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Frühjahr 2020
Alltagsprosa am Beispiel W. Genazinos, Lehrbrief 3

Liebe Schreibende,

in den letzten beiden Lehrbriefen hatten wir zum einen den „schönen Anfang“ thematisiert und das
Schreiben einer lustigen Geschichte zum anderen. Wir haben ein Auge darauf geworfen, wie Genazino
Alltagsszenen anzettelt und wie man aus Alltäglichem mittels Übertreibung eine komische Geschichte
ableitet. Die Schreibaufgabe hierzu lautete „101 Möglichkeiten, aus dem Leben zu scheiden.“
Viele von euch haben den Tod personalisiert, ihn also auf zwei knochige Beine gestellt und durch eine
Geschichte laufen lassen. Damit kommen wir genau an den Punkt, den ich heute mit euch erörtern will: ist
euer Tod nun sympathisch oder eher ein fieser Typ?

Die Leser eurer Geschichten sind ja in dieser Hinsicht recht einfach gestrickt: wenn der Tod ein Netter ist,
wünschen sie ihm auch nur Gutes. Ist er ein Fiesling, dann muss er zum Schluss auf die Nase fallen. So
verlangt es das Moral-Gesetz. Aber warum ist das so? Was macht eine Figur sympathisch oder
unsympathisch, welche Hebel muss man umlegen, damit die Leser mit einer Figur mitzittern? Das ist es, was
wir uns heute ansehen. Zudem nutze ich den Lehrbrief, eine Frage in Sachen Apostrophe zu beantworten.
Dazu später mehr.

Wir fangen mit einer einfachen Übung an, indem wir einen Film schauen und uns dazu Notizen machen:
Stelle dir folgende Fragen:

1. Ist der Ich-Erzähler sympathisch?


2. Sind die Szenen übertrieben oder eher realistisch?
3. Wie gefällt dir das Ende? Ist es „verdient“ oder eher nicht?

https://www.youtube.com/watch?v=wzZjD_qGkL4

@ Elke Bockamp 1
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Frühjahr 2020
Alltagsprosa am Beispiel W. Genazinos, Lehrbrief 3

Aber die alles entscheidende Frage dürfen wir nicht außer Acht lassen:
4. Warum ist dieser Sketch überhaupt spannend?
Ich meine: was veranlasst dich, nicht gleich nach 30 Sekunden das Zuhören einzustellen?
Hast du eine Idee?

Spannung

Spannung entsteht zu allererst aus einem Mitgefühl. Wir lassen uns auf eine Geschichte ein, weil Johann
König stellvertretend für uns all diese miesen Dinge erleidet. Gelingt es ihm, uns in die Geschichte hinein zu
entführen, so löst sich die Grenze zwischen Vortragendem und Zuhörendem auf. Dann hat der König seine
Zuschauerschaft fest im Griff. Er schafft es, dass man mitzittert – nämlich sobald er etwas erlebt – und dass
man leidet, wenn der König leidet, lacht, oder sich lustig macht. Das ist schon das ganze Geheimnis.

Aristoteles

Um das Mitzittern genauer zu verstehen, begeben wir uns in der Zeit zurück bis
in die Griechische Antike, zu unserem sehr bekannten Freund Aristoteles. Er hat
ein paar Regeln aufgestellt, wie man das Geschehen auf einer Bühne spannend
ausgestaltet und sie sind bis heute gültig. Nur eben – das könntet ihr euch jetzt
fragen: Warum auf der Bühne, wenn wir doch Bücher schreiben?

Ich denke, unsere Geschichten hier im Kurs oder längere Geschichten in Büchern bilden ebenfalls eine
Bühne ab, doch statt Schauspieler haben wir Protagonisten, also frei erdachte Figuren. Wir bewegen sie in
einem frei erschaffenen Raum – ganz so, als stünden die Figuren auf der Bühne. Wir sind sogar noch
flexibler, denn wir brauchen keine Umbaupausen, wir können an beliebigen Stellen einen Schnitt machen
und an einer anderen Stelle einfach weiter erzählen, an einem anderen Schauplatz, zu einer beliebigen
anderen Zeit (ggf. auch in einer Rückblende), sogar mit völlig anderen Figuren!

