angst vor Situationen,
in denen sie im Mittelpunkt stehen. Vor anderen Menschen reden,
einen Raum betreten, in dem schon andere sitzen, oder auf einer
Bühne stehen sind Situationen, in denen Sozialphobiker furchten,
von anderen negativ betrachtet zu werden. Besteigen sie einen Bus,
denken sie, dass alle anderen Fahrgäste sie anstarren.
Das Paradoxe ist, dass diese Menschen, die von sich immer nur das
Schlechteste denken, sich andererseits so wichtig nehmen, dass sie
denken, alle Passagiere im Bus würden nur sie anstarren, als wenn
diese keine anderen Probleme hätten. Dabei vergessen Sozial-
phobiker, dass die meisten anderen Menschen nur mit sich selbst
beschäftigt sind. Gehen Sie immer davon aus, dass andere von Ihnen
viel weniger Notiz nehmen, als Sie befürchten. Und lösen Sie sich
von dem automatischen Gedanken, dass andere gleich etwas

317
Negatives über Sie denken. Vielleicht bewundert der Herr gegenüber
gerade Ihren frischen Teint, anstatt sich über den winzigen Fleck auf
Ihrer Bluse zu mokieren.

Ä Tipp 2: Trainieren Sie Psychokarate


Menschen mit einer Sozialphobie haben bei Meinungsverschieden-
heiten die Angewohnheit nachzugeben. Zwar heißt es: «Der Klügere
gibt nach», aber andererseits bekommt man in dieser Welt nicht im-
mer das, was einem zusteht, wenn man ständig nur einlenkt. Vor al-
lem geht es auch um das schlechte Gefühl und die Demütigung, un-
ter der man leidet, wenn man ständig Zugeständnisse macht. Man
fühlt sich auf die Dauer herabgesetzt und klein und verliert seine
Selbstachtung.
Daher sollte man den Umgang mit kleinen und größeren Aus-
einandersetzungen im Alltag trainieren. Psychokarate wird diese
Technik auch genannt. Üben Sie zum Beispiel mit Menschen, die Sie
nicht gut kennen, wie man die Oberhand gewinnt:

„ Stauchen Sie einen Radfahrer zusammen, der ohne Licht fährt oder
auf dem Bürgersteig herumkurvt.
„ Keifen Sie hemmungslos eine Frau an, die sich im Supermarkt
vordrängeln will.
„ Weisen Sie jemanden zurecht, der in der Nichtraucherzone zu
qualmen anfängt.
„ Beschimpfen Sie mit Begeisterung jemanden, der leichtfüßig aus
einem Auto springt, das er soeben auf einem Behindertenpark-
platz geparkt hat.

Machen Sie alles das, was jemand tun würde, der sich gerne als
Volkspolizist und Querulant aufspielt. Aber denken Sie bei solchen
Übungen immer daran, dass es nicht darum geht, andere zu schuri-
geln, sondern um therapeutische Lektionen, die Ihnen helfen, Ihre
Soziale Phobie zu überwinden. Dies ist aber erst die Phase I Ihres
Lernprogramms, nicht die Endphase.
Phase II sieht so aus: Wenden Sie das Gelernte bei Menschen an,
die Sie gut kennen und gegenüber denen Sie sich durchsetzen wollen
318
— versuchen Sie jetzt aber nicht mehr, aggressiv zu sein, sondern an-
gemessen zu reagieren. Wenn Sie eines Tages gelernt haben, sich ge-
gen Ihre Mitmenschen durchzusetzen, kommt nämlich der Punkt, bei
dem Sie aufpassen müssen, dass Sie nicht über das Ziel hinaus-
schießen. Wenn Ihnen jemand auf den Fuß tritt, gibt es drei Mög-
lichkeiten zu reagieren. Ein übertrieben selbstbewusster Mensch
würde den anderen anbrüllen: «Nehmen Sie Ihren verdammten Kä-
sequanten von meinem Fuß, sonst haue ich Ihren Kopf zwischen die
Rippen, dass Sie aussehen wie ein Affe hinter Gittern.» Der schwere
Sozialphobiker würde mit leiser Stimme sagen: «Entschuldigen Sie
bitte, dass mein Fuß unter Ihrem steht.» Es gibt aber noch den dritten
Weg, dem anderen zu verzeihen und ihn anzulächeln. Das Endziel
einer erfolgreichen Selbstbehandlung sollte sein, immer eine
Punktlandung hinzubekommen, also in Auseinandersetzungen we-
der klein beizugeben noch eine völlig überzogene Reaktion zu zei-
gen. Ihr Verhalten sollte zwischen Unterwürfigkeit und Überheblich-
keit liegen. Angstbeißer werden Personen genannt, die ihre eigenen
Ängste dadurch überspielen wollen, dass sie gegenüber Menschen
der unteren Ebene garstig und gemein sind. Nach oben buckeln sie,
nach unten treten sie. Das ist keine Haltung, die Sie anstreben soll-
ten. Ihr Endziel sollte sein, immer die angemessene Handlungsweise
zu finden.

