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BeNeLux € 6,60 Finnland € 8,50 Griechenland € 7,30 Norwegen NOK 89,– Polen (ISSN00387452) ZL 34,– Schweiz sfr 8,10

8,10 Slowakei € 7,– Spanien € 7,– Tschechien Kc 200,-


Dänemark dkr 59,95 Frankreich € 7,– Italien € 7,50 Österreich € 6,20 Portugal (cont) € 6,90 Slowenien € 6,70 Spanien/Kanaren € 7,20 Ungarn Ft 2750,- Printed in Germany

Mittelschicht
EINKOMMEN
Die Krise trifft die
DEPRESSIONEN

einem Therapeuten
Die ewige Suche nach

Was wird aus dem Lieblingsziel der Deutschen?


ERZIEHUNG

Kinder ticken
Wie quengelnde
Nr. 28 / 4.7.2020
Deutschland € 5,50
T H E

PLUG-IN-HYBRID.
BMW 530e: Kraftstoffverbrauch in l/100 km (kombiniert): 2,1–1,9; CO2-Emission in g/km (kombiniert): 47–43; Strom-
verbrauch in kWh/100 km (kombiniert): 15,9–14,9. Die offiziellen Angaben zu Kraftstoffverbrauch, CO2-Emissionen
und Stromverbrauch wurden nach dem vorgeschriebenen Messverfahren VO (EU) 715/2007 in der jeweils geltenden
Fassung ermittelt. Die Angaben berücksichtigen bei Spannbreiten Unterschiede in der gewählten Rad- und Reifen-
größe. Bei diesem Fahrzeug können für die Bemessung von Steuern und anderen fahrzeugbezogenen Abgaben, die
(auch) auf den CO2-Ausstoß abstellen, andere als die hier angegebenen Werte gelten. Voraussichtlich verfügbar ab
November 2020. Technische Daten, Angaben zu CO2-Emission, Verbrauch, Effizienzklasse und Fahrzeugpreis sind
vorläufig, Änderungen sind vorbehalten. Abbildung zeigt Sonderausstattungen.
MEHRWERT 2
Nur ein liebevolles,
friedliches Zuhause lässt ihnen
Raum zur Entfaltung. Das kann
1 unsere Arbeit erreichen.

Kinder auf der ganzen Welt


brauchen Geborgenheit und
Liebe. Sie brauchen eine Familie.

4
Helfen Sie uns dabei.
Damit helfen wir Kindern, Werden Sie Teil der
zu starken Persönlichkeiten
3 SOS-Familie und
heranzuwachsen, die ihre VFKDHQ6LHHLQHQ
Heimat voranbringen. Mehrwert für alle.

sos-kinderdoerfer.de
Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung
Betr.: Titel, Lausitz, Psychotherapie

Mallorca ist die beliebteste Ur-


laubsinsel der Deutschen, eine
perfekte Tourismusmaschine mit
Millionen Besuchern im Jahr und
bis zu 90 Prozent Bettenauslas-
tung – normalerweise. In diesem
Sommer aber ist alles anders. Die

EMANUEL HERM/ DER SPIEGEL


Klubs am Ballermann haben ge-
schlossen, die Strände sind deut-
lich leerer, viele Restaurants auch.
Mallorca ist plötzlich eine Oase
der Ruhe. Für manche ist das ein
lang erhoffter Traum, für viele ein
Schrader, Großekathöfer, Polonyi auf Mallorca Albtraum. Maik Großekathöfer,
Juan Moreno, Max Polonyi und
Hannes Schrader reisten über eine Insel, die kaum wiederzuerkennen ist, zu Hotel-
managern, die die Saison schon jetzt abgeschrieben haben; zu Partysängern, die sonst
JETZT MITMACHEN
in überfüllten Diskotheken wie dem Bierkönig auftreten. Sie trafen Urlauber, die sich BEIM WETTBEWERB
2020!
über die Ruhe freuen, und Experten, die meinen, die Insel dürfe sich nicht länger
vom Massentourismus abhängig machen. Auch unterwegs auf der Insel war Peter
Wackel, der eigentlich Steffen Peter Haas heißt und seit 20 Jahren auf Mallorca
Stimmung macht, mit Liedern wie »Kenn nicht deinen Namen … Besoffen« oder
»Woochenende«. Wackel fuhr Schrader in einem Smart über die Insel, zuvor wollte WORUM GEHT ES?
er allerdings noch ein kurzes Video aufnehmen. Er sagte Schrader, er würde jetzt Wenn in einer Gesellschaft die Starken
»I love Malle« singen, und Schrader solle neben ihm mit dem Arm wackeln. Peter den Schwächeren helfen, dann hilft das
Wackel sang, Schrader wedelte gehorsam mit dem Arm. Mallorca kann im Moment am Ende allen. Deshalb werden Projekte
jedes bisschen Hilfe gut gebrauchen. Seiten 78, 87
gesucht, in denen Menschen sich für
andere engagieren – und die Welt besser
machen.
Im Osten der Republik, im Braunkohlerevier
der Lausitz, vollzieht sich derzeit etwas, was So- WIE KANN MAN TEILNEHMEN?
ziologen als zukunftsträchtiges Experiment, die Mitmachen kann jeder! Die Einreichungs-
Betroffenen jedoch eher als Zumutung verstehen:
MAURICE WEISS/ DER SPIEGEL

phase für den Social Design Award


der Umbau einer ganzen Region – unter Be- läuft bis zum 31. August 2020. Die Wett-
teiligung der Lausitzerinnen und Lausitzer. Und
bewerbsunterlagen und das Online-
die sollen nicht nur Teil der Reformen sein, son-
dern sie auch mitgestalten. Es ist ein ehrgeiziges formular für die Beiträge gibt es unter
Projekt, es gibt die Hoffnung, dass Bürger sich spiegel.de/socialdesignaward.
wieder mit dem Staat versöhnen, aber im Mo-
ment sieht es nicht gut aus. Alexander Smoltczyk Smoltczyk, Weiss in der Lausitz WIE LÄUFT DER WETTBEWERB AB?
und Fotograf Maurice Weiss sind in die Lausitz Aus den Beiträgen wählt die Jury die
gefahren, »um zu verstehen, warum es nicht ausreicht, eine Region mit Geld und gutem besten Ideen aus, diese werden Anfang
Willen zu fluten, wenn man sie wieder auf die Beine bekommen will«. Geplant als Reise in Oktober 2020 auf SPIEGEL.de vorgestellt.
eine strukturschwache Region, war es eine Reise an die Grenzen von Politik. Seite 52
Die Leser können dort ihren Favoriten
wählen. Die Gewinner geben wir am
10. November 2020 in SPIEGEL WISSEN
Wer schon einmal versucht hat, zur Behandlung bei einem 4/2020 und auch auf SPIEGEL.de bekannt.
ambulanten Psychotherapeuten unterzukommen, weiß, wie
mühsam, langwierig und manchmal auch erfolglos das sein WAS GIBT ES ZU GEWINNEN?
RALF BAUMGARTEN

kann. Häufig dauert es Monate, bis eine reguläre Therapie Vergeben werden ein Jurypreis und ein
beginnt. Eine neue Studie zeigt nun, wie problematisch die Publikumspreis. Beide Preise sind jeweils
Suche für Menschen mit einer schweren Depression werden mit 2500 Euro dotiert. Der Rechtsweg
kann, die nach einem Klinikaufenthalt ambulant weiter-
ist ausgeschlossen.
Thimm behandelt werden müssten: Nur acht Prozent dieser
Männer und Frauen erhalten eine angemessene Therapie.
Katja Thimm hat mit Ärzten sowie Patienten gesprochen und recherchiert, warum
Menschen, die an einer Depression leiden, in Deutschland in vielen Fällen nur un-
zureichend geholfen wird. Seite 44 In Kooperation mit

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 5


FÜR EINE
BLÜHENDE
ZUKUNFT
NACH ALL
DIESEM MIST
Die globale Pandemie ist großer Mist.

Doch alle Ökolog*innen werden dir sagen:


Mist ist exzellenter Dünger.

Wir sind ECOVER, Hersteller von nachhaltigen Wasch-


und Reinigungsmitteln. Während viele Unternehmen
während der Corona-Krise ums Überleben kämpften,
stiegen unsere Verkäufe.

Aber wir wollen das nicht alles behalten. Stattdessen


stecken wir lieber über 500.000 € in unsere neue
Initiative: FERTILISE THE FUTURE.

Auf diese Weise nutzen wir die Krise von heute


zur Förderung der nachhaltigen Start-Ups und
Pionier*innen von morgen.

Vor 40 Jahren gründeten wir ein kleines Unternehmen


mit großen Ambitionen: Unseren Planeten zu schützen
und die Welt zum Besseren zu verändern.

Heute wollen wir Andere auf dieser Mission


unterstützen, ganz egal, wie sie sich engagieren.

Denn durch die Corona-Krise besteht die Gefahr,


innovative Ansätze und neue, grüne Geschäftsideen
zu verlieren.

Und wir brauchen sie im Angesicht der Klimakrise


dringender denn je.

Wenn du Aktivist*in, Denker*in, Erfinder*in,


Geschäftsführer*in oder Mensch mit einem
umweltfreundlichen Ansatz für eine nachhaltigere
Zukunft bist, besuche unsere Website Ecover.de und
bewirb dich um unsere Förderung.

So kämpfen wir:
Für eine blühende Zukunft nach all diesem Mist.

Let’s live clean.


Inhalt
74. Jahrgang | Heft 28 | 4. Juli 2020

Titel Strafjustiz Der schillernde


Unternehmer Alexander
Tourismus Mallorca lebte Falk könnte erneut verurteilt
jahrzehntelang gut vom werden – wegen des
Ansturm der Massen, dann Anschlags auf einen Anwalt 36
kam Corona – wie kann die
Lieblingsinsel der Deutschen Soziales Die Beraterinnen
nun reagieren? . . . . . . . . . . . . . . 78 beim Hilfetelefon »Gewalt
gegen Frauen« fühlen sich vom
Der Filmemacher und Staat schlecht bezahlt . . . . . . 38
Öko-Aktivist Joe Holles
über die Zukunft der Erziehung Psychotherapeutin
Insel mit weniger, aber Philippa Perry erklärt im
besseren Touristen . . . . . . . . . . 84 SPIEGEL-Gespräch, wie man
am besten mit quengelnden

ANDREAS CHUDOWSKI/ DER SPIEGEL


Warum wir gerade jetzt Kindern umgeht . . . . . . . . . . . . 40
auf Mallorca Urlaub machen
sollten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 Rassismus Hitlergruß und
»Sieg Heil«-Rufe – zwei
Polizisten stehen vor Gericht 43
Deutschland
Gesundheit Eine neue Studie
Leitartikel Die Bundeswehr zeigt, dass viele Depressive
kann ihr Naziproblem selbst nur schwer einen Therapeuten
kaum lösen . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
»Wir werden häufiger mit finden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44

Verschärfte Tönnies die Pandemien rechnen müssen« Biografien Warum ein Mann
Infektionsgefahr? / SPD prüft seit Jahren gegen alles
Kohleausstiegsvertrag / Im SPIEGEL-Gespräch warnt Gesundheits- und jeden kämpft – durchaus
Grüne fordern Rechte für minister Jens Spahn vor neuen Infektionswellen, mit Erfolg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
»soziale Eltern« / Die Gegen-
darstellung / So gesehen:
skizziert die Vorbereitungen und erklärt,
Aus seiner Hand . . . . . . . . . . . . 14 wie sich sein Verhältnis zu CSU-Chef Markus Reporter
Söder durch Corona verändert hat. Seite 20
Gesundheit Minister Jens Spahn Familienalbum / Macht Corona
warnt im SPIEGEL-Gespräch uns alle zu Gärtnern? . . . . . . 50
vor weiteren Pandemien und
Bioterroristen . . . . . . . . . . . . . . . 20 Eine Meldung und ihre
Geschichte Wie ein
Union Der Fall Tönnies Hobbypilot ein Zeichen
trübt die Chancen gegen Rassismus setzte . . . . . 51
von Armin Laschet auf den
CDU-Parteivorsitz . . . . . . . . . . 26 Strukturwandel Was soll
ohne Braunkohle bloß aus
SPD Die Vorsitzenden Esken der Lausitz werden? . . . . . . . . 52
ARNE DEDERT/ DPA

und Walter-Borjans lösen


in der Partei nur noch Kopf- Mein Fall Der Profiler
schütteln aus . . . . . . . . . . . . . . . . 28 Alexander Horn und die
NSU-Morde . . . . . . . . . . . . . . . . 57
Diplomatie Die Reisewarnung
für die Türkei verärgert Wer verliert am meisten?
viele türkeistämmige Bürger 32 Wirtschaft
Die Deutschen werden durch die Pandemie
Parlament Drei Bundestags- wohl rund 390 Millionen Euro Bürgerinitiative beantragt
abgeordnete der Union neue Bewertung des
ließen sich vom Sultanat
Einkommen verlieren. Doch nicht alle trifft es Brandschutzes für Stuttgart 21 /
Oman eine exklusive Reise gleich hart. Die Mittelschicht wird Ökonomen erwarten
spendieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 besonders leiden – und die Jugend. Seite 60 Bankenkrise . . . . . . . . . . . . . . . . 58

8 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


Gerechtigkeit Die Frage, wer Medizin Rätselhafte Rückfälle,
die Zeche für Corona zahlt, Arc de Triomphe (Simulation) unheimliche Spätfolgen –
wird zur Belastungsprobe für warum von Covid-19
den deutschen Sozialstaat . . . 60 Genesene noch lange nicht
gesund sind . . . . . . . . . . . . . . . . 108
Skandale Der Kreis der Ver-
dächtigen im Bilanzschwindel Pandemie In vielen Welt-
bei Wirecard wächst . . . . . . . . 66 regionen gerät die Seuche
außer Kontrolle, und auch in
Affären Das Land NRW Europa droht im Herbst eine
trickst vor dem geplanten Verschärfung der Krise . . . . 111
Verkauf seiner Casinos . . . . . 68
Forensik Rechtsmediziner
Essay Die Coronakrise legt haben nachgewiesen,
die brutale Ungleichheit in den wie gefährlich Spielzeug-
USA offen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 waffen sein können . . . . . . . . 113

Zoologie Das wundersame

PCA-STREAM
Ausland Sozialverhalten der Tüpfel-
hyänen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
Kulturkampf in Polen / Hong-
kong verliert seine Freiheit 76
Grüne Revolution Kultur
USA Wie der republikanische
Bundesstaat Arizona Paris ist eine der am dichtesten bebauten Städte Die Künstlerin Otobong
die Wiederwahl Trumps Europas: Im Sommer wird es unerträglich heiß, Nkanga im Gropiusbau /
gefährden könnte . . . . . . . . . . . 88 Dokumentation über Frauen
die Luftverschmutzung erreicht Grenzwerte, in Afghanistan / Ein Buch
Analyse Was macht eigentlich Wohnungen kosten ein Vermögen. Bürgermeisterin über Israel als Utopie . . . . . . 116
Russlands Opposition, während Hidalgo will die Stadt radikal verändern. Seite 94
Putin den Weg für eine weitere Europa SPIEGEL-Gespräch mit
Amtszeit ebnet? . . . . . . . . . . . . . 91 dem Künstler Olafur Eliasson
über sein Projekt zum Start der
Karrieren Der frühere EU- deutschen EU-Ratspräsident-
Kommissionschef Jean-Claude Mysteriöse Covid-19-Folgen schaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
Juncker über Deutschlands
Rolle auf dem Kontinent . . . 92 Auch Monate nach ihrer vermeintlichen Literatur Ein Besuch bei
Genesung klagen viele Covid-19-Patienten über Fabio Andina, dem
Urbanismus Wie die Pandemie Autor des Überraschungshits
hilft, Paris grüner und
Herzrasen, Muskelschmerzen und »Tage mit Felice« . . . . . . . . . . 122
lebenswerter zu machen . . . . 94 neurologische Ausfälle. Wie kommt es zu den
beunruhigenden Spätschäden? Seite 108 Fotografen Der erst 25-jährige
Tyler Mitchell, Star der Mode-
Sport welt, hat ein Buch mit seinen
Werken veröffentlicht . . . . . 124
Schießt Geld Tore? / Gut zu
wissen: Wie schaffen es Schieds- Hollywood Obwohl die Film-
richter in die Bundesliga? . . . 99 industrie durch die Pandemie
Milliarden verloren hat,
Doping Ein Whistleblower, der werden die Starttermine
russische Manipulationen diverser Blockbuster immer
anprangerte, gerät nun selbst wieder verschoben . . . . . . . . 128
ins Zwielicht . . . . . . . . . . . . . . . 100
DAN BRADICA

Popkritik Sie half Björk, jetzt


Vereine Ein Prozess macht die Sängerin Arca
offenbart, wie Schalke 04 selbst schön kaputte Musik 130
Geld verprasst hat . . . . . . . . . 103

Scheinbar leicht
Wissen SPIEGEL-TV-Programm . . . . . . . 69
Die Modewelt liebt den Fotografen Tyler Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
Feige Raubsaurier / Was Mitchell und seine scheinbar leichten Bilder Impressum, Leserservice . . . 132
gegen Spinnenangst hilft / Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
Analyse: Viele archäologische
(Foto), in denen Kleidung zur Nebensache Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . 134
Entdeckungen sind unspek- wird. Er selbst versteht seine Arbeit als Protest- Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
takulärer als vermeldet . . . . 106 kunst, als Forderung nach Gleichheit. Seite 124 Hohlspiegel / Rückspiegel . . . 138

Titelfoto: Getty Images 9


Das deutsche Nachrichten-Magazin

Braune Hotspots
Leitartikel Die Bundeswehr hat ein Naziproblem, das sie selbst kaum lösen kann.

E
in Unteroffizier sagt: »Alle Juden müssten ver- gefährlich sind, weil sie an der Waffe ausgebildet wurden,
gast werden.« Er fragt einen Kameraden, ob man in um im Ernstfall Freiheit und Demokratie zu schützen.
der Neustadt noch »Schwarze jage«. Der Mann Vor allem die Kampftruppen scheinen anfällig zu sein. Sie
wird aus der Bundeswehr entlassen. Ein Gefreiter sehen sich als Teil einer verschworenen Gemeinschaft, in der
muss gehen, nachdem in seinem Spind das Foto einer Loyalität mehr zählt als alles andere. Anders als Kampfpilo-
Person in SS-Uniform, eine nachgebaute Maschinenpistole ten oder U-Boot-Fahrer bekommen sie ihre Anerkennung
und große Mengen Schreckschusspatronen und Muni- ausschließlich von innen und nicht von außen. Das macht die-
tionsteile gefunden werden. Ein Rekrut kommt seiner se Einheiten besonders anfällig für Extremisten. Und bedroh-
Entlassung zuvor, indem er seine Verpflichtungserklä- lich, weil sie Experten sind für maximale Gewaltanwendung.
rung widerruft. Er hatte einer Kameradin mit dem Kuli ein Man muss sich die Verbreitung des Rechtsextremismus
Hakenkreuz auf den linken Handrücken gezeichnet. in der Bundeswehr so vorstellen wie die Corona-Pande-
33 Seiten braucht das Verteidi- mie. Die meisten Soldaten hal-
gungsministerium, um alle rechts- ten Abstand, aber es gibt
extremen Bundeswehrvorfälle braune Hotspots, wo manche
des vergangenen Jahres aufzulis- Soldaten so infektiös sind wie
ten. Der Militärgeheimdienst die Arbeiter in den Tönnies-
MAD meldet aktuell 600 Ver- Fleischfabriken. Sie müssen mit
dächtige und damit 100 mehr allen Mitteln unter Kontrolle
als noch im Oktober vergange- gehalten werden.
nen Jahres. Ein besonders gefährlicher
Im Mai wird in Sachsen ein Hotspot der Bundeswehr liegt
Kommandosoldat der Elitetruppe im Schwarzwaldstädtchen
KSK festgenommen, der in Calw, wo die Elitesoldaten des
seinem Garten Nazidevotionalien, Kommandos Spezialkräfte
Waffen, Munition und Spreng- stationiert sind. Verteidigungs-
stoff vergraben hat. Wenig später ministerin Annegret Kramp-
KAY NIETFELD/ PICTURE ALLIANCE/ DPA

finden Ermittler bei einem Karrenbauer (CDU) hat den


rechtsextremen Reservisten in Fehler ihrer Vorgängerin Ursula
Niedersachsen Listen mit von der Leyen vermieden
Handynummern und teilweise mit und nach den rechtsextremen
Privatadressen von 17 Politikern Vorfällen beim KSK nicht gleich
und Prominenten. die ganze Bundeswehr unter
Warum hat die Bundeswehr KSK-Soldat Generalverdacht gestellt. Mit
ein so großes Problem mit Rechts- »eisernem Besen« will sie nun
extremisten? Weil sie sich als in Calw ausfegen und hat dafür
Großorganisation mit 265 000 Sol- tief greifende Veränderungen
daten und Zivilisten von den ge- angekündigt.
sellschaftlichen Entwicklungen nicht abkoppeln kann. Wie bei Tönnies in Ostwestfalen deutet die hohe Zahl
Auch durch Einstellungsgespräche und Sicherheitsüberprü- an Einzelfällen auch beim KSK darauf hin, dass es systemi-
fungen nicht. Wenn an den Rändern der Gesellschaft sche Ursachen gibt. Bisher sind die Geheimkrieger völlig
Radikalisierung und Gewaltbereitschaft zunehmen, erreicht abgeschottet vom Rest der Truppe. Es fehlt die frische
das früher oder später auch die Streitkräfte. Rechtsextremis- Luft. Einmal eingeschleppt, kann sich in diesem Biotop ein
mus und -terrorismus sind die »größte Bedrohung für die rechtsextremer Keim weitgehend ungestört verbreiten.
Sicherheit in Deutschland«, warnt Verfassungsschutzpräsi- Zumal die Abwehrkräfte unterentwickelt sind. Zu sehr hat
dent Thomas Haldenwang. Warum sollte diese Entwicklung man auf die militärischen Fähigkeiten geachtet, zu wenig
die Bundeswehr verschonen? auf Verfassungstreue und ethisch-moralische Erziehung.
Daneben gibt es allerdings eine Besonderheit. Die strikte Kramp-Karrenbauer scheint das, wenn auch spät, erkannt
Hierarchie, die vielen Waffen und das Prinzip von Befehl zu haben.
und Gehorsam machen die Truppe für bestimmte Kreise Doch mit Calw ist das Problem nicht gelöst. Anders als
attraktiv. Bekennende Rechtsextremisten mögen es zwar bei der Corona-Pandemie werden weder Herdenimmunität
schwer haben, die Eingangsschwelle zu überwinden. Das noch Impfstoff die Bundeswehr auf Dauer schützen. Nur
ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass sich manche eines hilft: permanente demokratische Wachsamkeit.
Soldaten im Dienst radikalisieren und dann besonders Konstantin von Hammerstein

10 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


Elektromobilität für Deutschland
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Deutschland

B. NIEHAUS/ ADORAPRESS
Greenpeace verhüllt CDU-Zentrale Öko-Aktivisten hängten am Mittwoch schwarze Stoffbahnen über das Konrad-
Adenauer-Haus in Berlin. Dazu zeigten sie das Konterfei von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, zugleich
Unionsabgeordneter, mit der Bannerzeile: »CDU: Dunkle Geschäfte mit der Kohleindustrie«.

Erhöhte Tönnies die Produktion trotz Corona?


Fleischverarbeitung Beschäftigte sollen wegen vermehrter Arbeit Schulter an Schulter gestanden haben.

 Die Firma Tönnies soll in ihrem Schlacht- Firma Westfleisch in Coesfeld aufgrund sen wurde zuletzt sogar noch mehr
betrieb in Rheda-Wiedenbrück ab Mai eines Corona-Ausbruchs geschlossen. Die geschlachtet als sonst.«
die Produktion erhöht und damit die mas- Tiere, die dort nicht verarbeitet werden Tönnies bestätigt, dass man »in den
senhafte Verbreitung des Coronavirus konnten, seien nach Rheda-Wiedenbrück vergangenen Monaten« versucht habe, an
begünstigt haben. Das berichtet ein Fleisch- gekommen, so der Kontrolleur. Die mehreren Standorten »den Ausfall diver-
kontrolleur, der dort arbeitet. Es seien Beschäftigten im Zerlegebereich hätten ser Schlachtbetriebe teilweise aufzufan-
»pro Woche 10 000 Schweine mehr als zu »Schulter an Schulter« gestanden, da bei gen«. Im Werk in Rheda-Wiedenbrück
dieser Jahreszeit üblich geschlachtet« wor- solchen Produktionsmengen die Arbeits- jedoch seien vor dem Corona-Ausbruch
den, sagt der Mann, der sich anonym an schritte nur so in der geforderten Ge- mit Hunderten Infizierten die durch-
den SPIEGEL gewendet hat. Die Redak- schwindigkeit ausgeführt werden könnten. schnittlichen Mengen der Vorjahre nicht
tion konnte sich anhand von Dokumenten »Damit die Arbeiter eineinhalb Meter überschritten worden. Ein Zusammen-
von seiner Glaubwürdigkeit überzeugen. Abstand halten können, müsste das För- hang mit dem Infektionsgeschehen lässt
Anfang Mai wurde ein Schlachthof der derband halb so schnell laufen. Stattdes- sich laut Tönnies »nicht belegen«. LE

14 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


Bundeswehr Verteidigungsministeriums Alexander Neubacher Die Gegendarstellung
antreten und dort ihren

Gute Männer
Geschrumpftes Diensteid ablegen. Vergan-
Gelöbnis genes Jahr hatte neben Ver-
teidigungsministerin Anne-
 Das Verteidigungsministe- gret Kramp-Karrenbauer Fallen Frauen und Männer wegen Corona in ihre
rium muss das öffentliche (CDU) auch die Kanzlerin tradierten Rollen zurück? Davor wird gerade viel
Gelöbnis neuer Rekruten am anlässlich des 75. Jahrestags gewarnt. Die Berliner Soziologin Jutta Allmen-
20. Juli in Berlin wegen der des gescheiterten Anschlags dinger sagte, Frauen würden »eine entsetzliche
Coronakrise erheblich ein- auf Hitler durch Claus Retraditionalisierung« erfahren; sie glaube, »dass
dampfen. Aufgrund der Ab- Schenk Graf von Stauffen- wir bestimmt drei Jahrzehnte verlieren«. Für Mona
stands- und Hygieneregeln berg noch vor rund 400 neu- Küppers vom Deutschen Frauenrat stehen gar sieben
dürfen dieses Jahr nur etwas en Soldaten, ihren Familien Jahrzehnte Emanzipation auf dem Spiel: »Rolle rückwärts in
mehr als ein Dutzend ange- und vielen Ehrengästen die Fünfzigerjahre«, Grünen-Parteichef Robert Habeck sagte
hende Soldatinnen und Solda- gesprochen. Die verkleinerte im SPIEGEL: »Die Frauen bleiben mal schön zu Hause: Das
ten aus verschiedenen Teil- Gelöbnisfeier soll immerhin war doch die unausgesprochene Voraussetzung für den Shut-
streitkräften an der Zeremo- live im Fernsehen übertragen down.« Und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil beschrieb
nie auf dem Paradeplatz des werden. HAM, MGB die angebliche Lage so: »Viele Männer gehen ins Arbeitszim-
mer und schließen die Tür, um nicht gestört zu werden. Frauen
arbeiten auch im Homeoffice, kümmern sich aber zugleich um
den Haushalt und die Schulaufgaben der Kinder.«
Fall McCann aus, dass Christian B. wegen Nun kann ich nicht beurteilen, ob sich Robert Habeck zu Hau-
anderer Delikte mindestens se engagiert und welche Paare Hubertus Heil kennt. Doch in
Kein dringender bis Anfang 2021 in Haft meinem persönlichen Umfeld gab es von Anfang an Zweifel an
Verdacht bleibt«, sagt Wolters. Die der These vom Rollback. Jedenfalls bei den Männern. Dass
Ermittler hatten jüngst erneut man sich einen schlanken Fuß mache, während die Frau zwi-
 Im Vermisstenfall Made- öffentlich Zeugen gesucht. Sie schen Haushalt, Homeoffice und Kinder-
leine McCann sieht die Staats- gehen davon aus, dass B. das betreuung rotiert, wird vehement bestrit-
anwaltschaft Braunschweig Mädchen im Jahr 2007 in Por-
Männer ten. Einige sind allerdings so ehrlich zu
keine Handhabe für einen tugal verschleppt und getötet machen sich sagen: »Schön wär’s.«
Haftbefehl gegen den Beschul- hat. Der Beschuldigte verbüßt während der Inzwischen gibt es Studien. Sie bestä-
digten Christian B. Es gebe zurzeit wegen eines Drogen- tigen die These von der Rückkehr des
»derzeit keinen dringenden delikts eine Strafe in Kiel. Am
Coronakrise Patriarchats nicht. In einer Allensbach-
Tatverdacht«, sagt der Erste 16. Juli will der Europäische einen schlan- Umfrage im Auftrag des Bundesfami-
Staatsanwalt Christian Wol- Gerichtshof entscheiden, ob ken Fuß? lienministeriums sagten zwar 21 Prozent
ters. Diesen Ein- eine weitere Verur-
druck hatte bereits teilung wegen einer
Schön wär’s. der zusammenlebenden Eltern mit
betreuungsbedürftigen Kindern, die
FERRARI PRESS/ ACTION PRESS

der Verteidiger Vergewaltigung mit Arbeitsaufteilung sei ungleicher gewor-


Friedrich Fülscher dem Gesetz über den. Doch fast genauso viele, 20 Prozent, sagten das Gegen-
(SPIEGEL 27/ 2020). die Internationale teil: Seit Corona gehe es partnerschaftlicher zu. Beim Rest
Bei den Ermittlun- Rechtshilfe in Ein- hat sich nichts verändert.
gen gibt es laut klang zu bringen ist. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die Statistikerin Sabi-
Staatsanwaltschaft B. macht von sei- ne Zinn vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Für
keinen Zeitdruck. nem Schweigerecht den Corona-Monat April fand sie heraus, dass Mütter täglich
»Wir gehen davon Madeleine Gebrauch. SMS 2,3 Stunden zusätzlich mit Kinderbetreuung und eine halbe
Stunde extra mit Hausarbeit beschäftigt waren. Die Väter
kamen auf etwa 2,2 Stunden zusätzlich mit Kindern und eben-
falls eine halbe Stunde extra bei der Hausarbeit. Die Daten
Nachgezählt deuteten auf eine »im Durchschnitt gleichmäßige Aufteilung
Ökologische Landwirtschaft in Deutschland, Anteil an der
gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche
der Mehrbelastung zwischen Männern und Frauen hin«, so
die Statistikexpertin.
Quellen: Statistisches
Und schließlich hat auch die Forschungsstelle der Bundes-
Bundesamt, BÖLW, BMEL agentur für Arbeit ein paar Zahlen an Hubertus Heil geliefert,
2019: die seiner Story von den Drückebergern widersprechen. Dem-

10 %
2005:
nach verringerten Väter wegen Corona ihre Arbeitszeit um
5% durchschnittlich 5,7 Stunden pro Woche, Mütter hingegen nur
um 2,6 Stunden, also deutlich weniger. Auch wenn man fairer-
weise sagen muss, dass Frauen häufiger in Teilzeit sind.
Nun wird niemand bestreiten, dass es bis zur Gleichstellung
396 600 landwirtschaftliche in einigen Bereichen noch ein weiter Weg ist. Doch für den
Betriebe, davon wirtschafteten angeblichen Rückfall sehe ich bislang keinen Beleg. Nicht die
17020 ökologisch. 266000 landwirtschaftliche
Betriebe, davon wirtschafteten Männer sind von gestern, sondern die Geschichten, die Talk-
33698 ökologisch. showexperten und politische Opportunisten über sie verbreiten.

An dieser Stelle schreiben Markus Feldenkirchen und Alexander Neubacher


im Wechsel.

15
AfD Umwelt die sagen, dass diese Anlagen wirkungs-
Ziemlich rechte Freunde voll sind, sage ich: Dann lasst sie uns
»Ideologische doch ausprobieren! Interessanterweise
 Der Präsident des AfD-Landes- Fragestellungen« sagt die Deutsche Umwelthilfe bei techni-
schiedsgerichts Sachsen-Anhalt, Peter schen Lösungen immer, so war es aber
Günther, umgab sich bei Facebook mit Schleswig-Holsteins Verkehrs- nicht gedacht.

C. REHDER/ DPA
dubiosen Kontakten – und verbreitete minister Bernd Buchholz, SPIEGEL: Tatsächlich zielt die EU-Richt-
antisemitische Verschwörungstheorien. 58 (FDP), zur gerichtlichen linie nicht darauf ab, Stickstoffdioxid aus
Über Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Aufforderung, nach jahre- der Luft zu filtern – auch wenn Stuttgart
schrieb der AfD-Mann etwa, sie sei langem Überschreiten der dies ebenfalls probiert –, sondern Abgase
Jüdin und wolle den Hooton-Plan Abgasgrenzwerte in Kiel zügig für bessere zu reduzieren. Ist es nicht ein verkehrs-
durchsetzen, also die deutsche Bevölke- Luft in der Landeshauptstadt zu sorgen politisches Armutszeugnis, gesundheits-
rung gegen Ausländer austauschen. Zu schädliche Abgaskonzentrationen zu
seinen Facebook-Kontakten zählte bis SPIEGEL: Ihr grüner Umweltminister- produzieren?
zur SPIEGEL-Anfrage auch der Anti- Kollege Jan Philipp Albrecht hat bereits Buchholz: Worum geht es uns? Geht es
semit und Pegida-Redner »Curd Schu- von Fahrverboten für ältere Diesel-Pkw uns um den Gesundheitsschutz der Men-
macher«. Eines seiner Postings kom- geredet, nachdem das Oberverwaltungs- schen, die dort wohnen? Dann ist jedes
mentierte Günther: »Anruf genügt und gericht jetzt den Luftreinhalteplan der Herausfiltern eine sinnvolle Sache. Oder
ich komme«. Auch mit Sigrid Schüßler, Landesregierung für ungeeignet erklärt geht es uns um sehr grundsätzliche, teils
Ex-Bundesvorsitzende des »Ring Natio- hat. Was sagt der liberale Verkehrsminis- ideologische Fragestellungen? Dann müs-
ter dazu? sen wir die so beantworten wie die Deut-
Buchholz: Das Gericht hat ausdrücklich sche Umwelthilfe.
die Revision zugelassen gegen seine eige- SPIEGEL: Die DUH-Umweltschützer
ne Entscheidung. Deshalb warten wir haben sich mit einigen Kommunen –
erst einmal die Urteilsbegründung ab. jüngst mit Köln und Wuppertal – außer-
Der Kollege Umweltminister und ich sind gerichtlich geeinigt, statt auf Fahrverbote
uns einig, dass, wenn es dafür Anhalts- zu pochen. Voraussetzung waren schlüs-
punkte gibt, wir zunächst Revision einle- sige Verkehrskonzepte, mit mehr Rad-
gen werden. Mal sehen, ob diese Ent- spuren, ÖPNV, Elektrobussen. Für Sie
scheidung dann auch höchstrichterlich keine Option?
bestätigt wird. Buchholz: Da müssen Sie Kiels Ober-
SPIEGEL: Geklagt hatte die Deutsche bürgermeister fragen, ich bin in diesem
FACEBOOK

Umwelthilfe (DUH), die die Reinigungs- Verfahren nur am Rande tätig. Meine
kraft der geplanten Luftfilteranlagen Meinung: Wenn die DUH ernsthaft an
Günther anzweifelt. Die Richter geben der DUH solchen Gesprächen Interesse zeigte –
recht. War das nicht abzusehen? warum nicht? Den Verkehrsminister des
naler Frauen«, einer NPD-Organisation, Buchholz: Nein. Es gibt dazu einen Gut- Landes interessiert durchaus, auch in
war der AfD-Mann befreundet. Ebenso achterstreit, den das OVG nicht berück- der Stadt Kiel den Anteil des öffentlichen
war er dies längere Zeit mit Andy Kna- sichtigen wollte. Wenn es Gutachten gibt, Personennahverkehrs zu erhöhen. AB
pe, heute Hoffmann, Ex-Bundesvorsit-
zender der NPD-Jugend. Auf Anfrage
schrieb Günther, er akzeptiere bei Face-
book »jeden als Freund, der nicht völlig Chappattes Welt
komisch wirkt«. Er distanziere sich aber
von »NPD-Funktionären u. ä.« und sei
dankbar für die Hinweise, die Kontakte
habe er nun gelöscht. Günther weiter:
»Zugleich werde ich aber keine vernünf-
tigen Vorschläge ablehnen, nur weil sie
von einer anderen Partei stammen.«
Seine Posts zum Hooton-Plan verteidigt
Günther mit Hinweis auf eine »histori-
sche Parallele« zur deutschen Flücht-
lingspolitik. Die Verschwörungserzäh-
lung gründet auf den US-Anthropolo-
gen Earnest Hooton, der im Zweiten
Weltkrieg anregte, den Nationalsozia-
lismus durch Ansiedlung Nichtdeut-
scher zu bekämpfen. Der AfD-Lan-
desvorsitzende Martin Reichardt will
Günther wegen der SPIEGEL-Anfrage
auf der nächsten Vorstandssitzung zur
Rede stellen, äußert sich aber nicht
zum Fall, sondern sagt nur: »Für Anti-
semiten und Extremisten ist in der AfD
kein Platz.« AKM, RHO, TIL

16
Rechtsterrorismus terer Männer vor, Anschläge
Bekiffter Krieger auf mehrere Moscheen
geplant zu haben. Während
 Gegen einen mutmaßlichen einer bundesweiten Razzia
Unterstützer der rechtsextre- bei mutmaßlichen Anhängern
men Terrorzelle »Gruppe S.« der »Gruppe S.« hatten Fahn-
wird wegen Drogenbesitz in der Anfang des Jahres zahlrei-
nicht geringer Menge ermit- che Waffen und Sprengkörper
telt. Der als Gefährder einge- sichergestellt. Auf W.s Handy

BERT BOSTELMANN/ BILDFOLIO


stufte »Reichsbürger« Thors- fanden Beamte zudem bizarre
ten W., bis zu seiner Festnah- Videos aus seinem Badezim-
me Verwaltungsmitarbeiter mer, in dem der Mann seine
im Polizeipräsidium im nord- Ehefrau und deren erwachse-
rhein-westfälischen Hamm, ne Tochter offenbar heimlich
bunkerte in seiner Wohnung gefilmt hatte. Die Kamera war
knapp 170 Gramm Marihua- in einem Radiowecker ver-
na und 17 Joints. Staatsschüt- steckt. Ermittelt wird gegen
zer des Landeskriminalamts W. nun auch wegen des Ver- Die Augenzeuginnen
Baden-Württemberg und der dachts der Verletzung des
Polizei Dortmund entdeckten
die Drogen bei einer Durch-
suchung. Einen Teil des
höchstpersönlichen Lebens-
bereichs durch Bildaufnah-
men. In seiner Freizeit pflegte
»Auf Platz eins gelandet«
Rauschgifts lagerte W. in Tüt- Thorsten W. einen Hang zu Elke Roos, 49, und Taina Kammritz, 28, haben
chen verpackt im Arbeitszim- nordischem Brauchtum. Im viele Jahre daran gearbeitet, ihr Freibad zu retten –
mer. Er sitzt seit Februar Internet postete er Fotos, die jetzt hat es tatsächlich geklappt.
wegen Terrorverdacht in ihn als germanischen Krieger
Untersuchungshaft. Die Bun- zeigen. Sein Anwalt ließ eine  Im Juni, auf den Tag genau 15 Jahre nach der Gründung
desanwaltschaft wirft ihm Anfrage zu den Vorwürfen unseres Fördervereins, hat der Verbandsgemeinderat
und rund einem Dutzend wei- unbeantwortet. ROL die Sanierung unseres Freibads in Gemünden im Hunsrück
beschlossen. Für mehr als 3,5 Millionen Euro! Und das,
nachdem Lokalpolitiker das Bad vor fünf Jahren aufgegeben
hatten und schließen wollten. Wir haben schon als Kinder
Klimapolitik den Sommer in diesem Bad verbracht, und wir tun es immer
SPD prüft noch, das ist unser Urlaub. Unser Verein – wir haben rund
200 Mitglieder und sind selbst die Vorsitzenden – hat damals
Kohlevertrag eine Demo bis vor das Rathaus organisiert, alle Mann hoch,
vom Kleinkind bis zu Oma und Opa. Danach beschloss der
 Die SPD-Bundestagsfrak- Rat, das Bad im Notmodus weiterzubetreiben. Langfristig
tion knüpft ihre Zustimmung hätte das den Tod des Bades bedeutet. Das Becken leckt, die
zu den Entschädigungssum- Ränder sehen aus wie kariöse Zahnreihen.
OLIVER TJADEN

men für die Betreiber von Wir haben damals Geld gesammelt und dem Rat 40 000 Euro
Braunkohlekraftwerken an auf den Tisch gelegt. Kinder haben ihre Sparschweine ge-
Bedingungen. »Wir werden schlachtet, Handwerksfirmen Portokassen geplündert. Vergan-
die Angemessenheit der Ent- Braunkohletagebau genes Jahr haben wir selbst für den Verbandsgemeinderat
schädigungen genau prüfen«, kandidiert in der Hoffnung, es würde noch einmal über das
sagt der SPD-Fraktionsvize Expertisen zur Verfügung zu Freibad abgestimmt. Wir sind jetzt als Mitglieder der Freien
Matthias Miersch. Bedenken stellen. Darin geht es um die Wähler im Rat. Zu unserer Freude hat dann die größte Fraktion,
hegt seine Partei vor allem Frage, ob die vereinbarten die CDU, beantragt, die Mittel zur Sanierung des Freibads
bei den 1,75 Milliarden Euro, Zeitpunkte zur Schließung Gemünden zu prüfen. Unser Bad landete im Sportstättenbeirat
die der Konzern Leag für von Braunkohletagebauen auf Platz eins! Sogar das Land Rheinland-Pfalz gibt dafür
die Schließung seiner ost- nicht Terminen entsprechen, Geld, aber auch unser Verein. Hoffentlich macht unser Erfolg
deutschen Kraftwerke und die schon vor Jahren in auch den vielen anderen Bürgervereinen in Deutschland
Kohlegruben erhalten soll. Geschäftsunterlagen genannt Mut, die um ihre Freibäder kämpfen. Es steht ja überall schlecht
Der entsprechende Vertrag wurden. In diesem Fall wären um diesen Freizeitspaß, weil die Kommunen klamm sind.
zwischen Regierung und möglicherweise keine oder Unser Schwimmbad liegt in einer Waldlichtung. Im Laufe
Energiekonzernen stand am deutlich weniger Entschädi- seines Lebens rotiert man darin: vom Planschbecken als Kind
Freitag, nach Redaktions- gungen fällig. Der Vertrag zum Nichtschwimmerbecken zum Volleyballplatz der Jugend-
schluss, im Bundestag zur sollte nach Vorstellungen Alt- lichen. Zurzeit haben andere Bäder noch geschlossen, weil
Abstimmung. maiers ohne Zustimmung des die Corona-Hygieneauflagen sie überfordern. In Gemünden
»Wir werden uns dazu die Parlaments nur zwischen sei- helfen viele ehrenamtlich mit, um sie einzuhalten. Inzwischen
Gutachten von Wirtschafts- nem Haus und den Konzer- können wieder 500 Menschen am Tag kommen. Das neue
prüfern ansehen«, sagt nen geschlossen werden. Bad ist für 1500 Besucher ausgelegt. Es ist etwas kleiner als
Miersch, der bei Wirtschafts- Dagegen hat sich die SPD das alte: Es wird zwei Bahnen weniger haben und keinen
minister Peter Altmaier erfolgreich gewehrt. Das Ab- Sprungturm. Das ist ein Wermutstropfen: Als Kinder sind
(CDU) verlangt hat, die bis- kommen ist ein wichtiger Bau- viele von uns um die Wette Arschbomben gesprungen.
lang geheim gehaltenen stein des Kohleausstiegs. GT Aufgezeichnet von Annette Bruhns

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 17


So gesehen

Aus seiner Hand


Sigmar Gabriels Tönnies-Job
muss Konsequenzen haben
 Wenn es stimmt, dass Sigmar Gabriel
sich von März bis Mai 2020 für 10 000
Euro pro Monat plus Reisespesen vom
Fleischfabrikanten Clemens Tönnies als
Lobbyist hat bezahlen lassen, dann
wirft das ernste Fragen auf.
Zunächst: warum so kurz? Braucht
ein Land, in dem jeder und jede pro
Jahr etwa 60 Kilogramm Fleisch ver-
zehrt, nicht eine dauerhafte Fleischinte-
ressenvertretung, die nicht ausgerech-
net dann ausfällt, wenn es ungemütlich
wird? Warum bekommt ein ehemaliger
Parteichef und mehrfacher Bundes-

KAY NIETFELD/ DPA


minister nur 10 000 Euro? Sind seine
Kontakte nicht mehr wert? Am wich-
tigsten aber: Was geschieht nun mit
Gabriel?
Zuletzt war Gabriel als Mitglied in Abiturverleihung in Berlin
den Aufsichtsrat der Deutschen Bank
eingezogen. Das kann er nicht bleiben. Schulunterricht lungsforschung der TU Dortmund. Un-
Sein Tönnies-Engagement beweist – Besseres Abi trotz Corona bewusst könnte es aber auch eine Art
Gabriel ist fähig, geradezu abstoßende »Corona-Bonus« bei der Bewertung gege-
Geschäftsmethoden nicht nur zu tole-  Schulforscherinnen halten die Qualität ben haben – etwa durch den Wegfall der
rieren, sondern aktiv zu befördern. Mit des digitalen Schulunterrichts wegen der externen Benotung von Abiturarbeiten
dieser Qualifikation muss er Aufsichts- Pandemie nicht zwingend ursächlich für durch Lehrkräfte anderer Schulen. Die
ratsvorsitzender der Bank werden. die Qualität der Noten. Mehrere Bundes- Mannheimer Bildungsforscherin Meike
Auch sollte der länder hatten gemeldet, dass Abiturien- Bonefeld hält unbewusste »Kontrast-
Warum be- Chefposten des Ver- ten und Abiturientinnen in diesem Jahr effekte« für eine der denkbaren Erklärun-
kommt ein bands der Auto-
mobilindustrie noch
bessere Durchschnittsnoten als zuvor
erzielten. So lag der Wert in Berlin bei
gen: »Wenn eine Lehrkraft schlechtere
Leistungen wegen der Corona-Umstände
ehemaliger mal neu vergeben 2,3 (2019: 2,4), in Hamburg bei 2,36 erwartet, dann aber eine normal gute
Parteichef werden – an ihn. (2019: 2,42). »Dass die Jugendlichen Klausur bekommt, dann wird die Leis-
Weitere Tätigkeiten durch Corona wochenlang zu Hause tung möglicherweise als deutlich besser
und Bun- ergeben sich zwin- saßen und weder durch die Schule noch eingeschätzt und entsprechend auch bes-
desminister gend: Chefatomlob- durch irgendwelche Freizeitaktivitäten ser benotet.« Wie sich der Abiturdurch-
nur 10 000 byist, Chefwaffen- abgelenkt wurden, könnte durchaus uner- schnitt bundesweit entwickelt hat, ist
lobbyist, Sonderbot- wartete Konzentrations- und Lerneffekte noch unklar: In Bayern, Baden-Württem-
Euro? schafter der Opec, ermöglicht haben«, sagt Nele McElvany, berg und Thüringen sind noch nicht alle
des IOC und der Professorin am Institut für Schulentwick- Abschlussprüfungen abgeschlossen. HIM
Trump Organization. Der Posten bei
Gazprom ist derzeit besetzt, aber
sobald er frei würde, hätten wir den
Idealzustand erreicht – Lobbyismus aus Gesellschaft Sicherheit für diese Bezugspersonen. So
einer Hand. Das umstrittene Lobby- Neue Familienbande sollen auch Menschen das »kleine Sorge-
transparenzgesetz wäre auch nicht recht« erhalten können, die nicht Eltern
mehr nötig: Macht eh alles Gabriel.  Die Grünen fordern eine Modernisie- im biologischen oder rechtlichen Sinne
Und er selbst hätte erreicht, was ihm rung des Familienrechts. In einem Antrag sind. Das kleine Sorgerecht räumt ein
die Politik so lange verweigert hat – die schlägt die Bundestagsfraktion vor, die Entscheidungsrecht in Angelegenheiten
Macht im Land. Stefan Kuzmany sogenannte soziale Elternschaft rechtlich des täglichen Lebens ein. Außerdem soll
abzusichern. Als »soziale Eltern« werden nach Vorstellung der Grünen dem sozia-
Stiefeltern oder andere Bezugspersonen len Elternteil, der für den Unterhalt eines
bezeichnet, die sich in stabiler, verläss- Kindes aufkommt und mit ihm zusam-
licher Beziehung um ein Kind kümmern, menlebt, die Übertragung des Kinderfrei-
aber nicht beispielsweise seine Erzeuger betrags gewährt werden. »In Stiefkind-,
sind. Da für ein Kind das »(bluts-) ver- Patchwork- und Regenbogenfamilien
wandtschaftliche Verhältnis nicht an ers- sind soziale Eltern wichtige Wegbegleiter
ter Stelle« stehe, wie es im Antrag heißt, für die Kinder«, sagt Katja Dörner, Spre-
fordern die Grünen mehr rechtliche cherin für Familienpolitik. HEY

18 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


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Coronakrise

»Hätten wir schon früher


Schutzmasken kaufen sollen?
Ja, natürlich«
SPIEGEL-Gespräch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) über seine
Versäumnisse und die Lehren aus der Coronakrise, sein Verhältnis zu Markus Söder
und die Frage, ob wir uns auf eine zweite Viruswelle vorbereiten müssen

ANDREAS CHUDOWSKI/ DER SPIEGEL

20
SPIEGEL: Herr Minister Spahn, Sie sind Spahn: Nein, der Kampf gegen dieses Vi- SPIEGEL: In vielen Fragen hat sich die Mei-
im Mai 40 Jahre alt geworden und wollten rus ist ein Teamspiel. Wir können es nur nung der Bundesregierung aber irritierend
das groß feiern. Sie mussten das Fest we- eindämmen, wenn viele Millionen Men- geändert. Zuerst hatte es geheißen, das
gen Corona verschieben. Wann holen Sie schen Abstand halten und aufeinander im Tragen von Masken bringe nicht viel.
es nach? Alltag achten. Das gilt auch fürs Regieren. Dann kam die Maskenpflicht für viele Be-
Spahn: Im Mai 2021. Wenn wir verlässlich und koordiniert zu- reiche des öffentlichen Lebens.
SPIEGEL: Sie rechnen also damit, dass wir sammenarbeiten, dann sind wir stärker als Spahn: Das lag daran, dass wir neue Er-
im nächsten Jahr vollständig in die Nor- mancher Zentralstaat. kenntnisse gewonnen haben. Am Anfang
malität zurückgekehrt sind? SPIEGEL: Söder schlägt nun kostenlose Co- der Coronakrise hieß es, die Viren befän-
Spahn: Ich bin jedenfalls relativ sicher, rona-Tests für alle vor. Sie haben das scharf den sich nur in der Lunge. Dann haben
dass wir im Mai nächsten Jahres wissen, kritisiert. Was haben Sie dagegen? wir gelernt, dass sie vor allem im Rachen-
wie man Geburtstag feiert, ohne sich ei- Spahn: Eine gute Freundschaft hält auch raum sind – das Ansteckungsrisiko also
nem zu hohen Infektionsrisiko auszuset- mal einen Meinungsunterschied aus. Vor deutlich größer ist. Das ändert natürlich
zen. Wir lernen jeden Tag, besser mit die- vier Wochen wurde noch flächendeckend alles. Wenn die Wissenschaft ihre Positio-
sem Virus umzugehen. Schauen Sie nur, bei Tönnies getestet, da gab es kaum mehr nen weiterentwickelt, ist das ganz normal.
wie wir heute leben im Vergleich zur Si- als ein Dutzend Infizierte. Vier Wochen Das gilt auch für die Frage, wie ansteckend
tuation im März. später waren es 1500. Das zeigt: Jeder Test Kinder sind. Wenn die Politik daraus neue
SPIEGEL: Warum feiern Sie Ihren Geburts- ist nur eine Momentaufnahme. Sie können Schlussfolgerungen zieht, löst das Irrita-
tag nicht schon im Herbst nach? Fürchten negativ getestet werden, steigen danach tionen aus. Umso wichtiger ist es, dass wir
Sie eine zweite Welle? in die U-Bahn und stecken sich an. Ein ständig erklären, was wir warum tun.
Spahn: Das Virus ist noch da. Das sehen Test darf nicht in falscher Sicherheit wie- SPIEGEL: Waren die flächendeckenden
wir jeden Tag an den vielen lokalen und gen, darum geht es mir. Kita- und Schulschließungen denn falsch?
regionalen Ausbrüchen. Die Frage ist: Spahn: Es geht nicht darum, zu sagen: Die-
Kommt noch mal ein größerer? Das kann se Entscheidung war rückblickend falsch.
niemand mit Sicherheit sagen. Aber wenn
die Infektionszahlen wieder steigen sollten,
Krisengewinner Sondern darum, was wir das nächste Mal
besser machen. Der Beschluss der Minister-
Anteil der Bundesbürger, die mit der
sind wir noch besser vorbereitet als im Fe- präsidentenkonferenz am 12. März war:
Arbeit von Gesundheitsminister Jens
bruar. Wir haben mehr Testkapazitäten und Spahn »sehr zufrieden« oder »zufrieden«
Schulen und Kitas dort zu schließen, wo es
ausreichend Schutzmasken. Wir steuern un- sind ein dynamisches Infektionsgeschehen gibt.
sere Intensivkapazitäten besser und werden April SPIEGEL: Die Realität sah anders aus. Kurz
nicht mehr alle planbaren Operationen ver- Mai Juni darauf waren nicht an einigen Orten, son-
60
schieben müssen. Der Schlüssel zum Erfolg Februar März 56 57 dern bundesweit Schulen und Kitas dicht.
2020 51
sind aber vor allem die Bürgerinnen und Spahn: Schon wenige Tage später war das
44 %
Bürger, die aus Überzeugung mitmachen. der Fall, ja.
Wir geben im Alltag mehr aufeinander acht. SPIEGEL: Wie kann die Politik solche Ent-
SPIEGEL: Müssen Sie als Gesundheits- Umfragen: Infratest dimap für ARD-Deutsch-
landtrend, jeweils über 1000 Befragte
scheidungen treffen, wenn klar ist, dass
minister zweimal überlegen, was Sie tun, man vieles gar nicht sicher weiß?
weil Sie unter besonderer Beobachtung Spahn: Nichts zu entscheiden wäre in so
stehen? einer Lage die schlechteste aller Lösungen.
Spahn: Die Bürger erwarten zu Recht, SPIEGEL: Ihr Veto hat nichts mit den Kos- Wir mussten entscheiden, um das Infek-
dass der zuständige Minister die Regeln ten oder fehlenden Kapazitäten zu tun? tionsrisiko zu reduzieren. Und gleichzeitig
besonders gut einhält. Umso mehr ärgere Spahn: Nein. Umfassende, flächendecken- erinnere ich mich an den Tag zuvor, als
ich mich, wenn das einmal nicht gelingt. de Tests sind regional sinnvoll, um sich bei die Bundeskanzlerin und ich in der Bun-
SPIEGEL: Wie im April, als Sie sich mit einem Ausbruch schnell einen Überblick despressekonferenz waren. Da habe ich
dem hessischen Ministerpräsidenten ohne zu verschaffen. Für das Infektionsgesche- gesagt, dass das Schließen von Schulen
Abstand in einen vollen Aufzug drängelten hen insgesamt ist die Aussagekraft von und Kitas massive Auswirkungen auf be-
und dafür mehrere Anzeigen kassierten. Massentests aktuell leider gering. rufstätige Eltern hat.
Spahn: Ich stand im Fahrstuhl, als er sich SPIEGEL: Es fällt aber auf, dass Markus SPIEGEL: Sie haben sich in den Runden
immer weiter füllte. So eine Situation Söder mit seinen Vorschlägen meist durch- im Kanzleramt aber nicht explizit gegen
kennt jeder aus dem Alltag. Aber einem kommt, während Ihre Initiativen oft als die Schulschließungen ausgesprochen.
Gesundheitsminister darf das nicht passie- Rohrkrepierer enden. Ihre Vorstöße, Handy- Spahn: Ich habe sehr für den Beschluss ge-
ren. Das stimmt. daten zur Infektionsverfolgung zu nutzen worben, der am Ende getroffen wurde.
SPIEGEL: Verfluchen Sie es manchmal, das oder einen Immunitätsausweis einzuführen, SPIEGEL: Sie fordern eine parlamentari-
öffentliche Gesicht der Krise zu sein? mussten Sie zurücknehmen. Hatten Sie die sche Aufklärung über alles, was in der Co-
Spahn: Es gibt ja mehrere Gesichter der falschen Ideen? ronakrise entschieden wurde. Werden Sie
Krise. Es ist doch klar, dass der Gesund- Spahn: Was sollen uns solche Aufrechnun- sich vor einem Untersuchungsausschuss
heitsminister in einer Gesundheitskrise im gen bringen? Die Krise ist kein Wettbewerb. verantworten müssen?
Rampenlicht steht. Viel mehr als solche Es gibt eingängige Vorschläge, zum Beispiel Spahn: Ich werbe dafür, dass wir zusam-
persönlichen Fragen hat mich in den ver- das Abstandhalten, da müssen Sie nicht men mit dem Parlament diese Krise aufar-
gangenen Wochen beschäftigt, welche Aus- viel diskutieren. Und dann gibt es komple- beiten. Allerdings weniger mit Fragen wie:
wirkungen unsere Entscheidungen auf den xe Themen, etwa die Frage: Wie gehen wir Warum waren zu Beginn nicht genügend
Alltag und das Leben von Millionen Men- mit einem Impfstoff um? Oder wie ist das Masken da? Sondern: Was tun wir, damit
schen haben. Verhältnis zwischen Datenschutz und In- bei der nächsten Krise genug da sind?
SPIEGEL: Inzwischen hat Markus Söder fektionsschutz? Darüber auch mal kontro- SPIEGEL: Welche Ihrer Fehler kämen zum
Ihnen in der Öffentlichkeit den Rang als vers zu debattieren ist richtig. Auch wenn Vorschein?
wichtigster Krisenmanager abgelaufen. der SPIEGEL notwendige Debatten dann Spahn: Es geht um Lehren. Hätten wir
Nervt Sie sein forsches Auftreten? Rohrkrepierer nennt. schon früher beginnen sollen, Schutzmas-

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 21


Coronakrise

ken zu kaufen? Ja, natürlich. Habe ich SPIEGEL: Und wie viele der Händler war- SPIEGEL: Ihre große Hoffnung ist die Co-
mich damals bewusst dagegen entschie- ten noch auf ihr Geld? rona-Warn-App. Wird sie in ihrer abge-
den? Nein. Es ist im Januar oder vor einem Spahn: Wenn die Qualität stimmt, zahlen speckten Form wirklich helfen können,
Jahr auch niemand zu mir gekommen und wir zügig. Allerdings war das nicht immer einen neuen Ausbruch zu verhindern?
hat gesagt, wir sollten jetzt Schutzmasken der Fall. Der Ausfall lag im Durchschnitt Spahn: Die App ist ein Werkzeug von vie-
kaufen. bei über 20 Prozent. Es gab sogar Liefe- len, um neue Ausbrüche einzudämmen.
SPIEGEL: Es gibt Unternehmer, die Sie be- rungen, die waren gar nicht zu gebrauchen. Sie ist kein Allheilmittel. Wir müssen trotz-
reits Anfang Februar auf den drohenden Ich kann nicht verantworten, viel Steuer- dem weiter aufeinander acht geben, Ab-
Maskenmangel hingewiesen haben. geld für diese Produkte zu überweisen, stand halten, Alltagsmaske tragen, Hygie-
Spahn: Ja, ich habe das nachvollzogen. ohne sie überprüft zu haben. neregeln einhalten.
Wir haben die Mail damals weitergeleitet SPIEGEL: In dieser Woche hat der AOK- SPIEGEL: Allerdings besteht die Gefahr,
ans Beschaffungsamt der Bundeswehr. Bundesverband berichtet, dass die Zahl dass nur diejenigen Menschen die App nut-
Jetzt kann man fragen, ob ein staatliches der behandelten Herzinfarkte in den Kli- zen, die sich ohnehin vorsichtig verhalten.
Beschaffungsamt die richtige Antwort auf niken im März und April um 31 Prozent Spahn: Dafür habe ich keine Belege. Ich
den Materialmangel war. Die Antwort ist: zurückgegangen ist. Vermutlich haben sich weiß aber, dass die App inzwischen über
Nein. Daraus können wir lernen für das Patienten aus Angst vor dem Virus nicht 14 Millionen Mal auf Handys geladen wur-
nächste Mal. mehr in die Kliniken getraut. Werden am de – und damit häufiger als ähnliche Apps
SPIEGEL: In Ihren ersten beiden Jahren Ende mehr Menschen wegen Corona statt in allen anderen EU-Ländern zusammen.
als Gesundheitsminister waren Sie sehr an Corona gestorben sein? SPIEGEL: Wie viele Infektionen wurden
streitlustig. Zu Beginn der Coronakrise er- Spahn: Das kann heute noch niemand ab- inzwischen in der App eingetragen?
lebte das Land dann einen ganz anderen schließend beantworten, das muss ausge- Spahn: Wir gehen von rund 300 Infektio-
Jens Spahn: den zurückhaltenden Minister, wertet werden. Aber ich war alarmiert, als nen aus, die bislang per App gemeldet wur-
der zu »Gelassenheit« aufruft. ich im Frühjahr die Uniklinik Gießen be- den. Das ist die Zahl der Verschlüsselungs-
Spahn: Dem Wort »Gelassenheit« hatte ich Codes, die von der Hotline ausgegeben
ein Adjektiv vorangestellt: »aufmerksame wurden, um andere zu warnen. Mehr wis-
Gelassenheit«. Heute würde ich eher »Be-
sonnenheit« benutzen, aber ich habe vom
»Wir werden in sen wir aus Datenschutzgründen nicht.
SPIEGEL: Sie haben erzählt, dass Sie täg-
ersten Tag an gesagt, dass ich dieses Virus
sehr ernst nehme. Als Corona dann Japan
Zukunft häufiger lich notieren, was Sie bei der nächsten Pan-
demie besser machen wollen. Was steht
und Thailand erreichte, wussten wir, dass mit Pandemien denn ganz oben auf Ihrer Liste?
es auch in Europa ankommen würde. Und Spahn: Dass es nicht reicht, Pläne zu
wir wollten eine Ausbreitung bei uns so rechnen müssen.« haben. Wir müssen sie auch regelmäßig
lange wie möglich verzögern, bis die Grip- üben – so wie beim Brandschutz. Das
pewelle überstanden ist. Das hat geklappt. fängt schon damit an, dass das Robert
SPIEGEL: Aber erst vier Wochen nach dem suchte und Ähnliches hörte. Deswegen Koch-Institut und die Gesundheitsämter
ersten Fall in Deutschland haben Sie mit werbe ich seit Anfang Mai dafür, dass die vor Ort die Zusammenarbeit künftig so
Innenminister Horst Seehofer einen ge- Kliniken wieder in den Regelbetrieb zu- verstetigen, dass im Ernstfall sofort alles
meinsamen Krisenstab gegründet. Warum rückkehren. reibungslos klappt.
hat das so lange gedauert? SPIEGEL: Hat die Politik nicht auch selbst SPIEGEL: Kann man überhaupt auf alles
Spahn: Strukturen gab es vorher schon. dazu beigetragen, Angst zu verbreiten? vorbereitet sein?
Im Gesundheitsministerium hatten wir be- Die Kanzlerin fragte Mitte März in ihrer Spahn: Wir können nicht alle Situationen
reits einen Krisenstab. Das Robert Koch- Fernsehansprache: Wie viele geliebte Men- vorhersehen, das kann keine Gesellschaft.
Institut war beauftragt, Bund und Länder schen werden wir verlieren? Aber die Vorsorge geht strukturierter, vor
zu koordinieren. Und ich habe die Länder Spahn: Wenn die Vorwegnahme dessen, allem bei Gesundheitsrisiken.
gebeten, ihre Pandemiepläne zu aktivie- was passieren könnte, dazu führt, dass wir SPIEGEL: Was meinen Sie konkret?
ren. Aber erst seit dem Ausbruch in Heins- unser Verhalten ändern, dann ist das doch Spahn: Für Finanzrisiken gibt es seit der
berg konnten die Infektionsketten nicht ein guter Effekt! Ich sehe nicht, dass wir Eurokrise in Europa Mechanismen und
mehr nachvollzogen werden. grundlos Angst verbreitet hätten. Mich ha- Strukturen. Für Sicherheitsrisiken gibt es
SPIEGEL: Trotzdem mangelte es in Klini- ben die Bilder aus Italien sehr beschäftigt. die Nato und andere Kooperationen. Aber
ken, Heimen und Praxen anfangs so sehr Dass man die Älteren von Beatmungsge- für Gesundheitsrisiken fehlt das. Da brau-
an Schutzausrüstung, dass die Versorgung räten getrennt hat, um die Jüngeren zu ret- chen wir neue Strukturen – in Europa, auf
gefährdet war. ten. Wir haben gemeinsam erreicht, dass nationaler Ebene und bei den Gesund-
Spahn: Deshalb sind wir als Bund ein- es dazu bei uns nicht kommen musste. heitsbehörden vor Ort. Das ist in meinen
gesprungen, obwohl das nicht unsere Auf- Augen das Wichtigste.
gabe war. Erst im Juni haben wir die aktive SPIEGEL: Auf welche Gefahren muss sich
Beschaffung zurückgefahren. Das Wirt- das Land denn künftig einstellen?
schaftsministerium reizt jetzt die inländi- Spahn: Experten warnen zunehmend
ANDREAS CHUDOWSKI/ DER SPIEGEL

sche Maskenproduktion an und hat das auch vor Bakterien. Wenn die Resistenzen
Thema übernommen. gegen Medikamente zunehmen, sind diese
SPIEGEL: Ist das leidige Maskenproblem Szenarien mindestens so erschreckend wie
denn jetzt endlich gelöst? die zu neuen Viren. Wir werden in Zukunft
Spahn: Wir haben bereits 700 Millionen häufiger mit Pandemien rechnen müssen.
Masken ins Land geholt und davon schon Auch der Bioterrorismus ist eine reelle
400 Millionen verteilt. Gefahr.
SPIEGEL: Das Land teilt sich derzeit in
* Mit den Redakteuren Cornelia Schmergal und Martin Spahn beim SPIEGEL-Gespräch* zwei Lager, Team Laschet und Team Sö-
Knobbe in Spahns Ministerbüro in Berlin. »Einem Minister darf das nicht passieren« der – die Lockerer und die Hardliner in

22
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich denn
die derzeitige Popularität von Markus
Söder?
Spahn: Erst mal freut es mich für ihn. Die
Art, wie er das macht, führt dazu, dass vie-
le Menschen ihm in der Krise vertrauen.
Die Union profitiert von allen, die Verant-
wortung tragen. An Karneval lagen wir in
Umfragen um die 25 Prozent, da hätte
doch niemand gedacht, dass wir wenige
Monate später 38 Prozent erreichen.
Wenn man heute fragt, welchen Parteien
trauen Sie die richtigen Konzepte für das
Land zu, sind wir mit Abstand vorn. Das
ist das Werk von allen.
SPIEGEL: Könnte auch ein CSU-Chef
Kanzlerkandidat werden?
Spahn: Natürlich, das gab es in der Bun-
desrepublik schon zweimal ...
SPIEGEL: ... zweimal ist es schiefgegangen.
Spahn: Die Frage, wer Kanzlerkandidat
der Union wird, werden CDU und CSU
gemeinsam zu gegebener Zeit klären. Jetzt
steht erst einmal die Frage an, wer Vorsit-
zender der CDU wird. Zuallererst geht es
für mich aber darum, wie gut wir durch

CHRISTIAN MANG
die nächsten Wochen dieser Pandemie
kommen. Bis zum Parteitag sind es noch
fünf Monate. Und die Bürger haben der-
zeit ganz andere Fragen als die, wer Vor-
Protestierende gegen Schulschließung: »Nichts zu entscheiden wäre die schlechteste Lösung« sitzender der CDU wird.
SPIEGEL: Sie unterschätzen das Interesse
an Ihrer Partei, die seit anderthalb Jahr-
der Coronakrise. Auf welcher Seite wür- SPIEGEL: Anders als Söder konnte Laschet zehnten die Kanzlerin stellt.
den Sie sich verorten? in Umfragen nicht profitieren. Sie sind of- Spahn: Wir sollten nicht den Fehler ma-
Spahn: Diese Beschreibung ist zu einfach. fizieller Teampartner von Laschet im Ren- chen zu glauben, den Menschen gehe es
Ich erlebe in der eigenen Familie oder im nen um den CDU-Vorsitz. Haben Sie auf jetzt um Personalfragen. Es gibt schon heu-
Freundeskreis, dass manche übervorsich- das falsche Pferd gesetzt? te 600 000 Arbeitslose mehr als vor einem
tig sind – und andere bezweifeln, dass es Spahn: Ich kann mich noch sehr gut an Jahr. Die, die immer schon viel hatten, wer-
das Virus überhaupt gibt. Das sind nur die jenen Dienstagmorgen erinnern, als Armin den bei weiterhin niedrigen Zinsen leichter
Extreme, und dazwischen gibt es viele ver- Laschet und ich uns als Team in der Bun- Immobilien und Aktien kaufen können.
schiedene Schattierungen. Der Lungenfach- despressekonferenz vorgestellt haben. Da- Und diejenigen, die nur ein bisschen was
arzt, der gerade einen Patienten am Beat- mals habe ich gesagt: Die CDU ist in der gespart haben, kriegen kaum noch Zinsen.
mungsgerät vor dem Tod gerettet hat, wird größten Krise ihrer Geschichte. Das habe Diese sozialen und wirtschaftlichen Fragen
die Dinge anders einschätzen als ein Bus- ich nicht leichtfertig gesagt. Das war viel- werden im Herbst massiv nach vorn treten.
unternehmer, der kurz vor der Pleite steht. mehr der Grund für mich, in dieses Team Das muss Teil der Debatte in der CDU
Und beide müssen die Sicht des jeweils an- zu gehen. Das sehe ich immer noch so. Aus werden. Unser Anspruch ist, dieses Land
deren verstehen wollen, sie müssen sprech- voller Überzeugung. nach 16 Jahren Angela Merkel weiter zu
fähig bleiben, darum geht es jetzt. Ich will, SPIEGEL: Welche Probleme meinen Sie? führen. Für diesen Anspruch braucht eine
dass wir ein Wirgefühl mitnehmen aus dem, Spahn: Da war ja nicht nur das Desaster moderne Volkspartei ein breit aufgestelltes
was wir hier zusammen geschafft haben. in Thüringen. Wir waren auf dem Weg, in Team, keine Einzelkämpfer. Und sie
Eine gute Portion Corona-Patriotismus, mit unseren Umgangsformen miteinander im braucht vor allem Inhalte und Antworten
dem wir in die Zwanzigerjahre starten. schlechtesten Sinne sozialdemokratisch auf die drängenden Fragen der Zeit und
SPIEGEL: Jetzt werden Sie ziemlich staats- zu werden, uns nur noch selbst zu bespie- der Zukunft.
tragend. geln und dabei nicht mehr wahrzuneh- SPIEGEL: Ausgerechnet dem Einzelkämp-
Spahn: Wir haben Grund, stolz zu sein. men, was die Bürger eigentlich bewegt. fer Söder traut man in der Öffentlichkeit
Jeden Tag kommt die Frage aus aller Welt, Auch wenn wir auf einem guten Weg nun aber hohe Führungsqualitäten zu.
wieso wir in Deutschland eigentlich so gut sind – diese selbstzerstörerische Art des Spahn: Ich freue mich über einen starken
durch die Krise gekommen sind. Umgangs miteinander, aber auch mit un- bayerischen Ministerpräsidenten.
SPIEGEL: Und liegt das jetzt eher an La- serer Zukunft als CDU, darf zum Parteitag SPIEGEL: Der auch ein starker Kanzler-
schet oder an Söder? nicht wieder hochkommen. Friedrich kandidat wäre?
Spahn: Mit Verlaub: Das ist ziemlich klei- Merz zum Beispiel hat von Anfang an ge- Spahn: Ob er das gern wäre, müssen Sie
nes Karo. Ich habe mit Armin Laschet und sagt, dass er die CDU-Krisenmanager un- ihn fragen. Am Ende werden CDU und
Markus Söder zwei Ministerpräsidenten terstützt. Das fand ich gut. Aber die CSU gemeinsam eine Lösung finden.
erlebt, die mit aller Kraft das Beste wollten, Grundprobleme der CDU sind ja durch SPIEGEL: Herr Minister Spahn, wir dan-
die am gleichen Strang gezogen, aber auch Corona nicht gelöst. Deswegen stehe ich ken Ihnen für dieses Gespräch.
unterschiedliche Akzente gesetzt haben. zur Lösung im Team.