Das Hauptargument aber, warum die aristotelische Poetik auch noch heute, trotz ihres Bezugs zum Theater
aktuell ist, liegt natürlich darin, dass wir 335 v. Chr. überhaupt noch keine Bücher hatten. Wollte man
damals, und das gilt bis zur Erfindung des Buchdrucks (etwa Mitte des 15. Jahrhunderts) eine Geschichte
erzählen, musste man sie entweder sitzend am Lagerfeuer vortragen oder auf einer Bühne unter freiem

@ Elke Bockamp 2
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Alltagsprosa am Beispiel W. Genazinos, Lehrbrief 3

Himmel. Egal. Spannung ist Spannung und die brauchte es damals wie heute. Daher zitiere ich aus wikipedia,
um so die Aristotelische Spannungstheorie einmal auszuleuchten:

Weil der antike Philosoph Platon die Dichtung allgemein als staatsgefährdend dargestellt hatte,
versuchte sein Schüler Aristoteles (384–322 v. Chr.) das Drama, das in der Kultur Athens einen
großen politischen und religiösen Stellenwert hatte, zu rechtfertigen. Die erhaltenen Teile seiner
Poetik (335 v. Chr.) befassen sich mit der Tragödie, die seiner Meinung nach die besseren Menschen
auf die Bühne brachte als die Komödie.

Im Gegensatz zum Epos soll in der Tragödie die Nachahmung einer Handlung (=„Mimesis“) in Form
von (direkter) Rede dargebracht und dabei gehandelt werden. Es beschränkt sich nicht auf die
Schilderung von Charakteren. Es soll nicht etwas Statisches wiedergeben, sondern etwas Bewegtes,
und dies wird gespielt und nicht erzählt.

Ich mache hier einen Einschub, denn es bietet sich eine perfekte Gelegenheit, das allbekannte „Show don’t
tell“ zu erläutern: Statt über eine Figur zu berichten …

„Frau Kleinschmidt war eine Klatschtante.


Immer fand sie etwas, das sie weitertratschen konnte.“

… soll man sie zeigen:

Sie öffnete einen schmalen Spalt zwischen den Blättern der Jalousie, so dass sie den Wagen
erspähen konnte, der in der Auffahrt hielt. Sie blinzelte, um den Mann besser erkennen zu können,
der nun aus dem Auto stieg und in Richtung Eingangstür ging. Als er klingelte, rannte Frau
Kleinschmidt zum Telefon: „Charlotte, du wirst nicht glauben, was ich gerade erlebe!“

Tatsächlich findet man dieses Show-don’t-tell-Beispiel modifiziert bei wikipedia wieder.


Mach dich bitte mit dem ganzen Artikel „Show don’t tell“ vertraut:
https://de.wikipedia.org/wiki/Show,_don%E2%80%99t_tell

Zurück zu Aristoteles. Er führt im Weiteren aus:

Die szenische Darstellung einer tragischen Handlung, in der Großes gestürzt und Niedriges erhöht
wird, soll Jammern („Eleos“) und Schaudern („Phobos“) beim Zuschauer auslösen.

Tatsächlich, dermaßen an den Gefühlsschrauben des Publikums zu drehen, ist für Aristoteles absolut nicht
verwerflich, weil die Entladung angestauter Spannungen im Zuschauer wegen der Freisetzung starker
Gefühle eine Reinigung („Katharsis“) bewirke und so zur inneren Zufriedenheit, der so genannten
„Eudamonia“ führe.

@ Elke Bockamp 3
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Des Weiteren fordert Aristoteles für das Drama die Einheit von Zeit und Handlung.
Hier stellt sich für uns Schreibende die Frage nach der Detailtiefe: wie viele Figuren mitspielen, sowie die
Zahl der Nebenhandlungen; das alles sollte gut auf die Gesamtzeichenzahl des Stücks abgestimmt sein, wie
auch die Erzählzeit in einem guten Verhältnis zur erzählten Zeit stehen soll. Laut Aristoteles soll eine
Geschichte zudem eine in sich abgeschlossene Haupthandlung abbilden, die einen Anfang, einen Mittelteil
und ein Ende hat.

Weitere Begriffe, die von Aristoteles’ Poetik ausgehen, sind das Wiedererkennen auf dem Höhepunkt der
Handlung (er nennt es „Anagnorisis“) und die darauf folgende „Peripetie“, als radikalen Umschwung
zwischen Glück und Unglück.

