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Inhalt

Einleitung. S. 2

Historischer Abriss bis zum Ende des zweiten Weltkrieges. S. 3


Auferstehung Polens nach dem zweiten Weltkrieg. S.7
Die Warschauer Deklaration und der Görlitzer Vertrag. S. 9
Der Warschauer Vertrag zwischen Polen und der Bundesrepublik. S. 10
Auf dem Weg zur Versöhnung. S. 11
Am Vorabend der Wiedervereinigung. S. 16
Kohls 10 Punkte Plan als Schritt zur Wiedervereinigung und Versäumnis in der deutschen
Polenpolitik. S. 18
Der Grenzvertrag von 1990 als abschließender Akt der Verträge über die polnische
Westgrenze. S. 21

Fazit. S. 26

Literaturverzeichnis. S. 28
Abkürzungsverzeichnis. S. 31.

1. Einleitung.

Die Grenze zwischen Deutschland und Polen erscheint uns aus heutiger Sicht als eine aus der
europäischen Geschichte abgeleitete Selbstverständlichkeit. Mit Unverständnis müssen wir
ansehen, wie gerade aus rechten Kreisen die Oder-Neiße Linie angezweifelt oder sogar
bekämpft wird. Aber auch Organisationen, wie die Preußische Treuhand, sorgen mit ihrem
Bemühen für eine negative Wahrnehmung in Polen. Beispielhaft ist auch die in Polen aufs
schärfste kritisierte Präsidentin des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbacher, die mit ihren
Forderungen an den polnischen Staat für eine extrem negative und verzerrte Wahrnehmung
der deutschen Interessen in Polen sorgt. Jedwede Gebietsansprüche an unsere Nachbarn
werden in Polen verständlicherweise mit Bestürzung aufgenommen und verschlechtern
sowohl das politische als auch das soziale Klima zwischen den Völkern.

In der folgenden Arbeit habe ich die historische Entwicklung des polnischen Staates und der
Grenze zu seinen Nachbarstaaten grob umrissen und die aktuelle Grenzsituation zwischen
Deutschland und Polen mit ihren Ursprüngen analysiert. Dabei gehe ich ausführlich auf die
Geschehnisse zur Wiedervereinigung der deutschen Staaten und die Verträge, die den
heutigen Grenzverlauf an der Oder Neiße Linie bestimmt haben, ein. Ich möchte die Frage
beantworten, ob und wann die polnische Westgrenze als unveränderbarer Bestandteil der
europäischen Friedensordnung festgeschrieben worden ist und welche Folgen das für die
Beziehung Deutschlands zu unseren Nachbarn hatte.

Historischer Abriss bis zum Ende des zweiten Weltkrieges.

Tatsächlich war die Grenze zwischen den polnischen und den deutschen Gebieten historisch
schon immer starken Veränderungen unterworfen. Die Grenze zum deutschen Reich
zeichnete sich durch eine hohe Dynamik aus und war seit dem Mittelalter heftigst umstritten.
Der deutsche Orden nutzte die offensichtliche Schwäche der Piastenmonarchie, um sich in
den polnischen Gebieten zu behaupten und erst in der berühmten Schlacht bei Tannenberg
am 15. Juli 1410 konnten sich die Polen ihre Autonomie erkämpfen und die Regierungshoheit
der polnischen Krone zurückerobern1. Im Rahmen der drei polnischen Teilungen 1772, 1793
und 1795 wurde diese Grenze wieder stark verändert und am Ende blieb vom polnischen
Königreich, das zum Spielball der Großmächte, namentlich Preußen, Österreich und
Russland, geworden war, nichts mehr übrig2. Um das fragile europäische
Mächtegleichgewicht zu erhalten, wurde Polen geopfert und unter den Mächten aufgeteilt.