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 23


Deutschland

bevor er 600 000 Menschen isoliere. Bei

»Schwer beschädigt« solchen Grundrechtseingriffen dürfe man


nicht überhastet handeln. Er wundere sich,
wie viele andere »im parteipolitischen
Wettbewerb hier mit Schnellschüssen agie-
Union Der Fall Tönnies rückt auch Ministerpräsident Armin Laschet ren«. Die Botschaft: Sollen doch andere
ins Zwielicht. In der CDU wachsen die Zweifel, ob er der den Sheriff spielen – ich mache das nicht.
richtige Kandidat für den Parteivorsitz und die Kanzlerschaft ist. Das geht, mal wieder, auch in Richtung
von Markus Söder. Bayerns Ministerprä-
sident wirkt seit Wochen, als

I n ein paar Tagen fährt Ar-


min Laschet in den Urlaub.
Es geht an den Bodensee,
deutsche Seite, Baden-Württem-
wollte er immer einen Schritt
schneller sein als alle anderen,
vor allem als Laschet. Und La-
schet wirkt, als wollte er vieles
berg – nicht Bayern. Er fährt da anders machen als seine Kolle-
seit Jahren hin, aber diesmal gen, vor allem als Söder. Der
könnte es unruhiger werden als Streit der beiden scheint zuwei-
sonst. Gut möglich, dass er zwi- len kindisch.
schendurch mal nach Hause Neuerdings will Söder seinen
muss oder nach Berlin. Das Landsleuten einen kostenlosen
Handy lässt er an. Laschet hat Corona-Test anbieten, egal ob
seine Frau schon vorgewarnt. sie sich krank fühlen oder nicht.
Es ist nämlich so: Während Ein Modell für Nordrhein-West-
die meisten von Laschets Kolle- falen? Eher nicht, meint La-
gen im Kampf gegen das Coro- schet. »Ich will das nicht bewer-
navirus langsam in den Stand- ten, was die bayerischen Kolle-
by-Modus gleiten, steckt er mit- gen da machen. Wir machen,
ten in der Krise. Seit Monaten was wir für Nordrhein-West-
ist Laschet damit beschäftigt, falen für richtig halten.« Schöne
die Lage in seinem Bundesland Grüße nach München.
in den Griff zu bekommen. Nor- Es ist ein interessanter Auftritt.
malerweise wäre das bundes- Trotzig, aber nicht unfreundlich.
politisch belanglos, aber weil er Offensiv, aber nicht verbissen.
CDU-Chef werden möchte und Obwohl halb Deutschland über
dann auch Kanzler, gucken vie- ihn herfällt, wirkt der 59-Jähri-
le genauer hin. ge mit sich im Reinen, ganz so,
Das Chaos im Schlachtbe- als sagte er innerlich: Sollen sie
CORNELIUS/ DDP IMAGES

trieb der Firma Tönnies ist zum doch alle reden. Mia san mia.
Problem des Ministerpräsiden- Nur eben auf Rheinisch.
ten geworden. Ausgerechnet er, Was gerade etwas untergeht:
der wochenlang danach rief, In Gütersloh ist viel Gutes über
das öffentliche Leben wieder Laschet zu hören, jedenfalls bei
hochzufahren, muss plötzlich der Kreisverwaltung. Die ist
das Gegenteil machen. Laschet Landeschef Laschet (l.), Fabrikant Tönnies (2. v. r.)* zwar in CDU-Hand, aber das
brauchte nach dem massiven Permanent im Krisenmodus will dieser Tage nichts heißen.
Corona-Ausbruch bei Tönnies Auch der Kreis Heinsberg ist
ein paar Tage, aber dann galten in Güters- eigentlich auf einem G-7-Gipfel bestehen schwarz regiert, und dort war man nicht
loh und Warendorf wieder die alten Re- will, wenn ihn schon eine Fleischfabrik in durchgängig gut auf Laschet zu sprechen.
geln. Kontaktsperren wurden verhängt, der Provinz vor Probleme stellt. Als der Regierungschef neulich den Krisen-
Museen, Schwimmbäder und Fitnessstu- »Armin Laschet ist durch die Corona- stab in Gütersloh besuchte, sei er »tief in
dios geschlossen, Schulen und Kitas natür- krise schwer beschädigt«, sagt Michael den Details« gewesen, sagt einer, der dabei
lich auch. Lockdown, Teil zwei, kurz vor Spreng, einst Edmund Stoibers Wahl- war. Man fühlte sich ernst genommen. Der
den Ferien. kampfmanager. Vom Kanzleramt, so Ministerpräsident habe die Corona-Maß-
Für Warendorf sind die Einschränkun- scheint es, ist Laschet derzeit mindestens nahmen ausführlich erklärt. Laschet, das
gen mittlerweile zurückgenommen wor- so weit entfernt wie von ruhigen Ferien. Gegenteil des bayerischen Ichlings. Es
den, trotzdem gibt es dieser Tage kaum Dienstagmittag, Laschet besucht die könnte eine schöne Erzählung sein.
ein anderes Thema an Rhein und Ruhr als Landespressekonferenz in Düsseldorf, er Die Frage ist, ob Laschets Plan aufgehen
die Coronakrise. Mal warnt Österreich vor lächelt für die Kameras. Eine Stunde geht kann, ob es ausreicht, viel zu reden und
Reisen nach Nordrhein-Westfalen, mal füh- es um Corona, und der Ministerpräsident nachzudenken und die wachsende Kritik
len sich Bürger aus Gütersloh diskrimi- ist bestens gelaunt. NRW sei »gut durch abtropfen zu lassen. Oder ob nicht alles
niert, dann wieder rückt die Opposition die Krise« gekommen, sagt er. Klar, beim schon zu spät ist.
Laschets Beziehung zum Fleischfabrikan- Fleischer Tönnies, da habe die Politik lan- Grobe Fehler sind ihm unterlaufen, das
ten Clemens Tönnies in den Fokus. ge nicht richtig hingeschaut. Aber das bestreiten selbst seine Leute nicht. Sein
Wo immer Laschet auftritt, stets geht es müssten sich alle Parteien ankreiden las-
um ihn und seine Rolle. In Umfragen sen. Die Quarantäne in Gütersloh sei nötig * Mit Bayern-München-Vizepräsident Walter Menne-
rutscht er ab, und in der Union beginnen gewesen, aber er würde auch nächstes Mal kes (r.) bei Verleihung des Landesverdienstordens an
sie zu fragen, wie der Mann aus Aachen lieber wieder ein paar Tage nachdenken, Fußballprofi Manuel Neuer im Oktober 2019.

26
Pandemiegesetz litt in der ersten Version nächste CDU-Chef müsse nicht zwangs- Boden. 1998 flog er nach nur vier Jahren
unter handwerklichen Fehlern, ein Auftritt läufig Kanzlerkandidat werden. Seine Bot- aus dem Bundestag. 2010 verlor er gegen
bei »Anne Will« ging völlig schief. Und ob- schaft: Wer Söder als Kandidat will, muss Röttgen den Kampf um den Landesvorsitz.
wohl die Infektionszahlen in Gütersloh mich zum Parteivorsitzenden wählen – Und irgendwann war er Ministerpräsident.
weiter sinken, ist der Fall für den Minis- nicht Laschet. Die Seelenlage der Union hat sich auch
terpräsidenten nicht vorbei. Der politische Wie kommt Laschet da raus? Spreng, verändert. Vor ein paar Monaten, als das
Druck auf Tönnies und sein ausbeuteri- der Stoiber-Mann, ist sich sicher: Gar Thüringen-Desaster die CDU fast zerriss,
sches System war jahrelang gering. Wa- nicht. »Es gibt Politiker, die können Krise, da schien es für Laschet Ballast zu sein, als
rum? Wer kannte wen? Die Fragen könn- und solche, die keine Krise können. La- Merkel-Erbe zu gelten. Mittlerweile ist die
ten für Laschet schwierig werden. Kanzlerin wieder so populär, dass der-
Es gebe »keine Zusammenarbeit« mit jenige, der den Status quo verkörpert,
Tönnies, sagt Laschet. Mögliche Koopera- »Ich weiß nicht, wie eigentlich gute Chancen haben müsste.
tionen in der Vergangenheit seien passé.
»Hier wird jetzt streng nach Recht und Ge-
Laschet sich noch Spreng, der Wahlkampfexperte, winkt
ab. »Ich weiß nicht, wie Laschet sich noch
setz verfahren.« Jetzt gilt also Recht und einmal berappeln will einmal berappeln will bis Dezember«, sagt
Gesetz? Davor nicht? Es ist wie so oft: La- bis Dezember.« er. Ein Image klebe Politikern schnell an,
schet beantwortet eine Frage so, dass sich es zu verändern dauere meist sehr lange.
danach mehrere neue stellen. Es könne sein, dass Laschet im Dezember
In der Union ist das Geraune unüber- schet gehört zur zweiten Kategorie«, sagt noch mal eine Mehrheit auf dem CDU-
hörbar. Seine Gegner reichen genüsslich er. Er agiere »widersprüchlich und unsi- Parteitag bekomme. »Aber dann kann es
die Umfragen zur Kanzlerkandidatur he- cher«. Kurzum: »Ich sehe ihn nicht mehr ihm passieren, dass er zum Frühstück nach
rum, die ihn weit abgeschlagen hinter Mar- als Kanzlerkandidaten.« Nürnberg fahren und Söder die Kanzler-
kus Söder verorten. Jens Spahn, der La- Seine Schwächen, sagt der frühere kandidatur überlassen muss.« Für die
schet eigentlich den Vortritt gelassen hat Wahlkampfberater, würden schon bei sei- CDU wäre das eine Demütigung.
und als sein Vize kandidiert, macht inzwi- nen Äußerlichkeiten beginnen: »Die Mi- Also vielleicht doch lieber den Kampf
schen so wenig Fehler, dass manche in der mik, die Sprache, die mangelnde Körper- um den Vorsitz noch abblasen? Unsinn,
Partei darauf hoffen, er trete doch noch spannung – Laschet wirkt einfach nicht meint Armin Laschet. »An der Entschei-
als Nummer eins an. Selbst Laschets Riva- wie ein politischer Leader.« dung vom Februar, zusammen mit Jens
len sind plötzlich wieder sichtbar. Fried- Andererseits sind es noch fünf Monate Spahn anzutreten, hat sich nichts geändert.«
rich Merz spielt öffentlich Schwarz-Grün bis zum Parteitag – in der Politik eine halbe Lukas Eberle, Florian Gathmann, Veit Medick
durch, und Norbert Röttgen sagt, der Ewigkeit. Laschet schien schon häufig am

sind uns nicht genug. Techem Funkmessgeräte


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Deutschland

Doppelte Misere
SPD Die Sozialdemokraten leiden an Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. Die Vorsitzenden
sind mit ihren Ämtern überfordert, jeder kämpft für sich allein.

PETER RIGAUD

Führungsduo Esken, Walter-Borjans: »Da können wir noch besser werden«

28
V
or wenigen Wochen wurde in der besser werden.« Nur so werde die SPD ih- Fehlverhalten ist keine Rechtfertigung für
Parteizentrale der deutschen So- rem Verständnis als Volkspartei gerecht. pauschale Vorwürfe.« Gerade in der Co-
zialdemokratie ein technischer Dabei wollte die SPD mit der Doppel- ronakrise habe die Polizei bewiesen,
Fehler entdeckt. Seit seiner Wahl spitze etwas Neues wagen: raus aus dem rechtsstaatlich sensibel zu handeln.
zum Vorsitzenden im Dezember hatte Hinterzimmer, eine stärkere Beteiligung In der Fraktion kursierte in jener Woche
Norbert Walter-Borjans Hunderte E-Mails der Mitglieder, mehr Gleichberechtigung. auch das Gerücht, Moll und andere hätten
an eine neue Adresse erhalten. Doch keine Ihr großes Vorbild war die Doppelspitze eine Unterschriftenaktion gestartet, als
davon wurde beantwortet. Sie waren in der Grünen. Doch der Vergleich mit An- Protest gegen Eskens Äußerungen. Eine
einem Postfach gelandet, in das niemand nalena Baerbock und Robert Habeck fällt Unterstützerin von Esken suchte deshalb
schaute, auch nicht Walter-Borjans Mitar- für Esken und Walter-Borjans ernüch- das Gespräch mit Moll. Es folgte ein kur-
beiter. Sie seien einfach versickert, heißt ternd aus. Ihr Zusammenspiel will bislang zer Streit, in dem Moll erklärte, sie habe
es im Willy-Brandt-Haus. Fehlende Ab- nicht gelingen, jeder kämpft für sich allein. gar keine Unterschriftenaktion gestartet.
sprachen und Probleme bei Terminen wa- Und öffentlich tritt vor allem Esken in Er- Allerdings hat sie einige Anfragen von Ab-
ren die Folge, der Chef eines Wohlfahrts- scheinung – was die Sache nicht besser geordneten bekommen, die sich gern an
verbands beispielsweise wartete lange ver- macht. einer solchen Aktion beteiligt hätten.
geblich auf einen Terminvorschlag. In den Tagen, als SPD und Union das Eine emotionale Partei wie die SPD
Es ist eine von vielen Anekdoten, die Konjunkturpaket für die Coronakrise ver- braucht eine Führung, die die verschiede-
Sozialdemokraten sich in diesen Tagen er- handelten, gab es in der SPD folgende Ab- nen Flügel und Charaktere miteinander
zählen, wenn sie ihrem Frust über die Dop- sprache: Wir reden jetzt eine Woche lang versöhnt, sie zusammenführt. Doch Esken
pelspitze Luft machen. Sie passt jedenfalls nur über das Konjunkturpaket. Denn das praktiziert das Gegenteil. Meist handelt
zum unglücklichen Start des neuen Füh- war ein Erfolg für die SPD. Die Sozial- sie auf eigene Faust, nicht mal mit ihrem
rungsduos. demokraten hatten sich in fast allen wich- Co-Vorsitzenden Walter-Borjans stimmt
Ein gutes halbes Jahr sind Saskia Esken tigen Punkten durchgesetzt. sie sich konsequent ab. Das war schon am
und Norbert Walter-Borjans nun Vorsit- Doch fünf Tage nach Verhandlungs- Anfang der Coronakrise so, als die beiden
zende der ältesten Partei Deutschlands. abschluss torpedierte Esken diese Strategie Vorsitzenden im Abstand von wenigen Mi-
Mit dem euphorischen Hashtag »Eskabo- und lenkte mit einer steilen These zur Poli- nuten gegensätzliche Positionen zu den
lation« feierten ihre Unterstützer von den Ausgangsbeschränkungen verbreiteten
Jusos die beiden im parteiinternen Wahl- und Walter-Borjans an seiner Partnerin
kampf. Ein neues, goldenes Zeitalter sollte »Viele SPD-Wähler er- verzweifelte.
beginnen. Doch die Performance im Amt reicht man nicht, wenn Auch von Eskens Sätzen zum Rassismus
erinnert manche Genossen eher an Kapi- bei der Polizei wurde Walter-Borjans kalt
tulation. Schon jetzt sehnen viele das Ende man sich überwiegend erwischt. Er war gerade auf dem Weg zur
ihrer Amtszeit herbei. auf Twitter aufhält.« ARD-Sendung »Bericht aus Berlin«, um
Die Unzufriedenheit mit der Doppel- über das Konjunkturpaket zu sprechen, als
spitze ist groß. In den Ländern, von denen er von Eskens Äußerungen hörte. Am
gleich sechs im kommenden Jahr auf eine zei alle Aufmerksamkeit auf sich. Nach der nächsten Tag wurde er während der Sit-
Landtagswahl zusteuern. Und vor allem Tötung von George Floyd durch weiße zung der NRW-Landesgruppe im Bundes-
in der Bundestagsfraktion. Von einem Polizisten in den USA sagte sie: »Auch in tag nach seiner Co-Vorsitzenden gefragt.
»Trauerspiel« ist dort die Rede, von pein- Deutschland gibt es latenten Rassismus in Dort nahm er sie zwar offiziell in Schutz,
lichen Auftritten, für die man sich schämen den Reihen der Sicherheitskräfte, die indem er betonte, Eskens Aussage sei aus
müsse. Das vernichtende Urteil vieler Ab- durch Maßnahmen der Inneren Führung dem Kontext gerissen worden. Aber zu-
geordneter lautet: Die können es nicht. erkannt und bekämpft werden müssen.« gleich ließ er durchblicken, dass er nicht
Allerdings traut sich bislang kaum je- Diesen auch grammatikalisch schwierigen gerade glücklich über den Satz war.
mand, die Kritik öffentlich zu äußern. Die Satz gab sie den Zeitungen der Funke Me- Ein weiteres Problem ist Eskens hyper-
ohnehin prekäre Lage der Partei mit Um- diengruppe frei. Über das stolze Konjunk- aktives Twitterverhalten. Eine »loose can-
fragewerten um die 15 Prozent wollen die turpaket sprach fortan kaum noch jemand. non« sei sie, heißt es in der Partei, eine
meisten Genossen nicht mit einer erneuten Esken zog nicht nur einen ungerechten tickende Zeitbombe. Ihre Unberechenbar-
Führungsdebatte verschärfen. Ein paar Vergleich zwischen amerikanischen und keit treibt führende Genossen zur Ver-
trauen sich dennoch. »Wenn wir stärker deutschen Polizisten. Sie fällte auch ohne zweiflung. Esken lässt sich von der Kritik
werden und neue Koalitionsoptionen er- jede Abstimmung mit den Innenexperten aber keineswegs beeindrucken. Sie twittert
schließen wollen, müssen wir in die Mitte der Partei ein Urteil, das in der SPD ex- ungehemmt weiter und reagiert auf alle
integrieren«, sagt der Thüringer Abgeord- trem umstritten ist. Es war nicht das erste und jeden. An manchen Tagen hat man
nete Christoph Matschie. Die Parteispitze Mal, dass Esken eine Äußerung entglitt den Eindruck, sie sei die Social-Media-
sende im Moment dagegen Signale, mög- und sie sich hinterher belehren lassen Beauftragte der Partei und kümmere sich
lichst linke Politik zu machen. Matschie musste. Daran änderte auch nichts, dass um nichts anderes.
hält das für einen Fehler. So gewinne die sie im zweiten Satz die Aussage relativier- Ein Beispiel vom 25. Juni: Ein Twitter-
SPD keine verlorenen Wähler zurück. »Ich te: Die große Mehrheit der Polizeibediens- nutzer mit dem Namen »somuchwrong«,
wünsche mir einen klaren Kurs von den teten stehe solchen Tendenzen sehr kri- der erst im Juni seinen Account erstellte
Vorsitzenden. Sie müssen zeigen, dass wir tisch gegenüber und leide unter dem poten- und keinen einzigen Follower hat, schreibt
eine Partei der Mitte sind.« ziellen Vertrauensverlust, der sich daraus an diesem Tag: »Sehr geehrte Frau Esken,
Ähnlich äußert sich auch Siemtje Möller, ergebe. zu behaupten daß es ›latenten Rassismus
Sprecherin des Seeheimer Kreises: Die »Wörter sind wie Vögel, sind sie einmal in den Reihen der Sicherheitskräfte‹ gibt
Rolle von Parteivorsitzenden sei es, die raus, kann man sie nicht mehr einfangen«, kommt der Aussage gleich das es ›latenten
Partei in ihrer Gesamtheit und Vielfalt zu sagt die SPD-Abgeordnete Claudia Moll. radikalen Islamismus in den Reihen der
repräsentieren und die unterschiedlichen Sie und andere Abgeordnete, darunter Migranten in Deutschland‹ gibt. Würden
Flügel und Meinungen schlagkräftig zu- Ulla Schmidt, forderten Esken auf, sich öf- Sie beide Aussagen bejahen?« Statt diesen
sammenzubinden. »Da können wir noch fentlich zu entschuldigen. »Individuelles völlig unbekannten Provokateur einfach

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 29


Deutschland

zu ignorieren, lässt sich Esken zu folgender grimmig wirkenden Mimik – auch wenn eine Aufgabe, Esken und Walter-Borjans
Antwort hinreißen: »Sie meinen sicher ›in das ungerecht ist. Denn erstens kann suchen bestenfalls nach Aufmerksamkeit.
den Reihen muslimischer Migranten‹, niemand etwas für seine Herkunft. Und Doch das Interesse an ihren regelmäßi-
denn, mal ganz ehrlich, es gibt eine Menge zweitens hört Esken auf einem Ohr nichts. gen Videopressekonferenzen hält sich in
Migranten, die gar keine Moslems sind. Deshalb muss sie mitunter etwas ange- Grenzen. In einer Civey-Umfrage geben
Und wenn Sie dann meinen zweiten Satz strengter zuhören, was auch oft zu einem nur rund 30 Prozent der Befragten an, die
gedanklich anfügen, dann stimme ich zu!« angespannten Gesichtsausdruck führt. Politikerin Saskia Esken sei ihnen »sehr
Latenter Islamismus in den Reihen Walter-Borjans hingegen wird von einigen gut« oder »eher gut« bekannt. Bei Walter-
muslimischer Migranten? Esken versteht als »Kuschelbär« bezeichnet. Borjans liegt dieser Wert noch niedriger,
offenbar nicht, dass die Sätze einer Partei- Gelobt wird er für seine Rolle beim Kon- bei gut 26 Prozent. Auch bei der Beurtei-
vorsitzenden Gewicht haben – und zwar junkturpaket. Er habe sich eng mit Olaf lung ihrer Arbeit kommen die SPD-Vorsit-
jeder Satz für sich. Sie versteht nicht, Scholz und Rolf Mützenich abgestimmt. zenden auf schwache Werte: Zwei Drittel
dass sie in ihrem neuen Amt nicht nur Doch in der Öffentlichkeit punktete Esken, der Befragten zeigen sich »eher unzufrie-
sich selbst repräsentiert, sondern rund die vor dem Spitzentreffen im Kanzleramt den« oder »sehr unzufrieden«, gerade mal
400 000 Mitglieder. Sie verhält sich eher sagte: »Eine Kaufprämie für Autos der Ver- rund dreizehn Prozent sind mit der Arbeit
wie eine politische Aktivistin, die unter In- brennertechnik wird es mit uns nicht ge- der SPD-Vorsitzenden zufrieden.
ternetsucht leidet. Viele Abgeordnete är- ben.« Walter-Borjans hatte diese Position Zudem bewiesen beide mangelndes Fin-
gern sich darüber, dass Esken in Sitzungen ebenfalls vertreten, allerdings nicht so gerspitzengefühl, weil sie sich eine hohe
intensiv mit ihrem Handy beschäftigt sei prägnant. Was hängen blieb, war Eskens Aufwandsentschädigung von der Partei ge-
und kaum am Geschehen teilhabe. Schon Satz. Das frustrierte ihn. nehmigen, obwohl die SPD einen harten
als Abgeordnete sei sie unscheinbar gewe- Sparkurs verfolgen muss und gerade Per-
sen und habe sich in Fraktionssitzungen sonal abbaut. 9000 Euro sind es laut der
selten zu Wort gemeldet. Abgeordneten-Website von Saskia Esken.
Dass Esken keine engen Berater hat, die Walter-Borjans dürfte eine ebenso hohe
sie vor strategischen Fehlern warnen, we- Summe bekommen. Ihre Vorgängerin
der im Willy-Brandt-Haus noch in der Nahles bekam kein Geld aus der Partei-
Fraktion, verschärft dieses Problem. Die kasse. Nun hat die SPD zwei Vorsitzende,
Pressesprecherin und die Büroleiterin, die die trotz Abgeordnetendiät (Esken) und
sich das Duo teilt, hat Walter-Borjans mit- hohen Versorgungsbezügen (Walter-Bor-
gebracht. jans) die Partei finanziell gleich doppelt
Twitter ist Eskens wichtigster Resonanz- belasten, obwohl sie keineswegs doppelt
raum. Es war diese Community, von der so effektiv sind.
sie im vergangenen Sommer aufgefordert Eine unangenehme Entscheidung steht
wurde, für den Parteivorsitz zu kandidie- den beiden derweil noch bevor: die Kanz-
ren. Die Internetfreundschaften, die sich lerkandidatur. Für viele Spitzengenossen
PETER RIGAUD/ DER SPIEGEL

gegenseitig beistünden, seien auch Heimat scheint es bereits ausgemacht, dass Olaf
für sie, so formulierte sie es einmal. Tat- Scholz die Partei in den nächsten Bundes-
sächlich schlagen ihre Follower auch jetzt tagswahlkampf führen wird. Offiziell müs-
geballt zurück, wenn Esken angegriffen sen das aber die beiden Parteichefs ver-
wird, was ihr wiederum den Eindruck ver- künden. Das Problem dabei ist, dass ihre
mittelt, auf der richtigen Seite zu stehen. Bewerbung um den Parteivorsitz eine lu-
Ihr übermäßiger Einsatz auf Twitter Vizekanzler Scholz penreine Anti-Scholz-Kampagne war. Mit
passt jedenfalls nur bedingt zum Anspruch All das überwinden, wofür er stand ihnen, so das Versprechen an ihre Unter-
der SPD, eine Volkspartei zu sein. Der Bei- stützer, werde die SPD all das überwinden,
fall von Netzaktivisten genügt nicht, um Walter-Borjans weiß um seine Schwä- wofür Olaf Scholz bislang stand: den Kurs
Wahlen zu gewinnen. »Twitter ist ein gro- che. Er sieht, dass Esken das Bild der Dop- der Mitte, die Politik der Schwarzen Null,
ßes Problem«, sagt Claudia Moll. »Nicht pelspitze prägt und ihm das schadet. Doch die Kungelei in Hinterzimmern. Und nun
nur bei Saskia Esken. Viele SPD-Wähler, Konsequenzen aus dieser Erkenntnis hat sollen sie genau diesem Scholz die Kanz-
vor allem Ältere, haben mit Twitter nichts er bislang nicht gezogen. Das Ungleich- lerkandidatur antragen? Wie das gehen
zu tun. Die erreicht man nicht mehr, wenn gewicht beschäftige ihn, sagen Vertraute, soll, ohne dass Esken und Walter-Borjans
man sich überwiegend in der Twitterblase aber er wolle nicht in einen Wettstreit der ihr Gesicht verlieren, ist bislang offen. Wel-
aufhält.« Provokationen eintreten. Der ewige Ver- che Rolle sie in einem Scholz-Wahlkampf
Ihr Co-Vorsitzender Walter-Borjans mittler zwischen Partei und Regierungs- übernehmen sollen, ebenfalls.
gleicht Eskens Schwächen nicht aus, er ver- SPD will er auch nicht sein. Doch was er In der Sommerpause wollen Esken und
stärkt sie sogar. Der frühere Finanzminis- sein will, scheint er nicht recht zu wissen. Walter-Borjans Gespräche mit vielen Par-
ter von Nordrhein-Westfalen hatte zwar Die bisherige Rollenteilung mit Esken teifreunden führen und danach einen Vor-
den größeren Anteil am Sieg im internen funktioniert jedenfalls nicht, auch wegen schlag unterbreiten. Sie wirken längst nicht
Kandidatenrennen; nicht nur die Jusos fei- seiner Sprachlosigkeit. mehr wie Akteure, eher wie Getriebene.
erten ihn im Herbst 2019 als Robin Hood Es zeigt sich nun, dass die beiden recht Immerhin hat sich das Problem mit Wal-
der Steuerzahler. Doch seit dem Parteitag wahllos als Duo zusammengecastet wur- ter-Borjans’ Mailaccount inzwischen ge-
Anfang Dezember steht Walter-Borjans in den – mit freundlicher Hilfe der Jusos. Viel löst. Seine Mitarbeiter wissen jetzt, dass
Eskens Schatten. verbindet sie jedenfalls nicht. Außer einem es besagte Mailadresse gibt und diese auch
In der Fraktion schätzen sie seine um- Problem, das sich in der Coronakrise be- rege genutzt wird. Jetzt müssen die Hun-
gängliche, sympathische Art, »ein Rhein- sonders bemerkbar macht: Sie haben kei- derte E-Mails, die unbemerkt eingegangen
länder halt«. Bei Esken stören sich viele ne exekutiven Ämter. Im Fokus stehen seit waren, nur noch beantwortet werden.
Abgeordnete allein schon an ihrem ausge- März mehr denn je die Kanzlerin, die Mi- Lydia Rosenfelder, Christian Teevs
prägten schwäbischen Dialekt und der oft nister und Ministerpräsidenten. Sie haben

30 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


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Deutschland

Auf gepackten Koffern


genen Woche offiziell bestätigten Neu-
infektionen lag in der Türkei bei rund 9600,
rund dreimal mehr als in Deutschland, und
das bei einer ähnlich großen Bevölkerung.
Minister Maas will verhindern, dass An-
Diplomatie Das Auswärtige Amt hält an der Corona-Reisewarnung talya zu einem Sommer-Ischgl wird und
für die Türkei fest. Viele Deutschtürken sind wütend – die Rückkehrer eine zweite Welle auslösen.
und vermuten eine politische Strafaktion gegen Staatschef Erdoğan. Zweites Horrorszenario aus Sicht des Aus-
wärtigen Amtes: Die Urlauber könnten in
der Türkei stranden, falls der Flugverkehr

E igentlich könnte Belma Yiğit bester


Laune sein. Die Schneiderei der
Deutschtürkin in Berlin-Friedenau
läuft gut, ihr jüngster Sohn hat gerade das
Angesichts der vielen Betroffenen hätte
die Bundesregierung mit der Türkei eine
gesonderte Regelung treffen müssen, kri-
tisiert hingegen der TGD-Vorsitzende
wieder zusammenbrechen sollte. Eine
90-Millionen-Euro-Rückholaktion wie im
Frühjahr werde es kein zweites Mal geben,
warnte Maas.
Abitur bestanden, in diesem Sommer wäre Sofuoğlu. »Die Menschen haben das Ge- Den Ärger in der deutsch-türkischen
die vierköpfige Familie zum ersten Mal fühl, dass hier politische Gründe mit rein- Community kann man in der Bundes-
nicht mehr von den Berliner Schulferien spielen.« regierung teilweise verstehen. Es werde ja
abhängig gewesen. Für August hatte die Auch die Regierung von Präsident Re- nur vor »nicht notwendigen, touristischen
Familie daher bereits vor Monaten die cep Tayyip Erdoğan vermutet hinter der Reisen« in die Türkei gewarnt, Familien-
Reise in die Türkei geplant. Mit dem Auto deutschen Reisewarnung eine Art politi- besuche fielen nicht darunter. Eine Reise-
wollten sie bis nach Izmir fahren. Dort, an sche Strafaktion. Schon vor Corona waren warnung sei ja kein Reiseverbot. Es müss-
der ägäischen Küste, haben die Yiğits eine die Beziehungen beider Länder auf einem ten eben die Regeln des Infektionsschutzes
Wohnung. historischen Tiefpunkt. Die militärische eingehalten werden, 14 Tage häusliche
Doch die Bundesregierung hat ihnen Einmischung in Syrien und Libyen, die Sa- Quarantäne sei Pflicht.
einen Strich durch die Rechnung gemacht: botage des Flüchtlingsdeals mit der EU »Wie sollen wir das finanziell schaffen?«,
Das Auswärtige Amt hält wegen der Aus- und die Festnahmen von Journalisten, An- fragt Belma Yiğit, die Schneiderin, und
breitung von Covid-19 an seiner Reise- wälten und Menschenrechtsaktivisten be- blickt sich in ihrem Laden um. Einen mög-
warnung für die Türkei fest. Belma Yiğit lasten das Verhältnis seit Langem. lichen Verdienstausfall durch die Quaran-
steht hinter ihrer Ladentheke, die dunklen Vergebens protestierte am Donnerstag täne kann sich kaum ein Selbstständiger
Haare hat sie zum Zopf gebunden, um den der türkische Außenminister Mevlüt Ça- leisten. Um die Isolation zu umgehen, wol-
Hals hängt eine Lesebrille. »Warum denn vuşoğlu bei seinem deutschen Kollegen len sich die Yiğits vor ihrer Rückreise auf
ausgerechnet die Türkei?«, fragt sie. »An- Heiko Maas gegen die Reisewarnung. Im das Coronavirus testen lassen. Wer ein gül-
dere Länder sind doch noch viel schlim- Schlepptau hatte er bei seinem Besuch den tiges negatives Testergebnis vorzeigt, kann
mer dran«, fügt ihr Mann Erol hinzu. türkischen Tourismusminister und die stell- auf die Quarantäne verzichten. Das könn-
So wie den Yiğits geht es vielen der fast vertretende Gesundheitsministerin. Ihr te aber teuer werden. 50 Euro soll ein
drei Millionen in Deutschland lebenden Hauptargument: Nicht nur die drei Millio- Corona-Test in der Türkei in solchen Fällen
Menschen, die türkischer Abstammung nen Menschen mit türkischem Migrations- kosten, haben die Yiğits von Bekannten
sind. Sie verbringen den Urlaub traditio- hintergrund seien betroffen, sondern auch gehört. Das wäre viel Geld für die vier-
nell im Land ihrer Familien und fühlen die vielen anderen Deutschen, die ihren köpfige Familie.
sich durch die deutsche Politik schikaniert. Urlaub in der Türkei verbringen, insge- »Die Maßnahmen in der Türkei sind
Als Belastung empfinden viele weniger samt waren es im vergangenen Jahr rund doch viel strenger«, sagt Ehemann Erol
das Risiko, sich angesichts der nach wie fünf Millionen. Die Türkei ist nach Spanien Yiğit. Das stimmt: Für Menschen über
vor hohen Infektionszahlen in der Türkei und Italien das beliebteste ausländische 65 Jahren herrschte eine wochenlange Aus-
mit dem Virus anzustecken. Für Unmut Reiseziel der Deutschen. gangssperre, noch immer dürfen sie von
sorgt vielmehr die 14-tägige Quarantäne, Genau das aber ist der Grund für die 20 Uhr abends bis 10 Uhr morgens nicht
die Rückkehrern aus Ländern mit deutscher Reisewarnung. Die Zahl der in der vergan- raus. Zudem gilt vielerorts eine umfassen-
Reisewarnung blüht: Kinder könnten da- de Maskenpflicht. In manchen Städten
durch nicht rechtzeitig zurück in die Schule, darf niemand ohne Mund-Nasen-Schutz
Eltern nicht arbeiten, so der Vorwurf. auf die Straße. Bei Verstößen muss man
Für viele Türkeistämmige sei die Ein- hohe Strafen zahlen.
stufung der Türkei als Risikogebiet nicht Mehr Fingerspitzengefühl der deut-
nachvollziehbar, sagt Gökay Sofuoğlu, schen Diplomatie hätten sich auch Emir
Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Akbulut und seine Familie gewünscht. Der
Deutschland (TGD). Man hätte sich mehr angehende Wirtschaftsingenieur lebt mit
Sensibilität und eine andere Informations- seinen zwei Geschwistern und seiner Mut-
politik gewünscht. »Es geht hier um drei ter in Berlin-Steglitz. Schwester und Mut-
Millionen Menschen, von denen viele jetzt ter sind vor ein paar Wochen doch noch
DOMINIK BUTZMANN/ DER SPIEGEL

auf ihren Koffern sitzen und von Tag zu in die Türkei geflogen. Emir Akbulut blieb
Tag abwarten, ob sich etwas ändert.« in Deutschland. Er hatte durch Corona
Wenn es nach dem Auswärtigen Amt seinen Werkstudentenjob verloren. Bei
geht, wird sich erst mal nichts ändern. Die seiner neuen Anstellung kann er nicht
Türkei werde behandelt wie 130 andere gleich so lange Urlaub nehmen.
Länder, heißt es. Nur für die meisten EU- »Wir hatten erst viel Angst und waren
Staaten und einige andere europäische beunruhigt«, erzählt der 31-Jährige. Als
Länder sei die Reisewarnung zurückge- die Pandemie sich in den Frühjahrsmona-
nommen worden, von einer »Lex Türkei« Eheleute Yiǧit ten in Europa ausbreitete, nahm die Fami-
könne also keine Rede sein. »Wie sollen wir das finanziell schaffen?« lie die Warnungen Angela Merkels vor

32
MOMENT/ GETTY IMAGES
Altstadt von Istanbul: »Wir sind bereit, unsere Freunde aus Deutschland aufzunehmen«

dem Virus und ihre Appelle an die Eigen- des Umfeld bieten, damit unsere Gäste spräche. Maas nutzte das Treffen, um die
verantwortlichkeit sehr ernst. »Das hat die sich wohlfühlen. Wir sind bereit, unsere vielen anderen Probleme anzusprechen,
deutsche Regierung sehr gut gehandhabt«, Freunde aus Deutschland aufzunehmen.« von den Waffenlieferungen nach Libyen
sagt Akbulut. Umso enttäuschter ist er Çavuşoğlu widerspach auch Berichten, wo- bis hin zu den Gasbohrungen im östlichen
jetzt. Erst gestern habe er mit seiner Mut- nach sich Infizierte in der Türkei angeblich Mittelmeer, die vor allem Griechenland
ter und seiner Schwester in der Türkei mit dem Medikament Hydroxychloroquin und Zypern mit Sorge sehen. Es sei wich-
gesprochen. Auch sie berichteten von den behandeln lassen müssten. tig, die »Blockaden«, die es gibt, aus der
strengen Vorkehrungen der türkischen Für die Bundesregierung stand das Welt zu schaffen, um überhaupt wieder
Regierung gegen das Virus. Reisethema nicht an erster Stelle der Ge- in einen Dialog zu kommen, mahnte der
Zusätzlichen Frust löst eine zu Beginn deutsche Außenminister.
der Sommerferien erlassene Verordnung In solch verfahrenen Situationen kom-
zum Infektionsschutz des Berliner Senats Vertraute Gäste men Diplomaten schon mal auf die Idee
aus. Für die Bildungsverwaltung gilt das Türkei-Urlauber aus Deutschland, eines Tauschgeschäfts. Doch die Rück-
Fehlen von Kindern, die aus Risikogebie- in Millionen nahme der Reisewarnung in Aussicht
ten zurückkehren und anschließend in Qua- 5,0 zu stellen, um im Gegenzug die Türkei
rantäne müssen, damit als unentschuldigt. zu anderen Zugeständnissen zu bewe-
4,5
Als dies bekannt gegeben wurde, hatten gen – das hat man im Auswärtigen Amt
viele Türkeistämmige bereits ihre Reise ge- 3,9 erst gar nicht erwogen. Das Infektions-
bucht. Manche kommen erst wenige Tage 3,6 risiko rechtfertige keine Deals, heißt es
vor Schulbeginn wieder in Deutschland an. dort.
»Wenn sie in Quarantäne gehen müssen, Eine Lösung könnte sein, die Türkei in
ist das für viele ein Hinderungsgrund, unterschiedliche Risikogebiete einzutei-
überhaupt in die Türkei zu gehen«, sagte 70,6 % len. Wenn sich herausstellt, dass die meis-
Außenminister Maas am Donnerstag. Er weniger ten Infektionen in Istanbul passieren,
werde gemeinsam mit seinen EU-Kollegen Ankünfte könnten zum Beispiel Pauschalurlauber
alle zwei Wochen prüfen, ob die Reisewar- mit Ziel Antalya von der Quarantäne-
Januar bis Mai
nung zurückgenommen werden könne. 2020 gegenüber
pflicht befreit werden.
Der Gast aus Ankara zeigte sich ent- dem Vorjahres- Christoph Schult, Benita Stalmann,
täuscht. »Die Türkei ist ein sicheres Land«, 2016 2017 2018 2019 zeitraum
Rebekka Wiese
sagte Çavuşoğlu. »Wir möchten ein gesun- Quelle: TurkStat, türkisches Tourismusministerium

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 33


Deutschland

die die Enthüllungen rund um Ploß’ Partei- Auf Nachfrage räumten die beiden Poli-

Opulent in freund Philipp Amthor ausgelöst haben


(SPIEGEL 25/2020), wirft der Fall Fragen
auf. Wie sollen deutsche Parlamentarier
tiker dann ein, dass zu ihrer Reisegruppe
eine dritte Person gehört habe: ihre Frak-
tionskollegin Ronja Kemmer von der CDU.

den Orient mit »geldwerten Zuwendungen« umgehen,


die sie neben ihren Diäten erhalten? Wie
sehr gefährden solche Geschenke ihre Un-
Doch anders als bei Ploß und Stefinger fin-
det sich auf Kemmers Instagram-Account
keine Spur des Trips.
Parlament Eine Gruppe junger abhängigkeit? Und sorgen die gesetzlichen Dem SPIEGEL bestätigte Kemmer, heu-
Unionsabgeordneter reiste Regelungen für genügend Transparenz? te 31, ihre Teilnahme an der »Reise auf
Sogenannte Abgeordnetenspenden müs- Einladung der Botschaft« und die Kosten-
für drei Tage in den Oman. sen Bundestagsmitglieder erst veröffent- übernahme durch das Sultanat. Wie Ploß
Die üppige Rechnung lichen, wenn ihr Wert binnen eines Jahres und Stefinger betonte sie gleichzeitig, dass
übernahm das Sultanat. die Grenze von 10 000 Euro überschreitet. für die Gratisreise keine Gegenleistung ge-
Bei Ploß, der seinen Kollegen Amthor fordert oder erbracht worden sei.
in dessen Lobbyaffäre als »hochanständig« Der Oman gehört zu jenen arabischen

A m 18. Dezember 2018 um 6.05 Uhr


fuhr Christoph Ploß am Flughafen
Hamburg vor. »Guten Morgen«,
schrieb der CDU-Bundestagsabgeordnete
verteidigt hat, waren aber nicht nur die
angegebenen Kosten seines Orienttrips be-
merkenswert, sondern auch die Tatsache,
dass sein Reisegefährte Stefinger eine ent-
Staaten, die sich auf die Zeit nach dem
Rohstoffboom vorbereiten. Die Herrscher-
familie fördert Branchen wie den Touris-
mus oder die Logistik. Das Land will sich
auf Instagram. »Für mich geht es jetzt zu sprechende Kostenübernahme auf seiner zudem als neutraler Vermittler zwischen
einer Dienstreise in den Oman.« In den fol- Website mit keinem Wort erwähnte. den zerstrittenen Nachbarstaaten in Szene
genden drei Tagen konnten Ploß’ Follower Als der SPIEGEL die beiden Abgeord- setzen. Der Besuch westlicher Nachwuchs-
beobachten, wie der damals 33-jährige Poli- neten um Aufklärung bat, lieferten sie eine politiker kann da nicht schaden.
tiker mit seinem gleichaltrigen Fraktions- überraschende Erklärung. Ploß teilte mit, Ploß und Stefinger waren nach der Rei-
kollegen, dem CSU-Abgeordneten Wolf- dass der Betrag von 16 400 Euro »auf- se auch voll des Lobes. Ploß sprach von
gang Stefinger, ein erlebnisreiches Besuchs- grund eines Übermittlungsfehlers viel zu einer »wunderbaren Landschaft« und »er-
programm auf der Arabischen Halbinsel hoch angegeben« worden sei. Die wahren folgreichen Gesprächen«. Stefinger warb
LOOK

Reiseziel Maskat, Instagram-Post mit Abgeordneten Stefinger, Ploß 2018: Per Businessclass zum Basar

absolvierte: Treffen mit Würdenträgern des Kosten seiner Reise hätten nur 5466 Euro damit, dass der Oman als Reiseziel »im-
omanischen Staats, Gespräche mit Unter- betragen. Exakt die gleiche Summe – ein mer beliebter« werde. Das Land könne zu-
nehmern, Besuch des Nationalmuseums. glattes Drittel der ursprünglich genannten dem eine »wichtige Rolle bei den Friedens-
Daneben blieb Zeit für den exotischen Ba- 16 400 Euro – nannte auch Stefinger. Wo- bemühungen in der Region« spielen.
sar von Maskat, eine Revue in der könig- mit sich die Frage stellt: Hatte die oma- Wer den Politikertrip inklusive Tophotel
lichen Oper und eine Spritztour in die Wüs- nische Botschaft womöglich noch einen und Businessclass-Flügen finanziert hatte,
te, wo Ploß einen »grandiosen Sonnenauf- weiteren Reiseteilnehmer gesponsert? wäre ohne den von Ploß eingeräumten
gang« erleben durfte. In den digitalen Reiseberichten von Ste- »Übermittlungsfehler« indes wohl nie he-
Grandios wirkten auch die Spesen der finger und Ploß war ein drittes Delegations- rausgekommen. Die Gesamtkosten von
Morgenlandfahrt. Auf seiner Bundestags- mitglied nirgendwo erwähnt. Und auch 16 400 Euro seien »fälschlicherweise mir als
webseite bezifferte Ploß die Reisekosten auf den von ihnen geposteten Fotos waren Einzelsumme zugeordnet« worden, teilte
für die drei Tage als »veröffentlichungs- nur die beiden zu sehen. Wie sie in Limou- Ploß mit. Da die Spesen pro Parlamentarier
pflichtige Angabe« mit satten 16 400 Euro. sinen zu Terminen kutschiert wurden, wie aber nur 5466 Euro betragen hätten, hätten
Bezahlt wurde die Rechnung demnach sie mit Vertretern des omanischen Staats- sie gar nicht veröffentlicht werden müssen.
nicht vom Bundestag, sondern von der rats und verschiedener Ministerien zu- Und so verschwand auch der Hinweis
»Botschaft des Sultanats Oman« in Berlin. sammentrafen, wie sie einen Manager der auf das Reisekosten-Sponsoring von Ploß’
Hatte sich der Abgeordnete einen Kurz- Logistikfirma Asyad besuchten, die mit Bundestagswebseite. Drei Tage nach der
trip im Gegenwert einer mehrwöchigen Schiffsverbindungen zum Hamburger Ha- SPIEGEL-Anfrage wurde er entfernt.
Weltreise spendieren lassen? Mitten in der fen wirbt, der nur ein paar Kilometer von Sven Becker, Roman Höfner, Sven Röbel
Debatte um Luxusreisen und Lobbyregister, Ploß’ Wahlkreis entfernt liegt.

34 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


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Deutschland

Falsche Freunde
Strafjustiz Das Leben des Alexander Falk – Erbe, Unternehmer, Betrüger – ist längst zu einem
Drama geworden. Nun steht ein Urteil an. Und es ist zu vermuten: Fortsetzung folgt.

E
s schneit an dem Morgen, an dem Sachverständigen, zur Verlesung von Ur- die Personenschützer höflich, vor der Saal-
ein Unbekannter dem Rechts- kunden, wegen Befangenheit. Sie attackier- tür zu warten. Ende des Spektakels.
anwalt Wolfgang J. in den linken ten die Staatsanwaltschaft, die überfordert Im Laufe des Prozesses stieg Wölky aus
Oberschenkel schießt. Ohne Vor- schien von den frontalen Angriffen der Ver- der Kanzlei und aus dem Falk-Verfahren
warnung. Der Anwalt hört den Knall, sieht teidigung. Sie stellten mehrere Strafanzei- aus und überließ Hauptverteidiger Gercke
den Mann vor sich, die Pistole in der Hand. gen, zwei davon gegen den Leiter der Er- das Feld, der zur Seriosität eines Strafpro-
Er blickt auf sein Bein, da ist ein Loch in mittlungen wegen Urkundenunterdrückung zesses zurückfand.
seiner Anzughose und Blut, viel Blut. Der und Verletzung von Dienstgeheimnissen. Der Kronzeuge spielte in dem Verfah-
Fremde geht fort, ruhigen Schrittes. Ein- Manchmal waren sie auffallend hart ren eine wichtige und zugleich zwielichtige
mal noch dreht er sich um, als wollte er im Ton, manchmal schossen sie übers Rolle. Auf die Aussage von Etem E., einem
prüfen, ob alles so gelaufen ist wie geplant.
Dann beschleunigt er seinen Gang. So er-
zählt J. es später.
Der Anwalt war auf dem Weg zu seinem
Auto, er wollte in die Kanzlei fahren. Er
sackt auf der Straße vor seinem Haus in
Frankfurt-Harheim zusammen. Als er we-
nige Minuten später im Rettungswagen
liegt, wählt er die Nummer der Polizei. Er
hat einen Verdacht, wer hinter dem An-
schlag stecken könnte. »Ich bin Rechts-
anwalt, ich führe ein Verfahren gegen Ale-
xander Falk. Das ist ein Hamburger Multi-
millionär, hören Sie bitte sein Telefon ab.«

ARNER DEDERT/ PICTURE ALLIANCE/ DPA


Es ist der 8. Februar 2010.
Mehr als zehn Jahre später sitzt Alexan-
der Falk zwischen zwei Starverteidigern
in einem Gerichtssaal und hofft auf einen
Freispruch. Es gibt einige Gründe für diese
Hoffnung und viele dagegen. Im Septem-
ber 2018 kam Falk unter anderem wegen
des Verdachts der Anstiftung zum Mord
in Untersuchungshaft, inzwischen hat das
Gericht den Anklagevorwurf auf Anstif- Angeklagter Falk (M.), Verteidiger*: »Schäbigste Schadenfreude«
tung zur gefährlichen Körperverletzung
herabgestuft. Zweimal haben Falks Anwäl-
te versucht, ihn aus dem Gefängnis zu Ziel hinaus, vielleicht auch weil sie mut- bulligen Mann aus der Hamburger Unter-
bekommen. Vergebens. maßten, ihr Mandant werde aufgrund welt mit langem Vorstrafenregister, stützte
Der Internetunternehmer, Sohn des er- seines familiären Hintergrunds ungerecht sich zunächst die Anklage. Falk soll dem-
folgreichsten deutschen Stadtplan-Verle- behandelt. Dabei war es gerade das Ver- nach im September 2009 in einem Ham-
gers, wurde einmal auf Platz 86 der Liste mögen, das es Falk ermöglichte, aufwen- burger Steakrestaurant einem Mittels-
des »manager magazins« der hundert dige Gutachten erstellen zu lassen, die mann einen Umschlag mit Bargeld über-
reichsten Deutschen geführt. Seinen 50. wichtige Beweismittel erschüttern sollten. geben und ihn für insgesamt 200 000 Euro
Geburtstag hat er hinter Gittern verbracht. Das könne sich nicht jeder Angeklagte leis- mit der Tötung des Rechtsanwalts J. aus
Und es sieht so aus, als würde er Ende Juli ten, betont sein Verteidiger Björn Gercke. der Frankfurter Großkanzlei Clifford
auch seinen 51. dort feiern müssen. In we- »Das ist der eigentliche Skandal dieses Ver- Chance beauftragt haben. »Ich will nichts
nigen Tagen will das Gericht sein Urteil fahrens.« mehr von dem hören«, soll Falk gesagt
verkünden. Es ist ein abruptes Ende nach Ein absurder Höhepunkt wurde er- haben. »Er soll eiskalt gemacht werden.«
43 Verhandlungstagen, die anfangs ge- reicht, als Verteidiger Daniel Wölky am E. ist 47 Jahre alt, als Beruf gab er Fah-
prägt waren vom teils absonderlichen Ge- sechsten Verhandlungstag in die Mitte des rer an. Er wurde an sieben Tagen befragt,
baren einiger Prozessbeteiligter. Gerichtssaals stürmte, sich seine Robe die Hälfte davon allein von der Vertei-
Falk hatte sich für eine offensive Vertei- vom Leib riss und rief: »Ich lasse mich digung, die ihn für einen »Lügner« und
digerstrategie entschieden, für die ganz gro- doch nicht von denen erschießen!« Kurz »Betrüger« hält und seine Angaben von
ße Show. Seine beiden Anwälte überschüt- zuvor hatten zwei mit Sturmhauben mas- dem Kieler Rechtspsychologen Günter
teten die 22. große Strafkammer unter dem kierte Polizeibeamte, Maschinenpistolen
Vorsitz von Jörn Immerschmitt mit An- im Arm, den Saal betreten – zum Schutz * Daniel Wölky, Björn Gercke im Landgericht Frankfurt
trägen – zur Vernehmung von Zeugen und des Kronzeugen Etem E. Der Richter bat am Main am 21. August 2019.

36
Köhnken auseinandernehmen ließ. E.s für 763 Millionen Euro an das britische ren umfassend: Falks gesamte Bankkon-
Aussagen sind tatsächlich zweifelhaft, er Telekommunikationsunternehmen Ener- ten, Geschäftsanteile sowie Luxusgüter in
verstrickte sich in Widersprüche. Das sah gis. Vier Jahre später geriet er in Verdacht, Deutschland, der Schweiz und Südafrika
auch das Gericht so und ließ erkennen, bei der Abwicklung betrogen zu haben: wurden beschlagnahmt.
dass auf dessen Aussage allein keine Ver- Er soll den Umsatz seines Unternehmens Ein Kollege beschrieb J. vor Gericht als
urteilung gestützt werden könne. Ohne mit Scheingeschäften aufgepumpt und es einen, der »akribisch, mit äußerster Präzi-
E.s Angaben wäre Falk vermutlich nie zu einem überhöhten Preis verkauft ha- sion und Härte« vorgegangen sei. Die
angeklagt worden. Doch Falk kennt E., er ben. Falk wurde festgenommen, im April Staatsanwaltschaft vermutet dahinter das
kennt auch andere Typen aus dessen 2005 kam er während des Verfahrens ge- Motiv. Falk wollte demnach J. aus dem
Dunstkreis. Wie geriet ein Mann wie Falk gen eine Kaution von 1,5 Millionen Euro Weg haben, um seine Chancen im Zivil-
in ein solches Milieu? vorläufig auf freien Fuß. prozess zu verbessern und wieder an sein
Der Sohn des Nachkriegsaufsteigers Ger- Er tat alles, um seine Unschuld zu be- Vermögen zu gelangen.
hard Falk war in der vornehmen hanseati- weisen, heuerte auch damals Topanwälte Nach einem misslungenen Hack-Ver-
schen Gesellschaft zu Hause. Noch zu Ju- an. Das Landgericht Hamburg verurteilte such sollen sich B. und sein Bruder Zugang
gendzeiten lernte er seine heutige Ehefrau ihn 2008 unter anderem wegen versuchten zu Wolfgang J.s Büro in der Kanzlei Clif-
Nadia kennen, Tochter des millionenschwe- Betrugs und Beihilfe zur Bilanzfälschung ford Chance verschafft haben, getarnt als
ren Hamburger Kaufmanns Axel Schroeder zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren. Putzkräfte. Den entlastenden Beweis fan-
sen., der seine Millionen mit Schiffs- und Falk ging in Revision und scheiterte. den sie nicht.
Immobilienfonds machte. Nadia und Ale- Falk, Sportfanatiker, Surfer und Segler Wolfgang J. sprach im Gericht von ei-
xander Falk haben gemeinsam fünf Kinder. internationaler Regatten, sagt von sich, er nem lukrativen, umsatzstarken Mandat
und von einer »außerordentlich feindseli-
gen Stimmung« zwischen ihm und Falk.
2009 fingen Unbekannte an, Wolfgang J.
das Leben schwer zu machen, wie Polizei-
dokumente belegen. J. schildert, wie er zu
Hause auf dem Festnetz anonyme Anrufe
erhalten und Fremde vor seiner Haustür
wahrgenommen habe; wie Unbekannte
versuchten, bei ihm einzubrechen, und in
der Nacht auf die Haustür einschlugen.
Von Beginn an sah J. einen Zusammen-
hang zu seinem Mandat in der Causa Falk.
Den Schuss am 8. Februar 2010 habe er
als »letzte Warnung« interpretiert, danach
habe er sich aus dem Verfahren zurück-
gezogen. 2012 endete der Zivilprozess zwi-
schen Energis und Falk: Der Unternehmer
sollte mehr als 208 Millionen Euro Scha-
KAI GREISER/ YACHTBILD

densersatz zahlen, man einigte sich schließ-


lich auf eine weitaus niedrigere Summe.
Der Anschlag auf J. blieb ungeklärt.
J. sprach im Gericht ruhig, auch als er
sagte: »Ich traue Herrn Falk eine An-
Segler Falk (2. v. r.) bei Flensburg 2002: Von Blankenese aus die Welt erobern stiftung zum Mord absolut zu.« Eine Ein-
schätzung, mit der J. nicht allein dasteht,
spätestens nach dem fulminanten Prozess-
Von Blankenese aus wollte »Sascha«, könne austeilen, aber auch einstecken. auftakt: Im Gerichtssaal war eine Tonauf-
wie ihn seine Freunde nennen, die Welt Doch das Image eines Hochstaplers kränk- nahme zu hören, acht Minuten und sieben
erobern. Der Diplomkaufmann erkannte te ihn, er beteuert noch heute, Energis Sekunden lang, aufgenommen am 28. Juni
früh, dass das Geschäft mit gedruckten nicht getäuscht zu haben. Beim Versuch, 2010 in einem Lokal in Istanbul. Falk saß
Karten eine schwierige Zukunft haben den Vorwurf zu entkräften, beging er ei- dort mit den Brüdern B. und einem Inves-
würde. Er verkaufte die ererbten Anteile nen Fehler: Er ließ sich auf Cihan B. ein, tor, gemeinsam planten sie eine Hotel-
des väterlichen Unternehmens an den Ber- eine Knastbekanntschaft mit angeblich anlage am Bosporus. Es ging auch um den
telsmann-Konzern, erwarb und gründete engen Kontakten ins Hamburger Boxer- Anschlag auf Anwalt Wolfgang J. Falks
verschiedene Internetfirmen, wurde zum und Drogenmilieu und zu einem Hacker Stimme war zu hören: Er habe »echt
Börsenliebling des neuen Marktes: Falk, des türkischen Militärs. B. sollte dabei hel- gejubelt«, als er auf seinem Anwesen in
der Superstar der New Economy. fen, illegal Dokumente zu beschaffen, die Südafrika von dem Schuss gehört habe. Es
Weggefährten von früher lassen sich in Falks Unschuld beim Ision-Verkauf bewei- sei die »einzig richtige Konsequenz«, ge-
zwei Lager teilen: Die einen schwärmen sen. Das Vorhaben scheiterte. So räumte wesen, »dem ins Bein zu ballern«. Falk
von ihm, seinem einnehmenden Wesen, Falk es vor Gericht ein. sprach von »feigen Anwaltsbazillen« –
seiner selbstbewussten, fast fröhlichen Art. In den Mittelpunkt rückte laut Ankla- und dass ihm die Nachricht »große Freu-
Falk, der Optimist und Macher. Die ande- ge damals Wolfgang J. Der Frankfurter de« bereitet habe.
ren verachten ihn, sie staunen über seine Rechtsanwalt vertrat Energis in einem Zi- Es wurde still im Saal. Falk schaute mit
Chuzpe, seine Unverfrorenheit, seine Rot- vilprozess gegen Falk, in dessen Verlauf festem Blick in die Runde, als sein Vertei-
zigkeit. Falk, der Gierige. ein zivilrechtlicher Arrestbefehl gegen diger Gercke in die Offensive ging und
2000 verkaufte Falk seine Mehrheits- Falk in Höhe von 30 Millionen Euro erlas- seinem Mandanten »schäbigste Schaden-
anteile an der Firma Ision Internet AG sen wurde. Die Pfändungsmaßnahmen wa- freude« bescheinigte. Die allein wäre nicht

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 37


Deutschland

Unter Wert
strafbar. Ein Auftrag zum Mord, zur Kör- grata gewesen. Es klang so, als hätte Falk
perverletzung natürlich schon. Wie waren es genossen, im neuen Bekanntenkreis
die Worte zu verstehen? Falks Verteidigern etwas Besonderes zu sein.
gelang es, mittels eines Gutachtens des Sein neues Umfeld genoss in jedem Fall
Fraunhofer-Instituts nachzuweisen, dass den sozialen Aufstieg und hatte offenbar Soziales Das Hilfetelefon
die Tonaufnahme manipuliert war: Aussa- einen Plan: »Die haben den total verarscht, »Gewalt gegen Frauen« ist in
gen waren zusammengeschnitten worden. die wollten nur an sein Geld«, sagt Etem
Ein wichtiges Beweismittel ist aus Gerckes E. Er war es, der die Ermittlungen zu dem der Coronakrise wichtig wie
Sicht damit vom Tisch, die Worte Falks Anschlag auf Wolfgang J. wieder ins Rollen nie. Trotzdem werden die
blieben dennoch in den Köpfen hängen. brachte. 2017 meldete er sich beim Landes- Beraterinnen schlecht bezahlt.
Auch den Richtern fiel es offenbar kriminalamt Hamburg und behauptete, Be-
schwer, ihm zu glauben. Zweimal wendete weise zu haben, Falk habe den Mord an
Falk sich in der Hauptverhandlung in
Frankfurt am Main an die Kammer, um auf
das Unrecht, das ihm widerfahre, aufmerk-
sam zu machen. »Sie haben Schwierigkei-
dem Anwalt in Auftrag gegeben. Er prä-
sentierte die manipulierte Tonaufnahme
und Details des Treffens im Restaurant, an
dem er selbst teilgenommen habe. Falk
W enn Annalena Schneider von ih-
rer Schicht nach Hause fährt, ist
sie ausgelaugt. Von den meisten
Anrufen weiß sie nur noch die gröberen
ten, meine Ausführungen zu glauben«, sag- habe den Tätern in dem Steakhaus Umstände. Die Ehefrau, die von ihrem
te Falk mit Blick zum Richtertisch, »sonst 200 000 Euro versprochen, wenn sie sich prügelnden Mann erzählte, die junge Frau,
J. vorknöpften. die starke Wehen hatte und nicht wusste,
Falk beharrt darauf, dass es kein Treffen wo sie hinsollte, oder der Mann, der ihr
im Steakrestaurant gab und erst recht kei- erst am Telefon ins Ohr stöhnte und sie
nen Auftrag zu einer Gewalttat. Er habe dann beleidigte, von alledem weiß sie
den Brüdern B. lediglich fünf Millionen kaum noch Einzelheiten.
Euro versprochen, wenn sie die entlasten- »Es verschwimmt alles am Ende des Ta-
den Dokumente herbeischafften. Außer- ges«, sagt Schneider, die eigentlich anders
dem habe er sich von ihnen eine Viertel- heißt. Pro Schicht führt sie 6 bis 15 Gesprä-
million Euro geliehen. Sie hätten ihm beim che am Telefon, hinzu kommen Mails und
Treffen im Lokal in Istanbul zugesagt, ihm Chats. Da müsse man »einiges verdrän-
diese Summe zu erlassen, wenn er so tue, gen«, glaubt sie.
als freute er sich über den Anschlag auf Schneider arbeitet als Beraterin beim Hil-
J. – diese Freude ist dann in der Aufnahme fetelefon »Gewalt gegen Frauen«. Die Hot-
auch zu hören. Die Brüder hätten damit line wird finanziert vom Bundesfamilien-
angeblich einem Gesprächspartner impo- ministerium und ist deutschlandweit einzig-
nieren wollen, in Wahrheit aber, so Falk, artig: Rund um die Uhr können Frauen die
ihn in die Falle locken. 08000 116 016 kostenlos anrufen, wenn sie
Die B.s sollen Falk mit der Aufnahme Gewalt erleiden, egal welcher Art. Rund
GABY GERSTER/ LAIF

jahrelang erpresst haben. Dann soll sich hundert Frauen arbeiten dort, sie beraten
Etem E. heimlich eine Kopie besorgt und barrierefrei und in 18 Sprachen, auch das
ebenfalls die Falks erpresst haben, verge- ist einmalig. 2019 gab es rund 44 700 Bera-
bens. Schließlich sei E. 2017 zur Polizei ge- tungen.
gangen, um wenigstens die Belohnung von Nur »die heftigsten Fälle« blieben hän-
Entrepreneur Falk in Frankfurt 2002 100 000 Euro zu kassieren, die J.s Arbeit- gen, sagt Schneider. Wenn es um akute Ge-
Superstar der New Economy geber für Hinweise ausgesetzt hatte. fahr für Leib und Leben geht, wenn eine
Nach 43 Verhandlungstagen bleibt ein Frau kurz davor ist, sich umzubringen –
hätten Sie mich ja freigelassen.« Der Vor- verwirrendes Bild: eine nachweislich ma- und Schneider sie beruhigen muss. Dann
sitzende Richter Immerschmitt nickte und nipulierte Tonaufnahme, die fragwürdigen kommt es auf jedes Wort an, das sie sagt.
sagte: »Das ist richtig.« Aussagen des einstigen Kronzeugen E. so- Oder wenn ein Mann im Hintergrund
Falk versuchte es trotzdem ein weiteres wie ein Zeuge, der E.s Version zunächst brüllt, während die Ehefrau mit dem
Mal. Er habe die kriminelle Energie der bestätigte und seine Aussage anschließend Handy im verschlossenen Badezimmer
Brüder B. gekannt und sie dennoch unter- widerrief. E. habe ihn zu einer Falschaus- kauert – und Schneider versucht, die Frau
schätzt, sagte er. Sie hätten ihm eine Falle sage genötigt, sagte der Zeuge; E. hielt da- davon zu überzeugen, mit ihr die Polizei
gestellt, er habe keine Erfahrung gehabt gegen, der Zeuge sei von Falk für vier Mil- zu rufen. Oder wenn ein Kind von sexuali-
»mit hungrigen Leuten«. Falk meinte Men- lionen gekauft worden. Die Brüder B. sierter Gewalt berichtet – und Schneider
schen, die nicht so privilegiert aufwuchsen konnten nicht befragt werden, sie haben es an ein Mädchenhaus vermitteln will.
wie er. Alle seine Freunde seien wohl- sich in die Türkei abgesetzt; ein Rechts- Sie arbeitet schon mehrere Jahre beim
habend, »einige sehr wohlhabend«. hilfeersuchen gab es nicht. Hilfetelefon, sie sagt: »Ich liebe den Job,
Aber warum nur? Warum lässt sich ein Die Richter müssen nun zu einem Ur- ich weiß, dass ich vielen Frauen helfe.«
Mann wie Falk auf derart halbseidene Cha- teil kommen. Es spricht einiges dafür, dass Aber er verlange ihr auch einiges ab. Und
raktere ein? sie so manches anders bewerten als die für das, was sie leiste, werde sie nicht gut
Auch seine Frau habe ihn vor den neu- Verteidiger und den Angeklagten ver- genug bezahlt, findet Schneider.
en Freunden gewarnt, sagte Falk. Als Zeu- urteilen werden. In jedem Fall wird die Unter den Beraterinnen gibt es viele,
gin im Gericht hatte Nadia Falk allerdings Causa Falk wohl in die nächste Instanz die eine Gehaltserhöhung fordern. Beim
inzwischen Verständnis für den unge- gehen. Das Urteil des Landgerichts dürfte Einstieg verdienen sie rund 2990 Euro
wohnten Umgang, den ihr Mann nach nicht das letzte Wort bleiben. brutto, nach einem Jahr sind es 3490 Euro,
dem Strafverfahren und seinem Gefäng- Julia Jüttner danach steigt das Gehalt langsamer.
nisaufenthalt suchte. Immerhin sei er in Mail: julia.juettner@spiegel.de Und so macht sich immer mehr Unmut
manchen Kreisen auf einmal Persona non breit, das berichten mehrere von ihnen

38 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


fesuchenden Frauen« bestehe »aufgrund
der räumlichen Trennung gerade nicht«.
Die Anwältin der Klägerin widerspricht
mit einem Schreiben an das Arbeitsgericht
vom Januar. Zum einen sei die Bedeutung
der Hotline schon durch die Einzigartigkeit
des Angebots gegeben. Zum anderen zeige
die Klägerin eben nicht nur Alternativen

THOMAS TRUTSCHEL/ PHOTOTHEK/ IMAGO IMAGES


zur Beratung auf, »sondern übernimmt die
Beratung selbst, und zwar in konkreten
Gefahrenlagen für Leib und Leben der An-
rufer«. Sie würde »stets und weit mehr als
die sogenannte Erstberatung« leisten, au-
ßerdem arbeite sie »immer alleine und
selbstständig«. Sie müsse sogar selbst ent-
scheiden, ob sie im absoluten Ausnahme-
fall gegen den Willen der Anruferin Polizei
oder Notarzt hinzuziehe.
Spricht man mit Beraterinnen über ih-
Plakat fürs Hilfetelefon, Ministerin Giffey: »Ein Rettungsanker« ren Arbeitsalltag, klingt die Einschätzung
des BAFzA noch absurder. Natürlich ma-
che man nicht nur Erstberatungen, sagt
dem SPIEGEL, sie wollen jedoch anonym dieses europaweit einzigartigen Beratungs- eine: »Wir haben viele Frauen, die sich
bleiben. Üblicherweise schirmt das zustän- angebots sogar noch gewachsen«. mehrfach melden.« Es gebe auch Frauen,
dige Bundesamt für Familie und zivilge- Für die Beraterinnen bedeute das mehr die täglich anriefen, »Dauernutzerinnen«
sellschaftliche Aufgaben (BAFzA), eine Arbeit, sagen sie, die Reflexionspausen heißen sie intern.
nachgeordnete Behörde des Frauenminis- würden sie fast nie mehr schaffen. Mitte »Der gravierende Unterschied zu klas-
teriums, die Mitarbeiterinnen ab. Aber da Mai forderte Giffey im Interview mit dem sischen Beratungsstellen ist doch, dass wir
sich seit Jahren nichts tue, wollen es nun SPIEGEL, dass man die »sozialen Berufe, ganz häufig in der akuten Situation ange-
einige Beraterinnen über öffentlichen in denen zu 80 Prozent Frauen« arbeite- rufen werden – und sofort richtig reagieren
Druck versuchen. ten, »eben nicht nur wertschätzen, son- müssen«, sagt Schneider.
Stellvertretend für alle klagt eine Bera- dern aufwerten und besser bezahlen« müs- Das Bundesarbeitsgericht hat entschie-
terin vor dem Arbeitsgericht Köln, Akten- se. Als sie das lasen, platzte einigen Bera- den, dass eine »besondere Schwierigkeit
zeichen 17 Ca 6519/18. Sie wollte nicht terinnen der Kragen. »Warum kann sie der Tätigkeit« vorliegt, wenn ein unge-
mit dem SPIEGEL reden, aber die Unter- dann nicht bei ihren Mitarbeiterinnen an- wöhnlich hoher Stand an Fachwissen ge-
lagen zu diesem Prozess liegen vor. Das fangen?«, fragt Schneider. »Wir sind ver- fordert wird. Das trifft in diesem Fall zu.
Ziel: eine höhere Einstufung im Tarif- zweifelt und wütend«, sagt eine Kollegin. Von Stalking bis Genitalverstümmelungen
system. Der Deutsche Gewerkschaftsbund Rechtlich geht es in dem Fall um die Fra- brauchen die Beraterinnen ein enormes
unterstützt die Klage. Ist sie erfolgreich, ge, ob die Beraterinnen nicht nur eine »be- Fachwissen. Hinzu kommt, dass sie auch
können sich alle ihre Kolleginnen darauf sonders verantwortungsvolle« Tätigkeit die Anrufe am Hilfetelefon »Schwangere
berufen. Bislang hat das Bundesamt die ausüben, wofür sie laut Entgeltgruppe 9c in Not« annehmen.
Gehaltserhöhung immer abgelehnt. entlohnt werden, sondern ob sich diese Die Argumentation des BAFzA ist
Dabei ist das Hilfetelefon Tätigkeit »durch besondere umso erstaunlicher, als Präsidentin Edith
wichtiger denn je. Jahr für Jahr Frauen in Not Schwierigkeit und Bedeu- Kürten die Bedeutung der Hilfetelefone

44700
steigt die Zahl der Beratungen, tung« heraushebt und sie des- gerade in Corona-Zeiten in einem auf den
2020 dürften es noch einmal wegen in die Entgeltgruppe 11 17. März datierten Brief selbst unterstri-
deutlich mehr werden, vor al- hochgestuft werden müssten. chen hat. Die Mitarbeiterinnen seien wäh-
lem wegen der Coronakrise, in Beratungen Bei einer Vollzeitstelle wäre rend der Coronakrise »unabkömmlich«,
der die Menschen mehr Zeit wurden im Jahr 2019 das ein Unterschied von rund schrieb sie. Beide Hilfetelefone seien
miteinander zu Hause ver- beim Hilfetelefon 400 bis 500 Euro brutto pro »wichtige Schutzmaßnahmen für Frauen
brachten. Seit April gibt es »ei- »Gewalt gegen Frauen« Monat. in Not«, die »zu den Kernaufgaben der
nen Anstieg, der über die üb- durchgeführt. Das sind Das BAFzA findet, die Mit- Bundesregierung zählen«. Insbesondere
lichen Schwankungen hinaus- rund 77 % mehr als 2014. arbeiterinnen sollten nicht dem Hilfetelefon »Gewalt gegen Frauen«

58 %
geht« und nun »auf konstan- höher eingruppiert werden. In »kommt in der aktuellen Situation ein be-
tem Niveau« geblieben sei, der Klageerwiderung heißt es, sonderer Stellenwert zu«, schrieb Kürten.
teilt das Bundesamt auf Anfra- dass sie »an den Hilfetelefo- Das BAFzA weist auf Anfrage darauf
der Frauen berichteten
ge mit. Die Beratungskontakte nen lediglich eine Art Lotsen- hin, dass der Brief »zur Vorlage bei Kin-
von häuslicher Gewalt
hätten »um etwa 20 Prozent« funktion wahrnehmen« wür- dergärten oder ähnlichen Institutionen«
durch den Partner oder
zugenommen. Expartner, den. Es handle sich vor allem gedacht gewesen sei und »in keinem Sach-
Das weiß auch Frauenmi- um eine Erstberatung, danach zusammenhang zu der tariflichen Eingrup-
nisterin Franziska Giffey: Das
Hilfetelefon sei ein »Rettungs-
anker« und »für viele betrof-
13 %
von sexualisierter
würde »an externe Anlaufstel-
len wie Frauenhäuser oder die
Polizei« weitervermittelt. Eine
pierung« stehe. Weitere Auskünfte möchte
das Bundesamt nicht geben. Auch das
Ministerium will sich weder zu dem Ver-
fene Frauen buchstäblich die Gewalt außerhalb von besondere Schwierigkeit sei fahren noch zum Unmut der Beraterinnen
erste Hilfe, um der Gewalt zu Beziehungen.* nicht erkennbar. Und: »Eine äußern. Ann-Katrin Müller
entgehen«, sagt sie. In der Co- Quelle: BMFSFJ; * Basis: 34 340
unmittelbare Auswirkung auf Mail: ann-katrin.mueller@spiegel.de
ronakrise sei »die Bedeutung ausgewertete Beratungskontakte 2019 Gesundheit und Leben der hil-

39
Coronakrise

»Lügen gehört dazu«


SPIEGEL-Gespräch Eltern räumten zu selten Schwächen ein, sagt die britische Autorin
Philippa Perry. Dabei sei es wichtig, sich bei seinen Kindern auch mal zu entschuldigen.

