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Tote ohne Anerkennung

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Tote ohne Anerkennung


Mindestens 140 Menschen starben in

den vergangenen 20 Jahren in Deutsch-

land durch rechte Gewalt. Nur ein Drittel

dieser Toten taucht in den offiziellen

Statistiken auf. Ohne Antifagruppen

wären viele dieser Tötungsdelikte –

insbesondere in den 1990er Jahren –

sowie die Tathintergründe nie öffentlich

geworden. Sie sind es auch, die in vielen

Städten dafür sorgen, dass diese Toten

nicht vergessen werden.

Ostermontag 2005. Nach einer kurzen hatte sich vorher ebenfalls in der rech- worden sei. Im Dezember 2004 wird er
verbalen Auseinandersetzung tötet der ten Szene bewegt, aber sich inzwischen wegen Mordes zu lebenslanger Haft
Dortmunder Neonazi Sven Kahlin den von ihr gelöst. Nachdem Koß den Jun- mit anschließender Sicherungsver-
unbewaffneten Punk Thomas »Schmud- gen schon auf dem Weg zum Waldfest wahrung verurteilt. Der Dreifachmord
del« Schulz in einem U-Bahnhof mit verprügelt hatte, stellte dieser eine ist tagelang das Topthema in allen Me-
einem Messerstich ins Herz. Einen po- Anzeige gegen Unbekannt. Auf dem dien, die neonazistischen Hinter-
litischen Hintergrund wollte das Land- Heimweg trifft die Gruppe um Koß er- gründe werden mit keinem Wort er-
gericht Dortmund bei dem wegen ei- neut auf den 17-Jährigen. Sie ziehen wähnt.2
nes Angriffs auf einen Punk vorbe- ihm ein Polizei-Merkblatt zum Thema So unterschiedlich diese drei Fälle
straften Kahlin nicht erkennen und Opferschutz aus der Hosentasche und sind, so haben sie doch eine Gemein-
verhängte sieben Jahre Haft wegen meinen, ihn damit als »Spitzel« ent- samkeit: sie tauchen in den offiziellen
Totschlags. Die Neonaziszene in NRW tarnt zu haben. Koß wird 2008 wegen Statistiken der Bundesregierung zu
feierte Kahlin als Märtyrer. Aus der Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von Todesopfern rechter Gewalt nicht auf.
Haft verbreitete er eine Grußbotschaft zwölf Jahren und sechs Monaten ver- Die Aufzählung nicht anerkannter Op-
an die »Kameraden«. Ende September urteilt. fer lässt sich problemlos seitenlang
2010 wurde der inzwischen 22-Jährige Mit einer Pumpgun bewaffnet stürmt weiterführen. Selbst konservative Re-
vorzeitig entlassen und ist wieder in der Neonazi Thomas Adolf am 7. Okto- cherchen, wo nur Fälle berücksichtigt
die Dortmunder Neonazistrukturen ber 2003 in die Kanzlei des Rechtsan- wurden, bei denen eine Tatverurtei-
1| Vgl.: http://s4.blogs-
eingestiegen.1 walts Hartmut Nickel in Overath (Nord- lung erfolgte, zählen inzwischen 47
port.de/2010/09/26/de-
monstration-29-09- In der Nacht zum 14. Juli 2007 rhein-Westfalen). Der ehemalige Söld- Todesopfer seit 1990. Zuletzt veröffent-
2010-keine-rueckzugs- stirbt ein 17-Jähriger am Rande eines ner erschießt den Anwalt, seine Tochter lichten nach monatelangen Recher-
raeume-fuer-rechte-
Waldfestes in Brinjahe (Schleswig- und seine Frau. Während der Tat trägt chen der Berliner »Tagesspiegel« und
moerder
2| Siehe: Lebenslang für Holstein). Das ehemalige NPD-Mitglied er am Hemdkragen SS-Runen. Einen die Wochenzeitung »Die Zeit« gemein-
Kölner Nazi-Söldner, Garvin Koß aus dem Umfeld von Neo- Tag später verfasst Adolf ein Flugblatt, sam eine Liste mit 137 Toten.3 Zählt
AIB # 65 nazikader Peter Borchert erschlägt ihn wonach »mit der Befreiung des Reichs- man die Todesopfer der nicht aufge-
3| Siehe: Tagesspiegel-
und Zeit-Ausgabe vom mit einer Eisenstange, weil er ihn für gebietes und der strafrechtlichen Ver- klärten, vermutlich rassistisch moti-
16. 9. 2010 einen »Bullenspitzel« hält. Das Opfer folgung der Hochverräter begonnen« vierten Brandanschläge der letzten

6 AIB 89 4 . 2 010
Tote ohne Anerkennung
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zwanzig Jahre dazu, wie z.B. in Lü- [1] Mahnwache für