Ä Tipp 3: Scheuen Sie sich nicht, zur Behandlung zu gehen


Die Soziale Phobie ist die zweithäufigste Angsterkrankung. Dennoch
ist erstaunlich, wie selten Menschen mit einer Sozialphobie sich bei
einem Arzt oder Psychologen melden. In einer Untersuchung zeigte
sich, dass sich nur 33 Prozent der Befragten mit einer Sozialen Phobie
jemals wegen psychischer Probleme bei einem Arzt gemeldet hatten.
Aber auch diejenigen, die sich in Behandlung begeben hatten,
rückten dann nicht mit der Sprache raus und verschwiegen, was
eigentlich ihr Hauptproblem war, nämlich ihre krankhafte
Schüchternheit. Insgesamt schafften es in dieser Untersuchung nur
drei Prozent aller Sozialphobiker, beim Arzt oder Psychologen über
ihr eigentliches Problem, die sozialen Ängste, zu reden. Diese
Zurückhaltung, die natürlich durch die Krankheit selbst erklärbar ist,
319
führt leider dazu, dass nur ein Bruchteil der Menschen mit einer
Sozialen Phobie überhaupt behandelt wird.
Ärztliche Hilfe nehmen am ehesten die Betroffenen in Anspruch,
die beruflich und sozial integriert sind, über vergleichsweise gute
verbale Ausdrucksmöglichkeiten verfügen, jedoch aufgrund ihrer
Position durch die Sozialphobie Nachteile erwarten: der Bankfilial-
direktor, der große Angst vor Kundengesprächen oder Vorstands-
sitzungen hat und daher darüber nachdenkt, seinen hervorragend
dotierten Beruf aufzugeben; der Berufsmusiker, der befürchtet, beim
Trompetensolo zu versagen; die Lehrerin, die Angst hat, von ihren
Schülern für inkompetent gehalten zu werden. Da aber gerade die
schwer Betroffenen große Angst haben, sich überhaupt einem Arzt
anzuvertrauen — aus Furcht, abgewertet zu werden —, gibt es eine
hohe Dunkelziffer von nicht bemerkten Sozialphobien. In dieser
Gruppe finden sich Menschen, die eine besonders ausgeprägte
Einschränkung durch die Angststörung erfahren: der Arbeiter, der
keine Freunde hat, keine Frau kennen lernt und seine Ängste mit
Alkohol zu bekämpfen versucht; die Büroangestellte, die sich nichts
sehnlicher wünscht als eine Familie und Kinder, aber nicht in der
Lage ist, sich mit einem Mann zu verabreden, und deshalb in tiefe
Depressionen fällt; die Hausfrau, die alle Kontakte mit Freunden und
Bekannten meidet und damit ihre Ehe belastet.

Ä Tipp 4: Sie haben eine große Zukunft


Menschen mit einer Sozialen Phobie können eine große Zukunft vor
sich haben, wenn sie ihre Ängste einigermaßen im Griff haben. Da
sie sich permanent anstrengen, anderen zu gefallen und es allen
recht zu machen, gelingt es ihnen oft, im Beruf oder in den schönen
Künsten Karriere zu machen. Wer sich ständig selbst kritisiert, ar-
beitet an sich und versucht, immer perfekter zu werden. Die Angst
liefert die Energie, die man braucht, um besser zu sein als die an-
deren.
Einer meiner Patienten kam in meine Praxis, da er stets Angst hatte,
im Seminar vor seinen Mitstudenten und dem Dozenten zu sprechen
oder etwas an die Tafel zu schreiben. Nach kurzer Therapie nahm er
einen Job als studentische Hilfskraft an und führte selbst die
320
Seminare, vor denen er früher Angst hatte. Heute hält er als
Physikprofessor täglich Vorlesungen. Ein anderer meiner Patienten
hatte große Angst vor dem Vorsingen bei der Aufnahmeprüfung in
einer Musikschule. Heute ist er ein erfolgreicher Opernsänger. Ein
Versicherungsvertreter fürchtete sich enorm vor seinem Abtei-
lungsleiter. Heute hat er dessen Job; sein Vorgänger wurde degra-
diert und ist jetzt sein Untergebener. So könnte ich die Liste derje-
nigen fortsetzen, die ihre Angst in Energie umgewandelt haben. Mit
zunehmendem Erfolg im Beruf, das konnte ich beobachten, wuchs
auch ihre Selbstsicherheit.
Wenn Sie Ihre Chancen nutzen, können Sie als Ex-Sozialphobie-
Patient danach besser dastehen als diejenigen, die Sie wegen ihres
sicheren Auftretens bewundert haben.

Umgang mit Angst am Arbeitsplatz


Ängste am Arbeitsplatz sind in unserer Zeit besonders häufig. Meine
Ratschläge können selbstverständlich dann nicht helfen, wenn
Arbeitsplätze in Gefahr sind, weil es der Wirtschaft schlecht geht.
Aber vielleicht sind sie eine Hilfe, wenn die Ängste vor dem Verlust
des Jobs zu seelischen Nöten führen.

Ä Tipp 1: Machen Sie eine Realitätsprüfung


Sind Ihre Ängste am Arbeitsplatz berechtigt oder sind sie übertrie-
ben und unrealistisch? Wenn Sie ohnehin das Gefühl haben, dass
Ihre Ängste am Arbeitsplatz völlig überzogen sind, dann können Sie
sicher sein, dass Ihre Probleme in einer Sozialen Phobie bestehen.
Wenn Sie sich dagegen nicht sicher sind, ob Ihre Ängste überhaupt
den Tatsachen entsprechen, versuchen Sie, eine Realitätsprüfung
durchzuführen. Gibt es Hinweise, dass Sie gekündigt werden könn-
ten, oder ist das nur eine vage Befürchtung? Sind Ihre Leistungen
wirklich unterdurchschnittlich, oder kann man im Großen und Gan-
zen mit Ihnen zufrieden sein? Fragen Sie Ihren Chef, was er von Ih-
nen hält, ob er Sie weiterbeschäftigen will, wie es der Firma geht.
Fragen Sie Kollegen, was sie meinen. Wenn diese Realitätsprüfung
ergibt, dass Ihre Ängste nicht angebracht sind, sondern mehr mit Ih-

321
rem mangelnden Selbstwertgefühl zusammenhängen, dann könnte
Ihre Angst auch im weitesten Sinne unter den Begriff Soziale Phobie
fallen.
Wenn Sie allerdings schon die dritte Abmahnung erhalten haben,
Ihr Schreibtisch bereits leer geräumt ist oder die Firma die Zahlung
Ihres Gehalts eingestellt hat, sollten Sie sich ernsthaft Sorgen
machen, denn Ihre Angst ist begründet.