Perry, 62, arbeitet als Psychotherapeutin betrogen, die üblicherweise in diesem Al- SPIEGEL: Fällt Ihnen ein Beispiel ein?
in London; ihr jüngstes Buch stand in Groß- ter dazugehören. Und wenn ihre Eltern Perry: Viele Eltern erzählen, dass sie im
britannien wochenlang auf den Bestseller- dann an ihre Vernunft appellieren, fühlen Homeoffice nicht die notwendige Ruhe
listen*. sie sich missverstanden. finden: Wenn sie ihrem Kind erklären, sie
SPIEGEL: Welches Verhalten empfehlen dürften nicht gestört werden, fühlen sich
SPIEGEL: Frau Perry, während des Lock- Sie stattdessen? vor allem die Jüngeren zurückgewiesen.
downs haben zahlreiche Eltern so viel Zeit Perry: Wir kommen besser durch Zeiten Sie können nicht nachvollziehen, warum
mit ihren Kindern verbracht wie nie. In- wie diese, wenn wir uns auf unsere Bezie- Eltern zwar zu Hause sind, aber stunden-
wieweit hat dieses Vierteljahr Familien ver- hung zu den Kindern besinnen – unsere lang nicht ansprechbar sein sollten. Stellt
ändert? emotionale Bindung. Das bedeutet, dass man ihnen dann Lego-Bausätze oder Sü-
Perry: Der übliche tägliche Kontakt mit wir ihre Bedürfnisse verstehen und mit ßigkeiten hin, verschafft man sich allenfalls
Lehrern, Freunden, Sporttrainern oder Ar- Verständnis begleiten, statt ständig ein be- kurzfristig Ruhe. Und wer seinem Kind
beitskollegen ist in vielerlei Hinsicht ein stimmtes Verhalten von ihnen einzufor- verspricht, sich nach der Arbeit mit ihm
Korrektiv. Er beeinflusst unsere Stimmung dern. Und das gilt für Kinder jeden Alters. zu beschäftigen, riskiert, dass es ständig
und unser Verhalten, er beugt Einsamkeit Wenn sie nun nörgeln oder wüten, ist man um einen herumschleicht, um herauszu-
vor und wirkt wie ein sozialer Puffer. Fällt gut beraten, sich zu fragen, welche Gefüh- finden, wann es endlich so weit ist.
er weg, werden unser Stress, unsere Schwie- le sich hinter diesem Verhalten verbergen SPIEGEL: Was schlagen Sie also vor?
rigkeiten und Schwachstellen sehr unge- könnten. Wir tun zu oft so, als wäre ein Perry: Erst spielt man gemeinsam. Und
hemmt im Alltag mit unserem Partner und Kind ein Ding, das sich durch Belohnun- wenn die Kinder in ihrer Welt aus Ninjas,
unseren Kindern sichtbar. gen oder Strafen manipulieren lässt, damit Autos und Buntstiften versunken sind,
SPIEGEL: Mit welchen Folgen? die Familie möglichst reibungslos durch setzt man sich an den Schreibtisch.
Perry: Das lässt sich schwer verallgemei- den Alltag kommt. Aber wenn Eltern sich SPIEGEL: Das kann lange dauern.
nern. Man kann davon ausgehen, dass sich mit ihrem Kind verbinden, statt es zu kor- Perry: Wenn ein Kind sich aufgehoben
Verhaltensweisen, die unser Zusammenle- rigieren, fühlen sich auf lange Sicht alle fühlt und sich des Interesses seiner Eltern
ben vorher schon beschwerten, verschärfen. besser. sicher ist, hat es weniger Grund zu drän-
Die ohnehin vorhandenen Probleme drän- SPIEGEL: Viele Mütter und Väter stehen geln. Am Ende lässt es sich so wahrschein-
gen sich in den Vordergrund. Eher unge- gerade unter Druck. Sie sorgen sich um lich länger ungestört arbeiten. Außerdem
duldige Mütter und Väter werden ihre Kin- ihren Job, sie jonglieren zwischen Haushalt, wirkt solch ein Verhalten langfristig: Kin-
der in den vergangenen Wochen tenden- Homeoffice und Homeschooling. Entspannt der lernen am Beispiel, und Eltern vermit-
ziell noch ungeduldiger behandelt haben. an einer besseren Eltern-Kind-Beziehung teln in diesen Momenten, was eine trag-
SPIEGEL: Welches Verhalten haben Sie bei zu arbeiten dürfte viele überfordern. fähige Beziehung ausmacht: Sie zeigen
den Kindern beobachtet? Perry: Ich kann das nachvollziehen, wüss- Empathie, Aufmerksamkeit, Interesse und
Perry: Manche sind ängstlicher als sonst. te aber keine andere Möglichkeit. So auf- Respekt für die Bedürfnisse eines anderen.
Sie hören alles Mögliche über das Coro- wendig ist es im Übrigen auch nicht. Im Erst auf dieser Ebene lässt sich mit Kin-
navirus, auch viel Widersprüchliches, und Grunde bietet sich jede Alltagssituation dern auch über ihre Gefühle sprechen, die
sie spüren, dass ihre Eltern sich sorgen, das dafür an. dem anstrengenden Verhalten zugrunde
verunsichert sie. Einige reagieren dann mit liegen. Es geht nicht darum, ihnen alles zu
einem besonders herausfordernden Ver- geben, was sie einfordern. Aber sie brau-
halten. Die jüngeren klammern, die älte- chen solche Momente, um zu lernen, wie
ren motzen. Corona durchkreuzt ja auch Gefühle und Verhalten zusammenhängen.
die entwicklungsgerechten Teenagerbe- Dieses Wissen ist Grundlage einer guten
dürfnisse. seelischen Gesundheit. Trotzdem scheuen
SPIEGEL: Wie meinen Sie das? Eltern vor solchen Gesprächen zurück. Ich
LORENTZ GULLACHSEN/ CONTOUR/ GETTY IMAGES

Perry: Heranwachsende wollen sich von kenne das aus eigener Erfahrung.
ihren Familien lösen, sie wollen in die Welt SPIEGEL: Was ist da passiert?
aufbrechen, in die Kneipen, Klubs und zu Perry: Ein Beispiel: Als ich zwölf Jahre alt
ersten Rendezvous. Ihr Körper, ihre Ge- war, fragte mich ein Freund meiner Eltern,
fühle und Hormone verändern sich rasant. ob ich eine glückliche Kindheit hätte. Das
Gemessen an diesem Turbobetrieb haben ist ja ohnehin schon eine schwierige Frage
sich die letzten Monate der Isolation für an ein Kind, aber ich dachte einen Mo-
viele angefühlt wie eine Ewigkeit. Oft se- ment lang nach und sagte dann, dass dies
hen sie sich um die Partys und Festivals nicht der Fall sei. Mein Vater stürmte he-
ran und erklärte vehement, dass meine
* Philippa Perry: »Das Buch, von dem du dir wünschst,
deine Eltern hätten es gelesen«. Ullstein; 304 Seiten;
Kindheit im Gegenteil sehr glücklich sei.
19,99 Euro. Psychotherapeutin Perry Später begriff ich, dass die Situation für
Das Gespräch führte die Redakteurin Katja Thimm. »Es wird immer wieder Brüche geben« ihn herzzerreißend gewesen sein muss.

40
menhang erkannte und sich eingestand,
wie sehr ihn der Weggang des Vaters ver-
letzt hatte, merkte er, dass er seinem Sohn
nicht das Gleiche antun konnte.
SPIEGEL: Wie verbreitet sind solche Ver-
haltensmuster?
Perry: Sie sind völlig normal: Wir erin-
nern uns oft nicht bewusst an unser kind-
liches Lebensgefühl. Und wir identifizie-
ren uns unbewusst mit einer Elternrolle,
wie wir sie kennengelernt haben. Deshalb
reichen wir auch verletzende Verhaltens-
weisen unwissentlich an unsere Kinder
weiter. Solche Muster zu durchbrechen ist
ein komplexer Prozess: Wir müssen er-
kennen, in welchen Momenten unsere
Vergangenheit uns vorgibt, wie wir uns
verhalten. Und wir müssen verstehen, wa-
rum uns die vermeintlich negativen Ge-
fühle oder Unzulänglichkeiten unserer
Kinder stören. Wenn es uns nervt, dass
sie immer noch keine Schnürsenkel bin-
den können, und wir begreifen, dass wir

UTE GRABOWSKY/ PHOTONET


uns früher genau deswegen selbst gede-
mütigt gefühlt haben, fällt es leichter,
geduldig zu sein. Wir können unser Ver-
halten besser kontrollieren.
SPIEGEL: Gute Eltern sind also jene, die
ihre Lebensgeschichte überdenken und
Wütendes Mädchen beim Homeschooling: »Monate der Isolation« ihren Frieden damit gefunden haben?
Perry: Es hilft zumindest dabei, eine trag-
fähige Beziehung zu einem Kind aufzubau-
Trotzdem wünsche ich mir bis heute, er gen unserer Kindheit unser jetziges Fami- en. Von guten oder schlechten Eltern zu
hätte mich zur Seite genommen und ge- lienleben bestimmen. Wir alle sollten die- sprechen, lehne ich allerdings kategorisch
fragt, was denn los sei. sen Blick in unsere Vergangenheit wagen. ab. Das sind Extremvokabeln, die dazu bei-
SPIEGEL: Was hätten Sie ihm geantwortet? SPIEGEL: Man könnte meinen, dass Eltern tragen, dass Eltern ihre Fehler überspielen.
Perry: Wahrscheinlich, dass mich die Schu- heute darin geübt wären. Immerhin haben SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
le belastete. Und wenn er dann erzählt hät- Coaching-Programme, Lebensberatung Perry: Kein Mensch ist in der Lage, sich
te, dass es ihm früher ähnlich ergangen sei, und andere Formen der Selbsterkundung jederzeit perfekt auf seine Kinder einzu-
wäre ein Moment von Verbundenheit und ziemlich viel Erfolg. stellen. Doch weil niemand als schlechter
gegenseitigem Verstehen entstanden. In Perry: Wenn Menschen sich unter Druck Vater oder schlechte Mutter gelten will,
solchen Augenblicken erfahren Eltern am fühlen, neigen sie dazu, bekannte Verhal- räumen Eltern ihre Schwächen oft nicht
meisten über ihre Kinder, doch mein Vater tensmuster zu wiederholen – selbst wenn ein. Dabei ist es wichtig, dass sie sich bei
versuchte, meine Empfindung so zu korri- sie es theoretisch besser wissen. Nichts ihren Kindern entschuldigen. Eltern sind
gieren, wie es seinen Vorstellungen ent- prägt einen so nachhaltig wie die eigenen die ersten Vorbilder, deren Verhalten ein
sprach. Eltern ertragen es nicht, ihre Kin- Kindheitserfahrungen. Ich erlebe das im- Kind nachahmt. Bruch und Reparatur –
der unglücklich zu sehen. Das liegt nicht mer wieder bei meinen Klienten. das ist die eigentliche Währung einer El-
nur an innigen Gefühlen. Die Traurigkeit SPIEGEL: An welche Fälle denken Sie? ternschaft.
erinnert sie unbewusst auch an ihr eigenes Perry: Etwa an einen Mann, der die Fami- SPIEGEL: Das klingt martialisch.
Unglück – und dem weichen sie aus. lie verlassen wollte, als der Sohn zwei Jah- Perry: Oh nein! Was ich meine: Im Ver-
SPIEGEL: Das müssen Sie erklären. re alt war. Dieser Mann erzählte, seine hältnis von Kindern und Eltern wird es im-
Perry: Die Hilflosigkeit ihrer Töchter und Kindheit sei ganz normal gewesen. Doch mer wieder Brüche geben, weil einer einen
Söhne belebt eigene schwierige Kindheits- dann stellte sich heraus, dass sich seine Fehler macht. Und das ist kein Problem,
erfahrungen wieder: die Verletzlichkeit, Eltern getrennt hatten – nach seinem zwei- solange man sich bemüht, sie möglichst
die Ohnmacht, das Gefühl des Ausgelie- ten Geburtstag. Anschließend hatte er den zügig wieder zu beheben. Schon kleine
fertseins. Und weil Eltern diesen Erinne- Kontakt zu seinem Vater verloren. Und er Kinder können solch ein Verhalten ver-
rungen ausweichen, reagieren sie oft ziem- hatte sich vorgenommen, dass es ihm innerlichen. Meine Tochter hat mich damit
lich unangemessen: Sie gehen nicht auf de- nichts ausmache. immer wieder überrascht.
ren Schmerz ein, sondern trösten sie mit SPIEGEL: Warum nahm er das Risiko in SPIEGEL: Denken Sie an einen besonderen
ein paar nichtssagenden Worten oder len- Kauf, seinen Sohn in eine ähnliche Lage Moment?
ken sie mit einem Eis oder dummen Wit- zu bringen? Perry: Als sie acht Jahre alt war, sind wir
zen ab. Sie stoßen ihre Kinder gewisser- Perry: So sah er es zunächst einmal nicht. im Urlaub gewandert, und nach einigen
maßen von sich weg, um die vergessen ge- Er verstand erst nicht, dass sein Junge ihn Kilometern wollte sie ins Ferienhaus zu-
glaubten Empfindungen von sich fernzu- an den Verlust erinnerte. Jedes Kind, egal rück. Wir ließen sie umkehren, und abends
halten, denen sie sich unbewusst plötzlich in welchem Alter, erinnert seine Eltern un- erzählte sie uns, eine Kuh habe sie auf die-
wieder ausgeliefert fühlen. Es ist hilfreich bewusst an die Zeit, in der sie im gleichen sem Rückweg umgerannt. Ich hielt es für
zu verstehen, wie schmerzhafte Erfahrun- Alter waren. Als mein Klient den Zusam- ausgeschlossen, dass in der Gegend derart

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 41


Flexibel bleiben. wilde Kühe herumliefen. Ich dachte, sie
lüge, um Aufmerksamkeit auf sich zu len-
Lesen Sie den SPIEGEL, ken – so wie ich, wenn ich mich als Kind
allein gelassen gefühlt hatte.
SPIEGEL: Und dann?
solange Sie möchten. Perry: Ein Jahr später wanderten wir wie-
der in der Gegend, und als ich mich zwi-
Frei Haus. schendurch bückte, rannte mich eine Kuh
um. Ich merkte, dass Kühe sich tatsächlich
Der SPIEGEL jede Woche direkt nach Hause aggressiv verhalten können, wenn man
Rund 4% sparen. kleiner ist als sie. Ein ganzes Jahr lang hat-
Für nur € 5,30 pro Ausgabe statt € 5,50 im Einzelkauf te ich meiner Tochter Unrecht getan. Es
tat mir furchtbar leid, ich entschuldigte
Ohne Risiko. mich, und es war okay.
Jederzeit kündbar, Urlaubsservice möglich SPIEGEL: Welche Fehler lassen sich nicht
verzeihen?
Vergünstigte Tickets.
Perry: Schwierig wird es, wenn Eltern vor-
Für ausgewählte SPIEGEL-Veranstaltungen geben, sie wollten das Beste für ihr Kind,
auf www.spiegel-live.de in Wahrheit wollen sie aber nur die eige-
nen Bedürfnisse erfüllen. Das ist verlet-
zend und verstörend für jedes Kind.
SPIEGEL: Wie sollten Eltern reagieren,
wenn ihre Kinder sie anlügen?
Perry: Lügen gehört zur normalen kind-

Einfach jetzt anfordern: lichen Entwicklung dazu. Im Übrigen lügt


jeder. Kinder bekommen oft mit, wenn
ihre Eltern zu jemandem sagen, sie hätten
abo.spiegel.de/flexibel keine Zeit für dies und das, obwohl sie in
Wahrheit keine Lust haben. Je strafender
oder telefonisch unter 040 3007-2700 Eltern auf eine Lüge reagieren, desto bes-
ser wird ihr Kind lügen lernen. Auch hier
(Bitte Aktionsnummer angeben: SP-FLEX)
gilt: Sie sollten versuchen zu verstehen,
aus welchem Gefühl heraus ihr Kind das
Keine unerwünschte Verhalten an den Tag legt.
Mindest- Und statt es zu bestrafen, sollten sie ihm
helfen, das Gefühl anders auszudrücken.
laufzeit SPIEGEL: Eltern sind sich in solchen Fällen
oft nicht einig: Der eine nimmt es locker,
der andere regt sich schrecklich auf.
Perry: Das ist genauso normal. Und für
Kinder ist es ein Gewinn, wenn sie früh-
zeitig mitbekommen, dass man verschie-
dene Standpunkte zu einem Thema haben
kann. Allerdings sollten Eltern vorführen,
wie man freundlich streitet und nach einer
tragbaren Lösung sucht oder zumindest
friedlich auseinandergeht. Auch dabei lässt
sich jede Menge Lebensnotwendiges ler-
nen: Flexibilität, Problemlösungskompe-
tenz, Frustrationstoleranz, Empathie. Was
man im eigenen Interesse vermeiden sollte,
ist Faktentennis.
SPIEGEL: Was soll das sein?
Perry: Das übliche Pingpong. Man knallt
sich Argumente um die Ohren, und es geht
allein um den Sieg, ums Rechthaben. Man
verhält sich, als wäre der andere ein Geg-
ner, dessen Gefühle zu vernachlässigen
sind, und nicht ein geliebtes Familienmit-
glied. Häufig geraten Väter und Mütter
auch mit ihren pubertierenden Kindern in
so ein Match. Es zerstört das Gefühl einer
sicheren Beziehung – bei den Kindern wie
bei den Eltern.
SPIEGEL: Frau Perry, wir danken Ihnen
für dieses Gespräch.

42 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


Deutschland

»Scheiß
Bimbos«
Rassismus Haben zwei Polizisten
Schwarze geschmäht und den
Hitlergruß gezeigt? Ein Prozess am
Amtsgericht Rosenheim fällt
in die Zeit einer großen Debatte.

D as Valentino ist ein Lokal, in dem

JAN FRIEDMAN/ DER SPIEGEL


viel geredet und noch mehr getrun-
ken wird. »Man trifft sich dort zum
Abschlussbier«, so beschreibt ein Zeuge
vor Gericht die Kneipe in der Rosenhei-
mer Fußgängerzone.
Am Abend des 30. August 2018 ist am
Stammtisch vor dem Eingang ein halbes Angeklagte Thomas W., Thomas S. (sitzend), Verteidiger: »Sind das wirklich Bullen?«
Dutzend Zecher versammelt. Unter ihnen
der Bundespolizist Thomas W. aus Rosen-
heim und sein Kollege Thomas S., zu Be- Ein zweiter Vorwurf wiegt noch schwe- unterstützt, belastete am Tag nach dem
such aus Rostock. Sie trinken Jägermeister rer. Der Bundespolizist S. habe, so schil- Vorfall W. schwer. Der Polizist habe »Sieg
mit Red Bull, Wodka Maracuja, Whiskey dert es Zeuge K., vor der Kneipe einmal Heil« gerufen; es sei nicht das erste Mal
Cola. Der Wirt gibt Runden aus, Schlager- »Sieg Heil« gerufen. Sein Kollege W. gewesen, »das macht er gerne«.
musik dröhnt aus den Boxen, so schildern zweimal, dazu habe W. den Arm gereckt. An dieser Aussage hält sie vor Gericht
später Zeugen die Situation. Das sei »strafbar als Verwenden von Kenn- nicht fest. »Mir wurde viel in den Mund
Ein Mann aus dem Kreis fühlt sich mit zeichen verfassungswidriger Organisa- gelegt«, sagt sie über die Vernehmung bei
dem Tischgespräch zunehmend unwohl. tionen«, steht im Strafbefehl. der Polizei, sie sei noch betrunken gewe-
Andreas K. hat seine Trinkkumpane ge- Die beiden Angeklagten lassen durch sen: »Ich war so was von hackedicht.«
rade erst kennengelernt. »Sind das wirk- ihre Verteidiger erklären, die Vorwürfe zu Der Wirt des Valentino sagt, dass W.
lich Bullen?«, fragt er den Kellner drinnen. bestreiten und keine Angaben zu machen. bisweilen über die schwierige Arbeit als
Irgendwann drückt K. heimlich auf sein Auskunftsfreudiger ist der Zeuge K., ar- Bundespolizist gesprochen habe, auch
Handy und nimmt einige Minuten des beitsloser Lkw-Fahrer, der schon öfter in über Probleme mit Migranten. »Aber das
Gesprächs auf. In dem Mitschnitt ist zu Auseinandersetzungen verwickelt war. war nicht ausländerfeindlich.« W. sei
hören, wie jemand »Scheiß Neger« und Eine Gruppe Skinheads habe ihn 2016 vor Stammgast und sitze häufig mit Menschen
»Scheiß Bimbos« sagt. Um 23.14 Uhr dem Valentino verprügelt, sagt er. Vor unterschiedlicher Herkunft zusammen.
wählt K. den Notruf. Gericht trägt er ein schwarzes T-Shirt mit »Er ist immer mit zehn Leuten unterwegs,
So kommt es, dass das Kneipengespräch der Aufschrift »Hate Racism«, bei der An- und das sind alles Ausländer«, sagt der
vor dem Amtsgericht Rosenheim landet. wältin, die ihn begleitet, holte er schon Wirt.
Der Prozess in Saal 021 fällt nun aus- am fraglichen Abend per Telefon Rat ein. Der Kellner, der die Gruppe bediente,
gerechnet in eine Zeit, in der über Polizei- K. kam mit zwei Bekannten vom nahen erinnert sich immerhin an Gespräche über
gewalt und Rassismus diskutiert wird. Rosenheimer Herbstfest, die drei setzten die Krawalle von Chemnitz und irgendwie
Nach dem Tod von George Floyd in den sich mit an den Stammtisch. »Die Gesprä- auch an Wortwechsel über den Hitlergruß.
USA fragen sich viele, ob es Rassisten che sind immer derber geworden«, sagt K. Die Polizei in Rosenheim nahm die Vor-
unter den deutschen Polizisten gibt. Die Zuerst Schmähungen gegen Schwarze, würfe gegen die Kollegen so ernst, dass sie
Debatte ist voller Schärfe. Vor Gericht dann die Hitlergrüße. Ein Zechbruder sagt in der Nacht mit sechs Streifenwagen an-
wollen weder die Angeklagten noch der ebenfalls aus, Sieg-Heil-Rufe wahrgenom- rückte. Am kommenden Tag übernahm das
Zeuge Andreas K. ihre Wohnsitze an- men zu haben, nicht aber einen ausge- Kommissariat für Staatsschutz und Beam-
geben. Alle sagen, sie fürchteten Über- streckten Arm. tendelikte. »Wir waren uns der Tragweite
griffe. Die Beteiligten waren an diesem Som- der Sache bewusst«, sagt der zuständige
Die Richterin hört ein Dutzend Zeugen merabend alkoholisiert. Bei K. maßen die Kripobeamte vor Gericht. Er hält die erste
an und spielt, trotz des Widerspruchs der Beamten in seiner ersten Vernehmung in Aussage von Silke K. für glaubhaft. Sein
Verteidiger, die Audiodatei ab. Die ist nur einem Polizeiauto 1,6 Promille, die ande- Kollege sagt über den Zeugen Andreas K.:
teilweise verständlich, eine Zusammenfas- ren wollten keinen Alkoholtest machen. »Ich hatte den Eindruck, dass an dem Gan-
sung findet sich im Strafbefehl: Die Poli- K. habe jedoch einigermaßen schlüssig aus- zen etwas Wahres dran ist.«
zisten äußerten sich demnach »beleidi- sagen können, heißt es vor Gericht. Hätte W. den Strafbefehl akzeptiert, hät-
gend und beschimpfend über die Gruppe Die Ermittler rechnen noch eine dritte te er eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen
der in das Bundesgebiet geflüchteten Ordnungshüterin zur Schmähtruppe, ihr bekommen. Der Polizist wäre dann nicht
Schwarzafrikaner«. Die Polizisten legten Verfahren wurde jedoch eingestellt, weil vorbestraft gewesen. Nun soll das Urteil
Einspruch gegen den Strafbefehl ein, des- ihr kein Hitlergruß vorgeworfen wurde: am 10. Juli fallen. Jan Friedmann
halb verhandelt nun das Gericht, so sieht Silke K. von der Rosenheimer »Sicher- Mail: jan.friedmann@spiegel.de
es die Strafprozessordnung vor. heitswacht«, die ehrenamtlich die Polizei

43
Deutschland

Alleingelassen
Gesundheit Jeder fünfte Erwachsene in Deutschland erleidet irgendwann im Leben eine Depression.
Eine neue Studie zeigt: Besonders kritisch ist der Moment, wenn Patienten aus der
Klinik entlassen werden und keinen Psychotherapeuten für die weitere Behandlung finden.

S
ieben Seiten umfasse die Liste, Gemeinsam mit Kollegen und Kollegin- 92 Prozent der Patienten mit einer
DIN-A4, lauter Spalten mit Adres- nen hat er einen immensen Datensatz aus- schweren Depression erhalten im An-
sen und Telefonnummern. Sie lie- gewertet: Abrechnungszahlen der Barmer schluss an einen Klinikaufenthalt keine
ge meist griffbereit bei ihm, sagt Krankenkasse von fast 23 000 Patienten Therapie, die den Leitlinien entspricht,
Steve Müller. Er telefoniere sie immer wie- zwischen 18 und 65 Jahren, die wegen der also den empfohlenen medizinischen
der ab. »Aber irgendwie hat keiner Zeit.« Hauptdiagnose »Depression« in einer Kli- Standards. Bei den mittelgradig Erkrank-
Steve Müller ist auf der Suche nach nik behandelt worden sind. Die Wissen- ten sind es noch 50 Prozent. Jeder fünfte
einem Psychotherapeuten. Er erzählt da- schaftler interessierte, wie diese Frauen und der Patienten aus Wiegands Datensatz
von in diesem Text nicht unter seinem Männer während ihres Krankenhausauf- wurde vor Ablauf eines Jahres erneut in
wahren Namen, er braucht den Schutz. enthalts, der im mittleren Wert 42 Tage be- einer Klinik für Psychiatrie oder Psycho-
Der 26-Jährige berichtet von Antriebs- trug, therapiert wurden. Sie wollten somatik behandelt. Und verglichen mit
losigkeit, Alkohol und Ängsten, von auf- außerdem wissen, welche ambulante Be- der Durchschnittsbevölkerung starben in
geritzten Armen und unzähligen Tagen handlung sich daran anschloss und wie es dieser Gruppe 3,4-mal so viele Menschen.
auf der Couch. Seit November arbeitet er den Patienten im darauffolgenden Jahr Keiner der dann im Verlauf Verstorbe-
nicht mehr, er hatte während eines Rock- erging. nen sei nach der Entlassung aus dem Kran-
festivals mit einem Baustellenschild gewü- Die Studie, die das »Deutsche Ärzte- kenhaus gemäß den Leitlinien behandelt
tet, er war an diesem Abend außer sich blatt« am Montag veröffentlichen wird, be- worden, sagt Wiegand. Dabei könne eine
gewesen. stätigt nicht nur frühere Untersuchungen angemessene Therapie das Risiko senken.
»Ich habe manchmal das Gefühl, dass über die unzureichende Versorgung de- Und sie führe dazu, dass Patienten nicht
mich nichts mehr hält«, sagt er. »Am Vor- pressiv erkrankter Menschen, sie liefert so schnell wieder wegen eines Rückfalls
mittag war damals noch alles okay. Ich alarmierende Zahlen. »Die Eindeutigkeit in eine psychiatrische Klinik aufgenom-
habe mit einer Freundin, deren Trauzeuge der Ergebnisse finde ich recht erschüt- men werden müssten.
ich sein sollte, das Brautkleid ausgesucht.« ternd«, sagt Wiegand. Die Depression gehört zu den häufigs-
Müller kam ins Mainzer Universitäts- ten Krankheiten. Etwa jeder fünfte Er-
klinikum, wo die Ärzte eine schwere De- wachsene in Deutschland leidet im Laufe
pression und eine »emotional-instabile seines Lebens mindestens einmal daran,
Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Seelische Leiden Frauen häufiger als Männer. Wird die De-
Typ« diagnostizierten. Sie versorgten den Die häufigsten psychischen Erkrankungen pression nicht, falsch oder unzureichend
Patienten auf der psychiatrischen Notfall- in Deutschland behandelt, entwickelt sie sich häufig zu
station und nahmen ihn für eine mehr- einer chronischen Krankheit. Depressio-
wöchige Psychotherapie auf. Anschlie- nen kosten das deutsche Gesundheits-
ßend, ein erster Schritt Richtung Normali- system im Jahr 8,7 Milliarden Euro, die
tät, verbrachte Müller nur noch die Tage
in der Klinik, abends und nachts sollte er
zu Hause wieder allein zurechtkommen.
Angst-
störungen 15,4 % der erwachse-
nen Bevölkerung
indirekten Kosten sind wesentlich höher.
Die Erkrankung ist einer der häufigsten
Gründe für eine Frühverrentung.
sind davon betroffen.
Ende Februar wurde er entlassen. Ein nie- Doch das Gegenmittel ist eine Therapie,
dergelassener Psychotherapeut solle ihn in der vor allem das zählt, was im gängigen
weiterbehandeln, rieten die Ärzte. Medizinbetrieb knapp bemessen ist und
Seither telefoniert Müller. »Ich lande zudem wenig Geld einspielt: Zeit, Zuwen-
auf einem Anrufbeantworter, es ist besetzt, dung und Worte. Neben Medikamenten
oder ich soll mich in sechs Wochen wieder
melden«, so fasst er seine Versuche zusam-
Unipolare
Depression
(anhaltende Nieder-
8,2 % und Übungen, mit denen die Patienten ler-
nen sollen, ihren Alltag wieder zu struk-
men. »Aber ich brauche jetzt jemanden. geschlagenheit) turieren, helfen vor allem die Stunden
Meine größte Sorge ist im Moment der Su- beim Psychotherapeuten – sofern sie regel-
permarkt. Dass ich da ausflippe. Ich mag mäßig und ausreichend sind.
keine fremden Menschen. Und da sind so »Genau davon bieten wir zu wenig an,
5,7 %
viele.« Störungen auch schon während der Zeit im Kranken-
durch Alkohol-
oder Medikamen- haus«, kritisiert Wiegand. »Die Patienten
Hauke Wiegand hat Steve Müller in der tenkonsum mit einer schweren Depression werden so-
Klinik behandelt, er ist Facharzt für Psy- gar weniger intensiv psychotherapeutisch
chiatrie und Psychotherapie. Und er er- behandelt als die mittelschwer Erkrankten.
forscht, wie gut oder schlecht die Versor- Zwangs- Und die weiterführende ambulante Thera-
gung generell ist. Ein Fall wie der von Mül- störungen 3,6 % pie beginnt, wenn überhaupt, laut unseren
Quelle: Studie »Psychische
ler sei keine Ausnahme, sagt Wiegand. Störungen in der Allgemein- Daten erst nach vier Monaten – empfohlen
»Leider eher die Regel.« bevölkerung«, Springer-Verlag sind höchstens vier Wochen Wartezeit.«

44 Illustrationen: Daniel Stolle für den SPIEGEL


»Wenn einen niemand haben will, fühlt man sich
darin bestätigt, dass man wertlos ist.«

Dieser Missstand existiert seit Jahren. zielle Sprechstunden für Hilfesuchende tion habe viele Menschen auf ihre Proble-
Die Zahl der Psychotherapeuten gilt als anzubieten, telefonisch zu bestimmten me zurückgeworfen, nun müssten etliche
unzureichend, der Mangel verschärft sich Zeiten für eine Terminvereinbarung er- auch mit Existenznöten zurechtkommen.
mancherorts durch regionale Unterschie- reichbar zu sein und den Mangel auch Die Nachfrage nach Therapeuten ziehe
de. In ländlichen Gebieten finden sich nur dadurch zu beheben, dass sie Akutthera- gerade an.
etwa halb so viele Psychotherapeuten wie pien mit bis zu 24 Sitzungen zu 25 Minu-
in Großstädten – obwohl die alte Idee, ten anbieten. Auch Heike Lessar sucht. Seit der Ent-
Landmenschen seien seelisch robuster als Man könnte also vermuten, die neue lassung aus der Klinik hat sie 34 Telefon-
gestresste Städter, längst widerlegt ist. Studie sei längst schon wieder überholt. nummern von Praxen gewählt, bei allen
Während Wiegands Team noch die er- Doch am grundlegenden Problem hat sich sei ein Anrufbeantworter angesprungen,
hobenen Daten auswertete, sind in den kaum etwas verändert. erzählt sie. Wie Steve Müller ist Heike Les-
vergangenen drei Jahren Reformen in Laut einer Umfrage der Bundespsycho- sar an einer schweren Depression erkrankt
Kraft getreten: hart umkämpfte Kompro- therapeutenkammer mussten Patienten und arbeitet nicht mehr. Mehrmals hat sie
misse, für die Vertreter der Spitzenverbän- nach der Reform zwar nur noch knapp in den vergangenen drei Jahren versucht,
de von Krankenkassen, Kassenärzten und sechs Wochen auf einen ersten Termin sich das Leben zu nehmen. Jedes Mal wur-
Krankenhausbetreibern um Geld, Kompe- warten. Bevor die anschließende reguläre de sie in eine Klinik eingewiesen. Nur zu
tenzen und Hoheiten stritten. Psychotherapie begann, verstrichen je- einer anschließenden ambulanten Psycho-
Inzwischen sollen Kliniken ihre Patien- doch weiterhin durchschnittlich fünf Mo- therapie kam es nie.
ten vor der Entlassung bei der Suche nach nate. Viele Patienten, so berichten Psycho- Doch nun habe eine Psychologin zu-
einem ambulanten Therapieplatz un- therapeuten, leite das neue Terminsystem rückgerufen und ihr ein Erstgespräch an-
terstützen. Weiterhin sollen zusätzliche zwar nun zu einer nahe gelegenen Praxis geboten. Heike Lessar, deren Namen eben-
776 ambulante Praxen für Psychotherapie weiter – aber oft passe deren Spezialisie- falls in diesem Text verändert ist, klingt
mit den gesetzlichen Krankenkassen Leis- rung gar nicht zum Problem des Patienten. aufgeregt. Sie setze all ihre Hoffnung in
tungen abrechnen dürfen. Niedergelasse- Und dann habe Corona den Engpass noch diesen Termin, sagt sie, nach dem ersten
ne Therapeuten wurden verpflichtet, spe- einmal verdichtet. Die wochenlange Isola- Klinikaufenthalt sei es schon einmal zu

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 45


Deutschland

solch einem Gespräch gekommen. Doch tientin sie nicht hortet. Ein paar Stunden die eher in prekären Umständen lebten
die Therapeutin habe sie gleich wieder in in der Woche wird sie von einer Alltags- oder Ecken und Kanten im Umgang zeig-
die Psychiatrie geschickt. Nach einer Nacht helferin unterstützt. Diese Frau habe wäh- ten, kämen der Erfahrung nach besonders
im Krankenhausbett entließen die Ärzte rend der Telefonate neben ihr gesessen, schwer unter. Sie hätten wenig Energie, an-
Heike Lessar: Sie sei ausreichend stabil für sonst hätte sie es niemals geschafft, auf dere für sich einzunehmen.
eine ambulante Therapie. 34 Anrufbeantworter zu sprechen, sagt
Was Heike Lessar erlebt, beschreiben Lessar. Auch das ist Teil des Problems: Es ist eine merkwürdige Parallelität.
Forscher als »Segmentierung des deut- Seelisch kranken Menschen fällt es oft Einerseits ist Deutschland ein Kosmos für
schen Gesundheitssystems«. Da stünden schwer, sich mit Nachdruck um einen The- Lebensberatung, in dem zahlreiche Men-
auf der einen Seite die Kliniken und auf rapieplatz zu bemühen und Termine ein- schen ihre Coaches und Therapeuten be-
der anderen die niedergelassenen Thera- zuhalten. fragen. Gleichzeitig ist es für seelisch
peuten – und wenn Patienten von einer Der Fernsehapparat läuft, Heike Lessar Kranke offenbar hoch kompliziert, Hilfe
auf die andere Seite wechseln müssten, hat ihn in unverminderter Lautstärke be- zu finden.
funktioniere das meist nur sehr unzu- lassen, während sie erzählt. Die Worte zu Dabei schneidet die Bundesrepublik im
reichend, weil die Zusammenarbeit fehle. finden fällt ihr nicht immer leicht. Vergleich mit manch anderen europäi-
»Wenn einen niemand haben will, fühlt Es existieren keine Studien, die belegen schen Ländern gar nicht mal schlecht ab.
man sich darin bestätigt, dass man wertlos würden, dass Therapeuten ihre begehrten Ein Großteil der Ärzte für Psychiatrie,
ist«, so beschreibt es Heike Lessar. Plätze lieber an umgängliche und sozial Psychosomatik oder Nervenheilkunde
Ein Pflegedienst bringt ihr täglich die gewandte Kandidaten vergäben, sagt der sind auch Spezialisten für Psychotherapie;
Tabletten, um sicherzustellen, dass die Pa- Forscher Wiegand. Aber jene Patienten, seit 1999 dürfen sich Psychologen mit einer
entsprechenden Ausbildung ebenfalls als
Psychotherapeuten niederlassen. Insge-
samt behandeln sie in jedem Quartal
rund 1,5 Millionen gesetzlich versicherte
Patienten psychotherapeutisch. Und trotz
der Unzulänglichkeiten sind Menschen in
schweren seelischen Krisen in einer Klinik
für Psychiatrie in der Regel besser aufge-
hoben als an jedem anderen Ort.
Nur wenig erinnert noch an die Schre-
ckensbilder der Siebzigerjahre, als eine
vom Bundestag eingesetzte Experten-
kommission zahlreiche psychisch kranke
Menschen in elenden, unwürdigen Verhält-
nissen vorfand; als fast 60 Prozent der
Patienten in den psychiatrischen Klini-
ken eher verwahrt als behandelt wurden
und dort länger als zwei Jahre blieben. In
vielen Schlafsälen standen mehr als zehn
Betten.
Die zunehmenden Erkenntnisse darü-
ber, was die menschliche Psyche ausmacht,
haben die Gesellschaft grundlegend ver-
ändert. Auch wenn es heute nicht mehr
Menschen sind, die mit seelischer Not
kämpfen, führte das neue Wissen doch
zu einem Anstieg der Diagnosen. Außer-
dem gelten Therapeuten nicht mehr nur
als Experten für die Kranken. Sie sind auch
eine Anlaufstelle für Gesunde in schmerz-
lichen Krisen.
Bloß die Strukturen, die das System für
all diese Fälle bereithält, haben sich nicht
im selben Tempo verändert.
Wer verstehen will, warum Patienten
wie Steve Müller und Heike Lessar bislang
erfolglos nach einem Psychotherapeuten
suchen, muss sich mit sperrigen Wörtern
wie Bedarfsplanungsrichtlinie, Komplex-
versorgung oder selbstverwaltetes Gesund-
heitswesen befassen.
Arno Deister kennt sich damit aus, er
ist Facharzt für Psychiatrie, Neurologie,
Psychosomatik und Psychotherapie und
Es zählt, was im gängigen Medizinbetrieb knapp sitzt als »Beteiligter«, als beratender Ab-
gesandter der Bundesärztekammer in der
bemessen ist: Zeit, Zuwendung, Worte. »Arbeitsgruppe Personalbemessung Psy-

46
chiatrie« im G-BA, dem wohl wickelt, wechselt er hin und her,
mächtigsten Organ der deut- während das Behandlungsteam
schen Gesundheitspolitik. bestehen bleibt.
Regelmäßig versammeln sich Die Klinik erhält für den Pa-
in diesem Gemeinsamen Bun- tienten einmal eine Gesamtsum-
desausschuss Vertreter der Bun- me – unabhängig davon, in wel-
desvereinigungen von Ärzten cher Abteilung und wie lange
und Zahnärzten sowie von er psychotherapeutisch behan-
Verbänden der gesetzlichen delt wird. Jeglicher Anreiz,
Krankenkassen und der Kran- Kranke auf der Bettenstation zu
kenhausbetreiber. Sie haben halten, um Einnahmen zu stei-
den Auftrag, gesundheitspoliti- gern, schwindet auf diese Weise.
sche Vorgaben und Gesetzestex- Das Modellprojekt hat sich
te in alltagstaugliche Richtlinien auch in anderen Gegenden
zu übersetzen. durchgesetzt, etwa 400 000
Deister berichtet von tagelan- Menschen in Deutschland wur-
gen Sitzungen, breit angelegten den mittlerweile im Rahmen
Diskussionen und einem sehr eines solchen »regionalen Bud-
starren System. »Der G-BA ist gets« behandelt. Sie verbringen
so organisiert, wie man im Ge- durchschnittlich weniger Zeit
sundheitssystem denkt: Kran- im Krankenhaus und sind selte-
kenkassen gegen Kassenärzte ner krankgeschrieben.
gegen Krankenhausgesellschaf-
ten – und jeder vertritt vor al- Vier Wochen nach seinem Te-
lem die eigenen Interessen. Be- lefonmarathon ist Steve Müller
teiligte, wie ich es bin, Patien- wieder in der Klinik. Hauke
tenvertreter oder der Deutsche Wiegand hat ihn erneut aufge-
Pflegerat werden zwar intensiv nommen, für ein mehrwöchi-
angehört, haben aber kein ges psychotherapeutisches Pro-
Stimmrecht.« gramm, nachdem Müller weder
Heraus kommt häufig der in einer Tagesklinik noch bei
kleinste gemeinsame Nenner, einem niedergelassenen Thera-
und der trifft seinem Wesen peuten untergekommen war.
nach selten das Optimum. Zweimal habe er in dieser Zeit
Als es darum ging, wie viele des Wartens gewütet, sagt Mül-
zusätzliche niedergelassene Psy- »Seit drei Jahren suche ich, und nun ler, zum Glück ohne Folgen.
chotherapeuten es in Deutsch- Auch die Zusage aus der Kli-
land geben müsste, ließ der
scheint ein freier Platz da zu sein.« nik habe ihn im ersten Moment
G-BA eine Studie erstellen. Am unter Stress gesetzt. »Meine
Ende lag die Zahl der neuen Kassensitze bisher. Die Vizepräsidentin der Bundes- spontane Reaktion? Ich habe den Unter-
für Psychotherapeuten weit unter dem er- psychotherapeutenkammer Andrea Ben- arm an den metallenen Türrahmen ge-
rechneten Wert der Experten. Der Perso- ecke hofft auf eine »optimale ambulante knallt, weil ich so frustriert war. In meinem
nalschlüssel für psychiatrische Klinken Versorgung«, sie denkt an ein Netz aus Kopf hat sich alles überschlagen: schon
wurde bis Anfang des Jahres noch aus Vor- Helfern, das der behandelnde Psychothe- wieder stationär. Ich habe zwei Katzen,
gaben von 1990 abgeleitet – als die perso- rapeut oder Psychiater koordinieren könn- die musste ich nun ganz schnell unterbrin-
nalintensive Psychotherapie noch nicht te und deren Mitglieder sich regelmäßig gen, damit sie versorgt sind.«
zum Standard der stationären Behandlung treffen sollten. Dazu gehörten auch Ver- Heike Lessar hat ihr Erstgespräch hinter
gehörte. treter des Jobcenters, Sozialarbeiter und sich – jenes Sondierungstreffen, in dem
»Dass offenkundige Missstände in unse- möglicherweise Angehörige. »Die Behand- Patienten und Therapeuten klären, ob sie
rem Gesundheitssystem oft viel zu zöger- lung sollte insbesondere mit dem Patien- miteinander zurechtkommen und ob der
lich angegangen werden, liegt in hohem ten abgestimmt sein und nicht über ihn Therapeut überhaupt weitere Termine
Maße daran, dass seine Verwalter vor al- hinweg entschieden werden«, so fasst es anbieten kann. Sie habe dieses Mal Rie-
lem daran interessiert sind, ihre eigene Benecke zusammen. senglück gehabt, sagt Lessar. »Seit drei
Position im System zu stabilisieren«, ur- Es gibt Modellprojekte – wie so häufig, Jahren suche ich, und nun scheint ein freier
teilt Deister. Das System ist teuer, es kostet wenn etwas schiefläuft. Eines ist fast Platz da zu sein, und alles passt.«
mehr als eine Milliarde Euro pro Tag. »Wir 18 Jahre alt, noch ein Hinweis auf die Hart- Katja Thimm
haben noch viel Spielraum, dieses Geld näckigkeit des Problems.
wirkungsvoller und effizienter auszuge- Arno Deister, der am Klinikum im
ben«, meint Deister. »Wir müssen raus aus schleswig-holsteinischen Itzehoe das Zen- ‣ Kreisen Ihre Gedanken darum,
dem Kästchen-Denken, und das ist eine trum für Psychosoziale Medizin leitet, ar- sich das Leben zu nehmen? Sprechen
Sie mit anderen Menschen darüber.
grundsätzliche Entscheidung, die das Par- beitet mit diesem Modell, das den Über-
Sofortige Hilfe erhalten Sie rund um
lament treffen muss.« gang vom Krankenhaus in die ambulante die Uhr bei der Telefonseelsorge
Seit einiger Zeit geht es im G-BA um Therapie sanfter gestalten soll. Vereinfacht unter den kostenlosen Rufnummern
eine neue Richtlinie zur Komplexversor- beschrieben, bietet eine Klinik dann The- 0800 1110111 und 0800 1110222. Eine
gung. Sie soll dazu führen, dass vor allem rapien auf allen Ebenen an: stationär, Übersicht weiterer Hilfsangebote gibt
psychisch schwer Erkrankte koordinierter tagesklinisch oder ambulant. Je nachdem, es auf der Website Suizidprophylaxe.de.
und strukturierter behandelt werden als wie sich der Zustand eines Patienten ent-

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 47


Der Störer
Biografien Ein Mann geht seit Jahren juristisch gegen Politiker und Prominente vor – mit
beachtlichem Erfolg. Seine Geschichte zeigt: Eine Demokratie lebt auch von Einzelkämpfern.

Heimatort Wallerfangen, direkt neben


Saarlouis gelegen, biegt er in ein Wohn-
gebiet am Ortsrand ab. »Da«, sagt er und
zeigt auf ein Straßenschild. »Sehen Sie?«
Auf dem Schild steht: Franz-von-Papen-
Straße. Kallenborn redet sich jetzt in Rage,
es fallen Wörter wie »Elitekiller«. Dabei
ist die Straße nicht nach dem früheren
Reichskanzler Franz von Papen benannt,
der entscheidenden Anteil daran hatte,
dass die Nazis 1933 die Macht übernah-
men, sondern nach dessen Sohn Friedrich
Franz von Papen. Kallenborn findet kei-
neswegs, dass die Angelegenheit deshalb
unproblematisch sei. Er behauptet, der jün-
gere Papen habe der SS und einer Panzer-
division angehört. Kallenborns Versuche,
den Straßennamen ändern zu lassen, wa-
ren allerdings erfolglos, bislang. Kallen-
born sagt: »Der Kampf geht weiter.«
Sein Aktivismus mag altmodisch wir-
ken. In einer Welt globaler Krisen lassen
sich Missstände kaum im Alleingang be-
wältigen. Weltweit tun sich Menschen zu-
sammen, gehen Zehntausende auf die Stra-
ße: gegen Rassismus und Umweltzerstö-
PETER MAXWILL/ DER SPIEGEL

rung, für Frauenrechte und Demokratie.


Fridays for Future, Black Lives Matter,
#MeToo.
Kallenborn aber kämpft allein. Ohne
Hashtag, ohne Slogan, ohne Homepage,
ohne prominente Unterstützer. Auch ihm
Aktivist Kallenborn: »Warum muss ich das alles allein machen?« geht es ums große Ganze, aber er sucht es
im Kleinen. Kallenborn kämpft sich Stra-

G
ßenschild für Straßenschild voran, Kruzi-
ilbert Kallenborn lässt seinen al- gen NPD-Plakate vor Gericht (wegen des fix für Kruzifix.
ten Kombi auf einen Parkplatz Wahlkampfslogans »Geld für die Oma Darf man ihn einen Gutmenschen nen-
im Zentrum von Saarlouis rollen, statt für Sinti und Roma«), er zeigte die nen? Kallenborn zögert. »Vielleicht«, sagt
bremst sanft ab und blickt auf ei- Evangelische Kirche in Mitteldeutschland er dann, »aber bitte: einen radikalen Gut-
nen Backsteinbau, das Oberverwaltungs- an (wegen NS-Symbolen auf Glocken) und menschen.«
gericht des Saarlandes. »Das hier«, sagt ebenso Sachsen-Anhalts Innenminister In einem Café in Saarlouis legt er einen
er, »ist vielleicht der Ort meines größten Holger Stahlknecht (wegen des mangeln- dicken Aktenordner auf den Tisch. Er geht
Triumphs.« den Schutzes der Synagoge in Halle vor Zeitungsartikel, Fotos und Gerichtsdoku-
Früher hing im Gerichtssaal ein Kruzi- dem Anschlag 2019). mente durch, viele Stellen sind farbig mar-
fix. Dann kam Kallenborn. Jetzt ist das Es ist eine außergewöhnliche und auch kiert. Der Ordner, angeblich einer von 30,
Kruzifix weg. aufwendige Art des zivilen Widerstands. ist eine Trophäensammlung. Die Unter-
Kallenborn, 66 Jahre alt, Elektroanla- Fast täglich macht er auf Missstände auf- lagen bezeugen diverse Streitigkeiten. Kal-
genbauer im Ruhestand, ist Vollzeitakti- merksam, seit mehr als 25 Jahren. Warum lenborn zeigte zwei Polizisten an, die beim
vist. Der Mann mit der grauen Strickjacke macht er das? Attentat in Halle angeblich einer sterben-
und dem schwarzen Zopf hat eine Bot- »Was ich mache«, sagt er, »ist der ein- den Frau nicht halfen: Die Staatsanwalt-
schaft an die Welt: dass sie nicht gut ge- same Kampf eines alleinstehenden Juden schaft nahm Ermittlungen auf. Er warf
nug ist. Zu seinen Spezialgebieten zählen gegen die Nachwehen des Faschismus.« dem Rapper Kollegah Antisemitismus vor:
Antisemitismus, Behördenversagen, Ge- Andere jammerten nur, er aber sei »ein Das Landgericht Saarbrücken gab einem
schichtsvergessenheit. antifaschistischer Aktivist«, »ein Angreifer Konzertveranstalter auf, dafür Sorge zu
Im Laufe von drei Jahrzehnten hat sich gegen Staatsfeigheit«, »ein Kampfjude«. tragen, dass der Musiker die Zeile »Mein
Kallenborn mit etlichen Politikern und Was er damit meint, zeigt er auf einer Körper definierter als von Auschwitz-In-
anderen Prominenten angelegt. Er zog ge- Spritztour durch die Region. In seinem sassen« nicht vortrage.

48 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


Deutschland

Über seine Strafanzeigen berichteten Amtsgericht Saarbrücken stand, sah er ein verband ihn von den Vorstandswahlen aus-
BBC und »Bild« und auch der SPIEGEL. Kreuz im Gerichtssaal. Er beantragte, es geschlossen hatte. Wenig später schloss die
Ist er stolz auf sein Wirken, auf seine Wir- abzunehmen. Vergebens. Kallenborn zeig- Linke nach langem Streit Kallenborn aus.
kung? Er schüttelt den Kopf. »Es ist die te daraufhin den Gerichtspräsidenten an. Dieser habe sich selbst isoliert, sagte Lan-
blanke Scham«, sagt er. »Warum muss ich Das Kruzifix blieb, aber Kallenborn desparteichef Rolf Linsler damals laut der
das alles allein machen?« machte weiter. Zunächst mit überschau- »Saarbrücker Zeitung«: »Man kann ihn als
Kallenborn könnte Petitionen initiieren, barem Erfolg: Einmal habe ein Richter das Querulanten bezeichnen.«
einen Verein gründen, Follower und Likes Kruzifix abgenommen und bis zum Ende Kallenborn zieht noch ein paar Doku-
in sozialen Netzwerken sammeln. Will er der Verhandlung vor sich auf den Tisch ge- mente aus seinem Ordner, ein Best-of sei-
aber nicht. legt, erzählt Kallenborn. Ein anderer Rich- ner aktuellen Projekte: Er hat eine Petition
Alle paar Tage versendet er Zeitungs- ter habe eine Urteilsverkündung auf den eingereicht und Anzeige wegen Volksver-
artikel und Behördenunterlagen, die seine Flur verlegt. hetzung erstattet, weil Teilnehmer von Co-
Sicht der Dinge stützen, per Mail an Poli- Fast 20 Jahre vergingen. Dann, im rona-Demonstrationen »Ungeimpft«-Auf-
tiker und Journalisten. »Ich bitte um Ein- Herbst 2014, ließ der Präsident des saar- näher in »Judenstern«-Optik trugen. Er
gangsbestätigung dieser E-Mail«, so begin- ländischen Oberverwaltungsgerichts auf hat vor dem Verwaltungsgericht gegen ein
nen diese Nachrichten. Dann folgt meist Kallenborns Beschwerde hin das letzte Modellprojekt für Islamunterricht geklagt,
ein kurzer Text voller Fettungen, Ausrufe- an dem der umstrittene Moscheeverband
und Aktenzeichen: »Die Alleinschuld liegt Ditib beteiligt ist. Er hat den Rechtsaußen-
bei der Ministerin Keding selber!!!! Sie »Ich bin nicht der Idiot, Politiker Andreas Kalbitz wegen Betrugs
soll zurücktreten. Besser heute als mor- der immer wieder angezeigt, da dieser beim Eintritt in die
gen!!!« Seht her, so lautet seine Botschaft, AfD falsche Angaben über seine politische
die Welt ist voller Unrecht. mit dem Kopf gegen die Vergangenheit gemacht habe.
Kallenborn ging in Dillingen/Saar zur Wand rennt.« Und so weiter und so fort.
Schule. Als 18-Jähriger überfiel er gemein- Kallenborn hat sich viele Feinde ge-
sam mit Schulfreunden die Kreissparkasse macht. In den vergangenen Jahren seien
in Waldrach bei Trier, um mit der Beute Kruzifix entfernen, dauerhaft. »Das Kreuz Davidsterne und Hakenkreuze in sein
eine Kommune in Kanada zu gründen. hat seinen Platz dort, wo der christliche Auto geritzt worden, man habe ihm die
Das war 1972. Die Strafe: viereinhalb Jah- Glaube im Mittelpunkt steht«, sagte der Reifen zerstochen und die Radmuttern ge-
re Gefängnis. Später ging er für einen Frei- Richter – nicht also vor Gericht. So hatte lockert. Viermal sei er binnen wenigen Jah-
willigendienst nach Israel, konvertierte Kallenborn stets argumentiert. ren deshalb umgezogen. Er redet darüber
zum Judentum und blieb fünf Jahre lang »Ich bin nicht der Idiot, der immer wie- unaufgeregt, routiniert.
in einem linksgerichteten Kibbuz. der mit dem Kopf gegen die Wand rennt«, Während Kallenborn zu seinem Auto
Als die Sparkasse in Waldrach 18 Jahre sagt er. »Manchmal durchbreche ich sie schlurft, erzählt er noch eine Geschichte
später erneut überfallen wurde, verdäch- auch.« aus seiner Jugend in Dillingen. Im Klas-
tigte die Polizei wieder Kallenborn und Das finanzielle Risiko halte sich für ihn senbuch habe damals regelmäßig gestan-
hörte teils rechtswidrig seine Telefonate in Grenzen, da für Verfahren an Amts- und den: »Kallenborn stört den Unterricht.«
ab. Kallenborn sagt: »Ich habe damals ge- Verwaltungsgerichten kein Rechtsbeistand Er macht eine Kunstpause, lächelt, dann
merkt, wozu der Staat imstande ist.« Die vorgeschrieben sei, sagt Kallenborn. Er in- sagt er: »Der Kallenborn stört den Unter-
Täter wurden nicht gefasst. vestiert Zeit, seit Langem verzichte er auf richt bis an sein Lebensende.«
Kallenborn kämpft manchmal über Jah- Radtouren und Kneipenbesuche, ohnehin Danach steigt er in sein Auto und fährt
re um eine Sache. So kam er zu dem Erfolg, habe er seine Freizeit schon immer lieber heim. Tags darauf schickt er eine Mail an
den er seinen größten nennt: die Kruzifixe. mit Recherchen verbracht. den Generalbundesanwalt und wirft darin
1995 hatte das Bundesverfassungs- Vielleicht hätte er auch in der Politik der Justizministerin von Sachsen-Anhalt
gericht im »Kruzifix-Urteil« über Kreuze erfolgreich sein können, tatsächlich war er vor, für den Fluchtversuch des inhaftierten
in bayerischen Schulen betont, dass der jahrelang Mitglied bei den Linken, ein Attentäters von Halle mitverantwortlich
Staat in religiösen Fragen neutral sein müs- ziemlich aktives Mitglied sogar. Aber er zu sein: die nächste Strafanzeige.
se. Als Kallenborn im selben Jahr wegen überwarf sich auch mit seiner Partei: 2010 Peter Maxwill
Überfahrens einer roten Ampel vor dem zog Kallenborn vor Gericht, weil der Orts-
CHRISTIAN OHDE/ ACTION PRESS

MATTHIAS BALK/ DPA

Streitobjekte Kruzifix, NPD-Plakat: Auch ihm geht es ums große Ganze, aber er sucht es im Kleinen

49
Reporter
Freizeit
Hat Corona uns alle zu
Kroll (r.) Gärtnern gemacht,
Herr Pfenningschmidt?
SPIEGEL: In der Corona-Zeit hatten die
Menschen viel Zeit für ihren Garten.
Was sind die Folgen?
Pfenningschmidt: Viele sind in ihren
Garten gegangen und haben bemerkt:
Hier sieht’s ja öde aus. Jetzt machen wir
da mal was. Und dann wurden im Inter-
net Pflanzen und Saatgut bestellt wie
wild. Plötzlich wollten alle Selbst-
versorger sein. Hochbeet, Permakultur,
Hühnerhaltung, Bienen – Sie müssen
mal die Verkaufszahlen für Garten-
bücher anschauen. Als würde wirklich
das Essen knapp, nicht nur das Klopapier.
SPIEGEL: Also: Gemüsebeet statt Schot-
tergarten? Das wäre doch erfreulich.
Pfenningschmidt: Daran glaube ich
nicht. Wer Kies mag, wird sich wohl wei-
terhin eher Pizza bestellen als Zucchini-
küchlein backen.
SPIEGEL: Geht es auf Kosten der Blumen?
Pfenningschmidt: Vielleicht eher auf
Kosten des Rasens. Dass es schön blüht,
Familienalbum wie in einem Orkan. Mein Freund ist vielen Menschen wichtig. Insekten
starb direkt neben mir. Er war so alt sind nach wie vor das große Thema,
Mitgelaufen, wie ich. »Hilf mir, lieber Gott«, waren dafür brauchen Sie Blüten. Die Gärtne-
seine letzten Worte. Warum half ihm reien kamen kaum nach mit dem Liefern.
1944 der liebe Gott nicht? Für eine größere Pflanzung in einer
Es soll die größte Schlacht auf deut- Gemeinde wollte ich Bergminze und
Wolf-Dietrich Kroll, 92: schem Boden gewesen sein. Mehr als Katzenminze bestellen. Ausverkauft!
Ich war acht Jahre alt und saß mit 100 000 Menschen starben. Ich weiß SPIEGEL: Gärtnereien gehören also zu
meinem Freund in Schwerin auf der nicht, warum ich überlebt habe. Irgend- den Corona-Gewinnern?
Kellertreppe. Es war das Jahr 1935. wann war ich allein. Ich blickte über Pfenningschmidt: Nicht unbedingt. Sie
Da kam eine Horde Jungs auf der den Schützengraben und sah die rus- konnten Pflanzen verkaufen wie ver-
Straße vorbeigelaufen, ein fröhliches sischen Panzer auf mich zukommen. rückt, aber oft nicht nachproduzieren.
Lied auf den Lippen. Das war die Da habe ich mich umgedreht und mich Hier im Hamburger Umland beispiels-
Hitlerjugend. Da bin ich mitgelaufen. abgesetzt. Als ich dann, am 2. Mai weise – da fehlten eine Zeit lang die
Widerspruch kannte ich nicht. Was 1945, zu Hause ankam, hat meine Mut- Arbeiter aus Polen. Normalerweise
gesagt wurde, wurde gemacht. 1944 ter den Soldatenhelm im Garten ver- schaffen es drei, vier Leute, Tausende
wurde ich eingezogen, nach Böhmen buddelt und die Uniform verbrannt. Stecklinge am Tag einzutopfen. Aber die
zum Arbeitsdienst. Morgens mar- Aber meine Erinnerung ist geblieben. drei, vier Leute waren ja nicht da.
schierten wir in den Steinbruch oder Wer in Seelow gräbt, der findet noch SPIEGEL: Und das in einer Zeit, da viele
zum Straßenbau. Bei einem dieser immer die Gebeine meiner Kamera- entdeckt haben: Ein Platz im Grünen ist
SERGEY CHAYKO/ SHUTTERSTOCK

Einsätze entstand das Foto mit den den. Und ich weiß, dass ich heute etwas Kostbares.
Spaten. Ich habe mich gefreut, bald Nacht wieder nicht schlafen kann. Pfenningschmidt: Ja. Aber ich glaube
für mein Land kämpfen zu dürfen. Im Nichts ist schöner als der Frieden. Hof- nicht, dass Corona jetzt alle zu Garten-
Jahr darauf habe ich dann gekämpft: fentlich vergesst ihr das nicht. Hoffent- freunden macht. Es ist wie beim Lesen:
REPRO: THOMAS GRABKA/ DER SPIEGEL

Ich war 17 Jahre alt und in der 9. Fall- lich hält er noch recht lange an. Diejenigen, die ein bisschen gelesen
schirmjägerdivision. Vor den Seelo- Aufgezeichnet von Jonathan Stock haben, machen das jetzt viel intensiver.
wer Höhen, im April 1945, lag ich zwi- Die anderen fangen gar nicht erst an. BSU
schen Golzow und Gorgast im Schüt- ‣ Sie haben auch ein Bild, zu dem Sie
zengraben, als die Russen uns angrif- uns Ihre Geschichte erzählen möchten? Jörg Pfenningschmidt, 59, ist
fen. Der Boden bebte von den Ein- Schreiben Sie an: Gartengestalter in Hamburg-
schlägen der Artillerie. Es war so laut familienalbum@spiegel.de Volksdorf mit Schwerpunkt
Staudenpflanzungen.

50
und das viele Menschen tröstete. Er hatte entdeckt, was ihm
Eine Meldung und ihre Geschichte
fehlte. So wurde aus Neonakis, dem Piloten, Neonakis, der

Turbulenzen
Maler.
In den Wochen danach flog er immer wieder übers Land.
Er zeichnete Flugrouten mithilfe seines iPads auf und hielt
es auf den Knien, während er flog. Er malte einen am Ast
hängenden Klammeraffen für alle Kinder, die in Quarantäne
Wie ein Hobbypilot festsaßen. Er malte den Namen eines Dreijährigen, der seit
in Kanada ein Zeichen setzte Tagen im Nachbarort vermisst wurde. Er malte einen Vogel
für die abgestürzte Crew eines Militärhubschraubers. Er
malte eine Libelle für eine Krebskranke, die Libellen mochte.

