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Die Grundschule als

„Haus für alle Kinder“

Zur Vielfalt unter den


Kindern

Einführung in die Grundschulpädagogik


Dr. C. Rehle

Die Einzigartigkeit
jeden Kindes

Martin Buber:
„... in die Schichtung des Vorhandenen
bricht das noch Ungewesene ein, mit
zehntausend Antlitzen, von denen keins
bisher erschaut worden war, mit
zehntausend noch ungewordenen,
werdebereiten Seelen ...“

Übersicht

 Homogenität / Heterogenität in
Schulklassen
 Merkmale der Vielfalt
 Normalitätskonstruktionen
 „Pädagogik der Vielfalt“ und Inklusion

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Homogenität in der Klasse:
eine Fiktion

Dilemma von Lehrkräften:


Tendenz zur Homogenisierung

Tradition des deutschen


Schulsystems
„Homogenisierungsdenken:“
 Die Tradition der Organisation eines
„Zusammenunterrichts“ in einer Schulklasse als
möglichst homogen zusammenzusetzendes Kollektiv
 Eine darauf abgestimmte Didaktik und Methodik
 gleichschrittiger Lehrgangsunterricht
 Das drei-/viergliedrige Schulsystem als Grundpfeiler
einer leistungsbezogenen Homogenisierung
 Professionsverständnis der Lehrkräfte als Instruktor
und Vermittler in homogenen Gruppen (vgl.
Graumann 2002, Reh 2005, Wischer 2002/2009 u.a.)

Folge:Heterogenitätsreduzierung
 Orientierung an einem gedachten
„Normalschüler“
 Heterogenitätsreduzierende Maßnahmen

(Ratzki 2005)

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Vorteile heterogener
Gruppen

Merkmale der
Vielfalt:

somatisch soziokulturell

geschlechts-
kognitiv spezifisch

emotional kulturell

biographisch religiös

Geschlechtsspezifische
Unterschiede

Ko- oder monoedukativ?


Ohne Jungs sind Mädchen in Mathe und Physik
besser (Herwartz-Emden 2006)
„Koedukation macht Mädchen brav!?“
Werden Jungen in der Schule systematisch
benachteiligt?

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Somatische Unterschiede

Kognitive Unterschiede,
z. B.

 „Intelligenzen. Die Vielfalt des


menschlichen Geistes“ (Howard
Gardner)

Biografische
Unterschiede
• Einflussfaktoren, z. B.:
– Familienkonstellation, außerfamiliäre
Bezugspersonen, räumliche und
zeitliche Umstände, kritische
Lebensereignisse, Merkmale und
Fähigkeiten der eigenen Person…
(systemische Betrachtungsweise)
• Der Mensch, das ist seine
Geschichte.
 (E. Husserl)

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Sozio-kulturelle
Unterschiede
 Kinder aus sozio-ökonomisch
schwachen Schichten sind in höheren
Bildungsabschlüssen immer noch
unterrepräsentiert
-> Soziale Herkunft entscheidet über
Schulerfolg!

Kulturelle und religiöse


Unterschiede
•früher:
relativ homogene Migrantengruppen
•gegenwärtig:
Vielfalt unter den Migranten

Einerseits entstehen Verunsicherung und


Konflikte in den Klassenzimmern – andererseits
ergibt sich eine vielfältige menschliche und
kulturelle Bereicherung.

Emotionale Unterschiede

(D. Goleman 1997))

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Emotionale Kompetenz

z. B.
 sich seiner Gefühle bewusst sein
 Gefühle zulassen können
 sich in andere hineinversetzen können
 Gefühle bei anderen wahrnehmen und
verstehen können
 Gefühle regulieren sowie mit negativen
Gefühlen und Stress umgehen können

Soziale Kompetenz
Gesamtheit der persönlichen Fähigkeiten
und Einstellungen, die dazu beitragen,
das eigene Verhalten von einer
individuellen auf eine gemeinschaftliche
Handlungsorientierung hin auszurichten.
„Sozial kompetentes Verhalten“ verknüpft
die individuellen Handlungsziele mit den
Einstellungen und Werten einer Gruppe.
(Asendorpf 2004)

Leistungsvielfalt

Zusammenhang von didakt. Arrangement


und „Leistenkönnen“ der Kinder

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Fazit
Es gibt nicht „den einen“ Weg
des Kindes zum
Erwachsenwerden
Diversifikation von
Kindheitsmustern