Der Wunsch nach einem souveränen Staat konnte im polnischen Volk aber nicht gebrochen
werden und so mussten sich Preußen und Russland solidarisieren, um das polnische Volk,
welches sich mit heftigen Aufständen gegen die Hegemonie erhob, unter Kontrolle zu halten.
Bis ins 19. Jahrhundert brodelte die Gegenwehr der polnischen Bevölkerung gegen eine
Germanisierung von Westen oder die Russifizierung vom Osten aus. Es gelang dem
polnischen Volk aber weder durch Gewalt, noch durch politische Interventionen, sich von der
Fremdherrschaft zu befreien. Erst der Versailler Vertrag und die tiefgreifenden
Veränderungen des europäischen Staatsgefüges im Laufe der ersten Weltkrieges ermöglichten
es den Polen, sich als Nationalstaat aus den ehemaligen Teilungsmächten herauszulösen. Von
der Entente gefördert, stand der polnische Staat ab 1921 wieder auf eigenen Füßen und hatte
sich konsolidiert. Das Ende der Hohenzollern, die sich in ihrem Expansionsstreben immer
auch nach Osten orientierten, hatte die neue Entstehung eines polnischen Nationalstaates
ermöglicht. Trotzdem umfasste er in seinen Grenzen nicht nur polnische Bevölkerungsteile,
sondern war ein Vielvölkerstaat, der sich aus deutschen, polnischen, tschechischen und
ungarischen Bevölkerungsschichten zusammensetzte, die jetzt aber aus völkerrechtlicher
Sicht als Polen betrachtet wurden3. Die ehemals preußischen Eliten waren aber in der
Weimarer Republik verblieben und so feindeten sie die neu entstandene Grenze zu ihren
Nachbarn und den nicht mehr monarchischen polnischen Nationalstaat aufs heftigste an.
Nach dem ersten Weltkrieg marodierten Freikorps durch polnische Grenzgebiete und
versuchten, den jungen Staat mit historisch tief gewachsenen Wurzeln, zu bekämpfen.
Gleichzeitig hielten antipolnische Stereotype und Ressentiments Einzug in den deutschen
Sprachgebrauch. Die Deutschen wollten ihre Ostmark nicht aufgeben und erst die
angedrohten Repressionen im Zuge des Versailler Vertrags konnten die Grenzregion
befrieden. Das schlug sich auch in der Außenpolitik der Weimarer Republik nieder und
verschlechterte die Beziehungen Deutschlands zu Polen denkbar. Mit der sich stetig
verschlechternden Wirtschaftslage im Zuge der Weltwirtschaftskrise ab 1929, der damit
verbundenen Schwächung der europäischen Großmächte und des Rückzugs Amerikas aus der
Europäischen Politik war der Versailler Vertrag angreifbar geworden, da es an Instanzen
mangelte, die gewillt waren, seine Beschlüsse weiter konsequent durchzusetzen. Zeitgleich
mehrten sich die Anstrengungen in Deutschland, die diktierten Grenzen aufzuweichen und
gerade die polnische Westgrenze wieder nach Osten zu korrigieren. Diese Auffassung bestand
auch noch kurz nach der Machtergreifung Hitlers4. Das Besetzen des Munitionslagers
Westerplatte in der freien Stadt Danzig durch einen starken polnischen Verband vom 5. bis
zum 16. März sollte einen Viererbund zwischen Deutschland, Großbritannien, Frankreich
und Italien verhindern und demonstrierte gleichzeitig die militärische Schlagkraft des jungen
Nationalstaats. Das Resultat dieser Intervention und weiterer außenpolitischer Erfolge war
die vorübergehende Sicherung der polnischen Westgrenze gegen den Revisionismus und der
Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und Polen am 26. Januar 19345. Erstaunlicherweise
wurden mit der Machtergreifung Hitlers von polnischer Seite her Hoffnungen verbunden, der
preußische Grenzrevisionismus würde endlich ein Ende finden. In Polen begrüßte man die
Wahl eines Österreichers zum Reichskanzler des deutschen Reiches und sah die Herkunft als
ein positives Indiz und Gegengewicht zu preußischen Junkertum, das sich stark für die
fruchtbaren polnischen Gebiete interessierte6. Der Nichtangriffspakt war ein großer
außenpolitischer Erfolg Hitlers, der ihm sogar den Anschein eines friedliebenden Nachbarn
der Polen verlieh7. Das dies eine fatale Fehleinschätzung der Ziele Hitlers war wissen wir
heute nur zu gut. 1939 zeigten sich die waren Absichten der Nationalsozialisten im Bezug auf
Polen. Mit dem geheimen Zusatzprotokoll im Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion
beschlossen Hitler und Stalin mit einem Federstrich die erneute Aufteilung des Landes
zwischen Deutschland und der Sowjetunion und damit die erneute Vernichtung des
polnischen Nationalstaats8. Am 1. September 1939 wurde der zuvor beschlossene Plan in die
Tat umgesetzt. Als Reaktion auf den fingierten Angriff auf den grenznahen deutschen Sender
Gleiwitz marschierte die Wehrmacht ohne die völkerrechtlich notwendige Kriegserklärung in
Polen ein und der zweite Weltkrieg war entfesselt. Am 17. September, nachdem die polnische
Regierung ins Exil geflohen war, marschierte auch die Rote Armee in Polen ein und rückte in
der folgenden Zeit bis zur Vereinbarten Demarkationslinie vor. Am 22. September trafen die
Rote Armee und die Wehrmacht in Lublin das erste Mal aufeinander und das Ende Polens
war vorerst besiegelt9.

Auferstehung Polens nach dem zweiten Weltkrieg.

Bereits 1942 hatten die Polnischen Exilpolitiker ihre Forderungen bezüglich der Westgrenze
des zu erwartenden neuen polnischen Staates formuliert. Die Grenze sollte sich an den
natürlichen Gegebenheiten orientieren und so wurde eine Grenzziehung an der Oder und
westlich der Neiße gefordert. In der Potsdamer Konferenz im Juli 1945 wurden diese
Forderungen aufgegriffen und weiter konkretisiert. Strittig war noch, wie die Grenze südlich
der Oder weiter verlaufen sollte. Man konnte sich aber auch hier auf den Lauf der Lausitzer
Neiße verständigen, was den polnischen Interessen weitestgehend entsprach. Was mit dem
Gebiet um Stettin geschehen sollte musste aber in der Potsdamer Konferenz noch bearbeitet
werden. Die britische Position sah einen Übergang Stettins unter polnische Oberhoheit vor
und die Ermöglichung eines Seezugangs von der Stadt aus. Das hatte zwangsläufig zur Folge,
dass die Grenzlinie zu Ungunsten Deutschlands von der Oder nach Westen aus abknicken
musste. Die sowjetische Regierung hatte bereits zuvor der polnischen Regierung eine
Entschädigung für die verlorenen Gebiete Ostpolens in dem Sinne zugesichert. In der
Konferenz von Jalta war der Grenzverlauf über die Insel Usedom und westlich von
Swinemünde aber noch nicht anberaumt. Diese Konkretisierung des Grenzverlaufes erfolgte
demnach erst in Potsdam. Die weiteren Monate nach Kriegsende waren durch ein Ringen der
polnischen Regierung mit der sowjetischen Besatzungsmacht gekennzeichnet, in deren
Verlauf sich die an manchen Punkten noch unklare Grenzziehung weiter konkretisierte und
verfestigte. In diesem Ringen versuchten die Polen auch die Kontrolle über Frankfurt / Oder
und den westlichen Teil von Görlitz zu erlangen, was aber nicht gelang. Ein weiteres Indiz für
das polnische Bestreben, den Machtradius zu erweitern, war die Besetzung des heutigen
Nationalparks "Unteres Odertal" durch polnisches Militär10.

Die Warschauer Deklaration und der Görlitzer Vertrag.