Ä Tipp 2: Fühlen Sie sich nicht gleich überfordert


Nicht nur bei denjenigen, die in der Hierarchie ganz unten stehen,
sondern auch in der Führungsriege jeder Firma und jedes Betriebs
existieren Ängste. Wer aufgestiegen ist, hat nicht nur mehr Vorteile
und mehr Geld, sondern auch mehr Verantwortung. Nicht selten
gibt es Leute, denen diese Verantwortung über den Kopf wächst und
die nachts nicht schlafen können, weil sie über anstehende Ent-
scheidungen grübeln müssen. Menschen mit sozialen Ängsten rufen
deshalb nicht laut «Hier!», wenn eine Beförderung ansteht. Lieber
ertragen sie es, weiter von einem Vorgesetzten gegängelt zu werden,
von dem sie eigentlich wissen, dass er ihnen nicht das Wasser reicht.
Vielleicht steckt dahinter auch die Angst, nach einer Rangerhöhung
wieder degradiert zu werden.
Wenn ein beruflicher Aufstieg ansteht: Trauen Sie sich das zu! Eine
Stufe höher in der Hierarchie ist nicht nur mit einem Mehr an
Verantwortung, sondern auch mit höherer Lebensqualität verbun-
den. Es kann zwar sein, dass Sie noch mehr arbeiten müssen, aber Sie
können häufiger das machen, was Ihnen Spaß macht, und die
unangenehmen Dinge an andere delegieren.

Ä Tipp 3: Lernen Sie, Ihre Erfolge anzuerkennen


Menschen mit einer Sozialen Phobie haben oft eine verzerrte Wahr-
nehmung ihrer eigenen Erfolge. Wenn etwas schlecht läuft, geben sie
sich selbst die Schuld. Wenn aber etwas gut läuft, führen sie dies
nicht auf ihre eigene Leistung, sondern auf Zufall, Glück oder andere
günstige Umstände zurück. Wenn sie eine Prüfung mit Bravour
bestanden haben, sagen sie: «Das waren ganz leichte Fragen.» Wenn
sie für eine wichtige Aufgabe vorgeschlagen werden, sagen sie: «Der

322
Chef muss sich getäuscht haben.» Oder sie werten denjenigen ab, der
große Stücke auf sie hält: «Der Idiot hat nicht gemerkt, dass ich
überhaupt keine Ahnung habe.»
Lernen Sie, Ihre Erfolge ins rechte Licht zu rücken. Wenn Sie drei
Prüflingen mit einer Eins oder Zwei abgeschlossen haben, gibt es
keinen vernünftigen Grund, anzunehmen, dass Sie in der nächsten
Prüfling mit Pauken und Trompeten durchfallen.

Ä Tipp 4: Lernen Sie, ohne Lob auszukommen


Viele Arbeitnehmer, die ihren Job ganz passabel machen, wundern
sich, dass sie nie gelobt werden. Wenn Sie auch dieses Gefühl haben,
dass Sie perfekt arbeiten, aber nie Lob zu hören bekommen, dann
kann es daran liegen, dass Sie einen zwanghaften Chef haben. Solche
Menschen bringen es nicht fertig, ein gutes Wort fallen zu lassen,
selbst wenn sie mit Ihrer Arbeit zufrieden sind. Zufrieden sind sie
aber selten. Solche Vorgesetzten befürchten, dass ein Mitarbeiter
sofort in seiner Leistung nachlassen würde, wenn man ihn durch
Anerkennung seiner Arbeit in Sicherheit wiegt. Trösten Sie sich
damit, dass solche Menschen nie glücklich werden. Werden Sie
damit fertig, dass Sie nicht ständig zu hören bekommen, wie gut Sie
sind. Denken Sie an den Satz des deutschen Humoristen Robert
Gernhardt: «Keine Sau will mehr rühmen, aber jedes noch so dumme
Schwein will berühmt werden.»

Ä Tipp 5: Lernen Sie, mit der Angst zu leben


Wenn Ihr Arbeitsplatz aber tatsächlich in Gefahr ist, und zwar
hauptsächlich aus Gründen, die Sie nicht zu vertreten haben, dann
hat es keinen Sinn, sich zu grämen.
In den USA kleben die Menschen nicht an ihrem Job. «Hire and
fire» — heuern und feuern — heißt es dort, entsprechend weniger
streng sind die Sozialgesetze. Aber auch die Arbeitnehmer haben
sich daran gewöhnt, mal hier ein Jahr, mal dort ein Jahr zu arbeiten,
dann entweder selbst zu kündigen oder aber geschasst zu werden.
Ein Amerikaner zieht durchschnittlich siebenmal im Leben um und
wechselt achtmal den Arbeitsplatz. Man zieht in eine völlig andere
Stadt, baut rasch neue Bekanntschaften auf, bekommt dort aber

323
identisch aussehende Hamburger zu essen — und trauert nicht der
alten Heimat nach. In Japan dagegen versucht man, das ganze Leben
bei einer Firma zu bleiben. Wer miserabel arbeitet, wird nicht unbe-
dingt gekündigt. Man setzt diesen Mitarbeiter in eine hintere Büro-
ecke und baut einen Paravent aus Reispapier um ihn herum auf,
damit die anderen Mitarbeiter nicht sehen, wie schlecht er arbeitet.
Auch kann er dort ungestört Harakiri begehen.
Da haben wir es in Europa noch etwas besser. Trotzdem neigen
Deutsche im Allgemeinen dazu, immer genau den Job gut zu finden,
den sie gerade haben, obwohl er objektiv nicht gut ist. Mit anderen
Worten: Wenn Sie tatsächlich gekündigt werden, überlegen Sie sich:
Ist es wirklich die große Katastrophe? Oder kann ich vielleicht sogar
einen viel besseren Job bekommen?
In von Arbeitslosigkeit besonders betroffenen Regionen sind
Ängste und Depressionen, aber auch die negativen Folgen wie Alko-
holmissbrauch, verbreitet. Dort macht sich oft das Gefühl der «er-
lernten Hilflosigkeit» breit. Die Menschen lernen, dass sie ihr
Schicksal nicht mehr in der Hand haben. Ob sie viel oder wenig ar-
beiten, grantig oder freundlich sind — alle sind bei Massenentlassun-
gen gleich betroffen. Es entwickelt sich Resignation.