A m 4. Juni tankte Dimitri Neonakis seine Maschine auf,


ein kleines, viersitziges Leichtflugzeug. Er prüfte den
Ölstand und den Reifendruck, dann startete er den
Motor. Als er über die Startbahn des kanadischen Flughafens
Er malte eine Mutter, die ihr Kind hielt, für seine schwangere
Tochter.
Natürlich gab es Kritik an seiner Kunst. Sie sei sinnlos, sag-
ten seine Kritiker, sinnlos und eitel. Sie verpeste nur die Um-
Halifax rollte, knisterte es in seinem Funkgerät. welt. Neonakis sagt dazu, dass er kaum mehr Treibstoff ver-
»Was malst du heute?«, wollte der Lotse im Kontrollturm brauche als ein großes Auto. Außerdem müsse Kunst keinen
wissen. Sinn haben. Und was sei verkehrt daran, Menschen zu trös-
»Was zu Rassismus«, sagte Dimitri. ten? Die meisten, die seine Kunst kommentieren, bedanken
»Nice«, antwortete der Lotse. sich bei ihm. Und die Fluglotsen im Tower leiten mittlerweile
Um 13.15 Uhr war Neonakis in der Luft über der Provinz alle Flüge um, die ihm beim Malen in die Quere kommen
Nova Scotia. Kurz darauf begann er sein Werk. Sein Pinsel könnten. Neonakis würde gern mal wieder unbeobachtet flie-
war das Flugzeug, seine Leinwand der Himmel. Das Kunst- gen, aber das geht nicht mehr. Wenn er fliegt, dann schauen
werk, das er an diesem Tag malte, besteht aus einer Linie, Menschen zu und warten auf sein nächstes Werk.
etwas mehr als 600 Kilometer Am 4. Juni, nach dem Tod von
lang. George Floyd, schuf Neonakis
Neonakis ist in Griechenland mit seinem Flugzeug eine er-
aufgewachsen, im Süden des Pe- hobene Faust. Es war sein elftes
loponnes, zwischen Olivenhai- Bild – und sein schwierigster
nen. Wenn er Durst hatte, musste Flug. Technisch war das, was er
er Wasser vom Brunnen holen. machte, nicht besonders an-
Die Toilette war ein Häuschen spruchsvoll, sagt er. Mehr als ein
im Garten. Als kleiner Junge sah Dutzend rechtwinkliger Wen-
er die Agrarflugzeuge, die tief dungen, geflogen mit 250 Stun-
über die Felder flogen. Er dachte: denkilometern; nur die Krüm-
»Das will ich auch.« Sein Gefühl, mung des Daumens war knifflig.
das sagt er heute, war: Da oben Allerdings war es ein bisschen
muss es besser sein als hier unten. windig an diesem Tag, turbulen-
DIMITRI NEONAKIS/ FACEBOOK

Als 22-Jähriger, erzählt er am ter als sonst, daran erinnert sich


Telefon, sei er nach Kanada ge- Neonakis. Gleichzeitig sorgte er
kommen. Er verliebte sich, ver- sich über ganz andere Dinge: wie
kaufte Pizzen, arbeitete als Bar- seine Botschaft ankommen wür-
keeper, als Immobilienmakler. Er de; ob es nicht falsch sei, dass er
wurde Vater, bekam drei Töchter hier oben fliegen konnte, wäh-
und einen Sohn. Seinen grie- Geflogene Faust über Nova Scotia rend ein paar Tage zuvor da un-
chischen Akzent hört man heute ten ein Schwarzer langsam er-
kaum noch. Neonakis reiste in stickt war. Dass er viel hatte und
rund 70 Länder, kletterte auf andere fast nichts.
Berge und stieg hinab in Höhlen. Die Faust ist ein altes Symbol.
Aber irgendetwas fehlte. Also Von dem Blog Kraftfuttermischwerk Ein Zeichen des Widerstands,
kaufte er sich ein Flugzeug. auch ein Zeichen der Solidarität
Manchmal stellte er die Maschine auf Autopilot ein und flog mit allen, denen Recht und Würde vorenthalten werden. Das
durch die Nacht, unter sich Wälder, Seen und die dunkle Wei- Zeichen der Streikenden, der Arbeiter, der Demokraten im
te Kanadas. Spanischen Bürgerkrieg. Die Faust war der Gegenentwurf zur
Inzwischen ist Dimitri Neonakis 57 Jahre alt. Dieses Jahr, ausgestreckten flachen Hand der Anhänger Hitlers und Mus-
sagt er, war anders. Es sei ihm vorgekommen, als ob das Böse solinis. Berühmt ist das Foto der beiden schwarzen Sprinter
Einzug gehalten habe. Im April steckte ein Zahntechniker in Tommie Smith und John Carlos, die während der Olympischen
der Umgebung von Halifax fünf Häuser in Brand und tötete Spiele 1968 in Mexiko bei der Siegerehrung mit gesenktem
22 Menschen. Es war der schlimmste Amoklauf in der Ge- Kopf ihre Fäuste reckten. Sie wollten an jene erinnern, »die
schichte Kanadas. Ein paar Stunden später beschloss Neo- gelyncht oder anders ermordet wurden, an diejenigen, für die
nakis, in Herzform über das Land zu fliegen, für sich, als nie gebetet, derer niemals gedacht wurde. An die, die man
Trost. Als er landete, sagte der Fluglotse: »Das war eine schö- auf dem Weg nach Amerika über Bord geworfen hatte«. Smith
ne Flugbahn.« und Carlos wurden dafür ausgebuht, beide mussten die Mann-
Das Bild auf dem Radarsystem wurde tausendfach geteilt. schaft verlassen, beide bekamen Morddrohungen.
Journalisten riefen an, fremde Menschen bedankten sich bei Neonakis landete an diesem Tag um 15.41 Uhr in Halifax. Das
ihm. Neonakis wollte erst mit niemandem sprechen, aber sei- Bild der geflogenen Faust wurde 10 000-fach angesehen. »Neo-
ne Tochter stimmte ihn um. Er hatte etwas gefunden, das nakis hat sie an den Himmel gemalt«, schrieb einer der Betrach-
größer war als er selbst: ein Symbol, das jeder sofort verstand ter, »jetzt lasst sie uns auf den Boden holen.« Jonathan Stock

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 51


Vorgartendekoration in Welzow: Zukunft ist nur ein anderes Wort für Unsicherheit

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Reporter

An der Kante
Strukturwandel In der Lausitz, wo bald keine Braunkohle mehr gefördert werden soll, stößt die
Republik an ihre Grenzen. Viele ziehen sich aus der Mitte an die Ränder
zurück. Kann man sie zurückholen? Von Alexander Smoltczyk und Maurice Weiss (Fotos)

A
m Ende ist die Bewegung der Erd- kord‹, hat auch West-Berlin geheizt. Damals behandelt wissen, quer zu klassischen Dis-
platten an allem schuld. Als sich hieß es: Ich bin Bergmann, wer ist mehr?« ziplinen. Das Schöne daran war: Meist
im Süden die Alpen hochscho- Tja. Bergmann jedenfalls nicht mehr, suchten die Forscher die Antworten auf
ben, entstand hier, nördlich von und mit dem Ende des Kohleabbaus ist Zukunftsfragen im Regenwald oder in der
Dresden, ein bewachsenes Senkungsgebiet. auch die Wertschätzung verschwunden, Antarktis. Nicht vor der Haustür.
Immer wieder wurde die Gegend mit Nord- der Stolz. Heute führt Michael Nadebohr Mit dem Pariser Klimaabkommen 2015
seesand überdeckt, bis aus den Wäldern Besucher auf der F60 in Lichterfeld herum, und dem Kohleausstiegsgesetz hat sich das
faulende, von Bakterien bearbeitete Moore auch Bundespolitiker und Journalisten, die geändert. Die Zukunft des Planeten wird
wurden, von Sand luftdicht gedeckelt. sich ein Bild machen wollen von dem, was jetzt in der Lausitz mitentschieden, einem
Und Michael Nadebohr konnte das gan- da ins Rutschen geraten ist am östlichen Landstrich im toten Winkel Berlins, wo
ze Durcheinander später wieder aufräu- Rand der Republik. die Vorwahlen meist sechsstellig sind und
men und schön sortieren, in Sand die Bewohner es bei aller Erderwär-
und Braunkohle. mung auch ganz gern hätten, wenn
Nadebohr steht in 80 Meter Höhe ein Bus bei ihnen hielte.
auf seinem alten Arbeitsplatz und Das Braunkohlerevier der Lausitz
sieht aus, als wäre er schon mit dem ist neben dem Rheinischen und Mit-
Schutzhelm auf die Welt gekommen. teldeutschen Revier eines von drei
»192 Meter freitragend«, sagt er und Bergbaugebieten, die bis spätestens
meint die F60, eine Förderbrücke in 2038 kohlefrei sein sollen. Für diesen
den Ausmaßen eines flach gelegten Ausstieg hat der Bund 40 Milliarden
Eiffelturms. »Die größte je gebaute Euro Strukturhilfe zugesagt.
bewegliche Maschine«, erklärt Nade- Patrizia Nanz ist Professorin für
bohr, der hier mal Führer war in der transformative Nachhaltigkeitswis-
Kabine. senschaft am Potsdamer IASS. Das
Ein gewaltiges Konstrukt; wie ein heißt tatsächlich so. Nanz hat den Be-
Saurierkopf taucht der Ausleger über griff »Die Konsultative« mitgeprägt
dem Lausitz-Ort Lichterfeld auf. Der und über Bürgerbeteiligung ge-
Stolz deutsch-demokratischer In- forscht. Vermutlich gibt es wenige,
genieurskunst, und wenn es je ein die theoretisch mehr darüber wissen,
Wahrzeichen des Anthropozäns ge- weshalb das Volk will, was es will –
ben sollte – dann wäre es die F60. und was man daran ändern kann.
Ein Drittel des einstigen Bezirks »Im Braunkohlerevier der Lausitz
Cottbus ist mit diesen Geräten aus- Tagebau in der Lausitz entscheidet sich gerade etwas«, sagt
gebaggert worden. Dass inzwischen Überall Risse Nanz. »Es geht um etliche Milliarden
vielerorts nicht mehr gebaggert wird, Euro Strukturhilfe. Aber es geht vor
führte auch dazu, dass heute aus die- allem um die Frage, weshalb man mit
sem Teil der Republik von Zeit zu Zeit Drüben an der Abbruchkante steht ein noch so viel Geld offensichtlich nicht ver-
unappetitliche Wahlergebnisse an die Öf- Arbeiter und sprüht mit einem Schlauch hindern kann, dass ein Teil der Bevölke-
fentlichkeit dringen: Bei den Landtagswah- vor sich hin: »Anspritzbegrünung« sei das, rung sich von uns verabschiedet.« Wissen-
len im vergangenen Jahr kam die AfD in sagt Nadebohr. Dünger und Kleber, um schaftlich sei das hoch spannend.
den ehemaligen Kohlestädten, in Hoyers- den Untergrund zu stabilisieren. Er hält Das Büro der Professorin befindet sich
werda und Spremberg, auf über 30 Pro- kurz inne und sucht nach einem Wort. »Re- im ehemaligen Gebäude der Bundesbank
zent, Volkspartei-Ergebnisse. kultivierung«, sagt Nadebohr. in Potsdam. Von hier aus begleitet Patrizia
Michael Nadebohr kennt alle Gründe Nanz ein Vorhaben, das man das »Lausitz-
dafür, für ihn ist die Sache eh gelaufen. Projekt« nennen könnte. Es ist letztlich
»Wenn den Menschen jetzt von Zukunft I. Entfesselung der Versuch, etwas mehr als eine Million
erzählt wird und von Strukturwandel, Geld ist wohl nicht das Problem. Bürgerinnen und Bürger am Rande des
dann befürchten sie eine Wiederholung Zumal die Lausitz durchaus Arbeitsplät- bundespolitischen Universums von zwei-
der Neunzigerjahre.« Damals, nach dem ze schafft, wo Erkenntnis statt Kohle ge- erlei zu überzeugen.
Ende der DDR, verlor eine Stadt wie Hoyers- fördert werden soll. Nur leider nicht in der Erstens: Der Planet kann sich keine
werda einen großen Teil ihrer Einwohner. Lausitz. Das Potsdamer Institute for Ad- Braunkohle mehr leisten, weswegen alles
Weil die Zukunft wenig verspricht, redet vanced Sustainability Studies (IASS) wur- geschlossen wird, was bislang ihr Leben
Nadebohr lieber im Imperfekt: »Wir hatten de 2009 gegründet, es war die Idee einiger ausgemacht hat: Kraftwerke, Brikettfabri-
früher einen Tag des Bergmanns und des Nobelpreisträger und Klaus Töpfers. Der ken, Tagebau und was daran so hängt.
Energiearbeiters«, sagt er. »Am 1. Sonntag ehemalige Bundesumweltminister wollte Und zweitens soll dieser Strukturwandel
im Juli. Mit unseren Briketts, Marke ›Re- hier die Zukunftsfragen der Menschheit nicht brutal ablaufen, wie im Thatcher-Eng-

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 53


Jahren ein Haushaltsposten
»Heimatministerium« aufge-
nommen wurde und wes-
halb die Volksparteien jetzt
so ratlos sind, was das Volk
betrifft.
»Das ist wie unter einem
Brennglas«, hatte Patrizia
Nanz gesagt. In der Lausitz
funktioniere jene Art von
Politik offensichtlich nicht
mehr, mit der wir traditionell
Probleme lösen, also: Geld
raufwerfen und wegschauen.
»Anspritzbegrünung« wür-
de Michael Nadebohr das
wohl nennen. Damit nichts
ins Rutschen gerät. Damit
der Rand hält.

III. Setzungsfließen
Sie ist eine heitere Land-
schaft, diese Lausitz, zwi-
schen Finsterwalde und
Krauschwitz, mit weitem
Himmel, Birkenwäldchen
Abraumförderbrücke F60 in Lichterfeld: »Ich bin Bergmann, wer ist mehr?« und flachen Bauten zur
Schweinemast. Ein bisschen
leer vielleicht. Es wäre schön,
land der Achtzigerjahre, wo man Industrie- So viel zur Entfesselung. Nun ist H. kein wenn sich in den Birken- und Kiefern-
welten einfach absterben ließ, sondern Suffkopp, kein Mir-macht-keena-wat-vor wäldern dieser Gegend, zwischen den
nachhaltig und demokratisch, unter Bür- wie sein Kumpel Kuno, der noch nicht mal Wüsteneien und gefluteten »Seen«, eine
gerbeteiligung, in »zu öffnenden diskursi- dem Wetterbericht glaubt und die Bundes- postfossile demokratische Kultur ent-
ven Räumen«, wie Patrizia Nanz es nennt. republik für eine Firma hält. H. hat seine wickeln würde.
Die Bürger sollen es gut finden, dass ihnen Zukunft nur schon zu oft hinter sich ge- Bislang stehen zwischen den Pilzen und
die Existenzgrundlage genommen wird – bracht. der Sandheide nur alle paar Dutzend Me-
und den Wandel mitgestalten. Es gehe da- Im Herbst 1989 stand H. vor der bun- ter Warnschilder: »Sperrbereich Betreten
rum, »durch mutige demokratische Betei- desdeutschen Botschaft in Prag, als der da- verboten Lebensgefahr«. Unsicherer Bo-
ligung Innovation und Kreativität in Ge- malige Außenminister Hans-Dietrich Gen- den überall. Für den Tagebau musste das
sellschaft und Politik zu entfesseln«. scher auf den Balkon trat und ihm die Grundwasser abgesenkt und mussten
Die Entfesselung könnte auf andere Ge- Freiheit versprach. H. war 17 Jahre alt und Schlitzwände hundert Meter tief gezogen,
genden abstrahlen, hofft Nanz. Sie träume mit seinen Kumpels aus der Lausitz abge- Pumpen und Kanäle gebaut werden.
von einer Lernplattform, wo transnatio- hauen, kahl geschoren und hungrig. In Bre- Wer je am Strand gebuddelt hat, weiß,
naler Austausch möglich sei, sagt sie, zwi- men ging dann alles schief. H. musste zur wie trügerisch sandig-nasser Boden ist.
schen Menschen in Vorarlberg, die den Bundeswehr, und als er wieder entlassen »Setzungsfließen« sagen die Geologen
Strukturwandel schon hinter sich hätten, wurde, waren Job, Kumpels und Wohnung und meinen Rutschungen aufgrund spon-
und den Lausitzern beispielsweise. Wobei weg. »Bin ich eben zurück zur Schwarzen taner Verflüssigung. In den Häusern zei-
Nanz in den täglichen Wissenschafts- Pumpe.« gen sich Risse, eine Bundesstraße wirft
betrieb offensichtlich zu sehr eingespannt Er war Hilfsarbeiter bei einer Trocken- bockig Falten. Am Bergener See hat es
ist, um die Menschen in der Lausitz regel- baufirma, presste neun Monate lang Gips- einmal einige Laster in den Sand gezogen.
mäßig besuchen zu können. kartonplatten und meldete sich drei Mo- Dem Boden ist nicht zu trauen. Das ist
nate arbeitslos, weil sich das für die Firma hier alltägliche Erfahrung. Niemandem ist
zu lohnen schien. zu trauen. Den Politikern nicht, denen in
II. Abbruchkanten Natürlich hat er AfD gewählt. »Wen Potsdam nicht, der Merkel nicht und den
Der diskursive Raum des Bürgers H. und sonst?« Medien auch nicht. Überall Risse, tief wie
seiner Kumpel ist die »Bierstube Seitz«, Zwischen H., dem Namenlosen, und Pa- Schlitzwände.
eine umgebaute Schraubergarage am Rand trizia Nanz, der begriffssicheren Professo- Welzow zum Beispiel. Ein Ort, der bis
von Hoyerswerda. Im Gebüsch rostet ein rin in Potsdam, spannt sich das Experi- zur Stadtgrenze abgebaggert ist, wo nachts
Opel Blitz aus Nachkriegszeiten. »Nee, ment »Lausitz-Transformation«. güterzugartig das Rattern der Schaufeln
lasst mal«, sagt H., nachdem er ausführlich, Es mag dabei nur einige Tausend noch und Bänder zu hören ist und eine Siedlung
rauchend, sein Leben erzählt hat, über sich verbliebene Braunkohlejobs betreffen und wie selbstverständlich »Sibirien« heißt.
die gewaltigen Wasserdampfwolken des eine ausgedünnte Grenzregion mit kaum Ein Ort mit Schwimmbad, »Bergwerks-
Kraftwerks Schwarze Pumpe und in sich mehr Einwohnern als Köln. Aber es geht kasino«, Bauhaus-Feuerwehrgebäude, mit
das moralische Gesetz der Abgehängten: um mehr. Um Dinge wie die fragmentier- ehemaligem Bahnhof und Fabrikanten-
»Nee, lasst mal.« Kein Foto, keinen Na- te Gesellschaft und um demokratische villen, der Infrastruktur einer Stadt – bei
men. Lasst mich nur in Ruhe. Kipppunkte, um all das, weshalb vor zwei nur noch 3400 Einwohnern.

54 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


Reporter

In den Gärten stehen erwartungsvoll Nicht besser seien die, die Frau Bürger- zeigt Welzow als Mittelpunkt zwischen
Trampoline für die Enkel, aber die sind meisterin »Ökoterroristen« nennt: »Groß- Prag, Berlin, Leipzig und Breslau. »Der
schon in Bayern geboren oder in Schwa- städter, die ›Landlust‹ lesen, sich des all- Russen-Flugplatz wird zu einem europäi-
ben und kommen nur noch selten. »Zu gemeinen Wohlstands bedienen, aber uns schen Verkehrslandeplatz für den Brand-
DDR-Zeiten hatten wir eigentlich alles«, vorschreiben, woraus wir auszusteigen ha- und Katastrophenschutz«, sagt die Bürger-
sagt der 63-jährige Detlef Kulke, Ex-Tisch- ben«. Beide Abneigungen machen den meisterin. Und dass sie zusammen mit an-
ler im Glaswerk. »Na, bis auf die Freiheit«, Kontakt zur schwarz-rot-grünen Landes- deren Bürgermeistern aus der Lausitzrun-
beendet er den Gedanken. Und Freiheit regierung nicht einfacher. de schon nach Brüssel gefahren sei. »Die
ist nur ein Wort. Sie hatten alles. Frau Kul- Birgit Zuchold hat sich mit anderen Bür- EU steht hinter uns«, sagt Zuchold. »Dort
ke arbeitete in der Geflügelwirtschaft und germeistern zur »Lausitzrunde« zusam- wenigstens hört man uns zu.«
beide hatten gute Beziehungen. Seinen mengetan, um sich gegen Referatsleiter
Vorgarten hat Kulke in einen Jurassic Park und Moraltourismus zu wehren. Sie gehört
verwandelt, ein Tyrannosaurus schaut zu den Akteuren vor Ort, von deren Zä- IV. Überfördern und
über die Hecke, diverse Urzeitechsen sind higkeit das Gelingen des Lausitz-Experi- überfordern
zu sehen und ein winkender E. T.: Ich will ments maßgeblich abhängt. Birgit Zuchold hat ihre Kräuterteetasse zur
nach Hause. Einmal bekam sie Post vom Landkreis. Seite geräumt und geht hinüber zum ehe-
Die Braunkohle liegt hier teilweise nur Das Bundeswirtschaftsministerium lud die maligen Bahnhof, jetzt Besucherzentrum,
80 Zentimeter unter den Füßen. Fast Kommunen ein, Förderanträge für Struk- wo sich abends der Welzower Unterneh-
meint man, sie zu spüren. Die Kohle hat turwandelprojekte einzureichen. Und bitte merstammtisch trifft, heute mit hohem Be-
Sinn gegeben. Sie war lebenswichtig, alles »etatreif«, nachhaltig und unbedingt vor such. Brandenburgs »Lausitz-Beauftrag-
hat sich an ihr ausgerichtet. Die Kohle war Mittwoch, 15 Uhr. ter« soll aus der Hauptstadt anreisen.
allgegenwärtig wie die Partei. Die E-Mail trug den Eingangsvermerk Als Dr.-Ing. Klaus Freytag aus seinem
Birgit Zuchold hat auf ihrem Schreib- Dienstag, 17.12 Uhr. Dienstwagen steigt und Welzows Besu-
tisch ein »Mutmacher Buch« liegen. Sie »Das ließ uns neun Stunden. Aber«, sagt cherzentrum betritt, weiß er, was jetzt
ist seit mehr als zehn Jahren Bürgermeis- die Bürgermeisterin, »jedes Projekt muss kommt. Er hat viele dieser Bürgerver-
terin von Welzow. Sie sagt: »Ich habe jah- ich EU-weit ausschreiben. Ich brauche ein sammlungen erlebt. In einem sind sich alle
relang nachgedacht, weshalb die Men- Planungsbüro, das mit uns über die Rah- gleich. Irgendwann kommt der Moment,
schen hier so frustriert sind.« menausschreibungsbedingungen spricht, wo den Kindern gesagt werden muss, dass
Zuchold hatte gerade ihr Studium in und auch das müsste ich EU-weit suchen. es keinen Weihnachtsmann gibt.
Tagebau-Betriebswirtschaft fertig, als die Dann kommt der Denkmalschutz, und nach Freytag weiß auch, wie Gemeinderäte
Mauer fiel. »Für alles war zu DDR-Zeiten drei Jahren ist noch kein Stein bewegt. von irgendwelchen Glücksrittern und Rat-
gesorgt«, sagt sie. »Es gab nur eine Ver- Und da reden sie von Strukturwandel?« tenfängern euphorisiert werden können,
sicherung, nicht zehn. Die Löhne im Berg- Die Bürgermeister in der Region ope- am liebsten mit Visionen von Regional-
bau waren höher als in anderen Bran- rieren am Limit, zerrissen zwischen ihrer flughäfen, Organspende-Hubs, Drehkreu-
chen«, mit guter Arbeit im Maschinenbau Funktion als Bürgervertretung und als zen. Überförderung schlägt leicht in Über-
und in der Glashütte. Das sei alles weg- Obrigkeit. Eine stete Überforderung. forderung um, wenn Projekte angescho-
gebrochen. »Natürlich haben wir Träume«, sagt Zu- ben werden, deren nachhaltiger Nutzen
In der DDR wurde in vielfältiger Weise chold. Es gibt den Vorschlag, aus all dem vor allem bei den Beratern und Webde-
für alles gesorgt. »Die Menschen haben Sand und mit den Baggern eine Pyramide signern liegt.
die Umbrüche nach der politischen Wende aufzuschütten. »Dann müssten die Leute Er weiß auch, wie die Rechten diese
nicht als Chance verstanden, selbst Akti- nicht mehr nach Dubai fliegen. Wüste hät- gebeutelten Menschen in ihrer Rolle als
vitäten zu starten. Sie glauben wahrschein- ten wir dann hier.« Opfer bestärken: Opfer der Politik und der
lich noch immer, es würde schon jemand Pläne gibt es genug. Sie legt ein elfseiti- Westkonzerne, Opfer auch von Greta
für sie sorgen. Das ist meiner Meinung ges Konzept auf den Tisch. Das Deckblatt Thunberg. »Es ist verdammt gefährlich«,
nach der Kern des Problems.« Das sagt Freytag. »Die Menschen sehen
mache es so schwer, sagt Birgit Zu- kaum noch, wie sich die Landes-
chold, die Bürgermeisterin von Wel- regierung für sie reinkniet.« Und
zow, die Leute von der Abbruchkan- spürt jetzt den Wolfsatem der Popu-
te wieder zurückzuholen. Bei der listen im Nacken.
Landtagswahl 2019 bekam die AfD Freytag mag diese Dörfer, wo sich
in Welzow 29,1 Prozent der Stim- die Leute auf der Straße »Guten Tag«
men, so viel wie nie zuvor. Gleich- sagen. Er lebt schon seit der Wende
zeitig gingen nur 58 Prozent über- im Osten und fährt nur noch heim
haupt wählen. Fast der Hälfte der ins Siegerland, wenn es unbedingt
Menschen war die Wahl offenbar notwendig ist.
egal. Dann startet Freytag seine Präsen-
Zukunft ist nur ein anderes Wort tation. Vor ihm sitzen der Herr von
für Unsicherheit, und von beidem hat der Sparkasse und Birgit Zuchold
es im Osten reichlich gegeben in den und jemand vom Energiekonzern
vergangenen 30 Jahren. LEAG, die Bäckermeisterin und
Birgit Zuchold ist eine zierliche ein eifriger Mann aus Schwaben, der
Person, mit der man sich nicht anle- auf allen Tischen Prospekte ausge-
gen möchte. Mitglied der SPD ist sie, legt hat.
aber sie hasst die Spezies Referatslei- Es gibt Schnittchen.
ter, die von Potsdam oder Berlin aus Deutschland, sagt Freytag, habe
jede Initiative von unten mit Regula- Welzower Bürgermeisterin Zuchold 40 Milliarden Euro vorgesehen für
rien und Vorschriften zubaggern. »Natürlich haben wir Träume« den Kohleausstieg und die Bewälti-

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gung der Folgen. Für die Lausitz Also runde Tische, Bürgerforen,
blieben davon rund 17 Milliarden Townhall-Meetings und vor allem:
übrig. Freytag erzählt von Referen- offene Prozesse. Und wenn sich eine
tenentwürfen, degressiver Bereit- Mehrheit der Lausitzer dafür ent-
stellung, vom StStG, »Strukturstär- scheiden sollte, dass sich nichts än-
kungsgesetz«, das an das Kohleaus- dern soll, weil sich schon genug ver-
stiegsgesetz gekoppelt ist, und vom ändert hat für sie? »Dann wird etwa
»Planungsbeschleunigungsgesetz«. Hightech dort nicht stattfinden«,
Es klingt kompliziert, aber es ist ganz sagt Nanz. »Die Menschen müssen
einfach: »Wenn wir das verkacken, auch das Recht haben, das Falsche
haben wir die Arschkarte.« zu wollen.«
Freytag sagt »wir«. Dabei ist ihm
klar, dass nur die scheitern können,
die ihm hier gegenübersitzen. VI. Pioniergewächse
Auch er spricht von Dingen, die Es sind bisher nur wenige, die bei
seit Generationen unerwünscht und dem Wort Lausitz an Chancen und
gefährlich waren, von Eigeninitiative, Möglichkeiten denken. Aber es gibt
Risikofreude, Kreativität. Sachen, die diese Pioniergewächse. Da ist das
sich nicht so einfach aus der Tiefe der Flammkuchenrestaurant, nahe der
Leute herausbaggern lassen. Forscher Nanz, Staemmler in Potsdam Abbruchkante, geführt von einer
Freytag sagt, dass nicht mehr viel »Wie unter einem Brennglas« Kinderbuchautorin und einem aus-
Zeit sei. Solch eine Chance würde es gestiegenen Microsoft-Manager. Da
nicht mehr geben. Dann meldet sich gibt es Thomas Zügel und seinen
Birgit Zuchold, die Bürgermeisterin von geschrieben: Beteiligung ist niemals Ak- Sohn, jenen eifrigen Schwaben mit den
Welzow. Sie erzählt von dem Schreiben zeptanz-Beschaffung.« Prospekten, der hier seit Kurzem Zivil-
des Wirtschaftsministers. Für sie schnur- Das Selbstverständnis in Staatskanz- schutzdrohnen baut und in 14 Länder ex-
ren die 18 Jahre bis zum Ausstieg auf leien, Ministerien, Landratsämtern sei lei- portiert, aus Welzow in die Welt.
neun Stunden zusammen, auf die Zeit der immer noch: Wir wissen, was für euch Alle kommen sie aus dem Westen.
bis zur Abgabe des Projektantrags: »So gut ist, sagt Johannes Staemmler. Er habe Denn was für die Lausitzer Heimat ist, ist
sieht es für die kleinen Kommunen aus«, bei den Exkursionen in die Lausitz vor al- für diese Westler Freiraum, und das ist ein
sagt sie. Guter Wille mag auf allen Sei- lem eines gelernt: »Alle vereint die große großer Unterschied.
ten vorhanden sein, aber er wird erstickt Angst vor einem umfassenden Bedeu- Generationenlang haben die Lausitzer
durch Regularien, Vorschriften, Zustän- tungs- und Funktionsverlust.« Das zumin- den Boden umgewühlt, haben erlebt, wie
digkeiten. dest haben Bürger und Eliten gemein. nach der Wende alles auf den Kopf gestellt
»Ich kriege einen dicken Hals, wenn ich Es ist ein dreifaches Vakuum, das den wurde, haben den Boden verloren und
das nur höre – Planungsbeschleunigungs- Wandel in der Lausitz schwerer macht als sind jetzt einfach zu müde, um sich noch
gesetz«, sagt der Regionalleiter eines Ga- im Ruhrgebiet oder in der Pfalz. einmal neu zu erfinden. Alle erzählen ih-
belstaplerbetriebs. Wegen Desinteresses Da ist natürlich das geologische Va- nen jetzt von Zukunft, wobei sie doch nur
in Potsdam schafft seine Firma 200 Ar- kuum, die Wunde eines brachial ausge- ruhig in der Vergangenheit leben wollen.
beitsplätze nicht in Welzow, sondern in kohlten Landes. Doch da ist auch die de- »Nee, lasst ma.« Wohinter die Ahnung
Polen, wo man ausgeschlafener sei. mografische Lücke, die sich nicht einfach stecken dürfte, dass sie in dieser Zukunft
»Verarsche«, sagt die Bürgermeisterin. fluten lässt wie ein Tagebauloch. Es fehlt vermutlich nicht gebraucht werden.
So geht es dialogisch hin und her, und eine ganze Generation, die in den Neun- Es ist das Paradox, sich inmitten so vie-
irgendwann sagt Klaus Freytag, dass er die- zigerjahren im großen Treck nach Westen len guten Willens alleingelassen zu fühlen,
sen Quatsch mit dem Projekt Regionalflug- verschwunden ist und jetzt so nötig wäre als Bürgermeisterin, als Tagebaurentner,
hafen nicht mehr hören könne. Dann ist beim Projekt einer »postfossilen Demo- als Bäckermeisterin.
das Treffen vorbei. kratie«. Vermutlich wird auch in noch so viel
Und schließlich das dritte Vakuum, das Dialogen keine Zivilgesellschaft erblü-
politische. In Brandenburg war die SPD hen, weil Engagement lieber in Heimat-
V. Verlustängste die Kohlepartei, in Sachsen die CDU. Bei- vereinen, im Kirchenchor oder in Dinos
In der Forschungsgruppe der Professorin de haben sich eher widerwillig von der im Vorgarten gelegt wird. Es macht ei-
Nanz ist Johannes Staemmler für »Sozia- Braunkohleverstromung verabschiedet, in nen Unterschied, ob man über die Wirk-
len Strukturwandel und responsive Poli- einer Gemeinsamkeit, die von manchem lichkeit nachdenken darf oder sie aus-
tikberatung in der Lausitz« zuständig. als Kumpanei empfunden wird. Da tut es halten muss.
Mehr fürs Praktische also. gut, wenn jemand kommt, von der AfD Die Vision einer postfossilen Lausitz
Staemmler sagt, bei aller Begeisterung zum Beispiel, der sagt, wie’s ist, nämlich wird noch einige Zeit vor allem Sozio-
für offene Räume, lokale Initiativen und die Schuld der anderen. Der »Eliten«. Der loginnen ernähren und viele Berater. Sie
»democratic reconfiguration« würde ihm »Klimahysteriker«. wird, mit etwas Glück, ein Labor sein für
manchmal etwas unheimlich auf seinen Die Politik, sagt Staemmler, habe noch die Start-Upperclass, und vielleicht wer-
Fahrten durch die Lausitz: »Es ist erschre- nicht verstanden, »dass die Klimakrise den die Enkel der Tagebauhelden Teil
ckend, wie sehr das nationale, völkische eine existenzielle Bedrohung auch unseres davon werden.
Narrativ verbreitet ist und wie wenig das Gemeinwesens ist. Das Hinhalten, Weg- »Vergessen Sie nicht«, hatte Gudrun
partizipative Erbe der DDR-Umweltbewe- ducken, Anderen-den-Ball-Zuspielen geht Jentsch, eine Stadtverordnete in Welzow
gung, das Mitreden-Wollen.« nicht mehr. Es geht um Verantwortungs- gesagt: »Vergessen Sie nicht beim Schrei-
Staemmler stammt aus Dresden, ein gemeinschaft, um einen kollektiven Such- ben, dass wir hier Menschen sind.« Und
Ostdeutscher der dritten Generation, wie prozess, nicht allein um die Lösungen«. genau das ist das Problem.
er sagt. »Wir haben groß auf die erste Folie Der Weg ist das Ziel.

56 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


Reporter

Mein Fall Er war nur da, weil sich sein Vater, der Yozgats Platz hätte
einnehmen sollen, verspätet hatte. Ähnlich war es zwei Tage

Die Botschaft
zuvor bei einem Mord in Dortmund gewesen. Auch hier war
das Opfer, ein Kioskbesitzer türkischer Herkunft, nur durch
einen Zufall am Tatort gewesen.
Was, fragten sich Horn und sein Team, wenn die Opfer
nicht gezielt ausgewählt worden waren, sondern stellvertre-
tend? Was, wenn sie nicht ermordet worden waren, weil sie
Neun Tote, stets dieselbe Tatwaffe, in kriminelle Geschäfte verstrickt, sondern weil sie Ausländer
aber kein Verdächtiger. Bis ein Profiler aus waren? Was, wenn seit mehr als fünf Jahren rechtsextreme
Mörder unerkannt von den Ermittlungsbehörden durch
München darauf kam, das Undenkbare
Deutschland zogen und Migranten exekutierten?
zu denken – auch wenn ihm lange kaum Es war, sagt Horn heute, »eine erschreckende These«. Al-
jemand Glauben schenkte. lerdings bot diese These einen neuen Ermittlungsansatz für
neun ungelöste Morde: Sie erklärte den Einsatz der Waffe.
Die Ceska war dann tatsächlich eine Botschaft. Die Botschaft
richtete sich vor allem an die Polizei, an die Öffentlichkeit.

A m 7. April 2006 stand der Profiler Alexander Horn im


Norden von Kassel in einem Internetcafé, in dem am
Tag zuvor ein Mann ermordet worden war, mit einer
Pistole vom Typ Ceska 83, Kaliber 7,65 Millimeter. Der Schüt-
Die Ceska war der ausgestreckte Mittelfinger, den der oder
die Mörder dem deutschen Staat entgegenhielten.
Und wie passten die »Ansprachen« ins Bild, die vor den
Morden beobachtet wurden? »Es waren einfach nur laute
ze hatte Halit Yozgat, den Inhaber, durch zwei Schüsse in Gespräche, sie hatten nichts mit den Morden zu tun«, sagt
den Kopf getötet, Yozgat war auf dem Boden seines Cafés
gestorben. Für Alexander Horn war dieser Mord, so zynisch
es klingt, eine Chance.
In den vorangegangenen fünfeinhalb Jahren waren acht
Männer mit derselben Waffe ermordet worden, die auch
Yozgat tötete. Drei Morde geschahen in Nürnberg, zwei in
München, je einer in Hamburg, Rostock und Dortmund. Und
nun lag auch in Kassel ein Toter. Gemeinsam war allen Op-
fern, dass sie türkischer Herkunft waren oder zumindest so
aussahen. Die meisten waren selbstständig, als Blumenhänd-
ler, Änderungsschneider, Imbissbesitzer, Obst- und Gemüse-
händler. Rund 160 Ermittler der bayerischen Polizei suchten

UWE ZUCCHI/ DPA


nach dem oder den Tätern, hatten aber bis dahin keinen Ver-
dächtigen präsentieren können. Horn beschäftigte sich seit
gut einem Jahr mit den Morden, gemeinsam mit seinen Kol-
legen von der Operativen Fallanalyse in München.
Er kannte alle Details. Mit seinem Team hatte er Hypo- Das Internetcafé von Halit Yozgat in Kassel,
thesen aufgestellt, geprüft und wieder verworfen; sie waren vier Tage nach dem Mord im April 2006
zu der Schlussfolgerung gelangt, dass wahrscheinlich Krimi-
nelle von anderen Kriminellen getötet worden waren. Horn. Sie bekamen nur deshalb so ein Gewicht, weil die Er-
Allerdings war Horn von dieser Hypothese nicht hundert- mittler versuchten, eine Erklärung für die Taten zu finden.
prozentig überzeugt. Die Tatsache, dass immer dieselbe Waf- In den Wochen danach bemühte sich Alexander Horn, die
fe benutzt worden war, passte nicht zu Morden krimineller Ermittler in Bayern von seiner These zu überzeugen. Wenn
Banden: Wer dieselbe Waffe mehrfach verwendet, erhöht er recht hatte, mussten die Beamten sich eingestehen, dass
das Risiko, von der Polizei gefasst zu werden. Möglicherweise, sie über Jahre hinweg in eine falsche Richtung ermittelt hat-
dachte Horn damals, war die Ceska eine Botschaft, die nur ten – und sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass es
die Opfer verstehen konnten. in Deutschland Menschen gibt, die gezielt Migranten töten.
Nun, durch den Kasseler Mord, gab es die Chance, alles »Da fehlte es vielen Ermittlern wohl an Fantasie«, sagt Horn.
noch einmal zu überprüfen. Es war das erste Mal seit Beginn Seine Hypothese wurde nicht ernsthaft verfolgt. 2008 wur-
der Serie, dass Horn unmittelbar nach der Tat am Tatort sein de die Sonderkommission, die die Mordserie aufklären sollte,
konnte. Nie zuvor waren die Spuren so frisch gewesen. auf neun Personen verkleinert.
Zurück in München, setzte er sich mit den anderen Mit- Gut drei Jahre später, am 4. November 2011, wurden Uwe
gliedern des Profilerteams zusammen. Gemeinsam gingen Mundlos und Uwe Böhnhardt nach einem Raubüberfall in
sie die Einzelheiten des neuen Falles durch. Zeugen berich- Eisenach von der Polizei entdeckt. Mundlos erschoss erst
teten, dass es kurz vor den Schüssen eine »Ansprache« ge- Böhnhardt, dann sich selbst. Die Ermittlungen ergaben,
geben habe, so nennt es Horn, ein Gespräch zwischen dem dass sie für alle neun Morde verantwortlich waren. Als
Opfer und einer anderen Person, laut und aggressiv. Das »NSU-Morde« gingen sie in die deutsche Kriminalgeschichte
schien wichtig zu sein. Streitereien hatte es angeblich auch ein. Uwe Buse
bei den anderen Morden gegeben, immer kurz vor den
tödlichen Schüssen. Möglich, dass dies ein weiterer Mord Alexander Horn,
war, bei dem sich zwei kriminelle Ausländer gegenüber- 46, gehörte zum Gründungsteam des Pilot-
JÖRG FOKHUL/ LAIF

gestanden hatten. projekts »Täterprofiling« bei der Münchner


Ein Detail allerdings sprach gegen diese These. Denn ei- Mordkommission. Er war 2011 maßgeblich
gentlich wäre Halit Yozgat zur Tatzeit gar nicht in seinem an der Klärung der Missbrauchs- und Mord-
Café gewesen, sondern schon auf dem Weg zur Abendschule. serie des »Maskenmannes« beteiligt.

57
Wirtschaft

MARC-STEFFEN UNGER
Skyline von Frankfurt am Main

Ökonomen rechnen mit Bankenkrise


Rezession Eine Pleitewelle im Herbst würde auch für viele Geldhäuser das Ende bedeuten.

 Der Konjunktureinbruch infolge der Schieflage bringen, die zusammen Darle- oder gar Hunderte Institute abgewickelt,
Corona-Pandemie könnte eine Bankenkri- hen in dreistelliger Milliardenhöhe in den fusioniert oder vom Staat gerettet werden.
se in Deutschland auslösen, prognostiziert Büchern haben. Selbst wenn sich die Kon- Zugleich würden viele Banken weniger
das Leibniz-Institut für Wirtschaftsfor- junktur rasch erholt, sind der Analyse Kredite an Unternehmen vergeben, um
schung Halle (IWH). Wegen des Lock- zufolge rund sechs Prozent der Geldhäu- die Risiken in ihrer Bilanz zu reduzieren.
downs im März und April würden in den ser in Gefahr. Hält die Flaute monatelang Das könnte die Konjunktur weiter schwä-
nächsten Monaten zahlreiche Firmen an, würden sogar 28 Prozent der Kredit- chen. Selbst wenn sich die Wirtschaft
pleitegehen oder Kredite nicht bedienen institute in Not geraten. Weil der Anteil schnell erhole, sei »eine neue Bankenkrise
können, sagen die IWH-Forscher voraus. ihrer Eigenmittel unter die gesetzliche wahrscheinlich«, sagt IWH-Präsident
Das könnte zahlreiche Sparkassen sowie Mindestmarke von sechs Prozent der Kre- Reint Gropp. Das wiederum erhöhe die
Privat- und Genossenschaftsbanken in ditsumme rutsche, müssten Dutzende Gefahr für »eine zweite Rezession«. MSA

Gerechtigkeit oberen zehn Prozent gehören. zehn Prozent, eine Familie mit ter Tätigkeit (etwa Facharbei-
Topverdiener ab Als Basis dienen die neuesten zwei Kindern unter 14 Jahren ter oder Meister) mit 16 Pro-
Daten des Sozio-oekonomi- ab 7412 Euro. Zu 55 Prozent zent. »Subjektiv fühlen sich
3529 Euro netto schen Panels. Danach gehörte sind die oberen zehn Prozent nur sehr wenige Menschen
2017 ein Alleinstehender mit männlich. Paare ohne Kinder dem oberen Zehntel zugehö-
 Wo verläuft die Grenze einem Einkommen von mehr im Haushalt bilden mit 48 Pro- rig, dabei umfasst die Gruppe
zwischen Gut- und Topverdie- als 3529 Euro netto pro Monat zent die Mehrheit, gefolgt von rein rechnerisch etwas mehr
nern? Das Institut der deut- zu den zehn Prozent Topver- Singles mit 31 Prozent. Die als acht Millionen Menschen«,
schen Wirtschaft (IW) hat für dienenden. 2015 lag die Gren- meisten der Topverdienenden sagt IW-Ökonomin Judith
den SPIEGEL ausgewertet, ab ze bei 3342 Euro netto. Paare sind Angestellte in hoch qua- Niehues. »Nur sehr wenige
welchem monatlichen Haus- ohne Kinder im Haushalt zäh- lifizierter Tätigkeit (24 Pro- fühlen sich somit selbst reich,
haltsnettoeinkommen Men- len ab einem Nettoeinkommen zent) – die nächstgrößte Grup- denken aber gleichzeitig, dass
schen in Deutschland zu den von 5294 Euro zu den oberen pe Angestellte in qualifizier- es sehr viele Reiche gibt.« JKR

58
Luftfahrt chungen moderat vorgegangen Stuttgart 21 erst dann in die zweite Röh-
»Wir diskutieren sind. Wir diskutieren die re gewechselt werden kann,
Restrukturierung natürlich
Brandschutz soll wenn der Bahnverkehr in
viele Optionen« auch mit den Regierungen in geprüft werden der zweiten Röhre ein-
Deutschland und unseren ande- gestellt ist«, schreiben die
Airbus-Chef ren Heimatländern. Längerfris-  Die Gegner des umstritte- Antragsteller um Eisenhart
R.DUVIGNAU/ REUTERS

Guillaume tige Kurzarbeit und die staat- nen Großprojekts Stuttgart von Loeper an das EBA. Sie
Faury, 52, über liche Unterstützung bei For- 21 haben beim Eisenbahn- verweisen auf den Brand
den geplanten schung und Entwicklung könn- Bundesamt (EBA) eine neue eines ICE 2018 auf der Hoch-
Personal- ten helfen, Jobs zu sichern, bis Bewertung des Brandschut- geschwindigkeitsstrecke von
abbau bei die Erholung einsetzt. So zes in den Tunnelröhren Köln nach Frankfurt. Dort
dem europäischen Flugzeug- ließen sich zum Beispiel Inge- beantragt. Auslöser ist ein hatte es 45 Minuten gedau-
bauer nieure vorübergehend in den bislang unveröffentlichtes ert, bis 500 Passagiere eva-
Forschungsbereich versetzen. Gutachten eines Schweizer kuiert worden waren. Die
SPIEGEL: Herr Faury, un- SPIEGEL: Sie hoffen also auf Ingenieurbüros zu einer Deutsche Bahn hatte ver-
längst haben Sie versichert, Geld aus dem Konjunktur- möglichen ICE-Evakuierung. sucht, das brisante Gutach-
Sie würden alles tun, um Jobs paket der Bundesregierung? Darin kommen die Prüfer ten unter Verschluss zu hal-
zu sichern. Nun sollen bei Air- Faury: Durchaus. Wir denken, zu dem Ergebnis, dass 1757 ten. Das EBA erklärt, dass
bus 15 000 Stellen wegfallen. dass bis zu 500 Jobs erhalten Menschen in 15 Minuten »die in Rede stehende Simu-
Wie passt das zusammen ? werden könnten, wenn die evakuiert werden und in die lation nicht Gegenstand der
Faury: In den vergangenen Bundesregierung uns bei- zweite Tunnelröhre fliehen Planfeststellung« gewesen
Monaten ist der internationa- spielsweise über das Pro- könnten. Ingenieure der sei. Die Bahn hält die Be-
le Luftverkehr praktisch ver- gramm zur Entwicklung von Bürgerinitiative, die per denken der Bürgerinitiative
schwunden. Zwei Drittel des Flugzeugen mit Wasserstoff- Gerichtsklage Akteneinsicht für unberechtigt: »Das EBA
weltweiten Flugzeugparks antrieb unterstützen würde. erzwungen hatte, zweifeln hat das Brandschutzkonzept
von 21 000 Maschinen stan- Die Verlängerung der Kurz- die Annahmen des Gutach- umfassend geprüft und ge-
den am Boden. Wir haben arbeit auf 24 Monate könnte tens an. Bei der Simulation nehmigt.« Die Gegner pro-
mit den Airlines gesprochen, bis zu 1500 Stellen sichern. sei ein viel zu hohes Schritt- phezeien: Sollte »ein siche-
um unsere Produktion anzu- So ließe sich die Zahl der tempo der Flüchtenden rer Rettungsweg nicht mög-
passen. Wenn wir die Kapazi- ursprünglich avisierten Stel- unterstellt worden. »Nicht lich« sein, müsse das Projekt
tät um 40 Prozent gegenüber lenkürzungen in Deutschland berücksichtigt wurde, dass »gestoppt« werden. GT
der Prognose für 2020 und von 5100 auf 3100 verringern.
2021 verringern, können wir Gespräche hierzu laufen.
das Unternehmen stabilisie- SPIEGEL: VW führte einst die
ren. Aber eine Anpassung der Viertagewoche ein, als die
Mitarbeiterzahl ist nötig. Nachfrage einbrach. Planen
SPIEGEL: Und das rechnen Sie das auch ?
Sie dann eins zu eins auf die Faury: Natürlich diskutieren
Beschäftigten um ? wir viele Optionen mit unse-
Faury: So einfach ist es nicht. ren Arbeitnehmervertretern,

ARNULF HETTRICH/ IMAGO IMAGES


Wir haben im zivilen Flugzeug- die Viertagewoche ist eine
bereich etwa 90 000 Beschäf- davon. Wir erwägen bereits
tigte. Würden wir die Aus- eine Verringerung der
wirkungen der Pandemie hier wöchentlichen Arbeitszeit,
gleichermaßen mit 40 Prozent um die Arbeit auf mehr Mit-
anrechnen, beträfe das 35 000 arbeiter zu verteilen. Alle
Jobs. Sie sehen also, dass wir Probleme lassen sich damit Tunnelbau beim Großprojekt Stuttgart 21
bei den geplanten Stellenstrei- aber nicht lösen. DID, GT

Facebook sozialen Netzwerk Reklame- VW, schlossen sich dem Boy- der auf der Plattform sein wer-
VW bittet gelder zu entziehen, bis es kott an. Da es sich bei den den«. Ein Sprecher bestätigte
konsequenter gegen Hass- und Autohändlern zumeist um ei- die Aussage gegenüber CNN.
zum Boykott Hetzkommentare vorgeht. genständige Unternehmen Der für die Geschäftsentwick-
Auch deutsche Unternehmen, handelt, bittet VW sie in ei- lung in Deutschland zustän-
 Der Volkswagen-Konzern, darunter Beiersdorf, SAP und nem unverbindlichen Brief um dige Facebook-Manager Tino
der sich dem globalen Werbe- Teilnahme. Man lade Händler Krause sagte, man verstehe,
boykott gegen das soziale ein, sich der Initiative anzu- dass Werbekunden »ihre Bot-
Netzwerk Facebook ange- schließen »und in dieser wich- schaften und Inhalte in einem
schlossen hat, hofft, dass sich tigen Angelegenheit Stellung sicheren Umfeld sehen möch-
auch selbstständige VW- zu beziehen«. Facebook-Chef ten – das wollen wir auch«.
JOSH EDELSON/ AFP

Händler daran beteiligen. Die Mark Zuckerberg soll gegen- Facebook entwickle seinen
Initiative »Stop Hate for Pro- über Mitarbeitern gesagt haben, Kampf gegen Hassrede und
fit« hatte Unternehmen welt- er rechne damit, »dass all diese andere unerwünschte Inhalte
weit dazu aufgerufen, dem Werbekunden schon bald wie- stetig weiter. MUM, PBE, RAI

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 59


Der tatsächliche Corona-Effekt ist sogar
noch viel höher. Denn ohne die Pandemie
hätte die Wirtschaft ja nicht stagniert, son-

Die Verlierer
dern vermutlich zugelegt. »Zwar wird die
Wirtschaft im kommenden Jahr voraus-
sichtlich wieder stark wachsen«, sagt Ga-
briel Felbermayr, Präsident des IfW. Das
bedeute aber nicht, »dass wir wieder auf
das Vorkrisenniveau kommen«. Einkom-

der Krise
men von etwa 390 Milliarden Euro seien
im Vergleich zu der ohne Corona erwarte-
ten Entwicklung bis Ende des nächsten
Jahres selbst dann verloren, wenn die Wirt-
schaft 2021 um sechs Prozent wachse.
Deutschland ist nicht Amerika, wo die
Gerechtigkeit Alle Deutschen zusammen werden wegen der Ungleichheit schon vor der Krise extrem
groß war und sich jetzt dramatisch ver-
Pandemie 390 Milliarden Euro weniger Geld auf ihren Konten schärft. Aber auch hierzulande werden die
haben. Manche Gruppen erwischt die Krise besonders hart, Risse sichtbar.
Noch lassen sich manche Härten und
auch vielen aus der Mittelschicht droht der Abstieg. Konflikte mit dem Geldsegen aus den Ret-
tungspaketen übertünchen, die Regierung

A
will zudem schon bald milliardenschwere
Steuererleichterungen auf den Weg brin-
ls Andrea Anneser zu Jah- viele von ihnen werden in den kommenden gen. Aber die Frage, wer am Ende die
resbeginn ihren neuen Job Monaten wohl ihre Kündigung erhalten. Zeche zahlt, steht längst im Raum. Wer
antrat, konnte sie ihr Glück »Machen wir uns nichts vor, die Kurzarbeit geht als Verlierer aus der Krise – und wer
kaum fassen. Die 49-Jähri- wird leider für viele in Arbeitslosigkeit en- kommt einigermaßen ungeschoren durch?
ge war nach sechs Jahren den«, sagt Clemens Fuest, Chef des Münch- Und: Wie fair wird es zugehen, wenn die
in Manchester gerade erst ner Ifo-Instituts. »Deutschland wird ärmer.« Lasten verteilt werden?
nach Schleswig-Holstein gezogen – sie Kommen nach den fetten Jahren nun
bezeichnet sich selbst als »Brexit-Flücht- also die mageren? Rutscht die Gesellschaft
ling«. Sie wollte zurück, bevor Großbri- ab – schneller und härter und dauerhafter Die Arbeitnehmer
tannien in die Krise stürzt. als je zuvor in der Geschichte der Bundes- Der Verlust ihres neuen Jobs hat die Bre-
In Deutschland, wo die Industrie stark republik? xit-Flüchtige Anneser aus der Bahn gewor-
und die Zukunft sicher wirkte, sollte alles Drei Viertel der Deutschen erwarten, fen. »Ich war wie gelähmt.« Anneser kam
besser werden. Und tatsächlich: Eine Ham- dass die Ungleichheit im Land infolge der nach langer Abwesenheit in ihr Land zu-
burger Traditionsfirma, Zulieferer für die Corona-Pandemie zunehmen wird. Das rück, als Frau in eine männerdominierte
Schiffs- und Autoindustrie, gab ihr einen hat eine Umfrage des Meinungsforschungs- Branche. Dort eine Stelle zu finden war
Job als Projektmanagerin. Gut bezahlt und instituts Civey für den SPIEGEL ergeben. schon vor Corona eine Herausforderung.
krisenfest, so schien es. »2020 sollte mein Besonders die jungen Erwachsenen fürch- Wie soll das erst in der Krise gehen?
Jahr werden«, sagt sie. Dann kamen die ten sich davor. Es gibt nicht nur eine abs- In der Geschichte der Bundesrepublik
ersten Nachrichten aus China. Und Anne- trakte Angst vor Ungleichheit: Ein Drittel gab es auf dem Arbeitsmarkt keine Situa-
ser begann, um ihren Plan zu fürchten. der Deutschen erwartet in diesem Jahr für tion, die sich mit heute vergleichen ließe,
Anneser ist verantwortlich für die Kun- sich selbst Einkommens- und Vermögens- nicht einmal die Finanzkrise 2008. Im Juni
den aus der italienischen Autoindustrie, einbußen, insgesamt 36 Prozent erwarten ist die Zahl der Arbeitslosen auf 2,85 Mil-
sie sah, wie erst die Lieferketten von Fiat dies sogar für die nächsten drei Jahre. lionen gestiegen. Und das Institut für Ar-
zusammenbrachen, dann die Umsätze im Die Zahlen spiegeln eine Abstiegsangst beitsmarkt- und Berufsforschung erwartet,
eigenen Unternehmen – und schließlich in der Mitte der Gesellschaft, wie es sie seit dass bald die Drei-Millionen-Marke über-
ihr Traum vom neuen Leben zerbröselte: der Finanzkrise 2008 nicht mehr gegeben schritten wird – vorausgesetzt, es gibt
Zum Ende der Probezeit muss sie das hat. Mehr als die Hälfte der Selbstständigen keinen zweiten bundesweiten Lockdown.
Unternehmen verlassen. stellt sich dieses Jahr auf geringere Einkom- Dann würde alles noch schlimmer.
Corona produziert millionenfach Kri- men ein, knapp 50 Prozent der Arbeiter. Zwar loben Experten im In- und Ausland
senverlierer. Das Virus kann töten, und es Die 30- bis 40-Jährigen fühlen sich finan- die deutsche Corona-Politik. »Widerstands-
kann Gesellschaften spalten. Selbst eine ziell am stärksten getroffen, dabei geht es fähigkeit made in Germany« überschrieb
reiche wie die deutsche kann ins Schlin- oft um Familien mit Kindern, die es in den die Deutsche Bank kürzlich eine Studie.
gern geraten, wenn der soziale Friede brü- Monaten der Kontaktsperren schwer hatten, Doch auch wenn das deutsche Modell der
chig wird, weil es nicht gelingt, den wirt- Beruf und Familie gleichzeitig zu meistern. sozialen Marktwirtschaft, das Gesundheits-
schaftlichen Schaden einzudämmen und Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) er- system und die vergleichsweise gute soziale
die Lasten fair zu verteilen. wartet, dass das Bruttoinlandsprodukt in Absicherung sich in der Pandemie zunächst
Die Weltwirtschaft ist in die tiefste Rezes- diesem Jahr um 6,8 Prozent schrumpft. Das bewährt haben – eine Garantie für einen
sion seit der großen Depression Ende der würde bedeuten, dass das Volkseinkom- raschen Boom gibt es nicht. Wie das Land
Zwanzigerjahre gestürzt. Bis zu 200 Millio- men im Vergleich zu 2019 trotz gewaltiger aus der Krise kommt, ist nicht entschieden.
nen Menschen weltweit sind nach Schätzun- Subventionen und Überbrückungshilfen Schon jetzt lassen sich Unwuchten fest-
gen der Internationalen Arbeitsorganisation um 110 Milliarden Euro sinkt. Durchschnitt- stellen. Geringqualifizierte etwa sind stär-
von Arbeitslosigkeit bedroht. Mehr als sechs lich 1325 Euro hätte jeder Bürger vom Säug- ker von Kurzarbeit betroffen, sie können
Millionen in Deutschland sind in Kurzarbeit; ling bis zum Greis weniger zur Verfügung. seltener als Akademiker ins Homeoffice

60 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


Coronakrise

Ja 76 %

Civey-Umfrage
für den SPIEGEL
vom 11. bis 29. Juni;
10 012 Befragte
Nein

11 %

»Wird die wirtschaftliche Ungleichheit in Deutschland


K A R ST EN T H I EL K ER

infolge der Corona-Pandemie in den kommenden Jahren zunehmen?«

61
Coronakrise

die Jugendarbeitslosigkeit in die Höhe


schnellt, wenn die Politik nicht rechtzeitig
* Branchen Bergbau, Chemie
reagiert: Junge Menschen in Spanien, Grie-
und Energie; Umfrage der
IG BCE unter 175 Betrieben chenland oder Italien kämpfen bis heute
mit einem Arbeitsmarkt, der ihnen nichts
bieten kann.
Durch Corona ist dieses Problem auch
in Deutschland akut. Zwischen Januar und
Mai wurden bei den Handwerkskammern
18,3 Prozent weniger Ausbildungsverträge
eingetragen als im Vorjahr. Ein Viertel der
19 % Betriebe gab in einer Umfrage des Zentral-
wurden
verbands des Deutschen Handwerks an,
bezahlt freigestellt.
in diesem Herbst weniger Auszubildende
einstellen zu wollen. Weil Praktika oder
85 % Jobmessen in den vergangenen Monaten

ST UART F R A N K L I N / GET T Y IMAGES


flachfielen, wissen viele angehende Azubis
5% noch immer nicht, wo sie ab Spätsommer
Anteil der Auszubildenden, die in den befragten sind im Pflichturlaub unterkommen sollen.
Betrieben* von Corona-Maßnahmen betroffen sind oder in Kurzarbeit. Die Politik will die Generation Corona
nun unterstützen: Unternehmen mit we-
niger als 250 Beschäftigten, die keine Lehr-
stellen abbauen, sollen 2000 Euro pro neu-
em Ausbildungsvertrag bekommen. Wird
die Zahl der Plätze erhöht, steigt die Prä-
ausweichen. Selbstständige und Freiberuf- im März absolviert, bevor die Pandemie mie auf 3000 Euro. Ob das ausreicht, Be-
ler erhalten kein Kurzarbeitergeld. Eine ihre Karrierepläne in Gefahr brachte. Sie triebe zu motivieren?
Kluft öffnet sich zwischen öffentlichem ist stolz auf die Ergebnisse, selbst wenn In der Wirtschaftskrise haben sich die
und privatem Sektor. Künstler an staatli- sie ihr derzeit kaum etwas bringen. Risikogruppen vertauscht. Ältere Arbeit-
chen Bühnen beziehen Kurzarbeitergeld – Borytzka möchte Tierarzthelferin wer- nehmer konnten sich über Jahre finanziel-
Freischaffende fallen durchs Raster. Beam- den: »Ich habe mich auf zwölf Ausbil- le Polster aufbauen, haben eher unbefris-
te haben keine Einbußen – Soloselbststän- dungsplätze und Praktika beworben, bei tete Verträge oder verabschieden sich viel-
dige rutschen rasch in Hartz IV ab. vieren hatte ich ein persönliches Vorstel- leicht vorzeitig in Rente. Jüngere sind oft
Ökonom Felbermayr rät deshalb, die lungsgespräch«, sagt sie. Aber alle hätten die Ersten, die ihre Jobs verlieren. Die Jun-
Beamten und Angestellten im öffentlichen bisher abgesagt oder sich erst gar nicht zu- gen sind es auch, die jene 219 Milliarden
Dienst an der Zeche zu beteiligen. Bund, rückgemeldet. Euro, die der Bund in diesem Jahr an
Länder und Kommunen könnten über die Es sind die 20- bis 30-Jährigen, die Be- Schulden aufnehmen will, später bedienen
nächsten Jahre die Gehaltssteigerungen rufseinsteiger, die am stärksten unter den müssen. Wie sie einmal auf das Land bli-
jeweils um einen bestimmten Prozentsatz Folgen der Pandemie leiden könnten. Die cken werden, hängt auch davon ab, wie
geringer ausfallen lassen, um einen Aus- Finanz- und Staatsschuldenkrise hat zwi- der Staat jetzt mit ihnen umgeht.
gleich zu den Einkommenseinbußen der schen 2008 und 2012 gezeigt, wie schnell
Arbeiter und Angestellten zu schaffen.
Am anfälligsten sind alle, die keine fi- Die Sparer
nanziellen Rücklagen haben – immerhin Als der Deutsche Aktienindex am 18. März
knapp ein Viertel der Bevölkerung. Der auf 8442 Punkte rutschte, ging Peter Härle
Sachverständigenrat für Verbraucherfra- volles Risiko. »Nur einen kleinen Not-
gen hat untersucht, wie sich die Krise auf groschen habe ich noch behalten«, sagt der
diese Haushalte auswirkt. Maßstab für die Computerexperte am Telefon. Es war eine
Rechnung ist die sogenannte Wohnkosten- Premiere für den 35-Jährigen. Die hohen
belastungsquote, also jener Anteil am Ein- Kurse hatten ihn immer wieder davon ab-
kommen, der für Mieten und Nebenkosten gehalten, sein Erspartes in Aktien zu inves-
ausgegeben wird. Steigt er auf über 40 Pro- tieren. Doch als das Virus die Aktienwerte
zent, gilt ein Haushalt als überlastet. Bei auf den tiefsten Stand seit mehr als sechs
Haushalten ohne Rücklagen wird diese Jahren krachen ließ, wusste Härle: »Jetzt
Grenze bereits überschritten, wenn 200 muss ich einsteigen.«
Euro im Monat fehlen. Und das sind viele. In den Tagen darauf kratzte er fast sein
Im Mittel verdienten Arbeitnehmer in den gesamtes Erspartes zusammen, knapp
JOHANNES ARLT/ DER SPIEGEL

vergangenen Monaten 400 Euro weniger. 20 000 Euro, und investierte in drei
Technologieaktien. Er habe das hohe Risi-
ko auch deshalb eingehen können, weil er
Die Jungen als Hardwareentwickler bei einem Anbie-
Viviane Borytzka ist eine Frau mit vielen ter von Verkehrsleitsystemen gut verdient.
Stärken. Sie ist lern- und leistungsbereit Härle hatte Glück. Seit seinem Einstieg
und weiß, wie man auf Kunden richtig zu- hat der Dax knapp 40 Prozent gewonnen,
geht. So steht es auf Seite zwölf ihrer Be- Andrea Anneser, 49, Projektmanagerin, seine Aktien entwickelten sich noch etwas
werbungsmappe, es ist das Ergebnis eines wurde wegen Corona nach besser. Mit seinem Börsencoup ist Härle
Berufseignungstests. Borytzka, 24, hat ihn der Probezeit nicht übernommen. in Deutschland ein Exot. Bei vielen Bezie-

62 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


hern mittlerer bis niedriger Einkommen
gelten Aktien immer noch als Spielzeug
für Zocker und Sparguthaben als bessere
Geldanlage. Auch deshalb ist die Schere
bei den Vermögen in den vergangenen
11 %
20 Jahren immer weiter aufgegangen.
Die Krise lege gnadenlos Fehlentwick- 31 %
lungen bei der Altersvorsorge offen, sagt der Haushalte mit einem
Markus Grabka vom Deutschen Institut monatlichen Nettoeinkommen
für Wirtschaftsforschung (DIW). Seit Jahr- von weniger als 2500 € sparen
zehnten betreut er das »Sozio-oekono- in der Coronakrise weniger,
mische Panel«; die regelmäßige Befragung nichts mehr oder müssen
von 16 000 Haushalten erfasst präzise sogar ihre Ersparnisse
die Daten zur Lebenswirklichkeit der aufbrauchen.
Deutschen.
Eigentlich sind die Deutschen schwer- Anteil bei den
reich. 6,6 Billionen Euro Geldvermögen Haushalten mit einem
häuften sie bis Ende 2019 an. Doch ihr Nettoeinkommen von

MARC-STEFFEN UNGER
Geld ist so schlecht angelegt und ungleich mehr als 2500 €
verteilt wie kaum sonst irgendwo in
Quelle: Kantar-Umfrage für die Postbank, Ende April 2020
Europa. Die unteren 50 Prozent der Bun-
desbürger besitzen nach Angaben des In-
stituts für Sozioökonomie der Uni Duis-
burg-Essen selten mehr als ein Auto und
bestenfalls noch eine Lebensversicherung;
in den eigenen vier Wänden leben nur acht In den Zahlen steckt sozialpolitisches erledigen. Ihr Mann war als Monteur für
Prozent. Der Rest vom Minivermögen, Dynamit. Wenn sich die Vermögenden in eine Fertighausfirma unterwegs.
das beim unteren Viertel nur maximal der Krise endgültig vom Rest der Bevöl- Vor ähnlichen Problemen standen Mil-
6200 Euro beträgt, liegt meist auf dem kerung entkoppeln, wenn die Mittelschicht lionen Eltern, als Mitte März die Schulen
Sparbuch – wo es seit Jahren praktisch kei- dünner wird und Altersarmut zum Regel- und Kitas schlossen. Auch für die Wirt-
ne Zinsen abwirft. Aktien oder Fonds- fall – dann zerbröseln die Voraussetzun- schaft war und ist das ein Problem: Rund
anteile halten diese Menschen so gut wie gen, auf denen der soziale Friede ruht. ein Viertel aller Arbeitnehmer hat Kinder
nie, und so werden sie nicht davon profi- Um zu verhindern, dass Bürger mit ge- im betreuungsbedürftigen Alter. Bei einer
tieren, wenn die Börsen dank anhaltender ringem Einkommen in die Altersarmut ab- Umfrage der Industrie- und Handelskam-
Niedrigzinsen trotz Krise weiter zulegen. rutschen, fordert Grabka, die staatliche mer Berlin unter knapp 500 Mitglieds-
Am oberen Ende der Skala ist die Welt Förderung der privaten Altersvorsorge unternehmen klagten Anfang Juni 76 Pro-
eine andere. 15 Prozent der Deutschen be- von Grund auf zu reformieren. »Wann, zent über die verminderte Arbeitsleistung
sitzen Aktien oder Aktienfonds – sie ge- wenn nicht jetzt, in der Coronakrise, will ihrer Angestellten infolge der Schließun-
hören überwiegend zu den reichsten 20 die Politik eine Alternative zu der geschei- gen, 67 Prozent bemängelten Schwierig-
Prozent der Bevölkerung. Dieses Fünftel terten Riester-Rente entwickeln?« keiten bei der verlässlichen Planung, und
lebt in den eigenen vier Wänden und er- Der DIW-Forscher plädiert für einen 63 Prozent gaben an, dass Mitarbeiter auf-
zielt nicht selten Einnahmen aus der Ver- Deutschlandfonds, in den alle Erwerbs- grund der Mehrbelastung an ihre gesund-
mietung weiterer Immobilien. tätigen einzahlen. Für Bürger, die nicht heitlichen Grenzen stießen.
Grabka sieht ein gewaltiges Problem auf oder nur wenig selbst sparen können, wür- Doch die Politik bot wenig auf, um Fa-
die Deutschen zurollen. Die gesetzliche de der Staat Zuschüsse bereithalten. Ein milien zu helfen. Mitte Mai wurde eine Re-
Rente werde für viele nicht reichen, die solcher Fonds mit einem erheblichen Ak- gelung aus dem Infektionsschutzgesetz
betriebliche und private Altersvorsorge tienanteil könne langfristig sechs bis sieben ausgeweitet: Der Staat zahlt Eltern, die
werfe wegen der niedrigen Zinsen immer Prozent erwirtschaften. Die Schweden, bei pandemiebedingt auf ihre Kinder aufpas-
weniger ab. Corona verschärfe das Pro- denen jeder Arbeitnehmer verpflichtet ist, sen und daher nicht arbeiten können, für
blem: »Der politische und ökonomische in einen derartigen Fonds einzuzahlen, je zehn Wochen pro Elternteil 67 Prozent
Druck auf die EZB ist groß, die Zinsen auf machen es vor. Das Risiko wäre auch in des Gehalts, vier Wochen länger als zuvor.
Jahre hinaus sehr niedrig zu lassen.« Deutschland überschaubar, weil ein Staats- Diese Regelung kam für Anke Kraatz
Und die Verlierer trifft es doppelt. Viele fonds seine Anlagen breit streuen kann. jedoch nicht infrage. »Mein Chef hat so-
Geringverdiener, die wegen der Krise in fort abgewinkt, als er davon gehört hat.
Kurzarbeit oder ohne Job sind, müssen Das hätte er sich gar nicht leisten können«,
etwa ihre Riester- oder andere Vorsorge- Die Familien sagt sie. Jeder Mitarbeiter werde ge-
verträge ruhen lassen, da ihnen das Ein- Familie Kraatz aus Brandenburg hat Wo- braucht. Kraatz versuchte daher, für ihren
kommen fehlt, um die Prämien zu zahlen. chen der Unsicherheit hinter sich. Nicht Sohn einen Platz in der Notbetreuung zu
Und wer in guten Jahren Geld in Aktien etwa, weil die Wirtschaft eingebrochen ist. bekommen. Ihr Antrag wurde abgelehnt,
angelegt hat, nun aber seinen Job verliert Sondern, weil ihr sechsjähriger Sohn für weil weder Kraatz noch ihr Mann in der
oder sein Geschäft aufgeben musste, sieht mehr als zwei Monate nicht mehr in die »kritischen Infrastruktur« tätig seien, wie
sich schnell gezwungen, seine Reserven Kita gehen konnte. Anke Kraatz und ihr der Landkreis Oberhavel erklärte. Als
anzugreifen und die Aktien zu verkaufen. Mann mussten weiter normal zur Arbeit Kraatz bei einer »Notfallhotline« protes-
»Von der Realisierung solcher Verluste fahren. In der Tischlerei, in der sie als Bü- tierte, hätten ihr Mitarbeiter des Landkrei-
dürfte eher die untere Mittelschicht betrof- rokraft arbeitet, »hatten wir nach wie vor ses gesagt, wenn es nicht mehr gehe, müsse
fen sein«, sagt Grabka. Die Vermögenden Arbeit bis zum Stehkragen«, sagt Kraatz, sie eben aufhören zu arbeiten und Hartz
säßen Rückschläge an den Börsen aus. ihren Job kann sie nicht von zu Hause aus IV beantragen. »Ich habe echt angefangen

63
Coronakrise

Die beiden wirken entschlossen und macht-


los zugleich. Die Messe-, Ausstellungs- und
Civey-Umfrage Kongresswirtschaft erzielt laut Ifo-Institut

40 %
für den SPIEGEL
vom 11. bis 29. Juni;
jährlich acht Milliarden Euro Umsatz, etwa
10 006 Befragte 60 Prozent der global führenden Messen
finden hierzulande statt. Die Absage von
mehr als 110 Messen gefährdet nach Zahlen

29 %
des Ausstellungs- und Messe-Ausschusses
der Deutschen Wirtschaft in diesem Jahr
etwa 92 000 Arbeitsplätze – und etliche
kleine Firmen wie Expoworks.
Im März brach sämtliches Geschäft weg,
im April reifte bei Knieriem senior die Er-
kenntnis, dass dies bis Jahresende so blei-
ben würde. Mehr noch: »Das Geschäfts-

CHRISTO P H SO E DE R / P I CT URE AL L I AN C E
Haushalte Haushalte modell Messebauer steht auf der Kippe.«
mit Kindern ohne Kinder Knieriem hat für seine sechs Mitarbeiter
Kurzarbeit angemeldet, 10 000 Euro Di-
Anteil der Befragten, die die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie rekthilfe bekommen und sein Geschäfts-
auf ihre Einkommenssituation dieses Jahr negativ bewerten modell neu erfunden. Expoworks bietet
jetzt Komplettlösungen für Unternehmen,
die Corona-Hygienevorschriften einhalten
müssen. Eine Schleuse, eine App zur Be-
suchersteuerung, Beratung und Schulung.
Knieriem und Sohn haben ihr Angebot an
zu heulen, als ich das gehört habe«, sagt Eltern jetzt erhalten. »Das finde ich eine Krankenhäuser geschickt, an öffentliche
Kraatz. »Wer hält denn hier die Wirtschaft relativ fantasielose Antwort«, sagt Spieß, Einrichtungen, Kongressveranstalter, Un-
am Laufen, wenn nicht wir?« »und in der Relation ist es viel zu wenig.« ternehmen. Interesse ist da, aber Aufträge
Mittlerweile kann Kraatz etwas auf- bleiben aus, für die Firma geht es um die
atmen: Seit 15. Juni laufen die Kitas in Existenz. Knieriem scheut sich, einen Kre-
Brandenburg und anderen Bundesländern Die Unternehmer dit aufzunehmen, weil er keine Planungs-
wieder im Normalbetrieb. Im August, Noch vor einem halben Jahr wähnte sich sicherheit hat und nicht weiß, ob er ihn je
wenn ihr Sohn eingeschult wird, soll auch Olaf Knieriem auf bestem Wege in eine wird zurückzahlen können. »Im Messebau
der Unterricht wieder regulär stattfinden. erfolgreiche Zukunft. Mit seinem Planungs- fliegen die Brocken, auch größere Anbie-
Sofern die Infektionszahlen nicht wieder büro für Messebau, Expoworks, hatte er ter ringen um die Existenz«, sagt er.
in die Höhe schnellen. Jahr für Jahr zwei Millionen Euro Umsatz Auch in anderen Branchen verlieren
Es sind vor allem Mütter wie Kraatz, gemacht; für 2020 waren die Auftrags- Selbstständige und Kleinunternehmer ih-
die dann einspringen. Eine Onlineumfrage bücher voll. Dann kam Corona. Knieriem ren Optimismus – Gastronomen, Kinobe-
des Wirtschafts- und Sozialwissenschaft- sitzt mit seinem Sohn Daniel im Dach- treiber, Reisebüroinhaber, Fachhändler,
lichen Instituts der gewerkschaftsnahen geschossbüro eines Mehrzweckhauses in Friseure. In einer Erhebung des DIW im
Hans-Böckler-Stiftung unter 7700 Teilneh- Knüllwald-Remsfeld, südlich von Kassel. Rahmen des »Sozio-oekonomischen Pa-
mern ergab schon am Anfang der Krise, nels« geben etwa 60 Prozent der Selbst-
dass 27 Prozent der Mütter wegen der ständigen an, Einkommensverluste erlitten
Schließung von Kitas und Schulen ihre zu haben, im Schnitt mehr als 1200 Euro
Arbeitszeit reduzierten. Bei den Vätern im Monat. Bei fast der Hälfte reicht das
waren es nur 16 Prozent. Geld, um ihren Betrieb aufrechtzuerhal-
Ökonomische Nachteile drohen auch ten, nur noch für maximal drei Monate.
den betroffenen Kindern. »Bereits bei Un- Das kann dauerhaft fatale Folgen für
terbrechungen von wenigen Wochen« in- das Unternehmertum im Land haben. Die
folge der Pandemie seien »langfristige Deutschen sind traditionell weniger risiko-
negative gesamtwirtschaftliche Effekte« bereit als andere; allerdings waren sie in
zu erwarten, warnt eine Gruppe von Bil- den vergangenen Jahren etwas mutiger ge-
dungsforschern in dem Aufruf »Bildung worden. »Die zuletzt positive Einstellung
ermöglichen«. in Deutschland zu Gründungen und Selbst-
Um sinnvollen Unterricht im Fall einer ständigkeit« drohe »Schaden zu nehmen«,
zweiten und dritten Corona-Welle zu er- warnt das DIW, auch weil die Selbststän-
GORDON WELTERS/ DER SPIEGEL

möglichen, müsse jetzt Geld investiert wer- digen sich vom Staat weniger unterstützt
den, sagt Christa Katharina Spieß, Bil- fühlten als abhängig Beschäftigte.
dungsexpertin beim DIW. Die in Aussicht gestellten 50 Milliarden
Doch in den bisherigen Krisenprogram- Euro an Direkthilfen für Soloselbstständi-
men spielen Bildung und Kinderbetreuung ge und kleine Firmen helfen nur bedingt.
kaum eine Rolle. Das 130-Milliarden-Euro- Sie gleichen Betriebskosten aus, nicht aber
Konjunkturpaket des Bundes sieht gerade entgangenen Unternehmerlohn. Viele Be-
drei Milliarden Euro für den Ausbau von triebe müssen zudem befürchten, das frü-
Schulen und Kitas vor. Weitere 4,3 Mil- Anke Kraatz, 39, Bürokraft und Mutter, here Umsatzniveau nicht wieder zu errei-
liarden sind für einen »Bonus« von ein- bekam bei einer Hotline zu hören, im chen, weil sie wie die Knieriems weiterhin
malig 300 Euro pro Kind vorgesehen, den Notfall solle sie aufhören zu arbeiten. nur mit Einschränkungen arbeiten können.