Die DDR musste sich vom Anfang ihrer Geschichte an den ideologischen und
machtpolitischen Interessen des sowjetischen Blocks unterwerfen. Deswegen liegt es auf der
Hand, dass die Zustimmung zur Oder-Neiße Linie relativ rasch erfolgte, auch wenn die
Bevölkerung in den Gebieten westlich der Grenze zu Polen dies mit Missbilligung
aufgenommen haben muss. Während die Bundesregierung noch mit der polnischen Seite um
eine Revision der Grenzziehung stritt, intervenierte die DDR-Führung unter Otto Grotewohl
und erkannte die polnische Westgrenze an der Oder-Neiße Linie an11. Eingeleitet wurde dieser
Schritt durch die Warschauer Deklaration vom 6.6 1950, die die Absicht feststellte, die
Grenzfrage innerhalb einer Monatsfrist zu klären sowie die "festgelegte, zwischen beiden
Staaten bestehende unantastbare Friedens- und Freundschaftsgrenze"12 zu markieren. In
diesem Sinne wurde der Görlitzer Vertrag am 6.7.1950 zwischen Polen und der DDR
geschlossen. Der Vertrag zeigt das geringe Selbstbewusstsein der DDR gegenüber der
Volksrepublik Polen, da das dort Abgetretene Swinemünde nur mit seinem Polnischen Namen
in der Deklaration erwähnt wird. Aber es war für die DDR-Führung unumgänglich, den Polen
die Bestätigung der bereits bestehenden praktischen Verwaltungsgrenzen zu zugestehen. Der
Vertrag folgte demnach auch genau den Beschlüssen des Potdsamer Abkommens, über das
sich die DDR als das "Neue und Bessere Deutschland" nicht hinwegsetzten konnte oder
wollte. Die DDR war auf eine völkerrechtliche Anerkennung durch den neuen polnischen
Staat dringen angewiesen um sich auch innerhalb des Ostblocks und gegebenenfalls darüber
hinaus, außenpolitisches Gehör zu verschaffen.

Der Warschauer Vertrag zwischen Polen und der Bundesrepublik.

Die Warschauer Deklaration von 1950 wurde von der Regierung der BRD heftig kritisiert. In
einer Zeit, in der die Teilung Deutschlands noch keinesfalls als eine so gesicherte Tatsache
feststand und die Hoffnung auf eine rasche Vereinigung der Besatzungszonen weiterhin
existierte, war der Alleingang der DDR-Führung ein Schlag ins Gesicht der westlichen
Politiker. Lange hielt sich die Bundesregierung mit einer ähnlichen Vereinbarung gegenüber
Polen zurück, was von der DDR-Führung natürlich als Revanchismus gebrandmarkt und
ideologisch ausgeschlachtet wurde. Den Deutschen Politikern war aber klar, dass ein
Abkommen zwischen der BRD und der VRP dem Görlitzer Abkommen in seinem Inhalt
weitestgehend entsprechen müsste, da eine etwaige Abweichung von desem Vertrag oder gar
eine Revision der Grenzfrage von polnischer Seite nicht akzeptiert werden würde. Im Zuge der
Ostverträge der Regierung Brandt in den 70er Jahren musste die Grenzfrage doch
notwendigerweise diskutiert werden. Ganz wie erwartet konnte der Vertrag zwischen der
Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen über die Normalisierung ihrer
gegenseitigen Beziehungen im Sinne der Potsdamer Verträge abgeschlossen werden.
Trotzdem wurde der Friedensvertragsvorbehalt zwischen der BRD und Polen bis zur etwaigen
neuen Entscheidung durch eine gesamtdeutsche Regierung nicht aufgehoben. Das zog in
Konsequenz nach sich, dass die ehemals deutschen Gebiete verfassungsrechtlich noch zu
Deutschland gehörten aber trotzdem polnischer Oberhoheit unterstanden13. Begleitet wurde
die Vertragsunterzeichnung durch den symbolisch bedeutenden Akt des Kniefalls von Willy
Brandt im ehemaligen Ghetto von Warschau. Dieser Akt der Demut hat den Beziehungen der
BRD zu Polen im sonstigen strengen und ablehnenden Klima des kalten Krieges auf eine neue
Position gehoben.

Auf dem Weg zur Versöhnung.

Bis zum Ende der achtziger Jahre waren die Beziehungen der BRD zu DDR und das politische
Klima zwischen den Eliten der Länder trotzdem denkbar schlecht. Die hohe Militärpräsenz an
den Blockgrenzen verhinderte die Annäherung der Regierungen und das Kriegsrecht
ermöglichte es der Bundesregierung nicht, über eine Umschuldung polnischer Kredite zu
verhandeln oder dem Land wirtschaftliche Hilfe zu leisten. Auch neue Kredite konnten
angesichts der politischen Lage nicht gewährt werden. Die Situation zwischen der Regierung
Jaruzelski und der Regierung Kohl war festgefahren. Daran konnten auch die Kontakte der
westdeutschen Bevölkerung zur Solidarnozc-Bewegung oder auch die Päckcheninitiative der
Bundesdeutschen nicht viel ändern. Selbst als sich 1985 die politische Großwetterlage durch
den Amtsantritt von Michael Gorbatschow änderte und der Reiseverkehr zwischen Polen und
der Bundesrepublik zunahm, wendete sich die Beziehung der Eliten beider Länder nur
geringfügig zum Positiven14. Allerdings kann man festhalten, dass es wenigstens den Wunsch
gab, die Beziehungen zu verbessern. Jedwede Zugeständnisse an Polen vor diesem Datum
mussten als Zugeständnisse an den sozialistischen Block gewertet werden und somit waren
sie weder aus wirtschaftlicher noch politischer Sicht tragbar für die Bundesrepublik.