LÖSUNG 4: DAS VERSTREICHEN DER ZEIT

Dies ist die einfachste Lösung zur Bekämpfung von Ängsten: Sie
brauchen gar nichts dafür zu tun. Sie brauchen nur Geduld zu ha-
ben. Viele kleinere Anwandlungen von Angst gehen nach Tagen,
Wochen oder Monaten von selbst weg. Auch ist es ziemlich unwahr-
scheinlich, dass einen die Angst noch mit fünfzig Jahren plagt. Der
Altersgipfel für Angsterkrankungen liegt bei 36 Jahren. Danach steigt
die Chance, dass sich die Angst irgendwann in Luft auflöst —selbst
wenn Sie sich nicht behandeln lassen. Die Zeit arbeitet für Sie, und
wenn die Ängste bei Ihnen nur wenig ausgeprägt sind, brauchen Sie
vielleicht nichts weiter zu tun, als Tee zu trinken und abzuwarten.

324
Allerdings ist es bei deutlichen Angstsymptomen nicht sinnvoll,
lediglich auf die Zeit zu bauen. Es wäre auch ein schwacher Trost,
wenn Sie noch zehn Jahre warten müssten, bis die Angst aufhört. In
solchen Fällen sollte man den notwendigen Schritt in die Therapie
tun. Trotzdem lautet die gute Nachricht: Eines Tages geht es Ihnen
besser, selbst wenn sämtliche Therapien versagen.
Bedenken Sie: Auch nach einer erfolgreichen Angstbehandlung
kann noch ein Rest von Angst übrig bleiben, der durch allergrößte
Willensanstrengung, die raffinierteste Psychotherapie und die besten
Pillen nicht wegzutherapieren ist. Und das soll wohl auch so sein.
Ihre Ängste gehören zu Ihrer Persönlichkeit. Viele Ihrer positiven
Seiten beruhen vielleicht auf Ihren kleinen Ängsten. Keine noch so
gute Therapie kann aus einem feinfühligen, verletzlichen, sensiblen
oder empfindlichen Menschen einen groben, furchtlosen, herzlosen
und unempfindlichen Haudegen machen.

DER SECHSTE SINN UND DIE WUNDERDROGE

Eine verblüffend neue Möglichkeit, Ängste zu therapieren, kommt


auf uns zu: die Behandlung mit Pheromonen. Pheromone sind Duft-
stoffe, die Tiere in Form von Dämpfen aus ihrer Haut absondern, um
das andere Geschlecht anzuziehen. Jahrelang hat man geglaubt, dass
solche Pheromone nur bei Tieren, nicht aber bei Menschen existieren.
Vor kurzer Zeit erst hat man aber ein neues menschliches Sinnes-
organ entdeckt, das «vomeronasale Organ» — im wahrsten Sinne des
Wortes der sechste Sinn. Dieses Organ ist in der Lage, Pheromone in
der Luft aufzuspüren, wobei Pheromone nicht nur im
Zusammenhang mit sexueller Anziehungskraft, sondern auch mit
Angst interessant sind. Diese chemischen Stoffe können nämlich
beim anderen Geschlecht eine Beruhigung auslösen.
Der kalifornische Arzt David Berliner hat Vomeropherin entwi-
ckelt, ein Pheromon, das mit Hilfe eines Nasensprays inhaliert wer-
den kann. Die beruhigende Wirkung tritt sofort ein und hält zwei bis
vier Stunden an — leider nur bei Männern, ohne dass man weiß,

325
warum.
Nicht nur bei Angststörungen, sondern auch bei Depressionen,
Verstimmungen während der Regelblutung, bei Fressanfällen, Ag-
gressionen, Kaufrausch und sogar bei Kleptomanie (krankhaften
Diebstählen) soll die Wunderdroge helfen. Man stelle sich das vor:
Frauen sprayen sich bei Panikattacken einen Hub in die Nase; Män-
ner nehmen die Spraydose mit zum Rendezvous und nebeln die An-
gebetete heimlich ein; Hausfrauen nehmen das Aerosol mit zum
Shopping, um Kauforgien zu verhindern; die Polizei versprüht die
Substanz bei einer Massenschlägerei, und plötzlich umarmen sich
alle Kontrahenten; Diätpläne sind out und werden durch eine kleine
Sprühdose ersetzt.
Noch sind solche Ankündigungen allerdings mit Vorsicht zu ge-
nießen, denn bisher fehlen überzeugende wissenschaftliche Nach-
weise für die behaupteten Wirkungen. Und vielleicht ist das Vome-
ropherin nicht das, was die Menschheit noch gebraucht hat.

«Die perfekte Droge. Euphorisierend, narkotisch, angenehm hallu-


zinogen. Hat alle Vorteile der Christenheit und des Alkohols, aber
nicht deren Nachteile. Nimm dir Ferien von der Realität ...» — die
Rede ist von «Soma», der Wunderdroge. In dem 1932 erschienenen
Zukunftsroman «Schöne neue Welt» von Aldous Huxley müssen alle
Menschen jeden Tag zwei Tabletten Soma einnehmen — ob sie wol-
len oder nicht. Damit kommen die alltäglichen Sorgen, die heutige
Menschen plagen, gar nicht erst auf. Die Pille hat auch keinerlei Ne-
benwirkungen, so sind immer alle Menschen gut gelaunt und ohne
Probleme.
Leider gibt es Soma heute noch nicht. Dennoch denken Forscher
darüber nach, wie die Angsttherapie verbessert werden kann. Ideal
wäre eine Mittel, das so rasch und elegant wie die Benzodiazepine
wirkt, aber nicht deren Nachteile hat, nämlich Müdigkeit und eine
mögliche Abhängigkeit. In diesem Buch war die Rede von einem
Stoff, der wahrscheinlich im menschlichen Körper existiert und der
der natürliche Schlüssel des GABA-Rezeptor-Schlosses ist. Dieser
körpereigene Stoff, den wir noch nicht entdeckt haben, kreist im

326
Körper und sorgt dafür, dass wir uns wieder beruhigen, wenn unser
Herz in Wallung geraten ist. Er hat eine angstlösende Wirkung.
Wenn es gelänge, diesen Stoff zu identifizieren und im Labor nach-
zubasteln, könnte es sein, dass man das ideale Angstmedikament
gefunden hat. Jedenfalls hätte es nicht die Nachteile der Antidepres-
siva, die erst nach frühestens zwei Wochen wirken. Es hätte auch
nicht die Nachteile der Benzodiazepine, die träge und süchtig ma-
chen können. Es hätte praktisch keine Nebenwirkungen. Mit ande-
ren Worten: Es gäbe praktisch keinen Grund, diesen Stoff nicht ins
Trinkwasser zu tun. Oder?
Aber vielleicht wollen wir Menschen gar nicht völlig ohne Angst
leben wie geklonte Menschen in der «Schönen neuen Welt»?