64 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


Das ist umso dramatischer, als sich
durch die Pandemie die Digitalisierung be-
schleunigt. Wer jetzt nicht investieren
kann, bleibt auf der Strecke. »Es wird vom
zweiten Halbjahr an einen starken Anstieg
der Insolvenzen geben, und zwar vor al- Civey-Umfrage
lem unter kleinen und mittleren Unterneh- für den SPIEGEL

men«, sagt Achim Wambach, Vorsitzender


der Monopolkommission. Wettbewerb
36 % vom 11. bis 29. Juni;
10 009 Befragte

und Innovationsdruck gingen verloren, die


Pandemie verstärke die Marktmacht von
Amazon, Google und Co.
Die Regierungen verzerren den Wett-
bewerb in der Krise zusätzlich. Für Politi-
ker ist es attraktiver, etablierte Firmen zu
unterstützen, bei denen sie wissen, wie
viele Arbeitsplätze sie retten.

CL E ME N S B IL AN / DDP I MAGE S
Als Opfer der Corona-Politik sieht sich Anteil der Arbeitnehmer, die davon ausgehen, dass
André Schwämmlein, Mitgründer des Fern- sich die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie negativ
bus- und Regionalbahnbetreibers FlixMo- auf ihre Einkommenssituation in diesem Jahr auswirken
bility. Die Firma ist der Start-up-Phase zwar
entwachsen, doch Corona hat den Aufstei-
ger aus München nicht nur vorübergehend
nahezu lahmgelegt, sondern auch im Wett-
bewerb mit der Deutschen Bahn zurückge-
worfen. Mit bis zu 6,7 Milliarden Euro will sechs Monate. Große Unternehmen würden Idee. »Ausgerechnet Unternehmer, die ja
der Staat die Bahn unterstützen, um Coro- den Vorteil ohnehin nicht komplett weiter- besonders unter den Folgen der Pandemie
na-Schäden auszugleichen. Die sind enorm, geben und am Ende mehr davon haben als gelitten haben, nun mit einer solchen Steu-
weil die Deutsche Bahn während der ge- kleinere Firmen. Die Bundesregierung hätte er oder Abgabe zur Finanzierung heran-
samten Krise den Betrieb weitestgehend stattdessen mehr Direkthilfen für kleine Un- zuziehen, unabhängig von den erzielten
aufrechterhalten hat. Für den Wettbewerb ternehmen, Konsumgutscheine für Verbrau- Erträgen, ist ökonomisch fragwürdig«, sagt
ist das ein Problem. »Wir können unser An- cher oder einen Pandemiezuschlag auf klei- er. Das könne Arbeitsplätze kosten.
gebot nur vorsichtig hochfahren, weil wir ne Renten und Hartz IV beschließen sollen. So groß die Einigkeit der Politik bei den
als privatwirtschaftliches Unternehmen da- Groß gegen Klein; Arm gegen Reich. Rettungspaketen schien, so uneinig sind
rauf achten müssen, kostendeckend zu ar- Die Verteilungsgefechte sind eröffnet. sich die Lager, wer die Zeche zahlen soll.
beiten«, sagt Schwämmlein. Die Bahn kön- Die SPD-Co-Vorsitzende Saskia Esken Die Fronten verhärten sich, liberal gegen
ne ohne Rücksicht auf Verluste fahren, weil etwa ist für eine Vermögensteuer, um Mul- sozial, unternehmerfreundlich kontra ar-
der Staat zahle. Sie dränge so Konkurrenten timillionäre und Milliardäre an den Coro- beitnehmerfreundlich. Friedrich Merz, Kan-
aus dem Markt. na-Kosten zu beteiligen. Das könnte Wäh- didat für den CDU-Vorsitz, will nach der
lerstimmen bringen, ist aber nach Ansicht Krise alle staatlichen Leistungen überden-
von Verteilungsforscher Grabka keine gute ken. SPD-Mann Schmidt dagegen macht
Die Antwort der Politik sich dafür stark, den Mindestlohn deutlich
Wolfgang Schmidt ist so mächtig wie nie. anzuheben. »Diese Staatsverachtung und
Der Staatssekretär im Finanzministerium die Ideologie des Steuersenkens: Das sollte
ist die rechte Hand von Olaf Scholz, dem sich jetzt erledigt haben«, sagt er.
Mann, der bis zu 1,9 Billionen Euro an In dem Gefecht zwischen Linken und
Corona-Hilfen freigegeben hat. Schmidt Liberalen könnte eine Gruppe besonders
spürt, dass die Pandemie und die erzwun- leiden, auf die letztlich alles im Land auf-
gene Schockstarre der Wirtschaft etwas baut; die ökonomische Stärke, der soziale
verändern im Land. Dass sehr viel an der Zusammenhalt, der politische Friede – die
Frage hängt, wie gerecht die Kosten der Mittelschicht.
Krise verteilt werden. Ifo-Chef Fuest warnt , dass sie wegbricht,
In Phase eins hat die Bundesregierung weil die Pandemie den Strukturwandel ver-
mit ihren Milliardenpaketen geholfen, schärft. Er empfiehlt, mehr Geld für Bildung
einen Teil der Einkommensverluste auszu- auszugeben, um mehr Menschen bessere
gleichen und Firmen am Leben zu halten. Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verschaf-
Phase zwei haben Scholz und Wirtschafts- fen. Doch durch die Schulschließungen ver-
SVEN DÖRING/ DER SPIEGEL

minister Peter Altmaier mit dem Konjunk- liere eine wachsende Zahl von Menschen
turpaket Anfang Juni eingeleitet, das Ver- vor allem aus bildungsfernen Schichten den
braucher zum Konsum animieren soll. Die Anschluss. »Die Ungleichheit der Chancen
Debatte über die Lastenverteilung komme wächst«, so Fuest. »Das ist eine besonders
sicher, sagt Schmidt. »Jetzt sind wir aber bittere Form der Ungleichheit, und sie wird
noch mitten in der Krisenbewältigung.« bisher nicht hinreichend adressiert.«
Doch das ändert sich bereits. Die Linken- Tim Bartz, David Böcking, Markus Dettmer,
fraktionschefin Amira Mohamed Ali etwa Viviane Borytzka, 24, möchte Tierarzt- Martin Hesse, Henning Jauernig,
hält nicht viel von der 20 Milliarden Euro helferin werden, erhielt aber auf ihre Anton Rainer, Anne Seith
teuren Senkung der Mehrwertsteuer für Lehrstellenbewerbungen nur Absagen.

65
Wirecard-Zentrale in Aschheim,
Vorstände Marsalek um 2018, Ley, Braun 2010
Netzwerk der Gierigen

nungen durchsucht. Marsaleks Wohnung


hatten sie schon einen Tag nachdem Braun
sich gestellt hatte, gefilzt. Die Staatsan-
waltschaft äußert sich nicht zu dem Groß-
verfahren.
Die Ermittler vermuten, dass Braun und
seine Truppe schon in den Nullerjahren
begannen, Umsätze aufzublähen, und von

FRANK HOERMANN/ SVEN SIMON


Jahr zu Jahr ein immer größeres Rad dreh-
ten. Möglich war das anscheinend, weil
ein Netzwerk der Gierigen, die mitverdie-
nen wollten, den Konzern umgab.
Der mutmaßliche Plot blieb lange un-
bemerkt. Von seinen Fans in Banken,
Fonds und Medien wurde Wirecard zu
Deutschlands Antwort auf die Tech-Gigan-
ten des Silicon Valley hochgejazzt; heute
untersteht der Konzern nach einem rasan-
ten Niedergang dem Insolvenzverwalter
Michael Jaffé, der nun sichten muss, wie
viel Substanz in dem ehemaligen Dax-
Wunderkind steckt.

MICHAEL MALFER/ AGENCY PEOPLE IMAGE


Verschwunden ist nicht nur Marsalek.
Auch mindestens 1,9 Milliarden Euro, die
Wirecard als Cash-Polster für etwaige Zah-
lungsausfälle von Kunden in Asien in seiner
Bilanz ausgewiesen hatte, sind verpufft –
oder haben nie existiert. Wirtschaftsprüfer
von KPMG hatten das Milliardenloch Ende
April aufgedeckt und damit den Rivalen
EY in Bedrängnis gebracht. Der hatte jah-
relang Wirecards Bilanzen freigezeichnet,
ohne zu merken, dass der Konzern sein Ge-

Die Bande von Aschheim schäft offenbar mit Luftbuchungen aufge-


bläht hatte. Erst das Testat für 2019 verwei-
gerte EY. Weil deshalb Kredite zu platzen
drohten, musste Wirecard vorvergangene
Skandale Der flüchtige Ex-Vorstand Jan Marsalek gilt als Woche Insolvenz beantragen.
treibende Kraft hinter dem Bilanzschwindel bei Wirecard. Doch an Der Finanzplatz Deutschland bleibt ge-
rupft zurück. Die Aufsicht BaFin? Hat in
dem mutmaßlichen Milliardenbetrug verdienten viele mit. einer Mischung aus Inkompetenz und feh-
lender Zuständigkeit das Desaster ver-

S elbst engen Vertrauten verrät Jan


Marsalek in diesen Tagen nicht, wo
er sich aufhält. Wer derzeit mit dem
ehemaligen Wirecard-Manager chattet,
sich zu stellen: »Am Wochenende bin ich
wieder da.« An diesem Dienstag sollte er
vernommen werden. Doch dazu kam es
nie. Stattdessen wird immer klarer, dass
schlafen, nicht zum ersten Mal (siehe Gra-
fik). Ihr Chef Felix Hufeld kämpft um sei-
nen Job, das Finanzministerium als Dienst-
herr bastelt hektisch an einer Reform.
dem antwortet Marsalek zügig, bisweilen Marsalek, zusammen mit dem kurzzeitig Die Prüfer von EY? Konnten oder woll-
ironisch; manchmal schickt er ein Smiley inhaftierten Ex-Chef Markus Braun, im ten den mutmaßlichen Betrug lange nicht
mit Tränen. Doch von welchem Land oder Zentrum des womöglich größten Betrugs- sehen. Dabei war EY, welche Ironie, 2008
auch nur Kontinent aus er seine Botschaf- falls der deutschen Börsengeschichte steht. von Wirecard als Sondergutachter ange-
ten sendet, bleibt ein Rätsel. Die Anwälte der beiden äußern sich unter heuert worden, um schon damals kursie-
Sind es die Philippinen? Ist es China? Verweis auf die laufenden Ermittlungen rende Betrugsvorwürfe aufzuklären. Die
Der Mann mit dem Wiener Akzent und der nicht zu den Vorwürfen. Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger
Vorliebe für eng geschnittene Anzüge und Die Staatsanwaltschaft München I geht (SdK), die zu den frühen Kritikern gehörte,
schwarze AirPods bleibt unauffindbar. Sei- davon aus, dass rund um die beiden eine hat nun Strafanzeige gegen EY bei der
ne Wohnung im dritten Stock eines Miets- erhebliche Anzahl von Wirecard-Mana- Staatsanwaltschaft München I gestellt, we-
und Bürohauses am Isartor in München hat- gern und Externen an dem Bilanzschwin- gen »des Verdachts der Verletzung der Be-
te die Polizei zeitweise versiegelt. Seine del beteiligt war. Sie ermittelt gegen einen richtspflicht, der Beihilfe zum Kapitalan-
Freundin, die in der Modebranche arbeitet, größeren Personenkreis, weitere Namen lagebetrug, zum Kreditbetrug« und weite-
hat ihre Social-Media-Profile gelöscht. dürften bald auf die Aktendeckel kommen. rer Vergehen. Die SdK unterstellt Vorsatz,
Noch am Tag vor Wirecards Eingeständ- Am Mittwoch hatten die Ermittler mit EY sieht sich selbst als Betrugsopfer.
nis, zahlungsunfähig zu sein, hatte Marsa- großem Aufgebot die Wirecard-Zentrale Immer brisanter wird die Frage, wie
lek gegenüber Vertrauten angekündigt, in Aschheim sowie Privathäuser und -woh- Wirecard Investoren und Öffentlichkeit

66
Wirtschaft

jahrelang an der Nase herumführen konn- Wirecard konnte die Preisexplosion nie Euro verschwunden sein, die nun den
te. Zwar bedienen Firmen wie Wirecard erklären und deshalb auch den seit Lan- Skandal auffliegen ließen.
in Zeiten des digitalen Bezahlens einen gem kursierenden Verdacht nicht entkräf- An einige der Drittpartnerfirmen sollen
wachsenden Markt. Sie sorgen für die rei- ten, dass Marsalek und andere Wirecard- zudem Hunderte Millionen an Krediten von
bungslose Abwicklung von Bezahlvorgän- Leute hinter EMIF steckten und sich so Wirecard ausgehändigt worden sein, ohne
gen und sichern Händlern zu, einzusprin- bereichert haben. Beraten wurde Wirecard dass klar ist, zu welchem Zweck und wer
gen, falls ein Kunde ausfällt. Doch die Mar- auch bei diesem Deal von Stahl. Wer heute davon profitierte. Offen ist auch hier, ob
gen sind mickrig, das Geschäft lohnt sich auf der Website von Baker Tilly die Pres- das Geld tatsächlich floss oder es sich eben-
nur, wenn man technologisch spitze ist und semitteilungen zu den Übernahmen an- so um Luftbuchungen handelt wie bei den
sehr viele Kunden hat – oder nebenher klickt, liest: »Dieser Artikel ist nicht mehr Überweisungen auf die Treuhandkonten.
schmutzige Geschäfte macht. verfügbar.« Baker Tilly bestätigt, Wirecard Die Staatsanwaltschaft hat Rechtshilfe-
Braun und Marsalek scheinen in einer bei den Zukäufen beraten zu haben, äu- ersuchen in mehrere Ländern gestellt, um
Art Arbeitsteilung das eine suggeriert und ßert sich aber nicht detailliert. Konten auftreiben und einfrieren zu kön-
das andere getan zu haben. Während Dass sich ein Großteil des vermeint- nen. Ermittelt wird in Österreich, Singapur,
Braun die attraktive »Börsen-Story« vom lichen Wachstums, und wohl auch des Be- Mauritius, den Philippinen – die globale
wachsenden Zahlungsabwickler verkaufte, trugs, in Asien abspielte, hatte offenbar Dimension des Verfahrens ist gewaltig.
simulierte Marsalek dieses Wachstum mit Methode. Neben den zahllosen Übernah- In Deutschland beginnt derweil die Auf-
betrügerischen Mitteln, so der Verdacht. men installierte die Wirecard-Gang einen arbeitung des Aufsichtsversagens. Dabei
Sie durften dabei auf viele Helfer zählen. zweiten Teil ihres Systems gerade dort: das wird eines immer klarer: Für einen moder-
Herr über die mutmaßlich seit vielen Geschäft mit Drittpartnern, die angeblich nen, digital agierenden Zahlungsdienstleis-
Jahren schon falschen Bilanzen war bis in Märkten Zahlungen abwickelten, in de- ter wie Wirecard gibt es in Deutschland
Ende 2017 ein Mann, der bei der Aufar- nen Wirecard keine Lizenz hatte. Auf wo- kein funktionierendes Kontrollsystem.
beitung des Skandals bislang kaum eine möglich gefälschten Treuhandkonten für Obwohl Wirecard nach eigenen Anga-
Rolle spielte: Burkhard Ley. die Drittpartner sollen jene 1,9 Milliarden ben in einem Jahr Transaktionen von über
2006 stieß der Banker zu Wirecard. In hundert Milliarden Euro abwickelte, galt
den Neunzigerjahren hatte er bei dem spä- der Konzern in den Augen der Finanzauf-
ter untergegangenen Kölner Bankhaus Op- Überforderte Behörde? sicht nicht als Finanzholding. BaFin, Bun-
penheim gearbeitet, dann im Medienim- Finanzskandale, die die BaFin nicht desbank und Europäische Zentralbank,
perium Leo Kirchs, auch das ist passé. Ley oder erst spät aufgedeckt hat (Auswahl) die sich die Aufsicht teilen, stuften den
war spezialisiert darauf, Übernahmen zu Konzern auch nach nochmaliger Prüfung
orchestrieren und Wachstumsstrategien zu WestLB (2007) als Technologieunternehmen ein. Ob das
finanzieren. Darauf basierte Wirecards rechtlich nicht anders ging, ist unklar.
Aktienhändler der Bank verspeku-
vermeintliche Erfolgsgeschichte. Schon lieren sich. Schaden: rund Fest steht, dass so lediglich Wirecards
bald kaufte Ley für Wirecard zu erstaun- Banktochter direkt der Aufsicht der BaFin
lich hohen Preisen Firmen auf. Kritiker be- 600 Millionen Euro unterstand. Als der Verdacht aufkam, mit
haupten, er habe direkt profitiert, weil er der Bilanz des Gesamtkonzerns könne et-
zuvor selbst günstig bei den Unternehmen Hypo Real Estate (2008) was nicht stimmen, musste die BaFin die
eingestiegen sei. Ley will sich zu diesem Zusammenbruch der HRE, u. a. durch Aufklärung daher an die Deutsche Prüf-
und allen anderen Vorwürfen nicht äußern. hochriskante Immobiliengeschäfte; stelle für Rechnungslegung weiterreichen,
Die Kritik an der intransparenten Bilanz Schaden für den Steuerzahler einen privatrechtlich organisierten Verein.
wuchs schnell. Die SdK machte stutzig, mindestens Der hat bis heute kein Ergebnis vorgelegt.
dass Wirecard seine Geschäftsberichte von Auch hier ist strittig, ob BaFin-Chef Hufeld
einem fast unbekannten Bilanzprüfer abseg-
20 Milliarden Euro hätte eingreifen können und müssen.
nen ließ: der Firma Control5H, die später Ein Schlaglicht darauf, wie lückenhaft
in RP Richter umfirmierte. Selbst als Wire- S&K (2013) die Kontrolle über Wirecard war, zeigt das
card 2008 EY als Prüfer dazuholte – zuerst Schneeballsystem um Kapital- Hin und Her in der Frage der Geldwäsche-
als Sondergutachter, von 2009 an dauer- anlagen; geschätzter Schaden rund aufsicht. Vergangene Woche nannte die
haft – blieb RP Richter zunächst an Bord. 90 Millionen Euro BaFin auf Anfrage noch die Bezirksregie-
Die Bilanzen der Jahre 2009 und 2010 rung Niederbayern als Ansprechpartner –
signierten EY und RP Richter gemeinsam. bis diese sich Ende der Woche für nicht
Für RP testierte ein Mann die Wirecard- zuständig erklärte. Offenbar hat schlicht
Geschäftsberichte, der dem Konzern auch keine Behörde die Einhaltung der Geld-
Cum-Ex-Geschäfte/
später zu Diensten sein sollte: Frank Stahl. wäschevorschriften bei Wirecard geprüft.
Warburg (2016)
RP ging in dem Beratungsunternehmen Ob Marsalek je helfen wird, die Myste-
Baker Tilly auf, wo Stahl bis heute arbeitet. Cum-Ex-System nicht gezahlter rien aufzuklären, ist ungewiss; zu viel steht
Dort beriet er Wirecard bei Akquisitionen Kapitalertragsteuern; Steuerverluste für ihn, der mit internationalem Haftbefehl
in Asien und Südafrika und beim Kauf des für den Staat rund gesucht wird, auf dem Spiel. Vielleicht ver-
Prepaidkartengeschäfts der Citigroup. 12 Milliarden Euro liert sich seine Spur – auch wegen seiner
Inzwischen gelten viele dieser Deals als u. a. durch die Privatbank Skepsis gegenüber dem, was Wirecards
verdächtig. Vor allem der Zukauf des indi- M. M. Warburg: Hamburger Steuer- Geschäft ausmacht: mobiles Bezahlen.
behörden verlangen Steuernachzahlungen
schen Zahlungsabwicklers Hermes und an- in Höhe von knapp 170 Millionen Euro. »Um keine Kontobewegungsdaten zu
derer Teile der Great Indian Retail Group, hinterlassen«, sagt einer, der ihn eng be-
für die Wirecard rund 340 Millionen Euro gleitet hat, »zahlt Jan immer in bar. Er ver-
P & R (2018)
bezahlte – nur Wochen nachdem ein auf abscheut digitale Zahlungsmittel.«
Mauritius ansässiger Fonds namens EMIF Anlagebetrug mit Containerbeteili-
Tim Bartz, Martin Hesse,
1A die Firmen für nur etwa ein Neuntel gungen; Geschätzter Schaden rund
Nicola Naber, Anne Seith
der Summe erworben hatte. 2 Milliarden Euro
DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 67
Wirtschaft

Spiel ohne Grenzen


Landeschef Laschet hatte der FDP wäh-
rend der Koalitionsverhandlungen 2017
die Privatisierung landeseigener Betriebe
versprochen. Die Liberalen singen öffent-
Affären Die NRW-Regierung treibt die lich das Lied von weniger Staat, tatsäch-
lich aber vertritt die FDP ungeniert die In-
Privatisierung der Casino-Tochter Westspiel voran. teressen der Spielautomatenindustrie. In
Profitieren könnte ein Milliardär. Bundesländern, in denen sie mitregiert,
hat sie eine laxere Regulierung von Dad-
delbuden, Wetten und Onlinespiel gefor-
dert und die Privatisierung des Glücks-
spielmarkts vorangetrieben, teilweise so-
gar zur Bedingung für Koalitionsverträge
gemacht.
Die Beziehung zur Branche ist so innig,
dass sich Spitzenpolitiker wie Schatz-
meister Hermann Otto Solms, Ex-Minister
Philipp Rösler oder die Parteigrößen Wolf-
gang Kubicki und Christian Lindner gern
als Gastredner oder Besucher bei Veran-
staltungen der privaten Glücksspielindus-
trie sehen lassen. Der Verband der Deut-
schen Automatenwirtschaft unterstützte
jahrelang den Bundesparteitag der FDP
mit einem Infostand, für den er gut bezahl-
te. Die Zockerlobby, allen voran der in
NRW ansässige milliardenschwere Unter-

DANIEL PILAR/ LAIF


nehmer Paul Gauselmann, bedankt sich
artig mit Spenden und allerlei sonstigen
Annehmlichkeiten. Gauselmann legt Wert
auf die Feststellung, dass dies nicht gegen
Unternehmer Gauselmann: Bestens verdrahtet Recht und Gesetz verstoße und er auch
andere Parteien bedacht habe.

D
In NRW wetterte vor allem der FDP-
onnerstag, 28. Mai, kurz nach FDP das umstrittene Vorhaben durchs Par- Abgeordnete Ralf Witzel gegen die chro-
19 Uhr. Auf der Bank der Regie- lament. Gegen den Rat vieler Experten. nisch defizitäre Westspiel. Witzel enthüll-
rungskoalition im fast menschen- Und, wie Recherchen zeigen, mithilfe krea- te ihre Skandale und wiederholte das libe-
leeren Plenarsaal des Düsseldor- tiver Buchführung, wie man sie sonst nur rale Credo: »Der Staat ist nicht der bessere
fer Landtages heben ein paar Abgeordnete von Großkonzernen kennt. Mögliche Ge- Croupier.« Um den Verkauf durchzuset-
müde die Hand. Der Landtagspräsident winne wurden nicht ausgewiesen, wodurch zen, zeichnete er bis vor Kurzem ein Bild
verkündet: Der Gesetzentwurf der Lan- Abgaben in Millionenhöhe eingespart wur- der Westspiel als »Zeitbombe für den Steu-
desregierung »Drucksache 17/8769« ist in den. Das sollte das Unternehmen sicherer erzahler« – und verschwieg dabei, dass
zweiter Lesung angenommen. und für potenzielle Investoren wohl attrak- die Firma zuletzt wieder ordentlich Ge-
Es ist das glanzlose Ende einer glamou- tiver machen. Dem Landeshaushalt entge- winn abwarf. Nach, zugegeben, Jahren des
rösen Ära. Das neue Spielbankgesetz be- hen durch die Bilanzakrobatik des eigenen Darbens und des Missmanagements.
siegelt den Verkauf der einst illustren Ca- Betriebs Einnahmen in Millionenhöhe. Ende der Siebzigerjahre hatte die junge
sinos wie Aachen, Bad Oeynhausen und Und das in einer Zeit, in der jeder Euro für Westspiel in NRW ihre ersten Casinos er-
Hohensyburg. Nach mehr als 30 Jahren die Bewältigung der größten Wirtschafts- öffnet. Es waren Glitzertempel wie im
in Landesbesitz sollen die Casinos, in de- krise der Nachkriegszeit benötigt wird? Aachener Kurgarten, in Dortmund an der
nen Sammy Davis, Jr. auftrat und Udo Lin- Hohensyburg oder in der Kurstadt Bad
denberg zu Gast war, wo livrierte Pagen Oeynhausen. Gesellschaftlich anerkannte
die Porsches der Gäste einparkten und Amüsierbetriebe, in die man nur in Abend-
Croupiers verdienten wie Manager, an ei- Verkauf ohne Not garderobe eingelassen wurde, wo wertvol-
nen Privatinvestor verscherbelt werden. Erwartete Bruttospielerträge von le Kunst die Wände schmückte und Scham-
Eigentlich hätte es an diesem Tag im Westspiel NRW 2019 pus und Trinkgelder in Strömen flossen.
NRW-Landtag gar nicht um die Privatisie- Dass Spielsüchtige in dem gepflegten
rung der landeseigenen Westspiel gehen Ambiente Haus und Hof verzockten und
sollen. Wegen der Corona-Pandemie war dort Schwarzgeld gewaschen wurde, inte-
nur eine Notbesetzung vor Ort, um Hilfs-
pakete für Unternehmen zu schnüren, den
Zugang zu Supermärkten, Schulen und Ki-
114,9 Mio. € ressierte den Besitzer NRW damals noch
wenig. Das Land verdiente prächtig am
Glücksspiel. Von den Umsätzen der Casi-
tas zu klären, das öffentliche Leben zu re-
geln. Alles andere musste warten.
Doch die Landesregierung hatte es
+24,5% nos (Bruttospielertrag) wurden lange Zeit
bis zu 50 Prozent als Spielbankabgabe an
das Land abgeführt. 40 bis 60 Millionen
gegenüber 2018
merklich eilig. Mitten in der Krise peitschte Euro flossen auf diesem Weg jedes Jahr
die von Ministerpräsident Armin Laschet zuverlässig in die Kassen. Bleibt den Casi-
(CDU) geführte Koalition aus CDU und Quelle: Landesregierung NRW; Stand: August 2019 nos danach und nach Abzug der eigenen

68
Kosten noch ein Gewinn, wird der erneut
Programm
mit einer Abgabe von 75 Prozent belegt.
Das war in den vergangenen Jahren
kaum mehr der Fall. Lange waren die
Casinos Gelddruckmaschinen, doch schär-
fere Kontrollen dämmten den Einsatz von
Schwarzgeld ein, der Schutz suchtgefähr-
deter Spieler wurde ausgebaut. Neue For-
men des Glücksspiels im Internet und
Spielhallen sogen ihnen die Besucher ab.
Die Westspiel-Spielbanken – oft von
ausrangierten Managern der übergeordne-
ten Westdeutschen Landesbank (WestLB)

ADOBE STOCK/ CHUNGKING


gesteuert – reagierten ungeschickt. Um die
Umsätze zu steigern, wurden mehr Glücks-
spielautomaten aufgestellt, das klassische
Casinospiel zurückgefahren. Es gab an-
rüchige Herrenabende (»Aufreißen und
Abspritzen«) und Flatratepartys. Das Ni-
veau sank und mit ihm die Gewinne. West- Palastmuseum in Peking
spiel rutschte in die roten Zahlen. 2014
konnte sich das Unternehmen nur retten,
weil es in einer Auktion zwei Bilder des SAMSTAG, 4. 7., 21.45 – 22.40 UHR, ARTE SPIEGEL GESCHICHTE
Künstlers Andy Warhol verkaufte. MONTAG, 6. 7., 20.15 – 22.50 UHR, SKY
FDP-Mann Witzel sah seine Stunde ge- Algen – Ein unbekannter
kommen, um die lang schon diskutierte Rohstoff China – Der entfesselte Riese
Privatisierung in Angriff zu nehmen. Er Algen verschmutzen Strände und Seit seiner Ernennung zum Staats-
nahm sich die Eskapaden der Westspiel verpesten Gewässer. Doch was, präsidenten im Jahr 2013 hat
vor, brachte opulente Weihnachtsfeiern wenn sie zugleich Superstoff der Xi Jinping die Macht über die per-
ans Licht, Abfindungsregelungen, hohe Zukunft wären? Wenn sie Erdöl sonell stärkste Armee der Welt
Gehälter und fragwürdige Vorruhestands- ersetzen und eine Welt ohne Plastik und eine Wirtschaft, die das globale
programme auf Staatskosten. Die schlech- schaffen würden, Krankheiten Leben entscheidend prägt. China
te wirtschaftliche Lage der Casinos spielte heilen und die Welt ernähren könn- entwickelte sich zu einem streng
ihm in die Karten. ten? Die spannende Dokumentation kontrollierten Staat, in dem die
Zwar führte das Unternehmen auch zeigt, was Wissenschaftler und Loyalität gegenüber der Kommunisti-
zwischen 2015 und 2018 Abgaben in Höhe Forscher davon heute schon Wirk- schen Partei absolute Priorität hat.
von bis zu 50 Millionen Euro an das Land lichkeit werden lassen.
ab. Unterm Strich blieb danach jedoch oft
ein Minus. Daran, sagte Witzel, werde sich
wohl auch künftig kaum etwas ändern. SPIEGEL TV
Als SPD und Grüne 2017 die Mehrheit MONTAG, 6. 7., 23.25 – 0.00 UHR, RTL
verloren, machte die FDP die Privatisie-
rung öffentlicher Unternehmen zum Ge- Mit Sprengstoff in
genstand der Koalitionsvereinbarung. Be- drei Minuten
reits 2018 einigte sich das schwarz-gelbe 300 000 Euro ergaunern
SPIEGEL TV

Kabinett darauf, Westspiel zu verkaufen. Exklusive Doku über die rabiaten


Mit Georg Lucht wurde ein weiterer Ex- Methoden der Geldautomatenknacker
WestLB-Manager als Geschäftsführer in- Entnahme einer Algenprobe
stalliert, um den Verkaufsprozess zu lenken. Party trotz Corona
Mit dem vor wenigen Wochen ver- Ein Frontbericht
abschiedeten Spielbankgesetz lockert die
Laschet-Regierung die Glücksspielmög- SPIEGEL TV WISSEN Die Augen links
lichkeiten großzügig. Die Gewinnabgabe SAMSTAG, 4. 7., 23.25 – 0.05 UHR, SKY Im Osten Deutschlands demonstriert
wird von 75 auf 35 Prozent gesenkt, und und bei allen führenden Kabelnetzbetreibern die Freie Deutsche Jugend
auch die Spielbankabgabe kann für neue (FDJ) für Frieden und Sozialismus
Casinos auf 25 Prozent gesenkt werden. Benzin meets Kerosin
Potenzielle Käufer sollen außerdem zwei Mehr als tausend Oldtimer, Custom-
weitere Casinos an neuen Standorten er- Bikes und PS-starke Classic-
öffnen dürfen. Die Konzessionsdauer wird Cars tummeln sich einmal im
von 10 auf 15 Jahre verlängert – beste Jahr auf dem Wings & Wheels
Konditionen für einen neuen privaten Festival vor den Toren Hamburgs.
Besitzer. Das Highlight des Wochen-
Bei den Zugeständnissen, so die Frak- endes sind spektakuläre Flug-
tionsvorsitzende der NRW-Grünen, Mo- stunts. SPIEGEL TV Wissen
BAM

nika Düker, muss man sich fragen, wa- begleitet das Motorevent der
rum die Landesregierung auf Geld verzich- Extraklasse. Gesprengter Geldautomat
ten will. Auch Westspiel sei in der Lage,

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 69


Wirtschaft

mit den neuen Auflagen wirtschaftlich zu den üppigen Gewinn zu verbuddeln und fung führen. Ziel sei es, Wege zu finden,
arbeiten. die Firma sicher und attraktiv zu machen, diese Gewinnabschöpfung zu umgehen.
Schon beim Entwurf für das Gesetz hat- auch wenn dem Land Millionen entgehen. Westspiel, die NRW-Bank und das Land
te es Kritik gehagelt, nicht nur aus der Op- Das Vehikel: Die Pensionsverpflichtun- spielen den Vorgang herunter: Dort heißt
position, sondern auch von vielen Exper- gen der Westspiel. Sie waren in diversen es, die Transaktion diene dem Wohl der
ten. Die Genehmigung weiterer Standorte Konzernunternehmen nach klassischen Pensionäre, deren Altersvorsorge solle
und die Senkung der Gewinnabgabe för- Buchhaltungsregeln mit rund 51,8 Millio- damit »insolvenzfest« gemacht werden.
dere die Spielsucht, statt sie – wie gesetz- nen Euro bilanziert. Luft nach oben, wie Man habe zudem Befürchtungen gehabt,
lich vorgeschrieben – zu begrenzen, mo- die Wirtschaftsprüfer befanden. Sie ließen ein unseriöser Käufer könne bei der Aus-
nierten Suchtexperten. Der Schutz der die Pensionen nach dem aktuellen Zeit- schreibung zum Zuge kommen, die gut ge-
Spieler ist aus Sicht vieler Fachleute in wert taxieren. Die Verpflichtungen stiegen füllten Kassen bei Westspiel plündern und
staatlichen Betrieben besser umzusetzen dadurch auf 62,1 Millionen Euro. sich dann vom Acker machen, heißt es im
als in gewinnorientierten. Sebastian Fied- In weiteren Schritten, heißt es in den Umfeld der Wirtschaftsprüfer.
ler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter Papieren, sollte ein Schuldbeitritt erfolgen Doch wenn die Kassen so voll sind, wa-
warnte: Der Gesetzentwurf und die darin und Westspiel-Gesellschaften samt ihrer rum sagt das Land den Verkauf dann nicht
vorgesehene Liberalisierung des Glücks- Pensionsverpflichtungen zusammenge- ab? Warum die komplizierte Bilanzkon-
spielmarkts seien mit erheblichen Auswir- führt werden. Im Ergebnis entstünde da- struktion? Warum wurde die Sicherung
kungen für »Folgekriminalität und Geld- durch eine Zahlungsverpflichtung der West- der Pensionen nicht einfach zur Bedingung
wäscheprävention« verbunden. spiel in Höhe von 10,3 Millionen Euro. Der für einen künftigen Käufer gemacht?
All das kümmerte die Landesregierung Die Abgeordneten im Landtag erfuhren
wenig, sie will den Verkauf offenbar durch- von alldem nichts, als sie der Privatisie-
ziehen, komme, was wolle. Ärgerlich nur, rung zustimmten. Der Geschäftsbericht
dass zuletzt eines der zentralen Argumen- wird erst im August vorgelegt.
te wegzubrechen drohte: die vermeintlich Dass Westspiel üppige Mittel für einen
miesen Zahlen der Westspiel. künftigen Investor zum Nachteil der Sozial-
Im vergangenen Jahr stiegen die Um- kassen hortet, zeigt sich auch an anderer
sätze unerwartet. Schuld daran ist eine Stelle: Um Kosten zu sparen, schickte das
Ende 2018 bundesweit voll wirksam ge- Unternehmen seine Mitarbeiter während
wordene Verordnung zum Automaten- der Pandemie in Kurzarbeit. In einem Schrei-
spiel. Sie begrenzt Höchsteinsätze und ben vom 1. April an die Belegschaft räumt
Höchstgewinne an Spielautomaten in nor- die Geschäftsführung ein, man verfüge ei-
malen Spielhallen oder Kneipen. Außer- gentlich über »umfangreiche liquide Mit-
dem macht sie das Spielen durch Pausen tel«. Diese benötige man jedoch unter an-
und Verlangsamung unattraktiv für Profi- derem »in naher Zukunft für die notwendi-
MICHAEL ENGLERT

spieler. gen Investitionen für die beiden neuen Stand-


In Spielcasinos, in denen geschultes Per- orte«. Soll heißen: Die landeseigene Firma
sonal die Kundschaft überwacht und bei arbeitet auf dem Rücken ihrer Mitarbeiter
Verdacht sogar Hausverbote verteilt, gilt schon jetzt für den neuen Besitzer, denn
das nicht. Folglich kehrten viele professio- Spielcasino Duisburg nur er darf die neuen Standorte betreiben.
nelle Spieler aus den Daddelhallen zurück Rückkehr der Profizocker Beste Chancen auf den Erwerb werden
in die Kasinos. Umsätze und Gewinne der Gauselmann eingeräumt. Der 85-jährige
Westspiel kletterten sprunghaft an. Betrag, schreiben die Steuerexperten sei Firmenpatriarch, Marktführer bei Spiel-
Wie kräftig, zeigt eine dem SPIEGEL in »voller Höhe ergebnismindernd«. automaten und Daddelhallen, interessiert
vorliegende Berechnung einer angeheuer- Abrakadabra, die Gewinne sind ver- sich für die Casinos auch, weil immer mehr
ten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Da- schwunden. Westspiel kann die Summe Auflagen und Verordnungen seine in ganz
nach lag der Gewinn nach einem Minus als Zahlungsverpflichtung bilanzieren, ob- Deutschland verteilten Spielbuden unat-
von 1,2 Millionen Euro 2018 im vergange- wohl kein Cent geflossen ist. Potenzielle traktiver werden lassen. Die Gauselmann
nen Jahr bei rekordverdächtigen 12,1 Mil- Investoren freut das, weil damit das Risiko AG ist bundesweit bereits an zehn Spiel-
lionen Euro – und das nach Abzug der der Pensionslasten kalkulierbarer wird. banken beteiligt, der Westspiel-Deal wür-
Spielbankabgabe an das Land. Rund 5,6 Das Land guckt in die Röhre: Es müsse, de die Marktposition sichern.
Millionen Euro des Gewinns stammen aus schreiben die Wirtschaftsprüfer, auf rund Gauselmann ist mit dem Zockergeschäft
Kunstverkäufen, die anderen 6,5 Millio- neun Millionen Euro Abgabe verzichten. zu einem der reichsten Männer Nordrhein-
nen direkt aus dem Casinobetrieb. Nach Das war wohl auch die Absicht: In Westfalens geworden, mit einem geschätz-
internen Berechnungen der Wirtschafts- Protokollen interner Sitzungen, die dem ten Vermögen von 2,2 Milliarden Euro.
prüfer hätte das Land NRW damit zusätz- SPIEGEL vorliegen, hatte Westspiel-Chef Und wie viele Superreiche liebt er Steuer-
lich neun Millionen Euro Abgaben auf den Lucht keinen Hehl daraus gemacht, dass sparmodelle: 2015 hat er sein Unterneh-
Gewinn kassieren können. es gelte, den Profit zu senken. Der erwar- men in eine Stiftung überführt. Zum einen,
Doch die Freude über den Geldsegen tete Jahresüberschuss von nahezu 13 Mil- weil er nicht verhindern konnte, dass sein
hielt sich bei den Beteiligten offenbar in lionen Euro, soll er laut Protokoll gesagt ältester Sohn, der der Firma den Rücken
Grenzen. Satte Gewinne und hohe Liqui- haben, würde zu einer Gewinnabschöp- kehrte, sich auszahlen ließ. Und: »Wenn
dität, so die Befürchtung, könnten Begehr- ich das nicht gemacht hätte, wären 150 bis
lichkeiten eines unseriösen Käufers we- 200 Millionen Euro an Erbschaftsteuern
cken und die Sinnhaftigkeit des Verkaufs »Die Mittel benötigen fällig geworden«, erzählte er 2019 vergnügt
generell infrage stellen. Die Privatisierung wir in naher Zukunft für der Deutschen Presse-Agentur. Klingt nach
zu überdenken kam den Beteiligten selbst einem idealen Partner für Westspiel.
nicht in den Sinn. Ihr Bemühen, so berich-
die Investition in die Frank Dohmen, Michaela Schießl
ten Insider, richtete sich vielmehr darauf, beiden neuen Standorte.«
70 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020
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TOLLE IDEEN FÜR DEN SOMMER


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• blauen Wackelpudding • Papiertüte • Lego-Steine
• Glas-Auflaufform • Playmobil- • farbige Stifte • Papier • Stift
Figuren • Gummibärchen-Fische • Lego-Platte

1. Bereite den Wackelpudding nach


Packungsanleitung zu, leg 1. Male bunte Rechtecke auf eine
Papiertüte. 1. Suche 26 verschiedene kleine
Lego-Steine aus. Achte
Gummi-Fische in eine Glas-Auflauf- darauf, dass du mindestens fünf
form und gieß den Pudding hinein.
Achte darauf, dass die Glasform in 2. Geh nach draußen und suche
Gegenstände, die die passende
von jeder Sorte hast.

den Kühlschrank passt. Farbe haben. Wenn du etwas entdeckt


hast, leg es in deine Papiertüte. 2. Schneide Papierstreifen aus und
schreib das Alphabet auf.
2. Leg Playmobil-Figuren in
den Pool, lass sie planschen und
Wer findet als Erster zu jeder Farbe
einen passenden Gegenstand?
Sortiere zu jedem Buchstaben ein
Steinchen. Das ist dein Code.
vertilge den Pudding.

TIPP: Falls du keinen blauen Wackel- 3. Denk dir einen Satz aus, den du
mit den Lego-Steinen auf eine
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71
CHANDAN KHANNA/ AFP
Jacht in Fort Lauderdale, Florida

Jens Beckert ler der öffentlichen Schulen gelten als obdachlos. Die
Coronakrise ist ein Prisma, das diese Ungleichheit erkenn-
bar macht und weiter verschärft. Vor dem Virus sind alle

Nur vor dem Virus gleich, es macht keinen Unterschied zwischen Arm und
Reich. Doch die Wohlhabenden haben bessere Möglich-
keiten, sich zu informieren und vor den Krankheitser-

sind alle gleich


regern zu schützen, sie bekommen die bessere medizini-
sche Versorgung, und sie können die wirtschaftlichen
Folgen einer Pandemie besser verkraften. Dies gilt nicht
nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Europa
und überall sonst. Doch die USA beobachten sich wie
Essay Die Reichen flohen aus New York, die Armen kein zweites Land selbst, weshalb bereits jetzt eine Viel-
standen an den Suppenküchen an. Die Epidemie zahl von Daten verfügbar ist, die zeigen, welche Folgen
zeigt, wie gespalten die USA sind: sozial, ideologisch, die soziale Ungleichheit in der Epidemie hatte.
ökonomisch. Das Land braucht einen Neuanfang. Exodus
Ungleichheit prägte das Pandemiegeschehen in New York

N
schon, bevor es richtig losging. Ab Mitte März verließ
ew York war lange der Brennpunkt der Corona- rund jeder 20. Einwohner die Stadt, insgesamt ungefähr
krise in den USA. Mehr als 390 000 Menschen 420 000 Bürger. Dies zeigt die Auswertung von Standort-
infizierten sich bis Ende Juni im ganzen Bundes- daten von Mobiltelefonen. Doch wer verließ die Stadt?
staat, mehr als 25 000 starben an den Folgen. In den Bezirken mit durchschnittlichem oder geringem
Zwei Drittel des Geschehens konzentrierten sich auf die Einkommen gab es kaum Abwanderung. In den reichsten
Stadt New York mit ihren acht Millionen Einwohnern, Nachbarschaften, vor allem in Manhattan, verließen
die damit nur mit den am stärksten von der Pandemie hingegen bis zu 40 Prozent der Einwohner ihr Zuhause.
betroffenen Regionen in Norditalien und in Spanien ver- Je höher das durchschnittliche Einkommen in einer
gleichbar ist. In einigen Stadtteilen wird nach Antikörper- Nachbarschaft, desto stärker der Exodus. Auch andere
tests von einer Durchseuchungsrate von 40 Prozent der Indikatoren zeigen die mit der Abwanderung verbundene
Bevölkerung ausgegangen. Ungleichheit: In jenen Gebieten, in denen mindestens
New York ist eine Stadt extremer sozialer Gegensätze. 25 Prozent der Bevölkerung die Stadt verließen, wohnen zu
Fast hundert Milliardäre leben hier. Mehr als 100 000 Schü- 68 Prozent Weiße, die nur 28 Prozent der Stadtbevölke-

72 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


Coronakrise

rung insgesamt ausmachen. Häufig zogen sich die Corona- die Gesundheitserwägungen, als die Schulen geschlossen
Flüchtlinge in Zweitresidenzen auf dem Land zurück. wurden. Viele der privaten Schulen hatten aus eigener
Das führte in den traditionellen Sommerorten, etwa Initiative bereits zuvor geschlossen, weil sie die für öffent-
auf Long Island und in Neuengland, zu Hochbetrieb und liche Schulen relevanten Überlegungen nicht betreffen.
zur Befürchtung, dass die New Yorker das Virus in diese Bei Eltern, die Schulgebühren zwischen 20 000 und
Ortschaften mitbringen, ohne dass es dort die notwendige 60 000 Dollar jährlich bezahlen, konnte davon ausgegan-
medizinische Infrastruktur gäbe. Für die Edelflüchtlinge gen werden, dass sie Lösungen finden würden.
reduzierte der Rückzug aus der Stadt nicht nur die Anste- Von den öffentlichen Schulen wurden in jeder Nachbar-
ckungsgefahr, sondern er ermöglichte auch ein komfor- schaft einige als Suppenküchen offen gehalten. Dort wur-
tableres Leben. Social Distancing ist dort viel einfacher den für alle Schüler, ohne irgendwelche Nachweise, drei
praktizierbar als im engen New York. Ende Mai berichtete Mahlzeiten täglich ausgegeben. Seit dem 2. April können
die »New York Times«, dass sich in den Ferienorten alle New Yorker pro Tag kostenlos drei Mahlzeiten an
die Nachfrage nach privaten Pools vervielfacht habe. insgesamt 400 über das Stadtgebiet verteilten Ausgabe-
Die Kosten eines Pools liegen laut der Zeitung bei mindes- stellen abholen. Ende Mai wurde geschätzt, dass rund
tens 75 000 Dollar. 25 Prozent der New Yorker nicht über die Ressourcen
verfügen, sich hinreichend zu ernähren. Eine Studie des
Homeoffice versus »essential workers« Brookings Institute zeigt, dass hiervon insbesondere
Zweifellos: Viele der im Mai gezählten über 20 Millionen Haushalte mit Kindern betroffen sind. In den USA ins-
Arbeitslosen in den USA sind Büroangestellte. Doch für gesamt geben mehr als ein Drittel der Haushalte mit Kin-
diejenigen, die ihren Arbeitsplatz behielten und nun von dern an, nicht genug Geld für die Ernährung der Familie
zu Hause aus arbeiteten, stellte sich die Lebenssituation zu haben.
völlig anders dar, verglichen mit den »essential workers«,
die auch in der Krise unabdingbare Dienstleistungsfunk-
tionen erfüllen. Die waren auf dem Arbeitsweg und im Krank werden
Job einem erhöhten Ansteckungsrisiko ausgesetzt. Viren unterscheiden nicht zwischen den Wirten, die sie
Die Infektionszahlen in New York konzentrieren sich besiedeln. Dennoch sind die Armen und die Minderheiten
stark auf bestimmte Stadtteile, weil dort eben jenes in Relation zu ihrem Anteil an der Bevölkerung weit stär-
Servicepersonal lebt, häufig Migranten und Schwarze, ker von der Erkrankung betroffen als die Wohlhabenden.
das die Stadt auch in Zeiten des Lockdowns funktions- In Covid-19 spiegelt sich die Spaltung der amerikanischen
fähig hält. Die Zahl der Fahrgäste der New Yorker Gesellschaft entlang sozialer und ethnischer Trennlinien.
U-Bahn sank ab März um bis zu 87 Prozent – doch viel Die Demonstrationen seit Ende Mai – nach der Tötung
weniger in den Metrostationen in der Bronx, dem nörd- von George Floyd in Minneapolis durch Polizeigewalt –
lichen Teil Manhattans oder in Queens, wo jene Arbeiter sind nicht ohne die besondere gesundheitliche und
wohnen, die auf die U-Bahn für ihren Weg zur Arbeit wirtschaftliche Betroffenheit der Afroamerikaner in der
angewiesen sind. Die Analyse von Mobiltelefondaten Coronakrise zu verstehen.
zeigte für sämtliche Metropolengebiete der USA, dass in Im Bundesstaat Georgia etwa, wo knapp ein Drittel der
der zweiten Märzhälfte die Mobilität in Wohngebieten Bevölkerung Schwarze sind, stellen sie 83 Prozent der im
mit geringem Einkommensdurchschnitt weit weniger zu- Krankenhaus Behandelten und mehr als 50 Prozent der
rückging als in den Vierteln der Wohlhabenden. Toten. Auch in New York haben Schwarze eine doppelt so
hohe Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu sterben, wie
Schulen Weiße. New York City veröffentlicht Statistiken, die
Möglich wurde der Exodus aus New York auch durch die Erkrankung und Sterblichkeit infolge des Coronavirus
am 15. März verkündete Schließung der öffentlichen nach den Postleitzahlbezirken aufschlüsseln. In den wohl-
Schulen. Viele Arbeitnehmer und die Eltern von schul- habendsten Bezirken in Manhattan gab es quasi keine
pflichtigen Kindern wurden erst dadurch räumlich mobil. Toten. Die höchste Sterblichkeit zeigten Bezirke, die
Bürgermeister Bill de Blasio hatte mehrheitlich von Schwarzen und Latinos bewohnt wer-
sich lange gewehrt, das öffentliche den. Im Postleitzahlbezirk Tribeca (10007) im südlichen
Schulsystem zu schließen – aus guten Manhattan liegt das jährliche Median-Haushaltseinkom-
JÜRGEN BAUER/ ULLSTEIN BILD

Gründen. Über 1,1 Millionen Schüler men bei 247 000 Dollar. Dort steckte sich eine von
sind in dem System, dem größten der 133 Personen an. Im Postleitzahlbezirk Mott Haven and
USA. Ungefähr 700 000 von ihnen Port Morris in der Bronx (10454) liegt das Median-
leben an oder unter der Armutsgren- Haushaltseinkommen bei 21 000 Dollar. In diesem Gebiet
ze, mehr als 100 000 der Schüler steckte sich bis Mitte Juni einer von 33 Bewohnern an.
gelten als obdachlos. Das öffentliche Die Gründe hierfür liegen in den lange bestehenden
Schulsystem ist in New York ein strukturellen Ungleichheiten der amerikanischen Gesell-
strukturierender Faktor, weit über schaft. Schwarze, Latinos und andere Minderheiten
Beckert, 52, ist Wirtschafts- die Vermittlung von Lerninhalten haben weit überproportional Arbeitstätigkeiten in den
soziologe und Direktor des hinaus. Hunderttausende Schüler unabdingbaren Servicefunktionen. Sie sind Kranken-
Max-Planck-Instituts für erhalten bis zu drei kostenlose Mahl- helfer, Lieferboten oder Busfahrer. Während Schwarze
Gesellschaftsforschung in zeiten pro Tag in der Schule – die 12 Prozent der Erwerbstätigen in den USA ausmachen,
Köln. Er hat in den vergan- Schließung der Schulen würde ihre stellen sie rund 24 Prozent der Pflegekräfte.
genen neun Monaten als Versorgung gefährden. Ohne Schule Menschen dieser Gruppen haben außerdem häufiger
Theodor-Heuss-Gastprofes- würden jene Schüler, die in dys- keine Krankenversicherung, haben eher Vorerkran-
sor an der New School funktionalen und gewalttätigen Fa- kungen, leben unter üblen Bedingungen, und rassistische
for Social Research in New milien leben, weiteren Gefahren Vorurteile führen zu schlechterer medizinischer Behand-
York gelehrt. ausgesetzt. Letztendlich überwogen lung. So gab es schon Anfang April Anzeichen dafür, dass

73
Coronakrise

einem starken Anstieg der Armutsrate in den USA und


einem erheblichen Anstieg von Zwangsräumungen von
Wohnungen, wenn das derzeitige Moratorium für solche
Vollstreckungen beendet wird. Bereits im April hatte ein
Viertel der Haushalte Mietrückstände oder konnte die
Rate für seinen Immobilienkredit nicht mehr zahlen. Bei
den Betroffenen ist der Blick nach vorn ein Blick in den
Abgrund.
Öffnung
Anders als andere Wirtschaftskrisen ist diese nicht durch
einen Nachfrage- oder Investitionsrückgang ausgelöst,

TIMOTHY FADEK/ REDUX/ LAIF


sondern das Resultat politischer Entscheidungen, die auf
den Gesundheitsschutz zielten. Angesichts der Sekundär-
effekte dieser Entscheidungen – Massenarbeitslosigkeit,
Insolvenzen, Verarmung – ist es nicht verwunderlich,
dass schon zum Höhepunkt der ersten Welle der Pande-
mie im April enormer politischer Druck entstand, die Res-
New Yorker vor Lebensmittelausgabe: Blick in den Abgrund triktionen schnell wieder aufzuheben. Keine Gesellschaft
kann die Einstellung weiter Teile ihrer ökonomischen
Aktivität bei gleichzeitigem Aufblähen sozialstaatlicher
Schwarze bei gleicher Symptomatik eine geringere Chance Leistungen lange durchhalten.
hatten, auf das Coronavirus getestet zu werden. Auf der Anders als in Deutschland geschah die Wiederöffnung
anderen Seite gab es Berichte, dass die »rich and famous« in den USA jedoch nicht in einer Situation, in der die
uneingeschränkt Zugang zu Tests hatten, als diese noch Neuansteckungen drastisch zurückgegangen waren. Viele
kaum verfügbar waren. Die frühe Erkennung spielt eine Bundesstaaten lockerten im Mai 2020 die Restriktionen
entscheidende Rolle für den Krankheitsverlauf. oder hoben sie auf, obwohl sich die Ansteckungszahlen
erhöhten. Ende Juni erreichten sie dann neue tägliche
Soziale Sicherung Höchststände. Der führende Seuchenexperte der USA
Die Schließung weiter Teile der Wirtschaft hat in den USA und Berater der Regierung, Dr. Anthony Fauci, befürchtet
zu verheerender Arbeitslosigkeit geführt. Fast die Hälfte schon bald bis zu 100 000 Neuansteckungen pro Tag.
aller erwachsenen Amerikaner lebte im Mai 2020 in Trotz dieser erschreckenden Prognose werden die USA
einem Haushalt, der seit Anfang März Einkommen ver- sich kaum für eine erneute Schließung entscheiden –
loren hat. Auch bei der Arbeitslosigkeit zeigt sich die dafür fehlt die politische Legitimation in dem politisch
soziale Ungleichheit. Amerikaner mit einem Jahresein- hochgradig polarisierten Land. Ideologisch steht auf der
kommen von 50 000 Dollar oder weniger berichten dop- einen Seite eine politische Rechte, die nicht nur dem Sozial-
pelt so häufig, dass sie selbst oder ein Familienmitglied staat misstraut, sondern dem Staat insgesamt. Diese Leute
den Arbeitsplatz verloren haben, verglichen mit Amerika- lehnen zudem Vorschriften zur sozialen Distanzierung
nern mit einem Einkommen von über 150 000 Dollar. und das Tragen von Schutzmasken als unerträglichen Ein-
Für Latinos und Afroamerikaner gilt, dass sie, verglichen griff in individuelle Freiheitsrechte ab. Auf der anderen
mit weißen Amerikanern, in weit höherem Maß von Seite steht eine liberale Linke, die nicht nur die staatliche
der pandemiebedingten Arbeitslosigkeit betroffen sind. Fürsorgepflicht in der Pandemie hervorhebt, sondern die
Die ökonomische Hauptlast der Krise fällt auf Erwerbs- Gesundheitskrise auch als Chance sieht, die Rolle des
personen, die niedrig bezahlte und unsichere Jobs haben Staates und gesellschaftlicher Solidarität nach 40 Jahren
oder als illegale Migranten im Land leben. Leistungen aus marktliberaler Reformen wieder zu stärken.
der Arbeitslosenversicherung bekommen nur legal
Beschäftigte. Dies schließt rund acht Millionen Arbeiter Ein neuer New Deal?
aus, die ohne Papiere in den USA arbeiten. Die USA sind zutiefst gespalten. Aufzuhalten und umzu-
Die neue Massenarbeitslosigkeit hat gravierende Folgen, kehren wäre diese Spaltung wohl nur, wenn es zu einem
nicht zuletzt aufgrund des schlecht ausgebauten ame- neuen New Deal kommen würde, mit drastischen Eingrif-
rikanischen Sozialstaats, dem Kurzarbeit, ein zentraler fen in die Vermögens- und Einkommensverteilung, dem
Mechanismus zur Krisenbewältigung in Deutschland, Ausbau der sozialen Sicherungssysteme und einer radika-
weitgehend fehlt. Zwar wurden in dem Ende März ver- len Veränderung des Bildungssystems. Hinzukommen
abschiedeten Cares-Act die Regeln für den Bezug von müsste eine neue Bürgerrechtsgesetzgebung. Die Forde-
Arbeitslosengeld verändert, sodass es länger und mit höhe- rungen nach solchen Veränderungen gibt es. Sie bestan-
ren Beträgen gezahlt wird. Außerdem wurde mit Maß- den lange vor der Coronakrise.
nahmen wie dem »stimulus check« von bis zu 1200 Dollar Voraussetzung für Reformen wäre die Wahl eines ande-
für jeden erwachsenen Bürger der ökonomische Schock ren Präsidenten im Herbst mit einer neuen Mehrheit im
einmalig abgemildert. Senat. Joe Biden mag bürgerlichen Anstand in die US-Poli-
Ein Programm für kleinere Unternehmen sollte Entlas- tik zurückbringen. Als moderatem Demokraten traut ihm
sungen zumindest für eine gewisse Zeit vermeiden, indem jedoch niemand zu, Reformen im Stil von Franklin D. Roo-
der Lohn aus nicht rückzahlbaren Zuschüssen des Staates sevelt anzuleiten. Optimismus, dass es vielleicht doch
bezahlt werden konnte. Doch für die Haushalte, die ihr zu einem »FDR-Moment« kommt, kann sich am ehesten
Erwerbseinkommen ganz oder teilweise verloren haben, auf die historische Unvorhersehbarkeit von gesellschaft-
sind die Maßnahmen unzureichend. Dies gilt auch, weil lichen Brüchen berufen. Auch den New Deal der Dreißiger-
viele bereits im Sommer auslaufen. Experten rechnen mit jahre hätte noch 1932 kaum jemand vorhergesagt. I

74 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


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GABRIEL KUCHTA/ GETTY IMAGES


Rund 2000 Prager Bürger und Touristen feiern am letzten Junitag die Lockerung der Corona-Restriktionen
mit einem gemeinsamen Essen. Die 515 Meter lange Tafel auf der Karlsbrücke ist weiß gedeckt
und mit Blumen geschmückt, Speisen und Getränke bringen die Gäste selbst mit. Die Aktion soll das
Gemeinschaftsgefühl der Menschen in der Krise stärken.

des Volkes. Gegen diese Anmaßung halten die Bürgermeister


Aufstand der der »freien Städte«, wie sie sich selbst nennen, Werte wie Offen-
heit, Toleranz und Demokratie.
Auch die Stichwahl um die polnische Präsidentschaft kom-
Metropolen mende Woche ist stark geprägt vom Gegensatz zwischen Stadt
und Land. Je kleiner ein Dorf ist, desto sicherer kann sich der
nationalkonservative Amtsinhaber Andrzej Duda seines Sieges
Analyse Die Präsidentschaftswahl in Polen ist ein dort sein. Der Warschauer Trzaskowski hat nur dann eine
Kampf zwischen Stadt und Land. Chance, wenn er in dieses Milieu eindringen kann. Das wird
schwierig. Denn die Wähler der Nationalkonservativen fühlen
 Aufmunternde Grußbotschaften hat der liberale Kandidat sich sozial und vor allem kulturell abgehängt, von den Städtern
für das Präsidentenamt und Warschauer Bürgermeister, Rafał verlacht. Das hatte Trzaskowski verstanden. Deshalb gab er
Trzaskowski, seit dem ersten Wahlgang von seinen Amts- im ersten Wahlgang den netten, jungenhaft wirkenden Mann,
kollegen aus europäischen Hauptstädten zuhauf erhalten. »Rafał, der zwar nicht wirklich ein Programm, aber für alle ein Ohr hat.
wir sind bei dir! Viel Erfolg!«, heißt es da – von Männern und In der zweiten Runde wird das nicht reichen. Es zeichnet sich
Frauen, etwa aus Budapest, Istanbul oder London, die sich in ab, dass Trzaskowski auf soziale Wohltaten setzen will. Derzeit
ihrer Heimat gegen einen nationalpopulistischen Mainstream versucht er, Duda mit Vorschlägen für Steuererleichterungen
stemmen. Die Solidaritätsadressen aus den Metropolen haben zugunsten von Niedrigverdienern zu überbieten. Trzaskowskis
vor allem symbolische Bedeutung. Sie stellen sich gegen das zen- Problem ist nur: Selbst nach einem Wahlsieg und der Übernah-
trale Narrativ der Nationalpopulisten allenthalben, das da in me des Präsidentenamts bliebe die Regierung noch immer in der
etwa lautet: Wir – und nur wir – sind die wahren Repräsentanten Hand der Rechten. Jan Puhl

76 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


Hongkong stellt Kollusion unter Strafe, klang unheimlich und beklem-

Unsichtbare Panzer
also »geheime Absprachen mit mend – aber damals nahm ich
ausländischen Mächten«. noch eine große Distanz zwi-
Jeder, der andere Staaten auf- schen Hongkong und Peking
fordert, auf Hongkong Einfluss wahr. Hongkong war damals
sächlich beriet die Kommunis- zu nehmen, zum Beispiel eine britische Kolonie, und es
tische Partei in Peking in die- Sanktionen zu verhängen, sollte noch Jahre dauern, bis
sen Tagen über ein Gesetz, das macht sich jetzt eines Verbre- sie an China zurückgegeben
unsere Stadt völlig verändern chens schuldig. wurde.
würde – doch wir, die gewähl- Für mich fühlt sich das an, Auch an den 30. Juni 1997,
ten Abgeordneten des Hong- als rollten unsichtbare Panzer den Vorabend der Übergabe,
konger Legislativrats, wussten durch die Straßen von Hong- erinnere ich mich dieser Tage
nicht, was in diesem Gesetz kong und walzten unsere Bür- gut. Auch damals fühlte ich
steht. Gerüchte gab es, Hören- gerrechte nieder. Für mich hat Beklemmung, doch ich emp-
sagen. Aber den genauen diese Woche die Herrschaft fand auch Zuversicht. China
Inhalt dieses Nationalen der Angst eingesetzt. Der und Großbritannien hatten
Sicherheitsgesetzes erfuhren Grundgedanke ist: Wir werden schließlich eine gemeinsame
Claudia Mo, 1957 in Hongkong wir erst, als es in der Nacht euch gehorsam machen. Erklärung unterzeichnet, die
geboren, ist eine der prominen- zum Mittwoch veröffentlicht Ich habe schon einmal Pan- Hongkong für 50 Jahre ein
testen Politikerinnen ihrer wurde. Man kann es nicht zer rollen gehört, zuerst nur »hohes Maß an Autonomie«
Stadt. Sie zählte zu den Grün- anders sagen: Chinas Führung aus der Ferne, auf dem Flugha- garantierte; die Einzelheiten
dungsmitgliedern der pro- hat Hongkong dieses Gesetz fen von Peking, später dann in regelte das Basic Law, das
demokratischen »Civic Party«. ins Gesicht geschlagen. der Stadt, die sich wie tot Hongkonger Grundgesetz.
Seit 2016 sitzt sie als unab- Fast jeder Journalist, mit anfühlte. Das war am 4. Juni Heute, genau 23 Jahre spä-
hängige Abgeordnete im Hong- dem ich spreche, fragt: Was 1989, dem Tag, an dem der ter, ist nur mehr die Beklem-
konger Legislativrat. soll die internationale Gemein- Aufstand auf dem Platz des mung da, und keine Zuver-
schaft tun, um Hongkong zu Himmlischen Friedens nieder- sicht. Denn in diesen 23 Jahren
Als ich zum ersten Mal George helfen? Ich habe mich entschie- geschlagen wurde. Ich war haben wir erfahren, dass
Orwells »1984« las, war ich ein den, darauf keine Antwort Journalistin und an jenem Mor- Pekings Zugriff immer enger
junger Mensch und musste mehr zu geben. Denn einer gen von Hongkong abgeflogen. wurde. Viel ist nicht übrig, auf
manchmal lachen. Ich wusste, der Paragrafen des Gesetzes Das Rumpeln der Panzer das wir uns noch freuen könn-
dass vieles, was Orwell in sei- ten. Im britischen und ameri-
nem Roman beschrieb, so ähn- kanischen Konsulat häufen
lich schon einmal geschehen sich die Visaanträge.
war. Aber das schien mir lange Ich selbst denke nicht
her. Ich dachte nicht im Traum daran wegzugehen. Im Gegen-
daran, dass so etwas jemals teil, ich kandidiere noch
wieder geschehen könnte, einmal für die Wahl des Parla-
Jahrzehnte später, und hier in ments im September. Ich
meiner Stadt. Aber genau so bin zwar nicht mehr jung, aber
ist es jetzt gekommen: Hong- dafür kenne ich mich inzwi-
kong ist über Nacht zu einer schen ganz gut aus im Parla-
Orwell-Stadt geworden. ment und in der Politik.
Schon jetzt erscheint mir Wir dürfen uns nicht hinlegen
unwirklich, was ich Anfang und uns schlafend stellen.
DALE DE LA REY/ AFP

dieser Woche noch getan habe: Wir müssen weiterkämpfen.