Erst die Änderung der polnischen Innenpolitik im Bezug auf die Minderheitenfrage brachte
etwas Bewegung in die Situation und verbesserte das Verhältnis. Bis 1988 hatte die
Volksrepublik Polen nicht einmal die bloße Existenz einer deutschen Minderheit auf ihrem
Staatsgebiet anerkannt. Obwohl es auf der Hand gelegen haben muss, dass eine
Westverschiebung im Zuge der Potsdamer Vertäge der polnischen Grenze zwangsläufig den
Einschluss deutscher Bevölkerungsschichten nach sich zog. Das Land definierte sich als
national einheitlich und somit waren die Rechte der Minderheiten nicht geschützt oder gar
einklagbar. Erst nach dem Regierungsantritt von Tadeusz Mazowiecki im Jahre 1989 wurde
die Existenz der Minderheiten auf polnischen Boden anerkannt und damit auch deren
Rechtsanspruch.15

Mazowiecki sah die Rechte der Minderheiten, in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht, als
eine Selbstverständlichkeit an. "Mazowiecki erläuterte auf einer Pressekonferenz für die in
Warschau akkreditierten westdeutschen Korrespondenten seine Haltung in der Diskussion
um die deutsche Minderheit in Polen. Er wiederholte die Zusicherung, daß alle Minderheiten
in Polen "im Einklang mit internationalen Verpflichtungen" ihre Rechte bekämen. "Diese
Minderheiten wurden bisher nicht genügend wahrgenommen", sagte er. Im Rahmen der
Minderheiten-Politik der neuen Regierung sind nach Mazowiecki Sonderrechte für die
Angehörigen der deutschen Volksgruppe nicht erforderlich. Mazowiecki unterstrich, daß
dabei genau überprüft werden müsse, wer sich zum Deutschtum bekenne. "Es gab aus Ihrem
Land Stimmen mit der Tendenz, dieses Problem überzubewerten", sagte er. "Der Unterschied
im Lebensstandard zwischen beiden Ländern ist so groß, daß sich viele plötzlich zum
Deutschtum bekennen." Man dürfe das Problem der deutschen Minderheit "nicht übertreiben
und nicht mißbrauchen"." Der polnische Ministerpräsident thematisierte damit die
Minderheitenfrage im deutschen Interesse und sicherte sich gleichzeitig gegen das
übermäßige politische Ausschlachten dieser Thematik ab. Diese neue Position in der Debatte
ermöglichte der Bundesregierung den Polen im Bezug auf Kredite und Wirtschaftshilfen
entgegenzukommen.

Erstmals war die Politik der beiden Regierungen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.
Durch gegenseitige Zugeständnisse konnten beide Länder profitieren und die Zustimmung
der Polen zur deutschen Wiedervereinigung wuchs.

Naturgemäß mussten die Polen die Vereinigung der beiden deutschen Staaten argwöhnisch
beobachten. Es wurde natürlich befürchtet, dass eine Bedrohung von der neuen
Bundesrepublik ausgehen könnte. Der vom damaligen Bundeskanzler Kohl angesprochene
Friedensvertragsvorbehalt und sein Wunsch, einen erneuten Friedensvertrag ratifizieren zu
wollen, war natürlich nicht dazu geeignet weitere Vorbehalte auszuräumen. Der polnische
Außenminister Skubiszewski war der Überzeugung, ein erneuter Friedensvertrag wäre nicht
nötig, da in den bereits beschlossenen Verträgen alle wichtigen Punkte, wie eben die
Grenzziehung an der Oder-Neiße Linie, abgehandelt wurden.16 Die Aussicht auf eine erneute
Verhandlung dieser eigentlich bereits unstrittigen Punkte musste bei der polnischen Seite
einiges an Verunsicherung hervorrufen.

Unter diesen Rahmenbedingungen scheint es nicht verwunderlich, dass sich die Maxime der
polnischen Eliten durch die Schlagworte "Sicherheit und Stabilität" definierte. Die Rezeption
der polnischen Regierung durch ihre Bevölkerung hing auch stark von diesen zwei Punkten
ab. Skubiszewski, Mazowiecki und Jaruszelski mussten die Befürchtung hegen, entweder in
eine verstärkte Abhängigkeit zu Russland zu geraten oder einem erstarkten Deutschland
gegenüber zu stehen. Das Bestreben, die Westintegration Polens voranzutreiben, war
angesichts der wirtschaftlichen Interessen des Landes von essentieller Bedeutung. Jaruszelski
formulierte die Position seiner Regierung, auf die Frage, ob Polen besser die Nähe zu
Deutschland oder Russland suchen solle, wie folgt: "Ich mache mir keine der beiden
Konzeptionen zu eigen und lehne auch die "Äquidistanz" zu unseren beiden, im Hinblick auf
ihr Potential, großen Nachbarn ab. "Gleicher Abstand" zu Berlin und Moskau - das war vor
dem Krieg. Ich möchte dies umkehren, denn ich bin ein Anhänger einer sehr engen,
wenngleich einer unterschiedlich gestalteten Zusammenarbeit mit Deutschland und mit
Moskau. Aber hier wird die Sache schon komplizierter, weil es sich nicht nur um Moskau
handelt, sondern auch um unsere östlichen Nachbarn, die Ukraine, Litauen und Weißrußland.
Ich mache keinen Unterschied zwischen dem einen und dem andern. Unzweifelhaft dominiert
in unserer Politik die europäische Richtung. Sie muß dominieren - unabhängig davon, wer in
Polen regiert." Trotzdem blieb die Angst vor dem deutschen Revanchismus in der polnischen
Bevölkerung immer präsent. Die Anerkennung der Westgrenze durch die vereinigte
Bundesrepublik war also das bestimmende außenpolitische Ziel der polnischen Regierung.
Mit einem günstigen Ausgang ihrer Bemühungen konnte sich die polnische Regierung im
Kanon der europäischen Mächte profilieren und gleichzeitig die innere Stabilität und ihre
Legitimation festigen.

Am Vorabend der Wiedervereinigung.