327
SCHLUSSWORT

Die Natur hat uns mit zwei Arten von Ängsten ausgestattet, der
Angst vor tatsächlich existierenden Gefahren — die uns schützen
und am Leben erhalten soll — und der anderen, scheinbar unnöti-
gen, absurden Angst. Aber auch diese Angst hat ihren Sinn. Sie kann
in Energie und Tatkraft umgewandelt werden. Sie macht uns kreativ
und phantasievoll, erfinderisch und ideenreich. Wer Ängste
überwunden hat, kann stärker sein als ein Mensch, der sie nie emp-
funden hat.
Die Entstehung von Ängsten erklärt man sich heute vielschichtiger
als früher. Wir müssen uns wahrscheinlich von dem Gedanken lösen,
dass allein Erziehungsfehler unserer Eltern an der Angst schuld sind.
Stark belastende Erlebnisse in der Kindheit können in unserem
Gehirn überdauern, um Jahrzehnte später unerklärliche Ängste
auszulösen. Angst kann uns aber auch mit den Genen mitgegeben
werden wie Sommersprossen und Hammerzehen. Sie kann auch eine
lästige Erbschaft von unseren Vorfahren sein, die ihre Schutz-
funktion heute verloren hat. Und neuere Erkenntnisse der Wissen-
schaft zeigen uns, dass die biochemischen Vorgänge in unserem
Gehirn uns mehr beeinflussen, als wir bisher geglaubt haben.
Angst kann so stark werden, dass sie die Ausmaße einer Krankheit
annimmt und das Leben unnötig schwer macht. Aber wir müssen
diese Angst nicht still erdulden. Wir können gegen sie kämpfen, sie
abtrainieren und überwinden. Dadurch können wir unseren Lebens-
radius erweitern und ein reicheres Leben führen.

328
In den letzten Jahren hat es für die Menschen, die unter Angst-
erkrankungen leiden, positive Veränderungen gegeben: Die Krank-
heitsbilder werden häufiger erkannt, die Theorien zur Entstehung
von krankhaften Ängsten sind genauer geworden, und die Behand-
lung wurde verbessert. Mit Hilfe der Psychotherapie und der medi-
kamentösen Behandlung konnte die Lebensqualität der Patienten
entscheidend verbessert werden. In den vielen Jahren, in denen ich
Patienten mit Angsterkrankungen behandelt habe, sah ich viele
Menschen, die nach einem leidvollen, isolierten, von Furcht zerfres-
senen Leben ihre Ruhe, Freiheit und Lebensfreude wiedergewinnen
konnten.
Aber auch wenn es heute möglich ist, die schlimmen Ausprä-
gungen der Angst im Schach zu halten, wird es immer ein Traum
bleiben, völlig ohne Angst leben zu können. Nicht nur, weil wir wis-
sen, dass das Leben endlich ist, sondern auch weil die Angst zu uns
gehört. Sie macht uns zu dem, was wir sind.

329
WÖRTERBUCH DER ANGST

ACTH
 Adrenocorticotropes Hormon
Adrenalin
Stresshormon, das im Nebennierenmark ausgeschüttet wird und ein
Botenstoff des sympathischen Nervensystems ist
Adrenocorticotropes Hormon
ACTH, auch Corticotropin. Wird in der  Hypophyse ausgeschüttet;
führt zur Ausschüttung von  Cortisol aus der Nebennierenrinde
Agoraphobie
Angst in Menschenansammlungen oder engen Räumen
Ammonshorn
 Hippocampus
Amygdala
auch Mandelkern genannt; Teil des  limbischen Systems im Gehirn,
der direkt dem  Hippocampus anliegt und zahlreiche Funktionen
im Bereich der Angstauslösung hat
Angstnetzwerk
Geflecht von zusammenarbeitenden Gehirnteilen, die an der
Auslösung von Ängsten beteiligt sind. Umfasst den  Thalamus, die
 Amygdala, den  Hippocampus, das  zentrale Grau, den
 Locus coeruleus und den  Hypothalamus
Angstneurose
früherer Begriff für Angsterkrankung
Antidepressiva
Medikamente gegen Depressionen; helfen auch bei Angster-
krankungen
Antihistaminika

330
Beruhigungsmittel; helfen auch bei Allergien
Autogenes Training
Selbst angewandte Entspannungstechnik, die auf den deutschen
Psychiater und Theologen Johannes Heinrich Schultz zurückgeht
Bach-Blüten
Therapie, die auf den homöopathischen Arzt Edward Bach zurück-
geht. Blüten werden in Wasser gelegt und in die Sonne gestellt; das
Wasser wird als Heilmittel verwendet
Benzodiazepine
Beruhigungs- und Schlafmittel; werden bei Angsterkrankungen
verwendet
Betablocker
Mittel gegen hohen Blutdruck
Biofeedback
Entspannungsmethode, bei der Körperfunktionen wie Herzschlag
und Atmung hörbar gemacht werden. Der Anwender soll so lernen,
diese Körperfunktionen zu kontrollieren und zu entspannen
Botenstoff
 »Neurotransmitter
Corticotropin
»Adrenocorticotropes Hormon
Cortisol
Stresshormon, das aus der Nebennierenrinde ausgeschüttet wird.
Führt bei einer Kampf oder Fluchtreaktion zur Ausschüttung von
Adrenalin und Noradrenalin wird
Cortisol Releasing Hormone
im Hypothalamus ausgeschüttet und führt in der  Hypophyse
zur Ausschüttung von ACTH
CRH
 Cortisol Releasing Hormone
Dysmorphophobie
Krankhafte Vorstellung, körperlich entstellt oder unansehnlich zu
sein auch
Einfache Phobie
Spezifische Phobie genannt. Bezeichnet die Angst vor einzelnen