Das schauen wir uns genauer an:

1. Mit Anagnorisis ist wortwörtlich ein „Wiedererkennen“ gemeint, zum Beispiel wie in Stanley
Kubricks Film „Clockwork Orange“, in dem die Hauptfigur Alex von seinem früheren Opfer anhand
seines Pfeifens als der Mörder seiner Frau wiedererkannt wird. Dies ist der Schlüsselmoment des
ganzen Werkes.

Aber ich bin sicher, dass aus dramaturgischer Sicht mit Anagnorisis etwas anderes gemeint ist,
nämlich nicht Wiedererkennen, sondern eher Rückbesinnen. In der Film-Dramaturgie spricht man
von einem „point of no return“, also einem Schlüsselmoment, und zwar dem Punkt in der Geschichte,
an dem nichts mehr ist, wie es vorher war.
Aristoteles definiert die Anagnorisis als „Umschlag von Unkenntnis in Kenntnis.“ Er fasst demnach
den Begriff weiter und versteht darunter auch das Wiedererkennen von Gegenständen sowie
Erkenntnisse, so, zum Beispiel, dass jemand etwas getan hat oder nicht getan hat. Ödipus’ Einsicht,
zum Beispiel, dass er selbst der Mörder seines Vaters war („König Ödipus“), sieht Aristoteles als
Anagnorisis an. Demnach ist die Anagnorisis ein Wendepunkt in den bisherigen Ereignissen. In der
Dramaturgie des Films nennt man diesen Punkt einen „Plot Point.“

2. Die Peripetie: Der plötzliche Umschlag, das unerwartete Unglück oder Glück im Drama.
Ein plötzlicher Umschlag bewirkt das Lösen des Knotens. Eine gute Wendung („Pointe“) am Ende
der Geschichte kann die Wendung zum Guten oder die Bestrafung des Bösen bedeuten.

Ihr erkennt selbst, wenn sich eine Geschichte am Ende nicht rund anfühlt, wenn das Ende nicht stimmig ist!
Aber, man kann das Ende-Machen lernen:

Stell dir gleich zu Beginn die Frage: was will ich überhaupt erzählen und wie soll das Ganze ausgehen? Wenn
du dann ans Ende deiner Geschichte kommst, löse den Knoten: die guten Figuren werden belohnt, die Bösen
bestraft. Hin und wieder hat man einen Twist, eine überraschende Wendung.
Solche Enden kennen wir von Witzen, bei denen der Verstand hinters Licht geführt wird, da man das Ende

@ Elke Bockamp 4
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Alltagsprosa am Beispiel W. Genazinos, Lehrbrief 3

*so* *nun* *wirklich* *nicht* vermutet hätte.


Die Pointe eines Witzes bildet eine Peripetie, ein plötzliches Umschlagen, par excellence nach:

Ein Mann geht in die Kneipe und setzt sich an den Tresen. Als der Wirt ihn fragt, was er trinken will,
antwortet er: „Ich wette mit dir um ein Bier, dass ich etwas in meiner Tasche habe, dass du noch nie
gesehen hast.“
Der Wirt, mit allen Wassern gewaschen, geht auf die Wette ein.
Daraufhin öffnet der Gast seine Jackentasche und holt ein kleines, etwa 30 Zentimeter großes
Männchen raus, und stellt es auf den Tresen.
Das Männchen sieht aus wie der berühmte Schriftsteller Simmel und geht den Tresen entlang,
schüttelt jedem Gast die Hand und sagt: „Guten Tag, sehr erfreut, mein Name ist Simmel ich bin
Autor.“
Der Wirt, der so was noch nie gesehen hat, gerät völlig aus dem Häuschen und fragte seinen Gast,
woher er das Männchen hat.
Daraufhin antwortete der Gast: „Geh raus, die Straße entlang, bis du an eine Ecke mit einer Laterne
kommst. Dann reibe an der Laterne und es erscheint dir eine gute Fee.“
Der Wirt rennt sofort los, kommt zu der Laterne, befolgt die Anweisungen des Gastes und reibt an
der Laterne.
Daraufhin erscheint ihm eine gute Fee und gewährt ihm einen Wunsch.
Der Wirt überlegt nicht lange und sagt: „Ich hätt gerne 5 Millionen in kleinen Scheinen."
Die Fee klopft mit ihrem Zauberstab und … PUFF!, der Wirt hält fünf Melonen in der Hand und um
ihm herum laufen lauter kleine Schweine.
Stinksauer geht der Wirt zu seiner Kneipe zurück. Dort sieht er seinen Gast noch am Tresen stehen.
Er schimpft gleich los: „Deine Fee ist wohl schwerhörig, ich wollte 5 Millionen in kleinen Scheinen
und bekomme 5 Melonen und lauter kleine Schweine?“
„Tja“, sagt der Gast, „absolut ist die schwerhörig. Oder dachtest du allen Ernstes, ich wünsche mir
einen 30 cm großen Simmel?"