Im Vorfeld einer gemeinsamen Erklärung von Polen und der Bundesrepublik kam es zu
Unstimmigkeiten zwischen den politischen Führungen. Die Süddeutsche Zeitung titelte am 7.
November 1989: "Polen will "eindeutige" Auslegung des Warschauer Vertrags"17 und wies
damit darauf hin, dass es in dieser Auslegung verschiedene Ansichten zwischen den
Regierungen geben könnte. Eine gemeinsame Erklärung sollte zu diesem Thema verfasst
werden, aber die polnische Seite bestand auf endgültigen Formulierungen, die der
Bundeskanzler in diesem Sinne nicht bereit war abzugeben. Polen wollte die Wendung der
"Unantastbarkeit der jetzigen Grenzen"18 in einer gemeinsamen Erklärung verwirklicht sehen
und somit den Warschauer Vertrag von 1970 als verbindliches Werk über die Grenzziehung
zwischen den beiden Staaten interpretiert wissen. Die deutsche Regierung, vertreten durch
den Regierungssprecher Vogel, entgegnete, man bräuchte den Warschauer Vertrag nicht
erneut zu interpretieren und man wolle keine Formulierungen, die die Bedeutung des
Warschauer Vertrags schmälern, aber auch keine Erweiterung des Werks durch zusätzlich
abgegebene Formulierungen eingehen. Ähnlich hatte es wohl auch Skubiszewski gesehen, der
noch wenige Tage zuvor die Erklärung durcharbeitete und keine Änderungswünsche
vorzutragen hatte. Der polnische Ministerpräsident legte aber einen großen Wert auf eine
zusätzliche und weiterreichende Formulierung, wie sie die Erklärung enthielt. Die
"Vertragsformel: "(Die Bundesrepublik und Polen) erklären, daß(sic!) sie gegeneinander
keinerlei Gebietsansprüche haben und solche auch in Zukunft nicht erheben werden,"19 sollte
nach Meinung der Bundesregierung ausreichen.

Noch bevor Bundeskanzler Kohl zu einem Treffen mit den polnischen Eliten kommen konnte,
war bereits Egon Krenz in seiner Funktion als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED
zu Sondierungsgesprächen nach Polen gereist. Präsident Jaruzelski hatte Krenz über den
anberaumten Besuch Kohls am 9. November 1989 informiert und so bemühte sich Krenz noch
vor diesem Termin, die polnischen Positionen mit denen der DDR abzugleichen. Krenz sah
die Beziehungen der DDR zu Polen als wichtigen Garant für das Weiterbestehen der DDR, des
sozialistischen Blocks und damit auch seiner politischen Karriere. Außerdem war es den
beiden Politikern wichtig, eine gemeinsame Position gegen die westlichen Eliten und auch
gegen die polnische Opposition, vertreten durch Mazowiecki, zu bilden. Der demokratische
Umgang mit dem politischen Gegner war sowohl für Krenz als auch für Jaruzelski
unbekanntes Neuland. Obwohl Krenz als gebürtiger Kolberger selbst das Leid der Vertreibung
aus der Heimat ertragen musste, war seine Position zur Oder-Neiße-Linie klar umrissen. Er
lehnte jedwede Ansprüche der Bundesrepublik an Polen strikt ab und wollte in seinen
Verhandlungen und Gesprächen mit den Polen abstecken, welche Garantien es für das
Bestehen der Grenze geben könnte. Jaruzelski und Krenz standen der Wiedervereinigung
ablehnend gegenüber und teilten somit die Bedenken bedeutender politischer Kräfte in
Europa20.

Die Grenzfrage zugunsten der bestehenden Oder-Neiße Linie zu klären und die Sorgen der
Polen mit seiner Person auszuräumen, lag also im Fokus der Bemühungen von Krenz, um die
DDR als souveränen Staat zu erhalten und dem Sozialismus ein Weiterbestehen zu
ermöglichen. Nach seinem Besuch in Warschau reiste Krenz weiter nach Moskau, wo er eine
ähnliche Position vertrat, die Möglichkeit einer Wiedervereinigung ausschloss und die
Sicherheit Europas der Einheit Deutschlands gegenüberstellte.21

Kohls 10 Punkte Plan als Schritt zur Wiedervereinigung und


Versäumnis in der deutschen Polenpolitik.

Trotzdem sparte Bundeskanzler Kohl die Grenzfrage in seinem 10 Punkte Plan weitgehend
aus. Das wurde von der polnischen Seite so wahrgenommen und obwohl die Grenze sowohl
politisch als auch militärisch unveränderbar war, was auch durch die vier Siegermächte
garantiert wurde, mussten noch praktische und juristische Fragen geklärt werden. Denn nur
ein endgültiger Abschluss dieses Verfahrens konnte die Beziehung zwischen Deutschland und
Polen auf eine dauerhafte Basis stellen. Außerdem zog das Fehlen eines Friedensvertrages
ebenso "praktische Konsequenzen im Bereich der Versicherungen, der Renten und Pensionen
und auf humanitärem Gebiet"22 nach sich. Diese Punkte wollte Skubiszewski noch
abschließend geklärt wissen. Der zurückhaltende Plan war ein Versuch, dem völkerrechtlichen
Novum der Wiedervereinigung eine strategische Grundlage zu verschaffen und die
Marschrichtung des Einigungsprozesses festzulegen. Dabei versuchte Kohl den schweren
Spagat zwischen den innenpolitischen Anforderungen, die zu diesem Zeitpunkt nur wage
abzuschätzen waren, und den Erwartungen der internationalen Bühne zu schaffen. Der 10
Punkte Plan sollte eine Orientierung im Einigungsprozess sein, der nach dem sicheren Beginn
der friedlichen Revolution in der DDR im November 1989 der nächste zwingende Schritt sein
musste. Die Bundesregierung war im Vorfeld schon in die Kritik geraten, da es eben an einem
schlüssigen Wegplan fehlte und eine Erstellung eines Planes pressierte. Ein genaues Konzept
sollte auch den Zweiflern der Einheit, die es in der DDR Elite, in Russland aber auch in der
Bundesrepublik zur genüge gab, den Wind aus den Segeln nehmen und somit einen Kontrast
zu Modrows vorgeschlagener "Vertragsgemeinschaft" darstellen. Außerdem wollte Kohl
eventuellen Vorgehensweisen der internationalen Partner vorgreifen, um die Einigung als
deutschen Erfolg feiern zu können. Ein Zögern in diesen Entscheidungsfragen hätte die
Vereinigung der beiden Länder gefährdet. Innenpolitisch sah Kohl die Möglichkeit, sich
gegenüber dem deutschlandpolitisch engagierten Außenminister Genscher zu profilieren und
trotzdem die Einheit der Koalition nicht zu gefährden. Sowohl FDP als auch die CDU/CSU
standen der Deutschen Wiedervereinigung positiv gegenüber, es mangelte nur noch am
Konzept. Sein Engagement in der "Deutschen Frage" sollte seine Position in der
Bundesregierung festigen und seine Durchsetzungskraft gegenüber dem Koalitionspartner
stärken. Also rief der Bundeskanzler zahlreiche Berater zusammen, um im November 1989
das erforderliche Memorandum zu diskutieren und auszuarbeiten. In relativ kurzer Zeit
hatten die Experten des Bundeskanzlers dieses Paper erarbeitet und dem Kanzler zukommen
lassen. Dabei hielten sich die Mitarbeiter an bereits bestehende Vorstellungen und Ideen aus
EU- oder Nato-Kommunikees und entwickelten keine bahnbrechend neuen Ideen zum
Einigungskonzept oder der europäischen Friedensordnung. Nach einer der Arbeitsweise des
Bundeskanzlers entsprechenden Nachbearbeitung durch ihn und engste Vertraute wurde die
endgültige Fassung übers Wochenende erstellt. Der Sinn seines nicht gänzlich offen gelegten
Vorgehens war es, den Überraschungseffekt für die politischen Gegner und auch für die
Vertretungen der vier Mächte zu erhalten. Im Ergebnis wurde ein fertiges Redemanuskript,
das später als das 10 Punkte Programm bekannt werden sollte, geschaffen.23