331
Dingen, wie Tieren, Höhen, Blut usw.
Erlernte Hilflosigkeit
Von Martin Seligman entwickeltes Konzept, nach dem Depressionen
entstehen können, wenn jemand ungenügende Kontrolle über sein
Schicksal hat
Es
Begriff aus der Psychoanalyse. Unbewusste Instanz, die die unge-
steuerte Befriedigung der Triebe (Hunger, Sex) anstrebt. Gegen-
spieler des  Über-Ichs
Flooding
 Überflutungstherapie
Gamma-Aminobuttersäure
(GABA)
Botenstoff im Gehirn, der für allgemeine Beruhigung sorgt.
 Benzodiazepine verstärken die Wirkung von GABA
Generalisierte Angststörung
Angststörung, die durch ständige, unerklärliche Angst gekenn-
zeichnet ist, aber auch durch übertriebene Sorgen um Mitmenschen
Hippocampus
auch Seepferdchen oder Ammonshorn genannt; Teil des  lim-
bischen Systems; bei der Auslösung von Angstreaktionen im Kontext
von Stressereignissen beteiligt, vollzieht Speicher- und Abrufvor-
gänge im Gedächtnis und liegt im Gehirn unmittelbar der Amygdala
an
Hirnanhangdrüse
 Hypophyse
Homöopathie
auf C. F. Samuel Hahnemann zurückgehende Therapierichtung.
Geht davon aus, dass ein in einer sehr geringen Dosis gegebener
Stoff ein Heilmittel gegen ein bestimmtes Leiden sein könnte, wenn
er in hoher Dosierung ein ähnliches Leiden hervorruft
Hyperventilation
bei Panikattacken auftretende zu starke Atmung, die durch
fälschlicherweise angenommenen Sauerstoffmangel entsteht
Hypophyse

332
auch Hirnanhangdrüse genannt. Hormondrüse unterhalb des
Gehirns. Im Hypophysenvorderlappen wird  ACTH ausgeschüttet
(auch Hirnanhangdrüse)
Hypothalamus
Steuerzentrum im Gehirn. Hier wird bei Angst das sympathische
Nervensystem und die  Hypothalamus-Hypophysen-Nebennie-
renrinden-Achse aktiviert
Hypothalamus-Hypophysen-
Nebennierenrinden-Achse
Regelkreis der Körpers, der die Ausschüttung von Stresshormonen
regelt
Imipramin
trizyklisches Antidepressivum; erstes Medikament, das bei einer
Panikstörung eingesetzt wurde
Katharsis
Begriff aus der Psychoanalyse; wenn ein unbewusster Konflikt durch
die Deutung des Psychoanalytikers zutage tritt, soll es zu einer
Heilung («Reinigung») der Symptome kommen
Klaustrophobie
Angst in engen oder verschlossenen Räumen; tritt häufig bei
Menschen mit Agoraphobie auf
Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie
Psychotherapierichtung, die von Carl Rogers als Alternative zur
Psychoanalyse entwickelt wurde. Im Gegensatz zur Analyse, bei der
der Therapeut steuernd («direktiv») vorgeht, lernt der Klient hier,
wie er sich selbst heilen kann
Kognitive Therapie
Weiterentwicklung der ursprünglichen Verhaltenstherapie, die
höhere Denkfunktionen berücksichtigt. Wird auch bei Ängsten ange-
wandt, die nicht wie  phobische Ängste durch  Überflutung
behandelt werden können
Konfrontationstherapie
Verhaltenstherapie, bei der der Patient sich den Angst auslösenden
Situationen stellt
Kontextlernen

333
bei traumatischen Erfahrungen lernt man nicht nur die Verbindung
des Ereignisses mit Angst, sondern verbindet auch die Umgebung
(Kontext) mit Angst
Kortex
Rinde (graue Substanz) des Gehirns
Laktat
chemischer Stoff, der in der Medizin eingesetzt wird, aber auch
Panikattacken auslösen kann
Limbisches System
komplexes System aus mehreren Strukturen im Inneren des Gehirns
(u. a.  Amygdala,  Hippocampus,  Thalamus,  Hypothala-
mus), das zahlreiche Funktionen kontrolliert (vegetatives System,
Emotionen, Motivation, Bewusstsein, Gedächtnis). Ihm kommt große
Bedeutung im Zusammenhang mit Angststörungen, Depressionen
und anderen seelischen Erkrankungen zu
Locus coeruleus
Kern im Gehirn; enthält etwa die Hälfte aller noradrenergen Neuro-
nen des Gehirns; an der Entstehung von Panikattacken beteiligt
Mandelkern
 Amygdala
MAO-Hemmer
 Monoaminoxidase-Hemmer
Monoaminoxidase-Hemmer
Medikamente gegen Angst und Depressionen
Nebenniere
Drüse, die auf der Niere sitzt. Bei Stress und Angst werden aus der
Nebennierenrinde  Cortisol, aus dem Nebennierenmark  Ad-
renalin und  Noradrenalin ausgeschüttet
Neurose
früherer Begriff, der die Angststörungen und andere seelische
Erkrankungen von den Psychosen (Schizophrenie u. a.) abgrenzte.
Der Begriff wurde kritisiert und steht kurz vor der Abschaffung, weil
er suggerieren sollte, dass «neurotische» Erkrankungen allein auf
seelischen Konflikten und nicht auf organischen Ursachen beruhen
Neurotransmitter