Ich ging ins Parlament und Auch wenn es ab jetzt wie
befasste mich mit Regierungs- bei Orwell ist: Der Große Bru-
dokumenten. Es fühlte sich an, der schaut uns zu.
als sei alles ganz normal. Tat- Festnahme eines Demonstranten in Hongkong Protokoll: Bernhard Zand

Jemen Bericht. Die jemenitischen Elektroschocks sowie der Ent- gegen die Vereinigten Arabi-
Alle Kriegsparteien Menschenrechtler dokumentie-
ren darin 1605 willkürliche
zug von Nahrung und Wasser
waren in allen Einrichtungen
schen Emirate und ihre Ver-
bündeten. Diese sollen auch
foltern Verhaftungen, 770 Fälle von gängig. Sämtliche Kriegspartei- für einige der schlimmsten
Verschwindenlassen und 344 en hätten Menschenrechts- Praktiken wie das Anbrennen
 Im Jemenkrieg sind Hunder- von Folter in der Zeit zwischen verletzungen begangen. Die von Genitalien verantwortlich
te Menschen willkürlich Mai 2016 und April 2020. Der mit Iran verbündeten Huthi- sein. Mwatana-Chefin Radhya
verhaftet und in inoffiziellen Bericht stützt sich auf Besuche Rebellen sind dem Bericht Al-Mutawakel fordert die Frei-
Gefangenenlagern gefoltert vor Ort sowie Gespräche mit zufolge für die meisten willkür- lassung aller willkürlich verhaf-
worden. Zu diesem Ergebnis früheren Insassen, Zeugen, Ver- lichen Verhaftungen und Fälle teten Personen. Das sei wegen
kommt die Menschenrechts- wandten und Anwälten. Unter- von Verschwindenlassen ver- der drohenden Ausbreitung
organisation Mwatana in sucht wurden elf inoffizielle antwortlich. Ein großer Teil des Coronavirus in Gefängnis-
einem jüngst veröffentlichten Gefangenenlager. Prügel und der Foltervorwürfe richtet sich sen umso dringlicher. ASA

77
Titel

Tourismus Wovon viele auf Mallorca immer schon träumten, ist durch die
Pandemie unverhofft wahr geworden: Die Massen sind weg.
Und nun? Über die Sinn- und Existenzkrise einer Urlaubsfabrik,
die sich neu erfinden muss.

Die einsame
Insel

Badende an Mallorcas Ostküste: 25 Kilometer Luftlinie zwischen Bierbauch-Contest und High Snobiety

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Schlagersänger Wackel am Ballermann: »Wenn sie putzen, machen sie bald auf«

Fotos: Emanuel Herm für den SPIEGEL 79


E
twas ist anders. »Ir- Am Flughafen von Palma de Mallorca animalischeren unter unseren Bedürfnis-
gendwie komisch«, starteten und landeten vergangenes Jahr an sen, 365 Tage im Jahr geöffnet, von zehn
sagt Ilka. »Anders einem Rekordwochenende 2855 Flieger. bis fünf Uhr morgens. Normalerweise.
eben«, sagt Jörg. Im- Diese Woche sind es nur gut 200 am Tag, Es gab Tage, an denen hier 15 000 Men-
merhin leben sie schon etwa die Hälfte aus dem Ausland. Am schen ein- und ausgingen. Jetzt sind die
seit 20 Jahren auf der Strand von S’Arenal, wo sonst Handtuch an Bierhocker aufgestuhlt, verwaist auch die
Insel und gehören zu Handtuch liegt, stehen Einheimische und »Bühne des Todes« im Megapark, wo Tim
den 16 000 Mallorqui- angeln. Die Balnearios, die Strandbars, sind Toupet, Mia Julia, Peter Wackel, wo Tita-
nern mit deutschem zu, in den Kiosken sitzen die Verkäufer sinn- nen also die Massen bepeitschten. Man ar-
Migrationshintergrund. Ilka raucht ihre frei zwischen Schwimmnudeln, gefälschten beite an einem Eröffnungskonzept, heißt
Zigarette bis zum Filter herunter, Jörg Adiletten und aufgeblasenen Gummikroko- es. Mit Mindestabstand und Tanzverbot.
trinkt Espresso macchiato, er sagt: »Das dilen, sie hören Musik, gucken Fußball oder Mindestabstand im Bierkönig? Baller-
hatten wir noch nie – an den Stränden telefonieren. Ältere Damen führen ihre Hun- mann light? Das wäre wie Eimersaufen
wird Spanisch gesprochen.« de aus, Jogger laufen mitten auf der Straße. aus Teetassen. Ergibt einfach keinen Sinn.
Das ist nicht normal. Er habe für seine Familie nur Ruhe, Auch wenn Ryanair und die Ferienflie-
Es ist nachmittags um 16 Uhr, Ilka und Platz am Strand und ein All-inclusive- ger TUIfly und Condor ihr Angebot lang-
Jörg sitzen im Chalet Siena, in einer der Hotel gesucht, sagt Eduard, 41, aus Berlin. sam wieder hochfahren, begrenzen viele
wenigen gehobeneren Bars an der Playa Genau das hat er gefunden. Ausgerechnet Hotels ihre Kapazitäten wegen der Dis-
de Palma, sogar die Coke Zero wird im am Balneario 6, dem Ground Zero des Ex- tanzvorschriften. Für viele lohnt sich der
Whiskey-Tumbler serviert. Die beiden ha- zesstourismus. Er sagt: »Wir wussten nicht, Betrieb noch nicht, weil die Besucher vor
ben die Bräune von Deutschen, die auf wo der Ballermann steht, nur, wofür er allem aus Großbritannien noch fehlen.
der Insel zu Hause sind. Am Ballermann steht. Ich hatte vorher meine Frau gefragt, Auch die Reisekonzerne FTI Group und
waren sie vor acht Jahren das letzte Mal, ob wir hier mittendrin sind im Massentou- DER Touristik berichten von geschlosse-
nicht ihre Welt. Sie leben oben an der rismus, aber sie meinte, das sei woanders.« nen Partnerhotels, manche werden in den
Nordostküste, bei Cala Rajada, 75 Kilo- Nein, das ist genau hier. Normalerweise. kommenden Tagen öffnen, manche dieses
meter entfernt. Heute Morgen haben sie »Normalerweise« ist übrigens das derzeit Jahr wohl nicht mehr.
spontan beschlossen herzufahren. meistgebrauchte Wort. Weil alles so wenig
»Wir wollten uns den Wahnsinn hier mal normal ist. Es ist so unfair. Mallorca wurde zum bes-
angucken«, sagt Jörg. »Aber der Wahnsinn »Normalerweise«, sagt der Sänger Peter seren Deutschland, auch weil sich viele
hat ja geschlossen.« Wackel (»Scheiß drauf«), könnte er an der Deutsche hier besser verstanden fühlten
Hin und wieder hört man einzelne Playa niemals so unerkannt herumlaufen. als daheim. Als der Schlager verachtet wur-
Gruppen durch die Straßen ziehen, sie »Normalerweise«, sagt die Hotelchefin des de, bekam er auf Mallorca Asyl. Als in
grölen: »Wir sind die Gummibären!« Es Riu, hätten sie hier nirgendwo Masken, Hamburg und München light gelebt wurde
klingt wie eine Beschwörung. Sonst ist keine Wärmebildkameras und Hygiene- und Kalorie ein Schimpfwort war, erfand
es ruhig. protokolle für alle Mitarbeiter. »Norma- Mallorca das Eimersaufen – für die einen.
Mallorca entdeckt in diesem Sommer lerweise«, sagt die Marketingmanagerin Und sorgte gleichzeitig dafür, dass sich die
die Einsamkeit. Die Massen sind weg, wie des Bierkönigs im leeren Lokal, wäre jetzt Toskanafraktion auf der Insel ebenso zu
ausradiert, vom Virus in die innere Emi- Ausnahmezustand. Hause fühlte. Es war ein Traum für die Gol-
gration getrieben, nach Norderney und Im Bierkönig ist es so still, dass man fer und die Säufer, für die Familie und den
Usedom. Und die wahre Lieblingsinsel der die Holzdecke knacken hört. Es ist ein dreifach geschiedenen Filmproduzenten
Nation muss tun, was sie immer schon vor- Freitagvormittag Ende Juni, draußen sind mit den Stoffarmbändern am Handgelenk.
hatte: sich neu erfinden. Nur – so sanft 30 Grad, eigentlich hätte der Laden gerade Mallorca ist vielleicht der einzige Ort,
hatte man sich den Tourismus nun auch aufgemacht. Der Bierkönig ist ein Schlacht- an dem Claudia Schiffer und Cindy aus
wieder nicht gewünscht. schiff des Billigtourismus, gleich hinterm Marzahn gleichzeitig zur völligen Zufrie-
Die Leere geht um in allen Touristen- Strand, eine Befriedigungsmaschine für die denheit Urlaub machen konnten, ohne
hochburgen des Mittelmeerraums. Du- sich jemals zu begegnen. 25 Kilometer
brovnik an Kroatiens Adriaküste wirkt so Luftlinie zwischen Bierbauch-Contest und
ausgestorben wie auf alten Postkarten. Krise im Anflug High Snobiety, dem Paralleluniversum von
Statt der 1,3 Millionen Urlauber in den ers- Ankommende Passagiere auf dem Flug- Leuten wie Liz Mohn, Til Schweiger, Ger-
ten beiden Juniwochen 2019 kamen dies- hafen Palma de Mallorca jeweils im Mai, ry Weber und Carsten Maschmeyer.
mal nur 216 000. in Millionen Die Baleareninsel wurde zum For-
In Italien stehen die Grenzen seit An- davon Deutsche schungslabor für den Tourismus, wo im-
fang Juni offen, aber: »Es ist nicht so, dass 1,65 mer einige Saisons früher schon gewusst
1,58 1,64
wir keine bedeutende Zahl von Touristen 1,52 wurde, was die Reisenden wirklich suchen.
sehen: Wir sehen einfach gar keine Tou- Nicht umsonst haben einige der weltweit
risten«, sagt Marina Lalli, die Präsidentin operierenden Hotelketten ihre Hauptquar-
des Tourismusverbandes Federturismo. tiere in Palma de Mallorca.
Lalli geht davon aus, dass größere Zah- Hier werden Urlaubersehnsüchte mit
len ausländischer Urlauber erst im Sep- derselben Akribie untersucht, mit der
tember oder Oktober nach Italien zurück- Böblinger und Wolfsburger sich Motoren
kehren werden. Wer nach Venedig kommt, widmen. Es gehört zur großen Ironie Spa-
erlebt die Stadt fast so, wie sie der Maler niens, dass ausgerechnet der wohl ver-
Canaletto in seinen Veduten im 18. Jahr- 0,58 0,56 0,59 0,59 schlossenste Menschenschlag des Landes
hundert darstellte: ohne Kreuzfahrtschiffe, mit die meisten Besucher hat. In Rest-
ohne Touristengruppen, melancholisch 0,01* spanien gelten Mallorquiner als Eigen-
und schön. Hoteliers rechnen mit einem 2016 2017 2018 2019 2020 brötler. Mallorquiner würden am liebsten
Umsatzrückgang von 80 Prozent. Quelle: Ibestat *davon Deutsche: 0,001 unter sich bleiben. Sylter, Rügener und

80
Titel

Leere Tische im Bierkönig: Normalerweise wäre jetzt Ausnahmezustand

Venezianer wissen vermutlich, was ge- fekt, mit hartem spanischem Akzent, und Er hat die Zahlen im Kopf: 2009 kamen
meint ist. hart ist auch sein Urteil: »Die Insel ist ei- 11,6 Millionen Urlauber auf die Balearen,
In ihrer Geschichte haben Mallorquiner, nen Pakt mit dem Teufel eingegangen«, 2018 waren es 16,6 Millionen. Reinigte
das erklärt eine gewisse Reserviertheit, sagt er. »Sie hat ihre Seele an den Massen- eine Hilfskraft vor elf Jahren im Schnitt
keine guten Erfahrungen mit Fremden tourismus verkauft, und jetzt bekommt sie 18 Hotelzimmer am Tag, sind es inzwi-
gemacht: Ob es die Römer, die Araber, die die Quittung dafür.« schen 28. »Der Übertourismus hat dazu
Kastilier waren oder zuletzt die Kevins Der mallorquinische Traum von Sonne, geführt, dass der Untertourismus, den wir
und Lauras aus Manchester oder Bitter- Strand und Party sei ausgeträumt, die Sai- gerade erleben, die Insel kollabieren lässt«,
feld – alle kamen, um sich auf die eine son ohnehin längst verloren. Nach Schät- sagt Murray Mas.
oder andere Weise breitzumachen und die zung der Hotelverbände Mallorcas von Der Tourismus erwirtschaftet etwa 45
Insel zu erobern. Mitte Juni werden im Juli nur ein Drittel Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf
Nur hätten die mallorquinischen Vor- aller Unterkünfte geöffnet sein, an der den Balearen, auf Mallorca stellt der Sek-
fahren vermutlich nie gedacht, dass man Playa de Palma immerhin die Hälfte. Nor- tor drei von vier Arbeitsplätzen. Die Le-
ein Erobertwerden durchaus zu Geld ma- malerweise sind im Sommer alle Hotels benshaltungskosten auf der Insel seien im
chen kann. Es bedarf dafür nur einer ge- geöffnet und zu 90 Prozent ausgelastet. Landesvergleich hoch, sagt Murray Mas,
wissen Selbstverleugnung: Geduld, Lä- Das Sozialprodukt auf den Balearen die Löhne eher niedrig. »Das führt dazu,
cheln und Schweigen haben die Insel reich wird um knapp elf Prozent zurückgehen, dass die Gesellschaft verletzbar ist, wenn
gemacht. Statistisch zumindest. wird geschätzt. Das sind etwa drei Milliar- wenige Urlauber kommen.«
Ivan Murray Mas trägt ein ausgewasche- den Euro, die jetzt auch auf den Konten Die Londoner »Times« kürte vor einer
nes T-Shirt, Shorts und Flipflops. Man der knapp 900 000 Mallorquiner und ih- Weile Palma zur lebenswertesten Stadt des
muss sich seinem Forschungsgegenstand rer Arbeitgeber fehlen. Planeten, was sie durchaus sein kann,
anpassen. Murray Mas ist Professor für wenn man nicht auf das übliche Gehalt
Geografie an der Universitat de les Illes Auf jede Wirtschaftskrise habe Mallorca von rund 1500 Euro angewiesen ist, son-
Balears in Palma, er forscht zu den Struk- reagiert, indem man noch mehr Hotels, noch dern 6000, 7000 oder 8000 Euro pro
turen und Prozessen des Tourismus. mehr Apartments gebaut habe, sagt Murray Quadratmeter für ein Apartment im Zen-
Sein eher schlichtes Reihenhaus steht Mas. Noch im Frühjahr wurde über den Aus- trum Palmas hinlegen kann. Oder eine Mil-
in Sóller, gut eine halbe Autostunde land- bau des Flughafens diskutiert. Die Insel habe lion Euro für einen ehemaligen Stall, der
einwärts von den Pauschalhotels entfernt. sich vom »Arbeiterklassenurlaub« abhängig hergerichtet wurde und nun Finca heißt.
Es sind Semesterferien. Murray Mas hat gemacht, von einem Typ Tourist, den er am Auf den Balearen seien jetzt, so Murray
in Edinburgh studiert, sein Englisch ist per- liebsten gar nicht auf der Insel hätte. Mas, rund 200 000 Angestellte – Kellner,

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 81


Titel

Zimmermädchen und Köche – in Kurz- stehen, und nachts hallt es sogar nach. Un-
arbeit, oder ihr Vertrag sei ausgesetzt. heimlich. Mallorca, die Geisterinsel?
Mallorca sei schon lange am Limit. Dass Es ist ein romantischer Gedanke, dass
nun die Deutschen auf die Insel durften, Mallorca ohne den Massentourismus eine
bevor Spanier vom Festland kommen Chance hätte, eine Zukunft. Wie teuer
konnten, habe bei ihm »ein Kolonial- müsste Ökotourismus sein, damit die Insel
gefühl« geweckt. Wie könne es sein, fragt davon leben kann? Und wer soll ihn be-
er, dass man vorige Woche für 60 Euro zahlen? Sicher nicht jene Gäste, die in der
von Hamburg nach Palma fliegen konnte, Vergangenheit die Insel belebt haben.
sein Cousin für eine Verbindung von Bar- Wo sollen die Reinigungskräfte aus den
celona vor gut zwei Wochen aber fast Bettenburgen arbeiten, die Kellner und
1000 Euro zahlen sollte? Köche? Am Ende werden diese Krise
Er findet, jetzt sei der perfekte Moment, wahrscheinlich die großen Hotels über-
darüber nachzudenken, wie das Mallorca leben, auch die großen Klubs, weil sie aus-
der Zukunft aussehen soll. Er will keine »Mallorca ist einen reichend Rückstellungen haben. Für die
Rückkehr zur Normalität, von der die spa- kleinen Unterkünfte, die Supermärkte und
nische Regierung redet. »Denn Normalität Pakt mit dem Teufel Boutiquen wird es schwer.
würde bedeuten, dass irgendwann wieder
Millionen Touristen nach Mallorca kom-
eingegangen.« Mallorca hat sich dem Massentourismus
ausgeliefert, und es ist wie bei Goethes
men.« Murray Mas plädiert für nachhal- Ivan Murray Mas, Zauberlehrling: »Die ich rief, die Geister,
tigen Tourismus und eine Förderung der Touristikforscher werd ich nun nicht los.«
lokalen Handwerker und Landwirte. Es gibt auf der Insel vier Tafeln für hilfs-
bedürftige Menschen. Eine davon heißt
Es ist die alte Debatte um Qualität und »Mallorca sense fam«, Mallorca ohne Hun-
Quantität, wie sie oft geführt wird, gern ist. Dass eine Insel im Sommer keine Flug- ger. Jeden Mittwoch verteilen die ehrenamt-
in restaurierten Fincas oder noblen Stadt- dichte wie der Frankfurter Flughafen ha- lichen Helfer in Palma Reis, Milch, Nudeln,
wohnungen mit einer wohltemperierten ben kann. Dass man die Preise erhöhen Babybrei. Im vergangenen Jahr kümmerten
Sammlung kubanischer Zigarren im Hin- müsste, um die Insel nachhaltig zu retten. sie sich um 2000 Familien, mittlerweile sind
tergrund. So wie bei Carles Manera Erbi- Seit Jahrzehnten wird an Visionen es doppelt so viele. Die Leiterin der Orga-
na, einem schlanken Ur-Mallorquiner mit einer Trans-Ballermann-Insel herumge- nisation schätzt, dass es im Herbst mindes-
schneeweißem Bart, von 2007 bis 2011 bastelt, an Entschleunigung und Qualitäts- tens 8000 Familien sein werden. Sie pro-
Wirtschaftsminister der Balearen. Jetzt, mit tourismus ohne die krebsroten Typen mit gnostiziert, dass dann 100 000 Mallorqui-
63 Jahren, schreibt Manera Erbina einen dem Frühstücksbier. Dank des Virus ner auf die Tafeln angewiesen sind. Fast alle,
Blog über ökonomische Entwicklung. In erlebt Mallorca nun das Schlimmste, was die jetzt hierherkommen, um sich Lebens-
seinem Arbeitszimmer in Palma stehen einem Traum passieren kann: Er wird mittel abzuholen, haben in der Touris-
Bücher über den Revolutionsführer Che wahr. musbranche gearbeitet, als Reinigungskraft,
Guevara und Elvis Presley, Manera Erbina Die Entschleunigung ist da, die leeren Reiseführerin, Kellner.
gehört der Sozialistischen Partei an. Strände und ein streifenlos blauer Himmel Für die 40-jährige Maria José Alvarez
Die Coronakrise sei für die Insel eine darüber. Maximal 25 Leute als Gruppe am war vergangenen Sommer noch alles gut.
Katastrophe und mit keiner vorherigen zu Strand. Die Großdiscos, der Megapark für Sie schenkte deutschen Touristen Weiß-
vergleichen. Dieses Mal liege das Problem den Rest des Jahres verrammelt und ver- wein in ihre Gläser, servierte dazu Gam-
nicht bei den Banken und der Finanzwelt, riegelt. Auf den Straßen in Strandnähe bas, und am Ende des Monats bekam sie
sondern bei den Kunden selbst. Jeder Tou- kann man plötzlich sein eigenes Wort ver- ihr Gehalt, 2000 Euro netto, fünfeinhalb
rist sei ein Risiko, denn jeder könne das Monate lang, die gesamte Saison.
Virus einschleppen. Sie träumte davon, bald eine Wohnung
Das System Mallorca, sagt Manera Er- zu kaufen, für sich und ihre zwei Söhne.
bina, sei perfekt auf Tourismus eingestellt
gewesen, wie ein leistungsstarker Motor.
»Die Deutschen Dann kam Corona. Jetzt lebt sie weiterhin
in einer kleinen Studiowohnung, sie schläft
Ausgezeichnete Infrastruktur mit schnel-
len Flugverbindungen in nahezu alle euro-
sollen so schnell wie auf der Couch, die Söhne im Hochbett.
Ein eigenes Zimmer hat keiner, denn es
päischen Hauptstädte, eine gute medizini-
sche Versorgung und Angebote für jede
möglich kommen.« gibt nur ein Zimmer.
Dort zwängten sie sich während des
Art von Reisen. Das Geld, das die Touris- Maria José Alvarez, Lockdowns zusammen, als niemand vor
ten mitbringen, sei überlebenswichtig für Saisonkraft die Tür durfte. »Ich habe Angst«, sagt Al-
fast jeden Mallorquiner. Nun aber liege varez. »Weil ich nicht weiß, was kommt.«
dieser Motor lahm, und die Leute hätten Sie ist eine schmale Frau mit großen brau-
Angst: »Keiner weiß, was wird.« nen Augen. Auf ihrem Hals ist ein kleines
Unheimlich sei diese Ruhe, fast gespens- schwarzes Herz tätowiert.
tisch die Erfahrung, ohne langes Suchen Im Lockdown habe sie noch mehr Ge-
einen Parkplatz zu finden in Palma. wicht verloren, durch den Stress, erzählt
In der Brust eines jeden Mallorquiners sie. Alvarez lebt in Cales de Mallorca, ei-
schlügen eben zwei Herzen, sagt Manera nem kleinen Ort im Osten der Insel. Auf
Erbina: »Eines, das die Deutschen, Briten die rund tausend Einwohner kommen hier
und Russen, die zum Feiern herkommen, mehr als tausend Hotelbetten.
nicht mehr will. Und eines, das fragt: Was Wer hier lebt, lebt von den Touristen.
ist die Alternative?« Jeder weiß, dass der Wer hier geboren wird, fängt mit 16, 17
Massentourismus nicht mehr zeitgemäß Jahren in der Gastronomie an oder auf

82 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


dem Bau, um schnell zu Geld zu kommen.
Später können sie mit ihrem Lohn nur leid-
lich ihre Familien ernähren. Für Bauern
ist es rentabler, ihre Höfe zu veräußern als
Feldfrüchte. Es ist billig zu klagen, dass sie
damit auch ihre Seele verkaufen.
Im Ortskern von Cales haben sie die
Fernseher abmontiert, die normalerweise
Bundesliga und Premier League für die
Touristen zeigen. Die Pooltische sind ab-
gedeckt, die Kinderkarussells stehen still.
Vergangenes Jahr, erzählt Alvarez, sei
sie als Saisonkraft eingestellt worden. Das
sei kein Problem, in der nächsten Saison
sollte sie wieder beschäftigt werden.
Doch dann kam Corona. Alvarez lebte
die vergangenen Monate vom Arbeitslosen-
geld, 1300 Euro seien das gewesen, sagt sie,
und ab Juli sei auch damit Schluss, ab da be-
komme sie nur noch eine Art Grundsiche-
rung. 430 Euro. Wenn man sie fragt, wie sie
davon leben könne, antwortet sie nicht. Ge-
nau diese Frage stellt sie sich seit Monaten.
Sie putze, sagt sie, und nehme jeden Job
an, den sie bekomme. Ihre Mutter arbeite
noch, in der Dorfbar, sie unterstütze sie.
Wenn man sie fragt, was sie von der Öff-
nung des Landes hält, wird sie für einen
Moment laut und aufgeregt und sagt: »Die
Deutschen sollen kommen, so schnell wie
möglich!« Und bewegt ihre Hände, als
wollte sie einen Bus einwinken.

Einer ist schon da, ein Deutscher, und ver-


mutlich muss man ihn als systemrelevant
für die Mallorca-Maschine bezeichnen. In
weißem Poloshirt spaziert er die Schinken-
straße entlang und stellt fest, dass es keinen
Menschenauflauf gibt, denn immerhin ist
er: »Peter Wackel«, so steht es blau gestickt
auf seinem Shirt, ein Anker und »Gold Tro-
phy« darunter. Er sei auch Partygolfer, er-
klärt Peter Wackel. »Das ist wie Golf, nur
nehmen wir es mit den Regeln nicht so
ernst.« Wackel ist jetzt 43, Schlagersänger,
und seit 16 Jahren einer der Stars im Bier-
könig. Eigentlich heißt er Steffen Peter Haas.
Er erwähnt, am Abend noch mit Micki
Krause zum Essen verabredet zu sein, dem
Schöpfer von »Zehn nackte Friseusen«. Strand bei Palma: Geduld, Lächeln und Schweigen haben die Insel reich gemacht
»Hörst du das?«, fragt Wackel. Ein lau-
tes Tschhhhh ist das Einzige, was zu hören
ist. »Ich höre den Hochdruckreiniger. Das breitet er die Arme aus und knipst seine »An diesen Tagen ist gar nichts nor-
ist ein sehr gutes Zeichen! Das heißt, dass Stimme an wie ein Megafon: »Halloooo maaal«, singt Wackel los. Der Mann schaut
sie putzen. Und wenn sie putzen, machen und herzlich willkommen auf der Schinken- zu Wackel auf, zieht grinsend an seiner
sie bald auf.« straße! Ich bin’s, der Peter Wackel!« Der Zigarette. »Die Dauerpause wird zur Höl-
So ist die Stimmung am Ballermann: An Mann sei ein Fan, erklärt Wackel. Der Fan lenquaahaal!«
einem sonnigen Mittwoch mitten in der zeigt seine Schuhe, auf der Außenseite steht Es könnte der Song zur Lage werden.
Hochsaison, zwischen den Discos und »Bierkönig«. »Aaaa–BER scheiß drauf!«, ruft Wackel,
Bierschenken, die hier Bierkönig und Bam- »Darf ich vielleicht ein Lied für dich sin- wirft die Arme in die Luft und wippt mit
boleo heißen, steht einer der erfolgreichs- gen?!«, fragt Wackel. Es ist ein Satz, bei den Zeigefingern im Takt. »Malle ist nur
ten Schlagerstars des Ballermanns, allein, dem das Ausrufezeichen deutlich größer einmal im Jaaahr! Olééé olééé!«, er beugt
und freut sich, weil er einen Kärcher hört. ist als das Fragezeichen. »Ein kleines sich zu dem Mann vor, deutet ihm an, dass
»Das ist doch ein Trauerspiel«, sagt ›Scheiß drauf‹?« Das Lied ist Wackels größ- er jetzt dran sei. »Und schalala«, ruft der
Wackel, und deutet auf die leere Straße. Da ter Hit, er war damit auf Platz 39 der deut- Mann textsicher. Danach noch ein Selfie.
biegt ein älterer Mann um die Ecke, kurze schen Charts. 1996, gleich nach dem Abitur, war Wa-
Hose, graue Haare. Als Wackel ihn sieht, »Ja!«, sagt der Mann. ckel das erste Mal auf Mallorca. Er, schul-

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Nachhaltigkeit Der britische Filmemacher und Öko-Aktivist terlanges Haar, hatte den Siebzigerjahre-
Joe Holles, 35, über die Zukunft von Mallorca ohne Massentourismus anzug des Vaters im Gepäck, lila, Schlag-
hose, wild gemusterte Krawatte. Damit
stellte er sich auf den Balkon des Hotels

»Wir brauchen einen Wandel« und sang »Anita« und »Mandolino«. Die
Leute bezahlten ihn mit Bierdosen, also
sang er weiter.
Inzwischen gibt es Wackel-Handyhüllen,
SPIEGEL: Wie groß ist die Chance, den Kulturlandschaft, sollte ein Versuchsfeld Wackel-Karnevalsorden und das Peter-
Massentourismus einzudämmen? sein, um den Tourismus wieder mit der Wackel-Museum nahe seinem Heimatdorf
Holles: So traurig es ist – eine Verände- Landwirtschaft, der Kultur oder sogar dem Bubenreuth. So nennt er seinen Fanshop
rung ist dringender nötig denn je, wird Technologiesektor zu verbinden. dort. Wenn der Ballermann ein Mann
aber mit jedem verlorenen Arbeitsplatz SPIEGEL: Mit Ihrem Verein Tramuntana wäre, Peter Wackel wäre sein Bruder.
schwieriger. Wir müssten uns fragen, wie XXI wollen Sie sich für die Region ein- Mehrmals die Woche pendelt er zwi-
können wir die Wirtschaft schnell reakti- setzen. Was ist das konkrete Ziel? schen Deutschland und Mallorca, es ist
vieren und gleichzeitig die Grundlagen für Holles: Die Serra de Tramuntana hat viele schon ein paar Jahre her, dass er hier sei-
ein Modell schaffen, das weniger anfällig regionale und nachhaltige Spezialitäten. nen 1000. Auftritt hatte.
für künftige Krisen und nachhaltiger ist? Aber bisher ist es fast unmöglich, in Bars Wackel sagt: »Ich war immer ein Star
Im Moment lautet das Motto: »Krisenzei- oder Restaurants einheimisches Lamm, Öl, zum Anfassen.« Jetzt, wo die Welt auf
ten sind keine Zeiten für Experimente, also Obst oder Gemüse zu finden. Wir haben Abstand ist, leidet er. Persönlich wie ge-
gehen wir wieder zur Tagesordnung über.« daher ein Label für nachhaltige Produkte schäftlich. »Reisebuchungen? Null. Auf-
Das ist ein Rezept für Katastrophen. und Sehenswürdigkeiten entwickelt, die tritte auf Mallorca? Null. Auftritte in
SPIEGEL: Sie leben in Valldemossa in der »Marca Serra de Tramuntana«, das Ende Deutschland? Null«, sagt er. »Natürlich,
Serra de Tramuntana, dem meistbesuchten des Jahres eingeführt werden soll. Wir wol- das Wasser ist schön und der Strand leer,
Dorf Mallorcas mit 1,2 Millionen Touristen len damit die Produkte und die Orte, an aber irgendwann muss man auch mal wie-
pro Jahr. Wie sah es vor der Pandemie aus? denen sie verkauft werden, in den Mittel- der raus aus der Scheinwelt und Geld ver-
Holles: In der Hochsaison luden punkt stellen. Wir wollen neue dienen.«
täglich 30 oder 40 Reisebusse Vertriebskanäle, neue Märkte Genau wie der Ballermann braucht Wa-
Tagesbesucher ab. Die meisten und neue Nachfrage schaffen – ckel die Massen. Die Auftritte auf der Insel
gingen vom Parkplatz zur und mehr Einkommen für alle. heizen das Geschäft in Deutschland an,
EMANUEL HERM/ DER SPIEGEL

Hauptstraße zu den Souvenir- SPIEGEL: Bisher ist das Image wo Fans dann T-Shirts von ihm kaufen,
shops, machten Selfies und fuh- Mallorcas eher bestimmt durch ihn auf Schützenfeste einladen, zum Après
ren wieder in ihre Hotels. Das Sauftourismus und Ballermann. Ski oder eines seiner Partyboote buchen,
verursacht hohe Kosten, und Wie lässt sich das ändern? mit denen sie dann über den Rhein schip-
nur wenige verdienen daran. Holles: Die Insel hat eine un- pern und seine Hits hören. Wackel gehört
Dieses angeblich idyllische Dorf, glaublich schöne Landschaft und ein Reisebüro, er bringt Gruppen von 500
einst Heimat von Frédéric Cho- eine Regierung, die viel Positives bis 600 Leuten nach Mallorca.
pin und George Sand, wirkt zunehmend angeschoben hat. Wir brauchen Verwal- Jetzt, wo keiner feiern darf, bricht das
abschreckend auf Bewohner und jene Ur- tungsreformen und einen Imagewandel: System Wackel zusammen – ohne Massen
lauber, die solchen Massentourismus ge- Mallorca muss in Europa führend in Sa- funktioniert er nicht. Als Solo taugen seine
rade vermeiden wollen. chen Nachhaltigkeit werden. Mit einem Hits nicht. »Scheiß drauf« kann man nur
SPIEGEL: Vor der Pandemie kamen fast ehrgeizigen Plan könnte es der perfekte grölen.
14 Millionen ausländische Besucher im Jahr Ort für Menschen werden, die nachhalti- Wackel scheint jedes Hotel an der Playa
auf die Balearen. Viele Küstenorte sind gen Urlaub machen möchten, und ideal zu kennen, jedes Restaurant, jedes Café.
verbaut, die Immobilienpreise steigen, das zum Arbeiten für all jene, die im Paradies Er weiß, wann wo renoviert wurde und
Wasser wird knapp, der Müll immer mehr. leben und die Welt verändern wollen. was dort seit der Renovierung eine Nacht
Was lässt sich dagegen langfristig tun? SPIEGEL: Die Mallorquiner scheinen in- kostet. »Ich spreche mit den Eigentümern,
Holles: Wir müssen Tourismussegmente zwischen die Geduld zu verlieren. Auf De- mit den Rezeptionistinnen, mit den Kell-
finden, die profitabel und nachhaltig zu- monstrationen fordern sie immer wieder nern, und die stehen vor dem Nichts«, sagt
gleich sind. Der Massentourismus wird im- ein Ende des Massentourismus. er. »Wenn das so weitergeht, gehen die
mer weniger wettbewerbsfähig und hat Holles: Die Menschen fühlen sich durch hier alle pleite.«
negative Folgen. Wir haben mit vielen die Urlauber belästigt. Und sie profitieren Wackel vermarktet jetzt offensiv einige
Formen experimentiert – vom Strand- über vom Tourismus zu wenig, die Insel wird Ferienhäuser, in der Nähe vom Baller-
Kultur- und Umwelt- bis zum Kreuzfahrt- ärmer. Sogar die einheimischen Firmen mann. »Ich könnte mir auch Wandern mit
und Golftourismus. Wir haben immer neue sind weniger rentabel. Es scheint, als wür- Peter Wackel vorstellen oder Grillen mit
Tourismusarten hinzugefügt, aber nie grö- den nur ausländische Fluggesellschaften Peter Wackel«, sagt er. Es gibt viele Arten,
ßere Korrekturen vorgenommen. und Reiseveranstalter verdienen oder der sich selbst neu zu erfinden.
SPIEGEL: Sind Kultur- und Naturtourismus Flughafen, der seine Gewinne an private
nicht die Lösung? Aktionäre und die Zentralregierung in Ma- Schon bevor der spanische Ministerpräsi-
Holles: Ja, aber nur, wenn sie so entwickelt drid ausschüttet. Die Lösung ist, dass die dent Pedro Sánchez dem Land eine der
würden, dass die Einnahmen direkt in die Insel aufsteht, ihre Zukunft neu gestaltet weltweit strengsten Quarantänen verord-
Förderung von Kultur und Natur fließen. und zu einem Modell übergeht, das für die nete, befand sich ganz Mallorca gewisser-
Wir müssen Möglichkeiten schaffen, dass Branche rentabel und für Umwelt, Gesell- maßen in einem inneren Dialog, in einer
die Urlauber zum Erhalt der Insel bei- schaft und Wirtschaft nachhaltig ist. Das Phase der Selbstfindung. Wer sollen wir
tragen können. Die Serra de Tramuntana, wäre ein Plan für die nächsten 30 Jahre. sein? – Was für Mallorquiner dasselbe ist
eine jahrhundertealte, Unesco-geschützte Interview: Antje Blinda wie die Frage: Welchen Tourismus wollen
wir haben?

84 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


Titel

hinzu: »Obwohl 2018 und 2019 besonders


gute Jahre waren. Wir würden uns damit
begnügen, wenn es das hohe Niveau der
Jahre davor erreicht.« Mallorca wäre also
glücklich, wenn es in zwei Jahren das Ni-
veau von vor fünf Jahren erreichte.
Eigentlich war Negueruela als Spaß-
bremse angetreten, ein Sozialist, der ver-
hindern sollte, dass die Insel an ihrem Er-
folg erstickt. Vor drei Jahren hatte das, was
Spanier »turismofobia« nennen, seinen
Höhepunkt erreicht. Jahr für Jahr kamen
mehr Touristen, zuletzt zwar etwas weni-
ger Deutsche und Briten, weil Komasaufen
in der Türkei und Ägypten noch billiger
ist, dafür aber mehr Festlandspanier.
Negueruela verbot die Happy Hours in
Arenal, untersagte den Alkoholkonsum
auf offener Straße, strich Sangria-Eimer
von den Getränkekarten und vergab keine
Lizenzen mehr für Partyboote. Er erklärte
dem Suff den Krieg. Es müsse mehr Stand-
beine geben, hieß es, Landwirtschaft und
Handwerk müssten gefördert werden.
Bar am Ballermann: Wo Claudia Schiffer und Cindy aus Marzahn Urlaub machen 2017, 2018, 2019 bekam man Applaus für
solche Sätze.
Jetzt, in dem Moment, in dem der Tou-
Schon seit einigen Jahren gab es immer ruela. Man stellt sich den Tourismusminis- rismus praktisch weggebrochen ist, klingt
mehr Inselbewohner, darunter auffallend ter der Balearen laut vor, einen Botschafter Negueruela anders. »Mallorca braucht
viele aus Deutschland und Großbritannien des Sommers mit offenem Hemd und Touristen. Das ist die Basis. Wir wollen
zugezogene, die sich über die Massen be- strahlendem Auftreten. Negueruela ist das natürlich, dass andere Bereiche wachsen,
schwerten. Die Wohnkosten explodieren, Gegenteil. Ein junger Anwalt, Anfang vier- aber der Tourismussektor darf auf keinen
an manchen Orten ist es deutlich leichter, zig, fast etwas scheu. Fall kleiner werden.« Negueruela ist nach
Schwimmnudeln zu kaufen als Brot, deut- Sein offizieller Titel ist »Consejero de Monaten im inneren Dialog offenbar zum
sche und britische Parallelgesellschaften Modelo Económico, Turismo y Trabajo«. gleichen Ergebnis gekommen wie viele
werden beäugt. Wer in Mallorca für den Tourismus zustän- Mallorquiner. Es ist leicht, sich weniger zu
Viele auf der Insel fordern einen nach- dig ist, ist es offenbar gleich für Arbeit ins- wünschen, wenn man genug hat.
haltigeren Tourismus, wobei nachhaltig gesamt. Er sitzt in einem halbherzig reno-
vor allem lukrativer zu bedeuten scheint. vierten Stadtpalais, unweit der Kathedrale Am 15. Juni startete auf Mallorca ein Pi-
Ein Tourismus, der kein All-inclusive von Palma. Sein Sprecher nimmt ebenfalls lotprojekt: Bis zu 10 900 Urlauber aus
kennt, der sich gut benimmt, leise ist, der Platz und passt auf. Es ist nicht ganz un- Deutschland durften innerhalb von zwei
keine Werbekampagne gegen die über- wichtig, was man derzeit deutschen Jour- Wochen auf die Insel reisen – sechs Tage
raschend gängige Touristentodesursache nalisten sagt. bevor die Spanier selbst wieder auf die
»besoffen vom Hotelbalkon am Pool vor- »Die Krise hat uns stark getroffen, ohne Insel kommen durften und bevor Spanien
beigesprungen« braucht. Frage. Wir hoffen, dass wir 2022 vielleicht offiziell die Grenzen öffnete.
Ein Mann, der wie kaum ein anderer wieder auf dem Stand von vor der Krise Mit dem Pilotprojekt wollte man auf
für diesen Dialog steht, ist Iaogo Negue- sind.« Dann macht er eine Pause und fügt Mallorca die Abläufe an Flughäfen und

Untergangsstimmung Einbußen für die mallorquinische Wirtschaft durch die Pandemie


BIP* Einzelhandel* Dienstleistungen* sozialversichert Jobs in Hotels Neueinstellungen
Schätzung 2020 Rückgang im Mai 2020 Rückgang im April 2020 Beschäftigte und Gastronomie im Mai 2020
im Vergleich im Vergleich zum im Vergleich zum im Mai 2020 gegenüber im Mai 2020 gegenüber gegenüber dem
zum Vorjahr Vorjahresmonat Vorjahresmonat dem Vorjahresmonat dem Vorjahresmonat Vorjahresmonat

–11 % –11%
–31% –26%

* Balearen gesamt;
Quellen: Ceprede, Ibestat
–61%
–81%
Titel

in Hotels üben; der Tourist als Labor- niemand benutzt sie. In vielen Unterkünf- Ischgl«, sagt Mertoglu. Jetzt wüssten sie
ratte. ten erkennt man die Neuen beim Früh- nicht, wohin. Ischgl ist keine Alternative.
Mitgemacht haben einige größere Ho- stück nicht nur an der blassen Haut, son- Themen an diesem Abend sind Frika-
tels an der Playa de Palma, zum Beispiel dern auch daran, dass sie die Einzigen sind, dellenrezepte. Es wird viel geraucht und
das Riu Bravo und das Riu Concordia, bei- die noch maskiert zum Kaffeeautomaten viel geschwiegen. Gegen 23 Uhr läuft »Kat-
des Viersternehäuser. Am Flughafen wird gehen. sching, Katsching, oh wie schön das klingt«
Fieber gemessen, jeder Tourist muss For- »Normalerweise«, sagt auch Gisela Mer- über die Anlage. Der Beat pumpt, Merto-
mulare ausfüllen, Notfallkontakte, Heimat- toglu, könne man um diese Zeit kaum die glus Sohn geht hinter die Theke und dreht
adresse. Es ist wie auf einem Amt, nicht Straße sehen, weil so viele Menschen un- die Anlage auf. »Wir sind die Atzen, und
wie im Urlaub. terwegs seien. Aber derzeit ist nichts nor- wir feiern bis um acht die ganze Nacht«,
In den Hotels gilt ein strenges Handbuch mal auf Mallorca, und erst recht nicht am tönt es. Es ist die einzige Musik, die auf
mit 17 Protokollen, die für die Sicherheit Ballermann. »Es ist wie im Winter«, sagt der ganzen Straße zu hören ist. Da geht
der Gäste und Mitarbeiter sorgen sollten. Mertoglu. »Nur schlimmer.« Mertoglu zur Anlage und dreht den Ton
Nur jedes zweite Zimmer durfte vergeben An diesem Abend öffnet Gisela Merto- wieder runter.
werden, um die Kapazität in Restaurants, glu ihre Kneipe, das Bielefelder Bierstüb-
Bars und am Pool zu begrenzen und den Si- chen. Ihr Schild ist das einzige, das leuch- Der große Ansturm aus Deutschland wird
cherheitsabstand zu gewährleisten. An der tet im Bereich rund um die Schinkenstraße, noch etwas auf sich warten lassen – auch
Rezeption gibt es Wärmebildkameras, eine und man sieht exakt zwei Menschen, eine wenn Mallorca unter allen ausländischen
Desinfektionsmatte für Schuhe, ein Mund- Prostituierte und einen Mann mit Gesichts- Reisezielen die besten Karten hat.
Nasen-Schutz in der Lobby ist Pflicht. maske, der laut fluchend die Straße hinun- »Seitdem Außenminister Heiko Maas
Als die ersten Pauschaltouristen des terpendelt. Anfang Juni die Aufhebung der Reise-
Sommers eincheckten, applaudierten die Seit 26 Jahren betreibt Mertoglu das beschränkung für europäische Ziele ver-
Angestellten. Das hatte nicht im Hand- Bierstübchen, zusammen mit ihrem Sohn. kündet hat, zieht die Nachfrage nach
buch gestanden, war aber ein Wunsch der Ein kleines Binding kostet 1,90 Euro, Mittelmeerzielen allgemein wieder an«,
Direktion. Spezialität des Hauses ist ein Kurzer: sagt Torsten Schäfer vom Deutschen Reise-
Wirtschaftlich gelohnt hat sich die Ak- »Schmeckt wie Hanuta, nur flüssig«, sagt verband (DRV). Die Balearen und die Ka-
tion natürlich nicht. Die meisten Deut- Mertoglu. Sie trägt Jeans und Bluse, die naren würden zusammen zurzeit sogar
schen kamen am dritten Tag der Testphase Maske hat sie sich unters Kinn geschoben. stärker gebucht als Deutschland. Aller-
auf Mallorca an. Insgesamt landeten allein Über dem Tresen hängt ein Schild mit dings hätten sich bereits viele Sommer-
durch TUI in den beiden Wochen 4200 der Aufschrift »Fickt-euch-Allee«, im Hin- urlauber für einen Aufenthalt in der Hei-
Besucher auf der Insel. Das Coronavirus tergrund läuft »Wir sind die Kinder von mat entschieden.
hatte niemand im Gepäck. Malle«. Ein Dutzend sind da. Vor allem Natürlich geht es langsam wieder auf-
junge Männer, in kurzen Hosen und wärts. TUI habe fast alle Hotels wieder im
Mit jedem Tag, der vergeht, werden auch T-Shirts. »Alles Einheimische«, sagt Mer- Angebot, sagt eine Sprecherin, Mallorca
die Hygienevorschriften laxer genommen. toglu. Fast alle sprechen deutsch. Hier trin- ziehe an, wenn auch auf weit niedrigerem
In den Lobbys der Viersternehotels tragen ken die Kellnerinnen und Kellner des Niveau als im Vorjahr. Das sind Meldun-
die Gäste zwar noch pflichtbewusst Maske. Megaparks und des Bierkönigs ihr Bier, gen, bei denen man unwillkürlich an Pa-
Doch der Abstand wird am Pool selten ein- sagt Mertoglu. niktriebe denkt, wie sie Bäume ausbilden
gehalten. Spender mit Desinfektionsmittel Sie sind in Kurzarbeit und warten, dass nach zu langer Trockenheit.
stehen auf Kneipentresen, an den Eingän- der Ballermann wieder öffnet. »Im Som- Auf der Schinkenstraße wird Peter Wa-
gen der Steakhäuser und Cafés, so gut wie mer arbeiten die hier, und im Winter in ckel doch noch angesprochen, von zwei
»Bild«-Reportern. Der Kameramann trägt
ein weißes Hemd, die grauen Haare
zurückgegelt, Fliegersonnenbrille, Bade-
hose, Flipflops, am Handgelenk baumelt
eine goldene Uhr. »Peter!«, ruft der Re-
porter, »wir dachten erst, du wärst Micki
Krause. Können wir dich kurz ausleihen?«
Sie gehen Richtung Bierkönig, Wackel
steigt auf einen Blumenkübel. »Soll ich
springen?«, fragt er. »Nein, du bist ja trau-
rig!« Wackel zieht eine Schnute und
macht einen Daumen nach unten. Dann
sind alle zufrieden.
»Siehst du das?«, fragt Wackel und zeigt
auf einen feuchten Fleck auf dem Boden,
etwas läuft unter dem Wellblechzaun des
Bamboleo heraus. »Das ist keine Urinpfüt-
ze, die haben hier geputzt! Das sieht doch
nach einer baldigen Öffnung aus, oder?«
Nach einem baldigen ersten Bier.
Das Feuchte ist eine Pfütze der Hoff-
nung.
Antje Blinda, Maik Großekathöfer,
Juan Moreno, Max Polonyi,
Hannes Schrader, Alexander Smoltczyk
Hafen von Portocolom an der Ostküste der Insel: »Wie im Winter, nur schlimmer«

86 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


Juan Moreno

Fahrt nach Malle!


Einwurf Seit Jahren träumen die Mallorquiner vom
Ende des Massentourismus. Das ist eine Illusion.
Warum sich die Insel nicht ändern darf, gerade jetzt nicht.

I
ch kann nicht sagen, wie oft ich auf Mallorca war.
30-, 40-mal bestimmt. Anfangs kam ich während
des Studiums, als ich als Flugbegleiter arbeitete.
Mein Vater, der offenbar fürchtete, dass ich den Job
länger machen würde, fand es lustig, mich in der Zeit
»unsere andalusische Stewardess« zu nennen. Meine Brü-

EMANUEL HERM/ DER SPIEGEL


der taten das auch.
Die Fluggesellschaft flog damals alle möglichen Som-
merziele an, Kreta, Bari, Antalya, Scharm al-Scheich.
Aber auf keinem anderen Flug hätte mir ein Passagier ge-
sagt: »Hallo Chef, krieg ich, bevor es losgeht, ’nen schnel-
len Wodka-O?« Es war Montagmorgen, halb sieben.
Die Airline buchte uns stets eine dieser Bettenburgen
in S’Arenal, auf der Partymeile. Wenn ich abends vor die Beschäftigten lebt vom Tourismus. Wenn alle Urlauber
Tür trat, kam mir volltrunkener Paarungswille in Bade- ab sofort wegblieben, wäre das, als verschwinde in
hose, »Don Promillo«-T-Shirt und Seppelhut entgegen. Deutschland die gesamte Industrie, die Landwirtschaft
Im Studium befasste ich mich mit politischer Theorie und und ein gehöriger Teil des Dienstleistungssektors. Wie
der Frage nach der Eigenverantwortung des Individuums. würde es Deutschland gehen?
Damals dachte ich: »Drei Tage Ballermann, und das kom- Da wir gerade dabei sind, ein paar Dinge zurechtzu-
munistische Manifest, die Oktoberrevolution, die DDR rücken: Das, was Länder wie Spanien oder Italien in der
hätte es alles nicht gegeben.« Coronakrise durchgemacht haben, ist nicht im Ansatz
Später heiratete einer meiner besten Freunde eine Mal- mit dem vergleichbar, was in Deutschland geschehen ist.
lorquinerin. Ihre Hochzeitsfeier verbrachte ich damit, Spanien hatte eine der weltweit höchsten Sterberaten
Spaniern das Wesen des »Don Promillo« zu erklären. Ich in der Pandemie, die Menschen durften gute zwei Monate
verliebte mich in die Dörfchen Galilea lang ihre Wohnung praktisch nicht verlassen. Kinder
und Puigpunyent, die Küstenstraße um waren nicht nur nicht in der Schule, sie haben auch kei-
Mallorca, wie ganz Banyalbufar, das Tal von Sóller. Es ist nen Spielplatz gesehen. Die Polizei kontrollierte die
Spanien, ist trauma- nicht sonderlich originell, sich in Mal- strengen Ausgangssperren. Eine Nachbarin meiner Mut-
tisiert. Den März, lorca zu verlieben. Die Insel macht es ter bekam einen Strafzettel, weil sie nicht den teuren
einem leicht. Supermarkt neben ihrer Wohnung genutzt hatte, sondern
April, Mai wird das Als die Redaktion mich nun bat, den deutlich billigeren eine Straße weiter.
Land nie vergessen. Mallorca nach der Coronakrise zu Mallorca, wie ganz Spanien, ist traumatisiert. Den
besuchen und herauszufinden, wie es März, den April, den Mai wird das Land nie vergessen.
der Insel geht, fiel mir auf, dass ich seit Ab 2008 erlebte Spanien die letzte große Wirtschafts-
sechs, sieben Jahren nicht mehr hier gewesen war. Mallor- krise, man hatte sich gerade halbwegs berappelt – jetzt
ca war für mich nie eine Insel, sondern ein Plan für später. soll wieder alles von vorn losgehen. Wieder Rekord-
Als entscheidungsschwachem Mann, der in Spanien zur arbeitslosigkeit, wieder, wenn man Glück hat, eine staat-
Welt kam, in Deutschland aufwuchs und sich nie ganz für liche Unterstützung, mit der man nicht mal die Miete
ein Land entscheiden wollte, schien es mir der ideale bezahlen kann, wieder junge Akademiker, die nach Berlin
Altersruhe-Kompromiss. Es gibt deutsche Bäcker, deut- ziehen, um dort Latte macchiato zu servieren.
sche Ärzte, deutsche Zeitungen, aber spanisches Wetter. Spanien und Mallorca öffnen aus einem Grund die
Fünf Tage bin ich über die Insel gereist, habe den Tou- Grenzen: aus Verzweiflung.
rismusminister getroffen, mit Finca-Vermietern geredet, Ich habe die Insel in den vergangenen Jahren noch nie
mit Menschen, die hier arbeiten, die hier geboren wurden. so schön erlebt wie jetzt. Die einsamen Buchten sind
Ich glaube, dass man eines grundsätzlich verstehen muss: endlich wieder einsam. Das Wasser in der Cala Pi, schon
Das deutsche Urlaubsproblem und das spanische oder zu normalen Zeiten von beleidigend schönem Türkis, ist
mallorquinische Urlaubsproblem sind zwei sehr unter- noch ein bisschen klarer als sonst.
schiedliche Dinge. In Deutschland geht es um die Frage, Ich kann nicht glauben, dass ich das schreibe, aber
ob Mallorca ein sicheres Reiseziel ist, ob es zu voll sein wenn ich etwas von meinem Besuch hier mitnehme, dann,
wird, ob das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Die Frage dass Mallorca ein Paradies ist, und wenn man den
auf Mallorca ist, ob die Menschen in einem halben Jahr Mallorquinern einen Gefallen tun will, bucht man sich
noch eine Existenz haben werden. Rund die Hälfte der einen Flug und ruiniert es ihnen. I

87
Anti-Trump-Protest in Phoenix

Revolution in der Wüste


USA Ausgerechnet da, wo Donald Trump bislang unschlagbar schien,
könnte er seine Wiederwahl verlieren: im bisher eher konservativen Süden.
Ein Besuch im Corona-Hotspot Arizona.

W
ie das neue Arizona aussieht, Vor 40 Jahren lebten hier nur 6000 Men- Grill« vom Einkaufen erholt. Er sei vor
lässt sich in Gilbert südöstlich schen, viele davon auf Farmen. Gilbert war einigen Jahren aus Chicago hierhergezo-
von Phoenix besichtigen. Neu- einer der letzten Außenposten des Wilden gen, erzählt Russel. Das Wetter sei besser,
bauviertel haben sich rechts Westens. Die Leute arbeiteten hart und die Immobilienpreise niedriger. Und, nein,
und links des Highways in den Wüstensand wählten konservativ. er sei kein Republikaner, sondern als un-
gefressen, in einem riesigen Shoppingareal Mittlerweile trinken sie hier statt Whis- abhängiger Wähler registriert.
reihen sich die Geschäfte vom Apple Store key lieber gut gekühlten Weißwein. So wie Er habe sich noch nicht entschieden,
bis zum Kaufhaus Macy’s aneinander. Die Greg Russel, der sich mit seiner Partnerin wen er im November wählen werde, sagt
Restaurants sind trotz Corona gut besucht. Denise Smith auf der Terrasse des »Kona Russel. Trumps Rhetorik gefalle ihm nicht,

88
Ausland

sind Latinos bislang noch in der Minder- Bundesstaat stecken sich, bezogen auf die
heit, ihr Anteil an den registrierten Wäh- Einwohnerzahl, gegenwärtig so viele Bür-
lern steigt jedoch seit Jahren an. Auch ger mit dem Virus an – auch wenn im Süd-
deshalb ist der Wüstenstaat – bislang fest osten des Landes, in Staaten wie Alaba-
in der Hand der Republikaner – zum ma, Georgia oder Florida die Zahlen der
Swing State geworden, der auch für die Neuinfizierten ebenfalls dramatisch stei-
Demokraten erreichbar wurde. gen. Das Land gleicht derzeit einer Petri-
Und wenn die Vorherrschaft der Re- schale, mit Wucherungen und immer neu-
publikaner sogar in Städten wie Gilbert en Hotspots an allen Ecken.
wankt, dann bröckelt sie im ganzen Staat. Arizonas Gouverneur Doug Ducey, ein
»Trump hat ein großes Problem in den Republikaner, hat lange an Trumps Linie
Vorstädten«, sagt Mike Noble, der früher in der Coronakrise festgehalten. Eine Mas-
die Republikaner beraten hat und nun ein kenpflicht lehnte er ab. Die Öffnung der
unabhängiges Umfrageinstitut in Phoenix Wirtschaft sollte wie geplant vorangehen.
betreibt. Nobles Befragungen sehen den Die hohen Infektionszahlen zwangen
demokratischen Herausforderer Joe Biden ihn zum Umdenken. Die Städte in Arizona
in Arizona derzeit sieben Prozentpunkte dürfen mittlerweile eigene Regeln zum
vor Donald Trump. Tragen von Masken erlassen, was Ducey
Sollte Biden tatsächlich so hoch gewin-
nen, wäre es eine politische Revolution
für Arizona. Seit 1952 haben die Wähler »In Arizona
hier nur ein einziges Mal für einen demo- werden die Weißen
kratischen Präsidentschaftskandidaten ge-
stimmt, Bill Clinton. 2016 gewann Trump im Jahr 2027
den Bundesstaat noch mit fast vier Punkten eine Minderheit sein.«
Vorsprung. Seit Anfang der Fünfzigerjahre
konnten die Demokraten nie beide Sena-
torenposten erringen. Selbst das erscheint zunächst abgelehnt hatte. Anfang der Wo-
nun möglich, wenn im November die Wäh- che ließ der Gouverneur erneut sämtliche
ler über den Senatssitz des verstorbenen Bars, Fitnessstudios und Kinos für 30 Tage
John McCain abstimmen. In den meisten schließen. Die Lage gerät außer Kontrolle.
Umfragen liegt der Ex-Astronaut Mark Kel- »Corona ist ein zentrales Thema bei
ly vorn, der für die Demokraten antritt. uns«, sagt Reginald Bolding, Mitglied des
Während die Parteistrategen zunächst Abgeordnetenhauses von Arizona, ein
die vermeintlich wahlentscheidenden Demokrat. Der Gouverneur und der Prä-
Swing States Michigan, Wisconsin und sident hätten in der Pandemie versagt.
Pennsylvania im Blick hatten, vollzieht »Das werden sie bei den Wahlen zu spüren
ADRIANA ZEHBRAUSKAS/ DER SPIEGEL

sich im Süden und Südwesten des Landes bekommen.« Das Versagen in der Pande-
ein Wandel, der Donald Trump den Wahl- mie sei zwar nicht die Ursache dafür, dass
sieg kosten könnte. sich viele Wähler von den Republikanern
Es ist eine politische Bewegung, die die abwenden, aber ein wichtiger Verstärker.
Entwicklung der Sechziger- und Siebziger- Ist Trump ein Problem für die Republi-
jahre nachvollzieht, nur in umgekehrter kaner in Arizona? »Die ehrliche Antwort
Richtung. Damals eroberten die Republi- lautet: Ja«, sagt Kurt Davis, ein republika-
kaner mit ihrer »Southern strategy« den nischer Stratege, der einst John McCain
Süden, weil die Demokraten nach ihrer beriet. »Vor allem Frauen in Städten und
Hinwendung zur Bürgerrechtsbewegung Vorstädten, die parteipolitisch nicht fest-
aber er wolle schauen, wie weit die Demo- die weißen Wähler dort verloren. gelegt sind, empfinden seine Art als un-
kraten nach links gerückt seien. Denise Nun holen sich die Demokraten den Sü- angenehm.« Das zeigte sich schon bei
fischt eine Maske aus einer Tasche, die den nach und nach zurück. Nicht nur in den Kongresswahlen 2018: Mehrere Vor-
mit Elefanten bedruckt ist. Dann sagt sie: Arizona, auch in Georgia und Florida liegt orte von Phoenix, die zuvor für Trump
»Greg, wenn du für Joe Biden stimmst, be- Biden in den Umfragen vorn. Selbst in Te- gestimmt hatten, schickten damals demo-
kommst du Ärger.« xas deutet sich ein enges Rennen an. kratische Abgeordnete nach Washington.
Wähler wie Russel, die nicht auf eine Par- Donald Trump hat die Gefahr erkannt, Wenn man Luis Avila fragt, wann der
tei festgelegt sind, haben die politische auch deshalb flog er vergangene Woche Wandel in Arizona begonnen hat, sagt er:
Landschaft in Arizona in den vergangenen nach Phoenix und hielt dort seine zweite als die Klimaanlage für private Haushalte
Jahren grundlegend verändert. Die Einwoh- Großveranstaltung seit dem Ende des erschwinglich wurde. Avila ist vor 20 Jah-
nerzahl von Gilbert ist explodiert, in der Lockdowns in einer Megachurch ab, vor ren aus Mexiko eingewandert. Inzwischen
Stadt leben mittlerweile eine viertel Million 3000 Anhängern auf engem Raum, die unterstützt er als professioneller Berater
Menschen. Wie Russel kommen viele aus meisten ohne Masken. andere Einwanderer dabei, sich auf Par-
dem Mittleren Westen oder von der Pazi- Der Präsident hätte keinen heikleren tei- und Regierungsämter vorzubereiten.
fikküste – aus der Mittelschicht, ehrgeizig, Ort wählen können. Arizona vermeldete »In Arizona werden die Weißen im Jahr
gesellschaftlich konservativ, aber nicht un- in den letzten beiden Wochen Höchststän- 2027 eine Minderheit sein«, sagt er. »Wir
bedingt gebunden an eine Partei. de bei den Corona-Neuinfektionen, Mari- müssen dann in der Lage sein, politische
Dazu kommen die Kinder und Enkel copa County, in dem Phoenix liegt, zählt Verantwortung zu übernehmen.«
von Einwanderern aus Mittel- und Südame- zu einem der Krisenherde im Süden und Die Sache mit der Klimaanlage ist nicht
rika, deren Einfluss stetig wächst. Zwar Westen des Landes. In keinem anderen ganz ernst gemeint, aber sie hat einen wah-

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 89


ren Kern. Bis Ende der Sechziger- des Yavapai-Stammes. In einem
jahre war Arizona für viele Ameri- klimatisierten Bürohaus in dem
kaner nicht attraktiv, ein trockener, Wüstenstädtchen Fountain Hills
verlassener Fleck mit einigen Mili- hat Arpaio sein Büro. Er ist, je
tärbasen, kühlen Winternächten nach Sichtweise, der berühmteste
und unerträglich heißen Sommern. oder der berüchtigtste Sheriff Ame-
Die Entwicklung kleiner, preisgüns- rikas gewesen.
tiger Klimaanlagen änderte das. Arpaio ist 88 und gut gelaunt.
Städte schossen in kurzer Zeit An den Wänden hängt er selbst:
aus dem Boden, Hunderttausende Zeitungsberichte über den »härtes-
Häuser wurden gebaut. Zwischen ten Gesetzeshüter Amerikas«, Plas-
1950 und 2020 verzehnfachte sich tikfiguren mit seinem Konterfei,
die Einwohnerzahl auf rund 7,2 Mil- ein Foto mit Donald Trump und
lionen. Die Hauptstadt Phoenix der Aufschrift: »Don’t mess with
und deren Umgebung zählen noch us« – leg dich nicht mit uns an.
immer zu den am schnellsten wach- 24 Jahre lang war Arpaio Sheriff
senden Regionen der USA. von Maricopa County. Was er als
Die Firmen, die den Boom auf- Erfolge aufzählt, sind für seine Kri-
bauten, brauchten Arbeitskräfte, tiker Menschenrechtsverletzungen.
viele kamen aus dem benachbarten Er sperrte Gefangene bei Hitze und
Mexiko, vor allem nach Inkrafttre- Regen in Zeltlager ein, führte Fuß-
ten des Nordamerikanischen Frei- ketten auch für weibliche Häftlinge
handelsabkommens Nafta 1994. ein und ließ Latinos grundlos an-
Mittlerweile machen Latinos nahe- halten und durchsuchen. Er sam-

ADRIANA ZEHBRAUSKAS/ DER SPIEGEL


zu ein Drittel der Bevölkerung aus. melte bewaffnete Milizionäre um
»Eines der schwierigsten Dinge sich, die ihm bei der Polizeiarbeit
ist es, die Leute als Wähler zu re- halfen. »Meine Truppe« nennt er
gistrieren«, sagt Avila. »Das kostet diese Männer bis heute liebevoll.
Zeit und Geld.« Seine Organisation Nach mehreren Verfahren wurde
Iconico, die Menschen hilft, ihr er 2017 wegen Missachtung einer
Wahlrecht wahrzunehmen, hat nur gerichtlichen Anordnung schuldig
ein winziges Büro in Phoenix. gesprochen. Schon im Jahr zuvor
Aber sie hat Erfolg. »Bei den Kon- Einwanderer Avila war er nicht wiedergewählt wor-
gresswahlen 2018 hatten wir eine »Politische Verantwortung übernehmen« den, seitdem ist ein Demokrat
Rekordbeteiligung von Latinos.« Sheriff in Maricopa. Eine Katastro-
Das muss nicht immer den Demokraten Supreme Court, Obamas Dreamer-Pro- phe, findet Arpaio. Er tritt in diesem Jahr
helfen. Viele Einwanderer aus katholisch gramm zu beenden. Aber Trump kündigte wieder an. Das geht, weil Trump ihn ein
geprägten Ländern Lateinamerikas sind an, an dem Plan festhalten zu wollen. paar Wochen nach dem Schuldspruch be-
in gesellschaftspolitischen Fragen eher Schaut man auf die Umfragen, spricht gnadigt hat.
konservativ. Aber die immigrantenfeind- derzeit viel für einen Wahlsieg der Demo- Beide haben den gleichen Blick auf die
liche Rhetorik Trumps und seiner Repu- kraten in Arizona. Allerdings hatte vor Dinge, zum Beispiel auf die Proteste gegen
blikaner hat die Partei für viele Latinos vier Jahren auch einiges für einen Sieg Hil- Rassismus und Polizeigewalt. »Cops wer-
unwählbar gemacht. »Ich würde mir wün- lary Clintons gesprochen. den festgenommen, weil sie ihren Job
schen, dass die Republikaner ihren Kurs »Wir waren damals zu selbstgefällig«, machen«, sagt Arpaio. »Als ich noch She-
ändern, damit wir Alternativen hätten«, sagt Felecia Rottelini, die Vorsitzende der riff war, hätte ich gewaltsame Demonstra-
sagt Avila. Demokraten in Arizona. »Wir dachten, tionen nicht durchgehen lassen. Glauben
Solange aber Trump im Amt ist, vermu- wir gewinnen ohnehin.« In Arizona habe Sie wirklich, die Leute finden es gut, wenn
tet er, werde sich wenig ändern. Schon im Hillary Clinton sich kaum bemüht, die in den Malls Geschäfte geplündert werden,
Wahlkampf hatte Donald Trump seinen Leute für sich einzunehmen. »Wir haben und die Polizei tut nichts dagegen?«
Anhängern versprochen, die Rechte jener daraus gelernt«, sagt Rottelini. Die Partei Die Welt von Arpaio und Trump hat
Einwanderer zu begrenzen, die als Min- werde diesmal so viele Helfer und so viel sich nicht verändert. Er werde in den kom-
derjährige ohne Papiere ins Land kamen. Geld in den Staat investieren wie möglich. menden Wochen ein Buch herausbringen,
Trumps Vorgänger Barack Obama hatte »Wir sind optimistisch, dass der Weg ins sagt Arpaio. Darin weise er nach, dass
diese sogenannten Dreamer vor Abschie- Weiße Haus für die Demokraten diesmal Obamas Geburtsurkunde gefälscht sei.
bung geschützt. durch Arizona führen wird.« Es ist die Welt von gestern, voller Ver-
In Arizona gehen republikanische Funk- Und doch gibt das alte Arizona nicht schwörungstheorien, Angst vor Schwar-
tionäre seit Monaten auf Distanz zu auf. Die Fahrt zu Joe Arpaio geht durch zen und Latinos und einer tiefen Sehn-
Trumps Abschiebepolitik. »Wir dürfen die die Wüste, vorbei an Farmen, über Be- sucht nach der Zeit, als Weiße noch das
Dreamer nicht wie Kriminelle behandeln«, wässerungskanäle und durch ein Reservat Sagen hatten.
sagt die Republikanerin Karen Fann, Prä- Es sieht so aus, als wäre dies nur
sidentin des Senats von Arizona. »Wir noch die Weltsicht einer Minderheit, in
würden Kinder ja auch nicht dafür bestra- Arizona und im ganzen Land. Sicher ist
fen, wenn sie im Auto sitzen, während ihre »Als ich noch Sheriff war, das aber nicht. Trump will Präsident
Eltern eine Bank ausrauben.« hätte ich gewaltsame bleiben, Arpaio tritt noch mal als Sheriff
Die Regierung beharrt auf ihrem Kurs. an. Kampflos werden diese Männer nicht
Zwar scheiterte sie jüngst aus formalen
Demonstrationen nicht untergehen. Ralf Neukirch
Gründen mit einer Anordnung vor dem durchgehen lassen.«
90 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020
Ausland

Der Autokrat ist nackt


Analyse Putin holt sich vom Volk das Recht, praktisch auf Lebzeiten im Kreml zu bleiben.
Das Resultat ist eine Niederlage für die Opposition. Ist es auch ein Sieg für den Präsidenten?