Der Grenzvertrag von 1990 als abschließender Akt der Verträge


über die polnische Westgrenze.

Der Grenzvertrag vom 14 November 1990 war ein bedeutender Schritt auf dem Weg der
deutsch-polnischen Versöhnung und auch eine wichtige Prämisse zum erreichen der
deutschen Einheit. Er enthielt entscheidende Neuerungen für die politische Kultur beider
Länder und war in der Lage, diese zum postitiven zu beeinflussen. Weiterhin sollte er die
europäische Friedensordnung festigen und einen Beitrag zur Erhaltung des Friedens in
Europa leisten. In einem festlichen Akt sollte die Ratifikation des Textes begangen werden,
was aber nicht im Interesse des deutschen Außenministers Genschers stand, da dieser Vertrag
für viele ehemals vertriebene Deutsche den sicheren Verlust ihrer früheren Besitztümer und
der Heimat ihrer Vorfahren bedeutete. Genscher konnte diesen Umstand sehr gut
nachvollziehen als er sich am Morgen des 14. Novembers von seiner Frau verabschiedete um
einen Vertrag zu ratifizieren, "der endgültig anerkannte, daß ihre Heimat Schlesien fortan
nicht mehr zu Deutschland gehörte."24 Trotzdem war die Haltung Genschers zur Grenzfrage
klar. Ein erneutes Ringen um die Oder-Neiße Linie hätte den Frieden in Europa geschadet
und den Einigungsprozess der beiden deutschen Staaten aufs heftigste behindert. Aber der
Verlust der ehemals deutschen Gebiete schmerzte auch dem Außenminister. Aus diesem
Grund bat er die polnische Seite von einer gesellschaftlichen Umrahmung der Unterzeichnung
abzusehen. Selbst der anschließende Champagnerumtrunk wurde vom Außenminister als
unpassend abgelehnt. Dass die Unterzeichnung des Vertrages eher ein unangenehmer Gang
für den Minister war und er dem deutschen Volk damit einen ebenso unangenehmen Dienst
erwies, brachte der Minister wie folgt auf den Punkt: "Bei der Unterzeichnung des Vertrages
verbanden sich, so erläuterte ich, die Last unserer Geschichte mit der moralischen Einsicht
und der daraus geborenen Friedensverantwortung unseres Volkes."25 Auch das Hinzuziehen
der vier Siegermächte wurde von Genscher abgelehnt, da er die Vertragsunterzeichnung als
polnisch-deutsche Angelegenheit verstand. Der polnische Außenminister, den Gescher sehr
schätzte, war auch bereit, auf die Einwände des deutschen Außenministers einzugehen und so
verlief die Unterzeichnungszeremonie in einem angemessenen und von Genscher
angestrebten Rahmen.

Schon die Präambel stellt sich in den Dienst dieser Friedensordnung und erwähnt sie explizit.
Auch die Zusammenarbeit in den verschiedenen Bereichen wird angesprochen, um der
Forderung nach einem europäischen Zusammenleben Rechnung zu tragen. Der Grenzvertrag
stellt heraus, dass beide Länder danach streben, ihre Beziehungen in Übereinstimmung mit
dem Völkerrecht und damit der UN-Charta sowie der Schlussakte von Helsinki zu gestalten.
Damit ist erneut festgesetzt, dass es keine politische oder militärische Intervention gegen die
Grenzziehung geben wird, denn beide Akten sehen eine Grenzänderung als völkerrechtswidrig
an.

Die Vereinigung der zwei deutschen Staaten wird in dem Kontext nicht als
friedensgefährdend sondern als wichtiger Beitrag zur europäischen Friedensordnung gesehen.
Weiter geht der Vertag erstmals auf die Vertriebenenproblematik beider Völker ein und stellt
das erlittene Leid der Menschen in beiden Staaten nach 45 Jahren deutlich heraus. Die
Präambel schließt mit dem Wunsch, die Beziehungen beider Länder auf eine
freundschaftliche Basis zu stellen, und "die Politik einer dauerhaften Verständigung und
Versöhnung fortzusetzen."26

Der folgende Artikel 1 des Vertrages bestätigte nocheinmal die bestehende Staatsgrenze
zwischen den beiden Ländern in Anlehnung an den Vertrag vom 22. Mai 1989 zwischen der
DDR und Polen, in welchem die Seegebiete und die Abgrenzung der Oderbucht
festgeschrieben wurden und auch in Anlehnung an den Warschauer Vertrag vom 7. Dezember
1970, in dem die BRD die Westgrenze Polens bereits anerkannt hatte und der uns durch den
bewegenden symbolischen Akt des Kniefalls vom damaligen Bundeskanzler Willy Brandt in
bleibender Erinnerung geblieben ist. Artikel 2 des Werkes stellt noch einmal explizit heraus,
dass die Grenze unverletzlich ist, was in völkerrechtlicher Übereinstimmung mit den bereits
angesprochenen Vertragswerken steht. Gleichzeitig verpflichten sich die Länder zur Achtung
der territorialen Integrität und ihrer Souveränität.