Heterogenität – ein
Konstrukt

Normalitätskonstruktion

+/- 1 Standardabweichung = normal


mehr als 1 Standardabweichung = nicht normal

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Heterogenität als Belastung
„Verschiedenheit heißt für mich, dass Kinder von dem
abweichen, was für die Klassenstufe normal ist“

normbezogene Sichtweise

Abweichung Lernhindernis

Defekt
zusätzliche Belastung für Lehrer und Klasse

Heterogenität als
Bereicherung
„Durch die Verschiedenheit der Kinder in meiner Klasse
ergibt sich die Möglichkeit, dass Kinder voneinander
lernen“

 Es ist normal, dass Kinder verschieden


sind
 dies ist Anlass, den Unterricht
entwicklungsorientiert zu gestalten
 -> differenzbezogene Sichtweise

Erfolgsfaktor „Diversity“

 Zentraler Gedanke: Unterschiede als


Bereicherung erleben und nicht als
Bedrohung
 Unternehmen sind innovativer, wenn sie
die Vielfalt der Teams explizit fördern
 „Charta der Vielfalt“, 2006:
grundlegendes Bekenntnis zu Vielfalt,
Toleranz, Fairness und Wertschätzung
in der Arbeitswelt…

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Sozial bedeutsame
Differenzen

Human variation model


 Statt einzelne Gruppen zu betrachten: auf Individuen
mit sehr unterschiedl. Fähigkeiten und Potenzialen
achten:
 Verschiedenheit als typisches anthropologisches
Merkmal aufgefasst: „Biologisch gesehen ist eher
von einem Kontinuum unterschiedlicher Fähigkeiten
auszugehen als von einem abgrenzbaren Bereich der
als Behinderung zu qualifizierenden
Funktionseinschränkung einerseits und einem
Bereich normaler Funktionsfähigkeit andererseits“
(Stoppenbrink 2014, S. 40)

Pädagogik der Vielfalt:


Verständnis von Heterogenität

„Ohne Angst verschieden sein dürfen“ in einer


Atmosphäre der Anerkennung

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Pädagogik der
Vielfalt
Dabei geht es um einen erweiterten Bildungsbegriff,
der den Verschiedenheiten der Menschen gerechter
wird und dem politischen Ziel der Gleichberechtigung
verpflichtet ist.
(vgl. Annedore Prengel, 1993)

Anderssein ist nicht bedrohlich, sondern weckt den


Wunsch nach Kommunikation

Pädagogik der Vielfalt:


Pädagogische Konsequenzen

Janusz Korczak:
Jedes Kind hat das Recht, so zu
sein, wie es ist!

Inklusion will die


bedingungslose Teilhabe eines
jeden Menschen am
gesellschaftlichen Leben unter
den Bedingungen seiner
individuellen Verfasstheit.

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UN-Konvention über die
Rechte von Menschen mit
Behinderungen (2009)
Art. 24:
Die Vertragsstaaten gewährleisten

Integration oder Inklusion?

Index für Inklusion


(Hinz/ Boban 2003)

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Heterogenität produktiv
nutzen: miteinander und
voneinander lernen

Literatur:
 Bartnitzky, H./ Hecker, U. (Hg.) (2010): Allen Kindern
gerecht werden. Aufgabe und Wege. GS Verband,
Frankfurt
 Fraser, N (2001): Die halbierte Gerechtigkeit. Frankfurt
 Franz, J./Wulfekühler, H.(2018): Diversität und Identität:
Im Spannungsfeld von Ausgrenzung und Anerkennung.
In: Quante, M. u. a. Hrsg.: Ethische Dimensionen
Inklusiver Bildung. Weinheim, S. 100 - 118
 Heinzel, F./Prengel, A. (Hrsg.) (2002): Heterogenität,
Integration und Differenzierung in der Primarstufe.
Opladen
 Hinz, A./ Boban, I.: Index für Inklusion. Halle 2003
 Schöler, J. (2009): Alle sind verschieden. Auf dem Weg
zur Inklusion in der Schule. Weinheim/Basel
 Stoppenbrink, Katja (2018): Inklusion und Gerechtigkeit.
In: Quante, M./Wiedebusch, S./ Wulfekühler, H. (Hrsg.):
Ethische Dimensionen Inklusiver Bildung. Weinheim,
Basel, S. 27 -45
 Thoma, P./Rehle,C. (Hrsg.) (2009): Inklusive Schule.
Leben und Lernen mittendrin. Bad Heilbrunn

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