N
eulich hat sich Wladimir Putin von der Demokratie Herrschaft begrenzt bleiben muss, zumindest auf dem Papier.
losgesagt. Es geschah fast nebenbei, am Ende eines Die Imitation war gewissermaßen der Tribut, den der Auto-
Interviews im Fernsehen. Der Fragesteller hatte ritarismus an die Freiheit zu zahlen bereit war. Jetzt ist die
jene Änderung der russischen Verfassung angespro- Hülle gefallen. Der Autokrat steht nackt da. Warum hat
chen, wonach Putin in vier Jahren für eine weitere Amtszeit kaum jemand protestiert?
als Präsident kandidieren darf. Es wäre seine fünfte. Russlands Opposition verfolgte zwei Strategien, die mit-
Ohne die Änderung, sagte Putin, drohe ein Stillstand im einander unvereinbar blieben. Die Kommunisten riefen dazu
Staat. »Dann beginnt nämlich schon in zwei Jahren das auf, mit Nein zu stimmen – aber ihr Aufruf litt unter der
Herumäugen nach möglichen Nachfolgern. Die Leute sollen Tatsache, dass sie selbst Teil der imitierten Demokratie wa-
arbeiten, nicht Nachfolger suchen.« ren, mit all den hässlichen Kompromissen, die das mit sich
Nun gehört die Suche nach Nachfolgern zu jeder Demo- bringt. In der Staatsduma hatte ihre Fraktion nicht gegen
kratie dazu. Demokratie ist die permanente Vorbereitung auf die Verfassungsänderungen gestimmt.
den Machtwechsel, das Denken in Alternativen. Diese Alter- Der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny wiederum
nativen müssen Name und Gesicht haben. Aber Putin hat kei- rief zum Boykott des Referendums auf. Ein Nein scheine
ne Lust, die verblassende Sonne in seinem eigenen Staat zu ihm »exotisch, naiv und ein bisschen lächerlich«. Die Ab-
sein, während neue Sterne am Horizont erscheinen. Und so stimmung sei rechtlich fragwürdig. Ohne Nawalnys gut
hat er in diesen Tagen die Rus- organisierten Unterstützer und
sen über eine geänderte Verfas- sein Millionenpublikum im In-
sung abstimmen lassen, die sei- ternet hatte die Strategie der
ne Präsidentschaft potenziell bis Protestwahl keine Chance auf
ins Jahr 2036 verlängert. Erfolg.
Das hat erstaunlich gut ge- Nawalnys Kalkül ist nüch-
klappt, wenn man den offiziel- tern: Er will seine Kräfte für die
len Zahlen glauben will. 78 Pro- Regionalwahlen im Herbst auf-
zent haben für Putins Plan ge- sparen, anstatt sie in einem
stimmt, die Wahlbeteiligung lag eher symbolischen Kampf um
bei 68 Prozent, und Straßen- die Verfassung aufzureiben,
ALEXEY NIKOLSKY/ AFP

proteste gegen Wahlfälschun- den er kaum gewinnen kann.


gen gab es nicht, von wenigen Aber die Strategie hat zur Fol-
Demonstranten in Moskau und ge, dass er die Bedeutung der
Sankt Petersburg abgesehen. Verfassungsänderung herunter-
Natürlich wurde getrickst. Pu- spielen muss. Im Grunde habe
tin hat die Ermöglichung wei- Stratege Putin sich in Russland nichts ver-
terer Amtszeiten unter 205 ande- »Arbeiten, nicht Nachfolger suchen« ändert, behauptet er, die Ver-
ren Verfassungsänderungen be- fassung werde ohnehin nicht
graben, die dem Durchschnittswähler gefallen mussten – von eingehalten. Das Referendum ist deshalb auch eine Nieder-
der Indexierung der Renten bis zur Festschreibung der Ehe lage für die Opposition.
als Bund von Mann und Frau. Er hat außerdem die Corona- Und dennoch ist es kein Sieg für Putin. Denn der Zweck
krise benutzt, um das Wahlrecht auszuhebeln und neue der Abstimmung lag für ihn nicht darin, die Opposition zu
Formen der Stimmabgabe einzuführen, die sich kaum mehr demütigen. Die fürchtet er nicht. Seine Angst ist eine andere:
kontrollieren lassen. Statistische Analysen deuten darauf hin, dass die Elite ihn als lahme Ente ansieht, wenn das Ende
dass Millionen Ja-Stimmen hinzuaddiert wurden, um das seiner Amtszeit näher rückt. Dass sie zwar nicht offen re-
Ergebnis zu schönen. belliert, aber seine Signale missachtet. Die Stimme des Vol-
Trotzdem: Die stille Billigung wirft die Frage nach dem kes dient ihm deshalb dazu, sein Umfeld zu zähmen. Das
Zustand der russischen Opposition auf. Denn das Verfas- Referendum wurde geplant, um die Elite zu erpressen,
sungsreferendum markiert einen Systemwechsel. Bisher schreibt die Kreml-Beobachterin Tatjana Stanowaja.
war Russland eine imitierte Demokratie: So autoritär Putin Aber diese Elite weiß besser als Putin, wie wenig belast-
auch regierte, er achtete stets darauf, demokratische Verfah- bar das Resultat der Abstimmung ist. Sie hat das Plebiszit
ren wenigstens zu simulieren. Seine Herrschaft wurde nie ja für ihn organisiert und weiß, wie absurd es verlief: Dass
persönlich begründet, sondern in allgemeingültige Regeln ge- die geänderte Verfassung schon vor der Abstimmung in
fasst. Ebendeshalb verließ er nach seinen zwei ersten Amts- Buchhandlungen verkauft wurde, dass die Wahlergebnisse
zeiten für vier Jahre den Kreml, anstatt wie seine Nachbarn vor Schließung der Wahllokale verkündet wurden, dass die
in Zentralasien oder Belarus einfach die Beschränkung der entscheidende Frage von Putins Verbleib im Kreml in der
Amtszeit aufzuheben. Mehrfach brüstete er sich damit, die Werbung kaum erwähnt wurde. 206 Verfassungsänderun-
Verfassung nie für sich selbst umgeschrieben zu haben. gen hat Putin vorgeschlagen. Das russische Volk hat dazu
Man kann die Imitation von Demokratie als Heuchelei laut Ja gesagt – aber wozu genau, das wird man erst in den
abtun, aber immerhin steckte in ihr die Anerkennung, dass kommenden Jahren erfahren. Christian Esch

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 91


Ausland

entdeckung des Staates, fast über Nacht.

»Durch die Krise wurden Aus diesen beiden Elementen – europäi-


scher Solidarität und der Einsicht in die
Notwendigkeit staatlichen Handelns auf

wir bessere Europäer« europäischer Ebene – ergibt sich mein


Eindruck, dass wir durch die Krise eigent-
lich bessere Europäer geworden sind. Die
Menschen haben gesehen, dass Europa
Karrieren Der ehemalige Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nicht funktioniert, wenn jeder sein eigenes
über die Härte Helmut Kohls, Angela Merkel als Gesamtkunstwerk und Süppchen kocht.
SPIEGEL: Aber haben sich die Bruchlinien
seine Erwartungen an die deutsche EU-Ratspräsidentschaft
nicht verstärkt? Nehmen Sie den Vor-
schlag Merkels und Macrons. Kaum legen
Juncker, 65, wirft mit beiden Händen Sie hat ja auch diese unmögliche Entschei- Deutschland und Frankreich etwas vor,
einen Kuss in die Luft, dann weist er dung schnell zurückgenommen, kein medi- fühlen sich kleinere Länder übergangen.
auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Als zinisches Material in andere Länder zu Haben Sie Verständnis dafür?
ehemaliger Präsident hat Juncker noch liefern. Das war zu 100 Prozent uneuropä- Juncker: Nein. Ich habe nie zu denen ge-
ein Büro im Berlaymont, dem Hauptquar- isch. Es kam für mich völlig überraschend, hört, die deutsch-französische Schulter-
tier der EU-Kommission in Brüssel. Die dass ausgerechnet Deutschland zu derarti- schlüsse bedauert haben. Es gab zuletzt
Corona-Zeit hat er in seinem Haus in gen Reflexen wieder fähig war. auch wenig Grund, sich über gemeinsame
Luxemburg verbracht. Da habe er gemerkt, SPIEGEL: Deutschland ist in Europa nicht deutsch-französische Initiativen aufzure-
dass er einen Garten besitze, sagt Juncker, nur wegen des Exportverbots in der Kritik, gen – es gab ja kaum welche. Und bei
die Menschen aber hätten ihm gefehlt. sondern auch, weil es zu Beginn der Coro- den kleinen Ländern ist es so: Wenn sich
nakrise Grenzkontrollen eingeführt hat, Deutschland und Frankreich einigen, füh-
SPIEGEL: Herr Juncker, am 1. Juli startete beispielsweise an der Grenze zu Luxem- len die sich übergangen. Wenn sich die bei-
der deutsche Vorsitz im Rat der Europä- burg. Wie haben Sie das erlebt? den Großen aber nicht einigen, dann ist
ischen Union. Ist das eine gute Nachricht? Juncker: Es kam zu Chaos auf den Stra- die Aufregung ebenfalls groß.
Juncker: Ich finde schon. Die deutschen ßen, aber auch in den Köpfen: Wieso wird SPIEGEL: Die vergangenen Jahre waren
Nachkriegskanzler haben ohne Ausnahme die Grenze zu den Niederlanden nicht ge- zwischen Deutschland und Frankreich von
immer eine positive, proeuropäische Rolle schlossen, aber die zu Luxemburg schon? Frust und Enttäuschung geprägt. Ist die
gespielt. Auch Angela Merkel gehört zur Wieso macht man das überhaupt, ange- Ursache dafür nicht zuletzt, dass sich die
Kategorie dieser Europäer, die den Blick sichts der hohen Zahl deutscher Grenzgän- Kräfteverhältnisse zwischen beiden Län-
nach vorn richten. Sie hat ja gerade erst ger, die in Luxemburg arbeiten? Die Gren- dern seit der Gründung der Gemeinschaft
gezeigt, dass sie über ihren Schatten sprin- zen wurden teilweise von Polizisten mit vor mehr als 60 Jahren deutlich verscho-
gen kann. Maschinenpistolen bewacht. Die Leute ben haben?
SPIEGEL: Merkel will Länder, die von der waren böse und wütend. Juncker: Sicher. Frankreich hat seine in-
Coronakrise besonders betroffen sind, mit SPIEGEL: Hat Ihre Nachfolgerin Ursula formelle, ja fast formelle Führungsrolle in
Zuschüssen in Höhe von 500 Milliarden von der Leyen zu viel Verständnis für der EU nach der deutschen Wiederverei-
Euro unter die Arme greifen. Bislang hatte die Alleingänge der EU-Mitglieder auf- nigung und der Öffnung der Europäischen
sie sich dem Werben von Frankreichs Prä- gebracht? Union in Richtung Ost- und Mitteleuropa
sident Emmanuel Macron für gemeinsame Juncker: Die Europäische Kommission zugunsten Deutschlands eingebüßt. Zum
europäische Schulden verweigert. Wie er- war am Anfang der Coronakrise nicht Glück besaß Deutschland die Klugheit, die
klären Sie sich den Sinneswandel? wirklich präsent. Sie konnte aber auch Franzosen nicht zu zwingen, sich nun drei-
Juncker: Ich glaube, Frau Merkel hat kaum präsent sein, weil es der EU an Kom- mal vor der Bundesflagge zu verneigen.
gesehen, dass diese zurückhaltende und petenzen fehlt. Jeder hat versucht, in sei- Stattdessen haben Deutschlands Kanzler
zögerliche Haltung, die Deutschland wäh- ner Ecke Lösungen zu finden. Ich finde weitergemacht mit der Ehrerbietung, die
rend der Euro- und Griechenlandkrise an diese Renaissance des Nationalstaats nicht Frankreich von Deutschland stets erwartet.
den Tag legte, für manche Verstimmungen so schlecht, solange sie mit europäischer Respekt kommt ohne Anbiederung aus.
gesorgt hat, die zum Teil immer noch an- Solidarität Hand in Hand geht. SPIEGEL: Gilt das noch?
halten. Und sie hat gemerkt, dass es ange- SPIEGEL: Das müssen Sie erklären. Juncker: Ich denke schon. Früher, also zu
sichts dieser gewaltigen Coronakrise der Juncker: Staaten und Regierungen sind Zeiten François Mitterrands, hat mir Hel-
deutschen Öffentlichkeit leichter zu ver- als handelnde Akteure in der Krise wie- mut Kohl immer gesagt: Du musst dich
mitteln war, dass Europa jetzt etwas un- derentdeckt worden – und das freut mich. dreimal vor der Trikolore verneigen, lieber
ternehmen muss. Ich habe viele Jahre unter dem Satz gelit- viermal. Und die französischen Staatsprä-
SPIEGEL: Hat die Kanzlerin gehandelt, ten, dass man den Staat nicht brauche, sidenten, die musst du fast am Ärmel zup-
weil sie moralisch unter Druck stand? dass man die Marktwirtschaft einfach ma- fen, damit sie vor der Bundesflagge stehen
Oder ist es nicht einfach so, dass der deut- chen lassen solle, dass Regierungen sich bleiben. Das war deutsches Nachkriegs-
schen Wirtschaft schwerer Schaden droht, aus dem Wirtschaftsleben herauszuhalten geschichtsverständnis, dieses Sich-Zurück-
wenn sich unsere Nachbarn nur langsam hätten. Und plötzlich war da die Wieder- nehmen, eine gewisse Bescheidenheit im
von der Krise erholen? Auftreten.
Juncker: Beides ist richtig. Jeder kann se- SPIEGEL: Ist solche Zurückhaltung heute
hen, dass es für die exportorientierte deut- noch angebracht?
sche Wirtschaft schlimmste Folgen hätte, »Wenn Sie die Leute Juncker: Ich finde, Deutschland muss sich
wenn Europa nicht aus diesem Corona- nicht mal am Arm packen schon, ohne in einen Kommandoton abzu-
Loch herauskommt. Ich glaube aber, dass gleiten, auf eigene Interessen besinnen
Frau Merkel auch erkannt hat, dass jetzt können, geht es irr- dürfen. Das tun alle anderen ja auch. Auch
die Stunde europäischer Solidarität schlägt. sinnig langsam voran.« Kohl, mein Freund, hat nächtelang erbit-

92 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


te da nicht am Arm packen oder auch mal
mit ihnen schimpfen können – dann geht
es irrsinnig langsam voran.
SPIEGEL: Was wird Europa fehlen, wenn
Angela Merkel nicht mehr Kanzlerin ist?
Juncker: Es wird an einem Stück reflek-
tiertem Pragmatismus mangeln. Sie ist im
Laufe der Jahre zu jemandem geworden,
dem andere sich gern anvertraut haben.
Nicht weil sie sie um Hilfe bitten wollten,
sondern um ihr nationale Empfindlichkei-
ten nahezubringen, die auch kleinere und
mittlere Staaten in hohem Maße haben.
Sie hat deutsche Interessen oft knallhart
vertreten, hat sich aber immer um das gro-
ße Ganze bemüht. Sie wird uns als Ge-
samtkunstwerk fehlen.
SPIEGEL: Auf der anderen Seite hat Merkel
die EU mit ihrer Flüchtlingspolitik einem
Stresstest ausgesetzt, von dem sich die
Gemeinschaft längst nicht erholt hat.
Juncker: Anders als beim Euro und dem
Gezerre um Griechenland war ich in der
Flüchtlingskrise vollständig Merkels Mei-
nung. Auch ich hatte das Gefühl, jetzt
ist es an unserer Generation zu versuchen,
etwas ähnlich Großes, wenn auch Um-
strittenes, hinzukriegen, wie unsere Vor-
gänger das in den Fünfzigerjahren geschafft
haben.
SPIEGEL: Sie meinen den Wiederaufbau
nach dem Zweiten Weltkrieg.
Juncker: Ja, und vor allem die Integration
der Flüchtlinge. Ich schaue mir auf Phoe-
nix oder n-tv noch immer Dokumentatio-
nen über diese irrsinnig langen Flüchtlings-
ströme an, die da aus dem Osten kamen.
JEROME BONNET

Kinder, Wägelchen, alles, und plötzlich


entsteht auf Europas Straßen wieder das
Gleiche. Ich habe nicht verstanden, wieso
einige in Deutschland nicht genug Herz
Ruheständler Juncker: »Für Social Distancing bin ich nicht gemacht« hatten, um das zu verstehen. Deutschland
war ein gespaltenes Land. In dieser Lage
zu regieren, standzuhalten, das war schon
tert für deutsche Interessen gekämpft. schen zu. So wie es derzeit aussieht, will große Staatskunst.
Aber wenn es nicht weiterging, hat er im- sich Großbritanniens Premier Boris John- SPIEGEL: Aber an unseren Außengrenzen
mer der europäischen Karte den Vorzug son nicht mehr an die Abmachung halten, halten wir Flüchtlinge mit Tränengas und
gegeben. dass europäische Arbeitsmarkt-, Sozial- manchmal sogar mit Schüssen davon ab,
SPIEGEL: Welche Impulse erhoffen Sie oder Umweltstandards auch nach dem die EU zu betreten. Wäre es nicht eine loh-
sich von der deutschen EU-Ratspräsident- Brexit in Großbritannien gelten sollen. nende Aufgabe für die deutsche EU-Rats-
schaft und Angela Merkel? Juncker: Die Briten müssen Abstand neh- präsidentschaft, endlich eine Lösung in die-
Juncker: Wir brauchen jetzt schnell eine men von ihren überzogenen Forderungen. ser Frage zu finden?
Einigung über den europäischen Haus- Großbritannien muss zurückfinden zum Juncker: Europa muss ein Zufluchtsort für
haltsrahmen für die nächsten sieben Jahre. simplen Inhalt der zwischen Johnson und Menschen sein, die aus religiösen, ethni-
Der europäische Haushalt ist ein Solidari- mir getroffenen Vereinbarungen. schen oder politischen Gründen verfolgt
tätsinstrument par excellence, insofern ist SPIEGEL: Bei diesen komplexen Themen werden. Wenn Europa die Rollläden run-
der Ansatz wichtig, ihn in die Mitte aller kommt es ja auf jedes Detail an. Kann man terlässt und die Türen schließt, dann wer-
Überlegungen zu stellen. Dann bin ich der in Zeiten, in denen Videokonferenzen den wir unserer Rolle in der Welt nicht ge-
Auffassung, dass die Idee des Grünen Treffen von Mensch zu Mensch ersetzen recht. Wir sind nicht für alles Leid der Welt
Deals nicht kleingeschrieben werden darf. müssen, gut zu Ergebnissen kommen? zuständig. Für vieles müssen wir uns aber
Corona hin oder her, die Klimakrise ist Juncker: Für Social Distancing bin ich je- mitverantwortlich fühlen. Solange jeden
eine permanente Krise, und jedes Halbjahr, denfalls nicht gemacht. Ich habe über 150 Tag Tausende Kinder den Hungertod ster-
das wir hier verpassen würden, sind sechs Europäische Räte erlebt, einige davon ben, ist Europa nicht fertig mit seiner Auf-
dramatische Monate zu viel. auch geleitet. Wenn Sie die Sitzungen gabe. Die Europäische Union ist ja auch
SPIEGEL: Auch der Abschluss der Ver- nicht unterbrechen können, manchmal aus als Angebot an den Rest der Welt gedacht.
handlungen über einen Partnerschaftsver- taktischen Gründen, manchmal aus Ver- Interview: Peter Müller
trag mit den Briten kommt auf die Deut- zögerungsgründen, und wenn Sie die Leu-

93
Ausland

Adieu, Tristesse!
Urbanismus Paris, der Sehnsuchtsort, ist für seine Bewohner oft eine Zumutung.
Teuer, eng, dicht bebaut, ohne Grün – und glühend heiß im Sommer.
Nun soll sich die französische Hauptstadt radikal ändern, um lebenswert zu bleiben.

D
ie Revolution begann ganz leise, Seither hat die Sozialistin die französi- gelegt hat. Moreno ist Wissenschaftler, er
so leise, dass man sie fast nicht sche Hauptstadt so radikal verändert wie trägt gern schwarze Hemden zu schwarzen
bemerkt hätte. Wenige Tage vor wenige ihrer Vorgänger. Sie ließ die viel Jacketts und forscht seit Jahrzehnten zu
dem Ende des französischen befahrene Uferstraße an der Seine für Au- der Frage, wie die großen Städte dieser
Lockdowns ließ Bürgermeisterin Anne tos sperren, 30 Hektar neue Grünflächen Welt in Zukunft aussehen sollten. 2010
Hidalgo die Rue de Rivoli bis auf Weiteres in der Stadt anlegen und 20 000 Bäume wurde er für seine Arbeit mit dem Orden
für Autos sperren. Seither sind drei Spu- pflanzen. Dort, wo einst Autos parkten, ste- der »Légion d’Honneur«, der höchsten
ren ausschließlich für Fahrräder reserviert, hen nun Lavendel und Bambus, große und Auszeichnung, die der französische Staat
auf einer vierten dürfen Busse und Taxen kleine Bäume und üppig bepflanzte Blu- zu vergeben hat, geehrt. Inzwischen hat
fahren. menbeete. Mehr als 300 Kilometer Rad- er einen eigenen Lehrstuhl an der Sor-
Die Rue de Rivoli, Mitte des 19. Jahr- wege entstanden in ihrer ersten Amtszeit, bonne.
hunderts erbaut, ist eine zentrale Verkehrs- zudem 40 000 neue Sozialwohnungen. Schon während Hidalgos erstem Wahl-
achse und eine der schönsten Straßen der Hidalgo ist angefeindet worden für das, kampf für das Pariser Rathaus hat Moreno
Stadt: Sie verbindet das Rathaus mit dem was sie selbst die »ökologische Transfor- die Kandidatin beraten. Seit 2015 arbeitet
Louvre und führt auf ihrem letzten Stück mation der Stadt« nennt. Vor zwei Jahren er offiziell für sie. Die beiden sprechen
bis zur Place de la Concorde, vorbei an sahen die Umfragen nicht gut für sie aus, spanisch miteinander. »Unsere Zusammen-
Arkadengängen. die Wochenzeitungen veröffentlichten un- arbeit ist sehr direkt: Ich denke über be-
Es ist ein wenig so, als würde die Fifth schöne Titelgeschichten über sie, in denen stimmte Dinge nach und schicke ihr die
Avenue in New York zur autofreien Zone sie der Bürgermeisterin vorwarfen, die Ergebnisse. Anne macht dann damit, was
erklärt. Es ist ein neues Konzept von Stadt. Stadt zu verunstalten. Sie hat trotzdem sie will, das ist nicht mehr meine Sache.«
Aber es gefällt nicht allen. an ihrem Kurs festgehalten. Am vergan- Moreno wurde als Pionier für »Smart
Der Vorsitzende eines Automobilver- Cities« bekannt, er entwarf komplizierte
bands hat Hidalgo wild beschimpft. Ande- technologische Steuerungssysteme für Be-
re werfen ihr vor, sie wolle aus der Welt- Wenn alles gelingt, was leuchtungen und Ampeln – elektronisches
stadt Paris ein niedliches Dorf, ein zweites Feintuning, das Energie sparen und das
Amsterdam machen. Taxifahrer sind so
Hidalgo sich vorgenom- Leben in der Stadt angenehmer machen
wütend auf sie, dass sie den Namen der men hat, wird die Stadt sollte. Dank seiner Erfindungen ließ sich
Bürgermeisterin nicht mehr in den Mund bald eine andere sein. genau steuern, wie hell es in welcher Stra-
nehmen: »Sie hat schon wieder eine Straße ße um 17 Uhr nachmittags im Winter sein
sperren lassen.« – »Sie verstopft mit ihren sollte. »Und wenn in dieser Straße eine
Baustellen die gesamte Stadt.« – »Jetzt genen Sonntag erzielte Hidalgo bei der Schule lag, haben wir die Helligkeit ange-
will sie auch noch die Place de la Concorde zweiten Runde der Kommunalwahlen in hoben, damit sich Eltern wie Kinder sicher
zur Fußgängerzone machen.« Paris knapp 49 Prozent der Stimmen. Ein fühlten«, sagt er.
Offiziell ist die Sperrung zeitlich be- Triumph. Irgendwann allerdings hatte er keine
grenzt, um in der Coronakrise die Metro Ihre beiden wichtigsten Gegnerinnen, Lust mehr, seine Energie in die Optimie-
zu entlasten. Insgeheim aber vermuten die Kandidatin der Regierungspartei, rung von Licht und Ampelphasen zu ste-
viele, Hidalgo werde den Fahrradboule- Agnès Buzyn, und die ehemalige kon- cken. Moreno verkaufte seine Patente an
vard mitten in der Stadt nicht mehr ab- servative Justizministerin Rachida Dati, den damaligen Energiekonzern GDF Suez.
schaffen. Warum auch? Bisher hat sie sich ließ sie so weit hinter sich, dass niemand »Danach wollte ich etwas Sinnvolles mit
am Ende immer durchgesetzt. Weggefähr- mehr, trotz historisch geringer Wahlbetei- dem Rest meines Lebens machen. Ich be-
ten nennen sie eine Kriegerin, ihre Geg- ligung, ihren Erfolg kleinreden konnte. In- gann, mir grundsätzliche philosophische
ner beschimpfen sie als Ideologin. Corona zwischen wird Hidalgo von manchen so- Fragen zu stellen.«
verleiht ihren Ideen nun neuen Auftrieb. gar als potenzielle Kandidatin der Sozia- Er hinterfragte alles, was zur Topografie
Weltweit suchen Städte gerade nach listen für die Präsidentschaftswahlen 2022 moderner Städte gehört: Warum verbrin-
Konzepten, das Zusammenleben der Be- gehandelt. gen Menschen in großen Städten so viel
wohner neu zu organisieren. Und es sieht Wenn alles gelingt, was sie sich für ihre Zeit im Auto? Wieso sind viele Metropo-
so aus, als könnte Hidalgo sie ihnen lie- zweite Amtszeit, die kommenden sechs len in Wohn- und Büroviertel aufgeteilt,
fern. Jahre, vorgenommen hat, wird die Haupt- die oft kilometerweit auseinanderliegen?
Anne Hidalgo, 61 Jahre alt, Tochter ei- stadt bald eine andere sein. Und das nicht Morenos Büro liegt in einem Gebäude
nes Elektrikers und einer Schneiderin aus nur, weil 2024 die Olympischen Spiele in aus dem 17. Jahrhundert, in dem schon der
Spanien, kam als Zweijährige mit ihren El- Paris stattfinden sollen. deutsche Forscher Alexander von Hum-
tern nach Frankreich und wuchs in einem »Anne Hidalgo ist vollkommen angst- boldt wohnte. Er hat eine der spektaku-
Arbeiterviertel von Lyon auf. 2014 wurde frei«, sagt Carlos Moreno, ein hagerer lärsten Aussichten in dieser spektakulär
sie als erste Frau ins höchste Amt der Stadt Kolumbianer, der auch nach 40 Jahren in schönen Stadt. Aus einem Fenster zur Rue
Paris gewählt. Paris seinen spanischen Akzent nicht ab- de Seine sieht er einen Zipfel des Kuppel-

94 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


PATRICK SWIRC/ MODDS
PCA-STREAM

Bürgermeisterin Hidalgo, geplante Fußgängerzone auf der Place de la Concorde: »Ökologische Transformation«

95
Ausland

baus der Académie Française, die Fenster teln verankerten »Hubs« arbeiten jeweils tel – mit Arkadengängen und Höfen und
zum Fluss geben den Blick auf den am an- kleinere, inhaltlich zusammenhängende einer für alle zugänglichen Passage vom
deren Ufer gelegenen Louvre frei. Teams. Zuvor waren sie täglich in die Büro- Boulevard Morland bis hin zur Seine. Zu
»Schauen Sie raus«, sagt er, »vor zehn türme am Rande der Stadt gefahren. den Auflagen, die Hidalgos Stadtplaner
Jahren war das da noch eine wahre Auto- »Next Door« nennt der Konzern Bouygues den Investoren machten, gehörten außer-
bahn, die Leuten rasten Tag und Nacht das Experiment. dem der Bau einer Jugendherberge, einer
das Seine-Ufer entlang. Das können sie »Es ist einfach so«, sagt der britische öffentlichen Kinderkrippe und ein Anteil
nicht mehr, weil wir es ihnen verboten ha- Architekt David Chipperfield, »vor Covid- von Sozialwohnungen von mindestens
ben. Und? Niemand, auch keine der Ge- 19 sagte jeder, wir können die Art, wie wir 30 Prozent. Im Inneren der Anlage ist ein
genkandidatinnen im Wahlkampf, wollte leben, nicht so schnell ändern. Inzwischen Wochenmarkt mit Produkten aus regiona-
das wieder rückgängig machen. Aber wir wissen wir, dass das nicht stimmt. Die ler Herstellung geplant. Auf 6000 Qua-
dürfen jetzt nicht aufhören. Wenn Autos Pandemie hat unsere Wahrnehmung, was dratmeter Terrassenflächen sollen Kräuter,
die Hauptverursacher für CO² sind, müs- möglich ist und was nicht, total verändert.« Tomaten, Erdbeeren und Gemüse wach-
sen wir sie weiterhin aus der Stadt verban- Chipperfield sitzt während des Telefon- sen, aufgehängt an Kokosmatten mit Nähr-
nen, sie überflüssig machen.« gesprächs in seinem Apartment in London. flüssigkeit.
Nachdem Moreno seine Patente ver- In Berlin, Mailand und Shanghai unterhält In den oberen Etagen des Luxushotels,
kauft hatte, skizzierte er ein Konzept, das er weitere Büros; in New York, Zürich und das gerade auf dem Grundstück entsteht,
er »La ville du quart d’heure« nannte, die Paris entstehen gerade Projekte nach sei- wird es ein öffentliches Restaurant, ein
Stadt der Viertelstunde. Es geht davon aus, nen Entwürfen. Der 66-Jährige baut seit Café und eine Skybar mit einer Installation
alle notwendigen Bereiche des Lebens in Jahrzehnten in den Großstädten dieser von Ólafur Elíasson geben, außerdem eine
einer Stadt so zusammenzuführen, dass Welt. Die Zeit des Lockdowns verbrachte Ausstellungsfläche für zeitgenössische
vom Wohnort in einer Viertelstunde mög- der mehrfach ausgezeichnete Architekt in Kunst. Selbst im Spa-Bereich des Hotels
lichst viel erreichbar ist: Lebensmittelge- London. bleiben die Fünf-Sterne-Gäste nicht unter
schäfte und Märkte, die Schule der Kinder, »Was mich in diesen Wochen am meis- sich: Jeden Mittwoch sollen Schulkinder
deren Sport, Musik- und Theaterunter- ten erstaunt hat, war das Zentrum der des Viertels im Hotelpool schwimmen
richt. Und im Idealfall auch die Arbeit. Stadt. Es war menschenleer, es wohnt lernen können.
Eine ähnliche Idee gab es schon einmal, niemand mehr dort, die City wurde aus- Es ist ein sozialdemokratisch anmuten-
in den Sechzigerjahren entwickelte die in des Experiment, das die Stadt hier gerade
den USA lebende Kanadierin Jane Jacobs durchführt: Der Quadratmeterpreis der
das Modell einer polyzentrischen Stadt, Chipperfield-Wohnungen mit Dachterras-
in der die künstliche Trennung von Woh- »Die Pandemie hat unsere sen und atemberaubendem Blick auf No-
nen, Arbeit und Freizeit aufgehoben wird Wahrnehmung, was tre-Dame und die Seine-Insel St. Louis
und in der man wieder zur gemischten liegt bei 16 000 Euro. Aber ihren Bewoh-
Nutzung von Gebäuden zurückkehrt. möglich ist und was nicht, nern wird auferlegt, ihre Welt auch an-
Wenn Morenos Konzept aufgeht, haben total verändert.« deren zu öffnen.
alle mehr Zeit, brauchen nicht mehr täg- Der Mann, der sich diese Formel unter
lich zwei Stunden für die Hin- und Rück- anderem ausgedacht hat, sitzt in einem im-
fahrt zur Arbeit und verpesten die Luft verkauft, an Touristen, an Geschäftsleute. posanten, sechs Meter hohen Büro im Pa-
weniger. Deshalb gibt es für mich eine zentrale riser Rathaus mit Marmorkamin und holz-
»Natürlich bedeutet das auch, dass sich Frage: Wie können wir nach wie vor In- vertäfelten Wänden. Von Weitem sind Kir-
die Infrastruktur einer Stadt ändern muss«, vestoren anziehen, aber kontrollieren, chenglocken zu hören. Jean-Louis Missika
sagt Moreno. »Als ich vor vier, fünf Jahren was sie tun?« ist im Team von Bürgermeisterin Hidalgo
anfing, den Leuten davon zu erzählen, hat An diesem Punkt, an dieser Diskussion, seit sechs Jahren für urbane Entwicklung
man mich ausgelacht und wie einen Spin- sagt Chipperfield, werde sich die Zukunft und Architektur zuständig. Missika ist
ner behandelt. Es sei eine Utopie, Arbeit der Innenstädte entscheiden. Vor zehn Jah- jetzt 69 Jahre alt, demnächst will er in den
und Wohnen näher zusammenzubringen. ren habe jeder Bürgermeister noch so viele Ruhestand gehen. Aber das hat er schon
Die Pandemie hat alles verändert. Inner- Touristen und so viele Bauprojekte wie öfter gesagt.
halb von 48 Stunden arbeiteten alle von möglich gewollt. »Die Städte waren Geld- »Das klassische Modell für ein Baupro-
zu Hause. Und brauchten genau eine Mi- maschinen, eines der letzten Geschäftsfel- jekt wie Morland wäre eine strikte Auftei-
nute zu ihrem Arbeitsplatz.« der, die noch funktionierten. Aber wer will lung in verschiedene Gebäude gewesen«,
Was unmöglich schien, ist in der Coro- schon in einer Geldmaschine wohnen?« sagt Missika. »Hier die Wohnungen, dort
nakrise Realität geworden. Das hat Folgen. In Paris wird nach Entwürfen des Briten die Büros, an einer anderen Stelle das
Die zwei Monate, in denen die Welt still- gerade eines der größten innerstädtischen Hotel. Das Neue an diesem Programm ist,
stand, werden, danach sieht es aus, die Ar- Bauvorhaben fertiggestellt: der Umbau dass wir zehn verschiedene Nutzungen in
beitswelt vieler nachhaltig verändern. Zu- der ehemaligen Polizeipräfektur am Bou- ein und demselben Haus unterbringen.
mindest rufen gerade ziemlich viele Leute levard Morland im vierten Arrondisse- Weil wir Leben in der Stadt haben wollen
bei Moreno an. ment. Das Projekt wird auf einen dreistel- und keine Reichengettos.«
Mailand will die »Stadt der Viertelstun- ligen Millionenbetrag geschätzt, Bauherr Aus demselben Grund hat die Stadt eine
de« umsetzen, Bordeaux interessiert sich ist der französische Immobilienkonzern eigene Immobiliengesellschaft gegründet.
dafür, Anne Hidalgo hat das Konzept ver- Emerige, der mit Chipperfield den ausge- Sie will nun Grundstücke und Häuser zu-
bindlich in das Programm für ihre zweite schriebenen Wettbewerb gewann – auch, rückkaufen, um sie danach günstiger zum
Amtszeit aufgenommen. Mehrere franzö- weil der sich auf alle Vorgaben der Stadt Verkauf anbieten zu können: für 5000
sische Großunternehmen starteten in Paris eingelassen hatte. Euro den Quadratmeter statt der wahn-
Modellversuche, bei denen sie bis zu 3000 Das Projekt Morland ist der Versuch, witzigen 10 000 Euro, die mittlerweile als
Mitarbeitern wohnnahe Arbeitsflächen anders zu bauen, nicht nur Wohnraum Durchschnittsquadratmeterpreis für Eigen-
mit firmeninterner Software und Ausstat- und Büroflächen zu schaffen, sondern tumswohnungen in Paris gehandelt wer-
tung anbieten. In diesen in den Wohnvier- auch einen neuen öffentlichen Ort im Vier- den. Das geht auch deshalb, weil die Stadt

96 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


Eigentümerin von Grund und Boden
bleibt und nur die Häuser verkauft.
Der Kampf um bezahlbaren Wohnraum
wird ein großes Thema der kommenden
Amtszeit Hidalgos sein. »Schwierig, aber
es gibt Werkzeuge, dagegen anzugehen«,
sagt Missika.
Mehr Sorgen machen den Stadtplanern
die Folgen des Klimawandels. Wenn in Pa-
ris demnächst nicht Maßnahmen ergriffen
werden, so die Prognose einer neuen Stu-
die, veröffentlicht in den »Environmental
Research Letters«, ist im Jahr 2050 im
Sommer regelmäßig mit Temperaturen
von 40 Grad und mehr zu rechnen. Eine
Vorahnung bekamen die Pariser bei der

PCA-STREAM
Hitzewelle im vergangenen Jahr, bei der
an einem Juli-Nachmittag die Temperatur
von 42,6 Grad gemessen wurde – ein his-
Umbau der Champs-Élysées (Simulation): Im Sommer Temperaturen weit über 40 Grad torischer Rekord.
Paris ist eine dicht bebaute, steinerne
Stadt, in der es auch am Abend nie ab-
kühlt. In keiner anderen europäischen Me-
tropole gibt es so wenig Grünflächen wie
hier: Umgerechnet sind es in den 20 Pari-
ser Arrondissements nur 5,6 Quadratme-
ter pro Bewohner. Selbst die New Yorker
haben mehr Luft und Grün mit 24,5 Qua-
dratmetern pro Kopf, in London sind es
sogar 63 Quadratmeter pro Einwohner.
Um den zu erwartenden Temperatur-
anstieg in der Stadt bis Ende des Jahr-
hunderts von 2,5 bis 3 Grad zumindest auf
SAMUEL BOIVIN/ NURPHOTO/ PICTURE ALLIANCE

2 Grad Celsius abzusenken, müsste man


in Paris jedes zehnte Gebäude abreißen
und durch einen Park ersetzen, so haben
es Wissenschaftler der ȃcole des Ponts
ParisTech« errechnet.
In den Schubladen von Jean-Louis Mis-
sika liegt ein Projekt, das weniger radikal
ist, aber trotzdem für viel Ärger sorgt: In
den kommenden Jahren sollen die Place
de la Concorde, die Champs-Élysées und
Verkehrsberuhigte Rue de Rivoli: Fahrradboulevard mitten in der Stadt der Platz rund um den Triumphbogen be-
grünt werden. Für Fußgänger sind breite
Flanierboulevards vorgesehen, Autos müs-
sen an die Ränder ausweichen.
Erste Pläne zeigen ziemlich viele Bäu-
me und an der Place de la Concorde einen
neuen hellen Straßenbelag anstatt der
historischen Pflastersteine, um die Hitze
abzuhalten. An dem heute noch viel be-
fahrenen Kreisverkehr am Triumphbogen
soll es Picknickplätze geben. Denkmal-
schützer und Kunsthistoriker wollen die
»anarchische Begrünung, mit der man
meint, den klimatischen Herausforderun-
gen begegnen zu müssen«, um jeden Preis
verhindern.
»Und dann, was machen wir dann?«,
fragt Stadtplaner Missika. »Im Sommer
DAVID CHIPPERFIELD

messen wir an der Concorde bis zu


60 Grad. Vielleicht müssen wir uns ein-
fach an den Gedanken gewöhnen, dass
wir diese Stadt verändern müssen, um
sie zu retten.« Britta Sandberg
Chipperfield-Entwurf Morland: Wohnungen für 16 000 Euro pro Quadratmeter

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10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18.
Hertha Union Schalke FSV Mainz 1. FC FC Werder Fortuna SC
BSC Berlin 04 05 Köln Augsburg Bremen Düsseldorf Paderborn

62 26 124 49 48 38 72 32 14
Quelle: DFL * Geschäftsjahr der Saison 2018/19 bzw. Kalenderjahr 2019 (Gladbach, Leverkusen, Frankfurt, Schalke)

Geld schießt Tore, so lautet eine Fußballerweisheit. In der Tat schneiden Bundesligaklubs mit dem höchsten Personal-
aufwand auch am besten ab. Aber es gibt Ausreißer: In diesem Jahr performte Freiburg überdurchschnittlich gut,
Bremen eher schlecht. Die aktuellsten Zahlen stammen aus der Saison 2018/19, sie veränderten sich zur gerade ab-
gelaufenen Spielzeit meist nur leicht, bei den Aufsteigern Paderborn, Köln und Union Berlin allerdings kräftiger.

treten, Persönlichkeit sowie körperliche


In acht Jahren an die Spitze Verfassung. Auch der Schwierigkeitsgrad
eines Spiels fließt mit ein. Je höher die
Gut zu wissen Wie schaffen es Unparteiische in die Bundesliga? Liga, desto häufiger finden Beobachtun-
gen statt. Nach der Begegnung wird das
Auftreten des Unparteiischen gemeinsam
 Der Kampf gegen Rassismus, öffentliche Ähnlich wie die Mannschaften befin- besprochen, eine detaillierte schriftliche
Debatten über die Handspielregel, schließ- den sich auch Schiedsrichter in einem Beschreibung der Leistung folgt einige
lich die Herausforderungen der Geister- Wettbewerb. Sie können aufsteigen, Tage später. Am wichtigsten ist die verge-
spiele: Kaum jemals zuvor hatten es die absteigen oder in der jeweiligen Spiel- bene Note, auf ihrer Grundlage wird eine
Schiedsrichter der deutschen Profiligen so klasse bleiben. Darüber entscheiden Rangliste erstellt, die bei der Entschei-
schwer wie in der abgelaufenen Saison – die Schiedsrichterbeobachter. Sie bewer- dung über Auf- und Abstieg das meiste
obwohl sie dank Torlinientechnik und ten die Anwendung der Regeln, Auf- Gewicht besitzt.
Videoassistent neuerdings über moderne Neben den Noten fließen auch die
technische Hilfsmittel verfügen. Aber wie Persönlichkeit, das Abschneiden auf
schwer ist es überhaupt, in die Elite der Lehrgängen und die Perspektive, die ein
Bundesliga-Schiedsrichter aufzusteigen? Schiedsrichter aufgrund seines Alters
Als Grundlage müssen alle Anwärter hat, in die Bewertung mit ein. Fröhlich
Schulungen besuchen und eine Regel- sagt: »Wer in die Bundesliga kommen
prüfung bestehen. Der Deutsche Fußball- möchte, sollte mit Ende zwanzig, Anfang
Bund (DFB) empfiehlt dafür ein Min- dreißig in der dritten Liga angekommen
ANKEWAELISCHMILLER/ SVEN SIMON

destalter von zwölf Jahren. Meist folgen sein.« Das bedeutet, dass sehr früh
danach Einsätze im Jugendbereich, viel Zeit in das Hobby investiert werden
bei denen erfahrene Kollegen die Neulinge muss. Theoretisch kann man in
betreuen. Lutz Fröhlich, Sportlicher sieben bis acht Jahren in die Bundesliga
Leiter der Elite-Schiedsrichter beim DFB, aufsteigen.
sagt: »Voraussetzung ist, dass jemand Doch der Ehrgeiz lohnt sich: Die Be-
Spaß am Fußball hat, gern Entscheidungen zahlung reicht von rund 15 Euro für
trifft und bereit ist, Verantwortung zu ein D-Junioren-Spiel bis zu 5000 Euro
übernehmen.« Erstliga-Schiedsrichter Benjamin Cortus für eine Partie der Bundesliga. MAS

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 99


Sport

CARLOS BARRIA/ REUTERS


Olympiateilnehmerin Saizewa bei Sotschi 2014

»All diese Lügen«


Doping Seit mehr als fünf Jahren beschäftigen russische Manipulationen den Weltsport. Nun
ist der untergetauchte Whistleblower des Skandals selbst ins Zwielicht geraten.
Neue Indizien legen den Verdacht nahe, dass er es mit der Wahrheit nicht immer so genau nahm.

A
uch heute, mehr als fünf Jahre per gelangt, weshalb ich meine Trinkfla- Saizewa sagt, sie habe »niemals, nie-
nach ihrem Karriereende, trinke schen stets bei mir hatte. So konnte ich si- mals, niemals, niemals, niemals« in ihrem
sie nicht aus angebrochenen Was- chergehen, dass mir niemand etwas unter- Leben gedopt, »und wenn es sein muss,
serflaschen, sagt Olga Saizewa. mischt.« Als Saizewa im Januar 2015 ihre wiederhole ich das gern eine Million Mal«.
Selbst wenn sie bei guten Freunden zu Be- Laufbahn beendete, nach Hunderten Wett- Zusammen mit zwei anderen Biathletin-
such sei, lasse sie sich stets eine neue brin- kämpfen und unzähligen Dopingtests, galt nen, die ebenfalls vom IOC gesperrt wur-
gen. »Eine alte Angewohnheit«, gesteht sie als saubere Athletin. den, ging Saizewa gegen die Entscheidung
sie und lacht leise. In diesen Tagen entscheiden drei Rich- in Berufung.
Saizewa, 42, blonde Locken und schma- ter am Sportgerichtshof Cas im schweize- Vordergründig ist das Verfahren nur ein
le Augen, hat diese Marotte beibehalten rischen Lausanne, ob diese Aussage weiter weiteres Kapitel im endlosen russischen
aus ihrem früheren Leben. Die Russin war Bestand hat. Denn: Das Internationale Dopingskandal, der seit über fünf Jahren
eine der besten Biathletinnen der Welt, Olympische Komitee (IOC) hat die Russin den Weltsport beschäftigt. Doch es steht
wurde Olympiasiegerin. Und war somit Ende 2017 lebenslang gesperrt, wegen Ver- mehr auf dem Spiel, denn es geht auch um
fast rund um die Uhr auf dem Radar von stößen gegen die Anti-Doping-Richtlinien. die Glaubwürdigkeit des wichtigsten Kron-
Dopingkontrolleuren. Saizewa habe von einem Betrugssystem zeugen des Massenbetrugs. Folgt das
Aus Sorge, etwas Verbotenes einzuneh- profitiert, das auf Geheiß des Staates bei Gericht den Russinnen, könnte dies einen
men, habe sie besondere Vorsichtsmaß- den Olympischen Winterspielen 2014 in Dominoeffekt auslösen. Weitere Klagen
nahmen getroffen: »Als Sportlerin war ich Sotschi massenhaftes russisches Doping sind anhängig, in New York streiten die
dafür verantwortlich, was in meinen Kör- verschleierte. Biathletinnen etwa um 30 Millionen Dollar,

100 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


sie monieren, dass ihre Namen, Das IOC sanktionierte deshalb den deutschen Skiverband ein; 2009 for-
ihre Siege und Ehrungen grundlos vor drei Jahren 43 der Sportler derte er nach Dopingenthüllungen den
diffamiert worden seien.
Mehrere Beweismittel der
Schweizer Prozessakte, die der
43 Athleten
und strich ihre Namen aus den
Ergebnislisten von Sotschi.
Fast alle gingen in Revision,
Ausschluss russischer Biathleten von
Olympia. Dann ließ er sich von ihnen ver-
pflichten, wurde 2011 Cheftrainer und
SPIEGEL in den vergangenen hat das IOC wegen 28 von ihnen erfolgreich. Die übernahm später eine fünfköpfige Trai-
Wochen einsehen konnte, stüt- mutmaßlicher Indizien reichten nicht aus für ningsgruppe, darunter Saizewa.
zen nicht nur Saizewas Unschuld. Beteiligung den Nachweis eines Dopingver- Das Basislager wurde in Pichlers Hei-
Sie werfen auch die Frage auf, am Dopingsystem gehens, hieß es in der Begrün- mat Ruhpolding eingerichtet, Trainings-
wie glaubhaft die Aufarbeitung in Sotschi gesperrt. dung. Nun stehen noch drei Ur- camps fanden meist in der EU statt. »Wir
des Sotschi-Komplotts wirklich 42 von ihnen teile aus: die für die Biathletin- waren fast ausschließlich unter der Kon-
war. Ob man womöglich dem gingen am nen um Olga Saizewa. trolle der Wada«, sagt Pichler. Zudem
Whistleblower des Skandals all- Weltsportgerichts- Rodtschenkows Schilderungen habe er seinen Schützlingen an jedem Trai-
zu sehr geglaubt hat. hof in Berufung. nennt Saizewa »eine Fantasie- ningstag Blut entnommen, um anhand der
Der Fall ist längst zum Politi- geschichte«. Sie habe ihn nie in Werte die Belastungsgrenzen auszutarie-
kum geworden. In den vergange- ihrem Leben gesehen, sagt sie bei ren. Hätte einer seiner Schützlinge gedopt,
nen Jahren beugten sich Foren-
siker und Sonderermittler über
Urinproben und wissenschaft-
28
wurden bisher
einem Videotelefonat aus Mos-
kau. Warum er sie dennoch ex-
plizit in Dokumenten erwähne,
wäre ihm das aufgefallen, meint er.
Und der Cocktail? »Ein Hirngespinst«,
so Pichler. Das habe er auch bei der Anhö-
liche Auswertungen, Parlamente wieder in einem Fall sogar ein Treffen rung in Lausanne gesagt.
und Staatsoberhäupter verurteil- freigesprochen. mit ihr schildere? »Ich habe kei- In Sotschi wurden Saizewa vier Doping-
ten Russlands Systembetrug oder 11 Athleten ne Erklärung für all diese Lü- proben entnommen, dreimal Urin, einmal
stritten ihn kategorisch ab. Der bleiben gesperrt, gen«, so Saizewa, »außer dass er Blut. Bei Nachanalysen fiel eine Urinprobe
alte Konflikt zwischen Ost und drei Verfahren wohl verrückt ist.« auf, sie wies aus Sicht der Ermittler eine
West brach wieder auf, dazwi- laufen noch. Laut Rodtschenkow habe Sai- zu hohe Salzkonzentration auf.
schen die heillos überforderten zewa mit dem Blutmittel Epo ge- Doch ein Hinweis auf Manipulation sei
Verbände. dopt und – wie viele russische das noch nicht, urteilen Experten. In den
Fest steht, dass viele russische Sportler Medaillenkandidaten – den »Herzogin- Lausanner Prozess fanden zwei Gutachten
jahrelang manipuliert haben. Seit 2015 ist Cocktail« erhalten, ein Gemisch aus drei Eingang, eines davon stammt von einem
daher der russische Leichtathletikverband anabolen Steroiden. renommierten New Yorker Institut; sie sa-
suspendiert. Die Welt-Anti-Doping-Agen- »Alles nicht wahr«, sagt Saizewa. gen aus, dass eine natürliche Ursache für
tur Wada empfahl 2019, Russlands Flagge Auch für Wolfgang Pichler, 65, ist die Saizewas Salzwert nicht auszuschließen
und Hymne für vier Jahre von Olympi- Geschichte von »diesem Cocktail totaler sei. Saizewa sagt, sie habe sich stets sehr
schen Spielen und anderen Großereignis- Schmarrn«. Der Oberbayer gilt als einer salzhaltig ernährt, viel Räucherlachs und
sen zu verbannen. Grund sind wiederholte der besten Biathlontrainer der Welt – und roten Kaviar, der in der Kantine des Olym-
Finten aus Moskau, die Aufarbeitung des als Verfechter eines dopingfreien Sports. pischen Dorfs serviert worden sei.
Dopingskandals zu behindern. Nach der Wende setzte er sich gegen die Das IOC hat Saizewas Blutprobe erneut
Dazu zählt auch der Pfusch, der 2014 Übernahme belasteter DDR-Trainer in überprüft – mit negativem Befund. Dort
bei Olympia in Sotschi passiert sein soll.
Das Wissen darüber beruht zu weiten Tei-
len auf den Schilderungen und Aufzeich-
nungen eines Kronzeugen: Grigorij Rodt-
schenkow, 61. Der Chemiker leitete bis
2015 das Moskauer Dopingkontrolllabor,
bevor er sich in die USA absetzte. Dort
breitete Rodtschenkow in der »New York
Times« aus, wie in Sotschi vorgeblich ver-
fahren wurde. Demnach wurde bei den
Winterspielen dopingbelasteter Urin rus-
sischer Medaillenkandidaten heimlich ge-
gen sauberen ausgetauscht, mutmaßlich
unter Mithilfe des russischen Geheimdiens-
tes FSB. Rodtschenkows Leben war so
NETFLIX/ EVERETT COLLECTION/ DPA

bunt, dass Netflix es unter dem Titel »Ika-


rus« verfilmte.
Die Wada setzte einen Sonderermittler
ein, in nachträglichen Analysen russischer
Urinproben aus Sotschi fanden sich Hin-
weise für die Harnpanscherei. Letztlich
blieb es aber eine Indizienkette, die aus-
reichen musste, Doper zu überführen.
Rodtschenkow nannte in mehreren eides- Informant Rodtschenkow um 2014
stattlichen Versicherungen Namen von
Sportlern, die in Sotschi gedopt gewesen »Der Vorwurf, es handle sich um Fälschungen, ist
sein sollen, und präsentierte Listen mit
Athleten, die laut seiner Aussage durch russische Dummheit«, sagt Anwalt Jim Walden.
das Sportministerium geschützt wurden.

101
müssten Spuren von Epo- oder Mit der Initiative würde sich die
Anabolikadoping zu finden USA unabhängiger von der Wada
sein, wenn Saizewa betrogen machen, die nach Meinung vieler
hat. Schließlich wurden die Experten in der Causa Russland zu
Blutproben bei Olympia, an- spät und zu schwach agiert hat.
ders als der Urin, nicht heim- Dazu passt, dass das Weiße Haus in
lich ausgetauscht. der vergangenen Woche künftige
Rodtschenkows Einlassun- Zuwendungen für die Wada infrage
gen zu Olga Saizewa gehen gestellt hat. Derzeit liegen sie bei
über Sotschi hinaus. So be- 2,7 Millionen Dollar im Jahr.
hauptet er, die Biathletin habe Es drohen tektonische Verschie-
Ende 2014 auf Anordnung des bungen im weltweiten Anti-Doping-
Sportministeriums ihre Karrie- Kampf. Die USA als globale Do-
re beendet, da sich ihre Blut- pingpolizei, initiiert durch Rodt-
werte nicht normalisiert hät- schenkows Geschichte? Das klingt
ten. Tatsächlich verkündete ziemlich abenteuerlich, weil die Ver-
Saizewa im Januar 2015 ihren einigten Staaten selbst oft genug
Rücktritt. »Ich war schwan- weggesehen haben, wenn Athleten
ger«, sagt sie, sonst nichts. Im des eigenen Landes unter Verdacht
Oktober kam ihr zweiter Sohn standen.
zur Welt. Die Russen erwarten jetzt zu-
In diesen Kontext fällt auch nächst einen Beweis dafür, dass
eine weitere Urinprobe, die Rodtschenkow überhaupt noch am
das IOC ins Verfahren gegen Leben sei. Denn man sei auf Un-

YURIY CHICHKOV/ DER SPIEGEL


Saizewa eingeführt hat. Sie stimmigkeiten gestoßen. In das
stammt aus dem Oktober 2014 Lausanner Verfahren hatte das IOC
– und enthält DNA von zwei zunächst neun eidesstattliche Versi-
Menschen. Die von Saizewa. cherungen Rodtschenkows einge-
Und die eines Mannes, wie bracht. Doch die Dokumente seien
sich später herausstellte. Für vermutlich nicht von ihm persönlich
die Olympiaermittler das nächs- Gesperrte Saizewa in Moskau unterschrieben worden, heißt es
te Betrugsindiz. aus Reihen der Verteidigung. Meh-
Saizewa sagt, sie sei scho- »Es ist, als würde man mich des Mordes rere Gutachten, die der SPIEGEL
ckiert gewesen, als sie davon einsehen konnte, stützen diesen
erfahren habe: »Was meinen beschuldigen, obwohl ich Verdacht.
Sie, wie das ist, wenn man sei- niemandem etwas getan habe.« Ein digitalforensisches Gutachten
nem Ehemann sagen muss, kommt zu dem Schluss, dass auf
dass männliche DNA im eige- zwei eidesstattlichen Versicherun-
nen Urin gefunden wurde? gen nur eine Fotodatei von Rodt-
Diese Geschichte hätte meine Familie zer- ständigt, zunächst das Cas-Urteil abzuwar- schenkows Unterschrift eingefügt wurde.
stören können.« Es brauchte Jahre, bis die ten. Die russische Seite setzt darauf, dass Die anderen sieben seien zwar per Hand
Fremd-DNA identifiziert werden konnte. ein Freispruch in Lausanne auch den Pro- unterzeichnet, doch – so bilanzieren es
Sie stammte von Saizewas Gatten. So steht zess in den USA zu ihren Gunsten beein- zwei vorgeblich unabhängige Experten –
es in forensischen Gutachten, die der flussen könnte. handle es sich dabei wahrscheinlich nicht
SPIEGEL einsehen konnte. Wahrscheinlich Jim Walden vertritt Grigorij Rodtschen- um Rodtschenkows Handschrift.
sei demnach, dass das Paar kurz vor der kow, der New Yorker Anwalt sieht das na- Steckt mehr dahinter als ein russisches
Dopingkontrolle Geschlechtsverkehr hatte. turgemäß völlig anders. »Die Klage der Ablenkungsmanöver? Als die Verteidi-
Ja, sagt Saizewa, sie habe zu der Zeit Russen hat null Chancen zu überleben, gung am ersten Verhandlungstag vor dem
versucht, schwanger zu werden. Ihr Ruf selbst wenn der Cas das IOC-Urteil auf- Cas im März Zweifel an der Authentizität
sei durch das Verfahren ruiniert, sagt sie: hebt«, sagt Walden, 54. der Signaturen äußerte, legte das IOC in-
»Es ist, als würde man mich des Mordes Walden spricht für den Whistleblower, nerhalb von 24 Stunden eine neue eides-
beschuldigen, obwohl ich niemandem et- der untergetaucht ist. Rodtschenkow be- stattliche Versicherung des untergetauch-
was getan habe.« findet sich im amerikanischen Zeugen- ten Rodtschenkow vor.
Zusammen mit den anderen beschuldig- schutzprogramm, aus Sorge vor russischer Darin geht er aber nicht darauf ein,
ten Biathletinnen hat sie zum Gegenschlag Vergeltung. »Sie haben versucht, ihn um- wie die Unterschriften auf den anderen
ausgeholt und bei dem New Yorker Ge- zubringen«, sagt Walden, »und nun kom- Dokumenten zustande kamen. Rodtschen-
richt Klage gegen Rodtschenkow einge- men sie mit solchen Anschuldigungen – kow bestätigt nur die darin getätigten Aus-
reicht. An den Verfahrenskosten für die sie wissen wohl, dass sie sich wie Gangster sagen.
Sportlerinnen beteiligt sich Michail Pro- aufführen.« Auf die Ungereimtheiten angesprochen,
chorow, eine ebenso schillernde wie ein- In den USA wird dem Whistleblower, schüttelt Jim Walden lächelnd den Kopf:
flussreiche Person. Der russische Milliar- anders als in seiner Heimat, gehuldigt. Mit »Das ist lächerlich. Herr Rodtschenkow
där war früher Präsident des russischen dem »Rodchenkov Act« trägt ein Geset- hat uns autorisiert, eine elektronische Un-
Biathlonverbands und besaß unter ande- zesentwurf seinen Namen. Er sieht vor, terschrift einzufügen. Der Vorwurf, es
rem die Brooklyn Nets, ein Team aus der dass amerikanische Behörden Doping in- handle sich um Fälschungen, ist russische
US-Basketballliga NBA. ternational als Straftat verfolgen können. Dummheit. Wahrheit ist in Russland re-
Momentan ruht das New Yorker Ver- Die Vorlage hat bereits das Repräsentan- lativ.« Thilo Neumann
fahren. Beide Seiten haben sich darauf ver- tenhaus passiert.

102 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


Sport

Dick im
jährlich, plus Prämien. Sollte er mit der für Tedesco bezahlt. 2018/19 folgte aber
Mannschaft die Qualifikation für die der Absturz. Nach 25 Spieltagen stand die
Champions League schaffen, würde sich Mannschaft auf dem 14. Tabellenplatz,

Geschäft
der Vertrag um weitere zwei Jahre ver- Tedesco wurde freigestellt. Schalke be-
längern. zahlte ihn weiter.
Genau dieser Fall trat ein. Tedesco Eine Episode, die Fragen aufwirft. Wa-
führte Schalke auf Rang zwei und damit rum annullierte der Verein im Sommer
Vereine Nordrhein-Westfalen in den internationalen Wettbewerb. Laut 2018, scheinbar ohne Not, den Ursprungs-
könnte mit Steuergeldern Vertrag steigerte sich sein Grundgehalt vertrag mit Tedesco? Musste der Aufsichts-
auf 1,8 Millionen Euro pro Jahr, für das rat den Deal absegnen, und falls ja, warum
für Schalke 04 bürgen. Nötig Erreichen der Champions League gab es stimmte er den neuen, üppigen Kondi-
ist das wohl, weil der 500 000 Euro Prämie. tionen für Tedesco zu? Der Verein teilte
Klub sein Geld verprasst hat. Schalke befand sich damit im Sommer dem SPIEGEL mit, diese Fragen nicht zu
2018 in einer komfortablen Situation. beantworten.
Tedesco war für drei weitere Jahre gebun- Am 14. Oktober 2019, rund ein halbes

F ast 198 Millionen Euro an Verbind-


lichkeiten meldete der FC Schalke
04 zum Abschluss des Geschäftsjah-
res Ende 2019. Dann kam Corona. Mitt-
den. Das reichte einigen offenbar nicht.
Wenige Wochen nach der Verlängerung
löste der Verein den Vertrag auf.
Stattdessen unterschrieb der Trainer
Jahr nach seiner Freistellung, wurde Tedes-
co als neuer Trainer bei Spartak Moskau
vorgestellt. Auf denselben Tag datiert auch
sein Aufhebungsvertrag mit Schalke, ein
lerweile droht dem Verein der Kollaps. einen neuen Kontrakt, Laufzeit vier Jahre. lukratives Abschiedsgeschenk. Laut Ver-
Wie der Traditionsverein in eine finan-
zielle Schieflage solch eklatanten Aus-
maßes hineinrutschen konnte, ist schwer
begreiflich. In der Ära von Aufsichtsrats-
chef Clemens Tönnies spielte er häufig in
internationalen Wettbewerben und kas-
sierte dabei ordentlich; Sponsoren wie der
Energiekonzern Gazprom pumpen viele
Millionen in den Verein; viele Bundesliga-
spiele sind ausverkauft. Dennoch taumelt
Schalke – und muss nun ohne Tönnies, der
in der Vergangenheit bei Liquiditätseng-

JÜRGEN FROMME/ FIRO SPORT/ PICTURE ALLIANCE


pässen mit Krediten ausgeholfen hat, die
Krise durchstehen. Der unter Beschuss
geratene Fleischfabrikant hat am Dienstag
sein Amt niedergelegt.
Inzwischen beschäftigt der Fall auch
die Politik. Das Land Nordrhein-Westfalen
will dem Verein wohl eine Bürgschaft über
bis zu 40 Millionen Euro gewähren – Profi-
fußball am Tropf des Steuerzahlers.
Wie konnte es so weit kommen? Eine
mögliche Erklärung liefert ein Prozess am
Landgericht Essen, der kommende Woche Trainer Tedesco (r.) mit Schalke-Sportvorstand Christian Heidel: Üppige Konditionen
verhandelt werden soll. Er gibt einen Ein-
druck davon, wie sorglos Schalker Funk-
tionäre mit Vereinsgeldern umgingen. Fixgehalt: 2,5 Millionen Euro. Tedesco einbarung garantierte ihm Schalke eine
Vordergründig ist der Fall unspektaku- war dick im Geschäft. Nur einer bekam Abfindung von 1,5 Millionen Euro, hinzu
lär: Ein Spielerberater klagt, weil er der kein Geld mehr – der ehemalige Berater kommen mögliche Zahlungen in Höhe von
Ansicht ist, dass ihm Schalke zu Unrecht des Trainers. Da der erste Vertrag mit insgesamt einer Million Euro – obwohl
Geld vorenthält. Der Mann hatte 2017 Tedesco nicht mehr gültig sei, habe der Tedesco auch in Russland offenbar eine
dabei geholfen, Domenico Tedesco als Vermittler auch keinen Anspruch auf wei- Millionengage bezieht.
Trainer vom Zweitligisten Erzgebirge Aue tere Zahlungen, so die Schalker Argumen- Nun, kein Dreivierteljahr später, scheint
nach Gelsenkirchen zu holen. Das dafür tation laut Prozessakten. Unverständlich bei Schalke das Geld so knapp zu werden,
fällige Vermittlerhonorar sollte laut schrift- für den Kläger, der in einem Schriftsatz dass wohl nur eine Landesbürgschaft hel-
licher Vereinbarung gestaffelt ausgezahlt darlegt, dass der Verein Tedesco ja wei- fen kann. Ob sie auch für Beraterhonorare
werden. Doch nach einer Saison stellte terbeschäftige und somit von seiner Arbeit aufkäme? 2019 lagen diese bei Schalke laut
Schalke die Überweisungen ein. profitiere. einem Bericht der Deutschen Fußball Liga
Der Streitwert in dem Verfahren beträgt Ein Dokument aus dem Verfahren legt bei mehr als 16 Millionen Euro, das ist der
einige Hunderttausend Euro; kein Aufreger zudem den Verdacht nahe, dass Schalke dritthöchste Wert aller Erstligisten. Meh-
in der Fußballbranche. Bemerkenswert sind für den neuen Deal mit dem Trainer einem rere Berater sollen nach SPIEGEL-Infor-
aber die Beweismittel, die der SPIEGEL ein- zweiten Berater eine Vermittlungsprovi- mationen seit Langem auf die Überwei-
sehen konnte – Tedescos Arbeitsverträge. sion bezahlt hat. Für einen Trainer, der sung warten, Schalke habe Zahlungsfristen
Tedesco, heute 34, hatte gerade einmal wohlgemerkt bereits seit einem Jahr im verstreichen lassen. Auch hierzu wollte
elf Spiele als Profitrainer absolviert, als er Verein war. Schalke 04 sich nicht äußern.
2017 für zwei Jahre in Gelsenkirchen un- Während sich der alte Berater geprellt Thilo Neumann
terschrieb, Fixgehalt: 1,08 Millionen Euro sieht, machte sich die neue Einigung

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Wissen

MIGUEL MEDINA/ AFP


Eine weiße Decke auf dem Presena-Gletscher in den italienischen Alpen soll sicherstellen, dass die Skifahrer auch in
der nächsten Saison auf ihre Kosten kommen. Ohne die Geotextilplanen, die das Sonnenlicht reflektieren, würde
der Schnee darunter schmelzen – und die Rennpiste wäre wegen der globalen Erwärmung dahin. Die Eisfläche, die
zum Schutz abgedeckt wird, hat die Ausmaße von 14 Fußballfeldern und wird im September wieder freigegeben.