Im Artikel 4 werden die technischen Details bezüglich der Ratifikation und des Inkrafttretens
konkretisiert. Der Vertrag trat demzufolge am 14. November 1990 mit der Unterzeichnung
durch Hans-Dietrich Genscher für die Bundesrepublik und Krzystof Skubiszewski für Polen in
Kraft.

Der polnische Außenminister Krzystof Skubiszewski würdigte den Grenzvertrag in seiner


Rede am 14. November und wies darauf hin, dass "diese Grenze seit langem einen Bestandteil
für die Friedensregelung in Europa" 27ist. Weiterhin stellte er fest, dass die Grenzregelung
nicht in einem Friedensvertrag oder einem einzigen Papier festgehalten ist, sondern sich aus
der Akkumulation verschiedener Verträge und Akten ergibt. Dieser Hinweis deckt sich mit der
Aussage, dass ein erneuter Friedensvertrag mit der BRD nach Ansicht des polnischen
Außenministers unnötig sei. Tatsächlich stützt sich die Grenzregelung ja auf eine große
Anzahl von beschlossenen Verträgen und er wird gleichzeitig noch durch die bedeutenden
Vertragswerke der UN gestützt. Mit Blick auf die Zukunft prognostizierte Skubiszewski einen
Ausbau der Kooperationen in verschiedenen Feldern wie zum Beispiel im Verkehrs- und
Fernmeldewesen, der Wirtschaft aber auch in sozialen oder kulturellen Bereichen und des
Jugendaustausches. Als Ziel stellte er die deutsch-polnische Aussöhnung und die Nivellierung
der Unterschiede in den Lebensstandards der Bevölkerungen beider Länder heraus. Mit dem
Weg zur Erreichung dieses Zieles wurde nach seiner Auffassung ein bedeutender Schritt zur
Einheit Europas und der Friedenssicherung auf dem Kontinent geschaffen.28

Die Rede Genschers wies nocheinmal darauf hin, dass die Entscheidung, die Gebiete an Polen
abzutreten, nicht diktiert wurde, sondern sich aus der Verantwortung für die Verbrechen des
zweiten Weltkriegs ableitet und freiwillig von den Deutschen getroffen wurde. Er sprach noch
einmal das Leid der Vertriebenen an, für die dieser Tag besonders schmerzlich gewesen sein
muss und richtete sich auch an die deutsche Minderheit in Polen, die einen wichtigen Beitrag
zum guten deutsch-polnischen Verhältnis lieferte und auch heute noch dazu beiträgt. Obwohl
die Entscheidung, die ehemals deutschen Gebiete an Polen abzutreten, eine sehr schmerzliche
war und der Außenminister dies auch thematisierte, ist die Bedeutung dieses Schrittes für die
Friedensordnung in Europa und aus moralischer Sicht nicht weniger wichtig. Wenn man die
Frage beantworten möchte, warum dieser moralische Schritt nicht schon viel früher getätigt
wurde, so muss man beachten, dass die Grenzverhandlungen immer ein wichtiges Faustpfand
in den Händen der bundesdeutschen Regierung war und dieses konnte während der 2 plus 4
Verhandlungen ausgespielt werden. Neben dem wirtschaftlichen Zugeständnis an die DDR
war die Anerkennung der polnischen Westgebiete der Preis für die Wiedervereinigung der
beidern deutschen Staaten.29

Hinzu kommen noch die innenpolitischen Konsequenzen, die diese Entscheidung für die
deutsche Regierung nach sich zog. Ungeachtet der politischen Reputation wagte die
Regierung Kohl diesen bedeutenden Schritt zur Verständigung der Völker und das obwohl der
Wahlkampf für die ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen in vollem Gange war. Sowohl
CDU als auch FDP riskierten die Stimmen der ehemals in den polnischen Gebieten
beheimateten Wähler zu verlieren. Bereits zwei Wochen nach der Vertragsunterzeichnung,
nämlich am 2. Dezember 1990, fanden diese bedeutenden Bundestagswahlen statt, in der sich
die Bevölkerung der neuen Bundesländer zum ersten mal an der demokratischen
Willensbildung beteiligen konnte.30 Trotz möglicher Stimmverluste durch die Aufgabe der
östlichen Gebiete an Polen waren sich die Spitzenpolitiker der CDU/CSU und FDP allerdings
ihrer Verdienste bei der Wiedervereinigung bewusst und da selbst die Opposition die
Vertragsunterzeichnung befürwortete, wird das Risiko überschaubar gewesen sein. Angesichts
der tiefgreifenden Veränderungen in der Struktur der Bundesrepublik und den mit der
Wiedervereinigung getroffenen politischen Entscheidungen von höchster Tragweite wäre ein
Vergleich der Wahlergebnisse an dieser Stelle von unzureichendem Erkenntnisgewinn.

Fazit.

Die bestehende Grenze zwischen Deutschland und Polen an der Oder-Neiße Linie ist eine
historisch gewachsene Selbstverständlichkeit, die sich aus der moralischen Verpflichtung
Deutschlands, den Frieden in Europa und die Verständigung zwischen den Völkern zu fördern
und zu sichern, ergibt. Dabei orientiert sich der Verlauf der Staatengrenze an den natürlichen
Gegebenheiten und Folgt weitestgehend dem Lauf der Flüsse Oder und Neiße. Obwohl es seit
den Potsdamer Verträgen juristische Vorbehalte gegenüber der Grenzline gibt, ist sie durch
mehrere Vertragswerke, die zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Polen sowie
zwischen der ehemaligen DDR und der Volksrepublik Polen geschlossen wurden, gesichert.
Bestätigt wurden diese Verträge abschließend durch den Grenzvertrag von 1990. Dass der
Verzicht auf die ehemaligen Ostgebiete Deutschlands der Preis für die Wiedervereinigung
war, ist nur zum Teil richtig. Tatsache ist, dass der Verzicht auf die Gebiete östlich der Oder
ein freiwilliges Zugeständnis der Bundesregierung war. Bemerkenswert ist, dass diese
schwerwiegende Diese Entscheidung wurde von der Mehrheit der politischen Vertreter
getroffen und abschließend ratifiziert. Damit ist klar, dass die Grenze zu unseren Nachbarn
weder politisch noch durch juristische oder gar militärische Interventionen abänderbar ist.
Gestützt durch die UN-Charta und die tiefe Überzeugung, dass die Oder Neiße Linie die
Friedensordnung in Europa sichert, entbehren Ansprüche oder Versuche, daran etwas
abzuändern, jedweder Grundlage. In der Folge dieser Bestimmungen wurde die
Westintegration Polens vorangetrieben und auch die Kooperation der Länder in den
verschiedensten Bereichen war erst nach dem Abschließen der Verhandlungen in dem Maße
möglich, wie wir es heute begrüßen.