334
Botenstoff; chemische Substanz, die für die Übertragung einer
elektrischen Erregung von einer Nervenzelle zur anderen sorgt,
nachdem er am  Rezeptor angedockt ist (zum Beispiel  Serotonin)
Noradrenalin
Botenstoff im Gehirn
Panikstörung
Angsterkrankung, die mit häufigen Angstattacken einhergeht und
häufig mit einer Agoraphobie gepaart ist
Pheromone
Pheromone sind Duftstoffe, die Tiere in Form von Dämpfen aus ihrer
Haut absondern, um das andere Geschlecht anzuziehen
Phobie
krankhafte Furcht vor harmlosen Dingen beziehungsweise über-
steigerte Furcht vor realen Gefahren
Placebo
Scheinmedikament; wird in Doppelblindstudien verwendet
Progressive Muskelrelaxation
Entspannungsverfahren; geht auf den amerikanischen Psychiater
Edmund Jacobson zurück
Rezeptor
Stelle an einer Nervenzelle, an der sich ein  Neurotransmitter
bindet, um seine Wirkung auszuüben
Selektive Serotonin-Wieder-aufhahmehemmer (SSRI)
Medikamente aus der Gruppe der Antidepressiva, die bei Angst-
erkrankungen wirksam sind
Serotonin
 Neurotransmitter, der im Gehirn, aber auch im übrigen Körper
vorkommt und eine wichtige Rolle bei den Angsterkrankungen
spielt
Soziale Phobie
Menschen mit einer Sozialen Phobie haben Angst in Situationen, in
denen sie sich blamieren könnten — sie leiden unter extremer
Schüchternheit
SPECT
Single-Photon-Emission Computed Tomography; bildgebendes

335
Verfahren
Spezifische Phobie
 Einfache Phobie
SSRI
 Selektiver Serotonm-Wiederaufnahmehemmer (von engl. selective
serotonin reuptake inhibitor)
Stresshormone
Hormone, die unter Stress oder in Gefahrensituationen ausgeschüttet
werden ( Cortisol,  Adrenalin,  Noradrenalin)
Sympathisches Nervensystem
Teil des vegetativen Nervensystems; wird bei Angst aktiviert
Synapse
Kontaktstelle zweier Nervenzellen, in deren Spalt die Neuro-
transmission durch  Neurotransmitter stattfindet
Systematische Desensibilisierung
Technik der Verhaltenstherapie, bei der der Patient in kleinen
Schritten mit Angst auslösenden Situationen konfrontiert wird
Thalamus
Gehirngebiet, das eingehende Informationen von den Sinnesorganen
zunächst einmal filtert, bevor sie an die zuständigen Stellen wei-
tergeleitet werden
Trauma
belastendes Lebensereignis
Trizyklische Antidepressiva
(TZA)
Medikamente aus der Gruppe der  Antidepressiva, die bei
Depressionen, aber auch bei Angststörungen helfen
Überflutungstherapie
Technik der Verhaltenstherapie, bei der sich der Patient massiv und
lange mit Angst auslösenden Situationen auseinander setzen muss
(auch Flooding genannt)
Über-Ich
Begriff aus der Psychoanalyse; unbewusste Instanz, die Normen und
Werte vertritt. Gegenspieler des  Es
Vegetatives Nervensystem

336
Nervensystem im Körper, das die Lebensfunktionen wie Herzschlag
usw. steuert. Seine Funktionen laufen automatisch ab
Zentrales Grau
Gebiet im Gehirn, das bei Angstreaktionen erregt wird. Hier entsteht
die Todesangst beziehungsweise der Totstellreflex bei Tieren

337
TEST: LEIDEN SIE UNTER EINER ANGSTERKRANKUNG?

Mit dem folgenden Test können Sie herausfinden, ob Sie unter einer
Angststörung leiden. Es gibt verschiedene Angststörungen. Es ist
auch möglich, dass mehrere Angststörungen gleichzeitig bestehen.
Die wichtigsten sind:
- Panikstörung mit oder ohne Agoraphobie
- Generalisierte Angststörung
- Soziale Phobie
- Einfache (Spezifische) Phobie
Mit diesem Test kann natürlich keine genaue Diagnose gestellt
werden. Wenn aber aufgrund dieses Tests der Verdacht einer
Angststörung bestätigt wird, sollten Sie einen Arzt oder einen
Psychologen aufsuchen.
Jeder Mensch leidet mehr oder weniger unter Ängsten. Dieser Test
kann Ihnen helfen, zu unterscheiden, ob sich diese Ängste noch im
Rahmen halten oder ob sie schon krankhaft sind.

338
Panikstörung

Leiden Sie unter folgenden Symptomen:


… Herzrasen oder unregelmäßiger Herzschlag
… Schwitzen
… Zittern oder innerliches Beben
… Mundtrockenheit
… Luftnot
… Engegefühl oder Kloß im Hals
… Schmerzen, Druck oder Enge in der Brust
… Übelkeit oder Magenbeschwerden
… Schwindel, Unsicherheit, Benommenheit oder Angst, in Ohn-
macht zu fallen
… Gefühl, nicht da zu sein oder neben sich zu stehen
… Angst, die Kontrolle zu verlieren oder verrückt zu werden
… Angst zu sterben
… Hitzewallungen oder Kälteschauer
… Taubheits- oder Kribbelgefühle in den Gliedmaßen oder im
Gesicht

Treten diese Symptome in Form von plötzlichen Angst- und


Panikzuständen auf, die zwischen 10 Minuten bis 2 Stunden
andauern? Haben Sie dabei mindestens 4 dieser Symptome
gleichzeitig?
Wenn Sie diese Symptome nicht in Form von heftigen Attacken,
sondern mehr über den Tag verteilt haben, sehen Sie bitte unter
Generalisierte Angststörung nach.
… JA
Treten diese Panikattacken entweder aus heiterem Himmel auf oder
in den Situationen, wie sie unter Agoraphobie beschrieben sind (oder
beides)? … JA

Beide Kästchen mit JA beantwortet:

339
: Es besteht der Verdacht, dass bei Ihnen eine Panikstörung vorliegt
Agoraphobie

Anmerkung: Eine Panikstörung ist häufig mit einer Agoraphobie


verbunden

Haben Sie in den folgenden Situationen Angst oder Beklem-


mungsgefühle? Vermeiden Sie solche Situationen? Können Sie
solche Situationen nur In Begleitung aufsuchen?