Gespickt mit Knochen


ren musste, der eine oströmische Münze entdeckte und daher
laut Berichterstattung in »Bild«, »Stuttgarter Zeitung« und
anderen Medien auch so einen »Sensationsfund« machte. In
Wahrheit wurde das Geldstück auf einen Sammlerwert von
Analyse Warum es übertrieben ist, fast jede archäo- »etwa 10 Euro« taxiert; der Junge durfte es behalten, womit klar
logische Entdeckung zur Sensation hochzujubeln war, dass die Münze alles andere als selten ist und ihre wissen-
schaftliche Bedeutung gegen null tendiert.
 Es gibt Wörter, die immer mehr an Wert verlieren. Eines heißt Archäologische Entdeckungen kommen meist auch nicht wirk-
»Sensationsfund« und wird in den Medien gern bemüht, wenn lich »unerwartet«, wie das Wort »Sensation« laut Duden unter-
es um archäologische Entdeckungen geht. Es ist dabei völlig egal, stellt, eher im Gegenteil. Denkmalschutzbehörden und Universi-
ob über spektakuläre Artefakte wie die Himmelsscheibe von täten graben hierzulande vergleichsweise viel; außerdem ist
Nebra berichtet wird – oder über Reste einer gewöhnlichen Gruft der deutsche Boden gespickt mit Andenken aus der Vergangen-
in Bad Berleburg, die Anfang Juni zum »Sensationsfund« hoch- heit. Es wimmelt nur so von Münzen, Mauerresten und Kno-
gejubelt wurde. Natürlich geht es um den Versuch, Leser für die chen. Einige Magazine und Depots leiden daher schon unter Platz-
Forschung zu begeistern. Doch der lächerliche Hang zum not – und es gelingt nicht ansatzweise, alle Funde zu erforschen.
Superlativ ist wohl auch Ausdruck all der Missverständnisse, Ein Grund, die Suche einzustellen, ist das natürlich nicht.
die es über die Archäologie gibt. Denn wo viele Artefakte im Boden stecken, gibt es naturgemäß
Da wäre zum Beispiel der Irrglaube, dass ein Artefakt schon auch viele, die wirklich ein »Sensationsfund« wären. Man
deswegen wertvoll ist, weil es jahrhundertelang im Boden steck- muss sie allerdings nicht herbeischreiben, sondern finden.
te. Das ist völlig falsch, wie kürzlich ein bayerischer Bub erfah- Guido Kleinhubbert

106 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


Paläontologie Fußnote

2000
Feige Sau(rier)?
 Spinosaurier konnten grö-
ßer werden als der Tyranno-
saurus rex und waren ebenso
gierig auf Fleisch. Nun liefern Kilogramm Kohlenwasser-
Untersuchungen aber Hinwei- stoffe und Feinstaub pro Jahr
se darauf, dass die Räuber kann der Holzkohlegrill eines
wohl keine Gefahr für andere gastronomischen Betriebs
Saurier darstellten. Wie die produzieren, wenn seine Grill-
Paläontologen Marco Schade, fläche etwa einen halben
Oliver Rauhut und Serjoscha Quadratmeter beträgt und er

AKG-IMAGES
Evers durch computertomo- täglich betrieben wird. »Das
grafische Aufnahmen eines sind bedenkliche Werte«, sagt
Schädels herausfanden, mach- Umweltschutztechniker
ten die Tiere vor allem Jagd Irritator challengeri (Illustration) Mohammad Aleysa, der den
auf deutlich Kleinere – ver- Schadstoffausstoß für das
mutlich nicht aus Feigheit, durch ermöglichte Sichtfeld schnell und präzise bewegen Umweltbundesamt ermittelt
sondern weil das Angebot so spreche für eine Fixierung auf konnte, ohne sein Ziel aus den hat. Grund für die Untersu-
groß war. Die Forscher Amphibien, Säugetiere und Augen zu verlieren, was eben- chung war, dass sich immer
begründen ihre Schlussfolge- Fische, sagt Schade, der an falls für kleine, flinke Beute- wieder Anwohner von Kebab-
rungen mit Besonderheiten der Universität Greifswald tiere spricht. Der untersuchte restaurants und anderen Ess-
am Innenohr, die auf eine forscht. Zudem deute die Aus- Schädel stammt von der Spi- lokalen, die mit Holzkohle-
nach unten gerichtete Schnau- prägung einer bestimmten nosaurierart Irritator challen- grills arbeiten, über Geruchs-
ze schließen lassen, ähnlich Gehirnregion darauf hin, dass geri und ist schätzungsweise belästigung und Gesundheits-
wie bei Störchen. Das da- der Räuber seinen Schädel 115 Millionen Jahre alt. GUI gefahren beschwert hatten.

Psychologie mehr Angst bei deren Anblick SPIEGEL: Wie kann Menschen
bekommen. mit Spinnenphobie geholfen
»Schon Babys sind gestresst« SPIEGEL: Welche Legenden? werden?
Pörtner: In unseren Kursen Pörtner: Mit Information und
Leandra Pörtner, bloßen Anblick einer Spinne wird oft gefragt, ob Spinnen Konfrontation, die in der
35, Anthropolo- weinen. Eier unter der Haut eines Men- Gruppe manchmal besser funk-
gin und Kurato- SPIEGEL: Was ist es, was diese schen ablegen können. Da tioniert, wie wir bei unseren
rin am Walter Menschen so abstößt? liegt eine Verwechslung mit Seminaren gesehen haben.
Zoo in Gossau in Pörtner: Vor allem die schein- Krätzmilben vor, die dazu tat- Wer mit anderen Betroffenen
der Schweiz, lei- bare Unberechenbarkeit und sächlich in der Lage sind. Spin- in einem Raum ist, läuft nicht
tet Seminare für das Bewegungsmuster der nen übernachten auch nicht in mehr Gefahr, gehänselt zu wer-
Menschen mit Arachnophobie Spinnen – und die acht Beine, unseren Ohren, krabbeln den, sondern fühlt sich ver-
und ist Mitautorin eines Rat- die ja manchmal sogar haarig nachts nicht aus Abflüssen und standen und motiviert.
gebers, wie sich die Angst vor sind. Diese Abscheu steckt überleben es nicht, wenn man SPIEGEL: Gibt es überhaupt
Spinnen bekämpfen lässt. wohl sogar in den Genen. Bei sie mit dem Staubsauger fängt. keinen Grund, Angst vor Spin-
Experimenten reagierten Trotzdem gibt es Phobiker, nen zu haben?
SPIEGEL: Frau Pörtner, ich schon Babys gestresst auf die zur Sicherheit noch ein paar Pörtner: Einige unserer Teil-
fürchte mich nicht vor Spinnen den Anblick von Spinnen. Steinchen aufsaugen, damit nehmer planen Reisen nach
und kann auch nicht verstehen, Wenn diese Kinder dann spä- die Tiere garantiert tot sind. Australien oder in tropische
was an unseren heimischen ter auch noch völlig fal- Gegenden. Dort gibt es Arten,
Arten so gruselig sein soll. sche Geschichten über die hochgefährlich sind für
Pörtner: Ich auch nicht, abge- die Tiere hören, ist es ja Menschen. Die Spinnen, die
sehen davon sagen Männer klar, dass sie immer wir hier in der Schweiz oder in
das aber fast immer. Viele Deutschland kennen, sind
von ihnen trauen sich ein- auch giftig, um ihre Beute läh-
fach nicht zuzugeben, dass sie men zu können. Wenn sie es
Angst vor Spinnen haben. überhaupt schaffen, unsere
Frauen sind bei unseren Semi- Haut zu durchdringen, verur-
naren zwar in der Überzahl, sachen sie in der Regel aber
aber es gibt Menschen beider- nur Reaktionen, die mit denen
O. GIEL/ JUNIORS/ WILDLIFE

lei Geschlechts, die eine Spin- nach einem Bienenstich ver-


nenphobie haben. Einige kön- Winkelspinne gleichbar sind. GUI
nen nachts nicht mehr schla-
Ursula Galli, Gianandrea Pallich, Lean-
fen, weil sie befürchten, dass dra Pörtner: »Keine Angst vor Spin-
sich eines der Tierchen ins Bett nen«. Hogrefe; 112 Seiten; 16,95 Euro.
schleicht; andere müssen beim Erscheint am 13. Juli.

107
Unheimlich krank
Medizin Jeder zehnte Covid-19-Patient leidet noch etliche Wochen nach überstandener
Infektion unter schwerer Erschöpfung, Muskelschmerzen
oder neurologischen Ausfällen. Was richtet das Virus dauerhaft im Körper an?

Woran Coronavirus-Infizierte mit


Langzeit-Symptomen* leiden 1 47%
allgemeine Müdigkeit

25 %
Geruchsverlust

32%
Kopfschmerzen

24 %
anhaltende
18%
Schwindelgefühl oder
Atemprobleme Benommenheit

Weitere mögliche
Langzeiteffekte

11 %
1 Konzentrations- und
Gedächtnisprobleme
bis hin zum dementiellen
Durchfall Syndrom

2 Herzrhythmusstörungen

3 Diabetes

8%
* länger als 30 Tage;
Auswertung der COVID-Symptom-
Study-Daten vom King's College
London; 8065 positiv getestete
Personen, davon 857 mit Langzeit-
Hautausschlag Symptomen

108
Coronakrise

A
lles begann mit einem leichten Covid-19 ist die merkwürdigste Krankheit, »Viele Patienten sagen: ›Vor der Coro-
Halskratzen am Freitag, dem die ich kenne.« navirus-Infektion war ich ein anderer
13. März. Ein Arbeitskollege hat- Rund einer von zehn Corona-Kranken Mensch‹«, sagt der Schweizer Herzchirurg
te das neuartige Coronavirus aus hat Spectors Untersuchungen zufolge län- Paul Vogt. Mediziner befürchten inzwi-
dem österreichischen Skiort Ischgl mitge- ger als einen Monat lang unerklärliche schen, dass die Pandemie ein Heer chro-
bracht. Kurz darauf bestätigte ein Test, Symptome, viele sogar noch nach zwei nisch kranker Menschen zurücklassen
dass auch Alexander Riesch*, 26, sich in- Monaten. Die häufigsten Beschwerden sei- wird. An ersten deutschen Kliniken wer-
fiziert hatte. en Erschöpfung, Kopfschmerzen, Geruchs- den bereits Ambulanzen zur Nachbe-
»Erst habe ich gedacht, na ja, dann hast verlust, Atembeschwerden, Schwindel, treuung von Covid-19-Patienten einge-
du es wenigstens hinter dir«, sagt Riesch. Durchfall und Hautausschlag (siehe Gra- richtet.
Auch seine Ärzte waren überzeugt: Der fik). »Und manche Studienteilnehmer ha- »Die Leute denken: Entweder man
Körper eines jungen, gesunden Menschen ben auch nach drei Monaten immer noch stirbt, oder es geht einem wieder gut«, sagt
würde nicht lange brauchen, um das Virus Fieber«, berichtet Spector. die britische Medizinerin Helen Salisbury.
niederzuringen. Sie schickten Riesch nach Besorgniserregend sind aber auch »So ist das aber nicht.« Wochenlang sei
Hause, er solle sich auskurieren. Doch we- schwere Folgeschäden an Lunge, Herz und es in der Diskussion nur um Intensiv-
nige Tage später fühlte er sich so elend, Nervensystem, die das Virus bei manchen stationen und Beatmungsplätze gegangen.
dass er den Notarzt rufen musste. Eine Betroffenen verursacht. Manche haben »Jetzt gibt es da plötzlich all diese Men-
Woche verbrachte er im Krankenhaus. nach einer Covid-19-Erkrankung mit Herz- schen, die vielleicht dauerhaft krank
Offiziell gilt Riesch nun seit knapp drei rhythmusstörungen zu kämpfen, auch ei- bleiben.«
Monaten als genesen, er hat Antikörper nen Diabetes mellitus kann die Infektion In ihrer Praxis behandelt Salisbury et-
gegen das Virus im Blut. Dennoch fühlt er möglicherweise auslösen. Andere Patien- liche Patienten, die eine Sars-CoV-2-
sich immer wieder sehr krank. Bisher ten wiederum leiden unter schweren Kon- Infektion durchgemacht haben und noch
konnte ihm kein Arzt erklären, woran das zentrations- und Gedächtnisstörungen, die immer an Erschöpfung, Fieberepisoden
liegt. an eine Demenz erinnern. Selbst Jüngere oder Husten leiden und schnell außer
Nicht nur plagen ihn mehr oder weniger kann es treffen. Weltweit sind bereits mehr Atem geraten. »Alle Laborwerte sind
heftige Halsschmerzen; sie kommen und als 1000 Kinder im Zusammenhang mit meist ganz normal«, berichtet sie. »Es gibt
gehen, ohne erkennbaren Grund. Auch sei- einer Sars-CoV-2-Infektion an einem so- keine Therapie, die ich den Betroffenen
ne Lunge ist nach wie vor betroffen. Die genannten Multisystem-Entzündungs-Syn- anbieten könnte. Niemand weiß, wie es
Beschwerden begannen erst zu Hause, drom erkrankt, das zu einer Myokarditis mit ihnen weitergeht.« Viele dieser Lang-
nachdem ihn die Ärzte aus der Klinik ent- und Kreislaufversagen führen kann. zeitkranken seien jung und verzweifelt.
lassen hatten. Ein Pneumologe, der ihn un- »Ich kann jedoch nichts anderes tun, als
tersuchte, verschrieb ihm ein Asthmaspray ihnen zuzuhören«, so Salisbury.
und empfahl, geduldig zu sein. Das Korti- Warum es nach scheinbar überstande-
son helfe zwar ein wenig, sagt Riesch, doch
sobald er es absetze, seien der Husten und
»Ich akzeptiere halt ner Krankheit zu solch anhaltenden und
massiven Symptomen kommt, ist für die
die Enge im Brustkorb wieder da.
Außerdem leidet Riesch unter plötzlich
die Schmerzen, Experten bislang ein Rätsel. Mediziner
vermuten, dass es sich dabei um Fehlsteue-
einsetzenden Muskelschmerzen. Manch-
mal wird seine linke Körperhälfte taub,
die ich jetzt habe.« rungen des Immunsystems handeln könn-
te, die durch die Infektion in Gang gesetzt
dann wieder fühlt er sich so schlapp, dass Alexander Riesch, 26, werden. Denkbar wäre auch, dass es dem
er sich sofort hinlegen muss. Dazu kom- Immobilienmakler Virus gelingt, sich irgendwo im Körper ein-
men Bauchschmerzen und Übelkeit, Haut- zunisten und dann immer wieder zuzu-
ausschlag und eine starke Müdigkeit. schlagen.
Zehn Wochen lang war Riesch krank- Die chronischen Leiden könnten aber
geschrieben. Inzwischen arbeitet er wieder auch die Folgen eines Sauerstoffmangels
als Immobilienmakler. Ab und zu jedoch während der akuten Krankheitsphase sein.
muss er Termine absagen, weil er sich Insbesondere jüngere Covid-19-Patienten
einfach zu erschöpft fühlt. Meist versucht merken oft lange gar nicht, wie schlecht
er, trotzdem normal weiterzumachen: es ihrem Organismus wirklich geht.
»Ich akzeptiere halt die Schmerzen, die Ärzte sehen eine Parallele zu einer an-
ich jetzt habe.« deren Coronavirus-Erkrankung. Auch
Ein halbes Jahr nach Ausbruch der Pan- nach der Sars-Pandemie 2003 fielen Lang-
demie beobachten Mediziner nun häufiger zeitpatienten auf, etwa im kanadischen To-
Corona-Patienten wie Riesch, die offiziell ronto, wo es damals den schlimmsten Aus-
genesen, aber in Wahrheit noch lange bruch außerhalb Asiens gab. »Als ich jetzt
nicht gesund sind. von den aktuellen Langzeitfällen gehört
»Covid-19 ist völlig unvorhersehbar«, habe, dachte ich: Oje, darauf habe ich ge-
sagt Timothy Spector vom King’s College wartet«, sagt Harvey Moldofsky, Schlaf-
London, der in einem großen Forschungs- und Schmerzforscher und emeritierter Pro-
projekt die Krankheitsverläufe von ins- fessor der University of Toronto.
gesamt mehr als 200 000 Covid-19-Patien- Der Mediziner hat sich schon früh auf
ten mithilfe einer mobilen App über einen ungewöhnliche Krankheiten spezialisiert.
NORA KLEIN/ DER SPIEGEL

längeren Zeitraum verfolgt. »Ich bin aus- Aus diesem Grund wurde er etwa andert-
gebildeter Rheumatologe und kenne mich halb Jahre nach Abklingen der Sars-Pan-
mit merkwürdigen Krankheiten aus. Aber demie um Hilfe gebeten. »Es ging um
50 Patienten, die alle eine Sars-Infektion
* Name geändert. überlebt hatten und selbst nach einem

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 109


umfangreichen Rehabilitationsprogramm oftmals um eine Immunreaktion handelt«,
nicht mehr oder kaum noch arbeiten konn- vermutet Michael. In einigen Fällen könn-
ten«, berichtet Moldofsky. ten die neurologischen Ausfälle aber auch
Mit 22 der Betroffenen führte er aus- auf Stress oder Sauerstoffmangel während
führliche Gespräche; und die Geschichten, der akuten Krankheitsphase oder auf eine
die er hörte, klangen stets ähnlich. »Auch Kombination mehrerer Ursachen zurück-
mehr als ein Jahr nach überstandener In- zuführen sein.
fektion waren die Menschen immer noch Noch besteht für viele Patienten die
erschöpft, fühlten sich schwach, hatten Aussicht, dass die neurologischen und psy-
Muskelschmerzen, Schlafstörungen und chiatrischen Probleme und auch die anhal-
konnten nicht mehr klar denken«, so tenden Erschöpfungssymptome im Laufe
Moldofsky. der Zeit weniger werden oder sogar ganz
All diese Beschwerden kommen Exper- verschwinden.
ten bekannt vor. Auch Patienten, die unter Der Fall der Allgemeinärztin Stephanie
dem sogenannten chronischen Erschöp- de Giorgio aus dem britischen Kent macht
fungssyndrom leiden, klagen über Mus- Hoffnung. Die 44-Jährige steckte sich
kel-, Kopf- und Halsschmerzen. Viele Be- wahrscheinlich bei einem Patienten an.

HORST FRIEDRICHS/ DER SPIEGEL


troffene berichten auch von einer Art Die zweifache Mutter stand mitten im Le-
»Gehirnnebel«, sie können sich nicht mehr ben, und außer leichtem Asthma und et-
konzentrieren. was Übergewicht hatte sie keine Risiko-
Eine ganze Reihe von Viren steht im faktoren, die einen schweren Verlauf der
Verdacht, das chronische Erschöpfungs- Krankheit befürchten ließen. »Nun ja, jetzt
syndrom auslösen zu können, darunter das hat es also mich erwischt, habe ich ge-
Influenzavirus und das Epstein-Barr-Virus, dacht«, sagt de Giorgio. Nach 15 Tagen
der Verursacher des Pfeifferschen Drüsen- klang ihr Fieber wieder ab.
fiebers. Forscher vermuten inzwischen, Doch viele andere Symptome blieben.
dass es sich bei dem unheimlichen Leiden
um eine durch die Virusinfektion ausge-
»Ich konnte Am schlimmsten sei der Schwindel gewe-
sen, sagt sie. »Es fühlte sich an, als würde
löste Autoimmunreaktion handelt, die un-
ter anderem das autonome Nervensystem
einfach nicht mehr sich der Boden plötzlich bewegen.« Einige
Male sei sie deshalb sogar gestürzt. »Ich
beeinträchtigt. Mögliche weitere Folgen:
Herzrasen, erhöhte Infektanfälligkeit und
klar denken.« bin die Treppen vorsichtshalber raufgekro-
chen und habe im Sitzen geduscht.«
Schlafstörungen. Stephanie de Giorgio, Zudem litt sie an extremer Müdigkeit.
Carmen Scheibenbogen, Leiterin der 44, britische Allgemeinärztin Bei der kleinsten Anstrengung fing ihr
Immundefekt-Ambulanz der Berliner Cha- Herz an zu rasen. Und dann kehrte plötz-
rité, ist eine der wenigen deutschen Exper- lich auch das Fieber zurück – immer wie-
tinnen für das chronische Erschöpfungs- der hatte sie zwischendurch erhöhte Tem-
syndrom. Derzeit wenden sich viele Co- Ende Juni hat der Neurologe gemein- peratur.
rona-Patienten an die Medizinerin, sie sam mit Kollegen im Fachmagazin »Lan- »Zuerst habe ich gedacht, ich bin ver-
suchen nach einer Erklärung für ihre un- cet Psychiatry« eine Untersuchung dazu rückt«, sagt de Giorgio. »Aber dann ka-
heimlichen Beschwerden. veröffentlicht. Darin wurden 125 Patienten men Patienten in meine Praxis, die die glei-
Aber auch Scheibenbogen muss die erfasst, die im Rahmen einer Covid-19- chen Probleme hatten. Und als ich dann
Menschen vorerst enttäuschen: Eine siche- Erkrankung ein neurologisches Problem auch noch übers Internet mit vielen wei-
re Diagnose kann erst ein halbes Jahr nach entwickelt hatten. Rund 60 Prozent, vor teren Betroffenen Kontakt aufnahm, wur-
der Infektion gestellt werden. »Bis dahin allem Ältere, hatten nach der Infektion ei- de mir klar: Ich bin bei Weitem nicht die
besteht die große Chance, dass sich alles nen Schlaganfall erlitten. Fast ein Drittel Einzige, der es so geht.«
von selbst beruhigt«, sagt Scheibenbogen. zeigte andere kognitive und psychiatrische Arbeiten konnte sie höchstens zwei
Erst nach sechs Monaten gelten die Be- Veränderungen – darunter auch viele jün- Tage in der Woche, danach war sie total
schwerden als chronisch. Selbst dann gibt gere Patienten. erschöpft. Und auch ihr Gehirn zeigte Aus-
es kaum Therapiemöglichkeiten. Insgesamt entwickelten acht Prozent fallerscheinungen. »Ich konnte einfach
Scheibenbogen rät Betroffenen, gut auf der 125 Untersuchten im Zusammenhang nicht mehr klar denken«, sagt de Giorgio.
den eigenen Körper zu achten: »Überlas- mit der Coronavirus-Infektion eine Psy- »Beim Backen habe ich die Eierschalen
tung oder Sport, der zu einer Zunahme chose, knapp fünf Prozent ein demenziel- in die Schüssel getan und das Ei wegge-
der Beschwerden führt, sollte auf jeden les Syndrom. »Viele junge Menschen den- worfen.«
Fall vermieden werden – das kann zu einer ken leider nicht daran, dass auch für sie Als sie einen Tag mit Gartenarbeit ver-
Verschlimmerung führen.« ein potenzielles Risiko besteht, schwer zu brachte, musste sie anschließend zwei
Neben der chronischen Erschöpfung erkranken«, warnt Michael. Tage im Bett verbringen. »Immer wenn
können Covid-19-Patienten aber offenbar Zumindest in einigen Fällen lässt sich ich es übertrieben habe, schlug die Krank-
auch an etlichen weiteren neurologischen gut erklären, was die Hirnschäden verur- heit zurück.«
Komplikationen leiden. »Die neurowissen- sacht hat. Zu Schlaganfällen etwa kann es Seit ein paar Tagen aber, nach über drei-
schaftliche Forschergemeinde wacht lang- kommen, weil bei Covid-19 häufig das Blut monatiger Leidenszeit, scheint es ihr end-
sam auf«, sagt Benedict Michael von der verklumpt. Und bekannt ist auch, dass das lich besser zu gehen. »Ich kann verstehen,
Health Protection Research Unit und der Sars-CoV-2-Virus mitunter zu einer Ge- dass die Betroffenen oft Angst haben«,
University of Liverpool. 20 bis 30 Prozent hirnentzündung führen kann. sagt de Giorgio. »Es ist wichtig, sie nicht
der Patienten, die ins Krankenhaus ein- In vielen anderen Fällen jedoch bleibt mit ihren Sorgen alleinzulassen.«
geliefert werden, entwickelten eine neuro- die Ursache für die Beschwerden vorläufig Lisa Duhm, Veronika Hackenbroch
logische Störung, so Michael. im Dunkeln. »Gut möglich, dass es sich

110 DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020


Coronakrise

»Das Schlimmste steht bevor«


Pandemie In vielen Weltregionen gerät die Seuche außer Kontrolle.
Und auch in Ländern, die das Virus vorerst eingedämmt haben, drohen neue Ausbrüche.

D
ie gute Nachricht zuerst: Ja, es direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus am Dienstag vor einem Komitee des US-
hat den Anschein, dass Deutsch- ist sich daher sicher: »Das Schlimmste Senats, könnte es in Kürze täglich 100 000
land die erste Welle der Covid- steht noch bevor.« Infektionen geben. »Ich bin sehr besorgt«,
19-Pandemie überstanden hat. Während sich in Teilen Europas ein wo- sagte Fauci. »Wir bewegen uns in die fal-
Die Rate an Neuinfektionen ist so erfreu- möglich trügerisches Entspannungsgefühl sche Richtung.«
lich niedrig, dass derzeit von dem Coro- einstellt, nimmt die Pandemie global an Als die Zeit der Lockdowns begann, im
navirus keine Bedrohung mehr für das Ge- Heftigkeit sogar zu, vor allem in den USA. März, lautete die Parole: »Flatten the
sundheitssystem ausgeht. Nur punktuell, Viele Bundesstaaten, insbesondere solche Curve«. Die Kurve der Infektionszahlen
wie kürzlich im Kreis Gütersloh, flammen mit republikanischen Gouverneuren und sollte flach gehalten werden. An diesem
Ausbrüche auf, die aber mithilfe wachsa- teilweise uneinsichtigen Bewohnern, hat- Ziel sind die USA furchtbar gescheitert.
mer Gesundheitsämter rasch eingedämmt ten dort auf sehr rasche Lockerungen der Am meisten betroffen sind derzeit der
werden können. Maßnahmen gegen das Virus gedrängt. Da- Süden und der Südwesten des Landes,
Viele Deutsche fahren wieder in den Ur- für zahlen sie nun einen hohen Preis. Staaten wie Florida, Texas, Arizona, auch
laub; und dank Maskenpflicht und weithin Noch im Mai und Anfang Juni waren Teile Kaliforniens. So wie im April in New
akzeptierter Regeln zu Abstand, Vorsicht die Infektionszahlen in zahlreichen US- York werden jetzt dort die Intensivbetten
und Hygiene gibt es die Hoffnung, dass Regionen stabil oder sogar rückläufig. Seit knapp. Das Durchschnittsalter der Hospi-
die Reisezeit hierzulande nicht zu massi- Mitte Juni aber explodieren sie förmlich. talisierten hat sich verringert, ein Drittel
ven Rückschlägen führen wird. Landesweit (Bevölkerungszahl: 330 Mil- ist in manchen Regionen inzwischen jün-
Die schlechte Nachricht lautet: Der vi- lionen) wurden vorige Woche Rekordwer- ger als 50 Jahre.
rale Frieden ist höchst fragil – und er könn- te von mehr als 45 000 Neuinfektionen ge- Und die Situation könnte noch weitaus
te sich allzu leicht als Illusion erweisen. meldet – pro Tag. Zum Vergleich: In dramatischer sein, als es die offiziellen Zah-
Nur sechs Monate nach Beginn seiner welt- Deutschland sind es bei einer Bevölkerung len nahelegen. Die tatsächliche Infektions-
weiten Ausbreitung hat die Menschheit von 83 Millionen täglich an die 500 Fälle. rate liegt nämlich – damit rechnen zumin-
dem Virus immunologisch nach wie vor Wenn sich nicht bald etwas ändere, dest die Seuchenmediziner von den CDC
wenig entgegenzusetzen. WHO-General- mahnte Chefimmunologe Anthony Fauci (Centers for Disease Control and Preven-

BRUNO KELLY/ REUTERS

Totengräber im brasilianischen Manaus Ende Juni: »Wir bewegen uns in die falsche Richtung«

111
Coronakrise

tion) – rund zehnmal so hoch wie die USA die zweithöchste Zahl an Infizierten vom Sommerwetter für eine Weile zurück-
durch Tests ermittelten Fälle. Sollten die weltweit, die Seuchenpolitik des Landes werfen ließ, sondern ist immer da. Sars-
Experten mit ihrer Formel richtigliegen, steht in ihrer Inkompetenz jener der USA CoV-2 nutzt, wie sich zeigt, zu jedem
dann könnten sich im Augenblick jeden nicht nach. Zeitpunkt jede Chance aus, die ihm das
Tag sogar fast eine halbe Million US-Ame- Und Indien hat seinen Lockdown An- Verhalten der Menschen bietet.
rikaner mit dem Coronavirus infizieren. fang Juni schrittweise aufgeweicht – und Die Pflicht zur immerwährenden Wach-
Dass das große Sterben bislang noch verzeichnet schon jetzt eine rapide Zunah- samkeit und Vorsicht gilt daher auch für
ausbleibt, hat mit zwei Faktoren zu tun. me der Neuinfektionen. Deutschland. »In zwei Monaten werden
Erstens: Es dauert rund einen Monat, bis Gegen all diese Risikostaaten schottet wir ein Problem haben, wenn wir nicht
eine Infektion zum Tode führt – im Juli die EU sich weiterhin ab. Die europäi- wieder alle Alarmsensoren anschalten«,
dürften die Todesfälle daher deutlich zu- schen Staaten halten fest an dem einstwei- warnte der Virologe Christian Drosten.
nehmen. Und zweitens: Die Infektionswel- ligen Einreiseverbot für Menschen aus den Ein Kennzeichen der neuen Normalität
le betrifft derzeit in besonderem Maße jün- USA, Brasilien, Indien und Russland, das in Zeiten von Corona wird für viele Ge-
gere Leute, die seltener an Covid-19 ster- ebenfalls stark betroffen ist. sellschaften darin bestehen, dass sich Maß-
ben. Viele bleiben asymptomatisch – sie Auf der Siegerseite im Kampf gegen das nahmen zur Virusbekämpfung mit Maß-
bemerken ihre Infektion nicht einmal, ge- Virus stehen Länder wie Südkorea, Japan, nahmen zur wirtschaftlichen und sozialen
ben sie aber an andere weiter, an ältere Neuseeland, Singapur und China. Sie hal- Erholung künftig abwechseln.
Familienmitglieder zum Beispiel. ten das Virus gut in Schach, und die Kon- In den meisten Ländern wird es wohl
Zu den für die Virusausbreitung gefähr- taktverfolgung im Einzelfall spielt dabei nicht die eine zweite Welle geben, sondern
lichsten Orten, so haben Mediziner festge- die alles entscheidende Rolle, auch wenn ein ständiges Auf und Ab, ein Öffnen und
stellt, zählen Bars und Nachtklubs. Sie sind der Aufwand riesig ist. Wenn Staaten auf Schließen. Nicht immer wird ein ganzes
typischerweise schlecht belüftet, eng und dieses Instrument verzichteten, klagt Land betroffen sein, manchmal nur eine
voll, die Gäste kommen sich nahe und blei- WHO-Generaldirektor Tedros, so sei das Stadt wie gegenwärtig das englische Lei-
ben stundenlang. Wegen des Geräuschpe- nichts als »eine lahme Ausrede«. cester oder einzelne Landkreise wie Gü-
gels sprechen sie laut und setzen dabei be- tersloh und Warendorf. Lockdowns wer-
sonders viele womöglich virushaltige Aero- den vielleicht keine Monate mehr dauern,
sole frei. Bars und Nachtklubs werden daher Erste oder zweite Welle? sondern nur Wochen.
in manchen Bundesstaaten wieder zwangs- Gemeldete Neuinfektionen mit All dies wird Nerven kosten und viel
weise geschlossen – doch vermutlich zu spät. Sars-CoV-2 je 100 000 Einwohner, Geld, der Frust der Bürger wird unweiger-
Kein anderes Land der Welt wird so 7-Tages-Durchschnitt lich zunehmen.
stark vom Coronavirus heimgesucht. Die Das Risiko für neue, auch landesweite
USA stellen vier Prozent der Menschheit,
* ohne Russland USA Infektionswellen wird nur ausgestanden
Quelle: Johns Hopkins University,
aber mit mehr als 2,6 Millionen positiv ge- Stand 1. Juli 131,1 sein, sobald eine wirksame Impfung weit-
testeten Fällen über 25 Prozent der be- 100 hin verfügbar ist, die für eine ausreichende
kannten Corona-Infizierten. Schuld daran Immunität der Menschen sorgt. Die einzi-
ist auch das fatale Krisenmanagement von ge Alternative dazu wäre die breite Durch-
US-Präsident Donald Trump, der die War- seuchung der Bevölkerung. Sie allerdings
nungen der Wissenschaft ignorierte und 50 geht einher mit vielen Toten und mit oft
Covid-19 als leichte Grippewelle abtat, die Europa* lebenslänglichen Gesundheitsschäden für
von ganz allein verschwinden werde, so- 12,6 die Überlebenden.
bald die Außentemperaturen wieder stie- Im Herbst droht, zumindest auf der
gen. Trump hatte viele Gouverneure gerade- 0 Nordhalbkugel, eine weitere Zuspitzung.
zu bedrängt, den Lockdown zu beenden, Feb. März April Mai Juni Dann mischen sich wie jedes Jahr auch In-
und seinen Fans gefiel das. fluenzaviren unter das Volk, die zu ganz
Nun ist Sommer, und die Aussichten für ähnlichen Symptomen wie Covid-19 füh-
das Land sind so düster wie nie zuvor seit Die meisten EU-Staaten, selbst die zu- ren können: Fieber, Husten, Kopf- und
Beginn der Seuche. Das Virus breitet sich nächst schwer betroffenen Länder wie Spa- Gliederschmerzen. Wenn Covid-19 und
aus wie ein Buschfeuer – es setzt seine At- nien und Italien, haben das Virus derzeit Influenza gleichzeitig zirkulieren, dann
tacke fort, solange es auf Menschen trifft, ganz gut im Griff – aber es gibt Ausnah- vergrößert sich das Potenzial für Gesund-
die ihm zuvor nicht ausgesetzt waren. men. Schweden hat sich früh in der Pan- heitschaos. Kitas, Schulen, Universitäten
Scott Gottlieb, der frühere Chef der US- demie gegen einschneidende Maßnahmen und Geschäfte könnten wieder schließen,
Arzneimittelbehörde FDA, hält es für mög- gestellt und damit Tausende Tote in Kauf Firmen sich gezwungen sehen, Mitarbeiter
lich, dass sich bis zum Ende des Jahres genommen, die sich hätten vermeiden las- nach Hause zu schicken.
rund die Hälfte der US-Bevölkerung mit sen. Immer noch verharrt das Infektions- Und auch die kühlere Witterung und
dem Coronavirus angesteckt haben wird. geschehen dort auf hohem Niveau. der vermehrte Aufenthalt in Innenräumen
Zahlreiche Bundesstaaten versuchen, Und in Portugal, das zunächst über- werden dann die Ausbreitung der Viren
die Wende nun doch noch mit einer eilig raschend gut durch die Krise kam, ist jetzt begünstigen. Diese Krise, immerhin, lässt
beschlossenen Maskenpflicht und einem insbesondere die Region um Lissabon von sich zum Teil verhindern. Um die Gefahr
Lockdown light herbeizuführen, dabei einem schweren Ausbruch betroffen. Aus- einer verheerenden Welle im Herbst zu
liegt es auf der Hand: Die ideale Art der gangssperren, die erst vor Wochen gelo- minimieren, empfehlen Experten, dass
Seuchenbekämpfung – Kontaktverfolgung ckert wurden, sind wieder in Kraft, die sich möglichst viele Menschen in diesem
in jedem Einzelfall und die systematische Tourismussaison ist in Gefahr. Jahr frühzeitig gegen Grippe impfen las-
Isolierung von Infizierten – kann bei den Das Beispiel Portugal zeigt, dass Bürger sen. Dieser Medizinerrat gilt schon seit vie-
derzeitigen enormen Fallzahlen in weiten und Behörden permanent wachsam blei- len Jahren – aber bisher schlugen ihn die
Teilen des Landes nicht mehr gelingen. ben müssen. Dieses Virus schlägt eben meisten in den Wind. Marco Evers
Für Brasilien sind die Aussichten ähn- nicht in Wellen zu wie ehedem der Erreger Mail: marco.evers@spiegel.de
lich katastrophal. Das Land hat nach den der Spanischen Grippe von 1918, der sich

112
Kinder im
Krieg
Forensik Rechtsmediziner haben
Spielzeugpistolen getestet.
Einige Plastikknarren sind so
gefährlich, dass sie unters

SOUTH WEST NEWS SERVICE/ ACTION PRESS


Waffengesetz fallen könnten.

S ommerzeit ist Kriegszeit. In diesen


Ferien schwärmt eine Armee von
Kindersoldaten in Shorts und San-
dalen aus zum nächsten Spielplatz – sofern
Corona es erlaubt; im Anschlag eine mar-
tialische Spielzeugpistole, wahlweise in
Neonorange, Gelb oder Rot.
Besonders beliebt sind die Fabrikate der Junge mit Blaster-Waffe: »Haben Geschossspielzeuge eine Daseinsberechtigung?«
Marke Nerf aus den USA, die einschüch-
ternde Namen wie »N-Strike Elite Fire-
strike« oder »Elite Shellstrike DS-6 Blas- Die amerikanische Organisation WATCH der »Army Combat Pistole« eines chinesi-
ter« tragen. Mit den Kinderspielzeugen (World Against Toys Causing Harm) setzte schen Herstellers beim Aufprall nahezu
lassen sich Schaumstoffbälle und Dartpfei- im vorigen Jahr das Nerf »Ultra One« eine doppelt so hohe kinetische Energie-
le verschießen, scheinbar eine harmlose auf seine Liste der »zehn schlimmsten dichte erzielen wie von der DIN-Vorgabe
Sache. Doch weit gefehlt. Rechtsmediziner Spielzeuge« und warnte potenzielle Kun- vorgesehen.
von der Universität Düsseldorf haben han- den: »Achtung! Der Hersteller dieses Dart- Die Zahnstocherbolzen einer Mini-
delsübliche Plastikknarren ballistischen Blasters prahlt damit, dass dessen Muni- armbrust unbekannten Herstellers erreich-
Tests unterzogen – und kommen zu einem tion ›mit kraftvoller Geschwindigkeit‹ ten sogar den rund fünffachen Wert – für
alarmierenden Befund: »Es stellt sich die bis zu 36 Meter weit geschossen werden die Forscher eine besonders erschreckende
Frage, ob Geschossspielzeuge überhaupt könne.« Erkenntnis, weil sich auch nach Jahren
eine Daseinsberechtigung haben«, schrei- Wie aber kann es sein, dass angesichts noch dramatische Spätfolgen einer Augen-
ben die Forensiker in der jüngsten Ausga- solch hoher Schusskraft Dreikäsehochs im verletzung bemerkbar machen können,
be des Fachmagazins »Rechtsmedizin«. »Jagdeifer« (OLG Oldenburg) mit offenbar darunter »die Ausbildung eines Sekundär-
Eine begründete Frage angesichts von durchaus gefährlichen Spielzeugwaffen glaukoms, einer Katarakt oder einer Retina-
Vorgängen wie in Mönchengladbach im aufeinander losgehen dürfen? Warum sind ablösung«.
vergangenen Jahr. Damals ermittelte die solche Geräte in Deutschland überhaupt Nach dem Waffengesetz dürften man-
Polizei wegen gefährlicher Körperverlet- zugelassen? che Spielzeugwaffen nur an Erwachsene
zung, nachdem ein 15-Jähriger drei Mit- Schuld daran trägt nach Einschätzung abgegeben werden. Doch zu allem Über-
schüler mit einer Softair-Waffe beschossen der Düsseldorfer Rechtsmediziner auch fluss machten die Hersteller ihre Produkte
haben soll. Eines der Opfer wurde bedroh- das Deutsche Institut für Normung (DIN). auch noch mit Methoden scharf, »die bei
lich nahe am Auge verletzt und musste in Um die Gefährdung durch Projektile aus Druckluftwaffen und Feuerwaffen Verwen-
eine Klinik gebracht werden. Spielzeugwaffen zu bestimmen, wurde dung finden«, warnen die Rechtsmedizi-
»Die Gefahren für das Auge werden un- 2018 die »kinetische Energiedichte« als ner. Um etwa die Reichweite zu erhöhen,
terschätzt, und die Langzeitfolgen der neue Messgröße eingeführt. Das Problem erhalten die Schaumstoffprojektile einiger
möglichen Verletzungen sind aktuell noch dabei: Prüfeinrichtungen seien derzeit of- Fabrikate vor Verlassen des Laufs zusätz-
nicht abzusehen«, warnen denn auch die fenbar mit der Ermittlung dieses Wertes lich einen Spin; dadurch gewinnen sie »im
Düsseldorfer Rechtsmediziner. Eltern soll- überfordert, da »die in der DIN-Norm be- Flug einen Auftrieb gegen die Schwer-
ten also gewarnt sein, wenn ihr Nachwuchs schriebenen Verfahren als nicht reprodu- kraft«, fanden die Düsseldorfer Forscher
mit einem der vermeintlich harmlosen zierbar angesehen werden«. heraus.
Spielgeräte loszieht. Infolge dieser Prüfposse sind derzeit auf Und wem das noch nicht genügt, der
Und zwar nicht nur, weil das eigene dem deutschen Markt Spielzeugwaffen er- bestückt sein Gewehr mit Munition von
Kind Opfer einer Attacke mit einer Softair- hältlich, die den vom DIN festgelegten Fremdfirmen. Solche Geschosse verur-
Pistole werden könnte. In einem Prozess Grenzwert teilweise deutlich übersteigen. sachen bei den Opfern häufig noch weit
verurteilte das Oberlandesgericht Olden- So ergaben die Messungen des Forscher- schmerzhaftere Blessuren als das Original-
burg eine Frau zur Zahlung von 5000 Euro teams aus Düsseldorf, dass die Geschosse material. Blaster-Fanatiker investieren
Schmerzensgeld. Der 13-jährige Sohn der zudem gern gut 15 Euro in ein Handbuch,
Beklagten hatte ein anderes Kind mit einem das Tipps zum Tunen der Spielzeuge gibt.
der beliebten Blaster schwer am Auge ver- Bei Augenverletzungen Das vielsagende Versprechen im Unter-
letzt. Die Mutter habe ihre Aufsichtspflicht sind auch nach titel des Werks: »Wie dein Waffenlager
verletzt, befanden die Richter. noch furchterregender wird«.
Bei Verbraucherschützern genießen die Jahren noch dramatische Frank Thadeusz
Plastikknarren längst einen schlechten Ruf. Spätfolgen möglich.
DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 113
Wissen

Gesetz der Clans


Zoologie Sie leben im Matriarchat, sind überraschend soziale Raubtiere und werden fast nie krank –
ein Berliner Biologe erforscht die Tüpfelhyäne und lernt dabei viel über die Menschen.

DR. OLIVER HÖNER


Hyänentrupp im Ngorongoro-Krater in Tansania: »Die schlagen sich die Bäuche voll mit Kadavern, die zum Himmel stinken«

K
iwanda führte ihren Clan fast ihr ausgegangen«, sagt er. Doch jedes der rund senschaftliche Name der Tüpfelhyäne, ist
ganzes Leben lang. Gleich zwei- 3000 erforschten Exemplare hat eine Num- ein ideales Forschungsobjekt für viele
mal zog sie sogar Drillinge groß – mer, Höner und sein Team erkennen die Fragen aus Ökologie, Verhaltensforschung
für Hyänen eigentlich unmöglich, Tiere an ihrer individuellen Felltüpfelung. und Evolutionsbiologie: Wie entstehen so-
sie haben nur zwei funktionsfähige Zitzen, Nach fast 25 Jahren Feldforschung zieht ziale Strukturen, welchen Vorteil hat
meist stirbt eines der Jungen. Haseena hat- der Biologe jetzt eine Bilanz. Noch immer das Leben in großen Clans? Wer schafft
te es leichter; sie erbte die von ihrer Mutter entdeckt er unter den Tüpfelhyänen und es an die Macht und hält dann seine Stel-
hart erkämpfte Herrschaft. Shrink brachte ihren Nachkommen Charaktere wie lung? Was entscheidet über die Partner-
es weit in der Hackordnung, weil er als Shrink oder Mwindaji, »die herausstechen wahl? Welche Tiere suchen ihr Glück in
hungriger Sohn einer rangniederen Mutter und die man besonders gern mag«. Beein- neuen Revieren, welche bleiben? Wie
ein Alphaweibchen so lange nervte, bis es druckend finde er etwa Tiere, die es auf- wehrt sich das Immunsystem gegen im-
ihn adoptierte. Mwindaji war ein guter grund ihres niedrigen Rangs immer schwer mer wieder auftretende Seuchen? Und
Jäger und hatte Schlag bei den Weibchen, hatten im Leben; aber auch die Neugieri- wie lassen sich Konflikte lösen zwischen
er zeugte viele Nachkommen. gen, die sich nah an die Jeeps der Forscher den Raubtieren und den Viehhaltern in
Oliver Höner vom Leibniz-Institut für wagen, die Mutigen, die sich behaupten ihrer Nähe?
Zoo- und Wildtierforschung in Berlin hat im Kampf mit Löwen um Beute, die Tüpfelhyänen existieren seit Hundert-
Hunderte solcher Hyänenbiografien doku- Glückspilze, denen gegen alle Widrigkei- tausenden von Jahren – sie stritten einst
mentiert. Inzwischen geben er und seine ten der soziale Aufstieg glückt. schon mit Säbelzahnkatzen um Beute.
Kollegen nicht mehr jedem einzelnen Tier Doch Höner geht es nicht um Einzel- Ihre Clans umfassen rund 50 Tiere, meist
einen Namen. »Die sind uns irgendwann schicksale. Crocuta crocuta, so der wis- herrschen ein Weibchen und ihre Töchter.

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Männchen und Weibchen sind äußer- Hackordnung rangiert, desto erfolgrei-

NASA
lich kaum voneinander zu unterscheiden; 264 km² groß ist das Krater- cher wird auch ihr Nachwuchs. Sogar
denn Hyäninnen sind kräftig und haben innere des Ngorongoro in ohne Blutsverwandtschaft bringen es
Tansania. Hier leben acht
einen sogenannten Pseudopenis. Diese Tüpfelhyänen-Clans. die Kinder der Alphatiere weiter als an-
Besonderheit macht Sex zwischen Hyänen dere, wie das Beispiel von Adoptivkind
nur möglich, wenn das Weibchen wirklich Shrink zeigt. »Die Jungtiere erben so-
will. zusagen die Freundschaften der Mut-
Hyänenmännchen müssen sich also viel ter«, erklärt Höner.
Mühe geben, um eine Partnerin zu er- Ein Mysterium ist die beinahe unver-
obern – und das tun sie auch, wie die Ber- wüstliche Gesundheit der Hyänen. Als
liner Forscher immer wieder beobachtet eine Art Müllabfuhr des Tierreichs ver-
haben. Tagelang folgen sie ihrer Auser- Ngorongoro- hindern sie, dass sich Krankheitserreger
wählten, ruhen und fressen dabei kaum Krater im Ökosystem verbreiten. »Die schlagen
und sind am Ende oft völlig ausgelaugt. TANSANIA sich die Bäuche voll mit Kadavern, die
20 km
Im Clan herrscht strikte Hierarchie, zum Himmel stinken«, sagt Höner, »auch
aber auch ein oft rührendes Sozialleben. in Gebieten, wo zum Beispiel Milzbrand
So bringen alle Mütter ihren Nachwuchs grassiert.«
zwei Wochen nach der Geburt in eine Art Gegenwärtig nimmt der Biologe eine An Infektionskrankheiten sterben Tüpfel-
Hyänen-Kita. Zum Gemeinschaftsbau ha- unfreiwillige Auszeit von der Forschung hyänen in Ostafrika höchst selten. Nur ein-
ben nur die Kleinsten Zugang – so sind sie vor Ort. Im März war er zuletzt in Afrika, mal raffte ein Bakterium Teile der Ngoro-
vor Feinden geschützt und lernen im Spiel dann kam die Coronakrise. Ein tansani- ngoro-Clans dahin. Ansonsten haben Hö-
mit Altersgenossen vieles, was sie fürs Le- scher Mitarbeiter sammelt weiterhin Pro- ner und seine Forscherkollegen in ihren
ben brauchen. Denn im Reich der Hyänen ben; die Basisdaten sind wichtig für die Proben viele Erreger nachgewiesen, die
sind es weniger Kämpfe und Intrigen als lückenlosen Stammbäume, die sämtliche den Tieren offenbar nichts ausmachen –
vielmehr Freundschaften und Allianzen, Verwandtschaftsbeziehungen offenlegen. darunter auch Coronaviren.
die das soziale Miteinander festigen. Die Höner hat jetzt Zeit, Daten auszuwerten In Kenia beobachteten Wildbiologen
Rangfolge, erläutert Höner, verhindere und Ergebnisse zu veröffentlichen. Ausbrüche von Tollwut und Staupe, die
heftige Streitereien: »Es gibt zum Beispiel Viele Rätsel konnte der Forscher mit sei- Löwen und Schakale töteten, nicht aber
regelmäßige Begrüßungsrituale, bei denen nem Team bereits lösen. Tüpfelhyänen. Bisher ist unklar, warum
die Tiere einander Respekt zollen und ihre ‣ Aus Freundschaft erwächst Macht: Aus das so ist. Mögliche Erklärung: Weil sie in
soziale Position bestätigen.« Tausenden Konflikten zwischen Einzel- vergleichsweise großen Gruppen leben,
Hyänen knacken mit ihrer gewaltigen tieren hat Höner das Gesetz der Clans wären Krankheitsausbrüche für Hyänen
Beißkraft mühelos die Knochen ihrer Beu- entschlüsselt. Sieger bei Streitereien, besonders verheerend. Durch einen ent-
tetiere. Ihre Opfer greifen sie direkt an, besagt es, ist immer jenes Tier, das die sprechenden Selektionsdruck könnten sie
nie aus dem Hinterhalt. Und obwohl sie meisten Unterstützer hat. Dabei spielt im Laufe der Evolution daher eine Art
Gammelfleisch verrottender Tierkadaver es keine Rolle, ob sich die Verbündeten Super-Immunsystem entwickelt haben.
fressen, werden sie dank einer ungewöhn- in der Nähe aufhalten; die Tatsache, Auffällig auch: je höher der Rang, desto
lich starken Immunabwehr fast nie krank. dass sie zu Hilfe eilen könnten, verleiht robuster die Gesundheit der Hyänen. Dies
Noch etwas macht die mutigen Jäger zu einer Hyäne eine höhere Durchset- könnte eine Folge besserer Ernährung sein.
lohnenden Beobachtungsobjekten: Alle zungskraft. Das könnte ein Grund dafür Die Milch höhergestellter Tiere fließt reich-
acht Clans, deren Schicksal Höner verfolgt, sein, dass meist die Weibchen führen. licher und enthält mehr Nährstoffe als die
leben im Gebiet des Ngorongoro-Kraters Sie bleiben fast immer in dem sozialen anderer Weibchen; und auch später im
im ostafrikanischen Tansania. Dessen Netzwerk, in das sie hineingeboren wer- Leben bestimmt die Hierarchie über den
mehr als 260 Quadratkilometer großer den. Viele Männchen wandern ab und fettesten Anteil an der Beute.
Boden, bewachsen mit Akazienwäldern lassen ihre Seilschaften zurück. Als Nächstes wird Höner sich um das
und Kurzgrassavanne, ist ein Schlaraffen- ‣ Bleiben oder gehen? Beides kann für Zusammenleben von Mensch und Hyäne
land für Raubtiere. Dort gibt es Zebras, erwachsene Hyänenmännchen Vorteile kümmern – es geht um Konflikte mit Wild-
Gnus, Thomson-Gazellen, Büffel und bringen. Weil Weibchen zur Vermei- tieren, wie sie überall auf der Welt vor-
Elenantilopen. Weil meist genug Nahrung dung von Inzest Männchen erwählen, kommen. Insbesondere möchte der For-
vorhanden ist, sind die Reviere der Clans mit denen sie nicht verwandt sein scher Massai am Rande des Kraters inter-
kleiner als die von Artgenossen außerhalb können, scheint Abwanderung zwar viewen, die Hyänen, aber auch Löwen und
des Kraters. Das macht es leichter, den die bessere Wahl. Doch Höner und Leoparden als Bedrohung ihrer Rinder-
Überblick zu behalten. seine Kollegen konnten zeigen, dass herden ansehen.
Jedes Jahr verbringt Forscher Höner 41 von insgesamt 254 Männchen in Höner will versuchen, das schlechte
mehrere Monate im Camp am Rand des ihrer Studie ihrem Clan die Treue hiel- Image der getüpfelten Jäger zu verbessern.
Kraters. Täglich fahren er und seine Kol- ten. Ein Vorteil ist, dass die daheimge- Tüpfelhyänen gelten als hässlich und ver-
legen mit Geländewagen hinunter in die bliebenen Männchen mehr Zeit haben, schlagen, im 19. Jahrhundert nannte der
Senke, beobachten die Tiere, sammeln ein auserwähltes Weibchen zu um- Zoologe Alfred Brehm sie unter den Raub-
Fellproben und Ausscheidungen. »Wenn schmeicheln. tieren »unzweifelhaft die missgestaltetste,
ein Tier kotet, sind wir dabei«, sagt Höner. ‣ Einmal privilegiert, immer privilegiert: garstigste Erscheinung«.
Noch nie mussten sie eine Hyäne für Wenn sie in andere Clans abwandern, Biologe Höner weiß es besser. »Jeder,
Untersuchungszwecke einfangen und be- das zeigte eine weitere Studie, haben der die Jungtiere einmal miteinander spie-
täuben, keine trägt einen Halsbandsender: wiederum die Söhne ranghoher Mütter len sieht«, sagt er, »muss sie extrem nied-
»Wir greifen nur ein, wenn ein Tier durch bessere Chancen auf ein erfolgreiches lich finden.« Auch viele der ausgewachse-
Menschen verletzt wurde.« Dann entfer- Leben in der neuen Gemeinschaft. nen Tiere seien »einfach wunderschön«.
nen Tierärzte zum Beispiel Drahtschlingen ‣ Soziales Ansehen ist eine Frage der Her- Julia Koch
von Wildererfallen. kunft: Je höher ein Weibchen in der

115
Kultur

(C) OTOBONG NKANGA/ FOTO: STUART WHIPPS


Nkanga-Werk »Taste of a Stone-Iko«, 2016

Ausstellungen Wie viel kann der Mensch seinem Planeten entnehmen, ohne sich
selbst zu schaden? »Wir sind wie Drogenabhängige, wenn es um
Bodenschätze Ressourcen geht«, sagt Nkanga. Neben kolonialem und postkolo-
nialem Raubbau an der Natur untersucht Nkanga die damit ver-
 »Körper und Landschaften bringen uns bei, wie wir zusam- zahnte Migration, etwa in der Performance »Diaspore«, die täglich
men existieren können«, sagt Otobong Nkanga. Die in Ant- aufgeführt wird. Nkanga arbeitet auch mit Pflanzen, die ohne Wur-
werpen lebende Nigerianerin gehört zu den Stars afrikanisch- zeln gedeihen können – Nahrung und Fürsorge brauchen sie alle-
stämmiger Künstlerinnen – im Berliner Gropiusbau ist nun mal. Besucher der letzten Documenta können Nkanga auf der Stra-
eine große Werkschau in Deutschland zu sehen (»There’s No ße begegnet sein, ihr Projekt »Carved to Flow« von 2017 hat sie
Such Thing as Solid Ground«, bis 13. Dezember). in der Kunstwelt berühmt gemacht: In Workshops ließ sie in Athen
So wie Industrienationen Kobalt, Gold und Glimmer abbauen Seifenstücke herstellen und von Performern mit Bauchläden an
oder abbauen lassen, um Mobiltelefone oder Kosmetik herzustel- Passanten in Kassel verkaufen. Der Erwerb des Luxusguts machte
len, entnimmt Nkanga ihr künstlerisches Material der Natur. Sie den Kunstbetrachter zugleich zum Konsumenten. Die Erlöse
schichtet Kieselsteine, bearbeitet Marmor oder mischt Öle und steckt Nkanga in eine Stiftung, mit der sie Land in Nigeria kauft
Kohle zu Seife. Auf diese Weise stellt sie eine entscheidende Frage: und Workshops für die Verwendung von Heilpflanzen anbietet. CPA

Literatur dass es plötzlich Romane gibt, Max kennen, dessen Mutter Roman entwickelt den gleichen
Wie gefilmt die an Serien erinnern. eine berühmte Filmregisseurin Sog wie eine Serie, die Frage
»Der rote Faden« von Rosie ist. Beide werden enge »Wie geht’s weiter?« zieht den
 Dass Fernsehserien die Price ist so ein Buch. Das Freunde – kein Sex, aber viel Leser durch die Seiten, die
Romane unserer Zeit seien, Thema der Autorin steht deut- gemeinsam verbrachte Zeit –, wichtigsten Schauplätze sind
war ein beliebter Party- lich im Vordergrund: Sie will bald geht Kate bei Max’ Fa- eine Stadtvilla in London und
gesprächsgegenstand – epische von der zerstörerischen Macht milie ein und aus. So lernt sie ein Landhaus in den Cotswolds.
Erzählungen, in denen sich einer Vergewaltigung erzählen. Lewis kennen, Max’ Cousin. Jede Figur, die hinzukommt,
die großen Themen der Gegen- Angesiedelt hat sie ihre Ge- Auf einer Gartenparty mit vie- deckt einen klar zuzuordnen-
wart spiegeln. Doch mit dem schichte in einer Welt, die eini- len Mojitos und einigen Linien den Aspekt der Geschichte ab.
Binge-Watching kam das schale ge Anziehungskraft ausübt, in Koks kommt es zu der Verge- Nichts daran ist falsch, aber
Gefühl, zu viel Lebenszeit vermögenden, künstlerischen waltigung. Kates bisheriges auch nichts unerwartet oder
an das Serienschauen zu ver- Kreisen Englands. Im Mittel- Leben ist zerstört, und alle um die Ecke gedacht. CLV
schwenden. Die neue Erzähl- punkt steht Kate, sie kommt Beziehungen in dem Familien-
Rosie Price: »Der rote Faden«. Aus
form ist alltäglich geworden, aus kleinen Verhältnissen und und Freundschaftsgefüge dem Englischen von Stefanie Jacobs.
das ist auch daran abzulesen, lernt im Studentenwohnheim werden sich verschieben. Der Rowohlt; 352 Seiten; 22 Euro.

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Kino heute Statuen in New York wird vor allem von dem Skla-

GLEN WILSON/ UNIVERSAL PICTURES


oder Boston erinnern. Tubman venhaltersohn Gideon (Joe
Gejagte und half, die massenhafte Flucht Alwyn) gejagt, dessen kindliche
Kämpferin von Sklaven mithilfe der soge- Spielgefährtin sie einst war.
nannten Underground Rail- Einmal wird Tubman von einer
 Die afroamerikanische road mitzuorganisieren, und Feindin mit der frommen
Regisseurin Kasi Lemmons kämpfte mit der Waffe in Johanna von Orléans vergli-
porträtiert in »Harriet – Der der Hand im amerikanischen chen, tatsächlich hält sie immer
Weg in die Freiheit« eine Bürgerkrieg. Diese Lebens- wieder Zwiesprache mit Gott –
legendäre Heldin im Kampf Erivo (l.) in »Harriet« geschichte erzählt der Film als wer das als christlich moti-
gegen die Sklaverei, der Mitte hochinteressante historische vierten Drehbucheinfall abtun
des 19. Jahrhunderts in den vinnendasein, bevor sie im Lektion und schamloses will, liegt falsch. Wenn man
USA tobte. Harriet Tubman Jahr 1849 von einer Farm im Gefühlsepos. Immer wieder den Geschichtsbüchern glaubt,
(in diesem Film mit bebendem US-Bundesstaat Maryland sieht man von Hunden und verstand auch die reale Rebel-
Zorn von der Schauspielerin fliehen konnte. Sie wurde zu Menschen gejagte Flüchtende lin Tubman ihren Kampf
Cynthia Erivo verkörpert) fris- jener afroamerikanischen in grandiosen Südstaatenland- gegen den Rassismus als von
tete von Geburt an ein Skla- Freiheitskämpferin, an die schaften. Die Heldin selbst Gott geleitete Mission. HÖB

Dokumentationen valente Liebe zu ihrer instabi-


len Heimat. Eine beachtliche
Aus weiblicher Fülle an Originalmaterial
Sicht rahmt die langen Interviews
mit Politikerinnen und Akti-
 Eine Frau berichtet, wie sie vistinnen: von eigenwilligen
vor Hunderten Zuschauern Modenschauen (inklusive

TRAVELWILD/ SHUTTERSTOCK
auf offener Straße geschlagen Mauser-Gewehr) aus den auch
wurde, weil sie ohne männli- in Afghanistan freien Sech-
chen Begleiter unterwegs war. zigerjahren über den Stellver-
Eine andere verkleidete sich treterkrieg zwischen den
als Mann, um mit kleinen USA und der Sowjetunion bis
Jobs die Familie ernähren zu hin zu den wieder erstarken-
können, und lebte in pani- den Taliban. Doch zuweilen Stadtansicht von Jerusalem
scher Angst. Die Verletzungen quillt die Materialfülle über.
sitzen tief bei den Frauen Ohne Quellenangaben und Sachbücher ruft er gerade liberale, israel-
Afghanistans, sowohl die kör- mit wenigen zeitlichen Infor- Israelische Utopie freundliche Europäer und be-
perlichen als auch die seeli- mationen werden die erstaun- sonders Deutsche dazu auf,
schen. »Afghanistan. Unser lichen, teilweise poetischen,  Wenn von Israel die Rede ihre abwartende Haltung auf-
verwundetes Land« will die meist bedrückenden Doku- ist, geht es oft um die Frage: zugeben und sich die Situation
Geschichte des zentralasia- mente aus Archiven, Fern- Was darf man noch sagen? in Israel genau anzuschauen.
tischen Staats als »Herstory« sehsendungen und Privatbe- Aber es gibt keine Autorität, Er beklagt einen Missbrauch
aus rein weiblicher Sicht sitz zu illustrativen Elemen- die das ordnet, und das macht des Gedenkens an die Schoah
erzählen. Die Protagonistin- ten – obwohl sie genügend das Thema so beängstigend, durch die politische Rechte im
nen der Dokumentation Gewicht besitzen, um durch zumal für Deutsche. Wie Land sowie eine nationalis-
haben Dinge erlebt, die für den originären Inhalt zu äußert man etwa Kritik an tische Ideologie, die jede Aus-
mehrere weitere Filme reichen wirken. Und weil früher vor Rechtsverstößen oder Grund- sicht auf gute Nachbarschaft
würden – sie beschreiben allem Männer die Welt er- sätzen von Benjamin Netanya- verbaut. Er erinnert daran,
Verachtung und Diskriminie- klärten, wird die »Herstory« hu, ohne als Feind Israels und dass »einzig und allein die
rung, aber auch die Hoffnung in diesen Teilen eben wieder der Juden gelten zu können? Verteidigung des universalen
auf Veränderung, die ambi- zur History. RED Der übliche Weg, einer so Humanismus Minderheiten
heiklen Debatte auszuweichen, schützen kann – einschließlich
ist es, auf die Zweistaaten- der Juden«. Boehm ent-
lösung zu verweisen: Eines wickelt auch eine Utopie, die
fernen Tages werde sich schon er »Republik Haifa« nennt.
alles fügen, eben wenn die In der israelischen Hafenstadt
Palästinenser auch einen eige- leben Juden und Araber, Re-
nen Staat haben. Aber dabei ligiöse und Atheisten munter
handelt es sich längst um eine zusammen – es ist Boehms
Illusion, diese Option gibt es Heimatstadt. Eine Anregung
DR. BILL PODLICH/ NDR

faktisch nicht mehr. Der Philo- zum Nachdenken und Strei-


soph Omri Boehm, der an der ten – ohne dafür auf Erlaub-
New School in New York nis zu warten. NM
lehrt, belebt diese überfällige Omri Boehm: »Israel – Eine Utopie«.
Debatte in seinem Buch Aus dem Englischen von Michael Adri-
Szene aus »Afghanistan. Unser verwundetes Land« »Israel – Eine Utopie«. Hier an. Propyläen; 256 Seiten; 20 Euro.

117
STEFFEN JÄNICKE/ DER SPIEGEL

Visionär Eliasson in seinem Berliner Studio: »Ich bin als Däne/Isländer eigentlich in der Diaspora«

118
Kultur

»Eine Physikerin als Kanzlerin


kann sich lohnen«
SPIEGEL-Gespräch Olafur Eliasson, 53, gilt als der wichtigste Künstler seiner Generation
und hat das offizielle Werk der deutschen Ratspräsidentschaft für die EU
geschaffen. Er glaubt, dass das Klimathema die Rettung für das Projekt Europa sein könnte.

SPIEGEL: Herr Eliasson, können Sie in die Kunstwerk ist interaktiv und Teil von ih- lich pünktlich zum Start der Ratspräsident-
Zukunft sehen? nen selbst. Das geht mit einer App beson- schaft laufen.
Eliasson: Nein, leider nicht. Ich freue ders gut, die Menschen tragen sie bei sich SPIEGEL: Wie haben Sie die deutsche
mich, dass ich als Künstler Anerkennung auf ihrem Smartphone. Corona-Politik wahrgenommen?
erlebe, aber ich bin kein besonderer SPIEGEL: Wo haben Sie den Lockdown Eliasson: Ich sage meinen Freunden in
Mensch. Ich wehre mich dagegen, als verbracht? den USA und in England immer, dass ich
eine Art Genie mythologisiert zu wer- Eliasson: In Berlin, hier in meinem Studio ein riesiges Glück habe, in einem Land zu
den. Das ist hochgefährlich, weil man am Prenzlauer Berg und in meiner Woh- leben, das von erwachsenen Menschen
sich damit außerhalb der allgemeinen nung, die um die Ecke liegt. Ich bin bereits regiert wird. Ich weiß, die Deutschen sind
Moral stellt und Populisten in die Hän- sehr früh, Ende Februar, in den Lockdown nie von sich selbst beeindruckt, aber es
de spielt. Die unterscheiden Menschen gegangen. Ich kam von der Eröffnung lohnt sich manchmal, eine Physikerin als
ja danach, wer mehr oder wer weniger meiner Ausstellung im Guggenheim in Kanzlerin zu haben.
wert sei. Bilbao und hatte Besuch von einer Inge- SPIEGEL: In Ihrem Kunstprojekt geben Sie
SPIEGEL: Unsere Frage bezieht sich auf nieurfirma aus Südtirol, Seilbahnspezialis- Kindern eine Stimme. Ist das – mit Ver-
Ihr Kunstwerk »Earth Speakr«, das Sie im ten, zwei von ihnen stammten aus Berga- laub – nicht wohlfeil? Alle hören gern
Auftrag der Bundesregierung gestaltet mo. Mein isländischer Galerist war sehr Kinderstimmen zur Politik – genauso wie
haben. Da Ihr Projekt über eine App läuft, schwer an Covid-19 erkrankt. Als mir klar alle gern Kinder überhören. Das wurde
ist es so ziemlich der einzige Programm- wurde, dass ich auch zu den Virusver- schon bei der »Fridays for Future«-Bewe-
punkt der deutschen EU-Ratspräsident- breitern gehören könnte, habe ich alle gung deutlich.
schaft, der die Pandemie unbeschadet Termine abgesagt und bin in Quarantäne Eliasson: Greta Thunberg wäre nicht so
überlebt hat. gegangen. Ich habe zehn Wochen lang nur populär, wenn die jungen Leute das Ge-
Eliasson: Das war keine Hellseherei, son- sechs Leute gesehen, darunter Andreas fühl hätten, wirklich etwas zu sagen zu
dern Glück. Ich habe zusammen mit dem Görgen, den Kulturabteilungsleiter im haben. Selbst in Deutschland, wo die Ba-
Auswärtigen Amt, das mir den Auftrag Auswärtigen Amt. Die App sollte schließ- lance zwischen außerparlamentarischen
gegeben hat, überlegt, wie wir die Idee Bewegungen, der Legislative und der
des europäischen Raums mit Emotionen Exekutive ganz gut funktioniert, wurde
besetzen und möglichst viele Menschen Greta zu einer Heldin, weil sie es schaffte
einbeziehen können. Ich wollte als Künst- durchzudringen.
ler nicht im Mittelpunkt stehen, die Auto- SPIEGEL: Spätestens seit dem Expressio-
renschaft des Projekts sollte dezentrali- nismus haben wir gelernt, dass Kunst stö-
siert werden. Und weil die meisten Leute ren und wehtun muss. Tut Ihre App weh?
ein Smartphone besitzen, haben mein Eliasson: Ich würde keine Regeln auf-
Team und ich die interaktive App entwi- stellen, wann Kunst besser oder schlechter
ckelt, mit der junge Menschen ihre Ideen ist. Manchmal ist sie besser, wenn sie
für den Planeten und die Zukunft einbrin- wehtut, manchmal nicht. Manchmal
gen können. tut die Wahrheit weh und das Lügen
SPIEGEL: Ihre Kunst ist immer sinnlich nicht, oft tut das Lügen längerfristig weh
gewesen. Sie haben in der Tate Modern und die Wahrheit nicht. Nehmen Sie
in London mit einer riesigen künstlichen den Künstler Joseph Beuys. Er pflanzte
Sonne einen warmen Raum geschaffen, in 7000 Eichen, um die von den National-
Wolfsburg haben Sie die Menschen durch sozialisten missbrauchte Romantik zu
STEFFEN JÄNICKE/ DER SPIEGEL

einen lavendelbepflanzten Dufttunnel befreien.


geschickt. Gemessen daran, ist eine App SPIEGEL: Als Bekenntnis zur Schönheit?
eher spröde. Eliasson: Ja. Wir wollen in der Kunst auch
Eliasson: Mich interessiert Sinnlichkeit das Schöne, das Lachen, das Unvorherseh-
als Phänomen. Meine Werke sensibilisie- bare. Und das Thema Klima und die Art,
ren sicherlich die Sinne, aber im eben ge- wie wir den Kindern unseren Planeten hin-
nannten Sinne: Ich will den Zuschauern terlassen, das tut doch weh, oder nicht?
oder Besuchern nicht ihre Autorität neh- Eliasson-Smartphone mit seiner App Abgesehen davon: Tut nicht gerade das
men – sie selber sind die Autorität. Das »Wir wollen in der Kunst das Lachen« Schöne weh? Caspar David Friedrichs

DER SPIEGEL Nr. 28 / 4. 7. 2020 119


Kultur

Bilder aus Eliasson-App »Earth Speakr«: »Die Menschen tragen das Kunstwerk als Teil von sich herum, es ist auf ihrem Smartphone«

Gemälde »Das Eismeer« ist schön, ja, aber Eliasson: In der Zeit nach dem Zweiten Eliasson: War das nur unvernünftig? Ge-
es ist doch auch furchterregend kalt. Weltkrieg gab es Science-Fiction-Filme, sundheitspolitik ist sowieso eher eine
SPIEGEL: Wie Rilke sagte: »Das Schöne die davon erzählten, wie toll die Zukunft Sache der Nationen, da hat die EU kaum
ist nichts als des Schrecklichen Anfang«? wird. Das war kein Eskapismus, sondern Gestaltungsspielraum. Und wenn es nicht
Eliasson: Genau. Mich interessiert die utopischer Realismus. Irgendwann in schon Grenzen gegeben hätte, hätte man
Granularität der kleinen, misslungenen den Achtzigerjahren ist die Stimmung künstlich welche ziehen müssen, denn es
Schritte. gekippt, es wurde immer düsterer, über- war ja notwendig zu verhindern, dass die
SPIEGEL: Das müssen Sie uns erklären. all Apokalypse. Irgendwie müssen wir Menschen herumreisen und das Virus ver-
Eliasson: Wir sehen das Endergebnis, mei- wieder lernen zu träumen, um die Kraft breiten. In Krisen zeigen die Menschen im-
netwegen den Faschismus. Aber wie war zu haben, die Dinge zum Besseren zu mer die schlechtere Version von sich selbst.
der Prozess dahin? 1933 liefen die Leute wenden. Wir müssen uns zutrauen, die Deswegen ist es doch wichtig, sich aus dem
an den brennenden Büchern auf dem Bäume zu befreien wie einst Joseph Krisenmodus zu befreien.
Opernplatz hier in Berlin vorbei, und am Beuys. Die imaginäre Zukunft muss bes- SPIEGEL: Das wird Politikern schwerfallen,
nächsten Morgen standen sie ganz normal ser sein als die Erinne