(Danke an Margit und Bruno)

Viele Autoren, vor allem DrehbuchautorInnen, sind heute noch bestrebt, ihre Dramen mittels aristotelischen
Kriterien zu optimieren. Bis in die heutige Zeit beruhen die meisten Dramentheorien auf der
Auseinandersetzung mit der aristotelischen Theorie. Wir wollen uns im nächsten Lehrbrief noch genauer mit
dem so genannten Dreiaktmodell auseinander setzen.
Ich will hier keine Werbung für ein Buch machen, aber ich fand dies eben im
Netz:

Die Regeln für spannend-mitreißendes Erzählen sind seit über 2.000 Jahren
dieselben. Wer sie beherrscht, bezwingt jedes Publikum. Mit diesem Leitfaden
liefert der Autor des Bestsellers SCHULE DES DREHBUCHS einen Schlüssel zu
Aristoteles' zugkräftigem Rezept – für Unterhaltungsschriftsteller in spannenden
Genres und Drehbuchautoren, die aus dem Ur-Quell abendländischer Erzähltaktik
schöpfen möchten.

@ Elke Bockamp 5
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Zur Sache!

Viele von uns AutorInnen meinen ja, sie müssten sich haarklein an die Wahrheit halten. Dieses Phänomen
hat nichts mit Aristoteles und auch nichts mit Dramaturgie zu tun, es ist allein einen kurzen
Moment der Aufmerksamkeit wert. Ich meine nämlich, wenn die Wahrheit zugunsten einer verbesserten
Dramaturgie verbogen werden kann, dann soll man das bitte auch tun! Im Grunde ist dies sogar unsere
heilige Pflicht: wir müssen der Wahrheit dramaturgisch auf die Sprünge zu helfen. Anders schaffen wir es
nicht, die Geschichten, die wir selbst erlebt haben, zu verkaufen. Ich sage das schon einmal im Hinblick auf
die kommende Schreibaufgabe. Und zwar sehr eindringlich:

Denke daran: Wenn etwas möglich ist, hat es schon das Potential, wahr zu sein.

Das heißt aber auch: Man darf sich beim Schreiben keine Unsicherheiten leisten. Der Wunsch, alles
lesegerecht und appetitlich gerade zu biegen, verflacht die Chose – sogar, wenn Zweifel hin und wieder
berechtigt sind. Versuche also immer aus dem Vollen zu schöpfen. Auch in einem fiktionalen Sinne: erlaube
deiner Fantasie über das Maß des Normalen hinaus zu gehen.

Werfen wir an dieser Stelle einen Blick auf diese ersten beiden Seiten eines Romans – um zu zeigen, wie man
es besser nicht macht:

»Ich kann nicht glauben, dass ich mich von dir dazu habe überreden lassen!«
Ich zupfe an dem schwarzen Saum des Nylon-Stretchrocks herum, in den mich meine beste Freun-
din gezwängt hat, aber es nützt alles nichts – es sei denn, ich will anstatt der Haut meiner
Oberschenkel den Bund meines Slips zeigen. Ich werfe noch einen beklommenen Blick auf die lange
Schlange von Leuten hinter mir auf dem Gehweg, dann schiele ich wieder auf den von der Sonne
erwärmten Stoff zwischen meinen Fingerspitzen und knurre: »Du hättest mich wenigstens ein Paar
Leggings drunter ziehen lassen können.«
Dee lacht nur und zieht meine Hände vom Rock weg. »Hör auf zu meckern, Ro. Du wirst mir dankbar
sein, wenn wir alt und grau sind und du auf diesen Abend zurückblickst und begreifst, dass du
einmal, wenigstens einmal« – sie fuchtelt mir mit dem Zeigefinger vor der Nase herum, um diese
einsame Zahl zu unterstreichen – »mal allen gezeigt hast, was du hast, bevor dein kleiner heißer
Körper ganz alt und schlaff wurde.
»Ich sehe lächerlich aus«, jammere ich, schiebe ihren Finger beiseite und verdrehe die Augen, um
noch eins draufzusetzen. Ich sehe aus, als hätte Dees Kleiderschrank zu viel getrunken und sich auf
mir übergeben. Irgendwie hat sie mich dazu gebracht, diesen Minirock anzuziehen – den hauteng
nicht einmal annähernd beschreibt –, dazu ein knallrosa Top, das mehr Dekolleté zeigt, als
gesetzlich erlaubt sein sollte. Der Ausschnitt endet knapp über meinem Bauchnabel, und zwischen
dem Top und dem oberen Rand meines Rocks blitzt ein blasser Streifen Haut hervor. Der knallrosa
Stoff passt perfekt zu den mörderisch angesagten High-Heels. Mörderisch im wahrsten Sinne des
Wortes. Denn ich weiß einfach, dass ich damit auf die Schnauze fallen und sterben werde.