den ermordeten
beck am 18. Januar 1996, liegt die
Thomas »Schmuddel«
Zahl noch um einiges höher. Schulz in einem Dort-
Selten wird der mörderische Charak- munder U-Bahnhof.
ter extrem rechter Ideologie so deutlich
wie beim Lesen der 137 Beschreibungen
jedes einzelnen Tötungsdelikts.4 Doch
wer gehofft hat, die haarsträubenden
Vergleiche zwischen »Linksextremis-
mus« und »Rechtsextremismus« durch
Politik und Medien müssten spätes-
tens jetzt aufhören, wurde enttäuscht.
Obwohl viele Medien das Thema kurz
aufgreifen, gibt es kaum einen öffent-
lichen Aufschrei, geschweige denn eine
neue Diskussion um die tödliche Di-
mension extrem rechter Ideologie.
[1]
Der lange Weg zur offiziellen
Anerkennung anschließend trotzdem aus Hass auf und (nicht nur) tödliche Neonazige- 4| Siehe:
Wie kommt es zu dieser hohen Diffe- »Asoziale« zu Tode prügelt. Bestätigt walt thematisieren. Für die Zukunft www.zeit.de/todesopfer-
rechter-gewalt
renz zwischen den offiziell anerkann- wird dieser Eindruck, wenn man die bleibt es weiterhin wichtig, dass lo- 5| Seit 2001 gibt es die
ten Todesopfern rechter Gewalt und offiziellen Zahlen mit den 137 nachre- kale antifaschistische Gruppen und neue Definition der
den tatsächlichen? Der nahe liegende cherchierten Todesopfern vergleicht. Beratungsprojekte für Opfer rechter »Politisch Motivierten
Kriminalität-rechts«.
Schluss, dass Polizei und Justiz be- Mehr als 70 Prozent der Fälle, bei de- Gewalt Hinweisen auf solche Tötungs- Danach werden Strafta-
wusst politische Tathintergründe aus- nen die Opfer Obdachlose, Behinderte delikte nachgehen und damit offensiv ten als politisch moti-
blenden, um das unliebsame Thema oder sozial Randständige sind, wurden und hartnäckig an die Öffentlichkeit viert gezählt, »wenn in
Würdigung der Um-
rechte Gewalt »klein zu halten« mag nicht erfasst. Ein weiteres Problem ist, treten. Dazu gehört es auch, Prozesse stände der Tat und/oder
in einigen Fällen zutreffen, erklärt dass viele Richter sich aus Angst vor zu beobachten und Sorge zu tragen, der Einstellung des
aber nicht das Gesamtphänomen. Die Revisionsanträgen scheuen, im Urteil dass Angehörige durch kompetente Täters Anhaltspunkte
dafür vorliegen, dass
Landeskriminalämter übermitteln die explizit eine »rechtsextreme« Motiva- Nebenklageanwälte in den Prozessen sie gegen eine Person
nach der offiziellen PMK-rechts Defi- tion zu benennen. Das gleiche gilt, vertreten werden. Denn häufig werden gerichtet sind wegen
nition eingestuften Tötungsdelikte an wenn Täter den Mord schnell geste- erst vor Gericht durch die Nebenkläger ihrer politischen Ein-
stellung, Nationalität,
das Bundeskriminalamt (BKA), das für hen. Kaum ein Gericht hat noch Inter- die politischen Hintergründe deutlich. Volkszugehörigkeit,
die Bundesregierung die Liste zusam- esse die Hintergründe zu klären, wenn Das Gedenken an »Schmuddel« in Rasse, Hautfarbe, Reli-
menstellt. Wenn also die Polizei vor Ort bereits ein fertiges Geständnis auf dem Dortmund ist eines von vielen positi- gion, Weltanschauung,
Herkunft oder aufgrund
einen politisch rechts motivierten Tisch liegt. ven Beispielen, wie eine antifaschisti- ihres äußeren Erschei-
Mord (sei es aus Ignoranz oder be- sche Erinnerungskultur erfolgreich nungsbildes, ihrer Be-
wusst) nicht von Anfang an als PMK- Antifaschistische Gedenkkultur sein kann. Wenige Tage nach der vor- hinderung, ihrer sexuel-
len Orientierung oder
rechts5 einstuft und im Prozess die Nicht alleine für die Angehörigen der zeitigen Entlassung des Täters gab es ihres gesellschaftlichen
Frage der Tatmotivation keine zentrale Opfer ist es wichtig, dass die Getöte- direkt eine Antifa-Demo mit mehreren Status.« Theoretisch
Rolle spielt, oder vor Gericht einschlä- ten »offiziell« als Todesopfer rechter Hundert Teilnehmer_innen unter dem werden damit auch
Morde einbezogen, bei
gige Beweise einfach ignoriert wer- Gewalt vom Staat anerkannt werden. Motto »Keine Rückzugsräume für denen die Täter keine
den, kommt der Fall nie beim BKA an. Dass möglichst alle Tötungsdelikte in rechte Mörder!«6 zum lokalen Neonazi- gefestigten Neonazis
Auffällig ist, dass es der Polizei schwer der öffentlichen Wahrnehmung an- treffpunkt. In den Berichten der Lo- sind.
6| http://s4.blogsport.de
fällt ein rechtes Tatmotiv festzustel- kommen, liegt aber auch in der Ver- kalzeitungen wird die neonazistische /2010/09/30/demobe-
len, wenn die Getöteten nicht in die antwortung der radikalen Linken. Ob Tatmotivation aufgrund der jahrelan- richt-vom-29-9-2010/
stereotype Opfergruppe (Migrant_in- Gedenksteine, Demonstrationen oder gen Öffentlichkeitsarbeit inzwischen
nen) von Neonazis passen. Sie können andere Veranstaltungen; fast immer nicht mehr in Frage gestellt. K
sich offenbar nicht vorstellen, dass sind es Antifaschist_innen, die die
ein Neonazi erst mit einem Obdachlo- unangenehme Erinnerung an Neonazi-
sen zusammen zechen kann und ihn morde in ihren Regionen wach halten

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