… öffentliche Verkehrsmittel
… Theater, Kino
… Menschenmengen
… Versammlungen oder Feste
… Enge Räume wie Fahrstühle
… Geschlossene Räume oder Tunnel
… Autofahren im Stau oder an der roten Ampel stehen
… Kaufhaus
… Schlange stehen
… Allein weite Reisen unternehmen
… Allein zu Hause zu sein

Treffen mindestens 2 dieser Situationen für Sie zu und führt die


Vermeidung dieser Situationen in irgendeiner Form zur Ein-
schränkung Ihrer Lebensqualität?
… JA

: Es besteht der Verdacht, dass bei Ihnen eine Agoraphobie


vorliegt

340
Generalisierte Angststörung
Leiden Sie unter den folgenden Symptomen:
… Herzrasen oder unregelmäßiger Herzschlag
… Schwitzen
… Zittern oder innerliches Beben
… Mundtrockenheit
… Luftnot
… Engegefühl oder Kloß im Hals
… Schmerzen, Druck oder Enge in der Brust
… Übelkeit oder Magenbeschwerden
… Schwindel, Unsicherheit, Benommenheit oder Angst, in
Ohnmacht zu fallen
… Gefühl, nicht da zu sein oder neben sich zu stehen
… Angst, die Kontrolle zu verlieren oder verrückt zu werden
… Angst zu sterben
… Hitzewallungen oder Kälteschauer
… Taubheits- oder Kribbelgefühle in den Gliedmaßen oder im
Gesicht
Leiden Sie unter mindestens 4 der Symptome, wobei allerdings diese
Symptome nicht gleichzeitig in Form von heftigen Panikanfällen
auftreten (siehe Panikstörung), sondern mehr oder weniger über den
Tag verteilt auftreten? … JA
Leiden Sie zusätzlich unter:
… Unruhe oder Nervosität
… Konzentrationsschwierigkeiten
… Reizbarkeit
… Einschlafstörungen
… Übertriebene Reaktionen auf kleine Schrecksituationen
… JA
Haben Sie außerdem häufig Sorgen oder Befürchtungen, z. B. dass
Ihnen oder einem Familienmitglied ein Unglück passieren könnte?
… JA
Alle 3 Kästchen mit JA beantwortet?
: Es besteht der Verdacht, dass bei Ihnen eine Generalisierte

341
Angststörung vorliegt
Soziale Phobie

Haben Sie Angst in Situationen, in denen Sie befürchten, dass


andere Leute negativ über Sie urteilen könnten, Ihr Aussehen
kritisieren könnten oder Ihr Verhalten als dumm, peinlich oder
ungeschickt ansehen könnten? Beispiele für solche Situationen
sind:
… Ich habe in Restaurants Angst, dass ich mich dort peinlich
benehmen könnte
… Ich habe große Angst vor Respektspersonen
… Ich hasse es, wenn mich jemand bei der Arbeit beobachtet
… Ich habe viel zu wenig Durchsetzungsvermögen
… Ich habe große Angst vor Situationen, in denen ich einen Vor-
trag halten müsste, einen Witz erzählen oder etwas an die Tafel
schreiben müsste
… Wenn ich weniger schüchtern wäre, hätte ich beruflich aufstei-
gen können
… Ich hätte Angst, wenn man bei einem Zusammensein von
Bekannten, Freunden oder Verwandten über mich redet,
während ich dabei bin.

Haben Sie mindestens 2 dieser Fragen mit JA beantwortet?


… JA

In den genannten Situationen kommt es bei mir zu körperlichen


Erscheinungen, wie (mindestens 1):
… Erröten
… Zittern
… Angst, mich zu übergeben
… Gefühl, auf die Toilette zu müssen
… JA

Beide Kästchen mit JA beantwortet?


: Es besteht der Verdacht, dass bei Ihnen eine Soziale Phobie

342
vorliegt
Einfache (Spezifische) Phobie

Haben Sie starke Angst vor bestimmten Dingen oder Situationen,


wobei die Angst jedoch nur auf wenige Dinge oder Situationen, z.
B. auf 1 oder 2 beschränkt bleibt? Beispiele hierfür sind:
… Insekten oder Spinnen
… Tiere (Katzen, Hunde, Pferde)
… Naturgewalte n (Donner, Sturm, tiefes Wasser)
… Blut, Verletzungen, Spritzen
… Situationen wie Höhen, Fahrstuhl, Tunnel

Haben Sie mindestens 1 der obigen Dinge angekreuzt?


… JA
Empfinden Sie diese Angst als übertrieben beziehungsweise stärker
als andere Menschen?
… JA
Beide mit JA beantwortet?

: Es besteht der Verdacht, dass bei Ihnen eine Einfache Phobie


vorliegt

343
Ist die Angst bei mir schon krankhaft?

Wenn Sie aufgrund des vorhergehenden Tests eine Vermutung


haben, dass bei Ihnen eine Angststörung vorliegen könnte, Sie
sich aber nicht sicher sind, ob dies noch "normal» oder «krankhaft»
ist, beantworten Sie bitte folgende Fragen:
… Ich denke mindestens 50 Prozent des Tages über meine Ängste
nach
… Wegen meiner Ängste habe ich mein Leben völlig umgestellt,
sodass ich viele Dinge nicht tun kann, die ich gerne machen
würde
… Wegen meiner Ängste trinke ich häufig zu viel Alkohol oder
nehme zu viele Beruhigungstabletten ein
… Meine ständigen Ängste führen dazu, dass ich depressiv und
niedergeschlagen bin
… Wegen meiner Ängste habe ich bereits Selbstmordgedanken
gehabt
… Wegen meiner Ängste habe ich ernsthafte Schwierigkeiten im
Beruf
… Wegen meiner Ängste habe ich Probleme mit meiner
Partnerschaft

Haben Sie mindestens 1 der obigen Fragen mit JA beantwortet?


… JA

: Es ist anzunehmen, dass Sie an einer behandlungsbedürftigen


Angststörung leiden. Sie sollten dies mit einem Arzt oder
Psychologen besprechen

344
DANK

Ich danke meiner Lektorin Regina Carstensen, Uwe Naumann vom


Rowohlt Verlag und außerdem Ruth Becker, Merle Haust und Julia
Sauk für die Durchsicht des Manuskripts. Meiner Familie danke ich
für ihre Geduld.

Göttingen, den 1. Juni 2004

Borwin Bandelow

345
ANMERKUNGEN UND LITERATUR

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