https://www.randomhouse.de/leseprobe/Rock-my-Heart-Roman/leseprobe_9783734102684.pdf

@ Elke Bockamp 6
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Das Lesebeispiel zeigt für mich allerhand Lücken. Ich würde das Buch, nach der Lektüre dieser ersten Zeilen,
eher nicht kaufen.
Aber warum nicht?
Für mich sind die Figuren zu flach skizziert und die Handlung einfach zu billig, aber auch zu chronologisch
hintereinander weg erzählt. Sehr gut kann man hier erkennen, dass die Figuren keinen Identifikationsanker
haben, mit dem sie bei den Lesern punkten können. Außerdem tun sie nichts, was irgendwie
aufsehenerregend wäre. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber wenn die Typen mich nicht interessieren und
sie zudem nichts tun, was ich nicht schon aus meinem schnöden Alltag selbst kenne, dann lege ich gerne das
Heft beiseite. Es mag aber auch sein, dass es ein paar Seiten weiter spannender wird – meines Wissens ist es
ein erotischer Roman, vielleicht geht „es“ ja auch gleich munter zur Sache.

Ihr merkt aber anhand dieses Lesebeispiels, dass eine gute Geschichte, sofern sie Alltägliches abbildet (und
nicht etwa ein Märchen oder ein SciFi-Stück oder ähnliches ist), stark von einer gut angelegten Handlung
und interessanten Figuren profitiert. Jedes fiktive Ich wird beim Lesen mit dem Leser verschmelzen; daher
wäre es unangenehm, wenn das schief liefe und die Leser, weil sie die Figur nicht leiden können, innerlich
auf Distanz gingen.
Kann man erkennen, dass das literarische Ich in dieser Leseprobe keine Autorität zeigt?
Es stellt keine Figur dar, über oder von der man eine Geschichte lesen will. Oder geht es euch da anders?
Das „Ich“ verblasst im Antlitz der anderen, die wenigstens noch kernige Sprüche ablassen. Es verblasst vor
seiner eigenen Sprache mit den zwar lustigen Vergleichen, die noch einen gewissen Sprachwitz darstellen.
Aber, und es ist das Allerschlimmste: „Ich“ zeigt sich als Abziehbildchen, ohne genauer in Erscheinung treten
zu wollen.

Okay, lassen wir das.


Schauen wir an dieser Stelle auf „unseren Semester-Meister“, nämlich auf Wilhelm Genazino.
Er hat in „Idyllen der Halbnatur“ einen kleinen Aufsatz wider die Langweile verfasst. „Der Ernstfall gegen die
Langweile“ heißt er, hier ein Auszug – vielleicht sogar für euch aus aktuellem Anlass ;-)

Ich möchte euch ermuntern, ähnlich wie bei König zu Beginn des Lehrbriefes vorzugehen und folgende
Dinge ggf. dann auch im Forum miteinander zu diskutieren:

1. Was macht den Ich-Erzähler sympathisch?


2. Sind die Szenen übertrieben oder eher realistisch?
3. Wie gefällt dir das Ende? Hat dieser Auszug dich unterhalten können?
4. Falls nicht: warum nicht, falls ja: warum?

@ Elke Bockamp 7
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@ Elke Bockamp 8
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Zu guter Letzt, denn ihr scharrt sicher schon mit den Hufen, nein, nicht aus Langweile, sondern eher, damit
sich der Schleier der nächsten Schreibaufgabe endlich heben möge.
Dennoch – eine Kleinigkeit vorweg:

Wie geht man bei einem umgangs-/jugendsprachlichen Text mit Verkürzungen um?
Wo setzt man Apostrophe und wo nicht?
Zum Beispiel: ich's oder ichs? Wie wärs? Kannste ... so'nem, ne Weile und alle Verkürzungen, wie:
ich hab, ich sag, fänd ich?