Literaturverzeichnis

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Abkürzungsverzeichnis

BRD Bundesrepublik Deutschland


CDU Christlich Demokratische Union
CSU Christlich-Soziale Union
DDR Deutsche Demokratische Republik
EU Europäische Union
FDP Freie Demokratische Partei
NATO North Atlantic Treaty Organization
Sozialistische Einheitspartei
SED
Deutschlands
UN United Nations
VRP Volksrepublik Polen
notes

1
Droysen, Johann Gustav (1868): Geschichte der preußischen Politik. 2. Aufl. Leipzig. S.82.
2
Schulze Wessel, Martin (2001): Epochen der russisch-preußischen Beziehungen. In: Born,
Karl Erich; Neugebauer, Wolfgang (Hg.): Vom Kaiserreich zum 20. Jahrhundert und Große
Themen der Geschichte Preußens. Berlin (Handbuch der preussischen Geschichte /
Historische Kommission zu Berlin. Hrsg. von Wolfgang Neugebauer, Bd. 3), S. 713–787. S.
723.
3
Zernack, Klaus (2001): Große Themen der preußischen Geschichte. Polen in der Geschichte
Preußens. In: Born, Karl Erich; Neugebauer, Wolfgang (Hg.): Vom Kaiserreich zum 20.
Jahrhundert und Große Themen der Geschichte Preußens. Berlin (Handbuch der
preussischen Geschichte / Historische Kommission zu Berlin. Hrsg. von Wolfgang
Neugebauer, Bd. 3), S. 377–448. S. 440-442.
4
Vgl. Bay, Wolfgang (2007): Der Deutsch-polnische Nichtangriffspakt vom 26. Januar 1934.
Freiburg.
5
Vgl. Ebenda S. 5-7.
6
Vgl. Zernack (2001) S. 444-446.
7
Vgl. Recker, Marie-Luise (1990): Die Aussenpolitik des Dritten Reiches. München
(Enzyklopädie deutscher Geschichte, 8). S. 8
8
Vgl. Hofer, Walther (2007): Die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges. [Darstellung und
Dokumente]. Wien (Geschichte in Quellen, 1). S.120-125.
9
Vgl. Schreiber, Gerhard (2005): Kurze Geschichte des Zweiten Weltkriegs. München. S. 28-
34.
10
Vgl. Khan, Daniel-Erasmus (2004): Die deutschen Staatsgrenzen. Rechtshistorische
Grundlagen und offene Rechtsfragen. Tübingen (Jus Publicum, 114). S. 315-332.
11
Vgl. Rehbein, Klaus (2006): Die westdeutsche Oder-Neiße-Debatte. Hintergründe, Prozess
und Ende des Bonner Tabus. Berlin, Münster (Politik und Geschichte, Bd. 6). S. 41-42.
12
Kahn (2004) S. 331.
13
Vgl. Blumenwitz, Dieter (1999): Oder-Neiße-Linie. In: Weidenfeld, Werner (Hg.): Handbuch
zur deutschen Einheit. 1949 - 1989 - 1999. Aktualisierte Neuausg. Frankfurt/Main: Campus
Verl., S. 586–595.
14
Vgl. Morhard, Bettina (2001): Das deutsch-polnische Grenzgebiet als Sonderfall
europäischer Regionalpolitik. Die institutionelle Ausgestaltung zur Förderung
grenzüberschreitender Kooperation im Kontext der EU-Erweiterungsstrategien im Zeitraum
von 1989 bis 1998. Berlin: (Schriftenreihe der Juristischen Fakultät der Europa-Universität
Viadrina Frankfurt (Oder)). S.81-83.
15
Vgl. Tutaj, Anna; Tutaj, Jerzy (2008): Die Deutsche Minderheit in Polen. In: Schmeitzner,
Mike (Hg.): Partner oder Kontrahenten? Deutsch-polnische Nachbarschaft im Jahrhundert
der Diktaturen. Berlin: LIT (Mittel- und Ostmitteleuropastudien, 8), S. 223–230. S. 223.
16
Vgl. Morhard (2001) S. 83.
17
Polen will "eindeutige" Auslegung des Warschauer Vertrags. In: Süddeutsche Zeitung, Jg.
1989, 07. November.
18
Ebenda.
19
Ebenda.
20
Krenz, Egon (1999): Herbst '89. 2. Aufl. Berlin. S.203-208.
21
Vgl. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA): Ostinformationen.
Pressemitteilung vom 03.11.1989.
22
Ludwig, Michael (1990): Polen und die deutsche Frage. Mit einer Dokumentation. Bonn:
Europa-Union-Verl. (Arbeitspapiere zur internationalen Politik, 60). S. 277
23
Vgl. Weidenfeld, Werner (1998): Außenpolitik für die deutsche Einheit. Die
Entscheidungsjahre 1989/90. 1.Aufl. Stuttgart: (Geschichte der deutschen Einheit, Bd. 4
(004)). S. 97-103.
24
Genscher, Hans D. (1995): Erinnerungen. ohne Ort. S. 891.
25
Ebenda.
26
Ludwig (1990) S. 274.
27
Ludwig (1990) S. 272.
28
Vgl. Ebenda. S. 274.
29
Vgl. Ebenda.
30
Vgl. Genscher (1995) S. 892.