Statt einer Antwort habe ich ein Erklärvideo im Netz gefunden, das ich euch ans Herz lege.
Ich möchte nur eben auf umgangssprachliche Verkürzungen eingehen, der Verwendung der
„phonografischen Methode“ beim Schreiben.
Sie dient dazu, den Charakter zu untermalen oder seine Zugehörigkeit.
Hier setzt man dann eher keine Apostrophe.
Man kann sie wie folgt unterteilen:

1. Eine psychologische Aufgeregtheit: „Ich, öh, komma her, kann ganich sein!“
2. Eine Schichtzugehörigkeit, sozusagen eine bäuerliche Sprache oder Proletendeutsch (sagt man so?):
„Der Chantall ihr Omma kütt inne Stunde.“
3. Ein persönlicher Sprachtick wäre auch denkbar: „Ickhickschlickdick umme!“
4. Die geografische Sprachzugehörigkeit: „Hasse, bisse, kannse, hömma, Ker!, hier hamwa doch geen
Dialekt!“

Ihr merkt, dass da phonetisch allerhand zusammengezogen und weggelassen wird, was dann natürlich nicht
extra durch Apostrophe gekennzeichnet werden muss. Apostrophe würden den Lesefluss stark ausbremsen,
aber auch der Sprache ihren Nimbus nehmen: Man will ja eben verdeutlichen, dass jemand aufgeregt ist,
dass jemand der sprachlichen Unterschicht angehört oder eine Sprachmacke hat. In all diesen Fällen würde
ich keine Apostrophe setzen, und zwar durchgehend.

Wo leben die armen Apostrophe am Ende noch?


Sie zeigen uns an, wo etwas weggelassen wurde, wie bei „Rock ‚n‘ Roll“, zum Beispiel.
Oder hier: Haste mal ‘n Euro?
Oder in der besitzanzeigenden Variante, wenn es Probleme gibt, das akustisch darzustellen: „Peters
Arbeit“ wäre kein Problem, aber bei Max, Lars, Lutz müsste es so heißen: Max‘ Arbeit, Lars‘ Arbeit,
Lutz‘ Arbeit. Ach, was schreibe ich mir hier den Mund fusselig, wir haben doch das Erklärvideo!

https://www.youtube.com/watch?v=yIV0pA1CjGQ

@ Elke Bockamp 9
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Nun noch die kleine Frage zum Schluss: Das Virus ist ja in aller Munde (natürlich nur im übertragenen
Sinne ;-)
Ist das ein großer Verdienst des Virus? Apostroph, ja oder nein?
Heißt es dann des Virus‘ Verdienst? Apostroph, ja oder nein?

Mein persönlicher Quizbeauftragter hat exklusiv für euch ein paar knifflige Fragen rund um den Apostroph
zusammen gestellt. Hier geht es zum Kleinen Apostrophen-Test
(Mit Dank an pue)

3. Praxisaufgabe: Siege in Zeiten der Corona!

„Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.“

So hat Hölderlin gedichtet.


Dennoch. Nun sind wir in der Krise gefangen und gefragt. Du auch. Gesucht wird eine Geschichte rund um
Corona: Selbsterlebtes, eine unerhörte oder gehörte Anekdote, eine katastrophale SciFi-Dystopie: ist das
Virus als Volksseuche den Labors entsprungen oder von Außerirdischen hier eingepflanzt worden? Warum?
Zeige die Hölle im häuslichen Miteinander, benutze Mundschutz oder Klopapier oder berichte von Corona-
(Alp)Träumen. Schreibe einen Brief an einen Vorfahr, in dem du deutlich machst, was hier gerade abgeht.
Was immer es ist. Lass es rocken. Schreib die Krise weg!

Sorge dafür, dass die Geschichte Hand und Fuß hat, dass man mit den HeldInnen zittert, dass das Ende
rockt und … natürlich … dass wir alle vom Schlimmsten verschont bleiben!
In echt? Wollen wir das?
Also noch einmal: in unseren Geschichten sind Pleiten und Katastrophen das Salz in der
Lesesuppe.

In diesem Sinne: 6000 Zeichen, bis 2. April.


Herzliche Grüße und gutes Gelingen,
Und dann in echtecht: bleibt gesund!
Elke

@ Elke Bockamp 10

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